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Baccara Exklusiv Band 14

Jackie Merritt

Liebesspiele zum Dessert

1. Kapitel

 

Das Haus der Armstrongs nahm Mitch für einen Moment den Atem.

Er verlangsamte das Tempo seines Kombis und überprüfte die Adresse, die Sarge Armstrong ihm aufgeschrieben hatte. Die Messingnummer an der Backsteinmauer mit der schmiedeeisernen Verzierung stimmte. Er hätte sich wohl besser auf den gehobenen Lebensstil seines Chefs einstellen sollen.

Innerhalb der Mauer lag ein weitläufiges Areal. Der dichte, gepflegte Rasen wurde durch mächtige alte Bäume in zartem Frühjahrsgrün und üppig blühende Beete aufgelockert. In der Mitte des parkähnlichen Geländes stand ein prächtiges Backsteinhaus, das Gediegenheit und Wohlstand ausstrahlte. Etwas, wovon Mitch Conover nur träumen konnte. Bis zu diesem Moment hatte er sich wegen Sarges Einladung nicht viele Gedanken gemacht, doch jetzt sah er kritisch auf seine Freizeithose, das lässige Hemd und die bequemen Schuhe.

Er atmete tief durch und bog in die lang gezogene Einfahrt vor dem Haus ein. Sollte er wirklich dort parken? Sein Kombi gehörte eher auf die Hinterseite des Hauses, dort, wo sich gewöhnlich der Lieferanteneingang befand.

Andererseits war er ein geladener Gast. Sarge hatte ihn heute befördert. Mit Schulterklopfen und Handschlag. "Mitch, ich möchte Sie heute Abend zu mir nach Hause zum Essen einladen. Wenn Sie nicht schon etwas anderes vorhaben. Keine große Gesellschaft, nur Mrs. Armstrong, Sie und ich."

"Aber natürlich, gern", hatte Mitch geantwortet. Er war so glücklich über seine Beförderung zum Bauleiter bei Armstrong Paving und Asphalt, dass er jede andere Verabredung abgesagt hätte.

Mitch hatte allerdings kein solches Anwesen erwartet. Im Grunde war er ohne besondere Erwartungen hergefahren. Nur in einer Art Hochstimmung wegen der besonderen Auszeichnung durch eine private Einladung. Mitch hatte das gute Gefühl, in der Firma tatsächlich voranzukommen.

Bevor er ausstieg, tat er etwas Ungewöhnliches und überprüfte sein Aussehen noch einmal im Rückspiegel. Er war ungefähr dreißig, groß, muskulös und besaß einen durchtrainierten Körper. Sein dunkles Haar hatte er einigermaßen gebändigt, und die Gesichtshaut schimmerte noch rosig von der scharfen Rasur. Es interessierte ihn normalerweise nicht, ob er gut aussah. Genauso wenig wie Kleidung seinen Selbstwert bestimmte. Bis zu diesem Augenblick. Mit gemischten Gefühlen stieg er aus.

Auf sein Klingeln hin öffnete Sarge ihm persönlich die Tür. Mit breitem Lächeln reichte er ihm die Hand. "Wie schön, dass Sie kommen konnten, Mitch. Haben Sie gut hierher gefunden?"

"Kein Problem, Sir."

"Lassen Sie das Sir heute Abend. Und kommen Sie herein. Sara ist in der Küche, aber sie wird uns gleich in der Bibliothek Gesellschaft leisten."

Mitch atmete auf. Sarge trug eine Freizeithose mit Polohemd, ähnlich wie er. Sarge führte ihn in einen großen Raum mit üppig gepolsterten Sitzmöbeln, vertäfelten Wänden, dicken Teppichen und Regalen voller Bücher.

"Setzen Sie sich, Mitch. Was möchten Sie trinken?"

Mitch war unschlüssig, und Sarge half ihm. "Ich nehme einen Scotch mit Wasser. Es gibt Bier, wenn Sie mögen. Und alkoholfreie Getränke. Verraten Sie mir Ihre Lieblingsdroge."

Mitch entspannte sich und lächelte. "Dann nehme ich ein Bier."

Sarge servierte die Getränke, und sie setzten sich in die schweren Sessel vor dem Kamin. "Sie haben ein wunderschönes Haus, Sarge", sagte Mitch.

"Sara und mir gefällt es auch. Wir haben es vor etwa fünfzehn Jahren sehr heruntergekommen gekauft. Sara hat alles renovieren lassen und neu eingerichtet. Oh, da kommt sie ja." Sarge erhob sich. Mitch stand ebenfalls auf. "Liebling, das ist Mitch Conover. Mitch, meine Frau Sara."

Sara Armstrong lächelte warm und bot Mitch die Hand. "Angenehm, Sie kennen zu lernen, Mitch."

"Das Vergnügen ist ganz meinerseits, Mrs. Armstrong."

"Für Sie Sara", sagte sie bestimmt und ging zum Sofa. Als sie sich setzte, nahmen die Männer auch wieder ihre Plätze ein. "Das Essen wird in ungefähr zwanzig Minuten fertig sein." Sara wandte sich an Mitch. "Sie stammen aus Montana, wie Sarge mir sagte?"

"Ja. Aus einer kleinen Stadt. Houghton." Mitch trank einen Schluck Bier. Sara Armstrong war eine elegante Erscheinung, klein und schlank. Sie wirkte um Jahre jünger als ihr Mann.

"Ich war schon in Houghton", sagte Sara. "Vor ungefähr zwei Jahren, nicht wahr, Sarge?"

"Ja", bestätigte er. "Zu der Zeit fing Mitch gerade bei uns an. Wir hatten einen Auftrag für zwanzig Meilen Highway außerhalb der Stadt, und einer unserer Mechaniker kündigte." Sarge lächelte. "Mitch kam zur rechten Zeit."

"Heute arbeiten Sie nicht mehr als Mechaniker?" fragte Sara.

"Nein."

"Er ist jetzt Bauleiter. Einer unserer besten", schaltete sich Sarge ein. "Keine falsche Bescheidenheit, Mitch. Sie haben die Beförderung verdient, und Ihnen steht eine glänzende Zukunft in der Firma offen."

Mitch räusperte sich. "Danke, Sir."

Sarge schmunzelte. "Etwas eingeschüchtert durch den Chef? Nun, das gibt sich noch."

Mitch zweifelte daran. Sarge Armstrong war eine imponierende Persönlichkeit, so wie seine Frau auf ihre Weise auch. Menschen, die genau wussten, wo ihr Platz in der Gesellschaft war, und die sorgenfrei und im Wohlstand lebten. Er hoffte, eines Tages einen ähnlichen Status erreicht zu haben. In der Zwischenzeit war er angestellt und durfte sich glücklich schätzen, einen guten Job bei einer aufwärts strebenden Firma zu haben.

"Sie sind nicht verheiratet?" fragte Sara.

Er schüttelte den Kopf. "Nein."

Sara lächelte. "Aber sicher haben Sie eine Freundin. Vielleicht in Montana?"

"Nein." Mitch versuchte, entspannt zu bleiben. Er hatte Schwierigkeiten, Mrs. Armstrong mit ihrem Vornamen anzureden. Vielleicht gab sich das mit der Zeit. Aber wahrscheinlich würde er gesellschaftlich sowieso kaum mit den Armstrongs verkehren.

"Mitch verbringt seine Freizeit mit Fortbildung", erklärte Sarge. "Zwei Abendkurse, nicht wahr?"

"Ja, Wirtschaftskunde für Fortgeschrittene und einen Kurs in Statik", entgegnete Mitch.

"Das ist wirklich lobenswert", bemerkte Sara. "Kein Wunder, dass Sie in der Firma vorankommen."

"Hallo, Kim." Sarge stand plötzlich auf. "Komm doch rein, mein Schatz."

Mitch wandte den Kopf. Im gleichen Moment durchfuhr es ihn wie ein elektrischer Schlag. Eine junge, dunkelhaarige Frau betrat den Raum, lächelte allen zu, ihn eingeschlossen, und ging zu Sarge, um ihn auf die Wange zu küssen. "Hallo, Dad."

Sie beugte sich zu Sara hinunter und küsste sie ebenfalls. "Hallo, Mutter."

"Was für eine nette Überraschung." Sara wirkte erfreut. "Setz dich zu uns. Das Essen ist gleich fertig."

"Danke, aber ich wollte nur einen Ballen Stoff holen. Ich habe wenig Zeit."

"Kim, ich möchte dir Mitch Conover vorstellen", sagte Sarge. "Mitch, das ist meine Tochter Kimberly Armstrong."

Kim lächelte ihm zu. "Hallo, Mitch."

Er hatte sich erhoben und stand jetzt wie versteinert da. Eine aufregendere, sinnlichere Frau war ihm noch nie begegnet. "Hallo, Miss Armstrong."

Aus irgendeinem Grund lachte sie. Es war ein Lachen, das ihn berührte und ein seltsames Gefühl der Sehnsucht in ihm wachrief. Noch immer starrte er sie an.

"Bitte, nennen Sie mich doch Kim", sagte sie.

"Gern, wenn Sie wollen." Auch Kim konnte den Blick nicht von ihm wenden. Wieso gerade ich, dachte er. Ob sie sich auch so betäubt fühlte wie ich?

"Kannst du nicht wenigstens einen Moment bleiben, Kind?" fragte Sara ihre Tochter.

Kim sah zu ihrer Mutter. "Nein, es geht wirklich nicht. Ich habe eine Verabredung." Sie wandte sich wieder Mitch zu. "Sind Sie ein Freund der Familie?"

Mitch wurde es allmählich heiß. Die Frage drückte offenes Interesse aus, und es schien ihr nicht das Geringste auszumachen, sie in Anwesenheit ihrer Eltern zu stellen.

Ihm allerdings machte es etwas aus. "Ich arbeite für Ihren Vater", entgegnete er deshalb kühl und war froh, dass er sich wieder in der Gewalt hatte. Schließlich konnte er die Tochter seiner Gastgeber nicht so ungeniert vor deren Augen bewundern.

"Oh, ich verstehe", murmelte Kim, die sich über den plötzlich distanzierten Ton wunderte. Es wäre wohl besser gewesen, wenn sie ihre Bewunderung nicht so offen gezeigt hätte. Aber etwas an diesem Mann ließ sie anscheinend alle guten Manieren vergessen.

Mitch kam auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich verstehe. Das sagte alles. Er war Angestellter, ein Niemand in ihrer Welt. Beinahe kämpferisch straffte er die Schultern.

"Kim ist Innenarchitektin", berichtete Sarge stolz. "Eine sehr erfolgreiche, wenn ich das sagen darf."

Mitch fiel nichts ein, worüber er sich mit einer Innenarchitektin unterhalten könnte.

"Nun, diese Innenarchitektin muss jetzt zu einem Termin." Kim sah auf ihre Armbanduhr. "Es wird Zeit. Nett, Sie kennen gelernt zu haben, Mitch."

Er nickte. "Gleichfalls."

"Auf Wiedersehen, Dad. Bis bald, Mutter." Kim war verwirrt, als sie ging. Vielleicht war Mitch schon gebunden und deshalb nicht interessiert, und sie hatte sich seinen bewundernden Blick nur eingebildet. Jedenfalls war sie noch keinem Mann begegnet, der so gut aussah wie er.

Sarge setzte sich und nahm sein Glas. "Kim benutzt einen Raum hinter der Garage als Lager. Sie kommt und geht, wann immer sie gerade etwas braucht", erklärte er.

"Genau." Sara lachte. "Als sie mit der Innendekoration anfing, hat Sarge ihr den Raum überlassen. Sie lagert dort Polsterstoffe und Vorhänge."

Mitch setzte sich wieder. "Haben Sie noch mehr Kinder?"

"Nur Kim", antwortete Sara. "Und Sie, Mitch? Haben Sie Familie in Montana?"

"Eine Schwester. Und einen Schwager. Blair hat im letzten Herbst geheiratet. Uns gehört noch immer das Haus unserer Mutter in Houghton. Wir haben es vermietet."

"Ein Extraeinkommen ist immer angenehm", bemerkte Sarge gut gelaunt.

Eine Bedienstete kam herein. "Das Abendessen ist fertig, Mrs. Armstrong."

"Danke, Lois." Sara stand auf. "Sind die beiden Herren bereit?"

"Selbstverständlich, Liebling", entgegnete Sarge. "Kommen Sie, Mitch. Wir haben die beste Köchin im Nordwesten. Sie werden das Essen genießen."

 

Kim Armstrong ging Mitch nicht mehr aus dem Sinn, ganz gleich, ob er bei der Arbeit war oder abends seine Kurse besuchte. Noch nie hatte er eine Frau so anziehend gefunden. Immer wieder musste er an ihr dichtes, dunkles Haar denken, das sie zu einem losen Nackenknoten geschlungen hatte. Es war bestimmt sehr lang, wenn sie es offen trug. Ihre Augen waren veilchenblau. Solch eine Augenfarbe hatte er noch nie gesehen. Dann ihr sinnliches Lachen.

Er konnte nicht damit aufhören, sich jede Einzelheit der Begegnung in die Erinnerung zurückzurufen. Zwischen ihnen war etwas Besonderes geschehen, das hatte er genau gespürt. Aber andererseits, was konnte schon daraus werden? Kim war die Tochter seines Chefs. Diese Frau bewegte sich in Kreisen, die ihm wahrscheinlich für immer verschlossen blieben. Er fühlte sich plötzlich minderwertig, ein Gefühl, das er bisher nicht gekannt hatte.

Er versuchte, dagegen anzukämpfen. Wahrscheinlich würde er Kim Armstrong ohnehin nie wieder begegnen. Sarge war zwar nett zu ihm gewesen, doch dadurch wurde Mitch nicht automatisch zum Dauergast in seinem Haus. Und wo sonst sollte er Kim treffen? Er wusste nicht einmal, in welcher Gegend von Seattle sie wohnte.

Ungefähr zwei Wochen nach der Begegnung mit Kim nahm Mitch abends wie üblich seine Post aus dem Briefkasten. Er öffnete die Wohnungstür, warf alles auf den Tisch und zog seine Arbeitsschuhe aus. In Gedanken war er bei dem Test in Wirtschaftskunde, der ihm heute bevorstand. Nur weil er einen Antwortbrief von seiner Schwester erwartete, sah er die Post gleich durch.

Das meiste war Werbung und wanderte in den Mülleimer. Kein Brief von Blair. Ein Umschlag ließ ihn stutzen, und er las die handgeschriebene Adresse des Absenders. Es war eine Firma – Meridian Homes. Er riss den Umschlag auf und zog eine gedruckte Einladungskarte heraus.

 

Meridian Homes hat das Vergnügen, die Präsentation von fünf neuen Musterhäusern, 3135 Lakeview Avenue, bekannt zu geben. Sie sind herzlich zum offiziellen Eröffnungsempfang am Samstag, dem 5. Juni, um 13.00 Uhr eingeladen. Für Erfrischungen ist gesorgt.

 

Mitch überprüfte noch einmal den Umschlag. Er war persönlich an ihn adressiert. Wie kam eine Immobilienfirma dazu, ihn direkt anzuschreiben? Dann entdeckte er den Satz auf der unteren linken Seite der Einladung: Die Musterhäuser wurden von Kimberly Armstrong eingerichtet.

Die Einladung kam von Kim. Sein Herz begann, schneller zu schlagen. Warum hatte sie sich die Mühe gemacht? Wollte sie ihn auf diese Weise wieder sehen?

Mitch ging auf Strümpfen umher und überlegte. War es möglich, dass sie auch Schwierigkeiten hatte, ihn zu vergessen? Aber sah sie denn nicht ein, dass zwischen ihnen Welten lagen? Er arbeitete für ihren Vater, sie hingegen war eine Prinzessin. Dazu eine ausgesprochene Schönheit, für die nur das Beste gut genug war. Wahrscheinlich hatten Sarge und Sara ihr immer jeden Wunsch von den Augen abgelesen.

Mitch nahm die Einladung und warf sie zu den Werbeprospekten in den Mülleimer. Er konnte dort nicht hingehen. Er war viel zu realistisch, um sich vorzumachen, bei Kim Armstrong eine Chance zu haben. Sie glaubte vielleicht, ein tiefer Blick in die Augen würde alle Unterschiede auslöschen. Er wusste es besser. Er war arm aufgewachsen. Sein Vater starb, als er noch ein Kind war. Seine Mutter, seine Schwester und er hatten für ihr Auskommen kämpfen müssen. Das war jetzt Vergangenheit. Er glaubte an die Zukunft, an harte Arbeit und die Bereitschaft, sich voll einzusetzen. Eines Tages würde er es geschafft haben. Bis dahin lernte er und vergeudete seine Zeit besser nicht mit Träumen von einer unerreichbaren Frau.

Nachdem Mitch geduscht und gegessen hatte, fuhr er in den Kurs und absolvierte den Test. Auf dem Heimweg kaufte er sich zur Belohnung einen Sechserpack Bier.

Zu Hause öffnete er eine Flasche und setzte sich in das winzige Wohnzimmer. Sofort erschien Kims Bild wieder vor ihm. Er schloss einen Moment die Augen und erlebte ihre Begegnung aufs Neue. Wäre sie nicht Sarges Tochter, hätte er schon einen Weg gefunden, sie wieder zu sehen.

Er war verärgert. Warum sehnte er sich nach einer Frau, die er niemals haben konnte? Ich sollte wirklich Besseres mit meiner Zeit anfangen, ermahnte er sich.

Es half nicht. Die Einladung blieb verlockend. Allein, dass Kim an ihn dachte, hatte ihn erneut aufgewühlt. Und wenn er nun zu dieser Eröffnung hinginge? Was erhoffte sie sich? Sein Mund wurde trocken, und er nahm einen Schluck Bier.

Er sah sich bewusst in seiner bescheidenen Wohnung um. Das war seine Welt. Zwei kleine Zimmer, Küche, Bad. Er grinste bei dem Gedanken, dass Kim Armstrong durch diese Räume ging und die einfache Einrichtung und beinahe kahlen Wände betrachtete.

Nein, fort mit diesen Gedanken. Die Vorstellung von Kim in seiner Wohnung führte zu Fantasien, die ihn in Schweiß ausbrechen ließen.

"Es reicht", murmelte er und stand auf. Er trank den Rest Bier aus und trug die leere Flasche in die Küche. Dort fiel sein Blick auf den Mülleimer. Die Einladung lag obenauf. An dieser Eröffnung teilzunehmen wäre die dümmste Idee, die ich jemals hatte, dachte er, nahm die Einladung heraus und warf dafür die Bierflasche hinein. Vielleicht würde er ja hingehen, vielleicht auch nicht.

Jedenfalls fühlte er sich besser, wenn die Einladung auf dem Tisch und nicht im Mülleimer lag. Er löschte das Licht und ging schlafen.

 

Die Eröffnung war ein großer Erfolg. Kim hatte so viele Hände geschüttelt und Komplimente zu der Dekoration der Häuser entgegengenommen, dass ihr der Kopf schwirrte. Die Menge verlief sich langsam, obwohl immer noch Gruppen in angeregter Unterhaltung zusammenstanden. Mancher Besucher hielt ein Glas und einen kleinen Teller mit Snacks in der Hand.

Trotz des Erfolgs verspürte Kim eine leichte Enttäuschung – Mitch Conover war nicht gekommen. Natürlich ließ sie sich nichts anmerken. Ihr Lächeln war echt, und sie unterhielt sich angeregt mit ihren Gästen.

Sie hatte es als große Herausforderung empfunden, fünf Häuser vollständig einzurichten, und neben verschiedenen kleineren Aufträgen fast den ganzen Winter intensiv daran gearbeitet. Jetzt würden ihre Tage wieder normaler verlaufen, obwohl durch die Ausstellung weitere Aufträge kommen würden.

Leicht erschöpft, stand Kim etwas abseits. Ungefähr zweihundert Menschen waren durch die Ausstellung gewandert. Jetzt war ihre Arbeit hier beendet. Sie beschloss, nach Hause zu fahren, nahm ihre Handtasche und machte sich auf den Weg zum Ausgang. Sie hatte schon den halben Raum durchquert, da stockte ihr fast das Herz. Mitch Conover stand in der Tür. Die Stirn gerunzelt, betrachtete er missmutig die vielen Menschen.

Kim holte tief Luft und setzte ihren Weg fort. Der Ausdruck in Mitchs Gesicht änderte sich, als er sie auf sich zukommen sah.

Jetzt war sie bei ihm. "Hallo, Mitch." Sie klang etwas atemlos. "Ich dachte nicht, dass Sie noch kommen würden."

Wie bei ihrer ersten Begegnung verspürte Mitch wieder das dumpfe Ziehen in der Magengegend. Sie war genauso schön, wie er sie in Erinnerung hatte, und er konnte den Blick nicht von ihr wenden. "Hallo, Kim." Er grinste schwach. "Ich wusste nicht genau, ob die Einladung ein Versehen war."

"Nein. Ich habe Ihren Namen selbst auf die Liste gesetzt."

"Das dachte ich mir dann auch." Plötzlich fragte er sich, warum er überhaupt gekommen war. Sie sah attraktiv und gleichzeitig unnahbar aus in ihrem schicken dunkelblauen Kostüm. Wahrscheinlich ein sehr teures Modell. Dazu trug sie hochhackige Schuhe. Das offene Haar fiel ihr in großen Locken auf die Schultern und wurde an einer Seite von einem Kamm zurückgehalten. Er sah auf ihre Lippen und wandte den Blick sofort wieder ab, denn ihm wurde glühend heiß. "War die Ausstellung ein Erfolg?"

"Sogar ein großer. Mehr als zweihundert Besucher. Darf ich Ihnen etwas anbieten? Getränke, Snacks …"

"Nein danke. Ich bin nur kurz vorbeigekommen."

"Oh." Kim suchte fieberhaft nach einer Möglichkeit, ihn festzuhalten. "Vielleicht möchten Sie die Häuser besichtigen? Die meisten Besucher sind schon gegangen." Sie lächelte. "Ich würde Ihnen gern meine Arbeit zeigen."

Fast hätte er sie nach dem Grund für ihr Interesse an ihm gefragt. Es war nur zu offensichtlich und verwirrte ihn. Gleichzeitig fühlte er sich euphorisch. Die Tochter des Chefs sollte sich nicht mit einem Angestellten ihres Vaters abgeben, und doch stand sie vor ihm. Mit ihrem strahlenden Lächeln und den verführerischen Lippen.

"Ja", sagte er leise, "ich sehe mir gern Ihre Arbeit an."

"Kommen Sie."

