Logo weiterlesen.de
BACCARA EXKLUSIV BAND 137

IMAGE

Plötzlich verheiratet – mit einem Millionär

1. KAPITEL

Immer wieder musste Tamara Kendle zu dem attraktiven dunkelhaarigen Mann hinübersehen, der da allein in der vordersten Bank der Kapelle saß – reglos wie ein Fels, den Blick starr geradeaus gerichtet.

Jedes Mal, wenn ihre Aufmerksamkeit nicht ganz dem Pfarrer auf der Kanzel galt, bekam sie ein schlechtes Gewissen. Schließlich war sie hier, um sich von jemand Besonderem zu verabschieden. Einem Menschen, den sie so sehr vermisste, dass es fast körperlich schmerzte. Sie fühlte sich wie betäubt, gefangen irgendwo zwischen der Wirklichkeit und der Hölle.

Und doch wurde ihr Blick weiterhin wie magisch von dem breitschultrigen Mann links neben dem Rosenholzsarg und den duftenden Lilien angezogen. Obwohl sie sich nie persönlich begegnet waren, kannte Tamara ihn nicht nur vom Hörensagen.

Armand De Luca, Multimillionär und der Stahlmagnat Australiens, der letzte Nachkomme seiner Familie.

Zumindest dachte er das.

Tamara hatte bereits Platz genommen, als De Luca in die Aussegnungskapelle gekommen war. Die ganze Trauerfeier über strahlte sein klassisches Profil die Zuversicht aus, die Männer bewunderten und Frauen sich sofort verlieben ließ. Kantiges Kinn, wohlproportionierte Nase und Lippen, und Augen … strahlend blau, leicht melancholisch und doch allwissend.

„Danke Ihnen allen, dass Sie gekommen sind.“ Tamaras Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf den Pfarrer. „Nebenan ist ein Imbiss für diejenigen vorbereitet, die sich gemeinsam an Marc Earle erinnern möchten.“

Tamara bekreuzigte sich, sprach still ein Gebet, dann seufzte sie traurig auf. Marc war ihr liebster Freund gewesen. Sie hatten zusammen gelacht, einander alles anvertraut. Und vor ein paar Monaten, als eine Serie unglücklicher Ereignisse sie beinahe in die Knie gezwungen hätte …

Ihr stiegen Tränen in die Augen.

Sie war eine Kämpferin. Das hatte sie bereits als Kind sein müssen. Aber in jener Nacht hatte sie jemanden gebraucht, und, wie immer, war Marc da gewesen.

Als Tamara aufstand, fröstelte sie. Während die anderen Trauergäste langsam die Kapelle verließen, ging Armand De Luca zum Sarg. Mit versteinerter Miene neigte er den Kopf, dann streckte er die Hand aus und berührte das glänzende Holz.

Tamara wurde übel. Sie strich sich das lange dunkle Haar aus dem Gesicht und presste, die Augen geschlossen, eine Hand auf ihren Bauch. Sie atmete tief ein, dann langsam wieder aus. Als sich ihre morgendliche Übelkeit legte, ging ihr Blick erneut zum Sarg hinüber. De Luca war weg.

Sie schlang die Arme um sich, weil ihr plötzlich kalt war, und folgte den anderen nach draußen.

Zwei Freundinnen von Marc gesellten sich zu ihr. Bis auf ihr Haar glichen sich die Zwillinge Kristin und Melanie wie ein Ei dem anderen. Sie hatten ihren netten Nachbarn oft besucht, damit er alles Mögliche für sie erledigte oder ihre Streitereien schlichtete. Jetzt wirkten die beiden ganz verloren.

Langsam schüttelte die blonde Kristin den Kopf. „Ich bin immer noch geschockt. Dabei habe ich ihm noch gesagt, er soll sich bloß nicht dieses blöde Motorrad kaufen.“

Melanie, die rotbraune Locken hatte, putzte sich die Nase. „Das hätte nie jemandem passieren dürfen, der so gut war wie Marc.“ Seufzend sah sie Tamara an. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie du klarkommst. Erst geht dein Geschäft unter, dann das Feuer, jetzt das hier.“

Während Tamara noch nach einer passenden Antwort suchte, fuhr Kristin ihre Schwester an: „Großartig, Mel. Dass du sie daran erinnerst, war wirklich nicht nötig.“

„Ich habe doch nur gemeint, dass drei Schicksalsschläge in Folge …“ Melanie sah verlegen drein. „Na ja, das muss hart sein.“

Drei Schicksalsschläge?

Tamara schwankte leicht.

Wohl eher vier.

Andere Trauergäste traten zu ihnen. Während Tamara mit halbem Ohr der Unterhaltung zuhörte, starrte sie auf das Panorama von Sydney, auf das man von der auf einer Anhöhe gelegenen Trauerhalle einen schönen Blick hatte. Normalerweise war sie begeistert vom Anblick der Gebäude rund um den Hafen. Doch heute hatte sie keinen Sinn dafür.

Als ihr Unwohlsein schlimmer wurde und die Trauergäste sich in den Raum begaben, in dem Sandwiches und Tee bereitstanden, suchte sie die nächste Toilette auf. Einen Augenblick später klammerte sie sich an ein Waschbecken.

Himmel, sie würde sich übergeben müssen. Aber wenigstens war sie allein. Vornübergebeugt, die Stirn gegen den Unterarm gelehnt, überließ sie sich ihrer Übelkeit und dem Bild, das ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte – Marcs Gesicht, als er erfuhr, dass er bald Vater werden würde. Er hatte ihr gesagt, dass er sie liebe, sie heiraten wolle. Wie hätte sie da gestehen können, dass sie ihn auch liebte – nur eben nicht so.

Der Geruch eines herb-frischen Desinfektionsmittels half ihr, die Übelkeit zu bezwingen. Einen Moment später spitzte sie die Ohren und richtete sich auf. Hatte sie etwas gehört – ein Klopfen?

Sie sank wieder in sich zusammen. Nein, nur blank liegende Nerven und reine Einbildung. Aufstöhnend drehte sie den Wasserhahn auf. Sich das Gesicht zu benetzen konnte ihr nur guttun.

„Entschuldigung, Ms Kendle?“

Beim Klang der dunklen, angenehmen Stimme fuhr Tamara zusammen. Sie wirbelte zur einzigen Tür, die der Waschraum hatte, herum und sah sich einer maskulinen Silhouette gegenüber. Weil ihr Herz so heftig klopfte, presste sie eine Hand auf das Oberteil ihres schwarzen Kleides, schluckte und fand endlich die Sprache wieder. „Gütiger Himmel, Sie haben mich fast zu Tode erschreckt!“

Er hob eine dunkle Braue und zog schmunzelnd einen Mundwinkel hoch. „Ich bitte um Verzeihung. Als Sie hier im Waschraum verschwanden und so lange blieben, fürchtete ich schon, Sie verpasst zu haben.“ Er holte tief Luft, und sein perfekt sitzendes Jackett spannte sich leicht über seiner ansehnlichen Brust. „Ich bin Armand De Luca. Marcos Bruder.“

Lange verschollener Bruder, ergänzte Tamara im Stillen, obwohl offensichtlich war, dass sie nichts gemein hatten, weder im Aussehen noch im Benehmen. Marc hatte zwar auch blaue Augen, doch sein Blick war vertrauensvoll gewesen, während dieser Mann einen fast lauernd ansah. Vielleicht gar nicht so erstaunlich, wenn sie bedachte, was sie über ihn wusste. Eine strenge Kindheit, dominiert von einem übermäßig ehrgeizigen Vater, keine Mutter im Haus. Man könnte ihn bedauern, aber De Luca war kein Mann, der Mitleid brauchte. Das bewiesen sein skrupelloser Intellekt und sein legendärer Charme, den er auch jetzt verströmte, hinreichend.

Tamara atmete tief durch, und während sie das Wasser abdrehte, gelang ihr ein höfliches Lächeln. „Marc hat von Ihnen gesprochen.“

Er lächelte ebenfalls. „Das freut mich. Ich hatte gehofft, Sie und ich könnten jetzt miteinander reden.“

Er suchte ihren Blick, und aus einem unerfindlichen Impuls heraus nickte sie zustimmend. Aber eine längere Unterhaltung kam nicht infrage. Jedenfalls nicht heute. Nicht, wenn sie drauf und dran war umzukippen. Und ihre Welt bereits eingestürzt war.

Sie riss Papier aus dem Spender, um sich die Hände abzutrocknen. „Es war ein anstrengender Tag, aber ich bin sicher, andere würden sich gern mit Ihnen über Marc unterhalten.“

„Ich habe nicht allzu viel Zeit, Ms Kendle. Ich möchte nur mit Ihnen reden.“

Sie warf das Papiertuch in den Abfallbehälter. „Das klingt ziemlich unheilvoll.“

„Marco sagte mir, dass Sie schlau seien.“

Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus, nicht nur wegen des Kompliments, sondern auch, weil er sie so eindringlich ansah, so forschend, als würde er gleich hinter ihr kostbarstes Geheimnis kommen. Als vermute er irgendwie die Neuigkeiten, die sie noch nicht bereit war mit jemandem zu teilen.

Tamara nahm ihre Tasche und hängte sie sich über die Schulter. Er verunsicherte sie, um ehrlich zu sein. Aber sie würde es sich auf keinen Fall anmerken lassen.

Sie blickte ihm geradewegs in die Augen. „Sie sehen mir nicht aus wie ein Mann, der Spielchen spielt. Also sagen Sie mir, was soll das alles?“

Er bedachte sie mit einem langen Blick, ehe er seinen Platz an der Tür verließ und ganz in den hell erleuchteten Waschraum kam. Er hatte eine hohe Stirn, ein kräftiges, eigensinniges Kinn, einen männlich herben, doch ausgesprochen sinnlichen Mund. Armand De Luca war nicht nur attraktiv, er besaß eine fast animalische Ausstrahlung. Zudem war er sehr elegant und gepflegt. Die Wirkung, die alles zusammen auf Tamara hatte, war mehr als atemberaubend. Sie war geradezu gefährlich.

„Sie sind schwanger“, erklärte er knapp. „Von Marco.“

Diese Eröffnung war für sie wie ein Schlag in die Magengrube. Ihr wurden die Knie weich, während ihr tausend Fragen durch den Kopf schossen. Zwar machte ihr morgendliche Übelkeit zu schaffen, aber sie hatte noch keinen Babybauch. War De Luca Hellseher?

