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Babel – Band 1-3

DAMALS

Babels 4. Geburtstag

Ihr kleines Mädchen saß auf einem hässlichen blauen Plastikstuhl am Fenster, und die hereinfallende Sonne brachte Babels helles Haar zum Leuchten. Die kleinen Füße in den gelb-rot gestreiften Sandalen baumelten eine Handbreit über dem Boden, und die blonden Locken fielen wie ein Vorhang vor das Gesicht. Die schmalen Schultern zitterten, als würde das Kind trotz der Wärme frieren.

»Es tut mir wirklich leid, aber wir sehen uns außerstande, Ihre Tochter weiterhin zu betreuen.«

Maria wandte den Blick von Babel ab und drehte sich der älteren Frau auf der anderen Seite des Schreibtischs zu. Mit überheblicher Miene musterte die Kindergartenleiterin Maria über den Rand einer goldenen Brille hinweg.

»Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz«, erwiderte Maria. »Ich dachte, bisher hätte meine Tochter alle Voraussetzungen erfüllt, die der Kindergarten verlangt.« Sie lehnte sich auf dem Stuhl zurück und verschränkte die Finger im Schoß. »Sie hat ordentliche Tischmanieren, sie hält ihren Mittagsschlaf, meine Tochter beteiligt sich an den Spielen, und es ist mir nicht zu Ohren gekommen, dass sie andere Kinder schlägt. Worin genau besteht also die Zumutung?«

Unter ihrem Blick hob die Leiterin abwehrend die Hände. »Sie haben recht, das alles beherrscht Ihre Tochter sehr gut, darum geht es nicht …« Sie stockte und warf dann hektische Blicke zwischen Mutter und Kind hin und her, als überlege sie, wie sie die nächsten Sätze formulieren sollte. »Wissen Sie, es ist vielmehr so, dass Babel einen sehr lebhaften Drang hat, Geschichten zu erzählen. Sie tut es praktisch pausenlos. Während der Mahlzeiten und auch in der Spielzeit. Sie sitzt irgendwo und beginnt, den anderen Kindern Märchen zu erzählen.«

»Sie wollen mir also sagen, dass meine Tochter ein Problem für Ihre Einrichtung ist, weil sie eine lebhafte Phantasie besitzt?«

»Nun, das wäre wohl eher wünschenswert – nein, das Problem ist die Art von Geschichten, die Babel erzählt.« Jetzt ruhte der Blick der Frau ausschließlich auf Maria, und es lag etwas wie leise Anklage darin. Die Haltung der Erzieherin drückte Abneigung aus.

Dieses Verhalten überraschte Maria nicht; die Leute hegten häufig gewisse Vorbehalte gegen sie. Wie Tiere, die instinktiv Gefahr witterten, hielten sie Abstand zu ihr und konnten dabei nicht einmal genau sagen, was sie eigentlich störte. Maria sah aus wie viele Frauen dieser Zeit. Die dunkelblonden Haare hingen ihr weit über die Schultern hinab und wurden durch ein gestricktes Band zusammengehalten. Sie trug eine weiße, schulterfreie Bluse und eine dieser Schlaghosen, die gerade in Mode waren. An den Füßen mit den rot lackierten Nägeln saßen weiße Plateauschuhe, deren Riemchen sich um die gebräunten Knöchel schlangen. Maria war eine schöne Frau, aber das war nicht der Grund, warum die Leute ihr misstrauische Blicke zuwarfen. Sie spürten, dass etwas an ihr anders war, denn alle Wesen fühlten die Magie – aber nur wenige konnten sie auch beeinflussen. Die meisten Menschen wussten ja nicht einmal, was sie da eigentlich wahrnahmen, weil es ihnen nie jemand gesagt hatte. Wenn sie mitten auf einer belebten Hauptstraße plötzlich ein kalter Schauer überlief und sich die Härchen an ihren Armen aufstellten, hielten sie es für Intuition und Instinkt. Dabei lief vielleicht gerade eine Hexe an ihnen vorbei und wirkte einen Zauber.

»Sehen Sie, Babel erzählt sehr düstere Märchen, es kommen fürchterliche Kreaturen darin vor, Dämonen, wie sie es nennt … und Hexen.« Die Frau nickte mehrfach und wartete offenbar auf eine Reaktion, aber Maria zuckte nur unbeeindruckt mit den Schultern. »Das Problem ist auch, dass sich viele Kinder vor ihr fürchten. Es gibt einige, die unter Schlafstörungen leiden, seit sie Babels Schauergeschichten gehört haben. Wir bekommen deswegen schon Ärger mit den anderen Eltern, das müssen Sie verstehen.« Der Ton war schärfer geworden, offensichtlich zeigte Maria zu wenig Reue über das merkwürdige Verhalten ihrer Tochter. »Es ist ja gut und schön, wenn Kinder Phantasie besitzen, aber es geht doch nun wirklich nicht, dass Babel den anderen erzählt, wie man einen Liebestrank braut und dazu das Blut von Küken verwendet!«

»Genau genommen benötigt man ihre Leber, aber was sind schon Details«, erwiderte Maria und lächelte die Kindergartenleiterin an, die erbost die Augen zusammenkniff.

»Verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte mich keineswegs in Ihre Erziehungsmethoden einmischen, aber ich halte es für äußerst gefährlich, das Kind weiterhin diesen Dingen auszusetzen. Das kann sich erheblich auf eine so zarte Kinderseele auswirken. Babel hat mir berichtet, dass Sie ihr Reime zum Schutz vor den Toten beibringen.«

»Ja, sie hatte ein paar Probleme mit ihnen. Die Toten fühlen sich von ihr angezogen, sie konnte deswegen nicht schlafen. Aber jetzt ist es besser.«

Die Frau ihr gegenüber lehnte sich nach vorn und hob abwehrend die Hand. »Es ist mir gleichgültig, welchem Glauben Sie angehören. Allerdings möchte ich Sie eindringlich davor warnen, Ihrem Kind solche Sachen zu erzählen, Sie können damit erheblichen Schaden bei Babel anrichten. Ist Ihnen nicht bewusst, welche Verantwortung Sie tragen?«

Ungeduldig schnalzte Maria mit der Zunge und winkte Babel zu sich. »Komm her, Kleine, ich glaube, es wird Zeit zu gehen.«

Zum ersten Mal während des Gesprächs sah Babel auf und schaute ihre Mutter mit dunklen, grauen Augen an. Sie wirkte unsicher, aber nicht ängstlich. Ihr Gesicht erinnerte Maria an die Kinderporträts alter Meister, auf denen die runden Gesichter immer ernst blickten und älter wirkten, als sie waren. Maria konnte die magischen Energien, die Babel umgaben, als Prickeln auf der Haut spüren, und sie sah, wie sich die gelb-roten Schuhe langsam blau färbten, weil Babel unbewusst Magie wirkte. Sie merkte es nicht einmal.

Nach kurzem Zögern kam sie auf Maria zu und stellte sich neben den Stuhl. Ihre Stimme besaß diese merkwürdige Überbetonung, die viele Kinder besitzen, die in einem Chor singen oder versuchen, Erwachsene zu imitieren. Sie sprach deutlich, aber mit der hohen Tonlage eines Kleinkinds.

»In der Küche lebt eine alte Frau … Sie war Köchin, als es noch keinen Fernseher gab, sagt sie … Sie hat die Kinder beobachtet, und manchmal hat sie ihr Schreien nicht mehr ertragen. Dann hat sie ihnen etwas ins Essen getan, und deswegen hat man sie weggesperrt … Und das hat sie ein bisschen verrückt gemacht.« Babel verschluckte sich, so schnell sprach sie.

Die Kindergärtnerin keuchte und starrte Babel entsetzt an, die aber nicht aufhörte zu reden, als wäre plötzlich ein Damm gebrochen, während die Magie um sie herumwirbelte wie eine unsichtbare Sturmwolke.

»Ich hab ihr gesagt, sie soll weggehen, weil ich sie nicht mag, aber sie ist jeden Tag da. Also hab ich den anderen Kindern gesagt, dass sie nicht zu dem Geist gehen sollen, weil sie dann ganz traurig werden. Es drückt immer so hier drin, wenn ich in die Küche gehe.« Babel legte die kurzen Finger auf Marias Muschelanhänger, der zwischen ihren Brüsten baumelte, und Maria konnte spüren, wie die kleine Hand zitterte. »War das schlimm, Mama?«

»Nein, mein Schatz, das hast du richtig gemacht.« Maria strich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr und streichelte ihr über den Kopf, dann blickte sie zu der anderen Frau, die sie verwirrt betrachtete und ganz offensichtlich nicht wusste, was sie zu dieser grauenvollen Geschichte sagen sollte.

»Da sehen Sie es selbst – Babel erzählt den anderen Kindern immerfort solche Sachen. Kein Wunder, dass sie sich vor ihr fürchten. Ich muss Ihnen wirklich raten, bei Babel …«

Maria unterbrach sie. »Ich glaube, Sie haben vollkommen recht, ich werde sie aus dieser Einrichtung nehmen. Man ist hier offensichtlich überfordert mit einem Kind mit solchen Talenten.« Sie erhob sich und nahm ihr Mädchen auf die Arme. »Es wird Zeit, nach Hause zu gehen.« Ohne auf ein weiteres Wort der Erzieherin zu warten, verließ Maria mit Babel das Büro und trat in den Flur. Nachdrücklich zog sie die Tür hinter sich ins Schloss.

Sie hatte gedacht, es würde Babel guttun, auch mit anderen Kindern Kontakt zu haben, aber ihre besonderen Fähigkeiten trennten sie von einem normalen Leben. Maria hätte zwar die Kindergartenleiterin magisch beeinflussen können, aber sie konnte nicht eine ganze Herde Kinder verzaubern, um ihnen die Angst zu nehmen.

»Was ist mit dem Geist in der Küche, Mama?«, fragte Babel leise und sah ihre Mutter erwartungsvoll an, während ihre Finger mit den dicken Strähnen ihres blonden Haars spielten.

»Keine Bange, mein Schatz, ich kümmere mich darum. Aber zuerst fahren wir heim und schneiden deinen Geburtstagskuchen an. Die Toten können auch noch einen Tag warten.«

Während sie den Gang entlanglief, Babel fest im Arm und quietschendes Linoleum unter den Füßen, fragte sich Maria beunruhigt, wie groß Babels Fähigkeiten eines Tages sein würden. Die Toten zu sehen, war für eine Hexe nie ein gutes Zeichen. Es bedeutete, dass Babel zu leicht die Grenzen zwischen den Magieebenen durchdringen konnte. Oft war es ihr gar nicht bewusst, es passierte einfach. Das war bei magisch aktiven Kindern keine Seltenheit. Es fiel ihnen leichter, Kontakt zu den Toten aufzunehmen, denn ihre Magie suchte sich ganz intuitiv einen Weg in die andere Ebene. Doch wenn sie älter wurden und der Verstand die dominierende Rolle übernahm, wurden ihre Instinkte schwächer, und der Übergang konnte nur noch mit Hilfe von Ritualen erfolgen.

Deshalb hatte sich Maria am Anfang nichts dabei gedacht, als Babel ihr von den Toten erzählt hatte, die sie sah. Inzwischen jedoch konnte Babel auch mit ziemlicher Genauigkeit sagen, wann ein Dämon auf den anderen Ebenen an ihnen vorüberzog, und das war wirklich ein Grund, beunruhigt zu sein. Babel benötigte weder Bilder noch Sprüche, um Magie zu wirken. Sie war eine intuitive Hexe. Zwar war das ein Zeichen der Macht, aber es barg auch Gefahr in sich.

Die Ebenen der Toten und Dämonen waren für magisch aktive Menschen verlockend, denn die Energien, die darin herrschten, vergrößerten die Macht einer Hexe. Doch wie die meisten Sachen besaß auch diese eine Kehrseite: Es konnte passieren, dass sich die Hexe zu sehr an die anderen Ebenen gewöhnte und eines Tages vielleicht nicht mehr davon lassen konnte. Vor vielen Jahren hatte Maria einmal gesehen, was passierte, wenn eine Hexe die Kontrolle über ihre Kräfte verlor, weil sie zu erschöpft war. Der Dämon, den sie beschworen hatte, hatte dauerhaft von ihr Besitz ergriffen und drei Menschen getötet, bevor der Wirtskörper von der Polizei erschossen worden war und der Dämon in seine Ebene zurückkehren musste. Das war kein schöner Anblick gewesen, und Maria wollte nicht, dass es ihrer Tochter genauso erging.

Nachdenklich verließ sie das Gebäude, aber auch als sie in den Sonnenschein trat, verschwanden die düsteren Gedanken nicht. Sie ängstigten Maria stärker, als sie zugegeben hätte, und wäre Babel älter, hätte sie sich ebenfalls gefürchtet – noch mehr als vor den Schatten, von denen Kinder glaubten, dass sie unter ihren Betten lauerten …

Babels 17. Geburtstag

»Komm schon, Babel, das wird super, du wirst sehen. Freibier und Chips!«

Sam führte sich auf, als hätte er die Party eigens für sie organisiert, dabei gingen sie zu der Feier eines Freundes. Irgendwo im Osten der Stadt, in einem Viertel, in dem Babel sonst nicht unterwegs war, weil es ewig weit weg von ihrem Unterschlupf lag. Genervt dachte sie an den Heimweg. Wenn die Party vorbei war, fuhr garantiert keine Bahn mehr, und das bedeutete Fußmarsch.

»Ich will trotzdem noch ein Geschenk, nur damit wir uns verstehen, mein Freund.« Sie schlang den Arm um Sams Hüfte, der sie lachend an sich zog.

Sein Kumpel hatte die sturmfreie Bude übers Wochenende dazu genutzt, Freunde einzuladen – oder zumindest Leute, die er dafür hielt. Wie Sam. Dass der jetzt versuchte, Babel eine fremde Party als ihr Geburtstagsgeschenk zu verkaufen, war zwar dreist, aber irgendwie auch charmant. Sie fand ohnehin vieles an ihm charmant. Besonders das Grinsen, mit dem er sie in diesem Moment bedachte, als sie die Straße überquerten.

Sein Grinsen war auch das Erste gewesen, was sie von ihm gesehen hatte, als er sie vor zwei Monaten in einem Club angesprochen hatte. Zwischen zwei Songs hatte sie von ihrer Cola aufgeschaut, und da war es gewesen: Sexy und unverschämt lud es einen ein, Dinge auszuprobieren, an die man vorher noch nicht einmal gedacht hatte. Und plötzlich konnte man kaum noch an etwas anderes denken als daran, diesen Mund zu küssen. Jedenfalls ging es ihr so.

Als Nächstes waren ihr dann seine Augen aufgefallen. Sie waren von einem so hellen Blau, dass sie fast weiß wirkten, wenn das Licht wie jetzt seitlich auf sie fiel. Dann konnte man die Iris nur durch den dunklen Rand und den Schatten, den die Wimpern warfen, erkennen. Auf jeden Fall waren es schöne Augen.

Auch der Rest von Sam war nicht zu verachten. Er war muskulös, und auf der Hüfte prangte ein kunstvolles, auf den Kopf gestelltes Kreuz, das Babels Blick immer wieder magisch anzog, wenn er ohne T-Shirt herumlief und die Tätowierung über den Hosenbund ragte. Er hatte einfach etwas an sich, das es schwer machte, ihn nicht ständig anzuschauen. Er zog die Blicke auf sich, ganz gleich, wo er war und wem er begegnete. Menschen reagierten auf ihn wie Motten auf Licht.

Sam war nicht ihr erster Freund, aber noch nie war sie einem Jungen so verfallen wie diesem. Ständig hatte er neue Ideen, zeigte ihr verborgene Plätze, die fast verwunschen wirkten, wie das alte Stellwerk, dessen Mauern schon eingestürzt und vom Moos überwuchert waren. Einmal war er mit Babel sogar auf einen Wasserturm geklettert, zwanzig Meter in die Höhe auf schmalen Sprossen an der Außenwand entlang. Als sie ganz oben gesessen hatten, der Wind an ihren Haaren zerrte und ihre Beine über dem Abgrund baumelten, da hatte er ihre Hand genommen, und sie hatte sich so lebendig gefühlt wie nie zuvor, während unter ihren Füßen die Lichter der Stadt glühwürmchengleich geblinkt hatten.

Sie erinnerte sich noch genau an die ersten Worte, die er zu ihr gesprochen hatte. »Ich weiß, was du bist, Hexe«, hatte er geflüstert, und seine Lippen hatten ganz leicht ihr Ohr berührt. »Ich kann es riechen.« Dabei waren seine Energiewellen wie kleine Blitze auf ihre Haut getroffen und hatten dort einen Flächenbrand entfacht, der verriet, dass er kein Mensch war.

Irritiert hatte sie gefragt: »Was bist du?«, aber er hatte nicht geantwortet, nur gelächelt und sie auf die Tanzfläche gezogen, hinein in das zuckende Licht der Scheinwerfer …

Später, im Schatten einer Häuserwand, an die er sie presste, hatte er ihr dann dieses eine Wort zugeflüstert, das ihr unter die Haut gedrungen war: Dämonenkind.

Aber sie war nicht davongerannt, wie sie es hätte tun sollen, sondern hatte nur die Hände in die Gürtelschlaufen seiner Jeans gesteckt und ihn näher zu sich gezogen. In seinem Gesicht hatte sie nach Spuren seiner Herkunft gesucht, aber alles, was sie sah, war das Feuer in seinen Augen.

Ihre Mutter hatte sie mehr als einmal vor Dämonen gewarnt, weil man sie so schlecht beherrschen konnte. Doch im Schatten dieser Mauer hatte Babel Sam geküsst. Während durch die halb geöffnete Clubtür die hämmernden Bässe nach draußen drangen, hatte sie zugelassen, dass er sie ganz eng an sich zog und ihr sanft ins Ohrläppchen biss. Seit diesem Abend waren sie zusammen.

Ein Paar.

Wie Napoleon und Josephine! Cäsar und Kleopatra! Batman und Catwoman!

Vor diesem Treffen im Club war sie noch nie einem Dämonenkind begegnet – die waren schließlich so selten wie Albinos und liefen einem nicht jeden Tag über den Weg. Fasziniert hatte sie ihn beobachtet und war sich dabei vorgekommen wie ein Forscher, der unentdecktes Land kartografiert. Mit jedem Mal, wenn ihre Finger oder ihre Lippen über seine Haut strichen, verschwanden die weißen Flecken auf der Landkarte, die sein Körper war. Die dämonische Energie, die in seinen Zellen steckte, konnte Babel als Wärme spüren, die sich auf sie übertrug. Und die meiste Zeit war Babel in Sams Nähe so glücklich, dass sie platzen könnte.

Nur manchmal gab es da dieses kleine Problem mit ihm …

»Hör mal, ich will heute Abend aber keinen Ärger, Sam, okay? Keine Prügeleien. Keine Wetten. Kein Unsinn, der damit endet, dass wir fluchtartig das Haus verlassen müssen, ja?«

Er riss die Augen auf und legte die Hand aufs Herz. »Was? Ich? Ich bin der reinste Chorknabe.«

»Ich mein’s ernst.«

»Schon klar, Süße.« Übermütig küsste er sie auf den Scheitel, und sie seufzte.

Das war das Problem mit Dämonenkindern: ihr überschäumendes Temperament. Ständig musste etwas passieren, denn Sam schien nie müde zu werden. Eine Herausforderung jagte die nächste, und es verging keine Woche, in der er nicht mit Schrammen und aufgeschürften Fingerknöcheln bei ihr auftauchte, weil er sich mal wieder geprügelt hatte. Dass er meist als Sieger aus den Schlägereien hervorging, schürte nur seinen Appetit. Am Anfang hatte sie das noch rebellisch gefunden, inzwischen wusste sie, dass er einfach gern auf Ärger aus war, um sich mit anderen zu messen. Es spielte keine Rolle, ob sie älter waren oder zwanzig Kilo mehr auf die Waage brachten. Je größer die Herausforderung, desto besser. Ich lass mich von niemandem verarschen! Von niemandem! Das war sein Motto.

Als kleines Kind hatte sich Babel vor den Dämonen gefürchtet und den Geschichten, die ihre Mutter über sie erzählt hatte. Es waren düstere Märchen gewesen. Wenn ein Mensch von einem Dämon besessen war, konnte er ein Kind zeugen, das seine dämonische Signatur in sich trug. Diese Kinder sahen vielleicht aus wie Menschen, aber ihr Energiemuster unterschied sich von anderen. Sie waren Unruhestifter, aggressiv, launisch und unberechenbar. Stets darauf bedacht, ihre Bedürfnisse zu stillen. Sie konnten erkennen, wenn jemand magisch aktiv war, obwohl sie selbst keinen Einfluss auf die Magie nehmen konnten. Sie waren wie ein loderndes Feuer, das einen einschloss und verzehrte.

Aber diese Geschichten hatten nie erwähnt, wie verlockend dieses Feuer sein konnte. Wenn Sam sie küsste oder mit ihr schlief, dann vergaß sie, dass er nur dem Anschein nach ein richtiger Mensch war.

Babel hoffte, dass sie Sam zähmen konnte. Dass er ihretwegen auf den Ärger verzichtete. Manchmal ging diese Rechnung auf, manchmal aber auch nicht. Bei Sam konnte man nie genau vorhersagen, welcher dieser Tage es gerade sein würde, und genau das machte das Leben mit ihm anstrengend, wenn auch nicht langweilig.

»Dort ist es«, sagte er plötzlich und zeigte auf ein Mehrfamilienhaus, das sich mit einer rosafarbenen Fassade an der Straßenecke erhob und dessen Fenster im Erdgeschoss vergittert waren.

Im Eingang standen ein paar Jungs, höchstens dreizehn Jahre alt, die sie schweigend musterten und keinen Hehl daraus machten, dass sie Sam und Babel einzuschätzen versuchten. Ihre Blicke waren herausfordernd, und als Babel zu Sam hochsah, hatte er seinen Tollwutblick aufgesetzt, den er im Jugendknast gelernt hatte. Ein aggressives Starren unter dem blonden Pony, das sagte: Trau dich!

Nach ein paar Sekunden sahen die Jungs in die entgegengesetzte Richtung, als wären die beiden Neuankömmlinge vollkommen uninteressant.

»Jungs«, murmelte Babel und schüttelte den Kopf. Irgendwie ging es ständig darum, anderen etwas zu beweisen.

Schon im Erdgeschoss war der Partylärm zu hören. Sie folgten der Geräuschkulisse in den dritten Stock und drängten sich durch die Gruppe Leute, die auf dem Flur standen und saßen, während der Zigarettenqualm schon dick wie Nebel durch die Räume waberte. Hier und da klopfte Sam jemandem auf die Schulter, aber Babel erkannte kein einziges Gesicht. Sie kannte seine Freunde nicht, weil er die meiste Zeit bei ihr rumhing. In dem besetzten Haus, in dem sie zurzeit lebte, interessierte es niemanden, ob er über Nacht blieb oder nicht. Ihn mit anderen zu sehen, war eine neue Erfahrung für sie. Wo genau er selbst wohnte, wusste sie nicht. Wie ein Geist kam und ging er, ganz so, wie es ihm passte.

»Da ist ja der Gastgeber«, rief er auf einmal und bugsierte Babel zu einem kleinen Kerl mit gefärbtem schwarzem Haar, der ein Danzig-T-Shirt trug und in einer Tour nickte, als wäre er ein Wackeldackel auf der Hutablage eines Autos. Breit grinsend kam der Kerl auf sie zu und schwenkte seine Bierflasche.

»He, Johann!« Freundschaftlich boxte ihn Sam gegen die Schulter und nahm ihm die Flasche ab. Er trank einen Schluck und bot die Flasche dann Babel an, doch die winkte ab. Wer wusste schon, wie viele Leute daraus getrunken hatten?

»Cool, dass du gekommen bist«, nuschelte Johann und nickte wieder enthusiastisch. »Wen hast du mitgebracht?« Sein Blick wanderte neugierig über Babel, aber Sam drückte sie enger an sich.

»Vergiss es. Das ist mein Mädchen, und du lässt besser die Finger von ihr.«

»Ich bin nicht dein Mädchen«, erwiderte Babel und schob seinen Arm von ihrer Schulter. »Glaubst du, ich bin wie das alte Paar Schuhe, das du da trägst?«

»Sie ist süß, was?« Lachend zog Sam sie weiter. »Wir sehen uns noch, Jo.«

Im Wohnzimmer folgte ein Wirbel an Begrüßungen, Gesprächen und Witzen, bis Babel der Kopf schwirrte. Sam erzählte Geschichten, lachte und sang laut zu den Songs mit, die aus der kratzenden Anlage drangen. In null Komma nichts hatte er die Gruppe fest im Griff, die sich fasziniert zeigte von seinem Übermut. Wenn er wollte, konnte Sam so charmant sein, dass es einem die Schuhe auszog.

Er war die Sonne, um die sie alle kreisten.

Babel merkte, wie das eine oder andere Mädchen sie kritisch musterte. Wahrscheinlich fragten sie sich, was ein Typ wie Sam mit jemandem wie ihr wollte, weil sie die meiste Zeit stumm wie ein Fisch neben ihm stand. Dabei war es nicht so, dass sie schüchtern war – sie war nur vorsichtig. Babel war es nicht gewohnt, viel über sich zu erzählen, denn das Wichtigste verschwieg sie sowieso meistens, weil sie nicht dumm angemacht werden wollte.

Manchmal fragte sie sich, ob sie Sam nicht auch deswegen so mochte, weil er ganz genau wusste, wen er da vor sich hatte. Mit ihm gab es kein Verstellen und keine Lügen. Wenn sie zu ihm sagte: »Hier gibt es schlechtes Karma«, dann sah er sie nicht an, als hätte sie nicht mehr alle Tassen im Schrank, sondern wechselte einfach kommentarlos mit ihr die Straßenseite. Sie musste ihm nicht erklären, dass jedes Ding sein eigenes magisches Energiefeld besaß, auf das man Einfluss nehmen konnte, wenn man magisch aktiv war wie sie. Dass es neben ihrer eigenen Existenzebene auch noch andere Ebenen gab. Die der Toten, der Geister und Dämonen. All die Erklärungen, die ihr bei den Jungs vor ihm so schwergefallen waren – unnötig.

Es hatte seine Vorteile, mit jemandem zusammen zu sein, der wusste, dass Hexen keine Erfindung der Esoteriker waren. Daher nahm sie Sams provokantes Verhalten manchmal in Kauf.

Während er im Wohnzimmer Hof hielt und sich dabei prächtig zu amüsieren schien, organisierte sich Babel in der Küche ein eigenes Bier. Nach den ersten Schlucken entspannte sie sich allmählich. Anfangs war die Party wie all die Partys davor, auf denen sie schon gewesen war: Bier in Massen, hier und da ein Joint, und aus den Boxen klang so laut Joy Division, dass die Nachbarn irgendwann die Polizei alarmierten.

Nachdem die Polizisten wieder verschwunden waren, wurde es dann ruhiger. Gegen drei Uhr morgens war nur noch ein Dutzend Leute da, die im Wohnzimmer auf dem Fußboden lungerten und über irgendwelche Fernsehserien debattierten, die Babel nicht kannte, weil es in ihrer Bude keinen Fernseher gab. Ein schmächtiger, kleiner Kerl versuchte ausdauernd, sie von den Vorzügen einer Wasserpfeife zu überzeugen, und auch ihre einsilbigen Antworten brachten ihn nicht dazu, sie in Ruhe zu lassen. Als sie Sam das nächste Mal sah, hatte er sein T-Shirt verloren und war reichlich betrunken. Den Oberkörper bedeckte ein leichter Schweißfilm, als wäre er gerannt, und im Licht der Wohnzimmerlampe glänzte seine Haut. In seinen Augen lag dieses Glitzern, das ihr eine Warnung war, und sein Blick huschte unruhig über die Menge. Er setzte sich ins Zentrum der Gruppe und grinste Babel an, während alle anderen ihn anstarrten.

»Was ist?«, fragte sie irritiert.

»Mir ist langweilig.«

»Du wolltest doch hierher.«

Er zuckte mit den Schultern, und eine Weile saßen sie schweigend da und lauschten den Gesprächen. Eigentlich wollte Babel am liebsten gehen. Die Gespräche waren nicht besonders interessant, und die Musik wurde auch immer schlechter. Außerdem konnte sie Sam ansehen, dass er nur darauf wartete, dass etwas Spektakuläres passieren würde. Von ihm ging eine vibrierende Energie aus, die ihr in den Fingerspitzen brannte.

Als die anderen begannen, sich über Fantasy-Rollenspiele zu unterhalten und Worte wie Zauberer und Flüche fielen, wuchs ihre Unruhe. Bald kreiste das Gespräch um das Thema Magie, aber an der Art, wie die Leute darüber sprachen, erkannte Babel, dass kein Einziger von ihnen wusste, wovon er redete. Dabei waren sie sicher alle schon mal mit Magie in Kontakt gekommen, Babel müsste nur die richtigen Fragen stellen …

Schon mal nachts schweißgebadet aufgewacht, mit dem Gefühl, beobachtet zu werden? Und dabei ist dir der Brustkorb so eng geworden, dass du kaum noch atmen konntest, und eine Traurigkeit hat von dir Besitz ergriffen, für die es gar keinen Grund gab? Schon mal ganz plötzlich daran gedacht, wie es wäre, den Hals dieser niedlichen kleinen Katze zuzudrücken, die so hilflos in deiner Hand liegt? Einfach weil du die Macht dazu hast?

Dann streift dich vielleicht gerade ein Dämon. Oder das Bedauern eines Toten hüllt dich ein, der dich um deine Wärme beneidet. Und vielleicht liegt das Flüstern eines Dämons in der Luft, das dir Gedanken in den Kopf setzt, auf die du selbst niemals gekommen wärst.

Das tun sie gern, die Bastarde.

Dämonen und Toten fehlte auf dieser Existenzebene der Körper, daher konnten sie keinen direkten Einfluss auf Menschen nehmen. Sie existierten auf einer Ebene parallel zu dieser, von der aus sie auf die Energien der Menschen zugriffen, die in ihre Nähe kamen. Ihre Macht reichte aus, um winzige Veränderungen in den Energiemustern der Lebenden zu verursachen, die diese dann als Angst, Erschöpfung oder Wut spürten. Sie waren eine unsichtbare Bedrohung, von der nur wenige wussten.

Babels Blick wanderte zu Sam, der damit beschäftigt war, die anderen zu beobachten. In seinem Blick lag etwas Lauerndes, und sie verspürte den Drang, aufzuspringen und davonzulaufen. In diesem Moment konnte sie auf einmal ganz deutlich fühlen, was er war – als wäre ihm sein dämonischer Anteil ganz dicht unter die Haut gekrochen und hätte sein Äußeres verformt. Er sah immer noch aus wie ein Siebzehnjähriger, aber unter der Oberfläche lauerte etwas, das nie auf diese Ebene hätte gelangen dürfen. Da war dieses Fremde, das sich von den Menschen unterschied und Babel dieselbe Gänsehaut bescherte wie der Anblick von Haien und Gottesanbeterinnen.

Es dauerte einige Herzschläge, bis sie merkte, dass er ihren Blick erwiderte und seine Aufmerksamkeit nun ihr galt. Ein wissendes Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht, und sie fühlte sich ertappt, weil sie ihn angestarrt hatte.

Sam war zweifellos gefährlicher als ein Hai, denn er war schön, und deshalb konnte sie nicht von ihm lassen. Beschämt senkte sie den Blick. Sie sollte wirklich gehen.

Doch als sie aufstehen wollte, hörte sie ihn auch schon sagen: »Das ist doch alles Kinderkacke. Wenn ihr richtige Magie erleben wollt, dann müsst ihr mal Babel hier fragen. Die ist nämlich eine Hexe.«

Die anderen brüllten vor Lachen.

»Ich mein’s ernst, Leute«, sagte er gelassen und zündete sich eine Zigarette an.

»Kann sie sich auch in einen Wolf verwandeln?«, fragte Johann spöttisch und schlug sich fast einen Zahn aus, weil er so heftig lachte, dass der Flaschenhals gegen die Schneidezähne krachte.

»Frag doch nicht solchen Scheiß!«, erwiderte Sam. »So eine Verwandlung benötigt viel zu viel Energie, außerdem brichst du dir jeden Knochen im Leib, und deine Organe verschieben sich. Die Schmerzen müssen unerträglich sein. Da macht dein Kreislauf vorher schlapp, und du kippst einfach tot um. Hast du in Bio nie aufgepasst?«

Beleidigt zog Johann die Schultern hoch, während Sam Babel auffordernd anschaute. Sie hatte das Gefühl, dass er ihre Gedanken lesen konnte, auch wenn sie wusste, dass das unmöglich war.

»Wie wär’s mit was Aufregenderem, Schatz. Beschwör doch einen Dämon.«

Sie sah ihn finster an, aber das schien ihn nicht zu stören. Stattdessen formten seine Lippen das Wort Feigling.

Er wusste, dass sie nicht gern in Gegenwart normaler Menschen Magie anwandte. Auch wenn die meisten Leute glaubten, es wären Tricks im Spiel, sahen sie Babel danach immer an, als wäre sie ein Freak. Sie spürten, dass etwas an ihr anders war als an ihnen, und Babel hatte noch nicht gelernt, damit umzugehen, wenn sie sich von ihr zurückzogen. Es tat immer noch weh.

Du musst dir ein dickeres Fell zulegen, mahnte ihre Mutter ein ums andere Mal, doch Babel besaß noch keine Elefantenhaut.

»Was ist, Prinzessin?«

»Hör auf, Sam! Du hast versprochen, keinen Ärger zu machen.«

»Ich mach keinen Ärger. Ich bring diesen Nappsülzen hier nur was bei. Damit die was lernen.«

»Ich werde sicher keinen Dämon beschwören.«

Wieder lachte die Runde – und auch wenn Babel es nicht öffentlich zugegeben hätte, so ärgerte sie diese Reaktion doch. Schließlich konnte sie das alles tatsächlich. Sie war keine Aufschneiderin. Sie war mächtig. Andere Hexen benötigten in den Ritualen viel mehr Kraft und erlitten größere Schmerzen, um zu tun, was Babel scheinbar mühelos gelang. Keine Hexe, die sie kannte, konnte so leicht zwischen den Ebenen wechseln wie sie.

Aber manchmal nagte diese leise Angst an ihr, eine unbestimmte Warnung in ihren Eingeweiden, denn der Kontakt mit der Dämonenenergie war wie ein Cocktail. Süß und klebrig. Ein Rausch. Und manchmal war es verlockend, sich diesem Rausch einfach hinzugeben, sich fallen zu lassen und alles andere zu vergessen. Das war das Gefährliche daran, denn dann konnte sie leicht die Kontrolle verlieren – und wer wusste schon, was dann mit ihr passierte. Sam kannte ihre Zweifel.

Eine hitzige Debatte entbrannte, in der er versuchte, die anderen davon zu überzeugen, dass er keinen Unsinn erzählte. »Ich bin vielleicht betrunken, aber das könnt ihr mir glauben: Mein Mädchen kann Sachen, da braucht ihr keine Tüte, um abzuheben.«

Es folgten zwei, drei anstößige Kommentare und jede Menge zweifelnde Blicke, die Babel zu sezieren schienen, gefolgt von Sams aufforderndem »Komm schon, Babel«, das sie drängte und lockte.

»Das glaub ich keine Sekunde, dass die da zaubern kann«, sagte jemand, und plötzlich wurde Babel so zornig, dass ihre Hände heiß wurden, weil sich die Magie in ihnen sammelte.

Vielleicht war es das Bier, vielleicht auch die Nacht und der Mond, aber auf einmal hatte sie es satt, dass die Leute immer nur an das glaubten, was sie sahen. In ihrem Fall ein dünnes, zu schnell in die Höhe geschossenes Mädchen in zerrissenen Jeans und mit wildem blondem Haar, das mit sechzehn zu Hause ausgezogen war, weil es nicht länger mit seiner Mutter und seiner Schwester unter einem Dach leben konnte, und seitdem in einem besetzten Haus wohnte.

In ihren Augen sah sie deutlich, was sie dachten: Wenn hier einer wirklich Magie wirken konnte, dann sicher nicht dieses seltsame Mädchen, das die meiste Zeit schwieg und an dem das einzig Coole sein Freund war.

Aber sie würde es ihnen beweisen!

In ihrem Kopf hörte Babel die deutliche Warnung ihrer Mutter: Halt dich von den anderen Ebenen fern!

Doch Babel hatte es satt, sich gängeln zu lassen. Noch mehr, als Angst zu haben. Deshalb war sie doch zu Hause ausgezogen! Um der Überwachung zu entkommen. Immer wieder hatte sie ihre Mutter und ihre Schwester Judith dabei ertappt, wie sie sie anstarrten – als wäre Babel eine gefährliche Waffe, die irgendwie losgehen konnte. Und das nur, weil sie als Kind die Toten gesehen hatte und die meiste Zeit intuitiv zauberte.

Oder seid ihr neidisch, weil ich etwas kann, das ihr nicht könnt?

Babel erinnerte sich daran, wie der Übergang in die andere Ebene auf ihrer Zunge schmeckte. Wie er in ihren Körper und Geist eindrang und alles zum Gleißen brachte – wie eine ganze Galaxie … Die Magie der anderen Ebenen war mächtig. Sie war für Hexen, was Doping für Spitzensportler war. Und genauso verlockend.

Sam musste ihr Schwanken bemerkt haben, denn er klatschte laut Beifall und rief: »Na bitte, ich wusste doch, dass du kein Feigling bist! Wir brauchen einen Hund! Hat wer einen Hund mitgebracht?«

Kopfschütteln folgte. »Die sind alle schon gegangen.«

»Aber es geht nicht ohne ein Tier! Schließlich muss der Dämon in irgendwas hineinfahren.«

Ein Mädchen mit rotem Haar mischte sich ein, das Sam schon den ganzen Abend lang schöne Augen gemacht hatte. »Wozu brauchst du ein Tier? Ich denke, deine Freundin kann einen Dämon beschwören? Bringt der keinen eigenen Körper mit?«

»Hör mal, wenn du keine Ahnung hast, wovon du redest, solltest du lieber die Klappe halten!« Sam warf ihr einen geringschätzigen Blick zu. »Dämonen haben keinen Körper. Sie können auf unserer Ebene nur existieren, indem sie einen Körper übernehmen. Sind ja schließlich Dämonen, Energiewesen, klar?«

Seine harschen Worte gegen das andere Mädchen taten Babel gut, und der Stolz wärmte sie, obwohl die warnende Stimme in ihrem Hinterkopf nicht verstummt war.

Lass mich zufrieden, das ist mein Leben.

»Johanns Eltern haben einen Papagei, geht das auch?«, fragte ein anderer Junge, aber der Gastgeber hob abwehrend die Hände.

»Vergesst es, den hab ich extra ins Schlafzimmer geschafft, damit er keinen Schock kriegt. Ich lass euch sicher nicht unseren Papagei massakrieren.«

»Quatsch, der wird doch nicht massakriert. Der Dämon geht kurz in seinen Körper, und dann schickt ihn Babel wieder dorthin zurück, woher er gekommen ist. Alles ganz easy.«

»Und woher wissen wir, dass da ein Dämon drinsteckt?«

»Das wirst du merken, glaub mir.« Sam lachte, und Babel bekam eine Gänsehaut.

Er hatte recht. Der Dämon würde versuchen zu sprechen und sich auch sonst nicht aufführen wie ein Papagei. Der Übergang ins Fleisch war für Dämonen eine verwirrende Angelegenheit. Sie kreischten viel und schüttelten sich und versuchten zunächst, die neue Haut buchstäblich abzustreifen. Man musste warten, bis sie sich beruhigt hatten, bevor man mit ihnen sprechen konnte, und wenn man Pech hatte, bedienten sie sich einer Sprache, die man nicht verstand.

Der letzte Dämon, den Babel beschworen hatte, war in die Ratte eines Mitbewohners gefahren und hatte das ganze Ritual über Russisch geredet. Verstanden hatte sie lediglich, dass er Schmerzen hatte und zum Bahnhof wollte. Wobei sie Letzteres möglicherweise falsch übersetzt hatte. In Russisch war sie nie besonders gut gewesen.

»Ein Papagei tut’s auch.« Sam lief aus dem Zimmer, um das Tier zu holen, während Johann ihm zweifelnd hinterhersah, sich aber nicht traute, etwas dagegen zu sagen.

Die Runde wurde plötzlich von einer hektischen, aufgeregten Energie ergriffen, in Vorfreude auf ein Abenteuer. Während die anderen die Möbel beiseiteschoben, trank Babel weiter ihr Bier. Der Alkohol beruhigte ihre Gedanken. So würde es ihr leichter fallen, sich auf die Energieströme einzustellen. Zu viel Denken lenkte nur ab.

»Brauchst du noch was für das Ritual?«, fragte Johann, und sie antwortete: »Handtuch und Kreide.«

Fragend sahen sich die anderen an, und Johann schüttelte den Kopf. »Kreide haben wir nicht.«

»Mehl geht auch.«

»Dann müssen wir den Teppich zusammenrollen. Meine Mutter bringt mich um, wenn sie Mehl in ihrem Teppich findet.«

Aus der Küche brachte er ihr eine Dose und ein Handtuch. Während die anderen einen Kreis um sie bildeten, setzte sich Babel auf die Dielen.

»Wozu brauchst du das Handtuch?«

»Um das Blut abzuwischen.«

Erschrockenes Schweigen antwortete ihr. Es dauerte einige Herzschläge, bis Johann rief: »Ihr habt gesagt, dem Papagei passiert nichts!«, worauf Babel lachen musste.

»Beruhig dich, Jo, deinem Scheißpapagei passiert schon nichts«, sagte Sam. »Babel benutzt ihr eigenes Blut, schließlich gibt’s hier keine weiteren Tiere, oder?« Er reichte ihr sein Taschenmesser und stellte den Käfig neben ihr ab. Der Vogel flatterte aufgeregt.

Die Unruhe übertrug sich auf die Gruppe. Der Spaß nahm bizarre Formen an. Babel sah, wie sie nervös hin und her rutschten, und musste lächeln. Sie hatten es ja so gewollt.

Noch ein letztes Mal hörte sie die warnende Stimme im Hintergrund, aber der Übermut war auch in ihr erwacht, als wäre ein Funken von Sam auf sie übergesprungen. Sie spürte, dass alle Augen nur auf sie gerichtet waren. Gleich würde sie etwas tun, das niemand sonst in diesem Raum vermochte. Wahrscheinlich sogar in diesem Haus und sogar in dieser Straße. Sie war etwas Besonderes, und sie würde es beweisen! Der Gedanke berauschte sie.

Vorsichtig öffnete sie die Dose und griff hinein. Mit einer Handvoll Mehl zog sie einen Kreis um sich und den Käfig und blies den Rest in die Luft. Dann konzentrierte sie sich darauf, das Energiemuster, das sie umgab, sichtbar zu machen. Es entstanden wabernde Fäden und Wellen, die das Mehl einfärbte, das noch in der Luft schwebte und sich im Raum verteilte. Babel sah die anderen und auch Sam, wie immer eingehüllt in sein leuchtendes Graublau. Sie visualisierte die Energie, die sie bereits als Wärme spüren konnte, und kurz darauf umgab sie das Magienetz in schimmernden Regenbogenfarben.

Die Energie, die von ihr selbst ausging, pulste jetzt in einem tiefen Blau. Ihr Herzschlag gab den Rhythmus vor, und mit jedem Schlag dehnte sich das Blau weiter aus, erfasste den Käfig und das Tier darin. Kroch an dem Bannkreis empor, den sie als Grenze gesetzt hatte, und baute eine Energiewand, hinter der sie nur noch Sam wahrnahm, der wie Schieferstein glänzte.

Sie konnte seinen Hunger spüren, ihrem eigenen so ähnlich, und sie hätte ihn gern geküsst. In seinen Augen las sie Bewunderung und Leidenschaft für sie, aber auch seinen Stolz und seine Gier nach dem Leben.

Wie Wasser suchten sich ihre Energien den Weg durch winzige Risse in den Ebenen, glitten einfach hinüber in eine andere Dimension, in der es kein Denken mehr gab, in der sie schwerelos schwebte wie in einem Meer. Sie konnte ihn wieder schmecken, den Honig, die klebrige Süße, wie sie ihr die Kehle hinunterrann und sich in ihrem Gehirn festsetzte. Das reine Entzücken.

So schmeckt das Paradies.

Aber kein Paradies ohne Schlange.

Wo waren sie nur, die Dämonen?

Noch einmal schaute sie zu Sam. Alles an ihm, was dämonisch war, glühte. Sie wusste, wenn sie jetzt seine Haut küssen würde, würde er nach dieser anderen Ebene schmecken. Nach Honig und Vergessen.

Schweiß brach ihr aus den Poren, ihr Herzschlag verdoppelte sich, und ihre Atmung wurde hektisch. Als sie das Messer hob, rutschte es ihr fast aus der Hand.

Dämonen waren wie Haie, sie mussten angelockt werden, und es gab keinen besseren magischen Energieleiter als Blut, daher wurde es bei so vielen Ritualen eingesetzt. Sie hob das Messer und schnitt sich in die Hand. Der Schnitt war gerade tief genug, um zu bluten, ohne eine ernsthafte Verletzung zu sein. Inzwischen war sie eine Meisterin darin, das abzuschätzen. Sie verrieb das Blut zwischen den Handflächen und schmierte es sich ins Gesicht.

Ich bin hier. Ein Mensch. Fleisch.

Kein Dämon konnte dem widerstehen, denn es war das, was sie alle wollten: einen Körper besitzen.

Nach einigen Augenblicken spürte sie die Präsenz eines kleineren Dämons, der am Rande ihrer Wahrnehmung lauerte. Er war schwach. Eine sich windende türkisfarbene Wolke mit einem gehässigen burgunderroten Kern.

Was machst du, kleiner Kerl? Bringst du den Kindern Albträume? Bist du schon einmal nachts durch mein Zimmer geflogen, und ich bin keuchend aufgewacht? Hast du dich daran erfreut, wenn ich im Dunkeln gelegen und in den Schatten Monster vermutet habe, wo doch nichts anderes lag als altes Spielzeug und das dreckige Turnzeug vom Vortag? Freut dich mein Schmerz?

Dann komm!

Ein zweiter Schnitt folgte und dann ein dritter. In dicken Tropfen fiel das Blut in den Bannkreis. Wie im Fieber zitterte Babel am ganzen Leib.

Der Dämon konnte sich nicht zurückhalten, er kroch näher.

Es ist ganz einfach. Du musst es nur wollen. Sieh! Da ist ein Körper für dich. Warmes Fleisch …

Sie zog den Dämon zu sich herüber, die Gegenwehr war schwach. Zu verlockend war für ihn der pochende Herzschlag des Papageis. Babels Energien griffen nach dem Dämon und leiteten ihn hinüber in die stoffliche Welt. Banden ihn an den Vogel, der wild mit den Flügeln schlug.

Es sollte nicht so einfach sein, hörte sie die Stimme ihrer Mutter flüstern, aber das war nur Einbildung.

Es war einfach. Sie hörte das Keuchen der anderen, Rufe und umstürzende Stühle, als jemand panisch aufsprang, aber das interessierte sie nicht mehr.

Was ist, war es nicht das, was ihr wolltet? Echte Magie. Wer hat euch nur erzählt, sie hätte keinen Preis?

Das Blut tropfte noch immer auf die Dielen, aber der Dämon war bereits in das Tier gefahren, und sein Kreischen erfüllte den Raum. Hoch, als würde Metall über Metall schrammen.

Geschafft, dachte sie, und eine Welle der Euphorie überrollte sie. Rasender Herzschlag und Blutrauschen in den Ohren, wie die Musik im Club, wenn sie mit Sam tanzte. Auch das hier war ein Tanz, und sie drehte sich immer schneller. Es war geschafft, und die aufgestaute Energie in ihrem Innern suchte sich einen Weg nach draußen.

Ihre Hand durchstieß den Bannkreis und wurde sofort ergriffen. Das Grau hüllte sie ein, und sie schmeckte Sams Süße auf ihrer Zunge, als er sie küsste. Seine Hände packten sie, drückten sie auf die Dielen, er biss ihr in die Schulter, und sie verschränkten die Finger ineinander, sodass sich das Blut von ihrer Hand auf seine übertrug. Mit den Fingerspitzen fuhr er über ihren Mund und hinterließ blutige Abdrücke auf ihren Lippen, als wolle er sie kennzeichnen. Unter ihren Händen brannte seine Haut. Auch ihn hatte das Fieber gepackt, und auf einmal war es ihr gleichgültig, was um sie herum passierte. Sie hörte entsetzte Rufe, aber das interessierte sie nicht. Sie vergaß alles außer Samuel, während im Hintergrund noch der Dämon schrie …

Lange bevor sie die Augen aufschlug, war Babel schon wach. Die Morgensonne brannte ihr auf den Lidern, und in der Luft hing der Geruch rohen Fleischs. Sie fürchtete sich davor, die Augen zu öffnen, denn in ihrem Kopf fanden sich nur noch Bruchstücke der vorangegangenen Nacht.

Es gab Hinweise auf das, was geschehen war: die Nachwehen der Krämpfe in den Oberschenkeln und der Schmerz in den Handflächen, dort, wo sie mit dem Messer angesetzt hatte. Ihr Magen schien sich von innen nach außen gedreht zu haben, und der bloße Gedanke an Essen jagte Wellen der Übelkeit durch ihren Körper. Obwohl sie sich wie zerschlagen fühlte, war ihr Geist unruhig und rückte den ersehnten Schlaf in weite Ferne. Sie wusste, dass sie nicht ewig hier liegen bleiben konnte. Irgendwann musste sie die Augen öffnen und sich dem stellen, was zweifellos um sie herum zu finden war.

Irgendwo neben ihr waren Würggeräusche zu hören, jemand stürzte aus dem Zimmer. Das war kein gutes Zeichen. Langsam schlug sie die Augen auf und blinzelte ins Zwielicht. Das Erste, was sie sah, war ein umgestürzter Stuhl, der in den Scherben einer Bierflasche lag. Als sie sich umschaute, entdeckte sie weitere umgekippte Möbel, Essensreste, Bierflecken, Zigarettenkippen, und über allem lag eine feine Mehlschicht. Doch das war es nicht, was das Szenario von anderen Morgen nach Partys unterschied.

Nein, der Unterschied, der ihr den Magen umdrehte, war das getrocknete Blut auf dem Fußboden, dessen Geruch wie Schweiß an ihrer Haut klebte.

Langsam richtete sie sich auf. Nicht weit von ihr entfernt lag Sam, halb nackt und mit ihren blutigen Handabdrücken beschmiert. Im Licht der Sonne, die durch die halb geschlossenen Jalousien fiel, glänzte sein Körper noch immer wie Stein, doch die graue Farbe hatte einem hellen Bernsteingelb Platz gemacht. Er war so schön, dass es ihr den Atem verschlug. Ein Ziehen machte sich in ihrer Brust breit, und es war fast schmerzhaft, ihn anzusehen und zu wissen, dass in ihm dieses Ding steckte, das sich erst dann lebendig fühlte, wenn es inmitten des Schreckens stand.

Als wäre er unter ihrem Blick erwacht, drehte er sich plötzlich um und sah sie unter träge gesenkten Wimpern an.

Küss mich! dachte sie, und vielleicht sprach sie es auch aus, denn er kroch auf sie zu, und das Grinsen zupfte schon wieder an seinen Mundwinkeln. Langsam beugte er sich zu ihr herab und küsste sie. Dann sagte er: »He«, und setzte sich im Schneidersitz vor sie hin. Unter dem Tisch angelte er eine Packung Zigaretten und das Feuerzeug hervor und zündete sich eine Kippe an. Dabei spannten sich seine Muskeln wie bei einer Katze, die sich streckte.

Als Babel schwieg, zogen sich seine Brauen irritiert zusammen. »Hat’s dir die Sprache verschlagen, Prinzessin?«

Sie deutete auf das Chaos um sie herum. »Was ist passiert?«

»Was schon? Wir haben deinen Geburtstag gefeiert.«

»Sam, ich mein’s ernst.«

»Es war großartig, sag ich dir.« Bewundernd sah er sie an, doch unter diesem Blick kroch das schlechte Gewissen über sie wie eine Spinne, deren lange Beine sie auf ihrer Haut fühlen konnte.

»Was ist mit dem Dämon?«

»Es war doch nur ein kleiner.«

»Was ist mit ihm?«

Gelangweilt zeigte er in eine Ecke, in der der Käfig mit dem Papagei stand. Ein Papagei, der sich selbst die Federn am Bauch ausgerissen hatte, der gelbe Augen besaß und in dem eindeutig ein Dämon steckte. Babel fühlte die dämonische Energie, die in Wellen von dem Käfig fortrollte. Entsetzt starrte sie das Tier an.

»Keine Bange, es ist nur ein ganz kleiner Dämon.«

»Wieso habe ich ihn nicht wieder zurückgeschickt?«

»Dafür hat das Blut nicht gereicht. Der Dämon war wohl stärker, als du dachtest.«

Deshalb hatte sie auch die Kontrolle über das Ritual verloren. Sie konnte froh sein, dass kein anderer Dämon den Übergang zwischen den Ebenen genutzt hatte, um in sie zu fahren.

Ich Idiotin, dachte sie.

Ihr Blick flackerte zu den getrockneten Blutlachen, und Übelkeit stieg in ihr hoch, aber Sam zuckte nur mit den Schultern. Seine Gleichgültigkeit beunruhigte sie, und sie erschrak über sich selbst. Vor wildfremden Menschen hatte sie ihre Magie benutzt. Wenn das ihre Mutter erfuhr, würde sie ihr den Kopf abreißen. Wie hatte sie nur so unvorsichtig werden können? War es der Alkohol gewesen?

»Wo sind die anderen?«

»Ein paar haben die Flucht ergriffen, als der Dämon aus dem Papagei gesprochen hat. Er hat sie ziemlich unflätig beschimpft. Manche auch schon vorher, als sie gesehen haben, wie du dir die Hände aufgeschlitzt hast. Alles Feiglinge, wenn du mich fragst. Da tönen sie groß rum, dass sie mal was erleben wollen, haben Dracula im Schrank stehen und wollen von Werwölfen gebissen werden, und wenn man ihnen dann echte Magie und einen Dämon präsentiert, machen sie sich in die Hose.« Sein Gesicht zeigte Abscheu. Wenn er etwas hasste, dann Feiglinge, und auf einmal kam ihr der Gedanke, dass er sie nur benutzt hatte, um den anderen eins auszuwischen.

Und sie hatte es zugelassen. Sie war wirklich sein Mädchen, seine Marionette, deren Fäden er zog.

»Wir müssen den Dämon loswerden, Sam.«

»Dafür ist es zu spät.« Er deutete mit der Hand auf den Käfig, die Zigarette noch zwischen den Fingern. »Der Dämon hat sich schon mit dem Tier verbunden. Er steckt jetzt in seinem Körper. Wenn du den Dämon loswerden willst, musst du dem Vogel den Hals umdrehen.«

Empört schnappte sie nach Luft. »Ich kann doch nicht den Papagei umbringen!«

»Ich kann’s tun, wenn du willst.« Er stand auf, aber sie griff nach seinem Knöchel.

»Nein! Lass ihn.«

»Warum hast du dich so? Ist doch nicht das erste Tier, das du tötest.«

Nein, aber sie wollte es nicht. Sie hatte geglaubt, ihr Blut würde ausreichen, aber wie sich herausstellte, gab es gute Gründe, warum bei Blutritualen Tiere verwendet wurden.

Fieberhaft suchte sie nach einer Lösung. Der Dämon konnte in dem Körper des Papageis nicht viel anfangen, er würde den Bewohnern der Wohnung jedoch nach und nach die Lebensfreude aussaugen, bis sie sich immerfort müde und schwach fühlten. Sie würden glauben, es läge an Allergien, und vielleicht zu dem Schluss kommen, dass in dem Haus schädliche Baustoffe verwendet wurden. Dabei hatten sie sich einen Dämon eingefangen, der von ihren Energien lebte.

»Wir nehmen ihn mit«, sagte sie bestimmt. »Ich behalte ihn. Wenn ich einen Bannkreis um den Käfig ziehe, kann er niemandem schaden.«

Einen Moment lang sah Sam sie überrascht an, dann zuckte er erneut mit den Schultern. »Wenn du meinst.« Es war offensichtlich, dass er sich nicht dafür interessierte, wie sie die Konsequenzen der letzten Nacht beseitigte. Stattdessen sagte er: »Wir müssen jetzt gehen«, und zog sich gelassen ein T-Shirt über, das in der Nähe lag, aber nicht seines war. »Wir sollten weg sein, wenn die Eltern von ihrem Wochenendtrip zurückkommen.«

Wie betäubt erhob sich Babel und suchte nach ihrer Jacke. Sie fand sie hinter dem Sofa, genau wie den Gastgeber, der entweder ohnmächtig war oder seinen Rausch ausschlief. Wenn er erwachte, würde er den Schreck seines Lebens bekommen, so wie die Wohnung aussah.

»Tut mir leid«, flüsterte sie, als sie ihm ein Kissen unter den Kopf schob, damit er ein bisschen bequemer lag.

Sie griff sich den Käfig und folgte Sam ins Treppenhaus. Die Sonnenstrahlen, die durch die schmutzigen Fenster fielen, tauchten den Hausflur in ein seltsames nebliges Licht. Während sie erschöpft hinter ihm die Treppen hinunterlief, nagte die Frage an ihr, ob sie vielleicht schon zu weit gegangen war. Hatte sie ihre Magie etwa nicht mehr im Griff?

Viel zu leicht ließ sie sich von Sam zu diesen Ritualen überreden. Immer weiter hatte sie ihre Grenzen verschoben, bis der Übergang von ihrer eigenen Magieebene in die der Dämonen ihr so leichtfiel wie einkaufen. Zu leicht. Sie sah auf ihre Hände hinab, die aussahen, als wären sie in einen Fleischwolf geraten, und begann zu zittern.

Plötzlich begann der Papagei zu schimpfen, seine Stimme war ein zerhacktes Krächzen. »Fleisch … Bluuut … Bluut …«

Babel lief schneller. Hoffentlich hörten die Nachbarn nichts. In diesem Viertel konnte sie sich jedenfalls eine ganze Weile nicht mehr blicken lassen, so viel stand fest.

Während Sam vor ihr die Treppe hinuntersprang und rief: »Was für eine Party! Was für ein Geburtstag!«, überkam sie auf einmal das beängstigende Gefühl, dass ihre Liebe zu ihm keine Zukunft besaß. Er war wie ein Abgrund, in den man so lange hineinstarrt, bis man hinunterspringen will.

Dabei wusste sie doch, warum er so versessen darauf war, dass sie in seiner Gegenwart Dämonen beschwor. Er wollte wissen, was genau sein Vater war. Was er selbst zu einem Teil war. Die andere Ebene faszinierte ihn. Nicht alle Dämonenkinder erfuhren je, was sie wirklich waren, wenn es ihnen niemand sagte. Dann verbrachten sie ihr Leben damit, sich zu wundern, warum sie tief in ihrem Inneren immer wieder diesen Drang verspürten, etwas zu zerstören oder anderen Schmerzen zuzufügen. Manchen gelang es, diesen Drang zu unterdrücken, andere dagegen schrieben mit ihren blutigen Taten Geschichte.

Sam wusste, wer er war. Er war während eines Rituals gezeugt worden, bei dem ein Hexer einen Dämon beschworen hatte, um ihn etwas zu fragen. Pech nur, dass der Hexer die Kontrolle über den Dämon verloren hatte und dieser sich eine Zeit lang dessen Körpers bemächtigt hatte. So hatte der Dämon mit Sams Mutter ein Kind gezeugt, das weder ganz menschlich noch ganz dämonisch war. Der Hexer hatte Sam zwar aufgezogen, aber nie vergessen, wessen Sohn er war. Kein Wunder also, dass Sam schon mit dreizehn von zu Hause abgehauen war und sich seitdem durchs Leben schlug.

Babel kannte seine Geschichte und hatte ihn deshalb bewundert. Seinen Einfallsreichtum, seine Zähigkeit, seinen unermüdlichen Überlebenswillen und ja, auch seine Härte, wenn es darum ging zu bekommen, was er wollte, und es gegen alle Widrigkeiten zu verteidigen. Er war wie Prince Charmings böser Zwilling, der Junge, vor dem Mütter ihre Töchter warnten, und Babel begriff zum ersten Mal, warum.

Es schien, als könne Sam all die düsteren Gedanken lesen, die ihr in den dunklen Stunden des Tages in den Sinn kamen. Er kannte sie wie niemand zuvor – und hatte sie sich das nicht immer gewünscht? Jemanden, der sie so liebte, wie sie war? Der keine Forderungen an sie stellte, sie nicht verändern wollte? Wenn er sie ansah, als könne sie alles erreichen, was sie sich vornahm, dann konnte sie fast selbst daran glauben. Nie zeigte er Angst, wenn sie ein neues Ritual ausprobierte, und stundenlang konnte er Anweisungen aus alten Texten für sie herausschreiben. Mit ihm schien es keine Grenzen zu geben, nichts, was verboten war. Als hätte er all die Ängste, die andere Menschen befielen, schon längst hinter sich gelassen – und um diese Furchtlosigkeit hatte sie ihn beneidet.

Aber zum ersten Mal fragte sie sich, ob sie wirklich so werden wollte wie er. Waren sein Geruch und seine Küsse so verlockend, dass sie alle Warnungen in den Wind schoss?

Halte dich von Dämonen fern!

Und auch von ihren Kindern.

Aber sie war nicht nur verliebt in diesen Jungen, es war viel schlimmer. Er war ihr unter die Haut gekrochen und hatte sich dort festgesetzt – und allein bei dem Gedanken daran, nicht mehr in seiner Nähe zu sein, wurde ihr erneut übel.

Aber auch dagegen musste es ein Heilmittel geben. Vielleicht sollte sie Judith um einen Trank bitten. Ihre Schwester war gut in solchen Dingen. Sie hatten sich zwar seit vier Monaten nicht mehr gesehen, aber das hieß nichts. Wenn es hart auf hart ging, würde Judith ihr beistehen. Und wenn das nichts half, dann musste sich Babel eben häuten, um Sam loszuwerden – und mit ihm all die Gefühle, die sie an ihn banden …

Babels 26. Geburtstag

Der Mann bekam einen Schlag. Er schrie auf und zog die Hand von der Autotür zurück. Dabei fiel ihm die Tüte, die er auf dem Arm trug, herunter, und die Einkäufe verteilten sich auf dem Asphalt. Das Fluchen war über den ganzen Parkplatz zu hören, und die Leute drehten neugierig die Köpfe.

Der Mann tat Babel leid, denn schon von Weitem hatte sie sein Problem gespürt. Seine Energiewellen schlingerten hin und her und zuckten wie Aale. Sie war sicher, wenn sie sich seine Aura ansehen würde, könnte sie darin schlangengrüne Schlieren sehen, die sich wie Würmer in einem Kürbis wanden, den man nach Halloween auf dem Fensterbrett vergessen hatte. Der Fluch war gut in ihm verankert worden und würde ihn noch eine ganze Weile quälen.

Trotzdem lief sie weiter. Die Absätze ihrer Stiefel knallten laut auf den Asphalt, aber der Mann drehte sich nicht nach ihr um.

Das war in Ordnung. Babel wollte es gar nicht anders. Er würde ihr ohnehin nicht glauben, wenn sie ihm erzählte, worin genau sein Problem bestand. Wahrscheinlich würde er ihr nur sagen, dass sie verschwinden solle, und darauf hatte sie heute wirklich keine Lust mehr, denn schon der Vormittag war eine einzige Katastrophe gewesen.

Ihr Vermieter hatte mit Zwangsräumung gedroht, wenn sie nicht bald die fällige Miete überwies, und den Job als Bibliotheksaufsicht hatte sie an einen Studenten verloren, der glaubte, ein Laptop würde ihm beim Denken helfen. Mit nur einem Teilzeitjob konnte sich Babel aber nicht über Wasser halten.

Für ihre Mutter und Judith war es ein völliges Rätsel, wie Babel immer in Geldnot stecken konnte, immerhin konnte sie zaubern. Aber Maria verdiente ihren Unterhalt als Buchmacherin, deren Sportwetten zu überraschenden Ausgängen neigten. Pferde, die bis dato kein einziges Rennen gewonnen hatten, wurden über Nacht zu Champions mit einer Traumquote. Und Judith verkaufte überteuerte Immobilien an Leute, die nicht wussten, wohin mit ihrem Geld, und plötzlich das Bedürfnis verspürten, noch ein weiteres Haus zu besitzen. In derselben Stadt. Aber Babel hatte weder Ahnung vom Sportgeschäft (und es interessierte sie auch nicht) noch konnte sie sich vorstellen, den ganzen Tag in engen Kostümen über Parkettfußböden zu stöckeln und permanent zu lächeln.

Deine magische Begabung ist an dich vollkommen verschwendet, pflegte ihre Schwester zu sagen. Du bist wie ein 1-a-Rennpferd, das zu blöd ist zu begreifen, dass es einfach nur laufen muss.

Möglicherweise waren Babels kriminelle Energien auch einfach nicht so ausgeprägt wie bei den restlichen weiblichen Familienmitgliedern. Ihr Vater jedenfalls fand es nicht schlimm, dass sie ihre magischen Fähigkeiten nicht zum Geldverdienen einsetzte. Offenbar glaubte er, dass sie diese Entscheidung bewusst getroffen hatte. In Wirklichkeit war es eher so, dass sie einfach nicht genau wusste, wie.

Aber sie war fest entschlossen, länger in dieser Stadt zu bleiben, denn es gefiel ihr hier. Die Leute waren ein bisschen forsch, aber auch offen und unkompliziert. Der Krieg hatte hier nur wenig gewütet, weite Straßen mit sanierten Altbauten reihten sich aneinander, und es gab viel Grün, das im Sommer die Atmosphäre aufheiterte. Es war eine alte Stadt mit Seele, deren magisches Netz sich über die Jahrhunderte einem Aderngeflecht gleich verzweigt hatte, und Babels Energien fügten sich darin ein, als hätte sie schon immer hierher gehört. Außerdem lag die Stadt weit genug von dem Ort entfernt, in dem Babel aufgewachsen war und in dem ihre Mutter noch immer lebte. Auch Judith musste gute vierhundert Kilometer fahren, wenn sie Babel besuchen wollte – weshalb sie es nicht tat.

Entschlossen lief sie weiter zu ihrem Motorrad, einer MZ 250, die sie einem Sammler abgekauft hatte, der alte Maschinen aufmotzte und wiederherstellte. Babel liebte das Motorrad heiß und innig, obwohl das Ding inzwischen klapprig und alt war und bei jeder Fahrt auseinanderzufallen drohte.

Sie schloss den Reißverschluss ihrer Lederjacke und zog den Pferdeschwanz aus dem Kragen. Nachdem sie den Motor angelassen hatte, sah sie sich noch einmal nach dem Kerl mit dem Fluch um, der noch immer mit den widrigen Umständen kämpfte. Inzwischen hatte er seine Einkäufe aufgesammelt und erneut versucht, die Tür zu öffnen. Wieder hatte er einen Schlag bekommen, aber wenigstens gelang es ihm dieses Mal, das Auto endlich zu öffnen. Damit war das Drama jedoch noch nicht beendet. Als er den Motor anließ, machte der Wagen einen Sprung nach vorn und rammte den Pfeiler, der den Parkplatz von der Straße trennte. Es krachte und schepperte – und der folgende Schrei ließ Babel auf ihrer Maschine innehalten.

Sie seufzte. Einen Moment lang zögerte sie noch, dann fuhr sie langsam aus der Parklücke und lenkte die Maschine neben das Auto.

Dir ist nicht zu helfen.

Sie nahm den Helm ab und klopfte an die Autoscheibe.

Mit wutverzerrtem Gesicht ließ der Mann die Scheibe herunter und blaffte: »Was?« Blass sah er aus, und die dunklen Ringe unter den Augen hätten einem Zombie zur Ehre gereicht.

Babel stützte sich auf den Lenker und blickte dem Mann fest in die Augen, bevor sie fast mitleidig sagte: »Das passiert nicht zum ersten Mal, oder? Lassen Sie mich raten. Sie bekommen Dutzende Male am Tag einen Schlag, ganz gleich, was Sie anfassen. Ihre technischen Geräte spielen verrückt, das Auto springt nicht an, und Ihre motorischen Fähigkeiten lassen sehr zu wünschen übrig, denn seit Tagen fallen Ihnen ständig Sachen runter. Mittlerweile überlegen Sie, ob Sie zum Arzt gehen sollen, weil mit Ihren Nerven etwas nicht stimmen kann. Hab ich recht?«

Wie vom Donner gerührt starrte der Mann sie an. »Was?«, fragte er noch einmal, aber Babel wiederholte sich nicht. Sie war ziemlich sicher, den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben. »Wer sind Sie?«

»Spielt keine Rolle. Die Frage ist, ob ich recht habe und ob Sie etwas dagegen tun wollen.«

»Wogegen?«

»Gegen die unglaubliche Pechsträhne, die Sie seit ein paar Tagen haben.«

Misstrauisch beobachtete der Mann sie. Ihm war anzusehen, dass er ihr am liebsten gesagt hätte, sie solle ihn in Ruhe lassen, aber etwas an ihren Worten hatte ihn stutzig gemacht.

»Wie wollen Sie mir helfen?«

»Ganz einfach, ich behebe Ihr Problem.«

»Und das wäre?«

Das war der schwierige Teil. »Sie sind verflucht worden.«

Der Mann lachte.

Babel nicht.

Da hörte der Mann auf zu lachen. »Sie meinen das ernst.«

»Irgendeine Hexe hat Sie mit einem Fluch belegt. Ihre eigene Körperenergie ist aus dem Gleichgewicht geraten, und deshalb laden sich die Dinge, die Sie anfassen, auf. Deswegen funktionieren auch Ihre motorischen Fähigkeiten nicht richtig. Man könnte sagen, durch Ihre Steckdose fließt der falsche Strom. Können Sie sich vielleicht daran erinnern, wen Sie in letzter Zeit so richtig verärgert haben?«

Ungläubig schüttelte der Mann den Kopf. Sie kannte den Kampf, der sich in seinem Inneren abspielte. Bisher war er nie einer echten Hexe begegnet. In seiner Vorstellung sah eine Hexe aus wie die Baba Jaga in russischen Märchen oder zumindest wie die Verkäuferin in einem Kristall-Laden. Jedenfalls sicher nicht wie eine Blondine mit Lederjacke und Schnürstiefeln, die ein altes Motorrad fuhr. Deshalb kam ihm das, was sie sagte, verrückt vor. Auf der anderen Seite hatte er auch noch nie eine so ungewöhnliche Pechsträhne erlebt. Als würde er ihn laut aussprechen, konnte sie diesen einen Gedanken hören: Ich glaub das zwar nicht, aber man kann ja nie wissen.

Seine Überlegungen spiegelten sich so deutlich in seinem Gesicht, dass Babel genau den Zeitpunkt erkannte, an dem er sich dachte: Ach, was soll’s.

»Was können Sie dagegen machen?«

»Ich breche den Fluch.«

»Und was wollen Sie dafür?«

»So viel Sie geben möchten.«

Zögerlich nickte er. »Und was muss ich tun?«

»Gar nichts.« Sie stieg von der Maschine und betrachtete den silbernen Ring an ihrem Mittelfinger. Er war schlicht, aber aufgeladen mit ihrer Energie. Sie besaß viele solcher Ringe, denn für den Alltag einer Hexe waren sie recht praktisch. Silber lud sich schnell mit der Energie seines Trägers auf, Gold schloss sie dafür länger ein. Bei Ritualen konnte man auf die gespeicherte Energie zurückgreifen und musste nicht an die eigenen Reserven gehen. Das ließ einen weniger erschöpft zurück. Es gab eine Reihe Schmuckstücke, die Babel vor allem aus diesem Grund trug. Manchmal die breiten, silbernen Armreife, manchmal die goldenen Kreolen, die ihr halfen, sich zu konzentrieren. Da sie an diesem Tag nicht mit einem improvisierten Ritual auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums gerechnet hatte, war der Ring alle Unterstützung, die sie kriegen konnte.

Sie sah sich kurz um, aber niemand nahm von ihnen Notiz, denn die Leute waren zu sehr mit ihren Abendeinkäufen beschäftigt. Babel streckte die Hand aus und legte sie dem Mann auf den Arm, der sich noch immer auf die Autotür stützte. Die Hitze in ihrem Körper stieg an. Seine Aura flackerte kurz, dann beruhigten sich die Ströme, und Babel konnte ihre eigene Energie aus dem Ring auf die fremde Energie übertragen. Mit der anderen Hand fischte sie eine kleine Plastiktüte aus der Innentasche ihrer Jacke, in der sich ein weißes Pulver befand. Der Mann sah sie irritiert an.

»Nicht das, was sie denken. Das ist Holzasche.« Sie pustete etwas davon in die Luft und wartete, bis die Asche die Energiewellen einfärbte. Ihr Blick verschob sich, die Muster wurden sichtbar.

Die Hexe, die den Fluch gewirkt hatte, war nicht besonders stark, ihre Energien hatten Babel nicht viel entgegenzusetzen. Wahrscheinlich benutzte sie hauptsächlich Sprüche oder Runen für ihre Zauber.

Sie griff nach dem sich windenden Grün und zog daran. Die Energiefelder wanden sich um ihre Finger, und sie verstärkte den Druck. Wie Metall an einen Magneten heftete sich das Grün an ihre Finger, und langsam zog sie die Hand zurück.

Als sie die Haut des Mannes nicht mehr berührte, wurde das Lila in seiner Aura kräftiger und das Grün um ihre Finger schwächer. Der Erfolg ließ Babels Herz schneller schlagen. Obwohl es nur ein kleiner Zauber war, gemessen an der Kraft, die sie benötigte, so war das Eintauchen in die Magie einer anderen Hexe doch jedes Mal aufregend. Babel hatte gespürt, dass sie nicht die einzige Hexe in dieser Stadt war, aber noch hatte sie aus den Energiemustern nicht abgelesen, wie viele es waren und über welche Macht sie verfügten. Doch das würde sie sicher bald erfahren, denn auch die anderen Hexen mussten fühlen, dass Babel aufgetaucht war, und die Auseinandersetzung um Territorien würde nicht lange auf sich warten lassen. Diese Hexe hier stellte jedenfalls keine Gefahr für Babel dar. Zu wenig Bumms hinter der Magie.

Alles ist Vorstellung. Was du dir vorstellst, kann auch geschehen. Das ist das ganze Geheimnis der Magie. Du musst es nur sehen. Verstehst du das?

Ja, Mama.

Babel stellte sich vor, wie sie den Fluch von ihren Fingern schüttelte. Wie die Magie des Rings gegen das Grün drückte, und langsam löste sich der Fluch auf. Als sie die Hand vors Gesicht hob, spürte sie nur noch die Kühle des Metalls an ihrem Finger. Der Ring war kein Amulett mehr, nur noch Schmuck, denn seine Energie hatte sich aufgebraucht. Ihre Hand schmerzte ein bisschen, als hätte sie zu lange am Rechner getippt, aber sonst war sie nicht erschöpft.

»Das war’s«, sagte sie.

»Mehr nicht?« Zweifelnd blickte der Mann sie an. Für ihn hatte das ganze Ritual nur ein paar Augenblicke gedauert, in denen er nichts weiter gespürt hatte als eine diffuse Wärme.

»Probieren Sie es aus.« Sie deutete auf die Wagentür.

Nach einigem Zögern streckte er die Hand nach dem Griff aus, und als sich seine Finger darum schlossen, bekam er keinen Schlag, und auch der Motor ließ sich problemlos starten.

»Unglaublich«, flüsterte er und sah sie an, als wäre sie das achte Weltwunder. Erleichterung und Schreck hielten sich in seinem Blick jedoch die Waage.

Sie konnte es ihm nachfühlen. Plötzlich hatte sich seine ganze Welt auf den Kopf gestellt, und wer gab schon gern zu, dass er plötzlich an Magie glaubte, wenn er jahrzehntelang eingetrichtert bekommen hatte, solchen Unsinn als vernünftiger Mensch nicht zu glauben?

»Kann das wirklich sein?«, flüsterte er. »Wollen Sie mir wirklich erklären, dass Sie eine Hexe sind?«

»Ich will Ihnen gar nichts erklären. Sie können glauben, was Sie wollen. Wenn Sie noch eine andere Erklärung für das hier finden, bitte sehr. Ich bin nicht hier, um zu missionieren.«

Der Mann schüttelte den Kopf und griff nach seiner Brieftasche, zögerte, langte noch einmal hinein und streckte ihr schließlich fünfzig Euro entgegen.

»Ist das angemessen?«

Woher soll ich das wissen?

»Danke!« Sie steckte das Geld ein und wollte den Motor starten, aber der Mann griff plötzlich nach ihrer Hand.

»Sagen Sie mal, machen Sie das eigentlich oft? Menschen helfen, die verflucht worden sind, meine ich?«

»Nein.«

»Weil es nicht oft vorkommt oder weil Sie es nicht wollen?«

»Letzteres.«

»Interessant.«

»Finden Sie?«

Seine Augen wurden schmaler, und zum ersten Mal stahl sich so etwas wie ein Lächeln in sein Gesicht. Er hielt ihr die Hand entgegen. »Mein Name ist Karl. Sie und ich, wir sollten uns unterhalten. Ich denke, wir könnten da ins Geschäft kommen.«

HEUTE

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124 Montage, genauso viele staubtrockene Kuchen und noch mehr bittere Kaffees in Pappbechern – das war die Bilanz, die Babel nach all diesen Jahren zog. Freude tauchte in dieser Statistik nicht auf. Montage waren einfach nicht dafür geschaffen, um glücklich zu machen, obwohl auf diesen sogar ihr Geburtstag fiel. Ein runder. Doch seit ihrem zwanzigsten hatte sie keinen Geburtstag mehr gefeiert – warum also heute damit anfangen?

An diesem Abend verspürte sie noch dazu das unangenehme Gefühl, verfolgt zu werden. Das Erschreckende daran war, dass ihr auf Anhieb ein halbes Dutzend Leute einfiel, die womöglich einen Grund dafür hätten. Angefangen mit den anderen Hexen der Stadt, die genau wie Babel darauf hofften, dass ein mysteriöses Virus alle magisch Aktiven dahinraffen würde – außer ihnen selbst. Ja, Hexen waren schon gesellige Wesen. Und dann waren da natürlich noch die Leute, denen sie im Laufe der letzten vier Jahre im Zuge ihrer Arbeit mit Karl auf den Schlips getreten war: ein illustrer Kreis aus Kleinkriminellen, Ehebrechern und Blendern.

Möglichst unauffällig sah sie sich um, aber auf der Straße hinter ihr war niemand zu sehen. Trotzdem ballte sich die Kälte in ihrem Magen zu einem Eisklumpen zusammen, der nicht verschwinden wollte. Vielleicht lag es aber auch nur am Wetter. Der Nieselregen beschwerte ihre Haare, lief am Kragen vorbei unter das T-Shirt und hing ihr in den Wimpern, so dass sie nur noch verschwommen sah. Nicht gerade ideale Bedingungen für einen Kampf.

Das Kitzeln an den Fußsohlen wurde stärker, als sie sich darauf konzentrierte. Sie konnte das magische Muster dieses Ortes und seine Energielinien, die sich netzförmig durch die Erde zogen, deutlich spüren. Einen Moment lang schloss sie die Augen und forschte den Energieströmen in ihrem Inneren nach, die sich mit dem Muster der Straße verbanden. Alles war so, wie es sein sollte; in den Fingerspitzen spürte sie die Hitze, die entstand, wenn sie die Magie aktivierte.

In vielerlei Hinsicht war Babel wie ein Mensch, der mit einer geladenen Waffe im Gürtel auf die Straße ging. Die Magie war ein Radar im Stand-by-Modus, das sich automatisch anschaltete, sobald sich die Magiemuster in ihrer Umgebung veränderten. Das verhinderte, dass sich jemand anschlich und sie mit einem Fluch belegte, und ein bisschen Paranoia war in ihren Kreisen durchaus angebracht. Schließlich begannen alle Geschichten ihrer Kindheit mit: Hüte dich vor … Was meistens beinhaltete, dass sie niemandem trauen und so wenig wie möglich erzählen sollte. Man ging nicht damit hausieren, dass man im Notfall Dämonen beschwören konnte, das kam auf den meisten Kindergeburtstagen schlecht an.

Noch einmal schaute sie sich um, aber sie konnte keinen magisch Aktiven in der Nähe spüren, auch keine künstlichen Energiemuster, die auf einen Zauber hindeuteten. Was sie spürte, musste demnach altmodische Unruhe sein. Verärgert über ihre eigene Nervosität lief sie weiter.

Ihr Ziel, ein Haus im Stadtzentrum, war ein schlichter Neubau mit blauen Fensterverkleidungen, in dem Montagabend nur ihre Gruppe zu finden war. Das machte es den Neuen leichter, die man immer schon von Weitem erkannte, weil sie sich erst eine halbe Stunde vor der Tür herumdrückten, bevor sie es wagten, einzutreten. Wenn sie nicht wieder umkehrten. Auch dieses Mal stand ein Mann vor der Eingangstür, die Schultern hochgezogen und der Blick unruhig zwischen dem erleuchteten Treppenhaus und der anderen Straßenseite hin- und herhuschend. Babel nickte ihm im Vorbeigehen zu und sah sich ein letztes Mal um, aber noch immer war niemand hinter ihr zu sehen. Vielleicht lag ihr auch nur der Schellfisch vom Mittag quer.

Sie betrat das Gebäude, in dem es nach Zitrusreiniger und Beton roch, und versuchte, das ungute Gefühl abzuschütteln, das sie verfolgte, seit sie ihr Haus im Norden der Stadt verlassen hatte. Doch es ließ sich nicht vertreiben.

In der ersten Etage bog sie in einen Gang ein. Vor Zimmer 104 stand der Tisch mit den Thermoskannen und den trockenen Kuchen. Dieses Mal gab es Streusel mit Apfelstücken. Daneben lagen Servietten, die in schreiendem Pink verkündeten: Sei eine Prinzessin jeden Tag!

Unschlüssig blickte Babel auf den Serviettenstapel hinab, dessen Farbe sich in ihre Retina brannte, während sich um ihre Füße eine kleine Pfütze bildete. Im Moment fühlte sie sich weniger wie eine Prinzessin, sondern mehr wie deren weniger glamourös gekleidete, halb nasse Stiefschwester.

»Maike hat sie für dich mitgebracht. Zum Geburtstag. Ich werde sie zwingen, sich nachher öffentlich dafür zu entschuldigen«, sagte auf einmal eine tiefe Stimme mit angenehmem Timbre hinter ihr. An den Türrahmen gelehnt stand eine Gestalt, die das auf den Flur fallende Licht fast vollständig verdeckte.

»Hallo, Tamy«, erwiderte Babel und musste unwillkürlich grinsen. »Irgendwann musst du mir mal verraten, wie du immer weißt, wann ich hier auftauche.«

»Du bist pünktlich, das ist kein Kunststück.«

Tamy war fast eins neunzig groß, und ihr Kreuz hätte jedem Preisboxer zur Ehre gereicht. Sie trug eine ausgeblichene Jeans, Springerstiefel, und über ihre Schultern spannte sich eine schwarze Lederjacke, Babels nicht unähnlich, nur war ihre abgetragen und an den Ellbogen brüchig. Der lange Pferdeschwanz reichte Tamy in dicken Wellen bis zum Hintern, und das Licht der Neonröhren ließ die Nieten an ihren Armbändern aufblitzen. Sie trug ein T-Shirt der Band Scary Bitches, das gut zu ihr passte, denn sie sah nicht nur gefährlich aus, sie war es auch – und es war schlichtweg unmöglich, sie zu übersehen.

Nachdem sie neben Babel getreten war, griff sie sich, ohne mit der Wimper zu zucken, die Servietten und warf sie in den Mülleimer, der unter dem Tisch stand. Mit der Stiefelspitze schob sie ihn weit nach hinten an die Wand. »Pinke Servietten lösen Brechreiz in mir aus«, erklärte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Verstehe.«

Kritisch blickte sie auf Babel herab. »Geht’s dir gut?«

»Aber ja.«

»Bist du sicher? Du siehst blass aus.«

»Das ist das Kunstlicht.«

Tamy schnaufte und schaute dabei drein, als wolle sie Babel jeden Moment wie eine junge Katze am Nacken packen und schütteln. Sie hatten alle ihre Schwächen, und Tamy schien jede einzelne zu riechen. Vielleicht weil sie sich mit ihren eigenen so gut auskannte.

»Babel?«

»Es geht mir gut.« Sie nahm ein Stück Kuchen, aber auf den Kaffee verzichtete sie dieses Mal; sie war schon aufgedreht genug.

Als sie den Raum betraten, in dem das Treffen stattfand, nickte Babel einigen bekannten Gesichtern zu. Doch bevor sie sich setzen konnten, kam Maike, die Gruppenleiterin, auch schon auf sie zugestürmt. Ihr Blick war ein einziger Vorwurf.

»Weißt du, Babel, wir haben auch Servietten. Man muss ja nicht den ganzen Raum vollkrümeln.« Tadelnd sah sie erst Babel und dann den Kuchen in ihrer Hand an, während sich Tamy hinter Maikes Rücken ins Fäustchen lachte.

Babel warf ihr einen finsteren Blick zu, bevor sie zähneknirschend zu Maike sagte: »Entschuldige, ich werde das nächste Mal daran denken.«

Mit säuerlicher Miene drehte sich Maike um und ließ sie stehen. Sie suchten sich in der letzten Stuhlreihe einen Platz und saßen eine Weile schweigend nebeneinander, während Babel den Kuchen in sich hineinstopfte und nach dem zweiten Bissen fast an einem Krümel erstickte. Mit ihrer großen Hand schlug ihr Tamy auf den Rücken, aber das machte es nur schlimmer.

»Willst du mich umbringen?«, fragte Babel empört und hochrot im Gesicht. Manchmal konnte Tamy ihre Kraft einfach nicht richtig einschätzen. Vermutlich war das einer der Gründe, warum sie nicht mit kleinen Hunden arbeitete.

Entschuldigend hob Tamy die Hände, und nach einer Weile sagte sie: »Willst du mir jetzt endlich erzählen, was los ist?«

Unter ihrem inquisitorischen Blick fühlte sich Babel ertappt. Langsam legte sie den angebissenen Kuchen auf den Nachbarstuhl, wischte sich die Hände an der Hose ab und zog den blutroten Umschlag aus der Innentasche ihrer Jacke. Er hatte am Morgen in der Post gesteckt und war noch ungeöffnet.

Vielleicht kam das ungute Gefühl doch nicht vom Schellfisch.

Vorsichtig drehte sie den Brief zwischen den Fingern, als wäre er eine Kapsel Zyankali. »Kannst du das riechen?«, flüsterte sie. »Das ist der Geruch der Verführung.«

»Er riecht nach Bier?«

Babel lachte, und einige Köpfe drehten sich nach ihnen um. »So etwas in der Art.«

Er riecht nach Dämon. Und Macht.

»Soll ich ihn für dich öffnen?«

»Nein. Das ist nicht nötig. Ich meine … ich werde ihn sowieso nicht öffnen. Ich weiß ja, was drinsteht. Es ist immer dasselbe.«

Babel, Liebling … da du nicht … erinnerst du dich noch, als wir … du weißt, wie sehr ich dich … blabla …

Oder so etwas in der Art.

Stirnrunzelnd betrachtete Tamy sie. »Hast du das im Griff, Babel?«

»Ja. Wahrscheinlich.« Sie nickte. »Ich hab das im Griff.«

»Na schön, wie du meinst. Aber ruf mich an, wenn du … Du weißt schon …«

»Ja, ich weiß.« Wenn sie den Drang verspürte, etwas Unvernünftiges zu tun.

In Tamys Fall wäre das, nach einem Glas Martini zu greifen, in ihrem, einem Huhn den Kopf abzuschlagen und mit seinem Blut Runen auf den Boden zu zeichnen.

Plötzlich musste sie an ihre Mutter denken, und wie sie Judith und Babel als Teenager nie vorgeschrieben hatte, wann sie zu Hause sein sollten. Nie hatte sie ihre Töchter gewarnt, auf Partys nicht zu viel zu trinken. Sogar als sie Babel mit ihrer ersten Zigarette und Judith mit ihrem ersten Freund erwischt hatte, waren ihre Worte nur gewesen: »Ich hoffe, du weißt, was du da tust.« Die einzige Sorge ihrer Mutter hatte immer nur den anderen Ebenen gegolten.

Pech nur, dass Babel wie die meisten Teenager durch eine rebellische Phase gegangen war und geglaubt hatte, ihre Mutter wolle sie von etwas fernhalten, nur weil sie es nicht mochte. Als Babels Klassenkameraden also in ihrer rebellischen Phase Joints gedreht hatten, hatte sie Dämonen beschworen. Während andere Teenager jedoch unbeschadet aus ihrer Rebellion herausgekommen waren, hatte sie ihre mit Anfang zwanzig zu AA geführt, weil sie völlig die Kontrolle über ihr Leben verloren hatte.

Hi, ich bin Babel, und ich bin ein Dämonenjunkie.

Natürlich hatte sie das damals nicht ausgesprochen – die meisten Leute glaubten nicht an Magie, und wenn man ihnen sagte, dass man ihr Blut zum Kochen bringen konnte, nahmen sie das nicht wörtlich. Aber das Problem war genau das gleiche. Den quälenden Sog der Versuchung verspürte Tamy genauso wie sie, und als Babel vor zehn Jahren den Boden unter den Füßen verloren hatte, hatte sie Hilfe in dieser Gruppe gefunden, die sich mit Versuchung und Angst so gut auskannte. Tamy war ihr sogenannter Sponsor geworden – ein Pate, den man anrufen konnte, wenn man außerhalb der Treffen Hilfe brauchte – und passte seitdem auf sie auf. Oder versuchte es zumindest. Manchmal überlegte Babel, ob sie Tamy nicht in ihr Geheimnis einweihen sollte, aber bis jetzt hatte sie noch nicht den Mut dazu gefunden.

»Willst du, dass ich ihn für dich nehme?«, fragte Tamy in ihre Gedanken hinein und deutete auf den Umschlag, aber Babel schüttelte den Kopf.

»Schon in Ordnung, jeder muss mit seinen Dämonen selbst fertig werden, nicht wahr?«

Tamy sah sie skeptisch von der Seite an, fragte aber nicht weiter, wofür sie ihr dankbar war. Babel tat eben, was sie so tat – und Tamy tat, was sie so tat. Was meistens mit blauen Flecken und manchmal mit gebrochenen Nasenbeinen einherging. Sie war Türsteherin im Smash, einem angesagten Club im Süden der Stadt – und wer einmal erlebt hatte, wie sie gestandene Kerle in die Knie zwang, wusste, dass dies nicht nur ein Job für Männer war.

Babel steckte den Brief zurück in die Innentasche der Jacke, wo er ein Loch in das Leder zu brennen schien.

Warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen, Sam?

Wenn sie nach Hause käme, würde sie den Brief verbrennen, nahm sie sich vor. Nichts würde sie dazu bringen, ihn zu behalten. Mit seinem schwachen Geruch nach Dämon und Sam war er für sie wie eine tickende Zeitbombe, und so etwas stellt man sich nicht auf den Kaminsims. Nicht als Hexe mit einem Magieproblem. Seit vier Jahren hatte sie Sam nicht mehr gesehen, und das war auch besser so. Der Bruch, der durch Hilmars Tod vor zehn Jahren zwischen ihnen entstanden war, konnte nie wieder richtig gekittet werden.

Nachdenklich sah sie auf ihre Hände, auf denen die blassen Narben der Ritualschnitte noch immer zu sehen waren. Die meisten Leute glaubten, sie würde sich ritzen, daher steckte sie die Hände oft in die Hosentasche.

Als hinter ihnen geräuschvoll die Tür geschlossen wurde, blickte Babel auf. Maike ging nach vorn, um die Gruppe zu begrüßen, wie sie es jeden Montag tat. Neugierig sah sich Babel um, aber der Mann vom Eingang war nicht hereingekommen. Das wunderte sie nicht. Die wenigsten schafften es beim ersten Mal. Sie selbst hatte drei Anläufe gebraucht.

Sie atmete tief durch und überlegte, ob sie etwas sagen wollte. Immerhin war heute trotz allem irgendwie ein Tag, an dem man Bilanz ziehen konnte. In dieser Bilanz fand sich weder eine funktionierende Beziehung noch ein liebevolles Familienleben. Dafür aber ein Kredit, der Babel die Haare vom Kopf fraß, eine zweifelhafte Vergangenheit, ein besessenes Haustier und Probleme mit den Magieebenen. Ein paar positive Dinge gab es dennoch zu verbuchen: Das Geschäft mit Karl lief gut, und sie hatte sogar Freunde (na gut, einen Geschäftspartner und eine AA-Sponsorin). Außerdem war da auch der Fakt, dass sie noch am Leben war, und der wog schließlich einiges auf, oder?

Sie spürte, wie die Unruhe langsam von ihr abfiel, obwohl ihr das Gefühl, beobachtet zu werden, noch immer im Nacken saß.

Nach ein paar Minuten stieß Tamy sie mit der Schulter an und flüsterte ihr ins Ohr: »Happy Birthday, Babel!«

In der Tat.

2

Train and Care stand in altmodischen Lettern an der Tür, hinter der Dolly Parton laut Your beauty is beyond compare, with flaming locks of auburn hair sang. Unterstützt wurde sie dabei von einer Männerstimme, die keinen einzigen Ton traf – das aber laut und entschieden. Der Geruch nach Zigarillo drang auf den dämmrigen Hausflur des alten, dreigeschossigen Wohnhauses, in dem außer ihrem Büro, Karls Wohnung und dem Geschäft der Hutmacherin im Erdgeschoss niemand zu finden war. Hinter der Milchglasscheibe erhoben sich die stumpfen Schatten der Büromöbel, und Humphrey Bogart wäre von der Mischung aus Schäbigkeit und Professionalität, die das Büro ausstrahlte, wahrscheinlich ganz angetan gewesen.

Das Haus lag unweit vom Zentrum in einer der wenigen Straßen, die noch nicht saniert worden waren. Bis Mitte der achtziger Jahre war sie eine belebte Einkaufsstraße gewesen, in der die Bewohner der umliegenden Häuser sich zum Plausch vor den Geschäften getroffen hatten. Inzwischen waren die Leute jedoch in bessere Viertel gezogen, und die meisten Häuser standen leer. Die Ladengeschäfte waren fast alle geschlossen und ihre Fensterscheiben mit Plakaten beklebt. Nur der Spätimbiss an der Ecke und der Zeitungsladen vier Häuser weiter behaupteten stoisch ihre Plätze. Die Straße schlief einen Dornröschenschlaf, in den sie nach der Wende gefallen war, und wartete darauf, dass die Stadtverwaltung sie wach küsste.

Es war der ideale Platz, um als Hexe unbemerkt seinen Geschäften nachzugehen.

Als Babel die Messingklinke nach unten drückte, brach der Männergesang ab, und Dolly wurde ein paar Dezibel heruntergedreht, obwohl sie sich gerade zum Höhepunkt des Liedes emporschwang.

Jolene, Jolene …

»Es ist grauenvoll«, schallte es Babel entgegen.

Mit einem Tequila Sunrise in der einen und einem Zigarillo in der anderen Hand saß Karl am Schreibtisch, die Füße auf der Tischplatte, und sah dabei aus wie der ältere, weniger zurückhaltende Cousin von Asterix. Für einen Mann war er klein, dafür zierte ein beachtlicher Schnurrbart sein Gesicht, dessen Enden bis zu seinem Kinn reichten und der so weizenblond war wie Babels eigenes Haar.

Hinter ihm stand die uralte Anlage, auf der sich in schiefer Höhe Dollys Platten stapelten, und darüber war ein Bord befestigt, das Babel nicht ganz unberechtigt den Schrein nannte. Dollys gerahmtes Bild stand in der Mitte, umgeben von Kerzen, einem Autogramm und einem benutzten Taschentuch, das angeblich ihr gehört hatte.

Karl bildete sich gern ein, dass Babel ohne ihn nicht überleben konnte, und behauptete, die zwanzig Jahre Altersunterschied berechtigten ihn dazu, sie Mädel zu nennen. Die Wahrheit war, dass sie sich gegenseitig brauchten, denn die Firma lief auf seinen Namen, und er hatte sie offiziell als Personal Trainer angestellt. So erhielten sie beide eine Steuernummer, und solange sie pünktlich ihre Steuern zahlten, interessierte es niemanden, worin genau die von ihnen angebotene Hilfe in allen Lebenslagen eigentlich bestand. Seit sie Partner geworden waren, war die notorische Geldknappheit aus Babels Leben verschwunden, wofür sie dankbar war. Karl hatte einfach ein gutes Gespür fürs Geschäft.

Er hatte die Wohnung über ihrem Büro gemietet, angeblich, weil er kurze Wege mochte. Babel hatte aber den Verdacht, dass er die Wohnung nur deshalb genommen hatte, weil es keine Nachbarn gab, die sich darüber beschweren konnten, wenn er die Musik zu laut aufdrehte. Dass das Haus kurz davorstand, in sich zusammenzufallen, schien ihn nicht zu stören.

»Es ist zehn Uhr morgens, Karl.«

»Könnte stimmen.«

Sie deutete auf den Tequila.

Er sah auf das Glas in seiner Hand, als wüsste er selbst nicht genau, wie es dort hingekommen war. »Ich mache heute unsere Buchhaltung. Die Vorsteuer ist fällig.«

»Und deswegen musst du dich betrinken?«

Er nickte gewichtig und zeigte auf die Blechkiste mit Quittungen, die ihm als Ablagesystem diente und in den Albträumen eines jeden Finanzbeamten mit Sicherheit eine Hauptrolle spielte.

»Das Grauen hat einen Namen«, flüsterte er.

»Und es heißt Steuererklärung?«, flüsterte sie zurück.

Wieder nickte er, während Babel den Kopf schüttelte und ihre Jacke an die Garderobe hing. Auf dem Weg in die winzige Küche, die sich an das Büro anschloss, kam sie an einer Nische vorbei, in der ein riesiger Vogelkäfig stand, dessen Bewohner ein Bein angezogen hatte und vortäuschte zu schlafen. Als sie an ihm vorüberging, kribbelte es in ihren Fingerspitzen, wie immer, wenn sie in die Nähe des Käfigs kam.

Kaum befand sich der Käfig in ihrem Rücken, krakelte es auch schon los: »Es riekt nach Dääämonn.«

Sie versuchte, den Vogel zu ignorieren.

»Dääämonn! Dääämonn! Dääämonn!«

Seufzend goss sie Kaffee in einen Pott. Sie hätte wissen müssen, dass Xotl eine feine Nase hatte.

Auf dem Rückweg krächzte es erneut: »Dääämonn!«

»Ja, das sagtest du schon.« Sie blieb stehen und sah auf den Vogel hinab, der die Flügel spreizte und sie mit kleinen, gelben Augen vorwurfsvoll anschaute. Dabei entblößte er die kahlen Stellen an seinem Bauch. Er war ein ziemlich hässlicher Vogel, so viel stand fest.

»Es riekt nach Dääämonn!«

»Schon mal überlegt, dass das vielleicht du sein könntest, der hier so stinkt?«

Xotl legte den Kopf schief und schien darüber nachzudenken, doch dann riss er nur den Schnabel auf und rief ein weiteres Mal: »Däääämonn!« Dabei rannte er auf der Stange aufgeregt hin und her.

Mit dem Zeigefinger stupste Babel gegen den Käfig. »Willst du, dass ich dir den Hals umdrehe?«

»… krik …«

Karl lugte um die Ecke und zwirbelte an seinem Bart. »Warum sagt der Papagei, dass du nach Dämon riechst, Babel?«

»Keine Ahnung.« Erhobenen Hauptes ging sie weiter und ignorierte Xotl, der sich beleidigt umdrehte.

Der Papagei war das einzige Überbleibsel ihrer Vergangenheit, das sie nicht entsorgt hatte, weil ihr das Tier irgendwie leidgetan hatte – schließlich war es nicht seine Schuld, dass es von einem Dämon besessen war. Allerdings wurde ihr Mitleid immer wieder auf eine harte Probe gestellt, denn Xotl besaß die Angewohnheit, alles und jeden zu beschimpfen, und es hatte sich herausgestellt, dass der Dämon eine besonders garstige und mitteilsame Natur besaß. Zwar war er schon so lange in dem Tier verankert, dass sich seine dämonischen Energiemuster nur noch schwach zeigten, trotzdem hatte sie ihn nie mit zu sich nach Hause genommen. Babel glaubte nicht, dass er sie in Versuchung führen würde, aber Vorsicht war besser als Nachsicht, und so konnte Karl zur Not ein Auge auf sie haben. Im Grunde hatte sie Xotl als mahnendes Beispiel behalten.

Mit dem Pott Kaffee setzte sie sich auf ihren Platz auf der anderen Seite des Schreibtischs und legte ebenfalls die Füße auf die Tischplatte. Von dort aus blickte sie hinüber zu ihrer Jacke, in deren Innentasche sich noch immer der rote Brief befand – der Grund, warum Xotl so verrückt spielte.

Im hellen Licht des Tages war es ihr ein Rätsel, warum sie ihn noch immer bei sich trug. Dabei war sie am Abend zuvor doch so fest entschlossen gewesen, ihn zu vernichten. Aber irgendwie …

Schon konnte sie wieder Sams schmeichelnde Stimme in ihrem Kopf hören, sein Flüstern im Dunkeln, das sie lockte: Interessiert es dich gar nicht, was auf der anderen Seite geschieht … Stell dir nur vor, all diese Macht … Komm schon, Babel, nur dieses eine Mal …

Natürlich war es nie bei diesem einen Mal geblieben, und Babel hatte ihre Lektion gelernt: Um Leute, die solche Sätze sagen, sollte man grundsätzlich und immer einen riesigen Bogen machen! Am Morgen hatte sie außerdem erneut das Gefühl beschlichen, beobachtet zu werden, und langsam bekam sie den Verdacht, dass mehr dahintersteckte als nervöse Unruhe.

Wenn dein Bauchgefühl dir sagt, es riecht nach Ärger, dann meistens, weil Ärger stinkt und immer dann an deinen Fersen klebt, wenn du ihn am wenigstens gebrauchen kannst.

»Wie soll ich bitte schön dem Finanzamt erklären, dass Granatapfelmus eine notwendige Betriebsausgabe ist?« Wedelnd hielt Karl eine Quittung in die Höhe und unterbrach damit ihre düsteren Gedanken.

»Erklär ihnen, es sei Bestandteil einer jahrtausendealten chinesischen Heilkunst, die du manchmal bei unseren Klienten anwendest. Irgendwas, wofür man keine medizinische Ausbildung braucht, das aber so verrückt klingt, dass sie nicht mit dir darüber diskutieren wollen, weil du ihnen sonst die Gewerkschaft der Kristallverkäufer auf den Hals hetzt.«

Er runzelte die Stirn und machte: »Mphf.«

Schulterzuckend trank Babel einen Schluck Kaffee. In Wirklichkeit hatte sie die Granatäpfel für ein Aphrodisiakum benötigt. Hin und wieder ließ sich das Problem eines Klienten mit einem Trank besser lösen als mit einem direkten Zauber. Das Problem war nur, dass Babel nicht besonders gut im Zubereiten von Tränken und Salben war – vor allem, weil sie nie die nötige Geduld aufbrachte. Einmal hatte sie den Hund eines Klienten aus Versehen ins Koma versetzt, weil der Sud nicht lange genug gezogen und der blöde Köter ihn aus Versehen getrunken hatte. Das war eine unschöne Geschichte gewesen, in deren Verlauf ihr nichts anderes übrig geblieben war, als die Erinnerungen des Klienten zu verändern. Eine Woche hatte Karl kein Wort mit ihr gesprochen, so sauer war er gewesen. Die Granatapfelgeschichte dagegen war eine einfache Sache gewesen. Nur als der Klient voller Begeisterung angeboten hatte, ihnen das Ergebnis vorzuführen, hatten sie dankend abgelehnt.

»Hast du etwas Neues für mich?«, fragte sie nach einer Weile, und ohne hinzusehen, wühlte Karl in einem Papierstapel nach einem Fax.

»Die harte Tour ist mal wieder gefragt.«

»Wen soll ich erschrecken?«

»Erinnerst du dich an die Bankdirektorin, deren Mann mit dem gemeinsamen Boot verschwunden war?«

»Der dann ganz überraschend auf den Caimaninseln aufgetaucht ist, zusammen mit seiner Geliebten?«

Karl nickte. »Die Dame war so begeistert von deiner Arbeit, dass sie dich an einen Freund weiterempfohlen hat. Der Typ ist irgendeine große Nummer im Musikgeschäft. Lavander oder Lamiur oder … Larilu?«

»Äh … Bist du sicher, was den Namen betrifft?«

Entschuldigend sah er sie an. »Pop interessiert mich nicht.«

Karls ganze Liebe galt der Countrymusic und natürlich Dolly Parton, deren Foto er sogar in einem kleinen, goldenen Herzen um den Hals trug. Manchmal glaubte Babel, dass er Dolly für eine Art Göttin hielt und heimlich zu ihr betete.

»Und diesem Typ steigt also ein Mädchen nach …«

»Ich soll ein Groupie bearbeiten?« Entgeistert sah sie ihn an.

»Ja, aber ein Groupie aus der Hölle, wenn du mich fragst. Das Mädel schickt seiner Freundin Pakete mit sehr hässlichem Inhalt. Abgehackte Rattenköpfe und so. Die Polizei kann nichts machen, weil man dem Mädchen noch nichts Handfestes nachweisen konnte. Aber wer hat schon gern einen Stalker?«

Skeptisch runzelte sie die Stirn. Das klang zwar nach wenig Arbeit, aber auch nach Arbeit, die keinen Spaß machte.

»Überleg es dir, der Bursche zahlt gut, fünf sofort und fünf danach.«

Das war eine Menge, auch noch nach Abzug der Steuern und fälligen Raten für den Kredit des Hauses. »Entfernung?«

»Zwei Stunden Autofahrt.« Sein Blick wurde eindringlich. »Wir können die Geschichte schnell erledigen.«

»Warum hast du es so eilig?«

»Bargeld lacht?«

»Sag bloß, du bist pleite?« Sie musste grinsen.

»Nicht pleite, nur knapp mit Bargeld. Passiert eben manchmal. Ich hatte Ausgaben.«

»Dolly-Parton-Plakate zweifellos.«

»Jedenfalls kommt mir der Auftrag gerade recht. Wäre also überaus nett von dir, wenn du es einrichten könntest.«

»In Ordnung.«

»Ich dank dir, Mädel.«

Wie Karl an ihre Aufträge kam, wollte sie gar nicht so genau wissen. Er trieb sich in Kneipen herum, in Videotheken und auf städtischen Veranstaltungen. Er schien einfach jeden zu kennen und hatte ein Händchen dafür, Menschen zu finden, die nicht nur willens waren, der Magie eine Chance bei der Lösung ihres Problems zu geben, sondern auch noch dafür bezahlten. Ein verschwundener Gegenstand hier, ein unliebsamer Geschäftskonkurrent dort, eine untreue Ehefrau und noch viel öfter ein untreuer Ehemann – Karl erfuhr die Probleme eines jeden, der an einer Lösung interessiert war, und brachte irgendwann im Laufe des Gesprächs eine neue Idee ein.

Glauben Sie an Magie?

Es war erstaunlich, was die Leute bereit waren zu glauben, wenn sie sich nicht zu helfen wussten. Die Kunden fragten nie, wie sie ihr Problem genau lösten, sie waren einfach froh, dass sie es taten. Gesetzestreue spielte dabei keine so große Rolle, Karl und Babel zogen jedoch die Grenze bei Kapitaldelikten – dafür waren sie nicht zu haben, ansonsten allerdings für fast alles. Es hatte sich herausgestellt, dass Babels kriminelle Ader ebenso stark ausgeprägt war wie die ihrer Mutter und ihrer Schwester, sie hatte nur eine Hilfestellung benötigt.

Während sie sich das Fax durchlas (der Sänger hieß Lomar, was es aber nicht besser machte), nahm sie plötzlich im Augenwinkel eine Bewegung wahr. An der Tür war ein Schatten aufgetaucht, und die Härchen auf ihren Armen stellten sich auf. Das Energiemuster im Raum veränderte sich.

Hastig nahm sie die Füße vom Tisch und drehte den Ring mit der Metallspitze nach innen, damit sie auf ihr Blut zugreifen konnte, sollte es nötig sein. In wenigen Sekunden hatte sie ein Energienetz aufgebaut, das Karl und sie einhüllte, ohne dass er es merkte, und das die üblichen Flüche auffangen würde.

Die Klinke wurde langsam nach unten gedrückt, nun sah auch Karl auf. Als die Tür aufschwang, verschwanden seine Hände unter der Tischplatte, unter der eine Schreckschusspistole klebte. Seit er von seiner Exgeliebten verflucht worden war, die sich nach der Trennung an eine Hexe namens Madam Vendome gewandt hatte, war er vorsichtig geworden. Aber der Schatten entpuppte sich nicht als Hexe, sondern als Teenager.

Der kleine Kerl trug eine rot-schwarz gestreifte Hose mit Hosenträgern, offene Springerstiefel ohne Schnürsenkel, und auf seinem Kapuzenshirt stand in schrägen Lettern Staatsfeind. Seine Ohren waren von oben bis unten mit Ringen geschmückt, und auch durch seine rechte Augenbraue zog sich ein Ring. Die Nase wurde von Sommersprossen geziert. Er war höchstens fünfzehn und sah aus wie ein Punk.

Das war er aber nicht. Genau genommen war er nicht einmal ein richtiger Mensch.

Selbst wenn sich das Energiemuster nicht verändert hätte, hätte Babel ihn an seinen Augen erkannt. In dem kindlichen Gesicht wirkten sie auffällig. Groß und von einem Goldbraun wie kristallisierter Honig. Lange, dunkle Wimpern warfen Schatten auf die Wangen. Es fiel einem nicht leicht, sich wieder von ihnen zu lösen, denn sie besaßen eine seltsame Wirkung – sie waren wie Magneten, die den Blick anzogen und festhielten. Unwissende Beobachter mochten glauben, es läge daran, dass diese Augen so schön waren. In Wirklichkeit gab es dafür jedoch einen anderen Grund. Sein Energiemuster erreichte Babel wie Nieselregen, während die Energiewellen von normalen Menschen stromlinienförmiger und energischer waren.

»Ein Plag«, stellte sie überrascht fest, als Karl gleichzeitig fragte: »Hast du dich verirrt?«

Aber der Junge antwortete nicht, sondern starrte Babel nur an. Sie starrte zurück.

»He, Bursche, bist du taub?«

»Das ist kein Junge, Karl. Das ist ein Plag.«

Jetzt war es an Karl, die Stirn zu runzeln.

Er hörte nicht zum ersten Mal von den Plags. Er war nur noch nie einem begegnet.

»Das soll ein Elf sein?«

Der Junge warf ihm einen finsteren Blick zu. »Alb, Alter. Wenn’s schon sein muss.« Für einen Jungen war die Stimme tief, und es fiel nicht schwer, sich vorzustellen, wie sie am Lagerfeuer die Nacht durchdrang und die Zuhörer fesselte.

Babel lachte leise. »Sie nennen sich selbst Plags.«

»Von Plage?«

Der Junge trat einen Schritt ins Büro und sah sich neugierig um. »Genau.«

Karl schüttelte den Kopf. Er wirkte enttäuscht. Anscheinend hatte er sich einen inkarnierten Naturgeist anders vorgestellt. Wer konnte es ihm verübeln? Zart war an diesem Burschen hier höchstens sein Taktgefühl, ansonsten sah er genauso aus wie die Jugendlichen, von denen ältere Leute immer behaupteten: »So was gab’s zu unseren Zeiten nicht!«

Als die Naturgeister der alten Zeit in dieser Ebene Fleisch geworden waren, hatten sie ihre magischen Fähigkeiten eingebüßt. Im Gegensatz zu den meisten Menschen besaßen ihre Nachkommen jedoch ein feines Gespür für Magie. Das lag an ihrer Herkunft und dem alten Wissen, das unter ihnen noch immer weitergegeben wurde. Zu Beginn waren die Albennachkommen noch in den Wäldern geblieben, aber mit der Ausdehnung der Städte wurden sie immer weiter daraus verdrängt. Irgendwann war ihnen nichts anderes mehr übrig geblieben, als den Schritt in die Städte selbst zu wagen, genauso wie Füchse und Marder. Aber wie hieß es so schön: Du kannst den Alb aus dem Wald holen, aber nicht den Wald aus dem Alb. Es war also nicht verwunderlich, dass ihre Manieren manchmal zu wünschen übrig ließen, ganz gleich, was Hollywood über sie behauptete. Trotzdem waren sie noch immer so naturverbunden wie die letzten Nomadenstämme. Sie mochten keine Hochhaussiedlungen und lebten häufig auf der Straße. Das Konzept von Wänden war ihnen fremd geblieben.

Doch nicht nur diese Eigenschaft blieb ihnen. Schon die Alben hatten Menschen mit ihren Blicken und Stimmen in die dunklen Wälder gelockt, um sie an sich zu binden. Diese Kunst der Verführung beherrschten die Plags auch noch nach Jahrtausenden, obwohl sich ihr Blut immer stärker mit dem von Menschen mischte. Es war diese eine Fähigkeit, die ihnen allen zu eigen war, ebenso wie das besondere Energiemuster, das sie ausstrahlten. Von klein auf trainierten sie Stimme, Mimik und Gestik und konnten sie so einsetzen, dass man ihnen einen Zwanziger zusteckte und es für Kleingeld hielt. Das war ihre beste Waffe.

Der Junge schlenderte durch das Büro, während Karl und Babel darauf warteten, dass er erklärte, warum er hier war. In den vier Jahren, die sie das Büro nun schon betrieben, hatte sich nicht ein einziger Plag zu ihnen verirrt, wofür es einen einfachen Grund gab: Plags mochten Hexen ebenso wenig wie Tretminen auf dem Gehweg und Herpes. Hinter jeder Hexe vermuteten sie einen Nekromanten, der nichts Besseres zu tun hatte, als die Toten zurückzuholen. Es erschien ihnen widernatürlich, dass Hexen mit Hilfe der Magie die Natur veränderten und solche Macht darüber ausüben konnten.

Daher war es nicht verwunderlich, dass sie einen großen Bogen um Babel machten. Mit schöner Regelmäßigkeit fand sie zwar neue Schmierereien an der Häuserwand, die besagten: BWitch, go home!, aber weiter hatte sich noch keiner von ihnen vorgetraut – schließlich wussten sie, wozu eine Hexe fähig war.

»Was ist das?«, fragte der Junge, als er Xotl entdeckte, der wie aufs Stichwort krakeelte: »Drääägspatz! Drääägspatz!«

»Ein Papagei«, antwortete Babel im selben Moment, als der Junge zu dem Vogel sagte: »Spinnst wohl!«

Dann beugte er den Kopf vor und besah sich Xotl genauer. »Das ist kein Papagei.«

»Doch, ist es.«

»Nein, ist es nicht.«

»Klar. Es ist bunt und spricht, was soll es sonst sein?«

Er betrachtete Xotl misstrauisch. »Die Papageien im Zoo sehen anders aus.«

»Das liegt daran, dass der hier exotisch ist.«

»Alle Papageien sind exotisch, die kommen ja schließlich nicht aus Garmisch.«

Ihr linkes Auge begann zu zucken.

»Und warum ist ein Bannkreis um den Käfig gezeichnet?«

»Das ist kein Bannkreis, nur Dreck. Wir müssen bald Frühjahrsputz machen.«

Plötzlich hielt der Plag die Luft an, und sie tat es ihm gleich.

»Da steckt ’n Dämon drin!«

»Nein, tut es nicht.«

»Na klar. Ich seh’s doch.« Entsetzt sah er sie an. »Du hast einen Dämonenpapagei?« Er stellte die Frage, als würde er sagen: Bist du irre?

Sie seufzte. »Es war ein Missgeschick. Und weiter wollen wir das Thema auch nicht vertiefen. Sag mir lieber, was du hier willst.«

Es dauerte noch einen Moment, bis sich der Junge von Xotl losreißen konnte, dann kam er herübergeschlendert, blieb jedoch einige Schritte von ihr entfernt stehen. Die Tür behielt er im Blick.

Schlaues Bürschchen.

»Ich soll eine Nachricht überbringen.«

»Ich kann mich vor Spannung kaum halten.«

»Du sollst mit mir kommen. Tom muss mit dir reden.«

Sie wartete, aber mehr schien nicht zu kommen. »Das ist alles? Tom muss mit mir reden?«

Er nickte.

»Dann schlage ich vor, dass dieser Tom seinen Hintern hierher bewegt, wenn er etwas von mir will. Wir haben geöffnet von jetzt bis …« Fragend sah sie Karl an.

»18 Uhr?«

Sie nickte zustimmend und blickte wieder zu dem Jungen. »18 Uhr.«

Die Antwort schien ihm nicht zu gefallen. Stirnrunzelnd steckte er die Hände in die Hosentaschen. »Du kommst nicht mit?«

»Zu den Plags, die Hexen nicht leiden können? Zu einem Tom, den ich nicht kenne und der sich nicht mal die Mühe macht, selbst vorbeizukommen? Passe.«

»Mhm.« Er sah sie noch einen Augenblick an, dann drehte er sich um und verließ ohne Abschied und ebenso überraschend, wie er aufgetaucht war, das Büro.

Irritiert hob Karl die Hände. »Was zum Henker war das?«

»Ganz ehrlich, ich hab nicht die geringste Ahnung. Eine Mutprobe? So nach dem Motto: Wer traut sich, der Hexe einen Besuch abzustatten? Was weiß ich, die Jugend von heute eben.«

»Also zu meiner Zeit gab’s so was nicht.«

»Selbstverständlich nicht.«

Karl stand auf und trat ans Fenster, um seinen Zigarillostummel in den Vorgarten zu schnippen, wo er wie seine zahllosen Vorgänger zweifellos verrotten und der Dame aus dem Erdgeschoss Anlass sein würde, Karl einen Vortrag über gesunde Lebensweise zu halten.

Einen Moment stand er regungslos am Fenster, dann stemmte er die Arme in die Hüfte. »Äh, Babel …«

»Ja?« Ihr Interesse galt inzwischen der Frage, warum kalter Kaffee immer aussah wie Schmieröl.

»Der Plag klaut dein Motorrad.«

»Was?«

»Der Plag klaut dein Motorrad.«

Sie sprang auf und zum Fenster und verschüttete dabei den Kaffee über den Boden und ihre Hose. Fluchend beugte sie sich aus dem Fenster.

In der Tat saß der Kerl schon auf ihrer Maschine und winkte mit einem breiten Grinsen zu ihnen herauf, bevor er Gas gab und davonfuhr.

»So ein kleiner Mistkerl! Der kann was erleben.« Wütend drehte sie sich um und stapfte hinüber zu dem blauen Regal, in dem sie Utensilien aufbewahrte, die sie für die Arbeit brauchte. Vom obersten Brett nahm sie die Dose mit der Holzasche und setzte sich damit einen Meter neben die Stelle, an der der Plag noch kurz zuvor gestanden hatte. Schnappend sprang der Verschluss auf, und sofort erfüllte der Geruch nach verbranntem Holz ihre Nase.

Langsam pustete Babel eine Handvoll Asche von ihrer Handfläche in die Luft. Dann konzentrierte sie sich auf den Energiefluss in ihrem Körper und visualisierte den schwachen Schein, der ihre Hände umgab. Als ihr Blick erst einmal das blasse Hellblau erfasst hatte, war es ein Leichtes, auch die anderen Energien im Raum sichtbar zu machen, die die Asche bunt färbte.

Karl verströmte wie immer sein kräftiges Rot, das einen weiteren Klecks um Dollys Bild auf dem Schrein bildete. Wahrscheinlich berührte er das Bild mehrmals am Tag … nun ja.

Ihr Blick wanderte durch den Raum und sortierte die wirbelnden Farben Pflanzen und Gegenständen zu. An der Stelle, an der der Plag gestanden hatte, hing noch eine schwache orangefarbene Wolke in der Luft, die eine menschenähnliche Form besaß. Ein Energiegolem.

»Hab dich«, flüsterte sie und bildete einen dünnen blauen Faden, der sich von der Spitze ihres rechten Mittelfingers auf die Wolke zubewegte und dort zu einem lilafarbenen, verzwirbelten Aschestrang wurde, der über den Fußboden hinaus zur Tür lief. Sie übertrug den Faden von ihrem Finger auf den Ring, der den Faden eine Weile mit Energie füttern würde, damit sie sich nicht mehr auf das Ritual konzentrieren musste, sondern nur der Spur zu folgen brauchte. Entschlossen stand sie auf und klopfte sich die Hände ab.

»Okay, ich hab ihn. Der kann sich schon mal warm anziehen.«

Karl grinste und deutete auf seine Autoschlüssel, die auf dem Schreibtisch lagen und deren Anhänger, wie könnte es anders sein, ein Dolly-Parton-Bild zierte. Dann nahm er wieder Platz und nuckelte friedlich an seinem Tequila, als käme es jeden Tag vor, dass ein Plag in ihr Büro spazierte und Babels MZ klaute. Die Sache schien ihn nicht besonders aufzuregen.

Entschlossen, den Dieb zu stellen, holte sie ihre Jacke, was Xotl dazu veranlasste, erneut zu kreischen: »Dämooon!«

»Ja, ja, später! Jetzt muss ich mich erst mal um diesen kleinen Punk kümmern. Dem versohl ich den …«

»Babel.«

»Mhm?«

»Pass auf dich auf!« Nachdrücklich sah Karl sie an, aber sie winkte nur ab, während sie schon durch die Tür verschwand, und rief: »Wie immer.«

Im Treppenhaus hörte sie noch sein gebrummeltes »Eben«, während sie die Stufen hinuntersprang und vor lauter Wut mit den Zähnen knirschte. So weit kam es noch, dass sie sich von einem Plag vorführen ließ. Wenn sie ihn hatte, würde sie ihm einen solchen Schmerz in den Hintern hexen, dass er eine Woche lang nicht sitzen konnte!

3

Die Aschespur führte sie am Bahnhof vorbei, stadtauswärts, bis hin zu dem großen Waldgebiet, das sich am Südrand wie ein Band um die Stadt schloss. Die Spur war gut zu erkennen, und es war ihr ein Leichtes, dem Plag zu folgen. Je weiter sie die dichten Straßenzüge hinter sich ließen, desto klarer nahm sie die Spur im magischen Netz der Stadt wahr.

Natürlich gab es ausgerechnet an diesem Tag keine Polizeikontrolle, die den Plag anhielt – nur eine ältere Frau, die Babel erschrocken ansah, als sie an einer Ampelkreuzung stehen bleiben musste und wie ein Fischweib vor sich hin fluchte. Bei offenem Fenster.

Babel hatte angenommen, der Plag würde einen Treffpunkt anfahren, an dem seine Kumpel ungeduldig auf seine Rückkehr warteten. Vielleicht das alte Messegelände mit seinen weiträumigen Plätzen oder den Bunker im Stadtpark, der Jugendlichen als Treffpunkt diente. Stattdessen schien der kleine Kerl nach Hause zu fahren, denn als er sich dem großen Baggersee am Stadtrand näherte, fiel ihr ein, dass dort schon seit Jahren Plags lebten. Auch wenn die Albennachkommen in die Städte gezogen waren, so schlugen sie ihre Lager doch meistens an deren Rändern auf. Dort, wo Verkehr und Lärm nicht so dicht und die Harmonien durch eine große Anzahl Menschen nicht gestört waren.

Tatsächlich steuerte der Junge eine Wagenburg an, die schon von weitem gut zu erkennen war. Auf dem abgesperrten Gelände endete die Spur.

Großartig, dachte Babel, noch mehr von der Sorte.

Sie parkte auf der anderen Straßenseite und stieg aus, zögerte aber, dem Jungen hinterherzustürzen. Mit einer Handvoll Teenager hätte sie leicht umgehen können, aber das hier war etwas anderes. Magisch gesehen waren die Plags zwar keine Gefahr, das hieß aber nicht, dass sie nicht versuchen konnten, ihr eine Abreibung zu verpassen, indem sie ihre Hunde auf sie hetzten. Einen oder zwei konnte Babel ablenken, aber bei einer Meute wurde es schwieriger, denn Tiere zu beeinflussen, war nie eine ihrer Stärken gewesen.

Den ersten Hamster, den sie besessen hatte, hatte sie beim Versuch, das Fell schwarz zu färben, aus Versehen in Flammen aufgehen lassen. Danach hatte es kein Haustier mehr für sie gegeben, bis sie acht gewesen war und mehr Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit Zaubern an den Tag legte.

Nein, Babel, dein Vater möchte keinen Zombiehamster im Haus, wir werden ihn nicht wiederbeleben!

Ihr tägliches Zusammenleben mit Xotl hatte das Verhältnis zu Tieren auch nicht gerade verbessert.

Misstrauisch beäugte sie den Platz. Im Moment waren keine Hunde zu sehen, aber das bedeutete gar nichts. Vielleicht lauerten sie in irgendeinem Wagen auf ihren Einsatz. Die Plags hatten eine fast unheimliche Beziehung zu ihren Tieren, ganz gleich, ob es sich um Hunde, Katzen oder Ratten handelte. Die Tiere spürten instinktiv, dass die Plags eine große Nähe zur Natur besaßen, also auch zu ihnen. Ein Plag mit Hund war nicht zu unterschätzen.

Babel hatte aber keine Lust, den Plags ihre MZ zu überlassen. Daher nahm sie die Autoschlüssel fest in die Hand, um sie im Notfall über eine Hundeschnauze ziehen zu können, und überquerte die Straße. Als sie an den Eingang der Wagenburg trat, konnte sie die Muster der Plags im Energienetz des Platzes spüren. Wie Fingerabdrücke waren sie überall verteilt. In den letzten Jahren war die Wagenburg stark gewachsen, ohne dass Babel es gemerkt hatte. Die Plags hatten sie einfach nie besonders interessiert. Sie waren keine Konkurrenz um die magische Energie der Stadt.

Doch irgendetwas war eigenartig am Netz des Platzes – Babel konnte nur nicht genau sagen, was. Als wären die Fingerabdrücke irgendwie verschmiert. Erstaunt hielt sie inne.

Das Gelände war von einem einfachen Drahtzaun umgeben, der wohl verhindern sollte, dass Anwohner alte Möbel darauf abstellten. Zwei Dutzend Bau- und Zirkuswagen waren zu sehen. Hier mochten gut und gern siebzig Leute leben. Jede der Flächen um die Wagen war mindestens hundert Quadratmeter groß, durch einige Wagen wuchsen sogar Bäume. Auch Hecken und Kräuterbeete umschlossen die Hütten. Das alles erinnerte Babel an die Unterkünfte, in denen sie selbst noch vor über zehn Jahren gelebt hatte. Damals, als sie noch mit Sam zusammen gewesen war und bevor Hilmar sie bei sich aufgenommen hatte.

Entschlossen verdrängte sie die Gedanken an Hilmar.

Sie beobachtete ein paar Kinder, die zwischen den Wagen umherrannten, aber sofort im Inneren eines Wagens verschwanden, als sie ihrer ansichtig wurden.

Auf diese Entfernung konnten sie sicher nicht spüren, dass sie magisch aktiv war, auch wenn sie feine Antennen für solche Dinge besaßen. Das musste heißen, jemand hatte ihnen Babels Bild gezeigt. Die Frage war nur, wozu? Bisher hatte sie keinen Streit mit den Plags gehabt.

Am Fenster eines Wagens tauchte ein Schatten auf, der jedoch gleich wieder verschwand. Ihr Kommen war nicht unbemerkt geblieben, aber es schien, als hätten die Plags kein Interesse daran, mit ihr zu sprechen.

Vorsichtshalber drehte sie die Spitze des Rings wieder nach innen und visualisierte eine Wand, die sie vor plötzlichen Geschossen schützte. Eiern zum Beispiel. Sie war wie ein Netz, in dem sich Sachen verfingen.

Babels Blick wanderte weiter, während sie langsam vorwärtsging. Auf dem Dach des Wagens, der ihr am nächsten stand, saß ein junger Mann und rauchte. Sein Blick folgte ihr aufmerksam, als sie näher kam, aber er sagte nichts. Als sie auf der Suche nach ihrem Motorrad an den Wagen vorüberlief, begegnete sie einigen Plags, die das Gelände hastig verlassen wollten, aber keiner von ihnen machte Anstalten, sie anzusprechen. Nur ihre feindseligen Blicke folgten ihr.

»Ja, ihr mich auch«, murmelte sie.

Am anderen Ende der Wagenburg fiel ihr ein quietschgrün gestrichener alter Zirkuswagen mit ausstellbarer Terrasse auf. Der Wagen war fast zehn Meter lang und drei breit. Sein Fahrgestell sah zwar rostig, aber fahrbereit aus. Unter dem Wagen waren Kästen angebracht, die in leuchtendem Himmelblau gestrichen waren. Neben dem Wagen standen ein Hühnerstall und eine bunt bemalte Hundehütte, nur der Hund war nicht zu sehen. Auf der anderen Seite war die Pflanzenkläranlage für das Abwasser aufgebaut, ebenso wie eine Komposttoilette und eine eingemauerte Wanne, unter der Feuer gemacht werden konnte. Auf diese Weise konnte man auch im Winter baden. Durchaus faszinierend, sich vorzustellen, dass über einem die Sterne leuchten, während man badet, und der Nebel aufsteigt. Der Besitzer dieser Parzelle war offenbar ein Romantiker.

Neben der Badewanne stand ihr Motorrad, und der Plag, den sie suchte, saß grinsend auf den Stufen des Zirkuswagens daneben. Als sie ihn fast erreicht hatte, hämmerte er mit der Faust gegen die Tür hinter sich.

War das Ganze eine Falle? Sie blieb stehen.

In dem Augenblick, in dem sich die Tür öffnete, erfasste Babel eine Energiewelle. Aus dem Nieselregen, der von dem Jungen ausging, wurde ein peitschender Gewitterguss, der zwar immer noch einen Plag kennzeichnete, aber einen mit ordentlich Kraft. Die albische Energie war in diesem Muster noch stark. Abrupt ging Babel einen Schritt zurück.

Das Erste, was sie sah, war eine nackte Brust unter einer offenen Lederweste, und dann ein Sixpack, dessen Seiten von Tätowierungen geschmückt waren, die vermutlich keltische Tierbilder darstellten. Auch auf den Oberarmen fanden sich Tätowierungen. Bei jedem Atemzug bewegten sich die Muskeln, wodurch die Tiere lebendig erschienen.

Viele Plags waren tätowiert oder trugen verschiedene Arten von Körperschmuck. Auf diese Weise zollten sie der Fleischwerdung ihrer Vorfahren Respekt und erinnerten sich daran. Aber selten hatte Babel so schöne Bilder gesehen.

Als es ihr endlich gelang, den Blick davon abzuwenden und nach oben zu richten, sah sie einen Mund, der sich zu einem Grinsen verzogen hatte, und Haare, die dem Mann in weichen, braunen Wellen über die Schultern fielen. Der Typ sah aus wie einer, dem man locker einen Ironman zugetraut hätte. Sportlich und zäh.

Ihr Blick blieb an seinen Augen hängen. Er besaß die grünen Iriden seines vergehenden Volkes, die einen in Sekundenbruchteilen hypnotisieren konnten, wenn sein Sixpack aus irgendeinem Grund versagen sollte, und dazu ein Lächeln, für das man barfuß über zugefrorene Seen laufen würde.

Sie machte: »Mpf«, und es war ihr durchaus peinlich.

»Ich bin froh, dass du gekommen bist«, erwiderte eine einschmeichelnde Stimme, bei der Alan Rickman vor Neid erblasst wäre, und es war schwierig zu sagen, womit der Kerl schneller hypnotisieren konnte: den Augen oder der Stimme.

»Mein Motorrad«, sagte Babel bestimmt, weil sie nicht »Oh Gott, dieses Sixpack« stammeln wollte.

»Was ist damit?«

Kann ich das mal anfassen?

»Dein Kumpel hat es geklaut.«

Der Mann sah den kleinen Plag an und fragte spöttisch: »Hast du das Motorrad gestohlen, Mo?«

»Geborgt.«

Der Mann hob die Hand, als wolle er sagen: Na siehst du, halb so wild, und sie schnaubte.

»Aber wenn du schon mal hier bist, warum kommst du nicht rein, und wir reden ein bisschen?«

»Nein.«

»Gib dir einen Ruck. Wir beißen nicht.«

»Lass mich raten – du bist Tom.«

Das Grinsen wurde breiter, und sie fragte sich, wie sie nur so dumm gewesen sein konnte, dem Plag zu folgen? Sie war in die einfachste Falle getappt, die man sich denken konnte. Sie sollte ihr Motorrad nehmen und verschwinden.

Unschlüssig stand sie vor dem Zirkuswagen, bis Tom einen Schritt zur Seite trat und mit einladender Handbewegung auf das Innere des Wagens zeigte, das im Halbdunkel nur schemenhaft zu erkennen war. Von der gewohnten Feindseligkeit der Plags war bei ihm nichts zu erkennen, woraus sie schloss, dass er etwas von ihr wollte.

Nur was, war unklar.

Vorsichtig schob sie den Fuß auf die erste Stufe, während die Stimme der Vernunft in ihrem Kopf schrie: Was tust du da? Leider fragte sich gleichzeitig die Stimme der Unvernunft, wo in diesem Wagen das Bett stehen mochte. Das Ganze ergab ein ziemliches Durcheinander zwischen Gehirn und Unterleib. Es war schon eine Weile her, dass sie mit jemandem geschlafen hatte, kein Wunder also, dass ihre Hormone ein bisschen verrücktspielten.

Mo sprang auf und verschwand wie ein Wiesel im Inneren, offenbar überzeugt davon, dass sie folgen würde. Als sie sich an Tom vorbeidrückte, roch sie den schwachen Duft nach Moos, der viele Plags kennzeichnete. Noch immer grinsend sah er auf sie herab, und Babel schaute finster nach oben. Es schien ihn nicht besonders zu beeindrucken.

Schnell verschaffte sie sich einen Überblick. Der Innenraum des Wagens war durch Trennwände geteilt. Er machte einen gemütlichen Eindruck. Überall lagen Bücher und CDs herum, und im Fenster stand eine alte Gaslampe. An einer Wand hingen unzählige Fotos, vermutlich von Freunden und Familie. In einer Ecke stand eine Gitarre neben einem Herd mit Backofen, und unter dem Tisch lag der Bewohner der Hundehütte. Eine riesige dänische Dogge, die zu schlafen schien und unter deren Maul sich eine Sabberpfütze bildete. Sie befand offenbar, dass Babel keine Gefahr darstellte.

»Das ist Urd, lass dich durch die Hündin nicht stören, die ist harmlos.« Tom zeigte auf die Sitzecke, und Babel nahm auf dem einzigen Stuhl Platz, während sie Urd misstrauisch beäugte. Irgendjemand hatte das bestimmt auch mal über den Hund von Baskerville gesagt – natürlich bevor er von dem Biest zerfleischt worden war.

An der anderen Seite des Tischs nahmen die beiden anderen Platz, und zusammen ergaben sie ein hübsches Stillleben mit dem Titel: die Plags, der Hund und die Hexe mit dem Hormonproblem.

Tom angelte aus einem Kasten unter dem Tisch eine Flasche Bier und ließ sie zischend aufspringen. Dabei konnte Babel das silberne Armband bewundern, das er ums Handgelenk trug und das seine gebräunte Haut betonte. Er besaß schöne, kräftige Hände, die die eine oder andere Schramme zeigten, vermutlich von der Arbeit an der Wagenburg. Langsam schob er die Flasche über den Tisch, vermutlich als eine Art Friedensangebot, und obwohl sie keine Steuererklärung vor sich hatte, griff Babel danach. Immerhin war die bloße Tatsache, mit den Plags am Tisch zu sitzen, schon etwas Außergewöhnliches. Da konnte man schon mal vormittags einen drauf trinken. Außerdem gab es so etwas wie eine Regel in gewissen Kreisen: Trau keinem, der dein Bier ablehnt – oder so ähnlich.

Als sie nach der Flasche griff, berührten sich ihre Finger, und sie bekam einen elektrischen Schlag.

»Du bist geladen«, stellte Tom amüsiert und zweideutig fest.

»Das ist das T-Shirt.«

»Wenn du es sagst.« Er grinste wieder, und sie fühlte sich ertappt.

Mo begann, unruhig auf seinem Platz hin und her zu rutschen. Offenbar war es für ihn auch neu, dass sein Kumpel mit einer Hexe schäkerte.

Vorsicht, altes Mädchen, ermahnte sie sich. Plags sind kein harmloser Zeitvertreib, auch wenn sie aussehen, als könnten sie keiner Fliege etwas zuleide tun. Ehe du dich versiehst, hockst du wie das Kaninchen vor der Schlange und glaubst, dass du nie wieder froh werden kannst, wenn du ihnen nicht jeden Wunsch von den Augen abliest. Verdammte Augen!

»Sie hat einen Dämonenpapagei«, platzte es plötzlich aus Mo heraus, gerade als Babel der erste kühle Schluck Bier den Hals herunterrann. Wütend setzte sie die Flasche wieder ab.

»Würdest du mal damit aufhören!«

Doch er dachte gar nicht daran. »Ich mein’s ernst. Sie hat einen Papagei, in dem steckt ein Dämon!«

»Was machst du mit einem Dämonenpapagei?« Tom zog eine Augenbraue hoch.

»Ich mache gar nichts mit ihm. Er ist eben einfach …« Hilflos hob sie die Hände. »… da.«

Daraufhin sahen beide Babel an, als hätte sie nicht mehr alle Tassen im Schrank.

»Wolltest du deswegen, dass ich herkomme? Um über meine Haustiere zu reden?«

Einen Moment lang musterte Tom sie prüfend, dann lehnte er sich zurück, wobei Babel wieder einen guten Ausblick auf seine nackte Brust erhaschte, was sicher Absicht war.

»Nein. So interessant das auch sein mag, deswegen habe ich nicht um das Treffen gebeten.«

»Gebeten ist gut …«, murmelte sie.

»Was?«

»Nichts.«

»Hör zu.« Jäh war alle Heiterkeit aus seinem Gesicht verschwunden, und er sah sie ernst an. »Lass uns nicht um den heißen Brei herumreden, okay? Wir wissen ziemlich genau, wer du bist und was du tust. Genauso wie du weißt, was wir sind.« Er machte eine Pause und schien darauf zu warten, dass sie etwas erwiderte, aber was sollte sie schon sagen? »Wir würden gern deine Dienste in Anspruch nehmen.«

Unwillkürlich fiel ihr Blick auf seinen Hosenbund, bis ihr einfiel, dass er das wahrscheinlich nicht gemeint hatte. Aber die Idee, dass ein Plag sie als Hexe engagieren wollte, erschien ihr zu absurd. »Oh«, sagte sie und schaute wieder auf. »Wer ist wir

»Die Plags der Wagenburg.«

»Aber die sitzen nicht hier. Nur du.«

Er zögerte einen Augenblick. »Die anderen sind vorsichtig.«

»Du meinst, sie trauen keiner Hexe.«

Er zuckte mit der Schulter, gleichzeitig entschuldigend und herausfordernd.

»Aber du sprichst für alle.«

Er nickte, und Mo fühlte sich genötigt, für ihn in die Bresche zu springen, und erklärte: »Er ist cool.«

W ...

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