Logo weiterlesen.de
BACCARA EXKLUSIV BAND 142

IMAGE

Eroberung um Mitternacht

1. KAPITEL

Nach jeder Ebbe kommt irgendwann wieder die Flut, oder nicht?

Emma Purcell blendete das Dröhnen der Flugzeugmotoren aus und hing ihren Gedanken nach. Im Moment hielt sie sich geschäftlich gerade noch so über Wasser. Allerdings müsste sich bald etwas ändern, sonst würde „Safe Haven“ untergehen, jetzt, wo Frank Kean auch noch eine höhere Miete forderte. Entweder sie fand schnell einen Rettungsring, oder …

Emma unterdrückte die negativen Gedanken und seufzte. Seit sie das Anwaltsbüro verlassen hatte, fielen ihr alle möglichen Ausdrücke ein, die mit Wasser zu tun hatten, und das, obwohl sie das Meer gar nicht mochte.

Dabei wollte sie sich doch eigentlich von der Trauer über den vorzeitigen Tod ihres Cousins Wayne ablenken. Genauso wie von den finanziellen Sorgen, die sie sich wegen ihres geliebten Tierheims mit dem passenden Namen „Safe Haven“ – „Sicherer Hafen“ machte.

Nun gut, es gab eine alles entscheidende Frage, mit der sie sich ablenken konnte: Warum um Himmels willen hatte Wayne ihr, seiner Cousine, einer eingeschworenen Landratte, ausgerechnet ein Boot hinterlassen?

Vielleicht kann ich es verkaufen, überlegte sie, während der Pilot die Passagiere auf den Mount St. Helens rechter Hand aufmerksam machte. Von dem Erlös könnte sie sich möglicherweise einige Monate über Wasser halten, mit etwas Glück auch länger. Mit sehr viel Glück würde sogar noch ein Besuch beim Friseur dabei herausspringen.

Zuerst musste sie Waynes Wunsch erfüllen und sich persönlich um die „Pretty Lady“ kümmern. Darum hatte er sie ausdrücklich in einem reichlich rätselhaften Brief gebeten, den sie – ziemlich unheimlich – drei Tage nach seinem Tod erhalten hatte. Diesen Gefallen schuldete sie ihm jedenfalls.

Emma wehrte sich gegen die Traurigkeit, die sie zu überwältigen drohte, und blickte beim Anflug auf den „SeaTac Airport“ aus dem Fenster. Schön war es hier an der nordwestlichen Pazifikküste, das musste sie zugeben. Bisher war sie noch nie in diesem Teil des Landes gewesen. Sie fragte sich jetzt, weshalb eigentlich nicht. Sicher, sie mochte das Meer nicht, doch vom Flugzeug aus wirkte der Puget Sound eher wie ein riesiger ruhiger See mit Inseln und unterschiedlich großen Halbinseln.

Schon als Kind hatte ihr das Meer mit seiner endlosen Weite Angst gemacht, und dabei war es geblieben. Das war zwar albern, doch Emma konnte nichts daran ändern. Was sie unter sich sah, vermittelte jedoch einen ganz anderen Eindruck. Es lag nicht nur daran, dass die gewaltigen Brecher fehlten, sondern das Ufer war nie außer Sicht, und das beruhigte die Seele einer Landratte.

Es wird schon nicht so schlimm werden, sagte sie sich, als sie wenig später die Papiere für einen kleinen Leihwagen unterschrieb. Vielleicht wurde aus ihrem Aufenthalt sogar so etwas wie ein Urlaub.

Der junge Mann von der Leihwagenfirma erklärte ihr lächelnd, es wäre ganz einfach, ihr Ziel zu finden. Er nannte ihr die Straße und die Abfahrt, die sie nehmen musste. Und dann würde eine Fähre sie über den Meeresarm bis in die Nähe der Anlegestelle bringen, die sie suchte.

Fähre? Meeresarm?

Prompt sah Emma den Styx vor sich, jenen Fluss aus der griechischen Sagenwelt, der zum Reich der Toten führte, und bekam Panik. Entschieden verdrängte sie dieses Bild und starrte auf die Landkarte, auf der der nette Angestellte die Fahrtstrecke einzeichnete.

Sobald sie wieder im Freien war, rief sie über Handy Sheila, ihre unermüdliche Helferin im „Safe Haven“, an.

„Ich bin sicher gelandet“, meldete Emma. „Wie läuft es bei dir?“

„Gut. Die Behörden halte ich noch hin, und Mrs. Santinis Sohn hat Corky abgeholt.“

„Sie kehrt nach Hause zurück?“

„Ja, morgen“, bestätigte Sheila fröhlich. „Er wollte, dass Corky dann schon da ist und sie begrüßt.“

Emma freute sich darüber, dass die reizende ältere Dame und ihr geliebter Terrier endlich wieder zusammen sein konnten. Das entschädigte sie für die viele Arbeit und die Mühe, die es machte, Geld und Sachspenden von Fremden zu erbitten. „Safe Haven“ nahm Tiere auf, wenn sich deren Besitzer wegen Krankheit oder aus anderen Gründen nicht um sie kümmern konnten.

„Ich melde mich heute Abend wieder bei dir“, versprach Emma.

„Wage es ja nicht“, entgegnete Sheila streng. „Du machst zum ersten Mal seit zwei Jahren Urlaub.“

„Aber …“

„Willst du mich beleidigen, liebste Freundin? Möchtest du vielleicht andeuten, ich könnte das Tierheim ohne dich nicht führen?“

Sheila tat nur, als wäre sie empört, das wusste Emma. Und sie wusste auch, dass ihre Freundin durchaus allein zurechtkam. Darum versprach sie, sich nur im Notfall zu melden, und verabschiedete sich.

Während der Fahrt versuchte Emma sich abzulenken. Besonders aufmerksam achtete sie auf die Umgebung, weil sie herausfinden wollte, was Wayne daran gefunden hatte. Immerhin war er sehr lange von zu Hause weg gewesen.

Allerdings hatte Wayne auch kein richtiges Zuhause gehabt. Gerade nach seinem Tod schmerzte sie diese Tatsache. Die Grausamkeit seiner Familie hatte ihn schon vor langer Zeit vertrieben, und nun ließ sich dieser Graben nicht mehr überbrücken. Dabei hatte sie sich sehr bemüht und oft zu vermitteln versucht. Es war ihr jedoch nicht gelungen, zwischen Wayne und seiner Familie auch nur eine lose Verbindung herzustellen. Nicht einmal ihre Eltern hatten etwas dazu beigetragen.

Ist nicht mehr wichtig, sagte sie sich, bevor sie zornig werden konnte. Wayne war tot und daher keine Schande mehr für seine verknöcherten und selbstgerechten Eltern.

Emma biss sich auf die Unterlippe, um die Tränen zurückzuhalten. Nein, sie wollte nicht mehr daran denken. Als der Schmerz in der Lippe sie nicht genügend ablenkte, erinnerte sie sich daran, dass sie bald mit diesem winzigen Wagen auf ein Schiff fahren musste, das sie aufs Meer hinaustragen würde. Nun ja, nicht wirklich aufs offene Meer, aber es reichte ihr auch so.

Diese Vorstellung half endlich und beschäftigte sie, bis sie die beeindruckend große grün und weiß gestreifte Washington-State-Fähre erreichte. Das Schiff war so groß, dass es eigentlich unsinnig war, Angst zu haben. Und die anderen Passagiere wirkten völlig entspannt und unterhielten sich fröhlich, während sie nach oben gingen, um etwas zu essen oder zu trinken.

Trinken ist gar keine schlechte Idee, dachte Emma und sehnte sich ausnahmsweise nach Alkohol. Einen Imbiss konnte sie keinesfalls einnehmen. Schließlich wollte sie überschüssige zwanzig Pfunde loswerden, die sie in der letzten Zeit angesetzt hatte.

Als das Schiff ablegte, hielt Emma dann doch einen Muffin in der Hand und verspürte sogar Appetit. Dafür verzichtete sie darauf, sich mit Alkohol zu betäuben.

Vielleicht war es auf dem Wasser ja doch nicht so schlimm, wie sie immer befürchtet hatte.

Alle hatten ihm erklärt, es würde lange dauern. Niemand hatte jedoch erwähnt, wie lange.

Energisch polierte Harlan McClaren die Chromteile der „Seahawk“, obwohl bereits alles blitzte und blinkte. Er arbeitete so konzentriert, als hätte er eine schwierige Aufgabe und keine Routinetätigkeit in Angriff genommen. Er rieb, als ginge es um sein Leben, und wusste, dass es zumindest um seinen klaren Verstand ging.

Dabei war ihm klar, dass er hinterher völlig erschöpft sein würde. Auch das störte ihn gewaltig. Schon nach den einfachsten Arbeiten war er wie erschlagen. Dabei war er gerade erst neununddreißig geworden, fühlte sich aber im Moment wie siebzig. Manchmal kam es ihm so vor, als würde er sich unter Wasser bewegen, als würde die Luft sich seinen Bewegungen entgegensetzen.

Allerdings war die Erschöpfung auch von Vorteil, weil er dann nicht allzu viel nachdenken konnte. Wenn er nur müde genug war, schlief er manchmal sogar traumlos oder erinnerte sich hinterher wenigstens nicht an seine Träume.

Seine Schulter begann zu schmerzen und erinnerte ihn an die schlimmen Gründe, die ihn hierher geführt hatten. Anstatt die Arbeit einzustellen, die den Schmerz verstärkte, und kalte Umschläge zu machen, wie ihm der Therapeut geraten hatte, machte er weiter. Das hätte niemanden überrascht, der ihn kannte, schon gar nicht Josh, den Eigentümer der „Seahawk“, der ihn zur Erholung mit genauen Anweisungen auf das Schiff geschickt hatte.

„Mach ausnahmsweise ein Mal in deinem Leben etwas Vernünftiges und Sicheres, Mac“, hatte Joshua Redstone gesagt, der ihn besonders gut kannte.

Das Knarren des Landungsstegs riss Harlan aus seinen Gedanken. Jemand näherte sich ihm. Weil Harlan im Moment keine Lust hatte, sich mit einem Besucher zu unterhalten, wollte er sich schon in die Kabine zurückziehen. Dann warf er allerdings doch einen Blick auf die Planken, die zum Pier führten, und runzelte die Stirn.

Eine Frau klammerte sich am Geländer fest, als würde sie in höchster Lebensgefahr schweben. Zwar trug sie nicht wie manche Frauen Schuhe mit albern hohen Absätzen oder dicken Plateausohlen, ging aber genauso – mit winzigen Schritten, als fürchtete sie, die Planken könnten jeden Moment unter ihr brechen und sie ins kalte Wasser reißen.