Mitch folgte ihr etwas benommen durch den Raum und eine weitere Tür. Draußen gab es Fußwege und ein Schild vor jedem Haus, das die Größe der Wohnfläche und den Namen des Modells angab.

"Das hier ist das Modell Chablis", sagte Kim. "Es ist am kleinsten."

Mitch betrachtete das Haus von außen. Es gefiel ihm. Als sie eintraten, hielt er verblüfft den Atem an. Überall frische, helle Farben, angefangen bei den Wandbespannungen über die Teppiche und Bodenbeläge bis ins kleinste Detail der harmonischen Einrichtung. "Es ist wunderschön, Kim."

"Ja", gab Kim lächelnd zu. "Jedes Haus ist anders gestaltet. Mein Lieblingsmodell ist … Nein, ich verrate es nicht. Es interessiert mich, welche Wahl Sie treffen."

Sie gingen weiter. Jedes der fünf Häuser war auf seine Art ein Meisterwerk. Schließlich blieb Kim bei dem letzten Haus stehen. "Welches gefällt Ihnen am besten?"

"Eine schwere Frage. Ich mag sie alle, aber … das Modell Cabernet gefällt mir am besten."

Kim klatschte begeistert in die Hände. "Das ist auch mein Lieblingshaus."

"Sind alle Musterhäuser nach Weinsorten benannt?"

"Ja. Die Namen hat Meridian ausgewählt. Aber sie stören mich nicht. Sie etwa?"

Er lächelte. Sie war so überschwänglich in ihrer Begeisterung. "Sie mögen Ihre Arbeit sehr, nicht wahr?"

"Ich liebe sie. Jeder sollte so viel Glück haben wie ich." Ihre Stimme wurde weich. "Ich bin froh, dass Sie gekommen sind, Mitch."

Sein Lächeln verschwand. Sie standen noch immer vor dem letzten Haus und waren allein. Er hätte sie leicht berühren können. Das Verlangen, es zu tun, schmerzte beinahe. "Kim … das wird nicht gut gehen."

Sie sah ihn herausfordernd an. "Ich bin völlig frei. Und Sie?"

"Darum geht es nicht."

"Doch, genau darum. Als wir uns begegnet sind, habe ich sofort gefühlt, dass wir uns mögen. Und das Gefühl ist immer noch da. Wenn Sie es nicht …"

"Sprechen Sie nicht weiter." Mitch blickte zur Seite. Jetzt bereute er es, überhaupt gekommen zu sein. Welcher Mann konnte schon Kim widerstehen? Sie war nicht nur schön und intelligent, sondern auch offen und ehrlich. Sie würden beide leiden, wenn die Sache schief ging.

Er sah auf seine Uhr, als hätte er eine wichtige Verabredung. "Ich muss jetzt leider gehen."

Sie tat, als hätte sie es nicht gehört. "Und Sie? Sind Sie frei?" fragte sie leise.

Er schüttelte ungeduldig den Kopf. "Ich arbeite für Ihren Vater."

"Ist das denn wichtig für Sie und mich?"

"Ich denke, das sollte es besser sein."

"Wollen Sie damit sagen, dass wir wegen Ihrer Arbeit nicht befreundet sein können?"

"Sie verstehen nicht."

"Das stimmt. Ich verstehe wirklich nicht. Allein, dass dieses Thema für Sie eine Rolle spielt." Kim biss sich auf die Lippe. "Mitch, das ist eine seltsame und altmodische Einstellung. Glauben Sie, Dad würde es etwas ausmachen?"

"Ganz bestimmt. Und Ihnen sollte es besser auch etwas ausmachen. Aber ich muss jetzt wirklich gehen. Kommen Sie mit?"

"Ja. Warten Sie nur noch einen Augenblick." Ihre Stimme klang flehend, und sie hasste sich selbst dafür, auf diese Weise Druck auszuüben. Doch mit dieser lächerlichen unzeitgemäßen Einstellung konnte sie ihn nicht gehen lassen. "Sie irren sich wegen Dad, und …"

"Kim, wenn Sie jetzt versuchen wollen, mich zu überreden, werden wir beide es noch eines Tages bereuen."

"Warum?"

Sein Blick verfinsterte sich. "Wollen Sie etwa eine Affäre? Mehr ist nicht drin."

Sie wurde rot. "Alles, woran ich gedacht habe, war …" Sie atmete tief durch. "Nein, an eine Affäre habe ich wirklich nicht gedacht, Mitch. Und normalerweise werfe ich mich nicht gleich jedem Mann an den Hals …" Verlegen wandte sie ihm den Rücken zu.

Er betrachtete ihre schlanke Gestalt und fühlte sich irgendwie mies. "Es tut mir Leid", sagte er versöhnlich und legte ihr eine Hand auf die Schulter. "Ich bin nur so verwirrt, Kim. Wir leben in zwei verschiedenen Welten. Ich bin ein gewöhnlicher Angestellter, und Sie …" Er ließ den Satz offen.

Sie wandte sich zu ihm um. "Ich bin was, Mitch?" Er antwortete nicht. "Was wissen Sie von mir? Wirklich, ich war noch nie so direkt zu einem Mann, aber ich mag Sie. Und Sie mögen mich auch. Sonst wären Sie nicht gekommen. Aber sprechen Sie nicht von einer Affäre."

Er ärgerte sich über sich selbst. Kim war offen zu ihm gewesen, und er hatte nicht gerade freundlich darauf reagiert. Aber er hätte es gar nicht erst so weit kommen lassen dürfen.

Gleichzeitig hatte er noch nie eine Frau so sehr begehrt. "Was soll ich tun?" fragte er heiser.

"Tun?" Ihre Augen blitzten auf. "Ich will Sie wieder sehen."

"Wozu?"

"Was soll ich darauf antworten? Vielleicht entdecken wir ja nach ein paar Stunden, dass wir uns unsympathisch sind."

Er nahm ihren Arm. "Sie beschwören das Unglück förmlich herauf, Kim. Betrügen Sie sich doch nicht selbst."

Sie holte tief Luft. "Ich habe keine Angst, Mitch."

"Vielleicht sollten Sie das."

"Geben Sie mir keine Ratschläge. Und urteilen Sie nicht über mich, bevor Sie mich nicht besser kennen."

"Und in der Zwischenzeit?"

Einem Mann wie Mitch Conover war sie noch nicht begegnet. Jeder Einwand, den er vorbrachte, verstärkte nur noch ihr Interesse an ihm. Sie befeuchtete sich die Lippen. "Ja, was machen wir in der Zwischenzeit? Wie wäre es, wenn Sie mich besuchen kämen?"

2. Kapitel

 

Das wird niemals gut gehen, dachte Mitch, während er um sieben Uhr am selben Abend von seiner Wohnung aus zu Kim fuhr.

Wie erwartet, lag der elegante Häuserkomplex, in dem Kim ihr Apartment hatte, in einer der vornehmsten Gegenden der Stadt. Mitch klingelte. Sein Magen fühlte sich flau an.

Die Tür öffnete sich. Kim stand da und strahlte ihn an. "Hallo."

"Hallo."

"Kommen Sie rein."

"Danke." Mitch trat ein.

Kim schloss die Tür. "Haben Sie gut hergefunden?"

"Die gleiche Frage hat Sarge mir auch gestellt, als ich bei ihm eingeladen war."

Sie lachte. "Wohl ein Fall von Vererbung."

Er konnte kaum atmen. Seine Brust war wie zugeschnürt. Sie hatte das Kostüm gegen einen weich fallenden Baumwollrock, eine weite Bluse und flache Schuhe eingetauscht. Ohne Absätze reichte Kim ihm bis kaum an die Schulter. Ihr Haar fiel jetzt glatt herunter. Offenbar hatte sie die Locken wieder herausgebürstet. So gefiel es ihm noch besser. Automatisch stellte er sich vor, wie er mit den Fingern durch ihr langes Haar fuhr.

Einen Augenblick sahen sie sich nur stumm an. Bis Kim schließlich das Schweigen brach. "Kommen Sie mit in die Küche. Ich war gerade dabei, einen Salat zu machen."

Er nickte. Kim führte ihn durch das Wohnzimmer. Die Einrichtung fand er äußerst geschmackvoll. Aber darüber konnte er mit ihr wohl kaum reden, und ein anderes Thema fiel ihm nicht ein. Also schwieg er weiter. Seltsam, bisher hatte er nie Schwierigkeiten gehabt, sich mit einer Frau zu unterhalten. Er fühlte sich regelrecht unbehaglich.

"Setzen Sie sich am besten an die Theke."

Mitch glitt auf den Hocker und sah ihr dann dabei zu, wie sie eine Bierflasche aus dem Kühlschrank nahm. "Ich habe bei Dad gesehen, dass Sie Bier trinken, und dachte mir, dass Sie es vielleicht mögen. Brauchen Sie ein Glas dafür?"

"Nein danke. Ich trinke lieber aus der Flasche." Mitch öffnete den Bügelverschluss und nahm einen Schluck. Das kalte Bier tat ihm gut. Normalerweise war er nicht so durstig. Es musste an Kim Armstrong liegen, die jetzt mit anmutigen Bewegungen eine Schüssel mit Salatblättern füllte.

Kim sah auf. "Leben Sie schon immer in dieser Gegend?"

Offenbar hatte sie mit ihren Eltern nicht über ihn gesprochen. Vielleicht hatte sie das Thema absichtlich vermieden. "Ich stamme aus Montana. Hier lebe ich seit ungefähr zwei Jahren."

"Ich liebe Montana." Kim lächelte ihn an. "Ich wette, Sie sind auf einer Ranch aufgewachsen. Ich kann Sie mir gut auf einem Pferd vorstellen."

Er verzog das Gesicht. "Mit Pferden hatte ich wenig zu tun. Ich bin in der Stadt aufgewachsen. In Houghton. Aber meine Schwester hat einen Rancher geheiratet."

"Sie haben eine Schwester? Ist sie jünger oder älter?"

"Blair ist drei Jahre jünger."

"Und Sie sind … wie alt?"

"Neunundzwanzig."

Kim lächelte. "Sie sind bestimmt zu höflich, um mich jetzt nach meinem Alter zu fragen. Aber ich verrate es Ihnen. Ich bin siebenundzwanzig. Und Ihre Eltern? Leben Sie noch in Houghton?"

"Meine Eltern sind tot."

"Das tut mir Leid." Kim raspelte den Sellerie. "Dann gibt es nur Sie und Ihre Schwester. Sehen Sie sich oft?"

"Ich war seit ihrer Hochzeit nicht mehr dort. Aber im August fahre ich wahrscheinlich hin." Mitch schwieg kurz, ehe er hinzufügte: "Dann habe ich Urlaub."

Er wartete auf ihre Reaktion, nachdem er ihr deutlich gemacht hatte, dass er in abhängiger Stellung war. Ein bestürzender Gedanke durchfuhr ihn. Bis er Kim kennen gelernt hatte, war er stolz auf seinen Job gewesen. Und zufrieden. Schämte er sich nun, nur ein Angestellter zu sein?

Kim lächelte. "Vielleicht fahre ich mit."

"Wie bitte?"

"Wenn Sie im August Ihre Schwester besuchen", erklärte sie. Als er sie daraufhin verblüfft anstarrte, lachte sie. "Machen Sie nicht so ein erschrockenes Gesicht. Ich sagte Ihnen doch, dass ich Montana liebe."

"Sie machen Spaß, oder?"

"Nun seien Sie doch nicht so ernst. Ich wette, Sie tun nie etwas Spontanes." Sie schnitt eine Gurke in Scheiben. "Ich dagegen bin manchmal etwas zu impulsiv."

"Das habe ich bemerkt."

Sie sah hoch. "Haben Sie noch immer das Gefühl, ich würde Sie bedrängen? Die Einladung zur Musterhausbesichtigung war übrigens alles andere als impulsiv. Ich habe eine Woche nachgedacht, ehe ich Ihren Namen auf die Liste setzte. Vorher habe ich versucht, mir einzureden, dass ich von Ihnen schon hören würde, falls Sie mich wieder sehen wollten. Aber Sie hätten nie den ersten Schritt getan, oder?"

"Nein."

"Glauben Sie jetzt, dass ich hinter Ihnen her bin?"

Er zögerte. "Ich glaube, dass Sie die aufregendste und schönste Frau sind, die ich kenne."

Sie befeuchtete sich die Lippen. "Und trotzdem hätten Sie keinen Kontakt aufgenommen?"

"Sie wissen den Grund."

"Weil Sie für Dad arbeiten. Sagten Sie schon. Mir ist das völlig egal."

"Das sollte es aber nicht sein."

"Doch. Und Ihnen sollte es auch egal sein." Kim wusch sich die Hände und schob die Salatschüssel in den Kühlschrank. Dann ging sie um die Theke herum und stellte sich vor Mitch hin. "Sie würden auch nie den zweiten Schritt tun, oder?" fragte sie herausfordernd.

Sein Herz hämmerte laut. "Lassen Sie das, Kim."

Langsam hob sie eine Hand und strich ihm das Haar aus der Stirn. "Ich weiß, dass Sie mich mögen", flüsterte sie.

Er biss die Zähne zusammen. "Seien Sie vorsichtig."

"Ich will nicht vorsichtig sein, Mitch. An dem Abend, an dem wir uns begegnet sind, ist etwas zwischen uns geschehen. Und ich will herausfinden, was es ist."

"Wenn Sie so weitermachen, werden Sie das auch."

"Gefällt es Ihnen nicht, was ich tue?" Sie spielte mit seinem Haar.

Er griff nach ihrer Hand und hielt sie fest. Seine Augen waren dunkel. "Vielleicht sollten Sie vorher die Spielregeln kennen."

Sie tat belustigt. "Welche Spielregeln?"

Er wollte sie nicht wieder vor den Kopf stoßen. Wenn sie weiter an ihm herumspielen wollte, nun gut. Aber zu mehr würde es nicht kommen. Vielleicht konnte sie vergessen, wer sie war. Er jedenfalls nicht.

"Mitch", sagte sie weich. "Sie sind so ernst. Woran denken Sie?"

"Was glauben Sie?" fragte er barscher als gewollt. Aber er spürte, dass er schwach zu werden drohte. Er war nahe daran, etwas zu tun, was er später bereuen würde.

Sie drehte ihre Hand in seiner, sodass ihre Handflächen sich berührten. "Seien Sie nicht so verdammt anständig", flüsterte sie. "Ich bin froh, dass wir uns begegnet sind. Und Sie auch, denn sonst wären Sie nicht hier."

Das letzte bisschen Widerstand war verflogen. Er zog seine Hand aus ihrer, ergriff sie bei den Schultern und küsste sie. Hart und besitzergreifend. Das Verlangen ließ ihn alle guten Vorsätze vergessen.

Die Heftigkeit, mit der er sie küsste, raubte Kim den Atem. Ihr wurde schwindlig, und verwirrt brach sie den Kuss ab. Eine Weile sahen sie sich nur an.

"Vielleicht spiele ich wirklich mit dem Feuer", flüsterte sie schließlich und lächelte schwach. "Wir sollten uns wohl besser auf das Essen konzentrieren."

Mitch hielt sie nicht zurück, als sie sich von ihm löste und wieder auf die andere Seite der Theke ging. Diese kleine Barriere garantierte keine Sicherheit. Der Kuss hatte einen nie gekannten Hunger in ihm geweckt. Ihre Reaktion deutete auf den gleichen Grad an Erregung hin. Er wusste, wenn er sie erneut in die Arme nahm, würden sie sich im nächsten Moment im Bett wiederfinden. Der Drang, es zu tun, wurde beinahe unerträglich.

"Erzählen Sie mir von sich", sagte Kim so unbefangen wie möglich, während sie die Steaks aus dem Kühlschrank nahm.

"Was wollen Sie wissen?"

Kim legte die Steaks in eine Pfanne. "Was machen Sie in Ihrer Freizeit?"

"Ich besuche Kurse. Vier Abende die Woche."

"Das lässt nicht viel Zeit für ein Privatleben."

"Nein." Es war seltsam. Er hätte Kim gern alles über sich erzählt. Von dem Jungen, der den plötzlichen Tod seines Vaters zu verarbeiten hatte. Von dem bedrückenden Gefühl, nun der Mann in der Familie zu sein und zu wissen, nicht wirklich für seine Mutter und seine Schwester sorgen zu können. Hunderte von Geschichten über seine Kindheit in Houghton kamen ihm in den Sinn. Und noch einmal so viele über sein späteres Leben. Die vielen Jobs, in denen er nicht fand, wonach er suchte. Bis er die Mechanikerstelle bei Armstrong Paving antrat. Er hätte Kim gern von seinem raschen Vorankommen in der Firma erzählt und wie wichtig ihm seine Arbeit war.

Doch diese privaten Geschichten würden zu noch mehr Intimität führen. Am besten, er brachte das Abendessen einigermaßen anständig hinter sich und ließ sich auf keine weiteren Treffen mehr ein.

"Ich habe auch nicht viel freie Zeit", sagte Kim. "Meine Kunden wollen oft Termine noch spät abends oder an den Wochenenden." Sie lächelte. "Ich pendle sozusagen zwischen meinem Atelier und den Kunden. Möchten Sie meinen Arbeitsplatz einmal sehen?"

Kim plante also schon das nächste Treffen. Ihm wurde wieder unbehaglich zu Mute. "Vielleicht irgendwann", sagte er unverbindlich.

Sie schob die Pfanne in den Backofen. "Wie mögen Sie Ihr Steak?"

"Medium."

"Genau wie ich. Das Fleisch ist in ungefähr acht Minuten fertig. In der Zwischenzeit decke ich den Tisch."

 

Während des Essens bestritt Kim die Unterhaltung fast ganz allein. Sie redete über alles, von der Politik bis zu ihren bevorzugten Autoren, über Filme und ihre Freunde.

Wie einfach könnte doch alles zwischen ihnen sein, wäre er nicht der Angestellte ihres Vaters. Sie war nicht nur schön, sondern auch unterhaltsam. Gab es eigentlich etwas, was ihm nicht an ihr gefiel? Er dachte besser gar nicht darüber nach.

Nach dem Essen schlug Kim vor, noch einen Kaffee im Wohnzimmer zu trinken. Mitch beschloss, auf eine Tasse dazubleiben und sie spätestens dann zu verlassen.

Kim setzte sich in den Sessel, der am nächsten zum Sofa stand, auf dem er Platz genommen hatte. "Ich hoffe, es hat Ihnen geschmeckt. Ich bin keine besonders gute Köchin."

"Das Essen war großartig."

Sie sah ihn nachdenklich an. "Jetzt wäre der passende Augenblick, um mir anzubieten, dass Sie das nächste Mal kochen, und ich würde …"

"Nein, Kim." Er sah ihr bestürztes Gesicht und fühlte sich entsetzlich. Auf sein unhöfliches Benehmen brauchte er wahrhaftig nicht stolz zu sein. Aber wie konnte er ihr nur seine Lage begreiflich machen, ohne ihr wehzutun?

"Und Sie glauben wirklich, wir sollten uns nicht wieder sehen? Sie sind doch nur so stur wegen dieser blödsinnigen Idee, mich nicht treffen zu können, weil Sie für Dad arbeiten. Über dieses Thema würde ich gern noch einmal mit Ihnen reden."

"So?"

"Ja. Und Sie?"

Er lehnte sich zurück. "Okay. Sie fangen an."

"Gut." Kim holte tief Luft. "Erstens neigen meine Eltern nicht zu Vorurteilen. Zweitens arbeitet niemand für Dad, der keine gute Arbeit leistet. Das allein beweist schon, dass er viel von Ihnen hält. Drittens bin ich seit fünf Jahren finanziell unabhängig, und meine Eltern sind stolz darauf. Sie würden sich nie in mein Privatleben einmischen."

Mitch sah sie ruhig an. "Das Wesentliche fehlt."

"So?"

"Sie haben mit keinem Wort erwähnt, wie ich mich fühlen könnte."

"Und wie fühlen Sie sich?"

Er beugte sich vor und sah sie eindringlich an. "Ich will nicht in der Firma aufsteigen, indem ich die Tochter des Chefs küsse."

Kim hob stolz das Kinn. Was er da sagte, war nicht nur dumm, sondern auch verletzend. "Die Armstrongs sind nicht so naiv. Und in die Kategorie Mitgiftjäger passen Sie gar nicht."

"Ich habe auch keine Ambitionen in dieser Richtung." Mitch stand auf. "Ich sollte jetzt gehen. Danke für das Essen."

Verärgert stand sie auch auf. Dennoch machte sie einen erneuten Versuch. "Wir könnten etwas sehr Schönes zusammen erleben. Und Sie zerstören alles."

Mitch stöhnte. "Wollen Sie, dass ich es Ihnen zeige? Das Einzige, was möglich ist?"

Verängstigt wich sie einen Schritt zurück. Anscheinend war sie zu weit gegangen, denn er machte ein drohendes Gesicht. Sie empfand auch nicht gerade friedliche Gefühle. Schließlich war er im Unrecht, nicht sie. "Was wollen Sie mir in so kurzer Zeit schon zeigen?" fragte sie herausfordernd. "Beziehungen brauchen Zeit. Ihre Weigerung …" Sie schnappte nach Luft, so plötzlich hatte er sie gepackt. "Was tun Sie da?"

Die Frage war überflüssig. Er hielt sie in seinen Armen gefangen. Völlig verblüfft, spürte sie die Hitze und die Kraft, die von ihm ausging.

"Ich zeige Ihnen, was wir zusammen haben können", murmelte er und küsste sie so stürmisch, dass in ihr ein Feuerwerk zu explodieren schien.

In Kims Kopf überschlugen sich die Gedanken. Ihre Knie wurden weich und begannen zu zittern. Sie stöhnte auf, lehnte sich gegen ihn und schlang die Arme um seine Taille. Ja, sie wusste es längst. Sie waren das perfekte Paar.

Sie spürte seine Zunge in ihrem Mund und seine Hände auf den Hüften. In ihr regte sich keine Abwehr. Im Gegenteil. Sie drängte sich noch näher an ihn heran.

Mitch stöhnte auf. Dann sah er ihr gerötetes Gesicht und den verschleierten Blick und löste sich von ihr. "Ist es das, was du wolltest?" fragte er beinahe grob.

Noch benommen von seinem Kuss, flüsterte sie: "Ja. Aber das ist noch nicht alles."

Seine Augen funkelten. "Den Rest erledigen wir besser im Schlafzimmer. Bist du bereit? Ich bin es."

In der Tat war er bereit. Sie konnte seine Erregung deutlich an ihrer Hüfte spüren, und ihr eigenes Herz schlug wie wild. Ja, sie wollte ihn auch. Ein bittersüßes Gefühl des Verlangens stieg in ihr auf.

