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BACCARA EXKLUSIV BAND 112

ANNA DEPALO

Endlich werd ich dich erobern

Sie ist noch das verwöhnte Mädchen, das er von früher kennt! Nur um seinem Freund einen Gefallen zu tun, zieht Bodyguard Connor bei Allison ein, um sie vor einem anonymen Stalker zu schützen. Von Tag zu Tag fällt es ihm schwerer, sich zu konzentrieren: Allison ist doch erwachsen geworden – und zieht plötzlich alle Register ihrer verführerischen Weiblichkeit!

KATHERINE GARBERA

Ich setze auf Rot

Alles oder nichts – große Liebe oder zwei gebrochene Herzen! Als Shelby ihren Exfreund Hayden wiedersieht, will sie nur eins: ihn zurück in ihrem Leben! Sie schwört ihm, dass sie sich geändert hat, und Hayden scheint zu vergessen, dass sie ihn damals ohne ein Wort verließ. Er vertraut ihr wieder – bis düstere Schatten der Vergangenheit ihr Glück verdunkeln …

TORI CARRINGTON

Sag nie – nie wieder!

„Das darf nie wieder geschehen!” Seine Worte treffen Anwältin Bronte wie ein Messerstich ins Herz! Gerade hat Connor sie mit einer Leidenschaft geküsst, die ihr den Atem raubte – da stößt der US-Marshall sie nach einem Anruf plötzlich von sich. Bronte muss wissen, was geschehen ist! Doch sie bringt Connor und ihre Liebe mit ihren Fragen in höchste Gefahr …

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Endlich werd ich dich erobern

1. KAPITEL

Allison Whittaker starrte auf den Mann, der sie vielleicht töten wollte. Vorsichtig schob sie die Lamellen ihrer Jalousie ein wenig beiseite, um einen besseren Blick auf die dunkle Straße zu erhalten, die sich unter ihr erstreckte. Der gelbliche Schein einer altmodischen Gaslaterne kämpfte einen fast aussichtslosen Kampf gegen die Dunkelheit der kühlen Aprilnacht.

Der Mann in dem schwarzen Wagen auf der anderen Straßenseite saß reglos auf dem Fahrersitz, das Gesicht im Dunkeln verborgen.

Letzte Nacht war er auch schon dort gewesen.

Sie hatte ihn bemerkt, da sie aus Prinzip aufmerksam war. Das wurde man nach vier Jahren als stellvertretende Bezirksstaatsanwältin in Boston. Zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn war sie wesentlich naiver gewesen. Damals war sie frisch von der Universität gekommen und noch sehr idealistisch gewesen.

Wenn es nach ihrer vornehmen Familie gegangen wäre, hätte die nächste Stufe auf ihrer Karriereleiter ohnehin anders aussehen müssen als das, was sie jetzt machte. Ein netter ruhiger Job in einer renommierten Anwaltskanzlei wäre die Idealvorstellung ihrer Mutter gewesen, einer angesehenen Familienrichterin, über die soeben ein lobender Artikel im „Boston Globe“ erschienen war.

Allison hatte sich jedoch zur Überraschung aller für das harte Brot der Anklägerin entschieden. Und das nicht etwa in der prestigeträchtigen Stellung als stellvertretende Bundesanwältin, die mit den großen Fällen betraut war. Nein, sie hatte sich in die Niederungen der Justiz begeben und sorgte als Anklägerin beim Bezirksgericht dafür, dass der miese kleine Drogendealer oder Einbrecher von nebenan hinter Gittern landete.

Allison blickte immer noch auf die Gestalt im Auto und überlegte, dass ihre Familie sehr überrascht wäre, wenn sie plötzlich tot in ihrem Haus läge, die Kehle von dem geheimnisvollen Mann durchschnitten, der ihr Morddrohungen schickte. Nein, auf diese Zugabe konnte sie verzichten.

Sie hielt den Atem an, da der Mann im Auto sich plötzlich bewegte und die Fahrertür öffnete.

Als er ausstieg, spähte sie noch angestrengter durch die Lamellen, konnte sein Gesicht in der Dunkelheit jedoch nicht genau erkennen. Er war groß und muskulös, hatte braunes Haar und trug dunkle Kleidung.

Sie beobachtete, wie er die Straße hinauf und hinab blickte und dann auf ihr Haus zusteuerte. Wollte er etwa zu ihr? Unwillkürlich bekam sie Herzklopfen und atmete schneller. Ruf die Polizei! mahnte ihr Verstand.

Zweifellos würden ihre Nachbarn es hören, wenn er einzubrechen versuchte. Denn in Beacon Hill, dem exklusiven Wohnviertel, in dem sie lebte, müsste so etwas doch eigentlich auffallen.

Der Mann durchquerte den Lichtkegel einer Straßenlaterne, und plötzlich gewann Allisons Verstand die Oberhand über ihre Horrorvisionen von einem gewalttätigen Einbrecher.

Das Gesicht kenne ich doch! schoss es ihr durch den Kopf.

Ärger verdrängte ihre Angst. Keine leichte Verärgerung, sondern die heftig brodelnde Variante, die jeden ihrer drei älteren Brüder sofort hätte in Deckung gehen lassen.

Sie eilte die Treppe ins Erdgeschoss ihres Backsteinhauses hinunter, obwohl sie sich bereits ausgezogen hatte und nur ein kurzes Seidenhemdchen und einen passenden Morgenmantel darübertrug. Unten angelangt, war sie sich zwar vage bewusst, weder Klopfen noch Klingeln gehört zu haben, schloss jedoch auf und riss die Tür auf.

„Hallo, Prinzessin.“

Wie stets beim Anblick dieses großen athletischen Mannes erhöhte sich ihr Pulsschlag und sie spannte sich innerlich an.

Frauen reagierten auf ihn nicht selten ziemlich albern und begannen kichernd zu flirten. Sie nicht. Dafür kannten sie sich zu lange und zu gut. Außerdem bezweifelte sie, dass sein Erscheinen bei ihr an diesem Abend purer Zufall war.

Die Arme vor der Brust verschränkt, fuhr sie ihn an: „Hast du die falsche Abzweigung genommen, Connor? Wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht, war Beacon Hill früher eine zu exklusive Wohngegend für ungehobelte Typen wie dich!“

Er besaß die Frechheit, amüsiert auszusehen, während er sie mit einem anerkennenden Blick maß. „Und du bist immer noch die stolze Prinzessin aus meiner Erinnerung – strahlend wie ein Diamant.“

„Wenn du dich mit Diamanten auch nur ansatzweise auskennst, dann weißt du ja wohl, dass man sich an ihnen die Zähne ausbeißen kann.“

„Was Diamanten betrifft, damit kenne ich mich seit Neuestem bestens aus, Ally.“ Er tippte ihr mit dem Finger auf die Nasenspitze und trat ohne Aufforderung ein, sodass Allison gezwungen war, einen Schritt zurückzuweichen. „Ich habe entdeckt, dass sie bevorzugte Geschenke für Frauen aus deinen Kreisen sind.“

Allison versuchte die Vorstellung zu verdrängen, wie Connor Diamanten für seine Freundinnen kaufte. Und das vermutlich auch noch in einem Luxusgeschäft wie Van Cleef & Arpels. Zur Hölle mit dir, Rafferty! dachte sie. Er war zwar in einem rauen Viertel in Süd-Boston aufgewachsen, hatte sich jedoch ein millionenschweres Sicherheitsunternehmen aufgebaut, und seine Konten dürften sich im achtstelligen Bereich bewegen. Ein typischer Dynamiker, der es aus eigener Kraft geschafft hatte.

Sie schlug die Tür hinter ihm zu und schloss ab. „Fühl dich ganz wie zu Hause“, forderte sie ihn sarkastisch auf. Solange sie stichelte, brauchte sie nicht darüber nachzudenken, dass sie mit Connor und den turbulenten Gefühlen, die er unweigerlich in ihr wachrief, allein war. „Ich nehme doch an, dass du mir bei Gelegenheit verrätst, warum du mitten in der Nacht mein Haus beobachtest.“

„Wie kommst du denn darauf, dass ich so etwas tue?“ Er zog seine Jacke aus und warf sie über einen nahen Stuhl.

Allison tat, als überlege sie, und rieb sich das Kinn, während sie ihm ins Wohnzimmer folgte, wo er eine Lampe einschaltete. „Ach, ich weiß nicht. Könnte es daran liegen, dass du während der letzten halben Stunde bei ausgeschaltetem Motor auf der anderen Straßenseite in deinem Wagen gehockt hast?“

Sie bemerkte, dass er sich im Wohnzimmer umschaute und die vielen gerahmten Fotos betrachtete, die sie mit ihrer Familie, Freunden und ihrem Kater Samson zeigten, der vor vier Monaten an Altersschwäche eingegangen war. Da Connor ihr Leben anhand vieler aussagekräftiger Bilder vor sich ausgebreitet sah, fühlte sie sich verletzlich und schutzlos.

Sie war vor einem Jahr in dieses Stadthaus gezogen, nachdem sie ihre Eigentumswohnung verkauft hatte. Liz, ihre beste Freundin und Schwägerin, hatte ihr als Innenarchitektin geholfen, es in dem eleganten Stil einzurichten, der zu dem alten Patrizierhaus passte.

„Nette Stripshow“, meinte Connor und betrachtete ein Foto von ihr im Bikini an einem Strand in der Karibik. Ausgerüstet mit Taucherbrille und Flossen, lief sie lachend zum Wasser. „Seit der Pubertät hast du dich recht gut entwickelt“, stellte er fest.

Allison ärgerte sich, schwieg aber zunächst und presste die Lippen zusammen. Obwohl Connor Rafferty praktisch zur Familie gehörte, seit er mit ihrem ältesten Bruder Quentin in Harvard ein Zimmer geteilt hatte, fühlte sie sich in seiner Gegenwart nie wohl. Was zweifellos damit zusammenhing, dass sie in ihm nicht so etwas wie einen vierten Bruder sah.

„Warum bist du hier?“, fragte sie dann. „Und noch wichtiger: Warum lungerst du so spät am Donnerstagabend vor meinem Haus herum?“

Connor straffte die Schultern und schob die Hände in die Hosentaschen. „Habe ich dir Angst gemacht? Hast du mich für den Halunken gehalten, der dir diese hässlichen kleinen Briefe schreibt?“

„Nein!“ Eine Sekunde zu spät wurde ihr bewusst, dass die Heftigkeit ihres Leugnens sie als Lügnerin entlarvte. Offenbar machte Connor sie bereits wieder so nervös, dass sie zu Überreaktionen neigte. Wahrscheinlich hatte einer ihrer Brüder – vermutlich Quentin – ihm verraten, dass sie Drohbriefe erhielt.

