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Auswahlband 6 Western Dezember 2018

Alfred Bekker, Pete Hackett, Horst Friedrichs, Uwe Erichsen, Glenn Stirling, Jasper P. Morgan

Auswahlband 6 Western Dezember 2018

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Inhaltsverzeichnis

  • Auswahlband 6 Western Dezember 2018
  • Copyright
  • Jasper P. Morgan: Die Jade-Prinzessin
  • Glenn Stirling: Verschwundene Beute
  • Horst Friedrichs: Tombstone Lady
  • Pete Hackett: Im Fegefeuer von Casa Adobes
  • Alfred Bekker: DIE GEIER VOM LINCOLN COUNTY
  • Uwe Erichsen: EIN FREMDER KAM INS TAL DER GEIER

Auswahlband 6 Western Dezember 2018

Alfred Bekker, Pete Hackett, Horst Friedrichs, Uwe Erichsen, Glenn Stirling, Jasper P. Morgan

Dieses Buch enthält folgende Western:



Jasper P. Morgan: Die Jade-Prinzessin

Glenn Stirling: Verschwundene Beute

Horst Friedrichs: Tombstone Lady

Pete Hackett: Im Fegefeuer von Casa Adobe

Alfred Bekker: Die Geier vom Lincoln County

Uwe Erichsen: Ein Fremder kam ins Tal der Geier




Als Bill Travers im Auftrag der Sheridan Mining die Löhne für die Minenarbeiter zum Camp bringen soll, wird er von Banditen angegriffen, die auf reiche Beute aus sind. Es gelingt ihm zu entkommen und sich und das Geld in der Kleinstadt Bakervalley in Sicherheit zu bringen. Doch auch dort ist man ihm feindlich gesonnen, nachdem Travers sich mit Ann Baker, der Frau des >Löwen< Alex Baker, dem größten und mächtigsten Viehzüchter der Region, eingelassen hat. Der Hass des Ranchers schlägt ihm ungezügelt entgegen. Bill Travers muss nicht nur gegen die Banditen um sein Leben kämpfen …

Jasper P. Morgan: Die Jade-Prinzessin







Der Botschafter des japanischen Kaisers ist in den USA, um die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern auszubauen. Auch die Tochter des Kaisers ist mitgekommen, und als Gastgeschenk hat sie eine wertvolle Statue aus Jade mitgebracht. Gewissenlose Halunken haben die Tochter mitsamt der Staue entführt, und nun eskaliert die gesamte diplomatische Situation. Es gibt nur noch eine Lösung: John Cutler muss sich dieser Sache annehmen. Und wenn Cutler einen neuen ALAMO-Auftrag annimmt, dann tut er alles, um ihn erfolgreich auszuführen. Das müssen die Entführer der Prinzessin bald am eigenen Leib erfahren ...




»Du wirst mich niemals an den Galgen bringen, Cutler! Du nicht!«

»Will ich auch nicht«, gab John Cutler ruhig zurück. Gemächlich trabten die beiden Pferde durch die Senke. Cutler saß lässig im Sattel und hielt die Zügel locker. Sein »Begleiter« hingegen war angespannt. Ein lauernder Ausdruck lag auf seinem Gesicht.

»Wozu dann der ganze Aufwand? Du jagst mir wochenlang hinterher, stöberst mich in diesem Kaff auf, prügelst dich wegen mir durch den ganzen Saloon, holst mich von einem Flittchen runter... Und dann willst du mich nicht mal hängen sehen?«

»Ich übergebe dich dem US Marshal in Stockton. Der und der Richter werden über dein Schicksal entscheiden.«

»Wenn wir bis dorthin kommen ...«

Cutler begriff den Sinn der Worte erst, als er die drei Reiter vor sich sah. Wie selbstverständlich tastete er nach dem Remington, denn die Männer vor ihm machten keinen besonders vertrauenerweckenden Eindruck.

Sie hatten ihre Pferde am Rande der Senke gezügelt. Ohne Regung beobachteten sie, wie sich Cutler und sein Begleiter dem dürren Baum in der Mitte der Senke näherten. Die knorrige Pinie ragte mit weit ausladenden Ästen einsam aus dem Büffelgras auf.

»Sieht aus wie ein Galgenbaum«, meinte Cutlers Begleiter. »Ich frage mich, ob sie hier schon mal jemanden aufgeknüpft haben.«

»Du wirst es nie erfahren, Cabot«, meinte Cutler.

Er konzentrierte sich auf das Empfangskomitee. Die Männer saßen unbeweglich auf ihren Pferden, schienen ihm nicht die geringste Beachtung zu zeigen.

Unter der Pinie zügelte Cutler seinen Schecken. Er hätte jetzt die Winchester aus dem Scabbard ziehen können, wollte aber nicht noch unnötig provozieren. Vielleicht waren die Männer vor ihm ja ganz harmlos. Man sollte sich nicht vom Äußeren blenden lassen.

Je näher sie kamen, desto konzentrierte wurde Cutler. Er zog den Schecken herum und entfernte sich von seinem Gefangenen.

Cutler ging einige Yards entfernt in Deckung.

Die drei Männer verfolgten seine Vorbereitungen und fächerten auseinander.

In der Mitte ritt ein etwa fünfzigjähriger Mann mit verwittertem Gesicht und Tränensäcken unter den Augen. Eine mächtige Säufernase dominierte sein Gesicht. Seine beiden Begleiter waren deutlich jünger. Der Mann zur Linken trug einen dunklen Schnauzbart, dessen Enden er zusammengedreht hatte. Das Gesicht des Hombres zur Rechten war von Pockennarben übersät.

»Howdy«, rief der Mann mit den Tränensäcken und spuckte einen Strahl Kautabaksaft aus.

Cutler nickte zur Begrüßung.

Er betrachtete die Männer genau. Sie waren zwar wie Cowboys gekleidet. Aber alle drei hatten die Revolvergurte sehr tief geschnallt. Dem Kerl mit dem Zwirbelbart ragten zwei Colts aus den Holstern, die an den Schenkeln festgebunden waren. Die Griffe der Colts waren abgenutzt.

»Sie haben wohl einen langen Weg hinter sich, Mister«, sagte der Mann mit dem Riesenzinken.

»Weit genug.«

»Pech für Sie. Ihr Weg ist hier zu Ende.«

Cutler schaute sich demonstrativ um. »Nein, da geht’s doch weiter, Hombre.«

Die tränenfeuchten Augen des Alten verengten sich zu Schlitzen. »Wohl Clown im Zirkus gewesen, was?«

»Wieder falsch, Mister.«

Der Alte spuckte abermals aus. »Mag sein, dass wir Sie weiterreiten lassen. Aber ohne Ihren Freund.«

»Was wollen Sie, Alter?«

»Ihren Begleiter. Und Ihren Revolver. Und Ihr Pferd, Mister. Und dann noch Ihre Stiefel.« Er schaute sich um. »Bis Stockton könnten Sie es zu Fuß schaffen, Mister.«

»Und was ist, wenn ich diesen Handel nicht eingehe?«

»Überleg mal!« Er lachte dreckig. »Wir sind zu dritt und du allein.«

Cutler ging darauf nicht ein. »Alter, Sie und Ihre Männer haben mir genug Zeit gestohlen. Mein Freund und ich werden jetzt weiterreiten. Also lasst die Waffen stecken!«

Die Hand des Pockennarbigen fiel auf den Coltgriff. »Runter vom Gaul, Mister!«

Cutler zeigte sich unbeeindruckt. Er schwang sich langsam aus dem Sattel und zog, noch bevor er den Boden erreicht hatte.

Der Pockennarbige riss ebenfalls den Revolver heraus.

Cutler war schneller. Seine Kugel hieb hoch in die Brust des Gegners und warf ihn aus dem Sattel, bevor er abdrücken konnte.

Sofort duckte sich Cutler und richtete den 38er auf die beiden anderen Reiter.

Der Alte feuerte, während der Zwirbelbart sein Pferd mit einem Satz nach vorn schnellen ließ und Hoby Cabot, Cutlers Gefangenen, einen Colt zuwarf.

Cutler zog durch. Sein Geschoss furchte dem Tränensack über den Arm. Dann nahm er den Zweihandmann unter Feuer, der ebenfalls die Kugeln sprechen ließ.

Cutler traf den Schnauzbärtigen in die Schulter und sah, wie der Zwirbelbart zusammenzuckte und deshalb in den Himmel schoss.

Bei dem Alten blitzte es erneut auf. Die Kugel schrammte heiß über Cutlers Rücken. Er ging zu Boden, richtete sich auf ein Knie auf und zog den Revolver herum, doch er kam nicht mehr zum Schuss.

Hoby Cabot feuerte zweimal. Eine Kugel sauste an Cutlers Kopf vorbei, die zweite versetzte ihm einen heftigen Schlag. Er wurde hochgerissen, herumgeworfen und zurückgetrieben.

Mit einem heiseren Stöhnen brach Cutler zusammen.

»Dem hab ich es aber gezeigt, was, Pa?«, rief Hoby Cabot und stieß einen Jubelschrei aus. Wild feuerte er in die Luft. »Das Stinktier hab ich sauber abgeknallt.«

»Schlimm genug, dass du so dämlich warst, dich von ihm schnappen zu lassen«, zischte der Alte und beugte sich über das Narbengesicht. »Wegen dir haben wir Delbert verloren. Und Barney hat es auch böse erwischt. Er muss dringend zum Doc. Übel ist auch, dass du zweimal schießen musstest, um den Kerl zu erledigen, verdammt! Was ist nur aus dir geworden, Hoby? Ein Saufbold, Herumtreiber und Hurenbock, der sogar verlernt hat, mit dem Schießeisen umzugehen?«

»Ach, Pa.«

»Du bist ein Schlappschwanz geworden, Hoby! Pack Del auf den Sattel. Er wird ein anständiges Begräbnis erhalten.«

Hoby befreite sich von seinen Fesseln und gehorchte. »Und was machen wir mit dem?« Er zeigte auf Cutler.

»Lass ihn liegen. Für die Geier.«

Hoby warf Cutlers regloser Gestalt einen verächtlichen Blick zu und spuckte aus.

Als die Cabots abgezogen waren, ließ sich ein Geier flatternd auf einem Ast der Pinie nieder und beäugte den reglosen Körper im vertrockneten Gras.


*


Ein dumpfer Schlag im Rücken holte Cutler aus seiner Bewusstlosigkeit. Er spürte einen Druck auf seinem Körper, hörte das Flattern der Vogelschwingen und ein heiseres Krächzen.

Der Geier tapste ungelenk hin und her, um einen besseren Stand auf dem reglosen Körper zu bekommen ...

Cutler nahm alle Kraft zusammen und wälzte sich herum. Seine Hand fand den Revolver, der neben ihm im Gras lag.

Kreischend und flatternd flüchtete der Geier, konnte aber Cutlers Kugel nicht mehr entgehen. Sie hieb in den Körper des großen Vogels und holte ihn aus der Luft.

Der große Mann stöhnte. Irrsinnige Schmerzen rasten durch seinen Schädel. In seiner Schulter brannte ein alles verzehrendes Feuer, das bis in die Zehen abstrahlte. Vorsichtig betastete er seinen Kopf. Fühlte die Furche, die die Kugel verursacht hatte.

Es dauerte lange, bis Cutler in der Lage war, sich aufzurichten. Vorsichtig stützte er sich auf die Ellbogen, schaffte es dann in eine sitzende Stellung. Jede noch so geringe Bewegung trieb neue Schmerzwellen durch seinen Körper.

Irgendwann gelang es ihm, auf die Beine zu kommen. Der Schweiß lief ihm in Bächen am Körper entlang. Zitternd vor Anstrengung blieb er stehen und bemühte sich, den Atem unter Kontrolle zu kriegen.

Er schob den Revolver ins Leder und setzte sich langsam, mit taumelnden Schritten, in Bewegung. Sein Ziel war der Rand der Senke.

Cutler brauchte unendlich lange, bis er die leichte Anhöhe erreicht hatte. Unbarmherzig brannte die Sonne auf ihn nieder und verstärkte seine Schmerzen noch. Am Fuß der Steigung kippte Cutler entkräftet um. Er keuchte.

Auf Händen und Knien kroch er durch das Büffelgras, schob sich die Anhöhe hinauf und rollte sich über den Rand, wo er stöhnend liegenblieb.

Zwischen den roten und schwarzen Nebeln, die vor seinen Augen waberten und ihn in die Bewusstlosigkeit abdrängen wollten, erkannte Cutler Hoby Cabots grinsendes Gesicht. Unbändiger Zorn erfüllte ihn, verdrängte für Augenblicke den Schmerz und gab ihm neuen Auftrieb.

Cutler kam wieder hoch und stolperte weiter. Er merkte nicht, wohin er seine Schritte setzte. Er wusste nur eines: Er musste überleben, wollte er Hoby Cabot wieder einfangen!

»O mein Gott!«, hörte Cutler eine helle Frauenstimme und strauchelte im selben Augenblick, als er in einen Erdhörnchenbau stieß. Er fiel zur Seite, rollte herum und blieb stöhnend auf dem Rücken liegen.

Die Stimme, die durch das Rauschen in seinen Ohren drang, klang weit entfernt, ebenso wie das Knarren von Wagenrädern und das Stampfen schwerer Hufe. Er wollte den Kopf wenden und nachsehen, woher die Stimme kam, schloss aber sofort wieder gequält die Augen, als neue Schmerzwellen durch seinen Körper rollten.