Sobald sie den Pier erreicht hatte, arbeitete Harlan weiter, weil er nicht damit rechnete, dass sie bis zur „Seahawk“ am Ende des Piers kommen würde. Die Schritte näherten sich jedoch, und sie blieb ganz in seiner Nähe stehen. In der spiegelblanken Chrom-Fläche sah er von der Frau nur ein Zerrbild und erkannte lediglich, dass sie kurzes hellblondes Haar hatte.

Harlan hielt den Atem an. Er erwartete niemanden und war außerdem hier, weil er nicht mit Menschen zusammentreffen wollte. Seit seiner Ankunft war kein einziger Besucher bei ihm aufgetaucht, und dabei sollte es bleiben.

Erstaunt stellte er fest, dass die Frau an der „Seahawk“ und den beiden leeren Liegeplätzen vorbei zum nächsten Boot ging, zur „Pretty Lady“ am Ende des Steges.

Der Besitzer dieses Bootes war tot.

Jetzt sah Harlan der Frau nach, die ihm einen flüchtigen Blick zuwarf und schneller ging. Damit zeigte sie ziemlich deutlich, was sie von seinem derzeitigen Aussehen hielt.

Merkwürdig. Die Frauen, die bisher zur „Pretty Lady“ gekommen waren, hatten alles andere als wählerisch gewirkt. Andererseits war diese hier auch nicht wie die üblichen Besucherinnen. Sie war viel zu elegant und wirkte zu beherrscht.

Vielleicht war sie eine Anwältin, die das Boot begutachten sollte, das mit jedem Tag mehr verfiel. Doch das ging ihn nichts an, und darum wandte er sich energisch ab und putzte weiter, wo es gar nichts mehr zu putzen gab. Es interessierte ihn nicht, wieso auf einmal jemand bei der alten Schaluppe aufkreuzte.

Doch das Gesicht der Frau ging ihm nicht aus dem Kopf, und er stellte verspätet die Verbindung zu dem verstorbenen Besitzer der „Pretty Lady“ her. Die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Sie musste die Cousine sein, das einzige Familienmitglied, von dem Wayne Purcell oft freundlich und ohne Zorn oder Hass gesprochen hatte.

Harlan überlegte, ob er ihr sein Beileid aussprechen sollte. Er und Wayne waren nicht eng befreundet gewesen, hatten jedoch gelegentlich ein Bier zusammen getrunken. Bei diesen Gelegenheiten hatte er festgestellt, dass Wayne nur schwer ein Ende beim Trinken finden konnte.

Harlan rührte sich nicht von der Stelle. Es war ihm einfach unmöglich, sich einer Fremden, noch dazu einer attraktiven Frau, zu nähern und sich ihr gegenüber nett und mitfühlend zu geben.

Aus dem Augenwinkel verfolgte er, wie sie die Stufen zu dem Segelboot hinaufstieg und sich dabei an der Reling festklammerte. An Bord näherte sie sich schließlich vorsichtig der Kabine und blieb unschlüssig vor der Lukenöffnung stehen. Auf Booten kannte sie sich eindeutig nicht aus, erkannte er. Wahrscheinlich fürchtete sie sich sogar.

Geht mich nichts an, sagte Harlan sich und polierte weiter. Nein, es ging ihn wirklich nichts an. Das redete er sich so lange ein, bis er sich selbst überzeugt hatte.

Dann hörte er ein lautes Poltern und einen Schrei.

Emma fand, es grenzte an ein Wunder, dass sie sich kein Bein oder etwas anderes gebrochen hatte. Allerdings schmerzten ihre Hüfte und die Ellbogen, als sie sich vorsichtig aufsetzte und sich abstützen wollte.

Gerade als sie sich etwas beruhigt hatte, hörte sie von oben ein Geräusch, und das Boot neigte sich leicht zur Seite. Jemand war an Bord gekommen. Bevor sie aufstehen konnte, blockierte ein Mann die Luke.

Ganz ruhig bleiben, befahl sie sich. Schließlich war sie nicht in der Großstadt und hatte daher keinen Grund zur Angst.

„Alles in Ordnung?“, fragte der Mann, und er klang nicht im Geringsten bedrohlich, sondern eher müde. Sehr müde sogar. Und es hörte sich an, als wäre er am liebsten nicht hier.

Kein Wunder. Wahrscheinlich war er ein erfahrener Seemann, der keine Lust hatte, sich um eine Landratte zu kümmern. Als sie nicht gleich antwortete, kam er in die Kabine herunter. Nun erkannte Emma ihn. Es war der Mann, den sie vorhin auf dem schnittigen teuren Motorboot gesehen hatte. Bei seinem Anblick war sie schneller gegangen, und nun war er hier und sah sie in dieser peinlichen Situation.

„Schon gut, alles in Ordnung“, versicherte sie hastig und hob abwehrend die Hände, als er die Stufen herunterkam.

Im Licht, das von oben hereinfiel, sah sie ihn genauer. Er war viel zu mager. Deckschuhe, Jeans und Hemd wirkten neu. Das dichte zerzauste Haar wies von der Sonne gebleichte helle Strähnen auf. Trotzdem war der Mann blass, und seine Augen lagen tief in den Höhlen, als wäre er krank.

Dieses hagere Aussehen fand man auch bei Leuten, die Mittel einnahmen, die jedes Hungergefühl unterdrückten, schoss es Emma durch den Kopf. Das machte sie misstrauisch, obwohl sie mit solchen Menschen bisher keine Erfahrung hatte. Doch im südlichen Kalifornien stieß man immer wieder auf sie. Außerdem musterte er sie fast zurückhaltend mit seinen grünen Augen.

„Ganz sicher nichts passiert?“, vergewisserte er sich, und auch das klang, als wollte er nichts mit ihr zu tun haben.

„Ganz sicher“, erklärte sie. „Ich war nur nicht darauf eingestellt, dass die Treppe so steil ist. Das ist alles.“

Daraufhin setzte er sich auf eine der Stufen, als wäre er völlig erschöpft. „Sie waren noch nie auf einem Segelboot?“

Emma wurde verlegen, doch er betrachtete sie nicht spöttisch. „Auf gar keinem Boot“, gestand sie. Während er sie eingehend musterte, stand sie langsam auf und stellte erleichtert fest, dass sie sich nicht ernsthaft verletzt hatte.

„Sie sind Emma, nicht wahr?“

„Woher wissen Sie das?“, fragte sie verblüfft.

„Wayne hat über Sie gesprochen, und Sie sehen ihm ähnlich“, meinte er. „Die gleichen Augen, die gleiche Nase.“

Erneut wurde sie verlegen. Mit den blauen Augen war sie zufrieden, doch die Stupsnase empfand sie als Fluch. Frech, niedlich und putzig hatte man sie deshalb stets genannt, und sie hatte es immer gehasst. Wayne hatte seine Stupsnase ebenfalls gehasst und behauptet, für ihn wäre sie noch viel schlimmer. Ein Mädchen mit einer Stupsnase sah wirklich frech, niedlich und putzig aus. Ein Junge dagegen wurde deswegen nur gehänselt.

„Sie haben Wayne gekannt?“, erkundigte sie sich.

Der Mann nickte. „Flüchtig. Es ließ sich nicht vermeiden. Schließlich liegen die Boote dicht nebeneinander, und ich bin ständig hier.“

In dem Moment fiel ihr wieder Waynes Brief ein, der in ihrer Reisetasche steckte, jener Brief, der sie erst nach dem Tod des Schreibers erreicht hatte.

Falls du etwas brauchst, wende dich an McClaren, hatte Wayne geschrieben. Er treibt sich ständig am Pier herum und wohnt auf der Jacht von einem reichen Kerl, aber ich glaube, du kannst ihm vertrauen.

Das Boot, das sie vorhin gesehen hatte, gehörte mit Sicherheit einem reichen Kerl, und dieser Mann hier sah wie ein Herumtreiber aus. Welcher reiche Mann vertraute so einer Type sein Schiff an?

Vorhin hatte er gearbeitet, vermutlich um sich für die Hilfe des Schiffseigners zu revanchieren. Trotzdem gefiel ihr sein Aussehen nicht. Darum wollte sie ihn so schnell wie möglich loswerden und ihm in Zukunft aus dem Weg gehen.

„Sind Sie allein hergekommen?“, fragte er. „Wayne hat erzählt, dass seine Eltern noch leben.“

Emma zögerte mit der Antwort, weil es diesen Fremden eigentlich nichts anging. Andererseits hatte sie nicht viel für die voreingenommenen Eltern ihres geliebten Cousins übrig. „Er existierte für sie schon lange nicht mehr“, entgegnete sie.

„Ja, das erklärt natürlich einiges“, stellte er fest.

Das hörte sich an, als hätte dieser Mann Wayne doch recht gut gekannt. Und das wiederum bedeutete, dass er ihr Auskunft geben konnte. Darum sollte sie sich mit ihm gut stellen. „Was hat Wayne eigentlich die ganze Zeit gemacht? Ich wusste nicht einmal, dass er hier war.“

Es war nicht zu übersehen, wie der Mann sich innerlich zurückzog. Seine Miene wirkte plötzlich verschlossen. „Keine Ahnung“, erwiderte er, doch Emma wurde das Gefühl nicht los, dass er log. Sie hatte keine Ahnung, warum er das tat oder wieso es ihr so vorkam.

„Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?“, fragte sie hastig, als er sich schon abwenden und wieder nach oben steigen wollte.

Ohne sie anzusehen, blieb er stehen, antwortete aber erst nach langem Zögern. „Eine Stunde vor seinem Tod.“

2. KAPITEL

Harlan trat möglichst rasch den Rückzug an, während Emma ihm nachstarrte. Er fürchtete, dass ihm wegen seiner Antwort nun eine Menge Fragen bevorstanden, und wusste selber nicht, warum er ehrlich Auskunft gegeben hatte. Wahrscheinlich hing es damit zusammen, dass Emma Purcell ziemlich verzweifelt geklungen hatte, und dagegen war er nicht mehr immun. Vor gar nicht langer Zeit war er schließlich selbst verzweifelt gewesen. Mit ihren großen blauen Augen hat es jedenfalls nichts zu tun gehabt, versicherte er sich.

Der Albtraum meldete sich wieder, der Albtraum von dem feuchten kalten Keller, den Fesseln und der Angst vor Schritten auf der Treppe, die neue Qualen ankündigten. Harlan wehrte sich dagegen und konzentrierte sich ganz auf die hübsche Frau auf der „Pretty Lady“.

Er war froh, dass sie ihn nicht zurückgehalten hatte. Jetzt ging er rasch zur „Seahawk“, bevor Emma ihm folgen konnte. Auf dem Schiff konnte er sich verstecken und musste sich nicht melden, falls sie zu ihm kommen sollte, auch wenn ihm diese Vorstellung erbärmlich erschien.

