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Ausweg Liebe

1. Kapitel

 Ellen erwachte langsam und wurde sich sofort ihrer Lage bewusst. Die Angst vor dem Ungewissen hatte sie geweckt. Wozu eigentlich diese Angst? Nahm sie ihr doch jegliche Luft zum Atmen. So viel war zu erledigen. Dieser Tag würde auch ohne die viele Arbeit grauenvoll werden.

Doch Ellen hielt die Augen fest geschlossen. Nur noch eine Minute, dachte sie sich. Ja, so lange war Nacht. Der Traum, aus dem die Wirklichkeit sie herausgerissen hatte, war so schön gewesen... aber es war eben doch nur ein Traum.

... mit Candra über die Felder reiten. Konnte sie es je wieder? Ellen wollte sie wenigstens noch einmal sehen.

Mann, wer klingelt denn Sturm! Ellen schreckte auf. Der Wecker stand neben dem Bett. Solange der nicht klingelte...

Du meine Güte!

Er hätte doch klingeln müssen! Auf sieben Uhr dreißig hatte sie ihn gestellt. Jetzt war es fast acht.

Na klasse!

Dann stand Brady bereits vor der Tür. Natürlich! Wer klingelte denn sonst so penetrant. Oh... sie hasste es, morgens an so vieles denken zu müssen. Ihr Gehirn brauchte einfach zu lange um hochzufahren.

Ellen war noch im Nachtshirt und zuckte, vor sich selbst resignierend, mit den Schultern. Ihre langen Beine waren nackt. Die hellen Haare wild zerzaust. Nichts, was Brady nicht schon gesehen hätte, dachte Ellen. An der Tür drückte sie den Summer.

Eine halbe Minute, dann ist er oben. Gut, dass sie die Kaffeemaschine vorprogrammiert hatte. Es duftete nach der kräftig gerösteten Würze. Davon werde ich munter, wusste Ellen.

Brady wollte gerade anklopfen, als sich die Tür öffnete. Er musterte seine Exfreundin von oben bis unten, gab ihr einen Kuss auf die Wange und lächelte wissend.

„Hallo Süße, du hast wohl schon auf mich gewartet. Ist dein Bett noch warm?“ Ellen winkte nur müde ab.

Seine munteren, hellblauen Augen steigerten ihre langsam schlechter werdende Laune. Brady hatte seinen fast zu langen Haarschnitt mit Haargel gebändigt und er duftete stark nach seinem mild herben Lieblings-Aftershave.

„Vergiss es! Der Wecker hat nicht geklingelt. Ich muss noch duschen. Nimm dir einen Kaffee.“ Sie nahm eine Tasse für ihn aus dem Schrank. „Milch steht im Kühlschrank. Oh sorry, du trinkst ihn ja lieber schwarz.“ Ihre Laune war absolut nicht die beste.

Brady grinste. „Danke, aber ich kann dir auch erst mal den Rücken waschen oder so.“

Na klasse. Das hatte sie gerade noch gebraucht. „Casanova, such dir ein anderes Opfer.“

Er grinste noch breiter. „Gerade kein anderes da.“

Ellen stöhnte und drehte vorsichtshalber den Schlüssel an ihrer Badezimmertür herum. Sie duschte schnell. Dann föhnte sie ihre blonden Haare vor dem beleuchteten Spiegel. Ihre neue Frisur gefiel ihr gut. Eine Arbeitskollegin hatte eine Friseurin empfohlen und diese stufte ihre langen, dicken Haare mit einem feinen Schnitt durch. Nun trocknete Ellen ihren neuen Pony; die seitlichen Strähnenpartien wellten sich eigensinnig. Ihre graublauen Augen wiesen traurige Ränder auf. Nichts, was Ellen nicht mit Kajal und Mascara halbwegs verstecken konnte.

Als sie fertig war, betrachtete sie das Gesamtbild flüchtig. Doch das Ergebnis war ihr heute egal.

Brady spielte den Gentleman, nahm den Haustürschlüssel vom Haken, schnappte sich ihre Reisetaschen und brachte sie gleich in ihre Limousine. Zum Glück hatte der Wagen einen großen Kofferraum, denn weitere drei Taschen standen noch oben. Das musste ihre komplette Garderobe sein, dachte er innerlich aufstöhnend.

Tatsächlich war es auch fast so. Es blieb im Schrank, was sie sowieso nie anzog. Ellen hätte es auch gleich wegwerfen können.

Schnell entschied sie sich, ein auf dem Tisch wartendes belegtes Brötchen sofort zu essen. Sonst würde ihr wahrscheinlich wieder auf der Fahrt schlecht werden, denn Brady wollte immer fahren. Und sie brauchten bei seinem Fahrstil noch eineinhalb Stunden.

Ellen behielt fast Recht. Nach einer Stunde und fünfzehn Minuten standen sie vor der Villa, die Bradys Mutter gehörte.

„Neuer Rekord!“, lobte er sich selbst.

Na ja, Ellen war trotzdem übel. Sie hatte deutlich das Schlingern ihres Wagens in den Kurven bemerkt und dabei gebetet, dass er nicht ausbrechen würde. Ellen nahm sich fest vor, Brady nie wieder an ihr Steuer zu lassen.

Sie betrachtete das Haus. Die Villa hatte sich kaum verändert. Der regelmäßige Anstrich hielt die Ansicht in strahlendem Weiß. Die rotbraunen Fensterläden bildeten einen freundlichen Kontrast. Der Garten grünte und blühte in typischem englischen Stil.

Mrs Carmichael wartete bereits an der Tür. Sie strahlte über das ganze Gesicht und freute sich sichtlich.

„Wie schön, dich wiederzusehen, Ellen.“ Sie umarmte erst ihren Sohn und küsste ihn auf die Wange. Dann drückte sie die junge Frau herzlich.

„Oh, es tut mir so leid wegen deinem Dad.“ Ellen lächelte schwach. „Ich kann Ihnen nicht genug dafür danken, dass Sie sich um alles gekümmert haben.“

Zusammen gingen sie in das Teezimmer. Eine kleine Kanne heißer Earl Grey stand schon parat. Ellen trank einen Schluck von dem Tee, der etwas an bittere Orangen erinnerte und die Lebensgeister weckte.

„Zum Glück hast du es noch rechtzeitig zur Beerdigung geschafft.“ Ellen schluckte mühevoll die Tränen, die sich wieder ansammelten, hinunter. „Ich hatte ein Projekt, das unmöglich warten konnte. Es ist schwer zu verstehen, dass das Leben trotzdem weitergeht. Meine Kollegen haben mir so gut es ging geholfen. Nur standen wir so schon unter Zeitdruck. Ich weiß gar nicht, wie wir das geschafft haben.“

„Oh ja. Die Werbebranche ist eine eiskalte Welt, dafür braucht man Nerven. Und die scheinst du zu haben. Dein Vater war sehr stolz darauf, dass du deine Fähigkeiten so gut genutzt hast.“

Mrs Carmichael schenkte ihr ein trauriges Lächeln und wechselte fürsorglich das Thema.

„Brady war sicher erleichtert, dass er nicht mit dem Zug fahren musste“, lenkte sie ab. Ellen erinnerte sich daran, dass er sich kein Auto leisten konnte. Er studierte Jura in London und bekam von seiner Mutter gerade so viel Geld wie er benötigte. Dabei hatte sie genug davon, um sich einen noblen kleinen Fuhrpark hätte leisten zu können. Auch Bradys Bruder Grant musste sich damals seinen fahrbaren Untersatz selbst kaufen. Seine Mutter besaß selbstverständlich ein Auto. Und dann stand in der Garage noch ein alter Rolls-Royce in bestem Zustand.

„Ja. Aber mein Auto war nicht so froh darüber.“

Mrs Carmichael blickte erschrocken auf. „Wieso? Was ist mit dem Auto... ist es kaputt?“

„Nein. Nichts dergleichen. Es ist nur nicht diesen Fahrstil von Brady gewöhnt. Die Bremsen und die Reifen hat er stark herausgefordert. Aber es ist alles in Ordnung“, beruhigte sie die ältere Dame. Sie erzählte von der Fahrt in abgemilderter Fassung. Und Mrs Carmichael berichtete ihr über den Ablauf der Beerdigung, die am morgigen Tag stattfinden würde.

Nach einer Stunde verabschiedete sich Ellen und brach zu ihrem Elternhaus auf.

Sie setzte sich hinter das Lenkrad und ihr wurde erst jetzt klar, wie wichtig es ihr doch war, das Auto für sich allein zu haben. Sie bildeten eine Einheit, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Während der Fahrt mit Brady hatte sie ständig nur Angst um den Wagen gehabt. Dass sie selbst etwas in Gefahr schwebte, war ihr gar nicht so bewusst gewesen.

Tief in Gedanken ließ sie automatisch den Motor an. Nach einigen hundert Metern merkte Ellen, dass sie die Kurve, die vom Gelände der Carmichaels auf die Hauptstraße führte, unterschätzte. Die hohe Bepflanzung rechts und links versperrte die Sicht, sie nahm mit dem Auto die ganze Auffahrt für sich ein.

Natürlich kam ihr gerade in diesem Moment ein Reiter entgegen. Ellen trat voll auf die Bremse. Fast zu spät. Das Pferd scheute, bäumte sich auf und warf seinen Reiter in die Büsche.

Der Wagen stand und Ellen sprang reflexartig hinaus, um nachzusehen. Der Reiter saß im Grünen und hielt sich seinen Unterarm.

Irgendwie kam er Ellen bekannt vor - die markante Gesichtsform, das energische Kinn und die wütenden Stirnfalten. Seine kurzen mittelblonden Haare waren zerzaust und Zweige und Blätter hatten sich darin verhakt.

„Wie geht es Ihnen? Soll ich einen Arzt holen?“

Der Typ sah verärgert auf sein Bein. „Besser die Polizei! Ihnen sollte man den Führerschein entziehen!“ Seine laute, tiefe Stimme ... ah, jetzt wusste Ellen, mit wem sie es zu tun hatte. Grant.

Sie lächelte verschmitzt. „Hat dir denn keiner gesagt, dass ich komme? Du weißt doch, dass du in meiner Gegenwart gefährlich lebst.“

Warum fühlte sie sich so unsicher? Lag es an seinem Blick?

„Oh nein, Ellen. Wieso? Was hast du nur gegen mich?“

Sie kannte diesen bevormundenden Tonfall. Das hat sie doch noch nie beeinflusst.

Er betrachtete den großen blutenden Riss an seinem rechten Unterarm. Das rechte Bein war aufgekratzt und ihm tat das Steißbein weh.

Schnell holte Ellen den Erste-Hilfe-Kasten aus dem Auto, nahm ein desinfizierendes Pad heraus und reinigte die Wunde am Arm, um danach ein riesiges Pflaster darüber zu kleben. „Es tut mir leid, Grant“, meinte sie zart. „Ich war in Gedanken. Brady ist vorhin so furchtbar gefahren. Ich habe wohl seinen Fahrstil angenommen. Glaub mir. Sonst fahre ich nicht so... lebensmüde.“

Er nahm ebenfalls ein Tuch aus dem Sanitätskasten und reinigte damit sein Bein. Mit einer langen Hose wäre das nicht so zerschrammt, dachte er sich. „Na klasse. Gleich zwei Lebensmüde auf einer Stelle. Ich glaube, ich schließe mich zu Hause ein und sitze es dort aus.“ ‚Wahnsinn ich scherze!’, Grant war erstaunt über sich selbst. Doch Ellen konnte darüber nicht lachen.

„Keine gute Idee.“ Sie stöhnte wissend auf und betrachtete Grant mit leichter Sorge. Ihm hatte ein Strauch ins Gesicht geschlagen. Sie sah hoch und betrachtete die Büsche. Ja, Pflaumen waren dazwischen. Einige lange Dornen waren zu sehen. Sie wischte vorsichtig den Blutstropfen neben seinem Kinn weg. Er sog scharf die Luft ein, sagte aber nichts.

‚Ja das brennt’, dachte sie. Ihre Gedanken sprangen wild durch ihren Kopf und sprudelten einfach aus ihr heraus. „Tja, weißt du, ob Brady nicht vor lauter Temperament euer Haus in Brand setzt? Dann steckst du fest.“ „Ich behalte doch den Schlüssel“, meinte er nur.

Ellen war ihm so nah. Sie ging vorsichtig, fast zärtlich mit der Wunde im Gesicht um, hatte keinen Ekel vor seinem Blut.

„Und was ist, wenn du dann gerade schläfst? Du könntest eine Kohlenmonoxidvergiftung erleiden. Und schon ist es vorbei.“ Sie sah ihm in die braunen Augen. Nie war ihr bewusst gewesen, dass sie einen Mann mit so schönen Augen kannte. Ein dicker Kloß saß ihr im Hals und sie schluckte schwer.

„Ich schaffe es immer wieder, dass du krankenhaus reif bist.“ Schüchtern lächelte sie ihn an. „Aber da kommst du ja immer wieder raus.“

Er schüttelte seinen Kopf. „Aber die Schmerzen. Es gibt Grenzen!“ Grant genoss das Geplänkel. Sie waren keine Kinder mehr. Trotzdem verband sie ein altes Gefühl.

Sein Kinn hatte aufgehört zu bluten. Ellen konnte nicht anders. Sie küsste ganz sanft neben die Wunde. „Hilft das?“

Grant starrte sie sprachlos an. Was hätte sie getan, wenn sie ihm heute das Bein gebrochen hätte, wie es vor fünfzehn Jahren passiert war? „Ja“, seufzte er heiser, denn es entsprach der Wahrheit. Er spürte den Kratzer nicht.

,Wie konnte ich nur?', dachte sich Ellen.

Als sie aufstand, reichte sie Grant die Hand, damit er etwas Halt hatte, um selbst aufstehen zu können. Er nahm sie an und stemmte sich mit Schwung hoch.

Ellen sah sich nach dem Pferd um, doch das hatte offenbar schon allein den Weg zum Stall gefunden. Sie beschloss: „Ich fahre dich zurück. Nicht, dass sich jemand Sorgen macht, weil dein Pferd ohne dich zurückkehrt.“

Er stieg auf der Beifahrerseite ein. Ellen setzte mit ihrem Auto zurück, wendete auf der schmalen Auffahrt und fuhr, diesmal langsamer, wieder zur Villa. Vor der Tür entschuldigte sie sich noch einmal und öffnete ihm dann die Wagentür.

In dem Moment kam Mrs Carmichael aus dem Haus. Völlig aufgelöst über das aufgeschürfte Bein und die sichtbaren Kratzer war sie kaum zu beruhigen. „Mum, es ist alles in Ordnung. Der Teufel hat wieder gebockt.“ Seine Mutter schaute ihn nur ungläubig an. Er drehte sich zu Ellen um. „Danke, dass du mich hergefahren hast.“ Sein Ton nahm etwas Unverschämtes an. „Candra wird sich freuen, dich wiederzusehen. Sie ist sehr unruhig, seit dein Vater... Also danke... und bis bald“, damit drehte er sich um und ging ins Haus.

„Bye.“ Mehr kam ihr nicht über die Lippen.

2. Kapitel

Kurze Zeit später parkte Ellen vor ihrem Elternhaus. Drei Meter hohe Lebensbäume, sorgfältig beschnittener wilder Lorbeer sowie alte, große Rhododendronbüsche gaben der grauen Granitwand etwas Malerisches. Die sonst weißen Fenster mit den Rundbögen hatten jedoch einen matten Grauschatten und nahmen dem alten Gemäuer das einladende Aussehen. Als sie auf die Haustür zusteuerte, öffnete sich diese. Sofort fiel ihr wieder ein, dass beim letzten Besuch ihr Vater ungeduldig auf sie wartete. Doch das war schon wieder ein Jahr her und sie hatte nur das Wochenende dort verbracht.

Die Haushälterin Margret Smith empfing Ellen mit einem strahlenden Lächeln und drückte sie kräftig an sich. „Oh Kind. Wir haben schon auf Sie gewartet.“ Ellen betrat das große einladende Foyer, welches sich eher für eine fünf Sterne Pension eignete als für einen Landsitz. Eine Schockwelle erfasste sie. Was sollte sie mit dem riesigen Haus allein anfangen? Hinzu kamen Schuldgefühle. Ihr Vater musste sich sehr verlassen gefühlt haben. Nun war es zu spät, um gemeinsame, glückliche Stunden zu verbringen.

Viel zu spät.

Hilflos erlebte die gutmütige Mrs Smith vor einer Woche den Zusammenbruch von Ellens Vater. Sie sprach gerade mit ihm über ihr offenes Gehalt und das ihres Mannes. Mr und Mrs Smith waren die Letzten in George Cranes Haushalt. Alle anderen Hausangestellten hatten sich bereits vor einigen Monaten etwas Neues gesucht.

Mrs Smith bot ihr einen Tee an. Ellen lehnte vorerst mit der Erklärung ab, gerade bei Mrs Carmichael bewirtet worden zu sein. In dem alten Haus lösten die dunklen Wände in Ellen ein erdrückendes Gefühl aus. Selbst die kräftigen Strahlen der Frühlingssonne konnten nichts an der dunklen Stimmung ihres Elternhauses ändern.

Ellen stellte ihre Koffer am Fuß der großen geschwungen Treppe ab. „Wo ist ihr Mann?“, erkundigte sich Ellen. Er arbeitete als Gärtner und Hausmeister und übernahm die verschiedensten Aufgaben auf dem Gut. „Oh, mein Mann kümmert sich gerade um die Rosen hinten im Garten.“

Ellen steuerte auf die Hintertür zu. „Ich möchte ihn erst einmal begrüßen.“ In diesem Moment kam er auch schon zur Tür herein. „Habe ich doch richtig gehört. Ein Viertakt-Benzin-Motor. Guten Tag, Miss Crane.“

Ellen lächelte über die typische Begrüßung des ehemaligen Kraftfahrzeugmechanikers. „Guten Tag, Mister Smith! Jetzt müssen Sie sich nur noch den Klang meines Autos merken.“ Sie gaben sich die Hände. „Das habe ich schon getan. Ihr Kleinwagen klappert etwas metallisch. Ich vermute mal, da ist eine Auspuffschelle locker“, gab er fachmännisch zurück. „Ich werde mir das bei Gelegenheit mal ansehen.“ Ellen war das Klappern auch schon aufgefallen. Bis jetzt hatte sie keine Zeit gefunden, das in einer Werkstatt in Ordnung bringen zu lassen. Ellen hielt das für unnötig, solange der Wagen nicht stehen blieb.

„Miss Crane...“, meldete sich die Stimme der Haushälterin. „Möchten Sie gern ihr altes Zimmer beziehen? Mein Mann bringt dann gleich die Koffer nach oben.“ Ellen dachte kurz darüber nach. „Ich glaube, ich möchte lieber hier unten in Ihrer Nähe wohnen. Aber das hat keine Eile. Und ich habe ein kleines Anliegen. Sicherlich sehen Sie mich jetzt als Besitzerin des Hauses, aber diese Förmlichkeit hat mir früher schon nicht gefallen.“ Ellen lächelte: „Bitte nennt mich wieder Ellen. Und das 'Sie' ist doch auch nicht nötig. Machen wir es einfach wie damals, wenn keine Erwachsenen in Sicht waren.“

Erleichtert nickte Mrs Smith. „Das ist uns sehr recht. Nicht wahr, Theodor?“, fragte sie in Richtung ihres Mannes, der lächelnd nickte.

Ellen folgte Mrs Smith in die Küche. „Ich habe für heute Mittag einen Räucherbraten im Ofen. Den mochtest du doch immer so gern.“ Die Küche war äußerst sauber geputzt. Weiße Fliesen mit fast antikem blauen Muster glänzten und blitzten an der Wand. Hellblau-weiße Küchenmöbel boten viel Stauraum. Der große, fast schwarze Holztisch bildete einen starken Kontrast in dem lichtdurchfluteten Raum. Ellen nahm Platz. „Ich gebe zu, dass ich mich heimlich auf dein Essen gefreut habe. Ich kann nicht so lecker kochen wie du, Margret.“

Die Haushälterin rührte in einem Topf mit Bohnengemüse. „Ich decke schnell im Esszimmer für dich. Dann kannst du gleich essen. Sicher bist du hungrig von der Reise.“ Ellen schüttelte den Kopf. „Bitte, Margret. Ich möchte nicht allein essen. Keine Umstände wegen mir. Das Haus macht sicher schon genug Arbeit. Am besten esse ich immer hier mit Euch. Wir müssen auch ein paar Dinge klären. Ich gebe zu, dass ich noch gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.“

Die Ältere nickte. „Es ist schön, dass du mit uns isst. Dann kannst du uns von London erzählen. Alles andere klären wir später. Zusammen bekommen wir das schon geregelt“, sprach sie Ellen Mut zu.

Ellen hatte sich nach dem leckeren Mittagessen und dem Nachtisch, Vanilleeis mit heißen Blaubeeren, das untere Gästezimmer angesehen und ihre Koffer dort hineingestellt. Das ältere Paar zog sich zu einem Mittagsschlaf in ihre eigenen Räume zurück. Die Dienstwohnung lag hinter der Küche und bestand aus einem gemütlichen Wohnzimmer, einem Schlafzimmer und einem kleinen Bad. Ellen hatte in ihrer Kindheit dort viel Zeit bei den guten Geistern des Hauses verbracht.

Ellen packte ihre Sachen in einem der Gästezimmer aus. Durch ein Bad und eine Zwischentür getrennt lag nebenan ein weiteres Gästezimmer, doch das würde sie nicht brauchen. Gerade wollte sie sich ins Wohnzimmer setzen, als das Telefon läutete.

Es stand im Foyer und sie ging schnell an den Apparat, um die Smiths nicht zu wecken. Der Chef der Hausbank ihres Vaters bat sie um ein sofortiges Treffen. Es gäbe da Einiges zu bereden, was nicht warten könnte, waren seine Worte.

Also zog sie mit mulmigen Gefühl in der Magengegend ihre Jacke über, stieg in ihr Auto und fuhr in die nahe gelegene Stadt.

Unruhe überkam Ellen, als sie die Bank betrat. Bankdirektor Grey war ein alter Freund ihres Vaters gewesen. Auch sie hatte ein freundschaftliches Verhältnis zu dem stark ergrauten Mann und genau so verlief auch die Begrüßung. Während sie es sich in einem Sessel in seinem Büro bequem machte, ließ er von seiner Sekretärin Kaffee bereitstellen. Endlich nahm Mr Grey Platz, holte tief Luft, bevor er Ellen bedauerlicherweise mit den Tatsachen konfrontieren musste.

„Es tut mir sehr leid, dass wir uns unter diesen traurigen Umständen wiedersehen“, begann er. “Ich muss dir leider mitteilen, dass sich dein Vater hoch verschuldet hat. Er war nach der Affäre mit dieser unmöglichen Frau sehr durcheinander.“

Mr Grey sprach von Meredith Wigman. Sie hatte es auf das Geld ihres Vaters abgesehen. Seit dem Tag, an dem Ellen ihm das klipp und klar ins Gesicht gesagt hatte, herrschte Funkstille. Das war erst ein Jahr her. Und jetzt erfuhr sie, dass ihr Vater in dieser kurzen Zeit mehrere Hypotheken auf das Haus aufgenommen hatte. Die Trennung von Ms Wigman war zwar schon eine Weile her, der Streit zwischen Vater und Tochter aber hielt länger an. Er war eben ein sturer Dickschädel!

George Crane hatte mit dieser Frau viele Tage auf der Pferderennbahn verbracht. Ihre Spielsucht hatte ihn angesteckt. Doch bei den Pferdewetten blieb es nicht, innerhalb kurzer Zeit wurde er Stammgast im Casino. Mr Grey versuchte, Ellen diese Informationen so schonend wie möglich beizubringen. Sie tat ihm leid. Ihr stand der Schock und der Schmerz ins Gesicht geschrieben. Ihr Vater wurde vom Ruin und dann vom Tod heimgesucht. Er hatte seinen alten Familienbesitz genauso verspielt wie die berühmte Pferdezucht.

Als George Crane klar geworden war, dass sein Weg einem Chaospfad ähnelte, versagte sein Herz. Ellen wusste nicht, ob sie wütend auf ihren Vater sein sollte oder ob das Mitleid stärker war. Auch die Trauer war riesengroß. Sie hielt ihn immer für einen besonderen Mann. Wichtige Lebenseinstellungen hatte er ihr geschenkt, Mut gemacht für ihr Studium, obwohl sie einige Lernschwierigkeiten hatte. Ellen hatte ihren Weg mit seiner Hilfe gewählt und er hatte ihr lächelnd ein schönes Leben gewünscht.

Wie konnte er nur so abstürzen? Sie verstand es einfach nicht. Mr Grey genauso wenig. Und jetzt musste er ihr eröffnen, dass sie nur wenig Zeit hatte, die Schulden ihres Vaters zu begleichen. Natürlich musste sie erst mit dem Erbschaftsverwalter sprechen. Als einzige Erbin blieb ihr die Möglichkeit, alles zu verkaufen, bevor die Bank das Haus und die Ländereien versteigern musste. Mr. Grey versuchte ihr noch etwas Mut zuzusprechen. „Wenn du eine andere Möglichkeit siehst, könnten wir unter positiven Umständen die Hypotheken auf deinen Namen übernehmen. Bei einem guten geregelten Einkommen ist ein Darlehen möglich. Ich werde versuchen, dich so gut es geht zu unterstützen.“

Zum Abschied reichte er ihr die Hand. „Du kannst immer zu mir kommen, ich lasse dich nicht allein stehen. Dein Vater war mir lange Zeit ein guter Freund. Ich möchte nicht, dass du an seinen Problemen zerbrichst.“ Ellen lächelte verkrampft. „Ich weiß Ihr Angebot zu schätzen, Mister Grey. Vielen Dank für Ihre Offenheit. Ich werde mir überlegen, was aus meinem Elternhaus werden soll. Ich melde mich demnächst bei Ihnen.“

3. Kapitel

Die Sorgen rannten durch Ellens Kopf und überschlugen sich schier. Ihr Leben hatte sich in einen Problemberg verwandelt, bei dem sie nicht einmal die Spitze sehen konnte.

Früher schwang sie sich auf ihr Pferd und ritt so lange über die Felder, bis ihr Kopf bereit war, sich mit den Schwierigkeiten auseinander zu setzen.

Ja, Candra war die Lösung. Grant hatte sie erwähnt. Sie fuhr zum Stall, nahm ihre Reitstiefel aus dem Kofferraum und öffnete die Stalltür. Doch nicht ein einziges Pferd stand mehr in den Boxen. Sie waren sauber. Verwirrt sah sie sich um. Sie musste Margaret fragen. Natürlich, die gute Seele wusste, wo die Pferde waren und die Haushälterin schickte sie zu den Carmichaels.

 

Sie fuhr gleich zu deren Ställen. Ihre neue Zucht war Erfolg versprechend und half dem alten Familiennamen zu neuem Ruhm. Auf der Koppel war ein Trainer mit einem jungen Vollblut beschäftigt. Als Ellen den Stall betrat, spürte sie eine Aufregung, die sie immer in der Nähe ihres Pferdes überkam. Schmetterlinge im Bauch, eine ewige Liebe. Sie fand ihre braune Stute in einer der Boxen. Das Tier drückte sich an ihre Hand und Ellen kuschelte sich sehnsüchtig in ihr warmes Fell.

Jemand räusperte sich hinter ihr. „Sie ist gesund und stark. Die schönste Stute, die ich je gesehen habe.“

Als sich Ellen umsah, musste sie aufblicken - so nah stand Grant hinter ihr. Er hielt Candra einen Apfel hin, den das Pferd ihm vorsichtig aus der Hand fraß. „Dein Vater hat uns die Pferde für unsere Zucht zur Verfügung gestellt. Einige haben wir ihm abgekauft. Über Candra wurden wir uns nicht einig. Damit sie nicht allein im Stall blieb, haben wir sie bei uns untergebracht.“

 

Ellen streichelte dem Pferd den Hals. Bis Candra zurückscheute und Ellen ihre aufkeimende Wut begriff. „Also schulde ich euch Geld. Kein Problem. Überhaupt keins.“ Ihr Tonfall war schneidend.

Grant verstand ihre Worte nicht. „Du schuldest uns nichts. Es ist keine Rechnung offen. Was bist du so gereizt?“ Sie trat von Candra weg und wollte den Stall wieder verlassen. Die Lust auf einen Ausritt war ihr vergangen. Tränen sammelten sich in ihren Augen. Doch das musste sie um jeden Preis verhindern; sie legte unauffällig den Kopf in den Nacken und blinzelte ein paar Mal. Grant folgte ihr langsam. „Willst du nicht ausreiten? Früher habe ich dich fast nie ohne Pferd gesehen.“

Nur ein kurzes Nein entrang sich ihrer Kehle. Ohne lange nachzudenken, ließ sie ihn stehen und steuerte auf das nahe liegenden Wäldchen mit seinen weiß-schwarzen Birken zu. Tränen der Trauer, Verwirrung und Ohnmacht ließen sich jetzt nicht mehr aufhalten.

 

Einige Zeit später wurde sie von zwei Pferden eingeholt. Grant stieg ab und hielt ihr die Zügel von Candras Zaumzeug hin. Ohne ein Wort saß sie auf und beide ritten zusammen die Strecke durch den Wald, über die Hügel, entlang am Bach. Auf einem Feldweg forderte Grant sie mit einem zügigen Galopp zu einem kleinen Rennen heraus. Der Hengst, den er ritt, war schnell. Doch Candra hielt ohne Schwierigkeiten mit.

Als der Weg wieder kurviger wurde, verlangsamte er das Tempo. Ellen war über die gute Verfassung ihrer Stute sehr erfreut. Der schnelle Ausritt hatte ihren Puls zum Rasen gebracht. Ihr Blut war von Sauerstoff angereichert und pulsierte lebensbejahend durch die Adern.

 

„Ich habe sie ein wenig trainiert. Aber diese Schnelligkeit vermied ich. Das Risiko war mir zu hoch, dass sie sich verletzen könnte.&

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