Aber es war zu früh. Ein paar Küsse, auch wenn sie verlockend und aufreizend waren, ergaben noch keine Beziehung. Kim spürte mehr bei Mitch. Ja, sie konnte sich sogar eine Zukunft mit ihm vorstellen.

Sie suchte seinen Blick. "Du meinst, dass es nur Sex zwischen uns geben kann? Das glaube ich dir nicht."

Er schloss die Augen. Sie lag noch immer in seinen Armen, und ihre Wärme drang durch die Kleider bis auf seine Haut. Was hatte er beweisen wollen? Doch nur, dass sie sich zueinander hingezogen fühlten. Wie sollte er ihr auch nach drei gemeinsam verbrachten Stunden klar machen, dass er auf keinen Fall die Tochter seines Chefs heiraten würde?

Doch sie konnten nicht einfach nur Freunde sein. Dazu war die Leidenschaft zu groß.

"Ich schlafe mit dir, jetzt, wenn du das willst", sagte er heiser. "Danach ist Schluss. Keine weiteren Verabredungen, keine Anrufe, keine …"

"Hör auf damit!" unterbrach sie ihn. Doch sofort wurde ihre Stimme wieder weicher, als sie sagte: "Lern erst Dad und Mutter besser kennen." Sie berührte sein Gesicht. "Und auch mich. Die Armstrongs …"

Er löste sich brüsk von ihr. "Du hörst mir nicht zu. Bist du so daran gewöhnt, deinen Willen durchzusetzen, dass du andere einfach übergehst?"

Kim holte Luft. "Das ist unfair. Du scheinst es zu genießen, Gemeinheiten zu sagen. Daran bist du wohl gewöhnt."

Sie sahen sich schweigend an.

"Wir reden aneinander vorbei", murmelte Mitch schließlich. "Doch warum sollte es auch anders sein? Wir sind einfach zu verschieden. Ich gehe jetzt." Er wandte sich zur Tür.

Kim zögerte, doch dann trat sie vor ihn und versperrte ihm den Weg. "Ich glaube nicht, dass wir so verschieden sind", sagte sie und sah ihm unerschrocken ins Gesicht.

"Lass das, ich möchte gehen."

Plötzlich schämte sie sich. Sie war noch nie einem Mann hinterhergelaufen oder hatte um seine Aufmerksamkeit gebettelt. Aber er war wie verbohrt und trieb sie damit noch zum Wahnsinn. Mit der Tochter des Chefs auszugehen schien für ihn eine Todsünde zu sein.

Gleichzeitig hatte er sie leidenschaftlich geküsst. Es tat weh, dass er sie mochte und es nicht zugeben wollte.

Sie überwand ihre Verlegenheit und entfaltete ihren ganzen Charme, als sie ihn anlächelte. "Wir werden uns wieder sehen, Mitch", sagte sie mit weicher Stimme.

"Rechne nicht damit. Und lass mich jetzt vorbei."

"Wenn ich einer Affäre zugestimmt hätte, würdest du es dann auch so eilig haben?"

"Ich sprach von einer sehr kurzen Affäre."

"Da bin ich mir nicht so sicher. Gewöhnlich kommt der Appetit beim Essen."

"Verdammt, wir reden hier nicht übers Essen." Mitchs Gesicht war jetzt hochrot. Er spürte noch immer die Küsse auf den Lippen und ihren Körper in seinen Armen. Auch wenn er davon überzeugt blieb, dass sie nicht zusammenpassten, war Kim zu attraktiv, um ihn nicht in Versuchung zu führen. "Mach mir jetzt Platz, damit ich gehen kann."

"Ich lasse mich nicht einschüchtern", sagte sie sanft, obwohl ihr langsam die Argumente ausgingen. "Eines Tages wirst du es bereuen." Endlich trat sie zur Seite.

"Ich bereue es schon jetzt", brummte Mitch und griff nach dem Türknauf. "Leb wohl, Kim."

"Nein, ich sage nur: bis bald."

Er hörte es an ihrer Stimme, dass sie den Tränen nahe war. Um nicht doch noch nachzugeben, öffnete er schnell die Tür und trat hinaus.

Auf der Fahrt nach Hause verfluchte er abwechselnd seine eigene Dummheit und ihre Entschlossenheit. Warum war er nur zu ihr gefahren? Gut, zwischen ihnen hätte sich etwas anbahnen können, aber nur, wenn sie keine Armstrong wäre oder er nicht für Sarge arbeiten würde. Doch so standen die Dinge nun einmal. Er wäre ein Narr, wenn er nachgab. Allein der Gedanke, mit der Tochter seines Chefs ein Verhältnis zu haben, ließ ihn schaudern.

Ihn erfüllte plötzlich Bitterkeit. Für die Conovers war das Leben nie leicht gewesen. Doch während der letzten Jahre hatte sich vieles geändert. Seine Schwester war glücklich verheiratet in Montana, und er hatte einen guten Job in Seattle. Außerdem hatte er Geld gespart und war dabei, sich eine Zukunft aufzubauen. Sich auf Kim Armstrong einzulassen würde ihn gewaltig zurückwerfen. Nein, er hätte sie nicht küssen dürfen. Das war ein großer Fehler gewesen.

3. Kapitel

 

Kim nahm einige Stoffproben aus ihrer Tasche und breitete sie auf dem Tisch aus. "Das sind die Muster, die ich am Telefon erwähnt habe, Mrs. Hildebrand." Während Mrs. Hildebrand die Proben prüfte, erklärte Kim ihr die Webstrukturen und Farben. Die Kundin hatte eine komplette Neugestaltung ihres Schlafzimmers in Auftrag gegeben.

Das Gespräch zog sich noch fast eine Stunde hin. Mrs. Hildebrand war noch immer unentschlossen, als Kim sich schließlich verabschiedete. "Ich lasse Ihnen die Muster da. Nehmen Sie sich Zeit. Und rufen Sie mich an. Wenn sich herausstellt, dass kein Stoff Ihren Vorstellungen wirklich entspricht, arbeite ich Ihnen gern einen neuen Vorschlag aus."

Die Frau dankte Kim und brachte sie zur Tür. Kim stellte den Musterkoffer und ihre Handtasche auf den Beifahrersitz ihres Geländewagens, stieg ein und ließ den Motor an.

Während sie dann durch das Wohngebiet fuhr, um zur Hauptstraße zu gelangen, dachte sie, wie beinahe in jedem freien Moment, an Mitch Conover. Hätte sie diese intensiven Gefühle, die er in ihr geweckt hatte, schon einmal erlebt, wäre Mitch ihr vielleicht nicht so wichtig gewesen. Nun überlegte sie hin und her, wie sie ihn zu einem erneuten Treffen bewegen konnte.

Die Situation entbehrte nicht der Komik. Mitchs unnachgiebige Haltung erschien ihr geradezu lächerlich, und sie selbst fühlte sich unsicher wie ein Teenager. Es war demütigend. Warum war sie ausgerechnet hinter einem Mann her, der nichts von ihr wissen wollte?

Aber wollte er wirklich nichts von ihr wissen? Er hatte sie so leidenschaftlich geküsst, dass sie noch heute seine Küsse zu spüren glaubte. Hätte er sie denn überhaupt angerührt, wenn er davon überzeugt gewesen wäre, dass eine Beziehung zwischen ihnen unmöglich war?

Sie seufzte und fuhr langsamer, als sie plötzlich Baustellenschilder sah. Der Verkehr wurde dichter, und dann kam auch schon das aufgerissene Stück Straße. Sie lächelte. Die Lastwagen und alle Geräte trugen den Firmennamen Armstrong Paving und Asphalt.

Die Straße führte an einem großen Einkaufszentrum vorbei, und der dichte Verkehr kroch im Schneckentempo über die verengte Fahrbahn. Kim hatte in einer halben Stunde einen neuen Termin. Sie würde zu spät kommen. Es sei denn, sie könnte den Stau geschickt umfahren. Als sie an der Einfahrt zum Einkaufszentrum vorbeikam, bog sie kurz entschlossen ab. Vielleicht war das eine Möglichkeit.

Sie schlängelte sich zwischen den geparkten Wagen hindurch und bremste abrupt. Kaum zehn Meter von ihr entfernt stand Mitch. Er sprach mit zwei Männern, offenbar Kollegen. Sein Anblick ließ ihr Herz schneller schlagen.

Sie presste die Lippen zusammen. Das war die Gelegenheit. Sie sah sich um. Einfach anhalten ging nicht. Sie würde den Verkehr zu sehr behindern. Und die Zeit reichte nicht, einen Parkplatz zu suchen. Mitch würde nicht ewig dort stehen bleiben. Die beiden Männer gingen schon wieder. Sie musste schnell handeln.

Kim hupte. Mitch sah nicht einmal in ihre Richtung. An Autogeräusche war er offenbar gewöhnt. Sie fuhr näher an ihn heran und kurbelte das Seitenfenster herunter. "Mitch!" Er wandte sich um, und als er sie erkannte, runzelte er die Stirn. Kim nahm all ihren Mut zusammen. "Hallo! Hast du eine Minute Zeit?"

Er kam zu ihr herübergeschlendert und lehnte sich gegen den Wagen. "Das ist aber eine Überraschung."

Sie lächelte. "Ja, nicht wahr? Ich wollte die Abkürzung über den Parkplatz nehmen, und da sehe ich dich hier stehen. Ich kann doch nicht weiterfahren, ohne dich zu begrüßen. Wie geht es dir?"

"Kann nicht klagen", sagte er und dachte: Warum muss sie nur so verdammt attraktiv aussehen? Bis jetzt war er immerhin ansatzweise erfolgreich gewesen, sie zu vergessen.

Kim suchte verzweifelt nach einem Gesprächsthema. "Sieht aus wie ein ziemliches Stück Arbeit hier."

"Ach, die Baustelle ist klein. Wir sind morgen Abend fertig."

"Und dann?"

"Meine Leute sind für drei Meilen Asphalt bei Olympia eingeteilt."

"Deine Leute? Bist du der Bauleiter?"

"Ja."

"Wie lange wirst du dort sein?"

"Zehn Tage, zwei Wochen. Hängt davon ab."

"Arbeitest du oft auswärts?"

"Hin und wieder. Du musst doch wissen, wie die Firma arbeitet." Mitch reckte sich. "Da ist jemand hinter dir, der vorbeiwill."

"Oh, dann werde ich wohl Platz machen müssen. Mitch, es war nett, mit dir zu reden." Angestrengt hielt sie nach einer Parklücke Ausschau. Der Fahrer des anderen Wagens hupte bereits ungeduldig. "Ich werde da drüben parken. Hast du ein paar Minuten Zeit?"

"Kim …"

Sein Zögern machte ihr das Herz schwer. Sie verstand sich selbst nicht mehr. Es war doch sonst nicht ihre Art zu betteln. "Dann eben ein andermal", sagte sie betont gelassen. "Bis später, Mitch."

"Ja, bis später."

Als Kim weiterfuhr, bemerkte sie, dass ihre Hände zitterten. Die paar Minuten mit Mitch hatten sie total aufgewühlt. Verärgert schlug sie auf das Lenkrad.

Mitch ging wieder zu seinen Leuten. Die Arbeit war reine Routine, und er hatte sie im Griff. Nicht so seine Gedanken. Es gefiel ihm selbst nicht, dass er Kim verletzte. Bei jeder Begegnung. Und das nur, weil sie sich weigerte, seinen Standpunkt zu akzeptieren.

Ihm war nicht wohl, wenn er daran dachte, Sarge könne erfahren, dass seine Tochter sich mit einem seiner Angestellten traf. Entweder warf er ihn hinaus, oder es würde ihm recht sein, und er begann, ihn besonders zu fördern. Keine der beiden Möglichkeiten gefiel Mitch. Die zweite erschien ihm sogar schlimmer. Er würde auf der Stelle kündigen, wenn er auch nur den leisesten Verdacht hätte, er käme in der Firma nur auf Grund von Protektion voran.

Diese Einstellung würde Kim wohl nicht verstehen. Vielleicht war ihr Leben zu behütet gewesen, als dass sie begriff, wie wichtig es für einen Mann war, aus eigener Kraft voranzukommen.

Doch trotz aller Vernunft konnte er die enorme Anziehung, die Kim auf ihn ausübte, nicht verleugnen, und die unverhoffte Begegnung hatte seinen inneren Frieden erheblich gestört. Am Ende des Arbeitstages fuhr er missgelaunt nach Hause.

Die Stille in seiner Wohnung bedrückte ihn heute. Mitch hatte am Abend einen Kurs. Normalerweise duschte er, aß noch etwas und arbeitete seine Unterlagen durch. Mit dem Duschen war er schnell fertig. Dann zog er sich etwas Sauberes an und ging in die Küche. Er öffnete den Kühlschrank und starrte hinein. Beinahe leer. Auf dem Weg zur Abendschule würde er an einem Schnellimbiss anhalten.

Er setzte sich an den Schreibtisch und öffnete ein Buch. Der Text verschwamm ihm vor den Augen. Nach wenigen Minuten klappte er das Buch wieder zu und sah zum Telefon. Es drängte ihn plötzlich, sich bei Kim zu entschuldigen.

Er nahm sich das Telefonbuch von Seattle vor und öffnete es beim Buchstaben A. Dutzende von Armstrongs. Bei näherem Hinsehen kamen allerdings höchstens vier davon in Frage.

Sein dritter Anruf war erfolgreich. "Hallo", meldete sich Kim am anderen Ende der Leitung.

Nervös räusperte er sich. "Hallo. Hier ist Mitch."

Kim war vorsichtig. Mitchs Abfuhr schmerzte noch. "Welcher Mitch?"

"Wie viele kennst du?"

"Lass mich nachdenken. Mitch Stafford … Mitch Capelli …"

"Mitch Conover", fiel er ihr brüsk ins Wort. Ob sie ihm erfundene Namen aufzählte? Offenbar war sie gekränkt. Kein Wunder. Er hätte wahrscheinlich genauso auf eine Zurückweisung reagiert. "Ich rufe an, um mich zu entschuldigen", sagte er so ruhig wie möglich. "Ich war nicht sehr nett heute. Und das tut mir Leid."

Kim hielt den Atem an. Damit hatte sie nicht gerechnet. "Das ist lieb von dir", murmelte sie. "Danke."

"Keine Ursache."

Kim fragte sich, ob der Anruf nur diesem Zweck diente. Mitch hatte gleich mit seiner Entschuldigung angefangen. Sein nächster Satz würde zeigen, ob er noch mehr wollte.

"Übrigens ist mir dein Wagen aufgefallen. Solides Modell", sagte Mitch.

Sie lächelte zufrieden. Er schien an einer Fortsetzung des Gespräches interessiert zu sein.

"Mir gefällt der Wagen auch. Vor allem bei schlechtem Wetter."

"Kann ich mir vorstellen. Obwohl ich überrascht bin, dass du einen Geländewagen fährst."

"Warum?"

Er zögerte. Wenn er ihr sagte, dass sie viel besser in einen schnittigen kleinen Sportwagen passte, würde das Gespräch zu persönlich werden. Er beließ es besser bei der Entschuldigung und verabschiedete sich.

Doch irgendetwas hielt ihn zurück. Seit er in Seattle lebte, war er keiner Frau begegnet, die ihn so sehr anzog wie Kim. Und in Montana hatten seine Bekanntschaften nie länger als einen Tag oder eine Nacht gedauert. Er wusste nicht, was Kim so besonders für ihn machte. Sie war hübsch, sogar ausgesprochen schön. Aber er hatte andere gut aussehende Frauen gekannt. Zwischen ihnen beiden musste eine geheimnisvolle Verbindung bestehen. Selbst ihre Stimme am Telefon verursachte ein erotisches Prickeln auf seiner Haut.

"Kim …"

"Ja?" Es war nur ein Flüstern.

"Du sagtest, dass wir miteinander reden sollten." Er holte tief Luft. "Möchtest du, dass wir uns treffen?"

Sie erschrak vor Freude. "Ja, gern. Wann?"

"Heute Abend kann ich nicht. Ich muss gleich zu meinem Kurs. Aber am Wochenende würde es passen."

Er klang angespannt, so als ob ihm sein eigenes Verhalten unheimlich erschien. Dieses Mal hatte sie ihn nicht überredet. Es war sein Entschluss. Kim fühlte sich wie im siebten Himmel. "Wann fährst du nach Olympia?"

"Montag bringen wir die Ausrüstung hin."

"Sollen wir uns für Samstag verabreden?" fragte sie ruhig.

"Samstag wäre in Ordnung."

"Was hältst du von einer Probefahrt in meinem Geländewagen?" fragte Kim fröhlich.

Mitch überlegte einen Augenblick. Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn sie sah, in welchen Verhältnissen er wohnte. "Du könntest mich abholen." Er nannte ihr die Adresse.

"Ich habe Samstagmorgen noch einen Termin. Wie wäre es um zwei?" Sie bemerkte, wie atemlos ihre Stimme klang.

"Zwei Uhr passt gut. Bis dann also."

"Danke für deinen Anruf. Wir sehen uns dann Samstag." Sie legte auf.

Nach dem Gespräch saß Kim noch eine Weile lächelnd da und platzte beinahe vor Aufregung. Was hatte ihn nur zu dieser Kehrtwendung veranlasst?

Doch das spielte im Grunde keine Rolle. Er hatte angerufen, sich entschuldigt und sogar ein Treffen vereinbart. Das sollte ihr reichen.

Sie stand auf und tanzte im Zimmer umher.

Mitch war nicht ganz so fröhlich. Während er seine Bücher zusammensuchte, fragte er sich, welcher Teufel ihn wohl geritten hatte. Auf der Fahrt zur Abendschule dachte er dann nur noch an die Verabredung mit Kim. Offenbar gab es etwas, das stärker war als jegliche Vernunft. Mit mehr als düsterer Stimmung ging er in seinen Kurs.

 

Freitagabend war Kim bei ihren Eltern zum Essen eingeladen. Mehrere Male lag ihr Mitchs Name auf der Zunge, doch sie hielt sich zurück. Sarge und Sara hatten ihr seit der Highschool die Auswahl ihrer Freunde selbst überlassen. Sie vertrauten immer auf die Klugheit ihrer Tochter und gaben ihr viel Freiheit. Sie würden schockiert sein, wenn sie wüssten, welche Vorurteile Mitch Conover ihnen zutraute. Deshalb schwieg sie besser. Auch wegen Mitch. Sie wollte ihm nicht schaden.

Er musste in dieser Sache endlich zu Verstand kommen. Sie mochten sich, und allem Anschein nach würden sie sich jetzt öfter sehen. Dabei spielte es keine Rolle, aus welchem Hause sie kam.

"Du hast so gute Laune heute Abend", bemerkte Sara. "Hat das einen besonderen Grund?"

Kim strahlte übers ganze Gesicht. "Sogar einen ganz besonderen, Mutter."

Es wurde ein harmonischer Familienabend, und nach dem Essen verabschiedete sich Kim überschwänglich von beiden Eltern, wobei sie genau wusste, dass dieses Glücksgefühl in ihr nur von der Tatsache herrührte, dass sie Mitch morgen wieder sehen würde.

Morgen …

Das Leben war wunderbar.

 

Die Region um Seattle hatte seit über einer Woche klares, trockenes Wetter. Am Samstag dann überzog sich der Himmel mit dicken grauen Wolken, und es fiel ein unangenehmer Nieselregen. Kim war enttäuscht. Sie hatte sich auf einen unbeschwerten Nachmittag mit Mitch in der Sonne gefreut. Sie konnten natürlich immer noch mit dem Wagen fahren. Die Bewohner der Pazifikküste ließen sich nicht so schnell durch etwas Regen abschrecken.

Das feuchte Wetter erforderte jedoch andere Kleidung. Auf den Rock mit der Bauernbluse musste sie verzichten und wählte stattdessen Jeans und ein weiß-blau gestreiftes, langärmliges T-Shirt. Es war nicht wirklich kalt, aber auch nicht sehr warm. Für ihre geschäftliche Verabredung am Morgen legte Kim noch eine leichte Jacke auf den Rücksitz.

Der Termin verlief gut. Kim erhielt einen weiteren Auftrag. Es handelte es sich um ein älteres Haus im Stadtbereich. Die nächsten zwei Stunden verbrachte sie in ihrem Atelier mit Skizzen und Notizen. Wie immer, wenn sie ein neues Projekt begann, sprühte sie vor Ideen.

Heute arbeitete sie besonders inspiriert. Sie fühlte sich beinahe euphorisch vor Vorfreude über das Wiedersehen mit Mitch. Und das alles nur wegen einer kleinen Autofahrt, dachte sie. Kim unterbrach ihre Arbeit und überlegte. Sie war so mit ihrer Karriere beschäftigt gewesen, dass sie eine engere Beziehung zu einem Mann gar nicht vermisst hatte.

Um ein Uhr legte sie ihre Skizzen beiseite, ging in das kleine Bad neben dem Atelierraum, bürstete sich das Haar und zog die Lippen nach. Im Spiegel bemerkte sie, wie sehr ihre Augen leuchteten. Am Ende würde sie vor lauter Glück noch bei ihm zur Tür hereinschweben.

Sie lachte bei dieser Vorstellung, griff nach ihrer Handtasche und verließ das Atelier. Dann lief sie schnell durch den Regen zu ihrem Wagen.

Um zehn Minuten vor zwei erreichte sie Mitchs Wohnviertel. Sie fuhr über den Parkplatz bis vor das Gebäude, in dem er wohnte, und stellte den Wagen ab. Dann sprintete sie durch den Regen und betrat den Hausflur. Im zweiten Stock drückte sie auf die Klingel.

Die Tür ging auf. "Hallo."

Ihr war, als könnte sie nicht mehr aufhören zu lächeln. "Hallo." Wenn ihr gegenwärtiger Zustand ein Maßstab war, hatte es sie ziemlich arg erwischt.

"Komm herein."

"Danke."

Während Kim sich in dem kleinen Wohnzimmer umschaute, kämpfte Mitch dagegen an, sie zu küssen. Schon an der Tür hatte er den Drang verspürt, sie an sich zu ziehen und seine Lippen auf ihre zu drücken.

"Nette Wohnung", bemerkte Kim. Sie lächelte ihm zu. "Typisch männlich."

Seine Wohnung war klein und schlicht. Ein Ort zum Schlafen und Arbeiten, wo er die Kleidung wechselte und sich hin und wieder eine Mahlzeit kochte.

"Ich wusste gar nicht, dass Wohnungen ein Geschlecht haben", entgegnete er leicht amüsiert.

