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Baby, Liebe, Glück ...

Brenda Harlen

Baby, Liebe, Glück ...

1. KAPITEL

„Ich bekomme ein Baby“, verkündete Ashley Roarke beim Sonntagsbrunch.

Sprachlos starrten ihre Schwester Megan und ihre Cousine Paige sie an. Ashley schaute zwischen den beiden hin und her, konnte ihnen aber nicht ansehen, was sie dachten.

Als Anwältin für Familienrecht war Paige Wilder es gewöhnt, vor Gericht auf neue Enthüllungen zu reagieren. Sie erholte sich als Erste von ihrer Überraschung. „Du bist schwanger?“

„Noch nicht.“

Als Naturwissenschaftlerin ließ Megan Richmond sich einen Moment Zeit, bevor sie antwortete. „Ich wusste gar nicht, dass du mit jemandem zusammen bist.“

Ashley tauchte ein Stück Toast in den Ahornsirup auf ihrem Teller. „Bin ich auch nicht.“

„Das musst du mir erklären“, erwiderte ihre – seit Kurzem glücklich verheiratete – Schwester.

Megan und Paige waren nicht nur mit Ashley verwandt, sondern auch ihre besten Freundinnen, und meistens konnte sie sich auf ihre bedingungslose Unterstützung verlassen. Diesmal war sie nicht so sicher.

„Ich habe einen Termin im Kinderwunschzentrum“, sagte sie schließlich.

Megan stellte ihre Tasse ab und sah Paige an. „Das ist alles deine Schuld.“

„Was habe ich denn getan?“

„Du hast ihr eingeredet, dass sie keinen Mann braucht, um ein Baby zu bekommen.“

„Na ja, das stimmt doch“, beharrte Paige. „Und erst recht braucht sie keinen Mann wie den, von dem sie sich gerade getrennt hat.“

Es war Paige gewesen, die Ashleys Verlobten Trevor mit einer anderen Frau gesehen hatte. Ashley hatte ihn zur Rede gestellt, und er hatte zugegeben, dass es andere Frauen gab.

Frauen. Mehrzahl.

Sie hatte ihm den Ring zurückgegeben. Das war jetzt vier Monate her, und sie dachte gar nicht daran, auf die Erfüllung ihres größten Traums zu verzichten, nur weil sie sich in Trevor Byden getäuscht hatte.

„Paige hat keine Schuld“, sagte Ashley zu ihrer Schwester. „Wenn ich nicht so sehr damit beschäftigt gewesen wäre, meine Hochzeit zu planen, wäre ich selbst auf die Idee mit der künstlichen Befruchtung gekommen.“

Ihre Cousine rümpfte die Nase. „Was ‚künstlich‘ ist, kann nicht viel Spaß machen.“

„Ich will keinen Spaß, ich will ein Baby.“

„Nicht alle Männer sind wie Trevor. Du wirst deine Kinder von einem wunderbaren Mann bekommen. Gib die Hoffnung nicht auf“, sagte Megan.

„Das habe ich nicht“, widersprach Ashley, obwohl sie nicht sicher war, dass es stimmte. Zwei Mal hatte ein Mann ihr das Herz gebrochen. Ein drittes Mal wollte sie das nicht durchmachen. „Ich bin es nur leid, zu warten.“

„Du bist noch nicht mal dreißig“, erinnerte Paige sie.

„Und meinem Ziel, einen Ehemann und ein Baby zu haben, kein bisschen näher als mit zwanzig. Ich war zutiefst erschüttert, als ich herausfand, dass Trevor mich betrog. Ich weiß nicht, was für mich schlimmer war – dass er mich hintergangen hatte oder dass ich meine Hoffnung auf ein Kind begraben musste. Vielleicht habe ich Trevors Heiratsantrag nur deshalb angenommen, weil ich dachte, er wünscht sich ebenso sehr eine eigene Familie wie ich.“

„Das ist keine Entschuldigung für das, was er getan hat“, wandte Paige ein.

„Natürlich nicht. Aber es hat mir bewusst gemacht, dass ich ein Baby mehr will als einen Ehemann.“

„Aber du hast die Verlobung doch erst vor vier Monaten gelöst“, sagte Megan sanft. „Gib deinem Herzen Zeit zum Heilen.“

„Wie viel Zeit?“, entgegnete Ashley. „Wie lange muss ich warten, damit du mir glaubst, dass ich mir alles gut überlegt habe? Dass ich es wirklich will?“

„Länger als vier Monate.“

„Wir wissen, wie sehr du dir ein Baby wünschst“, warf Paige ein. „Und wie viel Liebe du einem Kind geben kannst. Aber wir befürchten beide, dass du zu impulsiv bist. Dass du vom Ende deiner Beziehung noch zu aufgewühlt bist, um eine so wichtige Entscheidung zu treffen.“

„Ich werde das Baby bekommen. Ihr werdet mich nicht davon abbringen“, beharrte Ashley.

„Das will ich doch gar nicht“, beteuerte Paige. „Ich möchte nur, dass du noch mal in Ruhe darüber nachdenkst.“

„Das Kinderwunschzentrum in Pinehurst genießt einen ausgezeichneten Ruf und hat eine sehr hohe Erfolgsquote.“

„Das weiß ich“, erwiderte ihre Cousine. „Aber weißt du, dass Cameron Turcotte wieder in der Stadt ist?“

Ashley ahnte, warum Paige sie das fragte. Denn selbst nach zwölf Jahren reichte allein der Klang seines Namens aus, um ihr Herz schneller schlagen zu lassen. Aber das brauchte Paige nicht zu erfahren.

„Wer?“

„Du bist ihm auf dem Klassentreffen begegnet.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Wir haben uns kurz unterhalten.“

„Und vielleicht lag es auch an eurer … Unterhaltung, dass er hierher zurückgekehrt ist.“

Megan runzelte die Stirn. „Dann stimmt es also, dass er mit Elijah Alexander zusammenarbeiten will?“

Paige nickte.

„Cam ist wieder hier, na und? Was hat das mit mir zu tun?“, fragte Ashley.

„Jemand, der so lange Medizin studiert hat, dürfte eine ziemlich genaue Vorstellung davon haben, wie man ein Baby zeugt.“

Ashley zweifelte nicht daran, doch den Gedanken wollte sie nicht vertiefen. Es wäre sinnlos.

Cameron Turcotte war ihre erste Liebe und ihr erster Lover gewesen. Und obwohl sie beide noch Schüler gewesen waren, auch ein sehr zärtlicher und einfühlsamer Partner. Leider hatte er ihr auch das Herz gebrochen, und das würde sie nicht vergessen, nur um sich ein paarmal mit ihm zu vergnügen. Nicht einmal, wenn er sich interessiert gezeigt hätte – was nicht der Fall war.

„Cam und ich haben uns auch deshalb getrennt, weil ich Kinder wollte und er nicht.“

„Vor zwölf Jahren wollte er keine Kinder“, sagte Paige. „Es würde mich nicht wundern, wenn er inzwischen seine Meinung geändert hat.“

„Ich habe meine ebenfalls geändert“, antwortete Ashley. „Ich warte nicht mehr auf einen Heiratsantrag oder auch nur eine Beziehung. Alles, was ich will, ist ein Samenspender.“

„Und dafür kommt Cameron nicht infrage?“, wollte Megan wissen.

„Nein, ganz bestimmt nicht.“

Ashley hörte sich überzeugt an, aber sie war sich da keineswegs so sicher.

Eigentlich hatte Cameron Turcotte ein Haus mieten wollen, weil er nicht wusste, ob er für immer in Pinehurst bleiben würde. Die Maklerin hatte ihm wenig Hoffnung gemacht, weil in dieser Gegend die meisten Objekte nur verkauft wurden. Aber am Vormittag hatte sie angerufen und erzählt, dass sie ein Haus gefunden hatte. Die Eigentümer waren bereit, es für ein Jahr zu vermieten, weil sie mit dem Verkauf warten wollten, bis der schwächelnde Immobilienmarkt sich erholt hatte und sie einen höheren Preis erzielen konnten.

Da Cam mit Elijah Alexander ebenfalls einen Einjahresvertrag abgeschlossen hatte, war das Angebot ideal. Deshalb fuhr er nach seinem zehnstündigen Arbeitstag nicht zum Bungalow seiner Eltern, in dem er vorläufig untergekommen war, sondern folgte Tina Stilwell in einen prachtvollen zweigeschossigen Backsteinbau.

„Es ist ein sehr schönes Viertel. Zu den Schulen und Parks, den Geschäften und Unterhaltungsmöglichkeiten ist es nicht weit“, schwärmte sie.

Und zu Dr. Alexanders Praxis auch nicht.

„Ich zeige Ihnen gern alles“, fuhr sie fort, als sie ihn vom Esszimmer in die Küche führte. „Aber die meisten Interessenten sehen sich lieber allein um.“

„Gute Idee. Ich sage Bescheid, falls ich Fragen habe.“ Er nahm die Mappe mit dem Grundriss und anderen Informationen entgegen.

Die Maklerin setzte sich auf einen der Hocker am Frühstückstresen und holte ihr BlackBerry heraus.

Cam ging nach oben. Es gab vier Schlafzimmer. Das der Eltern im hinteren Teil war riesig, aber vielleicht kam es ihm nur so vor, weil es – wie alle anderen Räume – unmöbliert war. Es gab einen großen begehbaren Schrank und ein Badezimmer mit viel Marmor und Chrom. Vor den beiden hohen Fenstern erstreckte sich ein professionell gestalteter Garten, komplett mit gepflasterter Terrasse, einem Teich und Beeten, in denen die unterschiedlichsten Grünpflanzen und Blumen wuchsen.

Aber es gab auch noch genügend freie Flächen, auf denen ein Kind herumtollen konnte. Mehrere Kinder sogar, dachte er und seufzte bedauernd, weil seine Ehe nicht so verlaufen war, wie er geplant hatte.

Er hatte Danica Carrington geheiratet, obwohl sie in ihrem Beruf Karriere machen und keine Kinder haben wollte. Er hatte gehofft, dass sie ihre Meinung spätestens dann ändern würde, wenn sie ihr erstes Baby in den Armen hielt. Doch das war nicht geschehen, und nach drei Jahren hatte er aufgegeben. Sie hatte ihm keine Träne nachgeweint.

Cam setzte die Besichtigung fort. Er war fest entschlossen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und in Pinehurst mit Madeline ein neues Leben zu beginnen. In dieses Haus konnten sie sofort einziehen. Die Wände waren frisch gestrichen, Teppichboden und Parkett makellos und die Küche der Traum jedes Chefkochs.

Nicht dass er einer war, aber er experimentierte gern. Und an der luxuriösen Kochinsel mit Blick auf den Garten würde er jede Minute am Herd genießen.

Tina steckte ihr BlackBerry ein, als er zurückkehrte.

„Wie finden Sie es?“

Ich will es.

„Es ist wahrscheinlich zu groß für mich“, erwiderte er stattdessen.

„Es ist ideal für eine Familie.“

„Sehr gepflegt und bestens erhalten.“

„Erst drei Jahre alt. Ein Architektenhaus. Die Eigentümer sind noch jung, verbringen aber mehr Zeit im Büro als daheim.“

Cam wusste, wie sehr eine Ehe unter beruflichem Ehrgeiz leiden konnte. „Entweder lieben sie den minimalistischen Stil, oder sind schon ausgezogen.“

„Ausgezogen.“ Die Maklerin lächelte. „Die Frau wurde nach New York versetzt, der Mann hat einen Job in Los Angeles angenommen.“

Er ahnte, was Tina ihm nicht erzählte, denn er hatte das Gleiche durchgemacht. Sicher, als er Danica begegnet war, hatte er eine Partnerin gesucht, die Ambitionen und Träume hatte und mehr sein wollte als nur Ehefrau und Mutter.

Eine, die ihn nicht an Ashley Roarke erinnerte.

Seit er wieder in Pinehurst war, schien ihn alles an sie zu erinnern. Jede Straße, jedes Geschäft ließ ihn an seine Jugendliebe denken.

Nach der Highschool hätte er sich für ein College in der Nähe entscheiden können, aber er hatte bewusst ein weit entferntes gewählt, damit er am Wochenende nicht nach Hause kommen konnte. Denn dann hätte er seine Träume geopfert, nur weil er verliebt war.

In den ersten Jahren in der Fremde war er gelegentlich ausgegangen, meistens mit blauäugigen Blondinen, die ihn irgendwie an Ashley erinnerten. Es war kein Wunder, dass die Beziehungen nie sehr lange dauerten, denn er merkte schnell, dass Ashley einzigartig war. Niemand lächelte so wie sie, keine hatte so strahlende Augen, bei keiner fühlte sich jede Berührung herrlich an.

Und dann lernte er eine dunkelhaarige, dunkeläugige Jurastudentin kennen, die Ashley kein bisschen glich.

Danica suchte keinen Ehemann. Sie wollte sich nicht binden, sondern ihre eigenen Pläne verwirklichen.

Sie war – das glaubte er jedenfalls – ideal für ihn.

Er hatte lange gebraucht, um zu begreifen, dass er einen Fehler begangen hatte.

Manchmal fragte Cam sich, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er in Pinehurst geblieben wäre. Wenn er Ashley nicht verlassen hätte. Aber es war nicht mehr zu ändern, und er wollte nicht bereuen, dass er sich so entschieden hatte.

Denn jetzt hatte er Madeline, und alles, was er tat, tat er für sie. Vermutlich sollte er mit ihr darüber reden, bevor er ihr neues Zuhause auswählte. Aber sie kam erst in drei Wochen aus London zurück, und so lange wollte er nicht warten.

Er liebte seine Eltern, doch er war zu alt, um auf der Couch im Wohnzimmer zu schlafen. Er überlegte, ob er Madeline anrufen sollte. Aber in England war es fünf Stunden später, und bestimmt lag sie schon im Bett.

Er sah Tina an. „Wie hoch ist die Miete?“

Sie nannte ihm den Betrag. „Plus Nebenkosten“, fügte sie entschuldigend hinzu.

„Da wäre es ja fast billiger, das Haus zu kaufen.“

„Ich glaube, darauf legen die Eigentümer es an. Sie würden es lieber verkaufen.“

Cam zögerte. Er hatte nicht geplant, ein Haus zu kaufen. Andererseits war eine Immobilie eine gute Investition, und er bezweifelte, dass eine Hypothek ihn im Monat mehr kosten würde als die Miete.

„Ich weiß, Sie wollen ein Haus“, sagte die Maklerin. „Aber ich habe auch ein paar Wohnungen, die zur Miete stehen. Ich habe die Unterlagen dabei, falls Sie sie sich ansehen möchten.“

Er war kein spontaner Mensch, aber in diesem Haus fühlte er sich wohl. Als gehörten Madeline und er hierher.

Als wären sie endlich nach Hause gekommen.

Dass Ashley Roarke auch in Pinehurst wohnte, war ein Gedanke, den er sofort verdrängte.

Ashley war ein glühender Fan der Einkaufstherapie. Selbst an einem trüben Tag konnte ein schönes Paar Schuhe ein Lächeln auf ihr Gesicht zaubern, und als sie am Donnerstagnachmittag nach einer Shoppingtour in die Chetwood Street einbog, strahlte sie geradezu.

In zweieinhalb Wochen begann die Schule, und sie freute sich so sehr darauf wie die Erstklässler, die sie bald unterrichten würde. Sie hatte die Sommerferien genossen, und die Ruhe hatte ihrem lädierten Herzen gutgetan. Jetzt konnte sie es kaum erwarten, ihr neues Leben zu beginnen. Ein Baby zu bekommen war ein großer Schritt, aber sie war dazu mehr als bereit.

Ihre Laune verbesserte sich noch, als sie das VERKAUFT-Schild an dem Haus in ihrer Straße sah. Sie hatte die Eigentümer nur flüchtig gekannt und gehört, dass sie gleich nach der Heirat eingezogen und schon drei Jahre später wieder geschieden waren.

Als Ashley in ihrer Einfahrt hielt, fragte sie sich, was für Nachbarn sie jetzt bekommen würde. Erneut ein junges Ehepaar? Oder eine Familie mit Kindern? Erst als sie die Haustür öffnen wollte, bemerkte sie das Paket, das daran lehnte. Sie klemmte es sich unter den Arm, legte es zusammen mit ihren Einkäufen auf den Tisch im Esszimmer und ging in die Küche, um einen Schluck zu trinken. Erst danach kehrte sie zu dem rätselhaften Päckchen zurück. Sie hatte nichts gekauft, das geliefert werden sollte, aber auf dem Aufkleber stand ihr Name, also machte sie es auf.

Zum Vorschein kam ein Bilderrahmen aus Walnussholz. Sie drehte ihn um und starrte auf das Foto. Es zeigte sie in den Armen ihres Exverlobten.

Der Rahmen glitt ihr aus den Fingern und fiel zu Boden.

Das Glas zerbrach. Der Riss verlief genau zwischen ihr und Trevor.

Erst jetzt sah sie den Zettel in der Ecke des Rahmens.

Es war eine Nachricht.

Von dem Mann auf dem Foto.

Ashley,

du sollst wissen, dass ich an dich denke und dich vermisse. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wir wieder zusammenfinden. Dieses Foto schicke ich dir, um dich an unsere schönen Zeiten zu erinnern. Ich liebe dich.

Trevor

Sie riss die Nachricht in winzige Fetzen und ließ sie zu Boden rieseln. Es sah aus wie Konfetti, und sie musste an Hochzeiten denken und wurde noch wütender.

Sie hob den Rahmen auf, ging in die Küche, stopfte ihn in den Abfalleimer und fühlte einen kurzen Schmerz. Noch bevor sie das Blut sah, fühlte sie, wie es an ihrer Hand hinablief. Als sie nach unten schaute, drehte sich ihr der Magen um.

Den Anblick von Blut hatte sie noch nie gut ertragen. Bei Erstklässlern waren Kratzer und Schürfwunden keine Seltenheit, aber da reichte meistens ein Pflaster. Ashley riskierte einen Blick auf ihre Hand. Sie brauchte einen Verband.

Sie riss ein sauberes Geschirrtuch aus der Schublade und wickelte es um die Handfläche. Es war bereits fast fünf, und in der Praxis ihres Hausarztes lief bestimmt schon der Anrufbeantworter. Aber sie war schon als Kind immer zu Onkel Eli gegangen. Er war ein guter Freund ihrer Eltern gewesen und würde sie bestimmt auch außerhalb der Sprechstunde behandeln.

Eine Viertelstunde später saß sie in seinem Untersuchungszimmer.

„Der Doktor kommt gleich“, versprach Irene.

Ashley nickte dankbar und war froh, dass sie nicht ins Krankenhaus gefahren war.

Das änderte sich schlagartig, als der Arzt hereinkam.

Cam war seit acht Uhr morgens in der Praxis.

Er wusste, dass man als Hausarzt stets mit unerwarteten Notfällen rechnen musste, aber er wünschte, Courtney würde die Termine nicht im Zehnminutentakt vergeben.

Um fünf Uhr nachmittags hatte die Zahl der Patienten im Wartezimmer so weit abgenommen, dass niemand mehr stehen musste. Und Cam hatte endlich Zeit gefunden, in das Sandwich zu beißen, das die Sprechstundenhilfe ihm aus der Mittagspause mitgebracht hatte.

Er griff gerade nach der Patientenakte vor Untersuchungsraum Nr. 2, als Dr. Alexanders Krankenschwester aus Nr. 4 kam. Ihre geröteten Wangen verrieten, dass sie noch einen Patienten ohne Termin angenommen hatte.

Er seufzte. „Ich dachte, Mrs. Kirkland ist die Nächste.“

„Mrs. Kirkland bildet sich ihre Krankheiten nur ein, aber diese Patientin blutet wirklich.“ Sie drückte ihm eine Akte in die Hand.

Cam ging hinein und stand Ashley Roarke gegenüber.

Er brachte kein Wort heraus, denn „Hallo, ich bin Dr. Turcotte“ wäre angesichts ihrer gemeinsamen Vergangenheit unpassend gewesen.

Aber er hatte Ashley nur ein Mal gesehen, seit er die Stadt vor zwölf Jahren verlassen hatte. Wenige Monate zuvor waren sie einander auf dem Klassentreffen begegnet, und Ashley hatte deutlich gemacht, dass sie nicht daran interessiert war, mit ihm zusammen nostalgisch zu werden.

Außerdem hatte sie ihm erzählt, dass sie bald heiraten würde. Aber jetzt fiel ihm auf, dass sie den Brillantring, den er auf dem Klassentreffen bemerkt hatte, nicht mehr trug.

Die rechte Hand war in ein blutiges Geschirrtuch gewickelt, und der Anblick holte ihn jäh in die Gegenwart zurück. Er durfte in ihr nicht die einzige Frau sehen, die er nie vergessen hatte. Sie war als Patientin hier, und es war sein Beruf, sie zu untersuchen und zu behandeln.

„Ich … wollte eigentlich zu Eli“, sagte sie.

„Er ist im Krankenhaus.“

„Oh.“ Sie räusperte sich. „Na gut, dann fahre ich hin.“

„Du blutest.“

Sie schaute auf ihre Hand.

„Ich denke, ich sollte mir die Hand ansehen, bevor du wieder gehst.“ Er zog ein Paar Latexhandschuhe aus der Schachtel.

„Es wäre mir lieber, wenn Eli mich behandelt.“

„Sei nicht so trotzig, Ash.“

„Ich bin nicht trotzig“, widersprach sie. „Eli ist seit Jahren mein Hausarzt.“

Trotzdem wusste sie offenbar nicht, dass Elijah Alexander nicht zur Visite in der Klinik war, sondern um seine Frau zu besuchen, die am Abend zuvor einen Herzinfarkt erlitten hatte.

„Wenn ich dich gehen lasse, könntest du am Steuer ohnmächtig werden und dich und andere gefährden.“

Sie wurde noch blasser. „Habe ich so viel Blut verloren?“

Lächelnd zog er den zweiten Handschuh an. „Wohl kaum.“

„Warum befürchtest du dann, dass ich in Ohnmacht falle?“

„Weil ich dabei war, als du dir im Eagle Point Park das Knie aufgeschlagen hast. Du hast gesagt, es geht dir gut, aber dann hast du das Blut gesehen. Dein Gesicht wurde weiß, und dann haben deine Beine nachgegeben.“

Er hätte den Vorfall besser nicht erwähnen sollen, denn es verriet, dass er sich auch nach so vielen Jahren noch daran erinnerte. Und nicht nur daran. Ashley verfolgte ihn bis in seine Träume.

„Ich war neun“, erwiderte sie empört.

„Und jetzt bist du so blass wie damals.“

„Na gut.“ Sie streckte ihm die verletzte Hand entgegen. „Sieh es dir an und lass es verbinden, damit ich nach Hause fahren kann.“

Vorsichtig wickelte Cam das Geschirrtuch ab. „Wie ist das passiert?“

„Glasscherben.“

Er war Arzt und hatte Schlimmeres gesehen als eine Schnittwunde an einer Hand. Aber dies war Ashleys Hand, und der Schnitt reichte fast bis zum Handgelenk und hatte die Pulsader nur knapp verfehlt. Sein Herz schlug schneller.

„Muss eine große Glasscherbe gewesen sein.“

„Zehn mal fünfzehn.“

Er brauchte nur eine Sekunde, um zu begreifen. „Ein Bilderrahmen.“

Sie nickte, ohne ihn anzusehen.

Mit einem Tupfer säuberte er die Haut um die Wunde. „Das hier braucht mehr als ein Klammerpflaster.“

„Wie viel mehr?“

„Zehn bis fünfzehn Stiche.“

„Das habe ich befürchtet.“ Sie seufzte. „Okay, leg los.“

„Also wirklich, Ashley Roarke, ich hätte nicht gedacht, dass du das jemals wieder zu mir sagst“, scherzte er.

Ihre blassen Wangen verfärbten sich ein wenig, und ihre wunderschönen violetten Augen blitzten. Auch die würde er nie vergessen.

„Mit den Stichen, Doktor.“

Er lächelte. „Natürlich.“

Cam ging zur Tür, um sich von Irene das Nahtbesteck bringen zu lassen. Sie schien es vorausgeahnt zu haben, denn sie eilte bereits damit herbei.

Ihre Augen wurden groß, als sie Ashleys Verletzung sah.

„Oh, Honey, wie ist das passiert?“

„Ich habe mit einer Glasscherbe gekämpft und verloren.“

„Keine Angst, der Doktor wird Sie wieder in Ordnung bringen.“

„Aber erst stechen Sie mich mit der Nadel da, nicht wahr?“, fragte Ashley mit einem Blick auf die Spritze, die die Krankenschwester bereits aufzog.

„Das macht der Doktor, und danach werden Sie nicht fühlen, wie er in Ihnen herumstochert.“

Cam unterdrückte ein Lächeln, während Ashley erneut errötete.

Er hatte ganz vergessen, wie sehr sie dazu neigte und wie viel Spaß es ihm bereitet hatte, sie dazu zu bringen. Aber das war lange her.

Jetzt musste er sich auf seine Arbeit konzentrieren.

„Sehen Sie, so schlimm war es doch gar nicht“, sagte Irene nach der Injektion.

„Sie haben leicht reden“, entgegnete Ashley.

Die Krankenschwester lächelte. „Sie haben Spritzen noch nie gemocht. Genau wie Ihre Schwester. Wie geht es ihr?“

Er wusste nicht, ob Irene sie nur ablenken wollte oder sich wirklich für Meg interessierte, aber er war ihr dankbar, denn Ashley achtete nicht auf die Nadel, mit der er die Wunde nähte.

„Meg geht es großartig.“

„Wie schön. Aber für Sie muss es schwer gewesen sein.“

Ashley bewegte sich nicht, aber Cam spürte ihre Anspannung.

„Dass Megan so kurz nach dem Bruch Ihrer Verlobung geheiratet hat, meine ich“, fügte Irene hinzu.

„Ich habe mich für sie gefreut, und das tue ich noch.“

„Natürlich. Und bestimmt finden auch Sie eines Tages jemanden, der zu Ihnen passt.“

„Ich suche keinen Mann – egal, ob er zu mir passt oder nicht“, sagte Ashley scharf.

Cam fragte sich, warum sie die Verlobung gelöst hatte. Ob Irene es wusste? Vielleicht würde er sich bei ihr erkundigen.

„Wann hast du die letzte Tetanus-Injektion bekommen?“

Ashley sah ihn an. „Vor zwei Jahren.“

„Dann brauchst du keine neue.“

„Heute muss mein Glückstag sein.“

Er lächelte.

„Ich sehe nach Mrs. Kirkland“, sagte Irene. „Passen Sie auf sich auf, Honey.“

„Das mache ich.“

„Wie sieht es aus?“, fragte er, als die Krankenschwester fort war.

Ashley betrachtete die Hand. Der dunkle Faden zeichnete sich in der rosigen Haut deutlich ab. „Es sieht … gut aus?“

Wieder musste er lächeln. „Wenn die Wunde erst mal verheilt ist, sieht es besser aus.“

„Wie lange dauert das?“

Er legte einen sterilen Wundverband an. „Sieben bis zehn Tage.“

„Dann bin ich sie wenigstens los, bevor die Schule wieder beginnt.“

„Schade. Ich könnte mir vorstellen, dass Erstklässler fünfzehn Stiche faszinierend finden.“

Überrascht hob sie den Kopf.

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er noch immer ihre Hand hielt. Und dass Ashley nicht versucht hatte, sie fortzuziehen.

„Woher weißt du, dass ich eine erste Klasse unterrichte?“

Er zuckte mit den Schultern. „Das wolltest du doch immer.“

„Ich hätte nicht gedacht, dass du dich daran erinnerst“, flüsterte sie.

„Du würdest dich wundern, woran ich mich alles erinnere. Was ich nicht vergessen konnte.“

Sie senkte den Blick, und er ärgerte sich darüber, dass er eine Wahrheit ausgesprochen hatte, die er sich erst kürzlich eingestanden hatte. Er verschrieb ihr ein Schmerzmittel und gab ihr das Rezept.

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