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BLOODCAST - Roman

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autoren
  4. Weitere Titel von Michael Peinkofer bei Bastei Entertainment
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Vorwort
  8. Kapitel 1: Cast & Crew
  9. Kapitel 2: Dämmerung
  10. Kapitel 3: Unverhüllt
  11. Kapitel 4: Vermächtnis
  12. Kapitel 5: Spieglein, Spieglein
  13. Kapitel 6: Freier Fall
  14. Kapitel 7: Entscheidung
  15. Epilog

Über das Buch

Endlich ist es wieder soweit: Die weltweit agierende Modehauskette Kayne & Sparks sucht das Face of KayS. Hunderte Mädchen wittern ihre Chance auf eine große Modelkarriere. Aber nur sieben schaffen es beim Casting in die Endrunde. Diese Top-Kandidatinnen kommen in Berlin zusammen. Hier werden ihr Aussehen, ihre Begabungen und ihr Wille schweren Prüfungen unterzogen. Doch der harte Konkurrenzkampf unter den Models ist nicht das Einzige, was den Kandidatinnen zusetzt – es häufen sich die Anzeichen dafür, dass in der Modelvilla nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Und schon bald müssen die Mädchen erkennen, dass sie nicht nur wegen ihres Aussehens und Talents ausgewählt wurden …

Über die Autoren

Michael Peinkofer, 1969 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaften und arbeitete als Redakteur bei der Filmzeitschrift Moviestar. Seit 1995 arbeitet er als freier Autor, Filmjournalist und Übersetzer. Mit seinen Bestsellern um die »Orks« avancierte er zu einem der erfolgreichsten Fantasy-Autoren Deutschlands. Bei Bastei Lübbe erschienen Die Bruderschaft der Runen und die Abenteuerreihe um Sarah Kincaid, deren abschließender vierter Band mit Das Licht von Shambala vorliegt, sowie  historische Romane wie Das Buch von Ascalon. Michael Peinkofer lebt mit seiner Familie im Allgäu.

Claudia Kern wurde 1967 in Gummersbach geboren und studierte in Bonn. Anschließend wurde sie Chefredakteurin des Magazins Space View, das sie mitbegründete. In der Phantastik-Szene wurde sie bekannt als Co-Autorin der Serie Professor Zamorra; seitdem hat sie auch für weitere Serien wie Maddrax und Perry Rhodan geschrieben. Sie arbeitete auch als Übersetzerin und war als Autorin an der Entwicklung von Computerspielen wie Darkstar One und dem Adventure Geheimakte 2: Puritas Cordis beteiligt. Ab 2008 erschien ihre Fantasy-Trilogie Der verwaiste Thron und im Jahr 2011 ihr erster historischer Roman Das Schwert und die Lämmer. Claudia Kern lebt in Bonn.

Weitere Titel von Michael Peinkofer bei Bastei Entertainment

Die Erben der Schwarzen Flagge

Die Bruderschaft der Runen

Der Schatten von Thot

Die Flamme von Pharos

Am Ufer des Styx

Das Licht von Shambala

Das verschollene Reich

Spiel der Schatten

Das Buch von Ascalon (auch als Hörbuch bei Lübbe Audio)

Das Vermächtnis der Runen

Als Hörbuch bei Lübbe Audio:

Die Erben der Schwarzen Flagge

Die indische Verschwörung

Der Fluch von Barataria

Team X-treme – Folge 1-16

Michael Peinkofer
Claudia Kern

BLOODCAST

Roman

Vorwort

Dieses Buch zu schreiben war ein Abenteuer – und eine Herausforderung. Denn selbst wir als Autoren wussten nicht, wie die Sache am Ende ausgehen würde. Am Anfang stand die Idee, zwei populäre Genres miteinander zu verbinden: eine Dark-Fantasy-Geschichte und eine Casting-Show. Daher auch der Titel: »Bloodcast«. Ursprünglich erschienen die einzelnen Kapitel als Fortsetzungsroman bei amazon.de, und die Leserinnen und Leser konnten nach jeder Folge darüber abstimmen, welche von zwei Teilnehmerinnen die Show verlassen musste. Dieses Experiment vollzog sich gewissermaßen in Echtzeit, denn die einzelnen Teile des Romans wurden erst geschrieben, nachdem die Abstimmung entschieden war. Somit hat das Publikum in diesem Fall den Gang der Handlung entscheidend beeinflusst. Das lässt sich natürlich bei der vorliegenden Romanausgabe in dieser Form nicht nachvollziehen. Dennoch haben wir die Abstimmungen zwischen den einzelnen Kapiteln aufgeführt, weil sie ein so wesentlicher Teil der Geschichte sind. So kann jeder prüfen, wie man selbst entschieden hätte: Wer soll gehen? Wer soll im Wettbewerb bleiben? Die Abstimmung läuft …

Michael Peinkofer
Claudia Kern

Kapitel 1: Cast & Crew


The face of KayS

Im New York des Jahres 1921 nahm eine außerordentliche Erfolgsgeschichte ihren Anfang. Cyrus Kane und Desmond Sparks kehrten ihrer alten Heimat Europa den Rücken und gingen nach New York, um sich einen Traum zu erfüllen. Sie wollten Mode entwerfen, Kleidung für eine moderne Welt, für eine neue Generation von Frauen, die anders sein sollte als alle anderen zuvor. Unabhängig. Selbstbestimmt. Mutig.

In Brooklyn eröffneten sie eine Schneiderei, die die Keimzelle dessen werden sollte, was heute, fast ein Jahrhundert später, ein weltweit agierendes Unternehmen mit Filialen in 48 Ländern ist.

Die beiden Visionäre zogen es von Beginn an vor, selbst im Hintergrund zu bleiben und stattdessen jene ins Licht zu rücken, für die sie ihre Mode entwarfen – junge Frauen, die den Geist dieser neuen Zeit verkörperten. Auf diese Weise entstand die Idee für das face of KayS, an der die Firmentradition bis heute festhält: Seit 1923 wird alle fünf Jahre eine junge Frau ausgewählt, die das offizielle Gesicht der Firma ist und sie bei Anlässen verschiedenster Art nach außen vertritt. Viele dieser Frauen haben die Berühmtheit, die sie dadurch erlangten, genutzt, um Karrieren als Fotomodell oder Schauspielerin zu begründen – ein Weg, der auch jenen sieben jungen Frauen offensteht, die schon morgen von der Jury ausgewählt werden, um an der nationalen Vorentscheidung zur Wahl des face of KayS teilzunehmen. Dieser Wettbewerb, einer der renommiertesten und bestdotierten der Modebranche, wird diesmal, den visionären Grundsätzen der Firmengründer folgend, erstmals via Internet entschieden.

Alle fünf Jahre sucht Kayne & Sparks, der weltweit führende Label für Urban Gothic Style, auf der ganzen Welt nach einer jungen Frau, die die Firma in den kommenden fünf Jahren repräsentieren wird. Für Deutschland hat die Jury aus über eintausend Bewerberinnen jene sieben ausgewählt, aus denen die Internet-Gemeinschaft im Lauf der kommenden Monate eine Gewinnerin auswählen wird. Diese wird Deutschland dann im Finale vertreten.

Alle vier Wochen werden sich die Teilnehmerinnen der Entscheidung durch das Publikum stellen, und bei jeder Entscheidung wird eine von ihnen die in der Nähe von Berlin gelegene Casting-Villa verlassen. Wer gehen muss und wer bleiben darf, liegt allein in Ihrer Hand.

Das Warten hat ein Ende, die Suche beginnt jetzt.

Kayne & Sparks.

Fashion.

No Limit.

Quelle: Kayne & Sparks Press Relations Germany.


»Was haben wir nur getan?« Der Wind trug die Stimme als leises Flüstern heran, kaum hörbar und zerbrechlich. »Wie konnte es nur so weit kommen?«

»Wir wollten nicht, dass es so kommt«, erwiderte die andere junge Frau. »Keine von uns.«

»Trotzdem sind wir hier. Wir sind schuld an dem, was geschehen ist, wir alle!« Jetzt ließ Verzweiflung die Stimme noch zerbrechlicher wirken.

»Das ist nicht wahr! Wir können nichts dafür, und das weißt du.«

»Wir hätten es verhindern können! Wir hätten es kommen sehen müssen …«

»Das konnten wir nicht, keine von uns. Du nicht und auch niemand sonst. Wir alle waren zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Es ist … außer Kontrolle geraten. Aber das bedeutet doch nicht …«

Die andere schüttelte den Kopf. Ihre Augen schwammen in Tränen. Das grelle Licht der Straßenbeleuchtung, das von unten heraufdrang, spiegelte sich darin. »Ich kann nicht mehr«, hauchte die junge Frau. »Ich kann so nicht leben. Ich halte es nicht mehr aus, verstehst du?«

»Das verstehe ich. Wir alle sind erschöpft, und wir alle wollen nach Hause.«

»Nach Hause«, wiederholte die andere, als wäre dies ihr Stichwort, und wandte sich um.

»Nein! Tritt von der Kante zurück, ich bitte dich!«

»Wozu?«

»Weil es nichts ändert, wenn du weitergehst.«

»Für mich schon. Es wird alles ändern.«

»Aber nicht für die anderen … nicht für uns!«

Wieder ein Blick zurück. Die Augen liefen ihr über; Tränen rannen die bleichen Wangen herab.

»Du darfst uns nicht verlassen, hörst du? Wir brauchen dich. Ich brauche dich!«

Trotz der Tränen ein Lächeln.

Matt und kraftlos.

»Du brauchst mich nicht«, sagte die andere leise. »Du hast mich nie gebraucht.«

Die Worte waren kaum verklungen, da wandte sie sich ab. Ohne Zögern machte sie einen Schritt nach vorn, in die bodenlose Tiefe.

Berlin Mitte
Sechs Monate zuvor

Die Unruhe war beinahe körperlich spürbar.

Wie ein schlecht gewähltes, aufdringliches Parfüm schwängerte sie die schwüle Luft. Der Saal, eigentlich ein Lagerhaus, wo bis zum Vorabend noch Hunderte Schaufensterpuppen in Reih und Glied gestanden hatten, war voller Menschen. Anstelle des Containers mit überzähligen Händen, Füßen und Köpfen stand jetzt das Buffet. Es lockte mit asiatischem Fingerfood, von den Spießchen, die würzigen Curryduft verströmten, über die Bällchen aus Klebreis bis hin zu dem in Gläsern angerichteten Gemüse. Dem Buffet gegenüber befand sich die Bar, ein glitzernder Schrein endlos aneinandergereihter und mit bunten Flüssigkeiten gefüllter Flaschen. Ein gut aussehender junger Mann mit Fliege und wirrem Haar mixte Cocktails daraus, die Namen wie Moonlight Kiss und Red Riding Hood trugen. Die Schaufensterpuppen, denen die Halle sonst gehörte, waren nichts als Beiwerk im Hintergrund: ein Heer anspruchsloser, weil stummer und sich niemals beschwerender Statisten.

In der Mitte der Halle war ein Catwalk errichtet worden, der von einem Ende bis zum anderen reichte. Zu beiden Seiten des Laufstegs drängten sich die jungen Frauen, derentwegen diese Veranstaltung abgehalten wurde. Ihre Ängste, Befürchtungen und Hoffnungen klebten an ihnen wie wachsame Bodyguards.

Kayne & Sparks war bekannt dafür, nicht nur Models mit Idealmaßen für Shows auszuwählen. Wie die Kleidung, die das Label entwarf und in seinen Filialen auf der ganzen Welt vertrieb, sollten auch jene, die sie präsentierten, nicht einfach von der Stange kommen. KayS stellte außergewöhnliche Mode für außergewöhnliche Menschen her – unprätentiös, mit einem gewissen Vintage-Touch, düster. Entsprechend sollte auch das neue Face of KayS sein.

Außergewöhnlich.

Mit Ecken und Kanten.

Sogar mit Narben.

So hatten sie sich also eingefunden: insgesamt über tausend Bewerberinnen aus ganz Deutschland, junge Frauen im Alter zwischen siebzehn und fünfundzwanzig, die so unterschiedlich waren, wie sie es nur sein konnten.

Die größte Fraktion stellten jene dar, die um die Einzigartigkeit der Chance wussten, denen klar war, was ein Vertrag mit Kayne & Sparks für eine Karriere bedeuten konnte. Entsprechend hatten sie sich gestylt, waren in enge Kleider geschlüpft, die ihre schlanken Körper zur Geltung brachten. Andere schienen sich der Tragweite des Augenblicks kaum oder gar nicht bewusst zu sein. Abenteuerlust oder Neugier trieb sie an – oder vielleicht auch Langeweile. Dann gab es jene, die treue Anhänger des Labels waren. Sie hatten sich in dessen ausgefallene Kreationen gehüllt, um zu zeigen, wie sehr sie den Style of KayS verinnerlicht hatten. Und dann waren da noch die, die kein Verlangen danach verspürten, sich für irgendwen zu verbiegen – Punks, Goths, Grunge-Bräute. Ihnen allen jedoch war gemeinsam, dass sie sich Chancen ausrechneten und die Konkurrenz argwöhnisch beäugten.

Viele waren in Begleitung gekommen. Wer die aufgeregt wimmelnde Masse näher betrachtete, konnte sie schnell ausmachen: ehrgeizige Mütter, die am Erscheinungsbild ihrer Töchter noch letzte Korrekturen vornahmen; besorgte Väter, die der Vorstellung, ihre Töchter womöglich schon bald in Unterwäsche auf Plakatwänden zu sehen, sichtlich wenig abgewinnen konnten; treue Freundinnen, die mit Rat und Tat zur Seite standen; und schließlich missmutige Romeos, denen die Aussicht, für ein halbes Jahr von ihrer Julia Abschied nehmen zu müssen, ganz und gar nicht gefiel. Doch genau darum ging es. Zumindest dies war jeder der jungen Frauen, die sich via Internet beworben, in die engere Wahl gekommen und schließlich zur Ausscheidung nach Berlin eingeladen worden waren, nur zu bewusst. Wer das neue Face of KayS sein wollte, musste bereit sein, alles zu geben. Es ging nicht nur darum, Film- und Fotoaufnahmen für das Label zu machen und seine Mode auf Laufstegen zu präsentieren. Es ging darum, ihm für die nächsten fünf Jahre ein Gesicht zu geben.

Dafür gab es Geld.

Berühmtheit.

Und jede Menge teure Kleidung.

Man bereiste die Metropolen der Welt, machte Fotoshootings und Filmaufnahmen mit den Besten des Fachs, durfte über rote Teppiche flanieren und auf Partys echten Stars begegnen. Allein dafür hätten viele der Bewerberinnen ihre Seele verkauft.

Als aus den Lautsprechern Musik zu dröhnen begann, setzte kreischender Jubel ein. Gleichzeitig verlosch die nüchterne Industriebeleuchtung, in die die Lagerhalle eben noch getaucht gewesen war, und wich grellem Scheinwerferlicht. Es fiel in bunten Kegeln auf den Catwalk und tanzte zu den rhythmischen Klängen. Dann wurde die Musik heruntergeregelt. Dennoch blieb ein spannungsgeladenes Wummern, das die Halle erbeben ließ. Eine sonore Stimme verkündete: »Im Jahr 1921 begründeten Cyrus Kane und Desmond Sparks in New York einen Traum. Sie wollten Damenmode entwerfen, Kleidung für eine Generation von Frauen, die anders sein sollte als alle anderen zuvor. In Brooklyn eröffneten sie eine Schneiderei, die die Keimzelle dessen war, was heute ein weltumfassendes Unternehmen ist. Dabei zogen die beiden Visionäre es von Beginn an vor, selbst im Hintergrund zu bleiben und stattdessen jene ins Licht zu rücken, für die sie ihre Mode entwarfen – die Idee für das Face of KayS war geboren. Seit 1923 wird alle fünf Jahre eine junge Frau ausgewählt, die das offizielle Gesicht der Firma ist. Viele dieser Frauen haben die Berühmtheit, die sie dadurch erlangten, genutzt, um eine Karriere als Fotomodell oder Schauspielerin zu begründen – ein Weg, der auch jenen sieben jungen Frauen offensteht, die heute Abend von der Jury ausgewählt werden, um an der neunzehnten Endausscheidung zur Wahl des Face of KayS teilzunehmen. Die Wahl wird diesmal, den visionären Grundsätzen der Firmengründer folgend, erstmals via Internet entschieden. Das Warten hat ein Ende«, verkündete die Stimme, worauf sowohl die Musik als auch der Jubel wieder anschwollen, »die Suche beginnt jetzt. Kayne & Sparks. Fashion. No Limit!«

Die Stimme war kaum verstummt, als zu beiden Seiten des Catwalks gelber Funkenregen emporschoss. Den Laufsteg hüllte Rauch ein, in dem sich das Scheinwerferlicht brach. Als sich der Rauch wieder lichtete, stand ein Mann auf der Bühne, der Maßanzug und Rüschenhemd trug. Der Mann war groß und schlank und mochte Mitte vierzig sein; sein Kopf war haarlos, lediglich sein markantes Kinn zierte ein rigoros getrimmter Spitzbart. Der Teint des Mannes war makellos und sonnengebräunt. In der verspiegelten Sonnenbrille, die er trug, schillerten die Farben der Scheinwerfer.

»Geschätzte Besucher, verehrte Bewerberinnen«, wandte er sich über Headset an die versammelte Menge. »Ich weiß, dass Sie alle lange auf diesen Moment gewartet haben. Deshalb wollen wir Sie nicht länger auf die Folter spannen. Mein Name ist Leander. Ich bin Casting Director bei Kane & Sparks und für die Durchführung des Wettbewerbs verantwortlich, der erstmals via Internetvoting entschieden wird. Alle fünf Jahre sucht Kayne & Sparks, das weltweit führende Label für Urban Gothic Style, eine junge Frau, die die Firma in den kommenden fünf Jahren repräsentiert. Aus über tausend Bewerberinnen aus ganz Deutschland hat die Jury sieben ausgewählt, die ich nun nacheinander aufrufen werde. Aus diesen sieben Kandidatinnen werden Sie – die hier Anwesenden ebenso wie die Internetgemeinschaft – im Lauf der kommenden Monate eine Gewinnerin auswählen. Alle vier Wochen werden sich unsere Mädchen der Entscheidung durch das Publikum stellen, und bei jeder Entscheidung wird uns eine von ihnen verlassen. Wer gehen muss und wer bleiben darf, liegt allein in Ihrer Hand. Diejenige Kandidatin, die bis zum Schluss bleibt, reist dann nach London, um dort an der europäischen Ausscheidung teilzunehmen. Und wer weiß«, fügte Leander mit einem gewinnenden Lächeln hinzu, »vielleicht wird dieses Mal ja die deutsche Kandidatin Europa bei der Endausscheidung in New York vertreten.«

Diese Aussicht sorgte erneut für Begeisterung. Beifall brandete von beiden Seiten des Laufstegs auf. Leander nahm die Begeisterungsstürme gleichmütig hin. Schließlich hob er eine Hand, um zu signalisieren, dass er weitersprechen wolle; der Applaus legte sich.

»Ich weiß, dass Sie alle auf diesen Augenblick gewartet haben«, fuhr er fort. »Nun denn, meine Damen und Herren, ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen und präsentiere Ihnen hiermit die erste Kandidatin der diesjährigen Endausscheidung: Sie ist vierundzwanzig Jahre alt, hat blaue Augen und stammt aus dem schönen Nürnberg. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater kommt aus dem Senegal – sie spricht vier Sprachen fließend. Shani Burundi – willkommen in der Endausscheidung um das neue Face of KayS …«

Shani

»Du willst das also wirklich tun?«

Über den Rand des Colabechers hinweg sah Dirk sie durchdringend an. Seine blonden Locken, die sie so mochte, hingen ihm wirr ins Gesicht. Die Nase hatte er krausgezogen wie immer, wenn ihm etwas missfiel.

»Ich glaub schon.« Shani nickte. »Und bevor du fragst – ja, ich habe mir das gut überlegt.«

»Aber … warum?«

»Weil ich es möchte«, erwiderte sie und wusste selbst nicht, warum sie sich dabei so schlecht fühlte.

»Das ist keine Antwort!« Dirk stieß das Tablett, das vor ihm auf dem Tisch stand, frustriert von sich. Es klapperte gegen Shanis. Die Leute am Nachbartisch sahen herüber, eine Familie mit kleinen Kindern, deren Münder mit Ketchup verschmiert waren.

»Geht’s auch leiser?«, fragte Shani.

»Entschuldige. Es ist nur … Ich versteh’s einfach nicht.«

Shani lächelte schwach. »Ich verstehe es ja selbst nicht«, gestand sie. »Ich weiß nur, dass ich das unbedingt ausprobieren will. Mein ganzes Leben bin ich immer vernünftig gewesen, habe immer das getan, was andere von mir erwartet haben, ganz gleich, ob es meine Eltern waren oder du oder …«

»Ich?« Dirk hob die Brauen.

»Du weißt schon«, suchte sie zu beschwichtigen. »Wir kennen uns nun einmal schon sehr lange, seit der Schule …«

»Und? Was ist falsch daran?« Dirk griff nach dem Cheeseburger, der auf dem Tablett lag und wickelte ihn aus der Verpackung. Dann schlug er seine Zähne hinein, als wolle er ihn bestrafen.

»Nichts«, gab Shani zu. »Aber hast du dir nie die Frage gestellt, ob …«

»Was?«, fragte Dirk kauend, als sie nicht weitersprach.

»… ob da nicht noch mehr ist«, fuhr sie zögernd fort.

»Mehr? Was meinst du?« Dirk griff hastig nach der Cola, um augenscheinlich nicht nur den Burger, sondern auch seinen Ärger hinunterzuspülen. »Wir haben doch schon alles! Wir studieren beide, machen nächstes Jahr unser Staatsexamen und danach das Referendariat …«

Sie seufzte. »Ich weiß.«

»Und? Hast du nicht immer gesagt, dass du genau das werden willst? Lehrerin?«

»Das stimmt«, gab Shani zu. »Aber das bedeutet auch, dass ich nach dem Examen wieder zurück in die Schule gehe.«

»Genau wie ich«, stimmte er zu. »Und wir werden uns jeden Tag sehen, fast wie früher.«

»Ja.« Sie griff nach ihrem Kaffee und nippte daran. Quer durch das Lokal spähte sie hinüber zu den großen Werbetafeln, die über der Theke angebracht waren. Hierauf wurden Burger, Fritten und was es sonst noch gab in so schönen Farben angeboten, dass einem beim Betrachten das Wasser im Mund zusammenlief. Unangenehme Wahrheiten zu verkaufen, dachte Shani, ist nicht ganz so leicht.

Wie sollte sie es Dirk nur begreiflich machen?

»Dirk«, sagte sie leise.

»Oh«, machte er.

»Was hast du?«

»So hast du mich lange nicht mehr genannt.«

»Ich weiß.«

»Was ist nur auf einmal los mit dir, Shani? Du bist so … so distanziert.«

»Ja, stimmt.« Sie nickte abermals. »Und es tut mir wirklich leid. Das hast du nicht verdient.«

»Verdammt richtig, das hab ich nicht verdient!«, unterstrich er. »Und jetzt sag mir endlich, was los ist! Warum fängst du auf einmal an, dich für Mode zu interessieren?«

Sie seufzte. »Das ist es ja, was ich dir die ganze Zeit zu sagen versuche. Ich beschäftige mich bereits seit einer ganzen Weile damit. Das ist dir nur entgangen, weil du dich nicht mit mir beschäftigst.«

»Aber … Ich kenne dich in- und auswendig! Wir sind in derselben Straße aufgewachsen, sind zusammen zur Schule gegangen …«

»… und das ist dein Bild von mir«, vervollständigte sie seinen Satz. »Du siehst mich als das Schulmädchen mit dem schwarzen Zopf, das Musik von Bands hört, die sonst keiner kennt, und das gern Fast Food futtert.« Sie machte eine Handbewegung, die nicht nur ihr Tablett, sondern das ganze Lokal einschloss. »Aber das bin ich nicht mehr«, fügte sie leiser hinzu.

»Aha. Hast du dir deshalb die Haare neu machen lassen zu diesen … diesen …«

»Dreadlocks«, half sie aus und musste lächeln. »Nein, eigentlich nicht. Ich weiß, dass du glücklich bist, so wie die Dinge sind. Ich schäme mich fast, es dir zu sagen – aber mir genügt das nicht. Verstehst du, was ich meine? Ich will nicht eines Tages zurückblicken und mir eingestehen müssen, dass ich in meinem Leben mehr hätte erreichen können. Dass ich mehr hätte wagen sollen.«

»O Mann!« Dirk verdrehte die Augen. »Ist das wieder so ’ne Weisheit von deinem Vater? Steckt er dahinter?«

»Nein«, versicherte sie, während sie sich unbewusst übers Haar strich. Die vielen kleinen Zöpfe fühlten sich noch immer ungewohnt an, aber auch irgendwie richtig. »Papa hat nichts damit zu tun. Aber er ist nun mal ein Teil von mir, ebenso wie das Land, aus dem er kommt. Dort planen die Menschen nicht. Sie lassen sich vom Leben treiben und probieren Dinge einfach aus.«

»Ja«, konterte Dirk mit freudlosem Grinsen. »Das ist der Grund dafür, warum sie bis zum heutigen Tag in Strohhütten hocken und ihre Zeit am liebsten damit verbringen, sich in blutigen Bürgerkriegen gegenseitig umzubringen.«

»Ist das deine Meinung, ehrlich?«, fragte sie.

»Nein, verdammt! Ich … Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll«, gestand Dirk. Sein Sarkasmus schlug in Hilflosigkeit um. »Ich meine, wenn du dich da bewirbst und tatsächlich genommen wirst, dann bist du für ein halbes Jahr fort, nicht wahr? Was wird dann mit deinem Examen?«

Shani zuckte mit den Schultern. »Es wird warten müssen.«

»Und … Und was wird aus uns?«

Nun waren sie beim Kern der Sache angelangt.

Shani wusste es, und die Art, wie Dirk sie ansah, verriet ihr, dass auch er es wusste. Tränen standen ihr plötzlich in den Augen.

»Keine Ahnung«, erwiderte sie leise, fast flüsternd. »Ich weiß nur, dass ich es versuchen muss.«

»Ich verstehe.«

Eine Weile saßen sie nur da und blickten einander über den Tisch und die von leeren Pappschachteln und zerknüllten Servietten übersäten Tabletts hinweg an.

Dann stand Dirk auf.

»Wohin willst du?«, fragte sie.

»Nach Hause«, eröffnete er ihr barsch. »Ich habe eine Prüfung, für die ich lernen muss. Wir können schließlich nicht alle Fotomodelle werden, oder?«

»Aber darum geht es mir doch gar nicht! Ich weiß ja noch nicht einmal, ob ich überhaupt in die Endausscheidung komme!«

»Das spielt keine Rolle«, war Dirk überzeugt. »Denn ganz gleich, ob du gewinnst oder verlierst – deine Entscheidung hast du schon getroffen.«

Damit wandte er sich ab und verließ das Lokal.

Und Shani wusste, dass es vorbei war.

*

Als Shani ihren Namen hörte und den aufbrandenden Applaus, konnte sie kaum glauben, dass der Beifall tatsächlich ihr galt. Daher zögerte sie, hinaus vor den Vorhang zu treten. Dann jedoch zischte ihr jemand etwas ins Ohr und stieß sie unsanft nach vorn. Im nächsten Moment fand sie sich im grellen Scheinwerferlicht wieder, dort, wo der Laufsteg begann, der schnurgerade durch die wogende, tosende Menge führte.

Es fühlte sich unwirklich an.

Shani wartete darauf, dass jemand sie kniffe und sie aus diesem seltsamen Traum erwachte. Aber nichts dergleichen geschah. Also tat sie einen ersten Schritt, einen zweiten – und dann übernahm ihr Instinkt, ohne dass ihr bewusst gewesen wäre, was sie tat. Den Rhythmus der Musik, zu deren Beats sie über den Catwalk schritt, nahm sie nur wie am Rande war, alles war ihr fremd, das schreiend rote, seitlich geschlitzte Kleid ebenso wie die Steckfrisur, zu der man ihre Haare aufgetürmt hatte. Und die Gesichter, auf die sie im Vorübergehen einen Blick erhaschte.

Ihre Eltern waren nicht hier, wussten noch nicht einmal, dass sie sich beworben hatte; und Dirk hatte sie seit jenem Abend, an dem sie Schluss gemacht hatten, nicht mehr gesehen. Jetzt hätte sie manches gegeben für ein vertrautes Gesicht. Aber wohin sie auch blickte, nichts als Fremde. Shani sah Begeisterung ebenso wie Ablehnung, Bewunderung ebenso wie abgrundtiefen Neid. Erst in diesem Augenblick wurde ihr klar, dass sie es geschafft hatte.

Sie war unter den letzten sieben Teilnehmerinnen!

Sie hatte das Ende des Laufstegs erreicht und ging in Pose, fand plötzlich Gefallen daran, sich der Menge zu zeigen. Der Luftzug, den ein Ventilator ihr entgegenblies, ließ die rote Seide des Kleides flattern. Shani wandte sich um, trat ihren Weg zurück über den Laufsteg an, wo Leander sie bereits erwartete.

Er sah blendend aus.

Lächelte.

»Willkommen, Shani, unter den letzten sieben«, begrüßte er sie und küsste sie auf beide Wangen, während er sie sanft an den Schultern fasste und wieder zum Publikum drehte. »Wie fühlst du dich in diesem Moment?«, wollte er wissen und hielt ihr das Mikrofon hin.

»Ich … fühle mich fantastisch«, versicherte Shani zögernd. Es war seltsam, die eigene Stimme über Lautsprecher zu hören. Noch seltsamer aber war es, dass sie plötzlich die uneingeschränkte Aufmerksamkeit aller Zuschauer hatte. Alle Augen waren auf sie gerichtet, alle hörten ihr zu. Aus den Unterrichtsstunden, die sie als angehende Lehrerin gehalten hatte, war sie anderes gewohnt.

»So soll es sein«, erwiderte Leander mit ebenso melodiöser wie tiefer Stimme. »Denn deine Bewerbung hat die Jury so sehr überzeugt, dass du die erste Hürde genommen hast. Ich gratuliere dir, Shani, und möchte dich bitten, dich in die Siegerlounge zu begeben, wo du schon bald Gesellschaft erhalten wirst.«

»Danke«, erwiderte Shani. Sie lachte ausgelassener, als sie es je zuvor getan hatte und ertappte sich dabei, dass sie der Menge zuwinkte. Wieder gab es Küsse für sie. Dann durfte sie den Laufsteg verlassen – und empfand fast ein wenig Bedauern dabei.

»Kommen wir zum nächsten Namen auf der Liste«, hörte sie Leander sagen. »Die nächste Auserwählte ist zweiundzwanzig Jahre alt und kommt aus Berlin. Sie bringt nicht nur alle Voraussetzungen mit, die ein Kayne-&-Sparks-Model aufweisen sollte, sondern darüber hinaus noch eine weitere Eigenschaft, die ihr in den nächsten Monaten nur von Nutzen sein kann: Sie hat lange Zeit auf der Straße gelebt und dort gelernt, sich durchzusetzen. Meine Damen und Herren, begrüßen sie die vielleicht taffste Kandidatin für das neue Face of KayS: Sabina Keller …«

Sabina

Das Leben fühlte sich beschissen an.

Okay, nicht jeden Tag. Sabina spielte dieses Spiel lange genug, um zu wissen, dass auch andere als beschissene Tage dazugehörten.

Aber dieser Tag war definitiv einer der beschissenen.

Es hatte damit angefangen, dass sie aus ihrer Bleibe geflogen war. Sabina hatte keine Ahnung, was die Typen plötzlich geritten hatte. Aber sie hatten ihr unmissverständlich klargemacht, dass sie sie nicht mehr bei sich haben wollten. Und, was noch schlimmer war, sie hatten die Knete einbehalten, die sie gemeinsam geschnorrt hatten, drüben am Ku’damm, wo die Geschäfte für gewöhnlich besser liefen als hier am Alex. Und dann hatte es auch noch zu regnen begonnen, und Regen war beschissen, wenn man kein Dach hatte, unter das man flüchten konnte. Natürlich gab es Anlaufstellen, die man notfalls aufsuchen konnte und wo es neben einem trockenen Plätzchen auch etwas zu essen gab. Aber Sabina wollte das nicht. Sie hasste es, den Helferinnen zu begegnen, die diesen Job meist freiwillig und ohne Bezahlung machten. Sie hasste es, den Frauen ins Gesicht zu sehen und darin immer dieselben Fragen zu entdecken.

Was ist dir nur widerfahren?

Warum tust du dir das an?

Warum lebt ein Mädchen wie du auf der Straße?

Sabina schnitt eine Grimasse. Was wussten diese Tanten schon, selbstgefällig und arrogant, wie sie waren? Was hatte das Leben ihnen schon groß beigebracht?

Sabina hob die Flasche. Der klägliche Rest darin war alles, was ihr noch an Besitz geblieben war. Sie hob sie an die Lippen. Ein letzter Tropfen kroch dünn und wässrig in ihren Mund – das war alles. Die verdammte Flasche war leer, und Sabina hatte kein Geld für eine neue.

Vom Fuß der Mauer aus, an der sie in ihren vor Kälte starren Ledersachen kauerte, ließ sie ihren Blick über den Platz schweifen. Der Anblick war stets derselbe – Männer und Frauen, die geschäftig und mit in die Ferne gerichteten Blicken scheinbar wirr und planlos durcheinanderliefen. Ob sie überhaupt wussten, wohin sie wollten?

Der Gedanke gefiel Sabinas vom Alk benebelten Verstand, und sie musste lachen. Die in schwarzen Netzstrümpfen steckenden Beine hatte sie angezogen und die Arme darumgeschlungen. Unter der Kapuze ihrer Jacke quoll ihr grün gefärbtes Haar hervor. Grün, die Farbe der Hoffnung … Diesmal lachte sie nicht. Es war ein schlechter Witz.

Sabina überlegte gerade, ob sie aufstehen und einige der Passanten, die mit ihren aufgespannten Regenschirmen wie große wandelnde Pilze aussahen, um etwas Geld anschnorren sollte. Da sah sie, wie sich jemand aus der Menge der eiligen Passanten löste und auf sie zukam.

Graues Kostüm.

Trenchcoat.

Blonder Pagenschnitt.

Genau der Typ Frau, der Sabina sonst nicht einmal mit Blicken streifte. Diese Frau jedoch kam geradewegs auf sie zu. Und das war noch nicht alles …

»Sabina Keller?«

Sabina traute ihren Ohren nicht. Von ihrer kauernden Position aus blickte sie an der Frau empor, die nur unwesentlich älter sein mochte als sie selbst, allerdings unverkennbar einen anderen Job hatte. Und wohl auch ein Dach über dem Kopf, wie’s aussah …

»Wer will das wissen?«, stellte sie reflexartig die Gegenfrage.

»Unwichtig«, erwiderte Pagenschnitt. »Es gibt etwas, worüber ich mit Ihnen sprechen möchte.«

»Mit mir?« Ungläubig schüttelte Sabina den Kopf. »Bist du dir sicher, dass du mich nicht verwechselst?«

»Ziemlich sicher.« Pagenschnitt nickte. Sie war hübsch, auf eine nette und korrekte Art und Weise. Keck hervorspringende Nase, grüne Augen, keine Piercings. Im Grunde, dachte Sabina flüchtig, sah Pagenschnitt so aus, wie sie selbst einmal ausgesehen hatte. »Also?«

»Nur wenn du mir eine Kippe spendierst«, gab Sabina zur Antwort.

Pagenschnitt lächelte. »Das lässt sich machen.«

»Und was zu trinken.«

»Abgemacht. Gehen wir dort drüben ins Café?«

Sabina schaute in die Richtung, in die der Blondschopf deutete. Dass sich dort ein Straßencafé befand, hatte sie bislang nur am Rande registriert. Unter großen roten Schirmen waren Heizpilze aufgestellt, die dafür sorgten, dass man auch bei kühlem Wetter draußen sitzen konnte.

Sabina grinste. Ihr letzter Besuch in einem Café lag lange zurück. Vielleicht würde es ihr sogar Spaß machen. Aber noch überwog das Misstrauen.

»Wozu?«, wollte sie wissen.

»Wie gesagt – ich will mit Ihnen sprechen.«

»Bist du ’n Bulle? Ich nehme keine Drogen. Ich meine, nicht mehr. Und ich deale auch nicht, falls du das meinst.«

Pagenschnitt lachte. »Nein«, versicherte sie, »ich arbeite nicht für die Polizei, keine Sorge.«

»Wer bist du dann?«

»Das erzähle ich Ihnen, sobald wir dort drüben sitzen.«

Sabina zögerte noch immer. Aber die Aussicht auf eine Zigarette und eine wärmende Tasse Kaffee brachte sie schließlich dazu, sich aufzuraffen und der Fremden in das Café zu folgen. »Gehen wir nach drinnen«, schlug sie vor. »Hier draußen ist es zu ungemütlich.«

»Und meine Kippe?«, fragte Sabina.

»Die bekommen Sie nachher.«

»Na schön.« Sabina rümpfte die gepiercte Nase. Die Sache gefiel ihr nicht. Andererseits, was sollte schon groß passieren, mitten in Berlin und am helllichten Tag?

Sie folgte Pagenschnitt in das Lokal und setzte sich dazu, als diese an einem kleinen Tisch Platz nahm, auf dem ein gehäkeltes Deckchen lag. Sabina berührte es behutsam, fast zärtlich. Es weckte Erinnerungen.

»Kaffee?«, fragte Pagenschnitt.

Sabina nickte, und die andere bestellte.

»Na, dann sag endlich, was du von mir willst!«, verlangte Sabina dann zu wissen. »Wer bist du? Und woher kennst du meinen Namen?«

Statt zu antworten, griff die Fremde in eine Tasche ihres Trenchcoats und zog etwas hervor, das sie vor Sabina auf den Tisch legte. Es war ein verschlossenes Kuvert.

»Was ist das?«

»Öffnen Sie es, Frau Keller, und sehen Sie hinein!«

Von Neugier getrieben griff Sabina nach dem Umschlag und warf einen Blick hinein. Als sie das Geld darin erblickte, pfiff sie leise durch die Zähne. Ein ganzer Stapel grüner Scheine blitzte ihr entgegen.

»Das sind zweitausend Euro«, erklärte Pagenschnitt.

»Ein Haufen Geld.« Sabina nickte. Es war mehr, als sie je besessen hatte.

»Dieses Geld kann Ihnen gehören, Frau Keller.«

»Ach ja?« Sabina lachte auf. »Einfach so?«

»Nein, nicht einfach so. Ich möchte dafür eine Gegenleistung.«

»Na klar.« Sabina schloss das Kuvert wieder und warf es auf den Tisch zurück. »Ich hab’s dir doch schon gesagt, Schwester. Ich deale nicht. Und anschaffen geh ich auch nicht. Ich hab vielleicht kein Geld. Aber ich bin nicht …«

»Das verlange ich auch nicht«, fiel Pagenschnitt ihr ins Wort und beugte sich über den Tisch. Die Blicke der beiden so unterschiedlichen Frauen trafen sich. Sabina fiel auf, dass sie fast dieselbe Augenfarbe hatten. »Ich will etwas anderes.«

»Und was soll das sein?«

Einen endlos scheinenden Augenblick lang sah die Fremde sie an. »Ich möchte du sein«, sagte sie dann.

*

»Scheiße, habt ihr gesehen, wie die sich bewegt? Ätzend!«

Die junge Frau, die vor Lena am Vorhang stand und hinaus auf den Laufsteg spähte, hatte langes, brünettes Haar. Sie war auffällig geschminkt: Smokey Eyes, dazu extrem betonte Wangen und Lippen, was das schadenfrohe Grinsen nur noch mehr unterstrich.

»Möchte wissen, was so ’ne Lederzicke mit blauen Haaren hier zu suchen hat. Ich dachte, Punk wäre längst out.« Wieder verzog sie verächtlich die dunkelroten Lippen. Lena hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen.

»Lass sie in Ruhe, okay?«, forderte sie Smokey Eyes auf. »Sie gibt sicher ihr Bestes.«

»Ihr Bestes?« Die Brünette spähte erneut hinaus auf den Catwalk, an dessen anderem Ende das Mädchen namens Sabina gerade posierte. »Wenn das ihr Bestes ist, fliegt sie als Allererste raus. Was die Jury an der nur gefunden hat! Sieh dir das an, die kann nicht mal richtig stehen! Rudert mit den Armen, als würde sie ertrinken.«

Einige der anderen Mädchen, die hinter dem Vorhang auf ihren Aufruf warteten, kicherten. Die herablassende Art der anderen reichte bereits, um Lena auf die Palme zu bringen.

»Sie ist hier, um etwas zu lernen, so wie wir alle«, ergriff sie für Sabina Partei, obwohl sie sie noch nicht einmal kannte.

»So wie wir alle?« Die dunkel umrandeten Augen taxierten sie. »Schätzchen, dass du noch was zu lernen hast, glaub ich gern! Wie heißt du überhaupt?«

»Lena.«

»Ach? Wie die vom Song Contest? Lass sehen: langes dunkles Haar, große braune Augen, unschuldiger Blick, schwarzer Halterneck-Overall – stimmt alles. Sag bloß, du singst auch noch!«

»Klar«, Lena nickte, »in dem Moment, in dem du rausfliegst.«

Diesmal ging das Gekicher auf Kosten von Smokey Eyes, der das ganz und gar nicht gefiel. »Vorsicht, Schwester«, meinte sie heiser. »Du hast keine Ahnung, mit wem du dich anlegst!«

»Nein«, gab Lena zu, »und, ehrlich, ich will’s gar nicht wissen. Was ich gesehen habe, reicht mir nämlich schon.«

»Du hast noch gar nichts gesehen, verstanden?« Dunkel umrandete Augen taxierten Lena feindselig. »Warum ist eine wie du überhaupt hier? Warum sitzt du nicht an irgend ’ner Uni und studierst?«

»Schätze, aus demselben Grund wie du«, konterte Lena. »Weil ich es versuchen musste.«

»Und hier kommt unsere nächste Kandidatin, meine Damen und Herren«, tönte es in diesem Moment. »Auch sie möchte gern das neue Face of KayS werden und die Privilegien genießen, die beim Werbeträger eines Weltkonzerns selbstverständlich sind: die Zusammenarbeit mit den besten Modedesignern und Fotografen unserer Zeit, ein luxuriöses Leben an den Hotspots der Fashionwelt, auf Du und Du mit den Stars – und nicht zu vergessen Werbeverträge in Höhe von fünf Millionen Euro. Dafür alles zu geben ist auch unsere nächste Teilnehmerin bereit. Sie ist einundzwanzig Jahre alt und kommt wie ihre Vorgängerin aus Berlin. Meine Damen und Herren, begrüßen Sie Lena Benning …!«

Lena

Es war ein Ritual, ein allmonatlicher Seiltanz: Man balancierte über den Abgrund und hoffte, nichts brächte einen aus dem Gleichgewicht. Viele Male war es bislang gut gegangen. Nun aber schien nicht nur das Gleichgewicht verloren zu gehen, sondern das Seil drohte zu reißen …

»Und es gibt keine andere Möglichkeit?«, fragte Lena ihre Mutter, die ihr an dem runden Tisch gegenübersaß. Die Deckenleuchte genau darüber riss die Gesichter der beiden Frauen aus der Dunkelheit, die jenseits des Tisches herrschte. Auf dem schartigen Holz ausgebreitet lagen Rechnungen und Gebührenbescheide, erste Mahnungen, zweite – alle säuberlich zu Stapeln geordnet.

»Nein.« Hanna Benning schüttelte schwerfällig den Kopf. Ihr zum Pferdeschwanz gebundenes Haar war stumpf, ihre Gesichtszüge aufgedunsen. »Die Bank hat uns eine Frist von einem halben Jahr gesetzt. Wenn wir bis dahin nicht bezahlen, wird unsere Wohnung gepfändet. Dann sitzen wir auf der Straße.«

Lena biss sich auf die Lippen.

Sie hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde, es zumindest geahnt. Doch nun, wo es so weit war, war es dennoch ein Schock. Schweigend saßen die beiden Frauen am Tisch. In der Stille wurde das Ticken der Wanduhr unerträglich laut.

Hanna stöhnte leise, strich sich eine Strähne ergrauten Haars aus dem Gesicht. »Ich kann mich kaum konzentrieren. Wenn ich nur einen Schluck …«

»Nein«, sagte Lena entschieden. »Du hast versprochen, damit aufzuhören!«

»Ja, hab ich.« Hanna nickte. Sie schien zu frieren und zog die fadenscheinige Wolljacke enger um die Schultern. »Ich war es, die uns in diese Situation gebracht hat. Ich ganz allein.«

Gern hätte Lena widersprochen, aber das konnte sie nicht. Denn tatsächlich war die Trinkerei ihrer Mutter die Wurzel allen Übels … Oder hatte alles schon viel früher angefangen? Als Lenas Vater gestorben war? Als Hanna ihre Arbeit verloren hatte? Als sie Ulf kennengelernt hatte? Oder als Lenas kleiner Bruder Robin auf die Welt gekommen war?

Lena musterte ihre Mutter, aber nicht so wie andere Töchter ihre Mütter. Nicht mit Wohlwollen oder Dankbarkeit dem Menschen gegenüber, dem man alles im Leben verdankte. Lena musterte ihre Mutter voller Mitleid, gepaart mit einer Spur Misstrauen. Und da war auch Zorn …

»Nun versink nicht wieder in Selbstmitleid!«, ermahnte Lena ihre Mutter, als diese leise zu wimmern begann. »Davon wird sich unser Konto jedenfalls nicht füllen!«

»Ich weiß, du hast recht.« Hanna straffte die Schultern. Zweifellos gab sie sich Mühe. Die Frage war, ob ihre Kräfte ausreichen würden. »Vielleicht sollten wir jemanden um Hilfe bitten.«

»Wen denn?«, wollte Lena wissen.

»Nun ja, vielleicht kann Ulf …«

»Ulf ist ein Arsch«, stellte Lena klar. »Ich dachte, darüber wären wir uns einig.«

»Er hat auch seine guten Seiten.«

»Welche genau meinst du? Dass er Robin verprügelt? Oder dass er seine Zigaretten in unserem Abendessen ausdrückt?«

»Ich weiß, er ist nicht vollkommen«, räumte Hanna ein. »Aber er könnte uns helfen.«

»Ich will sein Geld nicht«, verkündete Lena schnaubend.

»Ich auch nicht«, gab ihre Mutter zu. »Aber ich finde in meinem Zustand keine Arbeit. Und wir brauchen Geld, um die Raten zu bezahlen. Und für dein Studium.«

»Ich habe mein Studium abgebrochen«, brachte Lena in Erinnerung.

»Um zu arbeiten«, räumte Hanna ein. »Aber das Kellnern reicht gerade so aus, um uns über Wasser zu halten. Das hat keine Zukunft.«

»Keine Zukunft?« Lena schnaubte. »Und das sagst ausgerechnet du?«

»Du musst dein Studium wieder aufnehmen«, war ihre Mutter überzeugt.

»Klar, und im Sommer sollte jeden Tag die Sonne scheinen! Manchmal läuft es eben nicht nach Wunsch. Wie  sagst du immer: Das Leben ist kein Wunschkonzert!«

»Ja, stimmt … Aber dein Vater und ich wollten immer, dass du es einmal besser hast als wir. Er hätte niemals erlaubt …«

»Vater ist aber nicht hier«, brachte Lena unbarmherzig in Erinnerung. »Er ist gestorben und hat uns einen Riesenhaufen Schulden hinterlassen. Und nicht er hat zu entscheiden, sondern wir!«

»Bitte sprich nicht so laut, Lena! Ich will nicht, dass Robby aufwacht und von alldem erfährt.«

»Robby ist nicht dumm, Mutter. Er merkt auch so, dass etwas nicht in Ordnung ist.«

»Ich weiß, ich weiß«, klagte Hanna, die mit den Tränen kämpfte. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen, und man konnte förmlich sehen, wie sich alles in ihr nach einem Schluck Alkohol sehnte. »An alldem bin ich schuld, ich ganz allein!«

»Das ist nicht wahr«, beteuerte Lena. Sie beugte sich über den Tisch, über die Rechnungen und Mahnungen hinweg, die dort aufgestapelt lagen, und ergriff die Hand ihrer Mutter. »Du hast immer getan, was du konntest.«

»Aber ich habe versagt.« Hanna hob den Blick, und Lena hatte das Gefühl, in das Gesicht einer alten Frau zu blicken. »Ich wollte nicht, dass es so kommt, Mädchen. Das habe ich nie gewollt.«

»Ich weiß, Mutter.«

Auch Hanna sah ihrer Tochter ins Gesicht, und plötzlich entspannten sich ihre vom Alkoholmissbrauch gezeichneten Züge, und der Blick ihrer Augen klärte sich. »Du bist schön, Leni«, flüsterte sie, liebevoll und traurig zugleich. »So wunderschön – genau wie ich früher. Aber das Leben erteilt uns seine Lektionen …«

»Wir werden sehen«, meinte Lena nur.

»Was soll das heißen?«

»Das soll heißen, dass ich nicht aufgebe«, erklärte Lena entschieden. »Dass ich nach einem Ausweg suchen werde, um das verdammte Geld zu beschaffen! Ich lasse nicht zu, dass man Robby, dich und mich auf die Straße setzt!«

Hanna lächelte matt. »So voller Idealismus. Und so kämpferisch. Genau wie dein Vater.«

»Geh jetzt ins Bett und schlaf dich aus!«, schlug Lena vor.

»Vielleicht hast du recht.« Hanna nickte, warf einen Seitenblick auf die Uhr. »Es ist zu spät, um sich Sorgen zu machen.«

Sie stand auf und kam um den Tisch, küsste Lena sanft auf die Stirn. »Gute Nacht, Leni.«

»Nacht, Mama.«

Hanna Benning verschwand aus dem Lichtkreis der Deckenlampe, und Lena konnte hören, wie sie die Küchentür hinter sich schloss.

Eine Weile lang, die Lena wie eine Ewigkeit erschien, saß sie am Tisch und starrte auf die ausgebreiteten Rechnungen, deren Zahlen und Beträge sie wie Raubtiere anzuspringen schienen.

Dann traf sie eine Entscheidung.

Sie hatte mit dem Gedanken schon längere Zeit gespielt. Doch erst in diesem Augenblick reifte er in ihr zum Entschluss. Die Erfolgsaussichten mochten gering sein. Aber sollte es gelingen, würde sich ein guter Teil ihrer Probleme in nichts auflösen.

Einfach so.

Sie stand auf und holte ihre Tasche, zog das Notebook hervor, das sie gebraucht im Computerladen um die Ecke gekauft hatte. Das Ding war alt, aber es erfüllte seinen Zweck. Und man kam damit sogar ins Internet – vorausgesetzt, man hatte ein wenig Geduld.

Lena fuhr das Gerät hoch und stellte die Onlineverbindung her.

Dann ging sie auf die Seite von Kayne & Sparks.

Sie rief das Anmeldeformular auf.

*

»Ich will aber nicht, dass du gehst!«

Robby stand vor ihr, Tränen in den Augen, die dünnen Ärmchen hatte er um Lenas Beine geschlungen. Er drückte sie so fest an sich, als wäre er wild entschlossen, sie niemals wieder loszulassen. Sie konnte spüren, wie Schluchzer ihn schüttelten, und hatte das Gefühl, das Herz würde ihr aus der Brust gerissen.

Sie hatte gewusst, dass dieser Augenblick kommen würde.

Dennoch war sie nicht darauf vorbereitet.

»Hey«, meinte sie sanft. Irgendwie gelang es ihr, sich so weit aus seinem Griff zu lösen, dass sie sich vor ihn hinhocken konnte. Als sie in seine verheulten Augen blickte, in das blasse Gesichtchen, über das ungehemmt die Tränen liefen, hätte sie am liebsten alles abgesagt. Aber das konnte sie nicht. Der erste Schritt war getan. Lena musste den Weg zu Ende gehen. »Du weißt doch, dass es nicht für sehr lange ist.«

»Wohl lang«, schniefte er, »ganz schrecklich lang!«

»Nur ein halbes Jahr. Du wirst sehen, das geht schnell vorbei.«

»Ich will aber nicht. Du sollst nicht hierbleiben. Du sollst wieder mitkommen. Nach Hause.«

Sie seufzte. Was sollte sie ihm sagen? Was wusste ein Vierjähriger über Verpflichtungen und über Zwänge, über Chancen und Möglichkeiten? »Das geht nicht«, erwiderte sie. »Aber wir werden telefonieren, so oft es geht.«

»Versprochen?«

»Versprochen.«

Er wischte sich die Tränen aus den Augen und schien sich ein wenig zu beruhigen. »Warum siehst du so anders aus?«, wollte er wissen.

»Was meinst du?« Lena sah an sich herab. »Ach so, der Hosenanzug – gefällt er dir nicht?«

Robby schüttelte den Kopf. »Schwarz ist doof.«

»Was hättest du dir denn ausgesucht?«

»Blau. Oder grün.«

»Okay.« Lena strich sich das Haar hinters Ohr. »Ich werde dran denken. Nächstes Mal.«

»Darfst du dir denn aussuchen, was du anziehst, wenn du ein Metall bist?«

»Ein Model«, verbesserte sie. »Ich weiß nicht … eher nicht.«

»Warum machst du’s dann?«

»Weil es gut ist für uns.«

»Und sind die auch alle nett zu dir?« Misstrauisch äugte der Junge in Richtung der anderen Teilnehmerinnen, die sich ebenfalls von ihren Eltern, ihren Geschwistern und Freunden verabschiedeten.

»Bestimmt.« Lena nickte. »Wir haben zusammen sicher viel Spaß.«

»Kann ich nicht auch bleiben und Spaß haben?«

»Nein.« Sie lächelte. »Das geht leider nicht. Du musst bei Mama bleiben, okay?« Sie warf einen Seitenblick auf Hanna, die gleich neben ihren Kindern stand. Ihre Handtasche umklammerte sie so fest, dass es aussah, als würde sie sich daran festhalten. Sie trug ein Kostüm und wirkte aufgeräumter als an anderen Tagen, vielleicht ein gutes Zeichen. »Wenn es Probleme gibt, ruf Jenny an, in Ordnung? Sie wird euch helfen.«

»In Ordnung.« Der Kleine nickte.

»Und sei ja brav, hörst du? Tu, was Mama dir sagt, und mach mir keinen Ärger!«

»Bestimmt nicht.« Er schüttelte den Kopf.

»Ich hab dich lieb«, hauchte sie mit versagender Stimme und zog ihn an sich, damit er nicht sah, wie sich auch ihre Augen mit Tränen füllten.

»Hab dich auch lieb, Lena.«

In diesem Moment spürte sie den Abschiedsschmerz geradezu körperlich. Sie schlang ihre Arme um Robby und drückte ihn noch fester an sich. Und er erwiderte ihre Umarmung, so fest er nur konnte.

»Und jetzt geh«, flüsterte sie ihm ins Ohr und lockerte ihren Griff. Anfangs reagierte Robby nicht und hing weiter an ihr. Aber dann, nachdem sie ihn zärtlich auf Wangen und Stirn geküsst hatte, gehorchte er. Lena nickte ihrer Mutter zu, die herantrat, ihn bei der Hand nahm und vorsichtig wegzog.

»Du weinst ja«, stellte er fest, als er Lenas Gesicht sah.

»Nur weil ich mich auf unser Wiedersehen freue«, erwiderte sie und zwang sich zu einem Lächeln. Dann winkte sie ihm nach, bis er und Hanna den Backstagebereich verlassen hatten. Sie fühlte sich hundeelend dabei, Tränen brannten in ihren Augen.

»Schau an, Gefühle kannst du also auch«, sagte plötzlich jemand neben ihr. Lena erhob sich und wandte sich um – nur um festzustellen, dass es keine andere als die Brünette mit den Smokey Eyes war. Sie war ihr in der Zwischenzeit keinen Deut sympathischer geworden. »Das kommt bei den Leuten gut an, du wirst sehen.«

»Er ist mein kleiner Bruder«, erklärte Lena.

»Na und?« Die andere rollte mit den Augen. »Ist doch nur für ein paar Wochen. Sei doch froh, wenn du den Plagegeist los bist!«

»Du hast keine Geschwister, oder?«

»Nein.« Die Brünette schnitt eine säuerliche Grimasse.

»Und auch sonst ist wohl niemand gekommen, um dich zu verabschieden?«

»Nein, wozu auch? Das hier ist mein Ding.«

»Verstehe«, sagte Lena nur.

»Was soll das heißen?«

»Nichts weiter. Nur dass ich es verstehe.«

»Mein Vater ist Investmentbanker. Er trägt Verantwortung und hat nicht die Zeit, sich um jede Lappalie zu kümmern.«

»Du meinst, wie seine Tochter?«, konterte Lena und hielt dem Blick der grünen, dunkel geschminkten Augen stand.

»Du solltest dich vor mir in Acht nehmen!«

»Tatsächlich?« Lena gab sich unbeeindruckt. »Und wie heißt du?«

»Kayla von Dahlen – den Namen solltest du dir übrigens merken. So heißt nämlich die zukünftige Gewinnerin.«

Kayla

»Gut geschlafen?«

Der Blick, mit dem sie ihn bedachte, verriet es bereits. Auch die Art und Weise, wie sie ihr braun gelocktes Haar aus dem Gesicht strich, um es gleich darauf wieder fallen zu lassen, ließ es ihn wissen: Sie war gar nicht daran interessiert, ob er gut geschlafen hatte – vielmehr daran, wie ihm das Vorprogramm gefallen hatte …

»Du bist ein Luder«, beschied er ihr.

»Weiß ich.« Sie kicherte, während sie sich auf dem Laken streckte, sich ihrer Nacktheit und der Wirkung, die sie auf ihn zu haben pflegte, voll bewusst. »Und du weißt es auch, sonst wärest du nicht hier, oder?«

»Kayla, ich …«

Rasch rollte sie sich zu ihm herüber, ließ ihre Hand unter das Laken wandern und suchte nach seiner Männlichkeit. Was sie vorfand, enttäuschte sie. »Ups. Wie es scheint, bist du noch nicht ganz wach.«

»Ich bin wach«, versicherte er. Wie in einem jähen Entschluss drehte er sich von ihr weg und schwang sich aus dem Bett. Sie genoss es, seinen durch Sport und eiserne Disziplin gestählten Körper zu betrachten. Einmal mehr kam sie zu dem Schluss, dass sein Hintern noch hübsch knackig war für einen Kerl Mitte vierzig. Ungeniert sah sie zu, wie er in seine Unterwäsche schlüpfte, die Skyline von Frankfurt im Rücken. Die aufgehende Sonne spiegelte sich in den gläsernen Fassaden. Es würde ein schöner Tag werden.

»Was machen wir heute, Steve?«, wollte Kayla wissen.

»Was meinst du?«

»Was soll ich schon meinen?« Die abweisende, einsilbige Art, die Steve an den Tag legte, begann Kayla zu nerven. Sie setzte sich im Bett auf, beugte sich zum Nachttisch hinüber und angelte sich eine Zigarette, die sie sich ansteckte.

»Dies ist ein Nichtraucherzimmer«, sagte er, während er in seine Hosen schlüpfte.

»Und? Wirst du mich verraten?« Sie kicherte, während sie weiterqualmte. »Bei euch kommt man wegen so was bestimmt auf den elektrischen Stuhl, oder?«

»Ich will mich nicht mit dir streiten«, entgegnete er.

»Ich will mich auch nicht streiten. Ich frage mich nur, was verdammt noch mal mit dir los ist!«

»Sprich bitte leiser …!«

»Wieso? Ist dir das politisch zu unkorrekt? Wieso nur seid ihr Amis immer so beschissen höflich?«

Er war bereits dabei, sein Hemd anzuziehen. Seine muskulöse Brust, die Kayla noch vor wenigen Stunden liebkost und mit Küssen bedeckt hatte, verschwand unter dem kalten, weißen Stoff. »Kann ich dir nicht sagen«, erwiderte er auf Deutsch, jedoch mit deutlichem Akzent. »Vielleicht mögen wir ja nur einfach keine Unhöflichkeit.«

»Ach ja? Findest du mich denn unhöflich?«

»Im Augenblick ja. Du führst dich auf wie ein unreifes Kind.«

»Verstehe – während du von uns beiden der korrekte und reife Erwachsene bist, richtig?« Sie fuchtelte mit der brennenden Zigarette durch die Luft. »Wie korrekt findest du es denn, am Morgen einfach aus dem Bett zu steigen und mich hier sitzen zu lassen, als wäre ich eine billige Hure?«

»Das war nicht meine Absicht.«

»Ich dachte, wir verbringen den Tag zusammen. Wir wollten shoppen gehen und …«

»Du wolltest shoppen gehen«, verbesserte er, während er mit einer selbstverständlichen Geste nach seiner Omega griff und sie sich um das Handgelenk schnallte. »Ich kann nicht. Termine.«

»Ah.« Sie nickte in schlecht geheuchelter Anerkennung. »Der Herr Investmentbanker hat Termine.«

»Unter anderem mit deinem Vater.«

»Und? Glaubst du, das beeindruckt mich?«

»Was soll das, Kayla? Ich habe dir niemals irgendetwas versprochen. Du weißt, dass …«

»Ich weiß, dass du glücklich verheiratet bist und dass du deine Frau und deine beiden Töchter niemals meinetwegen verlassen würdest«, wiederholte sie, was er ihr zigmal gesagt hatte. »Drauf geschissen! Ich will nicht deine ewige Treue, sondern nur diesen verdammten Tag! Warum ist das so schwer zu verstehen?«

»Darum geht es nicht. Ich habe heute nur einfach keine Zeit für dich.«

»Und damit soll ich mich zufriedengeben?«

»Es wird dir nichts anderes übrig bleiben«, erwiderte er, während er sich mit dem Kamm durch das glatte, kurze Haar fuhr.

»Du selbstgefälliges Arschloch!« Sie warf sich herum, stieß den Rest der Zigarette in ihr leeres Champagnerglas, das sie kurzerhand zum Ascher umfunktionierte, und sprang aus dem Bett. »Was glaubst du, wer du bist?! Denkst du, du kannst mich einfach an- und ausknipsen wie eine beschissene Lampe?!«

»Das glaube ich keineswegs. Aber du musst auch verstehen, dass ich berufliche Verpflichtungen habe, denen ich nachkommen muss.«

»Oh, das verstehe ich sehr gut. Mein Vater hatte nie für mich Zeit, und du hast auch keine Zeit. Ihr seid alle damit beschäftigt, viel Geld zu verdienen und diese beschissene Welt am Laufen zu halten, richtig? Was seid ihr doch für tolle Kerle!«

»Tut mir leid, dass du es so siehst.« Er blickte in den Spiegel, fuhr sich ein letztes Mal durch das Haar, das an den Schläfen bereits grau zu werden begann. Noch bis vor Kurzem hatte sie das sexy gefunden. Jetzt ödete es sie nur noch an. Vielleicht, weil es sie an ihren Vater erinnerte …

»Ja«, flüsterte sie, während sie nackt und bloß vor ihm stand, »du bist wirklich ein toller Kerl, Steve! Dabei könnte ich dich so einfach vernichten. Nur ein kleiner Anruf bei meinem Vater, und das Geschäft, dessentwegen du extra über den Atlantik geflogen bist, ist geplatzt. Oder bei deiner Frau – wie war doch gleich die Vorwahl von Long Island …?«

Sie hatte noch nicht ganz den Satz zu Ende gesprochen, als er vorsprang. Seine Hand zuckte wie das Maul eines gefräßigen Raubtiers an ihre Kehle und presste zu. Er drückte Kayla brutal gegen die Wand. »Wenn du das tust«, stieß er dabei hervor, »dann …«

Verblüfft hielt er inne, als sie in Gelächter ausbrach. »Sieh an«, würgte sie hervor, »jetzt endlich beschäftigst du dich wieder mit mir! Ich habe gewonnen.«

»Du bist ja krank!«

Nicht seine Worte verletzten sie und auch nicht die Tatsache, dass er sie von sich stieß. Sondern der angewiderte Ausdruck auf seinem Gesicht. Sie hatte ihn verloren.

So wie die anderen …

»Geh nur!«, rief sie ihm hinterher, als er nach seinem Sakko und seiner Aktentasche griff und sich anschickte, das Hotelzimmer zu verlassen. »Ich brauche dich nicht. Denn ich habe etwas, was sehr viel besser ist als du oder sonst ein Kerl!«

Vor der Tür blieb er stehen und wandte sich noch einmal um. »Und was soll das sein, Honey?«

»Ich werde es euch allen zeigen!«, erwiderte sie. Zu ihrer Bestürzung schossen ihr Tränen in die Augen. Ihrer Nacktheit wegen empfand sie keine Scham, wohl aber wegen der Schwäche, die sie zeigte. »Ich bin eine Gewinnerin, hörst du!«

»Ach ja?« Er lächelte schwach. Dann verließ er das Zimmer und ging hinaus. Die Tür fiel mit leisem Klicken hinter ihm ins Schloss.

»Arschloch!«, rief Kayla ihm hinterher – und korrigierte ihren Eindruck von vorhin.

Es war ein beschissener Tag.

*

Sie waren zu siebt.

Sieben junge Frauen, die aus der Masse der Bewerberinnen ausgewählt worden waren, den Kampf um den Titel des Face of KayS zu führen – aus Gründen, die für sie selbst kaum nachvollziehbar waren.

Die sieben Teilnehmerinnen der Endrunde saßen in dem Bus, der sie nach Grunewald brachte, in eine Villa, die für die nächsten sechs Monate ihr Zuhause sein sollte. Wenn Lena sich unter den Kandidatinnen umblickte, sah sie sieben junge Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Die einen noch halbe Kinder, die anderen bereits vom Leben gezeichnet, aber jede für sich ein eigener Typ. Und genau das schien es zu sein, worauf es den Juroren angekommen war.

Lena kam nicht umhin, stille Genugtuung darüber zu empfinden, dass sie sich gegenüber so vielen anderen Bewerberinnen durchgesetzt hatte. Aber dieser innere Triumph reichte nicht aus, um die Trauer zu überwinden, die sie noch immer empfand, die Wehmut darüber, Robby zurückgelassen zu haben. Sie konnte nur inständig hoffen, keinen Fehler begangen zu haben.

»Also wenn ihr mich fragt«, ließ sich Kayla, die im Bus ganz vorn saß, ungefragt vernehmen, »ist das doch alles nur Fake.«

»Was meinst du damit?«, fragte eine junge Frau, deren Namen Lena noch nicht kannte. Sie war von Kopf bis Fuß in düsteres Schwarz gekleidet. Auch ihr Haar war schwarz gefärbt, die blonden Ansätze jedoch zu erkennen.

»Was ich meine? Na, was wohl! Das alles ist doch nur Show. Der Sieger der Ausscheidung steht längst fest.«

»Ist das dein Ernst?«, fragte ein Mädchen mit offenbar orientalischen Wurzeln. Ihre Züge waren kantig und wirkten entschlossen; ihr Wuchs verriet die durchtrainierte Sportlerin.

»Aber sicher«, gab sich Kayla überzeugt. »Denk doch nur mal an die Veranstaltung vorhin! Wann hast du erfahren, dass du in der Endausscheidung bist?«

Die andere überlegte kurz. »Vor ein paar Wochen. Ich bekam einen Brief vom Castingbüro von Kayne & Sparks.«

»Ich auch«, bestätigte Kayla. »Wir alle hier im Bus haben solche Briefe bekommen, im Gegensatz zu all den anderen Mädchen, die heute da waren – diese dämlichen Tussen haben tatsächlich gedacht, dass die Entscheidung heute erst getroffen würde. Ist das nicht herrlich?« Sie lachte schadenfroh.

»Nicht, wenn man eine dieser Tussen ist«, wandte Lena ein.

»Ach herrje, die schon wieder! Fräulein Befindlichkeit.« Kayla zog die Oberlippe in Richtung Nase. »So läuft das nun mal in diesem Geschäft. Alles nur Schein. Genau wie die Sache mit dieser Villa. Das ist doch nur ein Werbegag. In Wirklichkeit steht die Gewinnerin längst fest.«

»Was du nicht sagst!«, konterte Lena. »Und das bist natürlich du.«

»Schwester«, erwiderte Kayla, ungeachtet der Tatsache, dass die anderen Teilnehmerinnen alle zuhörten, »hast du dich hier mal umgesehen? Die meisten von denen wissen nicht mal, wie man in High Heels über den Laufsteg geht, ohne runterzufallen.«

Das Mädchen mit den türkischen Wurzeln blickte an sich herab. Anders als Kayla trug sie keine hochhackigen Stiefel, sondern weiße Stoffturnschuhe, die sie mit allerhand Verzierungen bemalt und an den Knöcheln gebunden hatte.

»Siehst du, was ich meine?«, fragte Kayla herablassend.

»Arrogantes Miststück!«, fuhr die andere sie an. »Du denkst also tatsächlich, du hättest den Sieg schon in der Tasche?«

»Das denke ich nicht, das weiß ich.«

»Okay«, sagte die andere und erhob sich von ihrem Sitz, um ihren Worten mehr Nachdruck zu verleihen, »ich werde dir was sagen: Ich will diesen Job, verstanden? Ich will ihn wirklich, und wahrscheinlich mehr als du – und ich bin bereit, dafür zu kämpfen!«

»Das bin ich auch, Schätzchen.«

»Das glaube ich nicht. So wie du aussiehst, bist du doch mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden. Ich dagegen musste immer um alles kämpfen. Du kannst also davon ausgehen, dass ich alles tun werde, um im Rennen zu bleiben. Ich werde lernen, in Schuhen wie denen da zu laufen, und ich tu sicher alles, was nötig ist, um diesen Wettkampf zu gewinnen!«

»Wie du meinst, Gülcan.« Kayla zuckte mit den Schultern.

»Zerda«, verbesserte das Mädchen. »Gib mir nie wieder einen anderen Namen!«

Zerda

Wohin?

Unausgesprochen schwebte die Frage im Raum, bitter und schwer wie kalter Zigarrenrauch. Zerda spürte die Blicke ihres Vaters auf sich lasten, aber sie war nicht gewillt, den Anfang zu machen.

Nicht dieses Mal …

Behutsam legte sie den Pullover aus rotem Kaschmir zusammen. Es war der einzige teure Pullover, den sie besaß. Ihre Schwester hatte ihn ihr im vergangenen Jahr aus Istanbul geschickt. Zerda legte ihn zuoberst in die Sporttasche, die fertig gepackt auf dem Bett stand. Dann zog sie energisch den Reißverschluss zu, schlüpfte in die schwarze Bikerjacke und schulterte die Tasche. Als sie sich zur Tür ihres Zimmers umwandte, stand ihr Vater noch immer dort, breitbeinig und mit verschränkten Armen, die Brauen finster zusammengezogen wie ein Türsteher.

»Tu das nicht, Vater!«, bat sie ihn.

Ahmed Yildirim war zweiundfünfzig Jahre alt. Sein ganzes Leben lang hatte er schwer und hart gearbeitet. Es hatte ihn nicht vor Schicksalsschlägen bewahrt, von denen sich jeder einzelne an seinen faltigen Zügen und dem bereits ergrauten Haar ablesen ließ.

»Ich werde dich nicht gehen lassen«, erwiderte er, nicht auf Deutsch wie sie, sondern auf Türkisch. Das tat er immer, wenn er etwas zu sagen hatte, von dem er glaubte, dass es entweder von besonderer Wichtigkeit war oder unwidersprochen bleiben musste.

»Ich bin fast zwanzig«, stellte sie klar, ihm zuliebe die Sprache wechselnd. »Ich kann nicht ewig hierbleiben.«

»Dann sag mir wenigstens, wo du hinwillst!«

»Das weißt du längst, sonst würdest du nicht fragen.«

»Etwa dorthin?« Aus der Gesäßtasche seiner Hose zog er den Brief von Kayne & Sparks.

Zerda straffte die Schultern. »Und wenn?«

»Ich habe dir gesagt, dass ich nichts davon halte.«

»Ich weiß, Vater.«

»Und du willst trotzdem gehen?«

Zerda atmete tief durch. Ihr war speiübel. Aber sie wusste, dass sie diesen Weg gehen musste, jetzt oder nie … »Es ist meine Entscheidung«, stellte sie klar.

»Nicht, solange du meine Tochter bist!«

Zerda seufzte, ließ den von schwarzen Locken eingerahmten Kopf hängen. Genau diese Art von Gespräch hatte sie vermeiden wollen. »Jetzt, wo ich gehe«, sagte sie leise, »erinnerst du dich daran, dass du eine Tochter hast.«

»Was soll das heißen?«

Zerda lachte freudlos auf. Er hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. Natürlich nicht. Wie sollte er auch? Sie hatte stets alles getan, um ihn zufriedenzustellen …

»Hast du dich nie gefragt, weshalb ich nach Aktans Tod mit Karate angefangen habe? Warum ich fünfmal die Woche trainiert, warum ich diesen ganzen Plunder gewonnen habe?« Sie deutete auf den Glasschrank, in dem all die Trophäen und Pokale standen, die sie sich im Laufe der Jahre erstritten hatte.

»Sprich nicht so!«, mahnte Ahmed Yildirim. »Du hast all diese Preise verdient gewonnen. Darauf solltest du stolz sein.«

»Stolz.« Zerda schnaubte. »Weißt du, worauf ich stolz gewesen wäre? Worum es mir in all den Jahren wirklich gegangen ist?«

»Du wolltest die Beste sein«, war ihr Vater überzeugt. »Das war schon immer so.«

»Nein«, widersprach sie leise, »das war nicht immer so. Erst, als ich erkannt hatte, dass ich dir nur auf diese Weise eine Freude machen kann. Ich habe es für dich getan, Vater, und für niemanden sonst. Das Training, die Turniere, die Preise – einfach alles.«

»Das … wusste ich nicht«, gab Ahmed zu und wirkte in diesem Moment geradezu hilflos.

»Ich weiß«, versicherte Zerda, »und es war mir auch nicht wichtig. Ich wollte nur deine Anerkennung, Vater … bis mir irgendwann eines klar geworden ist.«

»Nämlich?«

»Dass ich, egal was ich tue, niemals das sein werde, was du dir wünschst.«

»Das ist Unsinn!«, erwiderte ihr Vater überzeugt und lachte, auch wenn es nicht sehr überzeugend klang. »Wie kannst du wissen, was ich mir wünsche?«

»Weil du es mich hast spüren lassen, Vater, jeden einzelnen Tag.«

»So? Und was wäre das?«

»Dies hier«, sagte Zerda, und deutete auf die Fotografie, die in Glas gefasst über ihrem Schreibtisch hing.

Ein Junge war darauf zu sehen, der das rote Trikot der türkischen Fußballnationalmannschaft trug. Er hatte glattes schwarzes Haar und einen angedeuteten Schnurrbart. Er war Ahmed Yildirim wie aus dem Gesicht geschnitten.

Aktan.

Allein der Blick auf das Foto genügte, um die Falten in Ahmeds Gesicht noch tiefer werden zu lassen. Auch Zerda hatte den Schmerz gespürt. Aber irgendwann hatte sie ihn überwunden. Anders als ihr Vater …

»Sprich nicht von diesen Dingen!«, forderte er sie auf. In seinen dunklen Augen sah Zerda wieder jenen Glanz, den sie nur dort erkennen konnte, wenn von ihrem Bruder die Rede war.

»Keine Sorge«, versicherte sie, »das werde ich nicht. Wir haben ja nie darüber gesprochen, nicht wahr? Warum also sollten wir es ausgerechnet heute tun? Warum sollte ich dir erzählen, wie ich mich in all den Jahren gefühlt habe? Was ich alles getan, wie ich geschuftet und mir den Arsch aufgerissen habe, um dir den Sohn zu ersetzen, den du verloren hast …«

»Hör auf!«, verlangte Ahmed, energischer nun.

»Das alles ist zwölf Jahre her, Vater. Glaubst du nicht, dass es an der Zeit wäre, die Vergangenheit ruhen zu lassen?«

»Schweig!«, herrschte er Zerda an, den Tränen nahe und kurz davor, die Fassung zu verlieren. »Du wirst das Andenken deines Bruders nicht beflecken, indem du schlecht von ihm sprichst!«

»Wie kann ich schlecht von ihm sprechen, Vater?«, konterte Zerda, deren Stimme nun ebenfalls zu beben begann. »Wir sprechen doch überhaupt nicht über ihn, weder heute noch damals, und das halte ich nicht länger aus. In all den Jahren haben Alayna und ich versucht, aus Aktans Schatten zu treten, die Lücke zu füllen, die er hinterlassen hat. Alayna hat früher als ich begriffen, dass das nicht geht. Deshalb ist sie nach Istanbul, während ich noch glaubte, den Tag für dich retten zu müssen. Aber egal, was ich tue, und ganz egal, wie viele Preise ich gewinne – ich werde niemals Aktan sein, und du wirst mich niemals so lieben, wie du ihn geliebt hast!«

»Tochter, ich …«

»Diese Sache«, fuhr sie fort und deutete auf den zerknitterten Brief, »mag für dich lächerlich sein und unwürdig und was weiß ich noch alles. Aber sie gibt mir zum ersten Mal in meinem Leben eine Chance, mich als das zu zeigen, was ich bin.«

Ahmed Yildirim stand noch immer in der Tür ihres Zimmers, seine Körperhaltung allerdings wirkte längst nicht mehr entschlossen. Sein Blick aber war unvermindert vorwurfsvoll.

»All das wollte ich nicht«, sagte er leise. »Aber wenn du diese Wohnung verlässt, bist du auf dich allein gestellt.«

»Ich weiß«, erwiderte sie, nun nicht mehr auf Türkisch, sondern auf Deutsch. »Ich habe gelernt, meine Ellbogen einzusetzen und mich zu behaupten – zumindest das hat mein Vater mir beigebracht.«

Ihre Blicke begegneten sich noch einmal. Dann wandte Ahmed sich ab – und Zerda verließ die Wohnung, in der sie fast zwanzig Jahre lang gelebt hatte.

*

Es fiel schwer, beim Anblick des Gebäudes nicht beeindruckt zu sein. Denn die Villa im Forst Grunewald, die für die nächsten sechs Monate das Zuhause der Kandidatinnen sein würde, war ein Relikt aus Preußens Feudalzeiten – ein alter Herrensitz, der von Kayne & Sparks aufgekauft und den Anforderungen der Firma entsprechend umgebaut und modernisiert worden war.

Schon als der Bus das große, schmiedeeiserne Tor der Einfahrt passierte und auf das parkähnliche Grundstück fuhr, begannen einige der Kandidatinnen in die Hände zu klatschen. Zu kreischen begannen sie, als die Villa selbst zwischen den Bäumen auftauchte, die in allen Herbstfarben leuchteten.

Ein an einen antiken Tempel gemahnendes und von Säulen getragenes Portal bildete den Eingang des Gebäudes, das aus Haupthaus und zwei Flügeln bestand. Der Bus fuhr vor dem Portal vor, und die jungen Frauen stiegen aus. Kayla war die Erste – die Erste, die aus dem Bus sprang, die Erste, die ihren Koffer aus dem Bauch des Fahrzeugs zog, und die Erste, die die Stufen des Portals erklomm, wo sie bereits erwartet wurden – von einem Mann, der sehr viel jünger war als die herrschaftliche Villa, aber nicht weniger attraktiv.

Ein durchtrainierter Körper, der in schwarzen Nappalederhosen steckte und einem weißen Hemd, das locker darüber hing. Sonnengebräunte Züge, dunkelbraunes, schulterlanges Haar. Stahlblaue Augen. Und ein Lächeln, das Eis zum Schmelzen brachte.

»Schönen guten Tag, die Damen«, grüßte er, als alle sich unter dem Portal versammelt hatten, »und willkommen in der Villa KayS, die für die nächste Zeit euer Heim sein wird! Mein Name ist Nicolas; ich bin Creative Director bei Kayne & Sparks. Als Fotograf wird es außerdem meine Aufgabe sein, euch während dieser Zeit, deren Länge im Wesentlichen von euch selbst abhängt, ins rechte Licht zu rücken. Und euch dabei gut aussehen zu lassen«, fügte er mit einem charmanten Lächeln hinzu. »Seid ihr bereit?«

Dass das gemeinsame »Ja!« der Teilnehmerinnen überdurchschnittlich laut ausfiel, war vor allem Kayla zu verdanken. Sie brüllte so laut, als wäre dies bereits die erste Prüfung. Zerda, die Kayla in nichts nachstehen wollte, tat ein Übriges dazu. Nicolas bedachte beide mit einem undeutbaren Lächeln. Dann forderte er die Mädchen auf, ihm zu folgen, und gemeinsam betraten sie die Villa.

Schon der Eingangsbereich war mehr als eindrucksvoll: eine riesige Halle mit einer breiten, teppichbeschlagenen Treppe hinauf in den ersten Stock. »Hier im Erdgeschoss«, erklärte Nicolas, »befinden sich die allen zugänglichen Räume. Neben der Küche, dem Speisesaal und dem Wintergarten, in dem ihr frühstückt, gibt es eine Bibliothek, ein Kino sowie eine Turnhalle, in der ihr euer Fitnesstraining absolvieren werdet. Aber wenn ich mich hier so umblicke«, fügte er augenzwinkernd hinzu, »hat das ohnehin keine von euch nötig. Außerdem gibt es eine Sauna, die durch einen Gang mit dem Südflügel des Gebäudes verbunden ist, sowie ein Schwimmbad im ehemaligen Gewächshaus der Villa.«

»Kino … Sauna … Schwimmbad …«

Wie Echos hallten Nicolas seine eigenen Worte aus den Mündern der Teilnehmerinnen entgegen.

»Und wie sieht’s mit Massagen aus?«, fragte Zerda vorlaut. Einige lachten.

»Jede Woche montags, mittwochs und freitags, außer an Feiertagen«, antwortete Nicolas ernst. »Weitere Fragen?«

Niemand sagte mehr etwas.

»Dann setzen wir unsere kleine Führung doch einfach fort«, schlug der Creative Director vor und forderte die Mädchen auf, ihm über die Treppe in den ersten Stock zu folgen. »Im Keller«, erklärte er dabei, »befindet sich ein komplett eingerichtetes Film- und Fotostudio mit Greenscreen, wo die Shootings stattfinden. Im Dachgeschoss sind das Studio für das Catwalk-Training sowie die Krankenstation untergebracht – nur für den Fall, dass sich jemand einmal schlecht fühlen sollte. Eure Unterkünfte befinden sich im vorderen Teil des Südflügels«, verkündete er, als die Mädchen das obere Ende der Treppe erreichten. Weil sie ihre Koffer hinaufgeschleppt hatten, waren sie alle atemlos.

Nicolas sah darüber hinweg. »Es gibt ein Wohnzimmer mit einer Bar und offenem Kamin, das ihr euch teilt«, fuhr er fort. Er deutete auf eine Tür gleich rechts neben der Treppe. »Dann kommt der Gang mit den Unterkünften. Jede Teilnehmerin bekommt ihr eigenes Zimmer, in das sie sich bei Bedarf zurückziehen kann. Jedes Zimmer hat ein Bad und ein eigenes Kommunikationssystem. Es lässt sich intuitiv bedienen – also keine Angst vor der Technik!«

»Hab ich bestimmt nicht«, versicherte ein Mädchen mit glattem, blauschwarzem Haar und fernöstlich anmutenden Zügen. Sie schien mit Abstand die jüngste Teilnehmerin zu sein. Lena schätzte sie auf höchstens siebzehn.

»Umso besser.« Der Creative Director ließ wieder sein charmantes Lächeln sehen. »Dann beende ich meine erste kleine Einführung damit. Später werdet ihr noch Gelegenheit genug haben, euch die einzelnen Räume näher anzusehen. Ihr seid jetzt sicher müde und gespannt darauf, eure Zimmer zu beziehen. Die Auswahl und Verteilung der einzelnen Räume ist dabei übrigens euch überlassen. Habt ihr noch Fragen?«

»Eine«, bestätigte Lena. »Was ist mit dem anderen Gebäudeflügel? Du hast bislang nur den Südflügel erwähnt …«

»Der Südflügel ist für den Cast, der Nordflügel ist der Crew vorbehalten«, erklärte Nicolas nach kurzem Zögern. »Alles Weitere wird euch Leander sagen, der später zu uns stoßen wird. Weitere Fragen?«

Es gab keine Fragen mehr; alle waren nur erpicht darauf, endlich die Unterkünfte zu sehen. So drängte alles, kaum dass Nicolas die Führung offiziell beendet hatte, in Richtung des gemeinsamen Wohnzimmers. Dessen linke Hälfte bestand aus einer kleinen Bar, während die andere Hälfte von einer riesigen, bequem aussehenden Couch und einem großen Plasmabildschirm beherrscht wurde.

Dem Wohnzimmer schloss sich der Gang zu den Unterkünften an. Sofort setzte der Wettstreit um die besten Zimmer ein.

Manche wollten nicht direkt neben dem Wohnzimmer schlafen müssen aus Sorge, es könnte zu laut sein. Andere wollten vom Fenster aus auf den Garten und das Schwimmbad sehen können.

Lena war es einerlei. Sie wartete, bis alle Zimmer vergeben waren, und nahm sich das, was noch übrig war. Die junge Asiatin war ihr vorhin schon aufgefallen. Jetzt wurden sie Zimmernachbarinnen.

Hina

»Sie … wollen die Schule unterbrechen?« Die mit dem Alter füllig gewordenen Züge von Christa Lauterbach zeigten unter der dicken Schicht Schminke unverhohlen Überraschung. »Ist das Ihr Ernst, Mädchen?«

»Ja, Frau Lauterbach«, hörte Hina sich selbst sagen. Ihr wurde unwohl unter dem ungläubigen Blick der Rektorin, mit dem diese Hina durch die Gläser der Hornbrille hindurch bedachte. Hina blickte zum Fenster hinaus, in den grauen Morgenhimmel über Düsseldorf.

»Aber … warum?«

»Ich habe es Ihnen doch gesagt«, erwiderte Hina und holte noch einmal zu einer Erklärung aus. »Weil ich glaube, dass das eine Chance ist …«

»… die Sie sich nicht entgehen lassen sollten«, ergänzte Lauterbach, die hinter ihrem großen Schreibtisch thronte. »Ja, das sagten Sie schon. Ich kann nur nicht glauben, dass das Ihr Ernst ist, Hina. Es gibt nur sehr wenige Schülerinnen in Ihrem Jahrgang, deren Leistungen mit den Ihren vergleichbar sind. Ihre Begabung speziell in den Naturwissenschaften ist außergewöhnlich. Mit Ihren Japanisch-Kenntnissen haben Sie gute Aussichten, ein Auslandsstipendium …«

»Ich weiß«, fiel Hina ihr seufzend ins Wort. Hina stand vor dem Schreibtisch wie eine Fünftklässlerin, die etwas ausgefressen hatte. Für einen kurzen Moment hielt sie dem prüfenden Blick der Rektorin stand. Dann wich sie ihm erneut aus und starrte zu Boden, auf das Mäandermuster, das den Teppich umlief. »Aber ich möchte eben sehen, ob es auch noch etwas anderes für mich gibt.«

»Das verstehe ich«, behauptete Lauterbach, ihres durchdringenden Organs und ihres extravaganten Geschmacks für Kleidung wegen von den Schülern nur ›die Laute‹ genannt. »Aber das könntest du auch im nächsten Jahr tun, wenn du das Abitur in der Tasche hast. Dann stehen dir alle Türen offen.«

»Alle«, räumte Hina ein, »nur diese hier nicht mehr. Dieses Casting findet nur alle fünf Jahre statt.«

»Casting! Wenn ich das schön höre!« Die Direktorin nahm ihre Brille ab und massierte die Nasenwurzel. »Warum nur seid ihr jungen Dinger so erpicht darauf, entdeckt zu werden und im Rampenlicht zu stehen?«

»Das ist es nicht«, versicherte Hina.

»Nein? Was ist es dann?« Ohne Brille wirkte Lauterbachs Blick beinahe noch durchdringender. »Die Aussicht auf Ruhm? Auf das große Geld? Beides ist nicht ohne Fleiß zu bekommen!«

»Das weiß ich. Und ich denke auch nicht, dass ich etwas geschenkt bekomme. Vielleicht komme ich noch nicht einmal in die engere Auswahl.«

»Warum dann dieser Schritt, Hina? Warum? Hier an der Schule bist du schon eine Siegerin. Warum willst du noch mehr?«

»Ich will nicht mehr«, versicherte das Mädchen.

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