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BACCARA EXKLUSIV BAND 118

PHYLLIS HALLDORSON

Küss sie doch endlich, Daddy!

Was verbirgt seine schöne Haushälterin Tamara? Hat ihr rätselhaftes Verhalten etwas mit seiner Adoptivtochter Francie zu tun? Der verwitwete Kieferchirurg Clay Rutledge weiß keine Antwort. Sicher ist nur, dass er sich zu der sexy Lehrerin hingezogen fühlt. Als beide sich näherkommen, scheint alles perfekt, aber dann geschieht etwas völlig Unerwartetes …

KATHERINE GARBERA

Der Kuss des Millionärs

„Jetzt gehörst du mir!“ Millionär Jeremy Harper kann es kaum erwarten, dass die reizvolle Isabella ihr Versprechen erfüllt. Um ihre Schulden zurückzuzahlen, hat sie eingewilligt, für sechs Monate seine Geliebte zu sein! Doch aus einer anfänglich heißen Affäre wird schon bald mehr für Jeremy. Kann er Isabella mit einem Vertrag endgültig an sich binden?

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Der Feind, der mich verführte

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Küss sie doch endlich, Daddy!

1. KAPITEL

Tamara Houston ging auf ihren neun Zentimeter hohen Absätzen, mit denen sie es immerhin auf eine Größe von eins sechzig brachte, geräuschvoll den Korridor entlang. Vor einer Tür mit der Aufschrift „Paul Wallace, Privatdetektiv“ blieb sie stehen.

Noch einmal atmete Tamara tief durch. Sie hatte lange und ernsthaft über ihre Entscheidung nachgedacht. Jetzt aber waren die Würfel gefallen, es gab kein Zurück mehr.

Entschlossen drehte sie den Türknopf und trat in ein kleines Empfangszimmer, das zwar sauber und ordentlich wirkte, aber alles andere als luxuriös war. Den größten Raum nahm ein alter Schreibtisch ein, an dem eine Frau mittleren Alters hinter einem Computer saß. Sie sah auf und rückte ihre Brille zurecht. „Ja? Was kann ich für Sie tun?“

Tamara trat einen Schritt näher. „Mein Name ist Houston. Ich habe um zehn Uhr einen Termin bei Mr Wallace.“

Die Frau wies auf eine Tür. „Sie werden erwartet.“ Damit wandte sie sich wieder ihrem Bildschirm zu.

Tamara verzog das Gesicht. Vielleicht hätte sie sich näher informieren sollen, bevor sie sich für dieses Detektivbüro entschied. Doch Privatermittler waren teuer, und sie war froh, dass sie sich überhaupt einen leisten konnte.

Sie klopfte leicht an die Tür und öffnete sie dann. Der Mann hinter dem Schreibtisch stand auf und schüttelte ihr lächelnd die Hand. „Paul Wallace“, stellte er sich vor. „Sie sind Miss Houston?“

Nachdem Tamara genickt hatte, kam er sofort zur Sache. „Am besten erzählen Sie mir erst einmal, was ich für Sie tun kann.“

Sie fand, er machte einen recht vertrauenerweckenden Eindruck, und auch seine Stimme klang angenehm. Paul Wallace war um die Fünfzig, untersetzt, und sein Haar lichtete sich bereits deutlich. Mit Magnum oder den anderen Traumdetektiven aus den Fernsehserien hatte er nichts gemeinsam, aber Tamara hatte das Gefühl, als könnte sie ihm ihr Herz ausschütten.

Entschlossen straffte sie die Schultern. „Sie sollen mein Kind finden. Ich habe es vor sieben Jahren zur Adoption freigegeben.“

Der Detektiv schien außerordentlich verblüfft. „Damals können Sie nicht älter als elf oder zwölf Jahre gewesen sein.“

„Ich war siebzehn“, klärte Tamara ihn auf. „Jetzt bin ich vierundzwanzig.“

„Sie sehen sehr jung aus“, meinte er. „Aber davon abgesehen: Ich stelle diese Art von Untersuchungen ohnehin nicht an.“ Seine Stimme hatte ihre Wärme verloren und klang jetzt kühl und distanziert. „Ich kann Ihnen jedoch gern einen Kollegen empfehlen, wenn Sie das wünschen.“

„Sie scheinen mich nicht zu verstehen …“

„Nein“, erwiderte er. „Und genau das ist auch der Grund, warum ich solche Aufträge nicht übernehme. Meine Frau und ich haben selbst ein Kind adoptiert, und die Vorstellung, dass plötzlich seine leibliche Mutter auftaucht und es zurückhaben will, finde ich absolut unerträglich.“

„Ich will meine Tochter ja gar nicht zurückholen! Ich möchte sie einfach nur sehen, damit ich weiß, ob es ihr gut geht und sie geliebt wird.“

Paul Wallace schüttelte den Kopf. „Sie sind jetzt vielleicht davon überzeugt, dass es Ihnen um nichts anderes geht. Doch sobald Sie Ihr Kind gefunden haben …“ Er sah Tamara an. „Ein Mädchen, sagen Sie?“

Tamara nickte. „Ja. Sie ist jetzt sieben Jahre alt, und ich habe sie noch nie gesehen, nie in den Armen gehalten …“ Sie unterbracht sich, um nicht plötzlich aufzuschluchzen.

Wallace schüttelte den Kopf. „Sparen Sie sich Ihre Tränen. Damit machen Sie keinen Eindruck auf mich. Ich werde Ihnen ganz sicher nicht dabei helfen, das Leben einer Familie zu ruinieren, nur weil Sie nach all diesen Jahren auf einmal beschlossen haben, dass Sie Ihr Kind vielleicht doch lieber haben wollen.“

„Aber das ist nicht wahr!“, stieß Tamara hervor. „Ich habe meine Tochter doch nicht freiwillig zur Adoption gegeben. Ich wurde dazu gezwungen!“

Paul Wallace betrachtete sie aus schmalen Augen. „Erzählen Sie mir nichts. Man kann keine Frau dazu zwingen, ihr Kind wegzugeben.“

„Vielleicht hätte das damals jemand meinen Eltern sagen sollen“, erwiderte Tamara bitter. Sie wusste ja, dass er im Grunde recht hatte. Wenn sie nach all dieser Zeit bei ihrer Tochter und deren Adoptiveltern auftauchte, konnte das nur Unheil anrichten. Trotzdem musste Tamara wissen, wo ihr Mädchen war. „Bitte, Mr Wallace, wollen Sie mir wenigstens zuhören? Wenn Sie meinen Fall danach immer noch nicht übernehmen wollen, dann können Sie mir einen Kollegen empfehlen.“

Er seufzte, aber sein Gesichtsausdruck milderte sich. „Also gut. Ich werde Ihnen zuhören, aber ich sage Ihnen gleich, dass meine Einstellung sich dadurch nicht ändern wird.“ Er lehnte sich zurück. „Fangen Sie an.“

Tamara beugte sich vor. Sie musste ihn einfach überzeugen. „Ich fürchte, ich muss sehr weit zurückgreifen. Als ich geboren wurde, war meine Mutter einundvierzig, mein Vater sechsundvierzig Jahre alt. Sie waren seit zehn Jahren verheiratet, beide berufstätig und in unserer kleinen Stadt gesellschaftlich stark engagiert. Die Schwangerschaft nahmen sie mit ziemlich gemischten Gefühlen zur Kenntnis.“

Paul Wallace lachte. „Das kann ich mir vorstellen. Es muss ein ziemlich großer Schock gewesen sein.“

Tamara lächelte nicht. „Ja. Mein Vater war Präsident einer Bank, und meine Mutter arbeitete als Sekretärin in der Kirche. Beide waren nicht auf Kinder eingestellt. Sie waren sehr moralisch und streng, und ihr guter Ruf galt ihnen alles. Deshalb waren sie auch so unerbittlich, als ich …“ Tamara versagte die Stimme, weil sie den Tränen nahe war.

Der Detektiv kam ihr zur Hilfe. „Als Sie schwanger wurden?“

Tamara räusperte sich. „Ja. Sie waren nur wütend und prophezeiten mir, dass ich für meine ‚Sünde‘ in der Hölle enden würde.“ Sie senkte den Blick. „Allerdings wusste ich da noch nicht, dass ich nicht erst sterben musste, um die Hölle zu erleben.“

„Über Empfängnisverhütung haben Sie mit Ihren Eltern vermutlich nie gesprochen?“

Tamara schüttelte heftig den Kopf. „Das Wort Sex wurde in unserem Haus nicht ausgesprochen. Alles, was ich wusste, hatte ich von meinen Freundinnen erfahren. Doch es hätte mir auch nicht viel genützt, wenn ich Bescheid gewusst hätte …“ Sie konnte nicht weitersprechen, und Tränen brannten in ihren Augen.

„Lassen Sie sich Zeit“, sagte Paul Wallace sanft.

Tamara atmete tief durch. „Es passierte nach dem Schulball. Ich durfte nur selten ausgehen, aber der Ball war etwas Besonderes, und mein Partner war der Kapitän der Fußballmannschaft. Nach dem Tanzen fuhr er mit mir auf eine Waldlichtung, wo sich die Jugendlichen üblicherweise trafen. Ich war dort noch nie gewesen und wollte nicht bleiben, weil meine Eltern es auch nie erlaubt hätten. Doch der Junge lachte mich nur aus und fing an, mich überall anzufassen. Ich wehrte mich natürlich, aber er wurde immer zudringlicher, und schließlich …“ Sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten und schlug weinend die Hände vors Gesicht.

Paul Wallace schob ihr ein Päckchen Taschentücher hin, stand dann auf und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Weinen Sie sich aus, Kind. Ich warte draußen. Wenn Sie sich beruhigt haben, rufen Sie mich einfach.“

Tamara weinte hemmungslos. Sie hatte noch mit niemandem über dieses traumatische Erlebnis gesprochen. Jetzt auf einmal brach der Damm. Sie weinte über die Schmerzen, die sie damals erlitten hatte, um ihre geraubte Unschuld, um das Kind, das man ihr weggenommen hatte, über die Kälte ihrer Eltern.

Sie weinte lange, aber danach fühlte sie sich wie befreit. Sie ging in den Waschraum und wusch sich das Gesicht, dann kehrte sie mit dem Detektiv in sein Büro zurück.

Paul Wallace sah sie mitfühlend an. „Der Kerl hat Sie vergewaltigt“, stellte er fest.

