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Autopoietisches Persönlichkeitssystem

Holger Dr. Davids

Autopoietisches Persönlichkeitssystem

Modellskizze und Fallrekonstruktion





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Vorwort zur aktuellen Veröffentlichung

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um meine 1990 im Fachbereich Erziehungs- und Sozialwissenschaften der FernUniversität Hagen eingereichte Magisterarbeit. Der Titel lautete:

Strukturhermeneutische Fallrekonstruktion zur Konstanz und Veränderung von Persönlichkeitsmerkmalen unter dem Einfluß eines extremen und persönlichkeitsrelevanten gesellschaftlichen Umbruchs

 

Der Text wurde ein wenig überarbeitet aber inhaltlich im wesentlichen unver­ändert gelassen. Für die Fallrekonstruktion stand mir ein Flakhelfertagebuch aus dem Archiv von Walter Kempowski zur Verfügung.

Nicht alle Gedanken in dem Text zur Konstruktion eines autopoietischen Per­sönlichkeitssystems haben heute noch Bestand. Da ich aber nun, nach über 20 Jahren, das Projekt wieder aufgenommen habe, soll dieser Text unverändert veröffentlicht werden.

Die Entstehung des Modells eines autopoietischen Persönlichkeitssystems kann in meinem Blog "Autopoietisches Persönlichkeitssystem" mitverfolgt werden. Da ich diese Arbeit ohne institutionellen Rahmen anfertige, habe ich mich für diese Art der Öffentlichkeit schon beim Entstehungsprozess entschieden. Es motiviert mich, am Ball zu bleiben und vielleicht gibt es ja schon eine frühe Fachdiskussion.

Holger Davids, 2014

0 E i n l e i t u n g

Während meines Studiums bin ich immer wieder darauf gestoßen, daß es in den Sozial- und Erziehungswissenschaften kein einheitliches und klar explizier­tes Subjekt- oder Persönlichkeitsmodell gibt, obwohl das Subjekt oder die Person in allen Bereichen ei­nen wesentlichen Gegenstand der theoretischen Arbeit ausmacht. Verschiedene theoretische Positionen beziehen sich auf unter­schiedliche Persönlichkeitsmodelle, wie z.B. das psychoanalytische, das behavioristische, ein kognitives oder ein entwicklungs-psychologisches Persön­lichkeitsmodell. Oftmals werden Persönlichkeitsmodelle gar nicht explizit genannt, vielleicht weil man meint, daß es der Gegenstand der eigenen theore­tischen oder em­pirischen Arbeit nicht erfordert. Die Unfruchtbarkeit so mancher wissenschaftlichen Streiterei beruht nicht nur auf unterschiedlichen wissen­schafts- und erkenntnistheoretischen Positio­nen, sondern zum Teil auch auf unterschiedlichen Menschenbildern, die der eigenen Arbeit implizit zugrun­de liegen.

Es gibt zwar Versuche, ein einheitliches Modell aufzustellen - bekannt ist mir nur das von Dieter GEULEN ’Das vergesellschaftete Sub­jekt’ - aber die Situati­on hat sich nicht verbessert. Das Modell von GEULEN scheint mir auch zu unhandlich zu sein, dadurch, daß es versucht, so viele Positionen zusammen­zuführen (ekklektizistisch). Aber es bestehtauch nach wie vor keine Einigkeit darüber, was und wie der Mensch theoretisch angemessen beschrieben wer­den kann.

Die moderne Systemtheorie mit ihrer interdisziplinären Anwendung und der Radikale Konstruktivismus als systemtheoreti­sche Kognitions- und Erkenntnis­theorie scheinen hier neue Möglichkeiten zu eröffnen. Voraussetzung ist, daß man das Persönlichkeitsmodell nicht rein kognitivistisch, sondern dieses, wie es in dieser Arbeit versucht wird, im Anschluß an Pierre BOURDIEU sozialwissen­schaftlich verankert und dennoch mit den Begriffen der systemtheoretischen Kognitionstheorie ausarbeitet.

Für eine Magister-Arbeit mag dieser Anspruch sehr hoch ge­griffen sein, wes­wegen ich vorläufig auch nur von ’programmati­schen Überlegungen zu einem sozialwissenschaftlich-systemtheoretischen Persönlichkeitsmodell’ spreche.

Diese Arbeit besteht aus zwei unterschiedlichen Teilen, einem persönlich­keitstheoretischen und einem hermeneutischen. Das erste Kapitel beginnt mit erkenntnistheoretischen Vorbemerkun­gen, in denen ich die erkenntnistheoreti­schen Grundgedanken des Radikalen Konstruktivismus vorstelle, womit gleich­zeitig in die systemtheoretische Kognitionstheorie eingeführt wird.

Ausgehend von Pierre BOURDIEUs Habitus-Konzept soll dann eine Skizze ei­nes möglichen sozialwissenschaftlich-systemtheoretischen Persönlichkeits­modells als ein System von Dispositionen oder einer generativen Handlungs­grammatik entworfen werden, wobei es vor allem um die Organisation des Sys­tems, seine Erhaltung und seine Veränderungsmöglichkeiten sowie seine Struk­turkopplung mit an­deren Persönlichkeitssystemen über soziale Interaktionen gehen soll.

Das zweite Kapitel, das die objektiv-hermeneutische Fallrekonstruktion einlei­tet, rekonstruiert einige sozialisatorische Wirkungen von Institutionen des Dritten Reichs, denen Jugendli­che über längere Zeit ausgesetzt gewesen waren. Diese Arbeit diente ganz besonders auch meiner Einführung in die damalige Zeit.

Das dritte Kapitel beginnt mit methodischen Vorüberle­gungen, die meine objektiv-hermeneutische Interpretationsweise explizieren sowie verdeutlichen sollen, was eigentlich den Gegen­stand meiner Fallrekonstruktion ausmacht.

Für die Fallrekonstruktion liegt mir aus dem Walter-Kempowski-Archiv ein recht umfangreiches Tagebuch eines ehemali­gen Luftwaffenhelfers vor. Das Tagebuch beginnt mit der Schein­werfer-Ausbildung Anfang 1944 und endet mit der Entlassung aus der Internierung im August 1945.

Die im dritten Kapitel rekonstruierte ’Persönlichkeit’ soll im vierten Kapitel mit dem im ersten Kapitel aufgestellten Persön­lichkeitsmodell konfrontiert werden. Bei der Interpretation wurde dieses Modell nicht verwendet, um den Fall für sich spre­chen zu lassen.

Im vierten Kapitel soll geprüft werden, ob sich die rekonstruierte ’Persönlichkeit’ und ihr Verhalten im einzel­nen wie auch im biographischen Verlauf verstehen und vielleicht sogar erklären lassen.

Gemäß des Radikalen Konstruktivismus hat die wissenschaftliche, professio­nelle und die alltägliche Praxis zu entscheiden, ob sich das in dieser Arbeit vor­geschlagene Modell bewährt. Bewährung ist an die Stelle der Wahrheitsprüfung getreten, wodurch Wissenschaft endlich die Verantwortung zurückbekommt, die ihrem gesellschaftlichen Stellenwert entspricht.

So verstehe ich dieses Modell nicht nur als einen Beitrag für Theorieentwick­lung, sondern auch als einen Beitrag für die sozial- und erziehungswissen­schaftliche Praxis; weitere Anwendungsmöglichkeiten müssen sich zeigen. Dem muß aber eine detailliertere Ausarbeitung des hier erarbeiteten Modells vorangehen, in einer folgenden Arbeit geleistet werden soll.

1 Programmatische Überlegungen zu einem sozialwissenschaftlich-systemtheoreti­schen Persönlichkeitsmodell

In den folgenden Abschnitten werden die theoretischen Grundlagen skizziert; für die sozialwissenschaftliche Verankerung das Habitus-Konzept von Pierre BOURDIEU sowie als systemtheoretische Basis die Theorie der Autopoiesis von Humberto MATURANA.

1.1 Erkenntnistheoretische Vorbemerkungen

Erkenntnistheoretische Vorbemerkungen sind notwendig, weil sich meine er­kenntnistheoretische Einstellung und das von mir aufgestellte Persönlichkeits­modell theoretisch nicht widersprechen dür­fen. Da ich mich bei der Aufstellung des Modells an der modernen Systemtheorie orientiere, wie sie von Humberto R. MATURANA, seinem Schüler und Mitarbeiter Francisco J. VARELA, Ernst von GLASERSFELD und Heinz von FOERSTER entwickelt worden ist, muß ich mich erkenntnistheoretisch auch an dem Radikalen Konstruk­tivismus orientie­ren. (Vgl. Siegfried J. SCHMIDT, 1988).

Ausgehend von den Ergebnissen der Wahrnehmungs- und Gehirnforschung behauptet der Radikale Konstruktivismus, daß das kognitive System sich die 'Welt’, in der und mit der es operiert, selbst konstruiert. Das, was wir wahrneh­men, sind keine Wirklichkeitsabbilder, auch keine verzerrten oder unvollständi­gen, sondern interne Konstrukte. Begründet wird dies mit dem autopoietischen Charakter des Nervensystems. Autopoiesis (Anm.: Einige Autoren lehnen den Begriff ’Autopoiesis’ für das kog­nitive System ab und wollen ihn nur für die lebende Zelle oder das Nervensystem verwenden, so, wie er ursprünglich von MATURANA eingeführt worden war. (Vgl. z.B. G. ROTH, 1988b) LUHMANN hingegen verwendet den Begriff so allgemein, wo­durch er ihn auch auf soziale und psychische Systeme anwen­den kann. (Vgl. LUHMANN, 1984) heißt, daß das Nervensystem seine Zustände selber erzeugt (Selbsterzeu­gung) (Anm.: "Die Struktur des Milieus kann seine [die des Nervensy­stems, HD] Verände­rung nur auslösen, aber nicht bestimmen." (H. R. MATURANA, F. J. VARELA, 1987, S. 145)), daß diese Selbsterzeugung gesteuert wird von einer spezifischen neuronalen und kognitiven Organisation (Selbstorganisa­tion), daß es sich dabei nur auf sich selbst, seine inneren Vorgänge beziehen kann (Selbstreferenz) und daß es sich selbst erhält. Das heißt Kognitionen erzeugen immer wieder neue Kognitionen der gleichen Orga­nisation aber mit durchaus unterschied­licher Struktur.

Unter Organisation verstehen MATURANA und VARELA:

"Unter Organisation sind die Relationen zu verstehen, die zwi­schen den Bestandteilen von etwas gegeben sein müssen, damit es als Mitglied einer bestimmten Klasse erkannt wird." (H. R. MATU­RANA, F. J. VARELA, 1987, S. 54)

Der Organisation müssen also invariante Regeln zugrunde liegen, mit denen ein System einer Klasse seine inneren Zustände und sein Verhalten organisiert. Und unter Strukturverstehen beide Au­toren:

"Unter der Struktur von etwas werden die Bestandteile und die Relationen ver­standen, die in konkreter Weise eine bestimmte Einheit und ihre Organisation verwirklichen." (ebd.)

Bei diesen Definitionen muß man berücksichtigen, daß beide Autoren Biolo­gen und Gehirnforscher sind. So erinnert die Begriffsbestimmung an die Un­terscheidung von Genotyp und Phänotyp. Aber auch die Begriffe Kompetenz und Performanz im Sinne von U. OEVERMANN lassen sich hier wiederfin­den.

Struktur (Anm.: Der Strukturbegriff von MATURANA weicht von den in den Sozialwissen­schaften verwendeten Strukturbegriffen ab, so daß zu überlegen ist, ob die­ser Begriff in der MATURANAschen Fassung für ein sozialwissenschaftli­ches Persönlichkeitsmodell besser nicht verwendet werden sollte. Er könnte durch beob­achtbares Verhalten ersetzt werden.) ist also immer die konkrete Erscheinungsform eines Systems, die als variabel und veränderbar gedacht wird, wobei zwei Arten des Einflusses auf ein System unterschieden werden. Erstens die Perturbation, durch die die Umwelt auf die Struktur eines Systems einwirkt, ohne die Organisation zu beeinflussen und zweitens die Zerstörung, die die Organisation eines Systems ver­ändert und damit seine Klassenzugehörigkeit, was bei lebenden Systemen in der Regel zum Tod führt. (Vgl., ebd., S. 105ff)

Wenn das Nervensystem als ein autopoietisches System be­schrieben werden kann, dann bedeutet das nicht, daß es eine fensterlose Monade ist. Wie jedes System in diesem Universum ist es energetisch offen. Das heißt, daß es offen ist für spezifische physikalische und chemische Reize, die an spezifischen Orten (Or­ganen) spezifische Signalfolgen auslösen (im Sinne von Perturbation), die dann in spezifischen Regionen des Gehirns geleitet werden, wo ihnen dann von Bereichen des kognitiven Systems Be­deutungen zugeschrieben werden.

"Wahrnehmung ist demnach Bedeutungszuweisung zu an sich bedeutungsfrei­en neuronalen Prozessen, ist Konstruktion und Inter­pretation." (G. ROTH, 1986, zitiert nach, S. J. SCHMIDT, 1988, S. 14)

Bei diesem Vorgang leistet das Gehirn Komplexitätsreduktion durch Selekti­on und Selbst-Strukturierung. Es konstruiert sich eine Wirklichkeit, in der das Individuum 'erfolgreich’ handeln kann. Die Fähigkeit dazu erwirbt das kognitive System durch Lernprozesse im Umgang mit seiner Umwelt und sich selbst, wie es z.B. Jean PIAGET beschrieben hat. Aber auch soziale Deutungs­- und Verhaltensmuster werden durch den Umgang mit anderen Men­schen erworben. Durch den Prozeß, den wir Sozialisation nennen, findet eine Parallelisierung der kognitiven Systeme der Indivi­duen statt, (dazu mehr im Abschnitt 1.2.2 und Kapitel 4). Er­folgreich heißt dabei, daß Handlungssteuerung und Wahrnehmung nicht zu innersystemischen Widersprüchen führen (z. B, bezüglich der Wahrnehmungen unterschiedlicher Sinnesorgane) und daß die Umwelt, sofern sie handelnde Systeme wie z.B. Personen oder Tie­re enthält, nicht zu sehr interveniert. Ernst von GLASERSFELD sagt dazu:

"Man stellt nicht nur fest, daß die eigenen Erfahrungen erfolg­reich sind; sondern man stellt auch fest, daß sie dem anderen er­folgreich unterschoben werden können." (zitiert nach S. J. SCHMIDT, 1988, S. 35)

Und das bisherige zusammenfassend folgt bei SCHMIDT:

"Die Welt, in der wir uns erleben, ist mithin kein sinnliches Ab­bild des Mediums, in dem wir existieren, sondern eine konzeptio­nelle Größe, die wir in unserer soziokulturellen Gemeinschaft durch parallele Interaktionen erzeugen und erproben und die für unser individuelles wie soziales Leben, Denken und Verhalten re­levant ist." (ebd.)

Wir haben zwar Sensoren, die eine Einwirkung unserer Umwelt auf unser kognitives System ermöglichen, aber die Bilder, die wir für die Welt halten, und in denen wir uns bewegen, sind nur konstru­iert. Wir simulieren eine Welt und richten unser Verhalten nach dieser Simulation aus. Wie der U-Boot-Kornman­dant, den MATURANA und VARELA als Illustration anführen, der in seinem U-Boot auf­gewachsen ist, nie die Welt außerhalb gesehen hat und gelernt hat, das Boot nur nach den Anzeigen der Instrumente zu lenken. Hat er seine Aufgabe gut gelernt, dann gelingt es ihm, allerdings nur so gut, wie es die Instrumente ermöglichen, (ebd., 1987, S. 149) Daß uns dies einigermaßen zuverlässig gelingt, bzw. bisher gelungen ist, sehen wir daran, daß wir noch nicht ausgestorben sind. Eine Überlebensgarantie für die Zukunft ist aber damit leider nicht gegeben.

"Das Gehirn, als selbstreferentielles System, hat zum einen in langer Evolution, die alle Wirbeltiervorfahren einbegreift und damit etwa eine halbe Milliarde von Jahren umfaßt, und zum ande­ren innerhalb seiner individual-geschichtlichen Entwicklung in­terne Prüfverfahren entwickelt, die hochgradig verläßlich sind, was die Handlungssteuerung betrifft." (G. ROTH, 1988a, S. 253)

Wie die Ausführungen über die Parallelisierung der Weltbil­der durch gemein­same soziale Praxis schon angedeutet haben, ist der Radikale Konstruktivis­mus keine solipsistische Erkenntnis­theorie. Dazu noch einmal G. ROTH:

"Das Gehirn hebt die prinzipielle Isolation aller neuronaler Sy­steme von der Welt dadurch auf, daß es die Welt als interne kon­stituiert und mit dieser umgeht. Dies gilt insbesondere für die soziale Welt. Und so ist es kein Wider­spruch, daß unsere indivi­duelle Wirklichkeit eine soziale Wirklichkeit ist. Denn das Ge­hirn, das diese individuelle Wirklichkeit erzeugt, kann, wie die Forschun­gen der letzten zwei Jahrzehnte gezeigt haben, seine Funktionen nur unter spezifisch sozialen Bedingungen ent­wickeln." (ebd., S. 253f)

Wenn unsere Weltbilder nur konstruierte Wirklichkeiten sind, dann gilt dies natürlich auch für unsere wissenschaftlichen Theorien oder Modelle. Eine Theorie ist ein Modell, mit dem wir Wirklichkeitsausschnitte simulieren. Eine Wahrheitsprüfung im Sinne von Übereinstimmung mit der Realität ist nicht möglich, und das Streben nach absoluter Wahrheit wird obsolet; das gilt auch für approximativistische Wahrheits- und Erkenntniskon­zepte. Auch ist es nach dem Radikalen Konstruktivismus durchaus denkbar, daß konkurrierende Theorien und Modelle aufgestellt werden und nebeneinander bestehen können. Der Wissenschaftler genießt dabei eine relative Freiheit, was aber auch nicht heißt: ’anything goes’ (P. Feyerabend). Die Erkenntnis, daß sich unsere Weltbil­der in der Praxis bewähren müssen, zeigt auf, daß gleiches für wissenschaftli­che Theorien zu gelten hat. Es gibt also Theorie nur im Zusammenhang mit Empirie und mit Praxis.

"Die Überprüfungskriterien dieser Modelle sind nicht ihre Ent­sprechung mit 'der' Realität, sondern ihre Problemlösungskapazi­tät, ihre Konsistenz und Verknüpf­barkeit mit Modellen aus ande­ren Disziplinen, z.B. der Psychologie und der Biologie im Falle der Sozialtheorie." (GLASERSFELD, zitiert nach SCHMIDT, 1988, S. 50)

Der Hinweis auf die Problemlösungskapazität eines Modells ver­weist Wissenschaft auf ihre soziohistorische Bedeutung und Gül­tigkeit. So ergibt sich für den Forscher, der sich nicht mehr auf die Suche nach ewigen Wahrheiten berufen kann, sondern der weiß, daß er seine Theorien und Modelle konstruiert, und der weiß, daß sie sich durch die Lösung soziohistorischer Probleme zu legitimieren und bewähren haben, eine ethisch-moralische Verantwortung bezüglich seiner Arbeit. (Vgl. S. SCHMIDT, 1988, S. 37f, 75f und MATURANA/VARELA, 1987, Kapitel 10)

Der autopoietische Charakter des kognitiven Systems be­wirkt, daß ein Wis­senschaftler nur Beschreibungen der Verhal­tensoberfläche eines beobachteten Systems erstellen kann, "über 'innere Zustände’ kann er nichts Verläßliches sagen." (S. J. SCHMIDT, 1988, S 19) Als Beobachter kann er bestenfalls seine systeminternen Vorgänge beschreiben, d.h. sein Bewußtsein. Derar­tige Aussa­gen findet man auch bei Ulrich OEVERMANN u. a, 1979. Da ich im dritten Kapitel Dispositionen des Persönlichkeitssy­stems rekonstruiere, weiß ich in anbetracht der obigen Ausfüh­rungen, daß meine rekonstruierte Persönlichkeit ein Modell ist, das sich am Text des Tagebuchs zu bewähren hat. Eine beson­dere Bewährungsprobe sind Vorhersagen über zukünftiges Verhalten über zukünftige Einstellungen.

Der Beobachter immer die ’letztmögliche Bezugsgröße für jede Beschrei­bung’ (ebd.) ist, kann als weitere Sicherung der Gültigkeit des (re)konstruierten Modells die wissenschaftliche Diskussion zwischen Hermeneuten treten. Eine kommunikative Va­lidierung mit dem Textproduzenten als möglicherweise syste­minternen Beobachter kann meines Erachtens aus folgendem Grund nur von geringem Nutzen sein: Der Textproduzent kann nur Aus­kunft über sein Bewußt­sein geben. Für das System von Persön­lichkeitsdispositionen, die nicht unbe­dingt seinem Bewußtseins­system angehören oder diesem zugänglich sein müs­sen, ist er im Sinne der Systemtheorie selbst auch nur ein externer Beobach­ter. (Vgl. dazu auch den nächsten Abschnitt über Pierre BOURDIEUs Habitus-Konzept)

Was ist nun das Radikale am Radikalen Konstruktivismus?

"Die Radikalität des kognitionstheoretischen Konstruktivismus liegt darin, daß er jedes menschliche Erkennen und Denken als Konstruktion im Prozeß menschli­cher Kognition und Autopoiese ansieht und keine Ausnahme von dieser 'Regel’ zuläßt." (Gerhard RUSCH, 1988, S. 382)

Diesen Abschnitt möchte ich mit einem längeren Zitat von S. J. SCHMIDT als Schlußwort abschließen.

Die konstruktivistische Umorientierung wissenschaftlicher For­schung von wahrem (bzw. objektivem) auf brauchbares (bzw. für Menschen nützliches) Wissen, von Deskriptivität auf Problemlö­sungskapazität, von Objektivität auf Intersubjektivität von Er­fahrungen in kognitiven Welten interagierender Partner, von On­tologie auf kognitive Methodologie (ohne externe Ontologie) bringt eine Reihe von hartnäckigen traditionellen erkenntnistheoretischen Problemen (wie z.B. Verifikation und Falsifikation, Adäquatheit, Approximativität) erfolgreich zum Verschwinden - woran man ja, nach Wittgenstein, die Lösung eines philo­sophischen Problems erkennen kann. Der Radikale Konstruktivismus ist ein Modell, wie E. von Glasersfeld immer wieder betont hat, das auf seine Nützlich­keit und nicht auf seine Wahrheit untersucht werden soll." (ebd., S. 43)

1.2 Skizze eines Persönlichkeitsmodells

Das Modell, das ich hier vorstellen möchte, soll dreierlei erfül­len: (i) Es soll ein systemtheoretisches Modell sein, wobei ich mich nicht einfach darauf beschränken will, systemtheoretische Vokabeln zu benutzen, wie es vielerorts zu lesen ist. (Vgl. S.J. SCHMIDT, 1988, S. 74) Ich habe mich für die moderne Systemtheorie entschieden, weil ich das autopoietisch-systemtheoretische Paradigma für das derzeit tragfähigste wissenschaftliche Paradigma halte; das gilt für die Naturwis­senschaften wie auch für die Sozialwissenschaf­ten. (ii) Das Modell soll ein sozi­alwissenschaftliches und nicht ein psychologisches sein, weil Sozialität für den Menschen als persönlichkeitskonstitutiv anzusehen ist. Diesem Sachverhalt ist im Werk von Pierre BOURDIEU konsequent Rechnung getragen, so daß das Habitus-Konzept von BOURDIEU ein hervorragendes Fundament für ein sozial­wissenschaftliches Persönlichkeitsmodell abgibt. (iii) Das Modell soll nicht so abstrakt werden, wie es bei systemtheoretischen Modellen leicht der Fall sein kann; man betrachte z.B. die Arbeiten von Niklas LUHMANN, die hiermit natür­lich nicht abgewertet oder kritisiert werden sollen. Meine Absicht ist es, ein Modell zu konstruieren, das direkt in der sozialwis­senschaftlichen und pädago­gischen Praxis angewendet werden kann. Es wird sich zeigen, ob dieses Vor­haben durchführbar ist, und von beiden Seiten, der sozialwissenschaftlichen wie der praktischen, angenommen wird.

In einer ausgearbeiteten Fassung dieses Modells müssen auch die kompetenztheoretischen Arbeiten von Jean PIAGET, Noam CHOMSKY, Jürgen HABERMAS und Ulrich OEVERMANN berücksichtigt werden, was in einer folgenden Arbeit geleistet werden soll.

1.2.1. Pierre BOURDIEUs Habitus-Konzept als sozialwissenschaftliche Verankerung für das Persönlichkeitsmodell

Es mag vielleicht verwundern, daß ich nicht an Talcott PARSONS’ persön­lichkeitstheoretische Ausführungen anknüpfe, um ein systemtheoretisches Per­sönlichkeitsmodell zu entwickeln. PARSONS’ diesbezügliche Ausführungen sind aber m.E. nicht explizit systemtheoretischer Natur, sondern eher psycho­analytischer (vgl. T. PARSONS, 1981) und bilden auch kein so zusammenhän­gendes Kon­zept wie das BOURDIEUsche Habitus-Konzept. Das BOURDIEU­sche Modell ist zum einen ein rein soziologisches ohne psychologistische Reduktionismen, und es bietet vielfältige Anknüpfungspunk­te für ein sys­temtheoretisches Persönlichkeitsmodell. Diese sol­len am Ende dieses Ab­schnitts herausgearbeitet werden.

Ferner scheint mir die erkenntnistheoretische Position BOURDIEUs mit dem Radikalen Konstruktivismus verträglich zu sein, wenn BOURDIEU z. B. eine strikte Trennung von Modell und Realität verlangt, so daß eben nicht 'vom Modell der Realität zur Realität des Modells’ übergegangen werden darf. (P. BOURDIEU, 1979, S. 162) Bei Gerhard PORTELE heißt es dazu:

 

"Aber der Beobachter formuliert die 'Regel’, die den Handelnden beim Handeln eben nicht 'leitet'." (G. PORTELE, 1985, S. 301)

 

Mit diesem Satz spricht PORTELE aber vor allem BOURDIEUs Ab­lehnung des Regel-Begriffs an, und mit dieser Ablehnung des Re­gel-Begriffs kann gleich der Habitus-Begriff eingeführt werden.

 

"Die für einen spezifischen Typus von Umgebung konstitutiven Strukturen [...], die empirisch unter der Form von mit einer so­zial strukturierten Umgebung ver­bundenen Regelmäßigkeiten ge­faßt werden können, erzeugen Habitusformen, d.h. Systeme dauer­hafter Dispositionen39, strukturierte Strukturen, die geeignet sind, als strukturierende Strukturen zu wirken, mit anderen Worten: als Erzeu­gungs- und Strukturierungsprinzip von Praxis­formen und Repräsentationen, die objektiv 'geregelt' und 'regel­mäßig' sein können, ohne im geringsten ...

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