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Bel: Die Liebe lebt ewig

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Zitat
  8. ERSTER TEIL
    1. Montag, 2. Februar
    2. Dienstag, 3. Februar
    3. Mittwoch, 4. Februar
    4. Freitag, 6. Februar
    5. Samstag, 7. Februar
    6. Sonntag, 8. Februar
    7. Donnerstag, 12. Februar
    8. Freitag, 13. Februar
  9. ZWEITER TEIL
    1. Freitag, 13. Februar
    2. Samstag, 14. Februar
    3. Sonntag, 15. Februar
    4. Montag, 16. Februar
  10. DRITTER TEIL
    1. Montag, 16. Februar
    2. Dienstag, 17. Februar
    3. Mittwoch, 18. Februar
    4. Donnerstag, 19. Februar
    5. Samstag, 21. Februar
  11. EPILOG
    1. Samstag, 11. April
  12. Anmerkung der Autorin und Danksagung

Über das Buch

Unbemerkt schleicht sich Bel im Schutz der Nacht ins Krankenhaus, um Ismael zu besuchen, den Jungen, den sie über alles liebt. Doch Ismael liegt im Koma und reagiert nicht auf sie. Was ist nur passiert? Bel weiß es nicht, sie kann sich nicht erinnern. Auch zu Hause kommt ihr vieles fremd vor, als ob sie lange fort gewesen sei. Und ihre Eltern scheinen sie gar nicht zu bemerken ... Bel muss herausfinden, was passiert ist. Sie muss sich erinnern! Oder sie wird Ismael, ihre große Liebe, für immer verlieren ...

Über den Autor

Care Santos (geb. 1970 in Mataró) war schon immer von Büchern umgeben. Aus diesem Grund fiel es ihr leicht sich ihre natürliche Liebe zur Literatur zu bewahren. Sie studierte Jura, jedoch ohne davon wirklich überzeugt zu sein, und arbeitete für verschiedene Medienunternehmen. Mit 25 veröffentlichte sie ihren ersten Roman Cuentos Citricos. Seitdem hat sie mehr als 40 Titel veröffentlicht, darunter Romane, Kurzgeschichten und Jugendliteratur. 1995 bekam sie den Ciudad de Alcalá Literaturpreis und 1998 den Ana Maria Matute Kurzgeschichten-Preis. 1999 erhielt sie Sevilles Ateneo Joven für ihr Werk Trigal con cuervos. 2004 gewann sie den Gran Angular Jugendliteraturpreis für Los ojos del lobo, und 2009 den El Barco de Vapor-Jugendliteraturpreis für Se vende mamá, beide veröffentlicht bei SM, wo auch der Jugendroman El circuito de Montecarlo erschien. Internet: www.caresantos.com

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»Den Geborenen ist es bestimmt zu sterben,

den Verstorbenen, wieder zu leben.«

Sprüche der Väter, 4, 29

Montag, 2. Februar

Bels Anwesenheit stört die nächtliche Stille des Krankenhauses nicht. Schon beim Betreten des Gebäudes spürt sie den Schmerz der Menschen an diesem Ort. Sie sieht sich um, studiert die Hinweistafel. Ein kurzer Blick auf den Informationsschalter, dessen Fenster geschlossen sind. Eine Krankenschwester sitzt vor einem Fernseher, mit dem Rücken zu ihr, sie kann sie nicht sehen. Sicheren Schrittes strebt Bel auf die Aufzüge zu. Die Türen stehen offen. Sie huscht in einen hinein und drückt auf die Fünf.

Mitten in der Nacht sind die Flure menschenleer. Die im fünften Stock sind nur schwach beleuchtet; das ist angenehm, denn sie hat festgestellt, dass ihre Augen im hellen Licht schmerzen. Bel weiß, am Ende des Flures wird sie den Menschen treffen, den sie am meisten liebt auf der Welt. Und sie weiß, dass dieser Mensch leidet. Sie spürt seinen Schmerz. Deshalb scheint sie hier zu sein. Sie kann nicht ertragen, dass er leidet.

Es waren insgesamt einhundertzwei Schritte. Sie hat sich angewöhnt, ihre Schritte zu zählen, als wäre das auf einmal wichtig. Sie biegt rechts ab, lässt das unbesetzte Stationszimmer links liegen und betritt die Intensivstation. Wieder rechts, da ist das Zimmer. Sie öffnet die Tür und sieht hinein.

›Mein Gott, wie blass er ist.‹

Am liebsten würde sie losheulen.

Etwas schnürt ihr den Hals zu. Doch die Traurigkeit wird sogleich von ihrer Liebe zu ihm erstickt.

›Endlich bin ich bei dir. Ich werde dich nie wieder allein lassen.‹

Die geschlossenen Augen, die reglosen Hände neben dem Körper, der Plastikschlauch in seinem Mund, das Signal seines Herzschlags auf dem Monitor … Auf den ersten Blick ist Ismael nur ein Patient, der mit dem Tode ringt. Doch für sie ist er mehr, viel mehr als das.

»Hallo, Isma, da bin ich. War gar nicht so einfach, hierherzukommen. Wenn du wüsstest, was für eine Odyssee ich hinter mir habe …«

Bel versucht zu lächeln, aber es gelingt ihr nicht.

Sie setzt sich ans Bett. Fasst seine Hand, lässt ihren Kopf daraufsinken, streichelt sie sanft mit der Wange, fährt mit den Lippen über seine Finger. Bewegt flüstert sie ihm zu:

»Ich werde herausfinden, was passiert ist, das verspreche ich dir. Und ich werde dich jeden Tag besuchen, bis du wieder gesund bist.«

Stundenlang bleibt sie an seinem Bett sitzen. Manchmal schließt sie die Augen. Wenn sie sie öffnet, sieht sie Ismaels Gesicht vor sich, und all die Wut, der Schmerz, die Liebe und die Verwirrung sind wieder da. Szenen aus der Vergangenheit kommen in ihr hoch, aber sie kann sie nicht zuordnen. Worte hämmern in ihrem Kopf: I’ll be okay. Sie weiß, dass diese Worte eine Bedeutung haben, aber nicht, welche. Mit aller Kraft wünscht sie, Ismael möge gesund werden, die Augen aufschlagen, wieder selbstständig atmen. Er soll leben.

»Ich weiß, du schaffst es. Etwas anderes darfst du nicht einmal denken!«

Einen Moment lang scheint es, als schelte sie ihn. Dann streicht sie ihm das Haar aus der Stirn und entdeckt die dunkle geschlossene Wunde an seinem Kopf. Ein Hämatom, Stiche. Am rechten Arm hat er eine Gipsschiene, unter dem Laken erahnt man weitere an den Beinen.

»Du Ärmster, was ist nur passiert?« Bel weiß, dass ihr niemand antworten wird.

Auf dem Flur tickt eine Uhr. Bel hat keine Ahnung, wie spät es ist. Draußen herrscht immer noch stockfinstere Nacht. Sie küsst jeden einzelnen Finger von Ismaels linker Hand.

Irgendwann lässt das Geräusch von über den Flur eilenden Schritten sie auffahren. Sie weiß, was das bedeutet: Ein neuer Tag im Krankenhaus beginnt, die ersten Krankenschwestern der Frühschicht treffen ein, mit der nächtlichen Ruhe ist es vorbei. Als sie aus dem Fenster blickt, stellt sie fest, dass es schon dämmert.

»Ich gehe jetzt besser.«

Der Schlauch in Ismaels Mund stört sie nicht. Und auch nicht, dass er ihre Anwesenheit überhaupt nicht bemerkt hat. Sie weiß, dass der Besuch einen Sinn hatte und dieser Kuss jede Distanz überwindet. Bel muss an Dornröschen denken, und sie wünscht sich, auch ihr Kuss möge den Bann des Todes brechen. Doch Ismael schläft weiter. Und sie muss gehen, obwohl sie sich um nichts auf der Welt von ihm trennen will.

»Morgen Nacht komme ich wieder. Jede Nacht, bis du aufwachst.«

Sie glaubt, er habe gemerkt, dass sie von weither zu ihm gekommen ist. Vielleicht hat er gespürt, geahnt oder geträumt, dass sie da war.

»Bis Morgen, mein Schatz.«

Dann entschwindet sie lautlos, unbemerkt.

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In letzter Zeit fällt ihr das Gehen leichter als das Denken. Deshalb läuft sie lieber durch die menschenleeren Straßen, anstatt den Bus nach Hause zu nehmen. Die Dämmerung taucht die Stadt in ein fahles Grau. In einigen Bäckereien brennt Licht, und man erahnt die hektische Betriebsamkeit hinter den Mauern. Ein Wagen der Stadtreinigung säubert lautstark die Straßen. Es sind nur wenige Autos unterwegs. Die Fahrbahnen sind verlassen.

Bel sieht im Schaufenster eines Juwelierladens nach der Uhrzeit. Zwanzig vor sieben. Ihre Mutter liegt wohl noch im Bett, und ihr Vater wird gerade erst Feierabend machen, weil er Nachtschicht hatte.

Bestens, denn sie hat keine Lust, mit jemandem darüber zu sprechen, was geschehen ist. Ihr Kopf ist wirr.

Zum Glück hat sie ihre Schlüssel dabei. Sie macht kein Licht in der Diele und schließt leise die Tür. Ein paar Sekunden verharrt sie reglos, lauscht. Alles still. Der Wecker ihrer Mutter hat noch nicht geklingelt. Auf Zehenspitzen schleicht sie durch den Flur in ihr Zimmer.

Sie kommt an Trasto vorbei, ihrer Bulldogge, die in ihrem Körbchen schläft. Mit geschlossenen Augen beginnt Trasto zu schnuppern und knurrt.

›Wahrscheinlich träumt er‹, denkt Bel und schließt die Tür hinter sich.

In ihrem Zimmer fühlt sie sich sicher und geborgen – wie ein Schiffbrüchiger, der Land erreicht. Doch als sie sich umsieht, beschleicht sie ein eigenartiges Gefühl. Irgendetwas in dem Zimmer ist anders. Irgendein kleines Detail ist verändert. Aber welches?

Es ist dasselbe Gefühl wie damals, wenn sie als kleines Mädchen aus den Ferien zurückkam. Nach sieben oder acht Wochen Abwesenheit hatte sie immer den Eindruck gehabt, ihre Sachen hätten sich verändert. Sie hatten etwas Befremdliches, als gehörten sie nicht ihr, schienen ihr ungleich schöner als vor ihrer Abreise.

So auch jetzt. Sie betrachtet ihre alten Poster an den Wänden, die Fotos, den Computer mit der schrecklichen blauen Hülle, die ihre Mutter genäht hatte, den Plüschelefanten aus Kindertagen, die vielen Bücher in den Regalen und alles andere. Als wäre es das Zimmer einer anderen.

Plötzlich fällt es ihr wie Schuppen von den Augen: Die Ordnung! Alles ist perfekt aufgeräumt. Auf dem Stuhl stapeln sich keine getragenen Klamotten, und es liegen nicht überall Bücher und Comics verstreut. Die Schranktüren und Schubladen sind geschlossen. Die Rollläden sind heruntergelassen. Der Papierkorb quillt nicht über. Keine benutzten Gläser oder leeren Getränkedosen auf dem Schreibtisch. Das Bett ist gemacht.

Sie kann sich nicht erinnern, ihr Zimmer je so aufgeräumt gesehen zu haben.

Als sie sich auf ihre rosa Kitty-Decke legt und den Kopf auf das Kissen sinken lässt, läuft ihr ein Schauer über den Rücken. Sie blickt zur Decke, auf die geometrischen Muster, die das durch die Ritzen der Rollläden einfallende Sonnenlicht erzeugt. Dann wendet sie sich den Fotos an der Pinnwand zu. Auf dem ersten, ihrem Lieblingsbild, ist sie gemeinsam mit Isma im Piojo Mareado, ihrer Lieblingskneipe, zu sehen – da waren sie erst einen Tag zusammen. Hinter ihnen der Billardtisch, an dem sie gerade gespielt hatten. Das Foto hatte natürlich Amanda gemacht, die wie immer mit von der Partie war: Das Trio auf Achse. Auf dem zweiten Foto waren nur die beiden Mädchen zu sehen.

Amanda und sie waren seit der fünften Klasse unzertrennlich. Bel kann sich noch gut erinnern: Man hatte sie neben eine neue Mitschülerin gesetzt, die beharrlich schwieg. Doch auch ohne Worte hatten sie beide gleich gewusst, dass sie dieselbe Wellenlänge hatten: Sie trugen dieselben Turnschuhe, benutzten dasselbe Parfum und hatten sogar dasselbe Lied von Pink Floyd als Klingelton auf dem Handy:

We don’t need no education

We don’t need no thought control …

Das war die unglaublichste von allen Gemeinsamkeiten, denn es war nicht gerade ein angesagter Hit. Nach zwei Tagen waren sie enge Freundinnen. Und heute, fünf Jahre später, war Amanda noch immer ihre einzige Freundin, der Mensch, der sie am besten kannte. Amanda erzählte sie absolut alles, Sachen, die man nicht einmal der eigenen Mutter anvertraut. Geschweige denn dem Vater.

Auf dem Foto lächeln sie Wange an Wange in die Kamera. Amanda, rank und schlank wie eh und je, mit der hüftlangen Mähne, den wunderschönen grauen Augen und dem bezaubernden Lächeln, dem niemand widerstehen kann – auch die Lehrer nicht. Und neben ihr Bel: ebenso langes, aber dunkleres und gewelltes Haar, ein wenig fülliger und nicht ganz so strahlend. Doch ansonsten hätte man sie für Zwillinge halten können: dieselben Sonnenbrillen, dieselben Armbänder, sogar dasselbe eng anliegende, rosafarbene T-Shirt mit der Aufschrift »I’m crazy, lazy and sexy«, bauchfrei. An Amandas Nabel glitzert ein Piercing. An Bels nicht, denn ihre Eltern hatten es ihr trotz Bitten und Betteln nicht erlaubt. In ihrer Wut hatte sie geschworen, sich an ihrem achtzehnten Geburtstag sofort piercen zu lassen.

Bel betrachtet das Foto, das sie schon so oft gesehen hat, und muss schmunzeln, wenn sie an den Tag denkt, an dem es aufgenommen wurde. Es war in den letzten Ferien. Sie waren gemeinsam am Strand gewesen, und Amanda hatte darauf bestanden, etwas an der Bar trinken zu gehen, in der ein ziemlich gut aussehender, durchtrainierter Mulatte bediente.

»Mal sehen, wer ihn mehr antörnt, du oder ich«, hatte Amanda sie herausgefordert. »Es ist unsere letzte Chance für ein Date, und die sollten wir nutzen. Wenn die Schule wieder anfängt, ist damit erst mal Schluss bis zu den Weihnachtsferien.«

Das Foto war der Aufhänger. Amanda hatte den Mulatten gefragt, und er war bereitwillig darauf eingegangen. Danach hatte sie einen Gin-Tonic bestellt. Mit skeptischem Blick hatte er gefragt:

»Kann ich bitte eure Ausweise sehen?«

Amanda hatte sich mit gekreuzten Armen über die Theke gebeugt – in der Haltung waren ihre prallen Brüste nicht zu übersehen – und lasziv gesäuselt:

»Kannst du nicht mal eine Ausnahme machen, ein einziges Mal?«

Der Mulatte hatte nicht gewusst, wo er hinschauen sollte. Er hüstelte, öffnete den Kühlschrank, machte ihn wieder zu, nahm ein Glas, stellte es weg, hüstelte erneut. Dann wurde er sehr ernst und sagte zu Amanda, den Blick mit Mühe auf ihre Augen gerichtet:

»Nein, kann ich nicht.«

Amanda hatte schließlich einen Schoko-Milchshake bestellt.

»Aber schön kalt, eiskalt, ja?«, hatte sie gesagt und dabei die Lippen geschürzt.

Amanda hatte gewonnen, wie immer. Mit einem spöttischen Blick auf den Mulatten hatte sie Bel zugeflüstert:

»So werde ich dich immer besiegen, du Schlafmütze.«

Bel hatte gelacht und erwidert:

»Vielleicht lass ich dich ja gewinnen, Amy. Hast du daran schon mal gedacht?«

Bel war die Einzige, die Amy zu ihr sagte, sie selbst hatte ihrer Freundin den Kosenamen gegeben.

Es war ihr gleich, dass Amanda ihre Wetten gewann. Bel fand es so amüsant, sie zu beobachten, dass sie gar nicht das Bedürfnis verspürte, ernsthaft einzusteigen. Außerdem hatten sie in Bezug auf Jungs ohnehin einen unterschiedlichen Geschmack. Bel verstand nicht, was Amanda an dem Mulatten fand. Ein Muskelprotz, der auf Muckibuden steht.

Damals war Ismael in ihrem Leben noch nicht präsent. Er war einfach nur ein Klassenkamerad – wie das eben in den ersten Jahren auf dem Gymnasium so ist.

Bel kommt es so vor, als sei das Foto vor tausend Jahren gemacht worden. Sie schließt die Augen und denkt nach, warum sie diesen Gesichtsausdruck hat, was jetzt anders ist. Plötzlich überkommt sie eine große Müdigkeit. Sie überlegt einen Moment, ob sie den Computer einschalten soll, doch dann beschließt sie, erst mal zu schlafen. Sie wirft einen Blick auf den Radiowecker. Sieben Uhr sechsunddreißig. Der Wecker ihrer Mutter hätte längst klingeln müssen. Doch sie hat nichts gehört.

›Seltsam. Sie steht doch immer spätestens um Viertel nach sieben auf.‹

Sie will schon nachsehen, was los ist, da hört sie, dass die Wohnungstür aufgeschlossen wird. Es ist ihr Vater, der von der Nachtschicht kommt. Sie erkennt ihn sofort an den Schritten und dem immergleichen Ablauf: der klimpernde Schlüsselbund, die Schublade, die aufgezogen und wieder zugeschoben wird, das Klicken des Schalters, der Seufzer, die Badezimmertür.

Bel späht in den Flur hinaus und sieht den Lichtschein unter der Tür, die ihr Vater gerade abgeschlossen hat. Sie will nicht, dass er ihr Fragen stellt, ihr steht nicht der Sinn nach Erklärungen, dennoch freut sie sich, ihn zu hören, zu wissen, dass er nach Hause gekommen ist. Die Uniformjacke hängt auf dem Bügel in der Diele. Sie versteht nicht, wie ihr Vater das nach all den Jahren bei der Polizei immer noch aushält. Ständig Nachtschicht. Nie hat sie aus seinem Mund ein Wort der Klage gehört, nie hat er eine Versetzung angestrebt wie die Mehrzahl seiner Kollegen. Und sie fühlt sich schon nach einem einzigen nächtlichen Streifzug völlig erschöpft und kraftlos.

Bel hört das Wasser der Dusche rauschen.

›Immer dasselbe Ritual‹, denkt sie und schmunzelt. ›Gleich geht er in die Küche, schaltet den Fernseher ein und macht sich Frühstück: Gedünstete Linsen, Spiegeleier, Brot, Wein und Nachtisch. Ein Frühstück für einen T-Rex. Dann ein kleines Verdauungsschläfchen bis zum Mittag, wie immer.‹

Als ihr Vater aus der Dusche kommt, geht er, wie vorauszusehen, in die Küche und macht den Fernseher an. Sie hört die Kühlschranktür und einen Stuhl, der über den Küchenboden gezogen wird. Doch das Brummen der Mikrowelle bleibt aus und sie hört auch nichts in der Pfanne brutzeln. Im Gegenteil: Nach einer Weile stellt ihr Vater sogar den Fernseher leiser, und es ist für diese Uhrzeit ungewöhnlich still im Haus.

›Was ist denn mit denen los? Ob sie sich gestritten haben?‹, denkt sie besorgt, weil ihre Eltern sich so merkwürdig verhalten.

Bel wagt sich aus ihrem Zimmer. Sie muss herausfinden, was los ist. Vom Flur aus sieht sie ihren Vater wie gebannt auf den Bildschirm starren. Er hat etwas in den Händen. Eine leere Tasse. Als sie genauer hinsieht, stellt sie fest, dass sein Blick gar nicht auf den Bildschirm gerichtet ist, sondern auf eine Fliese am Boden. Er kommt ihr blass vor, abgemagert, und er hat Augenringe, als wäre er krank, aber so genau kann sie es auf die Entfernung nicht erkennen.

Zum Glück hat er sie nicht entdeckt. Sie schleicht durch den Flur zum Schlafzimmer ihrer Eltern, an Trasto vorbei. Er ist sofort hellwach, spitzt die Ohren und knurrt.

»Was ist denn los, Dicker? Bist du sauer auf mich?«, fragt Bel und beugt sich hinunter, um seinen Kopf zu streicheln.

Aber noch bevor ihre Hand ihn berührt, steht er auf und trottet in die Küche.

»Was habt ihr denn nur alle?«, fragt Bel und schaut beunruhigt dem flüchtenden Tier hinterher.

Aber am meisten wundert sie, dass ihre Mutter noch im Bett liegt. Es ist schon fast acht. Der Wecker scheint ausgeschaltet zu sein – merkwürdig.

›Vielleicht hat sie heute frei. Oder ist Feiertag? Nein, heute ist doch … Vielleicht ist sie mit den Tagen durcheinandergekommen. Oder sie feiert Überstunden oder alten Urlaub ab. Ständig redet sie davon, macht es aber nie. Es wurde allmählich Zeit …‹

Bel setzt sich zu ihrer Mutter ans Bett. Es tut gut, ihr beim Schlafen zuzusehen. Das vermittelt ihr ein seltsames Gefühl von Ruhe. Auch ihre Mutter sieht dünner aus, wie sie da so unter der Bettdecke liegt. Ihre Wangenknochen treten stärker hervor denn je.

›Vielleicht ist sie krank und deshalb nicht zur Arbeit gegangen.‹

Sie liegt auf dem Rücken. Ein leises Schnarchen kommt aus ihrem Mund. Bel lächelt. Ihre Mutter würde sich zu Tode ärgern, wenn sie das wüsste. Sie macht immer Gezeter, wenn ihr Mann sagt, sie »säge« beim Schlafen.

Bel ist versucht, ihr über den Arm zu streichen und sie sanft zu wecken – wie früher, als Kind, wenn sie ihr Küsschen auf die Wangen drückte, damit sie aufstand und ihr Frühstück machte.

»Mama.«

Ihre Mutter hört sie nicht. Sie schläft weiter. So friedlich schlummernd sieht sie ganz anders aus.

›Am besten lasse ich sie schlafen. Sie ist bestimmt müde.‹

Ihre Mutter lächelt im Schlaf.

›Wahrscheinlich träumt sie was Schönes.‹

Als Bel aufsteht, bemerkt sie das Durcheinander, überall liegen Sachen herum: auf dem Frisiertisch, auf dem Boden, unter dem Bett. Das ist sehr ungewöhnlich. Ihre Mutter ist der ordentlichste Mensch der Welt.

Bel sieht sich die Sachen auf dem Boden näher an. Als hätte jemand eine Handtasche ausgeleert: Schlüssel, ein Kalender, ein Kugelschreiber, ein Päckchen Bonbons, ein Handy, Kreditkartenbelege, Rechnungen … In der Tat: Die Tasche hängt über dem Hocker am Frisiertisch, leer, mit der Öffnung nach unten. Als wäre alles herausgefallen und niemand hätte sich die Mühe gemacht, es wieder einzusammeln.

›Dieses Chaos passt nicht zu meiner Mutter.‹

Bel legt die Kreditkartenbelege zur Seite und alles Übrige wieder an seinen Platz. Da fällt ihr etwas in die Hände, das sie stutzig macht. Eine weiße Karte mit einem Kreuz darauf. Eine Todesanzeige.

›Ist jemand gestorben, den wir kennen?‹, fragt sich Bel.

Es ist dunkel im Zimmer – die Rollläden sind nur einen Spalt breit geöffnet – und sie muss fast die Nasenspitze auf die Karte drücken, um sie lesen zu können. Als sie den Inhalt entziffert, verschlägt es ihr die Sprache.

›Mein Gott.‹

Auf ihrer Stirn bildet sich eine tiefe Falte, sie beißt sich auf die Unterlippe. Sie weiß nicht, was sie denken soll. Sie liest die Karte noch einmal.

›Das kann nicht sein.‹

Und noch ein drittes Mal, bis sie begreift.


BELINDA ANGLAS MAGEM
Ist am 22. Dezember 2008 im Alter von 16 Jahren verstorben.
Schließt sie in Eure Gebete ein.
In tiefer Trauer

Die Eltern und alle Angehörigen und Bekannten.

›Mein Gott. Das bin ich. Das ist mein Name.‹

Die Karte fällt ihr aus der Hand. Eine unbeschreibliche Kälte steigt in ihr auf.

›Ich bin tot.‹

Allein schon das Wort erschreckt sie: Tot. Es ist zu furchtbar. Zu endgültig. Zu fremd, dass es auf sie zutreffen könnte. Mit sechzehn ist der Tod noch sehr weit weg. Niemand in dem Alter geht davon aus, dass er hinter der nächsten Ecke lauern könnte.

Diese merkwürdige Kälte. Die Kälte, die das Grauen begleitet, die Wahrheiten, denen man nicht ausweichen kann. Dinge, die man nicht versteht, ganz gleich, wie viel man darüber nachdenkt. Andererseits, was gibt es da groß zu verstehen? Auch wenn es einem schwerfällt, es zu akzeptieren, der Tod ist keine große Sache. Gestern hast du gelebt, unzählige Möglichkeiten standen dir offen. Heute bist du nicht mehr da. Die Welt wird sich ohne dich weiterdrehen. Du bist aus dem Spiel. Game over. Das war’s.

›Verdammt. Das kann nicht sein, das kann einfach nicht sein.‹

Doch sie hat den Beweis vor Augen. Sie ist tot. Sie weiß nicht warum, was geschehen ist und wann. Sie kann sich an nichts erinnern. Manchmal ist die Wahrheit grausam und schwer zu verkraften. Und voller Fragen. Doch wo gibt es schon eine Wahrheit ohne Fragezeichen?

Aber da ist noch mehr. Ihre Mutter. Ihr Zuhause. Ismael. Sie ist tot, doch ihre Ängste, Zweifel, Gefühle sind noch da.

›Was mache ich hier? Warum bin ich zurückgekommen?‹

Genau das muss sie jetzt herausfinden. Und das wird nicht einfach sein.

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Bel zieht sich in ihr Zimmer zurück. Legt sich aufs Bett. Starrt mit ausgedörrten Augen an die Decke. Sie versteht die Welt nicht mehr. Sie muss nachdenken. Raus wagt sie sich nicht. Ihr Zimmer ist ihre Zuflucht.

Sie lauscht auf die Geräusche in der Wohnung. Der Fernseher in der Küche. Die Badezimmertür. Die Toilettenspülung. Die Schritte ihrer Mutter im Flur. Ihre matte, traurige Stimme, die zu ihrem Vater sagt:

»Ich habe geträumt, Bel wäre da. Sie saß bei mir am Bett und sah mir beim Schlafen zu. Sie war zum Greifen nah.«

»Das war kein Traum, Mama. Ich bin hier. Ach, könnte ich dich doch umarmen und dir sagen, wie leid mir alles tut.«

Ihr Vater zögert. Bel hört nicht, was er sagt, aber aus dem Tonfall seiner Stimme schließt sie, dass er versucht, ihre Mutter zu beruhigen.

Ihre Mutter weint und schluchzt wie ein kleines Kind. So hat Bel sie noch nie erlebt.

Sie geht zur Tür, hält den Atem an. Mühelos kann sie jedes Wort verstehen, das in der Küche gesprochen wird. Offensichtlich ist ihr Gehör schärfer als früher.

»Bitte, beruhige dich. Du musst versuchen, dich noch ein bisschen auszuruhen. Seit über einem Monat hast du nicht mehr richtig geschlafen«, hört sie ihren Vater sagen.

»Einundvierzig Tage«, erwidert ihre Mutter. »Heute ist es einundvierzig Tage her.«

Ein langes Schweigen. Ihre Eltern umarmen sich. Sie hört das Rascheln der Kleidung, das Geräusch aneinanderreibender Haut. Sie traut sich nicht die Tür aufzumachen, obwohl sie es liebend gern tun würde.

»Warum nimmst du nicht eine Tablette?«, sagt ihr Vater. »Du musst schlafen. Komm mit mir ins Bett. Ich massiere dir den Nacken, ja? Früher hat dich das immer entspannt.«

Früher. Manchmal verbirgt sich hinter einem einzelnen Wort eine so schreckliche Bedeutung, dass man es gar nicht laut aussprechen mag.

Ihr Vater bemüht sich um etwas Munterkeit, doch es klingt wenig überzeugend. Blanca, ihre Mutter, erwidert lustlos:

»Meinetwegen.«

Es stimmt, was ihr Vater sagt. Früher hatte er ihrer Mutter oft den Nacken massiert. Sie behauptete immer, dadurch kämen die Muskeln wieder in Schwung, und all die Stunden hinter der Ladentheke in der Parfümerie wären schnell vergessen. Oft war sie dabei eingeschlafen, und Carlos, ihr Vater, hatte ihr ein Kissen unter den Kopf geschoben, damit sie bequemer lag, oder er hatte sie zugedeckt wie ein kleines Mädchen.

Bel war stolz auf die Beziehung ihrer Eltern. Streit gab es nur selten, und wenn, verloren sie nie den Respekt voreinander. Bel fand ihre leise Art zu streiten ermüdend; die Diskussionen drehten sich immer um dieselben Themen, doch bevor sie ins Bett gingen, versöhnten sie sich immer und gestanden einander ihre Fehler ein. Und im Alltag waren sie ein eingespieltes Team. Carlos erledigte bereitwillig die Einkäufe und den Abwasch, während Blanca sich um den sogenannten Nassbereich, also die Wäsche und das Badezimmer, kümmerte. Sie lachten viel, vor allem nach Tisch, und Bel hatte sie mehr als einmal überrascht, als sie sich in der Küche beim Abräumen umarmten und küssten.

Bel fand, das Einzige, was ihrer Familie fehlte, war ein weiteres Kind. Sie hätte gern ein jüngeres Geschwisterchen gehabt. Einen Spielgefährten, als sie noch kleiner war. Und jetzt hätte sie gern jemanden, mit dem man Musik hören und gemeinsam in die Schule gehen und dem man alles Mögliche anvertrauen konnte, einen Gleichgesinnten, der sie verstünde, wenn ihre Eltern das nicht vermochten.

Ihre Eltern hatten ihr erzählt, sie hätten es versucht, als sie drei Jahre alt war, aber ihre Mutter sei einfach nicht schwanger geworden, und sie hatten es nicht erzwingen und sich irgendwelchen Tests oder Hormonbehandlungen unterziehen wollen.

»Du warst so ein tolles Mädchen, da brauchten wir kein zweites Kind«, hatte ihr Vater gesagt.

Bel hatte sich natürlich geschmeichelt gefühlt. Und vom Schicksal beschenkt. Sie war schon alt genug, um zu begreifen, dass bei vielen Freunden die Eltern keine so gute Beziehung führten.

Die Schlafzimmertür ihrer Eltern ist geschlossen, wie immer. Von nun an vergeht die Zeit langsam. Die Wohnung ist in traurige Stille getaucht. Jeder, der sein Ohr an die Tür legte, würde sagen, es sei niemand zu Hause, alle Bewohner gingen ihren täglichen Verrichtungen nach. Bel versucht zu schlafen, doch es gelingt ihr nicht. In ihrem Kopf tobt ein Wirbelsturm aus Gedanken und Gefühlen. Vor allem aus Gefühlen. Das Bild ihrer weinenden Mutter geht ihr nicht aus dem Kopf. Oder das ihres Vaters, der mit der leeren Tasse in den Händen auf die Bodenfliese starrt. Ihre ausgemergelten Gesichter, die Traurigkeit in ihren Stimmen. Diese unerträgliche Stille im Gegensatz zu dem fröhlichen Leben, das sonst immer in der Wohnung geherrscht hat. Sie möchte weinen, aber sie stellt fest, dass sie das nicht kann. Dabei täte es ihr gut. Doch es ist ihr verwehrt. Eigentlich nur logisch: Wo hat man schon mal Tote Tränen vergießen sehen?

Die Situation entbehrt nicht der Ironie. Ismael und seine Freunde – Uri, Abel, und »Gato«, das Seelchen – sind begeisterte Anhänger des Spiritismus. Fast jeden Sonntag trifft sich die Gruppe abends in einem gruseligen verfallenen Haus, das sie das »verlorene Haus« nennen. Sie beschwören dort Geister mit dem Hexenbrett und führen angeblich übersinnliche Experimente durch. Anfangs waren auch Amanda und sie dabei gewesen, aber sie hatten bald die Nase voll. Amanda behauptete, das sei reine Zeitverschwendung, Kinderkram, sie würde sich lieber interessanteren Dingen widmen – »Sex, zum Beispiel« –, doch tatsächlich hatten sie das letzte Mal komische Geräusche gehört und sich zu Tode erschrocken. Es hatte sich angehört wie das Knacken von trockenem Holz. Sie hatten keine Ahnung, ob es in dem Haus irgendwo Holz gab oder ob sich noch jemand darin aufhielt, und sie hatten auch keinerlei Interesse, das herauszufinden. Sie waren Hals über Kopf davongerannt und wollten keinen Fuß mehr in dieses alte Gemäuer setzen.

Später hatten die Jungs behauptet, sie hätten einen Geist gesehen. Durchsichtig sei er gewesen und habe zwei Handbreit über dem Boden geschwebt. Aufgebracht habe er versucht, sie anzugreifen, doch sie hätten die spiritistische Sitzung beendet, bevor jemand zu Schaden gekommen wäre. Bel hatte nur gedacht, zum Glück war sie nicht vor Ort gewesen, ganz gleich, ob das stimmte. Amanda sagte, das Ganze röche doch förmlich nach Lüge.

Geister und lebende Tote waren ständig Thema gewesen, doch Bel hatte bislang nie an ihre Existenz geglaubt. Genaugenommen tut sie das auch jetzt nicht; sie hat keine Ahnung, ob sie technisch betrachtet ein Geist oder etwas anderes ist. Ein Zombie vielleicht? Doch dem widerspricht, dass die anderen sie nicht sehen können, und soweit sie weiß, sieht sie nicht unansehnlicher aus als vorher. Bel springt aus dem Bett, geht zum Kleiderschrank und öffnet die Tür mit dem Ganzkörperspiegel auf der Rückseite. Das hätte sie nicht erwartet. Als wenn nichts geschehen wäre: Sie trägt ihre Lieblingsjeans, einen roten Rollkragenpullover und die gefütterten Stiefel. Und unter dem Pullover ein langärmeliges Shirt. Bequeme und warme Kleidung.

Auf einmal wird ihr bewusst, dass sie gar nichts über sich weiß. Sie weiß nichts, welche Bedürfnisse sie hat, wie ihr Körper funktioniert, was ihr guttut oder schadet. Zu essen braucht sie offensichtlich nichts mehr, denn sie hat schon seit Stunden nichts gegessen und verspürt trotzdem keinerlei Hunger. Aber sie ist müde, ihr fallen förmlich die Augen zu.

›Vielleicht kann ich durch Wände gehen. Aber vielleicht ist das auch nur so ein Lügenmärchen wie die Behauptung, dass Tote kein Spiegelbild haben.‹

Das lässt sich leicht überprüfen. Sie schlägt mit der Faust gegen die Wand. Nicht übertrieben fest, nur so kräftig, dass sie prüfen kann, ob stimmt, was man Geistern nachsagt. Die Wand ist so hart wie immer, ihr Körper ist machtlos dagegen. Sie hat sich eine Schürfwunde an den Fingerknöcheln zugezogen, doch es kommt kein Tropfen Blut. Es tut auch nicht weh. Sie zwickt sich kräftig in den Handrücken. Kein Schmerz, kein unangenehmes Gefühl, nichts. Sie hält die Luft an, zählt im Geist die Sekunden. Als sie bei über dreihundert angekommen ist, legt sie sich gelangweilt wieder aufs Bett. Sie hat keine Veränderung gespürt. Luft braucht sie also keine mehr. Sie fühlt auch keinen Herzschlag. In ihrer Brust scheinen nur Stille und Zweifel zu wohnen.

›Und wenn ich kein Sonnenlicht mehr vertrage und Blut trinken muss?‹

Heute wird sie das jedenfalls nicht mehr herausfinden können. Der Himmel hängt voll tiefschwarzer Wolken. Es sieht so aus, als ob jeden Moment ein heftiges Gewitter niederginge. Eine Sonnenanbeterin ist sie ohnehin nie gewesen. Amanda hatte sie manchmal in Anspielung auf ihre Blässe, die vor allem im Sommer auffiel, eine »lebende Tote« genannt. Sie hatte ihr auch das schwarze T-Shirt mit dem Totenschädel mit Kopfhörern auf dem Rücken und dem Schriftzug »Dead Girl« auf der Vorderseite geschenkt. Es war mehr Amandas Geschmack als ihrer, und sie hatte es nicht oft getragen. Sie weiß nicht einmal, wo es ist. Aber die Idee fand sie witzig. Sie muss immer noch schmunzeln, wenn sie daran denkt.

›Ich muss etwas über mich in Erfahrung bringen. Vor allem, was ich für ein Wesen bin.‹

Als Erstes muss sie unbedingt herausfinden, wie sie gestorben ist. Sie versucht, sich zu erinnern. Etwas so Wichtiges kann doch nicht einfach so aus dem Gedächtnis verschwinden. Sie überlegt, welches ihre letzten Erinnerungen sind, von welchem Tag sie stammen. Das Foto aus der Kneipe. Der Abend im Piojo Mareado. Das war am Tag nach Halloween. An die Party erinnert sich Bel besonders gut, denn an dem Abend hatte Isma sie gefragt, ob sie mit ihm zusammen sein wolle. Er hatte ihre Antwort gar nicht erst abgewartet und sie sofort geküsst. Es war ein kurzer Kuss, einer der ersten Versuche für Isma. Bel hatte da schon mehr Erfahrung.

›Und was kommt nach Halloween?‹

Die Frage könnte sogar ein Erstklässler beantworten, doch Bel ist die Antwort nicht so klar. Sie wirft einen Blick auf ihren Kalender. Er ist im Dezember aufgeschlagen. Das ist schon mal ein Hinweis. Sie sieht sich die rot markierten Daten näher an und überlegt, welche Bedeutung sie haben könnten.

6. Dezember, 8. Dezember, 25. Dezember. Plötzlich fällt ihr ein Lied ein, das sie als kleines Kind gelernt hat:

Zu Bethlehem geboren
ist uns ein Kindelein,
das hab ich auserkoren …

»Weihnachten«, flüstert Bel vor sich hin und versucht, den Sinn des Wortes zu erfassen.

Weihnachtsferien. Sie verspürt ein Kribbeln. Hatten sie Pläne geschmiedet?

Ihre Erinnerung ist wie ein großer leerer Sack.

Sie legt sich wieder aufs Bett. Sieht den Kalender durch. Tag für Tag. Bis ihre Augen an einem Datum hängen bleiben.

»Der erste Tag der Weihnachtsferien. Da war etwas, aber was?«

22. Dezember. Ein Montag. Zwei schwarze Flecken im Kalender. Sie erinnert sich, dass sie aufgewühlt etwas niedergeschrieben hat, aber sie weiß nicht mehr, was. Wozu sollte sie schreiben? An wen?

In diesem Moment klingelt es. Schlaftrunken schlurft ihr Vater über die Fliesen. Einsilbig antwortet er über die Sprechanlage. Er kehrt hastig ins Schlafzimmer zurück und fragt im Flüsterton:

»Liebes, Amanda ist gekommen. Willst du sie sehen?«

Ihre Mutter stammelt matt:

»Wie spät ist es? Was hat sie denn …?«

»Ich mache auf, bleib liegen«, sagt ihr Vater.

Auch Bel fragt sich, was Amanda um diese Uhrzeit will.

›Das werde ich wohl gleich erfahren.‹

Sie freut sich, dass sie einen Vorteil aus ihrer Lage ziehen kann. Gespräche zu belauschen kann ausgesprochen amüsant sein.

Auf leisen Sohlen schleicht sie aus ihrem Zimmer und ignoriert Trastos Knurren. Ihr Vater wartet im Flur. Bel stellt sich neben ihn, unsichtbar.

Mit diesem Empfang hat Amanda bestimmt nicht gerechnet.

Bel kann es kaum erwarten, sie wiederzusehen.

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Bels Vater öffnet die Tür, noch bevor es klingelt.

Amanda trägt schwarze Cordhosen, ihre Lederjacke, flache Stiefel und einen gestreiften Schal mit passenden Handschuhen. Sie hat Eyeliner aufgetragen und ein wenig Gloss auf den Lippen verteilt. Bel denkt, wie schön Amanda doch ist. Sie würde sie liebend gern in die Arme nehmen, und es versetzt ihr einen Stich, dass sie es nicht kann.

»Hallo, Carlos. Es tut mir leid, ich hab eben erst gemerkt, wie früh es ist.«

»Das macht nichts. Komm rein.«

Carlos löscht das Licht in der Diele und bittet sie ins Wohnzimmer. Bel folgt ihnen. Amanda legt den Schal und die Jacke ab. Sie trägt ein lilafarbenes T-Shirt mit der Aufschrift: »Wir sechzehnjährigen Mädels sind die besten«.

»Kann ich dir etwas anbieten?«, fragt Carlos.

»Nein, danke. Ich habe gerade gefrühstückt. Ist Blanca nicht da?«

»Sie liegt noch im Bett. In letzter Zeit schläft sie sehr schlecht. Ich wollte sie nicht aufwecken.«

»Natürlich. Die Arme.«

Amanda setzt sich auf die Couch, Carlos in seinen Fernsehsessel. Sie schlägt die Beine übereinander. Es ist so dunkel, dass sie die Lampe auf dem Ecktisch anmachen müssen. Bel bleibt weniger als einen Meter von ihnen entfernt auf den roten Blumen des Teppichs stehen.

»Wie geht es euch?«, fragt Amanda.

»Tja … Nicht besonders. Du kannst dir vorstellen, dass es sehr schwer für uns ist. Die schlimmste Zeit unseres Lebens.«

Betretenes Schweigen.

»Und dir?«, fragt Carlos irgendwann.

»Ich vermisse sie so sehr.«

Amanda bricht in Tränen aus, als hätten diese Worte alle Dämme gebrochen. Bel wünschte, sie könnte weinen. Sie würde ihre Freundin so gern umarmen, sie trösten, mit ihr reden. Ihr sagen, dass sie bei ihr ist, wie immer.

Carlos fühlt sich sichtlich unwohl. Er weiß nie, was er machen soll, wenn Menschen die Nerven verlieren. Er stammelt lediglich:

»Das ist doch normal.«

Bel schnürt sich der Hals zu, die Szene ist einfach zu traurig.

»Das hier trage ich immer« – Amanda fasst an ihren Hals und zeigt ihm einen herzförmigen Silberanhänger. »Er hat Bel gehört. Sie hat ihn in Paris gekauft, erinnerst du dich?« Carlos nickt. »Sie hat ihn mir geliehen …« Amanda weint bitterlich. Carlos weiß nicht, was er tun soll, überlegt, was Blanca sagen würde, doch es kommt kein Wort über seine Lippen.

Als Amanda sich wieder gefangen hat, zieht sie ein Taschentuch aus der Hosentasche und schnäuzt sich die Nase.

»Entschuldige«, sagt sie. »Ich hätte nicht herkommen sollen. Es tut mir sehr leid. Ich wollte euch nur sehen, wissen, wie es euch geht.«

Wieder betretenes Schweigen, zäh wie der Schmerz, der wie ein hartnäckiger, dichter Nebel in der Luft hängt. Dann fragt Amanda unvermittelt:

»Was habt ihr eigentlich mit Bels Sachen gemacht?«

»Nichts«, entgegnet Carlos, »alles ist noch genauso, wie es war.«

Amanda sieht ihn fragend an. Bel weiß, dass in ihrem Zimmer nicht alles so ist, wie es war: Jetzt ist alles aufgeräumt. Sie fragt sich, welchen Sinn es hat, das Zimmer einer Toten aufzuräumen. Carlos senkt die Stimme und sagt:

»Blanca will es so. Wenn du mich fragst, es hat doch keinen Sinn, alles aufzubewahren, das macht den Schmerz nur noch größer, aber sie will unbedingt, dass alles so bleibt, wie Bel es eingerichtet hatte.«

»Darf ich ihr Zimmer sehen?«, fragt Amanda.

Bel beruhigt es zu hören, dass ihre Mutter ihr Zimmer nicht ausräumen will. Sie will sich gar nicht vorstellen, wie es wäre, all ihre Sachen zu verlieren. Carlos nickt wortlos, und sie machen sich auf den Weg. Trasto wedelt freudig mit dem Schwanz, als Amanda an ihm vorbeikommt. Er leckt ihr die Hand und lässt sich von ihr streicheln. Doch ihre Freundin ist mit den Gedanken woanders. Amanda bleibt in der Tür zu ihrem Zimmer stehen. Nur zögerlich tritt sie ein, als hätte sie Angst vor dem, was sie erwartet.

Bel beobachtet Amanda vom Flur aus. Trasto lässt Bel nicht aus den Augen.

»Was hast du denn, du alter Brummbär«, sagt ihr Vater und tätschelt den Kopf des Hundes, der erst aufhört zu knurren, als Bel sich weit genug entfernt hat.

Die Schranktür steht noch offen. Traurig blickt Amanda auf die Kleidungsstücke, die sich in den Fächern stapeln. Sie zögert, doch dann ringt sie sich durch:

»Darf ich dich um etwas bitten?«

Carlos nickt wortlos.

»Ich hätte gern eines von Bels T-Shirts. Als Erinnerung.«

Carlos weiß nicht, was er sagen soll. Mit solchen Teenagerlaunen kann er nichts anfangen. Wieder versucht er sich vorzustellen, was Blanca sagen würde. Amanda bettelt:

»Bitte. Nur eins.«

Carlos schüttelt den Kopf.

»Ich muss erst Blanca fragen. Sie ist wie besessen, was Bels Sachen angeht. Sie wäre bestimmt sauer, wenn ich etwas weggeben würde.«

Amanda senkt den Blick.

»Das verstehe ich«, sagt sie. »Wenn du willst, frage ich sie selbst.«

»Ja, das ist wohl besser.«

Sie verlassen das Zimmer. Carlos begleitet sie zur Tür. Bel folgt ihnen. Während sie auf den Aufzug warten, sucht ihr Vater nach Worten.

Am liebsten würde er Amanda sagen, dass es ihm nicht passt, dass sie Bels Anhänger trägt, aber er tut es nicht. Als hätte Amanda seine Gedanken erraten, streichelt sie das silberne Herz an ihrem Hals und sagt:

»Ich trage es gern, weil es mich an sie erinnert.«

Stille. Carlos zögert. Er dreht und wendet die Worte, doch am Ende spricht er es – zu seiner eigenen Überraschung – aus:

»Ich habe eine Bitte an dich, Amanda.«

Sie sieht ihn neugierig an.

»Ich möchte, dass du meine Frau eine Weile in Ruhe lässt. Ich weiß, das hört sich seltsam an, auch für dich ist das alles nicht leicht, aber bitte hab dafür Verständnis. Sie ist mit den Nerven am Ende.«

Amanda reißt die Augen auf. Damit hatte sie nicht gerechnet. Bel, offen gestanden, auch nicht. Und weil er glaubt, dass seine Erklärung nicht ausreicht, fügt Carlos noch hinzu:

»Blanca tut es nicht gut, dich zu sehen. Du warst die beste Freundin unserer Tochter. Du warst dabei, als es passiert ist. Es hätte auch dich treffen können, aber du lebst, und sie ist tot.«

Bei den letzten Worten ist Carlos’ Stimme hart geworden. Amanda hat ein seltsames Blitzen in den Augen. Bel weiß nur zu gut, was es zu bedeuten hat: Wut, unterdrückte Tränen, Stolz, Ohnmacht …

»Bitte, versteh das doch. Wir haben keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Du musst uns helfen.«

Amandas Unterlippe zittert, als sie zähneknirschend sagt:

»Schon gut, das verstehe ich.«

Matt schleppt sie sich zum Aufzug. Sie drückt auf den Knopf und wartet mit gesenktem Kopf. Bevor der Aufzug kommt, dreht sie sich noch einmal um und schleudert Carlos entgegen:

»Wenn es dir hilft: Ich wäre auch lieber anstelle deiner Tochter gestorben.«

Carlos weiß nicht, was er darauf antworten soll.

Bel ist stolz auf ihre beste Freundin.

›Prima, Amy. Du hast meinen Vater sprachlos gemacht, und das ist gar nicht so leicht.‹

In diesem Moment öffnet sich die Aufzugtür. Amanda drückt auf die Null, ohne sich von Carlos zu verabschieden.

Bel denkt nicht lange nach. Sie huscht mit in den Fahrstuhl. Ihr Arm streift Amandas, doch die merkt nichts davon.

Wie ihr Vater da auf dem Treppenabsatz steht, mit dem inzwischen viel zu weiten Morgenmantel, sieht er selbst aus wie ein Geist.

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Zwei Mädchen verlassen das Haus, aber nur eines ist für die Sterblichen auf dem Bürgersteig sichtbar. Amanda hat am Montagmorgen zur ersten Stunde keinen Unterricht. Die Uhr auf dem Platz zeigt zwanzig vor neun.

›Wenn sie sich nicht beeilt, wird sie es auch nicht zur zweiten Stunde schaffen.‹

Amanda geht zügig wegen der Kälte, den Kragen der Jacke hochgeschlagen, Mund und Nase mit dem Schal abgedeckt. Für Bel ist es ein Debüt in ihrer neuen Rolle: Es ist das erste Mal, dass sie das Haus verlässt, seit sie weiß, dass sie ein Geist ist, und sie fühlt sich mächtig, fast wie eine Superheldin.

Amanda betritt die U-Bahn-Station. Linie Fünf. Dicht an ihre Freundin gepresst passiert Bel das Drehkreuz. Schuldbewusst blickt sie zu dem Wachposten am Eingang hinüber, als habe der bemerkt, dass sie sich reingeschmuggelt hat, und würde ihr nun eine Standpauke halten. Sie schmunzelt.

Eigentlich müsste irgendwo ein Schild hängen, mit der Aufschrift:

GEISTER WERDEN
OHNE FAHRSCHEIN BEFÖRDERT

Der Waggon ist brechend voll. Unvermeidlich stößt sie mit Leuten zusammen, berührt sie. Da ist wieder dieses seltsame Kribbeln, das sie schon vorhin im Aufzug bemerkt zu haben glaubte. Nur ganz leicht – wie schwache Stromstöße.

Die Leute hingegen scheinen nichts zu spüren. Als wäre sie nicht da.

Fünf Stationen später steigt Amanda aus. Mit langen schnellen Schritten stürmt sie die Treppe hinauf, als hätte sie es eilig. Auf der Straße weht ein unfreundlicher, kalter Wind. Amanda schlägt den Kragen ihrer Jacke wieder hoch. Sie befinden sich in einer schmalen, belebten Straße. An einer Ampel bleibt sie stehen. In dem Moment klingelt ihr Handy. Voller Wehmut erkennt Bel die Melodie:

We don’t need no education
We don’t need no thought control …

Amanda zieht das Telefon aus der Tasche und schaut grimmig auf das Display. Wer immer der Anrufer sein mag, offenkundig will sie nicht mit ihm sprechen. Sie zögert, dann geht sie doch ran. Die Ampel ist inzwischen grün, aber sie hat es nicht gemerkt. Sie ist aufgebracht:

»Ich hab dir schon tausend Mal gesagt, du sollst mich nicht mehr anrufen! Ich will deine widerwärtige Stimme nie wieder hören, kapier das endlich! Lass mich in Ruhe, du Idiot! Egal, welche Nummer du abziehst, ich komme nicht zu dir zurück. Bist du taub oder was?«

Sie schreit so laut, dass alle Leute sie anstarren. Auch Bel ist überrascht. Sie hat keinen blassen Schimmer, wer am anderen Ende sein könnte. Sie hat ihre Freundin noch nie so aufgebracht erlebt.

Die Ampel ist immer noch grün, aber Amanda geht nicht über die Straße. Sie schnaubt vor Wut. Mit zusammengepressten Zähnen stößt sie ein Schimpfwort aus und atmet tief ein. Das Handy klingelt wieder. Sie holt es mit solcher Rage aus der Tasche, dass Bel schon glaubt, sie wollte es auf die Straße werfen. Es muss derselbe Anrufer sein. Amanda drückt auf den roten Knopf und murmelt:

»Fahr zur Hölle, du Dumpfbacke.«

Dann rennt sie über die Straße, als die Ampel schon auf rot gesprungen ist.

Bel folgt ihr, ohne lange nachzudenken. Sie könnte schwören, dass sie von einem Auto berührt wurde, aber sie hat nicht mehr gespürt als ein Kitzeln.

Amanda bleibt ein paar Meter weiter stehen und drückt auf den Tasten des Handys herum. Bel vermutet, dass sie es stumm schaltet. Sie will von dem Anrufer nicht mehr gestört werden. Dann sieht sie sich einen Hauseingang näher an, holt einen kleinen Zettel aus ihrer Tasche, vergleicht die Nummer – es ist die 87 – und klingelt.

Bel erinnert sich nicht, je an diesem Ort gewesen zu sein.

»Rosalía, ich bin’s, Amanda.«

Man hört ein Summen, und ihre Freundin stößt die Tür auf. Es ist ein bescheidener Eingang mit einer einfachen Tür aus Glas und Aluminium. Als Amanda verschwunden ist, sieht sich Bel die Klingeln an. Keine Namen oder Schilder. Ein ganz normales Wohnhaus. Bel kennt keine Rosalía.

Sie hätte mit ins Haus gehen können, aber irgendetwas hat sie zurückgehalten. Amanda würde es nicht gefallen, wenn sie erführe, dass sie ihr wie ein Schatten folgt. Bel setzt sich auf eine Bank an der Straße und wartet. Ihr ist nicht kalt. Sie hat keinen Hunger.

Sie bleibt eine Weile sitzen, den Blick auf die Tür aus Aluminium und Glas gerichtet. Sie überlegt, wer in der Nummer 87 wohnen könnte. Ob ihre Erinnerung sie trügt und sie vielleicht doch schon mal an diesem Ort war?

Doch die Erinnerung bleibt ihr die Antwort schuldig.

Bald ist sie des Wartens müde und beschließt, nach Hause zu fahren.

Ohne Eile geht sie zur U-Bahn. Sie steigt eine Station früher aus als sonst. Sie verspürt eine unbändige Lust zu gehen, durch die Straßen ihres Viertels zu streifen. Um ein Haar stößt sie mit einem Mann zusammen, der einen Zebrastreifen überquert. Sie fragt sich, was wohl geschähe, wenn sie mit einem Sterblichen zusammenprallte. Sie hat Lust, es auszuprobieren. An der nächsten Ampel wählt sie einen Manager mit Aktenkoffer aus, der angeregt mit dem Handy telefoniert. Sie stellt sich ihm mitten in den Weg und lässt ihn nicht aus den Augen.

Und er erschrickt nicht. Er sieht sie nicht, hat nicht einmal eine Ahnung, dass sie da ist. Sie hingegen spürt die Berührung, die Wolle des Mantels, der sie streift, den kleinen Stromschlag. Er geht weiter, als wäre nichts geschehen, und plaudert munter über etwas, das ihn königlich zu amüsieren scheint. Bel runzelt die Stirn. Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn mitten auf der Straße ein Passant quasi durch einen hindurchläuft, ohne etwas zu merken.

›Aber noch merkwürdiger ist es, wenn du von einem Auto angefahren wirst und nichts passiert‹, denkt sie.

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Zu Hause angekommen, schließt sie vorsichtig die Tür auf. In der Diele ist es dunkel. Sie lauscht. Ihr Vater schnarcht. Alles scheint ruhig zu sein. Leise schließt sie die Tür. Trasto knurrt wieder, aber sie schenkt ihm keine Beachtung. Sie huscht eilig an ihm vorbei in ihr Zimmer.

Sie setzt sich direkt an den Computer und macht ihn an. Er funktioniert wie immer. Wieder denkt sie, was es doch für ein Glück ist, dass ihre Mutter ihre Sachen nicht anrühren wollte. Sie öffnet direkt das Mailprogramm. Rasch tippt sie ihren Benutzernamen ein, doch bei der Eingabe des Kennwortes steht sie auf dem Schlauch. Sie kann sich nicht mehr an die Zahlenkombination erinnern. Sie will es mit ihrem Geburtsdatum versuchen. Doch als sie es eingeben will, stellt sie fest, dass sie es nicht mehr weiß. Vielleicht hat sie es irgendwo notiert. Sie sieht sich auf dem Tisch um. Auf der ersten Seite ihres Schülerkalenders stehen ein paar Daten, aber nicht das Datum, das sie sucht. Ihr Blick fällt auf den Wandkalender. Sie blättert jede einzelne Seite durch, um einen Hinweis zu finden, welche Tage für sie wichtig waren. Im November und Oktober ist nichts markiert. Um den 29. September ist ein roter Kreis gezogen. Jetzt fehlt nur noch das Jahr.

›Ich bin sechzehn, also wurde ich …‹

Sie tippt als Kennwort ein: 290992. Eine rote Nachricht erscheint: Benutzername oder Kennwort ungültig. Versuche es erneut. Sie probiert alle Kombinationen aus – 29992, 29091992, 2991992 –, doch mit keiner klappt es.

›Vielleicht bedeutet dieses Datum etwas anderes.‹

Sie blättert weiter im Kalender. August, Juli, Juni, nirgends eine Markierung, auch im Mai nicht. Sie denkt schon, dass sie an der falschen Stelle sucht, da findet sie im April einen weiteren Kreis. Am zwanzigsten. Diesmal ist er grün, mit Textmarker gezogen.

›Wurde ich am zwanzigsten April geboren?‹

Ein neuer Versuch: 200492.

Benutzername oder Kennwort ungültig. Versuche es erneut.

20041992.

Bingo. Ihre Intuition war richtig.

Hallo, Bel! Du hast 56 ungelesene Nachrichten in deinem Posteingang.

Sie überfliegt die Mails. Vor allem Werbung. Die Absender sagen ihr nichts. Sie beschließt, sie später zu lesen und sich auf das zu konzentrieren, was sie tun wollte. Sie klickt auf »Neue Mail« und schreibt eine Nachricht an ihre beste Freundin.

Von: Bel

An: Amanda

Betreff: Überraschung!

Liebe Amy,

ich weiß, es wird dir seltsam vorkommen, wenn du diese Nachricht liest. Auch für mich ist es seltsam, dir eine Mail zu schreiben, anstatt mit dir zu reden, so wie immer, oder im Piojo Mareado abzuhängen und über Gott und die Welt zu plaudern. Aber nun ist es so gekommen, und niemand kann etwas daran ändern. Auch wenn es zum Kotzen ist.

Ich wollte dir sagen, wie sehr ich dich vermisse. Ich weiß, du mich auch. Frag mich nicht, warum, aber ich weiß, wie elend dir zumute ist. Wie meinen Eltern, wie Ismael und wie mir (nur mit dem Unterschied, dass ich tot bin, so viel weiß ich inzwischen, und das ist weit schlimmer).

Ich habe ein paar Fragen. Wenn du dich von dem Schreck dieser Mail erholt hast, musst du mir dabei helfen, ein paar Sachen aufzuklären und den Nebel in meiner Erinnerung zu lichten. Du musst mir erzählen, was passiert ist. Wie es zu dem Unfall gekommen ist. Hilf mir, es zu verstehen. Erzähl mir alles, bitte, jedes noch so kleine Detail.

Und noch was: Wer hat dich heute Morgen auf dem Handy angerufen, als du gerade an der Ampel standest? Du hast einen sehr wütenden Eindruck gemacht. Wer wohnt in dem Haus, zu dem du dann gegangen bist? Ich kann mich an nichts mehr erinnern! Woher ich das weiß? Weil ich dir nah war, sehr viel näher, als du dir vorstellen kannst!

Bel hört ein Geräusch auf dem Flur und sitzt wie versteinert vor dem Bildschirm. Da ist jemand. Sie beendet die Nachricht so schnell sie kann:

Ich muss jetzt Schluss machen. Denk daran, dass ich in deiner Nähe bin, auch wenn du mich nicht sehen kannst.

Ich vermisse dich sehr und ich hab dich sehr lieb. Bel

Sie klickt auf »Senden« und seufzt erleichtert.

Sie lauscht, ob sich die Geräusche auf dem Flur wiederholen. Alles still.

In dem Moment geht zu ihrer Überraschung im unteren Teil des Bildschirms ein Fenster auf. Es ist eine Instant Message. Sie hat nicht daran gedacht, das Programm zu schließen, das beim Hochfahren des Computers automatisch aktiviert wird.

Die Nachricht stammt von einem gewissen Batiskafo. Seinen Worten nach zu urteilen, scheint er noch seltsamer zu sein als sein Name.

Wenn du Hilfe brauchst, musst du es mir nur sagen.

Bel beißt sich auf die Unterlippe. Sie überlegt kurz. Dann schreibt sie:

Kennen wir uns?

Die Antwort kommt prompt:

Nein, nicht dass ich wüsste, aber das macht nichts.

Magst du keine Blind Dates?

Bel lächelt boshaft. ›Ein Witzbold mit seltsamem Namen auf Baggertour‹, befindet sie.

Sie will etwas erwidern, doch in dem Moment hört sie wieder Geräusche auf dem Flur. Nur diesmal viel näher. Schritte. Eine Hand auf der Türklinke.

Die Zimmertür geht auf. Reflexartig streckt Bel den Arm aus und schaltet den Computer aus. Erst den Bildschirm, dann das Gerät selbst.

Zu spät. Ihre Mutter steht im Türrahmen, die Hand um die Türklinke geklammert. Ihre Lippen beben. Sie fasst sich mit der anderen Hand an die Brust, wo ihr Herz auf Hochtouren schlägt. Entgeistert starrt sie auf den Computer.

Kaum hörbar flüstert sie:

»Mein Gott.«

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Danach ist die Aufregung groß. Carlos hat seine Frau in Bels Zimmer gefunden. Er weiß nicht, wie er ihr endlich begreiflich machen kann, dass sie diesen Raum nicht mehr betreten soll, dass es ihr nur noch größeren Schmerz zufügt, in den Sachen ihrer toten Tochter herumzuwühlen, dass das Andenken an Bel nicht in den Gegenständen weiterlebt, die sie hinterlässt, sondern in ihren Herzen und ihren Erinnerungen. Doch heute hat Blanca ihn regelrecht geschockt. Mit abwesendem Blick hat sie gemurmelt:

»Sie ist hier.«

Und dann:

»Ich weiß es, der Computer war an.«

Bel lehnt neben dem Fenster an der Wand und lächelt. ›Dir entgeht auch nichts, Mama. Du hattest schon immer den Durchblick.‹

Ihr Vater schüttelt den Kopf. Er ist besorgt. Natürlich glaubt er seiner Frau kein Wort. Wenn er das täte, wäre er auf dem besten Weg, selbst verrückt zu werden. Er ist überzeugt, dass mit seiner Frau etwas nicht stimmt, denn sie ist nicht mehr in der Lage, zwischen ihren Wünschen und der Wirklichkeit zu unterscheiden. Der Schmerz lässt sie Dinge als wahr annehmen, die sich nur in ihrer Fantasie abspielen.

Blanca entgeht der argwöhnische Blick ihres Mannes nicht, doch sie sagt nichts. Sie könnte es nicht ertragen, wenn er ihr sagte, sie würde sich das alles nur einbilden, der Schmerz würde ihren Verstand trüben und sie allmählich in den Wahnsinn treiben. Sie weiß, was sie gesehen hat, das war keine Einbildung. Sein väterlicher Ton gibt ihr den Rest:

»Blanca, Liebes, uns ist etwas Schreckliches widerfahren. Ich weiß selbst nicht, wie ich damit fertig werden soll, ich habe keine Ahnung, wie wir ohne Bel weiterleben sollen. Ich weiß, dass es für dich noch schlimmer ist, weil du und Bel so eng miteinander verbunden wart, und es scheint unfassbar, dass sie nicht mehr bei uns ist. Aber wir haben doch noch uns, mein Liebling« – er küsst sie auf die Wange – »und wir müssen stark sein. Das ist das Wichtigste für mich. Wir werden einen Weg finden, weiterzumachen. Wir müssen ausgehen, gegen den Schmerz ankämpfen oder darauf warten, dass er von selbst nachlässt, keine Ahnung, aber bitte« – er fasst sie sanft an den Schultern – »du musst mir versprechen, dass du dieses Zimmer nicht mehr betrittst und dass du mir erlaubst, etwas zu unternehmen, damit das aufhört. Du kannst so nicht weitermachen, das hat doch keinen Sinn. Du weißt doch, was der Psychologe im Krankenhaus gesagt hat: Wir müssen nach vorne schauen, wir dürfen nicht auf der Stelle treten. Bitte, Blanca, wir haben doch nur noch uns. Bitte …«

Bei den letzten Worten kämpft Carlos mit den Tränen. Bel kann es kaum ertragen, ihren Vater, der immer stark und entschlossen wirkte, so am Boden zerstört zu sehen. Sie würde ihn so gern umarmen, ihm sagen, dass sie den Kummer mit ihnen teilt, dass es auch für sie unerträglich ist, nicht mehr Teil ihres Lebens zu sein. Dass sie die Welt der Lebenden hinter sich lassen und sich in das Reich der Toten zurückziehen muss, wo jetzt ihr Platz ist. Diese Erkenntnis ist grausam, unerträglich. Wenn sie es noch könnte, würde sie weinen.

Blanca blickt gedankenverloren auf die Fotos an der Pinnwand. Bel scheint es, als schaue sie auf den Schnappschuss von Amanda und ihr, den sie selbst noch vor kurzem in der Hand gehalten hat.

»Bel ist hier«, wiederholt sie. »Wir werden das Zimmer nicht ausräumen, solange sie zu Hause ist.«

Bel gewahrt in den Augen ihres Vaters etwas, das sie noch nie zuvor gesehen hat: Panik. Ohnmacht. Entsetzen.

Er macht den Eindruck, als wolle er noch etwas sagen, aber er findet nicht die passenden Worte. Er fasst sich an den Kopf, schnaubt und verlässt das Zimmer. Blanca rührt sich nicht. Sie starrt weiterhin das Foto an und flüstert:

»Ich weiß, dass du da bist, Bel. Aber ich weiß nicht, was ich für dich tun kann.«

Bel ist gerührt. Schon immer hat sie sich ihrer Mutter eng verbunden gefühlt, und jetzt spürt sie, dass die Bande zwischen ihnen stärker sind, als sie je vermutet hätte. So stark, dass sie selbst den Tod herausfordern. Und doch ändert das nichts an der Tatsache, dass eine unüberwindbare Grenze sie daran hindert, ihre Mutter zu trösten. Der Schmerz liegt ihr wie ein Stein im Magen, wie etwas, das niemals verdaut werden könnte, und wenn tausend Jahre vergingen.

Bel macht einen Schritt auf sie zu und sagt:

»Ich bin hier, Mama. Kannst du mich sehen?«

Keine Reaktion. Ihre Mutter geht lediglich zum Bett, setzt sich auf die Kitty-Decke und starrt weiter auf die Pinnwand. Bel geht zu ihr und flüstert ihr ins Ohr:

»Danke, Mama. Ich hab dich sehr lieb.«

Wieder keine Regung.

Ihre Mutter mag ihre Anwesenheit spüren, aber sie kann sie nicht hören. Zwischen ihnen befindet sich eine Mauer. Daran ist nicht zu rütteln. Bel streichelt die Hand ihrer Mutter, sanft, langsam. Diese runzelt kurz irritiert die Stirn, doch dann schließt sie lächelnd die Augen und flüstert:

»Wie ich dich vermisse, Bel.«

»Ich dich auch, Mama.«

Eine Weile verharren sie noch so, schweigend, eng beieinander. Bis Bels Vater niedergeschlagen aus dem Schlafzimmer ruft:

»Bitte, Blanca, komm ins Bett.«

Ihre Mutter steht auf, seufzt, wirft einen letzten Blick auf das Foto, verlässt das Zimmer und schließt die Tür hinter sich.

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Bel zieht Bilanz, was sie über ihre jetzige Lage in Erfahrung gebracht hat, viel ist es nicht.

›Ich bin seit einem Monat und elf Tagen tot. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wo ich bis zu diesem Morgen war. Meine erste Erinnerung ist die an das Krankenhausgebäude in der Ferne, dann der Eingang, der Aufzug, der Flur, der Stuhl an Ismas Krankenbett. Von wo und wie ich dorthin gekommen bin, weiß ich nicht. Ich kann mich an vieles nicht mehr erinnern. Doch meine Sinne scheinen schärfer zu sein als früher. Ich kann die Lebenden besser hören (auch wenn ich nicht mit ihnen sprechen kann). Ich spüre ihren Schmerz, ihre Angst (auch wenn ich ihnen nicht helfen kann). Es scheint so, als ob Hunde mich wahrnehmen (doch sie mögen mich nicht). Ich habe keine körperlichen Bedürfnisse – Hunger, Kälte, Schmerz, auf Toilette gehen … –, nur müde werde ich (aber ich glaube, ich könnte auch ohne Schlaf durchhalten). Ich fühle lediglich ein leichtes Kribbeln, wenn ich einen Menschen berühre (oder wenn mich ein Auto anfährt) und eine seltsame Lust, spazieren zu gehen, irgendwohin (wohin, weiß ich nicht). Ich kann nicht durch Wände gehen, aber ich kann Gegenstände in die Hand nehmen (kleine und große) genau wie früher. Und ich kann mich im Spiegel sehen (auch wenn die anderen mich nicht sehen können).‹

Sie sieht auf die Uhr. Zehn vor zwölf. Weil sie nichts Besseres zu tun hat, legt sie sich ins Bett und schließt die Augen. Im Nu ist sie eingeschlafen.

Dienstag, 3. Februar

Als sie aufwacht, zeigt die Uhr halb vier morgens. Sie hat mehr als fünfzehn Stunden geschlafen!

Wenn sie ins Krankenhaus will, muss sie sich sputen. Sie lauscht aufmerksam, ob alles ruhig ist, wirft einen Blick ins Schlafzimmer ihrer Eltern. Blanca schläft. Carlos ist noch auf der Arbeit. Trasto knurrt verschlafen. Alles im grünen Bereich.

Es ist seltsam, aufzustehen und das Haus zu verlassen, ohne vorher im Bad gewesen zu sein, ein Glas Milch getrunken oder sich umgezogen zu haben.

Als Bel die leeren Straßen betritt, fühlt sie sich ungemein erleichtert. Sie läuft eineinhalb Stunden. Selbstsicher betritt sie das Krankenhaus, sie kennt ja den Weg. Mit dem Aufzug in den obersten Stock, vorbei am unbesetzten Stationszimmer, das dritte Zimmer auf der rechten Seite.

Sie stößt die Tür auf und erkennt die Signale der Maschinen, an die Ismaels Körper angeschlossen ist. Der Stuhl der letzten Nacht scheint förmlich auf sie zu warten.

Isma auch.

»Hallo, mein Schatz, es ist ein bisschen später geworden, aber jetzt bin ich ja da.« Sie lächelt. »Lach nicht, ich bin eingeschlafen. Ich bin eine wandelnde Katastrophe.«

Zärtlich streicht sie ihm über die Wange. Küsst ihn auf die Lippen. Dann setzt sie sich an sein Bett. Beobachtet ihn. Eineinhalb Stunden lang.

Und sie denkt nach. Es ist, als erwache in ihrem Kopf eine Stimme zum Leben.

›Ich muss wissen, was passiert ist. Warum du bewusstlos bist. Warum ich tot bin, aber trotzdem hier an deiner Seite weile. Vielleicht ist das der Grund: Ich kann mich nicht von dir trennen. Ich will nicht gehen.‹

Am Ticken der Uhr im Flur hört sie, wie die Zeit verstreicht. Derweil schmiedet sie Pläne. In der kurzen Zeit hat sie festgestellt, dass die Zukunft für sie greifbarer ist als die Vergangenheit; sie hängt von ihrem Willen ab, sie kann sie verändern und über sie bestimmen. Von ihrer Vergangenheit hingegen weiß sie fast nichts. Sie stochert im Nebel, und es bedarf noch großer Anstrengungen, ihn zu lichten. Doch sie weiß, das muss sie auf sich nehmen.

»Vielleicht kann ich morgen nicht kommen«, flüstert sie Isma ins Ohr. »Aber übermorgen bestimmt. Versprochen.«

Langsam lässt sie ihre Lippen auf seine sinken. Könnte sie doch für immer hierbleiben, so nah bei ihm.

Es dämmert bereits, als sie die Krankenschwester der Frühschicht kommen hört; es wird Zeit zu gehen.

Der Aufzug ist voller Menschen. Im Erdgeschoss trifft sie unter den Wartenden, die nach oben wollen, ein bekanntes Gesicht. Es ist Marian, Ismaels Mutter.

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