„Wie können Sie das wissen? Ich habe es Marc erst eine Stunde vor dem Unfall gesagt.“

Er blieb gelassen. „Er hat mich angerufen, um mir die Neuigkeit mitzuteilen. Seit wir wieder Kontakt haben, hat sich mein kleiner Bruder gelegentlich gemeldet.“

Tamara wusste nicht viel über die Geschichte der Brüder, außer dass sich ihre Eltern getrennt hatten, als die beiden Jungen noch ziemlich klein waren. Marc hatte nie erzählt, warum seine Mutter ihn und nicht Armand mitgenommen hatte, als sie ging. Oder warum die Brüder als Erwachsene erst nach dem Tod ihres Vaters vor gut einem Jahr wieder Verbindung aufgenommen hatten. Marc trauerte nie der Vergangenheit nach, ein Grund mehr, warum sie ihn gemocht hatte. Emotionaler Ballast, Gespenster im Schrank … das alles entmutigte einen Menschen und schürte Zweifel, wenn man sich zu oft damit beschäftigte.

Doch heute hatte Marcs Vergangenheit die Gegenwart eingeholt, während Tamaras Zukunft sicher und geliebt in ihr heranwuchs.

Mütterlicher Stolz ließ sie das Kinn recken. „Ja, ich bin schwanger. Aber deshalb brauchen Sie mich nicht derart zu verfolgen. Ich verlasse das Land nicht.“

„Ich schon. In wenigen Stunden fliege ich für zwei Wochen nach Peking.“

Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Dann unterhalten wir uns eben in zwei Wochen.“

Plötzlich fiel ihr etwas ein. Es gab nichts, was sie in Sydney hielt. Vielleicht fürchtete er, sie würde verschwinden, und es wäre ihr egal, ob er seine kleine Nichte oder seinen kleinen Neffen je zu Gesicht bekommen würde. Doch sie wollte ihn auf gar keinen Fall aus dem Leben ihres Kindes fernhalten, wie er aus Marcs Leben ferngehalten worden war. Sie wusste, wie schlimm solche Trennungen sein konnten.

Ihr größter Wunsch war, ihrem Kind ein glückliches, harmonisches Zuhause zu geben. Das bedeutete, eines Tages den Mann zu heiraten, der sie beide liebte und den auch sie liebte, nicht nur als Freund, sondern so, wie eine Frau ihren Mann lieben sollte. Im Moment jedoch wären die Interessen ihres Babys am besten gewahrt, auch Verwandte in sein Leben einzubeziehen.

„Hören Sie, Sie brauchen sich keine Sorgen wegen möglicher Besuche zu machen. Ich möchte, dass mein Kind seinen Onkel kennenlernt. Familie ist wichtig.“ Nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: „Wichtiger als alles andere.“

Seine Miene entspannte sich etwas. „Bitte gewähren Sie mir fünf Minuten, Ms Kendle, aber woanders.“

Sein nervöser Unterton, der Schauer, der ihr über den Rücken lief …

Erst jetzt wurde Tamara richtig bewusst, dass irgendetwas nicht stimmte.

Gab es eine Erbkrankheit in der Familie, über die sie Bescheid wissen musste? Epilepsie, Allergien, eine Herzerkrankung … sonst irgendein Problem, das sofortiger Aufmerksamkeit bedurfte?

Sie verspürte einen dicken Kloß im Halse, während ihr heiß und kalt wurde. „Worum auch immer es sich handelt, falls es mein Kind betrifft, dann möchte ich es wissen.“ Sie schluckte. „Und zwar jetzt gleich.“

Er ballte seine eine große gebräunte Hand zur Faust und öffnete sie wieder, ehe er langsam auf Tamara zukam, bis sie überdeutlich seinen männlich herben Duft wahrnahm und die wilde Entschlossenheit in seinem Blick.

„Es betrifft das Kind, Ms Kendle, und ebenso uns beide.“ De Luca straffte die breiten Schultern. „Ich möchte Sie heiraten.“

Eine Viertelstunde später saß Armand, einen Arm über der Rückenlehne, auf einer schattigen Parkbank, und Tamara Kendle ganz benommen neben ihm. Ihr Gesicht war weißer als der Styropor-Becher, den sie in der Hand hielt. Blicklos schaute sie auf die endlosen Wellen, die in wenigen Metern Entfernung an den Strand schwappten.

Sie stand eindeutig noch unter Schock. Nach seinem überraschenden Antrag zuvor in der Trauerhalle hatten ihr die Beine den Dienst versagt. Er hatte sie aufgefangen, und in dem Moment, in dem sie gegen seinen Körper gesunken war, war sein Blut unversehens in Wallung geraten. Dann hatten ihn heftige Schuldgefühle gepackt.

Die machten ihm auch jetzt noch zu schaffen, aber er verdrängte sie. In den letzten vierzehn Monaten hatte er Marco genau achtmal gesehen, einschließlich des Wiedersehens auf der Beerdigung ihres Vaters. Jetzt war der Bruder, den er kaum gekannt hatte, tot.

Die Frau zu heiraten, die Marco geliebt hatte, mochten einige Leute gefühllos, vielleicht sogar schamlos finden. Armand hatte Verständnis dafür, aber das würde ihn nicht von seiner Entscheidung abbringen. Er richtete sich nur nach seinen eigenen Spielregeln. Sich zu wünschen, die Dinge würden anders liegen, war sinnlos. Die Vergangenheit war nicht zu ändern, allein die Zukunft zählte. Und eine Verbindung würde ihnen allen nützen – Tamara, dem Baby und ihm selbst.

Armand beugte sich vor und stützte die Unterarme auf die Schenkel. „Möchten Sie noch mehr Wasser, oder sind Sie so weit okay, dass wir reden können?“

Das Timing war ausgesprochen schlecht. Müsste er nicht zu diesem Geschäftstermin nach China reisen, dann hätte er sich heute bloß vorgestellt und sie in den nächsten Tagen mehrfach besucht, bis sie sich besser fühlte. Aber obwohl ihr Kennenlernen ungeschickt war, war es vielleicht besser so. Viel musste organisiert werden – und das schnell –, besonders die Formalitäten einer Heirat in Bezug auf seine Geschäfte und das Testament seines verstorbenen Vaters.

Tamara stellte ihren leeren Becher zwischen sie beide auf die Bank und strich sich einige Haarsträhnen hinters Ohr. „Falls Sie über eine Hochzeit reden wollen, da gibt es nichts zu reden.“

Er hatte mit dieser Antwort gerechnet. Während er die Orange- und Rottöne der untergehenden Sonne am Horizont betrachtete, machte er den ersten Schritt. „Ich kenne Ihre Situation.“

„Meine … Situation?“

Sein Ton war freundlich, aber bestimmt. „Sie sind seit zwei Monaten arbeitslos, weil Ihr Geschäft aus Mangel an Liquidität in Konkurs ging.“

„Dank einer großen Firma, die sich weigerte, eine Rechnung zu bezahlen.“ Verunsichert hob sie die Brauen. „Woher wissen Sie das? Marc würde es Ihnen nicht erzählt haben. Es hatte ja nichts mit Ihnen zu tun.“

„Jetzt geht es mich etwas an.“ Er suchte ihren Blick. In ihren grünen Augen wechselten Licht und Schatten.

Er rieb sich das Kinn, ehe er einen Arm wieder über die Rückenlehne der Bank legte. „Sie haben keine private Krankenversicherung.“

Sie blinzelte, als sei ihr das noch gar nicht aufgefallen. „Nein, habe ich nicht.“

„Aber Sie wollen doch sicher die beste ärztliche Betreuung für sich und das Baby.“ Sie lehnte sich zurück, noch bleicher geworden. „Was ist mit der Geburt? Falls ein Kaiserschnitt nötig wird, möchten Sie da nicht wissen, wer der operierende Arzt ist?“

„Wir haben ein gutes staatliches Versorgungssystem in diesem Land.“

„Sie möchten wissen, wer sich wo um das Baby kümmert und bestimmt nicht stundenlang in einer Klinik warten und jedes Mal einen anderen überarbeiteten Arzt sehen.“ Er ignorierte ihren müden Blick. „Wenn Sie heutzutage sicher sein wollen, die beste medizinische Behandlung zu bekommen, dann müssen Sie dafür bezahlen.“

„Und ich frage Sie noch einmal. Woher wissen Sie das alles?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ein paar Anrufe.“ Für Geld bekam man nicht nur die beste medizinische Behandlung. Verglichen damit war Information jedoch billig.

Ihr stieg die Röte ins Gesicht, als sie ärgerlich wurde.

„Sie haben Nachforschungen über mich angestellt?“

„Ich habe mich um die Angelegenheiten meines verstorbenen Bruders gekümmert.“

„Sie meinen, seine Liebesangelegenheiten.“

Er beugte sich näher zu ihr, gewillt, sich verständlich zu machen. Die ganze Sache war auch für ihn nicht angenehm. „Sie haben kein Einkommen und eigentlich keine Verwandten. Ich möchte Ihnen helfen.“

„Indem Sie mich heiraten wollen. Ist das nicht ein bisschen extrem? Wie wär’s mit etwas Einfachem, wie, einen Scheck ausschreiben?“ Sie verschränkte die Arme. „Nicht, dass ich Ihr Geld haben möchte.“

„Das ehrt Sie, ist in Ihrer heiklen Lage aber vielleicht unpraktisch.“

Auch wenn keineswegs reich, so war Marco eher in der Lage gewesen, das De-Luca-Erbe auszuschlagen, ja sogar lachend den Vorschlag abzulehnen, dass sich die Brüder endlich zusammentaten und die Firma gemeinsam führten. Tamaras Situation war eine völlig andere.

„Ich bin absolut in der Lage, einen Job anzunehmen.“

„Wie den einer Empfangsdame beim Billigfrisör in Ihrem Viertel.“ Tamara blieb der Mund offen stehen. „Sie werden acht bis zehn Stunden täglich auf den Beinen sein, den Salon fegen, bei allen möglichen Arbeiten aushelfen. Wie ich vorhin im Waschraum mitbekommen habe, macht Ihnen die Schwangerschaft in diesem frühen Stadium Probleme. Wie wollen Sie das alles schaffen?“

Stolz straffte sie die Schultern. Trotz ihrer Sturheit musste er sie bewundern. Denn wenn jemand diese schwierige Situation meistern konnte, und zwar gut, dann Tamara. Doch das behielt er für sich.

„Ich bin dankbar für den Job, auch wenn er nur ein Notnagel ist. Ich habe nämlich vor, einen Abschluss in Betriebswirtschaft zu machen und dann meine Firma für spezielle Events neu aufzubauen.“ Sie reckte das Kinn. „Notfalls fange ich auch in einer anderen Firma an und arbeite mich dort nach oben.“ Sie bedachte ihn mit einem beinahe frechen Blick. „Aber das ist Ihnen womöglich auch schon bekannt.“

Er verkniff sich ein Lächeln. Ganz schön kess. Ein ziemlicher Unterschied zu den überspannten höheren Töchtern, mit denen er ausgegangen war – Frauen, die sich einschmeichelten, sich selbstgefällig den Hof machen und ihn dann hängen ließen, wenn es um eine dauerhafte Beziehung ging.