Ironisch lächelnd fügte er hinzu: „Ich hätte ja nie für möglich gehalten, wie viel Begeisterung es bei dir auslöst, anstelle des Briefeschreibers mich zu sehen.“

„Krieg dich wieder ein.“ Als sie ihn erkannt hatte, war sie für den Bruchteil einer Sekunde tatsächlich erleichtert gewesen, doch dann hatte ihr Zorn auf ihn wieder die Oberhand gewonnen. „Und du weichst meiner Frage aus. Was tust du hier?“

Connor lehnte sich an die Rückseite des mit Chintz bezogenen Sofas, die Beine an den Knöcheln gekreuzt. „Ich mache nur meine Arbeit.“

„Nur deine …“ Sie brach ab, da ihr ein unliebsamer Gedanke kam, und betrachtete Connor forschend.

Der legte den Kopf schräg und stellte lobend fest: „Du warst immer schnell von Begriff, Ally. Und ich muss zugeben, es ist faszinierend, zu sehen, wie rasch sich das Räderwerk in deinem kleinen abartigen Hirn drehen kann. Ich habe immer gesagt, du hättest als Rothaarige geboren werden müssen. Zu deinem hitzigen Temperament passen nur rote Haare.“

„Raus mit dir!“

Connor presste nur kurz die Lippen aufeinander und fragte: „Behandelt man so seinen zukünftigen Bodyguard?“

Allison ging weiter in den Raum hinein. Sobald sie den Kamin erreichte, fuhr sie zu Connor herum. Sie konnte nicht glauben, was hier passierte. „Ich weiß nicht, wer aus meiner Familie dich angeheuert hat, Connor“, begann sie und verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust, „und offen gesagt, es ist mir auch egal. Du besitzt vielleicht das beste Sicherheitsunternehmen des Landes, aber ich werde deine Dienste nicht in Anspruch nehmen. Du wirst hier nicht gebraucht, und ich werde nichts von dir verlangen. Kapiert?“

Er stieß sich vom Sofa ab und baute sich vor ihr auf, unverrückbar wie ein Gebirge. „Nach allem, was ich gehört habe, werde ich sogar dringend gebraucht. Und was das Verlangen angeht …“ Er zuckte gleichgültig die Schultern. „Man hat mich gebeten, eine Aufgabe zu übernehmen, und das werde ich tun.“

Verlangen. Allison stutzte bei dem Wort. Was immer sie für Connor empfand, hatte mit Verlangen zweifellos nichts zu tun.

Zugegeben, mit seinen braunen, von langen dunklen Wimpern eingerahmten Augen und dem hellbraunen kurzen Haar sah er wie ein männliches Model aus. Mal abgesehen von der leicht schiefen Nase, die offenbar einige Male gebrochen gewesen war, und der kleinen sichelförmigen Narbe am Kinn. Seine äußerlichen Vorzüge verblassten in ihren Augen jedoch wegen Herablassung, mit der er sie behandelte. Seine Arroganz war ein steter Stein des Anstoßes für sie. Außerdem hielt sie ihn für einen Spitzel ihrer Brüder.

Das letzte Mal hatte sie ihn vor ungefähr einem Jahr auf der Trauung ihres ältesten Bruders Quentin gesehen. Obwohl sich ihre Wege in letzter Zeit kaum kreuzten, war Connor ihr so vertraut wie ein Familienmitglied. Er selbst hatte fast keine Verwandten mehr. Noch vor seinem Studium hatte er beide Eltern verloren und deshalb alle Semesterferien bei den Whittakers verbracht.

Die Hände in die Hüften gestemmt, entschied Allison: „Du wirst hier keinesfalls irgendeine Aufgabe übernehmen, solange ich das nicht möchte!“

Er rieb sich einen Moment nachdenklich das Kinn. „Ich glaube, da irrst du dich. Da Quentin formal gesehen immer noch der Hausbesitzer ist, weil du noch nicht dazu gekommen bist, den Kauf mit ihm unter Dach und Fach zu bringen, werden wir als Erstes mal für eine Alarmanlage vom Feinsten sorgen, wie mit ihm abgesprochen.“

Der vertraute Wunsch, Connor Rafferty zu erdrosseln, überkam sie wieder. Es stimmte, das Haus gehörte ihr noch nicht, aber das war eine reine Formalität. Quentin hatte das Haus ursprünglich als Investition gekauft und zwei Jahre leer stehen lassen. Sie hatte sich in den alten Kasten verliebt und angeboten, ihn Quentin abzukaufen. Wie auch immer, sie brauchte keinen Leibwächter. „Falls ich Schutz brauche, werde ich ihn mir selbst besorgen!“

„Nicht nötig. Ich werde an dir kleben wie Leim, bis wir herausgefunden haben, wer dir Drohungen mit der Post schickt und Obszönitäten auf deinen Mercedes sprüht.“

„Ich kann selbst auf mich aufpassen!“, beharrte Allison. „Dass ich dich in dem abgestellten Wagen vor meiner Tür entdeckt habe, beweist das ja wohl, wie wachsam ich bin, oder?“

„Und was war mit dem Kerl in dem abgestellten Wagen an der Straßenkreuzung? Oder hast du den etwa übersehen?“

Sie hatte.

Connor sah sie nur fragend an und deutete ihr Schweigen als Eingeständnis.

„Du kannst nicht mit Sicherheit sagen, dass der Typ hinter mir her war“, wandte Allison berechtigterweise ein, trotzdem beschlich sie eine leise Furcht.

„Stimmt, das kann ich nicht. Allerdings war er weg wie ein geölter Blitz, als ich sehen wollte, wie er reagiert, wenn ich aussteige.“

„Und du hast ihn nicht verfolgt?“

„Wie hätte ich sicher sein können, dass er hinter dir her war?“, konterte Connor, ihr eigenes Argument aufgreifend. Als er ihre Verärgerung bemerkte, fügte er beschwichtigend hinzu: „Es wäre sowieso zu spät gewesen. Ich hätte wieder ins Auto springen müssen, um die Verfolgung aufzunehmen. Außerdem konnte ich in der Dunkelheit weder das Kennzeichen noch die Automarke erkennen, ehe er verschwand. Also bin ich zu dir gekommen und habe gehofft, dass die Prinzessin in Nöten mir wenigstens für das Verscheuchen des bösen Ritters dankt.“

„Die Prinzessin in Nöten wäre dir vor allem dankbar, wenn du dich schleunigst wieder entfernen könntest.“ Ob sie Schutz brauchte, wollte sie immer noch selbst entscheiden. Und wenn sie einen Bodyguard brauchte, würde sie ihn selbst einstellen. Es fehlte ihr gerade noch, dass ihre überängstliche Familie ihr einen Leibwächter aufdrängte! Noch dazu einen, der sie so verwirrte und provozierte wie Connor Rafferty.

„Du kapierst es wirklich nicht, oder?“, fragte er gereizt.

Sie gab sich gelangweilt. „Ich vermute, du wirst es mir Dummchen gleich erklären.“ Sie wich nicht vom Fleck, als er auf sie zukam. Wenn er glaubte, sie einschüchtern zu können, hatte er sich getäuscht.

„Du vermutest richtig.“

Er blieb so nah vor ihr stehen, dass Allison den Kopf in den Nacken legen musste, um Blickkontakt zu halten. Ein Muskel zuckte in seiner Wange. Offenbar brachte sie Connor mindestens so auf die Palme wie er sie. Die Feststellung bereitete ihr ein perverses Vergnügen.

„Weil du bei der Staatsanwaltschaft arbeitest, bildest du dir offenbar ein, mit allen Wassern gewaschen zu sein. Ich sage dir, das ist nicht so!“, belehrte er sie. Nach einem musternden Blick fuhr er fort: „Was die interessante Frage aufwirft, warum du deinen Dienst an der Gemeinschaft nicht lieber wie alle anderen Debütantinnen und Damen der gehobenen Gesellschaft durch das Organisieren von Wohltätigkeitsveranstaltungen und dergleichen ableistest. Warum ackerst du mit den harten Typen im Büro des Bezirksstaatsanwalts?“

Eine raue Kindheit auf den nicht minder rauen Straßen Süd-Bostons gab ihm noch lange nicht das Recht, sie ständig zu verspotten, weil sie mit einem silbernen Löffel im Munde geboren war. Schließlich warf er Quentin ja auch nicht vor, das Kind reicher Eltern zu sein.

Connor ließ nicht locker. „Lass mich raten. Du hast diese Laufbahn gewählt, weil du den Kick suchst. Stimmt’s, Ally? Ich frage mich, warum? Warum verschaffen dir die von Treuhandfonds verwöhnten Bubis aus dem Country Club nicht den Kick, den du brauchst?“

Allison sah sich nach einem Wurfgeschoss um, fand aber, ihre Erbstücke waren zu schade, um sie an seinen harten Schädel zu verschwenden. Außerdem würde sie nur Connors Vorurteile bestätigen, wenn sie handgreiflich wurde. „Du bist absolut sicher, allwissend zu sein, nicht wahr? Aber ich kann dich nur nachdrücklich erinnern, dass ich kein kleiner Teenager mehr bin, den du bei seinen Eltern verpetzen kannst.“

Sein durchdringender Blick und das kaum merkliche Blähen der Nasenflügel verrieten ihr, dass Connor alles andere als erfreut war. „Das verzeihst du mir wohl nie, was?“

Allison gab sich lässig, obwohl sie das Gefühl hatte, alle ihre Hautzellen reagierten mit Prickeln auf Connors Nähe. „Schmeichle dir nicht selbst.“ Connor hatte den Vorteil, sie zu überragen. Da sie jedoch daran gewöhnt war, sich gegen drei Brüder durchzusetzen, die sie alle überragten, ließ sie sich von seiner Körpergröße nicht aus der Fassung bringen und fuhr fort: „Wenn ich dir wirklich nicht verzeihen könnte, würde das ja heißen, dass mir der Vorfall von damals immer noch etwas bedeutet. Auf die Gefahr hin, dich zu verblüffen: Nichts ist mit gleichgültiger.“

„Auch gut. Trotzdem hast du seit damals nichts dazugelernt.“

„Im Gegenteil. Ich weiß zum Beispiel heute, dass man dir nicht trauen kann.“

„Du warst eine naive Siebzehnjährige, die sich mit den falschen Leuten abgegeben hat. Hast du denn geglaubt, dieser Motorradknabe in der Bar hat sich deshalb an dich herangemacht, weil er dich heimbringen wollte, um eine Cola mit dir zu trinken?“

„Du warst nicht mein Aufpasser, Connor!“ Sie verschwieg ihm, dass sie damals in diese Bar gegangen war, weil sie gehofft hatte, er würde dort auftauchen. Als Teenager war sie kurz – ganz kurz nur – in Connor verknallt gewesen. Das hörte schlagartig auf, als sie erkennen musste, dass er sie lediglich für so etwas wie ein lästiges Kind hielt, dessen Vertrauen man ruhig enttäuschen durfte.

Sie erinnerte sich deutlich an die peinliche Szene, als er sie ungeachtet ihres Schreiens und Strampelns kurzerhand wie einen Mehlsack aus der Bar zu seinem Wagen getragen hatte.

Und damit nicht genug. Trotz seines Versprechens, ihren Eltern nicht alles zu sagen, wenn sie sich ruhig verhielt, hatte er sie doch bei ihnen angeschwärzt. Nicht nur, dass sie sich eine Standpauke über Alkoholmissbrauch und über Erwachsene, die Sex mit Minderjährigen hatten, hatte anhören müssen, man hatte ihr auch einen Monat Stubenarrest aufgebrummt und von da ihr Kommen und Gehen genau überwacht.

„Was die Unfähigkeit betrifft, aus der Vergangenheit zu lernen, bist du selbst das beste Beispiel, Rafferty. Du führst dich schon wieder wie mein Aufpasser auf, und ich möchte wirklich mal wissen, woher du das Recht dazu nimmst.“

Connor riss die Geduld. „Verdammt, bist du stur!“, schimpfte er. „Es kann doch wohl nicht angehen, dass du aus purer Dickköpfigkeit Hilfe ablehnst, obwohl dein Leben in Gefahr ist!“

„Ich und dickköpfig? Wenn ich mich nicht sehr täusche, gehört Dickköpfigkeit doch wohl zu deinen hervorstechendsten Eigenschaften.“

Sie wollte sich an ihm vorbeidrängen, doch er hielt sie an den Armen fest und zwang sie, ihn anzusehen. Seine finstere Miene ließ keinen Zweifel an seiner Verärgerung. „Du bist störrisch und unvernünftig!“

Allison stemmte die Hände gegen seine Brust. „Danke gleichfalls.“ Connors Gesicht war nah vor ihrem, und außer dass Allison spürte, wie Adrenalin ihren Puls beschleunigte, empfand sie eine gewisse Genugtuung darüber, seine Selbstbeherrschung nach jahrelangen vergeblichen Versuchen endlich erschüttert zu haben.

Plötzlich neigte Connor den Kopf und presste hart und fordernd den Mund auf ihre Lippen. Was er mit ihr machte, war wie eine Mischung aus Kuss und Bestrafung, und Allison versuchte zurückzuweichen. Doch das gelang ihr nicht, weil Connor eine Hand auf ihren Hinterkopf gelegt hatte.

Sie stieß einen Laut des Protests aus, zu mehr war sie nicht mehr fähig.

Mit siebzehn hatte sie oft davon geträumt, Connor Rafferty zu küssen. Aber ihre Fantasien von damals glichen nicht annähernd dem, was sich hier abspielte. Er küsste, wie er alles andere machte: mit anmaßender Selbstsicherheit. Er schritt kompromisslos zur Tat und machte keine halben Sachen.

Als er den Kuss beendete, waren sie beide außer Atem. Allison entnahm seinem herausfordernden Blick, dass sie es nicht wagen sollte, einen spöttischen Kommentar abzugeben. Offenbar wollte er weder zum Kuss etwas hören noch darüber, dass sie beide gerade eine unsichtbare Grenze überschritten hatten.

Trotzdem wollte sie etwas sagen, aber sie schloss gleich wieder den Mund, als sie Connors zornige Miene bemerkte. Die Atmosphäre knisterte geradezu vor Spannung. Und dann, ohne dass Allison hätte sagen können, wie und warum, geschah es. Plötzlich lag sie in seinen Armen, seine Lippen berührten ihre, und sie reagierte, wie sie es immer geträumt hatte, mit dem Unterschied, dass sie jetzt die Realität erlebte.

Conners Lippen konnten ebenso weich und sanft sein, und er ließ sie liebevoll über ihre gleiten, um sie zu einer zärtlichen Erwiderung aufzufordern. Auch fuhr er nicht gierig mit den Händen über ihren Körper, sondern legte ihr eine Hand zwischen die Schulterblätter, die andere auf die Taille und zog Allison behutsam an sich.

War sein erster Kuss zornig gewesen, so war dieser die reine Verführung, so zärtlich lockend strichen seine Lippen über ihre.

Unwillkürlich gab Allison seinem sanften Drängen nach und teilte die Lippen. Connor ließ sich nicht lange bitten und begann ein verführerisches Spiel mit ihrer Zunge. Gleichzeitig umarmte er Allison fester, je mehr sie sich ihren Gefühlen überließen.

Den ersten Kuss hätte Allison vielleicht noch als Zufall abgetan. Aber dieser hier war nicht anders als sensationell zu bezeichnen. Connor Rafferty konnte küssen, und er hatte die sanftesten Lippen, die sie je kennengelernt hatte. Und das schloss die von Ben Thayer auf der Highschool ein, der alle Tricks des epochalen Werkes „100 kreative Küsse – Knutschen mit Selbstvertrauen“ beherrscht hatte.

Connor ließ die Hände tiefer gleiten und umfasste ihren Po, um Allison noch enger an sich zu pressen. In diesem Moment begannen die Alarmglocken in ihrem Kopf zu läuten. Sie packte Connor bei den Schultern, um ihn zurückzustoßen, als sie merkte, dass nicht die Alarmglocken läuteten, sondern ihr Telefon, und zwar mit größter Penetranz.

Connor legte ihr kurz die Hände auf die Schultern, als sie sich voneinander lösten.

Allison schaute sich auf der Suche nach dem schnurlosen Telefon verwirrt und vorerst vergeblich in ihrem Wohnzimmer um.

Schließlich sah sie es unter einem Sofakissen hervorlugen und zog es vorsichtig heraus. „Hallo?“, meldete sie sich, leicht atemlos von dem aufregenden Kuss.

„Ich erwische dich“, sagte eine raue Männerstimme am anderen Ende der Leitung.

„Wer spricht da?“

„Leg deine Fälle bei der Staatsanwaltschaft nieder, oder dein letztes Stündchen hat geschlagen!“

Allisons Finger schlossen sich fester um den Hörer. Sie wusste, dass sie den Anrufer zum Reden animieren musste, um mehr Hinweise auf ihn zu bekommen. „Ich bin nicht so leicht ins Bockshorn zu jagen.“

Aus den Augenwinkeln sah sie Connor stirnrunzelnd innehalten und wandte sich ab, da er auf sie zukam.

Ein makaberes Lachen ertönte aus dem Telefon. „Jede Wette, Daddy würde ein hübsches kleines Sümmchen springen lassen, um dich zurückzubekommen – tot oder lebendig.“

Plötzlich wurde ihr das Telefon aus der Hand gerissen. „Wag es, sie anzurühren, und ich mache dich fertig, wie es Abschaum deines Schlages verdient!“, drohte Connor, und es war unüberhörbar, dass er meinte, was er sagte. „Ich werde an dir kleben wie ein Schatten. Du kannst nirgendwo mehr hingehen, ohne dir ständig über die Schultern zu sehen!“

Offenbar war die Leitung bereits tot, denn Connor drückte etliche Knöpfe, lauschte einige Sekunden und warf den Telefonhörer auf einen Sessel. „Ich hätte mir denken können, dass der Anruf nicht zurückzuverfolgen ist.“

„Warum hast du das getan?“, fragte Allison angriffslustig. „Du hast mir keine Zeit gelassen, ihm weitere Hinweise zu entlocken!“

„Hinweise entlocken?“, wiederholte er ungläubig. „Das kannst du vergessen, Süße. Glaub’s mir. Ich habe weit mehr Erfahrung mit Kriminellen als du, auch wenn du bei der Staatsanwaltschaft arbeitest. Das hier ist ein gerissener Bastard, dem du gar nichts entlockst. Der kommt nur aus seinem Versteck, wenn er dir an deine hübsche kleine Gurgel gehen will.“

„Es besteht kein Grund, grob zu werden“, konterte sie.

„Was hat er genau gesagt?“, wollte Connor wissen.

„Er hat mich gewarnt. Ich soll die Fälle abgeben, an denen ich arbeite.“

„Und?“

„Und was?“

„Was sonst noch?“

Um Ablenkung bemüht, richtete sie ein Kissen auf dem Sofa. „Und er deutete an, dass eine Entführung nicht ausgeschlossen sei.“ Die Sache mit dem Lösegeld verschwieg sie. Es hatte wenig Sinn, Connors Zorn weiter anzustacheln.

2. KAPITEL

Connor stieß eine Verwünschung aus und entschied: „Ich quartiere mich hier ein.“

„Wie bitte?“, gab Allison zurück.

„Du hast mich verstanden. Mein Job beginnt genau jetzt.“ Er warf einen skeptischen Blick auf ihr kleines chintzbezogenes Sofa, das nicht bequemer wirkte als ein Linoleumboden. „Das Ding lässt sich nicht zufälligerweise in eine Schlafcouch verwandeln, oder?“

„Das Ding verwandelt sich in gar nichts! Das ist eine Antiquität!“

Er glaubte, sie im Geiste hinfügen zu hören: „Und wenn du mit einem Hauch von Klasse aufgewachsen wärst, wüsstest du das!“

Im Zuge seiner beruflichen Laufbahn hatte er sich an reich geborene, verwöhnte Leute gewöhnt, die wegen seines angedeuteten Bostoner Akzents auf ihn herabblickten.

Allison Whittaker hatte er schon vor langer Zeit in die Kategorie verzärtelte Debütantin einsortiert. Im Gegenzug behandelte sie ihn hochnäsig und mit einer eisigen Verachtung, die einem Polarbären noch Frostbeulen beschert hätte.

Zugegeben, er hatte mit seiner Rettungsaktion damals ihren Zorn auf sich geladen. Aber es war vollkommen gerechtfertigt gewesen, sie aus dieser üblen Bar hinauszubefördern. Eine behütete, naive Prinzessin wie sie wusste einfach nicht, worauf sie sich bei diesen Typen einließ.

Als sie nach dem Jurastudium erklärt hatte, im Büro des Bezirksstaatsanwaltes arbeiten zu wollen, hatte er die Dauer ihrer Karriere dort auf etwa eine Nanosekunde geschätzt. Zu seiner Überraschung hatte Allison dort nun mittlerweile schon vier Jahre durchgehalten. Er war jedoch immer überzeugt gewesen, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie das Handtuch warf, um einen der von ihm so verabscheuten Knaben aus dem Country Club zu heiraten und mit ihm in einem luxuriösen Vorort ihre in Designerklamotten herumlaufenden Nachwuchs aufzuziehen.

Da Allison so aussah, als sammle sie Kräfte für ein Wortgefecht, beschloss er nach einem kurzen Blick zur Uhr auf dem Kaminsims, seine Taktik zu ändern. „Es ist fast zwei Uhr früh. Ich bin erledigt und nicht in der Verfassung, nach Hause zu fahren. Warum lässt du nicht ausnahmsweise mal Gnade walten?“

Er konnte ihr den Widerstreit der Gefühle vom Gesicht ablesen, während sie erwog, was zu tun sei. Sobald sie zu einem Entschluss gelangte, wusste er, dass er gewonnen hatte, hütete sich jedoch, es zu zeigen.

„In Ordnung“, gab sie zögernd nach. „Aber nur für heute Nacht.“ Sie ging auf die offene Zimmertür zu. „Ich habe oben ein Gästezimmer. Ich sehe nur rasch nach, ob es in Ordnung ist.“

Connor sah ihr versonnen nach, als sie verschwand. Bis zum Frühstück musste er sich etwas einfallen lassen, damit die Sache in seinem Sinne weitergehen konnte. Allison war ernsthaft in Gefahr und brauchte ihn, ob sie das wahrhaben wollte oder nicht.

Unruhig ging er im Zimmer umher. Quentin, Allisons ältester Bruder, hatte ihn am Morgen telefonisch informiert, wie sehr alle Whittakers über die Drohungen gegen Allison besorgt waren. Man fürchtete, die Sache könnte mit einem der Fälle zu tun haben, die sie als Anklägerin vertrat. Die Familie hatte Angst um sie. Nur Allison, die sich nicht so leicht einschüchtern ließ – was er normalerweise bewundert hätte –, beharrte darauf, sie werde allein damit fertig, niemand solle überreagieren.

Natürlich hatte Connor sofort seine Dienste als Sicherheitsexperte angeboten. Und für seinen guten alten Freund Quentin und weil die Whittakers immer gut zu ihm gewesen waren, hatte er sich persönlich der Sache angenommen – ohne Honorar.

Davon wusste Allison selbstverständlich nichts. Es entschärfte die Situation vermutlich, wenn sie ihn für einen bezahlten Angestellten hielt, der eine bestimmte Aufgabe erledigte. Das würde sie zweifellos leichter akzeptieren, als in ihm quasi einen älteren Bruder zu sehen, der in einer Notsituation zu ihrem Schutz eingriff.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, waren seine Gefühle für sie jedoch alles andere als brüderlich. Es stimmte schon, sie konnte ihn zur Weißglut treiben, aber vor allem, weil sie ihm deutlich ihre Geringschätzung zeigte. Sosehr ihn das auch ärgerte, es begann immer wie verrückt zu knistern, sobald sie nur im selben Raum miteinander waren.

Connor hatte genug sexuelle Erfahrung, um das richtig zu deuten. Die Anzeichen waren vorhanden und zu offensichtlich, um sie zu ignorieren. Der leicht blumige Duft ihrer Haut, die strahlend blauen Augen und die dichte dunkelbraune Mähne, die ihr auf die Schultern fiel, das alles war so reizvoll, dass er sich Allisons Zauber nicht entziehen konnte.

Außerdem hatte sie eine hübsche Figur, weder üppig noch gertenschlank, mit Kurven an den richtigen Stellen, sodass er körperliche Reaktionen spürte, sobald Allison in seine Nähe kam. Als sie ihm vorhin im Morgenmantel, unter dem sie offenbar nur winziges Seidenhemdchen trug, die Tür geöffnet hatte, wäre ihm fast eine Sicherung durchgebrannt. Der Mantel war am Revers auseinandergeklafft, weil sie ihn offenbar zu hastig mit dem Gürtel zugebunden hatte.

Connor schob die Hände in die Hosentaschen. Wenn er nicht aufpasste, wurden seine körperlichen Reaktionen sichtbar, wenn er nur an Allison dachte. Einen solchen Lapsus durfte er sich nicht erlauben.

Da ihre erotische Anziehung immer schwerer zu ignorieren war, würde es seine Selbstbeherrschung auf eine harte Probe stellen, mit Allison unter einem Dach zu leben.

Du liebe Güte, warum hatte er sie bloß geküsst? Wenn er sich Mühe gab, konnte er dafür rationale Gründe finden, aber die Wahrheit war wohl ein wenig komplizierter.

Außerdem hatte Ally den Kuss erwidert. Und das war nun wirklich eine interessante Entwicklung, die ihm zu denken gab. Ally war ganz feurige Leidenschaft gewesen – genau so, wie er es sich immer vorgestellt hatte. Und er war mehr als bereit gewesen, sich von der Hitze ihrer Leidenschaft hinreißen zu lassen.

Was würde wohl passieren, wenn er sie wieder zu küssen versuchte? Connor musste grinsen. Reiß dich am Riemen, Rafferty, du bist hier, um sie zu beschützen!

Allison hatte sich zweifellos von einem nervigen Teenager zu einer schönen, begehrenswerten Frau entwickelt. Leider verstanden sie sich nicht gut genug, um sich auf mehr einzulassen als auf eine flüchtige Affäre. Aber genau das käme ihm wie ein Verrat an der Freundschaft zu den Whittakers vor. Und damit war im Großen und Ganzen erklärt, warum er der Anziehung, die Allison auf ihn ausübte, nie nachgegeben hatte – bis heute Abend.

Also würde er seine Aufgabe erfüllen und sie beschützen. Und zum Teufel mit seinen hormongesteuerten Überreaktionen. Wenn er nur daran dachte, dass jemand Ally etwas antun könnte, geriet sein Blut in Wallung. Auch wenn sie seine Libido noch so sehr anstachelte, er musste sich zurückhalten, solange nicht geklärt war, wer ihr auf so gemeine Art Angst zu machen versuchte.

Dank seiner Überredungskunst durfte er nun die Nacht hier verbringen. Aber das war erst der Anfang. Die richtigen Überzeugungsschlachten mussten noch geschlagen werden. Ally glaubte, ihn am Morgen loszuwerden, aber sie würde sich wundern.

Als Allison am nächsten Morgen fertig angezogen die Treppe herunterkam, um zur Arbeit zu fahren, traf sie in der Küche auf Connor. Er trug die enge schwarze Jeans und das weiße T-Shirt vom Vortag – und Allison musste leider zugeben, dass es seine breite, muskulöse Brust aufs Vorteilhafteste betonte.

Connor blickte auf, als sie eintrat, wendete einen Pfannkuchen und forderte sie mit einem Nicken zur Kaffeemaschine auf: „Bedien dich.“

Allison ahnte, dass sie Connor nicht so leicht loswerden würde, wie sie angenommen hatte. Andererseits brachte sie es nicht fertig, ihm böse zu sein, da der Duft nach frischem Kaffee und Pfannkuchen bereits ihre Geschmacksnerven betörte. „Danke für das Frühstück.

Connor verzog die Lippen zur Andeutung eines Lächelns, offenbar um ihr zu zeigen, dass er sehr wohl wusste, sie bedankte sich nur aus Höflichkeit. „Keine Ursache.“ Er ließ den Pfannkuchen auf einen bereitstehenden Teller gleiten. „Ich verlasse morgens nie das Haus ohne eine gehörige Dröhnung Kohlenhydrate“, fügte er hinzu, als müsste er seine Anwesenheit in der Küche erklären.

Nachdem sie ihr Frühstück verzehrt hatten, ging Allison das Problem an, das sie während des Essens bewusst gemieden hatten.

„Die Drohungen gegen mich sind einfach lächerlich, Connor. Ich meine, wer immer dahintersteckt, muss doch wissen, dass die Anklagen weiterlaufen, auch wenn er mich dazu kriegt, die Fälle niederzulegen. Wenn ich nicht zur Verfügung stehe, wird eben ein neuer Ankläger aus dem Büro der Staatsanwaltschaft bestimmt, und damit hat sich’s.“

Connor ließ sich Zeit mit der Antwort und verputzte erst einmal den Rest seines Pfannkuchens. „Das stimmt. Aber niemand kennt deine Fälle so genau wie du. Wer die Drohungen gegen dich ausspricht, baut vielleicht darauf, dass die Anklage ohne deine Mitwirkung im Prozess weitaus schlechtere Karten hat. Wenn ein Kollege mitten im Verfahren für dich einspringt, muss er sich erst einarbeiten und macht leichter Fehler. Das erhöht für den Angeklagten die Chance, ungeschoren davonzukommen.“

„Aber das ist doch verrückt.“

„Na klar, was denn sonst?“, bestätigte Connor nickend. „Verrückt und verzweifelt.“

Wollte er ihr etwa Angst machen?

Offenbar entnahm er ihrer Miene eine gewisse Skepsis, denn er fuhr fort: „Es hat in der Vergangenheit schon einige Komplotte gegeben, um Richter aus einem Verfahren zu drängen. Manchmal erhoffte sich ein Angeklagter einen milderen Richter, wenn er den ersten loswurde.“ Nach einem Moment fügte Connor hinzu: „Es ist wohl nicht zu weit hergeholt, wenn wir davon ausgehen, dass jemand eine ähnliche Strategie verfolgt, um eine übereifrige stellvertretende Bezirksstaatsanwältin in die Wüste zu schicken.“

„Ich bin nicht übereifrig!“, rechtfertigte sie sich, genervt durch seine Ausdrucksweise.

Connor lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Nein, natürlich nicht. Aber du machst deine Arbeit zu gut, und das ängstigt diesen Burschen. Aus der Sicht des netten Zeitgenossen am Telefon bist du vermutlich übereifrig – daraus leitet er seine Motivation ab. Der nächste Staatsanwalt macht sich vielleicht nicht so viel aus dem Fall wie du, oder er ist weniger entschlossen und intelligent.“

Diese beiläufigen Komplimente freuten Allison unwillkürlich.

