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Avanti Amore

Über die Autorin

Dana Phillips, geboren 1980 in Kronberg im Taunus, hat Ökotrophologie studiert und im Anschluss eine Journalistenschule besucht. Sie arbeitet als freie Journalistin für verschiedene Zeitschriften und lebt in Berlin. Dana Phillips verbringt ihre Freizeit mit Fotografieren und kocht gern.

Mehr über die Autorin auf www.dana-phillips.com

BASTEI ENTERTAINMENT

Wie alles begann …

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Auf den ersten Blick scheint es vielleicht unverständlich, weshalb ich ausgerechnet nach Italien reisen muss, um den perfekten Mann zu finden. Dabei ist die Sache ganz einfach: Ich lebe in Berlin, und zwar als Single – genauer gesagt, als Langzeitsingle. Denn in der Hauptstadt begegne ich ständig Männern, denen ich rückblickend betrachtet besser aus dem Weg gegangen wäre. Mal ehrlich, deutsche Männer halten einer Frau doch nur noch die Tür auf, wenn sie am Morgen danach gehen soll! Oder sie verwechseln »Frauen Aufmerksamkeit schenken« mit »auf die Brüste starren«.

Solche Männer sind von dem sensiblen, verständigen italienischen Caprifischer, mit dem ich einst in Mädchenträumen in den Sonnenaufgang gesegelt bin, so weit entfernt wie Rolf Eden vom jungen Frank Sinatra.

In Berlin habe ich alte, dickbäuchige Knollnasen getroffen, die bei Konopke in der Warteschlange der besten Currywurst der Stadt entgegenfiebern. Ich bin arbeitslosen, profilneurotischen Schauspielern oder besser profilneurotischen Kellnern begegnet, die gemeinsam mit monologisierenden Philosophen die Kastanienallee entlangschlendern. Regelmäßig sehe ich glatt gebürstete Anwälte in maßgeschneiderten Anzügen, die voller Vorfreude auf ihr Büro und die kommende Wochenendarbeit in handgenähten Lederschuhen die Friedrichstraße entlangeilen. Ihren Blick haben sie stets auf die teure Armbanduhr gerichtet, während die blau-rot gestreifte Krawatte im Wind flattert.

In den Cafés und Galerien von Berlin-Mitte plaudere ich mit den jungen Kreativen, die vor ihrem MacBook sitzen und via Skype neue Projekte mit Freunden in Shanghai oder Tokio entwickeln. Den obligatorischen Schal tragen sie in einer derart raffinierten Art und Weise um den Hals geschlungen, dass ich vermute, sie haben gemeinschaftlich einen Seemannsknoten-Kurs belegt. Ich bin in die Bars an der Torstraße eingekehrt, wo die coolen Adriano-Goldsmith-Jeans-Träger mit den passenden Retro-Nike-Sneakers ihren Wodka flaschenweise erwerben. Manchmal kreuzten meine Wege die konservativen Münchner oder Hamburger, die kariertes Hemd und Jackett tragen – oder, wenn sie sich in der Hauptstadt akklimatisiert haben, Lederjacke und Neuauflage der 70er-Jahre-Nerd-Brille.

Auf dem Campus der Humboldt-Universität ist mir der vom stundenlangen Bibliotheksaufenthalt blass gewordene, verständige Nordic-Walking-Rucksackträger über den Weg gelaufen, der sich soeben für den Berliner Halb-Marathon angemeldet hat. Und am Potsdamer Platz stolpere ich regelmäßig über Unternehmensberater, die zwar behaupten, auf Frauen in Führungspositionen zu stehen, aber damit eigentlich nur meinen, dass wir beim Sex oben sitzen sollen. Alles in allem also ein Strauß bunter Vielfalt, doch für mich scheint einfach kein passender Mann dabei zu sein.

Mir bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich gehe davon aus, es liegt an mir – dann könnte ich gleich aus dem Fenster in den Vorgarten springen –, oder ich schiebe die Schuld einfach den deutschen Männern in die Schuhe. Und träume von einem Ort, an dem alles besser ist.

Ich entscheide mich für Variante B: Und der Ort, von dem ich träume, heißt Italien. In einem Land, in dem die Zitronen blühen und reife Feigen an den Bäumen hängen, müssen doch rein theoretisch auch die Männer einen höheren Reifegrad besitzen. Immerhin sagt man den Italienern nach, sie seien romantisch, zuvorkommend, gut aussehend, leidenschaftlich – die perfekten Verführer. Und damit stehen sie im Vergleich mit den anderen europäischen Männern ziemlich alleine da. Der Italiener, ein Ausreißer in der Evolution. Ich glaube, Biologen sprechen sogar von einem Superstimulus.

Was mein Leben und Lieben in Deutschland betrifft, habe ich mich bisher mehr oder weniger an das italienische Sprichwort Meglio sola che male accompagnata gehalten. Was so viel heißt wie: »Lieber allein als in schlechter Gesellschaft.« Ein ehrenwertes Credo, aber langweilig ist es leider auch.

Meine letzte nennenswerte Beziehung liegt vier Jahre zurück. Herrn Taube, so nenne ich meinen Verflossenen im Stillen, weil er als erklärter Narziss stets eifrig damit beschäftigt war, die Brösel von Anerkennung aufzupicken, die ihm andere zuwarfen, habe ich nach zweijähriger Beziehung verlassen. Still und heimlich. Während Herr Taube in der Tausend Bar an der Friedrichstraße damit beschäftigt war, Brosamen vom Parkett zu schnäbeln, die ihm ein paar Damen von den Barhockern aus zuwarfen, zog ich vorübergehend zu meiner besten Freundin Ellen und ihrem Mann Christopher. Merkwürdigerweise habe ich von Herrn Taube seit meiner nächtlichen Flucht nie wieder etwas gehört. Kein Wehklagen, kein Widerspruch, keine wüsten Beschimpfungen, keine Frage nach dem Warum. Er reagierte, ganz untypisch für sein elaboriertes Wesen, mit lautem Schweigen. Vielleicht hat er aber auch nur bis heute nicht bemerkt, dass ich nicht mehr da bin.

Seit Herr Taube aus meinem Leben verschwunden ist, habe ich ein Faible für charmante Psycherl und emotionale Analphabeten entwickelt.

Von Zeit zu Zeit frage ich mich natürlich, ob ich mich nicht, frei nach dem Motto »Gleich und gleich gesellt sich gern«, in dieselbe Kategorie einreihen müsste. Aber Ellen versichert mir dann immer überzeugend, dass ich, von kleineren seelischen Schäden, die ich über die Jahre davongetragen habe, einmal abgesehen, durchaus vorzeigbar und nur im üblichen Maße gestört bin. »Verrückt bist du nicht«, pflegt sie zu sagen, wenn sie mir gegenüber beim Latte Macchiato sitzt. »Du bist halt nur eine verrückte Nudel.« Und sie lacht jedes Mal schallend über ihren eigenen abgedroschenen Witz.

Ich selbst halte mich für ziemlich durchschnittlich, und zwar in allen Belangen. Blond, vorzeigbar, vielleicht nicht ganz so dünn wie die typischen Berlin-Mitte-Mädchen in ihren Skinny-Jeans, aber sportlich, gebildet, meistens gut gelaunt, grundsätzlich selbstständig, ein bisschen zurückhaltend vielleicht. Und vor allem hoffnungslos romantisch. Aber wegen dieser Eigenschaften fällt man doch als deutsche Frau nicht gleich in die Kategorie »schwer vermittelbar«! Ich vermute also vielmehr, die deutschen Männer haben schlicht und ergreifend Besseres zu tun, als mir den Hof zu machen. Vielleicht schwimme ich auch nur im falschen Teich, ein Goldfisch unter Flundern? Bin ich zu anspruchsvoll? Oder ist der Wunsch nach mehr Romantik nicht mehr zeitgemäß? Was auch immer für meine missratene Partnerschaftsbiographie verantwortlich ist, Fakt ist: Beim Abendessen zu meinem 30. Geburtstag ist der Platz an meiner Seite leer: Da sitze ich also an der festlich gedeckten Tafel, umgeben von Pärchen, meinem schwulen Freund Clemens und meiner Chefin Carla, ebenfalls Single, die im Gegensatz zu mir ganz freiwillig und mit guter Laune alleine ist – das behauptet sie zumindest. Ich bin ohne Mann glücklich!, sagt sie mindestens zweimal täglich, aber ich glaube ihr kein Wort, vermutlich steht sie jeden Tag sabbernd vor dem George-Clooney-Bravo-Starschnitt.

»Auf dich, meine Liebe – jetzt beginnt ein neues Jahrzehnt – das Beste! Das lass dir gesagt sein. Immerhin bin ich schon fünfzehn Jahre älter!« Ellen prostet mir zu.

»Danke.« Mit leicht gezwungener Fröhlichkeit hebe ich mein Glas. »Du meinst, ein tolles neues Jahrzehnt, in das ich alleine starte und das ich, wenn ich Pech habe, auch alleine wieder verlasse?«

»Ach was.« Ellen winkt ab. »Sieh dich an: selbstständig, erfolgreich, gutaussehend. Den Richtigen wirst du schon noch finden.«

»Den Richtigen! Wer braucht denn den Richtigen!«, empört sich Carla. »Die Zeiten sind vorbei, in denen wir uns über Männer definiert haben. Außerdem musst du ein wenig Geduld mitbringen und bis Mr. Right auftaucht, einfach dein eigenes Ding machen. Oben wird die Luft bekanntlich dünn, zumindest wenn man sich intellektuell nicht nach unten orientieren will. Da kann es dauern, bis ein passender Kandidat auftaucht.«

»Vielleicht bist du zu anspruchsvoll.« Marie, die mir gegenüber neben ihrem Mann Tom sitzt, schaut mich mitleidig an, während sie mit den Fingern über seinen behaarten Unterarm streicht. »Ich bin jedenfalls froh, dass ich das alles nicht mehr mitmachen muss.«

»Ach was.« Clemens, selbsternannter Männerkenner und -verehrer, fällt Marie ins Wort. »Ich glaube, die deutschen Männer passen einfach nicht zu Dana. Dana braucht einen Mann mit Klasse. Jemanden, der weiß, wie man eine Frau erobert. Einen Mann mit Stil. Das haben die Deutschen nicht im Blut. Zumindest Heterosexuelle stolpern unbeholfen von einer Verabredung zur nächsten, und Frau kann froh sein, wenn Mann dabei nicht all zu viel Schaden anrichtet.«

»Bitte?« Christopher, Ellens Mann, stellt schwungvoll sein Glas auf den Tisch. »Du wirst doch wohl nicht ernsthaft den deutschen Männern die Schuld an Danas Unglück geben.«

»Clemens! Da ist was dran!« Ich ignoriere Christophers Einwurf. »Mal ehrlich – wo sind sie denn hierzulande, die Männer, die uns Frauen noch umwerben, sich Mühe geben, uns zu erobern?« Ich blicke auffordernd in die Runde.

»Na hier!« Christopher zeigt auf seine Brust.

»Ja sicher. Aber dass du Ellen umworben hast, das ist zwanzig Jahre her. Damals war alles anders. Da standen die Männer noch mit einer Gitarre unter dem Fenster.«

»Das gibt es heutzutage nur noch in Südamerika oder Südeuropa.« Carla greift über den Tisch und bricht sich ein Stück Brot ab. »Die Italiener zum Beispiel, die sind noch romantisch.«

»In der Tat …«, wirft Ellen ein. »Die sind zwar hochgradig eifersüchtig, aber wenigstens zeigen sie dir, dass du ihnen wichtig bist.« Energisch gibt sie Christopher mit dem Ellenbogen einen Stups in die Seite. »Die besitzen noch Leidenschaft. Davon könntest du dir eine Scheibe abschneiden.« Christopher rollt mit den Augen.

»Ihr meint, Dana muss nur in den Süden fahren und schon weiß sie sich vor Verehrern nicht mehr zu retten? So einfach soll der gordische Knoten im Liebesleben von Frau Phillips zu lösen sein?«

»So ein Unfug!« Tom zieht seinen Arm unter Maries Hand hervor und greift nach seinem Wein. »Männer sind alle gleich. Wenn ein Mann sich Mühe gibt, will er eh nur das Eine. Dass ihr Frauen das nicht verstehen wollt.«

»Das glaube ich nicht!«, wirft Ellen ein, und Christopher, Privatdozent für Soziologie, pflichtet ihr bei: »Selbstverständlich gibt es nationale Unterschiede. Dazu gibt es doch jede Menge Studien. Ich bin mir sicher, der Italiener balzt anders als der Deutsche. Genauso wie der finnische Mann anders gestikuliert als der serbokroatische. Und selbstverständlich gibt es Länder, in denen man besser mit Frauen umgeht als in anderen Gegenden dieser Erde. Ich sage nur: Burka-Pflicht! In Europa sind die Unterschiede natürlich im Vergleich nur marginal. Da ist es dann einfach Geschmackssache, ob man besser mit den Polen oder den Portugiesen zurechtkommt.« Er bewegt ruckartig den Kopf in meine Richtung. »Dana, was denkst du: In welchem Land verführen die Männer die Frauen am besten?«

»Italien!«, rufe ich ohne nachzudenken aus einem Impuls heraus. Ich klinge ungewohnt bestimmt, obwohl ich selbst nicht einmal genau sagen könnte, weshalb mir ausgerechnet die Italiener als Inbegriff der Männlichkeit erscheinen.

Tom verdreht die Augen. »Das war klar! Was finden Frauen an den Italienern? Ich kann das nicht verstehen! Ich hab in New York mit einem von denen zusammengelebt. Der hat jeden Tag mindestens eine Frau nach Hause gebracht. Und die sind auch noch alle mit ihm ins Bett gegangen, nur weil er mit diesem affigen italienischen Akzent Englisch gesprochen hat.« In Toms Stimme liegt ein verächtlicher Tonfall, als er seinen Mitbewohner imitiert. »›You looke so grrreate!‹ Klang total bescheuert, aber die Frauen fanden das süß. Obwohl der Typ aussah wie ein junger Berlusconi. Von den zurückgegelten Haaren bis zu seinem schmierigen Lächeln. Mit dem Unterschied, dass ihm nicht halb Italien gehörte, sondern nur ein alter Fiat Punto!«

»Na und?«, antworte ich. »Genau deshalb gefallen mir die Italiener. Die haben vielleicht am liebsten Sex, Deutsche haben nur am liebsten Recht!«

»Ich für meinen Teil glaube«, schaltet sich Marie ein, »dass an dem Vorurteil, dass Italiener besser mit uns Frauen umgehen können, was dran ist. Und Dana kann ich mir ziemlich gut an der Seite eines Südländers vorstellen.«

»Ich auch!« Dass Ellen Marie zustimmt, hat Seltenheitswert. Mir hingegen scheint dieses Geplänkel wenig zielführend.

»Das ist ja eine nette Idee, aber woher soll ich jetzt bitte einen Italiener nehmen? Ich kann mir ja schließlich keinen Latin Lover aus Pizzateig kneten!«

»Wisst ihr was?« Carla, meine Chefin, kreative und leidenschaftliche Leiterin der Komplizin, einem angesehenen Frauenmagazin, für das ich seit zwei Jahren arbeite, schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ich habe eine Idee! Wir bringen das als Sommerreportage. Dana auf der Suche nach l’amore. Wir schicken dich auf eine Rundreise von Norden nach Süden, von Como bis Capri. Und du schaust, wie die Männer im Land, in dem die Zitronen blühen, ticken. Und ob sie wirklich dem Klischee entsprechen.«

»Bitte sag, dass du das nicht ernst meinst.« Irritiert blicke ich meine Chefin an.

»Natürlich ist das mein Ernst! Das ist ein super Sommerthema. Das machen wir.« Carla steckt sich die Gabel in den Mund und kaut genüsslich auf einem Stück Saltimbocca.

»Auf keinen Fall«, wehre ich ab. »Ich gehe doch nicht mit meinem Privatleben hausieren!« Nach Unterstützung heischend blicke ich in die Runde – vergeblich. Die Geburtstagsgesellschaft hat offensichtlich Gefallen an dieser absurden Idee gefunden.

»Privatleben? Gibt es bei uns nicht, das weißt du doch.« Carla verschränkt die Arme vor der Brust. »Das ist ein Auftrag. Ganz offiziell – und nicht mal schlecht bezahlt.«

»Von wegen Auftrag. Ein Auftrag, bei dem ich meine Männersuche öffentlich machen soll. Und am Ende bin ich die, die keiner will!«

»Ach was! Wir haben doch schon festgestellt, dass die Italiener die charmantesten Männer Europas sind. Was soll denn da schiefgehen?« Sie mustert mich mit eindringlichem Blick, als sei sie auf Fleischbeschau. Dann sagt sie mit einem Augenzwinkern: »Da bekommst sogar du einen ab.«

»Na danke. Wenn die Aussichten in Italien tatsächlich so gut sind, wie wir es uns in unserer Phantasie ausmalen, weshalb fährst du dann nicht selbst?!«, entgegne ich und denke im selben Moment, dass ich vielleicht etwas zu weit gegangen bin. Immerhin ist Carla nicht nur eine Freundin, sondern auch meine Chefin.

»Mädels! Entspannt euch!« Tom versucht zu schlichten, doch Carla nimmt ihn kaum wahr.

»Wenn ich hier nicht eine ganze Redaktion zu leiten und die Sommerbeilage zu stemmen hätte, wäre ICH ganz bestimmt schon längst auf dem Weg Richtung Capri.« Sie schweigt eine Minute. Dann wiederholt sie den Inselnamen noch einmal, dieses Mal mit der samtigen Stimme einer schnurrenden Katze. Irgendwie erinnert sie mich an Ka, die Schlange aus dem Dschungelbuch, die gerade versucht, ihr Opfer per Hypnose willenlos zu machen.

»Capri … da musst du hin. Ach, ich wünschte, ich könnte den Job selber machen«, schnurrt KA-rla.

»Dann mach ihn doch selber. Gib die Sommerbeilage ab. Jetzt mal ernsthaft. Ich alleine in Italien … noch dazu bin ich die schlechteste Autofahrerin der Welt und im Ausland ziemlich lebensunfähig …«

Ellen kichert und mischt sich wieder in die Diskussion ein. »Hauptsache, du nimmst dein Navi mit, bei deiner Orientierung landest du sonst noch in Kroatien. Und merkst es wahrscheinlich noch nicht mal«, lacht sie und verschluckt sich fast an einem Salatblatt.

»Sehr witzig. Aber da ist was Wahres dran. Ich fahre nicht gern Auto, alleine schon gar nicht. Ich spreche nicht gern Leute an, ich bin einfach mehr die Beobachterin …«

»Nun mach aber mal einen Punkt!« Carla ist unerbittlich. »Du bist doch kein Kleinkind mehr. Ich dachte, du willst Journalistin sein. Wenn du irgendwann von der redaktionellen Mitarbeiterin zur Redakteurin aufsteigen möchtest, dann komm mir hier bloß nicht mit schüchtern! Du machst den Job! Und wenn ich dich persönlich über den Brenner tragen muss. Du kannst mir die Freundschaft kündigen und fährst, oder du bleibst hier und ich kündige dir den Job. Basta!« Ihre Augen funkeln abenteuerlustig, als sie ihr Glas Rotwein hebt, triumphierend in die Runde blickt und in einer Lautstärke, die garantiert eine Lärmbeschwerde der Nachbarn nach sich ziehen wird, ruft: »Avanti Amore!«

Do Italians better?

Oder … wie wir uns den italienischen Mann vorstellen

Eine Kolumne von Dana Phillips

Liebe Komplizinnen! Ab jetzt machen wir uns gemeinsam auf den Weg durch Italien und knöpfen uns die Italiener vor! Wir finden heraus, wie sie ticken und ob sie wirklich das Zeug zum Traummann haben. Erstmal aber eine Frage an Sie: Wie stellen Sie sich den uomo ideale, den idealen Mann vor? Falls er auch in Ihren Träumen Italiener ist, trägt er vielleicht einen klangvollen Namen wie Gianni Versace, Giorgio Armani, Roberto Cavalli oder Valentino Garavani. Dann träumen Sie wahrscheinlich auch vom Stilgefühl und den perfekten Verführungskünsten des italienischen Gigolos? Wenn dem so ist, dann fragen Sie sich einmal, warum. Denn das Bild, das Sie vom Italiener haben, ist keineswegs zufällig entstanden. Im Gegenteil. Dafür, dass Frauen wie wir im 21. Jahrhundert immer noch von den Italienern träumen, ist vor allem ein Mann verantwortlich: Giacomo Casanova, der berühmte Verführer aus dem 18. Jahrhundert. Sein Gen-Material hat er damals so fleißig über gesamt Italien verteilt, dass es vermutlich bis heute vererbt wird. Oder wie ließe es sich sonst erklären, dass ein Mythos über Dekaden am Leben bleibt? Prominente Italiener wie Flavio Briatore und Riccardo Scamarcio sorgen weiterhin dafür, dass der Ruf ihrer Landsmänner erhalten bleibt. Der Italiener gilt allgemein immer noch als ausgesprochen gut aussehend, gepflegt, braungebrannt, geschmackvoll gekleidet, redegewandt und vor allem eins: hoffnungslos romantisch. Seine Sprache klingt weich und sexy, er kann fantastisch flirten, macht uns originelle Komplimente, ist auffällig charmant, verständnisvoll, legt uns Italien von der Spitze bis zum Stiefel zu Füßen und bedenkt uns mit den schönsten Liebeserklärungen. Kurz: Er gibt uns das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein. Hält der moderne Italiener einmal nicht, was Giacomo Casanova einst versprach, dann unterstellen wir ihm in alter Treue einfach einen schlechten Tag.

Dennoch gilt: Nobody is perfect! Ein paar kleine Makel sagt man daher selbst dem italienischen uomo ideale nach: Wer etwas Ernstes will, bekommt nicht nur einen italienischen Mann, sondern gleich die ganze Sippe mit dazu – allen vorweg la mamma. Die wichtigste Frau im Leben eines italienischen Traummanns kommt natürlich nicht allein: Sie bringt diverse Geschwister, Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins mit. Aber dieses kleine Manko gleichen die Qualitäten Ihres Latin Lovers natürlich aus. Denn obwohl er seine Familie niemals für Sie fallen lässt, wird er Sie stets auf Händen tragen. Schließlich liebt der Italiener nichts so sehr wie la dolce vita, gutes Essen, guten Wein und guten Sex.

Sie sind skeptisch? Das klingt zu schön, um wahr zu sein? Dann begleiten Sie mich einfach auf meiner Reise, und finden Sie gemeinsam mit mir heraus, was dran ist an diesem Bild des italienischen Traummanns. Alesha Dixon sang zu ihrer Zeit: »Italians do it better!« Ist das so? Do Italians better? Ich werde prüfen, ob der Italiener hält, was die Fassade verspricht, und ob er tatsächlich den deutschen Mann im internationalen Ranking auf einen der hinteren Plätze verweist.

Avanti Amore! Ihre Dana.

1. Milano

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Getränk: Spritz to go statt Coffee to go

Freund des Tages: Luigi, der Parkwächter

Place to be: Der Imbiss am Dom

Erkenntnis: 12-cm-Highheels sind Pflicht

Meine erste Begegnung mit einem uomo italiano findet auf der Autobahn kurz hinter der italienischen Grenze statt. Ich beobachte in meinem Rückspiegel, wie sich ein Fiat-Fahrer mit seinem Wagen zwischen mich und einen gelben Porsche schiebt, der mir schon die ganze Zeit fast auf der Stoßstange klebt. Es ertönt ein lautes Hupen, ja ein regelrechtes Hupkonzert. Kaum befinde ich mich auf italienischem Boden, schon ist das Chaos auf den Straßen ausgebrochen. Es ist warm, das T-Shirt klebt an meinem Rücken. Ermattet tupfe ich mir den Schweiß von der Stirn. Hochsommer-Hitze wabert durch das heruntergekurbelte Fenster in den Innenraum meines Wagens, wo ich mutterseelenallein vor mich hinschwitze. Trotz des dichten Verkehrs fühle ich mich einsamer als Karadzic in seiner Einzelzelle. Am liebsten würde ich umkehren. Innerlich wehre ich mich noch immer gegen die Idee, alleine durch Italien zu reisen, aber ich habe einfach zu lange darauf gewartet, endlich eine große Reportage für unser Magazin zu schreiben, um diesem Impuls jetzt nachzugeben. Um mich selbst zu motivieren, habe ich mir einen männlichen Begleiter gesucht, zumindest einen imaginären. Gefunden habe ich ihn in meiner Erinnerung, in meiner Kindheit. Denn ich kenne ihn ja schon, den perfekten Mann. Er heißt Mario und ist Italiener. Ich war zwölf und Mario dreizehn, und wir haben die Sommerferien gemeinsam auf einem sizilianischen Ferienhof verbracht – unter Pinien, mit pasta und pomodori. Während Mario mich mit den schönsten braunen Augen der Welt ansah, spielte er mir auf seiner Gitarre italienische Schnulzen vor. Eigentlich stand ich damals eher auf Pop, aber beeindruckt hat es mich trotzdem, zumindest so sehr, dass er mir den ersten Kuss meines Lebens geben durfte – ein einschneidendes und nachhaltiges Erlebnis. Zum Abschied überreichte mir Mario eine Kassette, einen selbst zusammengestellten Mix seiner italienischen Lieblingssongs. Ich habe sie aufgehoben, bis heute. Jetzt dröhnen die Lieder digitalisiert auf CD aus meinem Radio: Jovanotti: Serenata rap, Eros Ramazotti: Se bastasse una canzone und Vasco Rossi: Gli spari sopra. Auf meinem Armaturenbrett klebt das einzige Foto, das ich von Mario besitze. Leicht verblasst zeigt es ihn auf einem Baumstumpf sitzend, eine Hand hat er in das Fell eines Hundes vergraben, der hechelnd neben ihm steht. Die Rasse ist selten, ein italienischer Lagotto Romagnolo, der ursprünglich zur Trüffelsuche gezüchtet wurde. Das bellende Trüffelschwein ist braun-beige gefleckt, es hat genauso krause Locken wie Mario. Ob mein Jugendfreund auch eine Vorliebe für Trüffel hat?

Merkwürdigerweise habe ich in den vergangenen Jahren nicht ein Mal an ihn gedacht, aber an dem Abend meines 30. Geburtstags, nach dem Gespräch über die Italiener, habe ich von ihm geträumt und mich daran erinnert, dass gli italiani schon immer charmanter und vor allem fantasievoller waren als die Deutschen.

Mein Blick fällt erneut auf das Foto. Wie unschuldig wir beide doch damals noch waren. Wir hatten ja keine Ahnung, wie schwierig sich das Zusammensein von Männlein und Weiblein auf der anderen Seite der Pubertät gestalten würde. Schon mit Mario war es wie mit den meisten Männern: Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber romantisch, wie ich bin, glaube ich natürlich daran, dass unsere Seelenverwandtschaft die letzten 18 Jahre überstanden hat. Ich habe mir daher vorgenommen, Mario auf meiner Reise ausfindig zu machen. Denn tief in meinem Herzen bin auch ich ein Lagotto Romagnolo. Einen Versuch ist es wert – und wenn ich ihn nicht finde, dann hoffentlich einen anderen südländischen signore, der meiner ersten Liebe das Wasser reichen kann!

Ich werfe einen Blick auf den Tacho. 1036 Kilometer habe ich schon zurückgelegt. Vor mir: sechs Wochen Sommer und noch viele weitere kilometri flimmernde autostrada. Dana alleine in Italien. Was für mich eine echte Herausforderung ist, wäre für meine beste Freundin Ellen kein Problem. Ellen geht sogar in Berlin alleine aus, um »Feldstudien« zu betreiben, wie sie es nennt. »Das ist doch lustig. So lernt man Leute kennen!«, entgegnet sie, wenn ich ihre Abenteuer mal wieder kopfschüttelnd zur Kenntnis nehme. Aber Ellen hat gut reden, schließlich muss sie einen Raum nur betreten und schon hat sie die volle Aufmerksamkeit. Keine Ahnung, wie sie das macht. Ich hingegen habe schon Probleme damit, alleine ein Restaurant zu betreten. Die ersten Sekunden, in denen ich nicht weiß, wo meine Verabredung sitzt, sind die Schlimmsten. Der Moment, in dem ich mich ratlos im Raum umsehe und spüre, wie alle Blicke auf mir ruhen. Noch schlimmer ist es, wenn mein Date noch gar nicht da ist, und ich warten muss, ohne zu wissen, ob er auch wirklich auftaucht. Jetzt, alleine in meinem Kleinwagen auf der Autobahn, habe ich ein ähnliches Gefühl, so als würde ich verloren durch ein Sterne-Restaurant laufen. Was wohl auf der Speisekarte des Restaurants Bella Italia steht? Giacomo al dente, Luigi piccolo oder Franco mediterraneo? Was werde ich hier schlucken müssen: einen frischen Bellini aus Pfirsich, Stil und Romantik oder doch nur abgestandenen Hauswein?

Erneut blicke ich in den Rückspiegel. Inzwischen hängt mir der Fiat-Fahrer genauso dicht auf der Stoßstange wie der Porsche-Fahrer zuvor. Kontaktscheu waren die Italiener ja noch nie. Der Mann hinter dem Steuer ist etwa Ende dreißig, seine braunen schulterlangen Haare wippen auf und ab, während er lebhaft gestikulierend in seine Freisprechanlage brüllt. Mit den Fingern der linken Hand trommelt er ungeduldig auf dem Lenkrad, die Rechte wirft er ruckartig in die Höhe, ballt sie zur Faust und schlägt auf das Armaturenbrett. »Basta!«, scheint er zu rufen. Ob er gerade mit seiner Frau diskutiert? Immerhin sind die italienischen Damen angeblich ausgesprochen eifersüchtig und die Männer dem Fremdgehen nicht abgeneigt – vielleicht macht seine numero uno ihm also gerade eine handfeste Szene am Telefon.

Endlich taucht ein Rasthof auf. Zeit für eine Kaffeepause. Ich biege ab, überlasse den Fiat-Fahrer seinem Schicksal und parke meinen Wagen vor dem Eingang der Raststätte. Dann drängele ich mich durch den Strom der Reisenden zur Bar, vorbei an einem Regal mit handgemachter pasta in allen Farben, dunkelroten prosciutto-Keulen, Fenchelsalami und in großen Gläsern vor sich hin schwimmenden grünen Oliven. Ich versuche, etwas zu bestellen, doch der Mann hinter dem Tresen nimmt keine Notiz von mir. Langsam schiebt er einem Kunden nach dem anderen einen Cappuccino und Gebäck zu.

»Scusi!«, versuche ich, mich bemerkbar zu machen. »Ich hätte gern einen latte macchiato und ein panini!«, rufe ich laut zu ihm hinüber.

»Scontrino«, entgegnet er unwirsch.

»Bitte was?«, radebreche ich in der Landessprache.

»Der Bon! Sie müssen erst bezahlen«, sagt er mit einer vagen Bewegung in Richtung Tür, dann wendet er sich sofort von mir ab. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich zurück durch die Menge zur Kasse zu drängeln.

»Einen latte macchiato und ein panini«, sage ich noch einmal. Der Junge an der Kasse blickt mich fragend an.

»Es heißt panino. Und latte macchiato? Sind Sie sicher?«

»Ja, bitte.« Leicht irritiert laufe ich mit meinem Bon zum Tresen zurück und drücke ihn dem barista in die Hand.

»Ach, und könnte ich den Kaffee zum Mitnehmen bekommen? Da portare via?«, bitte ich ihn zögerlich. Der barista dreht sich mit hochgezogener Augenbraue leicht kopfschüttelnd zur Espressomaschine um. Nachdem er ein paar Hebel betätigt hat, knallt er mir mit spöttischem Gesichtsausdruck einen Plastikbecher vor die Nase. Die braune Flüssigkeit schwappt über den Becherrand und läuft am Tresen hinunter. Ich nehme einen schnellen Schluck, um zu testen, ob der Kaffee in Italien tatsächlich so vorzüglich ist, wie immer behauptet wird. Er schmeckt ziemlich fad.

»Da ist aber sehr wenig Espresso drin.«

»Sie wollten doch unbedingt latte macchiato! Ecco! Das ist latte macchiato! Das trinkt man, wenn man erkältet ist, so wie in anderen Ländern heiße Milch mit Honig. Der Name sagt es doch schon. Es ist vor allem Milch. Mit einem Schuss caffè. Capisci?« Dann lässt er sich doch noch zu einem Lächeln herab. »Di dove sei? Woher kommst du?«

»Aus Deutschland«, antworte ich.

»Ach, ihr Deutschen mit eurem latte macchiato! Ihr Milchtrinker!« Seufzend gießt er mir einen weiteren Espresso in meinen Becher. »Hier trinkt man cappuccino. Am Tresen und nur vormittags.« Mit einer Handbewegung beendet er das Gespräch und wendet sich den anderen Gästen zu. »Ihr Deutschen« – wie abfällig er das sagte! Als ob die Tatsache, dass ich zur falschen Uhrzeit den falschen Kaffee bestelle, ein Kapitalverbrechen ist. Ich beiße herzhaft in mein panino, endlich ein bisschen italienisches Flair!

Eine halbe Stunde später erreiche ich Mailand. Milano, die Stadt der Mode, scheint auf den ersten Blick wenig glamourös. Langsam durchquere ich die Peripherie, ein grauer Gürtel der Trostlosigkeit. An vielen Häusern bröckelt der Putz großflächig von den Wänden, wodurch der Begriff »Altbau« eine ganz neue Bedeutung bekommt. Angesichts des Hangs zur Ästhetik, den man den Italienern allgemein unterstellt, bin ich überrascht, dass sich auch die Fassade meines Hotels unauffällig in die renovierungsbedürftigen Häuserzeilen einreiht. Dabei habe ich mir doch, um mir zum Reiseauftakt etwas zu gönnen, ein schickes Vier-Sterne-albergo gebucht. Von »Design« war die Rede, von luxuriöser Ausstattung und Spa-Bereich. Stattdessen: ein alter, riesiger Betonklotz direkt gegenüber der Stazione di Milano Centrale, dem Hauptbahnhof. Das Gebäude wirkt, als sei ein alter Versicherungskomplex übereilt in ein Hotel umgewandelt worden. Im Schritttempo fahre ich an dem Eingang vorbei, als hinter mir schon wieder ein Hup-Crescendo ertönt. Das laute Getöse treibt mich an, fast gerate ich in Panik, entdecke aber in diesem Moment einen öffentlichen Parkplatz. Schwungvoll biege ich in die Einfahrt. Als ich meinen Kleinwagen rückwärts in einer Parklücke platzieren will, klopft jemand hektisch an meine Seitenscheibe. Ein italienischer signore, ungefähr in meinem Alter, mit schulterlangen schwarzen Locken bedeutet mir, das Fenster herunterzukurbeln. Er trägt einen Brustbeutel um den Hals, der auf seiner orangefarbenen Warnweste, die er über seinen speckigen Anorak gezogen hat, hin und her baumelt.

»Ciao bella!«, ruft er mir entgegen und fängt sofort an, auf mich einzureden. Ich verstehe nur Bruchstücke.

»Scusi? Könnten Sie ein bisschen langsamer sprechen? Ich bin Ausländerin«, antworte ich zögerlich auf Italienisch, das angesichts meines Intensivkurses, den ich in den Wochen vor meiner Abreise in der Mittagspause absolviert habe, gar nicht so schlecht ist.

»Oh, du sprichst Italienisch. Das macht dich noch viel schöner. Du bist wirklich toll!« Argwöhnisch sehe ich ihn an. Solche Begrüßungen bin ich aus Deutschland nicht gewohnt. Erst recht nicht von einem Parkwächter.

»Danke«, entgegne ich leicht entwaffnet. In Italien wissen die Männer halt, dass inflationär verteilte Komplimente der Schlüssel zum Herzen einer Frau sind.

»Willst du bleiben? Dann park bei mir. Ich nehme deinen Wagen gern unter meine Fittiche. Hier ist er in guten Händen. Wie lange?«

»Zwei Tage? Mein Hotel ist gleich um die Ecke.«

»Zwei Tage? Das ist kein Problem, bella. Du bist wirklich toll. Ich finde dich ziemlich super. Und dein Italienisch! Also, zwei Tage kosten nur vierzig Euro. Weil du es bist!«

»Vierzig Euro? Das ist ganz schön happig!«, entgegne ich. Der Parkwächter mustert mich von oben bis unten, zumindest soweit es ihm durch das Autofenster hindurch möglich ist.

»Du bist ein hübsches Mädchen und hast eine super Figur. Sagen wir dreißig Euro.« Ich runzle die Stirn. Werden die Preise für Parktickets in Italien nach dem Aussehen berechnet? Gibt es hier denn keine festen Tarife? Aber wahrscheinlich ist Berlusconi noch nicht lange genug von der Bildfläche verschwunden, als dass sich integre Geschäftsmethoden hätten durchsetzen können. Vermutlich gehören dem ehemaligen Regierungschef nicht nur Fernsehsender, der AC Mailand, Immobilien, die Autobahnraststätte, in der ich meinen Kaffee bestellt habe, sondern auch dieser Parkplatz. Die Tatsache, dass ich wegen meiner blonden Haare und meiner Körbchengröße weniger zahlen soll, ist ein eindeutiges Indiz dafür. Aber ich lasse mich nicht korrumpieren! Ich zücke mein Portemonnaie und gebe Silvios Lakai die ursprünglich geforderten 40 Euro. Mit mir nicht, mein Lieber!

»Bitte sehr!«, sage ich.

»Grazie«, antwortet er. »Ich bin übrigens Luigi.« Er lacht mich an. »Bella ragazza.« Dann schnappt er sich die Scheine, drückt mir einen Parkschein in die Hand und läuft zur anderen Seite des Platzes hinüber, wo er noch ein Auto entdeckt hat, bei dem er abkassieren kann. Innerlich kopfschüttelnd blicke ich ihm einen Moment nach, dann ziehe ich meine Koffer aus dem Auto. Schnell stecke ich noch das Foto von Mario in die Innentasche meiner Jacke und schließe den Wagen ab.

Nachdem ich meine Koffer im Hotel abgestellt habe, laufe ich Richtung Innenstadt. Fast alle Wege führen nach Rom, die restlichen zum Dom – zumindest in Mailand. Kurz bevor ich das Wahrzeichen der Stadt erreiche, überquere ich eine große Kreuzung und werde dabei fast von einer Straßenbahn überrollt. Sie ist über und über mit goldfarbenen leuchtenden Lämpchen verziert, ein mobiler Christbaum im Hochsommer. Corriere della Sera steht in großen Lettern auf dem Wagon geschrieben – die führende Tageszeitung in Italien hat sich für ihren Werbefeldzug etwas einfallen lassen. Corriere della Sera, Abendkurier, das passt gut zu den leuchtenden Waggons. Ich bin entzückt! In Mailand strahlt sogar die Straßenbahn. Ansonsten strahlt in Italien ja höchstens noch der von der Mafia illegal verbuddelte Atommüll in den Dolomiten. Aus dem leeren Wagen winkt mir der Fahrer zu, offensichtlich erleichtert, dass ich ihm nicht unter die Räder geraten bin. Ich drehe mich noch einmal nach ihm um, dann gehe ich weiter und lande wenig später direkt am Dom. Es wird langsam dunkel, die hellen Türmchen des duomo heben sich deutlich vom Nachthimmel ab. In den Erdgeschossen der den Platz umrahmenden Häuser befinden sich Cafés und Geschäfte. Ein Pärchen verlässt gerade ein Schnellrestaurant, das zwischen den luxuriösen Fassaden irgendwie fehl am Platz wirkt. In ihren Händen halten sie Plastikbecher, die mit einer grell orangefarbenen Flüssigkeit gefüllt sind. Sie trinken Spritz, Italiens In-Getränk: Ein Drittel Wein (wahlweise Prosecco), ein Drittel Sprudelwasser, ein Drittel Aperol. Offensichtlich hat sich zwar der Coffee to go in Italien noch nicht durchgesetzt, immerhin gibt es aber Spritz to go. Ich setze mich auf die Treppen vor dem Dom.

Es herrscht reges Treiben auf der piazza. Touristen passieren den Platz, hier und da versuchen indische Straßenverkäufer, Leuchtstangen und aus Plastik gefertigte Flugobjekte zu verkaufen, die sie in regelmäßigen Abständen schwungvoll durch die Luft sausen lassen. Immer wieder schnappe ich italienische Wortfetzen auf, offenbar ist Mailand auch für Landsleute ein beliebtes Reiseziel. Nachdem ich eine Weile die italienischen Männer auf dem Platz beobachtet habe, kann ich unter ihnen drei Typen ausmachen: Da wäre erstens der filigrane Schönling, hübsch, gut gekleidet, sehr modisch und mit Gesichtszügen wie denen von Baptiste Giabiconi, der »Muse« von Karl Lagerfeld. Dann gibt es den tätowierten Athleten, der seine prallen Oberarme im engen Muskel-Shirt zur Geltung bringt. Und schließlich den alternativen Brillenträger mit Halbglatze und auf Bauchnabelhöhe mit Gürtel festgezurrten Hochwasserhosen. Die meisten der Männer sind – egal welcher Kategorie sie angehören – in Begleitung einer gestylten Italienerin. Mit einer Mischung aus Bewunderung, Sorge und Unverständnis beobachte ich, wie sie am Arm ihres Gefährten in ihren zwölf Zentimeter hohen Highheels trittsicher über die Pflastersteine stolzieren. Ich käme mit solchen Absätzen kaum drei Meter weit, zumindest nicht, ohne eine charmante Begleitung, die mich stützt. Meine Chefin Carla fällt mir ein, die es bestimmt nicht gutheißen würde, dass ich hier so viel Zeit damit verschwende, verschüchtert vor dem Dom zu hocken. Als pflichtbewusste Deutsche beschließe ich daher, direkt damit anzufangen, Italiener kennenzulernen, und gehe auf eine Bar zu, die sich unter den Arkaden befindet. Zucca steht in verschnörkelter Schrift über dem Eingang. Vom Zucca habe ich schon mal gehört, der Name ist über Italien hinaus ein Begriff. Die Bar wirkt etwas antiquiert. Von der hohen Decke baumeln zwei Kronleuchter, deren Lichter sich in den großen Wandspiegeln vervielfältigen. Hinter der Kasse in der Ecke sortiert ein älterer Herr geschäftig das Geld. Ich trete an die Bar, hinter der ein gut gelaunter junger Italiener arbeitet. Er pfeift fröhlich vor sich hin, während er mit einem Lappen den Tresen abwischt, auf dem Taco-Chips, Oliven, Gürkchen und Blätterteig-Gebäck stehen. Ich schätze ihn auf Anfang dreißig.

»Entschuldigung«, sage ich zu ihm. »Ist das hier die berühmte Campari-Bar?«

»Si, si«, antwortet er, seine Stimme klingt freundlich. »Hier wurde der Campari erfunden.« Ich mustere ihn. Er ist groß, schlank, mit einer markanten Nase und hohen Wangenknochen. Seine kinnlangen Haare hat er aus dem Gesicht hinter die Ohren gestrichen, vor denen sich kurze Koteletten abzeichnen. Er streckt mir die Hand entgegen.

»Ich bin Raffaele. Piacere, freut mich. Was darf ich dir zu trinken anbieten?«

»Hi! Ich heiße Dana.« Ich lasse den Blick über die Flaschen wandern, die hinter ihm im Regal stehen. »Was würdest du mir empfehlen?«

»Campari-Spritz wird im Moment gern getrunken. Ich kann dir aber auch den Klassiker Campari-Orange empfehlen.«

»Den nehme ich«, antworte ich, während mir angesichts der Köstlichkeiten auf dem Tresen das Wasser im Mund zusammenläuft. Nachdem Raffaele meinen Drink gemixt hat, verziert er das Glas mit einem Stück Ananas und einer Erdbeere.

»Bitte schön. Und bediene dich gern. Das gehört hier dazu.« Er deutet auf die Oliven. Offenbar hat er meinen gierigen Blick bemerkt. »Du bist erst seit kurzem in Mailand, oder?«

»Ist das so offensichtlich?« Ich fühle mich ertappt.

»Irgendwie schon.« Er grinst. »Was machst du hier? Urlaub?«

»Na ja – nicht direkt. Ich arbeite für eine Zeitschrift und begebe mich auf die Spuren der italienischen Männer. Ich möchte herausfinden, wie ihr Italiener tickt.«

»Wir Italiener? Na, dann bist du hier genau richtig!« Ich greife nach meinem Portemonnaie, um mein Getränk gleich zu bezahlen. Als ich es aus der Innentasche meiner Jacke ziehe, rutscht das Foto von Mario heraus und landet auf dem Tresen.

»Du kannst später bezahlen«, sagt Raffaele und wirft einen neugierigen Blick auf das Bild. »Wer ist denn das? Dein Sohn?«

»Natürlich nicht. So alt bin ich ja wohl auch noch nicht. Das ist meine Jugendliebe. Ich habe ihn achtzehn Jahre lang nicht gesehen, und jetzt will ich ihn wiederfinden.«

Raffaele schüttelt den Kopf.

»Aha, verstehe, der Junge, der dich mit … wie alt warst du damals? Zehn?«

»Zwölf.«

»Ach, na dann. Zwölf – dann hat er sich bestimmt kaum verändert …«, antwortet Raffaele ironisch. »Ich wäre da vorsichtig, womöglich kannst du heute nicht mal mehr erkennen, wer Mario und wer der Hund ist!«

»Sehr witzig! Aber wer sagt denn, dass aus einem tollen Jungen immer gleich ein Idiot werden muss? Wer weiß, vielleicht ist Mario heute ja tatsächlich der perfekte Mann.«

»Ihr Frauen seid einfach hoffnungslos romantisch. Den perfekten Mann gibt es doch gar nicht.« Raffaele lacht.

»Ich dachte, ihr Italiener habt die Romantik erfunden?«, kontere ich.

»Giusto! Richtig! Wir Italiener sind die romantischsten Männer der Welt!«, entgegnet Raffaele süffisant und fasst sich mit übertriebener Geste ans Herz. »Aber Scherz beiseite. Möchtest du eine wirklich romantische Geschichte hören?«

»Na klar.« Ich nippe an meinem Campari und blicke Raffaele an, während ich Marios Foto wieder in meine Tasche stecke.

»Der Campari wurde von Gaspare Campari erfunden. Ich weiß zwar nicht ...

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