Aber er glaubte nicht an die romantische Liebe, auch wenn andere das offenbar taten.

Er betrachtete den Sandboden vor sich, während er nach den richtigen Worten suchte. „Ich weiß, dass Sie und Marco ein Liebespaar waren. Er erzählte mir, Sie beide würden heiraten und noch mehr Kinder bekommen. Sicher wird es seine Zeit dauern, bis Sie über Ihren Verlust hinweggekommen sind …“

„Wow! Moment.“ Abwehrend hob Tamara die Hände. „Marc mochte in mich verliebt gewesen sein, aber ich hatte nicht eingewilligt, ihn zu heiraten. Für mich war er lediglich ein Freund. Ein sehr lieber Freund.“

Armand erstarrte. Er war kein Heiliger, aber dieser Gedanke wollte ihm nicht in den Kopf. „Schlafen Sie oft mit Freunden, Ms Kendle?“

Sie zuckte zurück, als habe er sie geschlagen. Sie nahm ihre Tasche und sprang auf. „Ich habe genug.“

Ehe sie weglaufen konnte, packte er sie am Arm. Sie waren noch nicht fertig.

Die Berührung löste eine heftige körperliche Reaktion in ihm aus, genau wie nach seinem Heiratsantrag vor einer Stunde, als Tamara gegen ihn gesunken war. Langsam erhob sich Armand und versuchte dabei zu begreifen, was diese Gefühlswallung bedeutete. Ihrer überraschten Miene nach spürte Tamara es auch – dieses prickelnde Knistern zwischen ihnen, als ständen sie beide unter Strom.

Langsam ließ er den Blick über ihre Lippen gleiten, als sich ein bisher schlafender Tiger gähnend in ihm reckte. „Sie haben sich körperlich nicht zu Marco hingezogen gefühlt?“

Doch zwischen ihnen beiden knisterte es unmissverständlich. Damit hatte er keinesfalls gerechnet. Er wusste nicht, was er damit anfangen sollte – es war eine neue Erfahrung für ihn, in vielerlei Hinsicht.

Entschlossen löste sich Tamara von ihm. „Marc war lieb und zuvorkommend und ließ alles stehen und liegen, wenn ein Freund ihn brauchte. Es ist ein einziges Mal passiert.“ Man sah ihr den Kummer deutlich an. „Ich erwarte nicht, dass Sie es verstehen.“

Ihm wurde das Herz schwer, aber er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, wer der bessere Mann von ihnen beiden war.

„Sie hatten eine Pechsträhne.“ Er wusste auch über ihr Haus Bescheid und den Brand. „Aber heute haben Sie die Chance, das Ruder herumzureißen.“

Sie lächelte unglücklich. „Mit einer Vernunftehe?“ Ihre sichtbare Verletzlichkeit, ihre unschuldige Miene gingen ihm nahe, und er nickte kurz. Sie schien einen Moment über die Aufrichtigkeit seines Angebots nachzudenken, ehe ihr Blick erneut misstrauisch wurde. „Und was haben Sie davon?“

Er zögerte nicht. „Dieses Kind wird zwei Elternteile haben.“

Sie wartete. „Und?“

„Sie brauchen einen weiteren Grund?“

Tamara Kendle kam aus einem zerrütteten Zuhause, das sehr viel weniger privilegiert war als das seine. Ein verschollener Vater und eine ungebildete Mutter. Gegen Tamaras Kindheit waren seine Beschwerden etwa so, als habe er beim Sonntagspicknick zu wenig Kuchen abbekommen. Eigentlich sollte es verlockend genug für sie sein, wenn er diesem Kind die Sicherheit eines ordentlichen Familienlebens bot.

Einige Möwen flogen auf, als sie zum Zaun ging, der den Strand abgrenzte. Der Wind, der näher am Wasser stärker war, spielte mit ihrem Haar und ließ es über ihren Rücken tanzen.

Sie drehte sich zu ihm um, ihr Gesichtsausdruck war jetzt hellwach. „Sie sagten, ich sei schlau, Mr De Luca. Bitte beantworten Sie meine Frage.“

Nach einem Moment ging er zu ihr hinüber. Er umfasste das Geländer der Umzäunung mit beiden Händen und sah nachdenklich aufs Meer hinaus. „Ja, es gibt noch einen Grund.“ Sie würde es ohnehin erfahren müssen.

„Ich höre.“

Er umklammerte das Holzgeländer. „Ich muss die Mehrheitsanteile an der Firma meines verstorbenen Vaters bekommen. Seinem Testament zufolge befinden sich die für das volle Stimmrecht fehlenden Firmenanteile in einer Treuhandverwaltung.“

„Und ich passe da wie hinein …?“

„Eine Bedingung ist zu erfüllen, ehe die Anteile an mich zurückfallen. Ich muss Nachkommen zeugen – also ein Kind –, und zwar bis zu meinem dreiunddreißigsten Geburtstag. Mit anderen Worten, ich brauche in sieben Monaten einen legitimen Erben.“

„Mein Baby?“ Sie lachte ungläubig auf. „Kann man so etwas tatsächlich in seinem Testament festlegen? Das klingt mittelalterlich.“

„Dante, mein Vater, war sehr altmodisch. Ich weiß seit Jahren, dass er sicherstellen wollte, dass sein Vermächtnis durch mich auf die nächste Generation übergeht. Das ist zu verstehen.“

„Und wenn Sie bis zum Stichtag keinen Erben zeugen?“

„Dann verbleiben die Mehrheitsanteile beim engsten Freund meines Vaters, dem Rechtsanwalt der Firma.“

Einem Mann, der selbst keine Kinder hatte. Jemand, den Armand immer bewundert und als Kind Onkel genannt hatte. Ein Mensch, dem er vertraute und der seiner Meinung nach die restlichen Anteile ohnehin an ihn übertragen würde. Er würde jedoch lieber den Wunsch seines Vaters erfüllen, um Matthew, einen Mann mit Moral, nicht in eine nicht ganz so moralische Situation zu bringen. Tamara zu überzeugen, ihn zu heiraten, würde diese Klippen umschiffen und für alle das Beste sein, einschließlich des Kindes.

Sie betrachtete ihn skeptisch. „Das alles ergibt keinen Sinn. Ein Mann wie Sie sollte kein Problem damit haben, eine willige Braut zu finden. Warum haben Sie bis jetzt gewartet?“

Armand weigerte sich, sich zu erinnern, stattdessen spielte er mit dem schweren Rubinring an seiner rechten Hand herum. „Sagen wir, die wahre Liebe ist mir aus dem Weg gegangen.“

„Und Sie wollen die wahre Liebe finden?“

Ihre Anspannung wich ein wenig, ehe sie ihm ihr erstes echtes Lächeln schenkte. Sie strahlte wie ein Engel, so als würde sie von innen heraus leuchten. Beinahe hätte er ihr Lächeln erwidert.

„Dann verstehen Sie sicher, warum das unmöglich funktionieren kann. Warum Sie einen anderen Weg finden müssen. Ich möchte nämlich auch den einzig richtigen Partner finden, genau wie Sie.“

Er betrachtete sie. Sie war weit attraktiver, als er zuerst gedacht hatte, mit ihrem zarten Teint, dem langen schlanken Hals und der goldenen Kette mit einem kleinen Kreuz. Und einen verrückten Moment lang hätte er sich am liebsten von ihrer wirklichkeitsfremden Schwärmerei anstecken lassen. Aber er glaubte schon lange nicht mehr an die große Liebe.

Er schaute erneut aufs Meer hinaus. „Sie verstehen das falsch. Ich glaube nicht an Märchen.“

„Sie meinen, Sie glauben nicht an die Liebe?“

Plötzlich war er ärgerlich, denn in dieser Diskussion brauchte nicht ergründet zu werden, was er persönlich bedauerte. Er nahm es als sein gutes Recht, einmal einen Fehler zu machen.

„Ich habe einen Freund, der Scheidungsanwalt ist, aber es ist kein Geheimnis. Die Hälfte der Ehen, die aus Liebe geschlossen werden, geht in die Brüche. Im Vergleich dazu vier Prozent aller arrangierten Ehen. In einigen Teilen der Welt gilt eine solche Heirat als Privileg.“

Tamara blinzelte. „Gütiger Himmel, Sie meinen es wirklich ernst.“

„Was ich vorschlage, ist eine Partnerschaft, die auf Ehrlichkeit und Respekt beruht.“

„Was Sie vorschlagen, kommt nicht infrage!“

„Ich gebe zu, es ist nicht der beste Zeitpunkt für diese Debatte.“

„Da haben Sie verdammt recht. Ihr Bruder wurde heute begraben.“ Sie wich zurück. „Und egal, was Sie vielleicht denken, ich bin nicht zu kaufen, um Ihre geschäftliche Situation zu verbessern, und mein Baby auch nicht. Ja, ich erwarte Ehrlichkeit und Respekt von dem Mann, den ich heirate. Aber ich will auch eine Liebesgeschichte und eine innere Bindung und Leidenschaft.“

Ihre grünen Augen sprühten jetzt regelrecht Funken. Sie hatte kein Interesse an materiellem Gewinn … glaubte einzig und allein an Ideale. „Leidenschaft?“

„Die wünscht sich doch jede Frau.“

„Die meisten Männer auch.“ Er ließ den Blick über ihr Gesicht gleiten.

Er traf Entscheidungen nicht leichtfertig. Letzte Nacht hatte er wach gelegen, und auch heute in der Kapelle hatte er darüber gegrübelt, was für und gegen eine Ehe mit einer Frau sprach, die er noch gar nicht kannte, um die Klausel des Testaments zu erfüllen und ihrem Kind – seinem Blutsverwandten – den Namen De Luca zu geben. Doch auf keinen Fall hatte er damit gerechnet, diese Anziehung zu verspüren, diesen Drang, ihr Gesicht in beide Hände zu nehmen und ihre Wärme zu erkunden.

Dieses Ziehen in seiner Brust, die Hitze weiter unten …

Zum Teufel. Er wollte sie küssen.

Sie löste den Blickkontakt. „Ihr Flugzeug wartet auf Sie, und ich muss nach Hause und diesen Tag verarbeiten.“

Armand sah auf seine Uhr. Verdammt! Wo war die letzte Stunde geblieben? Aber er hatte noch Zeit. Er würde sich Zeit nehmen. „Ich fahre Sie nach Hause.“

Er wollte sie schon am Ellbogen fassen, doch sie winkte ab. „Ich nehme den Bus. Das meine ich ernst“, beharrte sie, als er protestieren wollte. Während er widerstrebend zurücktrat, schien sie sich gefangen zu haben. „Und ich habe es auch ernst gemeint, dass ich Sie nicht aus unserem Leben ausschließen will.“ Nach kurzem Zögern suchte sie in ihrer Handtasche herum. „Ich nehme an, meine Telefonnummer haben Sie bereits.“

Die Anspannung der letzten Tage fiel langsam von ihm ab. Ja, er hatte ihre Nummer, aber er würde sie nicht zurückweisen, falls sie sie ihm jetzt gab. Tamara reichte ihm den kleinen Finger. Für den Augenblick genügte ihm das.

