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BACCARA COLLECTION BAND 405

MAUREEN CHILD

Ein erregendes Angebot

Ein Erpresser droht TV-Moderatorin Naomi, die süßen Folgen ihres One-Night-Stands öffentlich zu machen. Da erweist sich ihr bester Freund Toby McKittrick als Retter in der Not. „Ich bin der Vater“, behauptet er in der Öffentlichkeit und bietet ihr gleich an, sie zu heiraten – natürlich eine reine Vernunftehe! Doch warum prickelt es dabei plötzlich so erregend?

JOANNE ROCK

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Ein erregendes Angebot

1. KAPITEL

„Was habe ich eigentlich diesem Maverick getan?“ Naomi Price stieß frustriert den Stiefel in den Sand. „Wieso hat er es nur auf mich abgesehen?“

Toby McKittrick war gerade dabei, sein Pferd zu satteln. Er sah zu der Frau auf der anderen Seite des Gatters hinüber. Sogar wenn Naomi wütend war und vielleicht auch ein wenig ängstlich, bot sie einen beeindruckenden Anblick.

Sie war einen halben Kopf kleiner als er mit seinen gut ein Meter achtzig. Das lange kupferbraune Haar fiel ihr weich über die Schultern herab. In ihren schokoladenbraunen Augen blitzte die Intelligenz – im Moment allerdings durchsetzt von Sorge. Naomi trug eine weiße Sommerhose und ein weites hellgrünes Shirt mit einem weißen Spitzenoberteil. Ihre hellen Stiefel reichten bis zu den Knöcheln. Sie waren eindeutig nicht für eine Ranch gemacht.

„Dieser Maverick scheint ja hinter allen her zu sein. Ich nehme an, du warst jetzt einfach dran.“

„Maverick“ war bereits seit Monaten das Stadtgespräch der Bewohner von Royal in Texas. Er deckte die intimsten Geheimnisse der Menschen auf und setzte sie mit ihren tiefsten Ängsten und Sorgen unter Druck, indem er drohte, sie ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen.

Toby hatte keine Ahnung, warum dieser mysteriöse Maverick das alles tat – gut, einige waren auf seine Erpressungen eingegangen und hatten gezahlt, aber in erster Linie schien es ihm einfach darum zu gehen, den Ruf seiner Opfer zu ruinieren. Und es ließ sich nicht leugnen: Er hatte Erfolg damit.

„Super“, murrte Naomi. „Einfach super.“

„Was genau hat er denn gesagt, das dich so früh am Morgen hierhergetrieben hat?“ Toby musterte sie aufmerksam. Für gewöhnlich zeigte Naomi sich erst gegen Mittag der Öffentlichkeit. Sie verließ nicht eher das Haus, bis sie von Kopf bis Fuß perfekt gestylt war.

„Sieh es dir selbst an.“ Sie reichte ihm das Smartphone, das sie aus ihrer Schultertasche gezogen hatte.

Toby schob den Hut in den Nacken und tippte das Display an. Sofort sah er, was Naomi so auf die Palme gebracht hatte.

Seit gut einem Jahr betrieb sie eine kleine Fashion-Show im Kabelkanal. Sie schrieb das Manuskript, produzierte die Show und war gleichzeitig ihr eigener Star. Sie hatte sich einen Namen damit gemacht, dass sie Frauen zeigte, wie sie gut aussehen konnten. Naomi war stolz auf das, was sie erreicht hatte. Sie arbeitete jeden Tag hart daran, die bestmögliche Show auf die Beine zu stellen, und ihre Zuhörerschaft wuchs.

Toby runzelte die Stirn, als er das Video betrachtete. Maverick hatte eine Parodie auf Naomis Show ins Netz gestellt. Er hatte eine Schauspielerin gefunden, die Naomi ziemlich ähnlich sah. Sie stand hinter einem Ständer mit Kleidern und seufzte und stöhnte, als hätte sie direkt vor der Kamera einen Orgasmus. Dann trat sie hinter dem Ständer hervor.

Jetzt begriff Toby, was Naomi wirklich aufgebracht hatte: Die Schauspielerin war aufgemacht, als wäre sie bereits im zweiten Jahr schwanger. Sie musste ihren riesigen Bauch mit beiden Händen abstützen.

„Oh, Mann …“

„Warte“, stöhnte Naomi. „Da kommt noch mehr.“

Die Schauspielerin begann jetzt zu sprechen. Mit einem breiten, vollkommen überzogenen texanischen Akzent.

„In diesem Sommer ist die Schwangerschaftsmode noch aufregender als sonst“, säuselte sie in die Kamera, während sie das lange rotbraune Haar über die Schulter zurückwarf und die Hände über den absurd aufgeblasenen Bauch gleiten ließ. „Vergessen Sie nicht, die Accessoires sind das Wichtigste. Tragen Sie einen hübschen Gürtel über dem Babybauch. Lenken Sie die Aufmerksamkeit darauf. Zeigen Sie der Welt, wie eine modebewusste Schwangere aussehen sollte.“

Toby spürte Zorn in sich aufsteigen.

Die Frau verschwand kurz hinter dem Ständer und erschien dann in einem zeltförmigen Kleid, das von einem breiten schwarzen Gürtel zusammengehalten wurde. „Sagen Sie es allen, Naomi“, sagte die Frau und lächelte in die Kamera. „Tun Sie es schnell, sonst tut Maverick es für Sie.“

Toby gab ihr das Smartphone zurück. „Okay, ich verstehe, was dich so aufgebracht hat.“

„Weißt du, es geht nicht darum, dass er allen sagen will, dass ich schwanger bin“, erklärte sie verbittert. „Was mich so aufregt, ist, dass er meine Show zu einer Lachnummer macht. Er verspottet mich.“

Toby legte seine Hand auf ihre. „Es spielt keine Rolle, was er von dir denkt, Naomi. Das weißt du doch.“

„Natürlich weiß ich das. Aber ich habe mir das Video angesehen und mich gefragt, ob ich wirklich so klinge. So überdreht und … arrogant. Bin ich arrogant?“

Um Tobys Mundwinkel zuckte es verdächtig. „Ich finde nicht, aber du hast schon so deine Momente gehabt …“

Sie stöhnte tief auf. „Du meinst die Geschichte mit den ‚drei Hexen‘, oder?“

Er zuckte nur die Schultern und kümmerte sich wieder um den Sattel. Naomi war seit Jahren seine beste Freundin, aber das machte ihn nicht blind für ihre Fehler. Natürlich war niemand perfekt. Toby kannte Naomi besser als alle anderen, und er wusste, dass sich hinter der manchmal arroganten Fassade ein weiches Herz verbarg.

„Ihr drei – du, Simone und Cecelia – habt einen Ruf, den ihr euch redlich verdient habt. Das musst du zugeben.“

„Na ja, schon …“, murrte sie widerstrebend.

Toby schüttelte den Kopf. Naomi und er waren in derselben kleinen Stadt zusammen aufgewachsen. Erst im College waren sie sich dann nähergekommen, als er im letzten Jahr war und sie im ersten. Er kannte sie so wie nur wenige andere, daher wusste er, dass sie im Moment bis in die Zehenspitzen ihrer teuren, aber nutzlosen Stiefel erschüttert war.

„Mittlerweile ist ja alles anders“, erklärte Naomi einen Moment später entschlossen. „Menschen können sich ändern.“

„Natürlich.“ Er nickte.

„Cecelia ist jetzt mit Deacon zusammen. Sie ist ebenfalls schwanger.“ Auch wenn das nicht wirklich etwas mit ihrer Situation zu tun hatte. „Simone und Hutch haben sich gefunden. Sie ist schwanger mit Drillingen!“ Sie warf in einer dramatischen Geste die Hände in die Luft. „Wir drei sorgen ja für eine wahre Explosion der Bevölkerungszahlen. Wir sind nicht mehr die drei Hexen. Wir sind …“ Sie seufzte. „Ich weiß auch nicht, was wir jetzt sind.“

„Ich schon.“ Toby grinste. „Du bist Naomi Price – die Frau, die vollkommen nutzlose Stiefel trägt, die mehr kosten als mein Sattel.“

Sie lachte. Genau das hatte er bezwecken wollen.

Er sah ihr in die Augen. „Du bist auch die Frau, die ihre eigene Fernsehshow aufgezogen und alles dafür getan hat, dass sie ein Erfolg wurde.“

„Danke, Toby.“ Sie lächelte ihn an, und dieses Lächeln ging ihm wie immer durch und durch.

„Okay.“ Sie versetzte dem Gatter einen kleinen Schlag. „Du hast recht. Ich bin stark. Ich schaffe das.“

„Das ist die richtige Einstellung.“ Toby hatte das Pferd fertig gesattelt und strich ihm über den glatten Hals.

„Doch mein ganzes Selbstbewusstsein löst sich in Luft auf, wenn ich daran denke, meinen Eltern sagen zu müssen, dass ich schwanger bin“, erklärte Naomi kleinlaut.

Toby zog sich den Stetson über die Augen. „Du hättest es ihnen längst sagen sollen.“

„Komm mir jetzt nicht mit deiner Vernunft“, fauchte sie ihn an und ging gereizt auf und ab, die Arme wie zum Schutz um sich gelegt. „Du könntest mich unterstützen.“

„Ich bin ja auf deiner Seite“, verteidigte er sich. „Ich tätschele dir nur nicht den Kopf, weil du das nicht brauchst.“

Sie murmelte etwas vor sich hin, was er nicht verstand, während sie weiter auf und ab ging. Wäre sie stehen geblieben, hätte er sie jetzt spontan in den Arm genommen. Toby verdrängte den Gedanken gleich wieder. Seit Jahren hielt er seine Gefühle für sie fest verschlossen. Sie war zu ihm auf die Ranch gekommen, weil sie einen Freund brauchte. Also wollte er ihr ein Freund sein. Das hieß, er musste ihr sagen, was sie nicht hören wollte.

„Naomi, du hast doch gewusst, dass sich das nicht ewig verheimlichen lässt.“

Sie blieb vor ihm auf der anderen Seite des Gatters stehen und blinzelte in die Sonne. „Ich weiß, aber …“

„Nichts aber.“ Er riss sich den Hut herunter und fuhr sich mit den Fingern durch das Haar. „Jemand hat dir die Entscheidung abgenommen. Du hast keine Wahl mehr, wann du es deinen Eltern sagen willst. Die Zeit ist um.“

„Wie hat dieser Maverick es nur herausgefunden? Ich dachte, du wärest der Einzige, der von dem Baby weiß.“

Es klang fast wie eine Beschuldigung. „Ich habe es niemandem gesagt“, verteidigte er sich.