"Doch." Kim ging zum Sofa. "Leder. Kahle Wände. Farben, die Männer bevorzugen. Ja, eindeutig männliche Farben."

Mitch verschränkte lächelnd die Arme vor der Brust. "Und wie unterscheidet man männliche von weiblichen Farben?"

Kim lachte. "Siehst du irgendetwas in Rosa hier? Oder in Lavendel? Schon seit alters her nimmt man Rosa für die Mädchen und Blau für die Jungen. Hier ist zum Beispiel alles in Blau."

"Willst du mir weismachen, dass du bei deiner Arbeit solche altmodischen Regeln befolgst? Ich habe doch deine Musterhäuser gesehen."

"Ich bin Profi. Diese Musterhäuser sind nur zur Schau dekoriert. Für das eigene Zuhause sollte man …" Sie lächelte. "Eine Lektion in Wohnraumgestaltung würde dich zu Tode langweilen. Wie viele Zimmer hast du?"

"Zwei Zimmer und ein Bad. Zur Küche geht es hier durch. Und das Schlafzimmer ist dort drüben."

"Darf ich einen Blick hineinwerfen?"

"Tu dir keinen Zwang an." Mitch sah ihr dabei zu, wie sie kurz in die Küche schaute und dann die Schlafzimmertür öffnete.

"Die Räume sind klein, aber gut geschnitten. Ähnlich wie in meiner Wohnung."

Mitch verzog das Gesicht. "Kaum."

Kim sah ihn an. "Aber es stimmt. Meine Küche ist etwas größer, und ich habe ein zweites Schlafzimmer. Aber mein Wohnzimmer hat nicht mehr Fläche als dies hier."

"Deine Wohnung ist etwas ganz Besonderes", entgegnete Mitch. "Das hier ist dagegen gar nichts."

"Die Räume sind nur nicht richtig dekoriert. Allein zum Tapezieren und Streichen habe ich viele Abende und mehrere Wochenenden in meine Wohnung gesteckt."

Mitch wollte das Thema beenden. Niemand, auch Kim nicht, würde ihn davon überzeugen, dass etwas Tapete und Farbe diesem tristen Apartment Charakter verleihen würden. Der andere Grund für seinen Unwillen war Kim selbst mit ihrer engen, ausgeblichenen Jeans, in der sich ihre Beine und Hüften mehr als aufreizend abzeichneten. Besser, sie wäre nicht hier. Und er sollte sie auch nicht länger so bewundernd ansehen, mit diesem bittersüßen Verlangen. Das sagte ihm sein Verstand. Doch sein verrücktes Herz wollte etwas anderes.

"Sollen wir gehen?" fragte er, weil er fürchtete, sonst noch mehr die Realität zu verlieren. Eine Autofahrt war sicherer. Wenigstens einer von ihnen musste sich auf den Straßenverkehr konzentrieren.

"Ich bin bereit", sagte Kim. "Vielleicht solltest du aber eine Jacke mitnehmen. Der Regen ist zwar nicht stark, aber er geht durch die Kleidung."

Mitch nickte und ging in sein Schlafzimmer. Er zog sich eine dunkle Wildlederjacke an und setzte dazu einen Cowboyhut auf. Kim sollte ruhig sehen, dass er ein einfacher Mann war.

Doch sie lächelte hingerissen, als er zurückkam. "Du siehst großartig aus. Ich finde deinen Hut echt toll."

Ihre Begeisterung war für ihn unbegreiflich. Kim, dieses wunderbare Geschöpf, eine wirkliche Prinzessin, fand ihn großartig.

Er grinste. "Komm, Prinzessin. Lass uns gehen."

"Prinzessin? Das gefällt mir." Es gefiel ihr sogar so gut, dass sie auf dem ganzen Weg zum Parkplatz lächeln musste. Selbst der Regen machte ihr mit einem Mal nicht mehr so viel aus.

"Du fährst", sagte sie, bevor sie einstiegen.

"Wenn du willst." Mitch öffnete ihr die Beifahrertür und ging um den Wagen herum. Nachdem sie eingestiegen waren, sah er sie fragend an. "Wohin?"

Kim zuckte mit den Achseln. "Es gibt Dutzende von Zielen. Hast du an etwas Bestimmtes gedacht? Irgendwo, wo du noch nicht warst?"

"Ich bin schon ziemlich herumgekommen. Hast du einen Lieblingsort?"

"Hm … nicht wirklich. Ich mag die Inseln. Hast du Lust auf eine Fahrt mit der Fähre?"

"Im Regen?"

Kim reichte ihm lächelnd die Schlüssel. "Warum nicht. Das bisschen Regen wird uns nicht umbringen."

Mitch ließ den Motor an. "Gut, nehmen wir die Fähre. Du sagst, wie ich fahren muss."

"Sei aber vorsichtig mit meinen Richtungsangaben. Sie könnten dich auf Abwege bringen", sagte sie.

Er sah sie an. "Ich glaube, dort befinde ich mich schon, Prinzessin."

Kim hielt den Atem an. "Vielleicht trifft das für uns beide zu", sagte sie mit belegter Stimme.

Mitch zögerte. "Vielleicht. Und jetzt schnall dich an, Prinzessin. Es geht los."

4. Kapitel

 

"Schade, jetzt regnet es stärker", meinte Kim, als Mitch auf die Fähre fuhr.

Er bremste und schaltete die Zündung aus. Um sie herum standen andere Fahrzeuge. Niemand stieg wegen des Regens für die Fahrt über den Puget Sound aus. Die Tropfen prasselten mit zunehmender Heftigkeit auf das Dach von Kims Geländewagen.

Innen war es warm und gemütlich. Mitch kurbelte das Fenster ein paar Zentimeter herunter und wandte sich dann Kim zu. "Wir hätten wirklich einen besseren Tag treffen können."

Kim war vollkommen zufrieden. Der Regen machte ein angenehmes Geräusch, und Mitch saß neben ihr. "Ja, das hätten wir wohl", murmelte sie trotzdem zustimmend. "Es ist so aber auch schön, oder?" Sie drehte ihm das Gesicht zu. Ihre Blicke trafen sich. Plötzlich schien die Außenwelt nicht mehr zu existieren. Die vielen Autos und Passagiere um sie herum waren vergessen.

Mitch sah als Erster wieder weg. Sein Puls ging schneller. Ihn erfüllte nur noch ein einziger Gedanke: mit Kim zu schlafen. Ihm war schwindlig von den erotischen Bildern in seinem Kopf, und seine Zunge fühlte sich schwer an.

Das Schiff setzte sich in Bewegung. Kim wurde unruhig. Sie wünschte, die Sonne würde scheinen. Dann könnten sie wenigstens aussteigen. Der Drang, auf Mitchs Seite zu rutschen, war kaum noch zu kontrollieren. Wieder sah er sie voller Sehnsucht an. Aber würde er jemals dieser Sehnsucht nachgeben?

Kim atmete tief ein. Ihre Stimme klang fast tonlos, als sie fragte: "Bist du schon mal mit einer dieser Fähren gefahren?"

"Im letzten Sommer war ich auf Victoria." Mitch klang ebenfalls sehr unbeteiligt. Sie hielten sich beide zurück und taten so, als hätte es den spannungsgeladenen Blick vorhin nicht gegeben. "An dem Tag schien die Sonne. Ich habe die Fahrt sehr genossen."

"Ja, die Fahrt kann … sehr angenehm sein." Was für eine geistlose, gestelzte Unterhaltung. Ob sie weiter in diesem Ton miteinander umgehen würden? Sie war so voller Vorfreude zu ihm gefahren. Jetzt wollte sie mehr von diesem Tag als ein belangloses Gespräch.

Sie sah sein störrisch vorgeschobenes Kinn. Nein, diese Stimmung akzeptierte sie nicht. Was es sie auch kostete, sie würde ihn zum Lachen bringen, damit er vergaß, dass ihr Name Armstrong war.

"Lass mich mal deinen Hut aufsetzen", sagte sie mit plötzlich warmer Stimme. Mitch sah sie entgeistert an. Kim lächelte. "Mach nicht so ein Gesicht. Gib mir deinen Hut, Cowboy. Ich will mir schon lange einen kaufen. Jetzt kann ich ausprobieren, ob mir so etwas steht."

Mitch lächelte wider Willen und gab ihr den Hut. "Er wird zu groß sein. Aber versuch es selbst."

"Danke." Kim klappte die Sonnenblende mit dem Kosmetikspiegel herunter und setzte sich den Hut schräg auf. "Nicht schlecht, wie?" Sie musterte sich im Spiegel.

"Steht dir gut", antwortete er. "Versuch es mal so." Er zog ihr den Hut tiefer über die Augen. "Jetzt siehst du wie ein Cowgirl aus."

Der Hut rutschte noch tiefer. "Ich komme mir eher wie ein Bauerntrampel vor."

Mitch schmunzelte. "Du kannst gar nicht wie ein Bauerntrampel aussehen, Prinzessin. Selbst wenn du es versuchst."

Sein Lachen beglückte Kim. Sie gab ihm lächelnd den Hut zurück. "Dir steht er trotzdem besser." Mitch warf den Hut auf den Rücksitz. "Die Jacke gefällt mir auch", sagte Kim. "Sie ist sehr … männlich." Beinahe hätte sie sexy gesagt. Seine Schultern wirkten noch breiter darin, und sie bekam eine Gänsehaut bei dem Gedanken, wie sich das Leder wohl an ihrer Wange anfühlen würde, wenn sie den Kopf an seine Schulter lehnte.

"Ich habe also eine männliche Wohnung und eine männliche Jacke. Schön."

"Alles an dir ist männlich." Kim hob viel sagend die Brauen. "Du bringst mich auf eine Idee. Nein, ich sage besser nichts. Sonst bekommst du wieder diesen gehetzten Blick. Deine Augen haben übrigens fast die gleiche Farbe wie meine."

"Nie", empörte sich Mitch. "Meine sind einfach blau. Deine haben das Blau von Veilchen."

"Deine Augen sind mindestens so veilchenblau wie meine", beharrte sie.

"Nein, sind sie nicht."

"Sieh selbst." Kim wies auf den Spiegel an ihrer Sonnenblende und hoffte, dass er nicht auf seiner Seite nachsah, wo auch ein Spiegel befestigt war. Es funktionierte. Mitch rutschte zu ihr herüber. Sein Oberschenkel presste sich gegen ihren, und ihre Köpfe berührten sich beinahe.

"Verdammt, du hast Recht", murmelte Mitch und drehte ihr den Kopf zu. Ihr Gesicht war jetzt seinem so nah, dass er ihren Atem spüren konnte. "Kim …" Er klang heiser.

"Mitch", flüsterte sie. Ihre Lippen kamen seinen langsam näher. Eine ziemlich eindeutige Aufforderung. Sie sahen sich an. Die Spannung wuchs.

"Verdammt, du bist mir vielleicht eine", flüsterte Mitch heiser. "Du weißt, was geschieht, wenn wir das hier nicht unter Kontrolle halten."

Sie griff in sein Haar und spielte damit. "Ja, ich weiß es."

"Und es ist dir egal?"

Sie befeuchtete sich die Lippen. "Nein, überhaupt nicht. Und es ist mir ein Rätsel, was mich da erwischt hat. Küss mich endlich, Mitch."