„Ja. Doch Vergewaltigungen hatten in der Vorstellung meiner Eltern keinen Platz. Wenn ein Mann einer Frau, mit der er ausgeht, Gewalt antut, dann muss sie ihn sozusagen dazu eingeladen haben. Das war ihre Philosophie. Dass ich erst sechzehn Jahre alt war, machte für sie keinen Unterschied. Nette Mädchen wurden nicht schwanger. Ich hatte also eine doppelte Sünde be­gangen.“

Paul war fassungslos. „Wie können Eltern, die doch selbst einmal jung waren, ihrer eigenen Tochter gegenüber so gefühllos sein?“

Tamara massierte sich die schmerzenden Schultermuskeln und lehnte sich dann zurück. „Wie alt ist Ihr Sohn?“

„Zwölf Jahre“, erwiderte Paul Wallace. „Ich hoffe nur, dass unser Verhältnis so vertrauensvoll bleibt, wie es jetzt ist, und ich nicht auch einmal so wenig Verständnis aufbringe.“

Tamara lächelte. „Bestimmt nicht. Ich wollte, mein Vater wäre nur ein bisschen mehr so wie Sie gewesen. Leider war er genauso hart und eng in seinem Denken wie meine Mutter. Über die Familie durfte keine Schande kommen, das war alles, worum es ihm ging. Niemand durfte erfahren, was mir zugestoßen war. Eine Abtreibung kam natürlich nicht infrage, weil meine Eltern sehr religiös waren. Also wurde ich weggeschickt. Das Baby wurde zur Adoption freigegeben.“

„Und Sie haben das mitgemacht?“

„Ich hatte keine Wahl. Es brach mir das Herz, aber wie hätte ich allein für mein Kind sorgen sollen? Ich wurde in ein Heim für minderjährige Schwangere gebracht. Alle Mädchen dort gaben ihre Kinder weg.“ Tamaras Stimme wurde brüchig, und sie holte tief Luft. „Meine Tochter wurde am 30. August geboren. Ich habe sie nur flüchtig gesehen, als sie aus dem Entbindungssaal gebracht wurde. Eine Woche später kehrte ich nach Hause zurück.“

„Und Ihre Eltern?“, wollte Paul Wallace wissen. „Wie war ihr Verhältnis zu Ihnen?“

„Wir waren wie Fremde, höflich zueinander, aber mehr nicht. Nach der Schule ging ich auf die Universität, und seit zwei Jahren unterrichte ich hier in der Grundschule. Zu meinen Eltern habe ich praktisch keinen Kontakt mehr.“

Paul Wallace klopfte mit dem Bleistift auf seinen Schreibtisch. „Es ist wirklich traurig, dass ein einziger Augenblick das Leben von drei Menschen so drastisch verändern kann.“

Tamara gab ihm recht. „Ja, es ist traurig. Sehen Sie, das wollte ich Ihnen ja begreiflich machen. Mein Leben wurde von heute auf morgen völlig auf den Kopf gestellt. Diese Erfahrung wünsche ich niemandem, und ganz bestimmt nicht meiner eigenen Tochter. Doch ich fühle mich verantwortlich für sie. Ich habe sie empfangen und geboren und dann an wildfremde Menschen weggegeben. Können Sie das denn nicht verstehen?“

Ihr Gegenüber wollte etwas sagen, aber sie hob abwehrend die Hand. „Nein, lassen Sie mich bitte ausreden. Ich habe so schreckliche Angst, dass sie von ihren Adoptiveltern vielleicht nicht gut behandelt wird …“

„Tamara“, warf Paul Wallace ein, „das ist äußerst unwahrscheinlich. Das Jugendamt …“

„Wenn die Adoption einmal abgeschlossen ist, kümmert sich kein Mensch mehr darum, was aus den Kindern wird! Ganz bestimmt nicht das Jugendamt“, erwiderte sie heftig. „Ich weiß, dass das ein schwieriges Thema für Sie ist, und ich bin auch davon überzeugt, dass Sie und Ihre Frau gute Eltern sind. Aber ich muss einfach wissen, ob es meinem Kind gut geht. Sonst kann ich nie meinen Frieden damit schließen, dass ich es weggegeben habe.“

„Ich verstehe Ihre Gefühle ja“, meinte ihr Gegenüber. „Doch wenn Sie Ihre Tochter gefunden haben, was ist dann?“

„Ich schwöre Ihnen, dass ich nichts unternehmen werde, wenn sie glücklich ist. Ich werde eine Möglichkeit finden, sie zu sehen, ohne dass sie oder ihre Eltern etwas davon erfahren. Ich bin Lehrerin und arbeite täglich mit Kindern ihres Alters. Ich kann beurteilen, ob es einem Kind gut geht. Wenn alles in Ordnung ist, fahre ich wieder nach Hause.“

Paul Wallace legte seinen Bleistift hin. „Das sagen Sie jetzt. Wie kann ich sicher sein, dass Sie Ihr Wort auch tatsächlich halten?“

Sie schüttelte den Kopf. „Sie müssen mir nur vertrauen.“ Sie hob die Hände. „Bitte, helfen Sie mir. Sie können meine Tochter finden, das weiß ich.“ Ihre Stimme brach, als Tamara erneut von ihren Gefühlen überwältigt wurde.

Er schwieg lange. „Gut“, sagte er endlich. „Ich mache eine Ausnahme für Sie. Doch ich warne Sie: Wenn Sie irgendetwas tun, um den Familienfrieden zu stören, werde ich …“

Wie er seinen Satz beendete, hörte sie nicht mehr, so sehr wurde sie von Schluchzen geschüttelt. Zum zweiten Mal in nur einer Stunde brach sie weinend zusammen.

Eine Woche verstrich. Endlich, am achten Tag, rief Paul Wallace an. „Ich habe gute Nachrichten“, berichtete er mit unverkennbarem Stolz. „Ich habe das Kind gefunden.“ Mehr wollte er am Telefon nicht sagen. „Kommen Sie um vierzehn Uhr zu mir, dann erzähle ich Ihnen alles.“

Tamara stand eine halbe Stunde zu früh vor seiner Tür und musste warten, bis der Privatdetektiv mit seiner Sekretärin vom Essen zurückkam. In seinem Büro schlug er einen Ordner auf.

„Ihr Baby wurde von Clayton und Alicia Rutledge in San Antonio, Texas, adoptiert“, begann er. „Der Mann ist Kieferchirurg, die Frau Architektin. Sie leben in einem sehr schönen alten Teil der Stadt.“

„Geht es meiner Tochter gut?“, wollte Tamara aufgeregt wissen. „Wie heißt sie? Haben Sie sie selbst gesehen?“

Paul hob abwehrend die Hände. „Langsam! Lassen Sie mich doch zu Wort kommen. Ihr Mädchen heißt Mary Frances und ist, soweit ich das herausfinden konnte, völlig gesund. Da Sie mir gesagt haben, dass Ihre Finanzen begrenzt sind, habe ich mich auf Berichte verlassen. Wenn Sie wollen, dass ich selbst nach Texas fahre und mich persönlich überzeuge, wird das sehr viel teurer.“

Tamara zitterte am ganzen Körper vor Erregung. „Vielen Dank, aber das ist nicht nötig.“ Ihre Stimme vibrierte vor Glück. „Haben Sie noch mehr in Erfahrung gebracht?“

„Nur, dass sie in eine Privatschule geht und Dr. Rutledge ein sehr guter und anerkannter Kieferchirurg ist.“ Paul Wallace sah Tamara an. „Das war mein Teil unserer Abmachung. Ich erwarte, dass Sie nun Ihr Versprechen einhalten. Was werden Sie jetzt tun?“

Tamaras Gedanken überschlugen sich, und sie konnte kaum einen zusammenhängenden Satz formulieren. „Ich? Ich fahre natürlich nach San Antonio.“

Er kniff die Augenbrauen zusammen. „Und dann?“

„Dann werde ich herausfinden, ob es meinem kleinen Mädchen wirklich gut geht.“

„Sie ist nicht mehr Ihr kleines Mädchen, Tamara, und Sie sollten auch nicht versuchen, sie zu sehen. Ihre Eltern sind sehr angesehen und haben genug Geld, um in einer guten Gegend zu wohnen und ihr Kind in eine Privatschule zu schicken. Was müssen Sie noch mehr wissen?“

Tamara ärgerte sich über seine Einwände. „Niemand wird mich daran hindern, mein Kind zu sehen, auch Sie nicht.“

Paul Wallace stand auf. „Ich dachte, es ginge Ihnen nur darum zu erfahren, ob es ihm gut geht. Das wissen Sie jetzt. Es gibt also nicht den geringsten Grund für Sie, sich selbst davon zu überzeugen. Lassen Sie das Kind in Ruhe, Tamara. Mischen Sie sich nicht in sein Leben ein.“

Auch Tamara stand auf. „Alles, was ich weiß, ist, dass meine Tochter in San Antonio lebt und wohlhabende Adoptiveltern hat.“ Ihre Stimme klang gereizt. Sie wollte sich von Paul Wallace nicht ihre Freude verderben lassen. „Das ist noch keine Garantie dafür, dass sie gut behandelt wird und glücklich ist. Ich habe Ihnen versprochen, dass ich mich nicht zu erkennen geben werde, wenn Mary Frances es gut hat, und dieses Versprechen werde ich halten. Doch ich muss das Kind, das ich geboren habe, mit eigenen Augen sehen und wenn es nur für Minuten ist. Ich muss wissen, ob es geliebt wird.“

Paul Wallace sah Tamara eine Weile an und ließ sich dann mit einem Seufzer wieder auf seinen Stuhl sinken. „Ich hoffe nur, dass ich nicht etwas angerichtet habe, was ich nicht wiedergutmachen kann“, murmelte er und strich sich mit der Hand übers Gesicht.

2. KAPITEL

Es war schon später Nachmittag, als Tamara vom Highway abbog und dem Wegweiser zum Stadtzentrum von San Antonio folgte. Da sie gerade Ferien hatte, konnte sie ihren Plan sofort in die Tat umsetzen. Zwei lange Tage war sie unterwegs gewesen und mittlerweile der Erschöpfung nahe. Doch die starke innere Erregung hatte sie in dieser Zeit nicht ein einziges Mal verlassen.

Morgen würde sie ihr Kind sehen, das Kind, das neun Monate in ihr gewachsen war. Das Kind, das eine andere Frau Mutter nannte. Tamaras Gefühle waren gemischt. Sie durfte niemals Anspruch auf dieses Kind erheben. Doch wenigstens würde sie wissen, wo es war und wo sie es finden konnte, wenn es sie eines Tages vielleicht brauchte.

Tamara war noch nie in San Antonio gewesen, aber sie besaß einen Stadtplan, in den sie den Weg zum Hotel eingezeichnet hatte. Das Zimmer hatte sie schon von zu Hause aus gebucht. Eigentlich wollte sie sich zuerst einmal richtig ausschlafen, bevor sie sich morgen auf die Suche nach dem Haus der Rutledges machte.

Doch plötzlich schlug sie, fast gegen ihren Willen, das Lenkrad ein und strebte weg vom Hotel in die entgegengesetzte Richtung. Sie fuhr langsam, suchte nach Straßennamen und Hausnummern. Jetzt verstand sie, warum viele Gebäude hier als „Schlösser“ bezeichnet wurden: Im Vergleich mit modernen Häusern waren sie sehr großzügig und vorwiegend in historischen Stilrichtungen gebaut. Sie bestanden aus Naturstein, Holz und Ziegeln und standen inmitten weitläufiger Grundstücke mit Schatten spendenden alten Eichen und Lorbeerbäumen.