Nachdem sie Notizblock und Stift in ihrer Tasche gefunden hatte, sah er ihr beim Schreiben zu … sie war Linkshänderin, hatte lange, schlanke Finger, wie geschaffen für Ringe. Diamanten, Smaragde, vielleicht sogar Rubine.

Sie reichte ihm den Zettel, verabschiedete sich kurz und war weg, schnell wie ein verängstigter Hase. Als er ihr nachsah, wie sie zu einer Bushaltestelle ging, rieb er sich nachdenklich die Stirn. Vierzehn Tage und Nächte in China kamen ihm plötzlich sehr lang vor.

Auf dem Weg zu seinem Wagen faltete Armand den Zettel auseinander. Wie angewurzelt blieb er stehen, um dann die Nachricht dreimal zu lesen.

Geben Sie mir etwas Zeit!

Er lächelte träge. Er würde ihr zwei Wochen geben. Danach konnte er für nichts garantieren.

2. KAPITEL

Müde schloss Tamara die Tür ihres Apartments auf, und während sie ihr schmerzendes Handgelenk hielt, kämpfte sie gegen die Tränen an. Sie hatte nicht nur Schmerzen, sie war auch frustriert.

Sechs Tage lang hatte sie sich im Frisiersalon abgehetzt und doch nur einen jämmerlichen Lohn bekommen. Jeden Morgen war ihr zudem übel. Aber ein Zusammenstoß mit einer Kollegin, bei dem sie sich das Handgelenk verstaucht hatte, machte das Maß voll. Sie hatte gekündigt, und nach einem Fußweg von zwanzig Minuten war sie jetzt völlig erledigt.

Nachdem sie ihre Slipper abgestreift hatte, holte sie einen Beutel tiefgefrorene Erbsen aus ihrem uralten Gefrierschrank und wickelte ihn mit Hilfe des Küchentuchs um ihr geschwollenes Handgelenk. Dann ließ sie sich auf ihre abgenutzte Veloursledercouch fallen.

Gerade als sie ein wenig eingedöst war, klingelte das Telefon.

Sie stöhnte auf, weil sie keine Lust hatte abzunehmen. Aber es konnte die Arbeitsagentur sein. Vielleicht hätte sie sich ja am liebsten einen Monat lang verkrochen, doch diesen Luxus konnte sie sich nicht leisten.

Sie setzte sich auf, schob den Stapel überfälliger Rechnungen beiseite und griff nach dem Telefon.

Es war Melanie. „Kristin und ich fragen uns, wie es dir wohl geht. Nun ist es gut eine Woche her. Bestimmt wird es dir langsam voll bewusst, hm?“

Tamara sank auf die Couch zurück und starrte an die Zimmerdecke. Einen Vorteil hatte es, beschäftigt und erschöpft zu sein – sie hatte gar keine Zeit gehabt, sich ihrer Trauer hinzugeben. Marc war tot, ja, das wurde ihr langsam voll bewusst, und sie würde ihn mehr vermissen, als sich die anderen vorstellen konnten. Als Inhaberin einer eigenen Firma hatte sie sich kontaktfreudig gegeben, aber eigentlich war sie eher schüchtern.

Mit sechsundzwanzig war es für sie immer noch selbstverständlich, allein zurechtzukommen. Aber wenn sie mit Marc zusammen gewesen war, hatte sie sich so wohl gefühlt, ganz sie selbst. Das war einer der Gründe, warum er ihr so viel bedeutet hatte und warum das Baby ihr sogar noch mehr bedeuten würde.

Sie strich mit der Hand über den Bauch, der wohl allmählich rundlicher wurde. „Danke, dass du anrufst, Mel. Alles in Ordnung bei mir.“ Ihr Blick fiel auf den Stapel mit Lehrbüchern auf dem Couchtisch. Sie schlug die Beine übereinander und wandte sich ab. Dieser Herausforderung mochte sie sich im Moment nicht stellen.

Während sie sich dann von Melanie erzählen ließ, was sie und ihre Schwester so machten, zwang sich Tamara, flüchtig ihre Rechnungen durchzusehen. Auch eine Mahnung ihres Vermieters war darunter. Die Miete war zwei Wochen überfällig.

Plötzlich wurde laut an die Tür geklopft. Ihr stockte der Atem, und die Mahnung fiel ihr aus der Hand.

„Ist etwas?“, wollte Melanie wissen.

Tamara stand auf. „Jemand ist an der Tür. Ich rufe dich später zurück.“

Falls das der Vermieter war, der sie hinauswerfen wollte, dann hatte es wenig Sinn, die Sache hinauszuzögern. Da gab es ja immer noch die Möglichkeit staatlicher Unterstützung, oder sich eine billigere Unterkunft zu suchen. Sie sah sich in ihrer winzigen Wohnung um. Gab es denn eine noch billigere?

Als Nächstes wurde geklingelt, schrill und ausdauernd. Auf dem Weg zur Tür strich Tamara ein paar Strähnchen zurück, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatten. Als sie öffnete, blieb ihr fast das Herz stehen.

Zunächst nahm sie lange Männerbeine in dunklen Hosen wahr. Danach ein am Kragen offenes Oberhemd, dessen Ärmel hochgekrempelt waren und den Blick auf kräftige gebräunte Unterarme freigaben. Weiter oben machten Bartstoppeln ein kantiges Kinn noch attraktiver, und eine schwarze Haarsträhne fiel in eine hohe Stirn. Die Augen waren blau und musterten sie träge und wie gebannt.

Armand De Luca.

„Ich dachte, Sie sagten etwas von zwei Wochen.“

Er lächelte kaum merklich. „Daraus wurde eine.“

Immer noch völlig überrascht, lehnte Tamara sich an den Türrahmen. „Sagen Sie bloß, Sie haben es bereits gehört.“

„Lassen Sie mich raten. Sie haben in Ihrem Salon das Handtuch geworfen.“ Sein Blick fiel auf ihren Umschlag aus gefrorenen Erbsen. „Ich sehe auch den Grund dafür.“ Er betrat einfach ihre Wohnung und ergriff behutsam ihre verletzte Hand.

Ihre erste Reaktion war, sich ihm zu entziehen und ihm zu sagen, er solle ihr nicht zu nahe kommen. Denn sie war sich gar nicht sicher, dass ihr gefiel, was seine Berührung bewirkte – sie fühlte sich regelrecht zu ihm hingezogen. Aber sie war so müde. Ihr Protest würde nur kindisch wirken. Zudem war es nicht unbedingt unangenehm, dass er mit seiner großen gebräunten Hand ihre viel kleinere stützte.

„Ich würde Sie ja hereinbitten …“ Sie sah zu, wie er den Handtuchverband löste und ihr Handgelenk vorsichtig bewegte. „… aber Sie sind ja bereits eingetreten.“

Seine Aufmerksamkeit galt ihrem geschwollenen Gelenk. „Das sieht schlimm aus.“

Als er mit dem Zeigefinger über den roten Fleck fuhr, der langsam grün-gelb wurde, durchzuckte sie ein heftiger Schmerz. Sie entriss ihm ihre Hand und ging zur Couch.

Er folgte ihr. „Ein Arzt sollte sich das mal ansehen.“

„Es braucht lediglich Ruhe.“

Er betrachtete sie eingehend, angefangen von ihrem zerzausten Pferdeschwanz bis hinunter zu ihren bloßen Füßen, und sein missbilligender Blick ließ Tamara sich wie eine Zehnjährige fühlen. „Sie brauchen Ruhe.“

„Sie haben recht. Wenn Sie also bitte …“ Sie machte Anstalten, ihn zurück zur Tür zu geleiten. Vergeblich. Daher lächelte sie gezwungen, nicht gewillt, ihre Frustration zu verbergen. „Also, was kann ich heute für Sie tun, Mr De Luca?“

„Nennen Sie mich doch Armand. Und Sie können mit mir nach Hause kommen.“

Seine Bemerkung machte sie sprachlos. Aber sie würde ihn nicht merken lassen, welche Wirkung seine Worte und seine Gegenwart auf sie hatten.

Sie lächelte hochmütig. „Sie sind ganz schön hartnäckig. Ich soll zu Ihnen nach Hause kommen. Einfach so.“ Sie ließ sich auf die Couch fallen. Ihr Handgelenk schmerzte höllisch, und sie schrie leise auf.

Armand setzte sich neben sie. „Nicht einfach so. Sie sind nicht nur verletzt, Sie vergessen auch unsere Unterhaltung letzte Woche.“

Sich seiner sinnlichen Ausstrahlung und seines berauschenden herben Dufts sehr bewusst, rückte sie weiter von ihm ab. „Ich habe gar nichts vergessen.“ Einschließlich seines grotesken Heiratsantrags auf Marcs Begräbnis.

Er schaute an ihr vorbei und runzelte die Stirn. Na großartig! Er hatte die Rechnungen entdeckt. Als er sie zur Hand nahm – ein eigensinniger Mann mit einer Mission –, war ihr instinktiv klar, dass es Zeitverschwendung war zu protestieren. Sie gab sich gleichgültig, während ihr Herz heftig klopfte.

Schließlich legte er die Rechnungen beiseite. „Können Sie irgendwo unterkommen?“

Sie lachte gezwungen. „So schlimm ist es nun auch wieder nicht.“

Seine Miene verriet ihr, dass er anderer Meinung war.

So schwer es Tamara auch fiel, sie musste der Wahrheit schließlich ins Auge sehen. Außer Marc hatte sie keine engen Freunde. Sie war zwar mit Melanie und Kristin befreundet und ein paar Mitstudenten an der Uni, aber nicht so eng, dass sie bei ihnen hätte wohnen können.

Ihre Mutter lebte in Melbourne, doch sie hatten selten Kontakt, was sie gleichermaßen traurig machte und beruhigte. Wie seltsam, jemanden zu lieben, in dessen Gesellschaft man sich meistens unsichtbar fühlte. Früher einmal hätte sie Freudensprünge gemacht, um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu erlangen. Später fand sie es klüger, sich die Mühe zu sparen. Elaine Kendle hatte ständig bedauert, dass ihr Leben nicht anders verlaufen war – vermutlich heute noch –, und es gab wenig, was Tamara dagegen tun konnte.

Armand stand auf. „Ich will nicht mit Ihnen streiten. Wenn Sie hier bleiben wollen, bis man eine Zwangsräumung anordnet, und das dürfte nicht mehr lange dauern, dann ist das Ihre Entscheidung.“

Er ging zur Tür, und sie war zu keinem Gedanken mehr fähig. Sie nahm nur noch wahr, wie er nach der Türklinke griff. Die Tür öffnete. Die Wohnung verließ.