Er schloss die Augen und berührte sacht ihre Lippen. Sofort begann sein Puls zu rasen. Sie war so süß und weich. Ihr Duft benebelte seine Sinne. Er ballte die Hände zu Fäusten, um sich vor weiteren Versuchungen zu schützen.

Nicht so Kim. Sie betastete seine wunderbar "männliche" Jacke und fuhr mit der Zunge über seine Lippen, damit er sie endlich öffnete. Dabei versuchte sie nicht einmal, ein tiefes Stöhnen zu unterdrücken. Er versteifte sich und öffnete die Lippen nur einen Spalt.

Schließlich verlor sie die Geduld. "Dann küss mich eben so, wie du es möchtest."

Er hob den Kopf. Seine Augen schimmerten dunkel. "Wenn ich täte, was ich möchte …" Er rutschte auf den Fahrersitz zurück. Auf einmal wirkte er sehr reserviert.

Kim zitterte vor Enttäuschung. "Am Ende wirst du es."

"Rechne nicht damit." Mitch wischte sich ärgerlich über den Mund.

Als sie das sah, stieg Zorn in ihr hoch. Sie blickte in den Spiegel und ordnete sich das Haar, um sich nichts anmerken zu lassen. Was für ein dummer Grund für einen Streit. Mitch besaß die Macht, sie tief zu berühren und im nächsten Moment zu verletzen. Und sie ließ sich entschieden zu weit auf diesen unmöglichen Mann ein.

Sie schaffte es schließlich, ihren Zorn zu unterdrücken. Und ihre Angst. Ein neues und verwirrendes Gefühl war hinzugekommen. "Die Maschinen werden gedrosselt. Wir nähern uns der Insel." Sie klang beinahe wieder normal.

Ihr plötzlicher Stimmungswandel verblüffte Mitch. Wenn sie den Vorfall von eben vergessen konnte, dann konnte er das auch. Vielleicht nicht ganz. Aber der Tag wäre verdorben, wenn er nicht wenigstens den Versuch machte.

"Sieht ganz so aus."

Innerhalb von Minuten hatte die Fähre angelegt. Mitch ließ den Motor an und folgte den anderen Wagen. Er warf Kim einen Blick zu. "Sollen wir irgendwo was essen?"

"Großartige Idee", sagte sie heiterer, als sie sich fühlte.

 

Der Nachmittag verlief überraschend gut. Kim und Mitch genossen die Fahrt über die kleine Insel. Als die Sonne gegen vier Uhr durch die Wolken brach, stiegen sie aus und machten einen Spaziergang am felsigen Strand. Später besuchten sie einen der kleinen Orte. "Warte hier einen Augenblick. Ich bin gleich wieder da", sagte Mitch.

"Was ist los?"

"Ich möchte in dem Laden dort nach etwas sehen."

"In Ordnung."

Zehn Minuten später kam Mitch mit einer großen Einkaufstüte zurück. "Das ist für dich."

"Für mich?" Neugierig sah Kim in die Tüte. "Was ist denn das?" Sie zog eine weiche cremefarbene Wildlederjacke heraus. "Mitch, die ist wunderbar."

"Und kein bisschen männlich."

Kim lachte. "Ganz bestimmt nicht. Mitch, die muss sehr teuer gewesen sein."

"Der Preis spielt keine Rolle. Ich möchte sie dir schenken. Probier sie mal an, ob sie passt."

Als Kim in die Jacke schlüpfte, kamen ihr vor Rührung die Tränen. Eigentlich sollte sie dieses teure Geschenk nicht annehmen. Doch andererseits, wenn sie es ihm zurückgab, würde sie ihn verletzen. Aus irgendeinem Grund brachte sie es nicht fertig, ihm wehzutun. Im Gegensatz zu ihm. War er denn so unsensibel, dass er nicht spürte, wie er ihr durch sein abweisendes Verhalten Schmerz zufügte?

Kim kuschelte sich in die Jacke. Mitch war nicht unsensibel. Was immer zwischen ihnen vorging, er nahm das Gleiche wahr wie sie. Jede Freude, jeden Schmerz, das merkte sie an den Nuancen in seiner Stimme und an seinen Gesten.

"Danke", sagte sie mit belegter Stimme, räusperte sich und fügte hinzu: "Sie gefällt mir sehr."

"Sie steht dir."

"Ja, das finde ich auch."

Mitch sah zum Himmel. Die Sonne war wieder hinter dicken Wolken verschwunden. "Vielleicht sollten wir weiterfahren. Weißt du, wann die nächste Fähre geht?"

Kim sah auf ihre Armbanduhr. "In einer halben Stunde."

Sie gingen zu Kims Wagen und fuhren zum Anleger. Kim strich immer wieder über das weiche Leder ihrer neuen Jacke. Außer ihren Eltern hatte ihr noch nie jemand solch ein persönliches Geschenk gemacht. Was sollte sie von einem Mann halten, der einer Frau spontan solch ein teures Geschenk kaufte und sie andererseits vehement auf Distanz hielt?

Kim seufzte bei dieser verwirrenden Frage. Sie warteten jetzt in der Schlange, um an Bord der Fähre zu fahren. Mitch sah sie an. "Alles in Ordnung?"

"Ich bin …", Kim zögerte. "Ich denke über dich und mich nach."

"Was ich ebenfalls tue, seit wir uns begegnet sind", sagte Mitch düster.

"Nicht auf die gleiche Weise."

"Das glaub' ich nicht."

"Dann glaub doch, was du willst, verdammt."

Mitch musterte sie prüfend. "Bist du verärgert?"

"Ich bin ratlos. Und irgendwie aufgewühlt. Ja, zum Teil auch verärgert. Und willst du wissen, warum? Wegen dir."

"Das weiß ich bereits", murmelte er. "Kim, ich will mich nicht mit dir streiten."

"Streiten vielleicht nicht, aber du willst irgendetwas anderes. Und das treibt dich zum Wahnsinn. Habe ich Recht?"

"Verdammt richtig. Du machst mich wahnsinnig." Er legte stöhnend den Kopf auf das Lenkrad. "Warum musst du ausgerechnet Sarges Tochter sein?"

"Ich kann nicht ändern, wer meine Eltern sind", sagte sie tonlos.

Mitch sah aus dem Seitenfenster. "Nein, das kannst du nicht."

"Ich würde es auch nicht, wenn ich es könnte", setzte sie beinahe scharf hinzu. "Dieses Thema wird dich immer verfolgen, wie?"

"Wie sollte es nicht?" Mitch wandte sich ihr wieder zu. "Vielleicht sollte ich kündigen."

"Keine sehr brillante Lösung", murmelte sie. "Verdammt, es gibt überhaupt keinen Grund. Außer, du bildest dir etwas ein. Mein Vater …"

Mitch unterbrach sie. "Du verstehst nicht, worum es geht", fuhr er sie an. "Also siehst du auch keine Probleme. Aber so funktioniert das nicht." Und etwas ruhiger fügte er hinzu: "Wir sind einfach zu verschieden aufgewachsen." Die Autoschlange vor ihnen setzte sich in Bewegung, und Mitch war für einen Moment abgelenkt. "Hast du überhaupt schon versucht, meine Seite zu verstehen?" fragte er dann, während er die Rampe hochfuhr.

"Natürlich."

Kim betrachtete sein Profil. Er wirkte verbissen. Als sie ihren Platz auf der Fähre eingenommen hatten, stellte er den Motor ab. "Verstehst du denn meine Seite?" fragte sie ihn.

"Ich wusste nicht, dass du eine hast", gab er grimmig zurück.

"Das ist unfair." Kim beugte sich zu ihm vor. "Mitch, gib den Armstrongs eine Chance. Lass mich etwas arrangieren. Vielleicht ein kleines Abendessen im Familienkreis. Ich garantiere dir, dass du meine Eltern magst."

"Ich mag sie jetzt schon. Das ist nicht das Thema." Sein Blick war herausfordernd. "Glaub nicht, dass sich zwischen uns mehr entwickeln kann, wenn Sarge weiß, dass wir uns kennen. Ich komme gut in der Firma voran, und ich schaffe es aus eigener Kraft. Misch dich da nicht ein."

Kims Blick wurde kalt. "Das heißt, wir haben keine Chance?"

Mitch sah sie lange an. "Das habe ich dir die ganze Zeit zu erklären versucht. Was nicht heißt, dass mir das Ergebnis gefällt. Wenn du jemand anders wärst …"

"Sprich weiter. Wenn ich jemand anders wäre, was dann?"

"Was denkst du?"

"Dann würdest du dir erlauben, mich zu mögen?" Jetzt konnte Kim ihren Ärger nicht länger zurückhalten, und mit erhobener Stimme fuhr sie fort: "Ich sage dir etwas, Mitch. Du mochtest mich vom ersten Augenblick an. Keiner kann dagegen etwas tun. Entweder es funkt, oder es funkt nicht. Ich habe dir gegenüber genau das Gleiche empfunden, und das weißt du. Wovor hast du eigentlich Angst?"

"Angst? Ich habe vor gar nichts Angst. Verwechsle Vernunft nicht mit Angst."

"Was ist so verdammt vernünftig daran, wenn du etwas nicht wahrhaben willst? Denn das tust du. Du verleugnest eine klare, eindeutige Tatsache."

"So?" Mitch drehte sich ihr zu. "Die Probleme mit dem Verleugnen hast wohl eher du. Du willst es nicht wahrhaben, dass ich dir nicht zu Füßen falle."

Kim blieb der Mund offen stehen. "Das ist furchtbar, was du da behauptest. Du fühlst dich genauso zu mir hingezogen wie ich mich zu dir. Und ich habe noch nie von einem Mann erwartet, dass er vor mir auf die Knie fällt."

Der Streit war eskaliert. Mitch fuhr sich entnervt über das Gesicht. "Ich wollte das alles nicht sagen, und es tut mir Leid."

Die Fähre legte ab. Der Ausflug war ein weiterer Fehler gewesen. Mitch fühlte sich zerrissener als vorher. Kim ging es sicher ebenso. Der Konflikt war unlösbar. Wenn sie seinen Standpunkt akzeptierte, würden sie sich nie wieder sehen. Akzeptierte er ihren, würde er sich wie ein Gigolo vorkommen. Seltsam, dass ihm dieses altmodische Wort gerade jetzt einfiel.

"Mir tut es auch Leid." Kims Stimme zitterte. Sie hatte wieder Angst. Bei jeder Zurückweisung von Mitch verliebte sie sich noch mehr in ihn. Sollte das jetzt immer so weitergehen? Warum war dieser Mann bloß so von seiner lächerlichen Idee besessen, dass er keine Alternativen sah?

Als sie von der Fähre wieder hinunter aufs Festland fuhren, fühlten sich beide erleichtert. Während der ganzen Überfahrt hatten sie schweigend dagesessen. Dieser unnötige Streit zählte gewiss nicht zu den Glanzlichtern des Nachmittags. Kim fragte sich, ob sie die Jacke besser wieder ausziehen und sie ihm mit einer bissigen Bemerkung zurückgeben sollte. Nein, sie wollte sie behalten und auch weiteren Streit möglichst vermeiden.

Mitch fuhr direkt zu sich nach Hause. Es nieselte wieder, und die Dämmerung brach früh herein. Er hielt an, stellte aber nicht den Motor ab.

"Danke für den Nachmittag", sagte er ruhig.

"Danke für die Jacke", gab sie zurück, und ehe sie noch wusste, was sie tat, war sie zu ihm auf den Fahrersitz gerutscht.

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