Tamara hatte die gesuchte Straße und die richtige Nummer bald gefunden. Das große, villenartige Haus war zweistöckig und besaß eine helle Kalksteinfassade. Die Giebel und die Bogenfenster mit den rautenförmigen Scheiben waren von fantasievoll geschnitzten Holzornamenten umrahmt. Auch die schwere Eichentür war mit kunstvollen Schnitzereien verziert. Zur Straßenseite hin war das Grundstück von einem weiß gestrichenen Holzzaun, an der Rückseite von einer hohen Steinmauer begrenzt.

Tamara fuhr bis zum Ende der Straße, wendete und hielt dann auf der gegenüberliegenden Seite an, um das Haus unauffälliger beobachten zu können. Es war nicht festzustellen, ob jemand zu Hause war. Autos waren nicht zu sehen, aber vielleicht waren sie in der Garage links vom Haus untergestellt.

Sie blieb eine Weile einfach sitzen und ließ die Atmosphäre auf sich wirken. Nach einer Weile aber taten ihr die von der langen Fahrt angespannten Muskeln weh, und sie beschloss, in ihr Hotel zu fahren.

Es war ein historisches Holzgebäude mit einer umlaufenden Veranda. Tamaras Zimmer lag im ersten Stock und hatte eine schöne Aussicht auf den Garten.

Nachdem sie ein Bad genommen hatte, schlüpfte sie ins Bett und schlief fast sofort ein.

Am nächsten Morgen erwachte sie erfrischt und voller Ungeduld. Sie zog ein schickes rotes Kleid an, in dem sie hoffentlich wie eine Dame und nicht wie der Teenager wirkte, für den man sie üblicherweise hielt. Dann suchte sie auf dem Stadtplan die „Mission Trail Academy“, wo Mary Frances zur Schule ging.

Tamara klopfte das Herz bis zum Halse, als sie schließlich aus dem Auto stieg. In wenigen Minuten würde sie ihre verloren geglaubte Tochter sehen!

Sie holte tief Luft und betrat dann die Schule. Die Direktorin, Mrs Oxenberg, begrüßte sie freundlich. „Bitte setzen Sie sich. Was kann ich für Sie tun, Miss Houston?“

„Ich unterrichte eine zweite Klasse in der Grundschule von Ames in Iowa und schreibe an meiner Doktorarbeit über neue Unterrichtstechniken und Lehrpläne. Jetzt möchte ich meine Sommerferien dafür benutzen, die Methodik hier an Ihrer Schule kennenzulernen.“

Mrs Oxenberg hörte interessiert zu. Tamara wurde ein wenig unbehaglich zumute. Sie log diese nette Frau nicht gern an, aber eine andere Möglichkeit, Zugang zur Klasse von Mary Frances zu bekommen, fiel ihr nicht ein. Und der Zweck heiligte die Mittel.

„Ich wollte Sie um die Erlaubnis bitten, mich mit der Lehrerin zu unterhalten, die Ihre zweite Klasse unterrichtet, und vielleicht sogar ihren Unterricht zu besuchen. Ich würde bestimmt nicht stören.“

Mrs Oxenberg zögerte, und Tamara hielt unwillkürlich den Atem an. „Wenn Miss Perry nichts dagegen hat, bin ich damit einverstanden. Ich werde gleich mit ihr sprechen.“

Nachdem die Direktorin aufgestanden war und das Büro verlassen hatte, stieß Tamara vor Erleichterung einen tiefen Seufzer aus. Nur wenige Minuten später kam Mrs Oxenberg zurück und führte Tamara in ein helles, sonniges Klassenzimmer auf der Rückseite des Gebäudes.

Dort wartete eine junge Frau ihres Alters auf sie, die sich als Miss Perry vorstellte. „Die Kinder sind gerade in der Pause“, erklärte sie. „Sie wollen meinen Unterricht besuchen, Miss Houston?“

Tamara nickte und erzählte ihr dieselbe Geschichte wie der Direktorin. „Ich werde auch bestimmt nicht stören“, versprach sie. „Ich setze mich einfach unauffällig in eine Ecke, dann werden die Kinder schnell vergessen, dass ich überhaupt da bin.“

„Kommt überhaupt nicht infrage“, widersprach die Lehrerin mit einem Lachen. „Ich erwarte natürlich, dass Sie einen Teil des Unterrichts übernehmen.“

In diesem Augenblick läutete die Glocke, die das Ende der Pause anzeigte. Und bevor Tamara noch antworten konnte, öffnete sich die Tür, und die Kinder stürmten zu ihren Plätzen.

Es waren zwölf Mädchen und neun Jungen, stellte Tamara rasch fest. Wer mochte wohl Mary Frances sein? Vier Mädchen waren dunkelhäutig, zwei asiatischer Herkunft, sodass nur noch sechs übrig blieben.

Miss Perry klatschte in die Hände, um Ruhe herzustellen. „Wir haben heute einen Gast“, verkündete sie, und Tamara stand auf. „Ich möchte euch Miss Houston vorstellen. Sie ist auch Lehrerin, aber nicht hier, sondern in Iowa. Wer von euch kann uns auf der Karte zeigen, wo Iowa liegt?“

Ein blondes Mädchen hob die Hand, und Tamara verspannte sich unwillkürlich. Doch weder sie noch der Vater des Kindes hatten blaue Augen.

„Schön, Cassandra, dann wollen wir sehen, ob du recht hast.“

Cassandra – das war der falsche Name.

Bis Tamara sich wieder gefasst hatte, war das kleine Mädchen schon wieder zu seiner Bank zurückgekehrt.

„Sehr schön“, lobte Miss Perry. „Miss Houston wird euch später mehr über Iowa erzählen. Vorher möchte ich, dass ihr euch vorstellt. Wir fangen mit Ricardo an.“ Sie nickte einem kleinen südländisch aussehenden Jungen in der ersten Reihe zu.

Tamaras Magen zog sich zusammen. In wenigen Sekunden würde sie wissen, wie ihre kleine Tochter aussah!

Bei jedem kleinen Mädchen hielt sie den Atem an, und der Schweiß lief ihr den Rücken hinunter. Dann stand ein niedliches dunkelhaariges Mädchen in der dritten Reihe auf. Es war kleiner als die anderen, sehr zart und hatte große braune Augen – wie Tamara. „Ich heiße Francie Rutledge“, sagte das Mädchen und setzte sich wieder.

Einen Augenblick lang fürchtete Tamara, dass sie ohnmächtig werden würde. Doch wenn sie nicht alles ruinieren wollte, durfte sie sich auf keinen Fall verraten.

Die nächsten beiden Stunden bis zum Mittag schienen wie im Fluge zu verstreichen. Tamara sehnte sich unendlich danach, ihr kleines Mädchen in die Arme zu nehmen, ihm über das seidige schwarze Haar, das ihrem eigenen so ähnlich war, zu streichen. Doch irgendwie schaffte sie es, den nötigen Abstand zu wahren und sich mit Francies Anblick und dem süßen Klang ihrer Kinderstimme zufriedenzugeben.

Als die Mittagsglocke läutete, wäre Tamara gern mit den Kindern zum Essen gegangen, um sich unauffällig mit Francie unterhalten zu können. Leider galt ihre Abmachung mit Miss Perry nur für zwei Stunden, und sie wagte nicht, um eine Verlängerung zu bitten. Also bedankte sie sich nur bei den Kindern und ihrer Lehrerin und verabschiedete sich von Mrs Oxenberg.

Wieder in ihrem Hotelzimmer, rief Tamara in der Praxis von Dr. Rutledge an. Ihre Hand zitterte, während sie darauf wartete, dass jemand den Hörer abhob.

Tamara holte tief Luft. „Mein Name ist Houston“, begann sie dann. „Ich mache gerade Urlaub in San Antonio und habe plötzlich Zahnweh bekommen. Ich hätte gern möglichst bald einen Termin bei Dr. Rutledge.“

„Ich bedaure“, sagte die Stimme am anderen Ende. „Dr. Rutledge ist Kieferchirurg. Ich kann Ihnen jedoch gern die Nummer eines anderen Zahnarztes geben.“

Tamara sank das Herz, aber sie war noch nicht willens aufzugeben. „Es handelt sich um einen Weisheitszahn. Mein Zahnarzt hat mir geraten, ihn ziehen zu lassen, und zwar am besten von einem Kieferchirurgen.“ Das war sogar die Wahrheit, abgesehen davon, dass der Weisheitszahn im Moment keine Schwierigkeiten machte.

„Es tut mir leid, aber ich …“

„Ich bin Lehrerin“, beeilte sich Tamara hinzuzufügen. „Ich habe heute Vormittag hier an der Schule hospitiert, und die Lehrerin hat mir Francie Rutledges Vater als Zahnarzt empfohlen.“

„Sie kennen die Tochter von Dr. Rutledge?“

„Nur flüchtig“, gab Tamara zu. „Ich wäre wirklich sehr dankbar, wenn Dr. Rutledge Zeit für mich hätte. Morgen ist Freitag, und ich fürchte mich vor dem Wochenende …“

Nach einer kleinen Pause kam die erhoffte Antwort: „Morgen früh um zehn Uhr ist ein Termin abgesagt worden. Wenn es sich um einen Notfall handelt …“

„Ich bin Ihnen ja so dankbar“, erwiderte Tamara überschwänglich. „Sie sind ein Engel.“

Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Das Zusammentreffen mit dem Adoptivvater ihrer Tochter war ihr unendlich wichtig. Sie bedankte sich noch einmal bei der Sprechstundenhilfe und hängte dann auf.

Tamara stand am nächsten Morgen früh auf und fuhr gleich nach dem Frühstück zum Haus der Familie Rutledge. Vielleicht konnte sie ja noch einen Blick auf ihr Kind und seine Eltern werfen.

Um halb acht Uhr erfüllte sich ihre Hoffnung. Ein kleiner Bus hielt vor dem Haus an, und Francie kam in Begleitung einer älteren, einfach aussehenden Frau aus dem Haus. Die Frau begleitete sie zum Schulbus und wartete, bis das Kind eingestiegen war, bevor sie wieder ins Haus zurückging. Vermutlich handelte es sich um eine Angestellte, die sich um das Kind und den Haushalt kümmerte, wenn die Eltern arbeiteten.

Wenige Minuten später ging das Garagentor auf. Ein glänzender schwarzer Cadillac glitt die Auffahrt hinunter und fuhr davon. Leider konnte Tamara wegen der dunkelgetönten Scheiben nicht erkennen, wer hinter dem Lenkrad saß.

Tamara traf vor dem verabredeten Termin in der Praxis ein. Das Wartezimmer war bereits voll, und sie beschloss, die Zeit zu nutzen und unauffällig Informationen über den Arzt zu sammeln.

„Waren Sie schon einmal bei Dr. Rutledge in Behandlung?“, erkundigte sie sich bei der älteren Frau, die links neben ihr saß.

Die Frau nickte. „Aber ja. In letzter Zeit bin ich ziemlich oft hier.“

„Bei mir ist es das erste Mal, und deshalb bin ich ein bisschen nervös“, gestand Tamara wahrheitsgemäß.

„Das müssen Sie nicht. Er ist wirklich sehr gut“, beruhigte die Frau sie. „Als letztes Jahr seine Frau starb und er vier Wochen nicht praktizierte, war ich auf einen anderen Zahnarzt angewiesen, und deshalb kann ich es beurteilen.“

Tamara war wie vor den Kopf geschlagen. Mrs Rutledge war tot!