Cutler fühlte, wie er sanft ins Gras zurückgedrückt wurde. Wie durch einen Schleier sah er ein schmales, blasses Gesicht über sich. Er konnte es nur undeutlich erkennen.

»Helft mir, ihn auf den Wagen zu legen!«, forderte die helle Stimme.

Er merkte, wie er hochgehoben und weggetragen wurde, nur um gleich darauf auf ein weiches Lager gebettet zu werden. Wieder knarrte Holz. Cutlers Lager schwankte.

Der Wagen hatte sich in Bewegung gesetzt.

Cutler verdrehte die Augen und gab der fordernden Kraft der Besinnungslosigkeit nach.

»Hier, trink, Bruder!« Die Worte waren deutlicher zu verstehen. Cutler hielt die Augen noch geschlossen.

Eine sanfte Hand glitt in seinen Nacken und hob den Kopf an. Ein heißer Becher wurde an Cutlers Lippen geführt. Der belebende Duft kräftiger Rinderbrühe stieg ihm in die Nase. Wie von selbst öffneten sich seine trockenen Lippen, und er schluckte das heiße Getränk.

»Nicht zu viel am Anfang, Bruder. Trink noch ein wenig und schlaf dann. Es wird dir gut tun.«

Cutler seufzte tief und glitt in die Dunkelheit zurück. Aber diesmal war es keine Bewusstlosigkeit, sondern ein erschöpfter Schlaf, der ihn übermannte.

Als sich Cutler das nächste Mal aufrichtete, waren die Schmerzen in seinem Körper schon viel erträglicher geworden. Er öffnete die Augen und blickte durch eine Öffnung in der Wagenplane auf einen stemenübersäten Nachthimmel.

Er rollte sich vorsichtig herum. Kalte Nachtluft traf seine Haut und ließ ihn einen Moment lang frösteln. Sein Oberkörper war nackt. Verbandszeug verhüllte teilweise Brust und Schulter.

Auch sein Kopf war bandagiert.

Unter leisem Ächzen schob sich Cutler zum Ende des Wagens, stieg über das Abschlussbrett hinweg und blieb einen Augenblick lang schwankend stehen. Er bekämpfte die aufsteigende Übelkeit. Ein dünner Schweißfilm lag auf seiner Haut. Er tastete sich am Wagen entlang, bemerkte vor sich den zuckenden Schein eines Lagerfeuers.

»Aber du solltest doch liegenbleiben!«, deklamierte die Frauenstimme, die ihm bereits bekannt war. »Du bist noch viel zu schwach, Bruder. Ich bringe dich sofort zurück ins Bett!«

Cutler sah die zierliche Frau auf sich zuhasten. Sie ergriff seinen Arm, um ihn in den Wagen zurückzuführen.

Sanft befreite sich Cutler aus ihrem Griff und wankte zum Feuer. »Ist schon gut«, murmelte er.

Rund um das Lagerfeuer erkannte er eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Menschen. Da waren zwei Frauen, die einfache, aber saubere Kleider trugen und ihr Haar unter hellblauen Hauben verbargen. Drei Männer in schwarzen Baumwollanzügen und weißen Hemden saßen in ihrer Nähe.

Auf der anderen Seite des Feuers bemerkte Cutler mehrere dunkelhäutige Gestalten, die farbenfroh gekleidet waren. Einige Frauen trugen Kopftücher, die Männer Pumphosen. Ihre dichten Schnauzbärte sahen alle gleich aus. Genauso wie die Westen.

Ein junges, hübsches Mädchen strahlte Cutler an. Ihre vollen, roten Lippen waren zu einem Lächeln verzogen. Langes, schwarzes Haar verdeckte teilweise ihren Ausschnitt.

Und zwischen diesen unterschiedlichen Menschen saß ein schmächtiges, schlankes Kerlchen, das in einem grauen Anzug der neuesten Mode, einem weißen Rüschenhemd und einem grauen, niederen Filzzylinder wie ein Modegeck aus dem Osten erschien.

Cutler schaute sich um und bemerkte erst jetzt, dass insgesamt vier Wagen neben dem Feuer standen. Auf dem vordersten, einem großen Kastenwagen, waren die Worte Milos Wanderzirkus und Theater zu lesen.

»Du solltest dich schonen, Bruder.« Cutler vernahm die eindringlichen Worte der Frau.

»Ich fühle mich schon viel besser«, erwiderte Cutler ausweichend und ging neben dem Feuer in die Hocke. »Haben Sie einen Schluck Kaffee für mich?«

»Aber sicher. Er wird neue Kräfte in dir wecken.«

Schweigend schluckte Cutler das heiße Gebräu.

»Wie kommt es, dass du in deinem Zustand allein durch die Prärie wandert, Bruder?«, fragte die Frau.

»Judith, du solltest den Bruder nicht mit aufdringlichen Fragen belästigen«, tadelte einer der Männer.

»Verzeiht, Bruder. Ich wollte nicht neugierig erscheinen.« Sie senkte verlegen den Blick.

»Es hat nichts mit Neugier zu tun, wenn man wissen will, wen man sich ins Lager holt«, murmelte Cutler. »Ich wurde angeschossen. Die Kerle dachten, ich sei tot. Sind mit meinem Pferd abgehauen.«

»Waren es Banditen?«

Cutler nickte, was seinem Kopf nicht besonders gut bekam. »So könnte man es ausdrücken, Ma’am.«

»Wohin wolltest du, als wir dich fanden, Bruder?«

»Den Kerlen nach.«

»Zu Fuß und in deinem Zustand? Du hättet sie niemals eingeholt.«

Cutler nickte wieder und nippte an seinem Becher. »Möglich. Aber den Versuch war es wert.« Er tastete an seinem Verband entlang. »Haben Sie die Kugel rausgeholt, Ma’am?«

Judith lächelte und schüttelte den Kopf. »Das war Jamina. Sie kennt sich damit sehr gut aus.«

Cutler schaute zu der glutäugigen Zigeunerin, die ihn nun offen anlächelte.

»Ich muss mich bei euch allen bedanken«, sagte er. »Sieht so aus, als hättet ihr mich dem Teufel von der Schippe geholt.«

Judith wurde blass. »Es ist nicht gut, vom Teufel zu sprechen. Wenn du aber sagen willst, wir hätten dir das Leben gerettet, hast du wohl recht, Bruder.

»Manchmal muss man die Dinge beim Namen nennen, Ma’am. Was führt Sie in diese Gegend?«

»Wir sind Quäker, Bruder«, antwortete sie mit Stolz in der Stimme. »Unser Glaube gebietet uns, Gewalt zu verachten und den Brüdern und Schwestern beizustehen, wenn sie in Not sind, Bruder.«

»Das ehrt Sie, Ma’am. Aber es beantwortet nicht meine Frage. Ich habe noch nie Quäker getroffen, die mit einem Wanderzirkus unterwegs waren.«

»Wir sind auf dem Weg nach Norden. In Oregon wollen wir uns ein neues Heim schaffen. Unterwegs trafen wir auf Bruder Milo. Er war so freundlich, uns zu erlauben, ihn zu begleiten. Er sagte, so könnten wir sicherer reisen.«

Milos dichter Schnauzbart zuckte, als er Cutler zuwinkte. Der hatte allerdings den Eindruck, dass Milo die Anwesenheit der Quäker für seine Zwecke nutzen konnte. Wer vermutete schon einen Betrüger und Scharlatan in jemandem, der mit rechtschaffenen und gottesfürchtigen Quäkern durch das Land reiste?

»Und ich, Sir, darf mich ebenfalls vorstellen«, ergriff der Modegeck das Wort. »Mein Name ist Thaddäus Percival Dunwoody, aus Manchester, England. Die Ladies und Gentlemen ermöglichen es mir, kostengünstig den Westen Ihres Landes zu bereisen. Als Reporter ist meine Reisekasse recht knapp bemessen, wenn ich so sagen darf. Nun, ich fühle mich geehrt, Ihre Bekanntschaft zu machen, Sir. Sie werden mir sicherlich erlauben, Ihnen später einige Fragen zu stellen. Vor allem über diese Banditen, die Sie überfallen haben.«

»Bruder Thaddäus!«, ermahnte Judith. »Du willst Kapital aus seinem Schicksal schlagen?«

»Lassen Sie gut sein, Ma’am. Er soll ruhig seine Fragen stellen. Wo wollen Sie von hier aus hin?«

»Nun, zunächst wird uns wohl der Weg an Stockton vorbeiführen. Wir werden jedoch nicht durch die Stadt kommen, sondern der Bahnlinie nach Norden folgen. Bruder Milo zieht es vor, mit seiner Truppe in kleineren Orten aufzutreten.«

Cutler nickte. »Wenn wir Stockton erreichen, werde ich mich von Ihnen verabschieden«, erklärte er und erhob sich. Seine Hand glitt dabei zur Hüfte und suchte den Revolver, fand ihn aber nicht.

»Deine Waffe ist im Wagen, Bruder. Unser Glaube verbietet uns den Gebrauch einer Schusswaffe, außer zur Jagd. Ich hoffe, du respektierst dies und lässt die Kanone im Wagen.«

»Sicher, Ma’am. Wenn Sie das wünschen.«

»Sie haben uns Ihren Namen noch nicht genannt, Sir. Wir würden gern wissen, mit wem wir es zu tun haben.«

Cutler drehte sich um und wollte dem Reporter antworten, als er zum ersten Mal Jaminas dunkle Stimme hörte. »Er heißt John Cutler«, sagte sie ruhig.

»Sind wir uns schon mal begegnet, Lady?«, fragte da der große Mann leise.

Die unergründlichen Augen ließen ihn nicht los. »Man kennt deinen Namen im Westen, Cutler. Außerdem hast du im Fieber gesprochen.«

Cutler nickte und kehrte in den Wagen zurück, wo er erschöpft auf sein Lager sank. Von draußen hörte er, wie der Engländer die hübsche Zigeunerin mit Fragen bestürmte. Er wollte alles über Cutler wissen.

Mit dem gebräunten Gesicht seiner Retterin vor Augen schlief Cutler ein.


*


»Hoby, du bist ein Schlappschwanz!« Die Frauenstimme klang so unfreundlich, dass wohl nicht mal Cutler in dieser Situation seinen Mann gestanden hätte. Und das sollte schon was heißen.

Das blonde Saloongirl bewegte sich widerwillig unter ihm. Mit ihren Gedanken war sie ganz weit weg.

Ein lautes Klopfen unterbrach Hoby Cabots Anstrengungen.

»Verdammte Scheiße!«, heulte er. »Ausgerechnet jetzt!« Er wälzte sich von dem Saloongirl und zog seine Hosen hoch. »Bleib so liegen, Schätzchen«, forderte er. »Bin gleich wieder bei dir, und dann geht die Post ab!«

»Na hoffentlich«, murmelte die Blonde und schlug die Beine übereinander. Sie sah keine Veranlassung, ihren nackten Körper zu bedecken.

Hoby Cabot eilte zur Tür und riss sie auf. Gleich darauf taumelte er nach hinten und stieß gegen das Bettgestell. Er schüttelte den Kopf, um sich von der Wirkung des Faustschlages zu befreien. Als er sah, wer in der Tür stand, wirbelte er herum und stürzte zu seinem Revolvergurt, der über einer Stuhllehne hing.

Der Mann im Türrahmen war Cutler!

Bevor Hoby Cabot den Colt ziehen konnte, krachte Cutlers Faust gegen sein Kinn. Sein Kopf flog in den Nacken, und Hoby fiel rücklings über den Stuhl.

Die Blonde stieß einen spitzen Schrei aus und rollte sich zusammen. »Tun Sie mir nichts, Mister! Ich habe nichts mit ihm zu schaffen! Er hat bezahlt, und ich habe ihm etwas dafür geboten. Mehr ist nicht zwischen uns, glauben Sie mir!«

Cutler griente und ließ seinen Blick über ihre weichen Rundungen wandern. »Keine Sorge, Lady«, meinte er beruhigend. »Ich schlage keine Frauen. Außerdem bin ich nur mit meinem Freund’ Hoby verabredet.« Er leckte sich über die Lippen und ließ seine interessierten Blicke über ihren nackten Körper wandern. »Aber das kann sich ja noch ändern.«

Die Angst verschwand aus ihrem Gesicht und wurde von einem erwartungsvollen Ausdruck abgelöst. Sie musterte den Mann, der ihr Liebesspiel so abrupt unterbrochen hatte.

Und was sie sah, gefiel ihr.

Nein, Angst hatte sie jetzt keine mehr. Der große Mann war ein Gentleman und wusste, wie man Frauen behandelte. Und ein Schlappschwanz wie Hoby war er mit Sicherheit nicht. Sie kannte die Männer. Dieser hier war ein ganz Wilder, da war sie sich ganz sicher.

Cabot kam vom Boden hoch und versuchte erneut, seinen Colt zu erreichen, aber Cutlers Stiefelspitze traf sein Handgelenk.

Neuer Versuch. Cabot packte den Stuhl und wuchtete ihn Cutler entgegen!

Cutler duckte sich gewandt. Der Stuhl segelte samt Revolvergurt über ihn hinweg und krachte gegen die Wand.

Cabot warf sich auf Cutler. Seine gesamte Wut lag in der Bewegung, aber Cutlers Zorn war stärker.

Cabot lief genau in Cutlers Fäuste. Hart trafen ihn die Schläge, trieben ihn quer durch das Zimmer.

Da sich Hoby nicht ergab, drosch Cutler weiter auf ihn ein, stieß ihn hoch und warf ihn quer über das Bett. Cabot rollte sich über die ächzende Matratze ab, kam auf der anderen Seite des Bettes wieder hoch und zerrte die Blonde zu sich heran. Er benutzte das nackte Girl als Schutzschild und schob sich zur Seite. Dorthin, wo sein Colt am Boden lag.

»Du hättest krepieren sollen, Cutler. Aber jetzt krieg ich dich eben hier. Du wirst mich nie wieder schlagen, du Stinktier. Dich mach ich alle!« Cabots Stimme überschlug sich.

Cutler folgte ihm langsam zur Seite, bis er durch eine Kommode aufgehalten wurde. Er überlegte, ob er einen Schuss wagen sollte, wenn Cabot zum Revolver griff. Aber er verwarf den Gedanken wieder. Die Gefahr, dabei das Mädchen zu treffen, war zu groß.

Cabot befand sich nun in Reichweite seines Revolvergurts. Langsam ließ er sich hinter dem nackten Mädchen zu Boden sinken, fischte den Colt aus dem Holster und kam wieder in die Höhe.

Er wollte seinen Triumph auskosten.

»Du bist erledigt, Großer!«, zischte er und stieß ein glucksendes Lachen aus. Seine Hand glitt über den nackten Körper des Girls. »Mit dir befasse ich mich später, Schätzchen!«

Und dann ging alles blitzschnell.

Cabot hob den Colt. Ein breites Grinsen lag auf seinem Gesicht.

Im nächsten Sekundenbruchteil würde er schießen!

Sein Grinsen verschwand sofort, als Cutler ihm die Petroleumlampe ins Gesicht schleuderte und zur Seite hechtete.

Cabot verriss den Schuss. Die Kugel bohrte sich schräg hinter Cutler in die Wand.

Hoby stieß einen gellenden Schrei aus. Das Petroleum brannte wie Feuer in seinen Augen und den Wunden.

Cutler brauchte nicht zu schießen. Er stand vor Cabot und ließ seine Schläge auf den Revolvermann prasseln. Cabot verlor den Colt und brach unter Cutlers Hieben schluchzend und wimmernd zusammen.

Cutler durchsuchte Hoby Cabots Taschen, zog ein Bündel Dollarnoten hervor und warf sie auf das Bett. Er packte den Ganoven am Kragen und schleifte ihn zur Tür. »Bin gleich wieder bei dir, Lady. Halte solange die Kissen warm«, sagte er.

Die Augen der Blonden blitzten erwartungsvoll. »Beeil dich, Cowboy«, sagte sie und dachte: Wenn der nur halb so gut im Bett ist, wie er mit den Fäusten umgehen kannst, dann habe ich auch was von dem Langen.

Cutler schleifte Cabot die Treppe in den Schankraum hinunter, über die Straße und zum Büro des Marshals. Er stieß die Tür auf und ließ Hoby vor dem Schreibtisch zu Boden fallen.

»Wen schleppen Sie denn da an?«, fragte der Marshal. »Und warum?«

»Er hatte was gegen einen Besuch bei Ihnen. Ich musste ihn erst überreden.«

Der Ordnungshüter beugte sich über den Mann. »Wenn der Bursche gewaschen ist, könnte er eine gewisse Ähnlichkeit mit Hoby Cabot haben«, murmelte er.

»Gratuliere, Marshal. Sie kennen sich aus.«

»Dann wollen wir unseren Staatsbesuch mal in die Präsidentensuite verfrachten.« Der Marshal hievte Cabot hoch und schob ihn in den Zellenraum. »Kopf hoch, mein Junge, auch wenn der Hals dreckig ist. Du kriegst ein Bett auf Staatskosten. Und das bestimmt für die nächsten zwei Jahrzehnte.«

Cutler marschierte zum Telegrafenbüro, gab ein Telegramm an seine ALAMO-Kontaktleute in Washington auf und meldete Cabots Festnahme. Dann ging er zum Saloon zurück.


*


Cutler hatte eine ausgezeichnete Pflege unter den Händen der Quäkerin und der Zigeunerin genossen. Seine Kräfte waren wieder zurückgekehrt. Und die Lust auch. Cutler war wieder ins Leben zurückgekehrt.

Auf dem Weg nach Stockton hatten sie nichts von den Cabots gesehen oder gehört. Erst, als sich Cutler von seinen Begleitern trennte und in der Stadt nachforschte, war er auf Hobys Spuren gestoßen.

Das war Vergangenheit. Vor ihm lagen die Zukunft und die hübsche Blonde.

Sie drehte sich beim Knall der zufallenden Tür um und lächelte breit.

»He, Cowboy, du hast dich aber beeilt. Du wirst es nicht bereuen.«

Sie hieß Linda. Als sie sich aufsetzte, klaffte der Seidenmantel wie zufällig auf. Die dunkelbraunen Brustwarzen starrten den großen Mann erwartungsvoll an.

Cutler konnte nicht anders. Er spürte, wie sein Blut in Wallung geriet und ihn dieses immer gleiche Fieber packte. Er öffnete bereits auf dem Weg zu Linda seine Kleidung. Und dann flogen die Stiefel, die Jacke, das Hemd!

Es konnte ihnen trotzdem nicht schnell genug gehen, bis sie sich endlich spürten. Haut auf Haut. Das Pochen der Herzen, die Hitze des Partners. Und Linda kannte sich aus, hatte keine Hemmungen. Sie packte zu, nahm sich, was sie wollte und führte den großen Mann dorthin, wo sie es am liebsten hatte und ihn am stärksten brauchte.

»Mensch, Langer, so einen wie dich habe ich noch nie gehabt.« Sie bäumte sich unter ihm auf und stöhnte wohlig, kommentierte jeden Ruck mit einem Ooohhhh! oder Aaahhh! »Ja!«, rief sie. »Ja, du kannst es Cowboy, da glühen einem die Schenkel. Mit dir würde ich es auch umsonst treiben! Weiter! Jaaahh!! Endlich hab ich auch mal was davon. Nicht wie bei diesen kleinen Spritzern, die schon fertig sind, ehe ich richtig liege ...«

Cutler wechselte die Stellung. Er war in der Stimmung, es noch lange auszuhalten. Ihr Körper bockte jetzt unter ihm wie eine wildgewordene Stute. Cutler hatte alle Mühe, im Sattel zu bleiben.

Er hatte Linda auf den höchsten Gipfel getragen, und im selben Augenblick legte sich dieses entspannende Lächeln auch über sein Gesicht.

Was war jetzt? Die Blonde schrie, aber diesmal nicht vor Lust. Ihr Blick war auf ein ernstes, finster dreinblickendes Gesicht gefallen, das hinter Cutler erschienen war. Sie hatte den Tod vor Augen. Den Heidenspaß löste von einer Sekunde auf die andere entsetzliche Todesangst ab.

Ehe Cutler reagieren konnte, legte ihm dieser Jemand den rasiermesserscharfen Stahl gegen seinen Kehlkopf.


*


Die beiden Gestalten, die ihn aus Lindas Armen gerissen hatten, erschienen Cutler wie Figuren aus einem Albtraum. Ihre Gesichter hatten einen blassen Teint. Eine der Gestalten hatte das pechschwarze Haar zu einem Zopf geflochten, der in der Mitte des Schädels nach oben stand. Die zweite Person trug das lange Haar offen.

Sie trugen dunkelbraune, mit Nieten versehene Ledergewänder. Die Arme waren nackt, die Beine mit Pumphosen bekleidet. Ihre nackten Füße steckten in flachen Sandalen, deren Lederriemen bis weit über die Waden reichten.

Cutler hörte harsche Worte in einer fremden Sprache. Hart wurde sein Kopf zurückgerissen. »Du begleitest uns«, zischte eine heisere Stimme.

Die Stimme erinnerte Cutler an das Kauderwelsch, das er in den Chinesenvierteln der größeren Städte schon oft gehört hatte.

Er wurde vom Bett gezogen und zu dem Stuhl gestoßen, auf dem seine Kleider lagen. Er bemerkte, wie die jüngere der beiden Gestalten eine Augenbraue hob, während sie seinen Körper betrachtete. Abrupt wandte sie sich um.

Als Cutler seinen Revolvergurt umschnallen wollte, sauste eine blitzende Klinge auf ihn zu. Cutler erkannte ein kurzes, schwertartiges Messer, dessen Spitze fast seine Kehle berührte. Er ließ die Finger vom Revolvergurt.

Mit einer blitzschnellen Bewegung nahm der Zopfträger den Gurt auf und schlang ihn über seine Schulter. Dann bedeutete er Cutler, zur Tür zu gehen.

Cutler verabschiedete sich von Linda mit einem Achselzucken. Mit einer flirrenden Bewegung ließ der Zopfträger sein Messer im Gürtel verschwinden und folgte Cutler breitbeinig.

Die Gruppe zog die Blicke aller im Saloon auf sich. Man führte den großen Mann zum Bahnhof, zu einem wartenden Zug, in den man ihn verfrachtete. Hier harrte er nun der Dinge, die auf ihn zukommen sollten. Dabei kehrten seine Blicke immer wieder zu seinen asiatischen Bewachern zurück.

Ein Mann, den Cutler auf Ende Fünfzig schätzte, betrat in Begleitung zweier Leibwächter den luxuriös eingerichteten Privatwaggon.

Der Endfünfziger setzte sich auf den Ledersessel hinter dem massigen Schreibtisch, der in einer Ecke stand, und betrachtete den Entführten.

»Mr. Cutler, wie ich annehme?«, fragte der Gentleman.

Cutler nickte kaum merklich.

»Sie müssen diese Einladung entschuldigen, aber wir stehen vor einem Problem und wollten nicht unnötig Zeit vergeuden.«

»Ihre Probleme gehen mich nichts an.« Cutler stand auf, griff nach seinem Revolvergurt und wollte gehen.

Die blitzende Schwertklinge eines Bewachers wirbelte durch die Luft.

»Setzen Sie sich, Cutler«, befahl der Mann gleichzeitig und nahm eine Zigarre aus einem Kästchen. »Möchten Sie rauchen?«

»Ja, aber ich habe mein eigenes Rauchzeug«, erklärte er und drehte sich einen Glimmstengel.

»Es geht um eine Angelegenheit von höchster diplomatischer Bedeutung«, begann der Gentleman. »Ich bin Joshua Hellman vom Außenministerium. Dieser Zug steht nicht zufällig im Bahnhof von Stockton. Er beherbergt eine Delegation des Kaisers von Japan.«

Cutler ließ seinen Blick zu den beiden Lederwämsen gleiten. Ihm wurde klar, dass diese seltsamen Figuren tatsächlich Japaner waren.

»Und was, bitteschön, habe ich mit dem Außenministerium zu tun, Hellman? Geschweige denn mit einem Kaiser vom anderen Ende der Welt?«

»Sie können mir vertrauen, Mr. Cutler. Ich bin in gewisse Dinge eingeweiht. Was Sie jetzt erwartet, ist ein neuer ALAMO-Auftrag. Nun, der Botschafter des japanischen Kaisers ist dabei, wirtschaftliche und politische Abkommen auszuhandeln. Prinzessin Mitsuku wird für ihren Vater die Verträge unterschreiben. Als Gastgeschenk hat sie unserem Präsidenten« - er deutete auf das Bild hinter ihm - »eine Jadefigur mitgebracht. Es handelt sich dabei um das Abbild einer Prinzessin, die als vom Himmel gesandt galt und die japanische Kaiserfamilie mitbegründete. Die Prinzessin und die Jadefigur sind seit zwei Tagen verschwunden.«

Der langhaarige Bewacher ließ einen Wortschwall vom Stapel. Sein Begleiter übersetzte ins Englische.

»Äh, ja«, beeilte sich Hellman zu sagen. »Genauer gesagt, die Prinzessin wurde entführt und die Jadefigur dabei entwendet. Eine diplomatische Katastrophe, die es so schnell wie möglich zu bereinigen gilt.«

»So schnell wie möglich«, wiederholte Cutler.

»Sie, Mr. Cutler, sind unsere einzige Hoffnung«, sagte Hellman und senkte den Blick.

»Wie komme ich zu der Ehre?«

»Man hat Sie uns empfohlen, Mr. Cutler. Man hält in gewissen Kreisen in Washington große Stücke auf Sie Und wir setzen unsere Hoffnung in Ihre Fähigkeiten. Und in die nächste Geheimmission ALAMO.«

Cutler nickte.

»Man hat uns unterrichtet, dass Sie sich in dieser Gegend aufhalten, Cutler. Wir hätten nicht gedacht, Sie so schnell zu finden. Es war ein ausgesprochener Glücksfall für uns, denn seit dem Überfall sind gerade zwei Tage vergangen.«

»Ich weiß ja noch nicht mal, wo ich mit der Suche beginnen soll«, gab Cutler zu bedenken.

Der langhaarige Aufpasser fauchte etwas auf Japanisch und wirbelte das Schwert vor Cutler herum.

Cutler zeigte sich unbeeindruckt. »Sagen Sie diesem Burschen, dass er aufhören soll, mir mit seinem Spielzeug vor der Nase herumzufuchteln. Sonst nehme ich es ihm weg.«

Hellman räusperte sich. »Dieses Spielzeug ist ein Samuraischwert aus bestem Stahl. Und der Bursche ist Miss Yukiko Suma, die Tochter des Befehlshabers der kaiserlichen Samuraitruppen.«

Cutler riss die Augen auf. Der langhaarige Aufpasser war eine Frau? Er konnte es kaum glauben. Ein Grinsen zog sich über sein Gesicht. »Dann soll sie eben damit aufhören.«

Die Japanerin warf ihm böse Blicke zu. Ihr Schwert zeigte auf Cutlers Brust.

»Übernehmen Sie den Auftrag?«, fragte Hellman. »Es hängt eine Menge davon ab.«

»Fünf Tage sind verdammt knapp.« Cutler schlang sich den Revolvergurt um die Hüften. »Ich kann mich ja mal umhören. Es gibt keine Hinweise auf die Täter?«

Hellman schüttelte den Kopf, dass die weißen Haare flogen. »Die Kerle kamen eines Nachts hier rein, prügelten einen Wächter zu Tode und verletzten andere. Sie wollten anscheinend nur die Figur stehlen, aber Prinzessin Mitsuku muss sie überrascht haben. Also wurde sie kurzerhand entführt.«

Cutler setzte seinen Stetson auf. »Nicht gerade viel, was Sie mir anbieten, Hellman. Aber ich werde sehen, was ich für unseren Staat tun kann.«

Der Mann vom Außenministerium streckte Cutler die Hand entgegen. »Ich möchte Ihnen danken, dass Sie den Auftrag übernehmen, Mr. Cutler. Ich wünsche Ihnen viel Glück.«

Cutler drückte die Hand und wandte sich zur Tür. Die Japanerin verstellte ihm den Weg. »Er geht nicht allein«, sagte sie mit fester Stimme. »Ich gehe mit!«

Cutler schüttelte den Kopf und starrte die Japanerin an. »Die Lady spricht ja unsere Sprache!«

»Ich komme mit, Amerikaner!«

Cutler war entsetzt und schaute zu Hellman. Der zuckte nur mit den Schultern.

Die Japanerin warb für sich. »Ich beherrsche meine Waffen!«

»Das habe ich vorhin gesehen, Lady. Sie wollten die Kerzen treffen und haben mich dabei fast enthauptet. Vergessen Sie’s!«

»Ich bin so gut wie jeder Mann!«, erklärte Yukiko Suma. »Wir brechen sofort auf!«

»Mir bleibt auch nichts erspart.«


*


»Wohin gehen wir?«, fragte Yukiko, während sie Cutlers weit ausgreifendem Schritt über die Gleise folgte. Es sah aus, als hüpfe ein zierlicher Junge neben ihm her.

»In die Stadt zurück«, antwortete Cutler kurz.

»Glauben Sie nicht, dass wir die Diebe jagen sollten?«

»Dazu müssen wir erst wissen, wer die Diebe sind. Und vielleicht erfahren wir sogar, wo wir suchen müssen.«

»Wen wollen Sie fragen?«

»Sie kennen ihn nicht, Lady.«

Yukiko blieb stehen. »Sie sollten mir alles sagen, Amerikaner! Wir sind das, was Sie in Ihrem Land Partner nennen. Partner haben keine Geheimnisse voreinander.«

»Ich werde Ihnen trotzdem nicht jeden meiner Schritte lang und breit erklären. Sie behindern mich, Lady!«

Cutler klapperte sämtliche Saloons ab und erkundigte sich nach einem gewissen Paddy. Aber seine Suche war nicht von Erfolg gekrönt. Der ominöse Paddy war wie vom Erdboden verschluckt.

Cutler war sich der Blicke bewusst, die seine japanische Begleiterin auf sich zog. Er stiefelte zu einem Mietstall und besorgte für sich und Yukiko Pferde. »Weiß Ihr Freund eigentlich, wie man reitet?«, fragte der Stallmann, als er die Japanerin zu Gesicht bekam.

»Wenn nicht, hat er ein Problem!«

Im nächstbesten General Store deckte sich Cutler mit allem ein, was er für den Ritt und einen Kampf benötigte. Er ließ seine Blicke über Yukikos Figur wandern, suchte Hemdblusen, Hosen, Strümpfe heraus und packte alles auf den Ladentisch. Dann tauchte er erneut zwischen den Regalen unter, kam mit einem Stiefelpaar zum Vorschein und warf sie der Japanerin zu. »Die dürften passen, Lady. Probieren Sie mal.«

Yukiko betrachtete verächtlich die Stiefel vor ihr auf dem Boden. »Das werde ich nicht tun. Ich komme mit meiner Bekleidung bestens zurecht.«

Cutler drehte sich zu ihr um. »Sie werden sich verdammt noch mal kleiden wie eine Amerikanerin, wenn Sie mich weiter begleiten wollen, Lady! Ich habe keine Lust, in jeder Stadt, durch die wir kommen, für einen Menschenauflauf zu sorgen, weil man Sie begaffen will!«

»Dies ist die Rüstung eines Samurai-Kriegers!« beharrte Yukiko. »Mein Herz ist mit Stolz erfüllt, dass ich sie für meinen Kaiser, mein Land und meinen Vater tragen darf! Ich werde sie nicht ablegen!«

»Wir sind hier nicht in Japan. Also ziehen Sie sich um!«

Cutler hieb wütend auf den Ladentisch, dass der Kaufmann einen erschrockenen Luftsprung machte. »Packen Sie das Zeug zusammen, und vergessen Sie die Stiefel nicht!« Dann warf er ein paar Dollarnoten auf den Tisch.

Hastig kam der Kaufmann Cutlers Aufforderung nach und schob ihm dann das Paket zu.

Die Japanerin schob ihren Packen wieder zurück, nahm das Geld vom Tisch und stapfte zur Tür. Cutler schaute ihr fassunglos nach. »Okay, ich kann Sie nicht dazu zwingen, aber hören Sie verflucht noch mal damit auf, mich Amerikaner zu nennen! Sie kennen meinen Namen!«

Die Lippen der Japanerin verzogen sich zum Anflug eines Lächelns. Sie senkte den Kopf und legte eine Hand auf die Brust. »Wie Sie wünschen - Amerikaner.«

Cutler brachte fluchend seine Einkäufe zu seinem Pferd. Als er sie verstaut hatte, schob er den Stetson zurück und schaute über die Straße.

Und das war der Augenblick, in dem ihm zwischen den Passanten und dem Trubel auf der Straße ein kleiner, dickbäuchiger, unrasierter Hombre auffiel, dessen Haar wirr vom Kopf abstand.

»Hey, Paddy!«, brüllte Cutler über die Straße. »Bleib mal stehen. Ich muss mit dir reden!«

Der Kopf des Bierbauchträgers fuhr herum. Der Mann geriet in Panik, sprang los, bahnte sich hastig einen Weg zwischen den Passanten und versuchte, in der Menge unterzutauchen.

Cutler spurtete und rief hinter Paddy her, doch der kleine Dicke hörte nicht. Cutler rempelte mehrere Leute an und wurde heftig beschimpft.

Am Rande bekam Cutler mit, dass die Japanerin ebenso flink wie gewandt war. Während Cutler auf dem Bohlensteig die Verfolgung aufgenommen hatte, rannte Yukiko auf der Straße neben ihm her. Sie wich geschickt Pferden und Fuhrwerken aus und schaffte es sogar, voranzukommen, ohne einen einzigen Passanten anzustoßen.

Paddy verschwand in einer Gasse neben dem Saloon, in dem Linda ihr Zimmer hatte. Cutler erwischte den schwitzenden Iren, als er aus der Gasse hinter dem Saloon kam. Und er hielt ihn fest.

Sie befanden sich auf einer Art Lagerplatz für Bierfässer und Getränkekisten. »Warum läufst du vor mir davon, Paddy? Ich will mich doch nur ein wenig mit dir unterhalten.«

»Das letzte Mal, als ich mich mit jemandem unterhalten habe, hat man mich zusammengetreten«, wimmerte der Dicke.

»Ich war das aber nicht, Paddy. Als wir beide miteinander zu tun hatten, sind sogar ein paar Scheinchen für dich dabei herausgesprungen. Und diesmal wird es genauso sein.«

Der Dicke rappelte sich auf. »Ach du bist es. Ich hab dich vorhin nicht gleich erkannt.«

Cutler zog einen Geldschein aus der Brusttasche und hielt ihn locker zwischen den Fingern. »Ich habe ein paar Fragen, Paddy. Und wenn du mir hilfst, kannst du diesmal mehr verdienen als sonst.«

Der Alkoholiker rechnete sich bereits aus, wie viele Flaschen er dafür kaufen und wie lange er davon high sein würde.

»Es geht um eine kostbare Statue und um eine Japanerin«, begann Cutler.

»Wer is ’n der da?«, fragte Paddy dazwischen.

Cutler ging darauf nicht ein. »Wer steckt dahinter? Weißt du was?«

»Kann ich im Moment nicht sagen.«

Cutler ließ den Dollarschein verschwinden. »Paddy, du enttäuschst mich. Kriegst im besoffenen Kopf wohl nichts mehr mit. Wo finde ich die beiden, Paddy? Und die Kerle, die sie geraubt haben?«

»Man hört so allerhand. Und es sieht so aus, als hätte Red Barlowe seine Finger drin.«

»Wie kommst du darauf? Barlowe sitzt in Yuma.«

»Nicht mehr. Sie haben ihn auf Bewährung erlassen.«

»Wann war das?«

Paddy überlegte. »Vor knapp drei Wochen.«

Cutler ließ den Schein zu Paddy hinüberwandern. Sofort grabschten seine Wurstfinger danach. »Wieso vermutest du Barlowe hinter der Sache?«

»Es wird schon seit Tagen nur über eine große Sache gemunkelt und Barlowe damit in Verbindung gebracht. Vielleicht ist dieser Fall dein Fall.«

»Wo könnte sich Barlowe aufhalten, Paddy?«

»Man erzählt, dass er nach Norden wollte. Bis er gefunden wird, ist längst Gras über die Sache gewachsen.«

Cutler zückte noch einen Schein. Paddy beugte sich vor, um ihn an sich zu reißen.

Diese Bewegung rettete ihm das Leben.


*


Der Schuss krachte laut in der düsteren Gasse auf. Die Kugel sauste über Paddys Kopf hinweg und bohrte sich in ein Bierfass.

Cutler wirbelte herum und zog in der Bewegung.

Er starrte direkt in den. Mündungsblitz eines Revolvers. Die Kugel verfehlte ihn.

Cutler feuerte auf den Schützen und hörte einen erstickten Aufschrei. Der Killer taumelte hinter einem Fenster des Saloons und verschwand aus dem Blickfeld.

Sie kamen von zwei Seiten! Zwei von ihnen tauchten in der Gasse neben dem Saloon auf. Die anderen waren Cutler gefolgt.

»Du redest zuviel, Paddy«, sagte einer der Männer. »Gewisse Leute mögen das nicht.«

»Aber ich wollte doch nur ...«

»... dass durch dein loses Mundwerk andere ins Gras beißen.« Der Hombre mit den beiden tiefgeschnallten Colts hielt die Hände über den Revolvergriffen.

Cutler schätzte seine Chance ab. Die Gasse und der Lagerplatz waren zu eng, um den Kugeln ausweichen zu können...

Paddy wimmerte. »Bitte, lasst mich leben!«

»Du hättest die Klappe halten sollen.«

»Und du, Großer, hättest nicht so neugierig sein dürfen. Es ist ungesund, wenn man zu viele Fragen stellt.«

»Hat Barlowe euch geschickt?«, wollte Cutler wissen.

Der Zweihandmann ließ seinen Blick zwischen Paddy und Cutler hin und her wandern. »Der Dicke hat dir anscheinend mehr erzählt, als ich dachte. Scheiße, es wird Zeit, dass ihm jemand das Maul stopft. Und dir gleich mit, Großer!«

Cutler wartete nicht, bis der Schießer zog. Er riss den Remington hoch und feuerte, tauchte gleichzeitig zur Seite weg und prallte neben einem Bierfass zu Boden.

Die Kugel aus dem 38er hieb in die Schulter des Zweihandmannes und trieb ihn zurück.

Cutler hörte, wie die Japanerin einen wilden Schrei ausstieß. Sein Kopf ruckte herum.

Schüsse peitschten auf. Kugeln pfiffen durch die Gasse. Cutler feuerte hastig auf die Gegner und sah, wie sich ein Mann zusammenkrümmte und in die Knie ging.

Dann fiel der Hammer des Revolvers auf eine leergeschossene Kammer. Cutler rollte sich hinter das Fass und lud nach. Dabei beobachtete er, wie Yukiko Suma mit der Saloonwand verschmolz. Die beiden Killer, die durch die Gasse kamen, hatten sie nicht unter Feuer nehmen können. Durch die dunkle Lederkleidung hatte man sie im Zwielicht nicht genau erkennen können.

Yukiko wartete, bis die beiden Angreifer mit gezogenen Waffen an ihr vorbeihasteten. Dann warf sie sich aus der Deckung.

Die beiden Männer wussten nicht, wie ihnen geschah. Ein Fußtritt erwischte einen von ihnen im Rücken und warf ihn nach vorn. Der zweite Mann wurde in die Seite getroffen. Knackend brach eine Rippe. Mit einem schmerzerfüllten Gurgeln taumelte er zur Seite.

Als er den Colt hob und auf Yukiko feuern wollte, flirrte etwas Helles, Blitzendes durch die Luft. Ein dumpfer Schlag traf das Handgelenk des Killers. Seine Hand wurde herumgerissen. Begriffsstutzig starrte er auf einen blinkenden Metallstern, dessen Spitzen sich in sein Handgelenk gebohrt hatten.

Jetzt erst setzte der Schmerz ein. Aufheulend ließ der Schießer den Colt fallen. Yukiko, dieses Teufelsweib, war mit einem Sprung vor ihm, rammte ihm den Handballen gegen das Schlüsselbein, brach es, warf sich herum und wirbelte aus der Bewegung heraus um die eigene Achse. Ihre Ferse krachte dem Hombre mitten ins Gesicht. Er wurde von den Beinen gehoben und stürzte hinterrücks zu Boden, wo er liegenblieb.

Der Schießer, den sie zuerst zu Boden geschickt hatte, kriegte seinen Colt nicht hoch, denn Yukiko schlug ihm auf das Handgelenk und fegte mit einem Tritt den Mann von den Beinen. Er stürzte in den Staub.

Ein Schuss krachte hinter der Japanerin. Sie zuckte zusammen und fuhr herum.

Cutler kniete hinter dem Fass, den rauchenden Revolver im Anschlag. Vor Yukiko taumelte der Zweihandmann. Er hielt seinen Colt in der Linken und hatte ihn auf die Japanerin gerichtet.

Yukiko sah den größer werdenden roten Fleck auf der Hemdbrust des Schießers. Langsam sank der Mann in die Knie und fiel vornüber.

»Nicht schlecht, Lady«, sagte Cutler und erhob sich kurz aus seiner Deckung. »Aber eine Kugel ist doch schneller.« Da schoss er schon auf den letzten Angreifer, den die japanische Lady übersehen hatte.

Stille kehrte hinter den Häusern ein. Cutler holsterte den Revolver und reichte Paddy einen weiteren Schein. »Für den ausgestandenen Schrecken«, sagte er. »Das reicht wohl für zehn Flaschen.«

»Es ist schade, dass diese Männer so unvernünftig waren. Sie hätten nicht sterben müssen«, sagte Yukiko. Es waren keine Gegner, die den Tod verdient hatten.«

Cutler warf ihr befremdliche Blicke zu.

Krachend gab die Kiste unter Paddys Gewicht nach. Sein Hosenboden machte unangenehme Bekanntschaft mit Holzsplittern. »Was für eine Frau!«, gab er von sich und ließ Yukiko nicht aus den Augen. »Was für ein Rasseweib! Ein richtiges Teufelsweib!«

Cutler glaubte, sich verhört zu haben.

»He, Cutler, frag sie mal, ob sie meine Frau werden will!«, rief der Ire. »Für sie würde ich das Saufen drangeben!«

Cutler wandte sich Paddy zu und half ihm auf die Beine. »Schlag sie dir aus dem Kopf. Sie ist eine Lady! Und du hast dich seit Wochen nicht gewaschen.«


*


»Sie haben mächtig Staub aufgewirbelt, Barlowe!«

Ein massiger Kerl donnerte mit der Faust auf die Tischplatte. »Hätten Sie nicht etwas diskreter vorgehen können?«

Red Barlowe, der Rotschopf, lehnte entspannt mit verschränkten Armen an der Wand. »Sind Sie mal diskret, wenn Ihnen ein Schlitzauge das Licht ausblasen will.«

Der Glatzkopf hob die Augen und bleckte die Zähne. »Sie haben den Mann brutal erschlagen, Barlowe. Erzählen Sie mir nicht, dass er Sie angegriffen hat. Wahrscheinlich hat er nicht mal gemerkt, dass Sie in den Wagen eingedrungen sind. Der arme Kerl hatte keine Chance!«

Barlowe betrachtete seine Fingernägel. »Wäre es Ihnen lieber gewesen, wenn er eine Beschreibung von mir hätte geben können?«

Der Glatzkopf lehnte sich zurück. »Ich sehe schon, ich habe mich für den richtigen Mann verbürgt. Sie haben keine Skrupel, Barlowe. Wissen, worauf es mir ankommt. Aber was ist mit dem anderen Japaner? Wieso ist er noch am Leben?«

»Muss einen besonders harten Schädel haben. Wir haben jedenfalls fest genug zugeschlagen.«

»Und es ist sicher, dass er Sie nicht erkannt hat?«

»Ganz sicher.«

Der glatzköpfige Mann nickte. »Wann kriege ich die Statue?«

»Und wann ich mein Geld?«

Das Gesicht des Glatzkopfs verfinsterte sich. »Mr. Barlowe, eigentlich sollten Sie dafür, dass Sie die Tochter des Kaisers gleich mit entführt haben, keinen Cent erhalten.«

Red Barlowe stieß sich von der Wand des Pullmanwaggons ab und baute sich vor dem Schreibtisch auf. »Und Ihnen, Mr. Holmes, sollten zwei Dinge bewusst sein: Ich lasse mich nicht erpressen, und ohne mich bekommen Sie die verdammte Statue nicht! Und das kleine Schlitzauge geht Sie nichts an, verstanden?«

Cameron Holmes holte tief Luft. Sein mächtiger Brustkorb dehnte sich. Die Zornesröte kroch über sein Gesicht. »Werden Sie nicht unverschämt, Barlowe. Sie wissen ganz genau, dass ich mächtig genug bin, um Sie mit einem Fingerschnippen in die Hölle von Yuma zurückzuschicken. Also halten Sie sich zurück!«

Barlowes schlanke Hände, von schwarzen Handschuhen wie eine zweite Haut umhüllt, befanden sich in Bewegung, während er sich aufrichtete. Die beiden matt blinkenden 45er wirbelten aus den Holstern. Metallisches Klicken ertönte. Die Coltmündungen zeigten auf Cameron Holmes’ breite Brust.

»Ich glaube nicht, dass Sie Zeit genug haben werden, mit den Finger zu schnippen«, zischte der rothaarige Revolvermann.

Holmes betrachtete die auf ihn gerichteten Waffen, ohne eine Miene zu verziehen. Langsam nahm er eine Zigarre aus einem Etui und schob sie zwischen seine breiten Lippen.

»Beeindruckend, Barlowe. Sie sind schnell und können zweifellos hervorragend mit Ihren Schießeisen umgehen. Aber Sie sind nicht der erste Mann, der mir mit dem Colt Angst einjagen wollte.« Holmes paffte an der Zigarre und hüllte sein kahles Haupt in eine stinkende Tabakwolke. »Was mit den Männern geschah, brauch ich Ihnen ja wohl nicht zu sagen.«

»Vergessen Sie es, Holmes. Ihre Drohungen ziehen bei mir nicht. Sie kennen meinen Ruf. Wissen, wie gefährlich ich Ihnen werden kann.«

Der Glatzkopf nahm den Blick von den beiden Revolvern. »Also, was ist mit der Jadefigur?«

Draußen wurden Schritte hörbar. Die Tür wurde aufgerissen. Ein verschwitzter Mann stürmte in den Waggon, näherte sich Barlowe und redete leise auf ihn ein.

Red Barlowe ließ die beiden Colts um die Finger wirbeln und in den Holstern verschwinden. Er verschränkte die Finger und ließ die Knöchel knacken. Nachdenklich wandte er sich ab und spazierte in dem Waggon hin und her.

»Gibt es Probleme, Mr. Barlowe?«, fragte Holmes lauernd.

Barlowe knackte wieder mit den Fingern und nickte dem Informanten zu, der sich zurückzog. »Offenbar erkundigt sich jemand nach mir. Und zwar im Zusammenhang mit dem Überfall auf die Japaner.«

»Das ist aber sehr unangenehm, Mr. Barlowe. Wenn ich mich recht erinnere, wollten Sie dafür sorgen, dass es keine Zeugen gibt. Wie ich schon sagte, Sie haben es an der nötigen Diskretion fehlen lassen.«

»Der einzige Mann, der etwas über den Diebstahl wissen konnte, war ein alter Säufer. Ich wollte ihm sein versoffenes Maul ja stopfen.«

»Und was ist dabei schief gegangen?«, fragte Holmes gelangweilt.

»Der Kerl hat Hilfe bekommen.«

Holmes riss sich die Zigarre aus dem Mund und deutete damit auf Barlowe. »Ich bezahle Sie nicht für Fehlschläge, Barlowe! Und sehen Sie zu, dass Sie diese Japanerin loswerden. Und dann wäre es nicht schlecht, wenn Sie sich anschließend einen Felsen suchen und sich darunter verkriechen würden.«

Red Barlowes Hand schoss blitzschnell vor, riss Holmes die Zigarre aus dem Mund und zermatschte sie. »Gehen Sie nicht zu weit!«

Abrupt drehte er sich um und stapfte zur Waggontür.

»Wann bekomme ich die Statue?«, rief Holmes.

Barlowe drehte sich grinsend um. »Geduld, mein Lieber. Im Augenblick betrachte ich die Jade-Lady als kleine Sicherheit, dass Sie Ihre Bürgschaft aufrecht erhalten. Außerdem sind wir uns über den Preis für meine Bemühungen noch nicht einig.«

»Wie soll ich das verstehen? Wollen Sie mich erpressen?«

»Ein hässliches Wort für unsere geschäftliche Vereinbarung, Holmes. Im Westen wird alles teurer. Sagen wir, der Preis ist gestiegen. Und er wird weiter steigen, solange Sie mich derart geringschätzig behandeln.«

»Damit kommen Sie nicht durch, Barlowe!«

»Abwarten.«

Barlowe verließ den Waggon und schritt am Zug entlang zu einem Pferd, das der Informant für ihn bereit hielt. »Wir reiten wie geplant nach Norden«, erklärte er.

»Und was wird mit Holmes?«

Barlowe grinste. »Er wird uns folgen. Er will die Statue unbedingt. Glaub mir, der Alte wird noch ganz schön tief in die Tasche greifen müssen, bevor er sie kriegt.«

»Hört sich gut an, Red. Ich sage den anderen Bescheid. Wir warten in der Höhle am Pine Creek auf dich.«

Barlowe schaute dem Reiter nach, wendete langsam das Pferd, ritt zur Lokomotive und teilte dem Lokführer mit, wo er sich wieder mit Holmes treffen wollte.

Gemächlich trabte Barlowe davon. Bis zum Pine Creek waren es einige Meilen. Unterwegs konnte er sich in Ruhe überlegen, wie er die Leute loswerden konnte, die unangenehme Fragen über den Verbleib der Jade-Prinzessin stellten.

Vor allen Dingen aber konnte er darüber nachdenken, was er mit seiner Gefangenen anstellen konnte und welchen Betrag er von Cameron Holmes verlangen würde. Denn besondere Maßnahmen hatten nun mal ihren Preis.


*


Sie waren von Stockton aus direkt nach Norden geritten. Unterwegs waren sie auf frische Wagenspuren gestoßen. Cutler nahm an, dass sie von Milos Zirkuswagen und den Planwagen der Quäker stammten.

Cutler hatte den Marshal über den Hergang der Schießerei hinter dem Saloon informiert, und es so dargestellt, als sei er selbst Ziel eines Überfalls geworden.

Noch am selben Nachmittag hatten Cutler und Yukiko die Stadt verlassen. Die Japanerin erwies sich als gewandte Reiterin. Cutler legte die ersten Meilen in scharfem Galopp zurück. Yukiko hielt mit.

Sie folgten eine Weile den Wagenspuren, um dann nach rechts abzuschwenken und durch eine mit dichten Salbeibüschen und hohem Gras bewachsene Mulde auf eine Anhöhe zu reiten. Von hier aus hatten sie einen guten Überblick über die vor ihnen liegende Gegend.

Im Osten zeichneten sich dunkel die Ausläufer der Sierra Nevada ab. Davor lag eine Landschaft, in der sich karge, fast wüstengleiche Landstriche und dicht bewachsene Ebenen abwechselten. Dazwischen zog sich ein Bachlauf hin, dessen Wasser in der Nachmittagssonne glitzerte.

Cutler deutete zum Bach hin. »Der Pine Creek«, sagte er. »Wir folgen ihm bis zu den Hügeln dort drüben. Ich könnte mir vorstellen, dass die Diebe dort eine Zwischenrast eingelegt haben.«

»Wieso ausgerechnet dort?«, fragte Yukiko. »Warum nicht in den Bergen?«

»Weil die zu weit weg sind. Und Höhlen gibt es an dem Creek auch.«

»Warum sind Sie sich da so sicher, Amerikaner?«

»Weil ich an Barlowes Stelle genauso handeln würde. Ich frage mich nur, was er mit dieser Statue will. Er kann sie so schnell nirgendwo verkaufen, er braucht aber Geld, nachdem er einige Jahre im Zuchthaus gesessen hat. Und eine ehrliche Arbeit kommt für ihn überhaupt nicht in Frage..«

»Die Jade-Prinzessin ist von unschätzbarem Wert«, warf Yukiko ein.

»Das mag sein, Lady. Aber es ist ein ideeller Wert, der mit Geld nicht zu bezahlen ist. Außerdem wird in diesem Land kaum jemand den Wert der Statue zu schätzen wissen. Abgesehen von den Chinesen vielleicht. Aber bis zur nächsten Chinatown ist es weit.« Cutler überlegte. »Es wird schon schwierig genug werden, die Prinzessin zu verkaufen.«

Die Japanerin war blass geworden. Ihr Gesicht wirkte wächsern. Die mandelförmigen Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Die Lippen waren fest aufeinandergepresst. Ihre Hand kroch zum Griff des Samuraischwertes. »Mitsuku und die Statue dürfen niemals in die Hände der Chinesen fallen!«, zischte sie. »Niemals, Amerikaner!«

Cutler wandte sich überrascht im Sattel. »Beruhigen Sie sich wieder, Lady. Ich bezweifle, dass Barlowe weiß, welche Bedeutung die beiden für Sie und Ihr Land haben. Er kommt bestimmt nicht auf den Gedanken, sie den Chinesen anzubieten. Für ihn zählt nur das schnelle Geld. Und das kann er am besten in größeren Städten wie Salem oder Boise bekommen.«

»Aber gerade in Städten wie diesen leben doch die Chinesen!«

»Das stimmt allerdings. Hoffen wir, dass wir Barlowe einholen, bevor er aus lauter Geldgier tatsächlich auf dumme Gedanken kommt.«

Die Samurai-Kriegerin stieß einen entschlossenen Schrei aus, ließ ihre Zügel auf den Hals ihres Braunen klatschen und jagte das Pferd aus den Abhang hinunter. Cutler folgte ihr.

Die Japanerin wartete am Pine Creek auf ihn. Sie stand neben ihrem Pferd und tätschelte ihm beruhigend den Hals. Das Tier zitterte.

»Sie sollten sich Zeit lassen, Lady«, mahnte Cutler. »Und Sie sollten Ihr Pferd schonen.« Er schaute sich um. »Sie haben uns einen guten Lagerplatz ausgesucht. Wir bleiben über Nacht hier.«

»Wir haben keine Zeit, Amerikaner! In wenigen Tagen wird mein Vater seine Schande mit dem Schwert sühnen. Und trotzdem wird der Tenno, unser geliebter Kaiser, sein Gesicht verlieren und aufs Tiefste beschämt von weiteren Verhandlungen mit Ihrem Präsidenten absehen! Und Sie wollen hier übernachten!«

»Es nützt niemandem, wenn wir unsere Pferde schinden, Lady. Außerdem werden Barlowe und seine Leute ebenfalls eine Rast einlegen und erst morgen früh weiterreiten. Sie sollten die Gelegenheit nutzen und sich ausruhen, Lady.«

Yukiko wandte sich ab und schritt zum Bachufer. »Wie kann ich Ruhe finden, wo so viel auf dem Spiel steht?«

Cutler sammelte einige trockene Äste auf, schichtete sie zusammen und entzündete ein Lagerfeuer. Er sattelte die Pferde ab, rieb sie mit Grasbüscheln trocken und breitete seine Decken am Feuer aus.

Es dauerte lange, bis sich die Samurai-Kriegerin zu ihm gesellte. Sie ging in die Hocke und starrte in die Flammen. Das Holz knisterte. Funken stoben. Der zuckende Feuerschein verlieh ihrem Gesicht ein noch ernsteres Aussehen. Cutler betrachtete sie von der Seite her. Immer deutlicher erkannte er, dass diese Frau entschlossen war, ihr Leben für die Ehre ihres Vaters und ihres Landesfürsten zu geben.

»Hunger?«, fragte er leise.

Yukikos Kopf ruckte herum. Cutler hielt ihr einen Streifen Dörrfleisch hin.

Sie nahm das Fleisch und biss zaghaft ab. Langsam kaute sie auf dem Rindfleischstreifen herum und starrte wieder in die Flammen.

Cutler zog sein Rauchzeug aus der Tasche. »Müssen Sie eigentlich immer in diesem auffälligen Lederzeug rumlaufen?«, fragte er. »Und Ihre Zahnstocher können Sie auch weglegen. Heute Nacht brauchen Sie die Dinger bestimmt nicht.«

»Ich trage die traditionelle Rüstung der Samurai, Amerikaner«, erklärte sie. »Und ich bin stolz darauf.«

»Ihr Stolz kann Sie noch mal das Leben kosten«, gab Cutler zurück. »Wenn Barlowe und seine Leute spitzkriegen, dass wir ihnen auf den Fersen sind, erkennt man uns schon von weitem. Zumindest Sie, Lady. Und dann genügt eine Gewehrkugel, um Sie aus dem Sattel zu holen.«

»Was sollte Barlowe daran hindern, auf mich zu schießen, wenn ich andere Kleidung trage?«

»Nichts. Aber wir könnten näher an ihn herankommen.«

Yukiko richtete sich auf und verschränkte die Arme. Ihr zusammengebundenes Haar fiel tief in ihren Rücken. »Ich behalte die Rüstung an. Barlowe soll wissen, dass ich ihm folge. Und er soll in Furcht leben.«

»Sie kennen Barlowe nicht. Er ist ein skrupelloser Killer. Er geht verdammt gut mit seinen Schießeisen um. Ich bin ihm vor Jahren mal begegnet, bevor man ihn schnappte und nach Yuma schaffte. Barlowe fürchtet sich vor nichts und niemandem, Lady.«

»Dieser Mann wird lernen, was Furcht ist. Er hat ein schweres Verbrechen begangen und wird dafür bezahlen.«

»Sie sind ganz schön von sich überzeugt. Hoffentlich irren Sie sich nicht. Barlowe wartet nicht erst, bis Sie Ihr Schwert gezogen haben. Können Sie mit einem Colt umgehen?«

Sie schüttelte stumm den Kopf.

»Dann überlassen Sie Barlowe besser mir.«

»Ausgeschlossen. Ich muss die Ehre meines Vaters retten, Amerikaner.«

»Wie Sie meinen.« Cutler zuckte die Achseln und streckte sich auf seinen Decken aus. »Ehre ist ein hohes Gut, aber was würde Ihr Vater dazu sagen, wenn sie deshalb sterben würden?«

»Er könnte in dem Bewusstsein sterben, dass seine Erziehung nicht vergebens war.«

Cutler schaute noch eine Weile zu ihrer reglos dastehenden Gestalt hinüber, bevor er den Stetson über seine Augen legte und einschlief.


*


Das Schnauben eines Pferdes und das Knarren von Sattelleder weckten ihn. Es war noch dunkel. Über den Bergen der Sierra Nevada war ein schmaler Streifen fahlen Lichts zu erkennen, die ersten Zeichen des anbrechenden Morgens.

Das Lagerfeuer war erloschen. Die Glut war zertreten. Die verkohlten Äste rauchten schwach.

Cutler schaute zu den Pferden hinüber. Sein Falbe stand abwartend in der Nähe und schnaubte. Neben ihm sah Cutler die dunklen Umrisse des Braunen und seiner Reiterin, die bereits im Sattel saß und ungeduldig auf Cutler starrte.

»Wollen Sie schlafen oder Diebe jagen?«

Cutler verkniff sich eine Bemerkung. Wenig später setzten sie ihren Weg fort.

Sie hatten den Pine Creek überquert, waren über die Ebene geritten und dann auf eine Biegung des Bachlaufs gestoßen, wo sie die Pferde getränkt hatten. Cutler hatte angenommen, dass Barlowe weiter nach Osten reiten würde, war jedoch auf keinerlei Spuren der Bande gestoßen.

An der Bachbiegung bemerkte Cutler Hufspuren. Er führte seinen Falben durch das seichte Wasser, untersuchte die Trittsiegel und schaute sich prüfend um.

Sein Blick fiel auf die Hügelkette, die nicht weit entfernt aufragte. Der Creek schlängelte sich durch eine Schlucht, die von den zerklüfteten Hügeln gebildet wurde.

Cutler trabte auf die Hügelkette zu. Die Samurai-Kriegerin folgte ihm sofort. Fragend schaute sie zu ihm hinüber. Doch Cutler gab keine Erklärung ab, warum er die Richtung änderte.

Die Hügel erhoben sich schroff zu beiden Seiten der Schlucht. Am rechten Schluchtrand erkannte Cutler einen schmalen Pfad, der nach oben führte. Dort drüben würden auch die Felsenhöhlen liegen, in denen Cutler das Versteck der Bande vermutete.

»Glauben Sie, dass er sich hier oben verbirgt?«, fragte Yukiko.

»Möglich. Ich an seiner Stelle hätte hier zumindest die Nacht verbracht.«

Yukiko legte ihre Finger um den Schwertgriff und trieb ihr Pferd an. Sie überquerte den Bachlauf und folgte dem Pfad, der sich an der Schluchtwand entlang in die Höhe zog.

Cutler beobachtete, wie sie gewandt den schmalen Pfad entlangritt und hinter einer Biegung verschwand. Er verhielt den Falben und schaute sich um, ließ seinen Blick über die zerklüfteten Felswände wandern. Diese Schlucht bot sich für einen Hinterhalt geradezu an. Ein unangenehmes Gefühl beschlich Cutler.

Langsam ritt er weiter und zog dabei das Gewehr aus dem Sattelschuh. Das ratschende Geräusch, als er die Büchse repetierte, klang überlaut zwischen den Felswänden.

Er sah die Bewegung hinter einem Felsbrocken, bevor der Heckenschütze in die Höhe wuchs. Cutlers Winchester wummerte. Er sah, wie der Hombre die Arme hochriss, zerrte den Falben herum und jagte auf die Felsrinne zu, die zu den Höhlen führte.

Hinter ihm brach ein Bleigewitter los. Schüsse krachten. Kugeln jaulten, pfiffen um ihn her, spritzten gegen Felswände und Gesteinsbrocken.

Cutler trieb den Falben auf dem schmalen Pfad nach oben. Tief über den Hals des Pferdes gebeugt, umrundete er die Biegung und sah vor sich Yukikos Pferd. Es stand mit hängenden Zügeln vor einem Höhleneingang.

Cutler sprang aus dem Sattel und nahm die Banditen von oben unter Feuer. Jagte die Schüsse in einem Stakkato nach unten und traf zwei, drei Männer, die sich stöhnend im Geröll wälzten. Als das Gewehr leergeschossen war, führte er die Pferde in den Höhleneingang. Von der Samurai-Kriegerin war nichts zu sehen.

»Kommen Sie zurück, Lady!«, rief Cutler in die Dunkelheit. »Wir können uns nicht mit Versteckspielen aufhalten. Und ich will nicht, dass Sie sich den Hals brechen!«

Er erhielt keine Antwort.

»Verdammter Mist!«, stieß er hervor. Vorsichtig machte er einige Schritte in die Höhle hinein. »Hören Sie mich?«, rief er wieder. »Antworten Sie, Lady!«

Alles, was Cutler hörte, war seine eigene Stimme, die als vielfältiges Echo von den Höhlenwänden zurückgeworfen wurde.

Wut kroch in ihm hoch. Hastig kehrte er zum Höhleneingang zurück. Er musste sich einen Ast besorgen. Aus dem Stoff seines Ersatzhemdes wollte er sich eine Fackel fertigen.

An der gegenüberliegenden Felswand blitzte es auf. Die Kugel klatschte dicht über Cutlers Kopf gegen das Gestein und überschüttete ihn mit Splittern. Sofort zog er sich in die Höhle zurück.

Weitere Schüsse jagten zu ihm herüber. Die Kugeln prasselten gegen die Höhlenwand oder sirrten in die Dunkelheit, ohne ein Ziel zu finden.

Von draußen hörte er leise Schritte. Er zog den Remington und huschte zum Höhleneingang hin. Bevor er jedoch die Gegner stellen konnte, nahm man ihn erneut unter Feuer und trieb ihn in die Dunkelheit zurück.

Cutler sah, wie große Sträucher und Ballen trockenen Präriegrases in den Höhleneingang geschoben wurden. Ihm war sofort klar, was das zu bedeuten hatte. Man wollte ihn und die Japanerin ausräuchern. Entweder würden sie hustend und nach Luft ringend aus der Höhle taumeln und in einen Kugelhagel geraten, oder sie würden weiter in die Höhle getrieben und dort ihr Ende finden.

Cutler schob sich an der Höhlenwand entlang, duckte sich so tief wie möglich und hielt den Revolver schussbereit.

Cutler warf sich vor. Sein Körper prallte schmerzhaft in das teilweise dornengespickte Gestrüpp. Eine zweite Fackel näherte sich. Ein Teil der Büsche entflammte. Hoch züngelten die Flammen auf.

Weitere Sträucher verdunkelten den Höhleneingang. Das Gewirr von Zweigen bildete eine natürliche Barriere. Durch die Zweige bemerkte Cutler den flackernden Schein einer Fackel. Die Flamme näherte sich den Sträuchern.

Hier hatte er im Fackelschein einen schmalen Durchgang bemerkt. Eilig lud er den Revolver nach und verschwand in dem Durchgang. Über einen steil abfallenden Geröllhang erreichte er eine Art Halle.

Der Fackelschein riss bizarre Felsformationen aus dem Dunkeln. Wieder rief Cutler nach Yukiko, erhielt aber keine Antwort.

Dann sah er sie plötzlich!

Die Japanerin hatte breitbeinig Kampfstellung eingenommen und hielt das lange Schwert mit beiden Händen weit vor sich, zum Schlag bereit.

Und wenige Schritte vor ihr kauerte ein Puma auf den Hinterläufen und duckte sich mit gefletschten Zähnen zum Sprung!

Cutler verlor keine Zeit mehr. Mit weit ausgreifenden Schritten eilte er in die Halle, rannte auf die Japanerin und ihren vierbeinigen Gegner zu.

Der Puma bemerkte Cutler und wich einige Schritte zurück, fauchte schrill, peitschte den Boden mit seinem Schweif. Seine Augen glühten in der Dunkelheit.

Der zuckende Schein der Fackel machte die Bestie nervös. Sie fürchtete sich vor Feuer. Und doch würde sie einen Angriff wagen, obwohl sie es nun mit zwei Gegnern zu tun hatte. Wieder stieß die Großkatze ein wütendes Fauchen aus und hieb mit einer Pranke durch die Luft.

Cutler erreichte die Japanerin und stieß sie zur Seite, als der Puma durch die Luft schnellte!

Lautlos wie ein Pfeil schoss das Tier heran, die Krallen vorgestreckt, das Raubtiergebiss weit aufgerissen.

Cutler empfing den Puma mit der Fackel. Die Flammen trafen die Raubkatze empfindlich an der Schnauze und am Hals.

Trotzdem prallte die Bestie gegen Cutler. Die Krallen einer Pranke gruben sich tief in Cutlers kaum verheilte Schulterwunde, bevor das Tier mit wütendem Heulen und Fauchen auf dem Boden landete, herumwirbelte und sofort zu einem neuen Sprung ansetzte.

Cutler war zur Seite gefallen. Die Fackel war ihm aus der Hand geprellt worden.

Der Puma hatte Cutlers Blut gerochen und wurde rasend. Der gestreckte Körper der Katze sauste auf Cutler zu.

Er feuerte, während Yukikos blitzende Klinge in einem Halbkreis nach unten sauste und gleich darauf wieder nach oben gezogen wurde.

Das ratschende Geräusch, als die rasiermesserscharfe Klinge den Körper der Raubkatze noch im Sprung durchschnitt, ging im Krachen von Cutlers Schüssen unter.

Das Schwert hatte furchtbare Wunden gerissen. Blut spritzte aus dem Raubtierkörper, als Cutlers Kugeln trafen und das bereits tödlich verwundete Tier nach links schleuderten.

Zuckend blieb die Raubkatze auf dem Boden liegen, gab ein letztes Fauchen von sich und verendete.

Yukiko säuberte das Schwert am Fell der Katze und schob es mit einer fließenden Bewegung in die Scheide zurück.

Jetzt erst spürte Cutler den brennenden Schmerz, den der Prankenhieb des Puma verursacht hatte. Er schaute zu seiner Schulter. Warm rann das Blut an seinem Arm hinunter und an seiner Brust entlang.

Cutler biss die Zähne zusammen und richtete sich auf.

Rasch bückte sich Yukiko und zog die Fackel hoch, bevor sie verlöschen konnte. »Ich hätte ihn auch ohne Ihre Hilfe bezwungen«, erklärte sie stolz. »Was tun wir jetzt?«

Cutler bedachte sie mit einem wütenden Blick. »Was, verdammt noch mal, hatten Sie vor, Lady? Wieso haben Sie mir nicht geantwortet?«, herrschte er sie an.

»Ich habe Sie nicht rufen hören, Amerikaner« , gab sie zurück und senkte beschämt den Kopf. »Ich hatte mich verirrt.«

»Sie hätten auf mich warten sollen. Was wollten Sie überhaupt in der Höhle?«

»Die Männer, die wir suchen, hatten nicht weit vom Eingang ihr Lager aufgeschlagen. Ich habe die Spuren ihres Feuers gefunden.«

»Und wieso sind Sie dann weiter in die Höhle eingedrungen?«

»Ich wollte nicht auf Sie warten ...«

»Hoffentlich haben Sie eingesehen, wohin Ihre Eskapaden führen, Lady. Aber späte Einsicht ist immer noch besser als gar keine. Sehen wir zu, dass wir hier rauskommen.«

Jetzt erst bemerkte die Japanerin Cutlers Wunde. Rasch war sie an seiner Seite. »Sie sind verletzt. Ich muss Sie verbinden.«

»Dazu ist später noch Zeit, Lady.« Cutler befreite sich aus ihrem Griff und lud nach. »Wir müssen hier raus und versuchen, die Hombres dort draußen abzuschütteln.«

»In Ihrem Zustand wollen Sie kämpfen? Überlassen Sie diese Männer mir. Sie stellen keine Gegner für mich dar.«

»Vergessen Sie’s!«

Sie hob stolz den Kopf. »Ich gehöre den Elitetruppen des Kaisers an, Amerikaner!«, erklärte sie fest. »Diese Männer machen mir keine Angst!«

»Sie werden nicht allein gegen die Kerle antreten, Lady. Das ist mein letztes Wort.«

Yukikos Augen blitzten wütend. Sie kniff die Lippen zusammen und ging mit großen Schritten voraus.

Immer tiefer stießen sie in die zerklüftete Höhlenwelt vor. Ein schmales Sims führte an einem Teich entlang. Dann gelangten sie an eine breite Spalte, über der sich eine Art natürliche Brücke spannte.

Yukiko wollte ihren großen Begleiter stützen, aber Cutler entzog sich ihrem Griff und balancierte vorsichtig über den Steg. Die Japanerin folgte leichtfüßig.

Der Boden stieg allmählich wieder an, zog sich dann terrassenförmig nach oben. Cutler hatte die Führung übernommen. Es bereitete ihm einige Mühe, die hohen Felstrassen zu erklimmen, aber er schaffte es. Er streckte Yukiko helfend die Hand entgegen, um sie auf die einzelnen Trassen zu ziehen, doch die Japanerin ignorierte seine hilfreiche Geste. Sie brachte die Hindernisse behende hinter sich.

Sie gelangten in ein verschachteltes Labyrinth und folgten dem breitesten Weg.

»Dort!«, rief Yukiko plötzlich und packte Cutlers Arm, was ihm einen schmerzerfüllten Seufzer entlockte. Sofort ließ sie ihn Arm los und deutete nach rechts. Weit voraus war ein heller Punkt zu sehen. »Das könnte ein Ausgang sein! Die frische Luft habe ich schon längst wahrgenommen.«

Cutler wandte sich dem neuen Ziel zu und zog den Revolver. Wenn sie am Ausgang erwartet wurden, wollte er vorbereitet sein.

Die letzten Yards legten sie geduckt laufend und ohne Hindernis zurück. Sie kniffen die Augen zusammen, als sie in das grelle Tageslicht blickten.

Der Ausgang war schmal und niedrig. Geduckt schoben sie sich durch die Öffnung, die teilweise von Büschen verdeckt wurde.

Cutler und Yukiko fanden sich auf einem dicht bewachsenen Abhang wieder. Krüppelkiefem und Bergfichten wechselten sich mit Büschen und Gras ab.

»Bleiben Sie dicht hinter mir«, raunte Cutler und lief geduckt zu einem kleinen Hain, der aus einer Handvoll Bäume bestand. Kiefern und Fichtennadeln bedeckten den Boden und dämpften seine Schritte. Auf dem Abhang gab es kaum Geröll, das durch seine Stiefel in Bewegung geraten konnte.

Keuchend lehnte sich Cutler gegen einen schief stehenden Kiefernstamm und spähte den Abhang hinunter. »Sieht so aus, als hätten sie nichts gemerkt«, murmelte er. »Wir müssen versuchen, auf die andere Seite und in ihren Rücken zu gelangen.«

»Die Mühe kannst du dir sparen, Großer«, antwortete eine heisere Männerstimme. »Wenn du auch nur einen Schritt machst, ist das kleine Schlitzauge Futter für die Geier!«


*


Um die Worte des Banditen zu unterstreichen, krachte eine Winchester. Der Schuss hackte in den Kiefemstamm und überschüttete Cutler mit Borkensplittern.

Cutler ließ den Revolver sinken. Er schaute den Abhang hoch.

Über ihm, nicht weit von der Höhlenöffnung entfernt, standen zwei Männer.

Der Mann, dessen Stimme Cutler gehört hatte, hielt Yukiko am Handgelenk gepackt. Sein unrasiertes Gesicht glänzte vom Schweiß. »Hast uns ganz schön in der Gegend herumgejagt, Großer. Aber damit ist jetzt Schluss!«, brummte er.

Der andere Hombre drückte den Lauf seines Revolvers tief in die Hüfte der Samurai-Kriegerin.

»Du schnallst jetzt besser ab, Großer«, wies ihn der Stoppelbart an.

Von unten waren Geräusche zu hören. Es näherten sich drei Männer. Zwei von ihnen hielten Gewehre in den Händen. Der dritte hatte einen Colt gezogen. Ein zweiter Revolver steckte in einem Holster an seinem linken Schenkel.

»Wird’s bald?«, drängte der Unrasierte. »Sonst geht’s deinem gelben Freund hier verdammt schlecht.«

»Lasst ihn gehen. Er hat mit der Sache nichts zu tun. Es gibt keinen Grund, den Jungen festzuhalten.«

Cutler ließ die Banditen bewusst in dem Glauben, dass sie in Yukiko einen jungen Mann vor sich hatten. Die Lederrüstung half, ihre weiblichen Formen zu verdecken.

»Ihr beide habt in Stockton verdammt unangenehme Fragen gestellt, Kumpel. Mein Boss schätzt das gar nicht. Er hat befohlen, dass euch beiden das Maul gestopft wird, für immer. Wirf jetzt endlich dein Schießeisen weg, Großer.«

»Warum sollte ich? Ihr legt uns ja sowieso um«, erwiderte Cutler und spielte auf Zeit. Er richtete seinen Revolver auf die Männer über ihm.

Der Stoppelbart verzog das Gesicht. »Du hast Mumm, Großer. Hättest prima in unsere Mannschaft gepasst.« Er grinste breit und schien zu überlegen. »Mal sehen. Wie wäre es, wenn ich deinen schlitzäugigen Freund am Leben lasse? Der Boss hat nur gesagt, wir sollen ihn stumm machen. Also schneiden wir ihm die Zunge raus.«

Das Blut rauschte in Cutlers Ohren. Seine Schulterwunde brannte höllisch. Eine ohnmächtige Wut erfasste ihn. Diese Mistkerle nahmen keine Rücksicht darauf, dass sie es mit einem Jungen zu tun hatten, der in ihren Augen fast noch ein Kind war. Falls sie herausfanden, dass Yukiko ein Mädchen war, würde sie durch tausend Höllen gehen, bevor sie starb.

»Lasst den Jungen frei. Er wird nichts verraten!« bat Cutler.

»Das glaube ich allerdings auch«, gab der Stoppelbart zurück.

Cutler bemerkte, wie Yukiko sämtliche Muskeln anspannte. Sie würde jeden Augenblick in Aktion treten. Und der Colt in ihrer Seite würde ihr das glühende Blei durch den Leib jagen.

Cutler richtete sich auf, griff mit der Linken langsam zur Schnalle seines Patronengurts und löste sie.

»So gefällst du mir, Großer! Nur weiter so. Der Kleine wird dir ewig dankbar sein, dass er am Leben bleiben darf.«

Cutler schaute kurz zurück. Die drei Männer hatten die kleine Baumgruppe fast erreicht.

»He, Curly!«, rief einer der Gewehrschützen. »Weißt du, wen wir da geschnappt haben? Das ist Cutler, verdammt noch mal!« *

Der Unrasierte verlor das Grinsen. Cutler war bekannt dafür, nicht gerade zimperlich mit den Hombres umzuspringen, die sich mit ihm anlegten.

»Na, wenn das keine Überraschung ist!«, stieß der Stoppelbart hervor. »Freut mich, Cutler. Wollte dich schon immer mal vor der Mündung haben. Hast ein paar meiner Freunde in San Angelo umgelegt, Mister. Wirklich schade ...«

»... für dich, du hättest dein Leben behalten können!« unterbrach ihn Cutler. Obwohl er gar nicht wusste, wovon der Mann überhaupt sprach. Er verwechselte ihn vermutlich mit einem der beiden anderen Männer, die unter dem Namen John Cutler operierten. Und dieser Plan schien offensichtlich zu funktionieren. Sein Name machte die Runde – denn nach außen hin sollte es auch so wirken.

Noch bevor die Worte verklungen waren, fuhr er herum und drückte ab. Seine Kugel rammte mitten in die Brust des Gewehrträgers, der ihn erkannt hatte.

Sofort gingen seine beiden Kumpane in Deckung und schossen auf Cutler, doch er hatte sich bereits hinter einen anderen Baumstamm geworfen und drückte sich tief ins Gras.

Mit seiner Aktion hatte Cutler sein Ziel erreicht. Der Mann, der seinen Revolver in Yukikos Seite drückte, wurde nervös und schwenkte die Waffe herum, um Cutler unter Feuer zu nehmen.

Er kam nicht mehr zum Schuss.

Wie ein Pulverfass explodierte die kleine Japanerin. Mit einem wilden Kampfschrei sprang sie hoch, riss beide Beine auseinander und die Ellbogen nach hinten.

Ein Fuß traf das Handgelenk des Killers und prellte ihm den Colt aus der Hand. Gleichzeitig krachten Yukikos Ellbogen in die Gesichter der beiden Männer.

Der Stoppelbart taumelte mit einem erstickten Schmerzenslaut zurück und griff zum Revolver.

Sein Kumpan schrie vor Schmerzen und zerrte ein Messer aus dem Gürtel.

Yukiko, dieses Teufelsweib, bewies einmal mehr, wie gut sie kämpfen konnte. Sie wurde zu einem lebenden Kreisel. In der rasanten Drehbewegung rissen ihre Hände die beiden Schwerter heraus.

Das Kurzschwert blockte klirrend die Klinge des Skalpmessers ab, während das Samuraischwert nach rechts zuckte.

Der Stoppelbart hatte den Colt kaum aus dem Holster, als sein Körper von einem rasenden Schmerz durchzuckt wurde. Erstaunt starrte er auf die Schwertklinge, die sich tief in seinen Leib gebohrt hatte.

Yukiko schrie erneut, riss die Klinge aus dem Leib des Stoppelbärtigen, drehte sie blitzschnell und zog sie mit einem Rückhandstreich quer über seinen Körper. Mit einem hässlichen Geräusch wurde die Haut des Killers zerteilt.

In der selben fließenden Bewegung drehte Yukiko ihren zierlichen Körper, ließ die Klinge des Kurzschwertes am Skalpmesser entlang gleiten und stieß nach hinten zu. Das Kurzschwert grub sich in die Brust des zweiten Gegners.

Yukiko stand halb mit dem Rücken zu dem Mann. Der Kerl mit dem Skalpmesser stieß ein Gurgeln aus, ließ das Messer fallen und zuckte.

Yukiko zog das Kurzschwert heraus, und der tödlich getroffene Mann rollte ein Stück den Abhang hinab. Auf die beiden Banditen zu, die Cutler unter Feuer genommen hatten.

Der Mann mit dem Gewehr jagte Kugel um Kugel zu Cutler hinauf und hielt ihn in Deckung, als er die blutüberströmte Leiche seines Kameraden auf sich zurollen sah. Panik ergriff ihn. Er wollte nicht von dem Toten getroffen werden.

Verzweifelt versuchte er, der Leiche auszuweichen.

Er wuchtete sich hoch, hielt die Winchester im Hüftanschlag und jagte Kugel um Kugel aus dem Lauf.

Cutler rollte sich hinter dem Baumstamm hervor und fächerte drei Schüsse aus dem 38er. Sie stießen den Gewehrschützen von den Beinen und ließen ihn Hals über Kopf den Abhang hinabrollen.

Cutler hatte seine Deckung verlassen, und das nutzte der Zweihandmann aus, der vor ihm im Gras lag.

Yukiko hatte einen besseren Überblick als Cutler. »Vorsicht, Amerikaner! Der Mann im Gras!«, schrie sie, aber es war zu spät.

Cutler hörte ein metallisches Klicken und starrte direkt in die Mündung des Colts. »Hübsch ruhig bleiben, Cutler«, raunte der Schießer.

Er war für einen Banditen recht elegant gekleidet. Trug schwarze Hosen, eine schwarze Lederweste und ein weißes Hemd, das durch die Aktion etwas gelitten hatte. Der Colt war blank poliert und gut gepflegt. Matt schimmerte die Sonne auf dem Lauf der Waffe.

»Leg dein Schießeisen ins Gras!«, befahl der Revolvermann.

Cutler hatte keine Wahl. Er ließ den Remington zu Boden gleiten.

»Das Schlitzauge soll seine Schwerter ablegen. Und falls er sonst noch Waffen hat, kann er die auch gleich dazuwerfen.«

Cutler drehte den Kopf. »Sie haben gehört, was der Hombre verlangt. Tun Sie es.«

»Aber er wird Sie töten, Amerikaner!«

»Verdammt, tun Sie, was er verlangt!«

Zögernd nahm Yukiko die Schwerter aus dem Gürtel und legte sie ins Gras.

»Ist das alles?«, fragte der Schießer und drückte Cutler die Coltmündung gegen die Stirn.

Yukiko nickte.

»Ich glaub dir nicht, Schlitzauge. Zieh dieses Lederhemd aus. Los, runter mit dem Fetzen! Aber ein bisschen plötzlich!«

Die Japanerin zögerte wieder.

Cutler kochte innerlich vor Wut.

»Ziehen Sie das Wams aus, Yukiko«, wiederholte er den Befehl.

Die Kriegerin löste den Verschluss des Lederwamses, streifte es gemächlich über ihren Kopf und legte es neben ihre Schwerter.

Sie trug darunter nur ein hauchdünnes, weißes Gazehemd, das ihre weiblichen Rundungen nicht verbarg. Eine breite Schärpe war um ihre Hüfte geschlungen. Darin steckten mehrere Wurfsterne und kleine, mit Kordeln geschmückte Wurfpfeile.

»Ich glaub’, ich spinne!«, stieß der Schießer hervor. »Das ist ja ein Weibsbild!« Seine Blicke wanderten über Yukikos schmale Gestalt, blieben auf ihren Brüsten kleben. »Ich hab doch gewusst, dass das Luder noch Waffen bei sich trägt. Runter mit dem Gürtel!«

Yukiko löste die Schärpe und legte sie zusammen mit den Wurfgeschossen ab.

»Wenn ich mit diesem Mistkerl fertig bin, Kleine, werden wir beide uns ein wenig unterhalten«, zischte der Schießer. »Du wirst für den Tod meiner Kumpels bezahlen, Lady!«

Ohne Vorwarnung schlug er zu. Der Revolverlauf traf Cutler an der Wange, stieß ihn zur Seite.

»Dein Tod, Cutler, wird mir einen verdammt guten Ruf einbringen! Grüß mir den Teufel!« Die Coltmündung richtete sich auf Cutlers Brust.

»Nach dir, Hombre!«, stieß Cutler hervor und trat ihm zwischen die Beine.

Donnernd löste sich der Schuss. Die Kugel sauste in den Boden.

Wie eine Wildkatze stürzte sich Cutler auf seinen Gegner. Er umklammerte das Gelenk der Schusshand. Zusammen fielen die beiden Männer nach hinten, überschlugen sich und rollten den Abhang hinunter.

Cutler kämpfte verbissen. Mit der Linken hieb er in das Gesicht seines Gegners. Die Rechte versuchte weiter, den Griff um den Colt zu lockern.

Die beiden Kämpfenden rollten an einer Fichte vorbei. Cutler riss den Arm des Schießers hoch. Der Handrücken knallte schmerzhaft gegen den Baumstamm. Endlich öffneten sich die Finger, ließen den Revolver fallen.

Der Schießer erinnerte sich an seine zweite Waffe, wollte sie herausziehen, doch Cutler verhinderte es. Obwohl er fast kein Gefühl mehr in der linken Hand hatte, krallte er seine Finger um die Hand des Gegners und ließ nicht mehr los.

Immer schneller kugelten die beiden Kämpfer den Abhang hinunter.

Mit einer gewaltigen Anstrengung hievte der Schießer Cutler über sich hinweg. Pfeifend wich die Luft aus Cutlers Lungen, als er mit dem Rücken gegen einen Baumstamm prallte.

Der Gegner warf sich sofort hoch und rammte Cutler die Faust unter das Kinn. Dann packte er ihn am Haar und zog den Kopf nach vorn, um ihn mit Wucht gegen den Baumstamm zu hämmern.

Cutler saugte frische Luft in seine gequälten Lungen und hieb zu. Er traf den Gegner empfindlich in der Magengrube und im Gesicht. Hart prasselten seine Schläge auf den schießer nieder. Cutler brach die Deckung des Gegners auf, ließ ihm kaum Zeit zum Luftholen und gab ihm keine Gelegenheit, nach der Waffe zu greifen.

Dann bohrte sich die Faust in Cutlers Wunde.

Eine Schmerzwelle raste durch seinen Körper und lähmte ihn.

Der Schießer erkannte seine Chance und hieb immer wieder auf die Schulterwunde. Cutler traten Tränen des Schmerzes in die Augen; sie nahmen ihm die Sicht. Er senkte den Kopf und warf sich nach vorn. War es sein letzter Versuch?

Sein Schädel rammte gegen den Brustkorb des Schießers und stieß ihn zurück. Taumelnd versuchte der Hombre, Halt zu finden. Seine Hand kroch zu dem Colt an der linken Hüfte. »Du kämpfst verdammt gut, Cutler!«, stieß er hervor und spuckte Blut und einen Zahn aus. »Und trotzdem holt dich der Teufel. Barlowe wird sich freuen.«

Cutler mobilisierte sämtliche Kraftreserven, flog nach vorn, umklammerte den Gegner und brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Seine Hand packte den Colt, während sie wieder abwärts rollten.

Der Kampf verlangte beiden Männern alles ab. Sie bildeten ein unentwirrbares Knäuel. Erinnerten an ungelenke Strohpuppen, als sie durcheinanderwirbelten.

Ihr Ächzen und Stöhnen wurde durch den Knall eines Schusses unterbrochen und beendet. Beide Körper lösten sich voneinander. Cutler rutschte ein Stück weiter den Hügel hinunter.

Stille kehrte ein.


*


Yukiko hatte den Zweikampf genau verfolgt. Als es so ausgesehen hatte, als würde Cutler gewinnen, hatte sie innerlich frohlockt, doch ihre Freude war rasch geschwunden. Cutlers Wunde behinderte ihn. Und sein Gegner nutzte dies skrupellos aus.

Als der Schuss ertönte und die beiden Männer reglos liegenblieben, sprang Yukiko den Hang hinunter.

Leichtfüßig federte sie in den Knien ab, jagte auf Cutler zu. Ihre Pluderhosen und das dünne Hemd flatterten im Wind.

Sie rutschte auf den großen Mann zu und wälzte ihn sanft auf den Rücken, betrachtete sein wettergegerbtes Gesicht aufmerksam.

Eine ungesunde Blässe lag auf den Gesichtszügen. Die Augen waren geschlossen. Yukiko ließ sanft ihre Finger über die schweißüberströmten Wangen gleiten. Legte eine schmale Hand auf die breite, muskulöse Brust.

Yukiko suchte eine Schusswunde. Fand aber keine.

Rasselnd ging Cutlers Atem. »Wo ist er?«, fragte er leise.

»Er liegt nur wenige Schritte entfernt. Soll ich nach ihm sehen?«

Cutler öffnete die Augen, atmete erneut tief ein und rollte sich herum. Kam auf die Knie und kroch zu der reglosen Gestalt des Schießers hin.

Der Zweihandmann hielt immer noch seinen Colt umklammert. Im Ringen hatte sich der Schuss gelöst und war ihm in die Brust gedrungen. Ein dünner Blutfaden lief ihm aus dem Mundwinkel. »Verdammt, Cutler«, flüsterte er. »Ich hätte nie gedacht, dass du es schaffst. Hätte mich zu gern mal mit der gelben Lady unterhalten. Scheiße!«

»Wo ist Barlowe?«, fragte Cutler.

Der Schießer hustete. Ein Blutschwall drang über seine Lippen. »Weit weg. Zu weit für dich, Cutler.« Ein Grinsen huschte über sein Gesicht.

»Keine Sorge. Ich hole ihn ein. Er will nach Norden. Und dort kriege ich ihn.«

»Verdammt, Cutler, woher weißt du ...?« Ein erneuter Hustenanfall schüttelte den Revolvermann durch. »Wieso bist du ... hinter uns her?«

»Wegen der Japanerin, die ihr entführt habt. Und wegen der Jadefigur. Ihr hättet sie nicht stehlen sollen. Aber irgendwann verbrennt sich jeder Outlaw mal die Finger.«

Ein Ruck ging durch den Körper des Schießers. Der Sterbende schüttelte sich. Es dauerte eine Weile, bis Cutler erkannte, dass er lachte.

Er lachte, bis ihm Tränen über die Wangen rannen. »Willst du damit sagen, dass wir wegen dieser lächerlichen Statue ins Gras beißen?«

Cutler antwortete nicht.

»Verdammte Scheiße. Und ich dachte immer, mich erwischt es in einem Revolverkampf in irgendeinem Drecksnest im Westen. Aber nein, ich muss wegen einem gottverdammten Stück Stein abkratzen! Wie findest du das, Cutler? Wegen einem Stück Stein! Ist das nicht wahnsinnig komisch?«

Der Schießer lachte wieder. Und er starb lachend.

Cutler kam wankend auf die Beine. »Suchen wir unsere Sachen zusammen«, murmelte er. »Wird Zeit, dass wir abhauen.«


*


Yukiko hatte darauf bestanden, eine Rast einzulegen und nach Cutlers Wunde zu sehen. Sie hatte ihn mit einem Stück ihrer Schärpe notdürftig verbunden.

Als er sie beobachtete, wie sie ihre lederne Rüstung wieder anlegte, waren Cutler ihre körperlichen Reize aufgefallen. Ihre spitzen Brüste zeichneten sich deutlich unter dem dünnen Gazegewebe ab und weckten sein Verlangen.

Längst hatten sie die Schlucht und die Hügelkette hinter sich gelassen. Cutler schonte sich nicht. Er wollte den rothaarigen Bandenchef einholen, bevor er tatsächlich in den Bergen im Norden untertauchen konnte.

Die Dunkelheit war schon lange hereingebrochen, als sie am Ufer eines kleinen Sees Halt machten. Cutler rutschte aus dem Sattel und musste sich einen Moment am Sattelhorn festhalten, um nicht vor Erschöpfung zusammenzusinken. Die Blutung hatte aufgehört, aber der Blutverlust hatte ihn geschwächt.

Yukiko rieb die Pferde mit Grasbüscheln ab, legte Cutlers Decken zurecht und befahl ihm, sich hinzulegen. »Keine Widerrede, Amerikaner! Ich werde mir Ihre Verletzung ansehen. Ob es Ihnen passt oder nicht!«

Es war eine sternenklare Nacht. Der Schein des kleinen Lagerfeuers und das Mondlicht spendeten der Japanerin genügend Helligkeit, um Cutler untersuchen zu können.

Vorsichtig streifte sie ihm das Hemd ab und entfernte den Verband. Der Stoff war an den Wundrändem festgeklebt. Cutler verzog keine Miene, als Yukiko den Stoff von der Wunde löste. Die Verletzung begann sofort wieder zu bluten.

»Ich werde die Wunde ausbrennen«, entschied Yukiko. »Danach mache ich einen Umschlag aus Heilkräutern meiner Heimat, die den Heilungsprozess beschleunigen werden.«

»Trauen Sie sich das zu?«, fragte Cutler gepresst. »Ich meine, die Sache mit dem Ausbrennen.«

»Es ist nicht das erste Mal, dass ich damit zu tun habe«, erklärte Yukiko bestimmt, zog Cutlers Messer aus dem Gürtel und legte die Klinge in die Flammen des ...

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