„Ich weiß.“ Sie wischte den vermeintlichen Vorwurf so lässig beiseite, dass er sich wieder entspannte.

Toby war ein Mann seines Wortes, schon immer. Zu oft hatte er seinen Vater sagen gehört: Ohne seine Ehre ist ein Mann nichts. Das hatte Toby geprägt. Er gab nie ein Versprechen ab, wenn er nicht wusste, dass er es auch halten konnte.

„Du bist der einzige Mann in meinem Leben, der mich noch nie im Stich gelassen hat, Toby“, sagte sie leise.

Er nickte, schwieg aber, weil er Naomi gut genug kannte, um zu wissen, dass sie noch nicht fertig war.

„Ich habe versucht, Gio noch einmal zu erreichen.“

Zorn stieg in ihm auf, und Toby versuchte nicht, es zu verbergen. Gio Fabiani war der One-Night-Stand, von dem Naomi schwanger geworden war. Der Mann war den Staub unter ihren Stiefeln nicht wert. Aber so wie Naomi nun einmal war, versuchte sie bereits seit Wochen, Gio über ihre Schwangerschaft zu informieren. Toby war sich sicher, dass dieser Mann sie nicht unterstützen würde.

„Gib es auf“, knurrte er. „Nur weil der Mann dein Baby gezeugt hat, heißt es nicht, dass er gut genug ist, auch die Rolle des Vaters zu übernehmen.“

„Ich weiß, aber …“

„Kein Aber“, unterbrach er sie. „Verdammt, Naomi, du hast mir doch selbst gesagt, dass es ein Fehler war, mit dem Kerl ins Bett zu gehen. Willst du einen weiteren machen, indem du ihn wieder in dein Leben holst?“

„Sollte er denn nicht wenigstens wissen, dass er ein Kind hat?“

„Wäre er nicht so schnell aus deinem Leben verschwunden, wüsste er es.“ Toby war mehr als dankbar dafür, dass Gio nur ein so kurzes Gastspiel in Naomis Leben gegeben hatte. Sie hatte etwas Besseres verdient. „Ich habe selbst ein paar Nachforschungen angestellt, nachdem du mir davon erzählt hast.“

„Nachforschungen? Über Gio?“

„Der Mann ist ein absoluter Nichtsnutz. Er hat jeden Tag eine andere Frau.“

Sie wurde rot. Er wusste, sie hörte das nicht gern, aber an der Wahrheit ließ sich nun einmal nicht rütteln.

„Er wird nie zu dir stehen, Naomi“, setzte er leise hinzu.

Sie atmete tief durch. „Ich weiß. Und das will ich auch gar nicht. Ein One-Night-Stand ist keine Beziehung. Aber ich sollte ihm von dem Baby erzählen, bevor dieser Maverick das Video ins Netz stellt und es herumgeht.“ Sie stöhnte. „Oh, Gott! Alle werden dieses furchtbare Video sehen! Alle werden über mich lachen.“

„Du wirst es überleben.“

„Wer ist dieser Maverick überhaupt? Wieso hat ihn noch niemand gefunden?“

„Ich weiß es nicht.“

Toby überlegte, was gerade in Naomi vorgehen mochte. Sie verbarg sich schon seit Jahren hinter einer Fassade, hinter die auch ihre ohnehin desinteressierten Eltern nicht blicken konnten. Sie würde keine Mühe haben, ihnen vorzumachen, alles sei bestens. Ihm gegenüber war sie im Allgemeinen offener, aber im Moment war es anders. Sie war so aufgewühlt, wie er sie noch nie erlebt hatte. Es ging nicht nur um die Schwangerschaft – es war beinahe, als verlöre sie die Kontrolle über ihr ganzes Leben.

Und Naomi liebte es, alles unter Kontrolle zu haben.

„Das Video, das er mir geschickt hat, war einfach …“ Sie ließ das Ende des Satzes offen. „Wenn er das ins Netz stellt, hat es sich innerhalb von ein paar Stunden in der ganzen Stadt herumgesprochen.“

Toby wartete, bis sie ihm in die Augen sah. „In ein oder zwei Monaten hätten es sowieso alle gewusst. Du kannst es ja nicht ewig verbergen.“

Er wiederholte sich, und er wusste es, aber manchmal brauchte man eben einen Hammer, um zu Naomi durchzudringen. Vor allem wenn sie etwas nicht wahrhaben wollte. Gerade dieser Dickschädel war es, der ihn so faszinierte. Wahrscheinlich war er einfach ein Idiot, aber ihr Blick hatte etwas ganz Besonderes, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Er konnte nichts dagegen tun, dass er so darauf abfuhr. Schließlich war sie seine beste Freundin.

„Du hast recht“, erklärte Naomi unvermittelt.

Das überraschte ihn so sehr, dass er sie völlig erstaunt ansah. Sie lachte. Dieses Lachen klang nach warmen Nächten und Seidenlaken. Ein Mann musste schon wenigstens sechs Monate tot sein, um davon nicht angesprochen zu werden.

„Ich bin nicht so halsstarrig, um mich nicht den Realitäten zu stellen“, sagte sie. „Deswegen bin ich eigentlich überhaupt hier. Ich wollte dich bitten, mitzukommen, wenn ich es meinen Eltern sage.“

Er runzelte die Stirn. Naomis Eltern mochte er nicht sonderlich. Sie waren arrogant bis in die Haarspitzen. Absolut selbstherrlich. Ihr Haus erinnerte ihn an ein Museum, so still war es. Kein Staubkörnchen hätte gewagt, sich hierher zu verirren. Dort fühlte er sich immer wie ein unbeholfener Cowboy.

Naomi hatte es ihren Eltern nie recht machen können. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, sie hätten überhaupt kein Kind in die Welt gesetzt. Sie gaben ihrer Tochter seit Jahren mehr als deutlich zu verstehen, dass sie für sie eine reine Enttäuschung war. Die Neuigkeit, die sie jetzt für sie hatte, bestätigte die beiden sicherlich noch darin.

Abwartend sah sie ihn an. Toby bemerkte ihr Unbehagen. „Natürlich“, versicherte er ihr. „Ich komme mit.“

„Danke, Toby.“ Sie legte die Hand auf seinen Arm. „Ich wusste, dass ich auf dich bauen kann. Du bist wirklich mein bester Freund.“

Ein bester Freund hätte wohl kein Verlangen spüren sollen bei ihrer Berührung …

Naomi war nervös. Aber sie war bereits nervös, seit sie die Mail mit der Betreffzeile: Ihr Geheimnis ist gelüftet! gelesen hatte. Sie hatte gleich geahnt, mit wem sie es zu tun hatte. Während der vergangenen Monate hatte sie zusehen müssen, wie Menschen, die sie kannte und mochte, diesem bösartigen Phantom in die Hände gefallen waren. Dabei hatte er ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Irgendwie hatte sie immer gehofft, der Kelch würde an ihr vorübergehen. Nachdem die Wirklichkeit sie nun eingeholt hatte, war sie gezwungen, ihren Eltern die Wahrheit zu sagen und sich ihrer unverhohlenen Enttäuschung auszusetzen. Wieder einmal.

Ganz gleich, was Naomi auch tat – ihre Eltern sahen sie an, als könnten sie einfach nicht begreifen, von welchem Stern sie gefallen war. Das würde heute nicht anders sein.

Glücklicherweise kam Toby mit, um ihr beizustehen. Naomi betrachtete seine stoische Miene, als er den Ford Pick-up zur Villa ihrer Eltern lenkte. Er war der Einzige, der ihr Geheimnis kannte. Der Einzige, dem sie sich anvertraut hatte, als sie vor zwei Monaten bemerkte, dass sie schwanger war. War das nicht deutlich? Sie hatte nicht einmal mit ihren Freundinnen Cecelia Morgan und Simone Parker darüber geredet, obwohl sie sich seit Jahren sehr nahestanden.

Wenn sie in Schwierigkeiten steckte, war immer Toby ihre erste Adresse. Auch diesmal, obwohl sie sich unsäglich dumm vorkam, als sie ihm gestehen musste, dass sie sich mit dem charmanten Gio auf einen One-Night-Stand eingelassen hatte.

Naomi konnte immer noch nicht glauben, dass ein Abend voller Champagner sie in eine solche Lage gebracht hatte. Toby hatte natürlich recht. Auch wenn dieser elende Maverick nicht wäre, hätte sie ihr Geheimnis nicht viel länger wahren können. Weite Oberteile und eine strategisch günstig gehaltene Handtasche konnten ihren Bauch nicht ewig kaschieren.

Sie hasste es, einem Unbekannten ausgeliefert zu sein.

„Alles in Ordnung?“ Toby warf ihr einen kurzen Blick zu, bevor er die Aufmerksamkeit wieder auf die Straße richtete.

„Nicht wirklich“, gab sie zu. „Was, um alles in der Welt, soll ich ihnen sagen?“

„Die Wahrheit, Naomi.“ Er legte seine Hand auf ihre. „Sag ihnen einfach, dass du schwanger bist.“

„Und wenn sie fragen, wer der Vater ist?“

In ihm arbeitete es sichtlich, aber er hielt zurück, was auch immer ihm auf der Zunge liegen mochte. Sie war ihm dankbar dafür. Ohnehin hätte er nichts über Gio sagen können, was sie selbst nicht bereits gedacht hatte.

Als sie Toby von dem Baby erzählte, bewies er sofort, dass er ein besserer Mann war als der, mit dem sie geschlafen hatte. Er bot ihr seine Hilfe an. Das war einer der Züge, die sie am meisten an ihm liebte. Er fällte kein Urteil. Er war einfach da. Wie die Berge. Oder die alten Eichen, die sein Haus umstanden. Er war stark und zuverlässig. Er war all das, was sie vor ihm in ihrem Leben nie kennengelernt hatte. Jetzt brauchte sie ihn mehr denn je.