Die Frau sprach immer noch, aber Tamara hörte ihr gar nicht mehr zu. Mary Frances hatte also keine Mutter mehr. Hatte sie unter dem Verlust sehr gelitten? Und wie ging es ihrem Vater? War er allein mit einem kleinen Mädchen nicht überfordert?

Als der nächste Patient aufgerufen wurde, zwang sich Tamara, ihre Aufmerksamkeit wieder ihrer Nachbarin zuzuwenden.

„Entschuldigen Sie“, bat sie. „Ich musste gerade an etwas anderes denken. Sie sagten, dass Dr. Rutledge Witwer ist?“

Die Frau nickte. „Ja, seine Frau kam bei einem tragischen Unfall ums Leben.“

„Was ist denn passiert?“, wollte Tamara wissen.

„Mrs Rutledge war Architektin, müssen Sie wissen, und hielt sich auf einer Baustelle auf. Was genau passiert ist, weiß ich nicht, aber sie wurde von einem Kran getroffen und starb nur Stunden später im Krankenhaus.“

Wie furchtbar! Tamara erschauderte unwillkürlich.

„Der Doktor war untröstlich“, fuhr die Frau fort. „Er machte die Praxis über einen Monat zu, und ich finde, dass er auch jetzt noch sehr traurig aussieht. Früher hat er immer soviel gelacht und kleine Witze gemacht, das ist vorbei. Er ist immer sehr freundlich, aber man sieht, dass er Kummer hat.“

Tamara spürte, wie eine Welle des Mitgefühls für diesen Mann in ihr hochstieg. Doch galt ihr erster Gedanke ihrer Tochter. „Hat er Kinder?“, fragte sie, in der Hoffnung, etwas über Francie zu erfahren.

„Ein kleines, niedliches Mädchen.“

„Kennen Sie das Kind?“

Die Frau schüttelte den Kopf. „Nein. Aber der Doktor hat überall Fotos von ihm aufgehängt.“

Bevor Tamara noch mehr erfahren konnte, öffnete sich die Tür, und ihre Gesprächspartnerin wurde ins Behandlungszimmer gerufen.

Tamara musste noch eine halbe Stunde warten, bis sie endlich aufgerufen und ins Sprechzimmer geführt wurde. Mehrere gerahmte Fotos von Mary Frances hingen an den Wänden, und Tamara hätte viel darum gegeben, wenn sie nur eines dieser Bilder besessen hätte.

„Tut der Zahn immer noch weh?“, erkundigte sich die Sprechstundenhilfe.

Tamara wurde verlegen. „Vielleicht habe ich auch nur auf etwas Hartes gebissen“, meinte sie zögernd. „Ich komme mir etwas albern vor, nachdem ich mich gestern so angestellt habe. Doch nachdem ich schon einmal hier bin, dachte ich, der Doktor könnte sich den Zahn trotzdem anschauen.“

„Am besten röntgen wir ihn zuerst“, meinte die Sprechstundenhilfe, hängte Tamara einen Bleischutz um und schob ihr das Filmtäschchen in den Mund.

Nach der Aufnahme senkte sie den Stuhl so weit ab, dass Tamara fast waagerecht lag, und ging. Eine Männerstimme ließ Tamara wenige Minuten später zusammenfahren.

„Blanche hat gesagt, Sie hätten keine Schmerzen mehr?“

Tamara hob den Blick und sah in ein Paar warmer goldbrauner Augen. Sie gehörten einem gut aussehenden Mann Ende dreißig, der wohl einmal etwas Jungenhaftes gehabt haben musste, bevor das Leid diese Linien um seine Augen und den Mund gezeichnet hatte. An den Schläfen zogen sich bereits graue Strähnen durch sein schwarzes Haar.

Mitleid erfasste Tamara, und dieses Gefühl hatte nichts damit zu tun, dass der Mann der Vater ihrer Tochter war. Sie verspürte mit einem Mal den absurden Drang, die Hand auszustrecken und seine Kummerfalten wegzustreicheln.

Diese Gefühle kamen ganz unerwartet, und sie hatte Mühe, gegen sie anzukämpfen. Sie war wohl nicht ganz bei Sinnen. Der Mann war ihr völlig fremd, und sie hatte nichts mit ihm zu tun, außer dass er ihre Tochter adoptiert hatte. Sie räusperte sich. „Nein … Ich meine, ja.“ Wunderbar. Sie benahm sich wie ein liebeskranker Teenager! Sie unternahm einen zweiten Anlauf. „Entschuldigen Sie. Ich meine, es stimmt. Die Schmerzen sind weg.“

Er lächelte, und Tamara wäre fast dahingeschmolzen. „Ich bin es, der sich entschuldigen muss“, sagte er. „Eigentlich stelle ich mich neuen Patienten lieber vor, wenn sie noch aufrecht stehen und nicht Gefangene dieses Stuhles sind. Doch heute geht einfach alles drunter und drüber. Ich bin Dr. Rutledge, und Sie sind Miss Houston?“ Sein Gesichtsausdruck veränderte sich, als er sie ansah. „Waren Sie schon einmal bei mir? Sie kommen mir bekannt vor.“

Er hatte eine sehr schöne, melodiöse Stimme, die Tamara einen kleinen Schauer über den Rücken jagte. Doch seine Frage hatte Tamara erschreckt. Hoffentlich erkannte er nicht Francie in ihr!

„Nein. Ich bin zum ersten Mal in San Antonio“, versicherte Tamara ihm schnell. „Ich mache hier nur Ferien. Ich fürchte, ich habe Ihrer Sprechstundenhilfe gestern am Telefon ziemlich zugesetzt – und jetzt sind die Schmerzen zu allem Überfluss weg.“

Dr. Rutledge zog sich ein Paar dünne Gummihandschuhe über. „Dann schauen wir einmal, wo das Problem liegt. Haben Sie meinen Namen aus dem Telefonbuch?“

„Nein. Ich bin Lehrerin und habe gestern der Schule Ihrer Tochter einen Besuch abgestattet. Dabei hat Sie mir jemand empfohlen.“

Das schien ihn nicht weiter zu überraschen, denn er nickte nur. „Francie hat mir erzählt, dass sie gestern zwei Lehrerinnen hatte“, berichtete er. „Werden Sie lange in San Antonio bleiben?“

„Nicht so lange, wie ich gern möchte“, antwortete Tamara mit deutlichem Bedauern. „Es ist eine wunderschöne alte Stadt, und ich würde am liebsten den ganzen Sommer bleiben, wenn ich eine befristete Arbeit fände.“

Er fuhr mit seiner Untersuchung fort. „Ich suche gerade verzweifelt nach einer Haushälterin, falls Sie sich dafür bewerben möchten“, sagte er im Scherz.

Tamara war fassungslos. Wenn er das wirklich ernst meinte, dann eröffnete sich plötzlich für sie die Möglichkeit, mit ihrer Tochter zusammen zu sein, wenn es auch nur vorübergehend war.

Weil sie den Mund aufhatte, war sie zum Glück gerade nicht in der Lage, auch nur ein Wort herauszubringen. Dadurch hatte sie Zeit zum Überlegen. Sie durfte nur keinen übereifrigen Eindruck machen, das schreckte ihn vielleicht ab.

„Vielleicht nehme ich Sie noch beim Wort“, bemerkte sie deshalb nur leichthin, als er seine Instrumente aus ihrem Mund entfernt hatte. „Das klingt wie der ideale Ferienjob.“

Das überraschte ihn offenbar, und er lachte ein wenig. „Da wäre ich mir nicht so sicher. Meine kleine engelhaft aussehende Tochter kann ein Teufelchen sein, wenn sie ihren Willen durchsetzen will.“

Tamara lachte. „Das glaube ich nicht. Ich habe selten ein so höfliches Kind getroffen.“

Er nickte. „Ja, darauf hat ihre Mutter großen Wert gelegt.“

Sie hörte die Trauer in der Stimme des Arztes. Doch als Tamara ihm antwortete, benützte sie absichtlich die Gegenwart. „Als Lehrerin wünsche ich mir oft, dass mehr Mütter wie Ihre Frau wären. Sie gibt ihrer kleinen Tochter durch eine gute Erziehung viel mit.“

Ein Anflug von Schmerz überflog sein Gesicht. „Ja, sie war eine sehr liebevolle Mutter, aber sie … Sie ist letztes Jahr gestorben. Seitdem finde ich es sehr schwer, streng zu Francie zu sein. Ihre Mutter fehlt ihr sehr.“

Tamara wurde von ihrem Mitgefühl für diesen Mann fast überwältigt. Ganz offensichtlich litt er immer noch so sehr unter dem Verlust seiner Frau, dass er kaum darüber sprechen konnte. Sie hätte ihn gern getröstet.

„Das tut mir leid“, sagte sie so unbeteiligt wie möglich. „Sie haben es sicher nicht leicht mit einem so kleinen Kind. Sind Sie deshalb auf der Suche nach einer Haushälterin?“ Sie wusste, dass sie das alles eigentlich nichts anging, aber nur so erfuhr sie, was sie wissen wollte.

Dr. Rutledge nickte. „Zum Teil. Unsere jetzige Haushälterin ist schon älter. Ihr Arzt möchte, dass sie sich zur Ruhe setzt und zu ihrer Tochter und den Enkeln nach New Mexico geht.“

„Das klingt vernünftig“, meinte Tamara. „Ich nehme an, sie folgt seinem Rat?“

Wieder musste sie den Mund öffnen, während er in ihrem Zahn stocherte. „Ja, nächste Woche, sobald die Ferien anfangen“, antwortete er. „Ich hatte nicht erwartet, dass es so schwierig sein würde, Ersatz für sie zu finden. Offenbar gibt es Frauen wie Hertha heutzutage nicht mehr. Sie hat immer zur Familie gehört. Bis jetzt hat sich noch keine Haushälterin vorgestellt, der ich meine Tochter anvertrauen möchte.“

Tamara fand es sehr beruhigend, dass er darauf soviel Wert legte. Das veranlasste ihn vielleicht dazu, ihr die Stelle über den Sommer zu geben. Immerhin war sie ja als Lehrerin im Umgang mit Kindern vertraut und liebte sie. Vor allem natürlich Francie.

Als sie schließlich den Mund wieder schließen durfte, holte sie tief Atem und nahm all ihren Mut zusammen. „Dr. Rutledge, ich bin an der Stelle wirklich interessiert. San Antonio gefällt mir, und ich würde den Sommer über gern hierbleiben. Ich bin nicht verheiratet und habe keine Familie. Zwar bin ich nicht gerade die beste Köchin und Hausfrau, aber ich habe viel Erfahrung mit Kindern.“

Er sah sie fassungslos an. „Ist das Ihr Ernst?“

„Ja. Ich suche mir in den Sommerferien immer einen Job, um mein Einkommen aufzubessern. Ich könnte bleiben, bis Sie jemand Geeigneten finden.“

Während die Sekunden verstrichen, in denen sich ihr Schicksal entscheiden sollte, hielt Tamara gespannt die Luft an.