Auf der „Seahawk“, sperrte er hinter sich die Tür des Hauptraums ab und eilte die Stufen zu seiner Kabine hinunter. Erst als er sich auf die Pritsche sinken ließ, merkte er, dass er heftig atmete und Herzklopfen hatte. Er zitterte sogar leicht.

Harlan stützte seinen Kopf in die Hände. Er hatte gedacht, seit dem Ende dieses Albtraums Fortschritte gemacht zu haben und bald von hier weggehen zu können. Doch wenn ihn schon eine Unterhaltung von fünf Minuten mit einer Fremden dermaßen mitnahm, hatte er noch einen weiten Weg vor sich.

Er hatte gemerkt, dass Emma mit ihm reden wollte, um mehr über die letzten Tage im Leben ihres Cousins zu erfahren. Darum war er geflohen, bevor sie ihn mit Fragen überhäufen konnte.

Sobald er sich besser fühlte, stand er auf und verließ die kleine Kabine. Josh hatte ihm zwar erlaubt, die Kajüte des Schiffseigners zu benutzen, doch das wollte er nicht. Im Arbeitsraum war sein Computer aufgebaut. Seine persönlichen Angelegenheiten waren durch seine lange Abwesenheit etwas in Unordnung geraten. Vielleicht würde es ihn beruhigen, wenn er sich mit diesen Problemen herumschlug. Zumindest war er gezwungen, sich darauf zu konzentrieren.

Wenn er Glück hatte, würden ihn die Pläne und Winkelzüge, die er entwerfen musste, um lukrative Wracks aufzustöbern, fesseln, und er konnte sich für einige Stunden in der Tätigkeit verlieren. Dieses Spiel faszinierte ihn, seit er es sich finanziell leisten konnte, doch es war inzwischen wesentlich gefährlicher als zu Anfang.

Harlan wusste genau, dass ihn die Leute im Jachthafen für einen Herumtreiber hielten, der einen reichen Freund ausnutzte. Und vermutlich nahmen sie auch an, dass er den Computer nur hatte, um damit zu spielen oder Schlimmeres zu machen. Es war ihm viel zu mühsam, dieses Bild zu korrigieren, und er war zu müde, um sich aus der Meinung anderer etwas zu machen.

Seltsam. Vorhin bei der Flucht vor Emma Purcell hatte er ganz anders gedacht.

Emma war in ihrem ganzen Leben noch nie so verlegen gewesen, und sie hatte auch noch nie einen Mann dermaßen schnell in die Flucht geschlagen. Zumindest konnte sie sich nicht daran erinnern. Mit Männern hatte sie eben kein Glück. Das gestand sie sich selbst ein.

Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass sie sich bei dem Sturz nur blaue Flecken und keine ernsthaften Verletzungen zugezogen hatte, untersuchte sie ihre Kleidung. Dabei seufzte sie. Das Pech mit den Männern hatte weniger mit ihrem Aussehen als mit ihrer schlechten Menschenkenntnis zu tun. Sie war nicht gerade eine Schönheit, aber auch nicht abstoßend.

Wie der Mann von dem großen Schiff über sie dachte, war nicht klar. Sie hatte deutlich gemerkt, dass er nicht gern zu ihr gekommen war. Und sobald er sich davon überzeugt hatte, dass sie nicht verletzt war, hatte er gar nicht schnell genug den Rückzug antreten können.

Sie hatte ihn auch gar nicht bei sich haben wollen. Das geradezu wilde Flackern in seinen Augen machte ihr Angst, und darum dachte sie jetzt auch nicht gern an ihn. Allerdings war er ihr zu Hilfe gekommen. Er war recht freundlich gewesen, und er hatte über Wayne gesprochen.

Wegen der peinlichen Situation hatte sie bisher kaum über die schockierenden letzten Worte des Mannes nachgedacht. Doch jetzt setzte sie sich an den verschrammten Esstisch im Salon, der wenigstens einigermaßen sauber wirkte, und stützte ihre Ellenbogen darauf ab.

Wayne hatte über sie gesprochen. Es schmerzte sie, ihren Cousin für immer verloren zu haben. Dazu kam, dass Wayne laut Polizei in diesem dunklen Wasser ertrunken war, vor dem sie sich so fürchtete.

McClaren war an dem bewussten Abend mit ihm zusammen gewesen. Oder er hatte Wayne zumindest noch lebend gesehen, vielleicht als letzter Mensch überhaupt.

Vielleicht war dieser Mann aber gar nicht McClaren, der Mann, von dem Wayne geschrieben hatte. Die Beschreibung, er sei ein Herumtreiber im Jachthafen, passte jedoch auf ihn. Er hatte ihren Namen gekannt, und darum hatte sie ihn nicht nach seinem gefragt. Vermutlich stimmte es, und er war McClaren.

Eine Stunde vor Waynes Tod, hatte er gesagt.

Nach Angaben der Polizei war Wayne stark angetrunken gewesen. Er hatte sogar erschreckend viel Alkohol im Körper gehabt. Das konnte sie sich bei Wayne eigentlich nicht vorstellen. Gut, er hatte schon mit Alkohol und Zigaretten angefangen, als sie beide noch Jugendliche waren, doch er hatte sich stets beherrscht.

Als sie damals ihren Verlobten in einer intimen Situation mit einer seiner Mitarbeiterinnen ertappt hatte, hatte Wayne sie sogar davor gewarnt, Trost bei der Flasche zu suchen. Auf die Idee wäre sie ohnehin nicht gekommen, weil ihr das Zeug nicht schmeckte, doch sie war trotzdem von Waynes Fürsorge gerührt gewesen.

Hatte ihr Cousin sich nicht an seine eigenen Ratschläge gehalten und selbst Trost bei der Flasche gesucht? Hatte die Ablehnung durch seine Familie letztlich Wirkung gezeigt? Hatte er …

Schlagartig fiel ihr etwas anderes ein. Hatten Wayne und McClaren vielleicht zusammen getrunken? War Wayne deshalb betrunken gewesen? Sie konnte sich gut vorstellen, dass Wayne von einem anderen zum Trinken angestiftet worden war. Schon als Jugendlicher hatte er sich von anderen verleiten lassen und sich dadurch oft Ärger eingehandelt. Unter anderem war er einmal mit einem Älteren in einem angeblich geborgten Wagen unterwegs gewesen und war erwischt worden. Leider hatte Wayne manchmal nicht Nein sagen können, obwohl das besser für ihn gewesen wäre.

Hatte also McClaren zum Tod ihres Cousins beigetragen? Hatte er ihn zum Trinken ermutigt und ihn dann in hilflosem Zustand weggehen lassen?

Emma seufzte. Um mehr zu erfahren, musste sie erneut mit dem Mann zusammentreffen, wahrscheinlich sogar mehrmals. Es lag auf der Hand, dass er seine Beteiligung nicht ohne Weiteres eingestehen würde.

„Im Moment kannst du nichts unternehmen“, sagte sie laut, wie um sich zu beruhigen. Es war besser, sie begann hier auf dem Boot, um festzustellen, womit sie es überhaupt zu tun hatte.

Als Erstes wühlte sie in ihrer Reisetasche und suchte Waynes Brief, der schon bei der Ankunft schlimm ausgesehen hatte. Ihr Cousin hatte einen gebrauchten Umschlag genommen und den ursprünglichen Namen mitsamt Adresse durchgestrichen.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass der ursprüngliche Empfänger Harlan McClaren gewesen war. Zum Absender gehörte ein Firmenzeichen, doch Wayne hatte auch das durchgestrichen, sodass man nichts Genaues mehr erkannte.

Sie hatte den Brief erst zwei Tage nach seinem Eintreffen geöffnet. Waynes Tod hatte sie hart getroffen, und es war für sie ein Schock zu sehen, dass er den Brief einen Tag vor seinem Tod aufgegeben hatte. Lange Zeit hatte sie nichts von ihm gehört und nun unter solchen Umständen.

Schließlich hatte der Brief sie völlig verwirrt. Wayne entschuldigte sich darin immer wieder und lieferte unklare und weitschweifige Erklärungen. Der Schluss war äußerst sonderbar. Sie sollte auf der „Pretty Lady“ nach Antworten suchen. Das Boot wahrt seine Geheimnisse gut, aber sie sind da, hatte er geschrieben.

Nun war ihr reizender, lebhafter und impulsiv handelnder Cousin tot. Seine funkelnden blauen Augen waren für immer geschlossen, und er war auf ewig verstummt. Nie wieder würde er sich aus einer prekären Lage herausreden müssen, in die er sich selbst gebracht hatte. Gern hätte sie gewusst, ob seine und auch ihre Eltern bereuten, ihn dermaßen hart behandelt zu haben.

In dem Moment klingelte ihr Handy, worüber Emma sehr erleichtert war, denn sie hatte sich schon gefragt, ob sie hier draußen überhaupt einen Empfang haben würde. Rasch fasste sie in die Handtasche und holte das Telefon heraus.

Die Erleichterung verpuffte jedoch bei dem Blick auf die Anzeige. Der Anruf kam von ihren Eltern, die verreist gewesen waren, als sie sich entschlossen hatte, hierher zu fliegen. Daher hatte sie den beiden nur eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Insgeheim war sie froh gewesen, nicht direkt mit ihnen sprechen zu müssen. Die beiden hätten versucht, ihr die Reise auszureden, wie sie stets gegen alles gewesen waren, das mit Wayne zusammenhing.

Am liebsten hätte sie gewartet, bis sich ihr Anrufbeantworter einschaltete, weil das Gespräch vermutlich unangenehm wurde. Andererseits musste sie es irgendwann hinter sich bringen.

„Warum also nicht jetzt“, sagte sie leise und stellte die Verbindung her.

„Emma, was fällt dir ein? Du kannst doch nicht im Ernst in diese Wildnis reisen!“

Die Stimme ihrer Mutter klang ziemlich schrill. Wahrscheinlich hätte sie die Hände gerungen, hätte sie nicht den Hörer halten müssen. Vermutlich drückte sie im Moment die freie Hand gegen ihre Brust, als könnte sie jeden Moment wegen ihrer irregeleiteten Tochter einen Herzanfall bekommen. Margaret Purcell neigte zu dramatischen Szenen.

„Es ist recht schön hier, Mom“, erwiderte Emma möglichst lässig und versuchte sogar, heiter zu klingen.

„Soll das heißen, dass du schon dort bist?“, dröhnte aus dem Telefon die Stimme ihres Vaters. Offenbar hörte er von einer Nebenstelle mit.

