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BACCARA EXKLUSIV BAND 114

JULIE HOGAN

Im Heu – oder Im Bett?

Für die bildschöne Lauren Simpson soll Cole eine alte Scheune zu einem Antiquitätenladen ausbauen. Sich zu diesem Zweck längere Zeit in ihrer Nähe aufhalten zu müssen, passt hervorragend zu seinen Plänen. Beim Anblick des ehemaligen Models von Amors Pfeil getroffen zu werden allerdings nicht. Nicht ohne Grund fürchtet er, Lauren zu verlieren, wenn er ihr die Wahrheit gesteht …

KATHERINE GARBERA

Der Playboy und die Eisprinzessin

Sein schlechter Ruf eilt Scott voraus. Nur Rena glaubt, ihn zu durchschauen. Sie ist überzeugt: Der „coole Womanizer“ ist für den Ex-Filmstar nur eine weitere Rolle, die er spielt. Dagegen ist der echte Scott ein wunderbarer Mann mit tiefen Gefühlen für sie. Doch dann tauchen in der Presse intime Berichte über ihr Liebesleben auf. Rena beginnt zu zweifeln …

SARA ORWIG

Zärtlich berührt – sinnlich verführt

Endlich soll Schluss sein mit der alten Fehde zwischen den Ryders und den Brants! Außerdem braucht Gabe eine Mutter für seinen kleinen Sohn. Vielleicht sollte er Ashley Ryder heiraten? Liebe spielt dabei keine Rolle! Stattdessen wäre die Ehe mit der hinreißenden Rancherin eine reine Sache der Vernunft. Aber warum lässt Ashley dann sein Herz höher schlagen?

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Im Heu – oder Im Bett?

1. KAPITEL

Als Cole Travis zum ersten Mal in das Städtchen Valle Verde kam, fühlte er sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Die Ränder der Bürgersteige waren von Wildblumen bewachsen, eine Frau schob ihren Kinderwagen vor sich her, und Cole konnte durch das offene Fenster seines Pick-ups eine Gruppe Jungen miteinander reden und lachen hören. Alles war friedlich, idyllisch und hübsch anzusehen. Und es vermittelte Cole das Gefühl, weit und breit der einzige Mensch zu sein, der ein Problem hatte.

Er hielt neben der Zapfsäule einer altmodischen Tankstelle an und wartete, bis der Motor des Wagens schließlich laut knatternd ausging. Er hatte den älteren Pick-up bei einem seiner Baustofflieferanten günstig erstanden, bevor er vor zwei Wochen von Seattle aus losgefahren war. Er seufzte. Da er vorhatte, am Ende seiner Reise nach Hause zu fliegen, hatte er sich eine Klapperkiste ausgesucht, die er dann auf dem Schrottplatz abliefern könnte.

Ebenfalls wie in guten alten Zeiten erschien jetzt ein Tankwart. „Volltanken?“, fragte der junge Mann.

„Sicher.“ Cole öffnete die quietschende Tür und stieg aus. „Wissen Sie, wo ich hier eine Lokalzeitung bekommen kann?“

Der junge Mann deutete mit dem Kopf in die Richtung des Büros. „Sie können meine haben. Ich habe sie schon gelesen, Sie liegt auf meinem Schreibtisch.“

Cole, der fast den ganzen Morgen von San Clemente nach San Diego gefahren war, machte sich auf den Weg. Er hatte weder in San Clemente noch zuvor in Laguna Beach gefunden, was er suchte. Aber das spielte keine Rolle. Gleichgültig, wie lange es dauern würde, oder was er dafür tun müsste, er würde seinen Sohn finden, ihn nach Hause bringen und versuchen, ihn für die verloren gegangene Zeit zu entschädigen.

Als er nach der Zeitung griff, bemerkte er den Stadtplan von Valle Verde an der Wand. Er holte ein Blatt Papier aus der Hosentasche, suchte auf dem Plan nach der auf dem Zettel notierten Adresse und ging zurück zum Pick-up.

Nachdem er bezahlt hatte, fuhr er wieder auf die Hauptstraße. Nun wusste er zumindest, wie er sie finden konnte, und es blieb nur noch ein Detail zu klären: Wie er sich ihnen nähern sollte, ohne Verdacht zu erregen. Sie durften keinesfalls merken, dass er für immer ihr Leben verändern könnte.

Am rechten Straßenrand tauchte ein kleiner Park auf, und Cole bog ab und machte dort Halt. Dann holte er fünf dicke Aktenordner aus seiner Tasche, in denen das Material säuberlich abgeheftet war, das der von ihm beauftragte Privatdetektiv zusammengetragen hatte. Demnach hatte es fünf Chancen gegeben, sein Kind zu finden. Nun waren es noch drei.

Als er den obersten Ordner aufschlug, stieg heftiger Ärger auf seine Exfrau in ihm auf. Seit er erfahren hatte, dass Kelly schwanger gewesen war, als sie ihn vor fünf Jahren verlassen hatte, schwankte sein Gemütszustand zwischen Wut und Hoffnung, Angst und Trauer. Es war nun fast einen Monat her, dass Kellys Bruder angerufen hatte, um ihm zu sagen, dass Kelly gestorben war und ihm vor ihrem Tod etwas Entsetzliches anvertraut hatte. Sie hatte bei der Trennung von Cole nicht nur ein Kind erwartet, sondern hatte das Baby nach der Entbindung in der Säuglingsstation eines Krankenhauses zurückgelassen. Kellys Bruder wusste weder, was mit dem Jungen passiert war, noch kannte er den Namen des Krankenhauses.

Cole schloss die Augen, versuchte seinen Ärger weitgehend zu verdrängen und sich zu konzentrieren. Die erfolglose Suche in San Clemente und Laguna Beach hatte ihm auch gezeigt, dass er nur Argwohn und Misstrauen erntete, wenn er den Leuten die Wahrheit sagte. Jetzt würde er geschickter vorgehen und sich so lange bedeckt halten, bis er ganz sicher sein konnte, seinen Sohn gefunden zu haben.

Er griff nach der Zeitung und schlug die Seiten mit den Stellenangeboten auf. Vielleicht könnte er hier einen Job annehmen und so für ein oder zwei Wochen ganz unauffällig seine Erkundigungen einziehen. Mit dem Finger folgte er einer Reihe Inserate, in denen nach Aushilfskräften gesucht wurde. Plötzlich hielt er inne, griff nach einem Stift und markierte damit eine große Anzeige.

Und dann lächelte Cole Travis – das erste Mal seit Wochen.

Lauren Simpson nahm einen weiteren Schluck des starken Kaffees, der in „Uncle Bills Café“ serviert wurde und lächelte ihren Sohn an, der nur so vor Energie sprühte.

„Noch einmal lesen, Mom! Noch einmal!“

Sie streckte unter dem Tisch ihre langen Beine aus und seufzte still. Mit seinen vier Jahren war Jems Drang nach Wiederholungen kaum zu bändigen.

„Bitte, bitte.“ Jem Simpsons große blaue Augen blitzten, als er seine Mutter verschmitzt angrinste.

Sie konnte diesem herzerweichenden Blick nicht widerstehen. Sie lächelte, als sie Valle Verdes Zeitung aufschlug und bestimmt schon zum zehnten Mal die Annonce laut vorlas.

„Wir suchen einen Mann für Umbau- und Renovierungsarbeiten an unserem Haus und unserer Scheune. Er sollte ein guter Schreiner, Elektriker und Klempner sein. Interessenten stellen sich bitte persönlich bei den Simpsons in der Agua Dulce Road vor.“

Ihr Sohn strahlte sie an. „Glaubst du, dass heute jemand kommt?“

„Himmel, das hoffe ich.“ Mit diesem Stoßgebet packte sie die Zeitung zurück in ihre Einkaufstasche. Sie brauchten wirklich dringend einen geschickten Handwerker, der ihnen dabei half, ihr altes Haus und die schöne große Scheune innerhalb von sechs Wochen instand zu setzen. Aber bislang hatte sich auf die vor einigen Tagen erschienene Annonce noch niemand gemeldet.

Lauren verdrängte ihre Sorgen und lächelte ihrem Sohn zu. „Wenn sich niemand meldet, werden wir beide mit einem Hammer und einem großen Erste-Hilfe-Kasten die Arbeit erledigen müssen.“

Sie legte das Geld für das Frühstück auf den Tisch und betrachtete den verwüsteten Pfannkuchen auf Jems Teller. „Viel gegessen hast du nicht. Frag doch Onkel Bill, ob er dir ein paar neue Pfannkuchen zum Mitnehmen einpackt.“

„Okay.“ Lauren beobachtete ihn, wie er seinen Teller vorsichtig nach vorn zur Theke transportierte, und wie Bill dann über das Chaos lachte, das Jem wie jeden Samstagmorgen, seitdem sie in dieses Städtchen gezogen waren, auf seinem Teller angerichtet hatte.

Trotz der Nähe zur Großstadt San Diego war Valle Verde wirklich ein freundlicher und friedvoller Ort, überlegte Lauren, als sie durch das Fenster dem gemächlichen Treiben auf der Hauptstraße zusah. Kinder fuhren auf Fahrrädern mitten auf der Straße, Frauen tauschten vor dem Friseursalon den neuesten Klatsch aus, und die Geschäfte wiesen mit einfachen Holzschildern auf ihre Besitzer und Waren hin. Von ihrem Platz aus konnte sie das Haushaltswarengeschäft „Top of the Valley“, die Drogerie „Gordy’s U Pic It We Pac It“ und das Lebensmittelgeschäft „What’s Shakin’ Chicken Pie Shop“ erkennen. Und bald würde es nur ein paar Ecken weiter ein neues Schild geben: „Simpson’s Gems“, der beste Antiquitätenladen von Südkalifornien. Südens.

Lauren legte noch ein paar Dollar für die zusätzlichen Pfannkuchen auf den Tisch und ging nach vorn, um ihren Sohn zu holen, der den anderen Gästen ausführlich von ihrer Suche nach einem Handwerker erzählte. Nachdem er die Geschichte beendet hatte, nahm sie ihn an der Hand. Sie verabschiedeten sich und traten hinaus in den schönen Frühsommertag.

Auf dem kurzen Weg nach Hause redete Jem pausenlos. Sie fragte sich, ob sie in diesem Alter genauso gewesen war. Aber da in ihrer Kindheit nie jemand da gewesen war, der ihr zugehört hätte, war das höchst unwahrscheinlich. Sie war bei verschiedenen lieblosen Pflegeeltern groß geworden und hatte eine furchtbare Kindheit hinter sich, die sie am liebsten für immer vergessen würde. Aber Jem, überlegte sie, während sie den mit Eukalyptusbäumchen gesäumten Gehweg entlangschlenderten, würde hier eine wunderbare und beschützte Kindheit erleben, an die er sich gern erinnern würde. Dafür wollte sie sorgen.

