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BACCARA EXKLUSIV BAND 113

Stürmische Herzen

BARBARA MCCAULEY

Ohne jedes Tabu

Wilder, hemmungsloser Sex ohne jedes Tabu! Eine unvergessliche Nacht. Zumindest für Raina. Ihr Lover Lucian hat sich am nächsten Morgen aus dem Staub gemacht – ohne Gruß, ohne Kuss. Und ein paar Monate später kann er sich offenbar überhaupt nicht mehr an sie erinnern. Unter diesen Bedingungen verzichtet Raina darauf, ihm eine frohe Botschaft zu verkünden …

VICKI LEWIS THOMPSON

Wer bist du wirklich, Geliebter?

Grübelnd liegt er im Bett. Wacht er noch oder träumt er schon? Von dieser rothaarigen Schönheit namens Kate. Die ihn ins Hotel gebracht und sich hier so hingebungsvoll um ihn „gekümmert“ hat. Auf der Stelle hat er sich in sie verliebt – in diese absolut perfekte Traumfrau. Na ja, fast perfekt. Denn aus unerfindlichen Gründen nennt sie ihn immer „Harry“ …

KATHERINE GARBERA

Lust oder Liebe?

Liebe auf den zweiten, dritten, vierten Blick. Erst als Evan hinter Lydias Fassade der durchgestylten Großstadtpflanze blickt, verliert er sein Herz an sie. Ungeschminkt und in Shorts ist sie für ihn die schönste Frau der Welt. Mit einem Findelkind, das auf seiner Türschwelle liegt, wäre die kleine Familie komplett. Doch genau davor schreckt Evan zurück …

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Ohne jedes Tabu

PROLOG

Lucian Sinclair glaubte nicht an Liebe auf den ersten Blick.

Dass man jemanden auf Anhieb mochte, kam natürlich vor.

Auch so etwas wie Lust auf den ersten Blick gab es.

Aber Liebe auf den ersten Blick? Ganz sicher nicht.

Liebe, wenn es sie denn überhaupt gab, war mit Vorstellungen wie „Verpflichtungen eingehen“, „ewige Treue“ und „Ehe“ verbunden. Er verglich die Sache mit einem Anzug. Ein Anzug, der dem Rest seiner Familie ausgezeichnet zu gefallen schien, der aber nichts für ihn war, da der Schnitt viel zu eng und ganz und gar nicht sein Stil war. Er war glücklich mit seinem Leben, so wie es war. Einem Leben als Single, unabhängig und ohne Komplikationen.

Und er hatte nicht die Absicht, es zu ändern.

Er lachte innerlich über die ungewöhnliche Richtung, die seine Gedanken genommen hatten, bevor er leise aus dem Bett schlüpfte, um die Frau, die so friedlich neben ihm schlief, nicht zu stören. Er wusste, dass sie in knapp vier Stunden ins Flugzeug steigen musste, und da sie in der letzten Nacht so wenig Schlaf bekommen hatte, hielt er es für besser, sie nicht zu wecken.

Allerdings, dachte er lächelnd, habe ich auch nicht viel geschlafen.

Raina Sarbanes war die schönste Frau, die er je gesehen hatte.

Gestern Abend, auf der Hochzeitsfeier seines Bruders Gabe, hatte er Melanie, seine neue Schwägerin, sagen hören, dass ihre Trauzeugin die Titelblätter mehrerer Modezeitschriften geziert habe, bevor sie sich vor drei Jahren, mit fünfundzwanzig, als Modedesignerin selbstständig gemacht hatte. Er hatte außerdem gehört, dass sie vor sechs Jahren kurz mit einem griechischen Reeder verheiratet gewesen sei, dass sie in New York Modedesign studiert habe und dass sie morgen früh nach Italien fliegen würde, um dort mit einem bekannten Modedesigner zu arbeiten.

Das meiste davon hatte er aus zweiter Hand nämlich von Melanie erfahren. Raina selbst schien nicht über sich sprechen zu wollen, also hatten sie sich im Lauf der Nacht über unverfänglichere Themen unterhalten: über Gabe und Melanie; über Kevin, Melanies Sohn aus ihrer ersten Ehe; über Lucians Baufirma und die Schule für Modedesign, die Raina besucht hatte. Und darüber, dass keiner von ihnen im Moment an einer festen Beziehung interessiert sei.

Obwohl sie dies Thema nur kurz angeschnitten hatten, war es wichtig gewesen. Beide waren sie sich einig, dass sie, trotz der starken Anziehungskraft zwischen ihnen, nicht auf der Suche nach einer festen Bindung waren.

Aber viel gesprochen hatten sie in der Nacht nicht. Ein Kuss oder eine Berührung hatten gereicht, und schon waren sie einander von Neuem atemlos und gierig in die Arme gefallen.

Jetzt, wo er neben dem Bett stand und Raina ansah, war er erneut fasziniert von ihrem wunderschönen Gesicht, das vom frühen Morgenlicht erhellt wurde. Er konnte nicht widerstehen und berührte ihr langes Haar, das den satten Farbton von dunkler Schokolade hatte und sich in der Nacht wie schimmernde Seide auf seine Haut gelegt hatte.

Ihr Gesicht war herzförmig, mit hohen Wangenknochen, einer geraden Nase und sanft geschwungenen, sinnlichen Lippen. Obwohl ihre Augen jetzt geschlossen waren, wusste er noch genau, dass sie blau waren. Strahlend blau, mit dichten dunklen Wimpern und feinen Brauen. Es waren diese Augen gewesen, die ihn so angezogen hatten, als er Raina vor zwei Tagen bei der Generalprobe für die Hochzeit das erste Mal gesehen hatte.

Er hatte sie sofort begehrt, und zwar mit einer Heftigkeit, die schon fast erschreckend war. Noch nie hatte eine Frau ihn derart aus der Fassung gebracht.

Aus diesem Grund hatte er sich während der letzten beiden Tage von ihr ferngehalten. Allerdings hatte auch sie ihn keineswegs ermutigt. Er hatte sogar gedacht, dass er Raina absolut gleichgültig sei, da sie sich ausgesprochen kühl ihm gegenüber verhalten hatte. Seine Brüder hatten ihn schon damit aufgezogen, dass Melanies beste Freundin offenbar nicht nur gut aussah, sondern auch noch über Verstand verfüge, da sie seinem Charme und seinem guten Aussehen gegenüber immun zu sein schien – im Gegensatz zu den meisten anderen Frauen.

Dann hatte er Raina angeboten, sie nach der Hochzeitsfeier zu Melanie und Gabes Haus zu fahren, und innerhalb von Sekunden war auf einmal alles anders gewesen.

Ihm war noch immer nicht ganz klar, wer den ersten Schritt gemacht hatte. Er wusste nur noch, dass sie ins Haus getreten waren und sich plötzlich leidenschaftlich geküsst hatten. Noch bevor sie es bis zum Bett geschafft hatten, hatte ihr heißes Verlangen sie überwältigt, und er war in sie eingedrungen. Als sie sich dann schließlich ihrer Sachen entledigt hatten, war dieses Verlangen noch genauso stark gewesen.

Und das war es immer noch, wie Lucian jetzt feststellte, während er Raina betrachtete.

Er hatte schon häufiger eine Frau heftig begehrt. Himmel, er war dreiunddreißig und ganz sicher kein Mönch. Aber die vergangene Nacht war etwas Besonderes gewesen, etwas Unbeschreibliches. Etwas, das weit über gegenseitige Anziehungskraft hinausging.

Er überlegte, ob sie vielleicht, ganz vielleicht, in Erwägung ziehen würde, noch ein paar Tage länger zu bleiben. Da Gabe und Melanie auf Hochzeitsreise waren, hätten er und Raina das Haus für sich.

Nicht, dass er irgendwelche Zukunftspläne daran knüpfte, natür­lich nicht. Aber ein paar Tage mehr waren ja nichts Dauerhaftes. Gern würde er ihr etwas von der Landschaft hier in Pennsylvania zeigen, sie vielleicht mit zu dem Grundstück nehmen, das er außerhalb der Stadt gekauft hatte und auf dem er sich ein Haus baute.

Er war einfach noch nicht bereit, sie gehen zu lassen.

Ich werde sie mit Blumen überraschen und dann fragen, entschied Lucian. Wo er morgens um halb sieben einen Blumenstrauß auftreiben sollte, war ihm noch nicht ganz klar. Aber Sydney Taylor, die Frau, in die sein Bruder heftig verliebt war, hatte immer frische Rosen in ihrem Restaurant. Sydney so früh zu wecken war natürlich etwas heikel, aber hier handelte es sich schließlich um einen Notfall.

Leise zog er sich an, nahm einen Zettel vom Nachttisch und ließ für Raina eine Nachricht auf seinem Kopfkissen liegen.

Bin gleich wieder da. Bitte geh nicht. Lucian.

Nachdem er seine Jacke genommen hatte, schlich er aus dem Zimmer. Draußen sog er die kühle Luft ein und bemerkte die Eiszapfen am Dachvorsprung und den Neuschnee.

Ein perfekter Morgen, dachte er auf dem Weg zu seinem Pick-up. Er würde so schnell wie möglich zurückkommen.

Einige Minuten, nachdem Lucian das Haus verlassen hatte, regte Raina sich mit einem Lächeln auf den Lippen. Schlaftrunken strich sie mit dem Arm über das Kopfkissen neben sich. Der Zettel mit Lucians Nachricht rutschte zwischen das Kopfende des antiken Bettes und die Matratze.

Genau zur gleichen Zeit fuhr Lucian auf eine Kreuzung zu. In Gedanken bei Raina, übersah er, dass die Straße an dieser Stelle spiegelglatt war. Plötzlich geriet sein Pick-up ins Schleudern, kam von der Straße ab, und um Lucian herum wurde alles schwarz.

1. KAPITEL

Das Städtchen Bloomfield erwachte zu neuem Leben. Es war Frühling, die Sonne schien, und an den kahlen Bäumen trieben neue Blätter aus. Die braunen, brachliegenden Felder wurden wieder kräftig grün, während die Kirschblüten der noch immer kühlen Luft einen süßen Duft verliehen.

Es war eine Zeit für Neuanfänge.

Eine Zeit für Geburten.

Auf dem Weg zum Haus seines Bruders Gabe hatte Lucian an diesem Nachmittag ungefähr ein Dutzend junger Kälber auf der Johnson-Ranch und mindestens fünf Fohlen auf der Bainbridge-Ranch entdeckt. Und gestern, versteckt unter der Veranda des Hauses, das er sich einige Meilen außerhalb der Stadt baute, hatte er einen Wurf Kätzchen bemerkt. Sechs kleine Fellbälle, die noch nicht einmal die Augen geöffnet hatten, hatten nach ihrer Mama miaut, einer hübschen orangefarbenen Katze, die ihn vom Rand des nahen Waldes aus wachsam beobachtet hatte.

Er hatte versucht, sie anzulocken, doch sie wollte nichts von ihm wissen. Früher oder später würde er sie fangen und einen sichereren Platz für sie und ihre Familie finden müssen. Aber er hoffte, sie vorher für sich zu gewinnen. Sie ist zwar keine Frau, dachte Lucian lächelnd, aber sie ist ein weibliches Wesen. Er war überzeugt, dass sie schon bald schnurrend auf seinem Schoß liegen würde.

Apropos Frauen … Lucian stand in der Tür zu Gabes und Melanies Wohnzimmer und sah auf die vier Frauen, die fleißig mit der Dekoration für Melanies Babyparty beschäftigt waren. Seine Schwester Cara mit ihrem vierzehn Monate alten Sohn Matthew und seine Schwägerinnen Abby, Sydney und Melanie hatten die Arme in einem Berg von rosa und himmelblauem Krepppapier und Schleifen. Ein hübscher Anblick, dachte er, während er sich an ihrem Lachen erfreute. Es gab keinen Grund, warum er nicht noch ein wenig bleiben sollte.

Außerdem roch es nach Keksen.

„Lucian, du bist ein Schatz, dass du die Klappstühle gebracht hast.“ Lächelnd sah Abby von der rosa Papierblume auf, die sie gerade faltete. „Callan hätte es ja gemacht, aber er ist heute Morgen weggeflogen, um sich mit dem Architekten für das Thorndale-Projekt zu treffen.“

„Und Gabe ist mit Kevin zum Vater-Sohn-Ballspiel-Nachmittag gefahren.“ Melanie, die darauf bestanden hatte, bei der Dekoration zu helfen, obwohl die anderen sie davon hatten abhalten wollen, bastelte gerade eine blaue Blume. „Sie werden erst in ein paar Stunden zurück sein.“

„Bei Reese im Lokal hat eine der Kellnerinnen Mutterschutzurlaub, sodass ihm Personal fehlt.“ Sydney dekorierte einen Tafelaufsatz mit der Aufschrift „Es ist ein Baby“.

„Kein Problem.“ Lucian kam näher. Überall lagen rosa und blaue Luftballons, Luftschlangen und Babysachen herum. Kein Wunder, dass sämtliche männlichen Sinclairs sowie Caras Mann Ian das Weite gesucht hatten. „Das Ridgeway-Projekt liegt sowieso auf Eis, bis Callan die Änderungen von der Baubehörde genehmigt bekommt. Ich habe also alle Zeit der Welt.“

Er erspähte den Teller mit den Keksen auf dem Tisch. Wenn er sich nicht täuschte – und wenn es um Frauen und Essen ging, passierte ihm das äußerst selten –, waren es Sydneys berühmte Schokoladenkekse.

Sydney sah, dass er auf den Teller starrte. „Möchtest du einen Keks?“

„Ich dachte schon, du würdest nie fragen.“ Lucian stöhnte lustvoll auf, als er sich einen Keks nahm und hineinbiss. „Verflixt, warum musste mein Bruder dir vor mir begegnen?“

„Das Gleiche hat er mir letzte Woche auch gesagt, als Callan und ich ihn zum Essen eingeladen hatten“, meinte Abby zu Sydney.

„Mir auch“, erklärte Melanie. „Als ich ihm vor drei Tagen einen Apfelkuchen gebacken habe.“

„Es ist die Wahrheit, ich schwöre es.“ Lucian hob die Hand. „Meine Brüder haben die letzten drei Frauen auf der ganzen Welt bekommen, die ich auch geheiratet hätte. Jetzt bin ich dazu verdammt, für immer allein zu bleiben.“

Die vier Frauen verdrehten die Augen und stöhnten.

„Mein Leben lang muss ich mir diesen Quatsch von meinen Brüdern schon anhören.“ Cara nahm Matthew auf die andere Seite ihres Schoßes. „Nach dem, was ich so höre, Bruderherz, mangelt es dir nicht gerade an weiblicher Gesellschaft.“

„Seit alle meine Brüder geheiratet haben, gibt es hier in der Stadt eine Menge verzweifelter Frauen.“ Lucian reichte seinem Neffen einen Keks, und der Kleine gluckste fröhlich. „Als der letzte alleinstehende Sinclair ist es meine Pflicht, sie zu trösten.“

„Einen Job, den er sehr ernst nimmt, wie ich im Frisiersalon gehört habe.“ Melanie legte die Hände auf ihren runden Bauch, beugte sich vor und flüsterte: „Sally Lyn Wetters hat Annie Edmonds erzählt, sie sei fest davon überzeugt, dass Lucian ihr bald die entscheidende Frage stellen würde.“

Lucian verschluckte sich an dem Keks, den er gerade im Mund hatte.

Abby riss ihre blauen Augen auf. „Lucian will um Sally Lyn anhalten?“

„Sie wäre eine nette Schwägerin, vielleicht ein bisschen oberflächlich, aber lieb“, meinte Sydney. „Aber Marsha Brenner hat mir erzählt, dass Laura Greenley und Lucian ein Paar seien. Noch letzte Woche …“

„Hey!“ Lucian schlug sich mit der Faust auf die Brust, um den feststeckenden Keks zu lösen. „Hier stehe ich, und ich bin weder mit jemandem liiert, noch stelle ich irgendjemandem eine gewisse Frage. Es sei denn …“, Lucian grinste Sydney, Abby und Melanie an, „… eine von euch wunderbaren Ladys entschließt sich dazu, einem meiner Brüder den Laufpass zu geben und mit mir durchzubrennen.“

„Passt auf, meine Lieben, jetzt lässt er den berüchtigten Sinclair-Charme spielen“, sagte Abby. „Und es gibt keine Frau, die dem widerstehen kann.“

„Als wenn wir das nicht wüssten.“ Sydney hob eine Augenbraue und lächelte. „Nicht, dass ich mich beschwere.“

„Nun, da war Raina, Melanies Trauzeugin.“ Cara wischte Matthew Schokolade vom Kinn. „Wenn ich mich recht erinnere, war sie ziemlich immun gegen Lucian. Melanie musste Raina geradezu bitten, damit sie überhaupt mit ihm tanzte.“

Dieser verbale Schlag gegen seinen männlichen Stolz ließ Lucian zusammenzucken. „Hey, das ist nicht fair! Wie kann ich mich verteidigen, wenn ich mich nicht einmal an den Abend erinnere?“

Und er hatte nicht nur den Abend vergessen. Seit er sich bei dem Unfall am Morgen nach der Hochzeitsfeier den Kopf verletzt hatte, waren über zwei Tage seines Lebens wie ausgelöscht. Er konnte sich nicht einmal daran erinnern, dass er Melanies Freundin überhaupt getroffen hatte, geschweige denn, dass er mit ihr getanzt hatte.

Es war schon merkwürdig und auch etwas beunruhigend gewesen, im Krankenhaus aufzuwachen und keinerlei Erinnerungen an die Tage davor zu haben. Sogar jetzt, nach all den Monaten wusste er nur noch, dass er auf Gabe und Melanie angestoßen hatte.

„Wahrscheinlich hat sie nur die Unnahbare gespielt, um mich einzufangen.“ Lucian nahm seinen Neffen auf den Arm und warf ihn in die Luft. Matthew krähte begeistert. Sosehr Lucian Babys auch mochte, es war doch angenehm, wenn man sie zurückgeben konnte, sobald es Zeit zum Gehen war. „Ich bin sicher, wenn sie Gelegenheit gehabt hätte, mich besser kennenzulernen, wäre auch sie meinem Charme erlegen.“

„Freut mich, dass du so denkst.“ Melanie schaute auf ihre Armbanduhr. „Sie kommt extra aus New York zu meiner Babyparty. Wenn du nicht zu beschäftigt bist, könntest du dann so galant sein und sie in einer Stunde am Flughafen abholen?“

„Für dich bin ich nie zu beschäftigt, Melanie.“ Er zwinkerte seiner Schwägerin zu. „Aber ich dachte, du hättest gesagt, sie würde jetzt in Italien leben und arbeiten.“

„Sie hat ihre Designerfirma vor zwei Monaten nach New York verlegt. Ich hoffe, ich kann sie davon überzeugen, dass sie jetzt auch in New York bleibt.“ Melanie lächelte über das lachende Kind auf Lucians Arm. „Bist du sicher, dass es dir nichts ausmacht, sie abzuholen?“

„Sie ist doch noch Single, oder?“ Lucian hob vielsagend die Augenbrauen.

Sydney, Cara und Abby schüttelten die Köpfe, während Melanie schmunzelnd die Ankunftszeit ihrer Freundin und die Flugnummer auf einen Zettel schrieb.

„Da du dich nicht mehr daran erinnerst, sie kennengelernt zu haben, hier ist ein Foto von ihr.“ Melanie reichte ihm ein Bild, das sie aus einem Album genommen hatte. „Das sollte deine Gedächtnislücke wieder füllen.“

Cara stand auf und nahm ihren Sohn von Lucians Arm. „Um das zu schaffen, brauchst du mehr als ein Foto, Melanie.“

Lucian bedachte seine Schwester mit einem wütenden Blick, bevor er nach dem Bild griff. Er hatte Fotos von Raina schon vorher im Hochzeitsalbum von Gabe und Melanie gesehen, doch das waren immer Gruppenfotos gewesen und etwas steif. Dieses Bild war zwar auch auf der Hochzeit aufgenommen worden, zeigte sie aber lachend und nur zusammen mit Melanie. Sie trug ein ärmelloses schwarzes Kleid, und ihr dunkles Haar war hochgesteckt, sodass ihr schlanker Hals zur Geltung kam.

Sie sah hinreißend aus. Ein merkwürdiges Gefühl, das er nicht zu bestimmen wusste, erfasste Lucian.

„Ist was?“ Melanie runzelte die Stirn. „Wenn du lieber nicht fahren …“

„Es ist nichts.“ Er schüttelte das Gefühl ab und steckte das Bild in seine Lederjacke. „Ich werde sie sicher und wohlbehalten zu dir bringen.“

„Danke.“ Melanie lachte verschmitzt. „Ach, Lucian?“

Er war bereits auf dem Weg zur Tür. „Ja?“

„Würde es dir etwas ausmachen, meinen Wagen zu nehmen?“

„Hätte die Lady aus New York etwa ein Problem mit meinem Pick-up?“

„Nein, bestimmt nicht. Es ist nur so, dass der Kindersitz besser auf den Rücksitz meines Autos passt.“

Lucian drehte sich langsam um. „Was für ein Kindersitz?“

„Hab ich dir das nicht erzählt?“, fragte Melanie scheinheilig. „Raina bringt ihr Baby mit.“

Es tut gut, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, dachte Raina erleichtert. Der Flug war zwar nur kurz, doch ziemlich unruhig gewesen, und Emma, sonst das liebste Kind der Welt, hatte sich als ungewöhnlich anstrengend erwiesen. Raina hielt das inzwischen schlafende Baby auf dem einen Arm, während sie mit dem anderen ihren kleinen Koffer zog. Wenn es etwas gab, worin sie seit Emmas Geburt zur Expertin geworden war, dann war es die hohe Kunst des Jonglierens. Das Baby, ihre Karriere, das alles kostete Zeit und Energie, und um allen Anforderungen gerecht zu werden, hatte sie oft genug ihren Schlaf opfern müssen.

Emma fest an sich gepresst, ging Raina zusammen mit den anderen Passagieren den Gang entlang. Sie hatte während des letzten Monats sechzehn Stunden am Tag gearbeitet, um alles für die demnächst stattfindende Präsentation ihrer Dessous-Herbstkollektion fertig zu bekommen. Während ihrer Abwesenheit würde sich ihre Assistentin Annelise um die letzten Details kümmern, denn Raina hatte Melanies Babyparty auf keinen Fall versäumen wollen.

Nach ihrer Hochzeit war Melanie auf Hochzeitsreise gefahren, und sie hatte vierzehn Monate in Italien gearbeitet, bevor sie wieder nach New York gezogen war. Sie hatten keine Gelegenheit gehabt sich zu sehen, und aufgrund der Zeitverschiebung und des geschäftigen Lebens, das sie führten, auch nur wenige Male kurz miteinander telefoniert.

Doch weder der Zeitmangel noch die räumliche Entfernung würden jemals das Band zwischen ihnen zerreißen. Melanie war die Schwester, die Raina nie gehabt hatte. Sie waren zusammen aufgewachsen, hatten sich in schlechten Zeiten an der Schulter der anderen ausgeweint und in guten Zeiten zusammen gelacht. Und sie hatten ihre tiefsten Geheimnisse miteinander geteilt.

Die meisten Geheimnisse, dachte Raina und drückte ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn.

Vor ihr sprach ein Mann in sein Handy und blieb plötzlich stehen, sodass sie ins Stolpern kam. Als sich ihr Fuß auch noch im Gestell ihres Koffers verfing, wäre sie hingefallen, wenn nicht jemand sie am Ellenbogen ergriffen hätte.

Beschämt lächelnd wandte sie sich um. „Danke, ich bin noch nicht …“

Sie erstarrte. Lucian Sinclair.

Nein, dachte sie entsetzt. Darauf bin ich nicht vorbereitet. Noch nicht! Vielleicht nie.

Er schaute sie mit seinen unergründlichen grünen Augen an und runzelte die Stirn. „Ist alles in Ordnung?“

Nichts ist in Ordnung, verdammt noch mal! dachte sie voller Panik. Was, zum Teufel, machst du hier? „Ja.“ Krächzend brachte sie das eine Wort heraus und räusperte sich dann. „Ja, natürlich.“ Sie hatte gewusst, dass sie ihm früher oder später begegnen würde. Er war schließlich Gabes Bruder, und sie hatte erwartet, dass er irgendwann vorbeischauen würde. Aber sie hatte niemals damit gerechnet, ihn hier am Flughafen zu treffen. „Melanie wollte mich doch abholen“, sagte sie matt und versuchte, ihre Fassung wiederzugewinnen.

„Sie ist mitten in den Vorbereitungen für die Babyparty. Deshalb hat sie mich gebeten, für sie einzuspringen.“ Eine Hand immer noch an ihrem Ellenbogen, griff er nach ihrem Koffer. „Lass mich den nehmen.“ Als sie den Griff fest umklammert hielt, schaute er sie irritiert an.

Ich will nicht, dass du irgendetwas für mich tust. Niemals, dachte sie. „Oh, Entschuldigung.“ Sie ließ den Griff los. „Danke.“

„Ich glaube“, sagte er und wies mit einem Kopfnicken zu den anderen Passagieren, die sich an ihnen vorbeidrängten, „wir sollten aus dem Weg gehen.“

„Sicher. Natürlich.“

Sie versuchte, ihm ihren Ellenbogen zu entziehen, doch da sie Emma auf dem Arm hielt und die anderen Fluggäste dicht an ihr vorbeigingen, hatte sie kaum Bewegungsfreiheit. Also blieb Lucians Hand, wo sie war, während er sie durch die Menge schleuste.

Wie gut sie sich an seine Hände erinnerte. Große, kräftige Hände, die dennoch erstaunlich sanft waren. Viel zu viele Nächte hatte sie von diesen Händen, von ihren Berührungen geträumt. Wenn sie dann aufgewacht war, war sie allein gewesen und ihr Körper hatte sich vor Frustration, Wut und Schmerz völlig verspannt.

Sie erinnerte sich an jede Liebkosung von ihm, an jeden atemberaubenden Kuss und daran, welche Lust sie dabei empfunden hatte. Lucian hatte sie berührt, wie noch kein Mann vor ihm, und sie dazu gebracht, sich nach Dingen zu sehnen, nach denen sie sich vorher nie gesehnt hatte.

Und dann hatte er sich nicht einmal an ihren Namen erinnert.

„Lucian, hier ist Raina.“

„Raina? Welche Raina?“

Die Erinnerung an das Telefonat, an den Schmerz und die Demütigung, die sie dabei empfunden hatte, verlieh ihr jetzt die Kraft, sich zusammenzureißen. Er hatte ihre ganze Welt auf den Kopf gestellt, aber für ihn war sie nichts weiter als ein One-Night-Stand gewesen. Und noch dazu einer, den man schnell vergessen konnte. Sie wollte verdammt sein, wenn sie ihn merken ließe, wie sehr er ihr wehgetan hatte; wenn sie ihn merken ließe, dass diese Nacht, die sie zusammen verbracht hatten, ihr mehr bedeutet hatte als alle anderen Nächte in ihrem Leben.

Sie drückte ihr Baby fest an sich.

„Müssen wir noch zur Gepäckausgabe?“, fragte Lucian.

Endlich gelang es ihr, ihm ihren Arm zu entziehen. „Nein, ich bleibe nur ein paar Tage.“

„Die meisten Frauen hätten trotzdem mindestens vier Koffer dabei“, meinte er grinsend.

Wie konnte er so locker sein und so tun, als wäre nichts geschehen?

Ihr Lächeln war betont kühl. „Nun, ich bin wohl nicht wie die meisten Frauen.“

Ihre eisige Bemerkung ließ ihn die Brauen heben, und sie ärgerte sich über sich selbst. Es war eine Sache, sich gleichgültig zu geben, eine andere, schroff zu sein. Wenn sie nicht wollte, dass er Fragen stellte oder ahnte, dass sie das Gefühl gehabt hatte, in jener Nacht sei mehr als heißer Sex zwischen ihnen gewesen, dann sollte sie sich lieber etwas zusammennehmen.

„Es tut mir leid“, sagte sie freundlich. „Aber es war ein langer Tag, und Emma wird bald aufwachen. Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gern so schnell wie möglich zu Melanie fahren.“

Lucian deutete zum Ausgang. „Dein Wunsch sei mir Befehl.“

Sie zuckte innerlich zusammen, als er die Hand auf ihren Nacken legte. Wie konnte er es wagen, sie so zu berühren? Als wäre es völlig selbstverständlich? Sie gab vor, es gar nicht zu bemerken. Als er ihr erzählte, dass Melanie einen Babysitz für Emma ins Auto gestellt habe, nickte sie lediglich und ging weiter.

Glücklicherweise verhinderte der Geräuschpegel im Flughafengebäude jegliche normale Unterhaltung, und da Emma schlief, kam lautes Reden auch nicht infrage. So gingen sie schweigend weiter, seine Hand auf ihrem Nacken, als wären sie ein Paar, ein Eindruck, der Raina überhaupt nicht behagte. Sie wollte nicht, dass die Leute dachten, sie gehörten zusammen. Mehrere Frauen lächelten Emma an, als sie an ihnen vorbeigingen. Einige andere lächelten Lucian zu.

Und warum auch nicht? Auch sie war bei ihrer ersten Begegnung überaus fasziniert von ihm gewesen. Knapp einen Meter neunzig groß, muskulös, mit breiten Schultern und markantem Gesicht, war er ein gefährlich attraktiver Mann. Und dann diese Augen! Himmel, ein einziger Blick aus diesen grünen Augen, und eine Frau schmolz dahin. Als Krönung kam noch sein unwiderstehlicher Charme hinzu.

Sie kannte sich aus mit Typen wie ihm, war sogar einmal mit einem verheiratet gewesen. Genau aus diesem Grund hatte sie sich während Melanies Hochzeitsfeierlichkeiten von Lucian ferngehalten. Instinktiv hatte sie gewusst, dass dieser Mann die Macht besaß, ihr das Herz zu brechen.

Dann waren sie in jener Nacht zu Gabes und Melanies Haus gefahren. Und sie waren allein gewesen. Er hatte sie an sich gerissen, oder sie hatte sich ihm in die Arme geworfen. Wie es gewesen war, wusste sie immer noch nicht genau. Das Einzige, was sie wusste, war, dass es kein Zurück mehr gab, nachdem sie sich berührt hatten.

Und am nächsten Morgen war Lucian verschwunden gewesen.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“

Raina blinzelte und merkte, dass sie das Flughafengebäude verlassen hatten und auf dem Parkplatz waren. Lucian hielt ihre die hintere Tür eines schwarzen Autos auf. Raina stöhnte innerlich und überlegte, wie lange sie wohl schon so geistesabwesend dagestanden hatte.

„Alles okay.“ Sie setzte ihre schlafende Tochter in den Sitz. Es gelang ihr, die Ärmchen unter die Gurte zu schieben, doch ihre Finger zitterten so sehr, dass sie den Verschluss nicht zubekam.

„Soll ich helfen?“, fragte Lucian.

Bevor sie Nein sagen konnte, hatte er sich schon neben sie in den Wagen gebeugt und nach dem Gurt gegriffen. Ihr stockte der Atem, als sein muskulöser Arm gegen ihren stieß und seine Finger ihre berührten.

Erinnerungen überfluteten sie: wie sie langsam aufs Bett gesunken waren … geflüsterte Worte … sein nackter Körper an ihrem. Selbst an seinen Duft erinnerte sie sich noch, es war der gleiche wie jetzt. Ihr Herz schlug schneller, und Wärme breitete sich in ihrem ganzen Körper aus.

Lucian wusste, dass es besser wäre, sich jetzt zurückzuziehen. Er hatte den Gurt festgemacht, das Baby saß sicher und gemütlich in seinem Sitz. Doch aus irgendeinem Grund blieb er, wo er war.

Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich jemals der Gegenwart einer Frau so bewusst gewesen war. Sein Puls hatte sich sofort beschleunigt, als er Raina inmitten der anderen Fluggäste ausfindig gemacht hatte. Sie war einfach zu erkennen gewesen, nicht nur, weil jeder Mann in ihrer Nähe sie angeschaut hatte, sondern weil sie größer war als die meisten anderen Frauen. Dabei trug sie nicht einmal Schuhe mit hohen Absätzen.

Sie war groß und schlank, trug eine schwarze Hose und einen ärmellosen burgunderroten Rolli. Der Hauch eines exotischen Duftes umgab sie, und ihr glänzendes dunkles Haar war zu einem dicken Zopf geflochten. Ihr Pony endete über Augen, die ihn an dunkelblauen Rauch erinnerten.

Sie mag ja heiß aussehen, dachte Lucian, doch diese Frau ist kalt wie eine arktische Nacht. Bisher hatte er sich noch nie zu arroganten Frauen hingezogen gefühlt. Solch ein Eisköniginnen-Verhalten hatte ihn eher abgestoßen. Merkwürdigerweise war das bei dieser Frau nicht der Fall. Denn hier stand er und war erregt, obwohl nichts weiter passiert war.

Komm wieder auf den Teppich, sagte er sich.

Doch da war etwas an ihr. Etwas so unglaublich … Vertrautes. Obwohl er sich nicht daran erinnern konnte, sie auf der Hochzeit getroffen zu haben, hatte er jetzt das sichere Gefühl, dass etwas viel Bedeutenderes geschehen war als ein belangloses Treffen.

Dabei hatten, nach Aussage seiner Familie, er und Raina kaum miteinander gesprochen. Sie waren niemals allein gewesen.

Das wird sich ändern müssen, entschied Lucian nun. Doch dies war nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Melanie würde ihn umbringen, wenn er sich an ihre Freundin heranmachte, kaum dass er sie vom Flughafen abgeholt hatte.

Aber es gab ja noch ein Später. Er wusste zwar nicht, wie ihre familiären Umstände waren und in welchem Verhältnis sie zu dem Vater des Babys stand, doch sie war alleinstehend und somit frei.

Um sie nicht abzuschrecken, indem er zu schnell zum Angriff überging, konzentrierte er sich auf das Baby, eine winzige dunkelhaarige Schönheit mit rosigen Wangen und einer Stupsnase.

Er lächelte. „Wie heißt sie?“

„Emma.“ Raina strich den Pullover des Babys glatt und fügte mit weicher Stimme hinzu: „Emma Rose.“

Lucian beobachtete Raina. Ihre Finger waren sehr feingliedrig und ihre Handbewegungen wirkten so graziös wie der Flügelschlag eines Schmetterlings.

Mühsam richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf das Baby. „Sie wird eine Menge Herzen brechen.“

„Das meint Teresa, Emmas griechisches Kindermädchen, auch immer. Sie riet mir, Emma schon jetzt in einem Kloster anzumelden.“

Zum ersten Mal erschien ihm ihr Lächeln echt. Es machte nichts, dass es nicht für ihn bestimmt war. Es hatte trotzdem eine umwerfende Wirkung auf ihn.

„Wenn sie meine Tochter wäre, würde ich wahrscheinlich auf den gleichen Gedanken kommen.“

Als hätte er einen Schalter betätigt, verschwand ihr Lächeln augen­blicklich. Was hatte er denn bloß so Schlimmes gesagt?

„Emma wird bald aufwachen.“ Raina richtete sich auf und trat einen Schritt zurück. „Wenn sie hungrig ist, wird sie keine Herzen brechen, sondern dein Trommelfell attackieren.“

„Nun, dann sollten wir sie besser nach Hause bringen.“ Lucian besaß genügend Erfahrung, um eine Abfuhr zu erkennen. Einen Moment lang hatte Raina ihre abweisende Haltung vergessen, doch jetzt ging sie eindeutig wieder auf Abstand zu ihm.

Ruhig schloss er die Hintertür, bevor er die Beifahrertür öffnete. Bei den meisten Frauen hätte er eine so offenkundige Zurückweisung einfach akzeptiert und die Sache auf sich beruhen lassen. Das wäre auf jeden Fall das Vernünftigste. Aber hatte sie nicht gesagt, sie sei nicht wie die meisten Frauen? Und er war auch nicht immer der Klügste.

Grinsend schloss er die Beifahrertür hinter ihr. Zumindest würde Raina Sarbanes’ Besuch in Bloomfield sein Leben etwas interessanter machen.

2. KAPITEL

Gabe und Melanies Haus war so schön, wie Raina es in Erinnerung hatte. Das zweistöckige viktorianische Gebäude, zu dem ein großes Grundstück gehörte, war erst kürzlich von Gabe restauriert worden. Es hatte einen neuen Außenanstrich in Weiß und Blau bekommen, und die Veranda erstrahlte in frischem Weiß. Die Fenster glänzten in der Nachmittagssonne, im Vorgarten blühten die Narzissen und kündeten vom Frühling. Innen sah das Haus genauso hübsch aus wie außen – hohe Wände, glänzende Holzfußböden, gemütliche Kamine und eine große, helle Küche. Es war ein bemerkenswertes Haus, voller Charakter und Geschichte.

Und Romantik, dachte Raina lächelnd. Hier in diesem Haus hatten Melanie und Gabe sich getroffen und verliebt.

In diesem Haus hatten auch Lucian und sie sich geliebt – in einem wunderschönen, antiken Doppelbett …

Ein Schlagloch in der Straße riss Raina aus ihren Erinnerungen, und sie drehte sich um, um nach ihrer Tochter zu sehen. Emma war vor ein paar Minuten aufgewacht und noch ein wenig schlaftrunken. Doch schon bald würde sie energisch etwas zu essen fordern.

Die halbstündige Fahrt vom Flughafen war überwiegend schweigend verlaufen. Lucian war höflich gewesen und hatte sie nur hier und da auf Sehenswürdigkeiten aufmerksam gemacht. Raina war erleichtert, dass er nicht versucht hatte, das Gespräch zu vertiefen.

Mit ihm und Emma allein im Auto zu sitzen hatte ihre Nerven ziemlich strapaziert. Lucian erfüllte ihre Sinne – der Klang seiner Stimme, sein Duft, die Wärme seines nahen Körpers. Mehr als einmal hatte sie sich dabei ertappt, wie sie ihn angestarrt hatte – seine kräftigen Hände auf dem Lenkrad, das ausgeprägte Kinn, die leicht gebogene Nase. Jedes Mal hatte sie sich hastig wieder abgewandt und ihre Schwäche verflucht.

Zum Glück waren sie jetzt endlich da. Sie hatte einen festen Plan gehabt, bevor sie nach Bloomfield gekommen war. Wenn sie noch fünf Minuten mit Lucian allein gewesen wäre, vielleicht sogar nur noch fünf Sekunden, dann, so fürchtete sie, hätte sie diesen Plan über den Haufen geworfen.

Sie war zwar zu Melanies Babyparty hergekommen, doch es gab noch etwas anderes, was sie während ihres Aufenthaltes hier zu erledigen hatte. Etwas Wichtigeres und Beängstigenderes, als sie jemals zu tun gehabt hatte.

„Raina!“

Melanie war schon aus der Tür und die Verandastufen heruntergelaufen, als Raina aus dem Wagen kam und auf sie zurannte. Lachend und mit Tränen in den Augen umarmten sich die Freundinnen.

„Oh, lass dich anschauen!“ Bewegt und vorsichtig berührte Raina Melanies Bauch. „Es ist so wunderbar.“

„Und dein Baby?“, fragte Melanie aufgeregt. „Wo ist die Kleine?“

„Sie ist gerade erst aufgewacht und wird wohl ein bisschen ungnädig sein.“ Raina drehte sich zum Auto, und es verschlug ihr die Sprache, als sie Lucian mit Emma auf dem Arm neben dem Wagen stehen sah. Sie hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.

„Sie wollte raus“, sagte Lucian und lächelte das Baby an. „Da ihr zwei beschäftigt wart, habe ich ihr den Wunsch erfüllt.“

Emma strahlte ihren Retter an und berührte seine Wangen. Ihre winzigen Hände waren so weiß und weich im Gegensatz zu Lucians rauer sonnengebräunter Haut.

Nein, du darfst sie nicht anfassen! wollte Raina rufen, doch sie presste die Lippen aufeinander.

„Oh, Raina!“ Melanie war bezaubert. „Oh, ist sie süß!“

Trotz der heiklen Situation war Raina voller Stolz und Liebe. Sie wollte gerade zu Lucian gehen, um ihm ihre Tochter abzunehmen, doch Melanie war schneller.

„Komm zu Melanie.“ Melanie streckte die Hände aus.

Emma lächelte sie an, schien jedoch durchaus zufrieden zu sein, dort, wo sie war.

„Sie mag mich“, verkündete Lucian und hob das Baby hoch in die Luft.

Emma krähte vor Vergnügen.

„Sie weiß es halt nicht besser.“ Melanie klatschte in die Hände, lockte Emma und nahm sie auf den Arm.

Jetzt, da ihre Tochter bei Melanie war, fing Raina sich wieder. Langsam ließ sie den Atem heraus, den sie unbewusst angehalten hatte.

„Ist sie nicht das bezauberndste Wesen, das du je gesehen hast?“ Melanie bewunderte das Baby.

„Stimmt“, meinte Lucian.

Raina errötete, als sie bemerkte, dass sein Blick dabei nicht auf Emma, sondern auf ihr lag. Doch dann wurde sie wütend. Wie konnte Lucian es wagen, sie so anzusehen? War er so verdammt arrogant, dass er glaubte, er bräuchte sie nur begehrlich anzublicken und schon würde sie wieder mit ihm ins Bett gehen?

Und das, nachdem er sich nicht einmal an ihren Namen erinnert hatte?

Sie würde weder auf seine Kommentare noch auf seine Blicke reagieren. Sie bereute die Nacht nicht, die sie zusammen verbracht hatten. Doch was auch immer für Gefühle sie ihm entgegengebracht hatte, sie waren inzwischen verflogen. Emma war die Einzige, die für sie jetzt noch zählte. Sie war ihr Ein und Alles.

Jetzt kamen auch die anderen aus dem Haus. Cara mit ihrem Sohn auf dem Arm sowie Abby und Sydney eilten auf sie zu. Raina hatte die Frauen während ihres letzten Aufenthaltes hier kennengelernt und freute sich darauf, sie wiederzusehen.

Lucian hielt sich im Hintergrund, während sie alle sich umarmten und Emma und Matthew bewunderten. Er mochte Frauen nicht immer verstehen, doch er wurde nie müde, sie zu beobachten. Und diese fünf Frauen waren wahrlich eine Augenweide. Doch es war vor allem die Lady, mit der er nicht verwandt war, die seine Aufmerksamkeit erregte.

Wenn sie lächelte, ging ein Leuchten über ihr Gesicht, und ihre Augen funkelten. Also rann durch ihre Adern wohl doch kein Eiswasser. Während der Fahrt vom Flughafen hatte sie steif wie ein Stock dagesessen, doch jetzt bewegte sie sich mit der Grazie einer Tänzerin. Ihr Lachen nahm ihn gefangen und faszinierte ihn. Er hatte dieses Lachen schon einmal gehört, dessen war er sich sicher. In dem Videofilm von der Hochzeit? Oder lichtete sich der Nebel in seinem Gedächtnis?

Manchmal glaubte er, sich an etwas aus jenen zwei Tagen zu erinnern. An einen Duft, ein Geräusch, eine Bewegung. Er hatte sogar eine Reihe von schemenhaften Traumbildern gehabt, aber noch nie war die Empfindung von etwas Vertrautem so stark gewesen.

Dann, genauso schnell wie es gekommen war, war das Gefühl wieder verschwunden. Zurück blieb nur dieser Moment – der Klang des Lachens einer schönen, wenn auch verwirrenden Frau.

Wie Bälle warfen sich die Frauen die Kommentare zu.

„Sie hat deine Nase.“

„Matthew sieht genauso aus wie sein Vater.“

„Sydney, du und Reese habt geheiratet! Ich freue mich für euch.“

„War Italien schön?“

„Abby, deine neue Frisur sieht toll aus.“

Und so ging es weiter. Sydney hielt die kleine Emma jetzt, und das Baby schien eine eigene Unterhaltung mit Matthew zu führen, der auf Abbys Arm war. Die Frauen erfreuten sich alle an den beiden Kleinen. Kopfschüttelnd drehte Lucian sich schließlich um und holte Rainas Koffer und die Wickeltasche aus dem Wagen.

„Ich mache das schon.“

Er schaute über die Schulter und sah Raina hinter sich stehen. „Kein Problem.“

„Nein, wirklich.“ Sie griff nach dem Koffer. „Ich kann ihn nehmen.“

Einen Moment lang war Lucian abgelenkt von dem Gefühl ihrer Hand auf seiner. Ihre Finger waren ungemein zart, ihre Haut war ganz seidig. Und irgendwie wusste er, dass sie sich überall so anfühlte.

„Natürlich kannst du das.“ Er behielt den Koffer in der Hand. „Aber meine Mutter hat mir ein paar Manieren beigebracht, und das Mindeste, was ich tun kann, ist, einer Dame den Koffer zu tragen.“

Es klang ein bisschen gestelzt, doch es wirkte. Raina presste die Lippen zusammen und zog ihre Hand weg.

„Danke“, sagte sie gezwungenermaßen. „Aber ich brauche die Wickeltasche jetzt.“

Er reichte sie ihr, und sie drückte sie an sich. Ihre Blicke trafen sich.

„Ich …“ Raina unterbrach sich, als Emma leise zu weinen begann. „Es wird höchste Zeit, dass sie etwas zu essen bekommt“, fuhr sie dann unsicher fort. „Ich … ich wollte dir nur danken, dass du uns vom Flughafen abgeholt hast.“ Sie drehte sich um und ging zu ihrer Tochter.

Lucian runzelte die Stirn. Irgendetwas war merkwürdig an dieser Frau – die Art, wie sie ihn behandelte; die Art, wie sie ihn anschaute, als hätte sie etwas auf dem Herzen. Sie wirkte sehr beherrscht, doch aus irgendeinem Grund schien sie wütend auf ihn zu sein.

Er war sich aber sicher, dass er ihr während der letzten Stunde nichts getan hatte. Was nur bedeuten konnte, dass sie sich über etwas ärgerte, was er vorher gemacht hatte.

Natürlich, das musste es sein. Er musste auf der Hochzeit oder an den Tagen davor etwas zu ihr gesagt haben, was sie wütend gemacht hatte. Doch den Berichten der anderen zufolge hatten er und Raina kaum miteinander gesprochen.

Himmel, er konnte sich doch nicht für etwas entschuldigen, an das er sich überhaupt nicht erinnerte. Wenn Raina wegen einer Sache böse auf ihn war, warum sagte sie es ihm dann nicht?

Jetzt konnte er sie natürlich nicht danach fragen. Er würde warten müssen, bis sie allein waren, was in absehbarer Zeit wohl nicht der Fall sein würde. Raina hatte Emma auf den Arm genommen und ging zusammen mit den anderen ins Haus. Er schloss die Wagentür und folgte ihnen.

„Oh, Lucian.“ Melanie drehte sich um und wartete auf der Veranda auf ihn. „Das Abendessen ist bald fertig, und du bleibst natürlich.“

„Das lasse ich mir nicht zwei Mal sagen.“ Er grinste seine Schwägerin an. „Wo soll ich Rainas Koffer hinbringen?“

„In das Gästezimmer oben.“ Lächelnd gab sie ihm einen Kuss auf die Wange. „Danke, dass du sie und Emma vom Flughafen abgeholt hast. Aber sie ist wirklich eine ganz besondere Freundin von mir.“

„Jede Freundin von dir ist auch meine Freundin“, erklärte er, obwohl Raina alles anderes als freundlich zu ihm gewesen war.

Da er jedoch zum Abendessen blieb, hoffte er auf einen baldigen Augenblick, wo er sie allein erwischen konnte, um herauszufinden, warum sie so unfreundlich zu ihm war.

„Ich hab beim Baseball einen ganz tollen Schlag geschafft, Mommy. Ehrlich. Daddy hat geholfen, aber nur ganz wenig, oder, Daddy?“

„Stimmt, Junge.“ Gabe nickte stolz. „Der Ball flog fast bis ins All.“

Kevins Grinsen wurde noch breiter, und seine blauen Augen funkelten. „Es war echt cool, Onkel Lucian. Ich wünschte, du wärst dabei gewesen.“

„Das wünschte ich auch, Großer. Nächstes Mal kannst du mit mir rechnen.“

Als Lucian seinem Neffen fröhlich zuzwinkerte, beschleunigte sich Rainas Puls. Lucian hatte Kevin geduldig zugehört, seit sie sich zum Essen an den Tisch gesetzt hatten, obwohl der Junge nonstop redete. Für einen Mann, der klargemacht hatte, dass er nie Kinder haben wolle, ging er erstaunlich gut mit ihnen um.

Die anderen Frauen waren nach Hause gefahren, sodass sie nur mit Gabe, Melanie, Kevin und Lucian am Tisch saß. Das Essen war köstlich, doch sie war so angespannt, dass sie kaum einen Bissen herunterbekam. Neben ihr auf dem Hochstuhl plapperte Emma munter in ihrer Babysprache mit Kevin, wenn er einen Moment aufhörte zu reden, um zu kauen.

„Ich glaube, Emma mag dich, Kevin“, neckte Melanie ihren Sohn.

„Oh, Mom.“ Kevin stöhnte wie ein typischer Sechsjähriger. „Sie ist ein Baby!“

Es stimmt, dachte Raina lächelnd. Emma war von Kevin begeistert gewesen, kaum dass er zur Tür hereingekommen war. Kevin dagegen war nicht im Geringsten an Mädchen oder Babys interessiert. Er hatte nur Baseball im Kopf.

Und das Einzige, woran sie denken konnte, war, wann diese Mahlzeit endlich vorbei sein würde und Lucian verschwand.

„Wie wäre es, wenn ich morgen vorbeikomme?“, sagte Lucian zu Kevin. „Dann kannst du mir genau zeigen, wie du den Ball getroffen hast.“

„Das wär echt cool! … Oh nein! Das geht ja nicht, weil ich morgen wegen der Party für unser neues Baby gar nicht da bin.“

„Wir werden rausgeworfen.“ Gabes Seufzer war so dramatisch wie unecht. „Aus unserem eigenen Haus!“

„Ich habe euch gesagt, ihr dürft bei der Party gern dabei sein, wenn ihr wollt.“ Melanie schnitt ihrem Sohn das Fleisch klein und zeigte dann mit der Gabel auf Gabe. „Ihr habt das Angebot beide abgelehnt.“

„Weil wir nicht mit so vielen Mädchen hier zusammen sein wollen.“ Kevin zog eine Grimasse. „Das würdest du doch auch nicht wollen, oder, Onkel Lucian?“

„Eigentlich mag ich Mädchen“, sagte Lucian grinsend und warf Raina einen Blick zu. „Manchmal sogar sehr.“

Es war eine beiläufige Bemerkung, doch Raina wusste, dass sie an sie gerichtet war. Er flirtete mit ihr, hier in diesem Haus, beim gemeinsamen Abendessen, während Gabe und Melanie zusahen. Um nicht aus der Haut zu fahren, drehte sie sich zu Emma und bot ihr einen Löffel Kartoffelbrei an.

Dieser Mann war unmöglich!

„Und dich mögen sie auch“, meinte Kevin, klang allerdings leicht angewidert. „Jedes Mal, wenn wir einkaufen gehen, fragt Cindy Johnson meine Mom nach dir, und die rothaarige Frau in der Post, die immer so laut lacht, auch. Sogar Miss Shelly, meine Lehrerin, fragt immer: ‚Wie geht es deinem Onkel Lucian?‘ Grrr.“ Kevin schüttelte sich. „Warum nimmst du nicht eine von denen? Aber bloß nicht meine Lehrerin. Da würden mich die anderen in der Klasse nur auslachen.“

Raina schaute zu Lucian, der immerhin den Anstand hatte, etwas verlegen zu gucken angesichts dieses Berichts über seine zahlreichen Verehrerinnen. Nicht, dass sie überrascht war. Was sollte man von einem Mann wie ihm schon anderes erwarten?

„Genau darüber haben wir doch erst vorhin gesprochen, nicht wahr, Lucian?“, sagte Melanie honigsüß.

Lucian warf ihr einen warnenden Blick zu. „Ich kann mich nicht erinnern.“

Melanies graue Augen funkelten vergnügt. „Ging es da nicht um all die Frauen von Bloomfield, die du trösten musst, seit deine Brüder verheiratet sind?“

„Wie großherzig“, meinte Raina spöttisch. Als alle nun sie anschauten, hätte sie sich ohrfeigen können, weil sie überhaupt den Mund aufgemacht hatte.

„Es war nur Spaß.“ Lucian hob die Arme. „Stimmt’s, Melanie?“

Melanie lächelte. „Heißt das, dass du Sally Lyn jetzt doch keinen Antrag machen wirst?“

Raina schaute abrupt auf. Lucian wollte heiraten? Ihr Herz begann heftig zu pochen.

„Sally Lyn?“ Gabe verschluckte sich fast. „Du meinst Sally Lyn Wetters? Wieso weiß ich nichts davon?“

„Was für einen Antrag?“, wollte Kevin wissen.

„Sie zu bitten, ihn zu heiraten“, erklärte Melanie.

„Onkel Lucian will heiraten?“ Kevins Augen wurden vor Staunen ganz groß. „Gibst du dann auch so eine tolle Party wie meine Mom und mein Dad?“

„Ich werde nicht heiraten“, stellte Lucian klar. „Und ganz sicherlich nicht Sally Lyn.“

„Ach, das hab ich ja total vergessen“, fuhr Kevin fort, als hätte er Lucian gar nicht gehört. „Du kannst dich an Mommys und Daddys Party wegen deinem Unfall ja gar nicht erinnern. Du hast aber echt Spaß gehabt. Du hast mit allen getanzt, sogar mit Raina. Kann ich also zu deiner Party kommen?“

„Kevin“, sagte Lucian geduldig. „Ich werde nicht heiraten, und ich werde keine …“

„Was für ein Unfall?“

Die Worte waren heraus, bevor Raina nachgedacht hatte. Der nächste Löffel mit Kartoffelbrei, den sie Emma in den Mund schieben wollte, blieb im Teller liegen. Lag es an der Intensität, mit der sie gefragt hatte, oder an ihrem entgeisterten Gesichtsausdruck, auf jeden Fall schauten alle sie auf einmal an.

„Was für ein Unfall?“, fragte sie noch einmal.

„Es war nicht weiter wichtig“, meinte Lucian.

Doch, dachte Raina, der der Kopf schwirrte. Vielleicht ist es sogar sehr wichtig.

„Ich habe dir doch von Lucians Autounfall am Morgen nach der Hochzeitsfeier erzählt.“ Melanie runzelte die Stirn. „Oder etwa nicht?“

Der Morgen nach der Hochzeitsfeier …

„Nein.“ Das Blut rauschte Raina in den Ohren. „Das hast du nicht getan.“

„Alle wussten, dass wir unsere Hochzeitsreise abgebrochen hätten, wenn wir gehört hätten, dass Lucian im Krankenhaus liegt, also haben sie es uns erst erzählt, als wir zurückkamen“, sagte Melanie.

„Im Krankenhaus?“, flüsterten Raina und wandte sich dann an Lucian. „Du warst im Krankenhaus?“

„Nur ein paar Tage.“

Emma beschwerte sich, dass kein Essen mehr kam. Rainas Finger zitterten, als sie den Löffel in den Mund ihrer Tochter schob.

„Du warst in Italien, Raina.“ Melanie sah sie entschuldigend an. „Und ich glaube, wir haben mindestens drei Monate lang nicht miteinander telefoniert. Vermutlich habe ich damals gar nicht mehr daran gedacht, es dir zu erzählen, weil Lucian ja wieder in Ordnung war.“

Sie hat vergessen, es mir zu erzählen? Oh nein! Raina schluckte bei dem Gedanken und rang um ihre Fassung. Sie sah Lucian direkt an. „Was ist geschehen?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Ahnung.“

„Du meinst …“, sie zögerte, „… du erinnerst dich nicht?“

„Dem Polizeibericht nach ist sein Wagen so gegen sechs Uhr dreißig auf eisglatter Fahrbahn ins Schleudern geraten.“ Gabe nahm sein Weinglas in die Hand. „Gemessen daran, dass sein Pick-up total zerbeult wurde, kann er froh sein, dass ihm selber nichts Schlimmeres passiert ist.“

„Aber du erinnerst dich nicht? An gar nichts?“ Es kostete sie Mühe, ihn nicht zu packen und zu schütteln. „Nicht einmal an die Hochzeit?“

„An nichts von der Hochzeit, abgesehen von dem Toast, den ich auf der Feier danach ausgesprochen habe und der aus irgendeinem Grund in meinem Gedächtnis haften geblieben ist.“ Lucian zuckte mit den Schultern. „Alle haben mir jedoch erzählt, dass ich mich gut amüsiert hätte, damit muss ich mich wohl zufrieden­geben.“

Oh ja, du hast dich gut amüsiert, dachte Raina. Und nicht nur während der Hochzeitsfeier. „Was ist das letzte Detail, an das du dich erinnerst?“, fragte sie vorsichtig.

„Dass ich nach Hause gefahren bin, um meinen Smoking zu holen“, antwortete Lucian. „Das war zwei Tage vor der Hochzeit, als wir uns alle zur Probe getroffen haben.“

Der Tag, an dem ich angekommen bin, kombinierte Raina. Sie und Lucian hatten sich bei der Probe zum ersten Mal getroffen. Also erinnerte er sich nicht mehr an sie, und nicht mehr daran, dass er auf der Hochzeitsfeier mit ihr getanzt und sie nachher zurück zu Gabes und Melanies Haus gefahren hatte.

Und dass sie sich die ganze Nacht geliebt hatten.

Plötzlich wünschte sie, sie hätte das Glas Wein, das Gabe ihr angeboten hatte, nicht abgelehnt.

„Wir haben das Geheimnis, warum er zu so früher Stunde unterwegs war, noch nicht gelüftet. Obwohl wir natürlich eine Vermutung haben.“

„Hör auf, Gabe!“, fuhr Lucian ihn an.

„Ach ja?“ Raina umklammerte ihre Gabel. „Und was vermutet ihr?“

Gabe grinste und genoss sichtlich das Unbehagen seines Bruders. „Nun, da er immer noch seinen Smoking anhatte, kann man davon ausgehen, dass er nicht zu Hause gewesen ist. Was bedeutet, dass eine Frau mit im Spiel war.“

„Muss das sein?“ Lucian funkelte ihn böse an.

„Reese, Callan und Ian haben gewettet, welche der Ladys, die ihn im Krankenhaus besucht haben, es wohl gewesen sein könnte. Doch keine hat gestanden.“

„Tatsächlich?“ Ihre eigene Stimme hörte sich fremd an in Rainas Ohren.

Gabe trank einen Schluck Wein. „Deshalb bleibt sie für uns die geheimnisvolle Lady.“

3. KAPITEL

Es war nicht die viele Freizeit, die Lucian verrückt machte. Das Baugewerbe war schon immer großen Schwankungen unterworfen gewesen, und er liebte diesen Aspekt seiner Arbeit. Monatelang arbeitete er vierzehn Stunden am Tag, dann gab es wochenlang keine Arbeit. Zwischen den Projekten konnte er seine Zeit so verbringen, wie er wollte, sei es, dass er ohne Unterbrechung an seinem eigenen Haus werkelte oder sich auf sein Motorrad schwang und einige Tage ganz freinahm. Dann konnte er dort anhalten, wo er wollte, wann er wollte und solange er wollte.

Es war ein herrliches Leben – einfach und ohne Komplikationen, mit unendlichen Möglichkeiten.

Nein, zu viel Freizeit machte ihn nicht verrückt.

Es war Raina Sarbanes, die ihn verrückt machte. Er konnte die Frau nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Selbst jetzt im Lokal seines Bruders, während er sich mit Ian und Callan ein Basketballspiel im Fernsehen anschaute, dachte er an Melanies beste Freundin.

Raina verwirrte ihn. Als er sie am Flughafen abgeholt hatte, hatte sie sich ihm gegenüber betont kühl und gleichgültig verhalten. Dann plötzlich, während des Essens gestern Abend, hatte sie ein überraschendes Interesse an seinem Unfall bekundet. War sie lediglich höflich oder war sie wirklich besorgt gewesen?

Und warum sollte das, was ihm passiert war, überhaupt wichtig für sie sein?

Sein Pick-up war ziemlich demoliert gewesen, doch der Unfall war sonst nicht weiter schwerwiegend gewesen. Er hatte ein paar Schrammen und blaue Flecken davongetragen, eine leichte Gehirnerschütterung und ziemliche Kopfschmerzen während der darauffolgenden Tage gehabt. Außerdem fehlte ihm die Erinnerung an über zwei Tage seines Lebens. Doch der Arzt hatte ihm versichert, dass ein Gedächtnisverlust dieser Art nicht anormal sei bei solchen Kopfverletzungen. Also hatte er keine große Sache daraus gemacht.

Doch manchmal hatte er das merkwürdige Gefühl, dass es sogar eine sehr große Sache war.

Er hatte gestern Abend versucht, mit Raina allein zu sprechen, um sie zu fragen, ob er sie in irgendeiner Weise beleidigt habe, doch sie war mit ihrer Tochter nach oben verschwunden und nicht wieder aufgetaucht. Heute war die Babyparty, also konnte er jetzt nicht hinfahren.

Lucian runzelte die Stirn. Geduld war noch nie seine Stärke gewesen. Er griff nach dem Glas Bier, das seit einer halben Stunde vor ihm auf dem Tresen stand.

Applaus brach um ihn herum aus, als der entscheidende Punkt gegen die favorisierten New York Knicks erzielt wurde. Callan und Ian klopften ihm beide auf die Schulter, und das Bier schwappte aus seinem Glas.

„Hey, seid vorsichtig, wenn ein Mann sein Bier in der Hand hält!“

„Und wenn ihm eine Frau im Kopf herumspukt.“ Reese, der auf der anderen Seite des Tresens stand, wischte das Bier auf.

„Wer ist denn diesmal die Glückliche?“ Callan reichte Ian einen Fünfdollarschein, den er gerade verloren hatte, weil er auf die New York Knicks gesetzt hatte.

„Wie kommt ihr darauf, dass mir eine Frau im Kopf herumspukt?“ Griesgrämig betrachtete Lucian seine Brüder und seinen Schwager. „Es gibt andere Dinge, die meine Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.“

Die anderen schauten sich an.

„Hat er das Basketballspiel verfolgt?“, fragte Ian Callan.

„Nein.“

„Hat er heute an seinem Haus gearbeitet?“, fragte Ian Reese.

„Nicht, dass ich wüsste.“

„Hat er das Bier getrunken, das du ihm vor einer halben Stunde eingeschenkt hast?“

Sie schauten auf das volle Glas und wieder zu Lucian. „Es ist eine Frau“, erklärten sie dann einstimmig.

„Komm schon, Bruderherz, raus damit.“ Reese nahm Lucian das warme Bier aus der Hand, kippte es aus und zapfte ihm ein frisches. „Was ist los?“

„Nichts ist los.“ Um es zu beweisen, trank Lucian einen großen Schluck Bier.

Ian nahm eine Erdnuss aus der Schale, die auf der Bar stand. „Cara meint, du seist ganz hin und weg gewesen, als du Melanies Freundin vom Flughafen abgeholt hast. Wie heißt sie noch mal? Rita?“

„Ich habe sie angeschaut, na und?“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich bin weder blind noch tot, okay? Und sie heißt Raina“, fügte er hinzu, „nicht Rita.“

„Ach ja, richtig, Raina.“

Ian grinste ihn an, und Lucian wusste, er war auf den Arm genommen worden.

„Tut mir ja leid, euch zu enttäuschen, Jungs.“ Er sah die anderen gelangweilt an, bevor er noch einen Schluck Bier nahm. „Aber da gibt es nichts zu spekulieren.“

„Jedenfalls nicht von ihrer Seite aus.“ Callan konnte sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen. „Offenbar ist die Frau genauso schlau, wie sie schön ist.“

Lucian knirschte mit den Zähnen und wünschte, die drei würden aufhören. Doch aus Erfahrung wusste er, dass sie gerade erst angefangen hatten.

„Onkel Ian! Onkel Callan! Onkel Reese! Ich habe gestern einen Home-Run-Schlag beim Baseball gemacht.“ Kevin stürmte herein, gefolgt von Gabe. Der Junge hob den Arm, um es vorzumachen. „Du weißt das ja schon, Onkel Lucian.“

„Genau, Großer.“ Erleichtert lächelte Lucian Kevin an. Es gab doch nichts Besseres als einen redseligen Sechsjährigen, um eine Diskussion über Frauen zu unterbrechen. „Ich habe dir das schließlich auch alles beigebracht.“

„Mir scheint, das muss gefeiert werden.“ Reese nickte einer rothaarigen Kellnerin zu. „Marie, einen Hamburger und einen Schokoladenshake für meinen Neffen hier, bitte.“

„Wow! Danke, Onkel Reese.“ Kevin kletterte auf einen Barhocker. „Und wir sollten auch Onkel Lucian feiern, wo er doch bald heiratet.“

Lucian spuckte das Bier fast wieder aus, das er gerade geschluckt hatte. Mit Ausnahme des Fernsehers, der immer noch eingeschaltet war, wurde es mäuschenstill im Lokal. Sämtliche Gäste drehten ihre Köpfe und schauten zu Lucian. Ian, Reese und Callan starrten ihn ebenfalls mit hochgezogenen Brauen an.

Gabe dagegen grinste und setzte sich auf den Hocker neben Kevin.

Lucians Hoffnungen, dass Kevin der Unterhaltung eine andere Richtung geben würde, lösten sich in nichts auf. „Ich werde nicht heiraten“, sagte er entschieden und mit so viel Geduld, wie er unter den Umständen aufbringen konnte. „Niemanden. Habt ihr das alle verstanden?“

Die Männer tauschten einen wissenden Blick aus, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Kevin richteten, der glücklicherweise zum Thema Baseball zurückgekehrt war.

Lucian nahm noch einen Schluck Bier und schüttelte den Kopf. Zum Kuckuck, was sollte dieses ganze Gerede vom Heiraten in letzter Zeit?

Verheiratete Leute konnten es wohl nicht ertragen, dass Alleinstehende glücklich waren. Doch das war er. Er war gern Single und hatte vor, es noch sehr, sehr lange zu bleiben. Vielleicht sogar für immer.

Es müsste schon eine ganz besondere Frau sein, die es schaffte, seine Meinung diesbezüglich zu ändern. Und tief in seinem Herzen bezweifelte Lucian, dass es diese Frau gab.

„Oh, Raina, schau dir das an!“ Melanies Augen glänzten feucht, als sie den winzigen weißen Strickhut hochhielt. „Ist der nicht niedlich?“

„Er ist wirklich süß.“ Lächelnd setzte Raina Emma zwischen einen Stapel leerer Geschenkpackungen, und das Baby krähte vor Vergnügen. „Siehst du, Emma gefällt er auch.“

„Sie war wirklich ein Engel heute.“ Melanie reichte der Kleinen eine bunte Rassel, die auf einem der Pakete festgebunden war. „Ist sie immer so lieb, wenn so viele Menschen um sie herum sind?“

Raina setzte sich zu Melanie auf das Sofa und war froh über die Ruhe. Der Geräuschpegel von dreißig Frauenstimmen auf einer Babyparty war ungefähr vergleichbar mit dem, der auf einem Bahnhof herrschte. Die letzten Gäste sowie Melanies Schwägerinnen waren erst vor wenigen Minuten gegangen, und Raina dröhnten immer noch die Ohren.

„Sie wurde praktisch in einem Umkleidezimmer voller Models geboren und von so vielen Frauen bewundert und verhätschelt, dass ich schon Angst bekam, sie könnte nicht mehr wissen, wer ihre richtige Mutter ist. Ich musste ein Kindermädchen für sie engagieren, damit sie wenigstens ein bisschen Ruhe bekam.“ Raina nahm einen winzigen hellgrünen Schlafanzug in die Hand und meinte ein wenig wehmütig: „Ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern, dass sie jemals so klein war.“

„Raina.“ Melanies Lächeln schwand. „Es tut mir leid, dass ich nicht für dich da sein konnte, als du mit Emma schwanger warst.“ Sie drückte Rainas Hand. „Du weißt hoffentlich, wie sehr ich mir das gewünscht habe.“

„Natürlich weiß ich das.“ Raina umarmte ihre Freundin. „Ich war in Italien und habe sechzehn Stunden am Tag gearbeitet. Du warst hier mit Kevin und frisch verheiratet. Wir waren beide da, wo wir zu dem Zeitpunkt hingehörten, und haben das getan, was wir tun mussten.“

Melanie nickte traurig, bevor sie sich zurücklehnte und Raina nachdenklich ansah. „Warum haben wir nie darüber gesprochen?“

Raina schaute zur Seite und sah Emma zu, die die Rassel in eine leere Schachtel warf und dann fröhlich lachte. Wir haben nie darüber gesprochen, weil ich ein Feigling bin, sollte sie ehrlicherweise antworten, brachte es jedoch nicht über die Lippen. Weil ich schreckliche Angst hatte, dass du fragst, wer der Vater von Emma ist.

Sie hatte Melanie von ihrer Schwangerschaft erst erzählt, als sie bereits im sechsten Monat gewesen war. Raina wusste, dass Melanie das verletzt hatte, sie es aber auch verstehen würde. Sie würde ihr vergeben und Geduld mit ihr haben. Melanie war immer all das gewesen, was sie nicht war.

„Es tut mir leid“, sagte Raina. „Ich wollte dich nicht ausschließen. Aber ich war so verwirrt und wollte nicht, dass du dir Sorgen machst. Es gab da ein paar Dinge, denen ich einfach noch nicht ins Auge sehen konnte.“

„Bist du denn jetzt dazu bereit?“

Melanies Frage hallte in Raina wider.

War sie bereit?

Sie war immer noch ganz durcheinander von dem, was sie gestern beim Abendessen erfahren hatte: Lucian hatte am Morgen nach der Hochzeit einen Unfall gehabt.

Nachdem sie an jenem Morgen das Bettzeug gewechselt hatte und alle Spuren von Lucians Anwesenheit in der Nacht beseitigt hatte, hatte sie ihren Koffer gepackt, sich ein Taxi gerufen und war zum Flughafen gefahren. Sie hatte ihr Flugzeug bestiegen, das Land verlassen und die ganze Zeit geglaubt, dass er wortlos gegangen sei.

Drei Monate später hatte sie den schwierigsten Telefonanruf ihres Lebens getätigt …

„Lucian, hier ist Raina.“

„Raina? Welche Raina?“

Die Verwirrung in seiner Stimme, dann das lange Schweigen, das folgte, waren wie ein Schlag ins Gesicht gewesen. Es war eine Sache zu glauben, dass er einfach weggegangen sei; doch dass er sich nicht einmal mehr an ihren Namen erinnern konnte, hatte sie nicht ertragen können. Ohne ein weiteres Wort hatte sie aufgelegt und nie wieder angerufen.

Ein Unfall. Er war von ihr weggegangen und hatte am gleichen Morgen einen Unfall gehabt.

Sie hatte fast die ganze letzte Nacht wach gelegen und sich in dem Bett, in dem sie und Lucian sich geliebt hatten, hin und her gewälzt. Bilder waren ihr durch den Kopf geschossen: Lucian, wie er mit seinem Pick-up auf dem Eis ins Schlingern kam. Lucian, der verletzt und blutend allein im Straßengraben lag. Lucian im Krankenhaus, den Kopf verbunden.

Er hatte beim Essen gesagt, es sei nicht weiter wichtig gewesen, doch er hatte sich getäuscht. Es war sehr wichtig.

Natürlich wusste sie noch immer nicht, was er für Absichten gehabt hatte, als er an jenem Morgen weggegangen war, ob er zurückgekommen wäre oder sie angerufen hätte. Doch das würde sie nun wohl nie erfahren.

Weil er es selbst nicht mehr wusste.

Er konnte sich nicht erinnern, nicht an die Nacht, die sie zusammen verbracht hatten, kaum an die Hochzeit. Er schien nicht einmal mehr zu wissen, dass er sie überhaupt getroffen hatte.

Sie schloss die Augen und versuchte, ruhig zu atmen. All der Schmerz und die Wut, die sie seit jener Nacht verspürt hatte, hatten sich in Schuldgefühle verwandelt. Irgendwie musste sie es wiedergutmachen, dass sie ihm Unrecht getan hatte.

Wenn sie nur wüsste, wie.

„Raina.“

Melanies sanfte Stimme erinnerte sie, dass sie noch nicht geantwortet hatte. Ob sie jetzt bereit sei, hatte Melanie gefragt.

Nein, das war sie noch nicht. Aber sie hatte keine Wahl.

„Es gibt da etwas, das ich tun muss“, sagte sie. „Dann erzähle ich dir alles, bevor ich wieder wegfahre. Das verspreche ich dir.“

„Ich werde dich daran erinnern“, erwiderte Melanie. „So, bevor Gabe mit unserem Tornado Kevin wiederkommt, sollten wir …“ Sie hielt inne und lauschte. „Zu spät. Halt dich fest.“

Die Eingangstür wurde aufgestoßen, und Kevin stürmte ins Zimmer. Rainas Herz setzte einen Schlag lang aus, als sie sah, dass Lucian ihm auf den Fersen folgte. Wie zwei Indianer auf dem Kriegspfad rannten sie heulend durchs Wohnzimmer und in die Küche.

Mit großen Augen starrte Emma ihnen nach.

Gabe schlenderte durch die Tür und schloss sie hinter sich. Lächelnd ging er zu seiner Frau und gab ihr einen Kuss.

„Lass mich raten“, meinte Melanie. „Sie haben gehört, dass es Kuchen gibt.“

„Genau. Man munkelt, es handelt sich dabei um Schokoladenkuchen mit Sahne.“

„Und mit Himbeerfüllung“, fügte sie hinzu. „Ich habe dir ein Stück im Kühlschrank versteckt.“

„Das nenne ich eine liebende Frau.“ Er küsste sie erneut und hob dann Emma vom Fußboden hoch. „Und wie geht es meiner kleinen Dame hier?“

„Gut. Sie soll jetzt in die Badewanne und danach ins Bett“, antwortete Raina. Jetzt, da Lucian aufgetaucht war, wollte sie so schnell wie möglich nach oben. Sie mussten miteinander reden, und zwar bald, doch jetzt war nicht der richtige Augenblick. „Komm, meine Süße, wir wollen Gabe und Melanie ein bisschen Zeit für sich gönnen.“

„Dürfen wir sie ins Bett bringen?“, fragte Melanie und lächelte ihren Mann schelmisch an. „Ich bin aus der Übung, und Gabe kann noch ein paar Lektionen gebrauchen, bevor das Baby kommt.“

„Soll das heißen, dass sie ohne Bedienungsanleitung auf die Welt kommen?“, murmelte er und kitzelte Emma am Bauch.

„Nein“, antwortete Melanie. „Aber alle Seiten sind leer. Genauso wie bei dem Buch ‚Was Männer über Frauen wissen‘.“

Ein lauter Knall kam aus der Küche, triumphierendes Gelächter folgte, und kurz darauf erschien Kevin, der sich Schokoladenkrümel vom Mund wischte.

„Ich habe Onkel Lucian beim Armdrücken geschlagen und durfte das erste Stück Kuchen essen“, verkündete er stolz.

„Hoch mit dir, junger Mann“, sagte Melanie entschieden. „Ab mit dir in die Wanne und dann ins Bett.“

„Ach, Mom.“ Kevin ging zur Treppe. „Ich bin überhaupt noch nicht müde.“

„Als du das das letzte Mal gesagt hast, bist du auf deinem Bett eingeschlafen“, meinte Gabe. „In deiner Unterwäsche, wenn ich mich recht erinnere.“

„Das stimmt ja gar nicht!“ Kevin wurde rot und mied Rainas Blick. „Ich habe mich nur ausgeruht.“ Er stapfte beleidigt die Treppe hinauf.

Als Raina aufstehen wollte, hob Melanie abwehrend die Hand.

„Du bleibst hier.“

„Aber …“

„Kein Aber“, sagte Melanie. „Wir kommen wieder runter, sobald Emma schläft. Entspann dich einfach solange.“

Mich entspannen? dachte Raina. Wie sollte sie sich entspannen, wenn Lucian und sie unten waren und die anderen oben?

„Hallo.“

Sie holte tief Luft, bevor sie sich umdrehte, als er aus der Küche kam. Warum musste dieser Mann immer so verflixt attraktiv aussehen? Bei ihrer Arbeit war sie ständig von ausgesucht gekleideten Männern umgeben, und Lucian brauchte nur ausgeblichene Jeans und ein schwarzes T-Shirt anzuziehen, und er sah fantastisch und sehr sexy aus.

Sie schluckte und zwang sich zu einem Lächeln. „Hallo.“

In der einen Hand hielt er einen Teller mit einem großen Stück Kuchen, in der anderen eine Gabel. Sie mit seinen unglaublichen grünen Augen unverwandt anschauend, schlenderte er näher und setzte sich neben sie aufs Sofa.

„Sieht so aus, als hätte Melanie einen hübschen Haufen Geschenke bekommen.“ Er deutete auf all die ausgepackten Päckchen, die herumlagen, und zeigte dann auf eine geschlossene Schachtel auf dem Tisch. „Was ist das?“

„Ein Babyfon.“ Sie beschäftigte sich damit, eine Babydecke zusammenzulegen. „Es hat zwei Empfänger.“

„Ehrlich? Wie praktisch.“ Er grinste sie an, nahm einen Bissen Kuchen und seufzte. „Hm, köstlich.“

Es machte sie verrückt, dass Lucian so dicht neben ihr saß, dieses Lächeln auf den Lippen, bei dem jede Frau schwach wurde. Selbst die Art, wie er den Kuchen aß, war sexy. All diese Schokolade und Sahne, die er in seinen gut geschnittenen Mund schob; dieser Glanz in seinen Augen, der seinen Genuss zeigte.

Sie hatte er auch einmal so begehrlich angeschaut. Die Erinnerung ließ sie erschauern.

„Ist dir kalt?“, fragte er.

„Nein“, erwiderte sie hastig.

Er wies mit dem Kopf zu einem Korb auf dem Fußboden. „Sag mir nicht, dass sie meinen Neffen in diesen etwas zu groß geratenen Brotkorb legen wollen.“

„Wie kommst du darauf, dass es ein Junge wird? Es könnte doch genauso gut ein Mädchen werden.“

„Könnte es schon, aber ich habe zehn Dollar gewettet, dass es ein Junge wird.“ Er schaute sie nachdenklich an. „Wusstest du vorher, dass du ein Mädchen bekommst?“

Raina spürte, dass sich ihr Puls beschleunigte. Dies war ein Thema, das sie nicht weiter vertiefen wollte – im Moment jedenfalls nicht. Sie beugte sich vor, um die Schachteln zusammenzulegen, mit denen Emma vorhin gespielt hatte.

„Ich wusste es.“

„Du wolltest also nicht überrascht werden?“

„Nein.“ Sie schaute auf, als sie oben Wasser rauschen und Emma vor Begeisterung juchzen hörte. „Ich glaube, ich sollte nach oben …“

„Raina.“ Lucian stellte seinen Kuchenteller auf den Tisch. „Warte.“

Er umfasste ihr Handgelenk, und sie setzte sich wieder, aber nur, weil ihre Knie sie ohnehin nicht getragen hätten.

„Was ist?“, fragte sie und ärgerte sich, dass ihre Stimme so piepsig wie die eines Mäuschens klang.

„Warum mache ich dich so nervös?“

„Ich bin nicht nervös.“ Das war eine faustdicke Lüge, was er sicher auch wusste.

„Ich habe über dich nachgedacht.“ Mit dem Daumen strich er langsam über ihr Handgelenk. „Und habe mich gefragt, warum du dich mir gegenüber so anders als zu den anderen verhältst. Habe ich dir etwas getan? Habe ich auf der Hochzeit oder davor etwas Falsches zu dir gesagt?“

„Nein.“ Und das stimmte sogar. „Es war nichts, was du gesagt hast.“

„Dein Puls geht ganz schnell“, murmelte er. „Also etwas war. War es etwas, das ich getan habe? Sag es mir, bitte.“

Der sanfte Klang seiner Stimme, die leichte Berührung seines Daumens hatten etwas Bezwingendes. „Es … es war nicht auf der Hochzeit und auch nicht davor.“

„Wann war es dann?‘“

Sie schluckte. „Es war danach.“

„Danach?“ Bei dem gequälten Ausdruck auf Rainas Gesicht und ihrem ernsten Blick vermutete Lucian, dass er damals etwas ziemlich Schlimmes getan hatte. „Jemand hat gesagt, dass du nach der Hochzeitsfeier in Gabes und Melanies Haus gefahren bist. Ich war davon ausgegangen, dass Cara und Ian dich mitgenommen hätten.“

„Das wollten sie auch“, sagte Raina gepresst. „Doch Cara war im sechsten Monat schwanger, und ich merkte, dass sie erschöpft war. Ich habe ihnen gesagt, sie sollten direkt nach Hause fahren, ich würde schon jemanden finden, der mich mitnimmt.“

Lucian hob die Augenbrauen. „Willst du damit sagen, dass ich dich gefahren habe?“

„Du wolltest sowieso die Geschenke zu Melanies Haus bringen. Also machte es Sinn, dass ich bei dir mitfuhr.“

„Aber warum wusste denn niemand, dass wir zusammen aufgebrochen sind?“, fragte er. „Jemand muss uns doch gesehen haben.“

„Du hast deinen Pick-up am Hintereingang beladen, und wir sind von dort losgefahren. Da allgemeiner Aufbruch war, haben sie vielleicht gedacht, du seist vor mir und nicht mit mir weggefahren.“

In diesem Moment hasste Lucian seine Erinnerungslücken. Anfangs hatten sie ihn auch verrückt gemacht, doch dann hatte er akzeptiert, dass er sich an Gabe und Melanies Hochzeit wohl nie mehr erinnern würde.

Während er Rainas heftig klopfenden Puls unter seinen Fingerspitzen spürte, wurde ihm plötzlich schlagartig klar, was sie ihm zu verstehen geben wollte.

Oh nein! „Soll das heißen, dass ich … dass wir …“

Sie nickte. „Wir haben die Nacht zusammen verbracht.“

Verflixt! „Raina, du meine Güte, ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Er hatte schon so manche heikle Situation meistern müssen, doch verglichen mit dieser war das alles harmlos gewesen. „Ich habe nicht … Ich meine, war ich …“

Verdammt! Er wusste wirklich nicht, was er sagen sollte.

Sie hatten in der Nacht nach der Hochzeit miteinander geschlafen – hier in diesem Haus.

„Und du hast es niemandem erzählt?“, brachte er schließlich heraus. „Nicht einmal Melanie?“

„Es gab keinen Grund, es Melanie zu erzählen. Was geschehen war, betraf nur dich und mich.“

„Aber du hast mir auch nie etwas gesagt.“ Er versuchte, sich zu fangen. „Warum nicht?“

„Ich habe geschlafen, als du am nächsten Morgen weggegangen bist.“ Sie entzog ihm ihre Hand. „Es war keine Nachricht von dir da, als ich aufwachte, und du bist auch nicht ...

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