„Warten Sie!“

Er fuhr herum, und ihre Blicke trafen sich. Aber sie war nicht in der Lage zu sprechen oder sich zu bewegen. Verflixt, sie war es nicht gewohnt, Hilfe anzunehmen.

Sie sah, wie aus seinem angeblichen Desinteresse Erwartung wurde. Langsam kam er zu ihr zurück und streckte die Hand aus. Sie zögerte, dann gab sie sich geschlagen und ergriff seine Hand.

Seine Wärme ging auf sie über, breitete sich über ihren Arm aus, ließ jeden Nerv prickeln und knistern. Lächelnd zog er einen Mundwinkel nach oben. Er hatte einen schönen, männlichen, sexy Mund, der sehr verlockend war.

„Sagen Sie mir, was Sie mitnehmen müssen“, meinte er und zog sie hoch.

Sie nickte, und zusammen packten sie ein paar Dinge ein – einige Kleidungsstücke, ihre Bücher und Einstein, ihre Grünpflanze. Aber ihre Bewegungen, ihre Situation, dieser attraktive, hartnäckige Mann … alles kam ihr unwirklich vor.

Als die Wohnungstür eine Viertelstunde später ins Schloss fiel, war Tamara immer noch ganz benommen. Wieder einmal hatte ihr Leben eine scharfe, unerwartete Wendung genommen. Sie betrachtete Armand, der ihre Sachen die Treppe hinuntertrug, und fragte sich, welche ihrer Barrieren er als Nächstes versuchen würde einzureißen.

Tamara kniete in Armand De Lucas riesiger Küche und kraulte mit ihrer unverletzten Hand die Dogge mit den schläfrigen braunen Augen am Ohr. „Seit wann haben Sie dieses Tier? Seit der letzten Eiszeit?“

Gegen die Kochinsel gelehnt, war Armand damit beschäftigt, die Post durchzusehen, die er vom Granittresen genommen hatte. Er sah hoch und bedachte Tamara mit einem schiefen Lächeln, dass ihr ganz flau wurde.

„Eiszeit wohl eher nicht.“ Er widmete sich wieder der Post. „Master habe ich vielleicht seit der Zeit, als ich anfing, lange Hosen zu tragen.“

Tamara ließ den Blick über seine Beine gleiten. Er sah gut in langen Hosen aus, wie sie wusste, aber noch besser in der tief sitzenden verwaschenen Jeans, die er kurz nach ihrer Ankunft zu Hause angezogen hatte. Und zu Hause war momentan eine prachtvolle Villa im italienischen Stil im exklusivsten Wohnviertel von Sydney.

Durch ein großes Fenster fiel der Blick auf hohe Pinien am Rand einer großen grünen Rasenfläche – Vordergrund für eine fantastische Aussicht auf den Hafen mit bunten Segeljachten und das Opernhaus in der Ferne. Überall im Haus gab es Marmorfußböden, Steinsäulen, kunstvolle Dachfenster … alles unglaublich extravagant und großzügig.

„Das Haus ist so groß“, murmelte sie. Und still. Sie kraulte dem Hund erneut die Ohren. „Ich frage mich, ob Master sich nicht einsam fühlt.“

Es bestand kein Zweifel daran, dass Armand die meiste Zeit im Büro verbrachte und jeder sich hier einsam fühlen konnte, sogar ein Hund.

Als Armand die Briefe beiseitelegte und auf sie zukam, umklammerte Tamara ihr bandagiertes Handgelenk und vergaß beinahe Luft zu holen. Er hatte einen geschmeidigen Gang, dabei war er lässig, etwa wie ein Panther, der nicht im Geringsten beunruhigt war, dass seine Beute entfliehen könnte.

„Der Hauswart und Master sind seit Jahren dicke Freunde. Und er mag meine Haushälterin. Sie werden Ruth auch mögen.“

Sie hatte Ruth Sherman bereits kennengelernt, und sie schien nett zu sein. Aber Tamara hatte nicht vor, eine Beziehung zu ihr zu entwickeln. Sie stand auf. „Ich werde nicht allzu lange hier bleiben.“

Er verschränkte seine kräftigen Arme vor der Brust. Am liebsten wäre Tamara näher gekommen, um seinen Waschbrettbauch zu befühlen, den er sicherlich hatte.

„Das klingt, als hätten Sie einen Plan.“

Sie riss sich von ihren Betrachtungen los. „Natürlich.“

Er holte zwei dampfende Tassen vom Küchentresen, eine mit Himbeertee, den sie dieser Tage häufig trank, und eine mit frisch gebrühtem Kaffee aus einer Kaffeemaschine, die vermutlich teurer war als ein anständiger Urlaub. „Lassen Sie mich raten. Sie haben vor, sich einen neuen Job zu suchen.“

„Bis vor Kurzem war ich noch nie arbeitslos.“

„Nicht seit Sie vorzeitig die Schule verlassen haben.“

Seine arrogante Bemerkung versetzte ihr einen Stich, aber er hatte ihre Lehrbücher von der Universität gesehen. Sie stand kurz vor ihrem Abschluss in Betriebswirtschaft, was, zugegeben, eine Herausforderung gewesen war, besonders ihr gegenwärtiges Hauptfach. Ihr zweiter Anlauf in Sachen Datenanalyse war nicht einfacher als ihr erster.

Sie ging zu einem Esstisch hinüber, der in einem verglasten Erker stand. „Ja, ich habe die Schule frühzeitig beendet. Und schließlich besaß ich doch meine eigene Firma.“

„‚Exemplar Events‘, ein Unternehmen, das Veranstaltungen ausrichtete.“ Mit den Tassen in Händen kam er zu ihr. „Von Haus aus Friseurin, haben Sie durch Zufall Ihre wahre Berufung gefunden, als Sie für Freunde und die Wohlfahrt Veranstaltungen organisiert haben.“

Statt sich über seine Nachforschungen zu ärgern, erinnerte sie sich lächelnd an diese Zeit. „Weihnachtspartys, Schulfeste, einige Dinnerpartys, um Spenden zu sammeln.“ Sie hatte es so satt gehabt, Haare zu färben und aufzufegen, und diese Veranstaltungen hatten solchen Spaß gemacht.

„Aber der Schritt hin zu Firmenveranstaltungen war gewaltig“, fuhr er fort.

Feuerwerke, erstklassiges Catering, diverse Sonderwünsche der Kunden – jeder Auftrag war aufregend gewesen, und sie war gut zurechtgekommen … eine Weile jedenfalls. Schließlich hatten mangelnde Kenntnisse in der Buchhaltung sie jedoch eingeholt. Zahlen waren nicht unbedingt ihre Stärke – nicht bei der Datenanalyse und nicht bei Außenständen. Als sie auf Grund lief, war es aus und vorbei.

Armand stellte die Tassen auf den Tisch. „Ein unzufriedener Kunde weigerte sich, für eine extravagante Veranstaltung zu bezahlen. Bei einem bereits überzogenen Bankkonto war der Verlust zu groß. Die Bank forderte das Darlehen zurück. Kein anderes Geldinstitut wollte einspringen. Sie haben Ihre Firma verloren.“

„Ich habe alles verloren.“ Dank Barclays Australasia.

Ihr fünf Jahre altes rotes Coupé wurde als Erstes verkauft. Sie hatte diesen Wagen geliebt. Dann kamen die Garagenverkäufe, die Verzweiflung. Der Verkauf ihres bescheidenen, aber heiß geliebten Hauses wäre als Nächstes an der Reihe gewesen, wäre es nicht vorher abgebrannt. Das Kleingedruckte in der Versicherungspolice bedeutete, dass sie in ein winziges Apartment ziehen musste.

Er rückte ihr einen Stuhl zurecht. „Das Leben ist nicht immer fair.“

Obwohl sie das genauso sah, klang dieser Satz aus Armands Mund banal. Ein Millionär wusste bestimmt nichts von den Schwierigkeiten, mit denen kleine Geschäftsleute zu kämpfen hatten, um über die Runden zu kommen.

Tamara setzte sich. Sie konnte sich einen Seitenhieb nicht verkneifen. „Vielleicht sollten wir noch einmal in Ihrem Bentley fahren, und dann können Sie mir sagen, was fair ist.“

Seine Augen sprühten Funken, weil er sich amüsierte oder verärgert war? „Kein Grund, die Krallen zu zeigen. Ich möchte Ihnen helfen, schon vergessen?“

Er wollte wohl eher sich selbst helfen.

Armands Haushälterin kam herein, und die Anspannung verflog. Ruth war Anfang sechzig und gepflegt und elegant mit ihrer kupferblonden Kurzhaarfrisur und ihren Saphirohrsteckern. Die einzigen Hinweise auf ihren Beruf waren eine Schürze und sehr kurze Fingernägel.

„Brauchen Sie noch irgendetwas, Sir?“

„Nein, danke, ab jetzt kümmere ich mich um alles.“

Ruth lächelte Tamara an. „Nett, Sie kennengelernt zu haben, Ms Kendle.“

Die Haushälterin hatte ihr vorhin bereits ein Vollkorn-Sandwich mit Käse und Schinken gemacht. „Danke für das Sandwich, Ruth. Es war sehr lecker.“

„Warten Sie, bis Sie mein Beef Wellington probiert haben“, tat Ruth das Kompliment ab, während sie ihre Schürze an den Haken auf der Rückseite der Speisekammertür hängte. „Das isst er am liebsten.“

Armand, der mittlerweile neben Tamara saß, gab einen Löffel Zucker in seine Tasse. „Ihren Schoko-Minz-Käsekuchen esse ich am liebsten.“

„Ja, ich weiß, Sie lieben Süßes.“

Nachdem Ruth sich ins Wochenende verabschiedet hatte, nahm Armand den Gesprächsfaden wieder auf. „Wir waren dabei, über den Konkurs Ihrer Firma zu sprechen.“

Sie stellte ihre Tasse auf den Tisch. „Vielleicht bin ich momentan in keiner sehr glücklichen Lage, aber ich komme schon zurecht.“ Sie war immer zurechtgekommen.

Er sah sie herausfordernd an. „Etwa so, wie Ihre Mutter zurechtgekommen ist?“

Tamara wurde ärgerlich. Obwohl sie sie vernachlässigt hatte, liebte sie ihre Mutter und wollte ihr das Enkelkind nicht vorenthalten. Und falls er es wagte, von ihrem Vater anzufangen …

Manche Dinge sollte man besser auf sich beruhen lassen.

