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Babysitter gesucht – Daddy gefunden

Shirley Jump

Babysitter gesucht – Daddy gefunden

1. KAPITEL

Leise schlich er ins Schlafzimmer, das heftige Sommergewitter draußen verschluckte seine Schritte.

Er hob das Messer und gönnte sich noch den kurzen Moment, in dem ein Blitz das entsetzte Gesicht seines Opfers erhellte, dann …

„Dalton, ich brauche Ihre Hilfe!“

Dalton Scott stieß einen Fluch aus. Schon wieder seine Nachbarin. Viola Winterberry war eine von diesen Frauen, die ständig etwas von einem wollten.

„Ich arbeite, Mrs. Winterberry. An meinem Buch“, rief er nach unten.

„Ich weiß“, rief sie zurück, und er hörte, wie sie die Treppe hochkam. „Aber ich habe …“

„Ich muss das Buch bald abgeben“, unterbrach er sie genervt. Genau genommen hätte er es schon längst abgeben müssen. „Und wenn ich ständig unterbrochen werde, verliere ich den Faden.“

Das hatte er ihr bestimmt schon hundertmal erzählt, aber sie begriff es einfach nicht. Ständig kam sie ungebeten in sein Haus. Natürlich hatte er heute Morgen wieder einmal vergessen, die Tür abzuschließen, als er die Zeitung hereinholte.

Vielleicht sollte er sich einen Hund anschaffen. Einen großen.

„Ich bin wirklich in einer Notlage“, sagte Mrs. Winterberry und steckte ihren grau gelockten Kopf durch die Tür seines Arbeitszimmers. „Es tut mir ja sehr leid, dass ich Sie stören muss, aber ich bin völlig verzweifelt, Dalton.“

Gestern war sie verzweifelt, weil ihr der Zucker fehlte, um ihre Himbeertorte zu backen. Vorgestern war es wegen einer Glühbirne, die kaputtgegangen war.

„Seit zehn Minuten versuche ich Sie anzurufen“, jammerte sie.

„Ich habe mein Telefon ausgestöpselt.“ Er fügte nicht hinzu, dass sie der Grund dafür war, denn dann wäre sie beleidigt gewesen.

Irgendwie mochte er Mrs. Winterberry. Sie war wie eine Großmutter für ihn, die ihn ständig mit Cookies und Muffins versorgte und wie eine Glucke über ihn wachte.

„Diesmal brauche ich Sie wirklich, Dalton“, sagte Mrs. Winterberry ernst. „Meine Schwester …“ Als er ihr Gesicht sah, wurde es ihm mulmig. Es schien sich diesmal wirklich nicht um das Auswechseln einer Glühbirne zu handeln. „Sie hatte einen Herzanfall.“ Ihre blassblauen Augen füllten sich mit Tränen.

Dalton zog sich das Herz vor Mitgefühl zusammen. Er sprang auf und ging auf die alte Frau zu, war jedoch unsicher, wie er sich verhalten sollte. Ein Freund war er nicht direkt, aber auch kein Fremder. „Das tut mir leid. Soll ich Sie ins Krankenhaus fahren?“

„Nein, aber ich wollte Sie bitten, nach Sabrina zu sehen.“ Sie lächelte ihn hoffnungsvoll an.

„Sabrina?“

„Ja, sie ist unten und schläft. Ich habe ihre Sachen mitgebracht.“ Mrs. Winterberry wandte sich zum Gehen.

„Warten Sie. Welche Sachen? Wer ist das überhaupt?“

„Ach, ich dachte, das hätte ich Ihnen erzählt. Ich kümmere mich um sie, wenn meine Nachbarin arbeitet. Ellie Miller, Sie wissen schon, die Frau mit den kastanienbraunen Haaren aus dem kleinen Haus gegenüber …“

Dalton hörte schon nicht mehr zu, sondern blickte stattdessen besorgt auf seinen Computer. Sein Verleger würde wieder einen seiner berüchtigten Wutanfälle kriegen, weil er sein Manuskript nicht rechtzeitig abgab. „Mrs. Winterberry, kann nicht jemand anders …“

„Keine Angst“, unterbrach sie ihn, „Ellie wird jeden Moment hier sein. Sie können doch sicher für ein paar Minuten auf Sabrina aufpassen. Das wird Ihnen guttun, gibt Ihnen einen Einblick ins wirkliche Leben.“

Zufrieden, dass er nicht Nein, in ihren Augen also Ja sagte, lief sie die Treppe hinunter, rief von unten: „Danke!“, und eine Sekunde später hörte er die Haustür zufallen.

Dalton fluchte innerlich. Was hatte ihn bloß dazu gebracht, seine Schriftstellersorgen mit seiner Nachbarin zu teilen? Wahrscheinlich lebte er schon zu lange alleine. Jetzt stand er da mit dieser Sabrina, wer immer das sein mochte. Vermutlich die Katze dieser Ellie. Mrs. Winterberry war verrückt nach Katzen und nahm sie gerne in Obhut, wenn Nachbarn verreisten.

Nun ja, es hätte schlimmer kommen können. Zum Glück hatte sie ihm kein …

Ein durchdringender Schrei zerschnitt die Stille im Haus.

„Was zum …“ Dalton sauste die Treppe hinunter in die untere Etage, die aus einem großen Raum mit Galerie bestand. Auf Anhieb konnte er das Ding, oder was immer es war, nicht finden, dann entdeckte er neben seinem Lieblingssessel eine Wippe mit einem Bündel rosaroter Decken.

Rasch durchquerte er den Raum, lüpfte die rosa Decke und blickte seinem schlimmsten Albtraum ins Gesicht. Einem Baby.

Himmel, nein, bloß kein kleines Kind, dachte er. Aber da lag eins und schrie und strampelte, daran gab es nichts zu Rütteln.

Das Baby riss seinen kleinen Mund auf und kreischte, dass ihm die Ohren wehtaten. Dalton war versucht, die Decke über das schreiende Etwas zu ziehen und sich in seinem Arbeitszimmer zu verkriechen.

„Hey“, sagte er, aber das Baby schrie weiter.

„Hey, sei mal still“, sagte er etwas lauter, und tatsächlich hörte das Baby auf zu schreien und sah ihn mit seinen blauen Augen an. Das kleine Gesicht war ganz rot vor Anstrengung. Ein Erinnerungsfetzen sauste durch Daltons Hirn.

Für eine Sekunde schloss er die Augen, aber das weckte erst recht die Erinnerung. Er atmete tief durch, dann trat er ein paar Schritte zurück, um mehr Abstand zu dem rosa Bündel und zu seinen Erinnerungen zu bekommen.

„Hör zu, Kleines, ich muss arbeiten. Von mir aus kannst du hierbleiben, aber bitte sei still. Ich werde zu Mrs. Winterberry gehen und ihr sagen, dass sie jemand anders zum Aufpassen suchen soll.“ Zur Bekräftigung hob er den Finger. „Keinen Mucks, hast du gehört?“

Das Baby blinzelte ihn an und nahm einen Deckenzipfel in die kleinen Fäuste.

Gut so. Dalton lief zur Tür. Vielleicht erwischte er Mrs. Winterberry noch. Doch sobald er außer Sichtweite des Babys war, ging das Geschrei wieder los. Trotzdem steckte Dalton den Kopf durch die Haustür, nur leider stand das kleine graue Auto seiner Nachbarin nicht mehr in ihrer Einfahrt.

Was sollte er tun? Erstmal das Baby zum Schweigen bringen.

„Hör sofort auf zu schreien, hörst du?“, sagte er laut und drohte mit dem Finger. Wieder blinzelte das Baby ihn an, jammerte noch ein bisschen und war dann still.

Er sah das Kind an, die Kleine sah ihn an. Zutraulich, beinahe … glücklich.

Okay, er brauchte ja nur ein Auge auf sie zu haben, mehr war nicht von ihm verlangt. Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Wem gehörst du eigentlich?“ Er überlegte, was hatte Mrs. Winterberry gesagt? „Einer Elsie oder wie war der Name?“

Das Baby war ihm keine große Hilfe. Es verzog nur kläglich den Mund.

„Fang bloß nicht wieder an“, sagte Dalton energisch.

Doch es half ihm alles nichts. Hier stand er und musste das tun, was er am meisten auf der Welt hasste: auf ein kleines Kind aufpassen.

Ellie Miller hatte heute einen besonders anstrengenden Tag im Büro. Seufzend lehnte sie sich in ihrem Ledersessel zurück und blickte auf die lange Reihe ungelesener Mails auf ihrem Computer und den blinkenden Anrufbeantworter. Das alles hatte sich in den zwei Stunden angesammelt, als sie in einer Sitzung war.

Wenn sie nicht den halben Tag in diesen fruchtlosen, nervtötenden Sitzungen zubringen müsste, würde sie ihre Arbeit locker schaffen.

An einen frühen Feierabend war heute nicht zu denken. Dabei hatte sie sich vorgenommen, heute mehr Zeit mit Sabrina zu verbringen. Von Tag zu Tag wurde ihr das Herz schwerer, weil sie hin und her gerissen war zwischen dem Wunsch, zu Hause bei ihrem Baby zu sein, und der Notwendigkeit, diesen Job zu machen. Denn schließlich musste sie für sich und Sabrina Geld verdienen. Wie machten das eigentlich andere Frauen?

So etwas wie eine Elternzeit war in ihrer Position nicht drin. Jahrelang hatte sie hart dafür gearbeitet, als Fernsehproduzentin Karriere zu machen. Nein, ursprünglich wollte sie eigentlich etwas ganz anderes werden, das TV-Geschäft war nur eine Art Umweg zu ihrem eigentlichen Ziel, von dem sie an der Universität geträumt hatte. Egal wie, wenn sie jetzt aufhören würde zu arbeiten, wäre es mit ihrer Karriere vorerst vorbei. Ganz abgesehen davon, dass es dann auf ihrem Bankkonto ziemlich düster aussähe.

Ellie seufzte. Es war schon eine Wahnsinnsbelastung, alles in einem sein zu müssen, Mutter, Vater, Ernährer. Aber so ging es vielen alleinerziehenden Frauen. Sie betrachtete das Foto von Sabrina auf ihrem Schreibtisch, und ihr Herz zog sich vor Liebe zusammen.

Sie drückte auf den blinkenden Anrufbeantworter. Mindestens ein Drittel der Nachrichten waren von Mrs. Winterberry. Ellie lächelte. Die Anrufe ihrer Nachbarin sparte sie sich immer für die Mittagspause auf, als eine Art Dessert. Denn Mrs. Winterberry erzählte jedes Mal ausführlich, was Sabrina gerade machte. Die alte Dame kümmerte sich rührend um das Kind und machte Ellie mit ihren Berichten ganz neidisch. Wie gern hätte Ellie ihrem Baby selbst die Flasche gegeben und seinem Gebrabbel zugehört.

Mrs. Winterberry war wirklich ein Glücksfall. Sie hatte gemerkt, in welcher Notlage Ellie war, und von sich aus angeboten, auf die Kleine aufzupassen. Vielleicht auch, weil sie vernarrt in Sabrinas blaue Augen war.

Wer wäre das nicht? Für Ellie war Sabrina das süßeste Baby der Welt. Sie nahm das Foto in die Hand und streichelte das Gesicht ihrer Tochter. „Ich vermisse dich, mein Kleines“, flüsterte sie.

Nur widerwillig machte sie sich an die Arbeit. Als Erstes musste sie dringend einen Prominenten zurückrufen, der demnächst in der von ihr produzierten TV-Show als Gast auftreten würde.

Es klopfte, und Connie, ihre Assistentin, steckte den Kopf durch die Tür. „Ach, du bist noch da?“

„Du bist lustig, hast du dir mal meinen Schreibtisch angesehen?“

Vom Flur her kam Lincolns Stimme. „Ellie! Wir treffen uns in einer Viertelstunde. Bitte sei pünktlich.“

Mist. Sie hatte völlig vergessen, die Liste von potenziellen Sponsoren für ihren Chef vorzubereiten. Als wäre der Tag nicht schon stressig genug. Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar, während sie auf die Telefonverbindung wartete.

Connie runzelte verwirrt die Brauen. „Ist das für dich in Ordnung, was Mrs. Winterberry gemacht hat?“

In dem Moment meldete sich eine gelangweilte Frauenstimme. „Hallo“, sagte Ellie. „Kann ich bitte mit Julie Weston sprechen?“ Während die Telefonistin durchstellte, ertönte ein klassisches Musikstück in der Leitung. Ellie blickte zu Connie. „Was hat sie denn gemacht? Lass mich raten. Sie war mit Sabrina im Kaufhaus und hat ihr wieder jede Menge Sachen gekauft.“

„Lies einfach mal meine Notiz. Sie hat die Kleine irgendwo abgegeben, weil ihre Schwester krank geworden ist oder so was. Ich hab nur halb zuhören können, weil Lincoln gerade wieder rumgetobt hat.“

Als Julie Weston sich meldete, legte Ellie auf und durchsuchte Connies Notizen. Sie fand mehrere Zettel mit Nachrichten von Mrs. Winterberry. „Du sollst sofort zurückrufen.“ „Ihre Schwester ist krank, du sollst nach Hause kommen.“ Und schließlich: „Mrs. Winterberry lässt ausrichten, dass sie Sabrina bei einem Nachbarn abgegeben hat, weil du nicht zurückgerufen hast.“

Vor Schreck blieb Ellie beinahe das Herz stehen. „Nachbar? Welcher Nachbar?“

Sie kannte kaum jemanden in der Nachbarschaft. In den anderthalb Jahren, die sie in dem Haus lebte, war sie nur selten draußen gewesen, außer ab und zu zum Rasenmähen.

„Ich habe den Namen nicht genau verstanden. Ein Dave oder Dalton oder so ähnlich.“ Connie beugte sich über den Notizzettel, um ihr Gekritzel zu entziffern. „Von gegenüber … aus der Nr. 529 … oder heißt es 527? Tut mir leid, Ellie. Es war wirklich so ein Trubel um mich herum.“

Am liebsten hätte Ellie ihre Assistentin angeschrien, weil sie nicht besser zugehört hatte. Doch sie wusste, wie hektisch es am Empfangstresen zuging. Außerdem spielte das jetzt keine Rolle mehr. Was zählte, war die Tatsache, dass Sabrina bei einem fremden Mann war. Und darüber regte Ellie sich fürchterlich auf. Bestimmt war die Kleine völlig durcheinander wegen der fremden Umgebung. Ellie glaubte förmlich, ihr Geschrei zu hören.

Kurzerhand griff sie nach ihrer Handtasche und schob die Unterlagen auf ihrem Schreibtisch auf einen Stapel. „Ich muss gehen. Sagst du …?“

„Keine Angst, ich werde es Lincoln beibringen.“ Connie grinste. „Geh schon.“

„Danke.“ Ellie schoss aus der Tür und sauste die Treppe hinunter in die Tiefgarage. Eine Minute später war sie schon auf dem Weg nach Hause. Es fiel ihr schwer, sich auf die Straße zu konzentrieren, weil ihr ständig die schlimmsten Fantasien im Kopf herumspukten, was alles in der Stunde seit Mrs. Winterberrys Anruf hatte passieren können.

Andererseits war die alte Dame ziemlich zuverlässig. Bestimmt hatte sie dem Nachbarn sämtliche Telefonnummern dagelassen, wo er Ellie erreichen konnte.

Wie so oft seit dem Tod ihres Mannes wünschte Ellie sich jetzt, es gäbe jemanden an ihrer Seite, mit dem sie ihre Sorgen teilen könnte.

An einer Ampel wählte sie die Mobilnummer ihrer Nachbarin. „Mrs. Winterberry? Gott sei Dank sind Sie da.“

„Ellie! Es tut mir so leid, dass ich heute dringend wegmusste. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Dalton Scott ist ein fantastischer Babysitter. Er hat elf Geschwister, müssen Sie wissen, und viel Erfahrung mit kleinen Kindern.“

Eine Woge der Erleichterung überflutete Ellie. „Gut.“

„Sie haben doch hoffentlich nicht angenommen, dass ich Ihr Baby einfach irgendjemandem gebe, oder?“

„Natürlich nicht.“

Mrs. Winterberry lachte. „Er ist ein netter Mann, Sie werden sehen. Ein sehr netter Mann.“

„Bestimmt.“

„Er wäre ein guter Partner für Sie. Ich finde, es ist Zeit, dass Sie sich wieder nach jemand umsehen. Sie haben lange genug getrauert. Natürlich weiß ich noch, wie schwer das war, als mein Walter starb. Aber Sie haben ein Baby, an das Sie denken müssen, und Sie brauchen einen Mann, nicht nur für sich, sondern auch für das Kind.“

Es war immer dieselbe Diskussion. Mrs. Winterberry begriff einfach nicht, dass es für Ellie nach Camerons Tod um andere Dinge ging als darum, sich einen neuen Mann zu angeln. „Mrs. Winterberry, ich habe einfach keine Zeit …“

„Jetzt ist die beste Zeit“, unterbrach ihre Nachbarin. „So, meine Liebe, jetzt muss ich mich wieder um meine Schwester kümmern. Sie ist noch ziemlich mitgenommen von dem Herzanfall, aber sie kommt wieder in Ordnung.“

„Tut mir leid, dass Ihrer Schwester das passiert ist.“

„Wahrscheinlich muss ich ein paar Tage hierbleiben. Es behagt mir gar nicht, dass ich Sie so hängen lasse, aber …“

„Machen Sie sich keine Sorgen. Bleiben Sie, solange es notwendig ist. Ich komme schon zurecht.“

„Danke, Ellie. Ich rufe morgen wieder an. Geben Sie Sabrina einen Kuss von mir.“

Nachdem das Gespräch beendet war, fing es in Ellies Hirn wieder an zu rattern. Was sollte sie ohne Mrs. Winterberry anfangen? Ohne die Hilfe dieser freundlichen, umsichtigen Frau war sie aufgeschmissen.

Seit sie Witwe geworden war, hatte sie nur noch Sorgen. Die vielen Rechnungen mussten bezahlt werden und der Kredit für das Haus, den sie aufgenommen hatten, als noch zwei Einkommen vorhanden waren. Tagsüber musste sie ihren anstrengenden Job machen und abends das Baby versorgen. Gleichzeitig wollte sie eine Superfrau sein, brillant im Job und als Mutter. Und die kleine Sabrina sah sie mit ihren vertrauensvollen blauen Augen an, als sei sie tatsächlich die tollste Mutter der Welt.

Als Ellie in ihre Straße einbog, suchte sie die Häuserreihe ab. War es nun die 527 oder die 529? Mist, sie hatte vergessen, Mrs. Winterberry zu fragen.

In dem Moment, als sie ausstieg, hörte sie Babygeschrei, womit ihre Frage beantwortet war. Es kam aus der 529, einem schönen, zweistöckigen Backsteinbau, den Ellie schon oft bewundert hatte. Sie drückte auf die Klingel und klopfte gleichzeitig an die Eichentür.

Keine Antwort. Und da drinnen schrie Sabrina. Ellie klingelte Sturm und hämmerte gleichzeitig gegen die Tür. „Dalton? Hier ist Ellie Miller. Bitte machen Sie auf. Ich will meine Tochter abholen.“

Immer noch keine Antwort. Was war denn das für ein komischer Kauz? Hoffentlich war Sabrina nichts passiert. Ellie rüttelte an der Türklinke und stellte überrascht fest, dass die Tür gar nicht abgeschlossen war.

Ein chaotischer Anblick bot sich Ellie. Sabrina schrie aus Leibeskräften in ihrer Wippe. Es roch nach nassen Windeln, und in einer Ecke des Raums stand ein Mann und hielt sich mit einer Hand die Nase zu, während er mit der andern angewidert nach der nassen Windel fasste.

„Was machen Sie mit meinem Baby?“

Der Mann warf die Windel in einen Mülleimer, dann drehte er sich zu Ellie um. „Was ich mache? Was sie macht, sollten Sie fragen.“

Ellie warf ihm einen entsetzten Blick zu, lief schnell zu Sabrina und nahm sie aus der Wippe. Dann drückte sie das Baby fest an ihre Brust. „Mama ist da, mein Kleines.“

Sofort vergaß Ellie ihre Sorgen. Sie spürte den warmen kleinen Körper in ihrem Arm und atmete den süßen Babyduft ein. Plötzlich war alles gut. Es war, als ob die Welt den ganzen Tag aus den Fugen gewesen war, und jetzt war wieder alles gerade gerückt. Ellie atmete tief durch und beruhigte sich allmählich.

Im Gegensatz zu Sabrina, die sich gar nicht beruhigen wollte. Ellie versuchte, das Babygeschrei nicht persönlich zu nehmen, und doch tat sie es.

„Komm, mein Schatz, es ist alles wieder gut.“

Doch Sabrina strampelte heftig in ihrem Arm und schrie unaufhörlich. Ellie ging in dem großen Raum umher, um das Ledersofa herum, wobei ihre Stöckelschuhe sich in den dicken Teppich bohrten.

„Schsch“, machte Ellie, selbst den Tränen nahe. Sie versuchte alles, eine gute Mutter zu sein, aber es gelang ihr einfach nicht. Das Baby war nicht glücklich. Lag es daran, dass sie zu viel arbeitete? Oder war sie als Mutter völlig ungeeignet?

„Können Sie sie denn nicht beruhigen?“ Dalton hatte sich gerade ausgiebig die Hände gewaschen.

„Was glauben Sie wohl, was ich die ganze Zeit mache?“

„Übrigens, ich bin Dalton Scott.“ Er streckte die Hand aus. „Unfreiwilliger Babysitter.“

„Ellie Miller. Danke, dass Sie auf meine Tochter aufgepasst haben.“ Sie versuchte ein Lächeln. „Tut mir leid, dass ich vorhin etwas unfreundlich war. Ich weiß, wie schwierig es ist, wenn man tausend Dinge auf einmal machen muss. Und das mit einem schreienden Baby.“

„Schon gut, aber so schnell mache ich das nicht wieder. Es sei denn, Sie bringen Ohrstöpsel mit.“

„Normalerweise ist sie nicht so schwierig.“ Vielleicht stimmte das, wenn Sabrina bei Mrs. Winterberry war, aber sie selbst war anscheinend eine völlig unfähige Mutter. Wie sie auch versuchte, Sabrina in eine Position zu bringen, die dem Baby besser gefiel, es hörte nicht auf zu schreien. Nur mit Mühe konnte Ellie ihre Ungeduld unterdrücken.

„Hallo, Kleine“, sagte Dalton leise und brachte sein Gesicht dicht vor das von Sabrina. Ohne es zu wollen, registrierte Ellie Daltons intensive blaue Augen und das wellige dunkle Haar. Seinen männlich-herben Duft. Noch mehrmals sagte er leise: „Hallo, Kleine, jetzt ist es mal gut.“

Zu Ellies Überraschung stockte Sabrina plötzlich und sah den fremden Mann an. Dann holte sie zitternd Luft und hörte auf zu schreien.

„So ist es viel besser. Wir haben das doch schon besprochen, stimmt’s? Kein Geschrei in meinem Haus.“

Ellie starrte ihren Nachbarn an und fühlte sich beschämt. Was sie als Mutter nicht schaffte, hatte ein fremder Mann in ein paar Sekunden erreicht. „Wie machen Sie das?“, fragte sie.

„Ich mache gar nichts, ich rede nur mit ihr.“ Dalton lächelte schief. „Jetzt wo sie still ist, können Sie ja beide nach Hause gehen, und ich mache mich wieder an meine Arbeit.“

Ohne ein weiteres Wort ging er die Treppe hoch, und kurz darauf fiel eine Tür ins Schloss.

Ellie stand perplex da. Was für ein rüder Mensch. Ärgerlich griff sie nach der Wippe und der Windeltasche. Dann stockte sie.

Was sollte sie jetzt tun? Wieder zur Arbeit fahren und das Baby mitnehmen?

Das hatte sie einmal probiert, und es war ein Desaster gewesen. Lincoln war noch kopfloser als sonst herumgelaufen und hatte alle verrückt gemacht. Und Ellie war überhaupt nicht zum Arbeiten gekommen.

Zu Hause arbeiten funktionierte auch nicht. Jedes Mal, wenn das Telefon klingelte, wollte Sabrina unbedingt ihre Flasche oder hatte in die Windel gemacht.

Ellie stöhnte auf. Sollte sie ihren Job aufgeben? Sie hatte es immer wieder hinausgeschoben, darüber nachzudenken, was wäre, wenn Mrs. Winterberry mal ausfiele. Plötzlich befand sie sich in dieser Situation und hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. Sie drückte Sabrina fest an sich, als könne das Kind ihr Kraft geben. Unvermittelt brach sie in Tränen aus, als ihr klar wurde, was diese Situation für sie bedeutete.

Wenn nicht auf der Stelle ein Wunder geschah, würde sie ihren Job verlieren und damit ihre Existenz. Es gab nur eine Möglichkeit, und die würde sie jetzt wahrnehmen, koste es, was es wolle.

2. KAPITEL

„Was zum Teufel wollen Sie noch hier?“

Ärgerlich starrte Dalton die Frau mit dem Kind auf dem Arm an, die es wagte, sein Allerheiligstes zu betreten. Er war in sein Arbeitszimmer gegangen und hatte sie unten stehen lassen, weil er annahm, sie würde schon selbst den Weg nach draußen finden. Schließlich war sie ja auch von alleine hereingekommen. Aber nein, sie war ihm einfach hinterhergelaufen.

„Sie … Sie können doch nicht einfach weggehen. Ich … brauche Ihre Hilfe“, stammelte die Frau, und zu allem Überfluss weinte sie dabei.

„Und ich muss arbeiten. Bitte gehen Sie nach Hause und lassen Sie mich allein.“ Er drehte sich wieder zu seinem Computer um und tat, als würden ihn ihre Tränen kalt lassen. Doch das war keineswegs der Fall. Wenn es eins gab, was Dalton Scott nicht ertragen konnte, dann war es, wenn eine Frau weinte.

Zum zweiten Mal im Laufe dieses Tages sah er sich einer Situation gegenüber, die ihm unangenehm war und mit der er nicht umgehen konnte. Er kam sich so hilflos vor wie ein Fisch auf dem Trockenen.

„Sie haben recht, das ist nicht Ihr Problem, sondern meins.“

„Stimmt.“ Er fing an, auf seiner Tastatur herumzuhämmern.

Aber die Frau ging nicht weg. Zwar sah er sie nicht, aber er hörte sie hinter sich schluchzen.

„Was soll ich denn tun?“

„Mir doch egal.“ Genervt drehte er sich zu ihr um.

„Ich …“ Sie biss sich auf die Lippe. „Ich weiß nicht, wohin mit der Kleinen.“

„Suchen Sie sich einen Babysitter.“

„Ich habe ja einen. Mrs. Winterberry. Aber die ist nicht da.“

„Es gibt genügend andere Babysitter.“ Wieder drehte er sich von ihr weg und blickte auf den Text auf seinem Bildschirm. Was hatte er denn da für einen Blödsinn geschrieben? Vehement drückte er auf die Rücktaste. Wenn er so weitermachte, würde das Buch nie fertig werden.

„So einfach, wie Sie denken, ist das nicht.“

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