3. KAPITEL

Die Sprechstundenhilfe brachte Dr. Rutledge einen Umschlag mit Tamaras Röntgenaufnahmen, und während er die Bilder vor einem Leuchtschirm betrachtete, wuchs ihre Spannung ins Unerträgliche.

Würde er einfach über ihr Angebot hinweggehen? Oder es wenigstens bedenken? Hatte sie sich vielleicht zu voreilig beworben, oder fürchtete er, sie könnte nicht seriös genug sein?

Tamara meinte, die Spannung keine Sekunde länger aushalten zu können. Dann, endlich, wandte sich Dr. Rutledge wieder ihr zu. „Auf dem Röntgenbild ist nichts zu erkennen, was die Zahnschmerzen erklären könnte“, meinte er. „Trotzdem würde ich Ihnen empfehlen, sich den Zahn ziehen zu lassen, sobald Sie wieder zu Hause sind.“

Tamaras Stimmung sank auf den Nullpunkt. Wie sollte sie sich jetzt verhalten? Doch während sie noch mit sich kämpfte und um eine Entscheidung rang, sagte er plötzlich lächelnd: „Und was die Stelle als Haushälterin betrifft … Nun, wenn das wirklich Ihr Ernst war, hinterlassen Sie doch Namen, Adresse und einige Referenzen am Empfang. Ich werde mich dann mit Ihnen in Verbindung setzen.“

Es war nur gut, dass er sofort davoneilte, denn sonst hätte er sich sicher sehr über die schiere Glückseligkeit gewundert, die sich in Tamaras Gesicht ausdrückte.

Aus lauter Angst, sie könnte Dr. Rutledges Anruf verpassen, verließ Tamara das Hotel am Wochenende so gut wie gar nicht. Endlich, am Sonntagabend, war es dann soweit.

Clayton Rutledge verzichtete auf jede Einleitung und kam sofort auf den Grund seines Anrufs zu sprechen. „Ich habe Ihre Referenzen überprüft, sie sind ausgezeichnet. Wenn Sie noch interessiert sind, würde ich Sie gern morgen Abend zum Essen einladen, damit wir uns alle ein wenig kennenlernen können, bevor wir irgendeine Abmachung treffen. Ich hoffe, Sie haben noch keine anderen Pläne.“

Als hätte sie sich irgendetwas anderes vorgenommen!

Am nächsten Abend zog sich Tamara besonders sorgfältig an. Sie hatte nicht viel Gepäck dabei, aber das grüne knielange Sommerkleid mit dem engen – aber nicht zu engen! – Oberteil, das ihren Busen besonders vorteilhaft zur Geltung brachte, erschien ihr genau richtig für diese Gelegenheit.

Sie traf pünktlich um neunzehn Uhr vor dem Haus der Rutledges ein. Ihre Nerven flatterten, als sie die wenigen Stufen zur Haustür hinaufstieg und klingelte. Sie würde ihre kleine Tochter wiedersehen – und Dr. Rutledge. Dass sich Tamara auch auf ihn freute, beunruhigte sie ein wenig.

Irgendetwas an dem Mann zog sie an, und das machte ihr Sorgen. Seit der Vergewaltigung vor all diesen Jahren hatte sie sich nie ernsthaft für einen Mann interessiert. Was also war an Dr. Rutledge, dass sie so stark auf ihn reagierte? Er sah gut aus, hatte aber nichts Außergewöhnliches. Und er hatte nicht das geringste Interesse an ihr gezeigt.

Aber bevor sie diesen Gedanken noch weiter verfolgen konnte, ging die Tür auf, und er stand vor ihr. Er trug blaue Hosen und ein weißes Hemd. Tamara hatte sich geirrt. Clay Rutledge sah doch außergewöhnlich gut aus!

Er lächelte sie an und bat sie einzutreten. „Sie sind sehr pünktlich.“

Tamara sah sich in der geräumigen Halle mit dem gefliesten Boden, dem Kronleuchter und der prachtvollen Treppe um. Sie war beeindruckt.

„Das Essen ist in wenigen Minuten fertig“, sagte Dr. Rutledge ein wenig steif. Offenbar war ihm ähnlich unbehaglich zumute wie ihr. „Mary Frances wartet im Wohnzimmer. Wollen wir zu ihr gehen?“

Tamaras Herz hämmerte. „Ja, bitte.“ Sie folgte ihm in ein großzügiges, behaglich eingerichtetes Wohnzimmer. Neben einem Kamin wartete Francie. Ihr Gesicht leuchtete auf, als ihr Vater mit Tamara hereinkam.

„Hallo, Miss Houston“, rief die Kleine eifrig und kam angelaufen. „Daddy hat gesagt, dass Sie bei uns essen. Kommen Sie noch einmal in die Schule?“

Tamara ging automatisch in die Knie, um sich auf Augenhöhe des Kindes zu begeben. „Nein, Francie, ich mache hier Ferien und hatte nur Lust, euch einmal zu besuchen.“

Während Clayton Rutledge hinausging, um der Haushälterin Anweisungen zu geben, setzte sich Tamara zu Francie auf ein Sofa. Sie musste an sich halten, um das Kind nicht vor Glück zu umarmen und womöglich dadurch zu erschrecken. „Freust du dich schon auf die Ferien?“, fragte sie.

Francie verzog das Gesicht. „Eigentlich schon. Ich will aber nicht auf die Ranch!“

„Auf welche Ranch?“, erkundigte sich Tamara neugierig.

„Auf die Ranch von Grandpa und Grandma. Daddy hat gesagt, wenn wir bis zu den Ferien keine Haushälterin finden, dann muss ich auf die Ranch. Ich würde aber viel lieber hierbleiben, weil ich da niemanden zum Spielen habe.“

Bevor Tamara antworten konnte, kam Dr. Rutledge zurück. Francie sprang auf und lief ihm entgegen. Lächelnd fing er sie mit beiden Händen auf und schwang sie einmal im Kreis herum, bevor er sich in einen Sessel setzte und sie auf den Schoß nahm.

Es war ganz offensichtlich, dass er seine kleine Adoptivtochter über alles liebte. Tamara spürte, wie eine Last von ihr abfiel, die sie mit sich getragen hatte, seit sie ihr Baby zur Adoption freigegeben hatte.

„Hast du Miss Houston schon von deinem Zeugnis erzählt?“, fragte er Francie jetzt mit deutlich sichtbarem Stolz.

„Ich habe lauter Einsen bekommen“, verkündete Francie strahlend.

Auch Tamara war stolz auf ihre Tochter, selbst wenn sie es nicht zeigen durfte. „Das ist ja toll“, erklärte sie. „Du scheinst ein sehr intelligentes kleines Mädchen zu sein.“

„Letztes Mal hatte ich auch eine Zwei“, gestand Francie.

Tamara lachte. „Kein Mensch ist vollkommen.“

Die ältere Frau, die Tamara schon mit Francie zusammen gesehen hatte, erschien in der Tür und teilte mit, dass das Essen fertig sei.

„Hertha, das ist Tamara Houston“, sagte Dr. Rutledge, „die junge Dame, von denen ich Ihnen erzählt habe. Tamara, darf ich Sie mit Hertha Gross, einer alten Freundin und unserer Haushälterin, bekannt machen?“

Die beiden Frauen nickten einander zu. „Sehr erfreut“, sagte Hertha. Sie war untersetzt und wirkte sehr sympathisch.

„Gleichfalls“, erwiderte Tamara. „Haben Sie gekocht? Es riecht einfach köstlich!“

Das Essen war wirklich vorzüglich. Es gab Roastbeef, Kartoffeln, Spargel, grünen Salat und zum Nachtisch Eis und selbst gebackene Plätzchen. Nachdem Hertha serviert hatte, setzte sie sich mit an den Tisch.

Clayton Rutledge bestand darauf, dass sich alle beim Vornamen nannten, und Tamara hatte nichts dagegen. „Sie haben ein schönes Haus, Clayton“, sagte sie nach einer Weile.

„Eigentlich ist es viel zu groß für uns“, meinte er. „Der Urgroßvater meiner verstorbenen Frau, ein deutschstämmiger Siedler, hat es gebaut. Ich würde es daher nicht über mich bringen, es zu verkaufen. Später wird es einmal meiner Tochter gehören.“

Damit ist Francies Zukunft abgesichert, war Tamaras erster Gedanke. Das Kind würde immer genug zum Leben haben, was auch immer geschah. Wie beruhigend!

„Ich habe gehört, dass Sie zu Ihrer Tochter nach New Mexico ziehen wollen“, sagte sie zu Hertha.

Die nickte. „Ja. Sie hat fünf Kinder, dort werde ich wirklich gebraucht – auch wenn ich sagen muss, dass es mir sehr schwerfallen wird, von hier fortzugehen. Ich war schon vor Alicias Geburt bei den Conrads, und sie hätte mir nicht näher stehen können, wenn sie mein eigenes Kind gewesen wäre. Und Francie ist wie eine Enkelin für mich.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann meiner Nachfolgerin nur raten, Clay und mein kleines Mädchen anständig zu behandeln, sonst …“

Tamara lächelte. „Ich versichere Ihnen, dass Sie sich keine Sorgen darum machen müssen, Hertha, wenn heute Abend alles gut verläuft. Ich liebe Kinder.“

Clayton sagte nichts zu alledem, sondern hatte sich auf einen Beobachterposten zurückgezogen.

Nach dem Essen brachte Hertha Francie ins Bett. „Wenn du fertig bist, komme ich noch zu dir“, versprach Clayton seiner Tochter, dann führte er Tamara durch die Eingangshalle in einen anderen, kleineren Raum, die Bibliothek.

Die Wände waren bis zur Decke mit Bücherregalen vollgestellt, an einer Seite war ein gemauerter Kamin in die Wand eingelassen. Es war ein gemütlicher, intim wirkender Raum, und Tamara fühlte sich gleich wohl darin.

„Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“, fragte Clayton und sah sie dann ein wenig erschrocken an. „Sie sind doch alt genug?“

„Ja, Herr Doktor“, erwiderte sie leicht gereizt. „Ich bin vierundzwanzig Jahre alt und erwachsen, auch wenn ich nur gut eins fünfzig groß bin und unter fünfzig Kilo wiege.“

Er lachte. „Tut mir leid, aber Sie sehen so jung aus.“ Dann veränderte sich seine Stimme. „Alt werden Sie schnell genug, und dann wünschen Sie sich, Sie würden wieder so jung aussehen wie früher.“

Tamara spürte, dass er von sich selbst sprach. Es war wohl der Tod seiner Frau gewesen, der die grauen Strähnen an seinen Schläfen hatte entstehen lassen. Tamara allerdings fand sie sehr attraktiv.

Sie seufzte. „Sie haben vermutlich recht. Darf ich um ein Glas Mineralwasser bitten? Alkohol trinke ich nur sehr selten.“ Vermutlich hält er mich jetzt für hoffnungslos unreif, dachte sie und stellte dann zu ihrer Verblüffung fest, dass er offenbar angenehm überrascht war.

„Sie brauchen sich deshalb doch nicht zu entschuldigen“, meinte er. „Ich finde es eher bewundernswert, wenn jemand es schafft, ohne all die schlechten Angewohnheiten auszukommen, die in unserer Gesellschaft herrschen. Sie scheinen auch nicht zu rauchen.“

Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen. „Nein. Und ich habe auch nie Drogen genommen. Meine Eltern haben mich nach sehr strengen Moralvorstellungen erzogen.“ Ob er wohl von ihrer Kleinstadtnaivität auch so angetan wäre, wenn er wüsste, dass sie mit siebzehn Jahren ein uneheliches Kind bekommen und dann weggegeben hatte? Wohl kaum. Zum Glück würde er es nie erfahren.

„Werden Ihre Eltern denn nichts dagegen haben, dass Sie den ganzen Sommer weg sind?“, erkundigte er sich jetzt.

Tamara unterdrückte einen Seufzer. Sie hätte ihre Eltern lieber gar nicht erwähnen sollen. Das war ein Thema, über das sie sich wahrhaftig nicht mit ihm unterhalten wollte. „Clayton, ich treffe grundsätzlich meine eigenen Entscheidungen. Seit sechs Jahren, als ich von zu Hause fort aufs College ging, lebe ich nicht mehr zu Hause. Meine Eltern sind sehr beschäftigte Menschen und leben ihr eigenes Leben.“

„Entschuldigen Sie. Ich behandle Sie immer noch wie einen Teenager. Das lag nicht in meiner Absicht. Ich bin nur selbst ein so überbesorgter Vater, dass ich immer ganz automatisch erwarte, bei anderen Eltern müsse es genauso sein.“ Er kam mit zwei Gläsern zurück. „Kommen Sie, setzen wir uns an den Kamin.“

Tamara ließ sich in das weiche Ledersofa sinken und legte mit einem wohligen Seufzer den Kopf an die Lehne. Ihr war, als würde sie in einer dicken Wolke sitzen. Zum ersten Mal nahm sie das Bild über dem Kamin bewusst wahr.

Es zeigte eine schlanke junge Frau in einem duftigen Sommerkleid. Sie saß auf einer Gartenbank inmitten einer grünen Wiese, umgeben von blühenden Büschen. Das lange blonde Haar fiel ihr auf die Schultern, der Ausdruck in ihren blauen Augen war verträumt.

„Was für ein wunderschönes Bild“, flüsterte Tamara fast ehrfürchtig.

„Das ist meine Frau Alicia“, sagte Clay leise, als er sich neben sie setzte. „Ihre Eltern haben es malen lassen, als sie das College bestanden hatte.“

Tamara hätte sich auf die Zunge beißen mögen. Warum konnte sie nicht nachdenken, bevor sie den Mund aufmachte? Sie hätte sich doch denken können, dass es sich um seine Frau handelte. Jetzt konnte sie nur versuchen, den Schaden möglichst zu begrenzen. „Sie war wunderschön.“ Etwas anderes fiel ihr nicht ein.

„Ja. Vielleicht hätte ich das Bild abhängen sollen, doch ich möchte nicht, dass Francie vergisst, wie ihre Mutter aussah.“ Trauer klang aus seiner Stimme.

Diese Bemerkung versetzte Tamara einen Stich. Ich bin ihre Mutter, dachte sie eifersüchtig. Doch von mir hängt niemand Bilder auf, damit Francie mich nicht vergisst!

Sie presste einen Augenblick die Lippen zusammen, dann war der Moment wieder vorbei, und sie schämte sich für ihre ungerechte Gefühlsaufwallung. Sie hatte kein Recht dazu, der Frau, die ihr Kind aufgenommen hatte, feindselige Gefühle entgegenzubringen. Sie sollte Alicia Rutledge dankbar sein, auch wenn es fast unerträglich war, einfach ruhig dabeizusitzen, wenn Alicia so selbstverständlich als Mutter ihrer eigenen Tochter bezeichnet wurde.

Würde es sich vielleicht als verhängnisvoller Fehler erweisen, wenn Tamara den Sommer bei Francie blieb und für sie sorgte? Würde sie danach überhaupt in der Lage sein, Francie wieder aufzugeben? Und würde ihr Kummer nicht noch größer werden?

Sie schrak zusammen, als Clayton die Hand auf ihre Schulter legte. „Ich habe den Eindruck, Sie haben mir überhaupt nicht zugehört“, warf er ihr vor.

„Ich … Entschuldigen Sie“, stammelte sie verlegen. „Ich habe an etwas anderes gedacht. Was haben Sie gesagt?“

Er zog seine Hand zurück. „Ich habe nur gefragt, ob Sie immer noch bereit sind, den Sommer über bei uns als Haushälterin anzufangen?“

„Ja, natürlich. Sehr gern sogar“, hörte sich Tamara antworten. Sie konnte nur hoffen, dass sie diese Entscheidung nicht eines Tages bitter bereute.

„Dann werden wir noch einiges zu besprechen haben“, meinte er. „Bis jetzt haben Sie sich noch nicht einmal danach erkundigt, wie viel Sie verdienen oder worin Ihre Aufgaben bestehen.“

Natürlich nicht. Weil es ihr gleichgültig war. Sie würde die Stelle ja auch annehmen, wenn sie noch etwas dafür bezahlen müsste!

Tamara lachte. Auf einmal fühlte sie sich frei. Sie würde hierbleiben und sich später, wenn die Zeit gekommen war, Gedanken über die Folgen machen. „Na gut. Wie viel verdiene ich, und was muss ich dafür tun?“

Er lachte mit ihr. „Ich hoffe, dass Sie ein bisschen mehr Wert auf diese Dinge gelegt haben, als Sie Ihre Stelle als Lehrerin antraten.“

„Da hatte ich ohnehin keine Wahl“, gab sie zurück. „Die Gehälter sind festgesetzt. Aber bei Ihnen – ich nehme an, dass ich Unterkunft und Verpflegung freihabe, also ist praktisch jede Bezahlung ein Gewinn für mich.“ Er nannte eine Summe, die sie erstaunlich hoch fand. „Sie sind sehr viel großzügiger, als ich erwartet hatte. Ich nehme an, bevor Sie es sich anders überlegen! Und was erwarten Sie von mir für das viele Geld?“

„Zunächst darf ich Sie daran erinnern, dass Sie praktisch vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche im Dienst sind.“

„Das ist nicht fair!“, gab Tamara in gespieltem Entsetzen zurück. „Es gibt so etwas wie Arbeitnehmerrechte!“

„Zu dumm.“ Er machte das Spiel mit. „Dann werde ich Ihnen wohl am Wochenende freigeben müssen. Allerdings besteht Ihre Verpflegung an diesen Tagen nur aus Brot und Wasser.“

Sie lachten beide, und Tamara stellte erfreut fest, dass Clayton Rutledge auf einmal fröhlich und unbeschwert wirkte.

Er trank einen Schluck von seinem Whiskey und wurde wieder ernster. „Ihre Aufgabe wird hauptsächlich darin bestehen, sich in der Woche um Francie zu kümmern und für uns zu kochen. Am Wochenende übernehme ich. Sollte ich einmal Gäste haben, wird sich ein Partyservice um die Verpflegung kümmern. Solche Pflichten kommen also nicht auf Sie zu.“

Ob er ihr damit Arbeit ersparen wollte oder einfach der Meinung war, dass sie nicht in der Lage war, ein ordentliches Essen zustande zu bringen? Jedenfalls sollte Tamara nicht in der Rolle der Gastgeberin auftreten, aus welchen Gründen auch immer.

„Donnerstags kommt ein Reinigungsdienst, damit haben Sie also auch nichts zu tun. Doch ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie einkaufen würden, da Sie ja selbst am besten wissen, was Sie brauchen. Ich habe bei ‚Kaiser’s Kitchen‘ ein Konto und werde mich darum kümmern, dass es Ihnen zur Verfügung steht.“

„Kaiser’s Kitchen?“, fragte Tamara nach.

„Das ist ein Supermarkt einige Straßen weiter. Sie wissen vermutlich nicht, dass der Distrikt nach dem deutschen Kaiser Wilhelm benannt ist. Er war übrigens gleichzeitig der Enkel der englischen Königin Viktoria.“

Sie unterhielten sich noch ein wenig über dieses Thema, bis sie von Francie unterbrochen wurden.

„Daddy!“, rief sie von der Tür. „Ich bin fertig.“ Im Schlafanzug kam sie hereingestürmt und warf sich ihrem Vater in die Arme.

Clay zog sie auf seinen Schoß. „Fein, Kätzchen. Ich bringe dich gleich ins Bett und lese dir noch eine Geschichte vor, allerdings heute nur eine kurze, damit wir Tamara nicht so lange allein lassen müssen.“

„Sie kann mitkommen“, verkündete Francie großzügig, und Tamaras Herz machte einen kleinen Sprung. Wie lange hatte sie davon geträumt, ihre kleine Tochter wenigstens einmal ins Bett bringen zu dürfen!

„Gern“, sagte sie schnell, bevor Clay noch ablehnen konnte.

Von beiden Seiten des Ganges im ersten Stock gingen Türen ab. Vor einer blieb Clay stehen und öffnete sie. Das Zimmer dahinter sah aus wie aus einem Bilderbuch: weiß und rosa, mit Rüschen an den Vorhängen, Plüschtieren in jeder Größe, Regalen voller teurer Puppen und Spielsachen, wohin man blickte.

Tamara fühlte sich wie in einem Wunderland. Francie hatte alles, was ein kleines Mädchen sich nur wünschen konnte. Sie musste an ihre eigene Dreizimmerwohnung in Iowa denken. Niemals hätte sie ihrer Tochter diesen Luxus bieten können. Was für ein Glück hatte Francie mit ihren Adoptiveltern gehabt!

Tamara setzte sich auf einen Kinderstuhl, während Clay es sich mit Francie in einem Schaukelstuhl bequem machte und vorzulesen begann. Anschließend legte er seine Tochter in ihr Himmelbett, deckte sie zu und gab ihr einen Kuss.

Als er sich wieder aufgerichtet hatte, streckte Francie die Arme nach Tamara aus. „Ich will dir auch einen Gutenachtkuss geben“, erklärte sie. Gerührt nahm Tamara ihr Kind zum ersten Mal in ihrem Leben in die Arme. Tränen strömten in ihre Augen, als Francie die Arme um ihren Hals schlang, sich an sie drückte und ihr einen feuchten Kuss auf die Wange drückte. Sie wischte sich unauffällig über die Augen, murmelte: „Gute Nacht, Francie“, und eilte dann vor Clay aus dem Kinderzimmer. Sie brauchte einige Augenblicke für sich, um sich zu fassen. Clay durfte nicht mitbekommen, wie sehr die Begegnung mit seiner kleinen Tochter Tamara aufwühlte. Das würde ihn nur misstrauisch machen.

„Soll ich Ihnen jetzt Ihr Zimmer zeigen?“, fragte er, als sie nebeneinander auf dem Gang standen.

Tamara nickte, und er öffnete gleich die nächste Tür und machte das Licht an. „Mein Zimmer ist das erste hier auf dem Gang“, erklärte er, „dann kommt das von Francie, im Anschluss Ihres. Auf der anderen Seite befinden sich die Gästeräume und das Zimmer von Hertha. Sie und Francie werden sich ein Badezimmer teilen müssen. Ich hoffe, das stört Sie nicht.“

Tamara lachte. „In dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, gab es insgesamt nur ein Bad für alle!“

Sie gingen nach unten und setzten sich wieder vor den Kamin. „Hertha verlässt uns am Sonntag“, begann Clay. „Es wäre mir aber lieb, wenn Sie schon einige Tage vorher kommen könnten, damit sie Sie mit allen Aufgaben vertraut machen kann. Bestimmt ist es für Sie leichter, wenn Sie zwei oder drei Tage mit Hertha zusammenarbeiten.“

„Ja, vermutlich.“ Auch Tamara lächelte und wurde dann wieder ernst. „Es gibt nur ein kleines Problem. Wenn ich den ganzen Sommer hierbleibe, dann muss ich meine Wohnung versorgen und mir einige Sachen holen.“

„Haben Sie keine Verwandten oder Freunde, die das für Sie besorgen könnten?“

Tamara dachte einen Augenblick nach. „Meine Eltern leben ziemlich weit weg von mir. Aber natürlich habe ich Freunde. Ich werde sie gleich morgen früh anrufen.“

„Wunderbar. Wenn Sie wollen, können Sie hier einziehen, wann es Ihnen am besten passt – meinetwegen morgen schon.“

Tamara wurde von einem Hochgefühl erfasst. In nur wenigen Stunden würde sie in diesem schönen Haus wohnen und hatte einen ganzen Sommer mit Francie und Clayton Rutledge vor sich.

Vorsicht, Tamara! Du bist nicht hier, um zu flirten. Dir geht es nur um deine Tochter, vergiss das nicht, ermahnte ihr Gewissen sie.

„Danke“, sagte sie jetzt. „Ich kümmere mich morgen darum, dass zu Hause alles geregelt wird. Anschließend gebe ich Ihnen Bescheid.“

„Prima“, gab Clay zurück. „Ich werde Hertha sagen, dass Sie voraussichtlich morgen schon kommen.“

Tamara sah auf die Uhr und stellte zu ihrem Erstaunen fest, dass es kurz vor zehn war. „Ich verabschiede mich jetzt lieber“, sagte sie. „Eigentlich hatte ich heute noch einige Telefonate erledigen wollen.“

Clayton Rutledge stand mit ihr auf. „Finden Sie den Weg zurück zu Ihrem Hotel?“

Sie konnte ihm natürlich nicht sagen, dass sie diesen Weg nicht zum ersten Mal fuhr. „Bestimmt“, versicherte sie ihm, als sie durch die Halle gingen. „Ich habe einen ziemlich guten Orientierungssinn.“

Er öffnete ihr die Tür. Tamara trat nach draußen und drehte sich zu ihm um. Zögernd streckte sie die Hand aus, etwas unsicher, wie sie nun mit ihm umgehen sollte, da er ihr Arbeitgeber geworden war. „Danke, Dr. Rutledge. Sie werden es bestimmt nicht bereuen, dass Sie mich angestellt haben.“

Er nahm ihre Hand und hielt sie fest. „Ich heiße Clay“, erinnerte er sie. „Und ich bin es, der sich bedanken muss. Sie haben mir sehr geholfen. Wenn Sie nicht wären, müsste ich Francie zu meinen Eltern auf die Ranch schicken, und ich glaube, ich könnte es nur schwer ertragen, so lange von ihr getrennt zu sein.“

Das klang so traurig und einsam, dass sie versucht war, ihn in die Arme zu nehmen und zu trösten. Sie war sich fast sicher, dass er sich nicht sträuben würde. Anschließend aber würde er seine Schwäche bereuen und Tamara wegschicken. Und das hätte sie niemals ertragen.

Sie entzog ihm mit einem unerwarteten Gefühl des Bedauerns ihre Hand, sagte ihm leise Gute Nacht und rannte fast zu ihrem Wagen.

4. KAPITEL

Clayton Rutledge blieb in der offenen Tür stehen, bis er Tamaras Wagen nicht mehr sehen konnte. Dann ging er ins Haus zurück. Welcher Teufel hatte ihn nur geritten, dass er sich darauf eingelassen hatte, eine so junge, schöne Frau, die ihm noch dazu fremd war, bei sich aufzunehmen?

Es stimmt zwar, dass er verzweifelt nach einer Haushälterin und Betreuerin für Francie gesucht hatte. Trotzdem hatte er das ungute Gefühl, dass es ein großer Fehler gewesen war, als er sich für diese Frau entschieden hatte. In seiner Praxis war ihm gar nicht aufgefallen, wie jung und attraktiv sie war. Mit dem Plastiklätzchen und dem offenen Mund sahen alle Frauen für ihn mehr oder weniger gleich aus. Heute Abend aber hatte ihn Tamaras Schönheit fast umgeworfen. Dazu war sie klein und zierlich wie eine zerbrechliche Porzellanpuppe.

Sie hatte ihn nur aus diesen großen braunen Augen ansehen müssen, und er hatte keinen eigenen Willen mehr gehabt und sie, ohne Rücksicht auf die Folgen, eingestellt. Und Folgen musste es haben. Sie wirkte ganz einfach nicht kräftig oder alt genug, um ein Haus und ein Kind zu versorgen. Und Francie war ein sehr lebhaftes kleines Mädchen, dessen Betreuung viel Energie erforderte.

Andererseits war Tamara Lehrerin und hatte Erfahrung mit Kindern in Francies Alter. Doch selbst wenn sie dieser Aufgabe gewachsen war, gab es noch ein ganz anders Problem, das er nicht rechtzeitig bedacht hatte: Miss Houston war nicht nur zu unreif und zu schön für diese Stelle, sondern es war auch zu gefährlich für ihn, mit ihr unter einem Dach zu leben!

Dieser Gedanke hatte schon den ganzen Abend an ihm genagt, aber er hatte ihn einfach nicht zulassen wollen. Und es gefiel Clay ganz und gar nicht, was ihn eigentlich ausgelöst hatte. Als Alicia gestorben war, war auch jegliches sexuelles Interesse in ihm zum Erliegen gekommen, und es war ihm recht so gewesen. Niemals würde er eine andere Frau wieder so lieben können, wie er seine Frau geliebt hatte. Sie war der Mittelpunkt seines Lebens gewesen, seine liebste Freundin, seine Geliebte und Partnerin.

Bis heute Abend hatte er jeden Gedanken an eine andere Frau in seinem Bett als abstoßend empfunden. Doch diese Tamara Houston hatte ihm gezeigt, dass er gegen körperliche Versuchungen doch nicht ganz immun war. Clay war entsetzt gewesen, als er bemerkt hatte, dass sich sein Verlangen nach diesem Jahr der Enthaltsamkeit zu regen begann, und hatte sofort versucht, seinen Fantasien eine andere Richtung zu geben.

Und jetzt stellte er diese junge Frau ein!

War er eigentlich noch zu retten? Am besten rief er Tamara gleich morgen früh an und teilte ihr mit, dass er es sich anders überlegt hatte. Sie würde es zwar nicht verstehen, und das konnte er ihr auch nicht übel nehmen, aber auf lange Sicht war es bestimmt die beste Lösung.

Am späten Vormittag wurde Clayton ans Telefon gerufen. Es war Tamara. Er nahm in der Praxis nur selten Anrufe entgegen, aber Tamara gegenüber fühlte er sich verpflichtet.

Den größten Teil der Nacht hatte er wach gelegen und versucht, schon einmal zu formulieren, was er ihr sagen musste, wie er ihr seinen Sinneswandel erklären würde. Eigentlich hatte er sich gleich am frühen Morgen, bevor sie noch irgendwelche Arrangements getroffen haben konnte, mit ihr in Verbindung setzen wollen, war aber irgendwie nicht dazu gekommen.

Doch wenn er ehrlich war, machte er sich nur etwas vor. Natürlich hätte er die Zeit gefunden, Tamara anzurufen, aber jede noch so kleine Ablenkung, die ihm Aufschub versprach, war ihm nur zu willkommen gewesen. Und jetzt war es zu spät, halbwegs anständig aus der Sache herauszukommen.

Er ging in sein kleines Büro und hob den Hörer ab. „Tamara, ich wollte Sie schon selbst anrufen …“

Sie verstand ihn falsch und unterbrach ihn. „Ach, das ist schon in Ordnung“, meinte sie. „Sie wären vermutlich gar nicht durchgekommen. Ich habe den ganzen Morgen telefoniert. Ich habe jetzt eine Freundin gefunden, die meine Wohnung versorgt und mir schickt, was ich hier brauche.“

Ihre Stimme traf ihn unvorbereitet. Sie klang atemlos und aufgeregt wie die eines kleinen Mädchens, das zu einem großen Abenteuer aufbricht.

„Ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich mein Hotelzimmer aufgegeben habe und meine Sachen jetzt zu Ihnen bringe, wenn es Hertha und Ihnen recht ist.“ Sie sprach ohne Pause, und Clay fand keine Lücke, um sein Anliegen vorzubringen. „Sie haben Hertha doch gesagt, dass ich heute schon einziehe?“

„Nein, ich …“ Es gab keinen Weg mehr zurück. Er wollte sie nicht enttäuschen und ihr nicht wehtun, wenn er sich auch um alles in der Welt nicht vorstellen konnte, warum sie es so aufregend fand, die nächsten zehn Wochen als Haushälterin und Kindermädchen zu arbeiten.

„Ich rufe Hertha gleich an“, versprach er, und aus einem Grund, den er ganz und gar nicht verstand, hatte Clay auf einmal das Gefühl, als sei eine große Last von ihm genommen. „Willkommen in unserer Familie, Tamara.“

Die nächsten Tage wich Tamara nicht von Herthas Seite. Sie machte sich mit dem Haus vertraut, erfuhr, was Clay und Francie gern aßen und was sie nicht mochten, und ließ sich in ihre kleinen Eigenheiten einweihen. Und vor allem lernte sie, wo ihr Platz in der Familie war. Darauf legte Hertha besonders großen Wert.

„Vergessen Sie nie, wohin Sie gehören“, ermahnte sie Tamara wiederholt. „Mr Rutledge ist ein sehr netter Arbeitgeber, der wenig Wert auf Formalitäten legt, aber Sie sind kein Mitglied der Familie. Sie sind nicht seine Frau, keine Verwandte und auch keine Freundin des Hauses. Sie sind eine Angestellte, und das werden Sie auch bleiben, ganz gleich, wie gut Clayton Sie behandelt. Sie ersparen sich viel Kummer, wenn Sie das nie vergessen.“

Tamara wusste, dass Hertha recht hatte, aber sie war schon viel zu sehr in die Familie verstrickt, um sich an ihre klugen Ratschläge halten zu können. Sie war nicht nur Francies leibliche Mutter, sondern sie fühlte sich auch mit jedem Tag mehr zum Adoptivvater ihres Kindes hingezogen.

Wie vorgesehen, reiste Hertha am Sonntag nach New Mexico zu ihrer Familie ab. Die nächste Woche war Tamara glücklich wie nie zuvor in ihrem Leben – tagsüber, wenn sie ungestört mit ihrer kleinen Tochter zusammen sein konnte. Doch die Abende waren eine andere Sache.

Der Ablauf war immer mehr oder weniger gleich: Clay kam gewöhnlich zwischen fünf und sechs Uhr nach Hause und widmete sich dann Francie, während Tamara sich um das Abendessen kümmerte. Nach dem Essen spielte Francie entweder noch draußen mit den Nachbarkindern oder saß vor dem Fernseher. Clay betätigte sich im Garten oder arbeitete noch an seinem Schreibtisch in der Bibliothek, während Tamara abräumte und die Küche in Ordnung brachte.

Um 20 Uhr wurde Francie gebadet, dann las ihr Vater ihr noch eine Geschichte vor und brachte sie ins Bett.

Und damit begann der Teil des Abends, mit dem Tamara so schwer zurechtkam. Clay hielt sich in der Bibliothek auf, las, sah sich eine Fernsehsendung an oder telefonierte. Tamara war sich nie sicher, ob sie sich ihm anschließen sollte, oder ob es ihm lieber war, wenn sie in ihr Zimmer ging. Es war sehr geräumig und gemütlich, und sie hatte darin einen eigenen Fernsehapparat. Außerdem konnte sie dort hören, wenn Francie aufwachte oder weinte. Doch die Abgeschiedenheit bedeutete auch Einsamkeit.

Tamara war von Natur aus ein geselliger Mensch und gern mit anderen zusammen. Und am liebsten war sie in Clays Gesellschaft. Er war einsam. Es konnte gar nicht anders sein. Wie sollte er nicht einsam sein, allein da unten, in diesem großen, leeren Haus? Er musste doch einfach Sehnsucht nach ein wenig Gesellschaft haben. Nie aber sagte er darüber ein Wort, weder, er wolle allein gelassen werden, noch bat er Tamara, ihm Gesellschaft zu leisten.

Am Wochenende hatte sie frei, und Clayton wollte noch nicht einmal zulassen, dass sie das Frühstück für die Familie machte. „Sie haben die Woche über genug gearbeitet“, erklärte er, als er sie beim Kaffeekochen ertappte. „Und es war bestimmt nicht einfach. Jetzt können Sie zur Abwechslung einmal tun, was Ihnen Spaß macht.“

„Ich mache wirklich gern Frühstück für Sie und Francie“, protestierte Tamara, als er ihr die Kaffeekanne aus der Hand nahm.

„Das ist sehr lieb von Ihnen“, antwortete er ernst. „Aber Sie brauchen Ihre freie Zeit. Schauen Sie sich die Stadt an, gehen Sie ins Kino, machen Sie einen Ausflug mit dem Boot.“

„Clay, das kann ich ja trotzdem tun“, unterbrach Tamara ihn. „Außerdem habe ich niemanden, mit dem ich das alles unternehmen könnte. Allein macht es nicht soviel Spaß.“

„Hm.“ Er sah sie nachdenklich an. „Was halten Sie davon, wenn Francie und ich Ihnen die Stadt zeigen? Oder haben Sie inzwischen schon genug von uns?“

„Seien Sie nicht albern“, warf sie ihm vor. „Ich fände es wunderbar, aber ich möchte nicht … Ich meine, Sie müssen nicht …“

Er schnitt ihr das Wort ab. „Ich weiß, dass ich nicht muss“, erwiderte er, „aber es würde mir Freude machen, Sie herumzuführen. Das habe ich immer gern getan. Es ist lange her, seit ich …“ Er verstummte, und Tamara wusste, dass er an seine Frau dachte. Seit ihrem Tod war er kaum noch unter Menschen gegangen, und es würde ihm guttun, wenn er sich wieder mehr nach außen öffnete.

„Clay, ich würde mir furchtbar gern die Stadt mit Ihnen und Francie ansehen.“

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er die Hand unter ihr Kinn legte und ihr Gesicht anhob. Ihre Blicke trafen sich. Die Wärme in seinen Augen brachte Tamaras Entschluss, Abstand zu ihrem Arbeitgeber zu wahren, gefährlich ins Wanken. Die Anziehung zwischen ihnen war zu stark. Ein Zittern durchlief ihren Körper, aber sie konnte den Blick nicht abwenden.

Gleich würde er sie küssen! Sie konnte sich nicht irren, die Anziehung war gegenseitig. Tamara war vielleicht nicht sehr erfahren in Liebesdingen, aber sie hatte ihr Leben auch nicht gerade in einem Kloster verbracht. Und sie wusste, wann ein Mann sich nach körperlicher Zuwendung sehnte. Doch es war das erste Mal, dass sie bei sich selbst diese Sehnsucht verspürte.

Sie schloss die Augen, und ihre Lippen teilten sich, als sie auf seine Berührung wartete. Sie hörte ihn aufstöhnen, und im nächsten Augenblick wandte er sich von ihr ab. „Ich werde Francie wecken“, sagte Clay rau und verließ die Küche, als müsse er vor etwas fliehen.

Als Clayton mit seiner Tochter zurückkam, war das Frühstück fertig. Francie sprudelte beinahe über vor Begeisterung über den bevorstehenden Ausflug mit ihrem Dad und Tamara.

Eine Stunde später, nachdem sie alle gegessen hatten und die Küche wieder aufgeräumt war, stiegen sie zu dritt in Clays schwarzen Cadillac. „Am besten fangen wir mit dem Fort Alamo an“, schlug Clay vor. „Es ist nur wenige Straßen weiter, mitten in der Stadt.“

„Ich bin schon daran vorbeigefahren“, sagte Tamara, „doch von innen kenne ich es noch nicht.“

„Wir haben das Fort mit der Klasse besichtigt“, verkündete Francie vom Rücksitz aus. „Die Lehrerin hat gesagt, dass es auch ‚die Wiege von Texas‘ heißt.“

Tamara war unendlich stolz auf ihre kleine Tochter. „Da hast du recht“, bestätigte sie. „Die Texaner haben zweimal gegen Mexiko um ihre Freiheit gekämpft. Die Belagerung von Fort Alamo haben sie verloren, aber nur einen Monat später gewannen sie dafür die Schlacht von San Jacinto. Und später kam Texas dann zu den Vereinigten Staaten von Amerika.“

Clay schenkte ihr einen amüsierten Blick. „Für einen Yankee sind Sie ja sehr gut über die Geschichte von Texas informiert“, stellte er fest. „Viele Leute in Ihrem Alter haben noch nie etwas von Alamo gehört.“

„Schließlich bin ich Lehrerin“, erinnerte sie ihn. „Und nachdem ich auch noch Houston heiße, ist es doch ganz natürlich, dass ich mich für Texas interessiere.“

Clay lachte. „Dann wissen Sie sicher auch, dass Alamo nicht nur ein Fort, sondern davor auch eine spanische Missionsstation war? Die erste in San Antonio. Genau hieß sie ‚Mission San ­Antonio de Valero‘.“

„Eine Missionsstation ist eine Kirche“, erklärte Francie, stolz auf ihr Wissen. „Aber die Lehrerin hat gesagt, dass auch Leute da wohnen.“

Clayton parkte in der Nähe der Alamo Plaza, dem gepflasterten Bereich vor dem restaurierten Gebäude, und sie gingen hinein. Es war kleiner, als Tamara erwartet hatte, schließlich hatten hier einmal fast zweihundert Menschen Platz gefunden. Noch schwerer vorstellbar war, dass diese zweihundert Menschen tatsächlich Tausende mexikanischer Soldaten dreizehn Tage lang hatten abwehren können, bevor das Fort schließlich doch eingenommen wurde.

Nach der Besichtigung des Forts spazierten sie zu Fuß zum Paseo del Rio, der Flusspromenade. „Früher war der Fluss einmal ein ziemlicher Schandfleck“, erzählte Clayton, als sie zu dritt die Stufen zur Parkanlage hinunterliefen. „Heute ist er eine unserer Hauptattraktionen.“

„Das kann ich verstehen.“ Die Promenade auf beiden Seiten des Flusses war von Luxushotels, Boutiquen, Galerien und Restaurants gesäumt.

Später machten sie eine Fahrt in einem der flachen, offenen Boote auf dem sich durch die Stadt windenden Fluss mit seinen üppig bewachsenen Ufern. Sie glitten unter Palmen und Zypressen hindurch, und Tamara war entzückt. „Es ist wunderschön, Clayton, ein richtiges tropisches Paradies mitten in einer so großen Stadt.“

„Ja, das war wirklich einmal eine gute Idee unserer Stadtplaner.“ Er wies nach vorne. „Sehen Sie, da vorne? Dieser große offene Platz am rechten Ufer ist das Arneson River Theatre. Die Zuschauer sitzen auf den Grasterrassen auf der anderen Seite. Hören Sie die Musik? Es hört sich so an, als ob gerade eine mexikanische Gruppe auftritt.“

Als sie näherkamen, konnte Tamara die bunt gekleideten Tänzer auf der Bühne erkennen, und tatsächlich saß das Publikum am anderen Flussufer und klatschte den Rhythmus begeistert mit. „Das ist ja fantastisch! So etwas habe ich noch nie gesehen.“

Zu Mittag aßen sie im Drehrestaurant oben auf dem „Tower of the Americas“ an der HemisFair Plaza, von dem aus man einen wundervollen Ausblick hatte. Den Rest des Nachmittags verbrachten sie dann im Brackenridge Park, wo Francie mit Begeisterung auf dem schönen alten Karussell fuhr. Anschließend machten sie noch einen Zoobesuch.

Als sie zu Haus eintrafen, waren sie alle drei verschwitzt und erschöpft. „Ihr beiden jungen Damen lasst mich ganz schön alt aussehen bei dem Tempo, das ihr vorlegt“, bemerkte Clay mit gespieltem Vorwurf, als er den Motor ausmachte und seinen Sicherheitsgurt öffnete. „Ich hatte schon ganz vergessen, dass Stadtbesichtigungen harte Arbeit sind.“

„Tut mir leid“, gab Tamara fröhlich zurück. Sie zeigte nicht eine Spur von Reue. „Sollen wir Sie vielleicht ins Haus bringen? Wenn Sie sich auf Francie und mich stützen, schaffen wir es vielleicht …“

„Ach ja?“, grollte er, aber sie sah das boshafte Glitzern in seinen Augen und duckte sich gerade noch rechtzeitig, bevor er sich auf sie stürzte. „Ich werde Ihnen schon zeigen, wer hier wen schafft …“ Er hatte sie gepackt und beugte sich über sie. Tamara quietschte vor Lachen und zappelte in seinen Armen. Sein Atem strich an ihrem Hals entlang und verursachte ihr eine Gänsehaut.

„Daddy! Du tust ihr weh!“, schrie Francie vom Rücksitz. „Das sollst du nicht!“

Clay und Tamara fuhren erschrocken hoch. „Dein Daddy tut mir nicht weh“, versicherte Tamara hastig und drehte sich um. Francie war aufgestanden. „Liebes, wir haben doch nur gespielt.“ Tamara legte die Arme um sie. „Dein Daddy würde mir nie wehtun.“

„Natürlich nicht“, bestätigte Clay und strich Francie übers Haar.

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