„Meine Mutter hat nichts mit alldem zu tun.“

Er überlegte einen Moment, während er einen Schluck Kaffee trank. „Sie haben recht. Es geht um Sie und darum, welche Möglichkeiten Sie als Mutter Ihrem Kind geben oder verweigern wollen.“

Ihr krampfte sich der Magen zusammen. Geld war keine Garantie für Glück. Trotzdem wusste Tamara nach ihrem alles andere als glücklichen Start ins Leben sehr wohl, dass Essen und Kleidung nicht vom Himmel fielen. Sie sah ihn scharf an. „Das ist nicht fair.“

„Ich glaube, diese Diskussion hatten wir bereits.“

So cool. So aalglatt. So verdammt aufreizend!

Abrupt stand sie auf und trat ans Fenster.

Sie ließ den Blick durch den Garten schweifen. Alles perfekt, tadellos, nirgends die kleinste Unordnung. Die Gartenpflege musste ein Vermögen kosten.

Ihre Arbeitstage würden nach der Geburt des Babys nicht kürzer werden, besonders, sobald sie in der Lage war, ihr Geschäft neu aufzubauen. Keinen Partner zu haben bedeutete zudem, mehr Stunden mit der Betreuung des Kindes beschäftigt zu sein.

Geistesabwesend malte sie mit dem Zeigefinger eine liegende Acht auf die Fensterscheibe.

Eine Vernunftehe … mit Armand De Luca … kein Abmühen mehr … kein Kampf mehr ums Überleben.

Tamara erschrak. Was um alles in der Welt waren das für Gedanken? Sie wollte in den Mann, den sie heiratete, verliebt, nicht ihm verpflichtet sein. Das war doch sicher kein übertriebener Wunsch, selbst bei all den jetzigen Unsicherheiten in ihrem Leben. Selbst wenn Armand sie sich … momentan gerettet fühlen ließ.

Ihr stockte der Atem, als Armand ihr eine Hand auf die Schulter legte, doch sie wagte nicht, sich zu ihm umzudrehen. Das Prickeln, das seine Berührung in ihr auslöste, reichte, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Da wollte sie ihm nicht auch noch in die Augen schauen.

Sein warmer Atem streifte ihr Ohr, als er leise sagte: „Wägen Sie sorgfältig ab. Bedenken Sie die Möglichkeiten, die Sie Ihrem Kind geben würden, jetzt und in Zukunft.“

Einer Zukunft voller Chancen, Sicherheit, mit einem Namen, der Türen öffnete. Und alles, was sie tun musste, war, einen Fremden zu heiraten.

Tamara kaute auf ihrer Lippe herum und mühte sich ab, die Frage zu formulieren, die ihr zu schaffen machte, seit dieser Mann in ihrem Leben aufgetaucht war.

„Denken Sie nicht, ich würde ja sagen, weil ich es nicht tue, aber …“ Ihr Mund war wie ausgetrocknet, und das Herz schlug ihr bis zum Halse. „Falls wir heiraten und falls wir ein Ehepaar werden würden …“

Sie errötete heftig. Ihr war es unmöglich, die Worte auszusprechen.

„Würde diese Ehe auch eheliche Pflichten einschließen?“

Als sie die Bedeutung seiner Frage voll erfasste, bildeten sich kleine Schweißperlen auf ihrer Stirn. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie seine langen schlanken Finger ihre Schulter umspannten, wie sein Rubinring im Licht der untergehenden Sonne funkelte. Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass sie gleich keine Luft mehr bekommen, dass ihr wie wild klopfendes Herz zerspringen würde.

Sie entzog sich Armand, und er ließ die Hand sinken. Gut. Ein bisschen Abstand. Sonst konnte sie nicht klar denken.

Tief durchatmend nahm sie all ihren Mut zusammen. Eheliche Pflichten. Sie erschauerte. „Das ist so ein altmodischer Begriff.“

„Die Ehe ist eine altmodische und ernsthafte Angelegenheit.“ Obwohl er sie nicht wieder berührte, spürte sie seine Nähe bis ins Innerste, ebenso den überzeugten Unterton seiner Bemerkung. „Körperliche Bindungen herzustellen und zu unterhalten ist ein wichtiger Bestandteil einer Beziehung.“

„Körperliche.“ Die typische Antwort eines Mannes. „Und was ist mit emotionalen Bindungen?“

„Können Sie sich eine bessere Möglichkeit vorstellen, jemandem nahe zu sein, als Sex? Falls Sie einwilligen, mich zu heiraten, Tamara, willigen Sie ein, das Bett mit mir zu teilen und niemandem sonst.“

„Sie lassen das wie einen Befehl klingen.“

Aber das Prickeln auf ihrer Haut kam nicht nur von ihrer Entrüstung. Ein Teil von ihr war zwar entsetzt von der Vorstellung, mit einem Mann zu schlafen, den sie kaum kannte. Ein anderer, verborgenerer Teil dagegen malte sich aus, wie es sein würde, seine Küsse auszukosten, am Ende eines Tages seine Bartstoppeln zu spüren, während er sie liebkoste, erkundete und lockte. Falls solche Gedanken falsch, falls sie im Andenken an Marc irgendwie respektlos waren, dann stehe Gott ihr bei, denn sie konnte sie nicht abwehren. Nicht, wenn Armand ihr so nahe war, über sein Bett redete und die Ehe und Sex.

Als könne er ihre Gedanken lesen, kam er näher. Obwohl sie ihm den Rücken zuwandte, spürte sie überdeutlich seinen intensiven Blick ihren nackten Arm hinaufwandern.

„Die Vorstellung, dass wir unsere Ehe vollziehen, beunruhigt Sie?“

Als seine tiefe Stimme ihr fast die Sinne raubte, stellte sie sich automatisch vor, wie sein Mund den ihren eroberte, wie sein nackter Körper sich über ihren schob. Glühende Hitze stieg in ihr auf, und sie schloss benommen die Augen.

Diese Empfindungen waren zu intensiv. Kamen zu früh.

Sie wandte sich zu ihm um – oder vielmehr seiner muskulösen Brust und seinem leicht spöttischen Blick. Entschlossen drängte sie sich an ihm vorbei und kehrte zum Tisch zurück. „Sie haben es mit einer Frau zu tun, die an Märchen glaubt. Übernehmen Sie sich nicht, Mr De Luca.“

„Armand, schon vergessen?“

Ein schräges Lächeln machte seinen verführerischen Mund noch verführerischer. Tamara riss den Blick von ihm los. Sie hatten genug geredet.

Sie ging Richtung Torbogen, der zu einer großzügig geschwungenen Treppe führte. Oben erwartete sie die Abgeschiedenheit der Gästesuite, die man ihr überlassen hatte. „Ich hatte gerade telefoniert, als Sie in meine Wohnung kamen. Wenn ich den Apparat in meinem Zimmer benutzen dürfte, würde ich sie gern zurückrufen.“

„Eine Freundin?“

„Melanie Harris. Auch eine Freundin von Marc.“

„Weiß sie von dem Baby?“

Tamara blieb stehen. Außer Marc hatte sie niemandem davon erzählt. Die beiden einzigen Menschen, die Bescheid wussten, befanden sich in diesem Raum. „Niemand weiß etwas von meiner Schwangerschaft außer Ihnen.“

„Gut.“

Sie runzelte die Stirn. Womöglich hatte sie sich verhört. Sie suchte Armands Blick. Seine Augen waren unglaublich dunkel, und ihr wurde unbehaglich zumute. „Was meinen Sie mit ‚gut‘?“

Er schob die Hände in die Gesäßtaschen seiner Jeans, während er die passende Antwort zu formulieren schien. „Das Testament schreibt einen legitimen Erben vor.“

Es dauerte einen Moment, bis Tamara voll erfasste, was er damit sagen wollte. „Sie möchten, dass die Leute glauben, dieses Baby sei …“ Sie suchte nach einem neutralen Ausdruck. „… biologisch Ihr und mein Kind?“

„Dem Gesetz nach ist jedes Kind, das nach einer Eheschließung geboren wird, legitim … es sei denn, die Vaterschaft wird angefochten. Dass niemand Bescheid weiß, ist einfach …“ Er zögerte erneut. „… vorteilhafter.“

Er redete, als sei eine Vaterschaft eine vollkommen emotionslose Angelegenheit. „Sie möchten also nicht, dass jemand erfährt, wer der richtige Vater ist, um ganz sicherzugehen, dass die Bedingungen des Testaments erfüllt werden?“

Sie könnte das Marc niemals antun, und sein Kind verdiente es ganz bestimmt, den Namen seines Vaters zu erfahren. Tamara wünschte nur, man hätte ihr selbst diese Aufmerksamkeit erwiesen.

Armand nahm die Hände aus den Taschen und kam näher. „Im Gegenteil. Es ist selbstverständlich, dass man seine Wurzeln kennt, egal, wie die Dinge liegen. Wenn das Kind alt genug ist, wird alles geregelt werden, und es wird erfahren, von wem es abstammt.“

Tamaras Zweifel legten sich ein wenig. Sie nickte, und gemeinsam gingen sie unter dem Torbogen hindurch. Um die volle Kontrolle über sein Imperium zu bekommen, hatte der alte De Luca Armand zur Auflage gemacht, dass er einen legitimen Erben zeugte. Die Lösung schien auf der Hand zu liegen.

„Kann denn ein Neffe oder eine Nichte kein legitimer Erbe sein? Und was ist mit einem adoptierten Kind?“

„Nicht unter den Bedingungen dieses Testaments. Die Klausel ist eindeutig.“ Armand betrachtete sie besorgt. „Wir reden morgen weiter. Sie sehen müde aus.“

Nicht müde, stellte sie einmal mehr fest. Völlig erschöpft. Ihre Beine waren schwer wie Blei. „Ich würde mich gern ein bisschen hinlegen“, gestand sie, sich voll bewusst, dass er ihr die Hand auf den Rücken gelegt hatte, während er sie an einer Sitzecke vorbeiführte. Dort hing über dem Kamin das Porträt eines streng dreinschauenden Mannes.

„Tut Ihnen das Handgelenk weh?“

Leicht fröstelnd löste sie den Blick von den harten dunklen Augen des porträtierten Mannes. „Es ist okay.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich es gut genug bandagiert habe. Ich bringe Sie morgen zu einem Arzt. Und nicht nur wegen Ihres Handgelenks.“

„Der Verband ist in Ordnung. Und falls Sie auf das Baby anspielen, deswegen werde ich meinen eigenen Arzt aufsuchen.“ Das war ein Allgemeinmediziner, kein Spezialist, bei dem Tamara sich wohlfühlte und dem sie vertraute. Einen Gynäkologen würde sie später konsultieren.

„Wir reden morgen darüber.“ Seinem Tonfall nach stand sein Entschluss fest.

Erstaunlicherweise war Tamara weniger verärgert als neugierig. „Spielen Sie immer derart den Boss?“

Er verzog keine Miene. „Bin ich von Berufs wegen so gewöhnt.“ Sie erreichten die Treppe und gingen gemeinsam hinauf. „Nach dem Arztbesuch fahren wir in die Stadt und suchen Einladungskarten für die Hochzeit aus.“

Bei Tamara schrillten die Alarmglocken. Noch hatte sie nicht zugestimmt! Sie warf ihm einen verzweifelten Blick zu.

In diesen verflixten blauen Augen blitzte der Schalk auf. „Ich bin gern vorbereitet.“

3. KAPITEL

Im Penthaus-Büro der De-Luca-Enterprises, das in der Innenstadt lag, erhob sich Armand lächelnd aus seinem Schreibtischsessel. Er hatte sich die Unterlagen seiner Peking-Reise vorgenommen, und somit wusste seine Sekretärin, dass er nicht gestört werden sollte. Doch es gab immer Ausnahmen.

Armand ging um seinen riesigen Schreibtisch herum, und da wurde auch bereits die schwere Eichentür geöffnet, und ein Mann, den er bereits sein ganzes Leben lang kannte, trat ein. Er streckte ihm die Hand hin. „Matthew, ich habe mich schon gefragt, ob du gar nicht mehr aus dem Urlaub zurückkommen wolltest.“

Groß und schlank, wie er war, wirkte Matthew mit seinen fünfundsechzig glatt zehn Jahre jünger. Er lachte. „Du weißt, wie sehr ich diese Firma liebe, aber nach diesen sechs Wochen habe ich erkannt, dass man den Urlaub keine drei Jahre anstehen lassen sollte. Hawaii war herrlich. Entspannung pur.“

Er war braun gebrannt und sah gesund aus. Doch das allein machte nicht den Unterschied. Als Armand den goldenen Ring an Matthews linker Hand entdeckte, war ihm alles klar. Ungläubig lachte er auf. „Lieber Himmel, du bist ja verheiratet!“

Schmunzelnd ging Matthew zum Chesterfield-Sofa hinüber. „Wir sind uns vor drei Monaten auf einem Empfang begegnet, als ein befreundeter Anwalt in den Ruhestand ging.“ Seine eisblauen Augen strahlten zufrieden, als er sich setzte. „Ich dachte, ich wäre längst zu alt für solche Torheiten. Aber Evie hat mich eines Besseren belehrt.“

Obgleich er ein wenig geschockt war, freute sich Armand für Matthew. Er ging zum Barschrank hinüber. „Darauf müssen wir anstoßen.“

Nachdem sie sich mit einem besonders alten Malt zugeprostet hatten, schüttelte Matthew nachdenklich den Kopf. „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich noch vor dir am Altar stehen würde.“

„Du warst überzeugter Junggeselle. Sie muss etwas Besonderes sein.“

Seufzend schwenkte Matthew sein Glas. „Das ist sie in der Tat.“ Einen Moment lang betrachtete er seinen Whisky. „Keine neue Liebschaft bei dir in Sicht, nehme ich an.“

Besonders seit dem Tod seines Vaters hatte Matthew gelegentlich vorsichtig nach einer möglichen Verlobten gefragt, war danach auf das Testament zu sprechen gekommen und hatte Armand anschließend versichert, er solle sich keine Sorgen machen. Die restlichen Firmenanteile seien in guten Händen … seinen Händen. Er war ein erfahrener Anwalt, loyales Mitglied des Vorstands und ergebener Freund der Familie. Auch wenn der Erbe ein wenig verspätet geboren wurde, würde Matthew dafür sorgen, dass er, Armand, bekam, was er verdiente. Verlief alles nach Plan, dann würde Matthew heute das letzte Mal gefragt haben.

„Ehrlich gesagt, habe ich vor, meinen eigenen Hochzeitstermin sehr bald bekannt zu geben.“ Trotz der Zusicherung seines Freundes wegen der Treuhandanteile war ihm die Rechtsgültigkeit einer Ehe lieber.

Matthew wirkte höchst erstaunt und lachte verunsichert auf. „Kenne ich denn das glückliche Mädchen?“

Armand trank sein Glas aus. „Sie kommt nicht aus gesellschaftlichen Kreisen.“

„Dann aus einfachen Verhältnissen?“

Armand nickte.

„Wie deine Mutter.“

Unangenehm berührt ging Armand zu seinem Schreibtisch. Auf diesen Vergleich hätte er verzichten können. Vor sechs Jahren hatte er um die Hand einer Frau angehalten, die aus einer untadeligen Familie stammte, und was war daraus geworden? Christine Sawyer hatte versucht, den Verlobungsring zu versetzen – noch dazu ein Familienerbstück. So viel also zu einer erstklassigen Herkunft. So viel zu wahrer Liebe.

„Entschuldige. Das war unnötig“, sagte Matthew. „Ich bin sicher, sie passt gut zu dir. Wie heißt sie denn?“

Armand setzte sich an seinen Schreibtisch. „Tamara Kendle.“

Matthew nickte, trank einen Schluck und lächelte. „Bestimmt willst du bald eine Familie gründen.“

„Du sagst es.“

Die ganze Woche über hatte Tamara mit ihrer morgendlichen Übelkeit zu kämpfen gehabt, doch abends hatte sie gestrahlt. Aber sie würde nicht so schnell zugeben, dass sie sich gut eingelebt hatte. Sie war wirklich ein Biest, forderte ihn ständig mit ihren Sticheleien heraus und ihren ausdrucksvollen grünen Augen. Am Vorabend hatte sie jedoch nicht einmal davon gesprochen, sich eine neue Wohnung zu suchen. Ein Fortschritt. Heute Abend wollte er das so weit wie nur irgend möglich ausnutzen.

Armand schaute auf die Akte und dann auf seine Uhr. Schon nach fünf. Matthew würde zu seiner Frau nach Hause fahren wollen, doch vorher hätte er gern schnell noch sein Einverständnis.

„Hast du eine Minute Zeit?“

„Projekt China?“ Matthew wirkte interessiert, als er aufstand und neben Armand trat.

Armand blätterte in der Akte. „Der Berater hatte recht. Zumindest zwei Gegenden würden genau unseren Anforderungen entsprechen.“ Er schlug eine Landkarte auf und zeigte auf Schanghai und Hang Zhou. „Natürlich würden wir unsere Werke in Australien behalten, doch die Produktion durch Expansion erhöhen und einen anständigen Gewinn erzielen, selbst wenn eine Verschiffung einkalkuliert werden muss. Die Geschäftsleute, mit denen ich in China gesprochen habe, sind sehr interessiert.“

Armand lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Innovative Wachstumsstrategien und neue Handelsverbindungen zu organisieren machte ihm nicht nur Spaß, solche Maßnahmen waren auch sehr wichtig. Die Stellung von De-Luca-Enterprises am heutigen, stark vom Wettbewerb geprägten Markt auszubauen, hieß, ständig frischen Wind in das Unternehmen zu bringen. Ohne neue Initiativen könnte DLE stagnieren, oder schlimmer noch, eine Übernahme riskieren. Aber er würde eher bis zum Umfallen kämpfen, als sein Unternehmen, das ihm alles bedeutete, an einen Fremden zu übergeben.

Armand blätterte erneut in der Akte. „Ich schätze, wir benötigen achtzehn bis zwanzig Prozent der Anteile, um das neue Werk zu finanzieren.“

Matthew überflog die Zahlen, dann schlug er den Ordner zu und klemmte ihn sich unter den Arm. „Ich nehme die Akte mit und mache mir ein paar Gedanken zu den Verhandlungen. Man muss sensibel vorgehen, wenn man mit Leuten aus einer anderen Kultur verhandelt. Schließlich will man ja nicht unwissend erscheinen oder gar arrogant.“ Er lachte leise.

Dankbar für den Rat, nickte Armand lächelnd. „Die Vorarbeit ist abgeschlossen. Ich würde gern so bald wie möglich diesen Vorschlag unterbreiten, jedenfalls ehe der Halbjahresbericht und die Gewinnerwartung bekannt gemacht werden.“

Der Zwischenbericht hatte einen satten Gewinn ausgewiesen, aber endgültige Zahlen würden vielleicht erst in drei Monaten vorliegen. Er wollte den konservativen Mitgliedern des Vorstands keine Chance geben, sich auf konkrete Gewinnmargen festzulegen, um dann ein Veto gegen seine Pläne einzulegen, weil sie eine Expansion unnötig oder riskant fanden.

Seltsamerweise überkamen Armand leise Zweifel, doch er schob sie schnell beiseite. Dieser Mann war loyal. Es gab keinen Grund, zu glauben, Matthew würde jetzt nicht zu ihm halten.

Als er Matthew gleich darauf hinausgeleitete, fiel ihm die Neuigkeit des Tages wieder ein. „Wir vier müssen bald einmal zusammen essen gehen.“ Sobald mit Tamara alles geregelt war.

Matthew klopfte seinem Schützling auf den Rücken. „Ich sage Evie Bescheid.“

Eine halbe Stunde später war Armand zu Hause. Ruth hatte den Nachmittag frei. Er hatte ihr gesagt, in welcher Beziehung er und Tamara zueinander standen und dass er ihren Hausgast heute Abend in ein neues Restaurant mit herrlicher Aussicht auf das nächtliche Sydney ausführen wollte. Aber wo war Tamara?

Ihm fiel etwas ein, und er ging in ihren Lieblingsraum im ganzen Haus. Suchend schaute er sich in der Bibliothek mit den hohen Regalen um. Tamara liebte den Geruch so vieler Bücher.

Mit ernster Miene verließ er den Raum wieder.

Sie würde doch nicht, ohne ein Wort zu sagen, verschwunden sein. Sie wusste, dass er sie aufspüren würde. Zudem hatte ihr Widerstand im Laufe der Woche nachgelassen. Er merkte das an Kleinigkeiten, wie zum Beispiel daran, dass sie es sich angewöhnte, abends bei ihm zu sitzen. Mit untergeschlagenen Beinen las sie dann entweder einen Roman oder in ihrem Lehrbuch, während er in seinem Ohrensessel Akten durchging, Master zu seinen Füßen.

Ihm fiel auch auf, dass Tamara sich mehr und über die verschiedensten Themen mit ihm unterhielt, nicht nur über ihre spezielle Situation, sondern auch über alltägliche Ereignisse, Musik und Filme.

Ihm gefiel, wie sie entspannt auf der Couch lag … mit ihrer zarten, leicht gebräunten Haut, ihrem langen Haar, das wie schwarzer Satin glänzte. Wenn sie sich in ihr Buch vertiefte, öffnete sie immer leicht den Mund, und ihre Brüste hoben und senkten sich. Dabei wickelte sie sich eine Haarsträhne um den Zeigefinger, wieder und wieder, bis Armand am liebsten aufgesprungen wäre, ihre Hand gepackt und dann ihren Mund erobert hätte.

Die Hände auf die Hüften gestützt, sah er sich nun ratlos in dem Fernsehzimmer um. Wo zum Teufel war sie nur?

Dann dämmerte es ihm.

Sie schwamm gemächlich ihre Runden im überdachten Pool. Ihr Handgelenk war offenbar wieder in Ordnung. Ihre perfekten Bewegungen, diese Haarpracht … alles an ihr strahlte Grazie aus, Natürlichkeit und Schönheit.

Ihm wurde heiß, und ihm ging gleichzeitig das Herz über.

Körperliche Anziehung war eine Sache. Es knisterte mächtig zwischen ihnen, und sehr bald schon würde er sie dazu bringen, das zuzugeben. Aber dieser emotionale Aufruhr?

Armand lehnte sich an einen Stützpfeiler.

Seine Beziehung zu dieser Frau beruhte ganz klar auf dem Baby, mit dem sie schwanger war. Marco konnte sich gegen den Familiennamen und das Erbe entscheiden, selbst nachdem die Hindernisse aus dem Weg geräumt worden waren. Aber sein Kind würde in dem Bewusstsein erzogen werden, ein De Luca zu sein. Wie Tamara so klug gesagt hatte, Familie war wichtig, wichtiger als alles andere. Und jetzt würde ihn nichts mehr daran hindern, die Worte in die Tat umzusetzen. Das vor langer Zeit geschehene Unrecht würde endlich wiedergutgemacht werden.

Tamara hatte ihre Runde beendet, stieg aus dem Wasser und setzte sich auf den Beckenrand aus Terrakotta-Fliesen. Sie wrang ihre Haare aus, dann schüttelte sie sie, sodass die Wassertropfen nur so herumflogen.

Wie gebannt betrachtete Armand ihre schlanken Beine und die festen Brüste, die ihm sündige, lustvolle Stunden verhießen. Doch ihr Haar faszinierte ihn am meisten, so, wie es ihr über die Schultern fiel. Und diese Schultern würde er in ihrer Hochzeitsnacht auf die seidigen Laken drücken …

Am liebsten viel früher, wenn es nach ihm ginge.

Sie begegnete seinem Blick, stand auf und strich sich einige Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Ich wusste nicht, dass du so früh nach Hause kommen würdest.“ Ihn zu duzen fiel ihr immer noch schwer.

„Mein letzter Termin wurde abgesagt.“ Er brauchte ihr ja nicht zu sagen, dass er ihn verschoben hatte.

„Und es gab sonst nicht das Geringste für dich zu tun? Ich hätte gewettet, dass du ein Workaholic bist.“

„Es ist doch Freitag.“

Sie bedachte ihn mit einem amüsierten Lächeln. „Tja, wenn das so ist …“

Nachdenklich betrachtete sie ihn von oben bis unten, ehe sie zu einem Liegestuhl ging. Als sie sich mit einem weißen Badelaken die Arme abtrocknete, überkamen ihn gespannte Erwartung und Bedauern zugleich. Er wollte sie nicht trocken. Er wollte, dass sie sich in diesem roten Badeanzug an ihn drängte, nass, warm und begierig. Heute erschien ihm das wahrscheinlicher denn je.

Er hatte nicht mit ihrer steigenden Neugier gerechnet, ihren forschenden Blicken, die sie ihm immer häufiger verstohlen zuwarf, dem Knistern, das in der Luft lag, wann immer sie sich nahe genug waren, um sich zu berühren. Sie trauerte noch um Marco, aber als Freund. Die märchenhaften Gefühle, nach denen sie sich sehnte, spielten dabei keine Rolle.

Er konnte ihr auch kein Liebesmärchen bieten. Sein Glaube daran war für immer verschüttet. Falls sie jedoch unbedingt die Illusion von Liebe wollte, falls sie daran glauben wollte, dass ihre gemeinsame Zukunft von einem Himmel voller Geigen abhing, was konnte das schon schaden? Tatsächlich konnte ihm das von Nutzen sein.

Während er zu ihr hinüberschlenderte, löste er seine goldenen Manschettenknöpfe. „Hast du eine Entscheidung hinsichtlich meines Antrags getroffen? Du bist nun seit einer Woche hier.“

Sie lachte auf. „Stimmt. Eine ganze Woche.“

„Du wirst verstehen, dass die Zeit drängt.“

Ungerührt trocknete sie sich den Hals ab. „Bis zu deinem Geburtstag sind es noch Monate.“

„Vorbereitungen müssen getroffen werden.“

Sie hielt inne und sah ihn an, als sei er nicht ganz bei Trost. „Das ist keine leichte Entscheidung.“

Er steckte die Manschettenknöpfe ein. „Es ist eine schwierige Entscheidung, aber die richtige für dein Kind. Und für dich selbst auch, Tamara.“

Ohne zu antworten, wandte sie sich von ihm ab. Am besten versuchte er es auf eine andere Art und Weise.

Mit den Händen in den Hosentaschen trat er näher. „Wie geht das Studium voran?“

Sie wollte gerade eine ihrer herrlichen Waden abtrocknen und zögerte. „Läuft … ganz gut.“

„Falls du Hilfe brauchst, mit Zahlen kenne ich mich bestens aus.“ Nicht, dass sie diesen Abschluss brauchen würde, wenn sie erst verheiratet waren.

Sie schlang sich das Badetuch um und steckte es unter den Armen fest. Viel mehr als Knöchel und rot lackierte Fußnägel blieb nicht von dem sensationellen Anblick.

Zeit, großes Geschütz aufzufahren.

Er blieb dicht vor ihr stehen, weil er wollte, dass sie nachgab und sich dem Unvermeidlichen fügte. Er würde nicht aufgeben. Das lag nicht in seiner Natur, und wenn sie ihre gespielte Abwehr endlich aufgab, könnte sie zugeben, dass sie ihn auch begehrte.

Ihre körperliche Nähe ließ es ihm heiß werden. „Sag, dass du darüber nachdenkst“, flüsterte er gegen ihre Lippen.

Sie zupfte an ihrem Handtuch und lächelte ihn zögernd an. „Mit meinem Kurs läuft es gut, wirklich.“

„Ich meine nicht den Kurs.“ Er nahm die Hände aus den Taschen. „Sondern meinen Antrag.“

Als sie sich tief in die Augen sahen, verriet ihr Blick mehr, als ihr lieb sein mochte. Abrupt schaute sie weg und strich sich erneut die Haare aus dem Gesicht. „Können wir später darüber reden?“

Keine Chance.

„Sag es.“

Sie hob den Blick. Dann schüttelte sie den Kopf, biss sich auf die Lippe. Himmel, wie hatte dieser Badeanzug sexy ausgesehen. Am liebsten hätte er ihr das Badetuch weggezogen und sie berührt.

Schließlich zuckte sie mit den Schultern. „Ach, verflixt. In Ordnung. Ja, ich denke darüber nach.“

Wieder betrachtete er fasziniert ihre Lippen, dunkelrosa, sinnlich voll, wie geschaffen, geküsst zu werden, und zwar oft.

Er hob eine Braue. „Kann ich irgendetwas tun, um deine Entscheidung zu meinen Gunsten zu beeinflussen?“

Ein Wassertropfen lief von ihrem goldenen Kreuz in ihr Dekolleté, als sie tief Luft holte. „Mir ein Dach über dem Kopf zu geben und mich mit einer Garderobe auszustaffieren, die jedes Hollywood-Starlet neidisch machen würde, ist mehr als genug im Moment.“

Da sie kaum etwas zum Anziehen besaß, hatte er seine Assistentin die Sache in die Hand nehmen lassen. Einen Tag später hatte eine Modeberaterin eine Auswahl an Kleidung zu ihm nach Hause geliefert. Größe, Stil und Farben waren perfekt gewesen. Und nach drei Tagen hatte Tamara es aufgegeben zu protestieren.

„Du wirst bald noch ein weiteres Kleid brauchen. Ein Hochzeitskleid.“

Während er sie sich in einem atemberaubenden schlichten weißen Kleid mit Schleier vorstellte, wich Tamara zurück. „Moment, Moment. Ich habe noch nichts entschieden.“

„Dann lass mich nachhelfen.“

Und schon hatte er sie an sich gezogen. Mit weit aufgerissenen Augen atmete sie tief ein, als das Knistern zwischen ihnen zu einer lodernden Flamme wurde. Genüsslich hielt er sie endlich in den Armen und strich beschwichtigend mit dem Daumen über ihre leicht geöffneten Lippen, ehe er sie mit dem Mund eroberte.

Sie sträubte sich. Mit beiden Fäusten stemmte sie sich gegen seine Brust. Doch er legte ihr eine Hand auf den Po und umfasste mit der anderen ihren Kopf, damit sie sich ihm nicht entziehen konnte. Er wusste, was er tat. Nur noch eine Sekunde oder zwei …

Er vertiefte den Kuss, bis sie ihre bereits geschwächte Abwehr aufgab. Ihr natürlicher Duft und aufkeimendes Verlangen zogen ihn in seinen Bann. Schließlich schmolz sie dahin, und sie spreizte die Finger, um seine Brust zu liebkosen, statt sich dagegenzustemmen.

Als sie leise aufseufzte, wich seine spielerische Haltung einer reinen Faszination. Heiße Lust durchrauschte ihn, und da, wo Tamara ihn berührte, verspürte er ein erregendes Kribbeln.

Nach einem endlosen Augenblick lösten sie sich langsam voneinander. Widerstrebend öffnete er die Augen, doch Tamara hielt ihre geschlossen. Armand lächelte.

Das Ganze könnte wunderbar funktionieren.

Behutsam strich er mit den Fingern über ihr Dekolleté, und sie erschauerte. „Tamara.“

Sie öffnete die Augen. Die Zärtlichkeit in ihrem Blick wich sofort einer Verletzlichkeit, die ihm die Kehle zuschnürte.

Mit den zusammengepressten Lippen wirkte sie so zerrissen. „Ich denke immer noch nach.“

„Vielleicht machst du dir die Entscheidung schwerer, als nötig wäre.“ Sie wollte sich seiner Umarmung entziehen, doch er gab sie nicht frei. Ihre Blicke trafen sich erneut.

„Ich bin nicht dein Feind, Tamara.“ Er versuchte es auf eine andere Weise. „Die schönsten Märchen fangen mit einem Konflikt an. Denk nur an Die Schöne und das Biest.“

Sie ließ sich nichts vormachen. „Du glaubst doch nicht an Märchen.“

„Vielleicht brauche ich nur diese ganz besondere Frau, die mir hilft, daran zu glauben.“

Er schob das schlechte Gewissen beiseite, das ihn bei diesem schamlosen Täuschungsmanöver überfiel, und konzentrierte sich ganz auf die Zukunft, auf ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Baccara Exklusiv Band 137" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen