Logo weiterlesen.de
BACCARA EXKLUSIV BAND 110

MICHELLE CELMER

Versuchung rund um die Uhr

Als Connor zustimmt, auf Nita aufzupassen, ahnt er nicht, was auf ihn zukommt. Auf ihrer Ranch geschehen seltsame Dinge, dennoch wehrt sie sich gegen seine Fürsorge! Bis sich plötzlich alles ändert und Nita mit allen Mitteln versucht, ihn in ihr Bett zu locken. Nur zu gerne würde er der süßen Versuchung nachgeben – wenn er nur wüsste, was sie wirklich plant!

MARGARET ALLISON

Heiße Küsse – nur zum Schein?

Um ihre Firma zu retten, muss Lessa sich mit dem Feind verbünden! Nicht nur, dass sie Rick wieder einstellen muss, nachdem sie ihn gefeuert hat. Nein, um gegenüber der Konkurrenz Einigkeit zu demonstrieren, muss sie so tun, als wäre Rick die Liebe ihres Lebens. Widerwillig bietet sie ihm ihre Lippen zum Kuss – und schmeckt auf einmal nichts als pures Verlangen …

RITA CLAY ESTRADA

Bleib doch zum fest der Liebe

Auf den ersten Blick weiß Peter, dass er sie will: Als er auf einem Waldspaziergang die schöne Carly trifft, brennt er vor Verlangen. Nur die sexy Lehrerin kann das Feuer der Leidenschaft in ihm löschen! Doch Carly will nicht nur eine flüchtige Affäre – sie sehnt sich nach wahrer Liebe und einer gemeinsame Zukunft. Ist Peter dazu wirklich bereit?

IMAGE

Versuchung rund um die Uhr

PROLOG

Aus Jessamine Goldens Tagebuch

11. Oktober 1910

Liebes Tagebuch,

gerade als ich glaubte, Brads Liebe würde die dunklen Schatten auf meiner Seele für immer vertreiben und dass meine Rachegelüste sich gelegt hätten, bin ich erneut betrogen worden. Edgar Halifax hat mir meine Familie und meine Sicherheit geraubt, als er meinen Vater ermordet hat. Er hat mein Leben ruiniert und meinen Traum zerstört, Lehrerin zu werden. Jetzt hat er mir auch noch den einzigen Mann genommen, den ich jemals lieben konnte und der mich jemals geliebt hat. Ich kann an nichts anderes mehr denken, als dafür um jeden Preis Rache zu nehmen.

Man hat mir da eine Sache angehängt, liebes Tagebuch. Ich habe dieses Gold nicht gestohlen, und das habe ich Brad auch gesagt. Ich habe ihm bei allem, was mir heilig ist, geschworen, dass es Halifax selbst war, der das getan hat. Er hat sich das Gold geschnappt und es versteckt, sodass es wie Diebstahl aussieht.

Aber, liebes Tagebuch, als ich die Zweifel in Brads Augen gesehen habe, stockte mir vor Schmerz der Atem, und es machte mir das Herz schwer. Ich bin schon vorher betrogen worden, aber noch niemals hat mir das so schrecklich wehgetan. Jetzt wird mir klar, wie töricht es von mir war, darauf zu hoffen, dass wir gemeinsam eine Chance haben könnten.

Aber ich liebe ihn noch immer. Ich sehne mich verzweifelt nach diesen Lippen, die die meinen so sanft berührt, und nach seinen Händen, die mich so zärtlich liebkost haben. Den Schmuckanhänger trage ich weiterhin ganz nahe an meinem Herzen. Er soll mich daran erinnern, was alles hätte sein können. Ich werde ihn nicht ablegen, auch wenn ich jetzt weiß, dass unsere Liebe verloren ist. Brad wird immer ein Mann des Gesetzes bleiben, und mein Rachedurst wird nie gestillt sein. Nicht bevor Halifax für seine Sünden bezahlt hat. Und er wird bezahlen. Dafür werde ich sorgen.

Ohne Brads Liebe habe ich nichts mehr zu verlieren.

1. KAPITEL

Nita Windcroft gehörte keineswegs zu den Menschen, die schnell in Tränen ausbrachen.

Das letzte Mal war ihr das in der vierten Klasse passiert, als sie vom Barren gefallen war und sich die Schulter ausgekugelt hatte. Buck Johnson, der sie damals ausgelacht und ein Baby genannt hatte, hatte sie mit dem gesunden Arm ein blaues Auge verpasst. Nitas Meinung nach waren die meisten Frauen viel zu emotional.

Aber die jüngsten Vorkommnisse auf der Pferdefarm ihrer Familie machten ihr gehörig zu schaffen. Zu den heruntergerissenen Zäunen auf der Farm, dem vergifteten Futter, das beinahe mehr als ein Dutzend Pferde hätte das Leben kosten können, war letzte Woche noch ein Drohbrief ins Haus geflattert. Jemand wollte die Windcrofts endgültig von ihrem Land vertreiben.

Als nun Doktor Willard, der in die Jahre gekommene Veterinär, mit grimmigem Gesicht aus Ulysses’ Stall kam, rang Nita mühsam um Fassung. Sie versuchte, die Tränen zurückzuhalten.

„Tut mir leid, Nita. Der Bruch ist zu kompliziert, und in seinem Alter … Wir werden ihn wohl erschießen müssen.“

„Ulysses war nur ein altes Arbeitspferd, aber Daddys Liebling. Das wird ihn traurig stimmen.“

„Wie gehts denn deinem Dad?“, fragte Willard. „Ich habe gehört, dass er ziemlich böse gefallen ist, als Ulysses gestürzt ist.“

„Er wird gerade operiert. Der Arzt sagt, dass er mindestens sechs Wochen nicht laufen kann und wahrscheinlich zur Physiotherapie muss.“ Nita erinnerte sich daran, wie ihr Vater mit einem völlig verdrehten Bein dagelegen hatte. Er war gerade dabei, die Zäune der Koppeln im Norden der Farm zu überprüfen, als sein Pferd in ein Erdloch trat. Ein Loch, das so groß war, dass es weder von einem Präriehund noch einem Dachs stammen konnte. Und da keiner ihrer Angestellten so dumm sein würde, an dieser Stelle ein Loch zu graben, war Nita klar, dass es sich hier um einen weiteren Versuch handelte, sie von der Farm zu verjagen.

Sie wusste auch, dass die Devlins verantwortlich für all das waren. Ganz egal, wie vehement die Familie Devlin das auch bestritt. Und dieses Mal sind sie definitiv zu weit gegangen, dachte sie. Ihr Daddy hätte ums Leben kommen können.

Erneut stiegen ihr Tränen in die Augen, die sie tapfer zurückhielt. Sie hatte ihre krebskranke Mutter verloren, als sie noch klein gewesen war. Später dann ihre ältere Schwester Rose, die es in die Großstadt gezogen hatte. Nita wusste nicht, was sie tun sollte, würde sie auch noch ihren Daddy verlieren. Jeden würde sie umbringen, der versuchte, ihrem Vater etwas anzutun. Aber selbst ihr wuchs diese ganze Situation allmählich über den Kopf.

Sie hatte gehört, dass der Texas Cattleman’s Club geheime Operationen zugunsten hilfsbedürftiger Mitbürger durchführte. Sie hatte diese Männer schon ein paarmal gebeten, ihr zu helfen. Daraufhin hatten sie ihr auch Mark geschickt, den frischgebackenen Ehemann ihrer besten Freundin Alison, um sich auf der Farm umzusehen. Er hatte nichts entdecken können, was darauf hinwies, dass die Devlins verantwortlich für die Vorkommnisse waren. Doch Nita traute dieser Familie nicht über den Weg. Seit mehr als hundert Jahren versuchten die Devlins bereits, an das Land der Windcrofts zu kommen – an das Land, das sie ihnen nicht bereits gestohlen hatten, um genau zu sein.

Aber wie alle anderen, die Polizei eingeschlossen, wollte der Texas Cattleman’s Club nicht in die Devlin-Windcroft-Fehde hineingezogen werden. Doch vielleicht würden sie jetzt etwas unternehmen, da Menschen verletzt worden waren.

„Du solltest eigentlich im Krankenhaus sein“, sagte Doktor Willard.

„Bevor Daddy in den Operationssaal geschoben wurde, musste ich ihm versprechen, nach Hause zu fahren und mich um das Pferd zu kümmern. Du kennst ihn ja. Für ihn steht die Farm stets an erster Stelle.“ Diese Einstellung hatte er Nita schon früh vermittelt. Sie hatte immer an seiner Seite auf der Farm gearbeitet. Und jetzt, da er sozusagen außer Gefecht gesetzt war, war sie dafür verantwortlich, dass alles reibungslos lief.

„Und was Ulysses angeht, dann tu, was du tun musst, Doc“, erklärte sie und verließ den Stall. Draußen stieg gerade Jimmy Bradley, ihr Vorarbeiter, vom Pferd. Die Sonne war bereits untergegangen, und ein kühler Wind war aufgekommen. Nita fröstelte.

„Nun, was hast du entdeckt?“, fragte Nita.

Jimmy wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Noch mehr Erdlöcher in den südlichen und nördlichen Koppeln. Wir werden morgen bei Tageslicht auch die Koppeln im Westen und Osten sowie die Ställe der Zuchthengste überprüfen müssen. Die Jungs werden noch heute Abend sämtliche Löcher wieder zuschütten, die wir gefunden haben. So lange sollten die Pferde besser in den Ställen bleiben.“

„Bist du ganz sicher, dass kein Tier die Löcher gegraben haben kann?“

„Ja, denn kein Tier gräbt Löcher mit einer Schaufel und hinterlässt Fußabdrücke. Ich nehme an, dass es diese verfluchten Devlins waren.“ Jimmy, der bereits vor Nitas Geburt auf der Farm gearbeitet hatte, war die Windcroft-Devlin-Fehde nicht unbekannt.

„Da kann ich dir nicht widersprechen.“

„Etwas muss geschehen.“

„Das weiß ich, Jimmy“, erwiderte sie frustriert. Noch nie hatte sie sich so nutzlos gefühlt. „Aber ohne einen Beweis unternimmt die Polizei nichts. Als ich heute Nachmittag dort angerufen habe, meinten sie, dass uns wahrscheinlich ein paar Jugendliche einen Streich gespielt hätten.“

„Das war kein Streich.“

Da die Polizei nicht einschreiten wollte, blieb Nita keine andere Wahl, als ihren Stolz zu überwinden. Doch die Sicherheit ihrer Familie und der Tiere war dieses Opfer wert. Sie ging zu ihrem Transporter. „Ich denke, es wird Zeit, dem Texas Cattleman’s Club einen weiteren Besuch abzustatten.“

„Sie haben dir doch bisher auch nicht geglaubt. Wie kommst du denn darauf, dass sie dich jetzt anhören werden?“, meinte Jimmy.

Sie stieg in den Transporter. „Dieses Mal werde ich sie dazu bringen.“

Connor Thorne betrat am späten Abend die Lobby des Texas Cattleman’s Clubs. Die lange Galerie der Porträts von ehemaligen und derzeitigen Clubmitgliedern erinnerte ihn daran, dass er erst seit Kurzem dazugehörte. Tatsächlich fühlte er sich immer noch ein wenig befangen, wenn er einfach so hereinschneite. Doch heute würde er seinen ersten offiziellen Auftrag bekommen.

Er kam direkt vom Flughafen, wo er die Nachricht seines Bruders erhalten hatte, dass im Club eine dringende Zusammenkunft einberufen wurde. Connor war in Virginia gewesen, wo für ihn anlässlich seines Ausscheidens aus der Army eine offizielle Abschiedsparty veranstaltet wurde. Die Party hatte sehr lange gedauert, und er hatte nur zwei Stunden geschlafen. Auf dem Rückflug am Nachmittag hatte er noch einen kleinen Kater gehabt. Dennoch war er voll konzentriert, als er die Tür zum Versammlungsraum öffnete und die Aufregung spürte, die in der Luft lag.

Jake, sein eineiiger Zwillingsbruder, hatte es sich in einem der braunen Ledersessel bequem gemacht. Zwei der anderen TCC-Mitglieder, Logan Voss, der eine erfolgreiche Rinderfarm betrieb, und Gavin O’Neal, der Sheriff der Stadt, standen vor einem runden Tisch und studierten die Kopie der Landkarte, die im Royal Museum kürzlich gestohlen wurde.

„Connor“, Jake stand auf, „danke, dass du noch hergekommen bist. Wir haben hier etwas Dringendes zu klären.“

„Kein Problem.“

Auch die anderen Männer begrüßten ihn, bevor sie alle Platz nahmen.

„Ich weiß, dass du direkt vom Flughafen kommst. Willst du einen Drink oder etwas zu essen?“, fragte Jake.

Connor wusste, dass sein Bruder ihn willkommen heißen wollte. Aber dadurch fühlte er sich nur noch mehr als Außenseiter. „Lass uns zur Sache kommen.“

„Typisch mein Bruder“, erklärte Jake den anderen Männern mit einem gutmütigen Lachen. „Er denkt immer an die Arbeit und nie ans Vergnügen.“

Obwohl Connor die Bemerkung ärgerte, konnte er das nicht abstreiten. Er war immer der verantwortungsvolle und ernsthafte Zwilling gewesen. Das Arbeitstier. Jake hingegen war charmant und umgänglich. Er hatte immer seinen Spaß gehabt und die hübschen Mädchen erobert. Doch da Jake seit Kurzem sehr glücklich verheiratet war, waren seine Tage als Frauenheld wohl endgültig vorbei.

„Nita Windcroft hat uns heute Abend erneut einen Besuch abgestattet“, erläuterte Gavin. „Es sieht so aus, als ob die Devlin-Windcroft-Fehde wieder heftig aufflackert. Oder jemand möchte, dass dieser Eindruck entsteht.“

„Sie ist wieder einmal einfach hier hereinspaziert und hat sich Gehör verschafft.“ Jake wirkte eher amüsiert als verärgert. „Man muss ihre Entschlossenheit bewundern.“

„Ich dachte, wir wollten uns da nicht einmischen“, erklärte Connor.

Jake erzählte ihm von Nitas Besuch und den letzten Vorkommnissen auf der Farm. „Auch wenn wir vermutet hatten, dass sie den Devlins vielleicht etwas anhängen wollte, würde Nita laut Alison, Marks Frau, nie etwas tun, das ihrer Familie schaden würde. Wir glauben, dass in der Tat jemand versucht, sie von ihrem Land zu vertreiben. Deshalb halten wir es für angebracht, einen Mann auf die Farm zu schicken, der die Dinge dort im Auge behält, bis wir herausgefunden haben, wer dahintersteckt. Aufgrund deiner Erfahrungen bei den Rangers wärst du der richtige Mann für diesen Job.“

Connor verbarg seine leichte Enttäuschung. Das waren nicht gerade die internationalen Verwicklungen, auf die er gehofft hatte und an deren Lösung er bei den Spezialeinsatzkräften mitgewirkt hatte. Aber es spielte keine Rolle, welcher Job es war. Er würde jedenfalls die ihm übertragene Aufgabe so gut wie möglich erledigen. Erhielt Connor einen Auftrag, so erfüllte er ihn stets gewissenhaft. „Und der Mord an Jonathan?“, fragte er. „Verdächtigt ihr Nita immer noch?“

„Alison schwört, dass sie dazu nicht fähig sei“, meinte Logan. „Wir möchten herausfinden, wie du darüber denkst. Nita ist einverstanden, dass einer von uns in ihrem Haus wohnen kann. Du kannst dort unauffällig nach Anhaltspunkten suchen, die wir übersehen haben könnten.“

„Wirst du dich von der Firma loseisen können?“, fragte Jake.

„Kein Problem.“ Müsste Connor noch eine Woche länger hinter einem Schreibtisch sitzen, würde er ohnehin vor Langeweile durchdrehen. Niemals hätte er sich für einen solchen Job entschieden, wenn sein Vater sich nicht zur Ruhe gesetzt und es irgendjemanden gegeben hätte, der bereit gewesen wäre, das Familienunternehmen weiterzuführen. Wie immer hatte Connor auch dieses Mal seine Pflicht erfüllt und Verantwortung übernommen.

Die traurige Wahrheit war, dass er schon sehr lange nicht mehr auf sein Herz gehört und stattdessen den Erwartungen anderer entsprochen hatte. Dabei hatte er seine Wünsche und seinen eigenen Lebensweg schon fast aus den Augen verloren. Mitglied im Texas Cattleman’s Club zu werden war das erste Mal seit sehr langer Zeit, dass er etwas für sich selbst getan hatte.

Trotz alledem hatte Jake es immer wieder geschafft, ihn zu übertrumpfen. Aber er liebte seinen Bruder sehr und nahm ihm nichts übel. Obendrein war Jake so liebenswürdig und unbefangen, dass es einem wirklich schwerfiel, nicht von ihm eingenommen zu sein. Außerdem schien er rücksichtsvoller und reifer geworden zu sein. Connor vermutete, dass die Ehe eine solche Wirkung auf einen Mann haben könnte. Das würde er selbst niemals herausfinden können, da Ehe und Familie bei ihm nicht auf dem Programm standen.

„Was weißt du über Nita Windcroft?“, fragte Logan.

„Nicht viel.“ Connor war Nita nie begegnet, hatte aber von den Leuten in Royal viel Klatsch über sie mitbekommen. Er wusste lediglich, dass ihr Vater sie allein großgezogen hatte, sie auf der Farm arbeitete und ein ziemlicher Wildfang sein musste. Er hatte auch gehört, dass sie angeblich auf dem besten Weg wäre, eine alte Jungfer zu werden, wenn sie nicht endlich mehr Wert auf ihr Äußeres legte und bald einen Mann fand. Beim Militär hatte er eine Reihe knallharter Frauen kennengelernt, denen man besser aus dem Weg ging. Und allem Anschein nach war Nita Windcroft eine wie diese Frauen. „Ich weiß, dass Nita Windcroft die Richtige ist, um einen wilden und unberechenbaren Hengst zu zähmen.“

Die anderen Männer wechselten Blicke, und Connor hatte den Eindruck, dass hinter diesem Auftrag mehr steckte, als sie ihm sagten.

„Sie hat in der Tat Power und ist ungeheuer stolz“, stimmte Gavin zu.

„Warum habe ich dann aber das Gefühl, dass das ein Problem ist?“, fragte Connor.

„Sie hat um einen Mann gebeten, der auf die Farm aufpasst“, klärte ihn Jake auf. „Wir glauben, sie könnte jetzt in Gefahr sein, da ihr Vater nicht einsatzfähig ist.“

„Und aus diesem Grunde wollen wir, dass du nicht auf die Farm achtgibst, sondern auf sie“, fügte Logan hinzu.

„Soll das heißen, dass Miss Windcroft nicht gerade begeistert davon ist, einen Bodyguard zu bekommen?“, fragte Connor.

Jake lächelte. „So könnte man es auch ausdrücken.“

„Ist es okay für dich, mit einer Frau wie Nita unter einem Dach zu wohnen?“, erkundigte sich Gavin.

Connor zuckte mit den Schulten. „Sicher. Warum denn nicht?“

Die Männer wechselten erneut bedeutungsvolle Blicke. Diese Nita muss noch schlimmer sein, als ich angenommen habe, dachte Connor.

„Wer weiß.“ Jake klopfte seinem Bruder auf die Schulter. „Vielleicht wirst du sie sogar mögen.“

Auch wenn Connor sich nur sehr selten verabredete, beunruhigte ihn dies nicht sonderlich. Und er bevorzugte Frauen, die aussahen wie … Nun, wie Frauen, die an den richtigen Stellen die richtigen Rundungen hatten und attraktiv waren. „Ich denke, dass wir uns deswegen keine Gedanken machen müssen“, sagte er zu seinem Bruder. „Ich übernehme den Job.“

„Dann pack deine Sachen“, sagte Gavin. „Sie erwartet dich gleich morgen früh.“

Kurz vor neun Uhr am nächsten Morgen bog Connor mit seinem Mercedes in die Zufahrt der Pferdefarm der Windcrofts ein. Das lang gestreckte Haus sah noch ziemlich neu aus, wenn man bedachte, wie lange die Farm bereits im Besitz der Windcrofts war. Die vielen großen und einfachen Fenster waren für Einbrecher geradezu leichte Beute, und Connor hoffte, die Windcrofts hatten eine gute Alarmanlage. Falls nicht, würden sie auf jeden Fall eine brauchen.

Auf der langen, überdachten Veranda standen Schaukelstühle, und im Vorgarten stand mitten auf dem grünen Rasen im Schatten einer großen Eiche eine Hollywoodschaukel. Connor konnte vereinzelte Nebengebäude, Ställe und Koppeln ausmachen, und etwa hundert Meter hinter dem Farmhaus befand sich noch ein kleineres, älteres Haus. Er wusste nicht viel über Pferde und Pferde­farmen, aber diese hier schien ziemlich groß zu sein. Zu seiner Verwunderung konnte er jedoch keine Pferde entdecken.

Er parkte, nahm seinen Rucksack vom Rücksitz und stieg aus. Auf der Veranda angekommen, klopfte er an die Haustür. Als nach einigen Minuten niemand reagierte, klopfte er noch einmal.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte eine weibliche Stimme.

Connor drehte sich um und sah, dass hinter ihm eine große, schlanke Frau die Treppenstufen heraufkam. Sie trug eine Arbeitskluft, die aus abgetragenen Cowboystiefeln, verblichenen Jeans, einem Jeanshemd und einem schwarzen Stetson bestand. Er vermutete, dass sie eine Aushilfskraft war. Sie sah gut aus und noch sehr jung. Er schätzte sie auf höchstens achtzehn. „Ma’am.“ Er nahm den Hut ab. „Mein Name ist Connor Thorne.“

Sie musterte ihn ziemlich unschlüssig von oben bis unten. Schließlich sagte sie: „Sie sind älter, als ich dachte.“

„Wie bitte?“

„Sie sehen älter als Ihr Bruder aus. Aber da es Ihr Zwillingsbruder ist, kann das ja wohl kaum sein.“

„Sie kennen meinen Bruder?“

„Natürlich.“

Das hätte ich mir denken können, denn vor seiner Heirat hat Jake nichts anbrennen lassen, überlegte Connor. Obwohl diese Frau selbst für seinen Bruder etwas zu jung zu sein schien.

Als sie ihren Stetson abnahm, sah er, dass sie lange schwarze Haare hatte, die ihr auf die Schultern fielen. Sie schaute ihn mit großen violetten Augen an.

O Mann, dachte er. Er hatte bisher noch nicht einmal gewusst, dass Augen eine solche Farbe haben konnten. Wer immer diese Frau auch war, sie sah toll aus. Mit seinen achtunddreißig Jahren verabredete er sich normalerweise nicht mit Frauen, die seine Töchter sein könnten. Aber dieses Mädchen wirkte so frisch und natürlich. Das faszinierte ihn. Doch er hatte hier einen Job zu erledigen, der ihm für ein Techtelmechtel mit einer Aushilfskraft im Stall keine Zeit lassen würde. „Ich suche nach Nita Windcroft“, sagte er. „Sie erwartet mich.“

„Nun“, sie betrachtete ihn erneut von oben bis unten. „Da haben Sie aber Glück, Cowboy, denn Sie haben sie gerade gefunden.“

2. KAPITEL

Die Rettung naht also in engen Jeans, einem Flanellhemd und Cowboystiefeln, dachte Nita.

Der Retter sah sie völlig fassungslos an. „Sie sind Nita Windcroft?“

„So steht es jedenfalls in meiner Geburtsurkunde.“

Connor schüttelte ungläubig den Kopf.

Obwohl er Jakes Zwillingsbruder ist, sind die beiden total gegensätzlich, stellte Nita fest. Natürlich ähnelten sie sich äußerlich. Sie waren gleich groß, hatten die gleichen dunkelbraunen Haare – Connors waren jedoch militärisch kurz geschnitten – und die gleichen strahlenden tiefblauen Augen. Doch Connor wirkte irgendwie ernsthafter, nachdenklicher. Die Falten an seinen Augenwinkeln hatten sich tief eingegraben, ebenso die auf seiner Stirn. Und seine Augen strahlten eine Lebenserfahrung aus, als wäre er doppelt so alt. Dieser Mann musste schon unendlich viel hinter sich haben.

„Sind Sie wirklich Nita?“, fragte er ziemlich verunsichert.

„Ich entspreche wohl nicht Ihren Erwartungen, hm?“

Er ließ langsam den Blick über sie wandern. Durch die Art, wie er sie ansah, fühlte Nita sich befangen.

„Nicht unbedingt.“

Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen wohl eher überhaupt nicht.

„Ich dachte, Sie wären älter“, meinte Connor.

„Wenn Sie Ihre Informationen von den Klatschtanten in der Stadt haben, sind Sie wahrscheinlich davon ausgegangen, dass ich ein hässliches altes Weib bin.“ Da er den Blick senkte, war ihr klar, dass er genau das gedacht hatte. Aber er war wohl zu höflich, um es ihr zu sagen.

„Ich kann Ihnen gerne meinen Führerschein zeigen.“

Endlich lächelte er, was seine Gesichtszüge viel weicher erscheinen ließ. Diese Veränderung gefiel Nita. „Nein, Ma’am, ist nicht nötig.“

„Sie können Nita zu mir sagen.“ Sie gab ihm die Hand. Sein Händedruck ist weder zu lasch noch zu kräftig, sondern genau richtig, fand sie. Ihn hier ständig um sich zu haben, könnte vielleicht gar nicht so übel sein. „Jane, unsere Haushälterin, hat für Sie ein Zimmer im Gästehaus hergerichtet, damit Sie ein bisschen Privatsphäre haben.“

Er zögerte einen Moment. „Mir wäre es lieber, im Haupthaus untergebracht zu werden. Falls es Ihnen nichts ausmacht.“

Das einzige unbewohnte Zimmer im Farmhaus lag direkt neben Nitas. Der Gedanke, dass dieser Mann in ihrer Nähe schlafen würde, versetzte sie ganz unerwartet in Aufregung. Sie fragte sich, wie er wohl im Schlaf aussah. Lag er auf dem Bauch oder auf dem Rücken? Trug er einen Pyjama, oder schlief er nackt? Eines Tages würde sie vielleicht das Glück haben, das herauszufinden. Allerdings war es vielleicht besser, die Fantasie im Zaum zu halten. Ihr Daddy kritisierte sie immer dafür, dass sie zu neugierig und dreist wäre. „Ganz wie Sie wollen. Wir haben viel Platz. Ich bin dankbar, dass Sie hier sind, um ein Auge auf alles zu haben. Das Personal wird Sie dabei so gut wie möglich unterstützen.“

„Das weiß ich zu schätzen“, meinte Connor ganz ernst und geschäftsmäßig.

„Gut, in Ordnung, dann werde ich Ihnen mal das Zimmer zeigen.“ Nita wollte die Tür öffnen, doch er kam ihr zuvor. Verdammt! Sie konnte sich nicht erinnern, wann zuletzt ein Mann – mit Ausnahme ihres Vaters – ihr die Tür aufgehalten hatte.

Für die Arbeiter auf der Farm zählte sie fast zu den Männern und wurde auch entsprechend behandelt. Und das mochte sie auch. Sie war nicht so hübsch und fraulich wie ihre Schwester Rose. Sie konnte jeden der Rancharbeiter unter den Tisch trinken und, falls nötig, wie ein Mann fluchen. Kochen konnte sie nicht und hatte auch nicht den Ehrgeiz, es zu lernen. Und sie mistete viel lieber die Ställe aus, als das Bad zu putzen. Nita war also alles andere als eine Traumfrau und nicht zur Ehefrau geboren. Doch einen gut aussehenden Mann in einer engen Jeans weiß ich schon zu schätzen, dachte sie, als sie Connors Po musterte, während sie ins Haus gingen.

Drinnen schaute er sich um. Die Wände waren cremefarben gestrichen, hinter einer Flügeltür führte eine breite Treppe zu den Zimmern im ersten Stock. „Nicht gerade ein typisches Farmhaus.“

„Nein. Meine Mutter kam aus der Stadt. Mein Vater hat ihr dieses Haus gebaut, weil er wusste, dass sie in dem alten Farmhaus nicht glücklich werden würde. Ich war noch ein Baby, als wir hier eingezogen sind. Zwei Jahre später ist sie an Krebs gestorben.“

Die meisten Leute würden darüber einige Worte des Bedauerns verlieren. Doch Connor nickte nur. Er ist wohl nicht gerade ein redseliger Typ, dachte Nita.

„Die Küche ist hier rechts“, fuhr sie fort. „Die Essenszeiten sind um sechs morgens, um zwölf mittags und um sechs abends. Janes Zimmer ist hinter der Küche. Dort ist das Büro. Das Wohnzimmer und Daddys Zimmer befinden sich im hinteren Teil des Hauses.“

„Wie geht es Ihrem Vater?“, fragte Connor.

„Ganz gut. In ein oder zwei Tagen wird er wieder zu Hause sein. Aber er wird mindestens ein paar Wochen nicht laufen können. Es hätte viel schlimmer ausgehen können. Wenn Jimmy, unser Vorarbeiter, nicht bei ihm gewesen wäre, hätte er womöglich lange verletzt dort gelegen.“ Sie hatte schon öfter Verletzungen zu Gesicht bekommen, aber als sie die sich durch die Haut bohrenden zersplitterten Knochen gesehen hatte, war ihr ganz übel geworden. Sie hatte ihren Vater noch nie so blass und hilflos erlebt. Das hatte sie sehr betroffen gemacht. Er war immer ihr Beschützer und ihr unbesiegbarer Held gewesen. Auch wenn sie inzwischen erwachsen war, hatte sich ihre Ansicht nicht geändert. Doch nun war durch die Devlins alles zerstört worden.

Sie drehte sich zu Connor. „Wir müssen herausfinden, wer das getan hat.“

Er bemerkte die Wut – eine, die Connor nur zu gut kannte – in ihren Augen und hatte plötzlich Mitleid mit jedem Mann, der sich mit ihr anlegte. Aber nebenbei nahm er für einen kurzen Augenblick auch etwas anderes wahr – wohl Angst oder Schmerz. „Deshalb bin ich hier“, versicherte er ihr.

Nita nickte kurz. „Ich werde Ihnen Ihr Zimmer zeigen.“

Er nahm seinen Rucksack und folgte ihr die Treppe hinauf. Ihre Hüften wiegten sich verführerisch, als sie die Stufen hochging. Auch wenn sie nicht die ausgeprägten weiblichen Kurven hatte, die manche Männer mochten, löste irgendetwas an ihr eine tiefe Sehnsucht in Connor aus. Ein Verlangen, das er schon ewig nicht mehr gespürt hatte und das ihn in Versuchung führte, die Vernunft auszuschalten und den Gefühlen freien Lauf zu lassen. Doch wie immer in solchen Fällen unterdrückte er seine Gefühle. Er hatte schon vor langer Zeit gelernt, sie unter Kontrolle zu halten. Wenn er das nicht tat, konnte er anderen Schaden zufügen. Und so hübsch Nita auch war, könnte sie dennoch eine Mörderin sein.

Sie führte ihn durch den Flur in sein Zimmer. „Jane wird einmal wöchentlich die Bettwäsche wechseln. Im Badezimmerschrank finden Sie frische Handtücher. Im ersten Stock gibt es nur ein Bad. Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich es auch benutze.“

„Nein.“ Er legte seinen Rucksack auf das Doppelbett mit der Quiltdecke. Das Zimmer war in cremefarbenen Tönen gehalten, und die Kiefernholzmöbel schienen alt zu sein. Es war ein kleines Zimmer, aber Connor benötigte nicht viel Platz.

„Wenn Sie Ihre schmutzige Kleidung in den Wäschekorb im Bad werfen, wird Jane sie für Sie waschen.“

„Das kann ich doch selbst machen.“

Nita lachte. Es war ein heiseres, herzliches Lachen. „Dann werden Sie sich mit Jane anlegen müssen. Und ich warne Sie. Sie kann ziemlich temperamentvoll werden, wenn jemand ihre neue Waschmaschine benutzen will. Jedenfalls seit ich einmal den Abfluss verstopft und die Waschküche unter Wasser gesetzt habe.“

„Solange es ihr nichts ausmacht, sich um meine Wäsche zu kümmern.“

„Das tut es nicht, glauben Sie mir. Jane ist stolz darauf, den Haushalt so gut im Griff zu haben. Normalerweise wäre sie hier, um Sie zu begrüßen und herumzuführen, aber sie ist bei Daddy im Krankenhaus.“

„Ist sie schon lange hier bei Ihnen?“

„Ja, seit Mom krank war. Jane hat meine Schwester und mich praktisch großgezogen.“

Das schließt sie als Verdächtige eigentlich aus, dachte Connor. Aber er musste jede Möglichkeit in Betracht ziehen.

Nita deutete mit dem Kopf auf seinen Rucksack. „Wollen Sie erst mal auspacken und sich einrichten?“

„Nein, Ma’am, das hat Zeit. Ich würde gern loslegen und bräuchte eine Führung durch das Haus und die Farm.“

„Wir werden vorsichtig sein müssen. Die Männer haben noch nicht alle Erdlöcher wieder zugeschüttet, und ich möchte nicht, dass sich noch mehr Pferde oder Menschen verletzen. Ich nehme doch mal an, dass Sie reiten können.“

Connor hatte seit seiner Kindheit nicht mehr auf einem Pferd gesessen. Aber er war sicher, dass er es nicht verlernt hatte. „Wird schon gehen.“

„Gut, warum reiten wir dann nicht zum Stall?“

Sie gingen nebeneinander die Treppe hinunter, und er nahm Nitas Duft wahr. Es war eine Mischung aus frischer Luft, etwas Schweiß und einer süßen Seife oder ihrem Shampoo. Denn er konnte sich nicht vorstellen, dass sie Parfüm benutzte. Auf jeden Fall verwirrte ihn dieser Duft.

Jetzt begriff er, was sein Bruder, Gavin und Logan gemeint hatten, als sie ihn gefragt hatten, ob er nichts dagegen hätte, mit einer Frau wie Nita unter einem Dach zu sein. Sie hatten keine Bedenken gehabt, dass sie ihm nicht gefallen könnte, sondern dass sie ihm zu gut gefallen könnte. Aber die Tatsache, dass er sich von ihr angezogen fühlte, würde ihn nicht zu Fehlurteilen verleiten. „Erzählen Sie mir von dieser Fehde“, bat Connor, um sich wieder auf seinen Auftrag zu konzentrieren. „Ich habe jede Menge Gerüchte gehört. Worum geht es dabei überhaupt?“

„Begonnen hat das alles vor über hundert Jahren. Mein Ururgroßvater, Richard Windcroft, verlor bei einer Partie Poker die Hälfte seines Landes an Nicholas Devlin. Obgleich die Windcrofts schworen, Richard sei betrogen worden, entschied das Gericht zu Devlins Gunsten. Einige Wochen später wurde Nicholas erschossen und mein Großvater des Mordes beschuldigt. Doch es gab keine Beweise dafür. Seitdem befehden sich die beiden Familien.“

„Glauben Sie, dass Richard ihn umgebracht hat?“

„Er hat geschworen, es nicht getan zu haben. Und die Windcrofts sind ehrliche Leute“, erklärte Nita.

„Mal angenommen, die Devlins stecken hinter den Drohungen – warum möchte die Familie Sie von hier vertreiben?“

„Sie wollten schon immer unser Land.“

„Aber warum jetzt?“, fragte Connor.

Sie zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“

„Halten Sie etwa eine Verbindung zum Tod von Jonathan Devlin für möglich?“

Sie blieb stehen und drehte sich wütend zu ihm um. „Ich weiß sehr gut, dass Sie informiert sind, was die Leute sagen. Ich mag Jonathan Devlin gehasst haben, aber ich habe nichts mit seinem Tod zu tun. Ich nicht und auch sonst niemand hier. Verstanden?“

Sie redet wirklich nicht um den heißen Brei herum, dachte Connor beeindruckt. Er kannte nicht viele Frauen, die so direkt waren. „Ich höre nicht auf Klatsch. Für mich zählen allein Fakten. Und im Moment deuten die Fakten nicht auf die Devlins hin.“

„Wenn nicht die Devlins, wer sonst tut denn dann so etwas? Und warum?“

„Das werden wir herausfinden.“

„Verdammt“, sagte Jimmy Bradley. Er, Nita und Connor betrachteten in den Koppeln eines der Erdlöcher, die die Farmarbeiter noch nicht wieder zugeschüttet hatten. Nach der Tour über das große Grundstück verstand Connor, wie hier jemand unentdeckt Löcher graben konnte. Wurde draußen keine Wache gehalten, dann konnte man in der Dunkelheit kaum bemerkt werden. Dieses Loch jedoch war nur knapp dreihundert Meter von dem Gebäude entfernt, in dem die Farmarbeiter schliefen.

Die Löcher waren unverkennbar mit einer Schaufel gegraben worden, und der Täter hatte Fußspuren hinterlassen, die Connor inspizierte. Die Abdrücke stammten von Cowboystiefeln. Die Schuhgröße wies auf einen Mann hin, was die Hälfte der Bevölkerung von Texas ausmachte. Für alle Fälle würde er jedoch Gavin anrufen, damit der Sheriff einen seiner Leute schickte, um die Fußabdrücke zu fotografieren. Eines aber verdeutlichten diese Fußspuren. Nita kam als Täterin nicht infrage – was er auch nicht angenommen hatte. „Könnte es jemand sein, der auf der Farm arbeitet?“, fragte Connor Jimmy.

„Nein, Sir.“ Jimmy schüttelte entschieden den Kopf. „Die Männer sind alle ehrlich und sehr loyal. Das würden sie niemals tun.“

„Was ist mit einem ehemaligen Arbeiter, der einen Groll gegen die Windcrofts hegen könnte?“

„Nun, es gab letztes Jahr einen Mann, von dem wir uns nicht gerade im Guten getrennt haben.“

Nita sah Jimmy eindringlich an. „So was würde er nicht tun.“

„Ich muss wissen, wer er ist und was passiert ist“, sagte Connor zu ihr. „Ich muss jedem Anhaltspunkt nachgehen.“

Sie reckte das Kinn. „Sein Name ist Sam Wilkins. Um es kurz zu machen: Mein Daddy hat mich und ihn in einer kompromittierenden Situation erwischt und Sam gefragt, ob er vorhat, mich zu heiraten. Als Sam verneinte, hat mein Daddy ihn mit dem Gewehr von der Farm gejagt.“

Connor unterdrückte ein Lächeln, als er sich das Ganze bildlich vorstellte. „Dann hat dieser Mann Sie also ausgenutzt?“

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Ich bitte Sie, sehe ich vielleicht aus wie eine Frau, die ein Mann ausnutzen kann?“

Nein, jetzt im Moment absolut nicht, dachte Connor. Er spürte so etwas wie Neid, als er an den Mann dachte, der das Glück gehabt hatte, ihren Körper zu berühren. Er fragte sich, ob sie im Bett eher der spröde oder der draufgängerische Typ wäre. Doch seine Intuition sagte ihm, dass diese Frau alles andere als zimperlich, sondern voller Feuer und Leidenschaft war. Ein weiterer Grund, weshalb er sich ausschließlich auf seinen Auftrag konzentrieren sollte. Er wollte keine Beziehung eingehen. Ganz besonders nicht mit jemandem wie Nita. Je attraktiver und begehrenswerter er eine Frau fand, desto wahrscheinlicher war es, die Kontrolle zu verlieren. Und wenn dieser Fall eintrat, passierten schlimme Dinge. Das war auch der Hauptgrund, weshalb er schon sehr lange keine wirklich erfüllte Beziehung mehr zu einer Frau gehabt hatte.

„Außerdem ist mir neulich zu Ohren gekommen, dass er jetzt Vorarbeiter auf der Farm seines Cousins in Kentucky ist“, meinte Nita. „Also kann er es nicht gewesen sein.“

Auch wenn Connor sicher war, dass hinter dieser Geschichte mehr steckte, hakte er nicht nach. Denn er hatte den Eindruck, dass sie ihm sonst den Kopf abreißen würde. Und sie hatte gewiss recht. Wahrscheinlich war dieser Wilkins nicht der Täter. „Gibt es außer den Devlins noch jemanden, der etwas gegen die Windcrofts hat?“

„Das habe ich mich auch schon tausend Mal gefragt, aber mir fällt niemand ein.“

„Vielleicht fällt Ihrem Vater jemand ein.“

„Ich wollte ihn ohnehin nachher besuchen. Da kann ich ihn gleich fragen.“

„Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich mitkomme?“

„Und wer wird dann auf die Farm aufpassen?“, fragte Nita.

Connor hatte nicht vorgehabt, ihr zu verraten, dass er eigentlich ihr Bodyguard sein sollte. Er hatte das Gefühl, sie würde in die Luft gehen, wenn er ihr das sagte. Auf jeden Fall aber würde er sie ins Krankenhaus begleiten, um ihre Sicherheit zu gewährleisten. „Zweifellos werden Jimmy und die anderen Männer auf die Farm aufpassen, bis ich zurück bin.“

„Kein Problem“, meinte Jimmy, der zu ahnen schien, dass Connor nicht nur wegen der Farm hier war.

„Außerdem glaube ich nicht, dass jemand dumm genug ist, sich am helllichten Tag hierher zu wagen“, sagte Connor. „Kann Ihr Vater denn schon Besuch empfangen?“

„Mein Dad wird alles daransetzen, so schnell wie möglich aus dem Krankenhaus entlassen zu werden, um den Vorkommnissen auf den Grund zu gehen. Er wird nichts gegen Ihren Besuch haben.“

„Je eher er zurückkommt, desto besser. Die Männer waren heute in der Stadt, um eine Lieferung abzuholen, und sagen, die Leute reden schon“, erzählte Jimmy.

„Was denn?“, fragte Connor.

„Dass jetzt, wo Will weg ist und hier ständig was passiert, alles in die Binsen gehen wird.“

Nita wurde rot vor Wut. „Haben diese Wichtigtuer in der Stadt nichts Besseres zu tun?“

„Warum glauben die Leute das?“, fragte Connor.

„Nachdem bekannt wurde, dass bei uns das Futter vergiftet war, haben wir Kunden verloren“, erklärte Jimmy. „Die Leute bezahlen viel Geld dafür, dass Nita ihre Pferde trainiert. Wenn wir nicht für die Sicherheit der Pferde garantieren können, werden die Leute unsere Leistungen nicht mehr in Anspruch nehmen.“

„Auch deshalb müssen wir diesen Hurensohn unbedingt fassen“, sagte Nita aufgebracht.

Nun war Connor vollkommen davon überzeugt, dass Nita niemals mit Absicht für Probleme auf der Farm sorgte. Schließlich hing ihr Lebensunterhalt davon ab.

„Genug gesehen?“, fragte sie ihn.

Er nickte und folgte ihr zu den Pferden.

Als Connor sich in den Sattel schwang, bemerkte Nita, dass er ein wenig zusammenzuckte. Da sie Anfängern öfter Reitunterricht erteilte, kannte sie diese Symptome. Wenn ihm das Hinterteil schon nach dieser kurzen Zeit wehtat, dann hatte er heute Abend mit Sicherheit Beschwerden. „Hier entlang“, sagte sie und zeigte ihm den Weg zum Hauptstall.

„Wie schlimm ist es?“, fragte Connor.

„Wie schlimm ist was?“

„Ihre finanzielle Situation.“

Sie wollte die Finanzen der Farm nicht mit einem Fremden besprechen, ob er ihr nun helfen wollte oder nicht. Das ging niemanden etwas an. „Wir halten uns über Wasser“, erklärte sie. Ihre Angst, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis sie pleite waren, falls noch mehr Kunden absprangen, verschwieg sie lieber. Dann hätten die Devlins endlich das, was sie schon so lange wollten.

Da ihr Vater sie im Moment nicht unterstützen konnte, trug sie schwer an der Last, alles richtig zu machen. Aber sie konnte damit umgehen. Und wenn sie herausgefunden hatte, wer versuchte, die Windcrofts zu ruinieren, würde sich derjenige wünschen, niemals geboren worden zu sein.

3. KAPITEL

Als Nita und Connor eine Stunde später das Krankenzimmer betraten, schlief Mr Windcroft. Jane saß neben dem Bett und las einen Liebesroman, Das war der einzige Luxus, den sie sich gönnte. Täglich um ein Uhr zog sie sich für eine Stunde auf die Hollywoodschaukel oder die Couch zurück und schmökerte in einem Buch. Das war „ihre“ Zeit, und jeder wusste, dass man sie dann nur wegen eines absoluten Notfalls stören durfte.

Nita ging davon aus, dass sie Jane unter den gegebenen Umständen aus ihrer Lektüre reißen durfte. „Hallo, Jane“, flüsterte sie.

Jane schaute hoch, lächelte und legte das Buch beiseite. Auch hier trug sie ihre typische Arbeitskleidung – ein Hemd, Jeans und Tennisschuhe. Die langen dunklen Haare hatte sie zu einem Knoten aufgesteckt. Sie war auch nicht annähernd eine so unglaubliche Schönheit, wie Nitas Mutter es gewesen war. Aber sie strahlte eine Anmut aus, die Nita immer bewundert hatte. Und Jane ließ sich von niemandem, insbesondere nicht von den Männern auf der Farm, herumschubsen. Obwohl sie zehn Jahre jünger war als Nitas Vater, hatte sie in der Familie Windcroft die Hosen an.

„Hallo, Schatz.“ Jane stand auf und umarmte Nita. Sie war gestern bis spätabends im Krankenhaus gewesen, bereits früh am Morgen wieder hergekommen und sah müde aus. „Wie läuft es zu Hause?“

„Das Frühstück war ein Fiasko“, meinte Nita. „Aber ich habe es geschafft, den Geruch nach Angebranntem wieder aus der Küche zu bekommen.“

Jane zuckte zusammen. „O nein. Ich will es gar nicht wissen.“

Nita deutete mit dem Kopf aufs Bett. „Schläft er schon lange?“

„Mal ist er wach, und dann nickt er wieder ein. Wenn er nicht schläft, beschwert er sich, dass er nach Hause will.“

„Das hört sich ganz normal an.“ Nita wusste, ihr Daddy hasste Krankenhäuser, insbesondere das Royal Memorial. Er hatte es niemals erwähnt, aber Nita war sich im Klaren, dass das mit der Krankheit ihrer Mutter zu tun hatte. Sie selbst war damals noch zu klein gewesen, aber ihre ältere Schwester hatte ihr erzählt, dass ihre Mom nie zum Arzt gegangen war, obwohl sie sich schon lange krank gefühlt hatte. Als sie es dann endlich getan hatte, war der Krebs bereits so weit fortgeschritten, dass leider nicht mehr viel zu machen war. Sie hatte dann noch drei Monate gelebt, die meiste Zeit davon in diesem Krankenhaus.

„Wer ist dieser junge Mann?“, fragte Jane und sah Connor neugierig an.

„Jane, das ist Connor Thorne. Er wird eine Weile bei uns bleiben, um auf die Farm aufzupassen.“

„Ma’am“, sagte Connor und gab ihr die Hand.

„Dem Himmel sei Dank dafür.“ Sie warf einen Blick in Wills Richtung. „Die Dinge sind außer Kontrolle geraten.“

„Meinst du, es ist in Ordnung, wenn wir ihn wecken?“, fragte Nita. „Connor hat einige Fragen an ihn.“

„Als ob irgendjemand bei diesem Gerede schlafen könnte“, murmelte Will und blinzelte verschlafen.

Nita ging zu ihm, nahm seine Hand und drückte sie. Er sah schon sehr viel besser aus als am Tag zuvor. Aber hier im Krankenhausbett, das Bein bis zum Oberschenkel eingegipst, wirkte er zehn Jahre älter als achtundfünfzig. Er schien über Nacht gealtert zu sein. „Wie fühlst du dich, Daddy?“

„Wie ich bereits dem Arzt gesagt habe, geht es mir gut, und ich kann entlassen werden.“ Er sah an ihr vorbei zu Connor, der neben der Tür stand. „Sie haben ein Auge auf mein Mädchen?“

Connor nickte. „Ja, Sir.“

Weil Nita ihren Vater das glauben lassen wollte, wenn es ihn beruhigte, sagte sie ihm nicht, dass Connor auf die Farm aufpassen sollte. „Daddy, Connor würde dir gern ein paar Fragen stellen.“ Sie winkte Connor heran. „Er versucht herauszufinden, wer das getan hat.“

„Ich weiß genau, wer dafür verantwortlich ist“, erwiderte Will bitter. „Die Devlins.“

„Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sie es waren. Zudem streiten sie ab, damit etwas zu tun zu haben“, erklärte Connor. „Gibt es sonst noch jemanden, der Ihnen feindlich gesinnt ist?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Es sind die Devlins.“

Connor war nun klar, woher Nita ihren Dickkopf hatte. Die beiden sahen sich auch ähnlich. Sie hatten die gleichen dunklen Haare, hohe Wangenknochen und das markante Kinn.

„Du musst jetzt erst einmal wieder gesund werden“, sagte Nita und tätschelte seine Hand. „Ich werde mich um alles kümmern.“

Will lächelte seine Tochter stolz an. Es erstaunte Connor, wie einfach es für manche Männer war, ihre Gefühle zu zeigen. Er hatte sich jahrelang darum bemüht, einen solchen Ausdruck in den Augen seines Vaters zu entdecken. Und trotz allem, was er getan hatte, um James Thorne zu gefallen, war ihm das nie gelungen. Und wahrscheinlich würde es ihm auch nie gelingen.

„Ich möchte, dass du vorübergehend eine Aushilfskraft einstellst, bis ich wieder auf den Beinen bin“, wies Will seine Tochter an.

„Ich schaffe das auch so.“

Connor hatte das Gefühl, dass ihr Widerstand vor allem mit der finanziellen Situation der Familie zusammenhing, um die es anscheinend erheblich schlechter bestellt war, als Nita es heute Morgen dargestellt hatte. Und sie wollte ihren Vater nicht beunruhigen.

„Machen Sie sich keine Sorgen“, versicherte er Will. „Ich werde Nita auf der Farm zur Hand gehen.“ Er wusste nicht viel über Pferdefarmen, aber das würde eine gute Ausrede sein, immer in Nitas Nähe zu sein, um auf sie aufpassen zu können.

Nita warf ihm einen misstrauischen Blick zu, bevor sie sich zu ihrem Vater umdrehte und lächelte. „Siehst du, Daddy, ich habe ja jemanden, der mir hilft. Konzentriere du dich ganz darauf, wieder gesund zu werden.“

Jane, Nita und ihr Vater plauderten noch einige Minuten, dann gab Nita ihm zum Abschied ein Küsschen, und sie und Connor verließen das Krankenhaus. Kaum waren sie draußen, meinte Nita: „Vor meinem Daddy wollte ich nichts sagen. Aber Tatsache ist, dass ich Ihr Hilfsangebot wirklich zu schätzen weiß. Ich kann es mir jedoch nicht leisten, Sie zu bezahlen.“

„Darum habe ich nicht gebeten.“

„Das ist nicht der Punkt. Es wäre nicht fair, umsonst für uns zu arbeiten.“

„Da ich ohnehin dort bin, kann ich mich doch nützlich machen.“ Connor nahm die Autoschlüssel aus seiner Tasche. „Außerdem bezahlen Sie mich ja. Unterkunft und Verpflegung sind frei.“

„Was wissen Sie über die Arbeit auf einer Pferdefarm?“

„Nicht viel.“ Er machte ihr die Autotür auf, und obwohl Nita zögerte und ihn etwas komisch ansah, stieg sie ein. Er ging um das Auto herum und zuckte vor Schmerz zusammen, als er sich hinter das Steuer setzte. Mann, tut das höllisch weh. Wie können ein paar Stunden im Sattel nur solche Schmerzen verursachen? fragte er sich und ließ den Motor an. „Nein, aber ich lerne schnell.“

„Ich weiß nicht“, meinte sie skeptisch. „Es scheint einfach nicht richtig zu sein.“

„Nita, ich bin nicht auf das Geld angewiesen, sollte das Ihre Sorge sein. Ich werde mir keinen Zacken aus der Krone brechen, wenn ich für Sie arbeite.“

„Soll das heißen, ich bin auf Almosen angewiesen?“, fragte sie verärgert.

Er schüttelte den Kopf über ihren ungeheuren Stolz. „Was halten Sie davon, dass ich Ihnen auf der Farm helfe und Sie mir im Gegenzug alles über die Pferdezucht beibringen?“

„Also eine Art Handel?“

„Ja. Dann sind wir am Ende quitt.“

„Würden Sie das denn gerne lernen?“, fragte sie argwöhnisch.

„Sicher. Warum nicht? Ich lerne immer gern dazu“, bestätigte Connor.

„Und ich werde Ihnen auch das Reiten beibringen. Denn Sie machen den Eindruck, als fühlten Sie sich ein bisschen unbehaglich.“ Nita warf einen bedeutungsvollen Blick auf seinen Po.

„Ist das so offensichtlich, hm?“

„Mir entgeht so schnell nichts“, erklärte sie vielsagend, während sie den Blick über seinen Körper gleiten ließ. Sie war die letzte Frau, von der er erwartet hätte, dass sie mit ihm flirtete. Aber jetzt tat sie genau das. Und das ziemlich gut.

„Dann haben wir also eine Abmachung?“

Sie überlegte einen Moment, dann nickte sie. „Ja, haben wir. Wie wäre es jetzt mit einem Mittagessen im Royal Diner? Da Jane nicht da ist, kocht niemand, und ich sterbe vor Hunger. Wenn ich noch eine Mahlzeit so vermassele wie das Frühstück, werden mich die Männer strangulieren. Sie sagen, dass die Ergebnisse meiner Kochkunst ungenießbar sind.“

Connor konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Auch er hatte Hunger. „Na, dann auf zum Royal Diner.“

Obwohl manche Leute die französische Küche im Claire’s bevorzugten, war Nitas Favorit das Royal Diner. Denn dort fühlte man sich durch die ungezwungene Atmosphäre und den verlockenden Duft nach Pommes, Burgern und Manny’s berühmtem Chili sofort wohl. Aber vor allem mochte Nita das Lokal, weil ihre Schwester ihr erzählt hatte, dass ihre Mutter sehr gern mit ihnen dorthin gegangen war. Laut Rose hatte ihre Mutter dann immer Burger und Milchshakes für sie bestellt. Auch wenn Nita sich nicht mehr daran erinnern konnte, war dies doch wie eine Verbindung zu ihrer Mutter.

„Kann ich Ihre Bestellung aufnehmen?“

Nita sah von der Speisekarte hoch. Sie hatte Sheila, die langjährige Kellnerin im Diner, erwartet. Stattdessen stand Valerie Raines vor ihr, die erst seit Kurzem zum Personal gehörte. Sie war sehr klein und zierlich, wirkte extrem verschlossen und immer etwas misstrauisch, bediente die Gäste aber freundlich. „Hallo, Valerie. Ich hätte gern einen Cheeseburger, Pommes und ein Soda­wasser.“

„Klingt gut“, meinte Connor. „Das nehme ich auch.“

„Und ich hätte gern, dass Sie mir Ihr süßes Lächeln schenken“, sagte jemand, und alle drei drehten sich um und sahen Gavin O’Neal auf ihren Tisch zukommen. Er lächelte Valerie charmant an.

Obwohl er wie alle Mitglieder des Texas Cattleman’s Clubs ein gut aussehender Mann war, schien Valerie wenig beeindruckt. „Sheriff“, sagte sie lediglich, bedachte ihn mit einem abweisenden Blick und machte auf dem Absatz kehrt.

„Oh, oh. Die zeigt dir aber die kalte Schulter“, bemerkte Connor.

„Was haben Sie denn getan?“, zog Nita ihn auf. „Ihr ein lausiges Trinkgeld gegeben?“

Gavin schüttelte den Kopf. „Ich verstehe das nicht. Ich habe ihr ein gutes Trinkgeld gegeben und bin so nett zu ihr, wie ich nur sein kann. Aber sie scheint entschlossen, mich nicht zu mögen. Das muss wohl am Sheriffstern liegen.“

„Möchtest du dich zu uns setzen?“, fragte Connor.

„Nein, danke. Ich wollte mich nur erkundigen, wie es Ihrem Vater geht, Nita.“

„Besser. In den nächsten ein oder zwei Tagen wird er wohl nach Hause kommen können.“

„Ich bin froh, das zu hören. Wünschen Sie ihm in meinem Namen gute Besserung“, bat er und wandte sich an Connor. „Dein Bruder erwähnte, dass du Landkarten lesen kannst. Stimmt das?“

„Ja, schon.“

„Es wäre gut, wenn du einen Blick auf die Kopie der Landkarte aus dem Museum werfen könntest. Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir etwas übersehen haben.“

„Ich kann im Laufe der Woche im Club vorbeischauen.“

„Ich möchte dich nicht von deiner Tätigkeit abhalten. Wie wäre es, wenn ich Ende der Woche mit der Karte zur Farm komme?“

„Nita?“, fragte Connor.

„In Ordnung. Ich würde selbst gern mal einen Blick auf diese Landkarte werfen, um zu begreifen, weshalb so ein Theater darum gemacht wird.“

„Dann also abgemacht.“ Gavin setzte seinen Hut auf. „Bis später dann und guten Appetit.“

Als er weg war, sagte Nita: „Meine Güte, die Männer vom Texas Cattleman’s Club halten sich ja sehr bedeckt.“

„Was meinen Sie damit?“

„Er will Sie nicht von Ihrer Tätigkeit abhalten. Warum sagt er nicht einfach Auftrag? Das ist es doch, oder?“

„Sie hatten um Hilfe gebeten, also helfe ich Ihnen. Das ist alles.“

„Ja, ja. Ganz wie Sie meinen.“

„Hier sind zwei Cheeseburger, Pommes und zwei Sodawasser.“ Valerie stellte die Sachen auf den Tisch. „Kann ich noch etwas bringen?“

Connor und Nita verneinten.

Valerie holte den Rechnungsbon heraus, der ihr aber dann aus den Fingern glitt und auf den Boden fiel. Als sie sich bückte, rutschte ein goldener Herzanhänger an einer zarten Goldkette aus ihrem Ausschnitt. Auf dem Anhänger war eine Gravur, die zwei ineinander verschlungene Rosen darstellte.

Nita deutete auf den Anhänger. „Meine Schwester wäre ganz hingerissen von dem Schmuckstück. Sie heißt Rose, und ihr gefällt alles, was mit Rosen zu tun hat.“

„Oh!“ Valerie ließ die Kette schnell wieder zurück in ihre Bluse gleiten.

„Haben Sie das hier in Royal erstanden?“ Nita hielt immer Ausschau nach einem Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenk.

„Es ist ein Familienerbstück.“ Sie lächelte gezwungen. „Hoffentlich schmeckt es Ihnen.“

„Eine merkwürdige Person“, stellte Nita fest, nachdem Valerie verschwunden war. „Ich wette, sie verbirgt etwas. Irgendein großes Geheimnis.“

„Wie kommen Sie denn darauf?“

„Jeder hat ein Geheimnis. Etwas, das man getan, gesagt oder gefühlt hat und das niemand erfahren soll.“

„Ach ja?“, fragte Connor interessiert. „Und was ist Ihres?“

Nitas violette Augen blitzten. „Nun, wenn ich es Ihnen verrate, dann ist es ja kein Geheimnis mehr, stimmts?“

Okay, er hatte auch nicht erwartet, dass sie damit herausplatzen würde, verantwortlich für Jonathan Devlins Tod zu sein. Insbesondere da sie es ja heute Morgen vehement abgestritten hatte und er es sich auch nicht vorstellen konnte. Aber sie hatte ein aufbrausendes Temperament. Wer konnte wissen, wozu sie in der Lage wäre, wenn sie ihre Familie in Gefahr wüsste? Eine Weile aßen sie schweigend, aber aufgrund ihrer Blicke rechnete Connor damit, dass es mit der Stille bald vorbei sein würde.

„Erzählen Sie mir etwas über sich. Ihr Bruder erwähnte, dass Sie beim Militär waren“, begann Nita schließlich.

„Bei den Rangers.“

„Klingt aufregend. Und warum haben Sie den Dienst quittiert?“

Das ist mein Geheimnis, dachte er. Es war nicht seine freie Entscheidung gewesen, die Army zu verlassen. „Es war einfach nichts mehr für mich“, brachte er die Geschehnisse, die zu seinem Abschied geführt hatten, auf eine kurze Formel.

„Und was machen Sie jetzt? Ich meine, außer die Aufträge des Texas Cattleman’s Clubs auszuführen.“

„Mein Vater hat sich kürzlich aus dem Geschäft zurückgezogen, und ich habe seinen Platz in der Gerätebaufirma der Familie übernommen.“

„Gerätebau? Das klingt langweilig.“

„Jemand muss es tun“, erwiderte Connor, obwohl Nita den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Das Metier langweilte ihn schrecklich. Das war schon auf dem College so gewesen. Dennoch hatte er sein Ingenieurstudium mit Auszeichnung abgeschlossen, um den Erwartungen seines Vaters gerecht zu werden.

„Aber warum Sie?“, fragte Nita. „Kann er die Firma nicht verkaufen?“

„Sie stellen ganz schön viele Fragen.“

„Ja, ich bin neugierig. Damit habe ich mir schon öfter Probleme eingehandelt.“

„Was Sie nicht sagen.“ Das konnte Connor sich nur zu gut vorstellen.

„Zum Beispiel, als ich mit sechs mit Bo Wilders hinter dem Gebäude, in dem die Arbeiter untergebracht sind, Ich-zeig-dir-meins-wenn-du-mir-deins-zeigst gespielt habe.“

Er verzog amüsiert die Mundwinkel. „Mit sechs, ja?“

„Sagen Sie jetzt bloß nicht, Sie haben das nicht gespielt.“

„Soweit ich mich erinnere, nein.“

„Nun, Bo hat damit geprahlt, an einen Baum pinkeln zu können, und hat mich ausgelacht, dass ich das nicht könnte“, erzählte Nita. „Natürlich musste ich ihm das Gegenteil beweisen, und Sie können sich bestimmt das Durcheinander vorstellen, das dabei herausgekommen ist.“

Er lächelte. „Das kann ich.“

„Mein Daddy hat uns erwischt und mich darüber aufgeklärt, wie Bienen und Vögel zu ihrem Nachwuchs kommen.“

Wäre Connor bei so etwas erwischt worden, dann hätte er sich Schläge und einen langen Vortrag über Respekt und Verantwortung eingehandelt. Ihm gegenüber hatte sein Vater eigentlich immer nur Desinteresse oder Enttäuschung gezeigt. „Das klingt, als hätten Sie eine aufregende Kindheit gehabt.“

„Ja, wenn man es aus dieser Perspektive betrachtet. Ich bin aber nicht sicher, ob mein Daddy Ihnen da zustimmen würde.“ Sie trank ihr Glas aus. „Können wir aufbrechen? Wir haben noch viel zu tun.“

Connor nickte, nahm seine Brieftasche und legte Trinkgeld auf den Tisch. „Na, dann also an die Arbeit.“

„Ich hoffe nur, dass Sie wissen, worauf Sie sich da einlassen“, meinte Nita, als sie das Lokal verließen.

„Machen Sie sich um mich keine Gedanken. Ich werde schon schaffen, was Sie mir auftragen werden.“

„Das ist gut.“ Sie lächelte spöttisch. „Und ich werde aus Ihnen einen waschechten Cowboy machen.“

4. KAPITEL

Connor ging schwerfällig die Treppe zu seinem Schlafzimmer hinauf. Er war immer der Ansicht gewesen, in bester körperlicher Verfassung zu sein – bis er Nita in die Hände gefallen war. Dass Reitstunden der männlichen Anatomie derart zusetzten, hatte er nicht für möglich gehalten. Er hatte Schmerzen an Stellen, von deren Existenz er bislang noch gar nichts gewusst hatte. Das Training bei den Rangern war gegen Nitas Reitlektionen ein Kinderspiel gewesen.

Nachdem Nita sicher gewesen war, dass er anständig reiten konnte, hatten sie und Connor auf der Farm überprüft, dass alle Erdlöcher wieder zugeschüttet worden waren. Denn erst dann könnte sie die Pferde wieder auf die Weiden lassen.

Da Jane nicht da war, um zu kochen, hatte Jimmy ein Feuer gemacht, und sie hatten an Spießen Hot Dogs geröstet. Hinterher saßen sie unter einem sternenklaren Himmel rund ums Feuer, tranken Bier und erzählten sich Geschichten. Die Farmarbeiter behandelten Nita wie eine von ihnen. Dennoch war offensichtlich, dass die Männer Nitas Autorität respektierten und ihre Anordnungen befolgten. Nita war hart, aber fair.

Es war ein langer Tag, und Connor wollte jetzt nur noch in sein Bett fallen und schlafen, um die Schmerzen nicht mehr zu spüren. Die Nacht davor, nachdem er seinen Auftrag erhalten hatte, hatte er anstatt zu schlafen seine Wäsche gewaschen und sich auf einen Aufenthalt auf der Farm vorbereitet. In den letzten drei Tagen hatte er insgesamt etwa nur sechs Stunden geschlafen. Er hoffte, dass er sich am nächsten Morgen wieder wie ein ganzer Mensch fühlen würde.

„Sie gehen ein bisschen steif, Connor.“

Als er den obersten Treppenabsatz erreicht hatte, drehte er sich zu Nita um, die ihm, selbstzufrieden lächelnd, die Treppe hinauf folgte. Sie wusste ganz genau, was ihre Reitstunden bei ihm angerichtet hatten, und schien deshalb furchtbar stolz auf sich zu sein.

„Mich hat es schon schlimmer erwischt.“ Als Ranger war er dreimal angeschossen und einmal fast in die Luft gesprengt worden. Obwohl die Schmerzen, die er heute Abend hatte, wirklich unerträglich waren.

„Machen Ihre Kronjuwelen Ihnen Probleme?“, fragte Nita und ließ den Blick über seine Lenden wandern.

Connor hätte fast laut losgelacht. Er konnte sich nicht erinnern, je eine Frau gekannt zu haben, die so unverblümt war. „Meine Kronjuwelen sind in Ordnung“, versicherte er ihr. „Es ist der Rest, der wehtut.“

Sie folgte ihm in sein Zimmer. „Im Badezimmerschrank stehen Schmerztabletten.“

„Ich denke, ich brauche einfach nur etwas Schlaf.“ Er knöpfte sein Hemd auf.

„Sie sind hart im Nehmen, nicht wahr?“ Sie lehnte am Türrahmen und beobachtete ihn. „Ich denke, ich weiß, wodurch Sie sich besser fühlen könnten.“

„Ach ja? Und das wäre?“

Sie betrat sein Zimmer und dehnte die Finger. „Ziehen Sie das Hemd aus.“

Er schaute sie an und zog die Augenbrauen hoch.

Als Nita seinen Gesichtsausdruck bemerkte, lachte sie. „Keine Angst. Ich werde Ihnen nur den Rücken massieren.“

„Eine Rückenmassage?“ Connor wusste nicht, ob er sich darauf einlassen sollte. Die Massage würde ihm bestimmt guttun, aber sie kannten sich ja kaum. Es könnte ihn in Verlegenheit bringen.

„Was ist denn los? Sind Sie etwa schüchtern?“ Sie kam auf ihn zu und krempelte die Ärmel hoch.

Er wunderte sich über ihren spöttischen, ja fast herausfordernden Ton. Sie hatte etwas Wildes an sich, das sexy und unkontrolliert war. Doch gleichzeitig war er noch nie einer Frau begegnet, die so viel Selbstvertrauen hatte und genau wusste, was sie wollte. Beides faszinierte und verunsicherte ihn zugleich. Es faszinierte ihn deshalb, weil sie ein Widerspruch in sich war. Und welcher Mann würde nicht gern mit einer Frau wie ihr zusammen sein? Sie war ein Rätsel, das jeder Mann nur zu gerne knacken würde. Und genau das verunsicherte ihn auch. Denn sie löste Gefühle in ihm aus, die er sich sonst nie erlaubte. „Ihre brennende Neugier bereitet mir ein bisschen Sorge.“

„Glauben Sie mir, das war kein Annäherungsversuch. Das wüssten Sie sofort. Ich rede nämlich nicht um den heißen Brei herum.“

„Das hab ich bemerkt.“

Nita stemmte die Hände in die Hüften. „Wollen Sie nun eine Rückenmassage oder nicht? Ich garantiere Ihnen, dass es Ihnen guttun wird.“

Oh, das bezweifelte Connor keine Sekunde. Er fand nur, dass sie sich dafür noch nicht lange genug kannten. Aber andererseits wollte er vor ihr auch nicht als prüde dastehen. „Ja, warum eigentlich nicht.“

„Dann ziehen Sie das Hemd aus, und legen Sie sich auf den Bauch.“

Er streifte das Hemd ab und zog die Stiefel aus. Dann legte er sich hin und bettete das Gesicht auf das Kissen. Er registrierte, wie sich die Matratze senkte, als Nita auf das Bett kletterte und es sich auf seinen Oberschenkeln bequem machte. Dann spürte er, wie sie seine Muskeln bearbeitete. Ihre Hände waren warm und ein bisschen rau. Wenn er nicht so erschöpft wäre und Schmerzen hätte, könnten ihre Berührungen ihn antörnen. Aber Nitas Massage hatte in der Tat nichts mit Sex zu tun. Und Connor fühlte sich bald ungeheuer entspannt.

Sie stieß einen leisen Pfiff aus, als sie die Hände tiefer gleiten ließ. „Bei der Army weiß man aber, wie man Muskeln aufbaut.“

Wäre er nicht schon halb eingeschlafen, dann hätte er gelacht. „Nur aus Neugier würde ich wirklich gerne mal wissen, ob es auch einen Gedanken gibt, den Sie nicht laut aussprechen?“

„Cowboy, wenn Sie wüssten, was ich wirklich denke, hätten Sie mich ganz sicher nicht in die Nähe Ihres Bettes gelassen.“

Er warf ihr über die Schulter einen argwöhnischen Blick zu.

Nita lächelte. „Ich nehme Sie nur auf den Arm.“

Connor legte den Kopf wieder aufs Kissen und schloss die Augen.

„Und die Antwort auf Ihre Frage ist Nein. Ich trage eben mein Herz auf der Zunge. Viele Leute wissen das nicht zu schätzen und meinen, es sei nicht weiblich.“

„Ärgert Sie das?“

„Nicht unbedingt. Ich bin nun mal so und kann es nicht ändern, wenn manche mich nicht mögen. Ich bin nicht darauf aus, andere zu beeindrucken.“ Sie strich über seine Haut. „Woher kommen all diese Narben auf Ihrem Rücken?“

„Brandwunden. Ich habe etwas zu nahe an einem Gebäude gestanden, als es explodierte.“

„Und diese hier auf der Schulter?“ Nita fuhr mit der Fingerspitze darüber.

„Stammt von einer Kugel. Ist noch nicht lange her.“

„Irgendeine geheime Mission, über die Sie nicht reden können, nehme ich mal an.“

„Ja.“ Connor bemühte sich, wach zu bleiben, aber er bemerkte, wie er langsam, aber unaufhaltsam eindämmerte. Diese Frau hatte magische Hände.

Sie widmete sich jetzt dem unteren Rückenbereich, wo er die meisten Schmerzen hatte.

„Hm, das fühlt sich gut an“, murmelte er.

Nita massierte ihn dort mit viel Druck und war sicher, dass ihm sein Po auch ziemlich wehtat. Sie fragte sich, wie er wohl reagieren würde, wenn sie ihn dort berührte. Sie hätte jedenfalls nichts dagegen. Er hatte einen schönen Körper. Sehr breite Schultern, muskulöse Arme, einen durchtrainierten, kräftigen Oberkörper und schmale Hüften. Und seine Ausstattung unter der Jeans konnte sie sich lebhaft ausmalen.

Obwohl Connor nun formal ihr Mitarbeiter war, war sie nicht immun gegen all die festen Muskeln und die gebräunte Haut. Dass ein Mann bei ihr auf der Farm arbeitete, hatte sie ohnehin noch nie von einer Affäre abgehalten. Tatsächlich fand Nita sie dann noch aufregender. Die heimlichen Momente im Stall etwa, wenn niemand in der Nähe war. Oder ein kurzes Intermezzo im Gras bei Sonnenuntergang sowie Nächte draußen auf einer Decke unter dem Sternenhimmel, wenn alle anderen schon im Bett waren. Sie erschauerte vor Erregung, als sie sich vorstellte, all das mit Connor zu tun.

Diese Beziehungen – wenn man sie so nennen konnte – waren immer kurz und unkompliziert gewesen. Das war alles, was Männer anscheinend von ihr wollten. Und das war ihr auch immer recht, denn eine Heirat hatte sie nie gewollt. Auch an Kinder dachte sie vorerst noch nicht. Denn um Kinder zu haben, sollte man Nitas Ansicht nach verheiratet sein. Und eine Ehe bedeutete, Kompromisse einzugehen und die eigene Identität aufzugeben. Das würde sie für niemanden in Kauf nehmen. Nicht nachdem sie wusste, was das bei ihrer Mom angerichtet hatte.

Ihre Mutter Katherine war die Tochter einer wohlhabenden Familie aus Dallas gewesen. Doch als sie Will Windcroft begegnete, hatte sie sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Nur drei Monate später hatte sie ihn geheiratet. Sie ließ das aufregende Stadtleben für ein einfaches Leben auf einer Pferdefarm hinter sich. Nach allem, was Nita wusste, vermisste ihre Mutter das Leben in Dallas und war auf der Farm nie heimisch geworden. Auch wenn sie sich das nie hatte anmerken lassen. Ihr war wichtig, dass Rose und Nita hier glücklich waren. Zudem hatte sie Will zu sehr geliebt, um ihn zu verlassen. Da sie nicht viel Aufhebens um sich machte, hatte sie ihrem Mann niemals erzählt, wie sie sich fühlte, und die Fassade der glücklichen Ehefrau aufrechterhalten.

Nita fragte sich manchmal, ob die Krebserkrankung nur ein Symptom gewesen war und ihre Mom in Wirklichkeit an gebrochenem Herzen gestorben war. Das würde sie wohl nie erfahren. Die Informationen darüber stammten alle von ihrer Schwester oder alten Freunden ihrer Mutter. Ihr Daddy sprach auch nach all den Jahren nie darüber. Nita wusste auch, dass kein Tag verging, an dem er nicht an seine Frau dachte und sie vermisste.

Sie war sicher, das Katherine der Grund dafür war, dass ihr Daddy Rose und sie dazu erzogen hatte, unabhängig zu sein und für das einzustehen, was sie wollten. Er hatte ihnen vermittelt, ihre Träume zu verwirklichen und für nichts und niemanden zu viele Kompromisse einzugehen. Deshalb hatte er auch Rose ohne große Diskussionen erlaubt, die Farm zu verlassen, um in die Stadt zu ziehen. Rose war ihrer Mutter in dieser Hinsicht immer ähnlich gewesen.

Nita hörte ein leises Schnarchen und merkte, dass Connor eingeschlafen war. Sie musste lächeln. Er hatte sich heute gut gehalten, wenn man in Betracht zog, dass er keinerlei Erfahrungen mit einer Farm hatte. Sie hatte das Gefühl, dass er anpassungsfähig war, auch wenn sie ihn jetzt noch nicht richtig einschätzen konnte. Er war so verschlossen, hatte sich unter Kontrolle. Er schien immer das Richtige zur richtigen Zeit zu sagen. Egal, ob er das nun fühlte oder nicht. Und das war ihr völlig fremd. Sie strich sacht über seine Narben. Er musste eine Menge erlebt und durchgemacht haben.

Vorsichtig verließ sie das Bett und ging auf Zehenspitzen zur Tür. Sie würde nur zu gerne herausfinden, was wirklich in Connors Kopf vorging. Sie hätte auch nichts dagegen, sich mit seinem Körper näher zu befassen, und fragte sich, ob ein Mann wie er wohl an einer Frau wie ihr interessiert sein würde. Es konnte zwar nur Einbildung sein, aber sie hatte heute Morgen, als sie auf die Veranda gekommen war, geglaubt, sie würde ihm als Frau gefallen. Da hatte er jedoch noch nicht geahnt, wer sie war. Als sie das Licht ausmachte und vorher noch einmal einen Blick auf ihn warf, beschloss sie herauszubekommen, ob er tatsächlich Interesse an ihr als Frau hatte.

„Regel Nummer eins auf der Farm ist Sicherheit“, erklärte Nita Connor. Sie stand mit Buttercup, einer braunen Stute, in der Koppel.

Anscheinend hatte die Massage gestern Abend ihre Wirkung gezeigt. Connor war heute Morgen voller Energie aufgewacht. Bisher hatte er Nita bei ihrem täglichen Routinegang begleitet und gelernt, die Pferde mit Futter und Wasser zu versorgen, ihnen Sattel- und Zaumzeug anzulegen und einen Stall auszumisten. Ein Großteil der Tätigkeiten bestand aus schwerer und schmutziger Arbeit. Aber es war eine gute und ehrliche Arbeit. Und er konnte nicht genau sagen, woran es lag, aber die Arbeit vermittelte ihm ein Gefühl von innerem Frieden.

Nun saß Connor folgsam seit einer Stunde auf dem Gatter, um Nita dabei zuzusehen, wie sie die Pferde trainierte. Normalerweise machte ihn das fürchterlich unruhig. Aber das hier war etwas völlig anderes, als hinter einem Schreibtisch zu sitzen. Es war ein schöner Herbsttag, der Himmel war blau, und die Sonne schien ihm auf den Rücken. Nita einfach nur zuzuschauen machte ihm Freude. Sie hatte eine Art sechsten Sinn im Umgang mit den Tieren. Sie schien jede Bewegung und jeden Gedanken der Pferde vorhersehen zu können. Es war offensichtlich, dass sie wirklich liebte, was sie tat. Und dass sie Pferde liebte. Ein Gefühl, das offenbar auf Gegenseitigkeit beruhte. Nun war er davon überzeugt, dass sie niemals etwas unternehmen würde, was den Tieren schaden könnte. Dazu war sie einfach nicht fähig.

„Wenn Sie sich einem Pferd nähern – besonders in einer Koppel –, tun Sie es niemals von hinten“, erklärte Nita ihm. „Pferde erschrecken leicht. Achten Sie darauf, dass das Pferd Sie sehen kann, und kommen Sie am besten von links.“

„Warum von links?“

„Weil die Pferde normalerweise von dieser Seite gesattelt werden. Obwohl man die seelenruhige Buttercup nicht so leicht aus der Fassung bringen kann, nicht wahr, mein Mädchen?“ Nita streichelte den Nacken der Stute. Und als ob sie ihr antworten wollte, stieß Buttercup mit dem Kopf leicht gegen Nitas Schulter. „Es ist eine Frage des Respekts. Wenn Sie die Pferde respektieren, respektieren die Tiere Sie.“

„Bei Ihnen sieht das so einfach aus“, meinte Connor.

„Glauben Sie mir, so ist das nicht immer. Ich bin sehr oft gebissen, getreten und aus dem Sattel geworfen worden. Aber ich mag die Herausforderung.“ Sie strich der Stute voller Zuneigung über den Hals. „Aber das heißt nicht, dass ich ein Pferd wie Buttercup nicht ab und an zu schätzen weiß.“

„Ist sie Ihr Pferd?“

„Sie gehört einer Familie in Fort Worth. Ich trainiere sie für die Tochter. Doch ich werde die Stute vermissen. Sie ist wirklich ein Schatz.“

„Wie lange trainieren Sie ein Pferd für gewöhnlich?“

„Einen Monat lang. Manchmal auch zwei oder auch noch länger. Es hängt davon ab, wofür die Pferde trainiert werden sollen und wie lernfähig sie sind.“ Sie sah zu ihm hinüber. „Sind Sie sicher, dass ich Sie nicht furchtbar langweile?“

Connor fand das alles sehr interessant. Er hätte nie gedacht, dass er an so etwas wie der Arbeit auf einer Pferdefarm Freude haben könnte. Aber er hatte auch nie etwas anderes in Erwägung gezogen, als zuerst zum Militär zu gehen und dann den Platz seines Vaters in der Firma einzunehmen. Wobei er sich das ja nicht selbst ausgesucht hatte. Er war in die Fußstapfen seines Vaters getreten, weil das von ihm erwartet worden war. Im Gegensatz zu seinem rebellischen Bruder war er bereit gewesen, Verantwortung zu übernehmen. Sein Vater hatte das aber niemals zur Kenntnis genommen. „Da bin ich ganz sicher“, antwortete er Nita.

„Okay, ich denke, dass wir für heute fertig sind.“ Sie rief einen der Arbeiter und wies den jungen Mann an, Buttercup zu den anderen Pferden auf die Weide zu bringen. Dann gingen sie und Connor zum Stall.

„Wir müssen über eine Alarmanlage für die Pferde und die Ställe reden“, sagte Connor.

Sie runzelte die Stirn. „Halten Sie das wirklich für notwendig?“

„Ja. Clint Andover, ebenfalls Mitglied im Texas Cattleman’s Club, ist Sicherheitsexperte. Ich hätte gern, dass er sich das Grundstück mal ansieht und Ihnen genau sagt, was erforderlich wäre.“

Nita wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht. „Eine Alarmanlage ist bestimmt teuer.“

„Ich will Sie nicht anlügen. Das wird sie wahrscheinlich sein.“

„Connor, ich kann nicht …“

„Keine Sorge, Nita, wir werden uns etwas einfallen lassen.“

Sie reckte das Kinn. „Ich will keine Almosen.“

„Das schlage ich auch nicht vor. Ich dachte an eine Art Ratenzahlung.“ Was bedeutete, dass er Clint das Geld geben würde. Wenn Nita ihre Ratenzahlungen leistete, würde Clint das Geld zurück an Connor überweisen. Da Nita kein Geld von ihm annehmen würde, war das der einzige Weg, wie es funktionieren könnte.

Obwohl er es sich leisten konnte. Er lebte sehr bescheiden. Bei den Rangers war er fast immer irgendwo auf der Welt im Einsatz gewesen. Manchmal war er Wochen, manchmal Monate lang weg gewesen. Da war es wichtig, sich im Leben so unkompliziert wie möglich einzurichten und seine Sachen sehr schnell zusammenpacken zu können. Connor war dieser Lebensstil in Fleisch und Blut übergegangen. Deshalb hatte er mehr Geld, als er wohl jemals ausgeben würde. Es schien Verschwendung zu sein, es nicht für etwas Nützliches zu verwenden.

„Ich mag den Gedanken nicht, irgendjemandem Geld zu schulden.“

„Lassen Sie mich Clint wenigstens anrufen und fragen. Die Sicherheit der Menschen und Tiere hier wäre es wert. Und es könnte gut für das Geschäft sein.“

Sie schaute ihn an und blinzelte in die Nachmittagssonne. Connor hatte noch nie so strahlende Augen gesehen. „Wieso?“

„Wenn Sie künftig damit Werbung machen können, dass Sie hier eine hochmoderne Alarmanlage besitzen, könnten Sie die Kunden, die Sie durch die Vorkommnisse verloren haben, wieder zurückgewinnen. Denn auf diese Weise ist dann die Sicherheit der Tiere gewährleistet.“

Nita schüttelte den Kopf. Sie schaute grimmig drein.

„Was ist los?“

„Das ist alles kaum zu glauben. Vor fünf Jahren hätten wir nie auch nur in Erwägung gezogen, für die Sicherheit unserer Tiere eine Alarmanlage zu installieren. Daran sind die Devlins schuld.“

„Das wissen Sie nicht.“

„Doch, das tue ich.“

Nichts, was er sagen würde, könnte sie vom Gegenteil überzeugen. Das wusste Connor. „Versuchen Sie doch zumindest, nicht bereits ein Urteil zu fällen, bevor wir einen Beweis haben.“

„Und wann wird das so weit sein? Ich habe das Gefühl, dass wir nur herumsitzen und warten, bis der nächste Anschlag auf unsere Farm verübt wird.“

„Es ist in Arbeit.“

„Beim Texas Cattleman’s Club“, meinte Nita.

Er sah sie nur an. „Soll ich Clint anrufen?“

Sie zögerte einen Moment und zuckte dann mit den Schultern. „In Ordnung. Es kann ja nicht schaden zu hören, was der Mann zu sagen hat.“

Er nahm sein Handy und wählte Clints Nummer. Clints Sekretärin teilte ihm mit, dass Clint ein paar Tage lang nicht in der Stadt war, aber Connor so schnell wie möglich zurückrufen würde. Er sagte dies Nita. „Ich werde Ihnen sofort Bescheid sagen, wenn er sich gemeldet hat.“

Als sie das Motorengeräusch eines Autos hörten, drehte sich Nita um und bemerkte, dass ein schwarzer BMW in die Einfahrt bog.

„Wer ist das?“, fragte Connor, der automatisch schützend vor sie trat.

„Das müsste Gretchen Halifax sein.“

„Gretchen Halifax? Was will sie hier?“

Es war ziemlich offensichtlich, dass er die Frau nicht mochte. Was angesichts der Tatsache, dass sie als Kandidatin für das Bürgermeisteramt gegen seinen Bruder antrat, auch keine Überraschung war. „Wahrscheinlich will sie nach ihrem Pferd sehen. Sie hat es bei uns untergebracht.“

„Dieses Miststück hat ein Pferd? Wofür?“

„Woher soll ich das wissen? Sie ist eine der wenigen Kundinnen, die ihr Pferd in unserer Obhut gelassen haben, nachdem das Futter verdorben war. Ich mag sie auch nicht besonders, aber ihr Geld ist so gut wie das von jedem anderen.“

Gretchen parkte nahe am Haus und stieg aus. Sie trug einen Hosenanzug, Pumps mit hohen Absätzen und eine strenge, tadellos sitzende Hochsteckfrisur. Es war unverkennbar, dass sie zum Geldadel gehörte. „Hallo, Nita“, rief sie.

„Hallo, Gretchen.“ Nita ging zu ihr und registrierte, dass Connor mit tief ins Gesicht gezogenem Stetson hinter ihr zurückblieb. Sie musterte Gretchens Designeroutfit. „Ich nehme nicht an, dass Sie hier sind, um mit Silver Dollar auszureiten.“

Gretchen verzog den Mund zu diesem aufgesetzten, politisch korrekten Lächeln, das für sie typisch war und Nita insgeheim schaudern ließ. „Dieses Mal nicht. Ich war zufällig in der Gegend und wollte Ihnen sagen, wie leid es mir tut, dass Ihr Vater verletzt worden ist. Geht es ihm schon etwas besser?“

„Ja, er wird bald wieder auf die Beine kommen. Danke der Nachfrage. Gretchen, Sie kennen Mister Thorne?“ Nita winkte Connor heran. „Connor Thorne, Jakes Bruder“, sagte sie, um nach einem Blick auf Gretchens angewidertes Gesicht eine Verwechslung der Zwillingsbrüder auszuschließen.

„Was für ein Vergnügen!“ Gretchen setzte wieder ihr künstliches Lächeln auf und reichte ihm die Hand.

Nach einem Zögern schüttelte Connor ihr die Hand. „Miss Halifax.“ Als Gretchen sich wieder zu Nita umdrehte, wischte er sich die Hand an der Jeans ab.

„Ich gehöre nicht zu denen, die etwas auf Gerüchte geben“, meinte Gretchen. „Aber ich habe gehört, dass Sie es im Moment sehr schwer haben. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

Wie wäre es, wenn Sie einen der Ställe ausmisten? war Nita versucht zu sagen, hielt ihre Zunge aber im Zaum. „Es ist alles okay. Gretchen, trotzdem danke.“

„Ich habe Ihre Familie und die harte Arbeit, die hier geleistet wird, immer bewundert. Ich würde sogar erwägen, als Geschäftspartnerin bei Ihnen einzusteigen, falls es sich ergeben sollte.“

Nur über meine Leiche. Nita fragte sich, was sich Gretchen davon versprach, wenn sie den Windcrofts ihre Hilfe anbot. Frauen wie Gretchen Halifax taten nichts aus reiner Herzensgüte. Sie benutzten Menschen nur zu ihrem persönlichen Vorteil. Vielleicht dachte sie, als Besitzerin einer Farm volksnäher zu wirken. Doch Nita würde Gretchen unter keinen Umständen ins Familiengeschäft einsteigen lassen. „Es sind nur Gerüchte“, versicherte Nita. „Uns geht es gut.“

„Da bin ich aber froh. Sie sorgen so gut für Silver Dollar.“

Nita war klar, dass Gretchen das höchstens vermuten konnte. Denn sie kam ihr Pferd nur sehr selten besuchen und hatte es nur einmal für ein Fotoshooting geritten. Wahrscheinlich sollte es im Wahlkampf ihr Image aufbessern. „Es ist ein tolles Pferd“, meinte Nita.

„Wenn ich Bürgermeisterin bin …“, sie warf Connor einen herausfordernden Blick zu, „… werde ich dem Sheriff Druck machen, dass er der Windcroft-Devlin-Fehde ein Ende macht. Und ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Baccara Exklusiv Band 110" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen