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Brot mit Stinkkäse

Über die Autorin:

Gabriela Lürßen wurde in Hamburg geboren. Sie studierte Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspsychologie und arbeitet als freiberufliche Beraterin und Dozentin. Sie lebt in Hamburg.

Im tredition Verlag sind bereits erschienen:

ALLTAGSSPITZEN – Portionierte Satire to go (2015)

MILIAN – Tierisch verkatert (2016)

Gabriela Lürßen

BROT MIT
STINKKÄSE

Humorvolles und Nachdenkliches
für die Kopfregion

Inhalt

Einleitung

Dekorationsartikelgeschäft

Diskretes Posting

Kamera läuft

Modernes Fallgut

Der Flipflops-Flop

Heiß, heißer und Punkt

Dominoeffekt

Ansichtssache

Steingarten

Wunderbare Nachbarschaft

Schulische Gleichung

Futterluke

Ich hab’ euch lieb

Lecker Latte

Nicht schon wieder

Immer mehr ans Meer

Ich will Winter

Der Umzug

Herrliche Einkaufserlebnisse

Fertig geträumt

Einleitung

„Das kann doch wohl nicht wahr sein. “

Wenn Sie diesen Ausspruch in letzter Zeit mal getätigt haben, dann könnten die Geschichten in diesem Buch Sie möglicherweise interessieren. Aber lesen Sie ruhig erst einmal weiter.

„Aber früher hätte man das in dieser Situation nicht so gemacht.“

Na, ertappt? Haben Sie sich wiedererkannt? Und mussten Sie dabei vielleicht schmunzeln?

Dann werden Sie wahrscheinlich bei der einen oder anderen Geschichte aus diesem Buch mit Ihrem Kopf nicken, laut lachen oder sagen: „Genauso war das gestern bei mir auch.“ Und vielleicht noch ein „Siehste“ ausstoßen.

Und weiter geht es mit …

„Ich glaub‘ das alles nicht. Es ist so weit, ich werde alt!“

Und wenn Ihnen dieser dritte Ausspruch auch noch bekannt vorkommt, keine Sorge, Sie sind noch nicht alt. Ihnen geht es dann nur genauso wie Erika, ihrer Familie und ihren Freunden, also den Autoren der Geschichten in diesem Buch.

Sie stehen wahrscheinlich wie Erika & Co. mitten im Leben, finden aber, dass einiges plötzlich so anders ist. Oder wie erklären Sie es sich, dass man heutzutage im Restaurant eine Gabel zur Suppe gereicht bekommt? Oder dass Margarine heute in den Supermärkten „eingeschlossen“ wird?

Erika & Co. haben ihre Beobachtungen und Erlebnisse mit viel trockenem Humor und Augenzwinkern sowie einer Dosis Nachdenklichkeit und einer großen Portion Selbstironie aufgeschrieben.

Spritzige Dialoge werden Sie vielleicht an Ihre eigenen Gespräche erinnern und schmunzeln lassen. Die eine oder andere unerwartete Wendung in den Geschichten wird Sie möglicherweise überraschen. So ist das Leben …

Und jetzt geht’s los!

Dekorationsartikelgeschäft

F riedrich und ich waren beide Ende sechzig und wirklich noch ganz gut drauf für dieses Alter. Das lag wahrscheinlich daran, dass wir viel zu Fuß und mit offenen, interessierten Augen und Ohren unterwegs waren. Und zu Fuß wollten Friedrich und ich auch heute los.

„Friedrich, die Schuhe willst du nicht wirklich anziehen?“, sagte ich mit einem leicht fragenden Unterton, als mein Mann sich die alten braunen Slipper anzog.

„Wieso? Ich kann darin gut laufen“, antwortete er mit dieser unschuldigen Stimme, die mich in den Wahnsinn treiben konnte.

„Du willst doch zum Arzt. Der denkt ja, dass du dir keine ordentlichen Schuhe leisten kannst.“

„Erstens kann man doch nicht alles wegwerfen, was nicht mehr top aussieht, zweitens bin ich ein armer Rentner und drittens ein Mann und somit sind Schuhe nicht mein Lebensmittelpunkt. Oder in kurz, Erika: Ich bin schuhtickfrei.“

„Stimmt, du sollst auch nicht alles gleich wegwerfen. Aber wenn du zum Arzt gehst, kannst du schon ein wenig gepflegter auftreten, auch als Mann und armer Rentner. Der Arzt und seine Mitarbeiter sollen sich ja nicht vor ihren Patienten ekeln.“

„Ich finde, du übertreibst, Liebling. Ein Arzt darf sich doch gar nicht vor Patienten ekeln. Er muss doch in jeder Situation behandeln. Aber gut, ich ziehe meine neuen Schuhe an. Zufrieden?“

„Natürlich. Aber warum nicht gleich so?“

„Hast du die eigentlich geputzt?“

„Du hast mich lieb, wolltest du sagen – stimmt’s, Friedrich? Lass uns gehen.“

Wir gingen ins Zentrum unseres Stadtteils. Hier gab es ein paar Geschäfte, so wie überall. Oder sollte ich lieber sagen, so wie es früher häufig in den Stadtteilen war. Hier gab es noch einen relativ guten Angebotsmix aus zwei Friseuren, einem Blumengeschäft und einem Fischladen. Ach ja, und wir hatten einen Obst- und Gemüseladen, was gar nicht mehr so oft vorkam. Vier Bäcker und Konditoreien gab es auch noch. Einen Discounter und zwei Supermärkte für den täglichen Einkauf konnten wir ebenfalls zu Fuß erreichen. Und natürlich hatten wir hier auch was für die Hand- und Fußpflege samt Lackierung.

Was mich zu dieser Geschichte veranlasste, war der Dekoshop. Ein Geschäft, in dem es nur Dekorationsartikel gab. So was wie Porzellankännchen mit Pünktchenmuster und „Welcome-Schilder“ für die Haustür. Das würden wir uns nie an die Tür hängen. So freundlich waren wir dann auch wieder nicht zu den Einbrechern.

In diesem Laden, den es seit ungefähr drei Jahren gab, sahen wir noch nie richtig viele Kunden. Wir verstanden auch nicht, wer sich solche bunten Teile, die doch fast alle sehr kitschig wirkten, in die Wohnung stellte. Unser Stil und Geschmack war das nicht.

Friedrich sagte mal ganz trocken zu mir, dass die auch Staubtücher mit verkaufen sollten. Ich war in diesem Moment mächtig stolz auf meinen Friedrich. Er kannte das Wort Staubtücher. Woher nur? Hatte er vielleicht heimlich mal eins angefasst? Durch diese Äußerung ergaben sich ganz neue Perspektiven bei der Hausarbeit und meiner Freizeitgestaltung. Ich würde zu gegebenem Anlass darauf zurückkommen.

Bei unserem Spaziergang vor drei Wochen klebte dann plötzlich ein riesiges Schild im Schaufenster.

„Du, Erika, schau mal. Da ist alles um 50 Prozent reduziert. Willst du da nicht mal reingehen?“, fragte mich Friedrich mit ernster Stimme.

„Ich?“, antwortete ich in einem leicht gereizten und eine Oktave höheren Ton.

„Ja, du. Wer sonst?“, war Friedrichs Antwort.

Ich schaute Friedrich ziemlich verwundert und mehr als überrascht an.

„Wie kommst du denn auf diese Idee?“, fragte ich ihn und betonte das Wort diese dabei besonders.

„Ihr Frauen findet so was doch gut – oder?“

„Hörst du mir eigentlich auch manchmal zu? Wie oft haben wir schon beim Spazierengehen über diesen Laden geredet und gelästert? Hast du das vergessen?“

„Wirklich? Wann haben wir darüber geredet?“

Bei seiner Antwort schaute er mich so besonders an. Mit diesem Blick hatte er mich schon vor Jahren angesehen. Damals hatte ich mich in ihn verliebt. Und bis heute konnte ich diesem Mann einfach nicht böse sein, auch wenn ich befürchten musste, dass sein Gehirn mittlerweile so große Löcher aufwies wie ein Schweizer Käse.

Ich hatte also verstanden, dass ich mit Friedrich nicht weiter über das Räumungsverkaufsphänomen sprechen konnte. Es war doch aber schon komisch, dass viele Menschen in einen Kaufrausch oder in einen „Nur-mal-gucken-Zwang“ verfielen, wenn das Schild „Reduzierung“ oder Ähnliches zu sehen war. Sonst sagten immer alle, sie wären so im Stress, aber zum Gucken in solchen Geschäften, dazu hatten sie dann wieder Zeit. Ja, ich verallgemeinere jetzt wieder, aber das ist nur mein ganz persönliches Empfinden. Oder vielleicht entsteht Stress auch erst, weil man sich immer ablenken lässt. Ich müsste dazu mal Christian, unseren Sohn, fragen, der hatte nämlich letztens ein Anti-Stress-Seminar in seinem Unternehmen.

Aber jetzt weiter zu dem Geschäft. Ich hatte die Sachen aus diesem Geschäft nicht gebraucht, als sie noch den vollen Preis hatten. Und ich brauchte sie auch nicht als reduzierte Ware.

Woher wussten denn die Kunden, dass die Ware vorher teurer war? Da waren doch immer kaum Leute im Geschäft. Also, dass da immer noch so viele darauf reinfallen. Erst verkauft der Einzelhändler die Ware zu einem viel zu hohen Preis und dann reduziert er um 50 Prozent. Und am Ende hat er dann immer noch einen Gewinn. Die Fachleute widersprechen mir jetzt vielleicht. Aber jedes Vorurteil beinhaltet wahrscheinlich auch immer ein wenig Wahrheit. Das war zumindest meine langjährige Erfahrung. Und so ein wenig Ahnung hatte ich schon, denn früher hatte ich selbst mal im Einzelhandel gearbeitet. Wir hatten damals mit den Preisen, ich will mal sagen „jongliert“.

Friedrich sagte immer zu mir, ich sähe das alles zu negativ. Mag sein. Aber durch mein betriebswirtschaftliches Denken, Planen und Einkaufen hatten wir uns in den Jahren einen guten Lebensstandard eingerichtet.

„Lass uns weitergehen, Friedrich.“

„Erika, du kannst ja nächste Woche noch mal zu dem Laden gehen. Dann ist wahrscheinlich alles um 75 Prozent reduziert.“

Meinte er das jetzt ernst oder wollte er mich nur ärgern? Vielleicht sollte ich mein Hörgerät ausstellen. Genau, das war die Lösung!

Und tatsächlich, vorgestern sahen wir bei unserem Besorgungsgang, dass in dem Schaufenster ein neues Schild klebte.

„Nochmals reduziert – jetzt 75 Prozent Rabatt auf alles“ stand da drauf. Woher hatte Friedrich das gewusst?

Ich schaute in den Laden. Er war schon ganz schön geplündert. Und er war gut besucht. Es waren hauptsächlich Frauen zu sehen, aber auch ein paar vereinzelte Männer schienen sich in den Laden verirrt zu haben.

Friedrich würde nie in so ein Geschäft gehen. Na ja, vielleicht waren die Männer, die sich in diesem Geschäft aufhielten, auch erpresst worden oder das waren ganz arme, unterdrückte Ja-Sager. So gesehen, taten sie mir schon fast leid. Nicht jeder Mann war so standhaft wie mein Friedrich. Ich war in dieser Beziehung wirklich stolz auf ihn.

Als ich heute unterwegs war, musste ich noch kurz über das Geschäft nachdenken. Aber wirklich nur kurz. Mehr Zeit hatte ich nicht, denn bis zum Discounter waren es nur noch wenige Schritte. Ich musste schnell noch etwas einkaufen, denn ich wollte mich gleich wieder mit Friedrich treffen, er wollte ja, wie vorhin erzählt, nur kurz zum Arzt, um ein Rezept abzuholen.

Mein Einkauf ging unerwartet schnell. Der Kassierer war aber auch richtig fix. Hatte der flinke Finger. Die waren ja fast schneller als ich mit meiner Stricknadel.

Mit meinem Leinenbeutel stand ich nun am vereinbarten Ort und wartete auf meinen Mann. Und schon sah ich ihn um die Ecke kommen. In der Hand hielt er eine Tasche. Wahrscheinlich waren darin die Medikamente. Er sah mich und strahlte mich an. Er war schon mein Traummann. Auch wenn er jetzt schon so ein bisschen schrumpelig war im Gesicht und anderswo. Aber das gehört nicht hierher.

„Was hast du denn alles in der Tasche?“, fragte ich neugierig.

„Ja, guck mal. Die bunten Taschentücher hat mir die freundliche Apothekerin geschenkt. Ist doch nett, oder?“

„Ja, sehr nett“, antwortete ich und schaute dabei in seine Tasche. „Friedrich, was ist das?“

„Was meinst du, Liebling?“, fragte er ganz unschuldig.

„Das da unter den Taschentüchern und den Medikamenten?“

„Ach das, das habe ich im Schaufenster von dem Dekoshop gesehen. Das ist ein Taschentuchhalter. Total praktisch, sagte die Verkäuferin, als sie vor der Tür gerade eine Zigarette rauchte und ich so in das Schaufenster blickte. Man hat sofort ein Taschentuch griffbereit, wenn man es braucht. Ist doch klasse, dass es so was gibt, nicht wahr, Erika?“

„Ich … ich bin fassungslos!“

„Und weiß du, was der gekostet hat?“

„Will ich gar nicht wissen.“

„9,75 Euro. Ein Schnäppchen. Die Verkäuferin sagte, dass das echte Handarbeit wäre.“

„Ich denke mal, oder besser gesagt, ich hoffe für dich, du meinst 9,75 Euro minus 75 Prozent?“

„Nein, der Taschentuchhalter kostete ursprünglich mal 39 Euro. Minus 75 Prozent macht jetzt 9,75 Euro.“

Ich hielt den Taschentuchhalter in meinen Händen und schaute mir ihn von allen Seiten an. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Das war nicht nur purer Kitsch, sondern dazu auch noch völlig überflüssig und, in meinen Augen, hässlich. Und er war in Rosa.

Was hatte Friedrich veranlasst, so etwas zu kaufen? Rosa. Friedrich hasste rosa. Rosa war für ihn eine absolute Mädchenfarbe. Wenn er Männer in rosafarbenen Hemden sah, wechselte er neuerdings fast immer die Straßenseite. Ich fragte ihn mal, warum er das machte. Er sagte, ich sollte mir mal vorstellen, da machte irgendeiner ein Foto von dem rosa gekleideten Mann und er wäre durch Zufall mit auf dem Foto und das Foto würde gepostet. Und die ganze Welt sähe ihn in der Nähe eines rosafarbenen Hemdes. Nein, das ginge nicht. Also manchmal hatte der Gedankengänge … und woher kannte er das Wort „posten“?

„Du, Friedrich, hat dir deine Verkäuferin auch gesagt, welche der zwei Milliarden Hände den Taschentuchhalter in China gefertigt hat?“

„Wie meinst du das?“

„Du hättest deine Anschnackerin im Dekoshop mal fragen sollen, ob Handarbeit ein geschützter Begriff ist.“

„Ich verstehe dich nicht, Erika. Was meinst du?“

„Ich liebe dich, Friedrich. Mein Man by Leichtgläubigkeit.“

„Meinst du, unsere Kinder freuen sich, wenn sie den mal erben?“

„Ich glaube, wenn die deinen Taschentuchhalter sehen und du mit dem Erben drohst, dann sterben Linda und Christian lieber freiwillig vor uns.“

Diskretes Posting

Gastautorin: Rita, sie ist meine Schwester und wohnt wie wir in Hamburg. Sie möchte Sie gern diskret unterhalten. Ich glaube, dass das Wort Diskretion neuerdings eine andere Bedeutung hat als früher. Jetzt wünsche ich Ihnen eine diskrete Unterhaltung!

S eit vielen Jahren leide ich unter einer chronischen und unheilbaren Krankheit. Mein Arzt, Herr Dr. Hermann, übrigens ein ganz netter Mann, hat mich aber gut medikamentös eingestellt.

Das Positive an meiner Krankheit ist, dass die Tabletten relativ wenige Nebenwirkungen haben. Ich habe mir also eine richtig „gute“ unheilbare Krankheit ausgesucht. So ähnlich formulierte es auch mein Arzt, als er mir die Diagnose mitteilte. Das war in den Neunzigern des letzten Jahrtausends. Hätte es damals schon die Elbphilharmonie gegeben, ich wäre hingefahren und von der Aussichtsplattform gesprungen.

Ich wollte nie tablettenabhängig sein, obwohl die meisten Menschen das ja irgendwann im Alter werden, oder sollte ich sagen, von vielen Ärzten dazu gemacht werden oder sich machen lassen?

Für mich bedeutet die lebenslange und notwendige Einnahme von Medikamenten eine Abhängigkeit, obwohl diese natürlich nichts mit einer Sucht zu tun hat. Ich drücke mich halt gern etwas krasser und ironischer aus. Meine Tablettenabhängigkeit und die bestätigte Unheilbarkeit waren zu dem Zeitpunkt einfach zu viel für mich. Natürlich hatte ich mich informiert, ob eine Ernährungsumstellung oder ein bestimmter Sport die Tabletten ersetzen könnten. Mein Arzt und das Internet verneinten es.

Mein Mann hatte mich damals getröstet. Es sagte zu mir, dass es doch schön wäre, gemeinsam alt, klapprig und grau zu werden. Ich musste lächeln und bemerkte, wie Hunderte salzige Tränen über meine Wangen in meinen Mund wanderten. Auch seine Augen wurden damals feucht. Wir spürten zum ersten Mal einen Anflug von Endlichkeit. Zum Glück war diese sentimentale und nachdenkliche Phase nur kurz.

Seit dieser Zeit musste ich nun regelmäßig zur Untersuchung. Meistens war alles in Ordnung. Manchmal passte der Doktor die Medikamente den veränderten Laborwerten an.

Doch plötzlich gab es ein Problem, Dr. Hermann wollte seine Praxis aufgeben und in den Ruhestand gehen. Ja, ich gab zu, er war auch für einen praktizierenden Arzt schon ziemlich alt. Er war Anfang siebzig. Der ein oder andere mochte das mit dem Alter anders sehen, aber ich dachte, dass er seinen Ruhestand schon verdient hatte. Aber zu welchem Arzt sollte ich zukünftig gehen? Dr. Hermann war doch meine große platonische Liebe.

Aber er hatte hier vorgesorgt. Auf einer Informationsveranstaltung stellte er seinen Patienten seine Nachfolgerin vor. Ich war überrascht, wie jung die war. Sie ließ meinen Doktor auf der Veranstaltung gar nicht zu Wort kommen. Reden konnte sie mit ihren knapp 30 Lenzen. Aber sollte ein guter Arzt nicht eher auch zuhören können?

Ich war froh, als die Veranstaltung vorbei war. Zu Hause angekommen, war mir klar, dass ich zu der nicht gehen würde. Ich würde mir einen neuen Arzt suchen müssen. Einen, der mindestens vierzig Jahre alt war. Und ein wenig entspannter sollte er auch sein als diese Ärztin.

Freunde, Bekannte, das Internet und die Anzeigen in den Wochenblättern konnten mich jedoch von keinem anderen Arzt so richtig überzeugen.

Bei der einen oder anderen Praxis rief ich mal an. Die Damen am Telefon, ja, es waren wirklich immer nur Frauen, nicht mal ein Quotenmann war zu finden, und der Umgang mit mir gefielen mir nicht.

Wahrscheinlich hätte ich auch nicht am Telefon sagen sollen, dass ich nur mal so angerufen hatte, um nicht die Katze im Sack zu kaufen. Das verstanden die Personen am anderen Ende der Leitung irgendwie nicht. Die waren aber auch alle verbissen und schrecklich humorlos. Glücklicherweise hatte ich bis zur nächsten Untersuchung ja auch noch ein paar Monate Zeit.

Einige Wochen später ging ich an der alten Praxis vorbei. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Wieso stand da auf dem Schild „Dr. Bjarne Kresse“ und nicht „Petra W…“, wie hieß sie doch noch?

Neugierig, wie ich nun mal war, ging ich hinein. Die neue Dame am Empfangstresen sagte mir, dass Frau Doktor ein Baby erwarte und somit die Praxis gleich wieder weitergegeben habe. Na, zumindest konnte die dann auch noch andere Sachen außer reden.

Ich machte ganz spontan einen Termin!

Ein wenig aufgeregt war ich schon, als ich ein paar Tage später die neue alte Praxis betrat. Wie mochte er wohl sein, der neue Arzt? Ich könnte ja wieder gehen, wenn er mir nicht gefiele, sagte ich mir.

Kaum war ich angekommen, rief mich seine sehr nette Assistentin ins Sprechzimmer. Das ging ja unerwartet schnell. Die hatten wohl ein anderes Patientenverteilungssystem, oder wie man das auch immer nennen mochte, als mein alter Arzt.

Mich traf fast der Schlag, als ich den neuen Doktor sah. Also nur im übertragenen Sinne. Er war Mitte vierzig. Groß. Blond. Und er hatte Sommersprossen. Überall. Also da, wo ich es sehen konnte. Er sah aus wie mein Helmut, nur in jünger. Hoffentlich merkte er nicht, dass ich gerade dieses verliebte Teenagergrinsen aufgesetzt hatte. Oder anders ausgedrückt, es überkam mich einfach.

Glücklicherweise waren meine Krankendaten noch in der Praxis. Wir besprachen das weitere Vorgehen. Er sagte zu mir, dass ich noch mal kurz im Wartezimmer Platz nehmen solle, bevor ich zum Blutabnehmen aufgerufen werde. Ich ging lächelnd mit weichen Knien ins Wartezimmer. Dass ich dieses Gefühl noch mal erleben sollte oder durfte. Meinem Helmut würde ich das aber nicht so detailliert erzählen. Wahrscheinlich sollte ich diesen Punkt lieber ganz verschweigen.

Erst jetzt bemerkte ich, dass die Praxis total umgebaut und renoviert worden war. Bei meinem alten Arzt waren die Wände in dunklen Farben gestrichen. Die neuen Räume waren hell, aber nicht weiß. Wie nennt man so eine Farbe? Sie war farblich zwischen beige und orange. Freundlich und warm sahen die Räume jetzt aus. Und was mir noch auffiel: Alles war offen. Früher war der Empfangsbereich auf dem Flur und es gab Türen zum Wartezimmer, Labor und so weiter, die auch geschlossen waren. Heute war der Empfangstresen mitten in der Praxis. Die einzige blickdichte Tür war die zum Sprechzimmer. Die anderen Türen waren mit Milchglasfolie bezogen.

Auf dem Boden klebte jetzt ein knallrotes Schild, auf dem stand: „Diskretionsabstand einhalten.“ Was das wohl bringen sollte? Wenn da einer draufstand, sahen es die andern doch eh nicht mehr. Die ganze Praxis war ja sowieso einsehbar und irgendwie hellhörig. Ich sah eine Milchglaswand. Dahinter bewegten sich Personen.

Plötzlich kam eine junge Arzthelferin ins Wartezimmer und rief eine Patientin auf. Sie ging mit dieser Frau hinter die Milchglaswand. Die beiden redeten miteinander. Ich verstand fast jedes Wort. Das war also der Raum zur Blutabnahme. Schön fand ich das nicht. Na, mal abwarten, meine „öffentliche Abnahme“ stand ja noch bevor.

Das Telefon klingelte die ganze Zeit, in der ich im Wartezimmer saß. Ich verstand jedes Wort, das die Arzthelferin zu den Anrufenden sagte. Die meisten wollten wissen, ob die Praxis gerade voll sei und ob es sich lohne, jetzt zu kommen. Andere fragten danach, wo denn der alte Doktor geblieben sei. Eine Frau rief an und wollte wissen, ob das Blutergebnis schon vorliege.

Ich dachte an den Diskretionsabstand. Für Telefongespräche wurde das hier wohl nicht so eng gesehen mit der Diskretion.

Und schon klingelte wieder das Telefon. Die Arzthelferin nahm den Hörer ab, sagte aber gleich zur Anrufenden, dass sie bitte kurz warten möge. Sie legte den Hörer auf den Tisch. Die hatte aber auch eine kräftige Stimme.

„So, da bin ich wieder, Frau Ba…“, sagte die Arzthelferin, den Rest vom Namen konnte ich leider nicht verstehen, da meine Wartezimmernachbarin gerade husten musste.

„Ja, die Ergebnisse sind da. Der Herr Doktor möchte gern mit Ihnen persönlich darüber sprechen. Wann haben Sie Zeit?“

Ich denke mal, dass die Arzthelferin jetzt in ihrem Computer nach einem passenden Termin suchte.

„Geht es nicht noch diese Woche? Der Herr Doktor möchte Sie möglichst kurzfristig sehen.“

Eine kurze Pause.

„Nein, nun machen Sie sich erst mal keine Sorgen. Es ist ja nur ein Gespräch. Der Herr Doktor ist ein sehr guter Arzt. Er wird Ihnen, wenn nötig, dann die weiteren Schritte erklären.“

Wieder war eine Pause am anderen Ende der Leitung.

„Frau Baum…, kommen Sie gern noch heute vorbei. Ich schieb Sie dann dazwischen. Dass bekommen wir schon hin. Beruhigt Sie das ein wenig?“

„Schön, Frau Baumann, dann bis gleich.“

Ich saß stocksteif auf meinem Stuhl. Die Arzthelferin am Telefon sprach mit Frau Baumann. Frau Baumann war meine Schwester. Was war mit meiner älteren Schwester? Was hatte Erika? Ich stand auf, ging zum Empfang und fragte die Arzthelferin. Sie sagte nur, dass sie nichts sagen dürfe und dass ich das verstehen müsse. Eine weitere Diskussion mit ihr anzufangen, erschien mir sinnlos.

Ich nahm mein Handy aus der Tasche. Meine Finger zitterten, während ich die Tasten drückte, um meine Schwester anzurufen. Diese Tasten waren einfach zu klein. Ich vertippte mich. Mist, ich hatte ihre Nummer doch gespeichert. Ich war so aufgeregt, dass ich die Tasten zu meinen Kontakten nicht fand. Nach dem gefühlten zwanzigsten Versuch schaffte ich es. Meine Schwester nahm aber nicht ab. War sie nach dem Anruf der Arzthelferin zusammengebrochen?

„Frau Liedtke, kommen Sie bitte“, sagte die junge Arzthelferin zu mir. Ich hörte ihre Worte wie durch eine Nebelwand, doch ich konnte nicht aufstehen. Wie gelähmt saß ich auf meinem Stuhl.

„Frau Liedtke?“

„Ja“, antwortete ich und ging wie ferngesteuert der Arzthelferin hinterher. Meine öffentliche Blutabnahme stand nun kurz bevor.

„Ist bei Ihnen alles in Ordnung?“

„Ja, nehmen Sie nur Blut ab.“

Ein kurzer Piks und das war es schon. Ich nahm meine Tasche, meine Jacke und ging aus der Praxis. Draußen versuchte ich erneut anzurufen. Diesmal klappte es beim zweiten Versuch, Erika nahm aber wieder nicht ab. Ich rief meinen Mann an. Er ging auch nicht ans Telefon.

Ich lief nach Hause. Tränen liefen über mein Gesicht.

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