Connor schob seinen leeren Teller beiseite und beugte sich interessiert zu ihr vor. „Gibt es einen Fall, an dem du besonders intensiv gearbeitet hast?“

„Einen?“, fragte sie spöttisch: „Ich wünschte, es wäre bloß einer.“ Sie wusste, dass sie jetzt aufstehen, ihm für seine Sorge um ihre Sicherheit danken und ihn zur Tür geleiten sollte, wie sie es sich gestern Abend vorgenommen hatte. Andererseits schuldete sie ihm für seinen – wenn auch unerwünschten – Einsatz wohl zumindest einige Auskünfte. Ganz zu schweigen davon, dass er ihr Frühstück gemacht hatte.

„Okay, also dann nenn mir einen von den großen Fällen, an denen du arbeitest.“

Nach kurzem Überlegen erwiderte sie: „Da wäre der Fall Taylor. Ein Einbruchdiebstahl.“

„Der stand aber nicht in der Zeitung.“

Allison nickte. „Nein, die Presse hat nichts darüber berichtet. Aber Sam Taylor hat ein langes, interessantes Vorstrafenregister – etliche kleinere Delikte, aber auch Drogenhandel und tätlicher Angriff. Diesmal wurde er angeklagt, weil er in ein Haus eingestiegen ist.“

„Ist er auf Kaution draußen?“

„Nein. Er sitzt hintern Gittern und wartet auf seinen Prozess.“ Erklärend fügte sie hinzu: „Er ist erst Anfang zwanzig. Wenn er diesmal einigermaßen glimpflich davonkommt, besteht die Gefahr, dass er zu schwereren Straftaten übergeht. Selbst eine Strafe von nur wenigen Jahren Gefängnis hat bei ihm keine ausreichende erzieherische Wirkung, fürchte ich.“

Connor nickte knapp. „Ein Drogendealer also. Einer von diesen typischen Händlern aus der Nachbarschaft?“

„Ja, das kann man so sagen.“

Connor trank seinen Kaffee und ließ sich mit der nächsten Frage Zeit. „Wurde er jemals in Verbindung mit einer Gang gebracht? Er ist im richtigen Alter. Und der Drogenhandel an der Straßenecke ist die Grundlage aller Bandenkriminalität.“

Seine Kenntnisse erstaunten sie. „Einige seiner Nachbarn deuteten so etwas an. Natürlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit.“

Connor überlegte laut: „Dann kann man nicht ausschließen, dass einige Gangmitglieder die stellvertretende Bezirksstaatsanwältin belästigen, weil die ihren alten Kumpel Taylor für lange Zeit in den Knast schicken möchte.“

Allison erschauerte, da er nüchtern aussprach, was sie schon seit Längerem befürchtete. Sie gab sich jedoch ungerührt und nickte. „Einverstanden. Die Logik leuchtet mir ein.“

„Gibt es weitere interessante Anklagen?“

„Da ist vor allem der Fall Kendall.“

„Worum geht es da?“

„Nun ja, Kendall ist ein Geschäftsmann, dem Unterschlagung vorgeworfen wird. Er hat das teilweise durch ein System gedeichselt, das Buchhalter Kontenreiterei nennen. Grundsätzlich lief es so ab, dass er Geld entnommen hat und das dadurch verschleierte, indem er mit eingehenden Außenständen die Konten wieder ausglich.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Zumindest versuchen wir ihm das so nachzuweisen.“

„Kendall“, wiederholte Connor nachdenklich. „Der Name klingt vertraut.“

„Ja, natürlich. Er ist ein angesehener Mann und sitzt in wer weiß wie vielen Gremien von Wohltätigkeitsorganisationen. Ein typischer Aufsteiger. Er ist rasch auf der gesellschaftlichen Leiter nach oben geklettert.“

Connor verzog ironisch den Mund. „Na großartig, genau der Typ, den ich so mag.“

Allison sah ihn mit spöttischem Erstaunen an. „Wie bitte? Du verabscheust die Aufsteiger genauso wie die reich Geborenen? Gibt es überhaupt einen Menschentyp, den du magst?“

Sein Blick war unergründlich, als er sie ansah. Nach einem Moment schien Connor sich zu sammeln und wieder auf ihr eigentliches Thema zu konzentrieren. „Verfahren gegen Wirtschaftskriminelle enden oft mit einem Vergleich. Die bloße Vorstellung, mit einem gewöhnlichen Einbrecher oder Drogendealer die Zelle teilen zu müssen, reicht den meisten Angeklagten schon. Sie schicken dann ihre Verteidiger vor, einen Vergleich auszuhandeln.“

„Stimmt, aber in diesem Fall liegen die Dinge etwas anders. Unser lieber Mr Kendall weigert sich, sein Fehlverhalten zuzugeben.“ Allison wunderte sich insgeheim, wie gut Connor sich in Justizfragen auskannte. Aber vielleicht hatte er schon als Kind einiges aufgeschnappt, da sein Vater Polizist gewesen war. Außerdem hatte er im Auftrag seiner Klienten vermutlich häufiger mit Polizei und Staatsanwaltschaft zusammengearbeitet. „Wie schon gesagt, Kendall ist ein Aufsteiger“, fuhr sie fort. „Falls es zu einer Verurteilung kommt, ist er ruiniert. Seine PR-Abteilung reitet gerade eine heftige Attacke gegen uns. Sie werfen uns vor, dieser Fall sei nichts weiter als der Versuch einer fehlgeleiteten Staatsanwaltschaft, einen von Bostons größten Wohltätern zu Fall zu bringen.“

„Ist Kendall auf Kaution draußen?“

„Klar.“

„Okay. Kendall kann sich also frei bewegen und ein Komplott gegen die Staatsanwältin schmieden. Im Gegensatz zu Taylor, dessen Bewegungsfreiheit deutlich eingeschränkt ist. Allerdings dürfte er genügend gute Kumpel draußen haben, die ihm helfen könnten, eine Staatsanwältin zu bedrohen. Zu Kendalls Gunsten spricht, dass er ein reiner Wirtschaftskrimineller ist. Ob er wirklich die kriminelle Energie aufbringt, Todesdrohungen auszustoßen, können wir nicht beurteilen.“

Allison sah ihn mit einstudierter Geduld an. „Mit anderen Worten: Ich arbeite an zwei großen Fällen, also habe ich zwei Angeklagte mit Motiven, mir etwas anzutun? Willst du mir das sagen?“

„Ich sage nur: Halte den Deckel auf der Kiste, ehe der Teufel rausspringt, Ally. Jemand ist hinter dir her. Und solange wir nicht geklärt haben, wer dir was und warum antun möchte, ist es am besten, ich bleibe hier.“

Connor wollte tatsächlich bleiben? Hatten sie nicht gestern Abend geklärt, dass er am Morgen verschwinden sollte? Eigentlich dürfte er schon längst nicht mehr hier sein. Wenn sie nicht so eine Schwäche für Kaffee hätte – von Pfannkuchen zum Frühstück gar nicht zu reden –, hätte sie ihn schon vor einer Stunde zur Tür gebracht. Es sprach derart viel gegen seine Anwesenheit in ihrem Haus, dass sie die einzelnen Punkte gar nicht alle aufzählen konnte.

„Du kannst nicht hierbleiben“, entschied sie mit einem Unterton, der keinen Widerspruch duldete.

„Kann ich nicht?“

„Weil es nicht nötig ist“, fügte sie beschwichtigend hinzu. „Ich dachte, wir hätten das gestern Abend geklärt.“

„Wach endlich auf, Prinzessin! Du hast nicht mal eine Alarmanlage hier am Haus.“

„Ich lasse eine einbauen.“

„Genau das ist mein Job“, erwiderte Connor trocken und fügte hinzu: „Aber eine Alarmanlage einzubauen braucht Zeit. Sogar eine Firma wie Rafferty Security benötigt dazu einige Tage.“

Sie hätte es spätestens in dem Moment ahnen müssen, als sie die Treppe heruntergekommen war und ihn Pfannkuchen wenden sah. Dieser elende Einschleicher. „Okay, dann bleibe ich bei …“ Ja, bei wem eigentlich? Bei ihren Eltern? Bei einem ihrer Brüder? Die Wahlmöglichkeiten waren nicht gerade verlockend. „Bei meinen Eltern.“

„Deine Eltern leben in Carlyle. Das ist ein ziemlicher Anfahrtsweg.“ Connor verschränkte kampflustig die Arme vor der Brust. „Ja, natürlich …“ Er schnippte mit den Fingern. „Wenn ich ein Kidnapper wäre, der eine günstige Gelegenheit sucht, mein Opfer zu packen, würde ich dir absolut begeistert um ein Uhr nachts auf einer einsamen Straße folgen.“

„Gut, dann ziehe ich eben zu einem meiner Brüder. Quentin, Matt und Noah haben jeweils Apartments hier in Boston.“

„Und die meiste Zeit sind sie nicht hier. Seit der Heirat genießt Quentin sein Familienglück mit deiner Freundin Liz und ihrem Baby in Carlyle. Und Matt und Noah sind oft für Whittaker Enterprises auf Reisen. Falls du aus einem ihrer Apartments verschwindest, entdeckt man das erst nach Stunden, wahrscheinlich sogar erst nach Tagen.“ Connor entfaltete seine Arme und stellte sachlich fest: „Du brauchst einen Leibwächter.“

Obwohl er recht hatte, rebellierte alles in ihr gegen die Vorstellung. Niemand, am wenigsten ihre Familie, schien zu begreifen, dass ein Leibwächter bei der Staatsanwaltschaft auf ziemliches Unverständnis stoßen würde. Sie hatte zu hart gearbeitet, um ihre Glaubwürdigkeit und ihr Image dadurch zu schädigen, dass sie den Anschein des armen verfolgten Mädchens erweckte.

„Aber ich verstehe natürlich, dass es für jemanden in deiner Position nicht ganz problemlos ist.“

„Danke“, erwiderte sie ironisch, staunte jedoch über seine Einsicht. „Wenigstens bist du vernünftiger als meine Familie.“

„Also schlage ich dir etwas anderes vor. Namentlich mich. Dein Umfeld braucht nur zu wissen, dass ich ein Freund der Familie bin, der vorübergehend bei dir eingezogen ist, vielleicht weil sein Haus gerade renoviert wird. Das klingt doch nach einem plausiblen Grund.“

Stur wie ein Panzer, der Kerl, dachte Allison. Selbst wenn es ihm gelingen sollte, sich unauffälliger zu verhalten als ein normaler Bodyguard, wäre es unklug, auf seinen Vorschlag einzugehen. Besonders wenn sie an den Kuss von gestern Abend dachte. „Ich dachte, die Debatte hätten wir hinter uns. Meine Antwort ist Nein.“

„Ich fahre dich täglich zur Arbeit und hole dich auch wieder ab“, entschied Connor ungerührt, „und als Bonus …“, er machte eine ausholende Geste, „… bleibe ich hier bei dir im Haus.“

„Dein Edelmut rührt mich.“

Connor beteuerte grinsend: „Keine Sorge, ich bin stubenrein und räume grundsätzlich hinter mir auf.“

Allison verdrehte nur die Augen.

Connor beugte sich mit ernster Miene vor und sah sie durchdringend an. „Das ist alles kein Spiel, Ally. Jemand hat sich bereits an deinem Auto vergriffen und es mit Parolen beschmiert. Außerdem bekommst du Todesdrohungen. Du weißt nicht, was er als Nächstes tun wird.“

„Das ist mir schon klar.“ Allerdings hatte sie eine andere Taktik, mit der Situation umzugehen. Sie konzentrierte sich nicht auf die Gefahr, sondern auf die Ergreifung des Täters. Sie wollte sich ihr Leben nicht von Angst diktieren lassen. Insgeheim musste sie jedoch zugeben, dass es Angst gewesen war, die sie gestern Abend veranlasst hatte, aus dem Fenster auf die dunkle Straße hinunterzusehen.

Connor fuhr fort: „Ich weiß von deiner Familie, dass die Polizei eingeschaltet wurde. Aber wir wissen beide, wie begrenzt deren Möglichkeiten sind.“

Sie hatte nie zu hoffen gewagt, dass Connor Rafferty ein Nein gelten ließ. Schließlich war er nicht umsonst aus kleinen Verhältnissen im zarten Alter von siebenunddreißig zum Chef eines Multimillionen-Dollar-Unternehmens aufgestiegen, das mit seinen Sicherheitssystemen und dem Personenschutz sowohl große Konzerne als auch prominente Persönlichkeiten zu seinen Kunden zählte.

Sie hatte jedoch nicht vergessen, dass er vor vielen Jahren ihren zarten Teenagerhintern aus einer finsteren Bar bugsiert hatte. Und Connor behandelte sie immer noch gelegentlich, als wäre sie ein lästiges Kind – was seinen Kuss gestern Abend umso verwunderlicher erscheinen ließ.

Gestärkt durch diese Gedanken, versuchte sie eine erneute höfliche Abfuhr. „Connor, ich bin dir wirklich sehr dankbar für dein Angebot. Aber wie du selbst gesagt hast: Die Polizei ist mit der Angelegenheit betraut. Außerdem hat das Büro der Staatsanwaltschaft eigene Ermittler auf die Sache angesetzt.“

„Und wenn ich dir nun sage, dass du gar kein Mitspracherecht hast?“

Allison wollte eine spöttische Bemerkung machen, hielt jedoch inne, als Connor einen Satz Hausschlüssel aus der Tasche zog. „Woher hast du die?“, fragte sie empört.

„Bei Auftragserteilung erhalte ich gewöhnlich die Schlüssel für die Gebäude“, erklärte er lapidar.

Allison presste missmutig die Lippen zusammen. Sie wusste genau, welchem Whittaker sie das zu verdanken hatte. Quentin konnte sich auf etwas gefasst machen. Wenn sie mit ihm fertig war, würde er es nie wieder wagen, sich in ihre Angelegenheiten einzumischen. Aber zunächst einmal musste sie sich überlegen, was sie mit dem gerissenen Connor anstellen sollte.

Da sie ihn nicht aus dem Haus verbannen konnte, solange er im Besitz der Schlüssel war, besann sie sich auf eine Lehre aus ihrem Erfahrungsschatz. Manchmal war es besser, großzügig einen Waffenstillstand zu erklären, als sich geschlagen zu geben. Sie musste Zeit schinden für einen cleveren Plan, wie sie sich von Connor befreien konnte. Bis sie den Plan allerdings hatte, würde sie auf seine Vorschläge eingehen.

„Ich verstehe“, erwiderte sie scheinbar gelassen. „Nun gut, wenn wir also vorübergehend Hausgenossen sind, sollten wir einige Regeln aufstellen.“

„Zum Beispiel?“

„Zum Beispiel der Kuss gestern Abend, das war ein Fehler, der sich nicht wiederholt. Kapiert? Leider hast du mich in einem schwachen Moment erwischt, als ich mich nicht gut wehren konnte.“

„Das war der Sinn der Sache.“

„Wie gesagt, so etwas wird sich nicht wiederholen!“, beharrte sie streng.

„Reden wir zufälligerweise über den Kuss?“

„Natürlich reden wir über den Kuss.“ Die beiden Küsse von gestern Abend hatten sie sehr beschäftigt und waren in der Erinnerung zu einem verschmolzen.

„Ich wollte mich nur vergewissern“, erwiderte er so liebenswürdig, dass sie sich auf den Arm genommen fühlte und entsprechend ärgerte.

„Und damit hier keine Irrtümer entstehen: Das war kein Kuss im gegenseitigen Einverständnis, sondern ein aufgedrängter, gegen den ich mich nicht wehren konnte, weil ich abgelenkt und verwundbar war.“

Connor verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. „Witzig. Dabei hatte ich den Eindruck von sehr viel Einverständnis deinerseits.“

„Keine Küsse mehr, kapiert, Rafferty? Das ist Teil der Regeln.“

Er besaß die Frechheit, unverhohlen amüsiert zu grinsen. „Ich verspreche, dich nicht zu küssen. Was passiert, wenn du mich küsst, steht auf einem anderen Blatt.“

„Ich werde mein Bestes tun, mich zu beherrschen!“, giftete Allison zurück.

„Also, kampieren wir hier eine Weile zusammen?“

„Wie könnte ich ein solches Angebot ablehnen?“

Ein Lächeln überzog sein Gesicht. „Meine Bescheidenheit hindert mich daran, mehr zu sagen.“

„Ja, ich weiß, Bescheidenheit ist deine starke Seite.“

„Entdecke ich da eine Spur Sarkasmus?“

„Der und gute Manieren hindern mich daran, mehr zu sagen.“

Connor lachte auf, dass sich in seinen Augenwinkeln lustige Fältchen bildeten. Allison hatte das sonderbare Gefühl, das ihr Herz einen kleinen Salto schlug. Sie widerstand dem seltsamen Drang, seine Heiterkeit mit einem stürmischen Kuss auf seinen lachenden Mund zu ersticken.

Moment mal! Wenn ihr solche Gedanken kamen, steckte sie wirklich in ernsthaften Schwierigkeiten. Bis gestern Abend noch hätte sie Connors Heiterkeit ausschließlich mit Karateschlägen aus dem Programm für Fortgeschrittene bekämpft.

Ob sie es wollte oder nicht, zumindest bis sie einen Weg gefunden hatte, ihn loszuwerden, war Connor ihr Beschützer vor einer unbekannten Gefahr. Aber wer beschützte sie vor ihm?

3. KAPITEL

Connors Argwohn war augenblicklich geweckt, als Allison sich widerstandslos von ihm zur Arbeit fahren ließ. Sein Instinkt sagte ihm, dass sie viel zu fügsam war. Sie hatte etwas vor, aber was?

Da ein mit Terminen vollgepackter Arbeitstag vor ihm lag, schenkte er der Frage jedoch keine weitere Beachtung. Nachdem er Allison abgesetzt hatte, fuhr er zu seiner Eigentumswohnung, zog sich um und begab sich im Business-Outfit zur Zentrale seiner Firma Rafferty Security.

Gegen Mittag fuhr er weiter nach Carlyle zu Whittaker Enterprises. Er hatte schon vor langer Zeit mit Quentin für heute ein Essen in „Burke’s Steakhouse“ verabredet. Und Quentin würde die Chance nutzen, sich zu erkundigen, wie weit die Sicherheitsvorkehrungen für Allison gediehen waren.

Mit der Vermutung lag ich richtig, dachte Connor, als er im Besuchersessel vor Quentins Schreibtisch saß, während sie sich unterhielten, da ihnen vor dem Essen bei Burke noch einige Minuten Zeit blieben.

„Ich habe Allison immer wieder gedrängt, zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen zu treffen“, sagte Quentin. „Aber sie geht nur achselzuckend darüber hinweg und erklärt lapidar, sie werde sich darum kümmern. Tatsache ist nun mal, dass sie in einem exponierten Job arbeitet und tagtäglich mit widerwärtigen Leuten zu tun hat.“

Connor nickte. „Ich tue mein Bestes, sie zu schützen und ihr den Ernst der Lage begreiflich zu machen. Sie war nicht gerade erfreut, als ich gestern Abend bei ihr aufkreuzte“, fügte er mit leichter Ironie hinzu. „Und wie du weißt, bin ich auch nicht ausgesprochen berühmt für Charme und Liebenswürdigkeit, wenn man mir dumm kommt.“

Quentin erwiderte leise lachend: „Ja, aber mir blieb doch keine Wahl …“ Er unterbrach sich, weil die Tür aufflog und Allison hereinmarschierte, die klaren blauen Augen zornig funkelnd.

„Redet ihr zufälligerweise über mich?“, fragte sie.

Wie Connor registrierte, trug sie das dunkelblaue Kostüm, in dem er sie am Morgen am Büro der Staatsanwaltschaft abgesetzt hatte. Die am Kragen offene weiße Bluse bot einen verlockenden Blick auf ihren Hals, und die hochhackigen dunkelblauen Lederpumps betonten die wohlgeformten Beine unter dem kurzen Rock.

Obwohl ihr bloßer Anblick genügte, Begehren zu wecken, war Connor verärgert über ihre bewusste Missachtung seiner Anweisungen.

Quentin stieß eine leise Verwünschung aus, ehe er sagte: „Ich nehme an, Celine hat dich einfach durchmarschieren lassen.“

„Um genau zu sein, deine Sekretärin verließ ihren Schreibtisch, nachdem ihr rausgerutscht war, dass du dich gerade mit Connor triffst.“ Sie richtete ihren verächtlichen Blick auf Connor. „Ich hätte wissen müssen, dass du hier bist. Klopfst du dir gerade für die erfolgreich beendete Mission auf die Schulter?“

Connor erhob sich aus seinem Sessel. „Ich sehe meine Mission erst als erfolgreich beendet an, wenn wir den Kerl gefasst haben, der hinter dir her ist.“ Strenger fügte er hinzu: „Ich dachte, ich hätte dir gesagt, dass du im Büro bleiben sollst, bis ich dich abhole.“

„Ja, ich erinnere mich, dass du mir befohlen hast, im Büro zu bleiben. Ich kann mich aber nicht erinnern, dem zugestimmt zu haben. Was auch nicht möglich war, da ich vorhatte, meinem lieben Bruder für meine neuen Lebensumstände zu danken.“ Sie setzte sich schräg auf die Schreibtischkante und sah Quentin an, der nur fragend eine Braue hochzog. „Hallo, Quentin“, begann sie ruhig, während Connor sich auf seinen Sessel fallen ließ. „Eigentlich wollte ich nur dich sprechen. Soweit ich mich erinnere, haben Mieter immer noch das Recht, sich ihre Wohngenossen selbst auszusuchen.“ Sie fixierte ihn mit einem finsteren Blick. „Bisher habe ich dem Drang widerstanden, dich wegen Eingriffs in meine Persönlichkeitsrechte vor Gericht zu zerren, weil es Mom das Herz brechen würde!“

„Bist du nur gekommen, um zu stänkern?“, fragte Quentin verärgert. „Um eines klarzustellen, meine Liebe: Mom würde es vor allem das Herz brechen, die Leiche ihrer Tochter in einem Straßengraben zu entdecken! Wir machen uns wegen der Drohungen dieses Irren entsetzliche Sorgen um dich.“

„Natürlich macht Mom sich Sorgen“, gab Allison zurück. „Das hat sie auch getan, als Noah vor Jahren mit Autorennen anfing und Matt mit Bergsteigen. Und als du mit dem Rucksack durch Europa getrampt bist, war sie auch aus dem Häuschen. Aber sie hat immer darauf vertraut, dass ihr gebührende Vorsicht walten lasst.“

Quentin beugte sich vor. „Und was ist so falsch daran, in deinem Fall ein wenig Hilfe anzunehmen? Ich konnte nicht mal Connors Namen erwähnen, ohne dass du auf mich losgegangen bist.“ Er faltete die Hände auf dem Schreibtisch und fügte hinzu: „Connor ist nun mal der Beste in dem Geschäft. Der einzige Grund, warum du dich so gegen ihn sperrst, sind eure ewigen Kabbeleien.“

„Eine Erkenntnis von betörender Klarheit, Bruderherz. Sind Connor und ich nicht deshalb geradezu prädestiniert, miteinander unter einem Dach zu leben?“, entgegnete sie spitz.

Es erfüllte Connor mit grimmiger Genugtuung, dass ihr Wohnarrangement Allison ebenfalls einiges Unbehagen bereitete. „Ich kann das Herdfeuer in der Küche ertragen, wenn du es auch kannst“, scherzte er.

Allison schenkte ihm ein müdes Lächeln. „Mach dir um das Feuer im Herd mal keine Gedanken, mein Lieber. Ich werde dir Feuer unterm Hintern machen!“

Sie sahen sich starr in die Augen, während Quentin ein Lachen unterdrückte. Connor fragte sich flüchtig, was sie wohl zu dem Feuer sagen würde, das bereits in ihm loderte, nachdem er es jahrelang erfolglos zu ersticken versucht hatte.

Quentin räusperte sich, um auf sich aufmerksam zu machen. „Wenn du glaubst, dass ich mich in dein Leben einmische, Ally, betrachte es als Retourkutsche, weil du dich in meines eingemischt hast. Es war letztes Jahr eine starke Leistung von dir, mich und Elizabeth zu verkuppeln.“

„Das war was völlig anderes.“

„Ach, tatsächlich?“, fragte Quentin skeptisch.

Connor wusste, dass Quentin vor allem dank Allys Einmischung jetzt mit ihrer besten Freundin Liz verheiratet war.

Allison stand vom Schreibtisch auf. „Du und Liz, ihr seid füreinander geschaffen, Quentin. Außerdem kannst du nicht behaupten, dass du über den Gang der Dinge unglücklich bist.“

Quentin lehnte sich im Sessel zurück, den Kopf leicht seitlich geneigt. „Demnach war es etwas anderes, weil dir mein Wohlergehen am Herzen lag. Ist das richtig?“

Connor deutete mit dem Kopf auf Allison, während er Quentin ansah. „Aus derselben Motivation heraus bist du, im Gegensatz zu unserer lieben Ally, aber offenbar nur ein mieser Typ, der nichts Besseres zu tun hat, als sich ungebeten in ihr Leben einzumischen.“

Allison seufzte genervt. Ihr Bruder und Connor waren aus demselben Holz geschnitzt, obwohl der eine in Reichtum geboren worden war, während der andere, dem immer noch etwas vom bösen Buben aus dem falschen Viertel anhaftete, sich seinen Reichtum hatte hart erarbeiten müssen. In einer Situation wie dieser hielten sie zusammen und gaben kein bisschen nach.

Connor sah sie gleichmütig an. „Irgendwie hatte ich mir schon gedacht, dass du nicht einfach klein beigibst, obwohl du heute Morgen gefügig wie ein Lamm warst, als ich dich zur Arbeit gefahren habe.“

„Was soll ich dazu sagen? Du kennst mich.“

„Sagen wir, diesmal steht es unentschieden, Ally.“ Er sprach in ruhigem Ton, doch sein strenger Blick verriet, dass Connor sich kein zweites Mal würde hereinlegen lassen.

„Warum kommst du nicht mit uns zum Lunch?“, bot Quentin ihr an. „Der Termin zum Essen heute stand schon länger fest. Und wie es der Zufall will, bist du sowieso unser Hauptthema.“

Allison sah auf ihre Uhr. „Danke, aber ich muss unbedingt zurück ins Büro.“

Sie hatte ihrem Bruder deutlich gesagt, dass sie von dieser Bodyguard-Aktion nichts hielt, musste jedoch einsehen, dass weder er noch Connor ihre Sicht der Dinge teilte. Was bedeutete, dass Connor vorläufig nicht wieder ausziehen würde.

Länger zu bleiben hatte keinen Sinn. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als Connors Beispiel zu folgen und diese Schlacht als unentschieden anzusehen und den geordneten Rückzug anzutreten. Falls er sich jedoch einbildete, dass er gewonnen hatte, würde sie ihn eines Besseren belehren.

Connor stand auf und ging auf sie zu. „Ich begleite dich.“

„Du gehst doch mit Quentin zum Lunch“, erinnerte sie ihn. „Außerdem ist heller Tag, und auf der Straße ist jede Menge Verkehr.“

„Ich kann ein andermal mit deinem Bruder essen gehen“, widersprach Connor. „Und besprochen haben wir eigentlich auch schon alles. Meine Leute beginnen heute Nachmittag mit dem Einbau der Alarmanlage in deinem Haus. Ich muss zurück.“ Er nickte Quentin zu. „Es macht dir doch nichts aus, das Essen zu verschieben?“

Quentin blickte leicht verwundert von einem zum anderen, ehe ein Lächeln um seine Mundwinkel zuckte. Jedenfalls hätte Allison schwören können, den Anflug eines Lächelns entdeckt zu haben.

„Kein Problem“, bestätigte Quentin. „Mir soll’s recht sein.“

Das Mienenspiel ihres Bruders machte Allison stutzig. Sie dachte jedoch nicht weiter darüber nach, weil Connor zur Tür ging und sie ihr öffnete. „Wie ihr wollt“, erwiderte sie nur.

„Wenn du im Büro fertig bist, hole ich dich von dort ab“, erklärte Connor in bestimmtem Ton. „Ruf mich auf meinem Handy an.“

„Aber natürlich“, bestätigte sie sarkastisch und erkannte plötzlich, dass sie damit einen Teil ihres Problems beschrieb. Sie befürchtete, dass Connors Gegenwart ihr zu schnell ganz natürlich vorkommen könnte.

Am Sonntag fuhr Allison zum Brunch mit ihrer Familie nach Carlyle, wo sich ihre Brüder und ihre Schwägerin in der imposanten, im Kolonialstil erbauten Villa ihrer Eltern eingefunden hatten.

Connor begleitete sie, was er natürlich auch ohne die Einladung ihrer Eltern getan hätte.

Er wohnte immer noch bei ihr im Haus. Allerdings hatte Allison die Hoffnung, ihn vor die Tür zu setzen, noch nicht aufgegeben. Auch wenn Quentin noch formell der Besitzer ihres Hauses war und Connor sie angeblich auf seine Bitte hin beschützte, bedeutete das nicht, dass sie sich dem widerstandslos fügen musste. Sie war noch nicht so weit, den drastischen Schritt zu tun und selbst auszuziehen, aber sie konnte sich weigern, mit Connor zusammenzuarbeiten, und ihn bestmöglich ignorieren.

Das Hauptgesprächsthema während des Brunch war – wie hätte es anders sein können – ihr namenloser Feind. Die Tatsache, dass sie praktisch mit Connor zusammenlebte, rief in der Familie nicht mal ein Stirnrunzeln hervor. Was Allison mehr als seltsam fand.

Ihre Mutter fasste die allgemeine Stimmungslage in dem Satz zusammen: „Wir sind dir ja so dankbar, Connor, dass du uns deine Hilfe angeboten hast, um Ally zu beschützen. Das beruhigt mich ganz enorm.“

Allisons Bruder Matt fügte hinzu: „Viel Glück, Connor. Wie ich Allison kenne, wirst du es brauchen.“

Connor zog die Brauen hoch, aber Quentin und Noah grinsten wissend.

Allison maß ihre Brüder mit vernichtenden Blicken, die deutlich besagten, dass sie ihre Heiterkeit für unangebracht hielt.

Als sie nach dem Brunch mit ihrer Schwägerin und besten Freundin ins Wohnzimmer ging, kochte sie innerlich. Doch wenn es jemanden gab, der ihre Misere verstand, dann war es Liz.

Allison ließ sich in einen Korbsessel fallen. „Nicht zu fassen, was meine Familie da so von sich gibt! Die sind Connor dankbar und fühlen sich beruhigt, weil er auf mich achtgibt. Ob mir das recht ist, scheint niemanden zu interessieren.“

Liz, die im Schaukelstuhl saß und Nicholas stillte, blickte kurz auf. „Ich weiß, ich weiß. Aber ehrlich, Ally, hast du denn kein bisschen Angst?“

„Du meinst wegen der Drohungen?“ Allison zuckte kurz die Schultern. „Ja, natürlich. Aber die Angst darf mich doch nicht lähmen. Sonst kann ich meinen Job gleich an den Nagel hängen.“

Liz nickte verständnisvoll.

„Aber erzähl das nicht meinen Brüdern. Wenn die hören, dass ich mir auch nur ein bisschen Sorgen mache, verfrachten die mich zur Sicherheit in eine abgelegene Hütte mit Leibwächtern an allen vier Ecken.“

Die Vorstellung brachte Liz zum Kichern. „Ach, Ally, deine drei Brüder meinen es doch nur gut mit dir. Quentin zum Beispiel ist echt in Sorge um dich.“

„Ich weiß. Ich wünschte mir nur, dass sie mir ein bisschen mehr zutrauen würden. Außerdem machen sich gleich vier Männer Sorgen um mich. Glaub mir, Connor schlägt mit seinem Bewachungsdrang jeden Schäferhund.“

Liz warf ihr einen mitfühlenden Blick zu.

„Er hat sich häuslich bei mir eingerichtet“, erklärte Allison und seufzte. „Gestern hat er sämtliche Tür- und Fensterschlösser inspiziert. Er lässt von seinen Leuten bereits eine Alarmanlage einbauen mit Direktschaltung zur Polizei!“ Die Alarmanlage gab ihr tatsächlich ein Gefühl größerer Sicherheit, wie sie insgeheim zugab. Sorge bereitete ihr eigentlich nur der Typ, der den Einbau überwachte.

„Hm“, machte Liz und blickte auf ihren Sohn, der zufrieden an ihrer Brust saugte. „Es gab Zeiten, da hättest du einen Salto geschlagen, um Connors Aufmerksamkeit auf dich zu lenken.“

Allison schnaubte verächtlich. Liz wusste alles über die demütigende Behandlung durch Connor. „Das ist lange her. Und ich war es schon damals leid, mich ein Bein für jemanden auszureißen, der es nicht verdient.“

„Wovon redet ihr? Habe ich etwas verpasst?“, fragte Ava Whittaker und kam vom Flur ins Zimmer.

Allison sah ihre elegante Mutter sich in den nächsten Korbsessel setzen, das dunkle, von feinen grauen Strähnen durchzogene Haar perfekt frisiert wie immer. „Warum hast du das vorhin gesagt, Mom?“

„Was habe ich denn gesagt, Liebes?“, fragte Ava Whittaker mit einem entzückten Blick auf ihren Enkel.

„Dass du dankbar und beruhigt bist, weil Connor mir seine Dienste zur Verfügung stellt“, erklärte Allison mit einer abwinkenden Geste. „Was ist aus unserer schönen Grundüberzeugung geworden, dass Frauen selbst auf sich aufpassen können? Bisher konnte ich mich immer darauf verlassen, dass du mir in puncto Frauenpower den Rücken stärkst.“

Ava Whittaker hatte ihre Kinder praktisch allein aufgezogen, während ihr Mann Whittaker Enterprises aufbaute. Sobald ihr jüngstes Kind ins Teenageralter gekommen war, hatte sie ein Jurastudium begonnen und war eine respektierte Familienrichterin geworden. Allison sah in ihrer Mutter nicht nur ein Vorbild, sondern eine Heldin.

Ava Whittaker riss den Blick von dem Baby los und wandte sich ihrer Tochter zu. „Natürlich weiß ich, dass du auf dich aufpassen kannst. Aber es ist nur angemessen, Connor für seine Hilfe zu danken, da du wirklich gefährdet zu sein scheinst.“ Nach einer Pause fügte sie hinzu: „Ich will doch sehr hoffen, dass du deine Manieren nicht vergessen hast. Schließlich habe ich mir viel Mühe gegeben, sie dir beizubringen. Du hast Connor doch auch gedankt, oder?“

Allison unterdrückte ein leichtes Schuldgefühl. Ihre Mutter hatte eine hinterhältige Art, den Spieß umzudrehen. „So wie ihr euch alle überschlagen habt, ihm zu danken, könnte man meinen, er hätte die schlimmste Klientin unter der Sonne erwischt.“

Ihre Mutter erwiderte lächelnd: „Allison, du weißt genau, dass wir es nicht so gemeint haben. Deine Brüder wollten dich nur necken, und für gewöhnlich schlägst du verbal zurück und übertrumpfst sie noch.“

Allison ging darauf nicht ein. „Nun, ja, wir sollten in der Tat nicht außer Acht lassen, welche Unannehmlichkeiten Connor meinetwegen auf sich nimmt!“, erwiderte sie ironisch. Sie tat so, als müsse sie einen Moment nachdenken, und schnippte mit den Fingern. „Ach ja, heute Morgen ist er die Treppe heruntergekommen und musste warten, bis ich im Bad fertig war.“ Sie streifte Liz, die belustigt wirkte, mit einem Seitenblick. „Du weißt, wie sehr ich lange, heiße Duschen liebe.“

Ava Whittaker versuchte ernsthaft besorgt auszusehen, was ihr misslang.

Allison blickte von ihrer Mutter zu Liz und zurück. „Begreift eigentlich überhaupt jemand in dieser Familie, dass ich praktisch mit einem Mann zusammenlebe?“ Sie machte eine Pause, um ihren Worten mehr Nachdruck zu verleihen. „Wäre ein anderer als Connor bei mir eingezogen, wärt ihr alles andere als beruhigt. Und Matt und Noah hätten ihm garantiert kein Glück gewünscht.“

„Aber es ist Connor, meine Kleine“, betonte ihre Mutter und fügte nach einem Moment hinzu: „Es sei denn, du willst andeuten, dass sich zwischen euch etwas anbahnt.“

„Natürlich nicht!“ Die Vorstellung war ja wohl lächerlich. Und der Kuss zählte nicht. „Mein Einwand richtet sich allgemein gegen die Situation. Ist es denn so jenseits eurer Vorstellungskraft, dass Connor und ich das Zusammenleben als …“, Allison suchte nach den richtigen Worten, „… als peinlich empfinden könnten, weil wir nun mal unterschiedlichen Geschlechts sind?“ Ganz abgesehen davon, dass die ganze Situation absolut unmöglich war.

Ein Leuchten trat in Ava Whittakers Augen. „Ach, ich verstehe.“

Zu ihrem Leidwesen kannte Allison dieses Leuchten. Das letzte Mal hatte sie es gesehen, als ihre Mutter erfuhr, dass Liz und Quentin ein Baby erwarteten.

Frustriert setzte Allison sich wieder in ihren Sessel und gab sich geschlagen. „Nein, Mom, du verstehst es absolut nicht.“

Sie hatte dieses Thema in der Hoffnung auf mütterliche Unterstützung im Kampf gegen Connor angesprochen. Dazu hätte Ava jedoch erst mal einsehen müssen, dass durch Connors Einzug eine unmögliche Situation für sie beide entstanden war. Leider war der Schuss nach hinten losgegangen. Allison bemerkte, dass ihre Mutter nur angenehm überrascht wirkte.

„Nun, soweit ich das sehe, sitzt da ein wirklich netter junger Mann im Nebenzimmer“, stellte Ava fest.

Allison blickte übellaunig auf den Rasen draußen und fragte sich unwillkürlich, wie es Connor gefallen würde, als netter junger Mann tituliert zu werden.

„Und falls es jemanden interessiert: Ich würde sagen, du hättest es nicht besser treffen können“, fügte Ava hinzu.

Allison wandte sich an Liz. „Siehst du, wie sie insgeheim schon ihre Enkelkinder zählt? Quentin und du, ihr habt sozusagen die Fluttore geöffnet.“

Liz nahm das Baby von der Brust, das seine Mahlzeit beendet hatte. „Na ja, du musst zugeben, dass Connor ein ziemlich guter Fang ist.“ Auf Allisons strafenden Blick hin fuhr sie fort: „Ich meine, falls du an ihm interessiert wärst.“

„Da wir gerade von Babys reden.“ Ava nahm Liz den kleinen Nicholas ab und legte ihn sich an die Schulter, damit er ein Bäuerchen machte. „Sosehr ich diesen kleinen Schatz auch liebe, ich bedaure jetzt noch, dass ihr beide, Quentin und du, nicht die Zeit für eine große förmliche Hochzeitsfeier hattet.“ Ava stand auf, begann hin und her zu gehen und warf Allison über den Kopf des Babys hinweg einen Blick zu. „Also, meine Kleine, ich verstehe deine Aufregung nicht. Die Sache ist doch ganz einfach: Du nimmst weiter deine langen heißen Duschen, und Connor überlässt du die kalten.“

„Mom!“

Liz wirkte zunächst leicht irritiert und begann dann zu lachen.

Ava ging lächelnd zur Tür.

„Wir mögen uns nicht einmal!“, rief Allison ihr nach. „Wir sind wie Feuer und Wasser.“ Sie wandte sich an Liz. „Warum erkläre ich das überhaupt?“

„Mir scheint, du protestierst verdächtig viel.“

Allison nahm ein Kissen vom nächsten Sessel und warf es nach Elizabeth, die sich lachend duckte.

Die nächste Woche verging wie im Flug, und in der Rückschau verwischten sich die Ereignisse für Allison wie in einem Nebel.

Connor beendete mit seinen Leuten den Einbau der Alarmanlage, und im Zusammenleben mit ihm stellte sich eine gewisse Routine ein.

Wenn Allison morgens aus der Haustür trat, gleichgültig wie früh, wartete Connor bereits auf sie mit dem Autoschlüssel in der Hand. Wenn sie ihn am Ende ihres Arbeitstages nicht anrief, fragte er telefonisch bei ihr an, wann er sie abholen sollte.

Am Mittwoch versuchte sie, ihm zu entwischen, aber er kam einfach in ihr Büro und wartete eine halbe Stunde, bis sie mit der Arbeit fertig war. Sie war sich ein wenig schäbig vorgekommen, ihn warten zu lassen, redete sich jedoch ein, er hätte es verdient, weil er sich mit seinem Einzug bei ihr einfach in ihr Leben drängte.

Obwohl sie ihn weitgehend durch Nichtbeachtung strafte, gab es genügend Reibungspunkte. Sie konnte ihn einfach nicht übersehen. Seine Unterlagen und sein Computer lagen und standen in einer Ecke ihres Arbeitszimmers, und seine persönlichen Sachen waren in ihrem Haus.

Was sie jedoch wirklich beunruhigte, war die Intimität, die sich durch das Zusammenleben ergab. Sie hatte es ihrer Mutter zu erklären versucht, als sie von Peinlichkeiten aufgrund des unterschiedlichen Geschlechts sprach. Das traf es ziemlich genau.

Am Donnerstagmorgen hatte sie beim Anziehen plötzlich bemerkt, dass die Bluse, die sie tragen wollte, im Wandschrank im Flur hing. Da sie wusste, dass Connor noch unter der Dusche stand, war sie in Rock und BH aus dem Schlafzimmer in den Flur geeilt und hatte die Bluse geholt.

Sie wollte sich soeben umdrehen und ins Schlafzimmer zurückkehren, als die Badezimmertür unerwartet aufging.

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