Die Prices lebten in Pine Valley, einer exklusiven, abgeschiedenen Wohngegend mit eigenem Golfplatz, wo die Villen von gepflegten Rasenflächen umgeben waren und wo eine Einladung zum Essen schon als ein gesellschaftliches Ereignis galt. Zumindest hatte Naomi es immer so empfunden. Dort aufzuwachsen war nicht leicht gewesen. Ihre Eltern schienen absolut nichts mit ihrer Tochter anfangen zu können. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sie noch einen Bruder oder eine Schwester gehabt hätte, mit der sie die Zeit gemeinsam hätte durchstehen können. So allein war Naomi sich immer irgendwie nutzlos vorgekommen.

Ihr Gedankengang wurde jäh unterbrochen, als Toby vor dem Tor anhielt. Als er die Scheibe herunterrollte, um mit dem Wachmann zu sprechen, schlug eine Woge frühsommerlicher Hitze in den Wagen.

„Zu wem möchten Sie?“, fragte der Mann mit dem Clipboard in der Hand.

Naomi kannte die Stimme. Sie beugte sich lächelnd vor. „Hallo, Stan. Wir wollen meine Eltern besuchen.“

„Naomi! Schön, dich zu sehen.“ Der Mann lächelte und drückte einen Knopf, der das Tor beiseiterollen ließ. „Deine Eltern sind zu Hause. Ich wette, sie freuen sich, dich zu sehen.“

Sie lehnte sich zurück. „Sie sollen sich freuen, mich zu sehen? Das wäre neu.“

Toby drückte ihre Hand. Sie verwob ihre Finger mit seinen. Sie brauchte ihn – seine Freundschaft – im Moment mehr denn je.

Die meisten Villen, an denen sie vorbeikamen, lagen hinter hohen Hecken verborgen. Obwohl es sich um ein bewachtes Areal handelte, wollten viele Anwohner noch einen zusätzlichen Schutz. Je mehr der Wagen sich dem Ziel näherte, desto mehr wuchs Naomis Anspannung.

Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie sich in Gegenwart ihrer Eltern je entspannt gefühlt hätte. Es kam ihr immer so vor, als müsse sie in ihrer Gegenwart eine Rolle spielen. Die Rolle der perfekten Tochter. Leider beherrschte sie diese Rolle nie richtig. Sie wollte, es wäre anders, aber wenn es nach ihren Wünschen ginge, dann wäre sie ohnehin nicht hier.

Die Auffahrt zur Villa ihrer Eltern war lang und gewunden, um die Blumenrabatten zur Geltung zu bringen, die von einem ganzen Heer von Gärtnern gepflegt wurden. Der Rasen war sauber gemäht, die Bäume waren zurechtgestutzt, sodass sie schon gar nicht mehr natürlich wirkten. Das Haus selbst war elegant, aber geschmackvoll. Es wirkte wie ein Foto aus einem Hochglanzmagazin. Eine Fassade, hinter der niemand lebte. Und eigentlich war es ja auch so. Ihre Eltern lebten nicht, sie bewegten sich in ihrem Leben wie auf einer Bühne. Jeder kannte seinen Text, und niemand wich je vom Drehbuch ab. Niemand außer Naomi.

Naomi war das einzig Unerwartete im Leben ihrer Eltern gewesen. Ein „Unfall“, wie sie wusste. Ihre Mutter war entsetzt gewesen, als sie mit fünfundvierzig feststellte, dass sie schwanger war. Sie brachte es hinter sich, weil alles andere undenkbar gewesen wäre. Beide Eltern kümmerten sich um sie, wenngleich auch ohne erkennbare Liebe. Sie erwarteten von ihr, keine weitere Unruhe in ihr Leben zu bringen.

Aber das war nicht Naomis Art. Sie brachte nicht nur Unruhe, sondern manchmal sogar stürmische Unruhe.

Heute würde es ein wahrer Tsunami werden.

„Du bist so schweigsam“, bemerkte Toby mit dem Anflug eines Lächelns. „Das ist kein gutes Zeichen.“

„Es gibt zu viel, worüber ich nachdenken muss.“

Sie starrte auf die geschlossene Eingangstür und bekam schon jetzt Beklemmungen davor, dort anzuklopfen, noch bevor sie überhaupt aus dem Auto gestiegen war. Und natürlich würde sie klopfen. Matilda, die Haushälterin, die bereits seit zwanzig Jahren für ihre Eltern arbeitete, würde sie anmelden. Man betrat das Haus ihrer Eltern nicht einfach so.

„Die wichtigste Entscheidung hast du doch bereits getroffen“, sagte Toby. „Du hast dich für das Baby entschieden.“

Das stimmte. Sie empfand nichts für den Vater des Kindes, aber das Baby war real für sie. Ein Mensch. Ihr Kind. Wie hätte sie es über sich bringen sollen, die Schwangerschaft abzubrechen? „Ich hätte nichts anderes tun können.“

„Ich weiß“, sagte er leise. „Und ich werde dir helfen, so gut ich kann.“

Sie nickte.

„Du musst dich gar nicht so aufregen. Denk daran, dass du fast dreißig bist …“

„Hallo!“ Sie sah ihn empört an. „Ich bin neunundzwanzig!“

„Richtig.“ In seinen Augen blitzte ein Lachen. „Der Punkt ist doch, dass du deinen Eltern keinerlei Rechenschaft schuldig bist.“

„Du hast gut reden! Deine Mom und deine Schwester sind dein ganz privater Fanklub!“

„Stimmt.“ Er nickte. „Aber früher oder später musst du es hinter dich bringen. Statt dich zu entschuldigen, solltest du deinen Eltern einfach sagen, was Sache ist.“

Es klang absolut vernünftig.

„Okay. Wir wollen es hinter uns bringen. Lass uns aussteigen.“

2. KAPITEL

Toby kam zu Naomis Seite des Trucks herum und hielt ihr die Tür auf. „Bereit?“

„Nein. Ja. Ich weiß nicht.“ Sie rieb sich nervös die Hände am Rock. „Sitzt alles richtig?“

Er musterte sie lächelnd. „Du siehst aus wie immer. Wunderbar.“

Sie lachte leise. Toby war wirklich gut für ihr Selbstbewusstsein. Oder er wäre es, wenn sie tatsächlich Selbstbewusstsein hätte. Ach, Unsinn! Natürlich hatte sie es. Sie erlebte nur gerade eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Es war ein permanenter Kampf zwischen den beiden Stimmen in ihrem Innern.

Die eine sagte ihr, sie sei smart, talentiert und fähig, während die andere beständig Zweifel säte. Erstaunlich, wie leicht es der zweiten Stimme immer fiel, sich durchzusetzen.

„Komm schon, du versuchst, es absichtlich hinauszuzögern.“

„Du glaubst, mich so gut zu kennen, was?“

Er grinste. „Ich glaube es nicht nur, ich weiß es.“

Okay, ja, er hatte recht. Er durchschaute sie tatsächlich. Sogar ihre besten Freundinnen Simone und Cecelia wussten im Gegensatz zu ihm nur das von ihr, was sie sie wissen lassen wollte. Naomi hatte Erfahrung darin, ihre Gedanken zu verbergen und so zu sein, wie die Leute es von ihr erwarteten. Nur Toby konnte sie nichts vormachen.

Er nahm ihre Hand. „Komm, Naomi. Wir reden jetzt mit deinen Eltern, und anschließend fahren wir zum Diner. Ich hätte Lust auf einen Burger, und du kannst an einem Salatblatt knabbern.“

Sie rollte die Augen. Der Mann kannte sie einfach zu gut. Aber alle Frauen achteten doch auf ihre Ernährung, oder? Plötzlich hatte sie wieder das widerliche Video von Maverick vor Augen. Sah die Schauspielerin mit dem aufgeblasenen Bauch vor sich, die vor der Kamera herumwatschelte.

Naomi unterdrückte ein Stöhnen und stieg neben Toby die breite Treppe zur Veranda hinauf. Er hielt noch immer ihre Hand, und sie war dankbar dafür. Ein Teil von ihr protestierte lautstark dagegen, dass sie sich als erwachsene Frau von der Begegnung mit ihren Eltern derart nervös machen ließ. Aber diese eine Stimme wurde von einem ganzen Chor anderer Stimmen übertönt, die sie daran erinnerten, dass bei einem Gespräch mit Franklin und Vanessa Price noch nie etwas Gutes herausgekommen war.

„Bereit?“

Sie riss sich zusammen und nickte. „Ja.“

„Das wäre glaubhafter, wenn du dabei nicht an deiner Unterlippe nagen würdest.“

„Verdammt.“ Instinktiv rieb sie die Lippen aufeinander, um ihren Lippenstift zu glätten. „Gut. Aber jetzt bin ich bereit.“

Er grinste, und ihre Nerven beruhigten sich prompt. Naomi wusste nicht, was sie je getan hatte, um einen Freund wie Toby zu besitzen. Sie war unendlich dankbar dafür.

Ehe sie es sich anders überlegen konnte, betätigte sie den großen schmiedeeisernen Klopfer an der Tür. Sekunden später öffnete Matilda, die Haushälterin und Köchin der Prices.

Sie war groß, schlank und vollkommen in Schwarz gekleidet. Das graue Haar trug sie kurz und wirkte mit ihrem blassen Teint ernst und freudlos. Aber nichts hätte weiter von der Wahrheit entfernt sein können. Sie lächelte herzlich.

„Miss Naomi!“ Sie trat beiseite, um die Tür weiter aufzuziehen. „Und Mr. Toby! Kommen Sie doch herein. Ich sage Ihren Eltern Bescheid, dass Sie da sind. Sie sind im Salon.“

Natürlich. Wo sonst? Naomi kannte den Tagesablauf ihrer Eltern. Davon gab es keine Abweichungen. Der Morgentee wurde um elf eingenommen und endete pünktlich um elf Uhr fünfundvierzig. Danach fuhr ihre Mutter in die Stadt zu einem ihrer Wohltätigkeitsprojekte, während ihr Vater zum Golfen ging oder sich am Dienstag mit seinen Freunden im Texas Cattleman’s Club traf.

Während sie im kühlen Foyer warteten, nahm Toby den Stetson ab und flüsterte Naomi zu: „Das macht mich ganz kirre, wenn sie mich Mr. Toby nennt.“

„Ich weiß, aber die Form muss eben gewahrt werden.“ Schein war für ihre Eltern immer wichtiger als Sein.

Sie sah sich um. In diesem Haus war sie aufgewachsen. Es hatte sich im Laufe der Jahre wenig geändert. Vanessa Price mochte keine Veränderungen. Wenn etwas so war, wie sie es haben wollte, blieb es so. Für immer.

Kühle, grau geäderte weiße Marmorfliesen bedeckten alle Korridore. In weichen Pastelltönen gehaltene, weiß gerahmte Bilder hingen an hellen Wänden und bildeten den einzigen Farbtupfer in dem ansonsten gedämpften Ambiente. Sogar der üppige Strauß exotischer Blumen war ganz in Weiß gehalten. Die Stille im Haus erinnerte an ein Museum.

Naomi musste daran denken, wie sehr sie sich als Kind bemüht hatte, hier irgendwie ihren Platz zu finden. Es war ihr nie wirklich gelungen. Das war wohl mit ein Grund, wieso sie sich hier unbehaglich fühlte.

Toby drückte ihre Hand, als Matilda zurückkam und ihnen bedeutete einzutreten. Offenbar waren die Majestäten zum Empfang bereit. Als Naomi dieser ketzerische Gedanke kam, rief sie sich zur Ordnung. Ihre Eltern waren keine bösen Menschen. Sie hatten es nicht verdient, dass ihr einziges Kind sie ständig kritisierte. Wüssten sie davon, würden sie ihre Kritik mit Sicherheit nicht nachvollziehen können.

Gleichzeitig konnte Naomi nicht umhin, sich zu wünschen, es wäre anders. Nicht zum ersten Mal wünschte sie sich, einfach so unangemeldet ins Haus stürmen und sich hier geborgen fühlen zu können. Sie wünschte sich, ihre Eltern würden sich freuen, sie zu sehen. Wünschte sich, es sich mit ihrer Mom auf dem Sofa gemütlich zu machen und mit ihr über alles und jeden reden zu können. Wünschte sich, ihr Vater würde sie in den Arm nehmen und sie „seine Prinzessin“ nennen.

Aber wenn Träume wahr würden, dann säße sie jetzt am Strand und nippte an einem Cocktail.

Ihre Eltern saßen in zwei Sesseln mit einem Teetisch zwischen ihnen. Der Rest des Raums sah aus wie eine Ausstellung von Möbeln aus der Zeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Nichts im Haus lud dazu ein, sich entspannt zurückzulehnen oder gar die Füße auf den Tisch zu legen.

Der Blick ihrer Eltern enthielt keinerlei Wiedersehensfreude. Es war elf Uhr dreißig. Die Teezeit war erst in fünfzehn Minuten zu Ende, und Naomi hatte sie ihnen gerade verdorben.

Und sie würde ihnen noch sehr viel mehr verderben.

„Hallo, Mom. Dad.“ Sie lächelte und stählte sich selbst, während sie Tobys Hand losließ, um zu ihren Eltern zu gehen. Sie hauchte zuerst ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange, dann ihrem Vater, nachdem er sich erhoben hatte, um Toby zu begrüßen.

„Hallo, Liebes“, sagte Vanessa Price. „Das ist ja eine Überraschung. Nett, dich zu sehen, Toby. Möchtet ihr auch einen Tee? Ich kann Matilda bitten, noch einen aufzubrühen.“

„Nein, Madam, vielen Dank.“ Toby hatte Franklin die Hand geschüttelt und trat zurück an Naomis Seite.

Franklin Price war ein gut aussehender Mann in den Siebzigern. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug, und das silbergraue Haar war aus der hohen Stirn zurückgekämmt. Der Blick seiner blauen Augen war durchdringend.

Vanessa Price war zierlich. Auch sie war bereits in den Siebzigern, bot aber immer noch dasselbe perfekte Bild wie früher. Ihr schlohweißes Haar trug sie in einem schmeichelhaften, modernen Schnitt. Die Figur war rank und schlank wie eh und je, da sie ihr Leben lang Diät gehalten hatte. Das leuchtend blaue Sommerkleid wirkte dezent elegant und gab Naomi das Gefühl, daneben prollig zu wirken.

„Ist etwas passiert, Liebes?“ Vanessa setzte die Teetasse ab und faltete die Hände im Schoß.

Das war ihr Stichwort. Naomi holte tief Luft. „Ja, allerdings“, gab sie zu und warf einen Blick zu ihrem Vater hinüber, der besorgt die Stirn runzelte. „Ihr habt sicher beide von diesem Maverick gehört, der seit Monaten etliche Leute der Stadt erpresst hat?“

„Absolut abstoßend.“ Vanessa schüttelte angewidert den Kopf.

„Da stimme ich deiner Mutter zu. Wer auch immer es ist, man muss ihn dingfest machen und verurteilen“, pflichtete ihr Vater bei. „Es ist widerwärtig, sich so in das Privatleben anderer Menschen zu mischen.“

„Er hat viele Probleme angerichtet“, warf Toby ein und drückte Naomi dabei verstohlen die Hand.

Ihre Mutter bemerkte es und kniff argwöhnisch die Augen zusammen.

„Heute Morgen habe ich eine Nachricht von Maverick erhalten“, sagte Naomi rasch, bevor der Mut sie verlassen konnte.

„Du?“ Vanessa hob eine Hand an den Hals, wobei ihre Finger die Perlenkette streiften. „Was kann er von dir wollen?“

Franklin Price sah von Naomi zu Toby und wieder zurück zu seiner Tochter. „Was will er?“

Naomi gab sich einen Ruck. „Ich bin schwanger“, sagte sie. „Maverick will ein Video veröffentlichen, damit es alle erfahren.“

„Schwanger?“ Vanessa fiel in ihren Sessel zurück. Sie ließ die Hand an ihrem Hals hinauf- und hinuntergleiten, als müsse sie sich Luft in die Lungen massieren.

„Wer ist der Vater?“ Frank sprach leise, aber mit Nachdruck.

„Oh, Naomi!“ Ihre Mutter seufzte. „Wie konnte das passieren?“

„Wer hat dir das angetan?“, fragte ihr Vater noch einmal.

Als habe jemand sie gegen ihren Willen festgehalten und vergewaltigt! Naomi seufzte stumm. Wie sollte sie ihren Eltern sagen, dass der Vater des Kindes ein italienischer Gigolo war, mit dem sie nur eine Nacht verbracht hatte? Aber was sonst konnte sie sagen?

Ihre Eltern sahen sie erwartungsvoll an – ihre Mutter mit leichtem Horror, ihr Vater eher mit kaltem Zorn. Sie hatte sie enttäuscht. Wieder einmal. Und es würde noch schlimmer werden.

„Ich bin der Vater“, sagte Toby im selben Moment, als sie den Mund öffnete, um etwas zu sagen – sie wusste selbst nicht, was.

„Was?“ Sie sah ihn entgeistert an.

Toby lächelte ihr flüchtig zu und wandte sich dann an ihren Vater. „Deswegen bin ich heute mit Naomi hierhergekommen. Wir wollten Ihnen sagen, dass wir ein Baby erwarten und dass wir heiraten werden.“

Naomi konnte ihn nur benommen anstarren. Alles hatte sie erwartet, aber nicht das! Sie wusste nicht, was sie jetzt machen sollte. Ein Gefühl abgrundtiefer Erleichterung machte sich in ihr breit, aber gleichzeitig wusste sie, dass sie es nicht dabei belassen konnte. Sosehr sie Tobys Ritterlichkeit zu schätzen wusste … diese Suppe hatte sie sich selbst eingebrockt und musste sehen, wie sie …

„Wir wollten es Ihnen vor allen anderen sagen“, fuhr Toby fort. „Naomi wird zu mir auf die Ranch ziehen.“

„Toby …“

Er sah sie nicht an. „Sie braucht das Apartment in der Stadt nicht mehr.“

„Aber …“ Sie rang um Worte. Wollte ihn korrigieren. Wollte einfach irgendetwas sagen, aber jetzt hatte ihre Mutter die Sprache wiedergefunden.

„Einfach so zusammenzuziehen, würde ich normalerweise nicht gutheißen“, sagte sie mit einem Hauch von Missbilligung im Ton, „aber wenn ihr verlobt seid, ist der Form wohl Genüge getan.“

Der Form! Naomi hatte schon manches Mal gedacht, dass ihre Mutter in einem früheren Jahrhundert besser aufgehoben gewesen wäre. In einer Zeit, in der die Gesellschaft nach strikten Regeln lebte.

„Verlobt.“ Ihre Mutter wiederholte das Wort, als müsste sie sich erst daran gewöhnen. „Oh, Naomi … du wirst Toby McKittrick heiraten. Es ist einfach wunderbar!“

Vanessa erhob sich rasch und ging zu ihrem Mann. Sie strahlte plötzlich.

Naomi hatte eine solche Zustimmung von ihr bisher noch nie bekommen, deswegen war sie etwas verwirrt. Dann verstand sie, was ihre Mutter eigentlich gesagt hatte. Sie freute sich nicht über das Baby, sondern darüber, dass ihre Tochter Toby heiratete. Den attraktiven, erfolgreichen, vermögenden Toby McKittrick. Das war die Art von Erklärung, mit der Vanessa Price leben konnte.

Die Erkenntnis machte Naomi wütend. Auf Toby. Sie hatte nicht erwartet, dass ihre Eltern positiv reagieren würden, aber dass Toby ihr so zu Hilfe gekommen war, ärgerte sie trotz der anfänglichen Erleichterung. Sie hatte ihn nur zur moralischen Unterstützung mitgenommen, nicht dafür, dass er sich hier zu ihrem Retter aufschwang. Der ganze Sinn des Besuchs war, ihre Eltern zu informieren und es hinter sich zu bringen.

Jetzt war der Moment der Wahrheit verstrichen, und Toby hatte das ganze Chaos um eine Lüge erweitert, die sie irgendwann ausbügeln musste.

„Toby …“

Er sah sie lächelnd an und überraschte sie mit einem kurzen, harten Kuss, der ihr jedes Wort auf den Lippen erstarren ließ. Sie stand wie unter Schock. Er hatte sie bisher noch nie geküsst. Auch wenn es nicht der zärtliche Kuss eines Liebhabers gewesen war, war es auch kein brüderlicher Kuss gewesen.

Als er sicher war, dass sie zu schockiert war, um etwas zu sagen, wandte er sich an ihre Eltern. „Naomi ist etwas aufgewühlt. Sie wollte Ihnen selbst sagen, dass wir heiraten wollen, aber ich konnte mich einfach nicht zurückhalten. Wir werden jetzt zu ihrer Wohnung fahren, um mit dem Packen für den Umzug zu beginnen, aber zuerst wollten wir bei Ihnen vorbeikommen.“

„Verständlich.“ Franklin nickte zustimmend, bevor er Naomi einen besorgten Blick zuwarf. „Ich muss schon sagen – für einen Moment habe ich Angst gehabt, als du von der Schwangerschaft gesprochen hast. Aber da ihr heiraten wollt, ist ja alles in Ordnung.“

Super! Die richtige Ehe, und schon waren ihre Eltern mit allem einverstanden.

„Ich sehe gar keinen Ring.“ Vanessa warf einen vielsagenden Blick auf Naomis linke Hand.

Naomi seufzte und sah dann zu Toby auf. Ganz nach dem Motto: Das war deine Idee. Nun sieh zu, wie du da wieder herauskommst!

Er hatte anscheinend kein Problem damit. „Wir fahren gleich in die Stadt, um uns darum zu kümmern. Falls wir hier nichts finden, fahren wir nach Houston.“ Er legte Naomi einen Arm um die Schultern und zog sie an sich. „Uns war nur wichtig, dass Sie die Neuigkeiten von uns erfahren und nicht von diesem Maverick.“

„Niemand nimmt einen solchen Menschen für voll“, versicherte Vanessa ihm.

Naomi verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte ihre Mutter so etwas behaupten, wenn ganz Royal seit Monaten von nichts anderem sprach? Aber Vanessa hatte schon immer eine Gabe dafür gehabt, die Augen vor allem zu verschließen, was nicht in ihr geordnetes Weltbild passte.

„Mach dir keine Gedanken wegen dieses Kerls, Naomi“, erklärte ihre Mutter energisch. „Du und Toby – ihr habt nichts Falsches getan. Vielleicht war es nicht ganz die richtige Reihenfolge …“

Was hieß: zuerst die Verlobung, dann die Hochzeit und erst dann ein Baby. Aber ihre Mutter war bereit, über all das hinwegzusehen, solange Naomi nur einen gesellschaftlich akzeptablen Mann bekam. Was wiederum bedeutete, dass die absolute Katastrophe bevorstand, wenn sie irgendwann erfuhr, dass es keine Hochzeit mit Toby geben würde.

„Wir sollten jetzt gehen. Wir müssen den Umzug organisieren. Bitte entschuldigen Sie, dass wir Ihre Teestunde gestört haben“, sagte Toby gerade, als Naomi aus ihrer Trance erwachte.

Er hatte vor, sie schnellstmöglich aus dem Haus zu bringen, bevor sie ihren Eltern die Wahrheit sagen konnte. Und sie würde es zulassen. Sicher, sie musste es irgendwann beichten, aber in diesem Moment? Jetzt wollte sie einfach so schnell und so weit weg wie möglich von hier fortkommen.

„Unsinn“, sagte Franklin. „Du bist hier jederzeit willkommen, Toby. Vor allem jetzt.“

Naomi unterdrückte ein Seufzen. Kaum stand die Aussicht auf eine „gute“ Ehe im Raum, stand das Haus ihm offen. Sie konnte sich nur zu gut vorstellen, wie schnell diese Türen sich wieder schließen würden, sobald ihre Eltern die Wahrheit erfuhren.

„Vielen Dank, Mr. Price.“

„Franklin, Junge. Franklin für dich.“

„Ja, Sir, gern“, sagte Toby, blieb aber beim Sie. „Wenn Sie uns jetzt bitte entschuldigen würden. Ich glaube, wir sollten uns zuerst einmal um den Ring kümmern, bevor Naomi es sich anders überlegt und mir das Herz bricht.“

Vanessa bekam große Augen. „Das würde sie nicht tun!“

Toby zwinkerte Naomi zu. Er schien ihre Anspannung gar nicht zu bemerken. Für ihre Eltern war diese unerwartete Hochzeit schon sehr real. Toby glaubte anscheinend, die Situation gerettet zu haben, aber in Wirklichkeit hatte er alles nur noch komplizierter gemacht.

„Macht euch einen schönen Tag. Naomi, wir reden dann bald über eine schöne Hochzeit“, rief ihre Mutter ihr nach. „Wir wollen die Feier ja haben, bevor … man es dir ansieht.“

„Oh, Gott“, flüsterte Naomi.

Toby drückte ihre Hand und eilte mit ihr aus dem Haus. Draußen schob er sie in den Wagen, bevor sie die Chance hatte, auch nur ein Wort zu sagen. Erst als er schon hinter dem Steuer saß und den Motor anwarf, kam sie endlich zu sich. „Was hast du dir dabei gedacht?“, fuhr sie ihn an.

Er blinzelte in die Sonne und steuerte den Wagen zurück zur Straße. „Mir hat nicht gefallen, wie deine Eltern dich angesehen haben.“

Sie sah ihm an, dass er die Zähne zusammenbiss. Naomi seufzte leise. Sie hatte nicht erwartet, dass er die Reaktion ihrer Eltern so persönlich nehmen würde. Sie hätte es sich denken können. Es war schon immer seine Art gewesen, sich für jemanden einzusetzen, der bedrängt wurde. Er war immer auf der Seite des Unterlegenen. So war Toby nun einmal. Doch sie wollte nicht von ihm gerettet werden!

„Ich danke dir für die unangebrachte Ritterlichkeit“, sagte sie und bemühte sich, einen zivilisierten Ton anzuschlagen, „aber das macht jetzt alles nur noch schwieriger. Jetzt muss ich einen plausiblen Grund dafür finden, wieso ich nicht bei dir einziehe und wieso wir nicht heiraten werden. Und dann bin ich immer noch eine alleinstehende Mutter, und sie werden enttäuschter denn je von mir sein.“

„Das muss ja nicht sein.“ Er warf ihr rasch einen Blick zu. „Du ziehst heute zu mir auf die Ranch. Und wir heiraten. Genau, wie ich es gesagt habe.“

Naomi war fassungslos. Da er am Steuer saß, musste er auf die Straße achten und nach vorn sehen, daher konnte sie nicht erkennen, ob er Witze machte oder nicht. Es musste ein Witz sein! „Das ist nicht dein Ernst.“

„Es ist mir todernst.“

„Toby, das ist doch verrückt. Ich meine, es war süß von dir …“

„Vergiss es!“ Er schüttelte den Kopf. „Ich wollte nicht süß sein, und ich gebe zu, dass ich vorher auch nicht darüber nachgedacht habe, aber nachdem ich es gesagt habe, fand ich es eigentlich ganz vernünftig.“

„Vernünftig? In irgendeiner anderen Welt vielleicht, aber hier? Wohl eher nicht.“

„Denk doch mal darüber nach, Naomi.“

Sie rieb sich die Stirn. Sie hatte plötzlich rasende Kopfschmerzen. „Ich habe nichts anderes getan, seit du uns alle so überrumpelt hast.“

„Wieso willst du das Kind allein großziehen, wenn ich dir helfen könnte?“

„Es ist nicht dein Baby.“

„Aber das könnte es sein. Ich wäre ein guter Vater. Und ein guter Ehemann.“

„Darum geht es nicht.“

„Worum dann?“

Sie zog sich am Haar. Es tat weh. Sie träumte also nicht. Das hieß, sie musste irgendwie zu ihm durchdringen. Was er gerade gesagt hatte, hatte sie berührt. Sehr sogar. Zu wissen, dass er sich für sie im metaphorischen Sinn vor den Zug werfen würde, bedeutete ihr mehr, als sie zu sagen vermochte. Aber dennoch konnte sie nicht zulassen, dass er das Kind eines anderen als seines ausgab. Das wäre ihm gegenüber nicht fair.

„Toby, du bist nicht verantwortlich für mich“, erklärte sie fest.

„Das habe ich auch nie behauptet. Aber du bist meine Freundin.“

„Deine beste Freundin“, korrigierte sie ihn.

„Dann finde dich bitte damit ab, dass ich dir als dein Freund helfen möchte.“

„Toby, das geht nicht.“

„Ich tue es einfach. Es ist doch nur vernünftig, Naomi. Für uns alle, das Baby eingeschlossen. Willst du wirklich ganz allein in diesem Luxusapartment in Royal leben? Wäre es nicht schöner bei mir auf der Ranch? Wenn wir zusammenleben, hat das Baby zwei Elternteile, die sich um es kümmern. Und noch ein Riesenvorteil: Du musst keine Beklemmungen mehr haben wegen deiner Eltern.“

„Du willst mich also retten.“ Genau, wie sie es vermutet hatte. „Dies ist alles eine große Geste für mich.“

„Und für mich“, murmelte er, bevor er den Truck an den Straßenrand fuhr und hielt, um sich zu ihr herumzudrehen.

Naomi las eiserne Entschlossenheit in seinem Blick. Das kannte sie bereits. Immer wenn er eine neue Idee für seine Erfindungen hatte, bekam er diesen Ausdruck, der unverkennbar sagte: Niemand kann mich stoppen! Wenn Toby sich einmal für etwas entschieden hatte, dann war es mehr oder weniger unmöglich, ihn davon wieder abzubringen. Diesmal musste sie stärker sein als er.

„Ich bin kein Heiliger, und ich tue es nicht, weil ich glaube, dich retten zu müssen.“

„Das kam irgendwie anders an …“

„Verdammt, Naomi! Wir sind beste Freunde. Wir sind beide ledig, und wir können das Baby zusammen aufziehen. Wir können einander helfen. Es könnte funktionieren – wenn du es zulässt.“

Ein Teil von ihr war versucht, Ja zu sagen und den Vorschlag anzunehmen, den er nicht hätte machen sollen. Aber er war ihr Freund. Sie konnte ihn nicht so ausnutzen. „Ich brauche keinen Ehemann, Toby. Ich kann mein Kind allein aufziehen.“

„Du vergisst, dass meine Mom nach dem Tod meines Vaters allein war. Ich habe erlebt, wie schwer es für sie war, gleichzeitig Vater und Mutter für meine Schwester und mich zu sein. Sie musste arbeiten und sich um den Haushalt und um uns kümmern. Glaubst du tatsächlich, ich sehe zu, wie du dieselbe Tortur durchmachst?“

Sie biss sich auf die Unterlippe. Sie hatte Tobys Familie schon ganz vergessen. Seine Mutter, Joyce, war eine kluge Frau, die hart gearbeitet hatte, um ihre Kinder allein großzuziehen. Jetzt war Toby nicht nur ein erfolgreicher Rancher, sondern auch ein vermögender Erfinder, und seine jüngere Schwester Scarlett war Tierärztin geworden. „Deine Mutter hat einen großartigen Job mit euch beiden gemacht.“

„Danke für die Blumen.“ Er lächelte. „Aber du musst es nicht auf die harte Tour machen wie meine Mom. Mom hatte niemanden, der ihr hätte helfen können. Du hast mich.“

„Ich weiß, aber du musst mich nicht heiraten, Toby.“

„Wer hat etwas von müssen gesagt? Ich würde es gern tun. Wir sind gut zusammen, Naomi. Ich habe viel Platz auf der Ranch. Du kannst dir aus einem der Schlafzimmer ein Büro machen. Von dort ist es nicht weit bis zu dem Studio, wo du deine Show drehst.“

Es stimmte alles. Das kleine Studio, in dem sie ihre Show „Fashion Sense“ einmal die Woche produzierte, befand sich am Rande von Royal, ganz in der Nähe seiner Ranch. Außerdem musste sie sich bei ihm keine Gedanken mehr wegen der Klatschmäuler in der Stadt machen. Sobald Maverick sein Video veröffentlichte, würde sie wahrscheinlich mehr als dankbar dafür sein.

„Es ist eine gute Idee, Naomi. Meine Güte, sogar deine Eltern fanden sie gut.“

Sie lachte gequält. „Natürlich fanden sie sie gut. Toby McKittrick – reicher Erfinder und Rancher. Es überrascht mich, dass meine Mutter nicht vor Begeisterung laut gejubelt hat.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich glaube, du bist zu hart mit ihr. Mit ihnen beiden.“

„Ich weiß.“ Sie seufzte. „Sie sind ja nicht wirklich schlecht. Sie sind nicht einmal gehässig. Sie leben nur in einer sehr engen, kleinen Welt. Dort hat es für mich nie einen Platz gegeben.“

Er nahm ihre Hand in seine. „Bei mir gibt es Platz für dich.“

„Toby …“ Naomi wusste einfach nicht mehr, was sie sagen sollte. Er hatte recht, wenn er sagte, dass sie gut zusammen waren. Sie waren bereits Freunde, und vielleicht war eine Vernunftehe für sie beide sinnvoll. Aber war es ihm gegenüber fair? „Wenn wir verheiratet wären, würdest du dir damit die Chance auf eine echte Beziehung verbauen.“

„Nicht interessiert.“ Er schüttelte den Kopf. „Das habe ich bereits versucht, und es hat kein gutes Ende genommen.“

Naomi wusste, was er meinte. Er war ein gebranntes Kind. Schuld war eine Frau, die ihn so tief verletzt hatte, dass er eine dicke Mauer um sich errichtet hatte. Es war ihr erst nach Monaten gelungen, wieder zu ihm durchzudringen.

„Gut. Du suchst nicht nach Liebe. Ich auch nicht“, sagte sie, „aber das heißt nicht …“

„Denk einfach darüber nach.“

„Aber niemand wird uns glauben.“

„Deine Eltern haben es uns abgenommen.“

Sie winkte ab. „Nur weil sie mich nicht kennen. Meine Freundinnen …“

„Die sind so mit ihrem eigenen Glück beschäftigt, dass sie es nicht in Frage stellen werden.“

„Deine Familie …“

Er runzelte für einen Moment die Stirn, bevor seine Miene sich wieder aufhellte. „Okay. Ich sage meiner Familie die Wahrheit. Ich möchte sie einfach nicht belügen. Ist das in Ordnung für dich?“

„Es wird ihnen nicht gefallen.“ Stumm fügte sie hinzu: Sie werden mir Vorwürfe machen.

„Mom und Scarlett mögen dich. Wo ist das Problem?“

„Ich weiß nicht, ob ich verheiratet sein möchte“, sagte sie offen. „Du bist mein bester Freund, Toby. Es wäre irgendwie … merkwürdig.“

Er lachte. „Das muss es nicht sein. Betrachte es als Vernunftehe. Wir sind wegen des Babys zusammen. Kein Sex. Nur Freunde, die zusammen wohnen.“

Kein Sex. Sie war ohnehin nicht übermäßig an Sex interessiert. Vor dieser einen Nacht mit Gio war sie mehr als ein Jahr mit niemandem zusammen gewesen. Und seit Gio hatte sie ohnehin einen großen Bogen um alle Männer außer Toby gemacht. Ein Leben ohne Sex wäre also nicht weiter schlimm, oder?

„Ich will ja nicht behaupten, dass wir wie im Kloster leben müssen.“ Toby schien ihre Gedanken gelesen zu haben. „Falls einer von uns jemanden kennenlernt, reden wir darüber. In der Zwischenzeit sind wir zusammen.“

Toby beobachtete Naomi und fragte sich, was, um alles in der Welt, sie zögern ließ. Es war doch offensichtlich, dass die Idee gut war. Er war allerdings auch erst darauf gekommen, als er sah, wie Vanessa Price ihre Tochter mit einem Blick bedachte, der tiefe Enttäuschung ausdrückte. Es war in dem Augenblick gewesen, als Naomi von ihrem Baby sprach. Wie sollte er einfach dabeistehen und nichts tun, während sie zu erklären versuchte, wer der Vater des Babys war? Ehe er wirklich darüber nachgedacht hatte, war ihm die Lüge über die Lippen gekommen. Und es hatte sich irgendwie … richtig angefühlt.

Wieso sollte er seine beste Freundin nicht heiraten? Ob es ihr nun klar war oder nicht – sie würde Hilfe mit dem Baby gebrauchen. Solange sie ihr Verhältnis platonisch hielten, sollte alles funktionieren. Gut, er fühlte sich zu ihr hingezogen. Welchem Mann würde das nicht so gehen? Er würde in dieser Hinsicht einfach nichts weiter unternehmen. Dann sollte eine Vernunftehe die beste Lösung sein.

„Und?“ Er sah sie fragend an. „Was meinst du?“

„Ich glaube, du bist verrückt.“ Sie lachte.

„Das höre ich nicht zum ersten Mal“, bemerkte er trocken. „Die Leute reden seit Jahren von dem verrückten Toby und seinen noch verrückteren Erfindungen.“

Nervös schob sie sich eine Strähne hinter das Ohr. „Wenn ich mitmache, gelten wir beide als verrückt.“

„Es gibt Schlimmeres, Naomi.“

Sie lächelte. „Bist du dir sicher?“

„Hast du je erlebt, dass ich etwas gesagt habe, das ich nicht auch so meinte?“

„Nie.“ Sie nickte. „Gerade das ist es ja, was ich an dir mag. Ich weiß immer genau, was du denkst, weil du keine Spielchen treibst.“

„Spielchen sind für Kinder, Naomi. Wir sind beide keine Kinder mehr.“

„Das sind wir nicht.“ Sie sah ihm in die Augen. „Ich bin ein Stadtmensch. Was mache ich auf einer Ranch?“

„Was auch immer getan werden muss.“

Sie lachte kurz auf. „Wir müssen wirklich verrückt sein. Okay. Ich heirate dich und habe keinen Sex mit dir.“

Er grinste. „Wer kann so etwas schon von sich behaupten?“ Er wandte sich wieder der Straße zu und gab Gas. „Wir fahren jetzt essen, und dann gehen wir einen Ring kaufen.“

„Nein.“

„Nein?“ Überrascht sah er sie an.

Sie schüttelte den Kopf. „Wir brauchen keinen Verlobungsring, Toby. Ich möchte nicht, dass du mir einen kaufst, wenn er nicht das bedeutet, wofür er eigentlich steht. Verstehst du?“

Er musste ihr recht geben. Ihre Hochzeit würde die Verbindung zweier Freunde sein, keine Feier der Liebe. „Was wird deine Mutter sagen?“

Naomi lächelte bedrückt. „Auch wenn wir einen gefunden hätten, hätte sie garantiert etwas daran auszusetzen gehabt.“

Toby nahm wortlos ihre Hand und überließ sie für den Rest der Fahrt ihren Gedanken.

3. KAPITEL

Toby öffnete die Tür zum Royal Diner, ließ Naomi hinter sich eintreten und blieb stehen. Alle Gäste hatten die Köpfe gehoben und sahen zu ihnen herüber. Er begriff. Maverick hatte seine Drohung wahr gemacht. Das dumme Video stand im Netz und war offensichtlich das Hauptgesprächsthema der Stadt.

Abgesehen von der Musik aus der alten Jukebox und dem Geschirrklappern aus der Küche war kein Laut zu hören.

„Lass uns gehen.“ Naomi zog an seiner Hand.

„Vergiss es.“ Toby beugte sich zu ihr hinab und flüsterte: „Sollen sie wirklich denken, du hättest Angst vor ihnen?“

Er wusste, dass er den richtigen Ton getroffen hatte, als sie den Rücken durchdrückte und das Kinn hob. Ganz wie eine Königin. Neben ihm stand wieder die Frau, die er kannte.

Ein paar Sekunden verrannen, und die Gäste wandten sich wieder ihrem Essen zu und setzten ihre Gespräche in gedämpftem Ton fort. Man musste kein Genie sein, um zu wissen, worum es dabei ging.

Er drückte Naomis Hand, nahm seinen Cowboyhut ab und lächelte Amanda Battle zu, die zu ihnen herübereilte. Amanda war mit Sheriff Nathan Battle verheiratet, der alles Menschenmögliche tat, um herauszufinden, wer dieser Maverick war. Sie betrieb das Diner zusammen mit ihrer Schwester Pam.

„Hallo, ihr zwei“, sagte sie mit einem breiten Lächeln. „Nische oder Tisch?“

„Eine Nische“, sagte Toby rasch. Er ahnte, dass Naomi nichts daran lag, an einem Tisch mitten im Raum zu sitzen, im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit. Überhaupt war er sich nicht ganz sicher, ob sie nicht doch noch die Flucht ergreifen würde.

„Die am Fenster ist noch frei.“ Amanda tätschelte Naomi leicht die Schulter. „Ich bringe euch Wasser und die Karten.“

Sie kamen an Freunden und Nachbarn vorbei. Toby spürte förmlich, wie Naomi sich an seiner Seite versteifte. Sie war nicht glücklich, und er konnte es ihr nicht verdenken. Er hasste diese ganze Situation ebenfalls.

Im Royal Diner hatte sich über die Jahre nur wenig verändert. Natürlich waren Dinge erneuert worden, aber Amanda und Pam versuchten, den Fünfziger-Jahre-Charme zu erhalten. Der Boden war mit großen schwarzen und weißen Fliesen ausgelegt, die Bänke in den Nischen und die Hocker an der Bar waren mit rotem Vinyl bezogen, abgesetzt mit glänzendem Chrom. An den weiß gestrichenen Wänden hingen Fotos aus dem Royal der vergangenen Jahrzehnte. Hier gab es nach wie vor die besten Burger weit und breit.

Kaum hatten sie Platz genommen, kam Amanda schon mit dem Wasser und den Speisekarten. Lächelnd bemerkte sie: „Ich nehme an, ich darf gratulieren?“

„Oh, Gott“, murmelte Naomi. Ihre Schultern sanken herab, als wäre plötzlich alle Luft aus ihrem Körper gewichen. „Du hast das Video gesehen.“

„Mach dir deswegen keine Gedanken, Honey. Dieser Kerl hat seine Nase schon in zu viele Angelegenheiten gesteckt. Jeder hier weiß, er selbst könnte der Nächste sein. Ehe du dich versiehst, hat er schon ein neues Opfer, und du bist Schnee von gestern.“

Toby hätte sie vor Dankbarkeit küssen mögen. „Sie hat recht.“

Naomi sah ihn mit einer Mischung aus Resignation und Sorge an. „Das hilft nicht wirklich. Die ganze Stadt weiß jetzt, dass ich schwanger bin.“

„Die meisten haben es sich sowieso schon gedacht“, sagte Amanda gelassen. Auf Naomis entgeisterten Blick hin erklärte sie: „Du hast sonst nie weite Blusen und lange Shirts getragen.“

Toby grinste. „Nachvollziehbar.“

Naomi musste wider Willen lächeln. „So viel also zu meinem brillanten Tarnmanöver.“

„Die Männer haben wahrscheinlich wie üblich nichts bemerkt, aber Frauen ahnen sofort, wenn ein Babybauch kaschiert werden soll.“

Naomi nickte. „Stimmt.“

„Ich wollte ohnehin nicht zum Baby gratulieren“, fuhr Amanda fort. „Dazu natürlich auch, aber ich meinte eigentlich eure Verlobung.“

Toby sah sie verblüfft an. „Wie hast du denn davon erfahren?“

„Vergiss nicht, wo wir leben. Naomis Mutter hat eine ihrer Freundinnen angerufen, die jemand anderen angerufen hat. Die wiederum hat Pams Schwägerin angerufen und die dann Pam … und die hat es mir gesagt.“

Naomi vergaß für einen Moment, vor Erstaunen den Mund zu schließen. Toby konnte es ihr nachfühlen. Er wusste, dass Gerüchte in der Stadt schnell die Runde machten, aber dies musste ein Rekord sein.

„Es ist noch keine zwanzig Minuten her, dass wir bei meinen Eltern waren“, bemerkte Naomi.

„Ja, und?“ Amanda lachte leise. „Ihr könnt sicher sein, dass die Leute hier mehr über eure Verlobung als über das Video reden. Und was sollte das überhaupt?“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich nehme an, Maverick wollte witzig sein, aber so? Die Leute in Royal wissen, dass Naomi Price Stil hat. Er lag mit dieser aufgeblasenen Schauspielerin vollkommen daneben.“

Toby war der Frau mehr als dankbar. Natürlich hatte sie recht. Auch mit Babybauch würde Naomi so elegant wie immer sein. Das Video sollte sie verletzen, aber er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie bald darüber hinweg sein würde.

„Aber eure Verlobung …“ Amanda zwinkerte ihnen zu. „Das ist nun wirklich mal eine Neuigkeit!“

„Ich hasse es, wenn über mich geklatscht wird“, murrte Naomi.

„In einer kleinen Stadt ist jeder mal dran“, wiegelte Amanda ab.

„Das macht es nicht besser.“

„Mag sein, aber zumindest freuen sich die Leute für dich.“

„Es ist doch gut, dass es jetzt heraus ist“, warf Toby ein und hatte damit die ungeteilte Aufmerksamkeit der beiden Frauen. „Zur Feier unserer Verlobung hätte ich gern den Cowboy-Burger mit Pommes frites und Tee.“

„Und du, Naomi?“

„Einen kleinen Salat bitte. Ohne Dressing. Und einen ungesüßten Tee.“

„Das ist nicht das Richtige für ein Baby“, bemerkte Amanda kritisch. „Und alles andere als ein Festmahl, aber okay. Kommt sofort.“

Als sie fort war, pflichtete Toby ihr bei: „Sie hat recht. Das Baby braucht mehr als ein trockenes Salatblatt.“

„Fang nicht auch damit an“, warnte Naomi. „Ich habe nicht die Absicht, die letzte Phase der Schwangerschaft watschelnd zu verbringen.“

Er schluckte die Antwort hinunter, die ihm auf der Zunge lag. Solange er Naomi kannte, hielt sie Diät. Er hätte an einer Hand abzählen können, wie oft er gesehen hatte, dass sie wirklich mit Lust gegessen hatte. Sie war so entschlossen, jede Erinnerung an das pausbäckige Kind zu tilgen, das sie einmal gewesen war, dass sie die Kalorien zählte, als hinge ihr Leben davon ab.

Doch im Moment ging es nicht mehr nur um sie. Das Baby brauchte Proteine. Sobald sie bei ihm auf der Ranch lebte, würde er dafür sorgen, dass sie mehr aß als ein Kaninchen. Aber nicht heute. „Gut.“

„Einfach unfassbar, dass die Leute schon von der Verlobung wissen.“ Naomi nahm sich eine Papierserviette und zupfte nervös daran herum.

„Wenigstens reden sie über uns und nicht über das Video.“

„Ich will, dass sie überhaupt nicht über mich reden“, brummelte sie verdrossen.

Toby lachte. Und lachte noch lauter, als sie ihn empört anfunkelte.

„Was ist so witzig?“, wollte sie wissen.

Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und versuchte, wieder ernst zu werden. „Du, Honey“, sagte er leise. „Du liebst es doch, wenn über dich geredet wird. So war es schon immer.“

Als sie widersprechen wollte, schüttelte er den Kopf. „Du warst die Queen des Abschlussballs und Cheerleaderin. Im College warst du Vorsitzende des Studentenrates. Und du liebst es immer noch, im Mittelpunkt zu stehen. Wieso sonst hättest du deine eigene TV-Show?“

„Es geht nicht darum, dass über mich geredet wird.“

„Ich weiß.“ Er legte seine Hand auf ihre. „Du hast das alles getan, weil es dir Spaß gemacht hat. Weil du es wolltest.“ Und weil du dadurch die Aufmerksamkeit bekommen hast, die du zu Hause nie hattest.

„Das stimmt. Ich mache die Show gern, weil ich weiß, dass die Leute zusehen und sich darüber unterhalten. Aber es ist etwas anderes, ob sie über meine Arbeit reden oder über mich.“

„Der Unterschied ist nicht sehr groß“, widersprach er. „Wir leben in einer kleinen Stadt. Die Leute reden. Das haben sie immer getan, und sie werden es immer tun. Wichtig ist nur, wie du damit umgehst.“

„Ich komme schon damit klar“, murrte sie.

Er unterdrückte ein Lächeln, weil er fürchtete, sie könnte unter dem Tisch nach ihm treten. „Nein, das tust du nicht. Du bist schon im fünften Monat, und du hast deinen Eltern erst heute von der Schwangerschaft erzählt.“

„Das ist etwas anderes.“ Sie hatte die Serviette inzwischen fast zu Konfetti zerlegt.

„Als wir hier hereingekommen sind und die Leute sich nach uns umgedreht haben, wärst du sofort wieder hinausgegangen, wenn ich dich nicht zurückgehalten hätte.“

Empört funkelte sie ihn an. „Ich mag es gar nicht, wenn du immer alles besser weißt.“

„Sieh mal, entweder lässt du dich von Maverick besiegen und versteckst dich, oder du hältst den Kopf hoch wie die starke Frau, die ich kenne, und lässt dir dein Leben nicht von irgendeinem anonymen Idioten diktieren.“

„Es ist nicht fair, jetzt mit Logik zu kommen.“

„Ich weiß.“

„Toby, ich will Maverick ja nicht gewinnen lassen. Er soll meine Entscheidungen nicht beeinflussen. Aber tut er das nicht, wenn ich dich heirate?“

„Nein.“ Er wich ihrem Blick nicht aus. „Er will, dass du dich in ein Loch verkriechst und dir die Augen ausweinst. Glaubst du, der Kerl möchte, dass du mit mir glücklich wirst? Er findet es mit Sicherheit nicht witzig, wenn du die ganze Stadt überraschst, so dass niemand mehr über sein Video redet.“

„Nein, wahrscheinlich nicht …“

„Damit übernimmst du wieder die Regie, Naomi.“

„So fühlt es sich aber nicht an.“

„Das verstehe ich. Aber glaub mir, du bist jetzt diejenige, die bestimmt, wie es weitergeht. Du hast Maverick auflaufen lassen, und es wird nicht besser für ihn.“ Er drückte ihre Hand, bis er spürte, dass sie seinen Druck erwiderte. „Und unsere Hochzeit? Das ist eine gute Sache. Für uns beide und für das Baby.“

Sie seufzte. „Irgendwie ist mir dieser Tag total entglitten. Er fing an mit Beklemmungen wegen des Gesprächs mit meinen Eltern und endet damit, dass ich mit dir verlobt bin.“

„Ich weiß nicht, wieso eine Ehe mit mir dir so grauenvoll erscheint.“

„Das habe ich nicht gesagt.“ Sie sah ihn entrüstet an, als er lächelte. „Mach ruhig deine Witze mit mir! Du wirst schon sehen, was du davon hast, wenn ich bei dir auf der Ranch wohne.“

Er zuckte die Schultern, um ihr zu zeigen, dass ihn diese Vorstellung nicht schreckte. „Du bist eine gute Köchin, und du bist schon schwanger. Ich muss dich also nur barfuß in der Küche halten.“

Sie lachte laut auf.

Toby grinste. Er liebte dieses volle Lachen.

„Du lenkst mich doch nur ab, damit ich nicht darüber nachdenke, was für ein Chaos mein Leben im Moment ist“, protestierte sie.

„Und? Funktioniert es?“

Sie überlegte einen Moment und nickte dann. „Ja, das tut es. Danke.“

„Keine Ursache.“

Royal hatte in den vergangenen Monaten manchen Schock wegstecken müssen. Dank des geheimnisvollen Mavericks hatten sich einige unerwartete Veränderungen ergeben. Nicht nur er und Naomi erlebten einen drastischen Wechsel in ihrem Leben. Einigen von Tobys Freunden war es ähnlich ergangen, was ihn seinerzeit sehr überrascht hatte.

Zum Beispiel Wes Jackson. Niemals hätte Toby es für möglich gehalten, dass der Mann sesshaft werden und eine Familie gründen könnte. Nun hatte der Mann eine Frau und eine Tochter. Ein weiteres Kind war unterwegs. Dann Tom und Emily Knox. Sie hatten ihre Probleme überwunden und schienen stärker denn je zu sein. Sogar Naomis beste Freundinnen, Cecelia und Simone, waren plötzlich glücklich liiert.

Toby wusste, dass Maverick hinter all diesen Veränderungen steckte. Er hatte versucht, die Menschen fertigzumachen, aber letztlich hatte er ihnen indirekt zum Glück verholfen.

Toby hatte das Spiel von der Seitenlinie aus verfolgt und sich gefragt, wann Maverick es auf ihn abgesehen haben würde. Aber dieser anonyme Bastard hatte sich nicht ihn ausgesucht, sondern ausgerechnet Naomi. Sie so aufgewühlt und verstört zu erleben hatte ihn dazu gebracht, seinen Widerwillen gegen die Ehe aufzugeben. Und je länger er darüber nachdachte, desto vernünftiger erschien ihm das Ganze. Er würde dadurch eine Familie bekommen, ohne befürchten zu müssen, sich emotional zu sehr zu verausgaben.

Er musste nur dafür sorgen, dass sie keinen Rückzieher machte.

„Hey, Toby!“ Clay Everett war an ihrem Tisch erschienen. „Hast du eine Minute für mich?“

„Natürlich.“ Toby warf einen Blick zu Naomi hinüber. „Ich bin gleich zurück.“

Naomi sah ihm nach, als er mit entspannten, langen Schritten zu dem Tisch hinüberging, an dem Clay und Shane Delgado aßen. Er war sich so sicher, dass sie das Richtige taten. Sie wünschte, diese Sicherheit teilen zu können.

Clay, Shane und Toby waren Rancher. Zweifellos ging es in ihrem Gespräch um Pferde oder Weideland oder die Wasserversorgung im Sommer. Naomis Blick streifte die drei Männer. Shane hatte langes braunes Haar, einen Dreitagebart und ein Killerlächeln. Er war gleichzeitig Rancher und entwickelte Bauprojekte. Clay war der starke, schweigsame Typ, der sein braunes Haar kurz trug. Seit ein Unfall seine Karriere beim Rodeo beendet hatte, hinkte er leicht. Mittlerweile spezialisierte er sich auf Cloud Computing und hatte damit sehr viel Erfolg. Dann war da Toby. Er war Rancher und Erfinder und aus Naomis Sicht der attraktivste der drei Männer.

Der Gedanke ließ sie innehalten. Es war das erste Mal, dass sie ihn nicht als beste Freundin betrachtete. Als er aufsah und ihr zulächelte, sprang in ihrem Innern ein Warnsignal an. Naomi verdrängte es sofort.

Ihre Reaktion auf ihn überraschte sie. Hastig wandte sie den Blick ab. Sie rief sich in Erinnerung, dass dies eine platonische Ehe sein sollte. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, Dinge an ihm zu bemerken, die ihr bisher nie aufgefallen waren. Toby stand zu ihr wie bisher noch kein anderer Mensch. Er erwies sich als der gute Freund, der er immer gewesen war, und sie sollte dankbar dafür sein.

Vielleicht war sie das irgendwann einmal, aber im Moment litt ihr Stolz. Naomi hasste das Gefühl, Hilfe zu brauchen. Toby hatte natürlich recht. Ein Baby allein großzuziehen war alles andere als einfach, aber sie hätte es geschafft. Doch jetzt musste sie sich der Zukunft nicht allein stellen. Sie hatte ihren besten Freund an der Seite. Die einzig wichtige Frage war jedoch: War es ihm gegenüber fair?

„Hier kommt der Tee.“ Amanda stellte zwei Gläser auf den Tisch.

„Danke.“

Amanda warf einen Blick zu den dreien, die tief ins Gespräch vertieft waren. Ihr Blick wanderte zurück zu Naomi. „Ich hätte heute ein Lächeln von dir erwartet. Wegen der Verlobung und so.“

Naomi seufzte stumm. Amanda Battle war ein paar Jahre älter als sie. Aber da sie in derselben kleinen Stadt aufgewachsen waren, kannten sie sich schon ewig. Amanda hatte das blonde Haar zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden. Sie musterte Naomi aufmerksam. „Was ist los? Eine Frau, die mit Toby McKittrick verlobt ist, sollte über das ganze Gesicht strahlen – was man von dir nicht behaupten kann.“

„Es ist alles so schnell gegangen“, sagte Naomi und wob damit schon weiter an der Lüge, die Toby und sie in die Welt gesetzt hatten.

„So schnell offensichtlich nicht, wenn du von ihm schwanger bist.“

„Auch wieder wahr.“ Da Toby das Baby als seines ausgegeben hatte, kam ihr das zumindest nicht als Lüge vor. Zumal der biologische Vater ihres Kindes nichts von der Schwangerschaft wusste. „Aber er hat mir den Antrag heute Morgen so aus heiterem Himmel gemacht, deswegen bin ich wohl noch etwas unter Schock.“

„Ich kann mir vorstellen, wie das ist.“ Amanda legte Naomi mitfühlend eine Hand auf die Schulter. „Ich war auch einmal in dieser Lage, weißt du noch?“

Naomi erinnerte sich nur zu gut. Deswegen verstand sie nicht, wieso Amanda so nett zu ihr war. Vor einigen Jahren war Amanda schwanger gewesen und hatte eingewilligt, Nathan zu heiraten – wegen des Babys. Nach einer Fehlgeburt sagte sie die Hochzeit ab. Sie verließ die Stadt und kam erst einige Jahre später zurück, als ihr Vater im Sterben lag. Fast sofort nahmen Nathan und sie ihre Beziehung wieder auf und brachten die Gerüchteküche der Stadt zum Brodeln. Heute waren Nathan und Amanda glücklich verheiratet und hatten zwei Kinder.

Damals hatten die drei Hexen gerade ihre Blütezeit. Es beschämte Naomi heute zutiefst, dass sie keine Gelegenheit ausgelassen hatte, jedes Gerücht über Amanda weiterzutragen, das ihr zu Ohren gekommen war. „Wieso bist du so nett zu mir?“, fragte sie spontan aus ihrem Gedankengang heraus.

Amanda schien zu verstehen, was in ihr vorging. Sie schob sich auf die Bank Naomi gegenüber. „Ich stand damals im Mittelpunkt des Klatsches hier in der Stadt, und ich weiß, wie elend man sich dabei fühlen kann. Du bist nicht mehr dieselbe wie früher, Naomi.“

„Woher willst du das wissen?“

„Weil die alte Naomi wegen dieser Sache keine Gewissensbisse gehabt hätte.“

Doch, das hätte sie. Naomi erinnerte sich zu gut daran, dass sie sich schon damals manchmal heimlich wegen der Dinge geschämt hatte, die sie gesagt oder getan hatte.

Sie atmete tief durch. In all den Jahren, in denen sie in den Royal Diner gekommen war, hatte sie sich eigentlich nie richtig mit Amanda unterhalten. Vor Jahren war es der Altersunterschied gewesen, der sie davon abgehalten hatte. Verstärkt durch die Tatsache, dass sie zu sehr damit beschäftigt gewesen war, über andere herzuziehen, um sich selbst dadurch besser zu fühlen. Später hatte sie sich zu sehr für ihr eigenes Tun geschämt, um das Gespräch zu suchen.

„Danke“, sagte sie und lächelte zaghaft.

„Ich glaube, wir haben, als wir jung und dumm waren, alle Dinge gemacht, die uns später leidgetan haben.“ Amanda sah Naomi in die Augen. „Nach den Dummheiten hat man dann die Chance, der Mensch zu sein, der man eigentlich sein möchte.“

„So wie du das sagst, klingt das so einfach.“

„Das ist es nicht, aber das weißt du ja schon. Du hast diese Fashion-Show ins Leben gerufen – die ich mir übrigens nie entgehen lasse –, und du baust dir eine gemeinsame Zukunft mit Toby auf.“

„Stimmt.“ Zählte das auch, wenn diese Zukunft auf einer Lüge basierte? Konnte es überhaupt gut gehen? Aber das waren keine Fragen, die sie laut stellen konnte. „Danke. Für die aufmunternden Worte und … überhaupt für alles.“

„Kein Problem.“ Amanda erhob sich. „Toby ist ein guter Mann. Du hast allen Grund zu feiern.“

Naomi nickte. Sie sah zu, wie Toby mit seinen Freunden lachte. Texas Cowboys, alle drei. Und so gut aussehend, dass die Frauen Schlange standen, nur um einen Blick auf sie werfen zu können. Ihr Herz machte einen kleinen Satz, als Toby ihr zuzwinkerte. Die kleine Flamme in ihrem Innern sprang wieder an und ließ sich nicht ersticken, sosehr sie sich auch darum bemühte.

Unwillkürlich erwiderte Naomi sein Lächeln. Blieb nur zu hoffen, dass sie durch diese Ehe nicht ihren besten Freund verlor.

Toby wusste, er würde seine Mom und seine Schwester mit der Neuigkeit überraschen. Nach dem Essen, bei dem es ihm schließlich doch gelungen war, Naomi dazu zu bringen, einen kleinen Bissen von seinem Burger zu essen, setzte er sie bei ihrem Apartment ab, damit sie anfangen konnte zu packen. Er fuhr weiter zur Oak Ridge Farm, der Ranch seiner Familie.

Er empfand eine tiefe Verbundenheit mit dem Land. Seine Mutter hatte das meiste an andere Rancher verpachtet. Seine Schwester hatte einen der Ställe zu ihrer Tierarztpraxis umgebaut. Aber ganz gleich, welche Veränderungen es auch geben mochte – für ihn blieb es immer die McKittrick-Ranch, verbunden mit vielen Kindheitserinnerungen.

Er wusste, dass seine Mutter noch nichts von seiner ...

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