„Ja, Dad, ich bin schon hier.“ Um langen Diskussionen vorzubeugen, fügte sie hinzu: „Und ich bin froh darüber, weil es schön ist.“

„Bei dem vielen Wasser?“, fragte ihre Mutter. „Du hasst Wasser, seit du als Kind aus dem Boot gefallen bist.“

„Ich hasse das Meer“, stellte Emma klar, „aber das hier ist anders.“

„Nicht weiter wichtig“, erklärte ihr Vater in dem schroffen Ton, den er stets anschlug, wenn seiner Meinung nach die Frauen in seinem Leben zu weit von den für ihn interessanten Themen abschweiften. „Ich möchte wissen, was du dort überhaupt machst. Bestimmt gibt es Leute, die den Verkauf des Boots für dich durchführen können.“

„Ganz bestimmt sogar“, bestätigte Emma. „Ich wollte es aber vorher sehen.“

„Weil es Wayne gehört hat?“, warf ihre Mutter ein.

„Der Junge hat dir bestimmt nichts hinterlassen, was viel wert ist“, behauptete ihr Vater. „Schließlich hat er so geendet, wie wir vorhergesagt haben, oder etwa nicht?“

Das schmerzte. Emmas Eltern waren eigentlich nette und liebevolle Menschen, doch bei Wayne hatten sie sich stets verschlossen. Sicher, gelegentlich war er in Schwierigkeiten geraten, doch Emma war überzeugt, dass er auf diese Weise die Aufmerksamkeit seiner Familie auf sich ziehen wollte.

„Alle hassen mich“, hatte er mit siebzehn behauptet. Sie hatte ihm nicht widersprochen, weil sogar sie in ihrer Unerfahrenheit erkannte, wie ihn die Familie behandelte. „Ich glaube, sie haben mich immer gehasst. Du bist die Einzige, die das nicht macht, Emmy. Wende dich nie gegen mich, ja?“

Das hatte sie ihm damals versprochen, und dieses Versprechen erneuerte sie jetzt. Sie würde sich nicht gegen ihn und auch nicht gegen sein Andenken wenden. Wayne mochte vom Weg abgewichen sein, doch er war nicht der Verlierer gewesen, für den ihn alle hielten. Ihr Cousin hatte sie sogar wegen Russ getröstet und sie davon überzeugt, dass nicht alle Männer so unehrlich wie Russell Barker waren.

„Ich möchte mich nicht wieder auf diese Diskussion einlassen“, erklärte sie ihren Eltern energisch. „Ich weiß, wie ihr denkt. Ihr wisst, wie ich denke. Und wir sind uns einig, dass wir uns in diesem Punkt nicht einigen können.“

Es war erstaunlich, wie leicht es ihr mittlerweile fiel, auf einem eigenen Standpunkt zu beharren. Ihre Eltern waren schon relativ alt gewesen, als sie geboren wurde. Darum war sie besonders beschützt und auch verwöhnt worden. Und es war ihr schwer gefallen, sich abzunabeln.

Wayne hatte ihr auch das beigebracht. Er hatte ihr erklärt, dass man zwar stets das Kind seiner Eltern blieb, aber nur dann das Baby der Eltern war, wenn man das zuließ. Die Loslösung hatte zwar fast dreißig Jahre gedauert, doch jetzt mit dreiunddreißig konnte sie notfalls Grenzen ziehen, und ihre Eltern respektierten das sogar.

„Aber du bist schrecklich weit weg“, wandte ihre Mutter so kläglich ein, dass Emma beinahe gelacht hätte.

„Mit dem Flugzeug sind es nur zweieinhalb Stunden, Mom. Du kannst ganz beruhigt sein. Ich habe nicht die Absicht, hierher in den Norden zu ziehen.“

„Du solltest eigentlich gar nicht dort sein“, bemerkte ihr Vater, doch man merkte, dass er bereits einlenkte. „Soll ich zu dir kommen und dir helfen?“, bot er zusätzlich an. „Bestimmt handelt es sich um ein altes Wrack, das kaum noch schwimmt.“

„Danke, Dad, nein, nicht nötig. Das Boot schwimmt übrigens noch sehr gut, aber ich will es trotzdem nicht behalten. Ich wollte es nur besichtigen, bevor ich etwas unternehme.“

„Das klingt recht vernünftig“, räumte nun auch ihre Mutter widerstrebend ein.

„Ich komme bald nach Hause“, versprach Emma zum Abschluss des Gesprächs.

Ihre Eltern liebten sie, und sie liebte ihre Eltern. Allerdings ließen die beiden ihr kleines Mädchen doch nie so ganz los. Wayne hatte ihr dafür die Augen geöffnet, und er hatte ihr geholfen, damit umzugehen. Nun konnten sie und ihre Eltern mit der Situation leben. Sie hatte sogar ihren Eltern erklärt, dass sie es Wayne zu verdanken hatten, dass ihre Tochter nicht schon vor Jahren die Flucht ergriffen hatte. Vermutlich glaubten ihr die beiden aber nicht.

Es hatte keinen Sinn, über diese alten Probleme noch länger nachzudenken. Höchste Zeit, sich darauf zu konzentrieren, weshalb sie hier war. Trotz des wenig ermutigenden Anfangs war sie fest entschlossen, alles so schnell wie möglich zu erledigen und danach heimzukehren.

Im Licht, das durch vier Bullaugen fiel, sah sie sich um. Von Booten verstand sie nichts, doch eines war klar. Sie hatte es nicht mit einem alten Wrack zu tun, wie ihr Vater es nannte, aber das Schiff hatte eindeutig bessere Zeiten gesehen. Dazu kam, dass Wayne nie ordentlich gewesen war. Hier sah es jedoch noch schlimmer aus als sonst bei ihm.

Auf dem Regal über dem Tisch, an dem sie saß, lagen Bücher über Segeln und Navigation sowie einige abgegriffene Krimis. Zerdrückte leere Bierdosen lagen ebenso herum wie Zeitschriften, die Emma betroffen betrachtete. Wayne war stets ein sanfter Mensch gewesen, doch diese Magazine waren für Söldner und Jäger geschrieben. Andererseits konnten sie auch noch vom Vorbesitzer des Bootes stammen.

In einer Nische neben Tisch und Bank hingen lose Drähte aus der Wand. Dort hatte sich früher ein Gerät befunden, vielleicht eine Musikanlage oder eine Schiffsapparatur. Das war nicht zu erkennen. Jedenfalls fehlte das Gerät jetzt, und der kleine Tisch darunter war hochgeklappt und an der Wand befestigt. Die Ecke einer Karte ragte darunter hervor.

Die Küche – auf einem Schiff hieß das wohl Kombüse – sah schlimm aus. Die Spüle quoll über vor schmutzigem Geschirr, und auf der Arbeitstheke standen Gläser, leere Bierdosen und Schnapsflaschen. Emma stemmte sich hoch, ging hin und achtete nicht weiter darauf, dass Schmutz unter ihren Sohlen knirschte.

Vergeblich versuchte sie, zwei Schranktüren zu öffnen, bis ihr einfiel, dass sie wahrscheinlich gesichert waren. Das ergab draußen auf dem Meer wegen der Wellen Sinn. Schaudernd suchte und fand sie schließlich die Verriegelung der Türen.

Abgesehen von einem Behälter mit Kaffee und einem mit Zucker, der bereits zu einer festen Masse erstarrt war, fand sie nur noch ein schmutziges Glas mit rotem Lippenstift daran. Ansonsten war der Schrank leer. Im zweiten fand sie gar nichts, und im dritten stand ein Karton mit feucht gewordenen Frühstücksflocken.

Seufzend wandte sie sich dem kleinen Kühlschrank neben dem Herd zu, der sich bewegte, als sie ihn berührte. Vermutlich war auch das eine besondere Einrichtung im Hinblick auf Wellengang.

Im Kühlschrank waren zwei Fächer mit Bier angefüllt. Wegen der zahlreichen leeren Flaschen und Dosen überraschte sie das nicht mehr. Außerdem gab es einen Behälter mit Milch, den sie erst gar nicht anfasste, und etwas, aus dessen Schimmel man vermutlich genug Penizillin gewinnen könnte, um eine Kleinstadt damit zu versorgen. Emma tippte auf Käse.

Sie schloss die Tür und hätte am liebsten die Bestandsaufnahme eingestellt, doch mit Warten gewann sie nichts. Darum kümmerte sie sich auch um den Rest des Bootes und begann vorne – am Bug. Wenigstens einige Bezeichnungen auf Schiffen kannte sogar sie.

Dort befand sich ein v-förmiger Verschlag, in dem große Taschen aus Segeltuch übereinandergestapelt waren. An einer öffnete Emma die Schnur und fand darin zusammengefalteten weißen Stoff, vermutlich ein Segel. Auf dem Boden lagen Seile und darauf ein Griff.

Durch die Hauptkabine und vorbei an der unordentlichen Kombüse erreichte sie einen schmalen Korridor mit zwei Türen auf der rechten, einer auf der linken Seite und einer vierten am Ende. Hinter der ersten Tür auf der rechten Seite fand sie ein kleines Bad. Es wirkte wie eine Kunststoff-Nasszelle aus einem Guss. Der Duschkopf befand sich oberhalb der Toilette. Nirgendwo waren Nahtstellen zu sehen. Im Fußboden gab es einen Abfluss. Das alles erinnerte sie an ein Wohnmobil.

Die nächste Tür auf der rechten Seite führte in eine ordentlich aufgeräumte Kabine mit Etagenbetten, einem breiten unten und einem schmaleren oben. Der kleine Hängeschrank und die Schubladen an der Wand sowie der Raum unterhalb des Bettes waren leer. Das Gleiche galt für die Regale, die sich an drei Seiten der Betten befanden. Die Kabine wirkte gemütlich, und Emma malte sich aus, wie man sie mit Bildern und Büchern wohnlich und persönlich gestalten könnte.

Sämtlicher, zur Verfügung stehender Platz wurde äußerst geschickt genutzt. Das war auf einem Boot sehr wichtig. Manche Menschen lebten sogar auf einem Schiff. Emma stellte sich vor, wie sie ihre Habseligkeiten auf diesem Boot verstauen würde. Grundsätzlich hing sie nicht an Besitz, aber sie müsste doch viel zu viel aufgeben. Andererseits hatte es auch einen gewissen Reiz, sich auf das Nötigste zu beschränken. Wahrscheinlich wirkte es sogar befreiend.

Die Tür zur Linken führte in einen Arbeitsraum mit einer Werkbank und Werkzeug. Alles wirkte unbenutzt, was Emma nicht überraschte. Handwerkliche und technische Arbeiten hatten Wayne nicht gelegen. Deshalb hatte es sie sehr erstaunt, dass er auf einem Schiff leben wollte, auf dem solche Tätigkeiten unvermeidlich waren.

Endlich öffnete sie die letzte Tür am Ende des schmalen Korridors und warf einen Blick dahinter. Tränen stiegen ihr in die Augen.

Es handelte sich um die Privatkabine des Schiffseigners, und Emma hatte nicht erwartet, dass hier alles so typisch Wayne sein würde. Kleidung und alles Mögliche lag herum. Man konnte sich nur mit größter Vorsicht bewegen. Dem Geruch nach zu schließen, sollten einige Sachen schleunigst in die Wäscherei gebracht werden.

Waynes Lieblingsjacke lag auf einem Stuhl, eine alte Jeans hing am Griff des Schranks, und ein Sweatshirt zierte die halb offene Schranktür.

Der Anblick traf Emma völlig unvorbereitet. Sie hatte nur an das Boot an sich gedacht und nicht realisiert, dass sich Waynes persönliche Habe selbstverständlich hier befand. Nun musste sie sich damit beschäftigen, und prompt kamen ihr Bedenken.

Zuerst war sie entschlossen gewesen, das Boot zu verkaufen, um mit dem Geld ihr in Not geratenes Tierheim zu retten. Doch dies hier war Waynes Zuhause gewesen.

Seufzend sah sie sich um. Wo sollte sie anfangen? Und hatte sie überhaupt das Herz, etwas zu unternehmen?

3. KAPITEL

Das Licht hinter den Bullaugen der „Pretty Lady“ verriet Harlan, dass Emma die ganze Nacht auf dem Boot bleiben wollte. Noch eine ganze Weile nach Sonnenuntergang war alles dunkel gewesen. Daher hatte er schon gehofft, er hätte es nur nicht mitbekommen, dass Emma bereits gegangen war. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn sie verschwunden wäre, weil er dann vielleicht nicht mehr an sie denken müsste.

Wahrscheinlich hatte sie lange gebraucht, um die Funktion der Lampen herauszufinden. Auch Wayne Purcell hatte zuerst Schwierigkeiten mit den altmodischen Kerosinlampen gehabt. Das Boot war zwar mit aufladbaren Batterien ausgestattet, die Verkabelung war jedoch schon so alt, dass Wayne aus Vorsicht darauf verzichtete, sie am Pier aufzuladen.

Harlan hatte stets vermutet, dass es auch etwas mit den zusätzlichen Stromkosten zu tun gehabt hatte, doch das ging ihn schließlich nichts an. Auch er hatte zeitweise von der Hand in den Mund gelebt und wusste, dass man gelegentlich nichts weiter besitzen konnte als seinen Stolz.

„Als ob dir dein Stolz geholfen hätte, Wayne“, sagte er leise.

Er hatte sich darauf gefreut, an diesem schönen Abend an Deck zu sitzen und die Sterne zu betrachten. Und er wollte den vertrauten und beruhigenden Geräuschen der Boote auf dem Wasser lauschen – dem sanften Schlagen der Wellen an den Bordwänden, dem leisen Knarren von Seilen und dem Klappern von Metall, wenn eine Spannvorrichtung gegen einen Mast stieß. Mit diesen Geräuschen war er aufgewachsen. Auf ihn wirkten sie wie ein Schlaflied.

Doch nun war die Frau keine zehn Meter von ihm entfernt. Bestimmt würde sie sich sofort auf ihn stürzen, wenn sie ihn entdeckte, um alles über ihren verstorbenen Cousin zu erfahren. Wie sollte er sich da entspannen?

Natürlich brachte er Verständnis für sie auf, doch zurzeit war er noch nicht in der Lage, sich mit dem Schmerz anderer Menschen auseinanderzusetzen. Es kostete ihn seine ganze Kraft, mit dem eigenen Schmerz fertig zu werden, und viel Kraft besaß er ohnehin nicht mehr. Da blieb ihm nicht mehr die Energie, um sich gegen den Anblick einer aufregenden Frau mit blauen Augen zu wappnen, einer Frau, bei deren aufregendem Körper er sich vorstellte, wie sie ihn in Winternächten wärmen würde.

Während er auf der weichen gepolsterten Bank saß und sich auf den schimmernden Mahagonitisch im Salon der „Seahawk“ stützte, erkannte er die Ironie seiner Lage. Jetzt verhielt er sich wie zu Zeiten seiner Gefangenschaft. Ganz ähnlich war es gewesen, bevor Draven ihn gerettet hatte. Das traf ihn, weil es seinen Stolz verletzte, und über Stolz hatte er vorhin im Zusammenhang mit Wayne Purcell nachgedacht.

Entschieden sagte er sich, dass er sich entweder weiterhin wie ein Gefangener aufführen konnte oder sich zusammennahm, sich einen Stoß gab und weitermachte wie geplant.

Es dauerte eine Weile, bis er endlich nach einer leichten Jacke griff und ins Freie trat. Entschlossen wählte er den bequemen Liegestuhl, von dem er am besten den Sonnenuntergang am Mount Baker beobachten konnte, und freute sich schon auf den Anblick.

Die Sonne färbte den schneebedeckten Vulkan orange und rosa, was man sonst nirgendwo sah. Das lenkte ihn sogar von der neuen Bewohnerin der „Pretty Lady“ ab. Als jedoch das Tageslicht verblasste, konnte er der Versuchung nicht mehr widerstehen und blickte zum Segelboot hinüber.

Die Lichter brannten, doch von der Frau selbst war keine Spur zu sehen. Er hoffte, dass sie sich bei dem Sturz nicht doch ernstere Verletzungen zugezogen hatte, die sich erst später bemerkbar gemacht hatten. Allerdings hatte sie hauptsächlich verlegen gewirkt. Es hatte keine Anzeichen dafür gegeben, dass sie sich den Kopf gestoßen und sich dabei vielleicht eine Gehirnerschütterung zugezogen hatte.

Er versuchte, Wayne Purcells liebevolle Erinnerungen an seine Jugendfreundin mit der Frau in Einklang zu bringen, die er auf dem Boden der Kabine vorgefunden hatte. Purcell war ziemlich oft betrunken gewesen und hatte sie dann als energiegeladenen und abenteuerlustigen Wildfang beschrieben, der mutig auf Bäume und über Zäune kletterte und bei jedem Streich dabei war.

Harlan hatte mit eigenen Augen eine zierliche, sexy Frau mit klaren blauen Augen und zarter Haut gesehen. Nur das Kinn deutete auf das einst starrsinnige Kind hin. Ach ja, und sie hatte die gleiche freche Stupsnase wie ihr Cousin.

Über den Rest der Familie hatte Purcell gar nicht oder nur sehr zornig gesprochen. Harlan hatte sich nie näher erkundigt. Der Mann hatte bestimmt seine Gründe gehabt. Fragen wären außerdem zu anstrengend gewesen. Dafür war er jetzt neugierig, was Emma Purcell anging, wenn auch nicht übermäßig.

Erstaunlich erschien ihm nur, dass er vor ihrem Auftauchen schon sehr lange nicht einmal leichte Neugierde für irgendetwas empfunden hatte.

„Mr. McClaren.“

Harlan zuckte zusammen. Es war auch neu für ihn, dass er so in Gedanken versunken war, dass sich ihm jemand unbemerkt nähern konnte. Gerade in den letzten Wochen hatte er das geringste Geräusch wahrgenommen, als wäre er unverändert von Gefahr umgeben.

Er blickte in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, wusste aber bereits, um wen es sich handelte. Verlegen wirkte sie im Moment nicht, doch weiterhin angespannt. Dafür gab es eigentlich keinen Grund.

„Ma’am“, antwortete er nach einigen Sekunden.

Sie stand neben den Stufen auf dem Pier und sah ihn erleichtert an. Von seinem Platz aus blickte er auf sie hinunter. Die „Seahawk“ war mit fünfundzwanzig Metern ein großes Schiff und lag durch die Flut ziemlich hoch.

Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie seinen Namen kannte, den er gar nicht genannt hatte. Doch auch das weckte nur ein wenig seine Neugierde.

„Könnte ich Sie kurz sprechen, Mr. McClaren?“

„Harlan, bitte“, antwortete er und nannte ihr nicht seinen Spitznamen Mac, mit dem ihn die meisten Leute anredeten. „Geht sie Ihnen schon auf die Nerven?“

„Emma“, erwiderte sie. „Wie meinen Sie das?“

Er warf einen Blick zur „Pretty Lady“. „Sie wird es nie auf das Titelblatt einer Seglerzeitschrift schaffen, und Wayne war nicht sonderlich ordentlich.“

„Er war schon immer schlampig.“

Wahrscheinlich hatte er früher nicht so viele Bierdosen und Schnapsflaschen gesammelt, doch das sprach Harlan nicht aus. Er maßte sich kein Urteil darüber an, wie jemand mit dem Schmerz in seinem Leben fertig wurde.

„Darüber wollte ich mich aber nicht mit Ihnen unterhalten“, fuhr sie fort.

„Das habe ich auch nicht angenommen.“ Beinahe hätte er laut geseufzt. Das hatte er nun davon, dass er trotz seiner Bedenken beschlossen hatte, den Abend wie immer an Deck zu verbringen, wo er für sie wie auf dem Präsentierteller sitzen musste. „Kommen Sie ruhig an Bord.“

Sie zögerte und betrachtete die „Seahawk“ so skeptisch, als wäre sie ein außerirdisches Raumschiff.

„Sie können es auch bleiben lassen“, meinte er. „Wenn es Sie nicht stört, dass alle im Jachthafen jedes Wort hören, können wir uns meinetwegen auch gegenseitig anschreien.“

Das wirkte wie erwartet. Sie kam die Stufen herauf, wenn auch äußerst vorsichtig. Harlan stand auf und streckte ihr hilfsbereit die Hand hin, doch sie merkte es nicht oder ignorierte das Angebot, was ihm wahrscheinlicher erschien.

Sobald Emma an Deck wieder festen Boden unter den Füßen hatte, entspannte sie sich etwas. Drinnen im Salon brannte Licht. Emma warf einen Blick in den Raum, der wie das Wohnzimmer in einem schön eingerichteten Haus wirkte, und entspannte sich sogar noch mehr. Es wirkte behaglich und komfortabel, aber nicht übertrieben prunkvoll.

Einladend deutete Harlan auf den zweiten Liegestuhl. „Oder ist es Ihnen im Freien zu kühl?“

„Nein, das ist schon in Ordnung.“

„Bei euch Leuten aus Kalifornien frage ich vorsichtshalber immer“, meinte er.

„Wieso nehmen Sie an, dass ich aus Kalifornien komme?“, fragte sie erstaunt.

Harlan schaltete die Beleuchtung für das Deck ein. „Die Sonnenbräune“, erwiderte er, betrachtete dabei ihre helle Haut und setzte sich wieder.

Zuerst sah sie ihn erstaunt an. Erst als er lächelte, begriff sie, dass er einen Scherz gemacht hatte, lächelte verhalten und setzte sich ebenfalls.

„Ihr Cousin war aus Kalifornien“, sagte Harlan. „Also habe ich angenommen, dass Sie ebenfalls von dort stammen.“

Emma ging nicht weiter darauf ein, sondern sagte gezielt: „Ich möchte mich mit Ihnen über den letzten Abend unterhalten.“

„Kommen Sie immer sofort zur Sache?“

„Für mich ist das sehr wichtig. Sie haben gesagt, Sie hätten Wayne eine Stunde … davor noch gesehen.“

Fast ein Monat war vergangen, aber sie konnte offenbar noch immer nicht aussprechen, dass er tot war. „Bevor er starb?“, fragte Harlan. Die nötige Geduld für Ausweichmanöver hatte er in einem Keller in Nicaragua verloren. „Ja, das ist richtig. Es war ungefähr eine Stunde, bevor sie ihn dort drüben im Wasser gefunden haben, mit dem Gesicht nach unten.“

Dabei deutete er zur „Pretty Lady“. Emma sah hinüber, und als sie sich wieder Harlan zuwandte, war sie noch blasser. Ihre Augen wirkten unnatürlich groß, und sie presste die Lippen zusammen, um nicht zu weinen. Schlagartig bekam er ein schlechtes Gewissen, weil er sie so kalt behandelte.

„Hören Sie, ich bin müde. Tut mir leid, dass ich mich so hart ausgedrückt habe.“ Er war sich nicht sicher, ob sie ihm das abnahm.

„War er an dem Abend wirklich betrunken?“

„Haben Sie das von der Polizei erfahren?“, fragte er stirnrunzelnd.

„Man hat mir gesagt, wie viele Promille er im Blut hatte. Ich möchte von Ihnen wissen, ob er betrunken gewirkt hat.“

„Es spielt keine Rolle, wie er auf mich gewirkt hat“, entgegnete Harlan unbehaglich. „Ich habe Kerle getroffen, die doppelt so viel getrunken hatten, aber völlig nüchtern wirkten, oder nur halb so viel, aber nicht mehr stehen konnten.“

„Angenommen, er war stark betrunken, verhielt sich aber nüchtern, wie konnte er dann ins Wasser fallen?“

Allmählich fühlte Harlan sich bedrängt. „Ich habe nicht behauptet, er wäre nicht betrunken gewesen. Das war er ständig.“ Er sah, wie sie zusammenzuckte, und verzichtete auf einen weiteren Kommentar. „Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?“, erkundigte er sich.

„Vor drei oder vier Jahren, aber wir haben regelmäßig telefoniert, bis er …“ Sie stockte und überlegte angestrengt. „Bis er hierher kam, würde ich sagen.“

„Geben Sie mir jedenfalls nicht die Schuld“, wehrte er ab. „Ich bin erst seit einigen Wochen hier.“

„Ich gebe Ihnen nicht die Schuld“, versicherte sie eine Spur zu hastig.

Also hatte sie doch überlegt, ob er etwas mit der ganzen Sache zu tun hatte. „Als ich herkam, war er schon ziemlich weit auf seinem einmal eingeschlagenen Weg fortgeschritten“, sagte Harlan.

„Und welcher Weg war das?“

„Ich kümmere mich nicht um die Angelegenheiten anderer Leute“, entgegnete er.

„Vielleicht wäre Wayne noch am Leben, hätten Sie das getan!“, fuhr sie ihn an.

Er antwortete nicht, weil es dazu nichts zu sagen gab. Abstreiten konnte er es nicht, weil es durchaus stimmen mochte. Und er wollte nichts erklären, weil er ihr dann auch hätte sagen müssen, warum er nichts mit anderen Leuten zu tun haben wollte. Darüber würde er jedoch auf gar keinen Fall mit ihr sprechen.

„Tut mir leid“, flüsterte Emma und senkte den Blick. „Ich habe kein Recht, Ihnen Vorwürfe zu machen.“

Harlan zuckte mit den Schultern. Das war immer noch einfacher, als eine richtige Antwort zu geben.

„Es ist nur so …“ Emma verstummte und verkrampfte ihre Hände so fest ineinander, dass sich die Knöchel weiß abzeichneten. Erst nach einer Weile sah sie ihn wieder an. „Für mich war Wayne wie ein Bruder. In unserer Familie waren wir die einzigen Kinder, die annähernd im gleichen Alter waren. Also haben wir früher immer zusammen gespielt. Er war abenteuerlustig und wollte alles erforschen und lernen. Wir hatten eine wunderbare Jugend, und später wurden wir dann enge Vertraute.“

Harlan hätte ihr vorhalten können, dass sie ihren Cousin doch nicht so gut gekannt hatte, wenn sie keine Ahnung vom Ausmaß seines Alkoholproblems hatte, doch er schwieg. Schließlich wollte er sie nicht verletzen.

„Ich habe ihn im Streit mit seinen Eltern stets verteidigt, und er hat mir geholfen, als meine Verlobung hässlich endete.“

In ihrer Stimme schwang Schmerz mit, bezeichnenderweise bei den Problemen ihres Cousins genau wie bei ihren eigenen.

„Was war mit Ihren Eltern?“, fragte er und hätte sich zu seinem größten Erstaunen lieber nach dem Ende ihrer Verlobung erkundigt.

„Wie bitte?“, entgegnete sie verwirrt.

„Ihre Eltern waren doch sein Onkel und seine Tante, nicht wahr? War er … wie haben Sie sich ausgedrückt? Existierte er auch für Ihre Eltern längst nicht mehr?“

Die Frage war ihr sichtlich unangenehm. „Sie kamen auch nicht besser mit ihm aus“, räumte Emma schließlich ein. „Mein Dad war mit Onkel Jerry stets einer Meinung, wenn es um Wayne ging. Mom hat sich zwar bemüht, hat aber auch irgendwann aufgegeben.“

Dazu sagte er zwar nichts, Emma sprach trotzdem hastig weiter: „Ich weiß, wie das klingt, wenn alle in meiner Familie Wayne für einen Verlierer halten, nur ich nicht. Es sieht so aus, als würde ich mich irren. Aber er ist kein Verlierer.“

Jetzt schon, dachte Harlan, behielt aber auch das für sich. Er ging auch nicht darauf ein, dass sie von Wayne in der Gegenwart sprach. Er fand es erstaunlich, dass er überlegte, was er ihr sagen sollte und was nicht. Für gewöhnlich war er nicht so rücksichtsvoll. War das ein Zeichen, dass er allmählich wieder ins Leben zurückfand? Um nicht weiter darüber nachdenken zu müssen, konzentrierte er sich wieder auf seinen Gast.

„… nur nicht ganz sicher, was er mit seinem Leben anfangen soll, das ist alles“, beendete Emma gerade eine längere Verteidigungsrede für Wayne.

„Die meisten Menschen in seinem Alter wissen das allerdings“, wandte Harlan ein.

„Die meisten Menschen haben keine Eltern, die ihnen ständig sagen, dass sie einfach nichts richtig machen können“, erwiderte sie leicht gereizt.

„Sie meinen also, dass er die Erwartungen seiner Eltern bewusst nicht erfüllt hat?“

„Das weiß ich. Er hat mir mehr als einmal erklärt, wenn sie ihn ohnedies hassen, könne er das wenigstens genießen.“

Harlan lächelte unwillkürlich, und als Emma ihn fragend ansah, antwortete er: „Meine Mutter. Bevor sie starb, hielt sie mir vor, ich würde genauso nutzlos werden wie mein Vater.“

„Dann verstehen Sie das ja“, stellte Emma fest.

„Es hätte wahrscheinlich so kommen können“, meinte er. Allerdings hatte er sich vorgenommen zu beweisen, dass seine Mutter sich geirrt hatte.

„Wahrscheinlich hat Wayne Sie deshalb gemocht“, fuhr sie fort. „Er hat gespürt, dass Sie wissen, wie das für einen Menschen ist.“

Das klang in Harlans Ohren viel zu abgehoben für Wayne. „Ich glaube weniger, dass er mich gemocht hat“, widersprach er. „Ich war einfach da. Außerdem habe ich immer Eiswürfel vorrätig“, fügte er trocken hinzu.

„Sie stellen es so hin, als hätte Wayne ständig nur getrunken und sonst nichts gemacht.“

„Ich kann nur sagen, was ich gesehen habe, aber das wollen Sie vielleicht lieber nicht hören.“

Emma schwieg eine Weile und musterte ihn eingehend. „Sie halten mich für blind und naiv“, stellte sie schließlich fest.

Das klang Harlan nicht nach einer Frage. Wahrscheinlich war sie schon selbst zu dieser Erkenntnis gekommen und kannte daher seine Antwort. Offenbar hatte sie keine Ahnung, wie ihr Cousin wirklich gewesen war. Oder er hatte sich seit ihrem letzten persönlichen Zusammentreffen grundlegend verändert. Und er hatte ihr am Telefon bestimmt viel verschwiegen.

Was würde Emma Purcell dazu sagen, wenn sie wüsste, wie oft er Wayne total betrunken zum Boot zurückkommen gesehen hatte, so betrunken, dass er kaum noch gehen konnte? Harlan hatte den Mann mehr als einmal aus dem Wasser gezogen. Er hätte ihr auch erzählen können, dass auf der „Pretty Lady“ höchst verdächtig wirkende Typen verkehrt hatten. Außerdem hatte er miterlebt, wie ihr Cousin mit einem Mann gestritten hatte, der Harlan erschreckend deutlich an die Leute aus seinen Albträumen erinnert hatte.

Auch darüber schwieg er. Wayne war tot, und es hatte keinen Sinn, ihn bei dem einzigen Menschen anzuschwärzen, der ihn geliebt hatte.

„Er hat Ihnen viel bedeutet. In einem solchen Fall will niemand hören, dass der andere falsch gehandelt hat.“ Harlan schlug jetzt einen sanfteren Ton an. „Schon gar nicht, wenn man ohnedies nichts mehr ändern kann.“

Tränen stiegen ihr in die Augen. Nun hatte er sich schon bemüht, behutsam vorzugehen, trotzdem hatte er sie zum Weinen gebracht. Manches änderte sich eben nie.

„Tut mir leid“, versicherte er. „Ich bringe Frauen immer irgendwie aus der Fassung.“

„Ich bin nicht zornig, sondern verletzt“, erwiderte sie.

Das war sogar noch schlimmer.

„Die Wahrheit tut eben manchmal weh“, fuhr sie fort und stand auf. „Aber Sie hatten recht. Vorhin habe ich es nicht mehr auf dem Schiff ausgehalten. Das lag aber nicht an der Unordnung, sondern an der Erkenntnis, wie sich Waynes Leben entwickelt hat. Er hätte viel mehr haben und sein können.“ Sie ging zur Treppe, die auf den Pier hinunter führte, und drehte sich noch einmal um. „Danke, dass Sie mit mir gesprochen haben.“

Harlan sah ihr nach. Vielleicht dachte sie von ihm auch, er könnte mehr haben und mehr sein. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft auf der „Seahawk“ spielte es für ihn eine Rolle, was jemand von ihm dachte, und das gefiel ihm gar nicht.

4. KAPITEL

Emma war erschöpft. Bei der Rückkehr auf Waynes Segelboot war sie so von widerstreitenden Empfindungen erfüllt, dass sie am liebsten etwas gegen eine Wand geschleudert hätte. So erging es ihr nur selten, und sie mochte diesen Zustand nicht.

Sie war wütend auf ihren Cousin, weil er aus ihrem Leben verschwunden war und sie nun zwang, sich mit dem allen hier zu beschäftigen. Und sie ärgerte sich über sich selbst, weil es sie schmerzte, was sie gehört hatte. Schließlich war sie auch auf Harlan McClaren zornig, weil er sie informiert hatte.

Das war unlogisch. Nach dem Chaos auf dem Boot zu urteilen, hatte Harlan sicher recht. Er hatte nur berichtet, was er beobachtet hatte, und sie hätte ihn vielleicht besser nicht fragen sollen. Ja, das wäre sogar eindeutig besser gewesen.

„Verdammt, Wayne“, flüsterte sie und wiederholte es immer lauter, bis sie zuletzt fast brüllte.

Dann machte sie ihrem Ärger Luft. Sie griff nach einem der schmutzigen Gläser und schleuderte es gegen die Wand, doch es prallte nur ab und rollte über den Boden. Das nächste warf sie mit mehr Kraft gegen den Mast, der mitten durch die Kabine verlief, und jetzt splitterte das Glas endlich. Das Klirren half ihr, einen Teil ihrer aufgestauten Emotionen wieder abzubauen, doch es reichte noch nicht. Glas für Glas zerbrach sie, bis ihr bewusst wurde, dass sie das alles wieder aufräumen musste. Sofort hörte sie auf.

Die Luke wurde geöffnet, und Emma drehte sich erschrocken zu dem Mann um, der einen Blick in die Kabine warf.

„Alles in Ordnung?“

Harlan McClaren. Heute kam er ihr schon zum zweiten Mal zu Hilfe. Ihre Wangen fühlten sich heiß an, und sie hoffte, dass er bei dem schwachen Licht nicht sah, wie sie rot wurde.

„Haben wir diese Szene heute nicht schon ein Mal durchgespielt?“, fragte sie, um ihre Verlegenheit zu übertünchen. Es war ihr unangenehm, dass er ihren Zornesausbruch mitbekommen hatte.

„Ja, aber beim ersten Mal ohne spezielle Soundeffekte“, erwiderte er. „Dem Geräusch von berstendem Glas.“

„Aha“, entgegnete Emma und winkte gespielt lässig ab. „Ich wusste doch gleich, dass da was gefehlt hat.“

Diesmal setzte Harlan sich auf die oberste Stufe, um sich von ihr und den Glasscherben fern zu halten. Als er den Scherbenhaufen mitten in der Kabine musterte, versuchte Emma, ihn abzulenken.

„Ich begreife noch immer nicht, warum Wayne mir sein Boot hinterlassen hat. Er wusste doch, dass ich Wasser nicht mag.“

„Das haben Sie bereits erwähnt“, entgegnete er in einem Ton, als könnte er das überhaupt nicht glauben.

„Es gibt nun mal Menschen, die das Meer nicht lieben.“

Er schüttelte den Kopf. „Kaum vorstellbar für jemanden, der auf dem Wasser aufgewachsen ist.“

„Ach, Sie haben auf einem Boot gelebt?“

„Nicht auf einem, sondern auf verschiedenen. Seit ich sieben war, habe ich nie lange an Land gelebt. Das macht mich nur nervös.“

„Würde ich mich im Moment nicht so über die ganze Geschichte aufregen, wäre ich nervös, weil ich auf einem Boot bin“, erwiderte Emma. Sie interessierte sich trotz allem für diesen Mann. Genauso hätte sie jedoch bei jedem anderen reagiert, der ein ungewöhnliches Leben führte. „Das war sicher sehr ausgefallen. Wie sind Sie zur Schule gegangen?“

„Gar nicht.“

Emma sah ihn fassungslos an.

„Zumindest nicht im herkömmlichen Sinn“, stellte er klar. „Dafür haben wir uns nie lange genug in einem Hafen aufgehalten.“

„Soll das heißen, dass Sie von einem Ort zum anderen gesegelt sind?“, fragte sie erstaunt. Offenbar war er tatsächlich sein ganzes Leben ein Herumtreiber gewesen.

Harlan nickte. „Das war die beste Ausbildung, die ein Kind überhaupt bekommen kann. Ich musste stets schnell die Gewohnheiten der Leute erlernen und begreifen, wie man mit unterschiedlichen Menschen umgeht. Sprachen lernt man dabei übrigens auch.“

Das ging über ihr Begriffsvermögen. Für sie war das, als hätte er auf dem Mond gelebt. „Sprachen? Wie viele sprechen Sie denn?“, erkundigte sie sich.

„Vier oder fünf fließend, einige andere ganz gut, und das Wichtigste kann ich in einem weiteren Dutzend ausdrücken.“

Emma lächelte zum ersten Mal an diesem Tag. „Was war mit den anderen Kenntnissen wie Lesen, Mathematik oder Naturwissenschaften?“

Als er zögerte, dachte sie, dass er womöglich nicht schreiben und lesen konnte. Zwar hatte sie bei dem kurzen Blick in die Kabine des Schiffes viele Bücher gesehen, aber die gehörten wahrscheinlich dem Eigentümer.

„Mein Dad hat mir alles Nötige beigebracht.“

Jetzt begriff sie, wieso er sich in einem Jachthafen herumtrieb. Er konnte nichts anderes machen, weil er keine höhere Bildung und vermutlich nicht einmal einen anerkannten Schulabschluss hatte. Die „Seahawk“ war makellos sauber. Chrom und Messing glänzten, die Decks wiesen nicht den geringsten Fleck auf, das genaue Gegenteil von der „Pretty Lady“. Vielleicht arbeitete Harlan für seinen Lebensunterhalt, aber die „Seahawk“ konnte er sich kaum von normal verdientem Geld leisten.

Sie bemerkte, dass er sie so eingehend betrachtete, dass es sie nervös machte. Dabei war sie ungewollt von diesem Mann fasziniert.

„Sie sind wahrscheinlich zum College gegangen?“, fragte er und machte sie damit noch nervöser.

„Ja“, erwiderte Emma und wollte schon Stanford erwähnen, verzichtete jedoch darauf. Es sollte nicht so aussehen, als wollte sie mit dem Namen des Colleges angeben.

„Haben Sie den Abschluss gemacht?“

„Nicht ganz“, erklärte sie. „Ich habe am Magister der Betriebswirtschaft gearbeitet, als etwas dazwischenkam.“

„Sagen Sie jetzt bloß nicht, Sie hätten wegen eines Mannes das Studium aufgegeben und geheiratet.“

Emma lachte kurz auf. „Ich würde bei keinem Mann bleiben, der von mir verlangt, seinetwegen meine Träume aufzugeben.“

„Gut für Sie“, stellte Harlan fest und stand rasch auf, als hätte er schon zu viel gesagt. „Na schön, offenbar geht es Ihnen gut“, meinte er und warf noch einen Blick auf die Glasscherben.

„Ich komme klar“, erwiderte sie. „Es ist nur … ich würde es gern verstehen.“

„Was verstehen?“

Sie deutete um sich. „Warum Wayne sich so verhalten hat. Ich begreife nicht einmal, warum er diesen alten Kahn überhaupt gekauft hat. Früher hat er sich nie für Boote interessiert.“

Harlan wollte gehen, aber Emma versuchte, ihn aufzuhalten. Dieser Mann war vermutlich der Letzte, der Wayne lebend gesehen hatte. Und er war außerdem oft mit Wayne in dessen letzten Lebenstagen zusammengetroffen.

„Sie haben erwähnt, dass er über mich gesprochen hat“, fuhr sie rasch fort, damit er noch blieb. „Hat er vielleicht angedeutet, warum er mir das Boot hinterlassen hat?“

Nur widerwillig drehte Harlan sich wieder um. „Das verursacht Ihnen erhebliches Kopfzerbrechen, nicht wahr?“

„Es überrascht mich, dass er in seinem Alter überhaupt schon ein Testament aufgesetzt hat“, räumte sie ein. „Wayne hat nie die Zukunft geplant.“

„Vielleicht hat er …“ Harlan verstummte plötzlich.

Wahrscheinlich wollte er mir wieder etwas sagen, das ich vermutlich gar nicht wissen will, überlegte Emma. Sie vertraute diesem Mann nicht, weil sie sich in der Beurteilung von Männern ganz allgemein nicht sicher war. Andererseits hatte Wayne ihm vertraut.

„Ich bin verwirrt“, bestätigte sie. „Er wusste, dass ich Wasser und Schiffe nicht mag. Darum wüsste ich gern, ob er Ihnen etwas gesagt hat, das seine Entscheidung erklärt.“

Da er nicht antwortete, nahm Emma an, dass er etwas wusste. Er hätte sonst einfach erklären können, Wayne habe nichts gesagt.

„Bitte, Mr. McCl… Harlan. Mir ist klar, dass Wayne etwas zügellos war, aber er war doch vernünftig. Ich muss wissen, warum er mir das Boot hinterlassen hat.“

Seufzend und so vorsichtig, als hätte er Schmerzen, setzte er sich wieder.

„Ich würde Ihnen gern Kaffee machen“, bot Emma an, „aber ich habe keine Ahnung, wie alt er schon ist.“

„Ich würde Waynes Vorräten nicht vertrauen“, entgegnete Harlan trocken und sprach damit nur aus, was sie bereits gedacht hatte. „Aber wenn Sie wollen, können Sie mit auf die ‚Seahawk‘ kommen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich möchte Ihnen nicht zur Last fallen, nur weil es hier nicht sonderlich … hübsch aussieht.“

„Und was ist, wenn ich befürchte, die ‚Pretty Lady‘ könnte sinken?“

Das war doch hoffentlich ein Scherz, oder? dachte Emma, während sich ihr der Magen zusammenzog. Vorsichtig sah sie sich um und erwartete, jeden Moment ein Leck im Schiffsrumpf zu entdecken.

„Ganz ruhig“, meinte Harlan. „Ich habe es nicht ernst gemeint. Die ‚Pretty Lady‘ wird nicht sinken – zumindest jetzt noch nicht.“

Ihre alten Ängste erwachten sofort. „Wieso sind Sie da so sicher?“

„Ich bin für Wayne getaucht und habe den Rumpf kontrolliert. Es gibt Probleme, aber keine unmittelbare Gefahr.“

„Ist das Ihre Arbeit? Tauchen Sie, um festzustellen, ob ein Boot repariert werden muss?“

„Nur, wenn ich nicht nach Schätzen tauche“, erwiderte er.

Auch das klang nach einem Scherz, und darum konzentrierte sich Emma wieder auf die ursprüngliche Frage. Konnte sie Harlan vertrauen? Wayne hatte sie an ihn verwiesen. Aber durfte sie sich auf Waynes Urteilskraft verlassen, wenn es tatsächlich bereits schlecht um ihn gestanden hatte? Vielleicht hatte er Harlan nur gelobt, weil er ein Zechkumpan gewesen war. Bisher hatte sie jedoch nicht gesehen, dass auch er trank, aber sie war ja erst einen Tag hier.

„Werden Sie an Bord schlafen?“, fragte er.

„Ich weiß nicht“, entgegnete sie unschlüssig. „Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Ursprünglich bin ich davon ausgegangen, dass es in der Nähe ein Motel gibt.“

„Da werden sie wenig Erfolg haben“, meinte er. „Aber in der Stadt gibt es ein Motel. Das ist allerdings wesentlich älter als dieses Boot und noch mehr heruntergekommen.“

Das fand sie erstaunlich, denn aus dem südlichen Kalifornien war sie es gewohnt, dass man alles in seiner Nähe vorfand, das man brauchte. „Es gibt doch bestimmt auch etwas, das neuer ist.“

„Zwei Motels in Poulsbo. Das ist südlich von hier, und bei besten Bedingungen fährt man zwanzig Minuten.“

Nun sah Emma sich noch eine Spur kritischer in dem Boot um. Hielt sie es eine Nacht lang hier aus? Auf diesem Schiff? Sie fröstelte.

„Sie mögen Boote wirklich nicht“, stellte Harlan fest.

„Nein.“

„Dann kommen Sie mit zu mir. Auf der ‚Seahawk‘ können Sie vergessen, dass Sie auf einem Schiff sind. Dort können Sie sich in Ruhe überlegen, was Sie machen wollen.“

Diesmal zögerte sie nicht lange. Auf der „Pretty Lady“ würde sie nicht vernünftig nachdenken können. So viel war ihr bereits klar geworden. Sie wollte vergessen, dass sie auf einem Schiff war. Und obwohl sie nicht wusste, weshalb, interessierte Harlan McClaren sie. Darum folgte sie ihm, als er aufstand.

Unterwegs fragte Harlan sich, ob er nun restlos den Verstand verloren hatte. Was war ihm bloß eingefallen, Emma Purcell an seinen einzigen Rückzugsort einzuladen? Gut, sie hatte sich sichtlich davor gefürchtet, die Nacht auf der „Pretty Lady“ zu verbringen, doch das bedeutete noch lange nicht, dass er den freundlichen Gastgeber spielen musste.

Er war entschlossen, ihr alles Nötige über ihren Cousin zu erzählen – oder was sie seiner Meinung nach über ihn erfahren musste. Danach würde er sie wegschicken. Entweder zurück auf das Boot oder in ein Motel an Land. Das konnte sie selbst entscheiden.

Im Salon bot er ihr einen Platz an und ging dann in die kleine Kombüse. Die Hauptkombüse befand sich unter Deck. Dort war Platz genug für die Zubereitung eines richtigen Festmahls für die Geschäftstreffen, die Josh gelegentlich an Bord abhielt. Hier oben fand man nur das Nötigste vor, einen kleinen Kühlschrank, eine Mikrowelle, ein Eiswürfelgerät und alles, was nötig war, um einen Imbiss oder ein Mixgetränk zuzubereiten.

„Wein, Bier oder Champagner? Oder vielleicht etwas Stärkeres, um die ‚Pretty Lady‘ erträglicher zu machen?“

Emma sah ihn an, als wäre ihr nicht klar, ob das ein Scherz sein sollte oder nicht. Das kam öfters bei ihr vor, und Harlan fragte sich, ob sie merkte, dass er nicht mit ganzem Herzen bei der Sache war.

„Nein, danke“, lehnte sie ab. „Bieten Sie eigentlich jedem zufälligen Besucher an Bord Champagner an?“

Entweder glaubt sie, ich will sie anmachen, oder ich schenke Getränke aus, die mir nicht gehören, überlegte er. „Für den Schiffseigner gibt es keine zufälligen Besucher.“

„Das hört sich beeindruckend an.“

„Er ist beeindruckend.“ Weil er nicht weiter über Josh reden wollte, öffnete er den Kühlschrank. „Wie wäre es mit Limonade?“

„Gern, wenn sie kein Koffein enthält.“

Er nickte und holte zwei Dosen aus dem Kühlschrank.

„Sie brauchen sich beim Trinken meinetwegen keine Beschränkungen aufzuerlegen“, versicherte sie.

„Fürchten Sie, dass Sie mich von meinem abendlichen Besäufnis abhalten?“, fragte er und stellte eine Dose vor ihr auf den Tisch.

„Nein.“ Emma wurde rot. „Ich dachte nur …“

„Schon gut“, wehrte er ab, als sie nicht weitersprach. „Es liegt auf der Hand, dass Sie so denken. Nur zu Ihrer Information – Ihr Cousin konnte mich mühelos unter den Tisch trinken.“

Darauf sagte sie nichts, sondern strich nur geistesabwesend mit den Fingern über die Getränkedose.

Harlan bekam erneut ein schlechtes Gewissen, weil er das Andenken an ihren Cousin beschädigt hatte. Als er sich ihr gegenüber an den niedrigen Tisch setzte, musste er erst einmal tief durchatmen. Alles strengte ihn unbeschreiblich an, doch er hatte sich inzwischen halbwegs daran gewöhnt, dass er sogar für die einfachsten Tätigkeiten seine ganze Energie aufbieten musste. Der heutige Tag war besonders schwierig gewesen.

„Wayne hat mir erzählt, dass Sie beide so gut wie zusammen aufgewachsen sind und oft zusammen waren.“

Emma nickte, ohne ihn dabei anzusehen. „Ich sagte ja, wir waren wie Bruder und Schwester.“

„Ich meinte die örtliche Nähe“, verbesserte er sich.

„Ach so. Ja, wir wohnten in der Nachbarschaft und konnten dadurch viel Zeit miteinander verbringen. Er hat über uns gesprochen?“, erkundigte sie sich und hob endlich den Kopf.

Harlan nickte. „Er hat regelmäßig von Ihnen erzählt.“ Jedes Mal, wenn er betrunken war, also jeden Abend. Doch das behielt er lieber für sich, weil er schon genug Schaden angerichtet hatte.

„Hat er auch etwas gesagt, das meine jetzige Lage erklärt?“

Harlan nahm sich vor, es hinter sich zu bringen, um endlich wieder allein zu sein. „Eines Abends hat er erwähnt, dass er Ihnen alles vermacht hat, für den Fall, dass ihm etwas zustoßen sollte.“

„Aber warum?“, drängte sie. „Warum ausgerechnet sein Boot?“

„Weil er sonst nichts hatte.“

„Da ist doch noch sein Haus in San Francisco“, wandte sie erstaunt ein. „Und da sind seine Autos. Er hat Oldtimer gesammelt.“

Harlan fluchte in Gedanken. Wieso musste er die Erklärungen für diesen Säufer übernehmen? Er hatte den Mann kaum gekannt, und die Frau, die ihm so angespannt gegenübersaß, kannte er überhaupt nicht. Das alles ging ihn nichts an. Da es nun jedoch kein Zurück mehr gab, fügte er sich. „Wayne hat mir erzählt, dass er das Haus schon vor einiger Zeit verloren hat. Im letzten Jahr hat er dann das letzte Auto verkauft. Er war pleite.“

Das traf sie sichtlich. „Deshalb also hatte er zuletzt als Adresse ein Postfach in San Francisco. Mir hat er als Grund angegeben, dass sein Haus renoviert wird.“

Also hat er auch sie belogen, dachte Harlan. Er hatte sich schon gefragt, ob es überhaupt einen Menschen gab, den Wayne nicht belogen hatte. Dabei hätte er sich das gleich denken können.

Klar war allerdings auch, dass es nicht leicht sein würde, Emma die Augen zu öffnen. Außerdem fehlte ihm dafür die Energie. Es war auch nicht seine Aufgabe, obwohl er ihr gern gezeigt hätte, was für ein Mensch ihr Cousin wirklich gewesen war.

„Was ist denn passiert?“, hakte sie nach. „Er hatte mit seinem kleinen Unternehmen, das Homepages erstellte und sie betreute, doch Erfolg und dadurch allen gezeigt, dass sie ihn falsch beurteilt hatten.“

Harlan hielt es für überflüssig, sie darauf hinzuweisen, dass Wayne seit über einem Jahr keinen einzigen Computer mehr besessen hatte. Und falls sie ihn nicht dazu zwingen würde, wollte er auch nichts über seine Vermutungen sagen, wohin das Geld geflossen war. Darum suchte er rasch nach einer Ablenkung.

„Er hat es allen gezeigt?“, fragte er, obwohl er bereits wusste, was und wen sie meinte.

„Seinen Eltern“, erwiderte sie gepresst. „Und auch meinen. Sie haben ihn praktisch aufgegeben, als er vierzehn war.“

„Hat der Gesetzgeber nicht etwas gegen ein solches Verhalten?“

„Ach, so wörtlich habe ich es nicht gemeint. Sie haben ihn nicht vor die Tür gesetzt, solange er minderjährig war. Das hätten sie nie getan. Sie haben ihn allerdings gefühlsmäßig völlig ausgeschlossen.“

„Klingt reichlich hart.“

„Sie hielten ihm vor, er würde nur in Schwierigkeiten geraten. Dabei war er bloß etwas wild. Diese Behandlung hatte er nicht verdient. Ich liebe meine Familie, aber ich hasse sie auch dafür, was sie Wayne angetan hat.“

„Das erklärt es“, sagte er, ohne zu überlegen.

„Was denn?“

Am liebsten hätte Harlan seine Worte zurückgenommen, doch dafür war es zu spät. Darum wiederholte er, was ihm der betrunkene Wayne erzählt hatte. „Er meinte, er würde Ihnen die ‚Pretty Lady‘ hinterlassen, weil Sie die Einzige seien, die um ihn trauern würde.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Baccara Exklusiv Band 142" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen