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Babyrotz & Elternschiss

Dr. med. Kinderdok

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Aus der Sprechstunde
eines Kinderarztes

BASTEI ENTERTAINMENT

»Das Gebiet Kinder- und Jugendmedizin umfasst die Erkennung, Behandlung, Prävention, Rehabilitation und Nachsorge aller körperlichen, neurologischen, psychischen und psychosomatischen Erkrankungen, Verhaltensauffälligkeiten, Entwicklungsstörungen und Behinderungen des Säuglings, Kleinkindes, Kindes und Jugendlichen von Beginn bis zum Abschluss seiner somatischen Entwicklung einschließlich pränataler Erkrankungen, Neonatologie, Sozialpädiatrie und der Schutzimpfungen.«

Weiterbildungsordnung für Ärzte

Bröckelchen auf Söckchen:
Noch im Krankenhaus

Mit einer elegant gleitenden Bewegung halte ich den kleinen Säugling wenige Zentimeter neben den Wickeltisch, sodass der Bogen aus Erbrochenem nicht direkt auf mein Hemd zufliegt. In einer jahrelang trainierten, bereits instinktiven Abfolge meiner Muskelpartien machen meine Füße eine Ausgleichsbewegung, bei der jeder Torero neidisch wäre. Das Gespuckte landet direkt neben meinen Schuhen auf dem Fußboden. Meine Socken bleiben trocken.

Der Witz von den verschiedenen Arztschuhen kommt mir in den Sinn. Woran erkennt man den Chirurgen? Am Blut auf den OP-Schuhen. Und den Urologen? An den gelben Flecken. Und den Anästhesisten? Der hat Kaffeeflecken auf den Galoschen. Für mich war dieser Witz nie vollständig, denn woran erkennt man den Kinderarzt? An den Bröckelchen auf den weißen Tennissocken.

»Oh je, jetzt hat er auch noch gespuckt«, zittert die junge Erstlingsmama neben mir. Mühsam gelingt es ihr, mit einer Hand die Aufschläge des geblümten Morgenrockes zusammenzuhalten, während sie mit der anderen eine Auffangbewegung vollführt, um ihren Säugling vor den Gefahren der Schwerkraft zu schützen. Der Säugling grinst inzwischen, der Magen ist leer. Ich lege ihn zurück auf den Wickeltisch, die Untersuchung neigt sich dem Ende.

In regelmäßigen Abständen gehe ich ins Krankenhaus auf die Entbindungsstation, um die ersten Vorsorgeuntersuchungen bei »Frischlingen« durchzuführen. Wir wechseln uns ab, die Kollegen und ich, jeder darf mal ran, das fördert die Patientenakquise, wie der Praxisberater sagt. Für mich schafft das vor allem eine solide Basis für ein gutes Verhältnis zu jungen Eltern, bevor andere das Sagen haben: Hebammen, Nachbarinnen oder Schwiegermütter. Jetzt sind die Mütter noch beeinflussbar, noch hilfesuchend. Jetzt kann mir noch gelingen, was später unter dem Einfluss von anderen Stimmen und Mutter Google nicht mehr klappt: der gesunde Umgang mit dem Säugling.

»Wann gehen Sie denn heim? Heute? Prima. Dann packen Sie nachher ihren …«, ich schiele auf das Untersuchungsheft, »… Mark-Anthony ein, Mütze auf den Kopf, Verdeck vom Kinderwagen hoch, und drehen noch eine Runde in der Siedlung. Bisschen Angeben mit dem neuen Bobele«, sage ich und meine es so.

»Was denn? Heute schon?«, kommt es vom Vater, der sich bisher bescheiden zurückgehalten hat. Meist stehen die Väter in zweiter Reihe, schließlich ist das hier Muttersache. Aber beim Schutz des Stammhalters hört die Zurückhaltung auf.

»Ja, sicher. Warum nicht?«, gebe ich zurück und kenne die Antwort schon. »Aber es ist doch so kalt draußen« und »Andere sagen da aber was anderes« und »In den ersten vier Wochen soll man doch gar nicht raus«.

Ist das eine Lektion während der Geburtsvorbereitung? »Gefahren der Außenluft für Ihr Neugeborenes und wie Sie sich davor schützen können! Versuchen Sie in jedem Fall, Ihr frischgeborenes Kind vor den schädlichen Sonnenstrahlen eines Frühlingstages zu schützen. Nichts kann die Gesundheit Ihres Kindes mehr gefährden als die ungefilterte sauerstoffgetränkte Luft, die es einatmen muss, wenn es erstmals den schützenden Rahmen seines häuslichen Umfeldes, ja, sogar des Krankenhauses, verlassen muss. Studien aus den Nordwestlichen Lofoten haben ergeben, dass Säuglinge in den ersten 40 Tagen, besser sogar in den ersten zwei Monaten allenfalls fünf Minuten pro Tag dem Sonnenlicht ausgesetzt werden sollten. Anderenfalls können irreparable Schäden für das Immunsystem und die Sehfähigkeit entstehen.«

Bei Familien aus südeuropäischen Ländern mag dieser Rat in uralten Zeiten entweder noch praktisch oder auch religiös geprägt gewesen sein – schließlich musste man sein neugeborenes Kind, das mit der Großfamilie weiterzog, möglichst vor der Sonne geschützt transportieren – aber heute? Mir drängen sich Bilder von blassen schwarzhaarigen Babys auf, deren Väter und Mütter genauso bleich, mit geröteten Augen, nach Blut dürstend seit Jahrhunderten durch die Nächte des hinteren Rumäniens irren.

Die Furcht vor der Kälte und damit vor Erkältung löst den Urinstinkt der Eltern aus: Das Kind bleibe möglichst lange in der Wärme des Nestes. Kinder sind aber unmittelbar nach der Geburt mit einer ausreichenden Temperaturregulation ausgestattet, wenn sie nicht gerade Wochen zu früh auf die Welt gekommen sind. Sie kompensieren zu kaltes oder zu warmes Wetter problemlos. Außerdem schenken Onkel und Tanten Mützchen und Deckchen in ausreichender Anzahl zur Geburt des Kindes.

»Heute schon raus?«, fragt der Vater. »Aber es sind grad mal zehn Grad!«

»Ist doch Superwetter draußen«, versuche ich den Kompromiss und: »In Grönland und Burkina Faso werden auch Kinder geboren. Die müssen auch sofort raus. Die Natur hat die Kinder schon ausreichend stabil gebaut. Keine Sorge.«

»Ja, okay, wenn Sie meinen …«, sagt der Vater mit Zweifel in der Stimme über so viel irrationalen Mut, den er da in den nächsten Tagen zeigen muss.

»Wir haben ja auch einen Hund, da müssen wir immer Gassi.« Das glückliche Kind. Wenigstens einer, der die Tradition des regelmäßigen Spazierengehens aufrechterhält. Da sage noch einer, Kindern mit Haustieren drohe Gefahr durch Allergien und Tierhaare. Weit gefehlt. Als Einzige dürfen sie die frische Luft direkt nach der Geburt genießen.

Ich hatte Mark-Anthony zuvor bereits abgehorcht. Das mache ich am Anfang, solange das Baby noch in seinem großen Handtuch verpackt daliegt, selig nach der gegebenen Mutterbrust und aufgewärmt durch die Wärmelampe. Die ersten Untersuchungsschritte mit dem Stethoskop nimmt das Kind aus dieser Ruhe heraus, es bewegt sich, dreht den Kopf, streckt die Arme, nimmt Anlauf zum Weinen.

»Oh – ja, nicht wahr, mein Schatz, das ist kalt?«, flüstert die Mutter sofort.

Nein, ist es nicht, da seit Ewigkeiten Stethoskope mit Gummiring um die Membran gebaut werden. Außerdem ist Mark-Anthony schon Nummer vier auf der Untersuchungsliste am heutigen Tag, das Hörrohr ist ausreichend warmgearbeitet.

Ich entfalte vorsichtig das Handtuch, ich taste nach Fontanelle, Schlüsselbein und Zahnleisten, ich erinnere mich an den Abzählvers »Zehn Finger, zehn Zehen und zwei Ohren, so werden sie geboren« und checke die primären Geschlechtsorgane (»Da ist auch alles in Ordnung?« – »Oh ja. Keine Sorge!«).

Dann nehme ich das Kind hoch, drehe und schwenke es auf die Seite, nach vorne und über den Kopf. Das Martyrium der Mutter geht weiter.

»Oh!«, »Huch!«, »Oh je!«, »Du Armer!« und weitere begleitende Ausrufe der Angst, der Vorsicht, der unweigerlichen Voraussicht einer Mutter, dass der böse Onkel Doktor gleich das Kind fallen lassen wird.

Der Vater, instinktiv um das Wohl des Jungen und das Gemüt seiner Frau bemüht, bemerkt noch: »Oh Gott, Vorsicht – was macht denn der Mann mit dir?«, als das Kind laut zu schreien beginnt und das polyglobule Dunkelrosa des Neugeborenen in ein krebsiges Zornesrot übergeht.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Mamas Hände den Morgenmantel fahren lassen, um beschützend Richtung Kind zu greifen. Sie drängt mich unbewusst ab, sodass ich Schwierigkeiten habe, meine Untersuchung fortzuführen. Ich trete ein wenig beiseite, schließlich werde ich mich hüten, zwischen die Löwenmutter und ihr Junges zu geraten. Mama hält vorsichtig das Händchen des Säuglings und redet drauflos. »Mein armer Schatz, mein armer Schatz, mein armer Schatz.«

»Keine Sorge, ich bin schon fertig«, sage ich und wende mich wieder dem Vater zu, der völlig verwirrt auf die Verbindung zwischen Mutter und Kind reagiert und zum ersten Mal spürt, dass er in nächster Zeit in zweiter Reihe stehen wird.

»Na, Sie haben hier aber auch einen gefährlichen Job«, meint er zu mir, während er mit einem Auge weiterhin auf seine Familie schielt.

»Sie meinen, wegen des Spuckens? Ach na ja, das ist halb so wild, das lernt man mit der Zeit …« Aber ich komme nicht weiter, denn der Vater unterbricht mich mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Ach das? Nein, nein.«

»Was denn dann?«

»Na ja, Sie riskieren doch hier einiges, wenn die Väter dabei sind …«

Und als er mein verwirrtes Gesicht sieht, fährt er fort: »… wenn Sie den Kindern hier so wehtun.«

»Bei der Aufnahme älterer Kinder ins Krankenhaus ist ihnen zunächst ein Reinigungsbad zu verabfolgen. Dabei ist darauf Rücksicht zu nehmen, dass manche Kinder, namentlich solche vom Lande, noch nie in einer Badewanne gesessen haben und sich daher oft mit Händen und Füßen gegen das Bad sträuben.«

Säuglings- und Kleinkinderpflege 1946

Wenn alles beginnt:
Das erste Mal zu Hause

Im Krankenhaus beginnt für die Eltern nicht nur das Leben ihres Kindes, sondern auch das Leben mit der Medizin: mit den Hebammen, dem Kreißsaal, den Gynäkologen und am Ende mit uns Kinderärzten. Sollte das Leben nicht zuerst ohne die Medizin stattfinden?

Angenommen die Frauen würden weiterhin die Kinder in einer dunklen Höhle entbinden, fernab von allem, dem auch nur der Hauch von Medizin anhaftet. Vielleicht gäbe es eine Geburtsfrau, die hilft, vielleicht auch nur die eigene Mutter oder Großmutter, vielleicht auch niemanden. Die Frauen wären ganz alleine mit ihrem Säugling. Das gab es schließlich auch: das Alleine-Abnabeln, das Sofort-Selbstversorgen, nur über die Muttermilch, das sofortige Beschützen vor den Widrigkeiten des Lebens. Nur waren das auch Zeiten des Verlusts. Wie viele Kinder haben das tatsächlich unbeschadet überlebt? Eines von dreien? Noch weniger? Und die, welche die blutige Entbindung im Höhlensand überlebt haben, wurden später vom Säbelzahntiger gerissen oder blieben beim Umzug in eine andere Höhle einfach liegen.

Und wenn es Komplikationen gab bei der Entbindung? Oder eine Nabelschnurinfektion? Wer dachte damals schon medizinisch. Kinder wurden geboren und Kinder starben, manchmal die Mutter dazu. Das war gottgegeben, oder an was die Menschen so geglaubt haben.

Viel, viel später, die Entbindende hat schon längst die Unzulänglichkeiten der Höhle verlassen, kam der Sprung in die medizinische Begleitung ab dem ersten Schrei. Das Leben kann ohne Medizin stattfinden, aber mit nur einer Prise mehr davon – sei es in Person der Hebamme oder in Form einer Entbindungsklinik mit Neonatologie – erhalten und bewahren wir das Kostbare mit viel höherer Wahrscheinlichkeit.

Wir Kinderärzte haben noch nicht lange Zugangsrecht zum Neugeborenen. Die Kinderheilkunde als eigene Profession ist gerade mal hundert Jahre alt. Noch viel jünger, aus den 1970er-Jahren entstammt die Neonatologie, die Begleitung des Neugeborenen direkt nach der Geburt, genauer eines Frühgeborenen. Vorher gab es die Hebammen und hinter dem Vorhang den Frauenarzt, doch der kümmerte sich primär um die Mutter.

Meine eigene Mutter war eine Kinderkrankenschwester im Lübecker Uniklinikum in den Fünfzigerjahren. Die Schwestern haben die Frühchen gepäppelt, und der Arzt durfte diese Symbiose nicht durch lästige Untersuchungen unterbrechen. Frühchen zu sein war primär eine Energiefrage: Man überlebte nur, wenn ausreichend Futter in den mangelhaft ernährten, dystrophen Körper kam, und das gelang damals den Kinderkrankenschwestern am besten, kannte die Medizin doch noch keine zentralen Venenkatheter oder CPAP-Beatmungsmaschinen.

Meine Mutter erzählte gern die Geschichte ihres Examens: Sie durchwachte die Nacht am Bett eines fiebrigen Kindes, dem sie regelmäßig Wickel legen musste. Es gibt verschiedene Versionen dieser Geschichte, mal mit Gewitter, mal ohne, mal mit gestrenger Oberin, mal ohne, aber immer waren es Senfwickel, für mich seitdem der Inbegriff der Kreuzung aus Schulmedizin und alternativer Medizin.

»Junge«, hat meine Mutter immer gesagt, »bei Senfwickeln kann man viel falsch machen, da ist das Kind vielleicht danach kränker als vorher.«

Das Kind aus dem Examen hat überlebt und meine Mutter hat die Prüfung bestanden, aber kranke Kinder überlebten nicht dank der Behandlung durch die Pädiater, sondern nur wegen der Senfumschläge. So prägte sich mein frühestes Bild vom Kinderarzt durch die Augen der Kinderkrankenschwester aus der Nachkriegszeit: Der Arzt ist ein Fremdkörper auf der Kinderstation, die Krankenschwester die aufopfernde Pflegerin in der Not. Kein falsches Bild, auch nicht in der heutigen Zeit.

Kindermedizin war bis 1900 vor allem Pflegemedizin auf den Erwachsenenstationen, noch länger eine Medizin für kleine Erwachsene. Medikamente wurden runtergerechnet auf das geringere Gewicht, eigene Kindermedikamente gab es nicht. Manche Allgemeinärzte praktizieren noch heute so, eine Vorgehensweise, die zugleich unterstellt, dass auch die Kinder- und Jugendmedizin letztlich eine Facharztdisziplin ist, die »nicht ganz fertig« sei.

»Ach, und Sie sind Kinderarzt?«

»Ja, das macht mir großen Spaß.«

»Nun, wenn’s Spaß macht …, prima. Aber dann haben Sie wohl gar nicht zu Ende studiert?«

Die Kinderheilkunde reifte und entwickelte sich erst zu einer eigenständigen Profession durch das Bewusstsein der besonderen Entwicklung von Kindern, von Geburtskomplikationen und der Neonatologie, durch die Erkenntnisse über die Kinderkrankheiten und wie man sich durch Impfungen davor schützen und eine verbesserte medizinische Versorgung der kleinen Patienten leisten kann. Die ersten Kinderkrankenhäuser wurden zwar vor 1900 gegründet, aber noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es in vielen großen Kliniken keine eigenen Kinderstationen.

So viel Zurückweisung konnte sich meine Profession auf Dauer nicht bieten lassen. Die zusätzliche Wertschätzung der ambulanten Versorgung von Kindern durch eigene Fachärzte etablierte schließlich das System der Vorsorgeuntersuchungen für Kinder, deren Abkürzungen wie U-Boote aus dem Zweiten Weltkrieg klingen.

Zur Geburt wird die U1 durchgeführt, selten vom Kinderarzt, meist von den Geburtshelfern. Das Neugeborene ist gerade geschlüpft, noch ganz warm und glitschig. Wenn es keine Notentbindung war, lassen sich alle Zeit mit dieser Vorsorge. Wichtiger ist, dass Mutter und Kind, ja, auch der Vater, zueinander finden. Frühe Bindung nennt man das, aber alle sprechen nur vom »Bonding«.

Die U2 folgt mit drei Tagen, wir Kinderärzte möchten die gerne selbst durchführen, in der Realität ist sie in vielen Kliniken aber weiterhin Aufgabe der Frauenärzte oder der Hebammen. In den Entbindungskliniken meiner Umgebung hat sich das kinderärztliche Konsil zur U2 durchgesetzt, und so treffe ich schon früh auf die Mark-Anthonys dieser Welt und ihre Eltern.

Die Familie verlässt die Klinik, richtet sich zu Hause ein, und der Vater streicht noch schnell das Kinderzimmer fertig. Aber das ist kein Problem, weil Mutter und Kind in den nächsten Tagen kaum das Schlafzimmer verlassen werden. Mark-Anthony und seine Brüder und Schwestern im Geiste bestimmen den Tagesablauf. Tages- und Jahreszeiten werden unwichtig, das Leben beschränkt sich auf Füttern, Schlafen, Wickeln und Blähungen. Die Familie bereitet sich jetzt auf die erste Vorsorgeuntersuchung, die U3, beim Kinderarzt vor, bereits zwei Wochen nach der Entbindung. Wenn nicht schon bei Zeugung geschehen, versuchen die Eltern spätestens jetzt über die üblichen Infoquellen den besten Kinderarzt der näheren Umgebung herauszufinden. Die beste Freundin hat ihre Meinung, der beste Freund meist keine Ahnung, die Nachbarin hat wieder einen Tipp, und die allwissende Hebamme sowieso. Letztere ist vermutlich der wichtigste Marketingschlüssel eines jeden Kinderarztes. Ohne diese bleibt der Zugang zu den Jungeltern der nahen Umgebung für immer verschlossen.

Was bietet der Doktor an? Wie freundlich ist er? Sieht er gut aus? Ist er vielleicht eine Sie? Hat er Kinder? Ist er noch zu jung oder schon zu alt? Wie erfahren, wie frisch ausgebildet aus dem Krankenhaus? Ist es wichtiger, dass er schon Tausende von Kindern gesehen hat, oder dass er auf dem neuesten Stand der Medizin ist?

Wo liegt die Praxis? Können wir zu Fuß hingehen oder nehmen wir die zwei Stunden Autofahrt in Kauf, schließlich wohnt der gute Zahnarzt auch nicht gleich um die Ecke. Und: Kann er denn auch Globuli? Oder gerade nicht? Möchten wir einen esoterischen Typen oder lieber den bodenständigen klaren? Vielleicht beschießt er das Kleine ja immer sofort mit Antibiotika, soll ja auch die Zähne verfärben.

Und dann die Sache mit den Impfungen. Ist das nicht ein wichtiges Thema? »Die Hebamme hat gesagt, da müssen wir besonders aufpassen, manche Ärzte impfen nur, weil sie ordentlich Geld von den Firmen kriegen. Welcher impft denn nun wie viel? Weißt du das, Schatz?«

Spielen eigentlich die Sprechstundenhilfen eine Rolle? Bekommt man immer gleich einen Termin? Oder muss man die bestechen? Vielleicht immer einen Kaffee mitbringen oder sonst einen Bakschisch. Terminvergaben sind doch heute vor allem davon abhängig, wie das Kind versichert ist, oder? Reicht da denn auch die Zusatzversicherung, die wir abgeschlossen haben? »Vielleicht hätten wir doch in die Betriebskrankenkasse wechseln sollen, weg von der Krankenkasse deiner Mutter, die leistet doch eh nichts.«

Ob der Kinderarzt immer kalte Hände hat? »Gehen wir vielleicht lieber zu einer Frau? Die kann sicher besser mit Kindern. Weil sie doch eine Frau ist.« »Nein, lieber einen Mann, da kann ich besser mit, Schatz.« »Du bist doch eh nie dabei, wenn ich mit Muckelchen zum Arzt muss.«

»Also gut, Schnucki, dann also der nicht und der nicht, die sowieso nicht, und von der hört man auch nichts Gutes. Bleiben doch nur die zwei in Unterstelzen, Doktor Rieblig und Doktor Kinderdok.« »Siehst du, sag ich doch, wieder die Wahl zwischen Alt und Jung.«

Schließlich die Entscheidung. Und die Terminvereinbarung. Die Helferin hat gesagt, morgens oder mittags. Da weiß das junge Paar nicht, was besser ist. Morgens schläft das Muckelchen so schön, und mittags hat die Frau mehr Zeit. Aber vielleicht ist das in zwei Wochen auch schon wieder anders. Dann am ehesten doch nach dem Mittagessen?

»Wie, du willst mitkommen? Abends geht aber nicht, hat die Frau am Telefon gesagt. Nein, Samstag und Sonntag geht auch nicht – stimmt, das wäre familienfreundlich.«

Also morgens. »Dann kannst du noch zur Arbeit gehen.« Nein, geimpft wird nicht gleich, oder doch? »Musst du ja nicht zusehen. Am Ende wird dir schlecht. Wie bei der Geburt.«

Und dann kommt der Tag.

Das erste Treffen mit dem Kinderarzt, Ihrem Kinderarzt.

»§26 Kinderuntersuchung – (1) Versicherte Kinder haben bis zur Vollendung des sechsten Lebensjahres Anspruch auf Untersuchungen sowie nach Vollendung des zehnten Lebensjahres auf eine Untersuchung zur Früherkennung von Krankheiten, die ihre körperliche oder geistige Entwicklung in nicht geringfügigem Maße gefährden.«

Sozialgesetzbuch V

Filofax-Eltern:
Das erste Mal beim Kinderarzt

In der Praxis warten zwei Familien auf mich: Jungeltern mit ihrem Säugling zur U3 und drei Geschwister mit Mutter. Alle schauen mich erwartungsvoll an, bis auf den Säugling im Maxi-Cosi, der schlummert noch seinen Mittagskeks-Schlaf.

Der Blick der wartenden Patienten, wenn ich durch die Tür komme: eine Mischung aus Erkennen des Typs als »der Doktor« und der Erwartung, dass ich mich nun sofort um sie kümmere. Der »Emergency Room«-Effekt: Das Ankommen in einer medizinischen Einrichtung mit einem mehr oder minder wirklichen Notfall und dem Reflex, dass sich nun alles um diesen dreht. Von jeder Seite muss eine Schwester heranstürzen, dazu zwei Ärzte in wehenden Kitteln und mit Stethoskopen um den Hals, das Röntgengerät wird herbeigekarrt und ein wichtiger Mann, der Doktor, ruft wichtige Anweisungen an das Personal.

»Moin«, sage ich in die Runde und öffne meinen Anorak. Ich bahne mir meinen Weg durch die Kinder und ihre Eltern und strebe meinem Arbeitszimmer auf der anderen Seite des Ganges zu.

»Das ist der Doktor«, flüstert die Mutter der drei Kinder und beugt sich zu dem jüngsten Spross hinunter, dem die Rotze Richtung Unterlippe fließt. Mit einer gekonnten Zungenbewegung schlippt er sich die Flüssigkeit vom Nasensteg. Das entgeht der Mutter.

Ich grinse. »Na, schmeckt’s?«, und winke dem Kleinen zu. Er schaut mich mit großen Augen an und verkriecht sich zwischen den Beinen seiner Mutter.

»Okay«, sagt Tülay, eine der Arzthelferinnen, »wenn Sie dann bitte noch im Wartezimmer Platz nehmen? Es wird ein bisschen dauern.« Die Mutter dirigiert die größeren Geschwister um die Ecke ins Wartezimmer, während sie zugleich versucht, ihre Beine von der Umklammerung des Kleinsten zu befreien.

»Oh Tee«, lautieren Tülays Lippen, jetzt mir zugewandt. Alles klar. Drei Brüder, einer mit ordentlichem Rotz, die anderen nicht sichtlich krank, Oh Tee, OT, ohne Termin, die werde ich erst in einer dreiviertel Stunde sehen.

Jetzt gehe ich erst einmal in meine Vorsorgeuntersuchung.

Es sind Eltern jenseits der 40 und sie stellen ihr erstes Kind bei mir vor. Beide sind Akademiker, sie Ingenieurin, er irgendwo in der IT-Branche tätig. Sie trägt interessanterweise ein gebatiktes Oberteil, dazu die klassischen dunklen Augenringe einer Frischlingsmutter, freut sich aber über jeden Scherz meinerseits und jede beruhigende Antwort auf ihre besorgten Fragen. Sie traut sich noch nicht so richtig, ihr Kind aus- und vor allem wieder anzuziehen. Ihre Lebenserfahrung beginnt von Neuem, ihre unaufhörlichen Gedanken rund um den Nachwuchs hemmen ihre wichtigen und richtigen instinktiven Handgriffe. Vielleicht hat sie auch Angst, vor mir etwas falsch zu machen, also erzähle ich von den elenden Bindebodys, die mich bei meiner ersten Tochter schier aus der Fassung gebracht haben. Das Eis schmilzt.

Er ist ganz der Dokumentationstyp, seine Canon PowerShot kommt bereits beim Abhören der kleinen Tochter Bela-Maryke an die Grenzen ihrer Speichermöglichkeiten, bei den begleitenden Erklärungen und der anschließenden Fragerunde wechselt er schnell zu seinem Filofax, um meine Antworten zu stenografieren. Ihm fällt es im Vergleich zu seiner Frau schwer, meinen versuchten Bonmots zu folgen, er vermutet stets eine Falle, eine versteckte Kritik. Er fragt sehr genau nach Zeitvorgaben, nach Rhythmen im Tagesablauf, nach Messlöffeleinheiten beim Milchflaschefüttern und ob das »Beifüttern nach dem fünften Monat« nun heißt, dass man nach dem vollendeten vierten Monat oder während des beginnenden sechsten Monats beginnt.

Nach einleitenden Worten, den Fragen nach dem Befinden von Eltern und Kind, der Bestätigung, dass sich Gewicht und Größe des Kindes gut entwickelt haben, denn das ist wichtig, folgt die Untersuchung am Wickeltisch.

Die Tochter der beiden ist ganz entspannt, vielleicht wurde sie kurz vorher noch gestillt. Sie schaut bereits ganz aufmerksam in die Welt, das ist nicht mehr das gestresste, eben erst in diese Welt geworfene Neugeborene, sie folgt bereits meinem Blick, dem Licht des Otoskops und sogar der kräftigen roten Farbe meines Stethoskops.

Ich höre zuerst ab, dann habe ich das schon erledigt, falls die Geduld des Kindes nachlässt und die Untersuchung im Weinen unterzugehen droht. Dann kommt die Kontaktaufnahme, das Hochnehmen im Handtuch, das Angesicht-zu-Angesicht zwischen Kinderarzt und seinem Patienten. Dies ist ein schöner Moment, nur zwischen mir und dem Säugling. Auch wenn es nur der Bruchteil einer Sekunde ist, so scheint alles um mich herum zu verschwinden, wenn es gelingt, den Blickkontakt aufzubauen, zu halten. Ich erzähle viel, ich turtele, ich plappere, ich komme mir ein wenig dämlich dabei vor, aber egal, ich bin schließlich gerade alleine mit mir und dem Kind.

Aber es geht auch um die Beurteilung der Fontanelle, der Augenstellung, der Kopfform, Ohren, Nase, Mund, der Zahnreihen und des Gaumens. Meine Finger wandern über die Schlüsselbeine die Arme hinunter, lassen sich vom Greifreflex des Säuglings umklammern, tasten weiter vorsichtig zum Bauch – meist der erste Krisenmoment, wer mag das schon. Aber unsere Heldin lässt alles geschehen.

Die Beinform, die Bewegungen in allen Gelenken, das Genitale. Schließlich drehe ich das Kind auf den Bauch, beobachte ihre Bewegungen, ihre sogenannte Spontanmotorik, sehe, ob sie bereits ein- oder zweimal den Kopf hebt.

Ein Moment des Lobes an das tolle Kind und seine Eltern, dass sie das wirklich schon kann. Und auch bei Herr und Frau Filofax zeigt es Wirkung.

Am Ende stehen die unangenehmen Untersuchungsschritte, ein Leuchten in die Ohren, vielleicht in den Rachen, ein Heben des Kindes aus der Bauchlage in die Schwebelage, für viele Kinder ein Moment der Unsicherheit. Und für viele Eltern ein Moment der Angst. Instinktiver Angst vor dem Fallen des Kindes.

Da braucht es erläuternde Worte, was hier alles passiert, und stete Worte an das Kind, dass eben nichts passiert. Heute allerdings ertappe ich mich bei dem Gedanken, was wäre, wenn dem Kinderarzt genau in diesem Moment in der Schwebelage das Kind tatsächlich mal entgleiten würde? Und ob das schon jemals jemandem passiert ist? Kaum auszumalen.

Jede U3 endet mit einem Ultraschall der Hüftgelenke, das geben die Leitlinien der Vorsorgeuntersuchungen für Kinder vor. Manche Kinder haben dort »Reifungsprobleme«, da die Hüftpfanne den kleinen Hüftkopf noch nicht ausreichend führt.

Ich kämpfe mit den Einstellungen des Ultraschallgerätes, das nie so will wie ich, und bitte die Mutter, das Kind ein wenig zu halten, während ich die Untersuchung mache. Jetzt kommt gleich das Ultraschallgel, wie immer zu kalt, Bela-Maryke wird bestimmt unruhig, ich kenne das.

»Muss denn das wirklich sein?«, fragt mich der Vater, während seine Frau mit dem Halten des Babys, des Schnullers und der Windel beschäftigt ist, die nur noch an einem Klettverschluss hängt.

»Haben Sie keine Sorge, das ist nur Ultraschall«, sage ich.

»Und bekommen wir dann auch einen Röntgenpass?«

Er kritzelt etwas in seinen Filofax. Vermutlich eine kleine Tabelle »Untersuchungen Tochter – Röntgenuntersuchungen: eine.«

»Nein, wie gesagt, das ist Ultraschall.«

»Aber gefährlich ist das nicht?«

»Ganz sicher weiß man das nicht.« Ich bin immer zu ehrlich. Großer Fehler – der Vater hebt die Augenbrauen.

»Aber man würde sicher keine solche Untersuchung bei einer Schwangeren machen, wenn das so gefährlich wäre. Und da kennen Sie das ja schon.«

Seine Frau nickt zustimmend. »Aber das ist schließlich ein Kind«, erwidert er.

Richtig. Das hatte ich bis dahin nicht bemerkt. Was für ein Fauxpas meinerseits. Aber ich übe mich in Gelassenheit. Ich halte kurz inne und lehne mich zurück. Die Kleine echauffiert sich gerade.

»Schallwellen haben eigentlich keine krankhaften Auswirkungen, solange sie nicht in Spitzen kommen wie in der Disco oder über den Kopfhörer. Das hier ist ein Ultraschall, fürs menschliche Ohr nicht wahrnehmbar, aber es ist eine hervorragende Untersuchungsmethode, gerade bei Kindern, um ihnen Röntgenstrahlen zu ersparen. Man könnte die Hüften auch röntgen.«

»Ach nein«, der Vater winkt ab, »aber richtig gefallen tut ihr das ja nicht gerade, oder? Dann kann es auch nicht so harmlos sein.«

»Da stört wohl eher das Nacktsein und Festhalten als der Ultraschall.«

»Mmh«, macht der Vater, »ich frag mal immer lieber, sonst machen Ärzte ja schnell Dinge, die ungesund sind und die man eigentlich nicht möchte.«

»Ja? Ist das so?«, frage ich.

Er nickt wissend.

»Nun mal keine Sorge. Bei mir können Sie sicher sein, dass ich nichts an Ihrem Kind mache, was Sie nicht wollen oder Ihrem Kind nicht guttut. Und in diesem Fall ist es schlicht eine Vorsorgemaßnahme, um zu erkennen, ob die Hüftpfanne schon ausreichend den Hüftkopf umschließt, denn wenn man das nicht erkennt …« – soll ich wirklich? Ich beiße mir noch zweimal auf die Zunge, dann: »… kann der Hüftkopf auf Dauer aus dem Lager gleiten, und das Kind wird nie richtig laufen lernen.«

Jetzt rutschen die Augenbrauen noch ein Stück höher. Die Mutter mustert ihren Mann mit vorwurfsvollem Blick, aber er winkt schon ab: »Nee, nee, machen Sie mal, machen Sie mal.«

Er widmet sich wieder seinem Filofax.

Sie sind beide sehr besorgt um ihre Tochter und liebevoll dazu. Mir geht das Herz auf bei so viel Nähe und Wärme. Sie haben vielleicht lange auf sie gewartet. Sie haben sie vielleicht geplant, vielleicht auch nicht, vielleicht haben ihre Pläne nicht funktioniert, oder sie mussten erst sich selber finden. Vielleicht sollte erst alles gesichert sein, vielleicht hatten sie auch früher keine Zeit und keine Gelegenheit, vielleicht hat sich die Gelegenheit auch nicht die Zeit genommen.

Nun ist ihre Tochter da und sie freuen sich. Und nun müssen sie ihre Familie finden, müssen sich befreien von ihrer Lebenserfahrung und ihrem beruflich geschulten Denken. Nun braucht es ein wenig instinktives Gefühlshandeln, mehr Bauch, mehr Normalität. Herz haben sie genug.

Ich hoffe, ich kann ihnen helfen: Wenn sie mir als Arzt vertrauen, kann ich ihnen manche Gedanken abnehmen, die ihr intuitives Handeln vielleicht lähmen und die statt einer spontanen und gesunden Reaktion die Unsicherheiten verstärken.

Eine U3-Vorsorge, und ich habe ein gesundes properes Töchterlein gesehen. Und diese drei hier werden’s schon schaffen. Sicher auch ohne den Filofax.

»Klar festzuhalten ist, dass der schwächste Punkt des Bestellsystems der Praxisinhaber ist. Wer nicht bereit ist, zeitehrliches Arbeiten zu trainieren, wird scheitern.«

R.R. Wolff

Termingeschäfte:
Im Wartezimmer

In der Regel gehen die eingeplanten Patienten vor, nach der Mittagspause haben wir zwei oder drei Vorsorgeuntersuchungen, bevor wieder Zeit ist für Akutpatienten, die mich dann für den Rest des Nachmittags beschäftigen werden. Dieses System trennt zumindest die gesunden Kinder von den ansteckenden der Akutsprechstunde.

Eine moderne große Kinder- und Jugendarztpraxis kann es sich heutzutage nicht mehr leisten, wenigstens 50 junge Patienten an einem Nachmittag ohne eine sinnvolle Terminplanung, das heißt ohne ein funktionierendes Bestellsystem, zu versorgen. Zu hoch sind die berechtigten Ansprüche der Eltern, dass es in einer Arztpraxis mit der Wartezeit schnell gehen muss. Wer könnte ihnen das mit einem kranken Kind verübeln? Wer sitzt gerne mit einem hoch fiebernden Kind stundenlang im Wartezimmer? Eben.

Also gibt es bei uns für jedes Anliegen einen Termin. Für jedes. Das hat sich herumgesprochen. Die Eltern rufen vorher an, erhalten am gleichen Tag einen Termin, und dieser Aufwand wird mit einer kurzen Wartezimmerzeit entlohnt. Aber was der Tag wirklich bringt, lässt sich nie vorher einschätzen. Die Eltern erwarten, dass Arzt und Helferinnen keinen Stress verbreiten, sich stets angemessen Zeit nehmen oder wenigstens den Anschein wahren, sich für alles die richtige Zeit zu nehmen. Sicher kommt etwas dazwischen, bei Kindern geht es gar nicht ohne Notfälle. Und die werden auch bevorzugt versorgt.

Nur beginnt genau hier schon das Problem: Was ist ein Notfall beziehungsweise was ist ein dringender Fall? Die Definition hängt immer von der Sicht des Betrachters ab. Für die Eltern ist es das eigene Kind, für den Kinderarzt das medizinisch bedrohteste, für die Arzthelferinnen das mit der freundlichsten Mutter oder mit der, die das System am besten mitspielt. Ganz sicher ist es nicht das dritte Privatpatientenkind und ganz sicher auch nicht dasjenige, das lautstark gleich im ganzen Pulk vor der Anmeldung steht.

Notfälle sind häufig genug auch einfach Situationen, die den normalen Ablauf stören, den der Eltern und den des Arztes. Vor dem Wochenende oder dem Urlaub, am späten Abend oder frühen Morgen wird jeder Schnupfen zum Notfall, jedes Pickelchen zum Störfaktor für die anstehenden Babyfotos.

Echte Notfälle sind da selten: der Fieberkrampf direkt in der Praxis, eine Verbrühung, ein epileptischer Anfall, eine Verletzung nach einem Sturz oder der zweimonatige Säugling mit 40 Grad. Ein Notfall bedroht die körperliche Unversehrtheit oder das Leben. Also müssen wir uns bei einem Schnupfen vor dem Wochenende oder interessanten Pickelchen am Hintern zunächst kein Sorgen machen. Die Zeit wird zeigen, ob aus der laufenden Nase eine Tuberkulose wird oder aus dem Pickel eine Pockenbeule. Ganz ehrlich? Häufig sind solche Fälle nicht.

Deshalb ein Bestellsystem. Das Optimum der Fairness: alle schön der Reihe nach. »OT« wandert immer ins Wartezimmer. Das wissen die Eltern und hoffen dennoch, »reingeschoben« zu werden, ein Begriff aus der allgemeinen Diktion der Arztpraxen, genauso wie »Geht’s ein bissel früher?«, »Gibt’s da auch was Pflanzliches?« oder »Ich war aber zuerst da, die sind erst nach uns gekommen!«

OT nimmt das Opfer auf sich.

Wartezeiten sind in unserer Praxis sehr kurz, das war über die Jahre eines der wichtigsten Trainingsziele. Training für die Arzthelferin, die kompakt einbestellen muss, für den Arzt, der zügig seine Patienten behandelt, und für die Patienten, die das System durchs Terminvereinbaren mitspielen.

So hat jeder etwas davon. Allerdings nur bis zum jeweiligen OT. Alles, was bis jetzt null Minuten warten musste, wartet nun genau so lange, wie die Behandlung von OT braucht. Ähnlich ist das auch bei Patienten, die verspätet zu ihrem Termin kommen, denn auch diese Zeit schiebt der Doktor stets vor sich her.

Verständlich? Nein? Vielleicht so: Der erste Patient am Nachmittag (nennen wir ihn A) kommt 15 Minuten zu spät. Da dies eine Vorsorgeuntersuchung ist, sind keine Patienten parallel einbestellt. Also drehe ich 15 Minuten lang Däumchen. Übersetzt: Ich fülle Kuranträge aus oder schreibe noch ein Protokoll zu diesem Gespräch gestern Abend.

B kommt pünktlich 30 Minuten nach dem ursprünglichen Termin von A, der Doktor ist aber noch mit A beschäftigt, entsprechend muss B jetzt 15 Minuten warten, bis er drankommt. B ist aber nicht für eine Vorsorgeuntersuchung gekommen, sondern hat einen Akuttermin mit 10 Minuten, möchte aber trotzdem Beratung zur Ernährungsumstellung, »wenn ich schon mal da bin, Herr Dokter …«, macht 15 Minuten mehr als ursprünglich geplant. C kommt wiederum pünktlich – muss aber schon 30 Minuten warten.

Es folgen die Patienten D, E und F, die alle diese 30 Minuten warten müssen, alle einen kurzen Impftermin haben, diesen auch einhalten können, es entstehen keine Verschiebungen plus/minus Null, macht in der Summe weiterhin 30 Minuten.

Ich telefoniere mit einer Erzieherin, die überzeugt werden muss, dass Scharlach am dritten Tag nach Antibiotikagabe nicht mehr ansteckend ist, inklusive: eine Diskussion über Sinn und Zweck von Gesundbescheinigungen. Das dauert 7 Minuten, macht in der Summe 37 Minuten.

Der Patient K erscheint 20 Minuten zu früh, weil er der Meinung ist, dann schneller dranzukommen. Nach Adam Milchmädchen funktioniert das nie. Patient K, respektive seine Eltern, beschwert sich (nicht privat) – sie müssen immerhin schon 57 Minuten warten, 20 Minuten davon selbst verursacht, ach nein, noch länger, denn davor sind ja noch die Geschwisterkinder G und H dran. G hat einen Termin, H nicht, wird aber »schnell noch mit vorgestellt, wenn wir schon mal da sind«. Ursprünglicher Termin zehn Minuten, jetzt 20 Minuten, macht in der Summe 47 Minuten (nur für den, der zu früh gekommen ist, sind es bereits eine Stunde und sieben Minuten).

So geht das weiter. Auch die Mama, die keine 55 Minuten warten will und mit ihrem Kind geht, hilft da nicht viel. Da sie nur einen Impftermin hatte, schlägt sich das im Zeitkonto nicht besonders nieder.

Schließlich Patient Z (obwohl wir immer mehr Patienten an einem Nachmittag haben, als das Alphabet hergibt), offiziell der letzte, so sagt es der Terminkalender. Z ist als Gespräch um 17.30 Uhr eingetragen, wegen Verdachts auf ADHS, wir »schieben« inzwischen nur noch 40 Minuten. Da Z aber 20 Minuten zu spät kommt (er war noch in der Schach-AG), muss er nur bis 17.50 Uhr warten. Das Gespräch dauert eine Stunde. Er hat wahrscheinlich kein ADHS.

Die arme freundliche Medizinische Fachangestellte, die »fertig macht«, wird erst gegen 18 Uhr gehen, sie hat die Praxis am Morgen schon um 7.30 Uhr aufgeschlossen. Ich verlasse als Letzter das Schiff – es ist fast halb acht.

Weitere unbekannte Variablen dieser tagtäglichen Rechnung: Kuranträge, Post, defekte Telefone, abgestürzte Praxissoftware oder -hardware, Schweine- oder sonstige Tiergrippen, doch die Hauptfaktoren für die Multiplikation der Wartezeiten sind neben OT, mitgebrachten Geschwisterkindern oder Verspätungen die Jahreszeit (Winter ist immer Wartejahreszeit, Sommer ist entspannt) und der Wochentag.

Der Montag bringt viele Patienten, weil Wochenende war, der Freitag, weil Wochenende sein wird. Der Mittwoch ist belebt, da nachmittags die Praxis geschlossen ist. Der Dienstag ist der Tag nach Montag, was schon alleine für sich spricht. Bleibt nur der ruhige Donnerstag. Aber ach, da lege ich meine Termine für lange Gespräche, also ist dieser schon aus anderen Gründen nicht planbar.

Wir merken uns: Ein sinnvolles Bestellsystem ist nicht nur für die Patienten angenehm, sondern ermöglicht auch dem Arzt, die Kinder ohne Zeitdruck ruhig und optimal zu behandeln. Andernfalls bedeuten Wochentage immer nur ein Minus auf der »Entspannungskoordinate«.

Noch befinde ich mich »am Anfang« der Nachmittagssprechstunde. Nach der U3 der Filofax-Eltern kommt die nächste Vorsorge und dann noch eine, bevor ich mich den drei Geschwistern OT zuwende.

Tülay hält mich zurück.

»Chef, tut mir leid, aber Sie müssen vorher noch ins Zimmer B, da wartet noch ein Pharmavertreter auf Sie.«

Wunderbar.

»Die Aufgaben des Pharmareferenten bestehen darin, für die Produkte seiner Pharmafirma zu werben, Angehörige von Heilberufen fachlich, kritisch und vollständig über Arzneimittel unter Beachtung der geltenden Rechtsvorschriften zu informieren (und) Mitteilungen von Angehörigen der Heilberufe über unerwünschte Arzneimittelwirkungen und Gegenanzeigen oder sonstige Risiken bei Arzneimitteln oder Einnahmeproblemen der Therapeutika zu dokumentieren, schriftlich aufzuzeichnen und dem Auftraggeber zu übermitteln.«

Wikipedia

Wer sonst noch zu Besuch kommt:
Farmavertreta

»Waren Sie denn im Urlaub, Sie sehen so erholt aus?«

Er streckt mir die braungebrannte Hand entgegen, bevor ich kaum richtig durch die Tür bin.

»Ja, guten Tag auch«, sage ich grinsend und schüttele ihm die Hand. »Dr. Kinderdok.«

»Natürlich, guten Tag, Herr Dokter«, gibt er zurück, schulterzuckend. »Mein Name ist Meyerdings und ich vertrete die Firma Saglaxartis.«

»Und das können Sie einfach so aussprechen?«, frage ich.

Er verzieht die Augen zu kleinen Schlitzen, legt den Kopf auf die Seite und schaut mich skeptisch an. »Sie meinen, wegen der letzten Zeitungsberichte?«

»Ich dachte eher, wegen des komplizierten Namens.«

»Ach? Ach so!« Jetzt lacht er. Erleichtert. »Guter Witz, ja, prima. Das haben schon andere gesagt. Aber wie das in der Zentrale so ist – wenn ein Name mal etabliert ist …«

»Ja, schon klar. Geht mir auch nicht anders.«

Wieder schaut er, als ob er nicht genau weiß, ob ich ihn vielleicht doch auf den Arm nehme.

»Ja, schon recht«, sagte er dann.

Ich zeige auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch, lasse mich selbst in den weicheren Chefsessel fallen – Ehre, wem Ehre gebührt – und schaue ihn erwartungsvoll an.

»Und? Waren Sie jetzt im Urlaub?«, eröffnet er, der Stuhl knarrt etwas, als er sich setzt, und ich frage mich, warum Pharmavertreter immer entweder dick sind oder so hager wie Marathonläufer. Vielleicht liegt’s daran, dass die einen ständig sitzen, die Gesprächsführer, und die anderen lieber von einer Arztpraxis zur nächsten hecheln.

»Ja, war ich.«

»Toll. Wirklich toll. Sieht man Ihnen auch an.«

»Danke, Herr Meyerdings, aber eigentlich ist der Urlaub schon wieder zwei Wochen her, ich bin schon wieder urlaubsreif.«

»Ja, nicht wahr?«, er blickt mich mitfühlend an, »geht uns das nicht allen so? Wo waren Sie denn dieses Jahr?«

»Irland.«

»Ja? Schön. Irland.« Er wiegt das Wort genau ab, vergleicht es wahrscheinlich mit den letzten eigenen Urlaubszielen. »Da kann man Urlaub machen?«, sagt sein Blick, aber ganz der einfühlsame Pharmamann bemerkt er: »Soll ja sehr schön sein, da …«, jetzt sucht er nach den Attraktionen Irlands, »… so grün und so. Kneipen, oder?«

»Ich war mit der Familie da.« Da gibt’s weniger Kneipengänge.

»Ach ja. Natürlich. Klar.«

Er sucht ein wenig den Faden. »Und da sind Sie dann mit dem Auto? Oder gecampt, oder wie?«

»Jugendherbergen.«

»Ach was.«

»Ja, Fliegen, Mietauto, Jugendherbergen. Geht wunderbar. Ist vor allem prima mit den Kindern.«

»Klar. Ja. Sicher.« Er hat keine Ahnung.

Pharmavertreter sind neben den Kindern und ihren Eltern die einzigen Besucher, die wir in unserer Praxis haben. Begrüßen wir sie also nett und zuvorkommend, denn wir sind gastfreundlich und haben gute Umgangsformen. Pharmavertreter haben ihre Daseinsberechtigung, keine Frage, sie sind die personifizierte Werbung, sie versuchen, mit ihrer Persönlichkeit ihrem Produkt Vorschub zu leisten. Das gelingt mal gut, häufiger schlecht. Denn wir Ärzte interessieren uns nicht für die Persönlichkeit des Pharmavertreters, sondern für ihre Medikamente, Impfstoffe und Hilfsmittel. Das können die nicht wissen. Sie werden geschult, ihre Person zu verkaufen.

Also starten manche mit Smalltalk. Aufbau einer Beziehung, nennt man das vielleicht im Seminarkurs für den soliden Arzt-Vertreter-Kontakt. Die Themen sind nicht begrenzt, aber naheliegend: Urlaub in der Urlaubszeit, das Wetter im Winter, die Familie, wenn gerade ein hübsches Familienfoto über dem Schreibtisch hängt, oder die neueste Reform in der Gesundheitspolitik. Letzteres geht immer. Denn es gibt immer eine Reform und immer werden die Ärzte darüber klagen. So wird der Pharmavertreter zum Seelsorger. Er reist von einer Praxis zur nächsten, hört sich stets die gleichen Klagen an, kann soufflieren, Argumente weiterreichen und sich zum Experten aufschwingen. Ein offenes Ohr für die Sorgen der Ärzte, das sind die Pfunde, mit denen die Pharmavertreter wuchern können. Sie haben durch ihre Besuche schon manche berufspolitischen Entwicklungen weitergetratscht, Verzeihung, -getragen, bevor sie spruchreif waren. Diesen Einfluss möchten sie auch nicht missen. Auch Meyerdings hat vor Jahren einmal, ganz in der Art eines Vito Corleone, ein »soll ich Ihnen mal erzählen, was mir der Allgemeinarzt von gegenüber gerade erzählt hat« über den Tisch geschoben. Ich habe dankend abgelehnt, aber erzählt hat er es doch.

Es gibt auch Reformen bei den Pharmamenschen. Vor Jahren gab es neue Bestimmungen, wonach die Vertreter Zuwendungen an Ärzte nur noch bis zu einem bestimmten Betrag vermitteln durften. Die Zeiten der Kreuzfahrten waren passé, der neue Golfschläger – zum Geburtstag des Hauptteilhabers der radiologischen Praxis draußen am Stadtrand – oder die Unterstützung bei der Anschaffung des neuen 24-Stunden-EKGs für den Kardiologen um die Ecke. Da jammerten alle, und der Arzt mutierte zum Seelsorger des Pharmareferenten, der nun nicht mehr an den Kreuzfahrten der Hurtigruten mitfahren konnte oder den Putter-Wochenendkurs in Herzogenaurach gleich mal mitbesuchte.

Aber um ehrlich zu sein: Die Kinderärzte wurden eh stets kurzgehalten.

Vielleicht habe ich mit meinen jungen Jahren nicht mehr die goldenen Zeiten der Bestechlichkeit erlebt, aber solange ich denken kann, bekommen Kinderärzte Gummibälle, Plastikautos oder Hauttatoos zum Aufkleben als Medikamentenbeigaben zugesteckt. Als Krönung gibt’s vielleicht ein Kuscheltier mit dem Logo des beworbenen Arzneimittels, der grüne Riesendrache oder die kuschelige großäugige Seerobbe, der Teddy mit den aufklappbaren Organen oder das unförmige blaue Formding der Salbenfirma. Wahlweise gab es das auch kleinformatig mit Ring im Rücken für den Schlüsselbund. Da haben sich wenigstens die eigenen Kinder gefreut, wenn Papa Kinderarzt am Abend nach Hause kam. Achten Sie mal beim nächsten Arztbesuch auf Stofftiere – die werden alle auf Schränken zahlreicher Praxen konserviert und eingestaubt. Eine Herde von Pharmatieren. Eine Spezies für sich. Animal medicinale.

Aber leider ist auch diese Art vom Aussterben bedroht, in Mengen erscheint nur noch der Kugelschreiber, der geht immer, ob geklippt oder geklickt, gedreht oder gestöpselt, ob er gut schreibt oder weniger. Meist Letzteres.

Und Pflaster. Pflaster sind wirklich wichtig. Mit oder ohne Logo, groß oder klein, mit undefinierbaren Monsterbakterien oder wiedererkennbaren Comicfiguren.

»Mama, wer ist das auf dem Pflaster, Mama?«

»Goofy, Schatz, das ist Goofy. Ein Bär und Freund von Micky Maus.«

Goofy war schon immer ein Möter, denke ich, halb Mensch, halb Köter, aber egal, denn Bobele kräht: »Will aber Pokemon als Pflaster. PO!KE!MON!«

Und schon ist das Pflasterkleben wichtiger geworden als das Impfen vorneweg. Ein netter Nebeneffekt. Also ertrinken wir in Pflastern. Zu Recht bei dem Verbrauch.

»Und? Was können Sie denn heute für mich tun?«

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