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Axialspannung

Christoph Kohlhöfer ist gebürtiger Hesse, studierte
Medien- und Literaturwissenschaften und lebt als freier
Texter und Redakteur in Hamburg.

„und ich bin immer nach oben gelaufen

und ich kam immer unten wieder raus

und rat mal, wer da schon alles bereitstand

die Angst, die Armut, die Dämonen, ja, so sieht’s aus

aber ich geh mal eben hier raus auf die Rampe“

daantje & the golden handwerk, „Rampenlied“

eins

Als der Himmel einem Klosett ähnelt und kleine Fäden absondert, die in der Düsternis nur durch die Scheinwerfer der Autos sichtbar sind, ist es Mittwoch. Ich sitze im Stadtbus Nummer drei.

Was mich besonders an Ihrer Institution interessiert, sind ihre abwechslungsreichen Strukturen, die auf ein innovatives und kreatives Team hinweisen.

„Guck dir doch die Schlampe an, digga“.

Ich konzentriere mich auf Vorstellungen und Vorstellungsgespräche.

Vielen Dank, dass Sie mich eingeladen haben. Auch ich freue mich, Sie näher kennen zu lernen.

„Echt? Die is ja krass!“

Das Mädchen schräg rechts neben mir redet mit ihrer Freundin. Sie tragen Schulrucksäcke auf ihren Schultern. Die Angesprochene hat ihr blondes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und wendet mir den Rücken zu.

Ich verfolge die Arbeit Ihres Unternehmens schon seit geraumer Zeit.

„Ja, megakrass!“

Sollten Pädagogen an die Börse? Mit Börse kenne ich mich nicht aus. Für Aktien habe ich kein Geld. Auch für den Bus nicht. Die Rechtfertigung des Fahrpreises erschließt sich mir nicht. Der Bus ist brechend voll und stinkt nach kaltem Schweiß und Alkohol. Irgendwie müssen die Leute zu ihren Arbeitsplätzen kommen, aber es wirkt, als seien wir Schlachtvieh aus Osteuropa auf dem Weg zur Wurst.

„Obermegakrass!“

Beim Aufstehen kämpfe ich mich durch Körperdüfte und Mundgeruch bis ich endlich draußen in der Fadenpisse stehe.

Meine Schneider heißen Hennes und Mauritz. Das heißt, wenn man es ganz genau nimmt, dann schneidern die beiden ja nichts mehr, sie lassen schneidern. „Lassen“ ist das beste Wort, das deinen finanziellen Status beschreiben kann. Ich lasse kochen, ich lasse putzen, ich lasse einkaufen und nicht zu vergessen: Ich lasse fahren. Aber natürlich den eigenen Wagen, nicht den Stadtbus. Genug Fahrer finden sich immer. Oder eben Schneider. Zum Beispiel in Indien oder Vietnam. Das sind alles Arbeitsbienen. Fleißig und diszipliniert. So wie wir es einmal waren, sagt man. Heute sei das nicht mehr so, sagt man. Eine schnelllebige Zeit. Ich gehöre zu den Gewinnern, sagt man. Ich trage eine schwarze Nadelstreifenhose der Marke Divided. Sie ist etwas dünn, wie alles von H&M. Aber sie sieht gut aus. Und mit meiner schwarzen Nadelstreifenhose der Marke Divided stehe ich an der Kreuzung vor der Ampel und werde nass.

Und wie ich da so stehe, springt mich die fiese Fratze Aufregung an. Man stellt sich ja nicht jeden Tag vor. Oder vielleicht auch doch, dann aber immer auf eine andere Art und Weise und eher so beiläufig. Und vielleicht sind die beiläufigen Vorstellungen ja auch die ehrlichen. Es gibt Menschen die bereiten sich auf Vorstellungsgespräche vor, als würden sie zu Günther Jauch gehen. Auf jede Frage eine Antwort, alle Möglichkeiten schon durchgespielt. Das gefällt dem Arbeitgeber. Er kann sagen, „Der Junge hat Profil!“.

Wenn Sie etwas zu trinken angeboten bekommen, sagen Sie „Ja, gerne“, trinken während des Gesprächs aber nichts.

Es gibt dicke Ratgeber zu dem Thema mit Titeln wie ‚Fangfragen im Vorstellungsgespräch souverän beantworten’, ‚Das perfekte Vorstellungsgespräch’, ‚Die 100 häufigsten Fragen im Vorstellungsgespräch’, ‚111 Arbeitgeberfragen im Vorstellungsgespräch’, ‚Erfolgreich im Vorstellungsgespräch’, ‚Das erfolgreiche Vorstellungsgespräch’ oder eben einfach ‚Das Vorstellungsgespräch’. Die Logik dahinter ist mir nicht schlüssig. Ich stelle mich mit angelesenen Charaktereigenschaften vor, damit sich mein potenzieller Arbeitgeber ein Bild von mir machen kann, von dem ausgehend er meiner „Persönlichkeit“ eine bestimmte Arbeit anvertraut.

Ich ziehe den Zettel mit der Aufschrift Celsiusweg 35 aus meiner Hosentasche und lese „Celsiusweg 35“. Auf dem Straßenschild gegenüber steht ‚Celsiusweg’.

Nur eine Antwort, alle Möglichkeiten bereits durchgespielt.

Wie gut ich mich in dieser Stadt auskenne! Ich finde aber auch jeden Ort! Mit solchen Gedanken versuche ich mich selbst aufzubauen. Ich bin schon stolz, überhaupt hier im Regen zu stehen. Wenn man gebraucht wird, sagt man nicht „nein“. Und als die Ampel grün wird, springe ich in eine Pfütze.

Die Rezeptionsdame der Agentur M & H & b/w schaut mich mitleidsvoll an. Als würde ich Hilfe benötigen. Sie soll sich nicht so weit aus dem Fenster lehnen, denke ich. Kein Grund für Arroganz, denke ich.

Ich stehe vor Frau Zeulner, wie mir das Namensschild neben dem Blumenstrauß auf dem Rezeptionsvorbau mitteilt, und habe scheißkalte Füße.

„Hallo, ich habe um 17.00 Uhr einen Termin mit Herrn Wasniek“, sage ich.

„Um was geht es denn?“, schießt mich Frau Zeulner grinsend an.

Ich möchte sie fragen, ob das für ihre Terminfindung im Agenturkalender wirklich von Bedeutung ist und warum sie dabei so grinst.

„Vorstellungsgespräch!“, sage ich.

Bei Frau Zeulner bin ich bereits durchgefallen. Sie rechnet nicht damit, dass ich ein zukünftiger Kollege sein könnte. Ihr unterdrücktes Lächeln steigt noch an. Bald zeigt sie mir ihre nachgeweißten Zähne.

Nur eine Antwort, alle Möglichkeiten bereits durchgespielt.

„Nehmen Sie bitte noch einen Moment Platz. Sie können gleich rechts hier um die Ecke warten. Herr Wasniek wird Sie dann abholen.“

Ich setze mich auf einen schwarzen Ledersessel ohne Armlehnen. In den Wänden des Flurs, in den ich schaue, sind überall Glaselemente eingearbeitet, so dass man in die Büros hineinsehen kann. Die kompletten Vorräume sind in einem dezenten Braunton gehalten, alles fein aufeinander abgestimmt. Ich beginne zu zittern. Vielleicht wegen meiner nassen Füße. Vielleicht auch nicht. Die Kälte beginnt an meinen Beinen hinaufzukriechen. Meine Hose der Marke Divided hat sich an meine Schienbeine und Waden geklebt.

Vor mir steht ein ovaler Mahagonitisch. Ich streiche mit den Fingerspitzen meiner rechten Hand über die Tischplatte. Ein gutes Stück Regenwald.

„Guten Tag!“

Ein Mann mit orangefarbener Trainingsjacke, Jeans und Adidas-Schuhen, Modell Samba, steht vor mir.

„Ist es nicht mittlerweile verboten, Mahagoni-Bäume zu fällen?“, frage ich etwas leiser.

„Wie bitte?“

Meine Lippen speien Laute aus.

„Mahagonis stehen nur vereinzelt im Regenwald. Um einen einzigen zu fällen, muss eine so genannte Transportschneise in den Wald geschlagen werden. Das ist nicht nur viel Arbeit, sondern auch eine Menge Holz. Ich dachte nur, es sei nicht ganz, äh, zeitgemäß solche Tische aufzustellen.“

„Nun, ich denke, der Tisch steht schon ziemlich lange hier…. Das können Sie sich bestimmt denken.“

„Ja, mhm, sicher doch.“

„Ich bin Daniel Wasniek. Sie haben jetzt einen Termin bei mir. Kommen Sie doch erstmal mit in unser Konferenzzimmer.“

Nur eine Antwort, alle Möglichkeiten bereits durchgespielt.

In plötzlich eingetretenem komatösem Zustand stehe ich auf. Ich reiche ihm die Hand und beginne, ein penetrantes Lächeln auf mein Gesicht zu legen. Ein weiteres Bedürfnis stellt sich ein: Raus, immer nur raus an die frische Luft. Mein Kopf fühlt sich an, als wäre ich im Fieberwahn. Ich folge ihm durch den dezent braunen Flur. Dann öffnet Herr Wasniek eine Tür, und ich gehe an ihm vorbei in den Raum. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, wie Herr Wasniek mich mustert und dabei kurz an meiner nass angeklebten Nadelstreifenhose hängen bleibt. In der Mitte des Raumes steht ein schwarzer rechteckiger Tisch mit 15 Stühlen rundherum. Ich setze mich auf einen Stuhl, der in der Mitte einer Seite steht. Herr Wasniek setzt sich an den Tischkopf.

„Kommen Sie doch ein Stückchen näher zu mir!“

„Ja, selbstverständlich!“, versuche ich betont unverkrampft zu antworten.

Ich setze mich näher an Herrn Wasniek heran, lasse aber einen Stuhl Sicherheitsabstand zwischen uns.

„Möchten Sie vielleicht einen Kaffee?“

Von Kaffe bekomme ich eine rege Magen-Darm-Funktion. Keine Viertelstunde und ich werde gezwungen sein, der Toilette einen Besuch abzustatten. Mein Rezept gegen Verstopfung: Kaffee.

„Ja, gerne!“

Herr Wasniek drückt auf einen Knopf der Sprechanlage, die vor ihm auf dem Tisch steht und bittet Frau Zeulner, uns zwei Tassen Kaffee zu bringen.

„Nun, um eines vorwegzunehmen: Das Volontariat, auf das Sie sich beworben haben, mussten wir wieder streichen. Als wir die Stelle ausgeschrieben haben, sind wir von einer Auftragslage ausgegangen, die sich anschließend wieder änderte.“

Er macht eine kurze Pause, damit sich seine Worte in meinem Kopf besser festigen können.

„Was wir Ihnen aber anbieten können, ist ein sechsmonatiges Praktikum in unserem Haus. Und ich möchte nicht ausschließen, dass sich im Anschluss an das Praktikum, je nach Auftragslage, möglicherweise ein Volontariat ergibt.“

An dieser Stelle wird er von Frau Zeulner unterbrochen, die den Raum betritt. Sie stellt ein Tablett mit zwei Tassen Kaffee, einer Kanne Milch und einem weißen Keramikbehälter, in dem sich Zucker befindet vor uns auf den Tisch. Für einen Bruchteil von Sekunden treffen sich unsere Blicke. Ihr Ich-Habe-Es-Dir-Doch-Gesagt-Blick versetzt mir einen Stich in der Brust. Ich muss kurz husten. Herr Wasniek deutet ein Kopfnicken an. Frau Zeulner verlässt den Raum.

„Da Sie jetzt unsere Situation kennen, liegt es natürlich an Ihnen zu sagen, ob Sie unter diesen Umständen noch Interesse an unserer Agentur haben.“

„Mmhh, ja doch!“, stoße ich hervor.

Herr Wasniek trinkt seinen Kaffee schwarz und ohne Zucker.

Er gibt mir noch zwei Sekunden, in denen ich drei Löffel Zucker und reichlich Milch in meinen Kaffee gebe. Als ich zum Trinken ansetze, beginnt Herr Wasniek erneut:

„Sie haben also eine Vorliebe für Bäume?!“

Ich verschlucke mich leicht am Kaffee.

Ich muss wohl etwas antworten.

„Doch, ja, ich mag Holz. Also man braucht ja auch viel Papier … jeden Tag Zeitung lesen … Ich meine, ein Baum ist schon ein, nun, wichtiger Rohstoffspender.“

Ich grinse ihn übertrieben freundlich an.

„Ja, da haben Sie wohl recht. Erzählen Sie doch erst einmal etwas über sich!“

Meine Lippen verlässt ein sorgsam einstudierter Text.

Vorbereitet.

Auswendig gelernt.

Hören Sie, ja, ich bin dieser Mensch.

Nach meiner Ausführung hat Herr Wasniek wohl noch Fragen: „Sie kommen also ursprünglich aus Hessen. Sind Sie der Heimat noch sehr verbunden?“

Ich verstehe die Frage nicht.

„Deutscher Meister wird nur die SGE!“, sage ich.

Ich habe keine Ahnung für was die Abkürzung SGE steht. Herr Wasniek grinst.

„Viel Erfolg hatten die ja nicht gerade in der letzten Zeit, aber vielleicht können Sie mir von Ihren persönlich größten Erfolgen erzählen.“

Nur eine Antwort, alle Möglichkeiten bereits durchgespielt.

Deshalb das Grinsen.

„Ja, mein größter Erfolg … also ich denke, an jedem Tag kann man doch … erfolgreich sein!“

Das Fiebergefühl hat mein Hirn erreicht.

Auch Herrn Wasniek bleibt die Leere meiner Aussage nicht verborgen.

„Zum Beispiel?“, entgegnet er.

Jetzt bin ich diese Schiene gefahren. Jetzt bleibe ich dabei.

„Dinge, die wir als alltäglich und selbstverständlich wahrnehmen, sollte man doch viel mehr zu schätzen wissen. Auch als persönliche Erfolge, meine ich.“

Ich lege ein Grinsen auf. Gebe dann einen lauten und festen Huster von mir. Der Huster übertönt das Geräusch des Furzes.

„Also, sehen Sie es denn als einen persönlichen Erfolg an, im Supermarkt einzukaufen?“

Meine Darmtätigkeit läuft sich warm. Letzte Ausfahrt Offensive.

„Das Einkaufen selbst ist ja, wenn man es genau nimmt, schon ein Ausdruck der Persönlichkeit. Bei jeder noch so kleinen Tätigkeit, hat man die Möglichkeit, sich selbst zu schulen. Und das kann man an andere weitergeben. Und jedes Gelernte, auch wenn es noch so klein ist, hilft letztlich, den Charakter zu festigen … so würde ich das sehen.“

Zwischen seinen Lippen quillt ein kurzes „Aha, so sehen Sie das“ hervor. Ich antworte mit „Ja“.

Nach kurzer Pause, in der ich krampfhaft versuche, keine Geräusche entweichen zu lassen, hat sich Herr Wasniek offensichtlich erholt.

„Haben Sie denn Ihrerseits noch irgendwelche Fragen an unser Unternehmen oder speziell an mich?“

Große Banner mit der Aufschrift ‚Toilette’ wickeln sich um alle Synapsen meines Hirns.

Ich tue eine Weile so, als würde ich ernsthaft überlegen, dann sage ich:

„Also, wenn ich das mit dem Praktikum mache … Wie sieht es da mit der Bezahlung aus?“

Er nickt.

Falsche Frage. Antworten sind überflüssig.

„Generell sind bei uns die ersten zwei Monate unbezahlt. Wir müssen schließlich erstmal sehen, ob wir überhaupt zueinander passen. In dieser Zeit müssen Sie sich an unser Unternehmen und an uns und wir uns an Sie gewöhnen. Das ist wohl für beide Seiten eine faire Eingewöhnungsphase.“

„Ja, sicherlich, das ist fair“, sage ich.

Herr Wasnieks Augenbrauen, die oberhalb der Nasenwurzel zusammengewachsen sind, scheinen bei meiner Bemerkung für den Bruchteil einer Sekunde leicht nach oben zu springen.

„Ab dem dritten Monat erhalten Sie von uns ein Praktikantengehalt von 300 Euro.“

Fäkalausdrücke in meinem Kopf. Für das angespannte Verhältnis zu dem wichtigsten Teil meines Verdauungstraktes sind meine Gedanken nicht von Vorteil. Wieder muss ich husten.

„Ja, das hört sich doch ganz gut an“, sage ich.

Herr Wasniek öffnet seine auf dem Tisch liegenden Hände, so dass seine Handflächen zur Zimmerdecke zeigen, und sagt:

„Nun, wenn Sie sonst keine weiteren Fragen mehr haben…“

„Nein. Bei mir ist alles klar.“

„…ja, dann können wir das Gespräch hiermit beenden. Wir haben in den nächsten beiden Tagen noch fünf weitere Bewerbungsgespräche. Dienstag nächster Woche werden wir uns dann spätestens bei Ihnen melden.“

Wir stehen von unseren Stühlen auf, geben uns die Hände. Ich sage „Also dann“ und nicke dabei.

Frau Zeulner streckt mir hinter der Rezeption sitzend ihren Kopf entgegen. Sie möchte mir ein freundliches „Auf Wiedersehen und einen schönen Abend noch!“ hinterherwerfen. Doch ich stoppe an der Rezeption. Ich beuge mich leicht über das Pult und sage mit gedämpfter Stimme:

„Einen Gefallen können Sie mir noch tun, Frau Zeulner.“

Sie scheint etwas verwirrt, behält aber ihren professionellen Umgangston.

„Selbstverständlich, wenn ich Ihnen helfen kann…“

Ich rücke noch ein Stückchen näher an Frau Zeulner heran.

„Wissen Sie, die komplette Strecke von Magenpförtner bis zum After ist, glaube ich, prall gefüllt bei mir. Sagen Sie mir doch einfach, wo ich ein geeignetes Sitzporzellan bei Ihnen finden kann … das Kaffeeservice können Sie übrigens wieder abräumen.“

Bei „Bei Toni“, einem Kiosk an der Straßenecke, hole ich mir zwei große Flaschen Oettinger.

Nur eine Antwort, alle Möglichkeiten bereits durchgespielt.

Toni ist heute eine Frau, Ende zwanzig, mit blau lackierten Fingernägeln, auf denen rote Sterne abgebildet sind. Sie schaut mich nicht mal an, als sie mir das Wechselgeld gibt. Auch als sie meiner Bitte nachkommt, eine Flasche direkt zu öffnen, löst sie ihren Blick nicht von dem kleinen Bildschirm, der hinter der Theke direkt hinter dem Kaugummiregal steht. Zwischen Hubba Bubba und Spearmint sehe ich ein flackerndes Bild. Eine Stimme aus dem Fernsehgerät sagt: „Aber Amy, du musst es nur wollen.“ Ich nehme noch ein Päckchen Wrigley’s Dental und sage zu Toni:

„Wrigley wollte nur Seife verkaufen und dann Backpulver. Kaugummi kam erst viel später. Es war nur die dritte Wahl.“

Aber Toni nickt und grinst nur.

Es regnet noch immer, als ich aus dem Kiosk hinaustrete, aber meine nassen Füße machen mir nichts mehr aus. Ich nehme einen Schluck aus der Flasche, lege meinen Kopf in den Nacken und schließe die Augen. Mein Gesicht wird feucht. Und alles, was ich möchte, ist zurück in den Stadtbus. Zurück in den Viehtransporter. Und diesmal werde ich nicht aussteigen. Erst an der Endstation, wenn wir am Schlachthof angekommen sind. Dann sollen sie ruhig kommen mit ihren Kettenhemden und blutverschmierten Gummischürzen. Mit ihren Elektrotreibern und Gummistiefeln. Sie zeigen mir und den anderen den Weg, die große Halle und das Bolzenschussgerät. Und ich weiß, dass ich hier Zuhause bin, weil ich hier gebraucht werde.

zwei

Keine 24 Stunden, die zwischen dem Bewerbungsgespräch und der Absage liegen. Per Mail.

Der Segen der digitalen Welt.

Portosparend. Papiersparend.

Vorteile im harten Wettbewerb. Und Vorteile bedeuten Einsparungen. Auch für mich hat die Geschwindigkeit einen Vorteil. Der Aufbau einer unnötigen Hoffnungsdramaturgie entfällt.

Absage im HTML-Format. Mit eingebautem Logo. Wenn schon per Mail, dann mit grafischem Geschmack. Wobei sich über den natürlich streiten lässt, aber schließlich zählt der Wille. Nur leider nicht bei Bewerbungen. Da zählen andere Qualitäten, die sich gerade eben nicht in individuellen Qualitäten ausdrücken. Aber ich bin kein Arbeitgeber. Und wer weiß, wie ich entscheiden würde? Ich atme ruhig und langsam und tief und überdeutlich. So versuche ich, keine Aufregung aufkommen zu lassen. Es sind die anderen, die einen Fehler gemacht haben. Das müssten sie eigentlich wissen. Merken sie aber meistens nicht und wenn, dann wohl zu spät, und dann merke ich nichts davon. Aber ich weiß ja, dass es niemand böse mit mir meint und schon gar nicht persönlich, sondern wir alle bestimmten Zwängen unterliegen, nach denen wir entscheiden müssen. Gesetz des Kapitals, nennt das Marx. Und so gesehen, wird doch alles schon wieder menschlich, weil eigentlich haben wir ja nichts gegeneinander. Im Gegenteil: Wir benötigen uns. Und wäre da nicht … ja, wäre da nicht … Aber so ist das eben. Und deshalb lese ich die Mail noch ein zweites Mal:

„Auf diesem Wege möchten wir uns nochmals für Ihre Bewerbung und das damit verbundene Interesse an unserem Unternehmen bedanken.

Leider müssen wir Ihnen heute mitteilen, dass sich momentan keine vakante Stelle hinsichtlich Ihrer Bewerbung abzeichnet. Zur Besetzung unserer Praktikantenstelle haben wir uns für einen Mitbewerber entschieden.

Bitte sehen Sie in unserer Absage kein Werturteil über Ihre persönliche oder fachliche Qualifikation.

Da Ihre Bewerbungsunterlagen aber einen positiven Eindruck bei uns hinterlassen haben, würden wir diese gerne in unserem Unternehmen behalten, um möglicherweise in Zukunft auf Sie zurückzukommen. Wir wünschen Ihnen für Ihre weitere Suche viel Erfolg und persönlich alles Gute.

M & H & b/w, Personalabteilung, Irmgard Fruchtal“

Herr Wasniek hat mir nicht selbst die Abfuhr erteilt. Eine Frau Fruchtal übernahm das. ‚Nun gut, aber vielleicht geht da ja in Zukunft was’, denke ich und beginne mich auch gleich, für den Gedanken zu schämen. Meine Bewerbungsmappe mit den Klarsichtfolien bekomme ich auch nicht wieder.

Wäre ich Raucher, würde ich mir zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich eine Zigarette anzünden. So oder so. Bis zu meinem Tod werde ich 88 287 Zigaretten rauchen.

Ich muss jetzt erst mal Kamillentee kochen, denn ich verspüre ein Übelkeitsgefühl, was ich so gar nicht gebrauchen kann. Ich muss meinen Magen beruhigen, und das geht mit Kamillentee. Selbst wenn man noch überhaupt nicht krank ist, versprüht der Duft gekochter Kamille das Gefühl, auf dem Weg der Besserung zu sein. Und das brauche ich jetzt.

In der Küche kann ich allerdings keinen finden. Ich habe nur Hagebutten- und Früchtetee und entscheide mich für die Hagebutte. Möglich, dass die auch beruhigt. Aber weil ich gute zehn Minuten damit verbracht habe, nach Kamillentee zu suchen – in der falschen Annahme, dass in der Nische meiner Küche, in der ich ein IKEA-Kellerregal mit dem nordischen Namen Stem (wobei man das E wahrscheinlich betont als wäre es ein doppeltes) aufgebaut habe, noch einer sein müsste -, fällt mir auf, dass ich insgesamt etwas spät bin. Bis das kochende Wasser abgekühlt ist, kann ich nicht warten. Ich hab’s eilig. Ich muss ins Kino. Also fülle ich einen Becher mit warmem Leitungswasser. Der Nachteil dabei ist, dass mein Leitungswasser eher nach Blei als nach Wasser schmeckt. Keine Ahnung wie alt die Rohre sind. Dem Geschmack nach könnten sie aus dem Ende der Kaiserzeit stammen. Aber wenn man’s eilig hat, dann schmeckt das schon. ‚Das wird schon gehen’, denke ich und hänge den Hagebuttenbeutel in den Becher, lasse aber das Seil, an dem das Pappschild mit der Aufschrift ‚Red Moon – sinnliche Hagebutte’ angebracht ist, nicht los. Ich ziehe den Beutel in Kreisform durch das Wasser, hebe ihn an und lasse ihn wieder fallen. Das mache ich dreimal. Dann muss gut sein. Das Ziehenlassen kann man abkürzen. Rationalisierungsmaßnahmen eben. Den Beutel schmeiße ich in die Spüle, die von einer weiß gestrichenen Sperrholzkonstruktion gehalten wird. Auf einer Seite befindet sich ein Plastikgriff, so klein, dass man ihn nur zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfingerspitze anfassen kann, um die Tür aufzuschieben. Aber da unten ist es ohnehin nicht besonders ansehnlich. Deswegen habe ich dort Plastiktüten und Klopapierrollen auf Vorrat. Vielmehr passt auch nicht rein. Ist eben alles sehr niedrig gehalten hier. Ich nehme einen Schluck meines lauwarmen Hagebuttentees, stelle aber leider fest, dass ich einen rostigen Rohrgeschmack im Mund habe und von der Hagebutte nicht viel übriggeblieben ist. Um mich zu versichern, dass dies nicht nur ein erster Eindruck ist, nehme ich noch einen weiteren Schluck. Ich überlege, ob man sich an diesen Geschmack gewöhnen könnte. Den Rest des Getränks kippe ich in die Spüle.

Ich renne in mein Zimmer zu meinem kleinen Schrank, nehme eine schwarze Hose und das weiße Hemd mit der rosafarbenen Aufschrift heraus und mache mich auf den Weg.

drei

Es sind Fetzen. Sie rasen entlang meiner Hirnsynapsen wie Begrenzungspfosten entlang einer Leitplanke während einer schnellen Fahrt auf der Autobahn. Sie hämmern von innen gegen die Stirn. Bilder vergilbter Vorhänge, Grabsteine, Briefkuverts, Zeigefinger, Ledertaschen und ein diffuses Gefühl von Stolz und Abneigung.

Es gibt hier keine Enten. Das ist das erste, was mir auffällt. Ich trage bunte Kinder-Gummistiefel und einen grünen Hut. Genauso einen wie mein Vater. Nur eben kleiner. In seinem grünen Ganzkörperoverall sieht er aus wie ein Inventar des Waldes. Wir sitzen auf Klappstühlen in der Mitte einer Landzunge, die zwei Teiche voneinander trennt.

„Es ist Karpfenzeit“, sagt er.

Mein Vater hält seine Angel in einen der Teiche. Wir sind zum ersten Mal gemeinsam hier. Ich mag es, neben meinem Vater zu sitzen, ich mag die Ruhe, den Duft, die Geräusche aus dem Wald am Rand des Wassers. Er denke, es sei eine gute Idee, wenn Vater und Sohn mal fischen würden, sagte er. Er denke, in der Natur lerne man sich selbst am besten kennen, sagte er.

Wir sitzen schweigend nebeneinander. Nach einer Weile schaut er zu mir herüber.

„Ist alles in Ordnung?“

Ich nicke. Mein Kopf fühlt sich leicht an wie ein Ballon oder irgendetwas in der Art, schwerelos und unbeschwert. Und mein Vater legt seine rechte Hand auf meinen linken Unterarm.

Nach ungefähr einer halben Stunde Stille dreht sich mein Vater wieder zu mir. Er deutet auf die Angel.

„Willst du?“

Und ob ich will, ich bin freudig erregt. Wir tauschen unsere Plätze. Obwohl die Angel eine Halterung im Boden hat, halte ich sie mit beiden Händen.

Nichts geschieht. Weitere zwanzig Minuten vergehen. Das Wasser ist ruhig, und wir sitzen schweigend nebeneinander. Gerade als sich mein Griff lockert, sehe ich, den Schwimmer abtauchen. Im Bruchteil einer Sekunde verspüre ich einen Ruck an der Angel, die sich vornüberbeugt und an mir zieht. Ich falle zwei Schritte nach vorne, stemme meine Fersen in den Boden, rutsche aber weiter Richtung Wasser. Mein Vater springt von seinem Stuhl auf, der nach hinten wegkippt. Der Schwimmer taucht auf und wieder ab.

„Hol ihn dir“, ruft mein Vater, „dreh an der Winde!“

Ich sehe die Kurbel an der rechten Seite, nehme eine Hand von der Angel und beginne zu kurbeln. Der Widerstand wird größer, meine Hände schmerzen, aber ich drehe und drehe.

„Gut so, Junge!“

Weiter immer weiter. Ich spüre den Puls an meiner Halsschlagader, das Pochen meines Herzes.

„Zeig mir, dass du es schaffst!“

Mein linker Arm ist taub, die rechte Hand kurbelt gegen den Druck an. Ich beiße meine Zähne aufeinander bis die Kiefermuskulatur krampft. Der Kopf des Fischs taucht auf.

„Schnapp ihn dir!“

Eine euphorische Welle durchspült meinen Körper. Ich packe die Kurbel noch fester, drehe als würde es um mein Leben gehen. Der Körper des Fisches hängt über dem Wasser. Er zappelt, aber ich spüre keine Kurbel mehr, keinen Widerstand. Und dann taucht er plötzlich wieder ein. Der Fisch verschwindet unter der Wasseroberfläche und zieht die Angelschnur einfach mit sich. Ich schaue auf meine rechte Hand, die noch immer ihre Kreise dreht und die Kurbel fest umklammert. Aber da ist nur noch der Griff, den ich halte. Er hat sich von der Winde gelöst, die zurückschnallt und das Seil unaufhörlich freigibt. Mein Vater versucht, die wegrasende Schnur zu packen, lässt sie jedoch sofort wieder los, als sie in seine Handfläche schneidet. Mein Kopf dröhnt, es gibt keine äußeren Geräusche mehr.

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