Logo weiterlesen.de
Babylon

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. Vorbemerkung der Autorin
  9. Karte
  10. Historische Anmerkung
  11. Prolog
  12. Erster Teil
    1. Kapitel Eins
    2. Kapitel Zwei
    3. Kapitel Drei
    4. Kapitel Vier
    5. Kapitel Fünf
    6. Kapitel Sechs
    7. Kapitel Sieben
    8. Kapitel Acht
    9. Kapitel Neun
    10. Kapitel Zehn
    11. Kapitel Elf
    12. Kapitel Zwölf
    13. Kapitel Dreizehn
    14. Kapitel Vierzehn
    15. Kapitel Fünfzehn
    16. Kapitel Sechzehn
    17. Kapitel Siebzehn
    18. Kapitel Achtzehn
    19. Kapitel Neunzehn
    20. Kapitel Zwanzig
    21. Kapitel Einundzwanzig
    22. Kapitel Zweiundzwanzig
    23. Kapitel Dreiundzwanzig
    24. Kapitel Vierundzwanzig
  13. Zweiter Teil
    1. Kapitel Fünfundzwanzig
    2. Kapitel Sechsundzwanzig
    3. Kapitel Siebenundzwanzig
    4. Kapitel Achtundzwanzig
    5. Kapitel Neunundzwanzig
    6. Kapitel Dreißig
    7. Kapitel Einunddreißig
    8. Kapitel Zweiunddreißig
    9. Kapitel Dreiunddreißig
    10. Kapitel Vierunddreißig
    11. Kapitel Fünfunddreißig
    12. Kapitel Sechsunddreißig
    13. Kapitel Siebenunddreißig
    14. Kapitel Achtunddreißig
    15. Kapitel Neununddreißig
  14. Die mesopotamische Kultur
  15. Danksagung

Über die Autorin

D. J. McIntosh ist Mitglied der Society of Mesopotamian Studies und ehemalige Mitherausgeberin von Fingerprints, dem Magazin der Crime Writers of Canada. Ihr Thriller Babylon stand auf der Auswahlliste des Debut Dagger Award der britischen Crime Writers Association 2007 und wurde mit dem kanadischen Arthur Ellis Award 2008 für den besten unveröffentlichten Kriminalroman ausgezeichnet.

D. J. McIntosh

Babylon

Roman

Aus dem Englischen von
Michael Kubiak

Zum Andenken an Generalmajor Nicola Calipari
und an Mazen Dana, einen talentierten Journalisten

Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer.

Aischylos, 525–456 v. Chr., zugeschrieben

Vorbemerkung der Autorin

Im Jahr 1922 wurde endlich ein jahrhundertealtes wissenschaftliches Problem gelöst. Im Gaswerk von Sarcelles gelang dem legendären französischen Alchemisten Eugen Canseliet in Anwesenheit von zwei Zeugen die Umwandlung von einhundert Gramm Blei in Gold. Er gab sein Geheimnis niemals preis, und die Formel ist seitdem ein Mysterium.

Illustration_1-1_Karte_doppelseitig.jpg

Historische Anmerkung

An einer Biegung des Tigris gelegen, war Ninive einst der Stern in der Krone des großen assyrischen Reiches. Gewaltige Mauern, an der schmalsten Stelle zwei Meter dick und insgesamt fast fünfzehn Kilometer lang, mit fünfzehn mächtigen Toren versehen, schützten die Stadt. Von den Ausläufern des Taurus-Gebirges führte ein Aquädukt Wasser für die prunkvollen Tempel, Bibliotheken, Paläste und Gärten heran.

Ninives Pracht war nicht von Dauer. Im Jahr 612 v. Chr. belagerte Kyaxares, König der Meder, unterstützt von Babyloniern aus dem Süden und Stämmen aus der Schwarzmeer-Region, die Stadt. Ninive konnte sich nicht lange halten und fiel schon nach kurzer Zeit. Die Stadt wurde in Brand gesteckt, geplündert und verlassen und sollte sich davon nie mehr erholen.

Im Laufe der Jahrhunderte bedeckte der Wind die zerstörte Hauptstadt mit Staub aus dem umliegenden Flachland und warf auf diese Weise einen Hügel auf, einen sogenannten »Tell«, der kilometerweit zu sehen war. Ninive verschwand. Im Laufe der Zeit geriet die Stadt in Vergessenheit und wurde aus dem Gedächtnis der Menschheit gelöscht.

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts führten der französische Diplomat Paul Emile Botta, der englische Forscher Sir Austen Henry Layard und der irakische Archäologe Hormuzd Rassam Grabungen an dem Hügel durch, den die Fachwelt als Kujundschik kannte. Sie förderten bemerkenswerte Objekte zutage: monumentale Skulpturen von geflügelten Stieren mit Menschenköpfen, kunstvolle Friese und eine umfangreiche Bibliothek aus tönernen Schrifttafeln.

Unter diesen erstaunlichen Fundstücken befand sich auch ein Basaltblock mit einer eingravierten Inschrift. Kaum jemand ahnte damals, dass dies eigentlich die bedeutendste Entdeckung von allen war.

Prolog

Die Götter haben uns verlassen,
wie Zugvögel sind sie verschwunden.
[Unsere Stadt] wird zerstört, bitter ist ihre Klage.
Des Landes Blut füllt ihre Wunden
wie geschmolzene Bronze eine Gussform,
Leiber zerfließen wie Fett in der Sonne.
Unser Tempel wird geschleift,
Rauch bedeckt unsere Stadt wie ein Leichentuch,
ein Strom von Blut füllt die Straßen.
Das Klagen der Männer und Frauen
kündet von unendlicher Trauer.
[Unsere Stadt] gibt es nicht mehr.

Klage über die Zerstörung von Ur, ca. 2000 v. Chr.

Noch Stunden vor dem letzten Angriff glaubten nur wenige, dass die Stadt fallen würde. Wer sollte die stolzen Tore von Istar aufbrechen, wer diese starken Brücken über den Tigris stürmen? Waren die Soldaten der Nation nicht überall zu sehen? Wurde der Palast, der sich im stillen Flusswasser spiegelte, nicht bestens verteidigt? Hatte der Herrscher nicht verkündet, dass alles gut würde?

Doch am zehnten Tag des Monats Nissan, ein von den Eindringlingen klug gewählter Zeitpunkt, um die brutale Sommerhitze zu meiden, fiel die Stadt, mit derselben Leichtigkeit zertrümmert wie ein Vogelei. Soldaten flohen, warfen ihre Kampfkleidung weg und versteckten sich zwischen den Bürgern. Frauen sammelten ihre Kinder ein und suchten Schutz in dunklen Räumen. Brände tobten und ließen Häuser zu Asche zerfallen. Flammen verschlangen das überreich gefüllte Büfett aus Papyrus- und Pergamentrollen in der großen Bibliothek. Leichen lagen überall unbeachtet auf den Straßen oder trieben den Fluss hinunter wie ertrunkenes und aufgeblähtes Vieh. Käfige mit exotischen Tieren und Vögeln, die die Leute zu ihrem Vergnügen gehalten hatten, wurden aufgerissen, die Tiere gestohlen und zum Verzehr geschlachtet. Statuen des Herrschers wurden geschändet; der Mann selbst war nirgendwo aufzufinden.

Die Zwillingsschwester des Krieges, die Plünderung, raste entfesselt durch die Straßen. Weder die bescheidenen Besitztümer der gewöhnlichen Bürger noch die weiten Hallen und Säle voller Schätze wurden verschont. Wie ein Schwarm hungriger Krähen, die sich um das gleiche Stück Beute streiten, raubten die Plünderer wertvolle Elfenbeinminiaturen, Halsschmuck aus Chalzedon und Lapislazuli, Tempelfiguren und Alabastervasen. Ein Mann zerschmetterte den Kopf eines Terracottalöwen aus dem Harmel-Tempel. Ein anderer saß mit übereinandergeschlagenen Beinen auf dem Fußboden und brach Intarsien aus der Lyra von Ur.

Am 14. April 2003 gab Bagdad sich geschlagen. Seine Schatzkammer, das berühmte irakische Nationalmuseum, gehörte zu den Opfern des Krieges.

Ein Dieb – ein schlanker Mann mit rabenschwarzem Haar und bleicher Haut – schlängelte sich geschickt durch die Menschenmenge. Auf seinem linken Handgelenk trug er ein auffälliges Muttermal, einen seltsam geformten Fleck in der Farbe getrockneten Blutes. Der Dieb betrachtete die zahllosen Hände, die nach Beute grabschten, mit einem amüsierten Grinsen. Sie hatten keine Ahnung, was sie da an sich nahmen. Der Dieb, seiner Herkunft nach der missratene Sohn eines belgischen Diplomaten, hatte zehn Jahre lang in Bagdad gelebt und kannte das Museum wie seine Westentasche.

Unter seiner weit geschnittenen schwarzen Jacke trug er in einer speziellen Scheide an einem Gürtel ein Viking-Tactics-Assault-Messer um den Leib, das für jeden bestimmt war, der ihm zu nahe kam. Er war nur wegen zwei Objekten gekommen. Das erste, der lebensgroße, aus Kupfer gefertigte Kopf der Siegesgöttin aus dem alten Hatra, befand sich bereits in seiner Reisetasche. Das zweite Objekt, ein noch viel bedeutenderes Relikt, war nun fast in Reichweite. Aus diesem Grund ließ er den Mann namens Tomas Zakar, dem er unauffällig folgte, für keine Sekunde aus den Augen.

Tomas Zakar senkte den Kopf und presste die Hände auf die Ohren, als ob das Ausblenden des Geschehens das Gemetzel stoppen könnte. Die Ereignisse ließen sich nicht verdrängen. Banden von Plünderern benutzten die Griffe und Kolben ihrer Maschinenpistolen, um Vitrinen zu zerschlagen, und beluden Schubkarren mit Tongefäßen, die dabei teilweise beschädigt wurden oder ganz zerbrachen.

Fast das gesamte Archiv des Museums war auf den Fluren und Sälen verstreut und in Brand gesetzt worden. Die Akten brannten wie Zunder. Tomas fiel auf die Knie, um die Flammen mit bloßen Händen zu löschen. Sein Bruder Ari zerrte ihn weg. »Lass das, Tomas. Du holst dir nur schlimme Verbrennungen.«

Tomas wehrte ihn ab und steuerte auf einen Plünderer zu, der eine Kettensäge schwang, um den Kopf einer in Khorsabad gefundenen Statue abzuschneiden. Die Kettensäge war dafür konstruiert, weiches Holz zu schneiden. Ihre Kette würde den Kalkstein splittern lassen und das Objekt völlig zerstören. Tomas stürzte sich auf den Mann. Der hob drohend das rotierende Kettenblatt.

Ari, der größere der beiden Brüder, schlang die kräftigen Arme um Tomas’ Taille und zog ihn gerade noch rechtzeitig zurück. »Um Gottes willen«, rief er, »sie bringen dich um!«

Er schaute sich gehetzt um und suchte nach einem Fluchtweg. Dies war das Reich seines Bruders. Tomas kannte das System der Flure und Räume des Museums besser als er. Mit seiner hellen Haut und dem rötlichen Haar war Ari eine auffällige Erscheinung und machte sie beide um einiges verwundbarer. Ohne elektrisches Licht waren die Gänge düster und wurden nur von dem wenigen Tageslicht erhellt, das ins Gebäude drang. Das Gebäude erinnerte an eine gigantische Leichenhalle. Die größten Artefakte, Objekte, die zu schwer waren, um abtransportiert zu werden, waren zu ihrem Schutz in Decken eingewickelt worden und glichen toten Riesen, die auf ihre Beerdigung warteten.

