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Ausweglos

Für alle, die zurückgeblieben sind.

Ihr Mut und ihre Taten bleiben unvergessen.

Sie schrieben sich in die Geschichte ein.

Sie wurden belogen, getäuscht und betrogen.

Die Zukunft wird ihr Richter sein.

Chronologie und Orte der Handlung

Oakland, Kalifornien, USA

Mannheim, Germany

Ottawa, Kanada

Montreal, Kanada

Cam Ranh Bay, Vietnam

Cacauna Reservat, Kanada

Chicago, USA

Hanau, Germany

Fort Campbell, Kentucky, USA

Nha Trang, Vietnam

San Antonio, Texas, USA

Santa Monica, Kalifornien, USA

Oakland, Kalifornien, USA

Phoenix, Arizona, USA

Los Angeles, Kalifornien, USA

Sommer 1965

 

Erster Teil

Kapitel 1

Oakland, California, USA 5. Juli 1965

Am Pier des Oakland-Army Terminal lag das P-2 US-Navy Schiff USNS GENERAL THOMPSON. Der Ozeanriese versperrte die Sicht auf die legendäre Golden Gate Bridge, die San Francisco mit Oakland verbindet.

Das Army Transport Terminal-Command Pazific war der größte Militärhafen der Welt. Über vierzig Millionen Tonnen Kriegsmaterial würden in den nächsten acht Jahren den Hafen auf dem Weg nach Vietnam verlassen.

Abseits des Terminals konnte man sehen, dass Oakland schon bessere Zeiten erlebt hatte. Zurzeit hatte die Stadt einen hohen Arbeitslosenanteil und massive ethnische Probleme. Oakland ist der Geburtsort der Black Panther Party, gegründet von zwei schwarzen Studenten, aus Protest gegen Polizeibrutalität.

Der fünfte Juli 1965 war ein strahlender Sonnentag, wie man es in dieser Küstenregion Kaliforniens gewohnt war. Am späten Morgen wartete die Erste Brigade der 101. Luftlandedivision in langen Schlangen vor den drei riesigen Öffnungen, die in das Innere des Schiffes führten. Als schnellste Eingreifgruppe war es der Division möglich, mit ihren dreihundert Helikoptern in kürzester Zeit viertausend Truppen tief in ein Feindgebiet zu transportieren.

Die GIs kamen aus allen Staaten, den Bergen Colorados, den Sümpfen Louisianas, den weißen Stränden Floridas, sowie aus Texas mit seiner endlosen Weite. An diesem sonnigen Tag entschied sich das Schicksal von fünftausend jungen Männern, die in der Blüte ihres Lebens standen. Viele von ihnen würden nie wieder die Heimat sehen, nie wieder eine Frau lieben, nie wieder ihre Kinder umarmen. In den kommenden acht Jahren würden über sechzigtausend Soldaten ihr Leben in Vietnam verlieren. Abgestürzt mit ihren Kampfjets oder von eigenem Napalm verbrannt. Von Granaten und Minen zerrissen oder von Bambusstäben vergiftet. Mehr als dreihunderttausend dieser jungen Menschen werden als Krüppel in die Vereinigten Staaten zurückkehren.

Die Soldaten wurden aus Fort Campbell, Kentucky, eingeflogen. Dort hatten sie viele Jahre härtester Ausbildung hinter sich. Die Männer waren in voller Marschausrüstung. Einige verbrachten ihre Zeit mit dem Auseinanderlegen ihrer M14, einem halbautomatischen Gewehr mit einem zwanzig Runden Magazin. Fünf Kilogramm leicht war es ein wahrer Schatz, auf den immer Verlass war.

Die immer heißer werdende Sonne trug nicht gerade zur Besserung der allgemeinen Stimmung bei. Die meisten Männer machten es sich auf ihren Dufflebags bequem, eine Art Leinensack, der alles enthielt, was ein Soldat benötigt oder bei sich haben sollte. Manch einer schrieb jetzt schon einen Brief an seine Frau oder die Eltern, andere wiederum schauten sich Bilder ihrer Kinder an und wischten verstohlen über die Augen. Viele versuchten, sich mit Kartenspielen abzulenken oder mit derben Scherzen ihre wahren Gefühle zu verbergen. Das Durchschnittsalter der Truppe war nur einundzwanzig Jahre. Die jüngste Armee, die je in einem amerikanischen Krieg gekämpft hatte.

„Hey Kraut“, rief ein kleiner rothaariger Soldat, den alle Red nannten. „Was macht der Deserteur?“

„Er ist kein Deserteur, Red! Wie oft muss ich dir das noch sagen?“ Kraut, der übrigens Maximilian Wolf hieß, seine Freunde nannten ihn Max, war ein athletischer Siebenundzwanzigjähriger mit weizenblonden Haaren. Der Blick seiner grünen Augen blieb ernst, auch wenn er lächelte. Seine offene Art machte ihn allgemein beliebt. Kraut wurde er scherzhaft von manchen gerufen, weil er aus Deutschland stammte. Deutsche waren eben die Krauts, Italiener hießen Degos, Mexikaner nannte man Wetbags.

Neben Max saß, mit Handschellen gefesselt, Jerom Lamon, ein zwei Meter großer, gutmütiger Riese, der sich unerlaubt von seiner Einheit entfernt hatte. Max hatte den Auftrag, auf ihn zu achten. Lamon stammte aus Baton Rouge, der Hauptstadt von Louisiana. Als ihm seine Frau am Telefon mitteilte, dass sein jüngster Sohn krank war, konnte er einfach nicht anders, er musste zu ihm. Nur für ein paar Tage, dann würde er wieder zurückkommen. Die Krankheit jedoch verschlimmerte sich, der Junge kam ins Krankenhaus von Baton Rouge. Jerom Lamon konnte seine Familie nicht verlassen. Nach drei Wochen spürte ihn die Militärpolizei auf. Sie fanden ihn am Krankenbett seines kleinen Sohnes. Er wurde zurück nach Fort Campbell gebracht und befand sich nun auf dem Weg nach Vietnam. Sollte er überleben und zurückkommen, würde er sich vor einem Kriegsgericht verantworten müssen. Dann könnten ihm fünf Jahre in Leavenworth, Kansas, blühen. Dem meist gefürchteten Militärgefängnis in den Vereinigten Staaten.

„Verdammt, langsam könnte es jetzt voran gehen“, echauffierte sich Anthony Morelli, ein kräftiger Junge aus Kalifornien, mit italienischen Vorfahren. „Typisch Army, erst die große Eile und dann das stundenlange Warten.“

Tony und Max kannten sich von der Fallschirmjäger Schule her. Die Paratroopers sind eine Elite Einheit mit einer Ausfallquote von siebzig Prozent. Die Ausbildung ist auf unkonventionelle Operationen ausgelegt. Der Aufgabenbereich, schnelle und tiefe Einsätze im feindlichen Territorium. Die beiden Freunde hatten den Dienstgrad eines Corporals und trugen das Scharfschützen Abzeichen. Sie liebten das harte Training in der heißen Sonne von Kentucky, das viele der Soldaten bis an ihre Grenzen brachte.

„Hey Max, pass auf, dass wir auf dem Schiff zusammen bleiben. Hoffentlich landen wir nicht auf einem Deck mit Goldstein und seinen schwulen Freunden. Was haben die überhaupt in der Army zu suchen“, maulte Tony.

„Bei uns in Chicago wären sie schon längst im Kanal gelandet“, mischte sich Corporal Abram Jones ein. Abram war die Kurzform von Abraham. Der Name kam bei schwarzen Amerikanern häufig vor. Er sollte an Abraham Lincoln erinnern, dem Verursacher des amerikanischen Bürgerkrieges, der 1861 bis 1865 stattfand, um angeblich die Sklaven in den Südstaaten zu befreien.

Abram Jones war ein mittelgroßer Schwarzer aus Chicago. Max war mit ihm seit seiner Ausbildungszeit in Fort Levenwood, Missouri, befreundet.

„Suum cuique!“, sagte Max

„Was heißt das denn?“, fragte Abram mit einem Ausdruck im Gesicht, der Max zum Lachen brachte.

„Das ist lateinisch und heißt: Jedem das Seine. Homosexuelle können ebenso wenig für ihre Neigung, wie du für deine Hautfarbe. Goldstein, macht seinen Job sehr gut und darauf kommt es schließlich an.“

David Goldstein war ein hübscher Junge aus New York City. Eines Tages fühlte sich Max beim Duschen beobachtet, er drehte sich um, und da stand David, der schnell verlegen wegschaute. Später, beim Mittagessen, kam David an seinen Tisch. Langsam ahnte Max, was nun auf ihn zukam. Er wollte keine Gefühle verletzen, aber er erklärte David, auf welcher Seite des Flusses er stand. Es gab danach keine Probleme mehr, und sie kamen gut miteinander aus.

„Okay, okay, ich habe mich mit dem Thema noch nicht befasst“, musste Abram zugeben. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Oh Mann, diese verdammte Hitze. Ich habe einen wahnsinnigen Durst, und würde meinen letzten Cent für ein Budweiser geben.“ Abram rollte die Augen nach oben, mit der Faust simulierte er eine Bierdose. „So richtig eiskalt, dann das Zischen beim Aufmachen und in einem Zug runter, ich müsste nicht einmal schlucken, Mann, oh Mann!“

„Shut up, Abram, trink dein warmes Wasser aus der Feldflasche und stell dir vor, es wäre kaltes Bier.“

„Heute Nacht träume ich wahrscheinlich von einem kalten Bier und einer heißen Braut, Tony. Ich habe gehört, die Mädels in Nam sollen sehr schön sein – und sehr willig.“

„Mag sein, ist aber zu riskant. Die haben doch alle Handgranaten im Höschen versteckt, abgesehen von all den Krankheiten. Ich habe keine Lust, mir einen Clap einzufangen“, lachte Tony und klatschte in beide Hände, was in der Zeichensprache der Soldaten Clap bedeutete, eine Geschlechtskrankheit. „Was meinst du, Max, glaubst du an all die Geschichten?“

„Ich habe keine Ahnung, die Nam Bräute flüchten sowieso vor den Schwarzen“, meinte Max mit einem verschmitzten Lächeln. „Ihr Ruf ist ihnen schon vorausgeeilt, wenn du weißt, was ich meine.“ Dabei hielt er seine Hände einen halben Meter auseinander. „Für Abram besteht keine Gefahr sich anzustecken, der kommt den Mädels nicht nach, weil er immer über sein Dingeling stolpert.“

„Nur kein Neid, Max, nur kein Neid.“ Abram zeigte seine Reihen schneeweißer Zähne. Er war nicht beleidigt, im Gegenteil. Es gab in dieser Hinsicht keine Probleme unter den Soldaten. Denn, wenn es um das Überleben geht, spielt es keine Rolle, ob der Kamerad neben einem schwarz oder weiß ist.

„Okay Männer, es geht los!“ brüllte der Master Sergeant in das Megafon. „Alle hoch und in Viererreihen antreten. Wenn ihr auf dem Schiff seid, sind die Decks und die Schlafplätze ausgewiesen. Je schneller ihr euren Platz findet, desto eher werden wir essen können. Also, die Augen aufhalten, folgt den Anweisungen und denkt daran, das Schiff ist innen größer als außen.“

Der letzte Satz rief lautes Gelächter hervor, die Laune stieg, es ging endlich los!

 

Kapitel 2

USNS GENERAL THOMPSON

Der Pazifik machte auf dieser Reise seinem Namen alle Ehre. Es gab noch viele wehmütige Blicke, als das Schiff die Golden Gate Bridge passierte. Das war vor zwei Wochen. Max hatte Lamont im Bordgefängnis abgeliefert und danach nie wieder gesehen. Er war mit Tony und Abram tief unten im Schiff mit anderen Soldaten untergebracht. Sie schliefen in Hängematten, jeweils fünf übereinander, mit einem halben Meter Abstand zur nächsten Reihe.

Seinen Trieben konnte ein Soldat an den obersten Decks nachkommen, am besten nach Mitternacht, zwischen den Rettungsbooten. Das gäbe lauter Nixen spotteten die Männer. Die Schwulen sah man in der Nacht nie an Deck. Die Gefahr, über Bord geworfen zu werden, war zu groß.

Das Meer war die ganze Zeit über spiegelglatt. Am Tag war es sehr heiß, aber nachts lau und angenehm. Man vertrieb sich die Zeit mit Schreiben, Lesen, Poker, Pinochle oder Schlafen. Ein Soldat konnte immer schlafen, liegend, sitzend und sogar stehend. Nach drei Wochen kam etwas Gefährliches auf, die Langeweile. Denn abgesehen von einer Seenotrettungsübung mit Mann über Bord, wozu eine Puppe benutzt wurde, war ein Tag wie der andere. Es gab nun öfter Reibereien unter den Soldaten und immer noch waren es zehn Tage bis zum Ziel. Das Südchinesische Meer erwartete sie.

Die drei Freunde saßen mal wieder in ihrer Ecke an Deck und ließen sich von der Morgensonne wärmen. Die Gerüchteküche brodelte auf Hochtouren.

„Habe gehört, dass dieser Kahn es nicht bis Nam schaffen wird“, meinte Tony. „Der Vietkong kann es sich angeblich nicht leisten, eine Elite Division wie die 101. ins Land zu lassen.“

„Was ist mit dem Begleitschutz, den zwei Submarines?“, fragte Abram.

„Hast du vielleicht welche gesehen, seit wir Oakland verlassen haben?“

„Nein, aber man kann uns doch nicht einfach ohne Schutz über den Pazifik schicken“, empörte sich Abram. „Da muss was dran sein mit den Submarines.“

„Wahrscheinlich haben die Boote den Befehl, getaucht zu bleiben“, tröstete ihn Max.

Das Gespräch endete. Jeder döste vor sich hin und hing seinen Gedanken nach. So ging das jeden Tag, was soll man sich schon noch sagen. Das Hauptthema Mädchen war schon lange uninteressant geworden, da es immer die gleichen Geschichten waren, die man sich erzählte. Überhaupt herrschte eine gereizte Stimmung an Bord. Auch die Disziplin schien nachgelassen zu haben.

„Bin mal gespannt, was uns nach der Landung erwartet“, sagte Abram und streckte sich nach allen Seiten. „Ich gehe runter, hier wird es langsam zu heiß, bin schon schwarz genug.“

„Pass auf, dass die Schwulen dich nicht schnappen“, rief ihm Tony hinterher.

„Keine Angst, die erwürge ich mit meiner schwarzen Mamba.“

„Ich glaube, ich gehe auch, kommst du mit, Max?“

„Nein, ich bleibe noch hier oben. Für mich kann es nicht heiß genug sein.“

„Dann sehen wir uns später.“

„In Ordnung, Tony, bis zum Abendessen dann.“ Max genoss die Sonne und das Alleinsein. Er schaute nachdenklich in den blauen Himmel über sich. Was zum Teufel machte er hier, inmitten des Pazifiks, auf einem amerikanischen Kriegsschiff, unter fünftausend GIs, auf dem Weg in einen Krieg? Seine Gedanken trugen ihn weit zurück in die Vergangenheit.

Kapitel 3

Mannheim, Germany 1948

Es regnete fast immer in Mannheim, einer Industriestadt am Rhein und Neckar, im Südwesten der Bundesrepublik Deutschland. Wenn es nicht regnete, war es bewölkt. Auf jeden Fall sah man die Sonne sehr selten. In dieser Stadt lebte größtenteils Arbeitervolk.

Der Krieg hatte Mannheim wegen seiner kriegswichtigen Industrieanlagen nicht verschont. Das besiegte Deutsche Reich wurde von den Siegermächten in vier Verwaltungszonen aufgeteilt. Die amerikanische, englische, französische und russische Zone. Mannheim lag Gott sei Dank im amerikanischen Verwaltungsgebiet.

Die GIs waren meist sehr freundlich. Aus ihren Fahrzeugen regnete es Schokolade, Kaugummi und andere wunderbare Süßigkeiten auf die Kinder herunter, wenn die Soldaten durch die Städte und Dörfer fuhren. Meistens waren es schwarze Soldaten, verschiedenster Schattierungen, vom tiefsten Schwarz bis zu hellem Braun. Es waren freundliche, lachende Gesichter. Dann waren da natürlich noch die heißbegehrten Care Pakete, die tonnenweise über den Atlantik kamen. Viele amerikanische Kinder hatten ihr Taschengeld dafür geopfert. Auch konnte man sehr oft US-Trucks mit deutschen Schulkindern auf dem Weg zu den Kasernen sehen. Dort bekamen sie dann reichlich zu essen. Viele waren wegen der herrschenden Lebensmittelknappheit stark unterernährt. Lebensmittelkarten, die ausgegeben wurden, halfen wenig. Es war zuviel zum Verhungern und zu wenig zum Leben, zum Sattwerden reichte es schon gar nicht. Dadurch blühte natürlich der Schwarzmarkt. Den Bauern ging es gut, denn die Stadtbevölkerung, die in Massen hinaus aufs Land kam, tauschte alles, was einen Wert hatte, gegen ein paar Kartoffeln, Mehl, Eier oder andere essbare Landprodukte ein.

Hin und wieder gab es auch Übergriffe seitens der GI’s auf die weibliche Bevölkerung, was aber vom Militär strengstens bestraft wurde. Die Militärpolizei sorgte für Ordnung, innerhalb der vielen Bars und auf den Straßen. Weiße und schwarze GIs vergnügten sich streng getrennt in ihren jeweils eigenen Bars und Stadtvierteln. Bordelle schossen wie Pilze aus dem Boden. Manche deutschen Fräuleins bevorzugten es, mit einem Farbigen ins Bett zu gehen, als jeden Morgen mit hungrigem Magen aufzuwachen.

Im Gegensatz zu den heutigen US-Streitkräften, in denen alle die gleichen Chancen haben, waren die Farbigen zu der Zeit noch unterdrückt und benachteiligt. Im Krieg hatten sie aber die besseren Karten, denn an der vordersten Front durften nur Weiße kämpfen. Die schwarzen Truppen dienten weit hinten beim Nachschub.

Nach der Währungsreform, 1948, ging es der deutschen Bevölkerung etwas besser. Das größte Problem war natürlich, die Wohnungsnot. Auch gab es nicht genügend Kohle, um bei extrem kalte Winter die Menschen vor dem Erfrieren zu schützen. Bisweilen hauste man meistens in Autogaragen und leeren Fabriken, sofern diese nicht zerstört waren, oder in den Ruinen. Aber auch auf dem Wasser lebten Menschen, auf zum Teil halbversunkenen Lastkähnen. Die Kinder erschienen in der Schule in bunt zusammengewürfelten Kleidungsstücken. Im Sommer gingen sie barfuß oder auf zurechtgeschnittenen Autoreifen, die mit Schnüren oder Drähten am Fuß befestigt waren. Der Krieg hatte auch für eine große Männerknappheit gesorgt. Die Hauptlast der Versorgung lag daher bei den Frauen. Sie mussten organisieren, Schutt wegräumen und vieles mehr. Sie waren Mutter und Vater zugleich. Es waren tapfere Frauen mit blutiger Vergangenheit, trauriger Gegenwart und einer ungewissen Zukunft.

Das war die Welt des kleinen Maximilian Wolf.

 

Kapitel 4

Max war ein pausbäckiger, blonder Junge von zehn Jahren. Was auffiel, war sein ernster Blick. Sein Vater, ein untersetzter Mann mit breiten Schulten und Halbglatze, konnte durch seine Beziehungen, ein Haus mit großem Garten erwerben. Aber in dem Haus gab es wenig Freude für Max und noch weniger Liebe, aber dafür viel körperliche Gewalt. Fast täglich wurde er verprügelt, oft ohne zu wissen, warum. Er teilte ein Zimmer mit seinem zehn Jahre älteren Bruder, Bruno. Seine vier Jahre jüngere, Schwester schlief im Zimmer bei der Mutter. Das Zimmer war für ihn immer verschlossen. Darin lagerten Zucker, Brot und Wurst. Leckerbissen, die nur für seine Mutter und die Schwester reserviert waren. So konnte er den reich gedeckten Tisch immer nur durch das Schlüsselloch sehen.

Dann war da noch Maria, seine ältere Schwester. Sie war gerade achtzehn geworden und der einzige Mensch, dem Max vertrauen konnte und von dem er Liebe erfuhr. Leider wohnte sie nicht zu Hause, sondern in dem dreißig Kilometer entfernten Heidelberg. Eine romantische, kleine Stadt am Neckar. Dort lebte sie bei einer amerikanischen Offiziersfamilie, deren Kinder sie betreute. Weihnachtsabende verbrachte Max oft allein.

Nie vergaß er den Tag, als Maria ihn mit in die Innenstadt nahm. Sie führte ihn zu einem Schaufenster, und da stand es. Ein leuchtend rotes Fahrrad, nagelneu. Er schaute sie verwirrt und fragend an. Sie lächelte nur und sagte: „Deines.“ Wie hatte sie das nur bezahlen können, wo sie selbst immer knapp bei Kasse war? Aber das war Maria, sie war einfach ein guter Mensch. Es war wirklich der schönste Tag in seinem Leben, aber umso schmerzhafter war es, als das Rad kurze Zeit danach gestohlen wurde.

Ja, das war Maximilians Welt. Jedoch, im Gegensatz zu seinen unterernährten Schulkameraden, war er ein kräftiges Bürschchen. Denn Max hatte ein Geheimnis. Er sah nicht umsonst so stämmig aus, als gäbe es keine Hungersnot. Er hatte immer etwas zu essen, denn seine Hauptbeschäftigung war, etwas Essbares zu organisieren.

Seine Mutter war eine äußerst unglückliche Frau, ihre einstige Schönheit verblichen. Schuld daran war der Vater. Nachdem er seine Runden bei den zahlreichen Geliebten gemacht hatte, kam er meistens betrunken nach Hause und terrorisierte die Familie. Da die Mutter mit ihrem Leben sehr unzufrieden war, brauchte sie einen Blitzableiter und keiner war dafür besser geeignet als der kleine Max. Er selbst hatte oft keine Ahnung, für was sie ihn bestrafte. Auch von seinem Bruder, der übrigens ein sehr guter Amateurboxer war, kassierte Max des Öfteren Schläge. Deshalb war er auch in der Schule so unerschrocken. Er scheute sich auch nicht, sich mit Jungs anzulegen, die zwei Klassen über ihm waren. Denn kein Junge konnte so hart zuschlagen, wie er es von seinem Bruder gewohnt war.

Der Krieg war vorbei, seine Folgen noch nicht. Dennoch ging es langsam aufwärts. Die Mutter ließ sich vom Vater scheiden, was eine wunderbare Sache war. Max war jetzt elf Jahre alt. In der Schule kam er auch ohne Hilfe gut voran. Da kam ihm das viele Lesen zugute, denn Lesen war seine Leidenschaft. Eigentlich lebte Max in einer Scheinwelt, der Welt seiner Bücher nämlich. Die Helden seiner Romane, es waren immer Geschichten aus dem Wilden Westen, beeinflussten die Entwicklung seiner Persönlichkeit. Diese Helden waren stark, furchtlos und schnell mit dem Colt, den sie aber nur gegen die Bösen benutzten, um den Schwachen zu helfen. Aber immer ging es um Ehre und Heldentum. Diese Bücher hinterließen bei ihm einen Eindruck, der ihn sein Leben lang begleiteten sollte. Sein ganzes Geld, das er sich mit Schrottsammeln verdiente, gab er für Bücher aus. Stundenlang suchte er in der Leihbücherei passendes Lesematerial aus. Er saß dann das ganze Wochenende auf seinem Platz und las seine Bücher, wenn ihn die Mutter nicht gerade aufscheuchte.

Es war gerade wieder so ein wunderschöner Sonntagnachmittag, den Max mit Lesen verbrachte, als es klingelte. Vor der Tür standen drei seiner Schulkameraden.

„Kommst du mit zum Hafen runter?“, fragte der kleine Kohl. Er starb ein Jahr später an einer Blinddarmentzündung. Die beiden anderen Jungs waren Rösler und Diehl. Rösler war eine Sau und Diehl nicht viel besser. Wenn man etwas über Sex wissen wollte, wurde man von den beiden bestens aufgeklärt. Max war nicht interessiert, er war noch viel zu unbedarft. Das sollte sich aber bald ändern.

Er war nicht gerade erfreut, beim Lesen gestört zu werden, aber er wollte auch nichts verpassen.

„Klar komme ich mit, ist ein Zug angekommen?“

„Ja und was für einer“, erwiderte Diehl. „Stell dir vor, braunen Zucker hat der geladen.“

Sie trabten in Richtung Hafen los, keine dreihundert Meter vom Haus entfernt. Da stand tatsächlich ein Güterzug. Er musste in der Nacht entladen worden sein. Jetzt schwärmten mindestens hundert Leute um die Waggons herum und stritten sich um den Zucker, der aus aufgeplatzten Säcken verschüttet am Boden lag. Die vier Jungs kamen zu spät. Die Waggons waren bereits blitzsauber, wie geleckt. Es waren eben harte Zeiten!

„Wie wäre es, wenn wir zur Insel gingen“, machte Rösler den Vorschlag.

„Das ist zu weit ohne Fahrräder, aber wir könnten zum Jugendheim gehen, das ist näher, mal sehen, ob da was los ist.“

Das Jugendheim war eine zweistöckige Ruine und ein früheres Altersheim. Jetzt spielten Kinder dort. In den stockdunklen Kellergewölben konnte man sich gut verstecken. Eltern, die davon wussten, verboten es, denn es war mit immensen Gefahren verbunden. Nicht so sehr wegen der Einsturzgefahr, vielmehr wegen krimineller Elemente, die damals auf Kinder regelrecht Jagd machten. Es gab sogar Berichte, dass Kinder zu Dosenfleisch verarbeitet wurden. Schaurige Geschichten.

Viel los war im Jugendheim aber auch nicht. Die Jungs setzten sich auf eine Mauer und quatschten über die Zukunft.

„Wenn ich mit dem ganzen Schulkram fertig bin, wandere ich aus“, sagte Max und beobachtete die dunklen Wolken, die auf sie zukamen.

„Wo willst du denn hin?“, fragte der kleine Kohl.

„Nach Amerika, wohin denn sonst? Die Autos der Amis sehen aus wie Raketen, manche sind sogar dreifarbig. Die haben acht Zylinder und über dreihundert PS.“

„Woher weißt du das denn so genau?“, fragte Diehl.

„Weil ich schon in so einem Wagen gefahren bin“, trumpfte Max auf. „Meine Cousine hat nämlich einen.“

„Was, so einen Schlitten?“

„Nein, du Depp, einen Ami mit so einem Schlitten. Buick stand vorn drauf, sie haben mich einmal mitgenommen. Einfach riesig, es war ein Schweben, sage ich euch, alles ging automatisch. Der Ami musste nie schalten. So einen Buick werde ich auch einmal fahren.“

„Ja, ja natürlich, ausgerechnet du“, lachte Rösler, die Sau, spöttisch. „Du hast ja nicht einmal ein Fahrrad.“

Das stimmte allerdings. Jeder Junge hatte ein Rad, manche sogar mit Dreigangschaltung. Nur Max besaß kein Rad, jedenfalls nicht mehr. Aber er war dabei, sich eines zu bauen. Auf einem Schrottplatz hatte er einen Rahmen und die passenden Räder gefunden. Das Ganze hatte er mit einer grasgrünen dicken Ölfarbe gestrichen, als Rostschutz. Die Reifen hatte er sich organisiert. Leider hatte das Rad nur ein Pedal, aber dazu würde ihm auch noch etwas einfallen.

„Ich habe etwas Besseres“, erwiderte Max wütend. „Etwas viel Besseres.“

„Was denn, du Großmaul?“

Max war fast so weit, Rösler aufs Maul zu hauen, aber er beherrschte sich. „Ein Motorrad, eine englische BSA. Du kannst morgen nach der Schule vorbeikommen und zuschauen, wenn ich sie fahre. So und jetzt gehe ich nach Hause.“

Keiner sagte ein Wort, nur Diehl rief ihm nach: „Wir werden da sein!“

Max hatte nun natürlich ein riesiges Problem, er brauchte eine Lösung, um aus diesem Schlamassel heraus zu kommen. Klar, stand eine BSA in der Garage, aber es war die seines Bruders. Ihm fiel ein, was er vor einem halben Jahr mit der Maschine seines Vaters machte. Es war eine 200 ccm Zündapp. Das Ganze war relativ einfach, denn das Zündloch für den Schlüssel befand sich in der Lampe. Die Nacht davor steckte er ein abgebrochenes Streichholz tief in das Loch. Als sein Vater früh morgens zur Arbeit wollte, passte der Zündschlüssel, der nur ein kurzer Stab ohne Bart war, nicht ganz hinein. Er hatte für die zwanzig Kilometer zur Arbeit sein Fahrrad nehmen müssen.

Max, der ganz aufgeregt wegen des bevorstehenden Abenteuers, von der Schule nach Hause gekommen war, nahm eine Nähnadel und stach damit in das Streichholz. So konnte er es herausziehen. Der Rest war leicht. Ein großer Nagel ersetzte den Zündschlüssel. Kickstarten, und es ging los. Mit seinem Freund auf dem Sozius fuhr er kreuz und quer durch das Industriegebiet. Nach einer Stunde stellte er das Motorrad wieder genauso hin, wie es vorher gestanden hatte. Sein Vater hatte es nie bemerkt. Denn als dieser später den Zündschlüssel reinsteckte, war kein Streichholz mehr darin, und die Maschine funktionierte wieder ganz normal.

Doch mit der BSA seines Bruders war es etwas anderes. Das Motorrad war höher, viel schwerer und hatte 350 ccm. Der Bruder fuhr immer mit dem Fahrrad zur Arbeit, da er das Motorrad schonen wollte. Der Trick mit dem Nagel würde wieder klappen, aber – warum hatte er nicht einfach sein Maul gehalten. Ihm wurde ganz übel bei dem Gedanken an morgen. Sollte er vielleicht die ganze Sache abblasen? Dann konnte er sich in der Schule nicht mehr blicken lassen.

Die Jungs erschienen pünktlich am nächsten Tag und staunten nicht schlecht, als sie die BSA sahen, in schwarz und rot.

„Mensch, das ist die Wucht in Büchsen“, staunte Kohl.

„Ja, das ist ein Ding“, musste auch Rösler neidlos zugeben.

„Aber die gehört bestimmt nicht dir“, sagte Diehl schnell, ohne die Augen von der Maschine zu lassen.

„Sie gehört meinem Bruder, aber er schenkt sie mir, wenn ich alt genug bin“, schwindelte Max. „Gefahren bin ich schon damit, aber er darf es natürlich nicht wissen.“ Die Jungs waren beeindruckt.

„Helft mir mal, sie raus zu schieben. Aber Achtung, die ist sauschwer.“ Max merkte sich die genaue Position, wo das Motorrad vorher stand. Dann schoben sie es gemeinsam aus der Garage auf die verkehrsstille Seitenstraße. Er steckte einen langen Nagel in das Zündloch und trat den Kickstarter mehrmals nach unten. Nichts geschah. Das war peinlich. Er sah, wie Rösler und Diehl anfingen, zu grinsen. Nur der kleine Kohl schien auf seiner Seite zu sein.

„Ich muss sie anschieben, so scheint es diesmal nicht zu funktionieren.“ Max sammelte all seine Kraft zusammen, schaltete in den zweiten Gang und rannte schiebend neben der BSA her, die Hände am Lenker. Was dann geschah, war das schrecklichste Erlebnis in seinem jungen Leben. Der Motor zündete plötzlich. Max verlor den Griff zur Handkupplung, der Griff zum Drehgas war sein einziger Halt. Durch seine unglückliche Position drehte er den Gasgriff voll auf, und die Maschine raste, mit ihm hilflos an der Seite hängend, davon. Ein gutes Stück schleifte sie ihn noch mit, ehe er losließ. Das herrenlose Motorrad fuhr alleine weiter, in ein schweres Eisengeländer hinein, änderte die Richtung und knallte frontal gegen eine Mauer – dann Stille.

Mit blutigen Abschürfungen an Armen und Beinen saß Max wie gelähmt auf der Straße. Die Jungs standen mit offenem Mund und großen Augen noch da, wo die Misere begonnen hatte.

„Mensch, Max!“, schrie der kleine Kohl, der zuerst bei ihm war. „Bist du okay?“

Max spürte keine Schmerzen, nur unsägliche Angst. Er spürte eine Faust, die sein Herz umklammerte und zu würgen schien. Er wünschte sich weit weg. Tränen schossen ihm in die Augen. Er stand auf und ging zur Maschine. Der Lenker und der Scheinwerfer waren dahin. Der Tank hatte eine riesige Delle, und die Fußraster waren völlig verbogen. Mit Hilfe der Jungs schaffte er es, das Motorrad wieder auf die Räder zu stellen. Dann schoben sie es in die Garage und stellten es zurück an seinen alten Platz.

Max hoffte auf ein Wunder. Es geschah aber kein Wunder, dafür kam es noch viel schlimmer. Denn, da es ein Freitag war, hatte sein Bruder mit seinen Freunden einen Ausflug geplant und wollte die Maschine für das Wochenende aufpolieren – Weltuntergang war angesagt. Max hatte sich im Keller versteckt. An das Geräusch, als das Garagentor geöffnet wurde, konnte er sich gut erinnern. Dann sekundenlange Stille. Plötzlich dieser Schrei …Was danach kam, daran wollte er sich nicht mehr erinnern. Es waren wirklich harte Zeiten.

Max hatte es überlebt, und man schrieb nun das Jahr 1951. Er war dreizehn Jahre alt. Nun wusste er auch mehr Bescheid über Mädchen und Sex, auch ohne die Hilfe von Rösler und Diehl. Es war sein letztes Schuljahr. Lehrstellen waren knapp, aber die Beziehungen seines Vaters machten es möglich, doch eine Stelle in einer Fabrik zu finden. Das aber war reine Sklaverei. Als Lehrling wurde man geschlagen, erniedrigt, und schikaniert. Aber das kannte Max ja schon von zu Hause her.

Maria war vor einem Jahr nach Kanada ausgewandert. Ein mutiges Mädchen. Nun gab es hier niemanden mehr, der sich um ihn kümmerte. Er nahm sich vor, nach seiner Lehre Deutschland ebenfalls zu verlassen.

Die Mutter war etwas friedlicher geworden, seit der Vater weg war. Auch bei seinem Bruder fand Max nun endlich Anerkennung. Bruno dachte, es könne nicht schaden, ihn in den Boxverein KSV mitzunehmen. Das Training fand in einer schmuddeligen, alten Halle mit zerschlissenen Sandsäcken und alten Boxhandschuhen statt. In einer dunklen Ecke stand ein Ring auf dem feuchten Lehmboden. Es roch immer nach Schweiß. Max fühlte sich deprimiert in diesem Raum und hatte nie Lust, zu trainieren. Doch seine Ehre stand auf dem Spiel. Und Boxen zu können, war besser, als nur zu Raufen.

Bald bahnte sich sein erster Kampf an, den er auch gleich verlor. Max hatte zwar viel Herz gezeigt, doch es fehlte ihm an Erfahrung. Welch eine Schmach! Auf der Straße hatte er noch nie einen Kampf verloren. Er fing an, härter zu trainieren. Der nächste Kampf ging unentschieden aus. Beim dritten Kampf ging es um die Junioren Kreismeisterschaft. Seine Mutter saß unter den Zuschauern, in der vierten Reihe. Neben ihr ein dicker Mann, der zu ihr sagte: „Der ist ja jetzt schon müde, das wird nichts mit dem.“ Gemeint war Max. Viele der Zuschauer schienen diesen Eindruck ebenfalls zu haben. Doch während sein Kontrahent wie ein Weltmeister im Ring herum tänzelte, stieg Max ruhig und langsam durch die Seile, so wie es seine Art war und begab sich ebenso lässig in seine Ecke. Der Kampf war kurz, der Gegner musste in der zweiten Runde aufgeben. Max wurde Junior Kreismeister!

„Gut gemacht“, meinte Bruno stolz. Der hatte seinen Kampf, wie so oft, durch Knock out gewonnen. Allmählich kamen sich die Brüder immer näher. Danach gab es nur noch Siege für Max. Bis er eines Tages bei einem Kampf beinahe sein Leben verlor. Dieser Kampf fand außerhalb des Ringes statt. Er änderte seine ganze Lebenseinstellung. Aber das erst viel später.

Mit vierzehn Jahren, Max war jetzt im zweiten Lehrjahr, ging es auch in der Firma besser. Da seine Boxerfolge in der Zeitung zu lesen waren, hatte er nun auch die Bewunderung der Kollegen.

Maria hatte ihm aus Kanada ein Paar Schlittschuhe, so wie sie auch die Profi Hockeyspieler benutzten, geschickt. Wann immer er konnte, trieb es ihn nun zum Eisstadion. Bald hatte er mit Hilfe eines Kollegen das Schlittschuhlaufen perfektioniert.

Es gab natürlich auch eine Menge hübscher Mädchen auf dem Eis. Seine erste große Liebe, Marianne, war ein äußerst schönes Mädchen mit blauen Augen und langen, schwarzen Haaren. Meistens trug sie weiße, enge Pullover und knielange, weite Röcke. Die Zeit mit ihr hielt leider nur drei Wochen. Denn, was andere Jungs wagten, vermochte Max nur in Gedanken. Seine Bücher lehrten ihm doch, dass man Mädchen respektieren sollte. Sie seien nämlich etwas ganz Besonderes. Das tat er dann auch. Er respektierte sie so lange, bis es den Girls zu langweilig wurde, und sie beim nächsten Jungen ihr Glück suchten.

Die Zeit blieb nicht stehen. Es war Weihnachten 1952. Wie jedes Jahr lud die Firma ihre Belegschaft zu einer Weihnachtsfeier ein. Ein Erlebnis, das Max am liebsten ganz aus seiner Erinnerung streichen wollte. Der erste Rausch! Damals hatte er auf die harte Tour gelernt, dass Alkohol und er nie Freunde werden würden.

1955 endete seine Lehre. Nach der bestandenen Prüfung war er nun Elektromaschinentechniker. Max kümmerte sich sofort um ein Einwanderungsvisum nach Kanada. Maria schickte ihm das Ticket für die Schiffsreise.

Dann kam der Tag des Abschieds, zwei Monate vor seinem achtzehnten Geburtstag. Es regnete – wie passend. Sein Onkel hatte ein Auto und fuhr ihn, begleitet von seiner Mutter und einer Tante, zum Hauptbahnhof. Man verabschiedete sich oberflächlich, als würde er übermorgen wieder zurückkommen. Max setzte schnell seine Sonnenbrille auf. Er wollte nicht, dass jemand die Tränen der Enttäuschung sah, die er mit aller Kraft zu unterdrücken versuchte.

 

Kapitel 5

MS SEVEN SEAS

In Bremerhaven bestieg Max die SEVEN SEAS. Ein umgebauter, ehemaliger Flugzeugträger. Nun war jegliche Traurigkeit verflogen, jetzt packte ihn die Abenteuerlust. Seine ganze Kindheit hatte er nur von diesem Augenblick geträumt. Beim Ablegen, spielte eine Kapelle. Bis auf drei Passagiere befanden sich ausschließlich Familien an Bord.

„Wie schön wäre es, wenn …“, dachte Max wehmütig. Einsam an der Reling beobachtete er die Szene. Das Schiff wurde aus dem Hafen geschleppt und nahm kurze Zeit später Fahrt in Richtung Kanada auf. Es sollte zehn Tage dauern, bis es Montreal erreichte. Für August war es ganz schön frisch und unfreundlich an Deck. Der Nordatlantik eben. Es war keine schöne Überfahrt. Aber alles, was hinter ihm lag, war für den Moment vergessen, der Krieg, die Bomben, die Ruinen und seine grässliche Kindheit. Die Vergangenheit war wie ein widerlicher Traum, ohne Farbe, nur schwarz und weiß.

Was jetzt galt, war die Zukunft. Der Gedanke an das Wiedersehen mit Maria ließ sein Herz höher schlagen. Ob sie ihn erkennen würde? Er war inzwischen größer als sein Bruder. Seine blonden Locken fielen ihm in die Stirn. Er war ein junger Mann mit noch etwas weichen Gesichtszügen. An Bord lernte er Pascha kennen. Warum sie Pascha hieß, hatte er nie erfahren. Sie und ihre Familie wollten nach Toronto. Abends knutschten die beiden hinter einem Rettungsboot. Pascha war zwar nicht sehr hübsch, aber sie küsste gut.

Die Weite des Ozeans faszinierte Max die ersten Tage. Besonders nachts schien es gruselig da draußen. An der Reling stehend blickte er hinunter und stellte sich vor, wie es wäre, wenn jemand über Bord fiele. Ganz alleine im dunklen Wasser, die Lichter des Schiffes sich entfernend. Niemand würde die Schreie hören. Und dann, nur die Sterne darüber und die Tiefe darunter. Er schüttelte sich bei dem Gedanken.

Langsam wurde die Reise eintönig, bis die Seven Seas schließlich den Saint Lawrence River erreichte. Er verbindet die großen Seen mit dem Atlantik. Ein außergewöhnlicher Strom mit einem riesigen Einzugsgebiet, der mitunter eine Breite von zehn Kilometern hat. Fast zwei Tage lang fuhr das Schiff nun schon mit verminderter Geschwindigkeit den Strom hinauf. Bis nach Montreal waren es noch knapp fünfhundert Kilometer. Zwei hochinteressante Tage. Es gab auf beiden Seiten des Schiffes viel zu sehen. Das war also Kanada, das zweitgrößte Land der Welt mit nur fünfundzwanzig Millionen Einwohnern. Ein recht leeres Land.

Als die Seven Seas im Hafen von Montreal anlegte, ahnte Max noch nicht, dass in dieser Stadt sein Leben eine unerwartete Richtung einnehmen würde.

Er konnte Maria am Kai stehen sehen. Aufgeregt winkte sie ihm zu. Das Wetter war phantastisch. Alles war perfekt. Aus irgendeinem Grund durften die Passagiere das Schiff erst nach einer Stunde verlassen. Nach der Passkontrolle war er nun offiziell in Kanada eingereist, ohne jedoch die Sprache zu sprechen oder zu verstehen. Es war ein schönes Wiedersehen, nach so vielen Jahren. Maria hatte sich verändert. Sie hatte an Gewicht zugenommen. Aber dann erinnerte sich Max, dass sie schwanger war. Auch machte sie, abgesehen von der Wiedersehensfreude, keinen sonderlich glücklichen Eindruck auf ihn.

„Du bist groß geworden“, sagte sie, nachdem sie Max umarmt hatte. „Das ist Hans“, stellte sie den Ehemann vor. Ein schmalschultriger Mensch, mit einer unsympathischen Visage. Es war keine Liebe auf den ersten Blick zwischen Max und Hans, auch nicht auf den zweiten. Dem Kerl sah man die Eifersucht auf den kleinen Bruder schon von weitem an. Das konnte ja noch heiter werden!

„War die Reise schön?“, fragte Maria.

„Teilweise. Der schönste Teil war die Fahrt auf dem St. Lawrence River. Die Überfahrt auf dem Atlantik war kalt und langweilig.“

Sie marschierten zum Parkplatz. Schon vorher wusste Max, in welches Auto sie einsteigen würden. Es war ein alter, hässlicher Pontiac, Baujahr 1949. Irgendwie passte das Auto zu Hans. Das einzig schöne an dem Wagen war der Indianerkopf auf der Motorhaube. Pontiac war ein Indianerhäuptling, nach dem das Auto benannt wurde. Sobald Max seinen alten Koffer verstaut hatte, ging die Heimfahrt los. Das Ziel Ottawa, die Hauptstadt Kanadas.

Kapitel 6

Ottawa, Kanada

Auf der Fahrt erzählte Max alles, was es zu erzählen gab. Nach zwei Stunden kam Ottawa in Sicht. Auf den ersten Blick eine sehr schöne Stadt. Auf den zweiten Blick ein großes Dorf mit Parlament. Das Beeindruckendste an dieser Stadt war das Chateau Laurier. Ein riesiges Hotel, das an eine mittelalterliche Festung erinnert.

„In dem Hotel habe ich zwei Jahre als Zimmermädchen gearbeitet“, sagte Maria. „Es gefiel mir sehr gut dort und vor allem gab es reichlich Trinkgeld.“

Die Fahrt ging durch die Stadt, vorbei am Parlament und am anderen Ende der City wieder hinaus. Ein paar veralterte Straßenbahnen, ähnlich den Cabel Cars in San Francisco, rumpelten vorbei. Es ging ziemlich weit aus der Stadt heraus. Sie passierten ein Autokino, das Max im Winter als Orientierungspunkt dienen würde. Ein paar Kilometer weiter kamen sie an einen primitiven Drahtzaun, der sich zur Seite schwenken ließ. Durch diese Öffnung fuhr der quietschende Pontiac. Die Stadtgrenze lag nun fünf Kilometer zurück. Als der Wagen in eine Wiese einbog, war weit und breit keinerlei Anzeichen irgendeiner Zivilisation zu sehen. Die größte Überraschung ließ nicht lange auf sich warten. Die Hütte, in der Hans mit Maria lebte. Diese Behausung hatte der Rancher, dem das Land gehörte, als Unterschlupf bei schlechtem Wetter benutzt. Die Hütte passte zu dem alten Pontiac – und zu Hans.

Es war niederschmetternd. Aber es kam noch schlimmer. Man trat ein, ohne die Tür zu öffnen. Die gab es nämlich nicht. Es gab keine Tür! Aus dem gleichen Grund brauchte man kein Fenster zu öffnen. Ja, es gab auch keine Fenster! Im Erdgeschoss befand sich ein kleiner Raum mit einem wackeligen Tisch und alten Stühlen. Oben waren zwei noch kleinere Räume. Ach so, das Klo. Das war draußen natürlich, ein behelfsmäßiges Outhouse.

Vorsichtig setzte sich Max auf einen der Stühle am Tisch. Die Hamburger, die Maria unterwegs geholt hatte, halfen seine Laune etwas zu verbessern. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Hans seit Montreal noch kein Wort gesprochen hatte. Mal sehen, ob der überhaupt sprechen kann. „Arbeitest du hier in der Nähe?“, fragte er ihn.

„Zehn Kilometer entfernt vom Drive-In. In der Summerset“, war die knappe Antwort.

„Wow, er kann sprechen!“, dachte Max.

„Hans arbeitet als Tankwart“, erklärte Maria. „Er wird dir Arbeit besorgen, sein Chef hat gute Beziehungen.“

„Da bin ich mal gespannt. So wie der schaut, lande ich wahrscheinlich in einem Kohlebergwerk“, dachte Max. Dass es noch viel schlimmer kommen würde, ahnte er nicht. Aber er verstand nun, warum Maria nicht glücklich war, nicht glücklich sein konnte. Sollte das Kind etwa in solch einer Umgebung geboren werden? Es war schwer, sich das vorzustellen. Auf jeden Fall würde er etwas tun müssen, um Maria zu schützen. Wie konnte ein so hübsches Mädchen nur bei einem solchen Typen landen? Wäre er damals älter gewesen, so hätte er mit ihr auswandern können.“ Sein Bruder hätte mit Maria gehen sollen. Ein Mädchen braucht männlichen Schutz in solch einer Situation. Verdammt! Er musste sich etwas einfallen lassen. Er wird morgen mit ihr reden, wenn sie beide alleine sind.

„Ich bin müde, ich glaube, ich gehe jetzt hoch. Gute Nacht und Danke fürs Abholen.“ Noch einen liebevollen Blick zu Maria, und Max verschwand nach oben. Er war sofort eingeschlafen. So endete sein erster Tag in Kanada.

„Guten Morgen“, wurde er begrüßt, der Duft von Toast stieg ihm in die Nase, als er um zehn Uhr unten erschien. Hans war um fünf Uhr schon zur Arbeit gefahren. Nun konnte man wenigstens offen sprechen.

„Wo hast du den denn kennen gelernt?“, wollte Max wissen.

„Auf dem Schiff ist er mir nachgelaufen. Er war eigentlich gar nicht mein Typ. Ich habe ihm auch am Anfang die kalte Schulter gezeigt. Aber er ließ sich nicht abschrecken.“

„Du hättest ihn über Bord stoßen sollen! Wie ging es dann weiter?“

„Na ja, nach der Ankunft in Montreal trennten sich unsere Wege gezwungenermaßen. Er musste nach Hamilton und ich nach Ottawa. Also eine ganz schöne Strecke voneinander entfernt. Das war gut so. Ich war froh, ihn los zu haben. Dann wurde mir eine Stellung im Chateau Laurier angeboten. Zwei Jahre danach begann ich als Hausmädchen bei Senator Stevenson. Eine wunderbare Familie! Ein tolles Haus mit Park. Es war eine sehr schöne Zeit dort.“

„Dann verstehe ich erst recht nicht …“

„Lass mich zu Ende erzählen. Also dann, eines Tages, es war ein Sonntag, und ich hatte frei, klopfte Mrs. Stevenson an meine Tür und sagte, ich hätte Besuch. Als ich die Treppe herunter kam, stand Hans in der Eingangstür. Ich war wie vom Donner gerührt. Vor den Stevensons konnte ich kein Theater machen. So fuhren wir mit seiner alten Karre in die Stadt. Ich war aufgebracht und konnte kaum reden. Wir schwiegen während der ganzen Fahrt.“

„Das kann er doch ganz gut“, warf Max dazwischen.

„Ich will es kurz machen“, fuhr sie fort und nahm zwei Scheiben Brot aus dem Toaster. „Wir gingen in ein Restaurant, und dort erzählte er mir, er könne ohne mich nicht mehr leben, müsse immer an mich denken und wie schwer es war, mich überhaupt zu finden.“ Maria holte tief Luft, während ihre Augen feucht wurden. „Dann ist er in Ottawa geblieben. Wir kamen erst gut miteinander aus. Ich wurde schwanger, wir haben geheiratet und sind vor drei Monaten hierher gezogen.“

„Das ist ein typischer Fall von Einsamkeit in der Fremde und das hat er ausgenutzt“, sagte Max wütend. „Wie behandelt er dich jetzt? Ich meine, nun wo er dich besitzt?“

„Jetzt.“ Maria machte eine lange Atempause. „Jetzt tut er oft so, als wäre ich Luft. Er ist komisch geworden.“

„Und dass ich hier bin, stört ihn auch gewaltig!“

„Bitte Max, habe ein wenig Geduld, vielleicht wird doch noch alles gut.“ Maria war jetzt den Tränen nahe. Er nahm sie in den Arm wie ein Kind. Was hat dieser Kerl nur mit seiner Schwester gemacht. Max versprach ihr, sich zurückzuhalten.

Mit der Zeit wurde es wirklich ein wenig besser. Ein bisschen Harmonie kehrte ein. Abends saß man vor der Hütte. Es war meist angenehm warm bis spät in die Nacht. Manchmal fuhren sie nach Bells Corners, einem Haus mit einem kleinen Laden. Dort genehmigte man sich ein Eis oder einen Softdrink. Dann ging es zum Schwimmen in eine kleine Kiesgrube.

Hans hatte nun tatsächlich auch einen Job für ihn an Land gezogen. Max lag mit seiner Ahnung vom Kohlebergwerk falsch. Dieser Job war viel schlimmer! Morgens um fünf Uhr nahm Hans ihn mit zu der Tankstelle am Stadtrand, wo er arbeitete. Dort stieg Max in die Straßenbahn. Diese fuhr ihn quer durch Ottawa bis zur letzten Haltestelle. Hier musste er den Bus nehmen, der ihn zur Stadtgrenze brachte. Dann waren es noch vier Kilometer zu Fuß.

Da war sie dann, die Baustelle an der Montreal Road. Eine Pipeline wurde in einem drei Meter tiefen Graben verlegt, durch einen Urwald, voller Moskitos. Max stand den ganzen Tag in diesem Graben, mit Gummistiefeln bis zu den Hüften im eiskalten Grundwasser. Er musste den Schlamm von den vier Pumpen, die das Wasser auf einem Level halten sollten, entfernen. Innerhalb weniger Minuten sah er aus wie ein Schwein, voll von dem Schlamm, der von der Baggerschaufel auf ihn fiel. Der Arbeitstag hatte vierzehn Stunden oder mehr. Danach durfte er noch die Baggerketten reinigen, ehe für ihn Feierabend war. Meistens kam er erst um Mitternacht bei der Hütte an. An einer Handpumpe davor, wusch er sich den Dreck herunter. Die Nacht war um fünf Uhr schnell vorbei.

Der Sommer war hart, der Winter grausam! Bei fünfundvierzig Grad minus ging nichts mehr. Die Baggerketten waren eingefroren. Max musste die Ketten vom Eis freihacken. Manchmal durfte man bei zu extremer Kälte zuhause bleiben. Aber das war nur an wenigen Tagen der Fall. Erschwerend kam hinzu, dass der überwiegend englische Teil der Bevölkerung in der Provinz Ontario nicht sehr gut auf deutsche Einwanderer zu sprechen war. Der Vorarbeiter von Max machte keinen Hehl daraus. Er schikanierte ihn bei jeder Gelegenheit. Während des kanadischen Winters war der Weg zu Arbeit und zurück an den eisigen Tagen und Nächten ein Erlebnis, auf das Max gerne verzichtet hätte.

In der Zwischenzeit waren Hans und Maria nach Hamilton, in das südliche Ontario gezogen, dort erblickte ihre Tochter das Licht der Welt. Max bewohnte die Hütte nun allein und hatte sich einen Husky zugelegt, der ihm nachts die Füße wärmte. Dieser treue Kerl lief Max immer entgegen, wenn er von der Arbeit kam. Oft wartete er am Autokino auf ihn.

Im Frühjahr kündigte Max seinen Job. Er arbeitete danach, mit drei anderen deutschen Auswanderern, auf dem Bau. Es wurde ein sehr schöner Sommer. Die Arbeit stählte seine Muskeln. Die Männer kamen wunderbar miteinander aus. Max verdiente fünfzig Dollar die Woche und konnte nun etwas Geld zu seiner Mutter nach Deutschland schicken.

Als der Sommer vorbei war, suchte er sich ein kleines Zimmer in der Stadt. Leider musste er seinen Husky weggeben. Langsam zeigte sich, dass das Glück ihn nicht ganz vergessen hatte. Max fand einen Job in seinem Beruf. Den ganzen Winter hindurch arbeitete er nun in warmen Räumen. Es war herrlich, währte aber nicht lange. Die Aufträge gingen zurück und Max war arbeitslos. Unterstützung vom Staat gab es, für Einwanderer, nicht.

Nun hielt er von morgens bis abends Ausschau nach freien Stellen. Auch ging er jeden Tag in den YMCA, um zu trainieren. Die Young Men Christian Association waren Jugendherbergen, die man in jeder Stadt finden konnte. Dieser YMCA hatte obendrein noch eine große Sporthalle. Max wollte unbedingt bei der Golden Gloves Boxing Competition mitmachen. Diese beliebten Veranstaltungen fanden alljährlich überall in Kanada und den Vereinigten Staaten statt. Dieses Mal ging es um die Goldenen Handschuhe der Provinz Ontario.

Zusammen mit Pavlos, einem gleichaltrigen Jungen aus Griechenland, bereitete er sich auf die kommenden Kämpfe vor. Am Ende der Ausscheidungskämpfe blieben im Halbschwergewicht nur noch der Grieche und er übrig. Also mussten sie gegeneinander in den Ring steigen. Max hatte viel mehr Ringerfahrung als Pavlos. Das Schlimme war, dass die Eltern und Geschwister des Griechen im Publikum saßen. Natürlich wollte er Pavlos nicht blamieren. In den drei Runden schaffte es Max, nach Punkten zu gewinnen, ohne seinen Freund schlecht aussehen zu lassen. Die Golden Gloves zu gewinnen, war ein großer Meilenstein für seine sportliche Zukunft. Dass alles ganz anders kommen würde, ahnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Kanada litt notorisch unter großer Arbeitslosigkeit. Zwar warb das Land um europäische Einwanderer, aber viele fanden nach ihrer Ankunft keinen Job. Max lebte nun von seinen Ersparnissen, doch diese schmolzen dahin, wie ein Schneeball in der Hölle.

Er lernte einen Jungen aus Köln kennen. Pauli hatte blondes Haar, eine Hakennase und hellblaue Augen. Eigentlich sah er komisch aus. Er schien nur aus Knochen zu bestehen. Sein Bruder Kurt betrieb in der Nähe ein libanesisches Restaurant. Dort konnte Max zum Glück als Tellerwäscher und Putzboy unterkommen. Es waren lange Arbeitstage, aber er hatte zu essen und genug Lohn, um sein Zimmer bezahlen zu können.

Ottawa liegt an der Grenze zur Provinz Quebec. Auf der Quebec Seite lag Hull, eine kleine französisch angehauchte Stadt. Dort fand Max dann auch den Hull-Boxverein. Der Trainer war wie ein Vater zu seinen Jungs. Die Boxer in diesem Verein waren alle Kanadier französischer Abstammung, mit harten Schlägern darunter. Max hatte es am Anfang nicht leicht und er fand schnell heraus, dass diese Boys Profis waren. Sie boxten also für ihren Lebensunterhalt. Das fand Kurt, der Restaurantbesitzer, hochinteressant. Er machte sich zum Manager von Max, ließ ihn während der Arbeitszeit trainieren, und arrangierte seine Kämpfe.

Der erste Profi-Kampf fand in Toronto, im Palast Pier am Ufer des Ontario Sees, statt. Die Kämpfe erschienen jeden Freitagabend im kanadischen Fernsehen. Der Sponsor war Gillette, die weltweit bekannte Firma für Rasierprodukte. Die Kampfbörse betrug dreihundert Dollar. Eine Wahnsinnssumme! Der Kampf ging über acht Runden. Der Kontrahent hatte keine Chance. Das Handtuch wurde in der dritten Runde geworfen. Ein herrliches Gefühl durchströmte Max. Bis kurz vor Weihnachten hatte er jeden Monat einen Kampf in Toronto. Bei seinem aggressiven Kampfstil hatten die Gegner keine Gelegenheit, ihre Kampfstrategie aufzubauen und meistens endete der Kampf vor der fünften Runde.

Nun konnte Max sich endlich einen Traum erfüllen. Das erste Auto, ein dunkelgrüner Ford Baujahr 1951 mit V8 Motor natürlich. Bei weitem kein Buick, aber es war ein Anfang. Das Glück blieb jedoch nicht lange an seiner Seite.

Pauli stand eines Abends neben ihm, als er zu später Stunde das Lokal aufräumte. „Hättest du Lust, am Wochenende nach Montreal zu fahren?“

„Kommt auf das Wetter an“, antwortete Max. Eigentlich hatte er ja noch keine Erfahrung im Autofahren, schon gar nicht im Verkehr einer Millionenstadt. Auch besaß er keinen Führerschein. Doch wer im Alter von elf Jahren versucht, eine BSA zu fahren, hat keine Probleme mit dieser Herausforderung. Auch nicht im Winter bei eisglatten Straßen.

Es war ein herrlicher, sonniger Tag, als sie losfuhren. Auf der Montreal Road, einer zweispurigen Landstraße, trat Max auf das Gaspedal und spürte pures Adrenalin durch seine Adern fließen. Widerstandslos trieb der starke Motor den zwei Tonnen Wagen an. Was für ein tolles Gefühl, sein eigenes Auto. Die Welt gehörte ihm. Rösler und Diehl sollten ihn jetzt sehen.

„Warst du schon einmal in Montreal?“, fragte er Pauli.

„Nein, mein Bruder hat mir aber schon viel von der Stadt erzählt, es muss dort fantastisch sein“, schwärmte Pauli. „Er sagte, es gäbe eine gewisse Straße in der Nähe vom Bahnhof, da sollten wir unbedingt hingehen.“

„Wir brauchen ein Zimmer zum Übernachten“, sagte Max voller Begeisterung über das kommende Abenteuer. Vielleicht finden wir ein paar Girls, die uns mit zu sich nach Hause nehmen.“

„Französinnen, tausende, die auf uns blonde Germanen warten.“ Pauli schmatzte mit den Lippen.

„Warst du schon einmal mit einer Frau?“, wollte Max wissen.

„Mit einer, das ist nicht dein Ernst?“

„Wieso, wie meinst du das?“, fragte Max irritiert.

„Ha, ha, ha“, lachte Pauli, sodass ihm Tränen in die Augen traten. „Ob ich schon mit einer Frau war, fragt der mich, ich könnte lachen bis morgen früh. Kannst du rechnen? Dann pass mal auf. Was ist fünfmal zwölf?“

„Sechzig, aber was hat das mit meiner Frage zu tun?“

„Das wirst du gleich erfahren. Also, mit sechzehn hatte ich mein erstes Mädchen. Ich bin jetzt einundzwanzig. Das war vor fünf Jahren. Jeden Monat vernaschte ich eine andere. Das Jahr hat zwölf Monate. Kannst du mir noch folgen?“ Natürlich hatte Pauli maßlos übertrieben, aber es schien ihm sichtlich Spaß zu machen, seinen naiven Freund zu schockieren.

„Du meinst sechzig …“, stotterte Max.

„Hey, du kannst doch jetzt nicht überholen!“, kreischte Pauli plötzlich voller Panik. Das schaffst du nie!“

Max hatte in seiner Unerfahrenheit beim Überholen eines langen Vierzigtonners die Entfernung zu einem entgegenkommenden Lastwagen unterschätzt. Auf der Straße lag Schnee, er konnte nicht abbremsen um hinter dem Vierzigtonner wieder einzuscheren. Doch bei der jetzigen Geschwindigkeit würde er den Überholvorgang nie schaffen.

Das Nebelhorn des entgegenkommenden Lastwagens brüllte in den sonnigen Morgen. Warnend blitzten seine Scheinwerfer auf. Es war nicht mehr viel Platz und nicht mehr viel Zeit. Genau genommen überhaupt keine Zeit. Etwas musste geschehen und zwar in den nächsten drei Sekunden. Max tat das Einzige, was zu tun war. Er trat das Gaspedal herunter bis zum Asphalt. Durch den Kickdown kam das Heck des Fords ins Schleudern. Die Reifen griffen nicht. Das Schleudern aber bewirkte, dass der Wagen von der Überholspur wegkam, und die tödliche Kollision so vermieden werden konnte. Aber nun landete der Ford vor dem Bug des Vierzigtonners. Dem konnte Max nicht entkommen. Da aber die Geschwindigkeitsdifferenz der beiden Fahrzeuge höchstens zehn Kilometer betrug, war der Aufprall nicht so fatal, wie man hätte annehmen mögen. Der schwere Lastwagen fegte den Ford von der glatten Straße herunter und frontal gegen den Stahlmast einer Überlandleitung. Zum Glück wurde der Aufprall von einer dicken Schneewand, abgedämpft. Der Vierzigtonner brauste vorbei, als wäre nichts geschehen.

Max und Pauli saßen bewegungslos, wie versteinert in ihren Sitzen. Pauli war leichenblass. Obwohl der Motor seinen Geist aufgegeben hatte, hielt Max immer noch krampfhaft das Steuerrad fest. Seine Handknöchel, weiß wie der Schnee, der draußen lag. Keiner sagte ein Wort. Der Schock über das Geschehene saß tief. Da waren sie jetzt, die beiden Abenteurer, an diesem herrlichen Wochenende, achtzig Meilen vor Montreal, und neunzig Meilen hinter Ottawa.

„Wir müssen schnellstens verschwinden, Max“, keuchte Pauli. „Du hast keinen Führerschein! Wenn die Royal Mountain Police kommt, bist du geliefert. Die werden dich glatt ausweisen.“

Langsam kam Leben in Max. „Du hast recht, aber wir müssen die Nummernschilder mitnehmen.“ Nachdem sie vergeblich nach einem Schraubenzieher gesucht hatten, benutzten sie das Brecheisen, das im Kofferraum lag. Der Wagen konnte nicht mehr bewegt werden. Die rechte Seitentür ließ sich auch nicht öffnen. Der linke, vordere Kotflügel war so sehr deformiert, dass das Blech in den Reifen schnitt und unter der Motorhaube dampfte es mächtig.

Die Straße war nicht sehr befahren. Das war nichts Außergewöhnliches im menschenleeren Kanada. Von den paar Autos, die vorbei fuhren, hielt auch keiner an. Die Frage war jetzt, sollten sie weiter nach Montreal trampen oder zurück nach Ottawa? Sie entschieden sich für Ottawa. Sie hatten genug Abenteuer für einen Tag.

Es dauerte nicht lange, und ein herannahender Pickup mit Doppelkabine hielt an. Der junge Fahrer mit einer hübschen Blondine auf dem Beifahrersitz lächelte freundlich. „Probleme? Kann ich euch mitnehmen?“, fragte er mit einem Blick auf den Ford.

„Ja, große Probleme“, antwortete Max, während er und Pauli einstiegen.

„Was ist passiert?“, wollte der Junge wissen.

Max erzählte kurz und endete: „Ich habe nicht damit gerechnet, dass die Straße so glatt ist. Als wir wegfuhren, war sie in Ordnung.“

„Die Temperaturen schwanken um diese Jahreszeit gewaltig, es kommt auf die Gegend an“, sagte die hübsche Blondine. „Wo kein Wald ist, fegt der kalte Wind über die ungeschützte Straßen. Dann bildet sich das Eis. In Kanada muss jederzeit mit dem Schlimmsten gerechnet werden. Aus welchem Land seid ihr denn?“

„Germany“, erwiderte Pauli.

„Dachte ich mir“, lächelte das Mädchen. „Wenn ich irgendwann genug Geld habe, werde ich mir Germany mal anschauen.“

„Das zerstörte Germany. Was wisst ihr schon von menschlichen Tragödien, die keine Worte beschreiben können. Ihr, in eurer heilen, Neuen Welt“, dachte Max mit Grauen an die eigenen Erinnerungen.

„Wir sind da“, unterbrach der Fahrer seine Gedanken. „Wo soll ich euch raus lassen?“

„Summerset wäre prima“, sagte Pauli. Ein paar Straßen weiter hatten sie ihr Ziel erreicht. Sie dankten und verabschiedeten sich von dem freundlichen Pärchen.

„Was nun“, wollte Pauli wissen.

„Ich weiß nicht“, erwiderte Max niedergeschlagen. „Was ist mit der Registrierungsnummer, kann die zurückverfolgt werden?“

„Keine Ahnung. Hast du den Wagen schon auf dich angemeldet?“

„Nein, noch nicht, ich kenne mich hier doch nicht aus. Dein Bruder wollte das für mich regeln. Vielleicht wird der Wagen eingeschneit und erst im Frühling entdeckt. Ich muss aus Ottawa verschwinden. Es gibt ja keine An- und Abmeldepflicht in Kanada. Arbeit werde ich hier sowieso nicht finden.“

„Wo willst du denn hin?“

„Weiß ich noch nicht, nach Süden wahrscheinlich, der amerikanischen Grenze zu, eventuell Toronto.“

„Wie erfahre ich dann, wo du bist?“

„Vorerst überhaupt nicht, dann brauchst du nicht zu lügen, wenn die Polizei nach mir sucht. Aber da ist etwas, was ich dich die ganze Zeit schon fragen wollte.“ Max hatte in diesem Moment einen seltsamen Ausdruck in den Augen, sodass es Pauli eiskalt den Rücken runterlief.

„Ich habe mich kürzlich mit deinem Bruder über dich unterhalten. Er gab dir die letzte Zeit gar kein Geld, so wie du mir erzählt hattest!“

Pauli wurde blass. „Was meinst du?“, fragte er mit unsicherer Stimme.

„Ich meine, woher hast du dein ganzes Geld? Du arbeitest nicht! Von deinem Bruder bekommst du nichts! Also woher?“

„Das kann ich dir nicht sagen.“

„Brauchst du auch nicht, ich weiß es schon.“

Sie blieben stehen. Pauli hatte den Blick gesenkt, er wagte nicht, Max ins Gesicht zu sehen.

„Schöner Cadillac, in den du letzten Freitag Abend eingestiegen bist. Tolle Flossen, dazu noch in blau, meiner Lieblingsfarbe“, spottete Max. „Wer war der alte Sack am Steuer? Gib es zu, du bist eine Hure! Eine schwule Hure! Oh Mann, wie kannst du nur?“

„Du verstehst das nicht, ich …“ Pauli konnte nicht weiter sprechen, Tränen schossen ihm plötzlich in die Augen.

„Verdammt, ist es wirklich so schlimm, auf diese Art zu überleben?“, dachte Max. Es schüttelte ihn bei diesem Gedanken. „Also hör zu Pauli, was du machst, ist deine Sache. Es tut mir leid, dass wir uns so trennen. Morgen früh ziehe ich los. Ich informiere deinen Bruder noch über meine Absichten. Wenn etwas Gras über den Unfall gewachsen ist, melde ich mich.“ Er reichte Pauli die Hand. Schnell wandte er sich ab und ging nach Hause. Er brauchte sich nicht umdrehen, er wusste auch so, dass Pauli ihm nachschaute. Verdammt!

 

Kapitel 7

Peterborough, Canada

Es war ein eiskalter Sonntagmorgen. Zwanzig bis fünfundzwanzig Grad minus, aber die Sonne schien. Max war auf dem Weg zum Highway. Natürlich würde er trampen müssen, die einzige Art, zu reisen, wenn man kein Geld hatte. Vorerst würde er nach Peterborough gehen. Eine Stadt mit etwa hunderttausend Einwohnern am Otonabee River, im südlichen Ontario.

Auf dem Highway kam er schnell voran. Zwei Stunden später, inzwischen war es drei Uhr nachmittags, konnte er schon den Wasserturm von Peterborough sehen. Nach einer weiteren halben Stunde war das Stadtzentrum erreicht. Allerdings mit dem Problem, dass sein Geld nur für einige Tage reichen würde, um etwas Essen zu kaufen. Eine Übernachtung jedoch war nicht mehr drin. Wenn es doch nur Sommer wäre. Er ging in ein Einkaufszentrum und bestellte bei Winnies, einer Fastfood Kette, einen saftigen Hamburger. Danach wanderte er in der Stadt umher. Viel los schien hier nicht zu sein, aber es war ja Sonntag.

Die Temperatur hatte sich dank der Sonne auf fünfzehn Grad minus erwärmt. Max musste sich eine Bleibe für die Nacht suchen. Er sah sich nach Autofirmen um und fand auch bald, was er suchte, einen Gebrauchtwagenhändler in einem kleinen Industriepark. Max zählte zwanzig Personenwagen und drei Lkws. Er sah nur zwei Straßenlaternen. Also konnte es hier nachts nicht sehr hell sein. Was ihn beunruhigte, war das Haus. Es stand zu nah bei den Fahrzeugen. Weit und breit kein Verkaufspersonal, stimmt ja, es war Sonntag. Er näherte sich den Wagen mit der Mimik eines Interessenten. „Mhm, schöner Wagen“, murmelte er halblaut vor sich hin, als er vor einem roten Mercury stand. Mist, abgeschlossen. Aber dieser Lincoln ist auch nicht schlecht. Auch verschlossen. Er schielte zu dem Haus hinüber. Niemand schien da zu sein, es stand auch kein Wagen davor. Vielleicht Kirchgänger? Er versuchte es an einem Lastwagen. Bingo, offen! Ein schönes, großes Führerhaus. Perfekt, er hatte sein Hotel gefunden. Wenigstens für die erste Nacht. Es würde erst in zwei Stunden dunkel sein. Also zurück ins Einkaufszentrum zum Aufwärmen. Das Zentrum war riesig. In seiner Mitte befand sich eine Eisbahn, auf der sich Schlittschuhläufer, von den neuesten Hits berieselt, vergnügten. Max dachte an Mannheim zurück. An das alte Eisstadion seiner Jugend. Seiner Jugend? Verdammt, er war gerade zwanzig Jahre alt und hatte nie eine Jugend gehabt. Plötzlich drohte er, in einer Sturzflut von Einsamkeit zu ertrinken. Einsamkeit, gemischt mit Heimweh und Sehnsucht, inmitten von hunderten fröhlichen Menschen. Sehnsucht nach wenigstens einem einzigen Menschen. Ein Mensch, der ihm Wärme und Liebe gab und diese große Leere füllte, die in seinem Herzen wohnte.

In diesem Moment blickte er direkt in zwei Augen, so blau wie ein Sommerhimmel. Haare lang und blond, umrahmten ein hübsches Gesicht, leicht gerötet vom Schlittschuhlaufen. Das Mädchen war in die Banden gerutscht und stand nun vor ihm. Zufall oder Absicht, das war Max völlig egal. Sie war groß, größer als er. Das musste aber daran liegen, dass sie auf Schlittschuhen stand. Er sah nur diese wunderschönen Augen und das bezaubernde Lächeln.

„Oh, entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken. Brauche eine Pause. Läufst du auch?“

„Ja, natürlich, ich habe aber keine Schlittschuhe“, versuchte er in schlechtem Englisch zu erklären.

„Die kannst du dir hier leihen“, sagte sie. „Komm mit, wir holen dir welche.“

„Woher kommst du eigentlich?“, fragte sie auf dem Weg zum Verleih.

„Germany“, antwortete er.

„Germany“, wiederholte sie. „Dort muss es sehr schön sein.“

„Schon wieder so ein Fall von Unwissenheit“, dachte Max. Lesen die Leute hier denn keine Zeitung?

„Ich heiße Jessica Mc Kenzie, aber du kannst mich einfach Jessi nennen. Wie heißt du?“

„Maximilian Wolf, man nennt mich einfach Max.“

„Mäx-i-million Wulf“, versuchte sie, seinen Namen nachzusprechen. „Klingt sehr reich“, lachte sie und zeigte dabei ihre ebenmäßigen Zähne. „Ich wohne am Shamong Lake.“ Sie strahlte ihn an. „Welche Schuhgröße hast du?“

„Vierundvierzig, aber das sind deutsche Größen. Was kosten die, ich bin nämlich nicht mit Reichtum gesegnet.“

„Nur einen Dollar“, lächelte sie.

Wieder versank er in diesen Augen. Seine Schwermut war wie weggeblasen. Ihre natürliche, unschuldige Art machte ihn etwas unsicher. Wie alt mochte sie wohl sein? Schwer zu sagen, sechzehn, siebzehn, achtzehn? Max entschied sich für siebzehn. Nach zwei Anproben fanden sie seine Größe, und ein paar Minuten später waren sie auf dem Eis. Seinen Rucksack konnte er zur Aufbewahrung beim Schlittschuhverleih lassen.

Aus den Lautsprechern erklang: ”Young love, first love” von Sonny James. Ein Lied, an das er sein Leben lang denken würde. Auf dem Eis war Max zu Hause. Er hielt ihre beiden Hände und fuhr rückwärts vor ihr her. Nur nicht den Augenkontakt verlieren, der das Verliebtsein signalisierte. Sie unterhielten sich über Musik, den Film Giganten, der momentan in vielen Kinos lief und James Dean, der neben Rock Hudson in diesem Film mitwirkte.

Fast wäre er über eine gestürzte Frau gefallen. Die beiden konnten vor lachen nicht mehr weiterfahren. Er war zum allerersten Mal in seinem Leben wirklich glücklich.

Jessi wirkte plötzlich traurig und bedrückt. „Ich muss gehen“, sagte sie leise. „Wo wohnst du eigentlich?“

Das war eine unangenehme Frage. Er wurde verlegen und wollte sie nicht belügen, konnte ihr aber auch nicht sagen, dass er heute Nacht in einem alten Truck schlafen wird. Es musste eine kleine Notlüge her. „Ich bin heute in die Stadt gekommen und wohne vorerst bei einem Freund, on Hunter Street.“

„Kommst du nächsten Sonntag?“

„Nur ein Erdbeben kann mich davon abhalten.“

Sie brachten seine Schlittschuhe zurück. Auch mit den Straßenschuhen war sie immer noch so groß wie er.

„Wie kommst du nach Hause?“, fragte er.

„Meine Brüder holen mich am Eingang ab. Du kannst mit mir warten und sie kennen lernen."

„Gerne, wenn sie mich nicht gleich verprügeln“, scherzte Max.

„Keine Angst, ich beschütze dich.“

„Wie viele Brüder hast du denn?“

„Drei und zwei Schwestern. Alle sind verheiratet. Ich bin die Jüngste, aber nicht die Kleinste“, lachte Jessi. Überhaupt – dieses glockenhelle Lachen.

Sie brauchten nicht lange warten, ein großer Dodge Pickup rollte heran. Zwei grinsende Riesen stiegen aus.

„Hello, Spaß gehabt?“, begrüßten sie ihre Schwester.

„Großen Spaß“, strahlte Jessi ganz aufgeregt. „Ich möchte euch jemanden vorstellen. Das ist Max aus Germany. Max, das sind meine Brüder, Joe und Bud.“

Die Brüder hielten ihm ihre Pranken hin. „Nett, dich kennenzulernen“, begrüßte ihn Bud freundlich. Er hatte die gleichen blauen Augen wie Jessi. Sie stieg in den Truck ein.

„Komm doch mal zu uns an den See raus“, sagte Joe.

„Ist das ernst gemeint?“ Max sah Jessi fragend an.

„Na, klar“, lachte sie aus dem Fenster zurück. „Vielleicht schon kommendes Wochenende. Warte mal“, sie kramte in ihrer Tasche herum und holte einen Kugelschreiber heraus. „Ich schreibe dir meine Telefonnummer und Adresse auf. Rufe mich bitte an. Jeden Tag. Am besten abends nach acht Uhr. Bis bald.“

Max winkte dem wegfahrenden Pickup nach.

Es war schon dunkel geworden und sehr kalt. Er hatte einen langen Weg vor sich, bis zu seinem – Hotel. Auf dem Rückweg sah er immer nur ihr Gesicht vor sich. Wer hätte das gestern noch gedacht? Als er bei seiner Unterkunft ankam, konnte er vor dem Haus einen Wagen stehen sehen. Langsam öffnete er die Tür zum Führerhaus des Trucks. Es quietschte laut. Vom Haus her fing ein Hund an zu bellen, muss ein ziemlich großer sein. Er öffnete einen Spalt, weit genug, um sich hineinzuzwängen. Die Tür ließ sich danach geräuschlos schließen. Die Decke aus seinem Rucksack stammte noch aus der Hütte in Ottawa. Auf der Sitzbank konnte er sich fast ausstrecken. Er musste im Morgengrauen, ehe es hell wurde, aufwachen und verschwinden. Max schlief sofort ein.

Durch die eisige Kälte wachte er auf. Es war immer noch dunkel und gerade einmal fünf Uhr. Zitternd packte er seine Sachen zusammen. Die Tür des Trucks quietschte, und der Köter bellte wieder. In dem Haus ging ein Licht an, und eine Männerstimme war zu hören. Max sprang vom Trittbrett und lief, so schnell er konnte, die Straße hinunter, sein Ziel der Busbahnhof. Dort konnte er sich auf den Toiletten frisch machen und aufwärmen. Heute galt es, Arbeit zu finden. Es war ein Montag. Er durfte keine Zeit verlieren.

Am Zeitungsstand fand er noch eine Wochenendausgabe. In den Jobangeboten entdeckte er die Anzeige, Arbeiter für eine Gebäudeabrissfirma gesucht. Die Peterborough-Construction Company befand sich in der Murray Street.

Vor dem Bahnhof waren in der Zwischenzeit mehrere Greyhounds angekommen. Diese Busse werden in Kanada und Amerika für längere Überlandreisen benutzt. Eine billige Art, bequem zu reisen.

Max erkundigte sich bei einem langhaarigen Taxifahrer nach der Murray Street. Es waren mehrere Straßenblocks zu Fuß. Als er eine halbe Stunde später ankam, fand er das Tor der Firma geöffnet, und in der Halle brannte Licht. Er öffnete eine Tür und trat ein. Ein älterer Mann mit Vollbart arbeitete an einem Schraubstock.

„Good morning“, grüßte Max freundlich. „Ich suche den Boss.“ Der Bart murmelte etwas in denselben, und Max deutete es als Aufforderung, näher zu treten.

„Good morning, Sir“, grüßte er zum zweiten Mal. Können sie mir sagen, wo ich den Boss finden kann?“

„Stehst vor ihm“, brummte der Bart, ohne von seiner Arbeit aufzuschauen.

„Ich suche einen Job, Sir. Ganz gleich, wie schwer oder schmutzig. Ich brauche dringend Arbeit. Ich schlafe nachts in alten Autos und habe kaum noch Geld für Essen.“

Der Oldtimer blickte nun doch hoch. Er musterte Max gründlich und schien zufrieden mit dem zu sein, was er sah.

„Zweiter Spind“, murmelte er wieder. Max’ Englisch ließ immer noch zu wünschen übrig. Er verstand nichts. Der Alte ging zu dem Spind und holte einen Overall heraus.

„Zieh den an, in zehn Minuten geht es los. Ein Dollar dreißig die Stunde. Bezahlt wird täglich. Wer zu spät kommt, wird gefeuert! Hinten im Kühlschrank sind ein paar Sandwiches, kannst du haben.“ Er atmete tief und wandte sich wieder seiner Tätigkeit zu. Wahrscheinlich hatte er seit Jahren nicht mehr soviel geredet.

Max holte sich die Sandwiches und schlang sie hinunter wie ein Tier. Er konnte immer noch nicht glauben, wie sich sein Leben in den letzten vierundzwanzig Stunden verändert hatte. Einen Job zu ergattern, ohne die Frage nach Papieren oder Zeugnissen, das würde ihm in Deutschland keiner glauben.

Zehn Minuten später kamen fünf Arbeiter durch die Tür.

„Neuer Mann?“, fragte einer von ihnen. Der Bart brummte etwas, und der Mann reichte Max die Hand. „Bin Kelly, Vorarbeiter, freut mich. Kommst wie gerufen. Müssen ein kleines Hotel abreißen.“ Der Mann sprach im Telegrammstil, als würde jedes Wort einen Dollar kosten.

„Name?“

„Max.“

„Gut, fährst mit John, ist der Dicke da drüben. Fangt schon an, wir kommen nach.“

Max begrüßte John und die beiden fuhren los. Der Mann war ein schweigsamer Mensch, was Max mehr als recht war. Nach fünfzehn Minuten kamen sie zu dem Hotel. Es sah erbärmlich aus. Kein Wunder, dass es abgerissen wurde. John gab ihm einen Helm, eine Schutzbrille und ein paar Arbeitshandschuhe. Max musste ein Gerüst hochklettern. Der Arbeiter reichte ihm einen Vorschlaghammer und instruierte dann, was zu tun war. Max sollte eine Wand einschlagen, die zum Glück keine tragende war. Nach einer Stunde kam der Rest der Truppe nach. Es wurde geschlagen, gestoßen und gezogen. Der Dreck und Staub war unbeschreiblich. Sie schafften den Job früher als gedacht. Es ging zurück in die Firma. Max bekam dreizehn Dollar auf die Hand.

„Wer kommt morgen?“, wollte der Vorarbeiter wissen. Alle, außer einem Arbeiter hoben die Hand. „Irgendwohin mitnehmen“, fragte der Vormann.

Max bejahte erfreut: „Zum YMCA, wenn es geht.“

„Kein Problem.“

Das YMCA war ein großes, älteres Gebäude. Zwei Dollar die Nacht für ein sauberes Bett im eigenen Zimmer und sogar einer Cafeteria empfand Max nach der Nacht im Truck als ein Geschenk des Himmels. Nun konnte er endlich Jessi anrufen. Im Flur fand er einen Münzapparat. Nachdem er sich mit genügend fünf und zehn Cent Stücken eingedeckt hatte, rief er an.

Sie war sofort am Telefon. „Hi Max.“

„Ich hatte heute meinen ersten Arbeitstag und wohne jetzt im YMCA“, sprudelte er los. „Nun kann ich in deiner Nähe bleiben.“

„Großartig“, freute sich Jessi am anderen Ende der Leitung. „Ich bin so glücklich. Ich habe schon viel von dir erzählt. Du kannst am Freitag kommen. Joe und ich holen dich vom YMCA ab. Ruf mich an, wann du Feierabend hast. Meine Schwestern werden auch da sein. Sie sind sehr neugierig und brennen darauf dich zu sehen.“

Sie raspelten noch eine Weile Süßholz, ehe sie den Hörer auflegten.

In der Kantine saßen einige Jungs herum. Sie schenkten ihm freundliche Blicke. Max kehrte in sein Zimmer zurück. Er brauchte unbedingt eine heiße Dusche. Diese war leider nicht im Zimmer, sondern in einem Gemeinschaftsduschraum, den jeder Flur hatte. Nach der Dusche fühlte er sich müde und beschloss, den Tag zu beenden. Kaum lag er im Bett, war er auch schon eingeschlafen.

Die nächsten Tage blieb die Arbeit schwer und schmutzig. Max beschloss, sich einen besseren Job zu suchen. In der Mittagspause holte er sich eine Zeitung und las die Anzeigen. Was war das denn? Eine Firma in Lindsay suchte einen Mitarbeiter für Reparaturen an Elektromotoren. Lindsay, das war zwar vierzig Kilometer von Peterborough entfernt, aber darauf konnte Max in seiner jetzigen Lage keine Rücksicht nehmen. Er wollte gleich nach Feierabend anrufen. Ein freundlicher Mann meldete sich am Telefon, als Max am Abend anrief. Der Job war noch zu haben.

Morgen würde sein letzter Arbeitstag bei der Peterborough-Construction Company sein. Freitagmittag hatte er einen Termin bei Hammon Electric. Er berichtete Jessi von seinem Glück. Er würde Freitagmorgen nach Lindsay trampen und danach zurück nach Peterborough, wo ihn dann ihr Bruder abholen könnte. Diese Nacht konnte er vor Aufregung kaum schlafen.

Am nächsten Morgen, es war ein eisiger Donnerstag, ging Max zur Arbeit, es war sein letzter Tag. Er sagte dem Bart, dass er kündigen wolle und hatte das Gefühl, dass der Boss und die anderen Männer es bedauerten, ihn zu verlieren.

Den Tag darauf schaffte er es, um elf Uhr in Lindsay zu sein. Es war die typisch kanadische Kleinstadt mit einer breiten Main Street. Die Firma fand er schnell. Der Boss war ein großer, sympathischer Mann um die vierzig.

„Good morning“, begrüßte er Max herzlich. Er stellte sich als Mike Hammon vor. Sie gingen in ein kleines Büro.

„Was für Erfahrungen bringen Sie mit“, fragte Hammon, während er zwei Tassen mit dampfendem Kaffee füllte.

Max bediente sich mit Milch und Zucker und entschuldigte sich im Voraus für sein schlechtes Englisch. „Ich habe in Deutschland eine Lehre als Elektromaschinentechniker abgeschlossen. Die ersten Erfahrungen in Kanada habe ich in Ottawa gesammelt.“ Er nannte die Firma, bei der er gearbeitet hatte. „Meine Zeugnisse habe ich dabei.“

„Brauchen wir nicht“, winkte Hammon ab. „Für den Anfang zahle ich ein Dollar fünfzig die Stunde. Nach ein paar Monaten sehen wir weiter.“

Hammon schien mit dem Jungen zufrieden zu sein. Es ist für Kanadier außergewöhnlich, dass jemand bereits in diesem jungen Alter eine komplette Ausbildung hinter sich hat. Er zeigte Max die Werkstatt. Sie war sauber und vor allen Dingen warm. Im Radio spielte zeitgemäße Schlagermusik.

„Mit Ihnen sind wir jetzt zu dritt“, sagte Hammon. „Roger erledigt Arbeiten, die außerhalb anfallen. Das hier ist Ihre Werkbank. Sie werden hauptsächlich an Zweiphasen-Motoren arbeiten.“ Max sollte es recht sein. Er war überglücklich.

„Haben Sie schon eine Unterkunft?“

„Nein, noch nicht.“

Hammon schrieb etwas auf. Er gab Max den Zettel mit einer Adresse. „Da können Sie ein Zimmer mieten, das sind gute Leute. Sagen Sie ihnen, ich hätte Sie geschickt. Wir sehen uns dann Montagmorgen acht Uhr. Übrigens, verkehrt stündlich ein Bus zwischen Lindsay und Peterborough.“ Hammon reichte Max die Hand und verschwand in seinem Büro.

Der Weg zu der Adresse war nicht weit. Eine dicke, grauhaarige Frau erschien an der Tür. „Yes?“ Sie sah Max fragend an.

„Mister Hammon schickt mich, ich suche ein Zimmer.“

„Oh, komm doch herein“, forderte sie ihn freundlich auf. Sie führte ihn in das zweite Stockwerk und zeigte ihm ein gemütliches und sauberes Zimmer. „Toilette und Bad sind nebenan“, schnaufte sie, angestrengt vom Treppensteigen. „Fünfundzwanzig Dollar im Monat.“ Max war zufrieden. Er gab ihr das Geld, und sie ihm zwei Schlüssel.

„Wo ist die Bushaltestelle?“

„Vor der Post, gleich um die Ecke.“ Er verabschiedete sich von der netten Frau. Es waren wirklich nur ein paar Schritte bis zur Haltestelle. Der Bus war pünktlich, und kam nach einer Stunde in Peterborough an. Er rief Jessi gleich an und berichtete von seinem Gespräch mit Mister Hammon.

„Ich freue mich für dich. Joe ist auf dem Weg nach Hause, er kann dich um vier Uhr abholen, bis dann.“

Max ging auf sein Zimmer. Es war genug Zeit zum Duschen und Umziehen. Mit seinem Spiegelbild war er zufrieden. Er richtete nochmals die blonden Locken, die ihm in die Stirn fielen. Vielleicht sollte er seine Haare schneiden lassen. Die Jungs hier trugen die Haare viel kürzer als er. Das könnte der Grund sein, warum ihn die Leute so anstarrten. Er zog seine schwarze Cordhose und einen schwarzen Rollkragenpullover an. Noch ein letzter Blick in den Spiegel. Nicht schlecht, lächelte er sich an.

Unten in der Cafeteria, nahm er einen Kaffee aus dem Automaten und setzte sich an einen Tisch. Dass er den Boys, die dort saßen, auffiel, wusste er nicht. Doch dann bemerkte er, dass er das Objekt ihres Gespräches zu sein schien. Max hasste es, wenn Fremde sich über ihn lustig machten oder über ihn redeten. Er konnte ja nicht wissen, dass der YMCA ein bekannter Hangout für homosexuelle Jungs war.

Nachdenklich sah er auf seine Tasse. Doch dann beschloss er, herauszufinden, was Sache war. Er schaute hoch. Max hatte mitunter einen Blick, der für Männer sehr provozierend sein konnte. Doch was er sah, waren drei Jungs um die zwanzig, die ihn so süß anlächelten, dass er sich verblüfft umdrehte, um nach dem Mädchen zu sehen, dem die Blicke gelten mussten. Aber da war kein Mädchen, die Blicke galten ihm! Zum Glück kam Joe und rettete ihn aus dieser peinlichen Situation.

 

Kapitel 8

Es hatte angefangen, stark zu schneien.

„Wo ist Jessi?“, fragte Max enttäuscht.

„Zuhause, sich hübsch machen“, grinste Joe. Auf der Fahrt erzählte er Max von seiner Arbeit. Das Familienunternehmen fuhr im Winter mit seinen Kipplastern für die Stadt Peterborough und Umgebung Streudienst. Da Salz die Straßen beschädigte, wurde Sand benutzt. Alle Familienmitglieder arbeiteten in dem Unternehmen, mit Ausnahme des einen Sohns, der in Toronto studierte und Jessi, die noch die Schule besuchte.

Sie verließen die Hauptstraße in der Nähe von Shamong Lake. Auf einem Straßenschild stand Mc Kenzie Road. Ehe Max fragen konnte, erklärte Joe: „Das ist unsere Straße und unser Land. Wir haben auch unseren eigenen See, den wir Shamong Lake nennen. Der Name stammt von den Indianern. Aus dem See holen wir unseren Streusand.“

Ein paar Kilometer weiter, entlang des Shamong Lake, konnte Max nun ein großes, im Ranch Stil erbautes Haus sehen. Rechts und links davon waren mehrere Hallen, ein Stall für die Rinder, man konnte die Tiere hören, und eine Scheune. Was ihn am meisten erstaunte, waren die zwei Dutzend Lastwagen, die wie beim Militär in Reih und Glied standen.

„Das sind nicht alle“, erklärte Joe stolz. „Einige sind momentan zum Streuen unterwegs.“ Er parkte den Pickup und stapfte, dicht gefolgt von Max, auf das Haus zu. Kaum waren sie eingetreten, hing Jessi schon an seinem Hals. Hinter ihr stand eine kräftige Frau und lächelte ihn an.

„Mom, das ist Max.“

„Willkommen auf der Mc Kenzie Ranch“, sagte Mrs. Mc Kenzie und reichte ihm die Hand. „Ich bin Holly, du hast bestimmt Hunger, wir essen gleich.“ Mit diesen Worten verschwand sie in der Küche. Jessi führte ihn in das Wohnzimmer, wo sie auf einem Loveseat, am offenen Kaminfeuer, Platz nahmen.

Max berichtete ihr von den Ereignissen des Tages. „Wo ist der Rest der Familie?“, fragte er, während sein Blick umherschweifte.“

„Die kommen heute Abend. Komm, ich zeige dir das Zimmer, wo du heute Nacht schlafen wirst.“

Er folgte Jessi die breite Treppe hinauf. Auf dem langen Flur befanden sich auf jeder Seite jeweils sechs Türen. Sie öffnete eine der Türen. „Das ist für das Wochenende dein Zimmer oder, wann immer du uns besuchen kommst. Meines ist das letzte rechts.“ Sie sah ihn dabei mit einem verschmitzten Lächeln vielsagend an. „Morgen zeige ich dir alles andere.“ Jessi ging zum Fenster und schob die Gardinen zur Seite. „Komm doch mal“, winkte sie Max zu sich.

Durch das Fenster konnte er den zugefrorenen See sehen. „Kann man auf das Eis gehen?“

„Nein, das ist viel zu gefährlich. Der See ist sehr tief.“ Jessi drehte sich zu ihm. Er konnte ihren Atem spüren. Ein wunderschönes Gefühl rieselte durch seinen Körper. Als er sich aufrichtete, standen sie sich eng gegenüber. Was dann geschah, war nicht mehr zu verhindern. Seine Arme umschlossen sie, es war der erste Kuss. Als dann seine Lippen ihren Hals berührten, erweckten sie in Jessi Gefühle, die sie bisher noch nicht gekannt hatte. Die Macht der Liebe machte die beiden willig. Sie spürten das Feuer, das sich in ihnen ausbreitete, aber auch den Schmerz des Verzichts. Die Begierde der Jugend brachte sie fast um den Verstand.

„Jessi“, hörten sie die Mutter rufen. Schwer atmend lösten sie sich voneinander.

„Morgen weiß ich einen besseren Platz“, versprach sie ihm mit geröteten Wangen.

„Komme gleich“, rief sie zurück. „Geh du schon runter.“ Sie verschwand im Bad.

Im Laufe des Abends lernte er auch die anderen Familienmitglieder kennen. Laura und Ruby, ihre Schwestern, waren zwei gutaussehende Blondinen. Charles, der Vater, ein dicker grauhaariger Mann, dem man seine Liebe zum Essen ansah, schüttelte Max kräftig die Hand. „Germany, du bist also aus Germany.“ Seine Stimme klang wie rollender Donner. „Ich war dort im Krieg. Tapfere Soldaten, die Germanen und smart obendrein.“

Bis spät in die Nacht saßen alle noch vor dem Kamin, angeheizt von Bourbon und Wein. Max fühlte sich aufgenommen, als wäre er schon ein Teil der Familie.

Am nächsten Morgen ging es schon sehr früh los im Haus. Max blickte auf seinen Wecker, sieben Uhr. Ab ins Bad, er wollte nicht der Letzte sein. Dennoch war er es. Der Toast duftete wunderbar. Die bereits Anwesenden schienen alle frisch und gut gelaunt zu sein. Keine Nachwehen vom Bourbon zu entdecken.

„Ich gehe mit Max etwas an die frische Luft“, sagte Jessi nach dem Frühstück. Beide holten ihre Jacken. Die Morgenluft war erfrischend kalt. Sie führte ihn zu den Pferdestallungen. Fünf wunderschöne Tiere streckten ihnen ihre Köpfe entgegen.

„Das ist meiner“, sagte Jessi und blieb vor einem schwarzen Hengst stehen. „Er heißt Nemo. Jetzt zeige ich dir mein Versteck, das außer mir keiner kennt, nicht einmal Joe.“ Sie führte ihn in eine Scheune voller Strohballen. Hinter den Ballen befand sich eine versteckte Öffnung im Boden. Jessi holte sich eine Leiter und ließ sie die Öffnung hinunter. Auch unten lagerten Strohballen. Aber einige davon waren so angelegt, dass man durch eine unauffällige Aushöhlung in das Innere kommen konnte. Es war das perfekte Versteck. Sie ließen sich auf einer dicken Indianerdecke nieder. Es war warm und kuschelig. Zärtlich nahm Max Jessi in die Arme. Die Gefühle vom Vortag waren sofort wieder da. Jetzt konnten sie ihrer jugendlichen Lust endlich freien Lauf lassen. Es war Jessis erstes Mal!

 

Kapitel 9

Max hatte sich in Lindsay gut eingearbeitet. Der Boss war sehr zufrieden mit ihm. Alles lief wunderbar. Regelmäßig besuchte er am Wochenende die Mc Kenzies. Auch Weihnachten verbrachte er auf der Ranch. Das Neue Jahr wurde mit einem Feuerwerk begrüßt. Viele Menschen aus der Umgebung kamen zum See. Es war wie ein großes Volksfest. Nach den Feiertagen normalisierte sich das Leben schnell wieder. Die Liebe zwischen Max und Jessi glühte immer noch. Sie war jetzt achtzehn Jahre alt. Eine Schönheit mit allen weiblichen Attributen.

Es war an einem grauen, nasskalten Freitagmorgen, Max war mit einer Sternschaltung an einem Motor beschäftigt, als Hammon ihn rief: „Da ist ein Anruf für Sie! Hört sich ernst an“, fügte er leise hinzu, als er ihm das Telefon reichte.

„Hello“, meldete sich Max. Die Person am anderen Ende sagte nichts.

„Hello“, versuchte er es noch einmal. Jessi bist du das?“ Erst jetzt hörte er ein Räuspern.

Es war Bud. „Max, komm so schnell du kannst!“

„Was ist passiert, ist etwas passiert?“, schrie Max in den Hörer, aber Bud hatte schon aufgelegt. Völlig verzweifelt drehte er sich nach Hammon um. „Da muss etwas passiert sein, wie komme ich nur um diese Zeit zur Ranch?“

„Ich fahre Sie“, sagte Hammon sofort und griff nach seiner Jacke. Als sie bei der Ranch ankamen, standen etwa ein Dutzend Autos davor. Darunter zwei Peterborough Polizeiwagen und der des Fire Chiefs.

„Ich muss gleich wieder zurück, Sie können den Rest der Woche freinehmen“, hörte Max Hammons Stimme wie aus weiter Ferne. Er fühlte eine lähmende Kälte seinen Körper übernehmen, als er auf das Haus zuging. Drinnen war das Wohnzimmer voller Leute, die teilweise an den Wänden entlang standen. Keiner der Anwesenden schien sein Eintreten bemerkt zu haben. Jessis Eltern saßen auf dem Sofa. Charles hatte den Arm um seine Frau gelegt. Tränen rollten über seine dicken Wangen. Laura und Ruby saßen auf dem Boden vor ihren Eltern. Das Weinen der Frauen beherrschte die Stimmung. In der Ecke unterhielt sich Bud gedämpft mit dem Fire Chief und dem Police Lieutenant. Ansonsten herrschte betretenes Schweigen unter den Anwesenden.

Das alles realisierte Max innerhalb weniger Sekunden, als er am Eingang des Wohnzimmers stand. Sein Verstand jedoch wollte diese Szene nicht begreifen. Das Bild, das die Sehnerven an sein Gehirn weitergaben, war unvollkommen. Etwas stimmte nicht! Die plötzliche Erkenntnis traf ihn wie ein Blitz. Er fühlte, wie etwas in ihm zerbrach. Jessi fehlte in dem Bild. Ein Nebel stieg vor seinen Augen auf. Er schüttelte den Kopf, um seinen Blick zu klären. Es nützte nichts, denn nun waren es seine Tränen, die ihm einen klaren Blick verwehrten. Vor seinen Augen war alles verschwommen. Vergeblich blickte er sich suchend im Raum um. Jessi war nicht hier! Ihm wurde übel. Sein Herz drohte still zustehen …nein, das durfte nicht sein. Es konnte nicht sein. Oh Gott, bitte nicht das, nicht Jessi, nein! Seine Lippen bewegten sich, aber kein Laut kam aus seinem Mund. „Wo ist Jessi?“, wollte er schreien, aber nur ein Krächzen kam aus seinem Hals. Wo war Joe? Joe war auch nicht hier! Auf einmal begann Max zu verstehen. Schluchzend sank er langsam auf die Knie. Jemand näherte sich ihm. Als er aufblickte, sah er Bud, der ihm die Hände entgegenstreckte. Bud nahm ihn in die Arme wie ein Bruder.

Max löste sich von ihm und sah in seine blauen Augen, Jessis Augen.

„Jessi?“, vermochte er zu flüstern. Das Flehen in seinem Blick forderte ein Nein, aber es kam nicht.

Bud nickte: „Ja, Jessi – Jessi und Joe.“

„Aber wie?“

„Es war der Canadian Pacific Express. Joe musste mit seinem Truck auf das Gleis gerutscht sein. Durch den Nordwind war die ganze Straße mit Blitzeis überzogen. Vor dem Bahnübergang machen die Schienen eine weite Kurve. Joe hatte den Express wohl zu spät gesehen. Er konnte nicht mehr schnell genug vom Gleis herunter. Der Pickup wurde total zermalmt. Sie mussten hunderte von Metern mitgeschleift worden sein, ehe der Zug endlich anhalten konnte. Jessi und Joe waren sofort tot, sagte der Arzt. Sie waren auf dem Weg in die Stadt, um Dad ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen. Eigentlich wollten sie erst morgen fahren, aber …“, Buds Stimme versagte, er konnte nicht mehr weiterreden. Viele Jahre später erfuhr Max, dass auch Bud ein Jahr darauf einen tödlichen Unfall hatte.

Die Beerdigung von Jessi und Joe fand auf dem kleinen familieneigenen Friedhof statt. Eine unüberschaubare Menschenmenge fand sich ein. Max stand abseits der Familie. Es war kalt, doch er fror nicht. Die Grabrede des Pfarrers ging an seinen Ohren vorbei. Er konnte niemandem sein Beileid aussprechen, denn sein Schmerz war nicht geringer als deren Schmerz. Er musste weg von hier. Keine Sekunde länger konnte er an diesem Ort bleiben. Es würde ihn umbringen.

Max wanderte die Mc Kenzie Road zurück zur Straße nach Peterborough. Von dort ging er Richtung Stadt. Nach einer Stunde hielt ein Wagen und nahm ihn mit. In Peterborough nahm er den Bus nach Lindsay. Sein Kopf war ein leeres Universum. Wie in einer Spirale jagte ihn immer wieder derselbe Gedanke: „Wieso? Wie kann von einem Moment auf den anderen ein so junges Leben zerstört sein?“ Er konnte die Spirale nicht unterbrechen. Kaum war der Gedanke zu Ende gedacht, fing er wieder von vorne an. Immer und immer wieder. Tage lang, Nächte lang.

Max erkrankte, er hatte sich auf dem Heimweg nach der Beerdigung eine Lungenentzündung zugezogen. Eine Woche lang lag er auf seinem Zimmer und verlor gänzlich den Appetit. Auch die angebotene Medizin der Vermieterin wollte er nicht annehmen. Eine ganze Woche allein mit diesen schrecklichen Gedanken. Ob er wollte oder nicht, seine junge, robuste Natur besiegte schließlich die Krankheit. Er nahm sich vor, seine Sachen zu packen, er musste weiter. Hammon hatte großes Verständnis für seine Entscheidung, nach alldem, was geschehen war. Dennoch versuchte er, ihn umzustimmen, aber vergebens.

Max saß im Bus auf dem Weg nach Hamilton. Er würde in weniger als sechs Stunden dort ankommen. Als der Greyhound am Wasserturm vorbeifuhr, drehte er sich noch einmal um und schaute zurück. Diese Stadt, die ihm soviel Glück beschert hatte, ihn dann aber in bodenloses Unglück stürzen ließ, würde er niemals wieder sehen. Good-bye Jessi, ich werde dich nie vergessen!

Er überlegte seine nächsten Schritte. Maria besuchen, ein Zimmer finden und sich einen Job besorgen. Genau in dieser Reihenfolge!

 

Kapitel 10

Hamilton, Canada

Hamilton oder auch Steel City, im äußersten Westen des Ontario Sees, war das Zentrum der Stahlindustrie. Die ersten Bewohner im Gebiet des heutigen Hamilton waren die Mohawk Indianer. Südlich davon gibt es heute das größte kanadische Indianerreservat.

Hamilton war ein stinkender Moloch, aber im Gegensatz zu anderen Städten gab es viele Job Angebote.

Am Busbahnhof angekommen, telefonierte Max mit Maria. Sie war freudig überrascht, dass er in der Stadt war. Er hatte sich, wie immer, vorher nicht angemeldet. Eine halbe Stunde später war sein Schwager da, um ihn abzuholen. Kein quietschender Pontiac mehr, sondern ein fast neuer Plymouth mit riesigen Heckflossen. Hans war sehr nett, fast eine Spur zu nett und – er hatte gelernt, zu reden.

„Na, wie geht es so?“, fragte er freundlich.

„Soweit, ganz gut.“ Max hatte keine Lust, von seinem ganzen Drama zu erzählen. Die Erinnerungen waren zu wertvoll für ihn. Er wollte sie mit keinem anderen Menschen teilen, nicht einmal mit Maria. Also unterhielten sie sich weiter über belanglose Themen.

Maria und Hans wohnten wieder einmal außerhalb der Stadt, in Stoney Creek, einer kleinen Gemeinde in Fruitland. Fruitland deshalb, weil meilenweit nichts zu sehen war, außer Obstbäumen. Wie wunderschön es hier sein musste, wenn all diese Bäume in Blüte standen. Sie hatten ein kleines Haus in dieser herrlichen Landschaft. Ein Haus mit Türen und Fenstern, bemerkte Max im Rückblick auf die Hütte in Ottawa.

Maria begrüßte ihn, als wäre er jetzt erst aus Deutschland angekommen. „Es ist wunderbar, dass du in der Stadt bleiben willst, du hast mir sehr gefehlt.“ Sie nahmen im Wohnzimmer Platz.

„Wo ist die Kleine?“, fragte Max, während er die Dose Bier öffnete, die Hans ihm reichte.

„Oben, sie schläft. Du wirst sie später sehen, sie ist groß geworden. Was sind denn jetzt deine Pläne?“

„Am Montag suche ich mir ein Zimmer und dann einen Job.“

„In der Zeitung stehen genügend Anzeigen von freien Zimmern, morgen können wir danach schauen. Hans kann dich dann am Montag hinfahren.“

„Wie steht es mit Arbeit in Hamilton?“, erkundigte sich Max.

„Letzte Woche wurden bei uns drei neue Leute fürs Brickyard eingestellt“, erwiderte Hans, der gerade ein Baseballspiel im Fernsehen verfolgte. „Schade, dass du nicht früher gekommen bist.“

„Brickyard, ist das nicht so etwas wie eine Ziegelei?“

„Ja, es ist eine Ziegelei. Die größte in Kanada.“

„Was arbeitest du dort?“

„Ich fahre die Ziegel zu den Abnehmern, das ist ein Superjob.“

„Es ist wirklich ein guter Job“, warf Maria ein. „Am Anfang hatte er in der Produktion gearbeitet, aber die Arbeit dort war äußerst schwer. Jetzt verdient er auch viel mehr. Wir können wirklich zufrieden sein.“

Max schickte ihr einen prüfenden Blick. Denn, dass sie zufrieden war, konnte er ihr nicht ganz abnehmen. Es waren jedenfalls drei schöne Tage, die er in Fruitland verbrachte.

Ein Zimmer zu finden, war kein Problem. Das Haus befand sich in einer ruhigen Straße, unweit vom Stadtkern.

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