Als er stehen blieb, um einen Kieselstein aufzuheben und in seine Hosentasche zu stecken, strich sie über seine zerzausten, braunen Locken. Obwohl er nicht ihr leibliches Kind war, sammelte er genau wie sie ständig irgendwelche Dinge. Das hatte er wahrscheinlich von ihr übernommen, denn sie war bereits seine Pflegemutter, als er noch ein Baby gewesen war. Vor einiger Zeit hatte sie den Jungen auch offiziell adoptiert.

Sie war eine leidenschaftliche Sammlerin, seit sie denken konnte. Und nun, da sie sich von ihrer zeitaufwendigenden und aufreibenden Karriere als Model zurückgezogen hatte, würde sie mit ihren wertvollen Sammlerstücken einen Antiquitätenladen eröffnen.

Um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, zog Jem an ihrer Hand, als das Haus in Sichtweite kam. „Sieh nur, Momy“, wisperte er.

Lauren folgte dem Blick des Jungen und ging automatisch langsamer. Vor der Veranda ihres prächtigen, aber baufälligen viktorianischen Hauses stand ein Mann, der lässig an einer der Säulen lehnte, die den vorgebauten Wintergarten des ersten Stocks abstützten. Er hatte ihnen den Rücken zugedreht und starrte hinauf zum Dachgiebel. Sie musterte den Fremden von oben bis unten und schluckte. Seine breiten Schultern und der muskulöse Rücken wurden durch ein gut sitzendes, schwarzes T-Shirt betont. Der knackige Hintern und die langen Beine kamen durch seine enge Jeans bestens zur Geltung.

Hätte sie nach einem Mann statt nach einem Handwerker Ausschau halten, würde sie sich jetzt gar nicht weiter umsehen müssen. Aber das tat sie nicht. Vor genau 221 Tagen hatte sie sich geschworen, ein Jahr lang ganz auf Männer zu verzichten. Das schien ihr der einzige Weg zu sein, um anschließend Männern mit mehr Distanz und gesundem Menschenverstand begegnen zu können. Ihre seelisches Gleichgewicht und, noch wichtiger, das Glück ihres Kindes hingen davon ab.

Als sie näherkamen, drehte der Fremde ihnen sein Gesicht gerade so weit zu, dass sie sein markantes Profil sehen konnte, das so gut geschnitten war, dass man es als Bronzebüste in jeder Kunstgalerie ausstellen könnte. Hitze durchströmte sie, als er mit einer Hand nach dem Balken über ihm fasste und dabei seine Armmuskeln deutlich anspannte. Meine Güte, dachte sie, der Mann ist wirklich unglaublich gut gebaut. Und das sollte bei ihr etwas heißen, denn in ihrem Job als Model hatte sie eine ganze Reihe ansehnlicher Männerkörper zu Gesicht bekommen – ganz zu schweigen von den entsprechend aufgeblasenen Egos der Typen.

Sie bemühte sich, ihre Fassung wieder zu gewinnen, als ihr Blick auf den neben dem Haus geparkten, klapprigen Pick-up fiel, dessen Nummernschild verriet, dass er aus dem Bundesstaat Washington kam.

Jem zog wieder an ihrer Hand. „Mom, glaubst du, der will bei uns arbeiten?“, fragte er aufgeregt.

Offenbar hatte der Mann ihn gehört, denn er drehte sich um, lächelte und zeigte dabei blendend weiße Zähne. Seine türkisblauen Augen, die in starkem Kontrast zu seiner von der Sonne gebräunten Haut standen, leuchteten auf.

Lauren nahm ihren Sohn ganz fest an die Hand, als der Fremde eine Zeitungsseite aus der Gesäßtasche seiner Jeans zog. Sei unbesorgt, versuchte sie sich zu beruhigen. Er ist wahrscheinlich neu in der Stadt und will nach dem Weg fragen. Dass er die Kleinanzeigen in der Hand hält, muss nicht automatisch bedeuten, dass er wegen des Jobs hier ist. Er ist viel zu anziehend, als dass ich ihn anstellen sollte.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie, als sie mit Jem die Stufen zum Haus hinaufging.

Der Mann sah Jem leicht verwirrt an, so wie man jemand anschaut, den man zu kennen glaubt. Dann nahm er sie ins Visier. Sie sahen sich einen Moment fest in die Augen, und sie merkte, dass ihr ganz schwindelig wurde.

„Vielleicht können Sie das“, sagte er schließlich, und der irritierende Moment war vorbei. „Aber ich bin sicher, dass ich Ihnen helfen kann.“

„Du bist der Mann!“, rief Jem.

Der Mann neigte den Kopf zur Seite und verzog seine sinnlichen Lippen zu einem Lächeln.

„Er meint …“, begann Lauren.

Der Fremde sah Jem an. „Ich denke, ich weiß, was er meint“, bemerkte er belustigt. Dann zeigte er ihr die Zeitungsseite mit der rot eingekreisten Annonce. „Ich bin wegen des Jobs hier.“

Zu dumm. Sie hatte einen netten, grauhaarigen alten Mann erwartet, nicht jemanden, der aussah wie ein griechischer Gott und mit einem kleinen Lächeln etwas in ihr aufrührte, das sie lieber ruhen lassen wollte. Sie seufzte innerlich und sagte sich, dass sie einfach ihrer selbst auferlegten Enthaltsamkeit Priorität einräumen würde. Also musste sie diesen Fremden, den ihr das Schicksal als Versuchung geschickt hatte, schnell wieder loswerden.

Der Mann wedelte mit der Zeitung. „Wenn der Job nicht schon vergeben ist.“

Sie dachte kurz daran, ihn anzulügen, doch ein Blick in seine Augen machte ihr das unmöglich. „Nein. Aber …“

„Großartig.“ Seine Stimme klang gelassen, sein Blick war fest und sein Lächeln siegessicher. „Denn ich kann sofort anfangen.“

Nicht bei mir, dachte sie entschlossen. „Eigentlich“, erwiderte sie in der Hoffnung, nun die richtige, überzeugend wirkende Taktik eingeschlagen zu haben, „suche ich nach jemand aus der Gegend hier.“ Sie sah ostentativ zu seinem Wagen. „Und wie ich sehe, kommen Sie nicht von hier.“

„Nein. Aus Seattle.“ Er hielt ihrem Blick stand. „Da war ich zumindest meistens in letzter Zeit. Ich habe dort gute Arbeit geleistet.“

„Da bin ich auf Ihren Lebenslauf und Ihre Referenzen gespannt. Aber wie ich schon sagte, werde ich einem Handwerker hier aus der Gegend auf jeden Fall den Vorzug geben.“ Das klang vernünftig und nachvollziehbar.

„Ich muss Sie warnen“, meinte er, während er sich wieder lässig an die Säule lehnte. Er verschränkte die starken Arme vor der Brust, und sie wusste, dass er nicht vorhatte, so bald wieder zu verschwinden. „Sie werden keinen Besseren als mich finden.“

Das war für jede normale Frau, die Augen im Kopf hatte, nicht zu übersehen, aber Lauren war nicht der Typ, der schnell klein beigab. „Ich denke, das werde ich erst wissen, wenn ich die restlichen Bewerber gesehen habe. Am besten lassen Sie mir Ihre Bewerbungsunterlagen da, dann kann ich Sie dann anrufen und zu einem Vorstellungsgespräch einladen, wenn Sie das möchten.“

Das Lächeln des Mannes vertiefte sich, was seine Gesichtszüge weicher machte und ihn sehr vertrauenswürdig wirken ließ. Dann ging er langsam auf sie und Jem zu. „Ich habe keinen Lebenslauf mitgebracht, und eine Telefonnummer kann ich Ihnen auch nicht geben. Ich bin wirklich nur auf der Durchreise und suche für einige Zeit eine ehrliche Arbeit, bevor ich mich wieder auf den Weg mache.“

Oh, auf der Durchreise, dachte Lauren. Das bedeutete, dass sie ihm und seinem charmanten Grinsen hier nach kurzer Zeit nicht mehr begegnen würde. Sie seufzte vor Erleichterung. Oder war es Bedauern?

Jem, der offensichtlich glaubte, nun lange genug geschwiegen zu haben, meldete sich zu Wort. „Kannst du Häuser heil machen?“

Der Mann ging vor ihrem Sohn, der ihn neugierig ansah, in die Hocke. „Wie heißt du?“

„Ich bin Jem Simpson.“

„Freut mich, dich kennenzulernen, Jem. Ich bin Cole Travis, und ich kann alles wieder in Ordnung bringen.“ Seine Stimme war tief, klang wie ein Versprechen und hatte einen seltsamen Unterton, der Lauren veranlasste, instinktiv ihre Hand auf Jems schmale Schulter zu legen. Es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass ein Mann freundlich zu ihrem Sohn war, um etwas bei ihr zu erreichen.

Nun sah der Mann zu ihr hoch, und seine Augen verdunkelten sich, als er sie ganz offen betrachtete. Aber nicht so, wie Männer sie gewöhnlich anschauten, wenn sie in ihr das Katalogmodel von „Boudoir Lingerie“ erkannten. Cole Travis’ Blick schien in ihr Innerstes dringen zu wollen, was sie bisschen ärgerte.

Cole sah wieder Jem an. Mit dem Kopf deutete er in ihre Richtung. „Ist das deine Mutter, Jem?“

Der Junge nickte und lächelte über das ganze Gesicht. „Sie heißt Lauren.“

„Lauren Simpson“, sagte sie, zögerte einen Moment und streckte ihm dann ihre Hand hin.

Cole Travis richtete sich auf und nahm ihre Hand in seine. Seine Finger fühlten sich warm und rau an. Lauren merkte, wie sie die Kontrolle über die Situation verlor. Sein sanfter Händedruck schien ihren Körper zu elektrisieren.

Das muss an dem vielen Kaffee zum Frühstück liegen, dachte sie, als sie ihm ihre Hand entzog und unbewusst einen Schritt zurückwich. „Schön, Sie kennenzulernen, Mr Travis.“ Sie steckte ihre kribbelnde Hand in die Tasche ihrer Jeans und zwang sich zu einem Lächeln. „Aber wie gesagt, werde ich mir noch einige Bewerber aus der Gegend ansehen, bevor ich mich entscheide.“

Er zuckte mit den Schultern. „Wie Sie meinen. Aber ich verspreche Ihnen, Sie werden keinen Besseren finden.“

„Kannst du die Schaukel heil machen?“, fragte Jem und rannte hinüber zu der alten, durchhängenden Holzschaukel am Ende der Veranda.

„Sicher.“ Cole ging zur Schaukel und zog leicht an den Metallketten, an denen sie aufgehängt war. Er schaute wieder Lauren an. „Ich sag Ihnen was. Ich liefere Ihnen eine kostenlose Probe meiner Arbeit. Das kann doch nicht schaden, oder?“

Lauren runzelte die Stirn. Irgendwie beschlich sie das Gefühl, dass er hier die Entscheidungen traf.

„Und Jem kann mir dabei helfen“, fügte Cole hinzu, und der Junge strahlte begeistert.

Ihr Sohn setzte sein unwiderstehliches Grinsen auf und sah sie flehentlich an.

Auf der einen Seite hatte Lauren das Bedürfnis, Travis so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Sie fühlte sich unbehaglich in seiner Nähe. Allein die Art, wie er sie ansah, ließ ihre Knie weich werden.

Andererseits wollte sie Vernunft walten lassen. Hier mussten so viele Dinge repariert werden. Wenn sie in zwei Monaten bei Beginn der Sommersaison damit fertig sein wollte, konnte sie es sich nicht leisten, noch mehr Zeit zu verlieren. Am wichtigsten war, dass sie ihr Geschäft eröffnen konnte. Dass sie sich von dem Mann angezogen fühlte, sollte dabei eigentlich keine Rolle spielen. Sie würde ihre Hormone eben in Schach halten. Seine verführerische Wirkung würde ohnehin ganz schnell nachlassen, da war sie sich absolut sicher.

Am anderen Ende der Veranda lachte Cole Travis über irgendetwas, das Jem gesagt hatte. Allein der Klang seines tiefen, herzlichen Lachens ließ ihren Körper vor Sehnsucht erschauern. Sie versuchte, das Gefühl abzuschütteln. Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass seine Anziehungskraft nicht so schnell nachlassen würde, könnte sie sich bestimmt so lange im Griff haben, bis sie einen alten Mann aus Valle Verde für den Job gefunden haben würde.

Sie hatte ihre Gefühle wieder unter Kontrolle. „Ich sag Ihnen was. Sie haben eine Stunde. Wenn die Schaukel bis dahin repariert ist, werde ich Sie für das Wochenende engagieren.“

Nach einem kurzen Zögern lächelte Cole Travis lässig. „Abgemacht.“

Sie nickte und sah dann ihren Sohn an, der in Erwartung seiner nun geforderten Mitarbeit über das ganze Gesicht grinste. „Und was dich angeht, junger Mann, hast du mir nicht versprochen, dabei zu helfen, das Chaos in deinem Zimmer zu beseitigen?“ Die Miene ihres Sohnes verdüsterte sich schlagartig. Mit gesenktem Kopf nickte er. „Wenn du damit fertig bist“, meinte sie in einem weicheren Ton, „schauen wir uns an, welche Fortschritte Mister Travis gemacht hat.“ Sie warf Cole einen Blick zu. „Dann werden wir ja sehen, wie gut er ist.“

In Coles Augen blitzte Belustigung auf – und noch etwas anderes, dass sie nicht genau deuten konnte. Seine Stimme klang sanft und fast sinnlich, als er sagte: „Ich denke, dass Ihnen gefallen wird, was Sie sehen.“

Das tut es jetzt schon, dachte sie. Dann riss sie sich zusammen, nickte ihm zu, schloss die Haustür auf und wartete, bis Jem vor ihr ins Haus ging. Als sie ihrem Sohn folgte, hoffte sie, dass tatsächlich bald ein älterer Mann bei ihr auftauchen würde, damit sie sich den wirklich wichtigen Dingen zuwenden konnte: ihr neues Zuhause gemütlich einzurichten und ein Geschäft zu eröffnen, von dem sie und ihr Sohn gut leben konnten.

Cole beobachtete, wie Lauren die knarrende Tür hinter sich schloss, und nahm sich vor, sich als Nächstes um diese Tür zu kümmern. Als er tief einatmete, bemerkte er, dass immer noch Laurens frischer Zitrusduft in der Luft lag. Und er hatte immer noch vor Augen, wie sie ihre dunkelhaarige Mähne zurückgeworfen hatte und mit ihren langen, perfekt geformten Beinen zur Tür geschlendert war. Sie erinnerte ihn an ein bezauberndes Pin-up-Girl aus den vierziger Jahren, das er als Junge auf einem Kalender in der Garage seines Großvaters gesehen und in das er sich verliebt hatte.

Und Jem – völlig unabhängig davon, ob er nun wirklich sein Sohn war oder nicht – war ein wissbegieriges und reizendes Kind, das Lauren offensichtlich anbetete, ebenso wie sie ihn. Aber obwohl ihm Jem irgendwie vertraut vorkam, wollte er keine voreiligen Schlüsse ziehen. Bevor er nicht sicher wusste, dass der Junge sein Sohn war, war es besser, keine gefühlsmäßige Bindung zu ihm zu entwickeln. Weder zu ihm noch zu der Frau, sagte Cole sich.

Als er zu seinem Pick-up ging, hatte er wieder das Bild vor Augen, wie Lauren abwehrend ihre Arme verschränkt und damit diese fantastischen Brüste ins Blickfeld gerückt hatte, von denen bestimmt jeder Mann in Amerika schon einmal geträumt hatte. Lauren Simpson war eines der schönsten Dessous-Models der Welt mit vollen sinnlichen Lippen und dunkelgrünen Katzenaugen. Dass sie in Wirklichkeit ebenso reizvoll wie auf den Fotos war, hatte ihn nicht überrascht, obwohl er nicht umhin konnte, es sofort zu bemerken. Aber er hatte nicht erwartet, dass eine Frau, die auf Hochglanzseiten in Dessous posierte, auch unglaublich beherzt auftrat und so selbstsicher und klug war.

Er wischte sich einige Schweißperlen von der Stirn. Warum war ihm nur so heiß? Er schaute zum Himmel, um die Sonne dafür verantwortlich machen zu können. Die hielt sich allerdings immer noch hinter dem Frühnebel versteckt. So konnte er nicht leugnen, dass ihn Lauren Simpson ins Schwitzen brachte. Und das behagte ihm ganz und gar nicht.

Als Cole seinen Werkzeugkasten aus dem Wagen holte, erinnerte er sich daran, dass er mit einem ganz bestimmten Ziel hergekommen war und sich auch durch nichts davon abbringen lassen würde. Er brauchte diesen Job, um zu bekommen, was er wollte. Und er würde viel besser arbeiten können, wenn in seinem Kopf nicht diese Fotos aus dem Katalog herumgeisterten, in denen Lauren nur spärlich in Seide und Spitze verhüllt in Szene gesetzt war. Er fluchte leise, als er nach der Metallsäge griff. Zu wissen, wie Lauren unter der harmlosen Jeans und dem blauen T-Shirt aussah, würde es ihm nicht leichter machen, in Erfahrung zu bringen, ob Jem wirklich sein Sohn war.

Mit dem Werkzeugkasten kehrte er auf die Veranda zurück und nahm die Schaukel von der Aufhängung herunter. In weniger als zwanzig Minuten hing die reparierte Schaukel wieder wie neu an ihrem Platz. Selbst überrascht, wie ihn die Erledigung dieser einfachen handwerklichen Arbeit mit Zufriedenheit erfüllte, nahm er nach fünfzehn Jahren Berufserfahrung im Baugeschäft fachmännisch die Vorderfront des Hauses unter die Lupe. Allein auf den ersten Blick konnte er erkennen, dass das Dach repariert, die Verandadielen ersetzt und die Fenster neu verglast werden mussten.

Er seufzte, als er eine kleine Flasche aus dem Werkzeugkasten holte und dann die Scharniere der Haustür einölte. Er war überqualifiziert für diesen Job, aber das würde Lauren nie erfahren. Zumindest nicht, bevor es Zeit war, es sie wissen zu lassen.

Plötzlich streckte Jem sein Gesicht aus der Tür. „Was machst du da?“, fragte der Junge, als er vorsichtig auf die Veranda schlüpfte.

Cole, der sich daran erinnerte, wie er als Junge selbst von Werkzeugen und Bauarbeiten fasziniert gewesen war, wurde von einer seltsamen Unruhe ergriffen. „Ich bringe die Haustür in Ordnung.“ Er fuhr mit seiner Arbeit fort. „Warum holst du nicht deine Mom, wenn dein Zimmer jetzt aufgeräumt ist? Dann könnt ihr euch die Schaukel ansehen. Sie ist repariert.“

Jem rannte augenblicklich zurück ins Haus. „Mom! Mom! Die Schaukel geht wieder, Komm!“

Die Begeisterung des Jungen berührte Cole, aber er arbeitet unbewegt weiter, bis Lauren mit ihrem Sohn an der Hand erschien. Sie trug dieses kühle, gelassene Lächeln zur Schau, das er schon auf so vielen Fotos von ihr bemerkt hatte. Obwohl sie sich eine altmodische Schürze über die Jeans gebunden hatte, schaffte sie es dennoch, wie eine ungemein sexy Hausfrau auszusehen, die an der Tür auf ihren Mann wartete. Und einen verrückten Moment lang konnte er sich gut vorstellen, dieser Mann zu sein.

„Sind Sie schon fertig?“, fragte sie.

Cole nickte, als er zur Seite trat, um Lauren Platz zu machen. Aber im Vorbeigehen streifte sie ganz leicht mit der Hüfte seinen Oberschenkel, und sein Blut geriet gefährlich in Wallung. Er glaubte zu hören, dass sie nach Luft schnappte, und bemerkte dann ihren überraschten, ja fast erschreckten Blick.

„Du zuerst, Mom.“ Der Junge zog an ihrer Hand und unterbrach so den fast unmerklichen Kontakt zwischen Cole und ihr.

Lauren folgte ihrem Sohn schnell zur Schaukel, nahm anmutig darauf Platz, schlug ihre langen Beine übereinander und deutete Jem an, sich auf den freien Platz neben sie zu setzen, was der Junge auch begeistert tat. „Wahnsinn“, meinte er ehrfürchtig und schlenkerte mit den Beinen.

Lauren sah Cole an und schloss sich ihrem Sohn an: „Wahnsinn.“ Dann legte sie den Arm um Jem und lächelte ihn so liebevoll an, dass Cole ganz schwer ums Herz wurde.

„Danke, Mr Travis“, sagte sie mit so weicher, schmeichelnder Stimme, dass er es wie eine körperliche Berührung empfand. „Seit wir hier eingezogen sind, haben wir uns jeden Tag gewünscht, diese Schaukel benutzen zu können.“ Entschieden hob sie das Kinn. „Ich werde Sie für das Wochenende anheuern, habe aber immer noch die Absicht, mit weiteren Bewerbern zu sprechen, und möchte Ihre Referenzen sehen.“

Etwas in ihrem Blick warnte ihn davor, leichtsinnig zu werden. „Führen Sie mit jedem ein Vorstellungsgespräch, der sich bei Ihnen meldet.“ Damit drehte er sich um und widmete sich wieder seiner Arbeit an der Tür. „Ich werde einfach hier arbeiten, bis Sie jemanden gefunden haben, der den Job so schnell und so gut erledigen kann wie ich.“ Über die Schulter warf er ihr einen Blick zu. „Oder bis Sie die Suche aufgegeben haben.“

2. KAPITEL

Gegen vier Uhr am nächsten Nachmittag war Lauren so frustriert, dass sie am liebsten geschrien hätte. Sie hielt ein mit Fettflecken und Eselsohren verunziertes Blatt Papier in Händen, das ihr die beiden Brüder auf dem antiken Sofa vor ihr als Lebenslauf überreicht hatten. Die beiden waren im Begriff, sich in die bereits abgehakte Liste der völlig unerfahrenen Bewerber am heutigen Tag einzureihen. Aber während die anderen einfach nur nicht für den Job qualifiziert gewesen waren, legten die Brüder ein geradezu beleidigendes Benehmen an den Tag. Sie fühlte die lüsternen Blicke der beiden auf sich und hätte platzen können. Zum Glück war Cole nur ein paar Minuten nach Eintreffen der Brüder ins Haus gekommen, um das Schloss an der Haustür auszuwechseln. Und obwohl sie es kaum zugeben mochte, fühlte sie sich durch seine Anwesenheit sicherer.

Verstohlen betrachtete sie Cole, während sie so tat, als würde sie die Referenzen der Brüder lesen. Er ist sich seiner selbst einfach zu sicher und amüsiert sich wahrscheinlich prächtig über die Situation, dachte sie. Aber er machte seine Arbeit sehr gekonnt und tüchtig. Sie musste sich eingestehen, dass zwischen diesen beiden schmierigen Kerlen vor ihr und Cole Welten lagen. Und das beschränkte sich nicht nur auf die Eignung als Handwerker.

Als ob Cole ihre Gedanken lesen könnte, schaute er sie plötzlich über die Köpfe der beiden Brüder hinweg an und runzelte besorgt die Stirn. Und obwohl eine Stimme in ihrem Inneren flüsterte, dass sie schon auf sich selbst aufpassen konnte, fühlte sie sich sofort entspannter.

„Also …“, sie sah wieder auf das fleckige Papier, „… Bobby, Johnny. Sämtliche Referenzen stammen von Leuten, die genauso heißen wie Sie.“

Sie grinsten sich gegenseitig an. „Ja. Wir haben bisher nur für die Familie gearbeitet.“

„Verstehe.“ Sie schaute wieder kurz zu Cole, bevor sie fortfuhr. „Welche Arbeiten können Sie denn durchführen?“

„Wir können alles für Sie tun, was Sie wollen“, sagte Bobby. Neben ihm hob Johnny vielsagend die Augenbrauen und fügte hinzu. „Und noch viel mehr.“

Gerade als ihr bewusst wurde, was die beiden damit meinten, war Cole, dessen Kiefermuskel vor Anspannung zuckte, schon in Abwehrstellung gegangen. „Die Lady wollte wissen, ob ihr die einfachsten handwerklichen Arbeiten beherrscht, wie Wände zu verputzen oder sie mit Holz zu verschalen“, meinte er mit drohendem Unterton. Die beiden machten so verständnislose Gesichter, als ob sie noch nie etwas davon gehört hätten.

Nachdem es einen Moment ganz still wurde, glaubte Lauren ein ungeduldiges Schnauben von Cole zu hören, der sich nun wieder vehement dem Schloss widmete. Ihr Ärger über seine Einmischung wich zunehmend der Belustigung über die dämlichen Gesichter der Brüder, die nervös Blicke tauschten.

„Wer ist er?“, fragte Bobby.

„Er erledigt zwischenzeitlich den Job.“ Sie stand auf. „Nun, ich denke, ich habe alle notwendigen Informationen. Ich melde mich telefonisch, falls ich mich für Sie entscheide.“

Als sie den beiden einen Moment später hinterher sah, wunderte sie sich über die große Zahl unfähiger Handwerker in einer so kleinen Stadt. Ihre Hoffnung, „Simpson’s Gems“ rechtzeitig zur Sommersaison eröffnen zu können, schwand zusehends. Wenn sie wollte, dass die Arbeit erledigt werden würde, musste sie den verführerischen Mr Travis anheuern. Das wusste sie, aber es beunruhigte sie immer noch, weil der Mann sie beunruhigte. Als sie sich zu Cole umdrehte, blieben ihr allerdings die Worte „Sie sind engagiert“ im Hals stecken. Sein wütender Gesichtsausdruck verschlug ihr die Sprache.

„Was haben Sie sich dabei gedacht?“, fuhr er sie an.

Lauren starrte ihn verständnislos an. Was hatte er für ein Problem? „Wovon reden Sie?“

„Was haben Sie sich dabei gedacht, diese beiden Nullen in Ihr Haus einzuladen?“

Zunehmend aufgebracht, richtete sie sich zu ihrer vollen Größe von eins sechsundsechzig Meter auf. „Gedacht? Ich habe gedacht, dass ich einen Handwerker anstellen will, Mr Travis.

„Der Vorname ist Cole“, sagte er sichtlich angespannt. „Und wenn Sie wirklich einen Handwerker suchen, hätten Sie doch sehen müssen, dass schon einer direkt vor Ihnen steht.“

„Ich hatte doch deutlich gemacht, dass ich noch Gespräche mit anderen Bewerbern führen werde, bevor ich mich entscheide. Übrigens habe ich Sie nicht um Hilfe bei diesen Gesprächen gebeten.“

Cole lachte ohne einen Anflug von Humor. „Es machte ganz den Eindruck, als ob Sie bei diesen beiden Idioten Hilfe bräuchten.“

Lauren stützte die Hände auf die Hüften. „Ich hatte es im Griff, Cole, glauben Sie mir. Ich hatte schon öfter mit Typen wie diesen zu tun.“

„Das sah aber gar nicht danach aus.“

„Dann sollten Sie vielleicht nicht hinsehen“, schnauzte sie ihn an. Sie holte tief Luft, bevor sie fortfuhr. „Außerdem haben Sie doch hier Arbeit zu erledigen, oder?“, fragte sie in eisigem Ton.

Er hob eine Augenbraue. „Wollen Sie damit sagen, dass ich den Job habe?“

Cole beobachtete, dass Lauren sich auf die Unterlippe biss. Allein der Anblick sorgte dafür, dass sein Körper von einer Hitzewelle durchzuckt wurde, die auf sie überzugehen schien.

Es herrschte einen Moment lang angespanntes Schweigen. „Es kommen heute noch einige Leute vorbei“, sagte sie dann.

„Wirklich?“, fragte er betont lässig. „Noch so ein Schuljunge wie heute Morgen? Oder …“, er deutete mit einem Nicken in Richtung Haustür, „… noch mehr lüsterne Kerle wie diese beiden eben?“

„Jede Minute kann ein sehr qualifizierter Mann erscheinen. Und ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie sich dann nicht hier herumtreiben würden.“

Cole hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie irgendwo herumgetrieben. Sicher hatte er seine Grenzen überschritten, als er sich die beiden angetrunkenen Brüder vorgeknöpft hatte. Lauren konnte nicht wissen, dass er die großen Sprüche der beiden schon draußen vor der Tür mitbekommen hatte. Deshalb hatte er sich ganz bewusst eine Arbeit im Haus vorgenommen. Er hatte nicht voraussehen können, wie weit die beiden Schwachköpfe ohne seine Anwesenheit vielleicht gegangen wären. Aber er war dabei gewesen und hatte gesehen, wie die beiden Lauren mit den Augen ausgezogen hatten. Und er hatte ihre Reaktion beobachtet. Deshalb gab es jetzt noch einen Grund, warum er den Job bekommen musste. Er würde dafür sorgen, dass Lauren oder Jem nichts passierte, ob ihr das nun behagte oder nicht. Zumindest so lange, bis er herausgefunden hatte, was er wissen musste.

Cole unterdrückte seinen Ärger und sammelte sein Werkzeug ein. „Wir lange wollen Sie damit noch weitermachen?“

„Bis kein geeigneter Kandidat mehr auftaucht“, meinte sie und klang dabei wenig überzeugt.

„Das scheint mir schon länger so zu sein.“ Er warf ihr die neuen Hausschlüssel zu, die sie mit der Hand auffing. „Ich bitte Sie, Lauren, Sie wissen doch, dass ich der beste Mann für Sie bin.“

Ihre grünen Augen verdunkelten sich. Überrascht öffnete sie ganz leicht die Lippen. Cole bemerkte, wie sich eine Sekunde lang erneut Spannung zwischen ihnen auszubreiten schien. Diese eine Sekunde reichte aus, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn sie neben ihm im Bett liegen und vor Lust stöhnen würde. Doch dann setzte sie wieder diesen verdammt kühlen Gesichtsausdruck auf, den sie anscheinend für die Fotoaufnahmen einstudiert hatte, und der Moment war vorbei.

„Sie haben wirklich ein riesengroßes Ego, Cole.“ Sie schüttelte den Kopf, wobei ihr die dunklen Haare auf die fast nackten Schultern fielen.

Obwohl er nur zu gern durch Laurens seidige, schwere Mähne gefahren wäre, schaffte er es, eine geschäftsmäßige Miene aufzusetzen. „Danke. Das ist eine meiner vielen Stärken.“

Sie lächelte, hob aber so herausfordernd das Kinn, dass ihm klar wurde, wie sehr sie dieses Wortgefecht genoss. Er bereitete sich gerade auf ihre Entgegnung vor, als die Türglocke einen scheppernden Ton von sich gab. Er setzte die Klingel im Geist auch noch auf seine Reparaturliste und griff nach dem Türknauf. „Der nächste Mann muss wohl hier sein.“ Er lächelte. „Ich werde mich um ihn kümmern.“

„Wagen Sie das bloß nicht!“ Schnell griff sie nach seiner Hand auf dem Türknauf.

Und dann blieb sie wie erstarrt stehen und hielt praktisch seine Hand. Sein Arm wurde ganz heiß. Er nahm ihren süßen Duft wahr, und ihm stockte der Atem. Doch auch sie schien sich nicht von der Stelle bewegen zu können. Schließlich, nachdem eine Ewigkeit vergangen zu sein schien, schaffte er es, etwas zu sagen. „Lauren, lassen Sie mich ein Gentleman sein.“

„Sie, Mr Travis“, erwiderte sie, als sie seine Hand losließ, „sind kein Gentleman.“ Sie lächelte, aber ihr Blick verriet, dass in ihr das gleiche Feuer brannte wie in ihm.

Mit großer Überwindung wandte er sich von ihr ab und machte die Tür auf.

Ein nervöser, pickelige Teenager mit Baseballkappe stand vor ihm.

Cole grinste breit. „Guten Tag“, sagte er, erleichtert darüber, dass er dem Job nun noch ein Stück näher gerückt war. Er drehte sich zu Lauren um. „Ich glaube, der nächste Bewerber ist hier.“ Er beugte sich zu ihr. „Und ich denke, mit diesem kann ich Sie allein lassen“, flüsterte er.

Am frühen Abend hatte Lauren mit allen Bewerbern gesprochen. Es war überraschend schnell gegangen. Sie brachte den letzten, ebenfalls völlig unqualifizierten Kandidaten noch zur Tür und sah, wie Cole die klapprige Scheunentür aushängte. Ihr Puls schlug schneller, als er sich umdrehte und sie mit einem Lächeln ansah, als wolle er fragen: Warum, um Himmels willen, machen Sie es sich so schwer?

Ja, warum nur? fragte sie sich, als sie ihn dabei beobachtete, wie er die Tür in die Scheune trug. Seine Referenzen, die er ihr inzwischen gegeben hatte, waren bestens. Die vier Leute, die sie daraufhin angerufen hatte, hatten Cole über den grünen Klee gelobt. Und schließlich hatte ja auch sie Augen im Kopf und konnte sehen, dass er gut und schnell arbeitete. Wenn er weiter dieses Tempo vorlegte, würden sowohl das Haus als auch das Geschäft noch vor dem geplanten Eröffnungstermin in tadellosem Zustand sein. Und dann würde er sich wieder in seinen Pick-up setzen und der Stadt für immer den Rücken kehren. Und ihr Leben würde wieder in normalen Bahnen verlaufen.

Oder zumindest, was sie sich als normal vorstelle. Sie war gerade dabei gewesen, nach der Trennung von Miles Landon, über die viel in den Klatschspalten berichtet worden war, wieder Ordnung in ihr Leben zu bringen. Miles hatte ihr das Herz gebrochen und war der Grund für ihre selbst auferlegte einjährige Abkehr von Männern.

Lauren setzte sich auf ihr antikes Sofa, das sie günstig in bei einer Geschäftsaufgabe gekauft hatte.

Obwohl sie durch die negativen Erfahrungen ihrer Kindheit und Jugend eine Scheu vor engen Beziehungen hatte, hatte sie sich in Miles verliebt. Was kein Wunder war bei diesem Mann mit seiner faszinierenden Ausstrahlung.

Miles war ein Rockstar, und obwohl er häufig unterwegs war und viel Zeit im Studio verbracht hatte, hatte sie dennoch geglaubt, dass sie sich liebten. Und dann hatte sie vor 222 Tagen durch Zufall in der Zeitschrift „People“ gelesen, entdeckt, dass er ihr untreu war. Sie hatte damals geglaubt, dass er in London ein Album aufnahm, doch es stellte sich heraus, dass er sich stattdessen in Hollywood mit einer rothaarigen Schauspielerin vergnügte.

Das war der erste Tag ihrer geplanten einjährigen „Männerpause“ gewesen. 365 Tage Frieden, Ruhe und Zeit, um sich ihrem Sohn zu widmen, ein neues Leben anzufangen und ihre Geschäftsidee in die Tat umzusetzen. Lauren warf einen Blick durch das Wohnzimmerfenster hinaus auf den Hof. Wo war nur ihre gewohnte Selbstbeherrschung geblieben, die sie sich seit ihrer Kindheit zugelegt hatte? Ihre Erfahrungen in diversen Pflegefamilien waren schlecht gewesen, aber sie hatten sie auch gelehrt, in jeder Situation die Kontrolle über sich zu behalten und zu lächeln, auch wenn ihr zum Heulen war.

Immer etwas auf Distanz zu bleiben und sich auf niemanden wirklich zu verlassen, das waren seit jeher ihre eisernen Regeln. Leider hatte sie diese Regeln nicht nur bei Miles, sondern auch bei ein paar anderen Typen nicht eingehalten, die sich nach näherem Kennenlernen als Idioten entpuppt hatten. Mit zwanzig hatte sie eine Beziehung mit einem Fotografen, ein Jahr darauf folgte ein viel älterer Verleger, darauf ein Modedesigner, dann ein Profi-Basketballspieler und schließlich mit fünfundzwanzig Miles.

Und jetzt war da Cole Travis. Und sie musste ihn wohl engagieren, obwohl sie sich in seiner Gegenwart so machtlos fühlte, dass sie am liebsten schreiend vor ihm davon laufen würde. Dieser Mann war eine Bedrohung für alles, was sie sich so mühevoll wieder aufgebaut hatte. Und er würde in sechs Wochen wieder aus ihrem Leben verschwunden sein, ermahnte sie sich streng. Das sollte sie sich in der nächsten Zeit immer vor Augen halten. Es war an der Zeit, sich Rat zu holen, überlegte sie, holte ihre Wagenschlüssel und stieg in ihren großen Jeep, um Jem von seiner Spielgruppe einige Straßen weiter abzuholen.

Als sie seinen Sicherheitsgurt festzurrte, fragte sie: „Hast du Lust, nach dem Zeichen zu sehen, bevor wir nach Hause fahren, Schätzchen?“

„Ja.“ Er klatschte in die Hände.

Sie lächelte und zerzauste sein Haar. Noch nie hatte jemand ihre Einfälle so unterstützt, wie ihr Sohn es tat. Und einige ihrer Einfälle waren schon ziemlich exzentrisch.

Lauren suchte nach Zeichen. Nicht nach mystischen Botschaften, sondern nach Hinweisen, auf die sich jeder Normalsterbliche seinen Reim machen konnte, und die sie im Lauf ihres Lebens schon in Einkaufszentren, Kirchen, Restaurants oder Behörden entdeckt hatte. Einige ihrer wichtigsten Entscheidungen im Leben waren von solchen Zeichen beeinflusst gewesen. Bei dem Entschluss, nach Valle Verde zu ziehen, hatte dann auch das Fast-Food-Lokal hier eine wesentliche Rolle gespielt. „Frosty King“ versah sein nostalgisches Namensschild täglich zusätzlich mit wechselnden Botschaften, und als sie mit Jem zum ersten Mal in die Stadt gefahren war, hatte dort gestanden: „Lass dich hier nieder. Dein Heim ist immer da, wo du gerade bist“. Und darunter hatte das günstige Tagesangebot für Sahneeis mit Schokosplittern sie und Jem angelockt. Nachdem sie sich eine große Portion Eis gegönnt hatten, hatten sie umgehend beschlossen, für immer in dem Städtchen zu bleiben.

Und als sie jetzt dem „Frosty King“ näherkam, fühlte Lauren die gewohnte Aufregung in sich aufsteigen. Denn bevor sie nachsah, was das Zeichen sagte, wusste sie gewöhnlich schon, welche Botschaft sie sich wünschte. Aber heute hatte sie keine Ahnung. „Die Antwort ist direkt vor deiner Nase“ vielleicht?

Das Schild kam in Sichtweite, und Lauren las es mit gemischten Gefühlen. „Verschwende nicht deine Energie. Geh den Weg des geringsten Widerstands“ lautete die Botschaft. Sie hielt am Straßenrand und umklammerte das Lenkrad. War mit dem „Weg des geringsten Widerstands“ Cole Travis gemeint?

Jem starrte auf das Schild und sah sie dann an. „Was sagte es, Mom?“

„Es sagt, dass wir unseren Allround-Handwerker gefunden haben.“

Als sie später das Abendessen vorbereitete, seufzte Lauren und schnitt das Brot, das sie in ihrer neuen Brotbackmaschine gebacken hatte. Sie versuchte immer noch, ihre bislang eher spärlichen Kochkünste zu erweitern. Das Brot war zwar etwas flach geraten, sah aber doch ganz annehmbar aus. Sie legte die Brotscheiben in einen Korb und rief Jem und Cole herein. Innerhalb weniger Minuten waren alle drei um den großen Tisch aus dem neunzehnten Jahrhundert versammelt.

Cole hatte sich ein sauberes Jeanshemd angezogen, und der geöffnete Kragen ließ ein paar seiner dunkelblonden Brusthaare zum Vorschein kommen. Was hat es nur mit diesem Mann auf sich? überlegte Lauren. Ein kurzer Blick auf seine Brusthaare genügte, damit ihr Blutdruck stieg. Reiß dich zusammen, Lauren, ermahnte sie sich.

Als Jem während des Essens ununterbrochen von seinem Tag erzählte, bemerkte sie, dass Cole – ganz im Gegensatz zu Miles – wirklich gut mit Kindern umgehen konnte. Obwohl Miles für ihren Sohn nie eine größere Rolle gespielt hatte, hatte sie plötzlich Bedenken, dass Jem eine Beziehung zu Cole entwickeln könnte. Sie musste dafür sorgen, dass es nicht so weit kommen würde. Und am besten fing sie damit an, indem sie sicherstellte, dass sie Cole nicht zu nah an sich herankommen ließ, selbst wenn der Mann an ihrem Tisch sie fast dahinschmelzen ließ.

Cole, der Jem aufmerksam zuhörte, war erstaunt, wie in den Augen des Jungen selbst kleinste Geschehnisse – wie zum Beispiel ein Kaulquappe zu fangen oder einen schönen Stein zu finden – eine ganz besondere Bedeutung hatten. Während der Junge weiter erzählte, dachte Cole darüber nach, was wohl passiert wäre, wenn Kelly ihn nicht einfach an einem verregneten Morgen verlassen und die Scheidung eingereicht hätte. Wenn die Dinge anders gelaufen wären, hätten sie vielleicht auch ein Kind wie dieses aufziehen können.

Einen Moment lang war Cole von der Möglichkeit, dass Jem sein Sohn sein könnte, fast überwältigt, fasste sich aber schnell wieder, als der Junge mit leuchtendem Gesicht entdeckte, dass er vergessen hatte, etwas zu erzählen. „Ich habe bei dem großen Baum ein Schneckenhaus gefunden!“ Er sah Cole aufgeregt an. „Willst du es sehen?“

„Sicher.“ Cole legte nach dem Essen die Serviette neben den Teller.

Lauren berührte ihren Sohn am Arm, und ihre seidigen Haare, die Cole ständig in Versuchung führten, seine Hände darin zu vergraben, fielen ihr über die Wange. „Warum bringst du sie nicht in ein paar Minuten herunter? Cole und ich müssen etwas miteinander besprechen.“

„Okay.“ Er rutschte von seinem Stuhl und rannte nach oben.

Cole folgte Lauren ins Wohnzimmer, wo er sich wie die Bewerber heute auf das Sofa ihr gegenübersetzte. Obwohl er vor Neugier fast platzte, galt ein Großteil seiner Aufmerksamkeit dem Umstand, wie erotisch die tief auf den Hüften sitzende Jeans ihre Kurven betonte.

Lauren verschränkte ihre Hände im Schoß. „Ich würde Sie gern engagieren“, sagte sie schnell.

Die Anspannung, die sein ständiger Begleiter war, ließ etwas nach, und er grinste breit. „Nein!“ Er tat so, als wäre er wirklich überrascht. „Bei so vielen qualifizierten Kandidaten?“

Sie warf ihm nur einen strengen Blick zu. „Zusätzlich zu der Arbeit am Haus muss die Scheune innerhalb von sechs Wochen komplett renoviert und zu einem Geschäft ausgebaut werden, inklusive der sanitären Anlagen und eines Sicherungssystems. Wenn ich nicht rechtzeitig zum Sommer Festival eröffnen kann, entgeht mir der größte Ansturm der Touristen während des ganzen Jahres.“ Sie sah ihn an und lächelte vorsichtig. „Ich hätte gern, dass Sie den Job übernehmen, Cole. Sie sind sehr talentiert.“

„Und ich würde Ihnen nur zu gern zeigen, wie viele Talente ich habe“, wäre ihm fast herausgerutscht. Aber stattdessen versuchte er ein Lächeln zu verbergen und wartete auf das Aber, das er in ihrer Stimme gehört hatte.

Ihr Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an. „Ich muss wissen, ob Sie auch wirklich bereit sind, den Job zu Ende zu führen. Sie scheinen der Typ zu sein, der ebenso unvermittelt wieder weiterziehen könnte, wie er aufgetaucht ist.“

Auch wenn sie nun wirklich nicht wissen konnte, wer er war, ließ ihn der Gedanke, dass sie ihm, Cole Travis, dem Fels in der Brandung, mangelnde Zuverlässigkeit unterstellte, fast verbittert reagieren. Aber da sie an seiner gegenwärtigen Situation unschuldig war, unterdrückte er das Gefühl und beruhigte sie. „Nichts kann mich davon abhalten, diesen Job zu beenden. Das verspreche ich.“

„Gut. Danke.“ Sie lächelte ihn an und klang so erleichtert, dass er fast Gewissensbisse bekam, weil er ihr so viel über sich verschwieg.

„Und nun …“, er lehnte sich vor, „… zur Unterbringung.“

Wie er erwartet hatte, verging ihr das Lächeln sofort. Nicht erwartet hatte er allerdings, dass sie erröten würde. „Unterbringung?“, wiederholte sie kaum hörbar.

„Das nächstgelegene Hotel, in dem ich gestern übernachtet habe, ist fast sechzig Kilometer entfernt. Wenn ich hier bleiben würde, könnte ich früher mit der Arbeit anfangen und später damit aufhören. Natürlich würde ein Teil von meinem Lohn abgezogen. Sie würden dann auch für mich kochen.“

Ihr blieb vor Überraschung der Mund offen stehen. „Sie haben mein Essen doch vorhin probiert, oder?“

Er riss seine Augen von ihren schön geschwungenen, vollen Lippen los, nickte nüchtern und fuhr fort. „Ich habe mir das schon überlegt. Ich werde ungefähr eine Woche brauchen, bis ich in der Scheune den Waschraum für die Kunden eingebaut habe. In dieser Zeit würde ich das Bad in ihrem Haus benutzen müssen. Aber den Dachboden der Scheune könnte ich sofort als Schlafzimmer benutzen.“

„Haben Sie keine Frau zu Hause, die etwas gegen diese Lösung haben könnte?“, versuchte sie einzuwenden.

Cole schüttelte den Kopf. „Keine Frau.“

„Und Sie wollen in meiner Scheune schlafen.“ Die Feststellung klang, als würden ihr die Gegenargumente fehlen.

Obwohl er fast gleichgültig die Achseln zuckte, hatte er plötzlich das Gefühl, als würde sein Leben davon abhängen, ob Lauren seine Bedingungen akzeptierte. „Nur wenn Sie wollen, dass ich rechtzeitig mit allen Arbeiten fertig werde.“

„Das hört sich wie eine Erpressung an.“

„Ich nenne es einfach praktisch“, meinte er betont lässig. „Aber Sie haben die Wahl.“

Sie ließ ihren Blick durch das dringend renovierungsbedürftige Zimmer wandern. Und er wusste, dass ihr eigentlich keine Wahl blieb. „Okay“, sagte sie schließlich widerstrebend. „Sie können in meiner Scheune schlafen.“ Sie erhob sich aus ihrem Sessel und lächelte ihn unsicher an.

Er grinste, stand ebenfalls auf und drückte ihr die Hand. „Glückwunsch, Sie haben gerade die besten Hände westlich des Mississippi angeheuert.“

Sie verdrehte die Augen über so viel Selbstsicherheit. „Treten Sie einfach den Beweis an, Cole.“

Sein Blick wanderte gegen seinen Willen von den exotischen, grünen Augen zu ihren weichen Lippen. „Oh, das werde ich“, versprach Cole und fragte sich, wie lange es ihm möglich sein würde, sein Geheimnis vor Lauren zu bewahren – oder die besten Hände westlich des Mississippi von der schönsten Frau der Welt zu lassen.

3. KAPITEL

Lauren, die am Küchentisch saß, unterdrückte ein Gähnen und hantierte mit ihrer Kaffeetasse, während sie den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter klemmte. Sherry Buchanan, ihre Freundin und frühere Agentin, erzählte aufgeregt, dass bei „Boudoir Lingerie“ die Hölle los war, seit Lauren nicht mehr für das Unternehmen arbeitete. Ihr war das allerdings ziemlich egal. Seit sie achtzehn Jahre alt gewesen war, hatte das Unternehmen fast ihr ganzes Leben bestimmt. Sie hatte oft fünfzehn Stunden am Tag gearbeitet, an den bizarrsten Orten in Dessous posiert und war in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, was ihr fast unmöglich gemacht hatte, für Jem zu sorgen. Sie hatte in diesem Job eine Menge Geld verdient – fast genug für das ganze Leben, wenn sie vernünftig damit umging. Aber sie hatte mit ihrer Arbeit auch einen Beitrag dazu geleistet, dass „Boudoir Lingerie“ mittlerweile zu den führenden Wäschemarken der Welt zählte.

„Ich habe ihnen gesagt, dass ich dich fragen werde, Süße“, sagte Sherry. „Würdest du bitte für die Herbstsaison noch einmal zurückkommen?“

Durch das Küchenfenster wehte eine frische Morgenbrise herein, und Lauren atmete die klare Landluft ein. Sie würde dieses kleine Paradies bestimmt nicht für die Herbstsaison verlassen. „Jem gefällt es sehr gut hier. Sherry. Und du weißt doch, dass einer der Gründe für meinen Rückzug aus dem Geschäft war, dass ich mich fast nicht um mein Kind kümmern konnte.“

„Okay, Schatz“, meinte Sherry. „Ich werde ihnen mitteilen, dass du nach reiflicher Überlegung absagst.“ Die ältere Frau, die selbst schon zwei erwachsene Kinder hatte, hatte die damals sechzehnjährige Lauren bei einem Talentwettbewerb in einem Einkaufscenter entdeckt. Und seitdem war sie für Lauren zu einer Art Mutterersatz geworden.

Am anderen Ende der Leitung war neben dem geschäftigen Treiben im Büro jetzt auch zu hören, wie Sherry einen Stapel Modelfotos durchsah. „Was macht denn eigentlich deine Suche nach einem Handwerker?“, fragte sie dann.

Lauren starrte auf ihren Kaffee und hatte vor Augen, wie Cole gestern auf ihrem Sofa gesessen hatte. Mit seinem guten Aussehen und der muskulösen Figur hätte er auf dem zierlichen, mit Schnitzereien verzierten Sitzmöbel albern wirken können, was aber nicht der Fall gewesen war. Er hatte Gelassenheit und Sicherheit ausgestrahlt. „Wenn du einen Moment aufhörst zu arbeiten und deine Bürotür zumachst, erzähle ich dir von ihm.“ Sie wollte mit Absicht geheimnisvoll wirken, damit ihre fast arbeitssüchtige Freundin einmal eine Pause einlegte.

Sherry, die ein Faible für Romanzen hatte, machte auch sofort die Tür zu, bevor sie fast atemlos sagte: „Erzähl schon.“

Lauren runzelte die Stirn. Wie konnte sie Cole beschreiben? Großartig, charmant, ein Mann, der gut mit Kindern umgehen konnte und immer unterwegs war? „Nun, du würdest ihn mögen. Wenn er ein Model wäre, hättest du im Handumdrehen ein Foto von ihm an deiner Wand hängen. Und wenn er einige Jahre älter wäre, würdest du ganz sicher alles daransetzen, um ihn in dein Bett zu kriegen.“

„Wirklich? Ist er denn zu haben?“

In diesem Moment merkte Lauren erst, dass sie keine Ahnung hatte, warum Cole in Valle Verde gelandet war. Eine Affäre mit ihm war wirklich das Letzte, was sie brauchte.

„Das weiß ich nicht, Sher. Es hört sich an, als würde er viel herumreisen.“ Lauren stand auf und lief in der Küche auf und ab. „Vermutlich ist er zu haben, wenn man nichts dagegen hast, einem Zigeuner zu folgen.“

„Aha.“

„Was?“

„Nichts. Ich dachte nur gerade, dass es höchste Zeit wäre, deinen Vorsatz über den Haufen zu werfen, Männern aus dem Weg zu gehen. Und dein Handwerker scheint mir der richtige Mann zu sein, um das Ende deiner Abstinenz zu feiern.“

„Auf keinen Fall.“ Und das werde ich mir immer wieder und wieder sagen, wenn ich in seine verführerischen blauen Augen sehe, dachte Lauren.

Sherry lachte nur. „Wie du willst.“ Sie hielt einen Moment inne. „Und wenn du es machst, wie du es willst, erzähl mir jedes Detail.“

Lauren lachte. „Ich vermisse dich, du Verrückte.“

„Ich dich auch, Süße. Sag Jem, dass Grandma Sherry es kaum erwarten kann, ihn wieder zu sehen. Und du, nimm diesen Handwerker in Angriff!“

„Ich habe nicht die Absicht, diesen Handwerker ‚in Angriff zu nehmen‘ – hallo?“ Lauren merkte, dass Sherry schon aufgelegt hatte. Sie ging zur gegenüberliegenden Wand, um den Hörer einzuhängen. Plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen. Ihr Herz setzte kurz aus, als sie feststellte, dass Cole nur gut zwei Meter von der Küchentür entfernt im Wohnzimmer stand, wo er gerade eine neue Fensterscheibe einsetzen wollte. Er unterbrach seine Arbeit kurz, drehte sich um und lächelte Lauren amüsiert zu.

Sie versuchte sich fieberhaft daran zu erinnern, was sie gerade genau gesagt hatte. „Wie lange stehen Sie schon hier, Cole?“

Sein Lächeln wurde breiter. „Ziemlich lange.“

Lauren wurde rot. „Das war meine Agentin … ich meine, meine Freundin“, stammelte sie bei dem Versuch, sich irgendwie aus der Affäre zu ziehen.

„Agentin? Ach, richtig, Sie sind ja Model“, meinte er und drehte sich um, um seine Arbeit fortzusetzen. „Habe ich nicht irgendwo gelesen, dass Sie sich aus dem Geschäft zurückgezogen haben?“

Lauren starrte verblüfft auf seinen Rücken. Bis jetzt war sie nicht sicher gewesen, dass er wusste, wer sie war. Und obwohl bestimmt die halbe westliche Welt sie schon in Dessous gesehen hatte, beschlich sie jetzt ein ganz eigenartiges Gefühl bei dem Gedanken. Trotz ihrer Kleider fühlte sie sich irgendwie bloß gestellt und nackt. Fast beschützend verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass Sie die Boulevardpresse lesen, Cole. Aber das sind die einzigen Blätter, die über solche Banalitäten berichten.“

Er drehte sich wieder zu ihr um. „Ich glaube, ich habe es in einem Artikel im ‚Wall Street Journal‘ gelesen, in dem darüber spekuliert wurde, wie sich das auf die Aktienkurse des Unternehmens auswirken könnte.“

Lauren hatte diesen Unsinn auch gelesen. „In ein oder zwei Jahren wird sich niemand mehr auch nur an meinen Namen erinnern, glauben Sie mir.“

„An Ihren Namen vielleicht nicht. Aber an Sie wird man sich bestimmt erinnern“, erwiderte er und ließ ihr Gesicht dabei keine Sekunde lang aus den Augen.

Obwohl die Intensität seiner blauen Augen Lauren ganz kribbelig machte, konnte sie den Blick nicht von ihm abwenden. Das Gute daran war, dass er von dem furchtbar peinlichen Telefonat abgelenkt war. Das Schlechte, dass sie dachte, ihr Handwerker würde den Spieß umdrehen und nun sie „in Angriff nehmen“.

Schließlich riss sie sich zusammen. „Haben Sie nicht eine Scheune zu reparieren oder eine Toilette zu installieren?“, fuhr sie ihn an.

Er grinste sie an. „Ich mache gerade eine Pause.“

Aufgebracht schaute Lauren auf die Uhr. „Um zehn Uhr morgens?“

„Ja.“ Er lachte, fuhr sich dann durch die Haare, lehnte sich lässig an die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. „Also, um wieder auf Ihrem Rückzug als Model zu kommen …“

Lauren beobachtete jede seiner fließenden Bewegungen und war ziemlich verwirrt darüber, wie dieser Mann sie immer stärker in seinen Bann zog. Sie wusste, dass sie sich einfach umdrehen und gehen sollte, aber wie üblich ließ ihre Sturheit das nicht zu. „Ja, das stimmt.“

„Dafür scheinen Sie noch etwas jung zu sein“, meinte er. „Warum haben Sie sich schon jetzt dafür entschieden?“

Auch wenn sie sich fragte, warum ihn das kümmerte, wusste sie, dass diese Informationen ohnehin bereits veröffentlicht worden waren. Und diesmal stimmten sie sogar zu hundert Prozent. „Ich wollte mehr Zeit mit meinem Sohn verbringen.“ Wie so oft während ihrer Karriere nahm sie den offiziellen Ton für die Presse an. „Er wird im August fünf Jahre alt und soll im September eingeschult werden. Es ist also der perfekte Zeitpunkt, um das Geschäft aufzumachen, von dem ich immer geträumt habe.“

„Antiquitäten?“

Sie nickte und lächelte. „Die habe ich schon immer geliebt.“

„Rührt das von Ihrer privilegierten Kindheit her?“

Sie merkte, dass das Lächeln auf ihrem Gesicht verschwand und dass sie zu frösteln begann. Anscheinend hatte er doch die Boulevardblätter gelesen. Sherry und sie hatten vor langer Zeit für die Presse eine passende Geschichte über ihre Herkunft erfunden. „Liebende Eltern, Abkömmlinge eines alten Adelsgeschlechts aus Neuengland, die bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen waren, und Lauren allein, aber gut versorgt auf der Welt zurückgelassen hatten.“ Wenn Cole wüsste …

Plötzlich wurde ihr klar, dass sie verrückt sein würde, wenn sie diesem Mann jetzt oder später irgendwelche grauenhaften Details aus ihrer Kindheit enthüllen würde. Also setzte sie ein distanziertes, geschäftsmäßiges Lächeln auf. „Ich denke, die Pause ist vorüber, Cole. Für uns beide.“ Sie drehte sich um und ging weg.

Cole stellte sein Tablett mit den typischen Spezialitäten des „Frosty King“ ab – einen Chiliburger, Pommes frites und ein großer Blaubeer-Shake –, ließ sich auf der Sitzbank nieder und sah über den roten Tisch hinweg Jem an. Die Intelligenz und die Begeisterungsfähigkeit des Jungen gefielen Cole über alle Maßen. Zu seinem Unbehagen gefielen ihm dieselben Eigenschaften auch bei der Mutter des Jungen sehr. Er starrte in sein Getränk und blickte dann in Laurens verführerische grüne Katzenaugen. Er setzte dann ein Lächeln auf, von dem er hoffte, dass es seine Gedanken nicht verraten würde. „Sieht gut aus. Apropos, denken Sie, es ist möglich, mit zweiunddreißig eine Herzattacke zu erleiden?“

Ihr unbekümmertes Lachen berührte ihn. Er hatte sie bislang nur ein Mal, so lachen hören, und das war heute Morgen am Telefon gewesen. Er lächelte erneut und war sich selbst nicht ganz klar darüber, ob sein Lächeln ihren Worten am Telefon heute Morgen oder ihrem süßen Lachen jetzt galt. „Und danke für die unerwartete Einladung heute Abend.“

„Der Dank gebührt Jem.“ Sie legte ihrem Sohn den Arm um die Schultern. „Heute ist Montag, und da darf er sich immer aussuchen, was es zum Abendessen gibt.“ Sie sah ihrem Sohn, der sie selig angrinste, in das mit Chilisoße verschmierte Gesicht. „Es ist kein großes Geheimnis, was er dann immer haben will“, sagte sie, während Jem sich an sie kuschelte und dabei einen großen Fleck auf ihrem T-Shirt hinterließ. Doch Lauren sah nur kurz hin und zuckte die Achseln. „Das kommt schon mal vor.“

Cole bemerkte, dass Lauren hier mitten in dem Burger-Lokal zugleich fehl am Platz und doch ganz wie zu Hause wirkte. Groß, exotisch und schön wie sie war, schaute jeder hier sie an, und dennoch verhielt sie sich völlig natürlich. Sie schien die Leute an den anderen Tischen gar nicht richtig wahrzunehmen. Und die meisten dieser Leute waren – wie Cole irritiert feststellte – Männer, die Lauren sehr genau ins Visier nahmen. Er schaute sie an und musste sich eingestehen, dass man den Blick kaum von ihr wenden konnte. Sogar kaum geschminkt, in einfachen beigefarbenen Shorts und einem hellblauen T-Shirt sah sie unglaublich reizvoll aus. Gegen seinen Willen spürte er eine große Befriedigung darüber, dass sie bei ihm saß.

Lauren warf einen Blick auf Coles Teller. „Wollen Sie lieber etwas anderes?“

„Nein, nein. Das ist großartig.“ Demonstrativ begeistert biss er in den Chiliburger. Wenn er eine Herzattacke bekommen würde, sollte das wohl so sein. Er würde glücklich aus dem Leben scheiden.

Während er den Chiliburger aß, nahm sie sich eine Fritte und tauchte sie in Ketchup ein. Sie sah ihn mit einem verschwörerischen Lächeln an, bevor sie genüsslich die Fritte kostete, und er fühlte sich auf einmal schuldig, weil er ihr seine Absicht, seinen Sohn aufzuspüren, verheimlicht hatte.

„Ich dachte, Models essen nur Grünzeug“, meinte er, um sich von seinen Gedanken abzulenken. „Sie werden von der Liste der gefragtesten Models gestrichen werden.“ Er zeigte auf ihre Mahlzeit, die ungefähr zweitausend Kalorien haben musste.

Lauren lächelte, während sie den Cheeseburger zu ihrem verlockenden Mund führte. „Ich nehme den Ausschluss dankbar an.“ Sie biss in ihren Cheeseburger und schloss vor Entzücken die Augen.

Er lachte leise. „Vermutlich haben Sie während Ihrer Karriere nicht viele Cheeseburger zu essen bekommen.“

„Nicht einen.“ Sie grinste. „Es ist nicht so ein tolles Leben, wie alle zu glauben scheinen.“ Sie trank einen Schluck ihres extra großen Schoko-Shakes. „Sie werden nicht glauben, was ich alles gemacht habe, um an Junk-Food zu kommen“, meinte sie. „Einmal …“ Mit funkelnden Augen und verlegenem Lachen erzählte sie ihm, wie sie als Teenager versucht hatte, bei Fotoaufnahmen Pizza ins Atelier zu schmuggeln. Cole bemerkte, dass sie ihn mit ihrem Optimismus und ihrem Humor immer mehr verzauberte.

„Jedenfalls sollten wir uns darüber unterhalten, was vor der Geschäftseröffnung noch alles getan werden muss“, unterbrach sie seine Gedanken.

Er sah ihr dabei zu, wie sie den roten Strohhalm in dem Mund nahm und an ihm sog, fühlte, dass seine Jeans enger wurde, und wechselte unbehaglich seine Sitzposition. Er atmete tief durch, um wieder klar denken zu können. „Sie brauchen nur noch die amtliche Genehmigung, Ihre Scheune in Gewerberaum zu verwandeln, dann kann ich dort Wände einziehen, elektrische Leitungen verlegen, sanitäre Anlagen, die Heizung, Klima- und Alarmanlage installieren, alles isolieren, den Boden verlegen, die Einbauarbeiten erledigen, die Wände verputzen und alles anstreichen.“ Er nahm sich eine Fritte und sagte: „Das müsste hinkommen, oder?“

Lauren sah ihn an, und wieder einmal dachte Cole, dass man in ihren grünen Augen versinken konnte. „Ich hoffe, dass die von mir gesetzte Frist nicht unrealistisch ist, Cole. Glauben Sie, dass bis dahin alles so weit fertig werden könnte?“

Sie klang so hoffnungsvoll und aufrichtig, dass er sich wie ein Schuft vorkam, dass sein Verstand – wenn auch nur für eine Sekunde – durch ihre Anziehungskraft fast ausgeschaltet gewesen war. Reiß dich zusammen, ermahnte er sich. Du bist kein verknallter Fan. Du verfolgst hier deine eigenen Ziele.

„Wenn nichts Unerwartetes dazwischenkommt, wird es schon klappen“, erwiderte er, und sie belohnte ihn mit einem erleichterten Lächeln. Er beschloss, dass er „Simpson Gems“ in jedem Fall nach ihren Träumen gestalten würde, bevor er Valle Verde wieder verlassen würde. Schließlich könnte er dann vielleicht Jem mitnehmen, und das hätte für sie noch viel schwerwiegendere Bedeutung und würde auch ihn für den Rest seines Lebens sehr belasten.

„Ich habe skizziert, wie ich mir die Innengestaltung vorstelle. Ich bin keine Künstlerin, also lachen Sie nicht“, warnte sie ihn, als sie einige zusammengefaltete Blätter aus ihrer Tasche holte. „Hoffentlich bekommen Sie durch meine Zeichnungen eine Idee davon, was mir vorschwebt. Ich möchte, dass mein Geschäft eine warme, behagliche Atmosphäre hat.“

Cole sah sich die erstaunlich guten Skizzen, die ihm halfen, sich sowohl ein Bild von der Innengestaltung als auch von den dafür notwendigen Materialien zu machen. Dann faltete er die Papiere wieder zusammen, steckte sie in seine Hemdtasche und wandte sich an Jem. „Wenn deine Mom nichts dagegen hat, könntest du mir bei ein paar Sachen sicherlich zur Hand gehen.“

Jems Gesicht leuchtete, und Cole fühlte bei der Erkenntnis, dass er selbst als Junge, der seinem Vater helfen wollte, wahrscheinlich genauso ausgesehen hatte, einen Stich im Herzen. Er hatte sich seinem Dad nie näher gefühlt als während der Zeit, in der sie zusammen handwerkliche Arbeiten erledigt hatten. Und vielleicht würde es bei ihm und seinem Sohn eines Tages auch so sein.

„Darf ich, Mom?“ Er sah seine Mutter bittend an.

Sie wich aus. „Wir werden sehen.“ Da der Junge nun aber über das ganze Gesicht strahlte, bedeutete das bei den Simpsons wahrscheinlich ein Ja. „Ich weiß, dass Sie bis zur Eröffnung viel zu tun haben werden, aber ich werde Ihre Hilfe wahrscheinlich auch ab und zu brauchen“, sagte er zu Lauren.

„Kein Problem“, meinte sie. „Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.“ Sobald sie die Worte ausgesprochen hatte, sah sie ihn erschrocken an und errötete leicht.

Er lächelte, obwohl ihn erneut Erregung packte. „Das ist jetzt ein Angebot, das ich sogar im Traum nicht ausschlagen würde.“

Sie versuchte, ihn finster anzuschauen, aber ein kleines Lächeln spielte um ihren Mund. „Sie wissen genau, was ich damit meinte.“ Sie verpasste ihm einen Klaps auf den Arm.

„Ja.“ Er lachte und rieb über die getroffene Stelle auf seinem Arm. „Aber mir gefällt meine Interpretation viel besser.“

Lauren verdrehte die Augen. Eine bereits vertraute Reaktion, wenn sie genervt war. Er lächelte darüber, obwohl er alles andere als vertraut mit ihr werden wollte.

„Und was haben Sie bis zur Eröffnung noch alles zu erledigen? fragte er sie, um wieder auf sicheres Territorium zu gelangen.

„Im Schuppen hinter der Scheune lagern ungefähr fünfzig Kisten, die ich auspacken muss und deren Inhalt ich in meine Inventarlisten aufnehmen muss. Ich bin schon ganz aufgeregt deshalb – einige der Sachen habe ich seit sechs Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen. Und anschließend muss ich jedes Stück sauber machen und im Internet die momentanen Preise dafür erkunden.“

Cole lächelte über ihren Enthusiasmus. „Woher stammen die vielen Sachen? Werden Sie Erbstücke der Familie verkaufen?“

„Wohl kaum.“

Ihr plötzlich steifer Ton ließ ihn aufhorchen. Die Leidenschaft für Antiquitäten, die sich zuvor deutlich auf ihrem Gesicht abgezeichnet hatte, war verschwunden. Dass er sich den Wandel nicht erklären konnte, machte ihn neugierig.

„Ich besitze keine Erbstücke. Es sind Sachen, die ich im Lauf der Jahre erstanden habe.“

Jem sah von dem bunten Bild auf, das er mittlerweile malte. „Was sind Erbstücke?“

„Sachen, die von Großeltern an Eltern und von Eltern an Kinder weitergegeben werden“, erklärte Lauren.

Jem schien einen Moment darüber nachzudenken. Dann sagte er zu Cole: „Mom hat keine Erbstücke. Sie hat nur mich. Und Grandma Sherry.“ Er sah Cole ernst an. „Und ich bin adoptiert. Weißt du, was das ist?“

Irgendetwas schien Cole fast die Kehle zuzuschnüren. „Adoptiert? Ich denke schon, Jem. Aber vielleicht kannst du es mir erklären.“

„Nun, Mom und Dad konnten nicht für mich sorgen. Dann habe ich meine Mom bekommen. Und jetzt bin ich Jem Simpson“, meinte er stolz, als seine Mutter sich zu ihm beugte und ihm einen Kuss auf seine verwuschelten Locken drückte.

Als Cole beobachtete, wie Lauren und Jem miteinander umgingen, wurde seine innere Anspannung immer größer. „Dann müsst ihr sehr glücklich sein, dass ihr euch gefunden habt“, sagte er dann mit seltsam fremd klingender Stimme.

Lauren, die ihn anlächelte, standen Tränen in den Augen. „Ja, das sind wir.“ Er unterdrückte seine erneut aufsteigenden Schuldgefühle und erwiderte ihr Lächeln.

In dem Moment hatte Jem sein Bild fertig gemalt und gab es Lauren, die es ausgiebig bewunderte. „Ein weiteres Meisterstück für den Kühlschrank“, lobte sie.

„Kannst du Fische fangen?“, wechselte Jem dann so abrupt das Thema, wie nur Kinder es können.

„Sicher doch.“

„Mom und ich haben einmal geangelt.“ Er blickte Lauren ins Gesicht. „Weißt du noch?“

„Ja.“ Sie schüttelte sich. „Würmer!“

Jem und Cole sahen sich an, bevor Cole mit den Schultern zuckte. „Frauen“, sagte er nur. Und dann schütteten sich beide aus vor Lachen.

Lauren verschränkte die Arme. „Lacht nur. Würmer sind einfach ekelhaft.“

„Vielleicht gehen wir einmal gemeinsam angeln. Ich werde die Köder anbringen, das verspreche ich.“ Augenblicklich wünschte Cole, er könnte die Worte ungesagt machen. Nachdem sich das Durcheinander geklärt hätte, würde er Lauren wahrscheinlich nie wieder sehen.

„Ich habe Senkgewichte“, erklärte Jem voller Vorfreude auf einen zukünftigen Angeltrip. „Jemand hat sie am Bach liegen lassen.“ Er begann in seinem Rucksack zu wühlen.

Cole schaute Lauren fragend an.

„Jem trägt seine wichtigsten Dinge gern bei sich“, erklärte sie. „Er hatte sie immer in seinen Taschen, was der Waschmaschine gar nicht gut getan hat.“ Jem holte eine Zigarrenkiste hervor. „Jetzt verstaut er alles in dieser Schachtel.“ Sie zerzauste ihrem Sohn die Haare. „Ich fürchte, die Sammelwut hat er sich von mir abgeschaut.“

Der Junge öffnete sorgsam die Kiste und holte einen Schatz nach dem anderen heraus, klärte Cole ausführlich darüber auf und verstaute die Sachen wieder. Cole sah Nüsse, Muscheln, Bindfäden, Murmeln, Steine, Schneckenhäuser, Baseballkarten, Sticker und Stifte, bevor ihm Jem schließlich ein dünnes Perlenarmband aus Türkisen und Bernsteinen zeigte.

Cole erstarrte, als der Junge das Armband umlegte. Auf einem kleinen Anhänger waren die Initialen „K. T.“ eingraviert. „Als Mom und Dad gegangen sind, haben sie das hier vergessen.“ Jems Stimme klang unbeteiligt, und Cole strengte sich an, ein interessiertes und fröhliches Gesicht zu machen, obwohl ihn ein furchtbarer Schmerz erfasste.

Es bestand kein Zweifel: Der Junge ihm gegenüber hielt das Armband in der Hand, das er, Cole, Kelly zu ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag geschenkt hatte. Jem war sein Sohn.

4. KAPITEL

Cole hatte den Kopf in die Hände gestützt und saß auf dem Dachboden der Scheune. Durch das offene Fenster drangen das nächtliche Zirpen der Grillen und das leise Rauschen der Bäume herein. Laurens Skizzen lagen verstreut auf dem improvisierten Sperrholztisch vor ihm.

Jem ist mein Sohn, dachte er. Als er den Jungen nur ein paar Stunden zuvor über den Tisch des „Frosty King“ hinweg angesehen hatte, hatte er alles andere einen Moment lang völlig vergessen. Für ihn hatte nur noch Jem existiert. Am liebsten wäre er aufgesprungen und hätte gesagt: „Ich bin dein Dad. Ich habe dich nicht verlassen. Ich werde dich nie verlassen.“ Aber das konnte er ja nicht. Er hatte bereits die ersten vier Jahre des Jungen verpasst, weil ihn seine Frau getäuscht hatte.

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