Im Dämmerlicht konnte Ari die riesigen Lamassu erkennen, geflügelte Stiere mit menschlichen Köpfen, die das gewölbte Portal der assyrischen Abteilung bildeten. »Komm mit«, flehte er Tomas an. »Hilf mir. Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll.« Er drückte seinen Bruder rücklings gegen einen der steinernen Wächter und hielt ihn fest. »Atme ein paarmal tief durch und beruhige dich.«

Tomas versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien. »Ich muss zurück nach draußen. Irgendwo in der Nähe steht ein Panzer.«

»Das hat der Direktor schon versucht. Er war drei Mal im Hotel Palästina und hat das Militär um Hilfe gebeten. Keine Chance. Komm jetzt, Samuel wartet auf uns. Wir sind schon spät dran.«

»Ich kann das nicht. Wir sind nicht besser als diese Diebe hier.«

»Würdest du es lieber für die Plünderer zurücklassen?«

Tomas machte einen weiteren matten Versuch, sich zu weigern, doch diesmal gab Ari nicht nach. Sie eilten durch dunkle Korridore zu einer kleinen und staubigen Restaurationswerkstatt.

Ein kleiner, älterer Mann wartete dort auf sie, das Gesicht starr und angespannt vor Nervosität. Als er die beiden Brüder erblickte, seufzte Samuel Diakos erleichtert auf. »Endlich! Ich habe mir schon große Sorgen gemacht.«

Tomas presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. »Sehen wir endlich zu, dass wir die Sache zu Ende bringen. Möge Gott uns gnädig sein!« Auf dem Fußboden lagen zertrümmerte Tongefäße, als ob ein Wirbelsturm durch den Raum gefahren wäre.

Samuel hörte ihm nicht mehr zu. Schneller und gewandter, als man es von einem Mann seines Alters erwarten konnte, eilte er zu einer Reihe vollgestopfter Regale vor der hinteren Wand. Ari stemmte sich mit der Schulter gegen das letzte Regal in der Reihe und schob es von der Wand weg. Dahinter kam eine kleine, quadratische Stahltür zum Vorschein.

Samuel ging auf die Knie hinunter. »Ich glaube nicht, dass sich jemand an dem Schloss zu schaffen gemacht hat.« Er gab Ari mit einer Geste zu verstehen, er solle den Leinensack, den sie mitgebracht hatten, auf einen langen Tisch legen, auf dem sich Verpackungsmull, Staubpinsel und Messwerkzeuge befanden, die zur Bearbeitung der daneben liegenden Tontafeln und geborstenen Inschriftenplatten dienten.

Samuel öffnete die Stahltür und warf einen Blick in das dunkle Innere des Tresors. »Es ist noch da. Wir sind rechtzeitig hergekommen.« Er holte den schweren rechteckigen Basaltklotz heraus und legte ihn behutsam auf den Tisch.

Eine schwarz gekleidete Gestalt, die Griffe einer Reisetasche über der Schulter, erschien in der Türöffnung. Samuel, der mit der Inschrift beschäftigt war, bemerkte ihn zuerst gar nicht, doch Ari und Tomas beeilten sich, dem Mann den Weg zu versperren. Der Dieb nahm die Tasche von der Schulter und stellte sie vorsichtig auf den Fußboden. Er winkte Samuel zu. »Das nehme ich an mich«, sagte er.

»Verschwinden Sie!« Tomas attackierte den Mann.

Der Dieb holte aus und versetzte ihm einen wuchtigen Tritt in den Unterleib. Tomas knickte schmerzgepeinigt nach vorne ein und sackte zu Boden. Das Kampfmesser lag plötzlich in der Hand des Diebs. Ari machte einen Schritt über Tomas hinweg, stoppte die Vorwärtsbewegung der Messerhand und verpasste dem Mann einen kraftvollen Boxhieb vor die Brust. Der Mann taumelte zurück, drehte das Messer jedoch gleichzeitig, sodass dessen rasiermesserscharfe Spitze Aris Handfläche traf und sie aufschlitzte. Blut sprudelte zwischen den Hautlappen der Wunde hervor.

Der Dieb hielt die Waffe locker in der Hand, bereit, den tödlichen Stoß auszuführen. Er glaubte, dass das Messer fähig war, Blut zu wittern. Genauso wie eine Wünschelrute Wasser aufspüren konnte, konnte das Messer die Position einer Arterie wahrnehmen und sie durchtrennen.

»Nein!« Samuel hielt die bereits in Tücher gehüllte Schriftplatte hoch. »Ich gebe sie Ihnen. Nehmen Sie sie. Lassen Sie sie am Leben.«

»Du bist alt. Du könntest mich sowieso nicht aufhalten«, meinte der Dieb spöttisch, während er seine Reisetasche hochhob und sie Samuel reichte. »Hinein damit!«

Samuel gehorchte.

Am Eingang entstand Unruhe, als eine Gruppe Plünderer eine Schubkarre durch die Türöffnung schob. Sie blieben bei dem sich bietenden Anblick wie angewurzelt stehen: Tomas wand sich auf dem Boden, während Ari erfolglos versuchte, den Blutstrom zu stoppen, der sich aus der offenen Handfläche ergoss.

Der Dieb schnappte sich seine Reisetasche und ging lässig zur Tür. Er richtete die Spitze seines Kampfmessers auf die Plünderer. »Platz da!«, sagte er.

Entsetzt ließen sie die Schubkarre stehen und wichen zurück. Der Dieb verschwand in dem dunklen Korridor hinter ihnen.

Draußen war die Nacht angebrochen. Leute hasteten hin und her, weiße Phantome im nächtlichen Dunkel, beladen mit Beutesäcken und Pappkartons. Ein Mann schleppte einen Computermonitor, dessen Kabel sich wie Luftschlangen um seinen Hals ringelten. Ein anderer zog ein Sofa hinter sich her, dessen Chromfüße tiefe Furchen ins Erdreich gruben.

Als sie endlich ihren Toyota erreichten, ließ Tomas sich wütend in den Fahrersitz fallen. Ari stieg ein und hielt sich die mit Verpackungsmull notdürftig verbundene Hand. Samuel nahm den Rücksitz und legte den Leinensack neben sich. »Jetzt kommt alles in Ordnung«, sagte er. »Das Schlimmste ist vorbei.«

»Was meinst du?«, bellte Tomas. »Das Ganze war ein totaler Reinfall!«

»Immerhin leben wir noch. Und das ist viel wichtiger.«

»Du solltest ihm gut zuhören, Tomas«, sagte Ari, »er hat nämlich recht.«

»Und außerdem«, fuhr Samuel in aller Ruhe fort, »habe ich ihm die falsche Inschrift gegeben. Die richtige Tafel befindet sich in diesem Sack. Fahr endlich los. Wir sollten schnellstens von hier verschwinden.«

In der Nähe von Tell al-Rimah, Irak
20. April 2003

Die Sonne genau über ihrem Kopf verriet Hanna, dass die Mittagsstunde angebrochen war. Die Hitze hatte ihren Körper völlig ausgelaugt. Ihre Augenlider brannten. Sie träumte von Wasser – von dem Gefühl kühler Flüssigkeit, die durch ihre Kehle rann, von schilfbedeckten Tümpeln am Rand des Tigris, von eiskalten Wassertropfen auf alten Felswänden. Sie war im Begriff, den Verstand zu verlieren, und sie wusste es.

Bei Tagesanbruch hatten raue Männerhände sie vor eine ausgehobene Grube geschleift. Sie hatten ihr die Arme auf den Rücken gedreht und sie an einen Pfahl gefesselt. Die Spaten und Schaufeln, die sie benutzt hatten, um die Grube zu graben und einen Erdhügel aufzuhäufen, der ihr bis zur Hüfte reichte, waren ihr anschließend vor die Füße geworfen worden.

Hanna beobachtete, wie die drei Männer zurückkehrten und sich bückten, um Steine so groß wie Kinderfäuste aufzusammeln. Jeder davon war groß genug, um eine blutende Wunde zu erzeugen, aber nicht so groß, um sofort tödlich zu treffen. Sie legten die Steine am Rand der Grube zu einem kleinen Haufen zusammen.

Einer der Männer trennte sich von der Gruppe und kam über den Abhang zu ihr herunter. Er war hager und hatte strubbeliges schwarzes Haar, das einen starken Kontrast zu seiner Haut bildete, die für jemanden, der so viele Stunden in der unbarmherzigen Sonne gearbeitet hatte, unnatürlich weiß war. Auf seinem linken Handgelenk war eine rote Tätowierung zu erkennen. Er zog ihr Kopftuch herab, sodass es sich um ihren Hals bauschte. Dann beugte er sich vor, bis sein Gesicht nur noch wenig Zentimeter von dem ihren entfernt war, und senkte die Stimme, so dass nur sie ihn verstehen konnte.

»Wohin haben Sie die Inschrift gebracht? Verraten Sie es mir und ich verschone Sie.«

Hanna sagte nichts, weil sie spürte, dass er log.

»Sie spüren die Hitze, nicht wahr, Hanna?« Er griff in eine Tasche und holte eine grüne, mit Wasser gefüllte Flasche hervor. Er schraubte sie auf und berührte mit der nassen Öffnung des Flaschenhalses ihre Lippen. Als sie den Mund öffnete, zog er die Flasche grausam weg. »Sie können so viel Wasser kriegen, wie Sie wollen – sagen Sie mir nur, was ich wissen will.«

Sie schüttelte matt den Kopf. Ihre Hände waren taub, und ihr Körper fühlte sich trotz der Hitze des Tages seltsam kalt an. »Ich weiß es nicht«, erwiderte sie. »Samuel wollte es mir nicht sagen.«

»Das ist eine Lüge. Sie waren eine seiner engsten Mitarbeiterinnen.«

»Schon lange nicht mehr. Ich habe nichts von ihm gehört. Er misstraute mir, nachdem ich das erste Mal versucht habe, sie zu stehlen.«

»Was hat er Ihnen angeboten?«

Hanna wollte sich mit einem spöttischen Lachen revanchieren, doch ihre geschwollene Zunge verhinderte das. Speicheltropfen sickerten aus ihren Mundwinkeln. Sie war so unendlich müde. Sie sah ihn an und dachte an die Sandvipern, die sich halb eingraben und darauf lauern, den Fuß anzugreifen, der ihnen zu nahe kommt. Seine Augen waren genau wie die Schlangenaugen: halb zugedeckt, rot gerändert und so hell, dass sie fast gelb erschienen.

Ihre Worte kamen im Flüsterton. »Nichts. Warum sollte ich mich auf Ihre Seite schlagen wollen, wenn ich Samuel Geld aus der Tasche locken könnte?«

»Woher wusste er dann, dass ich zum Museum kommen wollte? Er war auf mich vorbereitet. Diese Information konnte er nur von Ihnen haben.«

»Sie wissen doch, wie es hier läuft. Irgendetwas sickert immer durch. Niemand kann ein Geheimnis lange bewahren.«

»Ihr Opfer ist völlig sinnlos. Wir finden das Ding sowieso.«

Sie roch seinen Schweiß und fragte sich, ob auch er auf irgendeine Art und Weise Angst hatte. Hatte sie überhaupt irgendeine Chance bei ihm? »O Gott. Lassen Sie mich laufen. Ich sterbe hier draußen.«

In einem Wutanfall schleuderte er die Flasche weg. Sie zerschellte auf einem Felsklotz. Grüne Glassplitter regneten in den Sand und blinkten im Sonnenlicht. »Soll der Teufel Sie holen.« Seine Worte waren schmerzhaft wie Peitschenhiebe. Er stieg den Abhang hinauf.

»Hanna hat uns verraten«, rief er den anderen zu. Er hob die linke Hand, bildete das Zeichen des Horns, indem er Zeigefinger und kleinen Finger ausstreckte und ihr einen schrecklichen Fluch schickte. Er hob einen der gesammelten Steine auf, ging zu dem kleineren der beiden anderen Männer hinüber und drückte ihm den Stein in die zitternde Hand. »Steinigt sie.«

»Sie haben gesagt, Sie wollten ihr nur ein wenig Angst machen. Sie ist schon jetzt in einem schlimmen Zustand. Das geht zu weit.«

»Sie glaubt immer noch nicht, dass wir es ernst meinen.«

»Vielleicht weiß sie ja wirklich nichts.«

»Sie weiß es. Tu einfach, was ich sage.«

Der Mann zielte und suchte eine Stelle, wo ein Treffer die geringste Wirkung haben würde. Der Stein streifte Hannas Schulter und landete harmlos im Sand.

»Du willst sie schonen!«, brüllte er wütend. »Shim, zeig ihm, wie es richtig gemacht wird!«

Ein Riese von einem Mann trat vor. Instinktiv duckte der Kleinere sich und wich zurück, nachdem er schon einmal miterlebt hatte, welchen Schaden sein Kollege anrichten konnte. Der Riese bückte sich schwerfällig, hob zwei Steine auf und schleuderte sie mit aller Kraft auf sein Ziel.

Hanna schrie auf. Ihr Körper zuckte unkontrolliert, als einer der Steine in ihr Gesicht krachte und der andere sich in das weiche Gewebe ihres Leibes grub. Nach diesen Treffern verlor sie jedes Gefühl für Ort und Zeit.

Wie aus Mitgefühl für ihre Qualen schien sich das Licht zu verändern. Die Sonne färbte sich dunkelorange, des Himmels Blau wandelte sich zu Ocker. In der brutalen Hitze schien der Untergrund zu beben und Wellen zu schlagen, als bewegte sich eine riesige Schlange dicht unter seiner Oberfläche. Es wurde gespenstisch still bis auf das leise Summen von Millionen von Sandpartikeln, die aneinanderrieben.

Die Männer blickten nach Norden. »Ein Schamalwind«, sagte einer von ihnen. »Seht doch.«

Es schien, als sei am flachen Horizont plötzlich ein Berg entstanden. Zuerst war da nur eine leichte Wölbung, doch sie wuchs rasend schnell. Innerhalb weniger Minuten war eine viele Meter hohe Sandwelle zu erkennen. Sie rollte wie ein gigantischer Tsunami auf sie zu. Bläuliche Blitze zuckten durch die rötlichen Staubwolken. Die Araber nannten diese Erscheinung Kamasin. Der Begriff leitete sich von dem Wort für »fünfzig« ab, weil solche Stürme, wenn sie erst einmal ihre volle Kraft entfaltet haben, bis zu fünfzig Tage lang dauern können.

Sie stürmten los und wussten gleichzeitig, dass es nahezu unmöglich war, dieser Sandwalze rennend zu entkommen. Der kleinere Mann stolperte und stürzte auf einen scharfkantigen, aus dem Sand ragenden Felsen. Ein brennender Schmerz schoss durch sein Bein. Er kämpfte sich hoch, umklammerte mit den Händen sein verletztes Knie und stolperte weiter. Die beiden anderen hatten den ramponierten GM-Pick-up bereits erreicht. Sie rissen die Türen auf und stiegen ein. Der Motor sprang an.

»Wartet!«, rief der kleinere Mann. »Was habt ihr vor?«

Die Wagentüren wurden geschlossen. Die Reifen wühlten den sandigen Untergrund auf. Der Fahrer setzte zurück. Die Räder fanden Widerstand und der Lastwagen wandte sich nach Süden. Der kleinere Mann zwang sich zu einer schnelleren Gangart und ignorierte die bohrenden Schmerzen. Er streckte die Arme vor wie ein Bettler, der um eine milde Gabe bat. Die Scheinwerfer des Trucks flammten auf und blendeten den Mann für einen kurzen Moment. Seine letzten Worte wurden vom Aufheulen des Motors und dem aufkommenden Sturm verschluckt.

Hanna, die kurz davorstand, das Bewusstsein zu verlieren, spürte flüchtig einen neuen Wind in ihrem Gesicht und gleichzeitig das Prickeln scharfkantiger Sandkörner auf ihrer Haut. Sie hing am Pfahl wie eine kraftlose Puppe, während ihr Kopftuch hochflatterte wie ein Vorbote des heranrasenden Sturms.

Erster Teil

Das Spiel

WingedBull.jpg

»Denn wisset wohl: Ich will gegen Babylon ein großes Völkerheer aufbieten und aus dem Nordland heranziehen lassen; die sollen sich gegen die Stadt aufstellen: Von dort her wird sie erobert werden. Ihre Pfeile sind wie die eines tüchtigen Kriegshelden, der nie mit leeren Händen heimkehrt.

So wird denn das Chaldäerland ausgeraubt werden: Alle, die es plündern, sollen satt werden!« – so lautet der Ausspruch des Herrn.

Jeremia 50,9–10

Kapitel Eins

Samstag, 2. August 2003, 22:30 Uhr

In den Wochen seit dem Unfall bin ich dem Zusammentreffen mit Freunden, die meinen Bruder gekannt und geliebt haben, aus dem Weg gegangen. Wenn unsere Wege sich trotzdem zufälligerweise kreuzten, sagten sie meistens: »Es ist ein Wunder, dass du das überlebt hast, John«, allerdings in einem Tonfall, der das Gegenteil meinte.

Ich trug diesen einen dunklen Moment auf der Schnellstraße wie ein leuchtend rotes Kainsmal auf der Stirn.

Um weitere zufällige Begegnungen zu vermeiden, kam ich mit Absicht erst sehr spät zu Hal Vanderlins Party in seinem New Yorker Haus in der 20. Straße West, in der Hoffnung, dass die meisten Gäste sich bis dahin bereits verabschiedet hatten. Ich hatte mir eigentlich gar nicht die Mühe machen wollen, hinzugehen, aber Hal hatte sich in letzter Zeit rargemacht und weder meine Anrufe noch meine E-Mails beantwortet. Er schuldete mir noch immer einen ansehnlichen Geldbetrag, und diese Party war meine einzige sichere Chance, mit ihm zu reden.

Als Kind hatte ich Stunden damit verbracht, das Stadthaus der Vanderlins mit der Nummer 342 zu erforschen, war durch das düstere Labyrinth seiner Flure gewandert und hatte Türen zu schweigenden Räumen geöffnet. Die meisten enthielten Möbel aus einer längst versunkenen Zeit – Polstersessel mit burgunderroten Damastbezügen und mit reichhaltigen Schnitzereien verzierten Nussbaumrahmen, auf den Arm- und Kopflehnen Schutzdecken aus handgeklöppelter weißer Spitze. Kleiderschränke, Bücherregale und Schreibtische rochen nach Kampfer und altem Mahagoni. Das reinste Geisterhaus. So war es mir damals vorgekommen.

Von allen Räumen war mir jener der liebste, den ich das Ewigkeitszimmer nannte. Er hatte einen rechteckigen Grundriss, befand sich im obersten Stockwerk und kam einem kleinen Jungen wie mir riesig vor. Zwei große Spiegel hingen an gegenüberliegenden Wänden. Wenn ich mich genau in die Mitte zwischen sie stellte, konnte ich miterleben, wie ich mich in einer endlosen Folge in nichts auflöste. Wenn ich die Lust an solchen einsamen Spielen verlor, rannte ich durch die Küche in den Garten hinter dem Haus, einem wahren Dschungel aus Bäumen und wild wuchernden Büschen. Ich spitzte Stöcke an, bastelte mir mit Nylonfäden Flitzebögen und legte mich auf die Lauer und wartete darauf, dass Zyklopen aus den Büschen herauskamen oder Riesen sich von Baum zu Baum schwangen.

Selbst diese unschuldigen Erinnerungen erhielten durch Samuels Tod einen bitteren Beigeschmack.

Als ich auf der Party erschien, waren nur noch die notorischen Dauergäste zugegen. Von diesen hatte Professor Colin Reed sich an eine Frau mit weißblondem Haar und porzellanblauen Augen herangemacht, von der ich annahm, dass sie soeben ihr Examen abgelegt hatte und daher als jagdbares Wild galt. Eine hautenge Hose und eine schlank geschnittene Seidenbluse unterstrichen ihren wohlgeformten, durchtrainierten Körper.

Reed entfernte sich, um, wie ich vermutete, frische Drinks zu besorgen. Als ich mich suchend nach Hal umschaute, trafen sich unsere Blicke. Ich erwiderte ihr Lächeln.

»Ich bin Eris«, sagte sie, als wir uns einander so weit genähert hatten, dass wir uns verstehen konnten.

»John Madison.« Sie machte einen weiteren Schritt auf mich zu.

»Gehören Sie zur Braut oder zum Bräutigam?«, fragte ich.

Ich bemerkte, wie ihre Augen größer wurden, als sie lachte. Sie waren von einem betörenden Blau, so intensiv, dass ich mich fragte, ob sie möglicherweise Kontaktlinsen trug, die ihre Augenfarbe verstärken. »Ja, es ist wirklich seltsam«, sagte sie, »manchmal sind diese Universitätspartys genauso tödlich wie die Hochzeit der eigenen Tante oder des eigenen Onkels zweiten Grades.«

»Waren Sie auf der NYU

»Nein, ich habe mein Examen am MIT gemacht. Und Sie?«

»An der Columbia. Aber das ist schon einige Zeit her. Hal und ich kennen uns eine halbe Ewigkeit. Wir sind seit unserer Kindheit miteinander befreundet und seit kurzem Geschäftspartner.«

»Ist er nicht Professor?«

»Ja. Ich bin Kunsthändler. Er hat über mich einige Kunstobjekte verkauft.«

»Ein Kunsthändler. Das ist wirklich exotisch. Demnach müssen Sie Millionär sein.« Sie kicherte verhalten, um mir zu zeigen, dass es nur ein Scherz war.

»Millionen von Dollars gehen durch meine Hände. Es tut weh, immer wieder mitzuerleben, wie sie auf dem Bankkonto von jemand anderem landen. Ich hätte es lieber mit Hedgefonds versuchen sollen.«

Das rief bei ihr ein weiteres Grinsen hervor. »Sind Sie nun ein Freund von Hal?«, wollte sie wissen.

»Mein älterer Bruder und sein Vater waren Freunde. Samuel hat mich bei seinen Besuchen immer hierher mitgenommen, und wenn Hal aus der Tagesschule oder dem Sommerlager nach Hause kam, haben wir gemeinsam die Zeit totgeschlagen. Er hatte nicht viele Freunde hier in der Stadt. Woher kennen Sie ihn denn?«

Sie gab mir darauf keine Antwort und ich bemerkte, wie sie einen hastigen Blick quer durch den Raum warf. Reed erschien im Türdurchgang. Sein buschiges blondes Haar, das senkrecht vom Schädel hochzustehen schien, war irgendwie verrutscht. Seine gerötete Nase deutete an, dass dies bei weitem nicht sein erster Drink war. Seine Augen schossen quer durch den Raum spitze Dolche auf mich ab. Ein deutliches Zeichen dafür, dass er sich ganz und gar nicht damit anfreunden konnte, dass ich das Objekt seiner Begierde mit Beschlag belegte.

Normalerweise lasse ich mich nicht so einfach beiseiteschieben, aber ich musste Hal finden. »Tut mir leid, dass ich nicht noch ein wenig bleiben und mich mit Ihnen unterhalten kann.« Ich holte eine Visitenkarte heraus und reichte sie ihr. »Ich muss dringend mit Hal reden. Rufen Sie mich an, wenn Sie Lust auf eine gemeinsame Tasse Kaffee oder irgendetwas anderes haben.«

Sie warf einen kurzen Blick auf die Karte und verstaute sie in ihrer Schultertasche. »Ich trinke nichts Koffeinhaltiges, aber ich liebe lange Spaziergänge am Strand und romantische Abendessen.«

Ich war jetzt mit Lachen an der Reihe. »Ich freue mich darauf«, sagte ich. Ich ging, ehe Colin Reed herüberkam und die Atmosphäre störte.

Bevor ich das Haus durch den Hinterausgang verließ, um nach Hal zu suchen, legte ich David Ushers »Black Black Heart« in den CD-Player, drehte die Lautstärke hoch und öffnete ein Fenster, damit die Musik nach draußen drang. Usher hatte das Lied für eine Frau geschrieben, aber ich dachte immer, dass der Titel genau auf mich passte.

Ich ging hinaus auf den gepflasterten Weg. Mattes Licht drang aus den Fenstern und verlor sich im Gewirr des Gartens. Die Hitze der Augustnacht saugte den Duft aus den Espen und verteilte ihn in der Luft.

Ich machte einen tiefen Atemzug und fühlte mich fast zufrieden.

Ich fand Hal in dem kleinen Steinpavillon. Er saß in dem alten Korbsessel, den sein Vater stets benutzt hatte. Eine Öllampe hing an der hinteren Wand und verströmte einen angenehmen Zitrusduft. Einer seiner Ärmel war bis über den Ellbogen hochgekrempelt, und ein cremefarbener Gummigurt schnürte seinen Arm derart ab, dass das Fleisch Runzeln bildete.

Als Hal mich entdeckte, klappte er sein Feuerzeug zu und legte einen Teelöffel auf den Tisch neben einen verschließbaren Plastikbeutel, der ein grauweißes Pulver enthielt. »John, dein Timing ist wieder einmal absolut perfekt.«

Ich trat durch den Bogeneingang und setzte mich auf den Vorsprung der Mauer, die eine Seite des Pavillons bildete. Ich warf einen Blick zurück, um nachzusehen, ob noch jemand anderer aus dem Haus gekommen war, dann zog ich eine der Jalousien herunter. Eine Motte flatterte aus der Rolle heraus, die weißen Flügel so dünn wie Seidenpapier.

Man hätte annehmen können, dass Hal es war, der soeben einen Unfall überlebt hatte, und nicht ich. Ich erschrak, wie zerbrechlich er aussah. Ein Muster violetter Blutergüsse zierte seinen nackten Arm; frische Einstichwunden und alte Injektionsnarben. Mit dreiunddreißig war er nur ein Jahr älter als ich, sah jedoch eher aus wie fünfzig.

Er runzelte die Stirn. »Du bist noch immer ein freier Mann.«

»Natürlich. Warum auch nicht?«

»In den Zeitungen war von einem Strafverfahren die Rede. Es heißt, du hättest dich nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung gehalten.«

»Der Unfall liegt sechs Wochen zurück und bisher ist nichts geschehen. Du weißt, wie immer übertrieben wird. Ich bin diese Strecke eine Million Mal gefahren. Du könntest mir die Augen verbinden.«

Er hob die Schultern. »Nun, im Augenblick haben wir nur dein Wort. Samuel kann sich nicht mehr dazu äußern.«

»Hal, du bist gerade im Begriff, dir einen Schuss zu setzen. Also erzähl mir nichts über natürliche Risiken.«

Er lachte. »Hier gibt es keine Gefahr. Außer du hast das Pech, absolut reinen Stoff zu erwischen.«

Seine Sucht war für mich nichts Neues. Angefangen hatte es eher scherzhaft, doch dann wurde es zu einem täglichen Ritual. Unser geschäftliches Projekt, die Sammlung seines Vaters zu verkaufen, würde nicht mehr lange dauern, denn wir hatten bereits den größten Teil des Familienschatzes unter die Leute gebracht.

Er deutete auf den Löffel. »Ein Teil des kompletten Bestecksatzes, den Mutter zusammengeklaubt hat. Eine Auftragsarbeit des spanischen Herrschergeschlechts, heißt es. Sechzehntes Jahrhundert, vom Haus von Bourbon y Grecia. Ein Hochzeitsgeschenk, um die Verbindung von Kastilien, Aragon und Navarra zu feiern.«

Ich nahm den Löffel vorsichtig in die Hand. Ich wusste, dass Hal durchdrehen würde, wenn ich seinen kostbaren Inhalt verschüttete. Ich konnte das Wappen auf dem Griff erkennen: in der unteren Hälfte ein Schild, in den oberen Vierteln ein drohend aufgerichteter Löwe und eine Burg, darüber eine Krone. Als Kunst- und Antiquitätenhändler hatte ich auf die harte Tour einiges gelernt, was das Erkennen von Fälschungen betrifft.

Ich legte den Löffel zurück auf den Tisch und seufzte. »Du weißt, dass dieses Besteck nicht echt ist, sonst hättest du es längst verkauft.«

»Du hast natürlich recht. Es war das Einzige, was Mutter ohne unseren Rat gekauft hat. Sie war damit so glücklich. Vater erkannte auf Anhieb, dass es bloß eine Kopie war. ›Und dazu noch eine schlechte Kopie‹, höre ich ihn heute noch sagen. Es hat ihn zwei Wochen lang köstlich amüsiert. Wie immer habe ich sie vehement verteidigt. Ich schaffe es einfach nicht, es zu verkaufen.«

»Hal, ich bin heute nur hierhergekommen, weil du mir aus dem Weg gehst. Du schuldest mir von dem, was ich dir geliehen habe, noch fast zweitausend Dollar. Wann kriege ich das Geld zu sehen?«

»Ich habe eine lange Liste von Gläubigern. Du kannst dich gerne hinten anstellen.«

Meine Stimme wurde ein wenig lauter. »Wie witzig. Das ist aber nicht das, was du gesagt hast, als ich dir das Geld gab.«

Hal krümmte sich, als ob ich einen besonders empfindlichen Nerv getroffen hätte. »Du bist so aggressiv, Madison. So ganz anders als dein Bruder. Samuel hat mich gelehrt, die Schönheit alter Stücke und ihre Geschichten zu würdigen. Es ist für mich schon schwer genug, die Besitztümer meines Vaters zu verkaufen, aber dir geht es nur um Dollars. So war es schon immer zwischen uns. ›Ich zuerst‹, das ist dein Motto.«

Unsere Beziehung hatte von Anfang an zwischen heiß und kalt geschwankt, doch diesmal war ich nicht bereit, auf seine schlechte Laune Rücksicht zu nehmen, und meine Verärgerung steigerte sich zu heftigem Zorn. »Ich habe mich noch immer nicht von diesem Unfall erholt und ich habe meinen einzigen Bruder verloren. Wage ja nicht, ihn als Argument gegen mich zu benutzen!«

»Und ich bin im Begriff, meinen Job zu verlieren. Colin Reed, der in diesem Moment ausgiebig meine Gastfreundschaft genießt, sich mit meinen besten Spirituosen abfüllt und den Weibern nachsteigt, hat mir heute am späten Nachmittag meine Entlassungspapiere überreicht. Ich habe es zu spät mitbekommen, um die Party noch abzusagen. Ich wusste, dass sie mir keine feste Anstellung geben würden, aber das hatte ich wirklich nicht erwartet. Und er hat die Stirn, hier zu erscheinen. Ich bin ernsthaft pleite. Nicht einmal du kannst noch etwas aus einem Stein auspressen.«

Ich murmelte etwas in der Richtung, dass dies traurige Neuigkeiten seien.

Er wischte meine Bemerkung mit einer Handbewegung weg. »Du wirst dein Geld schon in Kürze kriegen. Ich besitze etwas, das unendlich viel mehr wert ist als ein Klumpen Silber.«

»Was denn?« Ich war ein wenig überrascht, dass er etwas vor mir zurückgehalten hatte. »Du versuchst doch nicht etwa, es selbst zu verkaufen, oder?«

Er zurrte den Gummigurt um seinen Arm wieder fest und ignorierte mich.

»Hal, ehe du ins Nirwana abfliegst, hör mir wenigstens zu. Bisher bist du mit den Preisen, die ich für dich erzielen konnte, immer zufrieden gewesen. Wenn das, was du besitzt, tatsächlich so wertvoll ist, wie du sagst, könnte man dich am Ende über den Tisch ziehen. Verkauf es über mich, und du kannst mich auf diese Art und Weise auszahlen. Sei um Himmels willen nicht so stur.«

»Du hast durch mich genug verdient. Diesmal bin ich an der Reihe.« Hal brachte ein Lächeln zustande und setzte seine Vorbereitungen fort, ein Ritual, das er genauso zu genießen schien wie den darauf folgenden Rauschzustand.

Er griff nach der Injektionsspritze, zog die Kappe ab und ließ sie auf den Tisch fallen. Die Nadel war nicht dicker als ein menschliches Haar. Er zog die Flüssigkeit in den Glaskörper und klopfte die Luftbläschen heraus. Während er die linke Hand zur Faust ballte, stach er die Spitze der Injektionsnadel in die Haut und drückte den Kolben nach unten. Ein winziger Tropfen erschien an der Einstichstelle.

Er legte den Kopf nach hinten auf die Rückenlehne des Korbsessels, als ob er sich ausruhen wollte. Angewidert verließ ich ihn, während er verträumt und mit halb offenem Mund in die Gegend starrte. Hatte er tatsächlich etwas Wertvolles gefunden? Ich bezweifelte es. Aber warum wollte er es, was immer es war, um jeden Preis vor mir verstecken?

Kapitel Zwei

Wieder zu Hause, holte ich eine eisgekühlte Flasche Bier aus dem Kühlschrank und nahm sie mit auf den Balkon. Der unverwechselbare Geruch von Marihuana lag in der warmen Nachtluft. Das war einer der großen Vorteile, wenn man in direkter Nähe der Clubs von Greenwich Village wohnte: Man wurde durch bloßes Atmen schon high. Ein ungewisses gelbliches Licht, erzeugt von den Reklameschriften und den Straßenlampen, lag über der Szenerie. Gruppen von Clubgästen unterhielten sich lautstark, Mädchen in Vierhundertdollarjeans und zehn Zentimeter hohen High Heels flanierten auf den Bürgersteigen, verfolgt von Männern, die versuchten, sie anzusprechen, und dabei kein Glück hatten.

Obgleich Samuel und ich uns die Wohnung geteilt hatten, waren wir während der letzten Jahre eher wie Schiffe gewesen, die sich auf dem weiten Ozean zufällig nachts begegnen, da er häufig an irgendwelchen Ausgrabungen teilnahm und ich ständig zu einem Kunden unterwegs war. Wir liebten diesen Ort; er war für uns beide ein wahres Refugium. Was angesichts unserer beruflichen Tätigkeit überraschte, war, dass die Möbel durchaus modern aussahen. Wir besaßen allerdings auch einige ältere Stücke – wertvolle turkmenische Teppiche, skandinavische Teakmöbel aus den Sechzigerjahren, die ich bei einem Händler gefunden hatte, der gerade im Begriff gewesen war, sein Geschäft zu schließen, sowie diverse Eames-Lampen und -Leuchter. Die hohen Decken vermittelten einen Eindruck von Geräumigkeit, und am Tag strömte reichlich Licht durch die hohen Fenster. An den wenigen Winterabenden, die ich allein in der Wohnung verbrachte, saß ich am liebsten vor dem Gaskamin, hörte Musik und schaute dem Schneetreiben draußen zu. Ich legte den großen Roy Orbison oder Diana Krall in den CD-Player und ließ mir von ihren Stimmen die Seele streicheln.

Allein an die guten Zeiten zu denken, die wir erlebt hatten, als wir unsere Wohnung im Laufe der Jahre einrichteten, ließ den Schmerz über den Verlust sofort wieder aufflammen. Und wenn die Erinnerungen an Samuel mich geradezu überrollten, wie es häufig geschah, dauerte es lange, bis ich mein inneres Gleichgewicht wiederfand.

Seit meiner Entlassung aus dem Krankenhaus hatte ich nicht den Mut aufgebracht, Samuels Wohnbereich zu betreten. Seine Habseligkeiten lauerten dort abweisend und warnten mich stumm, die Tür zu öffnen und in ihnen herumzukramen. Die meisten Stücke waren im Laufe der Jahrzehnte auf Reisen in die Ägäis oder in den Nahen Osten zusammengetragen worden. Darunter befand sich ein seltener Jaf-Teppich mit Brokatkanten, dessen zinnoberrote und kobaltblaue Knüpffäden noch genauso leuchteten wie an dem Tag, an dem sie verarbeitet worden waren. Dann war da ein Brautgürtel aus gehämmertem Silber aus der ottomanischen Periode in Anatolien. Seine Bücher. Eine Ausgabe von Sieben Säulen der Weisheit mit einer handschriftlichen Widmung von T. E. Lawrence. Eine Erstausgabe von Lawrence Durrells Alexandria-Quartett. Ich hatte keine Hemmungen gehabt, Hal dabei zu helfen, sein Erbe unter den Hammer zu bringen, aber ich würde mich niemals von einem eigenen Erbstück trennen.

Der Gedanke an meine Erbschaft führte mich zurück zu meinem siebten Geburtstag, einem stürmischen Novembertag, als Samuel und ich zu einem unserer Lieblingsorte fuhren, einer Stadt am Ontario-See, in der ein enger Freund der Familie wohnte. Abgesehen von den vierzig Jahren Altersunterschied waren wir schon damals grundlegend verschieden. Ich impulsiv und fordernd; Samuel reserviert und maßvoll. Manchmal glaubte ich, dass er sogar darüber nachdachte, ehe er einen Schritt ausführte. Später war ich dann größer als er, hatte eine stämmige Figur entwickelt und besaß das dunkle Haar und die Augen unserer mediterranen Vorfahren. Er hatte hellgraue Augen und einen blassen Teint, wie er eher für Nordeuropäer typisch ist.

An jenem Tag war draußen kaum jemand zu sehen gewesen, nur ein einsamer Jogger und ein Ehepaar mit seinen Labradorhunden. Die Hunde holten Stöcke, die in den See geworfen wurden, und ließen sich auch durch das eiskalte Wasser nicht von ihrem Spiel abhalten. Samuel hatte meine Hand gefasst und ich drängte mich an ihn, während wir durch den körnigen Sand stapften. »Weißt du, John«, sagte er, »überall um uns herum gibt es Wunder über Wunder, aber die meisten Menschen nehmen sich nicht die Zeit, sie zu suchen. Sie sind viel zu sehr mit ihren Alltagssorgen beschäftigt.«

Die Parkverwaltung hatte bereits einen rostfarbenen Lattenzaun aufgestellt, um die winterlichen Winde daran zu hindern, Schnee auf den Gehweg zu wehen; ein Band welken Laubs lag an seinem Rand. Das Wasser war stahlgrau. Gischt wurde hochgeschleudert, wenn die Wellen sich an den Felsen brachen. Kein Salzgeruch lag in der Luft und es wurde auch kein Seetang an den Strand gespült; anderenfalls hätte man schwören können, am Ufer eines Ozeans zu stehen.

Ich dachte über das nach, was er gerade gesagt hatte, und erinnerte mich an einen Nachmittag im Sommer, als ich am Strand zwei Gläser mit winzigen bunten Glasscherben gefüllt hatte, die vom Wellengang rund und glatt geschliffen worden waren.

»Wie die Edelsteine, die ich im vergangenen Jahr gefunden habe?«, fragte ich ihn. Es hatte mich verwundert, dass derart schöne Objekte auf der Erde herumlagen und nur darauf warteten, aufgehoben zu werden. Die grünen, von denen ich die meisten hatte, waren meine Smaragde, die blauen meine Saphire. Gelegentlich fand ich auch einen Bernstein oder einen ganz seltenen Rubin.

»Ja, genau so«, sagte Sam. »Schauen wir mal in der Nähe der Felsen nach. Wer weiß? Vielleicht finden wir dort etwas.«

Es dauerte nicht lange, bis wir die Flasche entdeckten, die zwischen zwei größeren Steinen eingeklemmt war. Samuel musste mir dabei helfen, sie herauszuziehen. Es war eine mit einem Korken verschlossene, blassblaue Glasflasche. Darin konnte ich ein Stück zusammengerolltes, elfenbeinfarbenes Papier erkennen. Der Korken saß nicht sehr fest, und ich konnte das Papier schon bald aus der Flasche ziehen.

Samuel breitete es auf der ebenen Oberfläche eines größeren Steins aus und strich es glatt. »Nun, John«, verkündete er, »ich glaube, du hast eine Schatzkarte gefunden.«

Wäre ich ein wenig älter gewesen, hätte ich den Schwindel sicherlich sofort durchschaut. Als kleiner Junge konnte ich meine Begeisterung kaum im Zaum halten, während wir sorgfältig die auf der Karte angegebenen Schritte abzählten. Einhundert Schritte bis zu der Blaufichte. Vierzig bis zu dem Trinkbrunnen am Musikpavillon und zurück zum Bootshaus.

Wir gelangten schließlich zu einem Blumenbeet hinter einer Zedernhecke, auf dem bemerkenswerterweise eine einzige Rose übrig geblieben war.

»Der Schatz liegt unter dem Zeichen der Rose, steht hier geschrieben«, sagte Samuel.

Indem ich mich auf die Knie fallen ließ, bearbeitete ich das lockere Erdreich unter der Pflanze mit einem Stock. Samuel kniete neben mir. Sein altmodisches Jackett aus Harris Tweed bauschte sich im Wind, seine Fingernägel hatten dunkle Schmutzränder.

Er spielte seine Rolle wirklich überzeugend.

Mit einem Papiertuch wischten wir vorsichtig die restliche Erde weg und hoben einen kleinen Kasten aus der flachen Grube, die wir gegraben hatten. Er war an einem Ende abgerundet, am anderen Ende quadratisch. Es war typisch für Samuel, dass er den Kasten nicht mit irgendwelchem Kinderkram gefüllt hatte, sondern mit Gegenständen, die einen echten Wert besaßen. Ich öffnete einen kleinen Stoffbeutel, der sieben Goldmünzen enthielt. Ich holte sie heraus, betrachtete die ungewöhnlichen Bilder und spürte ihr Gewicht, als ich sie in den Händen wog. Da war auch eine Kupferscheibe, vom Alter grün verfärbt, mit dem Bild eines Vogels auf einer Seite, sowie ein steinernes Siegel und ein goldener Schlüssel. Später probierte ich den Schlüssel an jedem Schloss in unserem Haus aus, aber ich bekam nie heraus, was sich damit öffnen ließ. Im Kasten befand sich außerdem eine kleine Emailleschachtel, darin das vergilbte Foto einer Frau im Profil. Auf der Rückseite war eine Inschrift in Buchstaben, die ich nicht kannte.

»Bewahre diese Dinge an einem sicheren Ort auf«, sagte Samuel. »Sie werden eines Tages für dich von großer Bedeutung sein.«

Mein Mobiltelefon trällerte und holte mich in die Gegenwart zurück. Ich schaute auf die Uhr. Fast halb eins.

Ich drückte auf die Taste, um das Gespräch anzunehmen, und hoffte, die Stimme der blonden Frau zu hören, doch es war nur Hal, der kaum zu verstehen war. Ich konnte nur meinen Namen heraushören und sonst nichts. Danach eine Pause von fast einer Minute, in der nur mühsames Atmen zu hören war.

Seine Stimme wurde deutlicher. »John, bist du da? Komm zurück ins Haus. Ich brauche dich.« Das Klappern, als sein Telefonhörer auf einen harten Untergrund fiel, ließ mich erschrocken zusammenzucken. Die Verbindung wurde unterbrochen.

Ich konnte mich nicht erinnern, dass Hal irgendwann, seit wir erwachsen waren, jemals bei irgendetwas Persönlichem meine Hilfe gesucht hatte. Dass er jetzt darum bat, war ein deutliches Zeichen dafür, dass er in echten Schwierigkeiten stecken musste. Ich schnappte mir meine Wagenschlüssel, rannte die Hintertreppe hinunter, um Zeit zu sparen, und stieg in meinen Wagen. Nachdem ich wie ein Verrückter durch die Straßen gekurvt war und jede Geschwindigkeitsbegrenzung missachtet hatte, parkte ich vor der Kirche in der Nähe von Hals Stadthaus. Die Straße war ungewöhnlicherweise völlig menschenleer und düster. Die großen Häuser wirkten in der Dunkelheit wie riesige Mausoleen, die von ihren Toten verlassen worden waren.

Ich stieg aus, tippte den Zahlencode für das Türschloss der Haustür ein und rannte durch die hallenden Flure und die Treppe hinunter, durch die Küche in den Garten. Ein Hund kläffte nebenan. Ansonsten war es totenstill.

Sicherheitsdetektoren registrierten meine Bewegungen, und Lampen flammten auf und sorgten im Garten für Licht. Ich sah Hal auf dem Zementboden des Pavillons liegen, einen Arm quer über die Stirn geworfen. Seine Augen standen weit offen und starrten ins Leere. Sein Gesicht erinnerte an Edward Munchs erstarrten Schrei.

Ich bückte mich, berührte die Haut an seinem Halsansatz und suchte den Pulsschlag in der weichen Halsbeuge. Ich versuchte, seinen Mund mit Gewalt zu schließen, und dachte in meiner Panik, dass ich ihn wiederbeleben könne, wenn ich das Gesicht nur in seinen normalen Zustand zurückversetzte. Ich versuchte, ihm die Augen zuzudrücken, doch sie sprangen auf beängstigende Weise sofort wieder auf, sobald ich meine Finger von den Lidern löste.

Ich griff nach seiner Hand, die bereits erkaltete, und wärmte sie. Mein Gott, Hal. Du mit deiner ständigen Klage, kein reines Heroin zu kriegen. Den Fehler macht man nur einmal.

Als meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte ich eine hässliche Wunde an seiner linken Hand erkennen, wahrscheinlich eine Folge seines Sturzes. Ich suchte nach meinem BlackBerry, um einen Krankenwagen zu rufen, und stellte fest, dass Hals Mobiltelefon unter seinem Sessel lag. Ich hob es auf. Die vordere Schale war geborsten, der Rand war schartig wie eine Säge aus schwarzem Plastik.

Hals Injektionsspritze lag immer noch auf dem Tisch neben einem leeren Glas. Bis auf ein paar winzige Krümel war die durchsichtige Plastiktüte, in der sich sein Heroin befunden hatte, leer. Der Hund begann wieder zu kläffen, diesmal in Form eines gelegentlichen schrillen Jaulens, als hätte er eine Beute gesichtet, der er jeden Moment den tödlichen Biss verpassen wollte.

Ich hörte scharrende Schritte auf den Steinplatten und richtete mich auf. Die blonde Frau, die ich kurz vorher kennengelernt hatte, stand da und starrte mich an, während ihr Gesicht die Andeutung eines Lächelns zeigte. Ihr Haar schimmerte im Licht der Gartenlampen wie helle, changierende Seide.

Sie sah immer noch so makellos aus wie auch schon früher am Abend, mit einer Ausnahme: ein Blutspritzer auf dem rechten Ärmel ihrer Bluse. Sie wirkte völlig entspannt, beinahe unbekümmert. Als wäre es völlig normal, dass Hal tot auf dem Fußboden des Gartenhäuschens lag. Sie kam ein paar Schritte auf mich zu.

»Hallo, John«, sagte sie. »So sehen wir uns wieder.«

Kapitel Drei

Ich kramte in meinem Gedächtnis, um ihren Namen zutage zu fördern. Erica oder Erin, so oder ähnlich. »Ist Ihnen nicht klar, was hier passiert ist?«

Sie kam näher und strich mit den Fingerspitzen über meinen Arm. »Der Name ist Eris. Wir haben uns auf der Party kennengelernt, erinnern Sie sich?«

Hatte sie Hal nicht gesehen? Vielleicht versperrte ich ihr die Sicht. Ich trat zur Seite.

Als ob sie es früher schon oft getan hätte, kniete sie neben ihm nieder, überprüfte seine Augen und drückte mit den Fingern gegen seinen Hals. Seufzend erhob sie sich wieder. »Ihm ist nicht mehr zu helfen. Aber ich glaube, das wissen Sie längst.« Sie sagte es voller Mitgefühl, doch dass sie überhaupt nicht erschrocken oder gar entsetzt wirkte, beunruhigte mich.

»Was ist mit ihm geschehen?«

»Ich habe genug Leichen wie diese gesehen. Er hat sich eine Überdosis verpasst.«

Ein Hecheln und Jaulen kam von der Tür nebenan. Der Hund des Nachbarn. Er kratzte wie wild am Holzzaun. Dass sie meinen Verdacht bestätigte, stürzte mich in ein Dilemma. Das Richtige wäre, die Polizei zu rufen, aber bei all den Drogen würden sie mich sofort zum Verdächtigen stempeln, zumal ich in meiner Jugend des Öfteren diesbezüglich mit dem Gesetz in Konflikt geraten war.

Als könnte sie meine Gedanken lesen, sagte sie: »Verwickeln Sie bloß nicht die Cops in diese Sache.«

»Warum nicht?«

»Sie haben sich mit ihm gestritten. Das Fenster hat offen gestanden. Die Leute haben Sie gehört.«

»Das war doch nichts.« Ich sah mich um. »Sind Sie allein hier? Wo ist Colin Reed?«

Sie verzog die Mundwinkel zu einem spöttischen Lächeln. »Reed hat sich vor einer Weile verabschiedet. Er interessierte sich nur für eine einzige Sache und verschwand, als ich ihm klarmachte, dass ich nicht mitspielen würde. Männer können manchmal wirklich enttäuschend sein.« Sie sagte das in einem lockeren Ton, als machte sie einen Scherz. »Ich habe meine Zeit mit ihm vergeudet, wenn ich sie hätte mit Ihnen verbringen können.« Sie hob Hals Plastikbeutel auf und stopfte ihn in ihre Tasche. Dann kehrte ihre Hand wieder auf meinen Arm zurück. »Sehen Sie, was hier mit Hal geschah, ist ein Unglück. Aber wir können ein Geschäft machen. Da steckt jede Menge Geld drin.«

»Wovon, zum Teufel, reden Sie?«

Sie kam näher und der Druck ihrer Hand auf meinem Arm verstärkte sich. »John, es geht um ein gestohlenes Artefakt. Ich bin darüber informiert. Aus rein privaten Gründen. Sie glauben doch nicht etwa, dass ich beim FBI bin, oder?«

Ich machte einen Schritt rückwärts und schüttelte ihre Hand ab. »Ehrlich gesagt ist es mir völlig egal, ob Sie vom FBI oder von Fort Knox sind.«

Die Motte, die ich vorher gesehen hatte, war wieder da und flatterte um die Öllampe herum. Eris streckte eine Hand aus und schnippte sie in Richtung der Flamme. Ich hörte ein leises Knistern. Die Motte flatterte hektisch herum und bemühte sich, mit versengten Flügeln in der Luft zu bleiben, dann stürzte sie ab und landete neben dem Lampenfuß.

»Das Ganze wird allmählich ermüdend«, sagte sie. »Muss ich es Ihnen wirklich haarklein erklären? Was ich Ihnen klarzumachen versuche, ist, dass Hals Injektion kein Unfall war. Treffen Sie nicht die gleiche falsche Entscheidung wie er.«

»Haben Sie noch alle Tassen im Schrank? Sie haben ihn getötet? Er hatte sich schon genug gespritzt. Ich war bei seinem ersten Schuss dabei.«

»Er ist stur geblieben. Er wollte es nicht anders.«

»Wovon reden Sie?«

Ihr freundlicher Tonfall verflüchtigte sich. »Sehen Sie, wir beide wissen, dass Sie mit drinhängen. Hal hat Sie aus einem ganz bestimmten Grund gebeten, hierherzukommen. Verraten Sie mir nur, wo es ist.«

Meine Gedanken rasten. Nichts von all dem ergab einen Sinn. Entweder hatte sie Wahnvorstellungen, oder es ging um eine wirklich ganz üble Geschichte. Egal was es war, ich wollte nichts davon wissen. Die ganze Angelegenheit geriet allmählich außer Kontrolle. Ich wollte nichts anderes, als von hier verschwinden. Ich bezweifelte, dass sie stark genug war, um mich aufzuhalten, und ich konnte keine Waffe an ihr entdecken. Ich hörte ein Geräusch und hoffte, dass noch jemand anderer erschien. Ihr Blick irrte zum schattigen Gebüsch am Ende des Gartens. Dort war schemenhaft eine bedrohliche Gestalt zu erkennen. Ich erkannte einen riesigen Mann, der den plattierten Weg betrat. Eris lächelte. Das war kein Retter. Mit einem von beiden würde ich vielleicht fertig, aber nicht mit beiden.

Ein alter Lattenzaun trennte das Grundstück der Vanderlins vom Anwesen nebenan. Durch die Lücken zwischen den Latten war der Hund zu sehen. Er bellte wütend und machte sich mit Zähnen und Pfoten an dem verrotteten Holz zu schaffen. Es splitterte.

Eris wandte sich erschrocken um. Sie öffnete den Mund, zeigte makellose, gleichmäßige Zähne und leckte mit ihrer rosigen Zunge über ihre Lippen.

Der untere Teil des Zauns zerbrach. Durch die Öffnung schob sich der Kopf einer Bulldogge mit triefenden Lefzen.

Eris brachte sich durch einen Sprung in Sicherheit. Jeden Moment konnte der kräftige Hund durch den Zaun brechen und angreifen. Nebenan flammten Lampen auf. Eine Männerstimme rief: »Was, in Gottes Namen, geht da drüben vor?« In der Ferne ertönte eine Polizeisirene.

Ich nutzte die Lücke, die Eris geschaffen hatte, stieß mit dem schartigen Ende von Hals Mobiltelefon nach ihr und rannte durch die offene Glasschiebetür. Nicht umdrehen! Hau ab! Verschwinde einfach! Ich hetzte durch das Haus, gelangte durch die Haustür nach draußen und setzte meinen Wagen bereits in Gang, noch ehe ich die Fahrertür geschlossen hatte. Ein gutes Stück voraus konnte ich Streifenwagen die Kreuzung an der 8. Avenue überqueren sehen.

Ich gab Vollgas. Wenn die Polizei mich jetzt stoppte, musste sie glauben, dass ich einen Mord begangen hatte und auf der Flucht war.

Kapitel Vier

Ich fuhr ziellos herum und schaute ständig in den Rückspiegel, um mich zu vergewissern, dass ich nicht verfolgt wurde. Meine Gedanken überstürzten sich. Was, zur Hölle, war da im Gange? War Eris von irgendetwas high? Hatte sie Hal wirklich getötet? Sie hatte es auf irgendeinen Kunstgegenstand abgesehen. Etwa auf das Ding, von dem Hal mir kurz vorher erzählt hatte? Hatte er mich angerufen, um mich zu bitten, dass ich ihm half, oder wollte er mich in irgendein Komplott verwickeln?

Ich blickte wieder in den Rückspiegel. War dieser silberne Range Rover vielleicht hinter mir her? War es möglich, dass sie mir so schnell hatte folgen können? Ich weiß nicht, weshalb ich ausgerechnet diesen Wagen in den Blick genommen hatte. Jeder andere hätte mich genauso auf dem Kieker haben können. Ich machte mit einem riskanten Manöver kehrt und jagte an dem silbernen SUV vorbei. Mein Körper verkrampfte sich und ich riss ruckartig am Lenkrad. Es war nur der Wachsamkeit des Fahrers neben mir zu verdanken, dass wir nicht zusammenstießen. Mit berechtigter Wut stützte er sich auf den Hupknopf. Wenn zu den Ereignissen von heute Abend noch ein von mir verschuldeter Verkehrsunfall hinzukäme, säße ich wirklich in einem Riesentümpel Scheiße.

Ich war derart durcheinander, dass ich gar nicht darauf geachtet hatte, wohin ich eigentlich unterwegs war. Nun jedoch erkannte ich, dass ich mich in Murray Hill befand. Ich schaute mich um. Der silberne Wagen war nicht zu sehen. Ich bog in eine Nebenstraße ein und lenkte den Wagen sofort auf einen freien Parkplatz, ehe ich erkannte, dass direkt hinter mir ein Streifenwagen kam. Er rollte langsam an mir vorbei und bremste dann. Der Cop auf der Beifahrerseite musterte mich kritisch. Er spürte meine Panik. Ich war geliefert. Aber zu meiner Überraschung blieben die Polizisten nur eine knappe halbe Minute stehen, ehe sie wieder Gas gaben und weiterfuhren. Ich legte den Kopf aufs Lenkrad, während die nächtlichen Ereignisse auf mich einstürzten.

Ich brauchte einen Ort, um zur Ruhe zu kommen und nachzudenken. Nach Hause zurückzukehren, verbot sich sozusagen von selbst. Vorerst jedenfalls. Eris hatte meine Visitenkarte mit der Geschäftsadresse. Der einzige andere Ort, der mir einfiel, war mein Lieblingsclub, der den Vorteil hatte, auf der anderen Straßenseite, genau gegenüber meiner Wohnung, zu liegen. Von dort hatte ich meinen Hauseingang im Auge und konnte unbemerkt auf Eris warten.

Ich wendete und fuhr zu Kenny’s Castaways.

Das Gebäude, in dem sich Kenny’s befand, war seit Anfang des neunzehnten Jahrhunderts immer eine Bar gewesen. In den 1890ern hatte der Herald es zum »übelsten Ort in New York« gekrönt. In jüngerer Zeit hatte Pat Kenny das Etablissement gekauft und berühmt gemacht. Seine legendären Bands haben mir die ersten Lektionen über gute Musik erteilt. In einer Sommernacht vor langer Zeit hatte ich am Geländer des Balkons unserer Wohnung gestanden und, verzaubert wie ein Seemann vom Gesang der Sirenen, gebannt den Klängen gelauscht, die aus der offenen Tür des Clubs drangen. Ich war damals erst acht gewesen, war jedoch stundenlang wach geblieben, bis Samuel darauf bestand, dass ich endlich ins Bett ging.

Meine Liebe zu diesem Ort und seinen Liedern hatte niemals nachgelassen.

Bei Kenny’s war die Stimmung gedämpft. Die Band spielte gerade ihr letztes Set und würde gleich die Instrumente zusammenpacken und das Lokal verlassen. Ein paar Gäste lungerten in der Nähe der Bühne herum und nippten an ihrem Bier. Ich schwang mich auf einen Hocker am Ende der Bar, wo ich gewöhnlich saß.

Diane Chen, die Bardame, hatte stacheliges, kurzes Haar in zwei Violettschattierungen und trug ein Make-up, das ihre ohnehin schon bleiche Haut geradezu geisterhaft erscheinen ließ. Sie hatte mir einmal erzählt, dass sie ihre Augenbrauen regelmäßig zupfte und mit einem schwarzen Stift nachzeichnete. Der Eyeliner unter ihren langen schwarzen Wimpern war auftätowiert. Ein kleiner Diamant zierte ihre Unterlippe, und ein Ohrläppchen war von einer Reihe silberner Ringe durchstochen. Wie viele Restaurantangestellte machte sie diesen Job nur, um ihre Karriere als Schauspielerin zu befördern. Bei all diesen Ohrringen, dachte ich, musste jeder Kostümwechsel die reine Hölle sein.

Sie winkte mir zu, als sie mich entdeckte, ging zum Eingang und schaute hinaus, ehe sie zu mir kam. Meine Hände zitterten immer noch. Ich klemmte sie zwischen meine Oberschenkel, damit sie es nicht bemerkte.

»Warum warst du gerade am Eingang und hast hinausgeschaut?«

»Der Restaurant-Stalker ist wieder unterwegs. Wir versuchen, ihn rechtzeitig abzuwimmeln.«

Sie sah die Frage in meinen Augen.

»Er ist so ein seltsamer Typ. Er dreht regelmäßig seine Runden im Viertel, und diese Woche ist er auf der Bleecker Street unterwegs. Er geht in eine Bar oder ein Restaurant, stellt sich mitten in den Gastraum und starrt nur in die Gegend. Das macht die Gäste nervös. Wenn wir ihm einen Fünfer geben, geht er. Keine schlechte Taktik. Besser, als sich auf den Bürgersteig zu setzen und die Hand aufzuhalten.«

Das brachte mich zum Lachen, und sie stimmte mit ein.

»Ich hab dich vermisst, John. Das mit deinem Unfall tut mir unendlich leid. Hast du meine Beileidskarte erhalten?«

Seit dem Unfall hatte ich jeden Antrieb verloren, meine Post auch nur zu öffnen. Ich bedankte mich für die Karte.

»Ich hab versucht, dich anzurufen, aber da lief nur der Anrufbeantworter.«

»Ich war für eine Weile aus dem Verkehr gezogen. Genau genommen für über sechs Wochen.« Das Elend des Unfalls holte mich wieder ein. »Sie mussten mich regelrecht aus dem Wagen herausschneiden. Meine Rippen waren gebrochen und eine Arterie war verletzt. Der Blutverlust hat mich so lange im Krankenhaus festgehalten, dass ich sogar Samuels Beerdigung versäumt habe. Aber ich bin jetzt auf dem Wege der Besserung.«

Sie seufzte. »Das alles ist so schrecklich. Wie ist es denn überhaupt passiert?«

»Ich stehe wie vor einer Wand, wenn ich versuche, mich daran zu erinnern. Ich weiß nur noch, dass ich Samuel vom JFK abgeholt habe. Er kam aus Jordanien. Wir fuhren über den Belt Parkway und befanden uns kurz vor der Rennstrecke. Ein Pick-up hinter mir war unheimlich dicht aufgefahren, als wollte er mich von der Straße schieben. Aber als ich langsamer fuhr, um ihn überholen zu lassen, tat er mir nicht den Gefallen. Und das ist das Letzte, was ich weiß.«

Das entsprach nur zum Teil der Wahrheit, aber ich konnte es nicht ertragen, auch den Rest zu schildern. Der Airbag hatte mir völlig die Sicht genommen, aber mein Gehör funktionierte noch – ich hörte das nackte Grauen in Samuels Stimme. Der Mann, der mir gegenüber niemals die Stimme erhob, brüllte mich an. Ich ignorierte den stechenden Schmerz in meiner Brust, fingerte an meinem Sicherheitsgurt herum, um mich von ihm zu befreien, damit ich ihm helfen konnte, und hatte es beinahe geschafft, als ich ohnmächtig wurde.

Diane ergriff meine Hand und drückte sie. »Vielleicht ist es ein Segen, dass du dich nicht erinnern kannst. Dein Gehirn schützt dich vor einem Erlebnis, das einfach zu schrecklich ist. Du musst Samuel furchtbar vermissen.«

»Ich glaube nicht, dass ich jemals darüber hinwegkomme, Diane.«

Wie konnte ich das schwarze Loch beschreiben, in das ich seit seinem Tod gestürzt war? Mir fehlten die Worte dafür. In Gedanken kehrte ich immer wieder zu den frühen Jahren zurück.

Samuels Arbeit hatte häufig lange Zeiten der Abwesenheit mit sich gebracht. Da war immer dieses Gefühl des Wartens gewesen, wie man es schon mal im März verspürt, wenn man sich danach sehnt, dass der Winter endlich zu Ende geht. Wenn unsere Haushälterin, Evelyn, dann erfuhr, dass Samuel nach Hause kam, veränderte sich die gesamte Atmosphäre. Ich sah sie vor mir, wie ihr Gesicht aufleuchtete und wie ihre Wangen sich röteten. Sie wirbelte durch das Haus und säuberte irgendwelche Dinge, die es gar nicht nötig hatten. Ich ging zum Friseur, und sie putzte sämtliche Schuhe und versuchte sogar, einen Kuchen zu backen. Wenn dann der Tag kam, zwängte Sam sich durch die Tür, die Arme voller Kartons mit Geschenken und allen möglichen exotischen Dingen. Türkischer Honig. Sandflaschen. Mosaiken. Ohrringe aus römischem Glas für Evelyn, handgefertigt in Israel.

Ich räusperte mich, um zu kaschieren, dass meine Stimme zitterte. »Ich erwarte ständig, ihn wiederzusehen. Obgleich ich genau weiß, dass das nie geschehen wird.«

Sie griff nach einer Papierserviette und reichte sie mir.

»Wofür ist das?«

»Für deine Augen.«

Ich hatte gar nicht bemerkt, dass sie tränten. Ich berührte sie und spürte die Nässe.

»Kann ich dir etwas geben? Du siehst völlig fertig aus.«

»Ein Flasche Whiskey. Ein Glas brauche ich nicht unbedingt.«

Sie lachte. »Ich sehe, dass du eine wilde Nacht hattest.«

»Du hast ja keine Ahnung.«

Sie schenkte mir einen doppelten Scotch ein und verschwand durch die Tür am Ende der Bar. Ich kippte den Drink und stand auf, um einen Blick auf die Straße zu werfen. Vom Fenster aus konnte ich nur den Eingang in die Halle des Hauses sehen. Keine Spur von Eris oder ihrem seltsamen Begleiter.

Es dauerte nicht lange, bis der Alkohol meine Nerven ausreichend betäubt hatte. Ich begann mich in der vertrauten Umgebung zu beruhigen. Mir hatte die Atmosphäre bei Kenny’s immer gefallen. Es war dort wie in einem auf langweilig und harmlos getrimmten Speak-easy – tomatenrote Wände, dunkle Wandtäfelung, ein von der Decke herabhängender, schmiedeeiserner Leuchter in Form eines Wagenrads. Die Wand hinter der Bar war mit Spiegeln, Bierkrügen, alten Säbeln und Revolvern geschmückt. In der Mitte prangte ein ausladendes Geweih mit staubigen Filzhüten an den Spitzen.

Mir genau gegenüber hing ein großes Foto vom Boss und darunter ein Zitat aus Crawdaddy!:

Bruce Springsteen war der Star und gab dem Konzert seinen Namen, doch von den Zuhörern wusste nicht mal ein Dutzend überhaupt, wer er war. Auf dem Plakat draußen über dem Eingang hatten sie sogar seinen Namen falsch geschrieben. Aber als er zu singen begann, war es, als beruhigten sich die Ozeane und als kündigte ein Prickeln auf der Haut an, dass sich ein Unwetter zusammenbraute.

Diane kletterte hinter der Bar auf ihren Hocker und holte mich aus meinem Traum. Unter dem Arm hatte sie einen rechteckigen braunen Kasten. Sie stellte ihn auf die Theke und öffnete den Deckel.

»Was ist das?«

»Erinnerst du dich nicht? Du erwähntest das einmal, als wir uns über deine Arbeit unterhielten. Eine Freundin hat es für mich im Britischen Museum gekauft, als sie in London war. Ich habe es herausgeholt, um dich von deinen Sorgen abzulenken.«

Als sie das Spielbrett herausnahm, erkannte ich es sofort. Es war eine Reproduktion des Königlichen Spiels von Ur, des ältesten bekannten Brettspiels. Das Britische Museum besaß ein seltenes Original. Es war ein Exemplar von zweien, die Sir Leonard Woolley in den 1920ern während seiner Ausgrabungen in den Ruinen der sumerischen Stadt Ur gefunden hatte.

Illustration_1-2_Royal_Game_of_Ur.jpg

Das Königliche Spiel von Ur

Diane legte einen Finger auf die Lippen. Ihre langen Fingernägel waren schwarz lackiert und jeweils mit verschiedenen Sternzeichen in Weiß verziert. »Man vermutet, dass das Spiel ein Vorläufer des Backgammons ist.«

»Das weiß ich, Diane. Hör mal, ich bin heute nicht in Spiellaune. Mir geht zu viel durch den Kopf.«

Während sie auf ihrem Hocker hin und her rutschte, klingelten die Ringe und Talismane an ihrem Ohr leise. »Wenn du über deinen Kummer hinwegkommen willst, musst du dich auf etwas anderes konzentrieren. Gönn deinen aufgewühlten Emotionen ein wenig Ruhe. Abgesehen davon hatte ich sowieso nicht vor, mit dir ein Spiel zu machen. Nachdem ich es damals geschenkt bekam, erfuhr ich durch Zufall, dass es seinerzeit auch für Prophezeiungen benutzt wurde. Ich wette, das wusstest du nicht.«

»Bist du etwa unter die Wahrsagerinnen gegangen?«

»Es ist nur ein Hobby. Mein neuer Kick.« Als Diane wieder lächelte, lag ein Blitzen in ihren Augen. »Warum versuchst du es nicht? Eine Freundin von mir hatte vor kurzem eine Pechsträhne. Sie hat sich von mir wahrsagen lassen, und alles hat sich für sie zum Guten gewendet.«

»Ich bin viel zu abergläubisch.«

»Keine Sorge.« Sie holte sieben rote Spielsteine heraus, jeder etwa so groß wie ein Penny, und reichte sie mir. Dann legte sie drei seltsame Würfel in Pyramidenform auf die Theke. »Für die Sumerer war die Wahrsagerei eine ernsthafte Wissenschaft. Sie achteten auf Himmelszeichen, untersuchten die Lebern von Tieren oder deuteten die Art und Weise, wie Öl sich auf Wasser ausbreitet.«

»Ich weiß.«

»Deine Zukunft ist nicht vorgezeichnet«, fuhr sie fort. »Die Prophezeiung deutet nur eine Tendenz an oder warnt vor bestimmten Leuten oder Verhaltensweisen.«

Ich war schon im Begriff, ihr zu sagen, sie solle das Ganze vergessen, als mir einfiel, dass sie mir einen großen Gefallen tun musste. Daher entschied ich, mich in ihr Spiel zu fügen.

»Wir begnügen uns mit einer kurzen Version, weil es schon spät ist.«

»Wie bist du an die Regeln gekommen? Niemand hat jemals Aufzeichnungen darüber gefunden.«

»Vertrau mir einfach.« Sie grinste verschmitzt und schob die kleinen Pyramiden zu mir herüber.

Ich nahm sie in die Hand, schüttelte sie und ließ sie auf die Theke fallen.

Diane beugte sich vor und betrachtete die Würfel. »Okay, rück drei Felder vor.«

Ich nahm einen der Spielsteine und legte ihn auf das erste Feld in der zweiten aus drei Feldern bestehenden Reihe.

»Noch ein Feld weiter und du landest auf einer Rosette.«

»Ist das schlecht?«

»Das kann man wohl sagen. Es ist ein Straffeld. Es bedeutet, dass man mit einer geheimen Mitteilung rechnen muss. Und die Nachricht wird nicht gut sein.«

»Nun, das trifft auf den heutigen Tag perfekt zu.« Ich sammelte die Würfel wieder ein und ließ sie erneut rollen.

Dianes Gesicht wurde blass.

»Was ist los? Ich dachte, du sagtest, es gebe keine guten oder schlechten Prophezeiungen.«

»Du hast eine vier gewürfelt. Dadurch hast du eine weitere Rosette verfehlt und bist auf dem Auge gelandet. Das ist eins der schlimmsten Felder.«

»Was ist damit nicht in Ordnung?«

»Es verheißt Verrat und einen gewaltsamen Tod.«

Das versetzte mir einen Schock, und für einen langen Moment fehlten mir die Worte. Die Wahrsagerei ist natürlich ein Schwindel, aber nach einem Tag, der sich nach und nach in einen Albtraum verwandelt hatte, reichte schon eine Kleinigkeit, um mich aus der Fassung zu bringen.

»Aber es gibt Hoffnung«, sagte Diane schnell. »Der Talisman Sols gehört auch zu diesem Feld. Nur das Zeichen der Sonne kann dich retten.«

»Vor was?«

»Es schützt dich vor Mord.«

Es wurde allmählich bizarr. Sie konnte unmöglich über Hal Bescheid wissen.

Mein Gesichtsausdruck musste meine Gedanken verraten haben, denn sie fügte hinzu: »Ich sauge mir all das nicht aus den Fingern, falls du das annehmen solltest.«

Ich suchte nach irgendetwas, das ich darauf erwidern konnte. »Nun … warum gerade Sol? Er ist ein römischer und kein mesopotamischer Gott.«

Diane schien über meine Skepsis ein wenig verärgert zu sein. »Manchmal muss man ein wenig improvisieren.«

Beim nächsten Würfeln fiel eine der kleinen Pyramiden auf ihrer Seite der Theke auf den Fußboden.

»Das zählt nicht.« Sie bückte sich, um den Würfel aufzuheben. »Ich bin gespannt, ob irgendwann das Zeichen für Liebe erscheint. Mal sehen, was es prophezeit hätte. Zusammen mit dem anderen Würfel wärest du drei Felder weitergerückt. Diese Position ist irgendwie interessant. Sie bedeutet: ›Glück folgt auf Kummer.‹ Irgendwie rätselhaft. Ich weiß nicht, wie ich das interpretieren soll.« Sie beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf die Theke. »Es ist schon lange her, seit du mit jemand Besonderem hier warst.«

»Ich habe meine Verabredungen und alles sieht gut aus, aber dann rufen sie mich nicht mehr an.«

Sie verdrehte die Augen. »Erzähl mir keinen Unsinn. Du bist es doch, der nicht zurückruft. Als du das letzte Mal hier warst, haben mir zwei Frauen tatsächlich Geld angeboten, wenn ich ihnen deine Telefonnummer verrate, und ständig davon geschwärmt, was für ein heißer Typ du bist. Du sähest so unglaublich gut aus, wiederholten sie ständig. Ihnen zuzuhören war total ätzend. Dann wetteten sie miteinander, wer von ihnen mit dir nach Hause gehen würde. Es liegt wohl an deinen dunklen Augen. Und an deinem Bart, vermute ich. Beides verleiht dir so ein europäisches Flair.«

»Und welche von beiden hat gewonnen?«

»Wer mit dir nach Hause ging? Du kannst dich nicht einmal daran erinnern, oder?« Sie schüttelte den Kopf und lächelte mich kokett an.

Unter gewöhnlichen Umständen hätte ich sicherlich daran gedacht, ein wenig mit ihr herumzuflirten. Aber heute war ich nicht fähig, meine übliche Nummer abzuziehen. »Diane, ich freu mich wirklich über deine Komplimente, aber ich bin im Moment viel zu angespannt, um angemessen darauf zu reagieren. Ich habe für all das nicht die nötige Energie.« Ich sammelte die Würfel und die Spielsteine ein und legte sie in den Kasten zurück.

»Na schön.« Sie stützte die Hände flach auf die Decke und stemmte sich hoch. Sie war sichtlich eingeschnappt. »Werd ein wenig lockerer. Du tust dir keinen Gefallen, wenn du alles so ernst nimmst.«

Für eine Goth war das eine ziemlich übertriebene Reaktion. Sie beachtete mich nicht mehr und begann die Gläser zu spülen, die Bar zu säubern und die Tageseinnahmen zu zählen. Jedes Mal, wenn sie sich bückte, rutschte ihre Hüftjeans weit genug herab, um den Ansatz des Tales zwischen ihren Gesäßhälften zu entblößen.

Ihre Bemerkung über meinen Bart war schmeichelhaft. Ich hielt ihn immer kurz geschnitten und er unterstrich mein professionelles Image, aber ich hatte ihn aus einem völlig anderen Grund wachsen lassen. Nämlich um ein feuerrotes Muttermal an meinem Unterkiefer zu verbergen. In meiner Jugend hatte ich mich deshalb oft zutiefst geschämt. In etwa geformt wie der Buchstabe Q, prangte es in meinem Gesicht wie eine hässliche Narbe.

Es war vier Uhr, als der Kellner, Stan, die Bar verriegelte und Diane ihre Arbeit beendet hatte. Aus dem Eingang warf ich einen prüfenden Blick auf die Straße und überlegte, ob ich es wagen könnte, nach Hause zu gehen. An der Kreuzung Thompson und Bleecker sah ich am Bordstein einen silbernen Range Rover stehen. Konnte das Eris sein?

Ich entschied, kein Risiko einzugehen, und bot Diane an, sie zur Chase Bank auf dem Broadway zu begleiten, um die Tageseinnahmen in den Nachttresor einzuschließen. Während der letzten beiden Stunden war die Temperatur deutlich gestiegen. Auf den Straßen herrschte angesichts der frühen Morgenstunde ausgesprochen reger Betrieb. Es waren vorwiegend Bewohner von Apartments, die nicht über den Luxus einer Klimaanlage verfügten. Ein Mann lehnte an einem Schaufenster und hielt fünf Ratten, zwei weiße, zwei braune und eine gescheckte. Ihre langen nackten Schwänze baumelten unter seinem Arm heraus und zuckten, wenn er die Tiere streichelte. Seine Baseballmütze lag umgedreht vor ihm auf dem Bürgersteig.

»Er steht jede Nacht hier«, sagte Diane. »Er verschwindet gegen Morgen, weil ein Hotdog-Stand diese Stelle gepachtet hat. Die Leute geben ihm Geld, damit er die Ratten füttern kann.«

Sie legte den braunen Umschlag mit dem Geld aus der Clubkasse in den Nachttresor der Bank und schloss die Schublade. Ich ergriff sanft ihren Arm. Ich musste sie noch um einen Gefallen bitten, ehe wir uns trennten.

»Diane, ich überlege gerade, ob du mir bei einer ganz bestimmten Angelegenheit helfen könntest.«

»Klar, wobei?«

»Ich hatte heute Nacht ein Riesenproblem. Ich habe mit dem, was da passiert ist, nicht das Geringste zu tun, aber ich will mich ganz aus der Sache heraushalten. Falls jemand fragen sollte, könntest du dann sagen, ich sei gegen Mitternacht bei Kenny’s aufgetaucht?«

»Falls jemand fragt? Wer denn? Die Polizei?«

»Das wäre möglich.«

»Schwörst du, dass du in dieses … Problem nicht verwickelt bist?«

»Ich schwöre. Wahrscheinlich wird dich sowieso niemand darauf ansprechen.«

»Ich denke, das ist okay.«

»Was ist mit Stan?«

»Keine Sorge, er hält den Mund.«

»Das ist gut«, sagte ich. »Hey, Diane, vielen Dank.«

Sie winkte einem Taxi, stieg ein und schickte mir eine Kusshand, als es losfuhr.

Ich blieb an der Ecke Broadway und Bleecker stehen und fragte mich, ob es sicher war, nach Hause zu gehen. Ich schlenderte das Stück zu meinem Apartmenthaus, sah die Schar der Vergnügungssüchtigen, die die nächtliche Straße bevölkerten, und entschied, das Wagnis einzugehen. Der Portier, der in dieser Woche die Nachtschicht hatte, Amir, kam herüber, kaum dass ich die Vorhalle betreten hatte. »John! Hattest du die Stadt für einige Zeit verlassen? Es ist eine halbe Ewigkeit her, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe.«

»Ich habe mich seit dem Unfall ein wenig rargemacht.«

Er senkte die Stimme. »Das ist so schrecklich mit deinem Bruder. So ein wunderbarer Mensch.«

»Das war er. Mir fällt es schwer zu glauben, dass er wirklich nicht mehr da ist. Amir, war heute Nacht irgendjemand hier und hat nach mir gefragt?«

»Eine Dame war hier, um dich zu besuchen. Sie hat eine Ewigkeit gewartet. Sie hat mich mindestens ein Dutzend Mal gebeten, bei dir anzurufen. Schließlich erklärte ich mich bereit, sie nach oben zu begleiten, damit sie an deine Tür klopfen konnte.«

»Du hast was?«

Amir hob die abwehrend die Hände. »Was hätte ich sonst tun sollen? Sie war total aufgeregt. Sie sagte, sie versuche schon seit Wochen, dich zu erreichen.«

»Sie kann sehr überzeugend sein, Amir. Das war nur gespielt. Wenn du sie hier noch einmal sehen solltest, dann befördere sie nach draußen. Lass sie auf keinen Fall an mich ran.«

»In Ordnung«, sagte er, offensichtlich verärgert, dass er sich hatte hinreißen lassen, sich gegenüber jemandem zuvorkommend verhalten zu haben, den er für eine Freundin von mir gehalten hatte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Babylon" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen