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Australischer Liebesfrühling

1. KAPITEL

„Du erkennst ihn sofort“, sagte jemand hinter ihr. „Er reitet gerade mit den anderen Männern an die Startlinie. Da … das blaue Hemd mit der gelben Sechs auf dem Rücken.“

Carrie McNevin drehte sich um. „Er ist ein Cousin von dir, nicht wahr?“

„Ein Cousin zweiten Grades!“ Carrie hörte die Missachtung deutlich heraus und konnte sie auch von Natasha Cunninghams Gesicht ablesen. „Ich habe kaum zwei Worte mit ihm gewechselt, seit er wieder da ist.“

„Wenigstens hast du ihn nicht ganz übersehen.“

Carrie empfand Mitleid mit dem jungen Mann, der von seinen Verwandten so schlecht behandelt worden war. Persönliche Erinnerungen hatte sie nicht an ihn, jedenfalls keine konkreten. Nur eine ganz vage Vorstellung, denn sie war noch ein kleines Kind gewesen, als Clay und seine Eltern ihre Heimat über Nacht verlassen hatten.

„Das war reiner Zufall“, versicherte Natasha in demselben spöttischen Ton, und damit brach das kurze Gespräch ab. Beide Frauen konzentrierten sich wieder auf die Teilnehmer des „Jimboorie Cup“, dessen Verleihung alljährlich den Höhepunkt des zweitägigen Rennens bildete.

Carrie bewunderte die Reiter ebenso wie ihre Pferde, und wie immer, wenn die Outback-Bewohner über Hunderte von Meilen zu dieser festlichen Veranstaltung zusammenkamen, glühte sie vor Anteilnahme und Erregung.

Viele Teilnehmer kamen mit ihren eigenen Flugzeugen, andere legten den weiten Weg in Bussen, Trucks oder Geländewagen zurück. Auch Touristen aus den Städten fanden sich ein, Händler, die mit Farmern und Viehzüchtern günstige Verträge abschließen wollten, und sogar Glücksspieler, die beim Wetten ihr gerade gewonnenes Vermögen riskierten.

Buschrennen gehörten zu den herausragenden gesellschaftlichen Ereignissen im australischen Outback. Die Rennen von Alice Springs oder Birdsville, mit den roten Sanddünen der Simpson Desert als Kulisse, waren die bekanntesten und beliebtesten. Jimboorie lag mehr im Nordosten, im Herzen von Queensland, wo es für die riesigen Schaf- und Rinderherden genug Weideland gab.

Im September herrschte noch angenehmes Frühlingswetter. Es war trocken, und die Temperatur überstieg kaum fünfundzwanzig Grad. Nur weiter draußen, wo die Rennstrecke durch den Busch führte, konnte es schon sommerlich heiß sein.

Jimboorie war eine kleine, aber lebendige Stadt. Es gab drei Pubs, die anlässlich des Rennens voll besetzt waren, eine Polizeistation mit einem Polizisten, ein Krankenhaus mit einem Arzt und drei Schwestern und mehrere Verwaltungsgebäude. Ferner eine Apotheke, in der man außer Arzneimitteln die seltsamsten Dinge kaufen konnte, eine Schule mit einem Klassenraum, ein Postbüro, das in einer Ecke der Metallwarenhandlung untergebracht war, und zwei miteinander konkurrierende Geschäfte für Kleidung und Schuhe.

Im Pressehaus wurde das „Jimboorie Bulletin“ gedruckt, das einmal im Monat herauskam und in weitem Umkreis gelesen wurde. Die Filiale der „Commonwealth Bank“ war zur allgemeinen Empörung schon vor Jahren geschlossen worden, aber man konnte mit einem beliebten chinesischen Restaurant und einer Bäckerei aufwarten, die sowohl für ihr Brot als auch für ihre leckeren Fleischpasteten berühmt war.

Mit knapp dreitausend Einwohnern zählte Jimboorie zu den beachtlichen Städten im Outback, und heute Nachmittag hatten sich alle auf dem Festgelände versammelt – einschließlich des jüngsten Zuwachses, der sechs Monate alten eineiigen Zwillinge von Vince und Katie Dougherty.

Die Pferde waren ausnahmslos Vollblutzüchtungen und damit der Stolz der miteinander wetteifernden Rancher. Das Fell der Tiere, die ihre Köpfe anmutig auf und ab und ihre Schweife leicht hin und her bewegten, glänzte. Auch für sie war dies ein großer Tag, denn trotz aller zur Schau getragenen Heiterkeit, trotz des lässigen Umgangstons und aller echten, für das Outback typischen Kameradschaft wurde die Konkurrenz von allen Beteiligten bitter ernst genommen.

Der „Jimboorie Cup“ war von den Cunninghams gestiftet worden, einer der ersten Pionierfamilien, die von den Britischen Inseln herübergekommen waren. William Cunningham, der zweitälteste Sohn eines begüterten englischen Landwirts, war um achtzehnhundert nach Australien ausgewandert und hatte im Süden des Landes mit der Züchtung von reinrassigen Merinoschafen ein Vermögen gemacht. Erst um achtzehnhundertsechzig war ein Zweig der Familie von New South Wales nach Queensland gezogen und hatte sich auf dem weiten, fruchtbaren Land angesiedelt. Von den anfänglichen Wellblechhütten waren diese Vorfahren in schlichte Cottages und von dort in die schlossartigen Herrenhäuser umgezogen, die ihren inzwischen erreichten sozialen Status zum Ausdruck brachten und sie an die englische Heimat erinnerten.

Carries eigene Vorfahren angloirischer Herkunft waren kurz nach achtzehnhundertsiebzig ins Land gekommen – reich genug, um gut zwanzig Meilen von „Jimboorie House“ entfernt ein ansehnliches Heim zu gründen. Bald hießen die Cunninghams und die McNevins nur noch die „Schafbarone“, die ihr Geld mit Merinowolle machten. Das war in der guten alten Zeit, die etwa hundert Jahre dauerte, aber, wie alle guten Zeiten, einmal zu Ende gehen musste. Mit der Entwicklung synthetischer Stoffe sank der Bedarf an australischer Wolle, der besten Wolle der Welt. Wer überleben wollte, musste sich umstellen, und so wurden aus den weltberühmten Schafzüchtern weltberühmte Lieferanten von Lammfleisch.

Leider hatte sich Angus Cunningham trotzig und kurzsichtig gegen diese Entwicklung gestemmt und weiter Wolle produziert. Mit der einstmals blühenden „Jimboorie Station“ war es immer mehr bergab gegangen, während die benachbarten Rancher, die sich flexibler gezeigt hatten, ihr Vermögen halten oder sogar vermehren konnten.

Heute wurde der „Jimboorie Cup“ von einem Konsortium finanziert – einer Gruppe von Ranchern, die hart arbeiteten, um den alten Lebensstandard halten zu können. Carries Vater, Bruce McNevin, der die Rennstrecke beaufsichtigte, war einer dieser Rancher, ebenso Natasha Cunninghams Vater. Brad Harper – ein „Neuer“, der erst vor einer Generation ins Land gekommen war –, gehörte inzwischen ebenfalls dazu und kommentierte die Rennen seit mehreren Jahren.

Eins der Rennpferde, „Lightning Boy“ mit der Startnummer sechs, zeigte beträchtliche Nervosität. Es tänzelte hin und her, lief unruhig im Kreis und erhob sich zwischendurch auf die Hinterbeine, sodass sein Reiter die Zügel fest im Griff haben musste.

„Er ist nichts … ein Niemand“, setzte Natasha den spöttischen Exkurs über ihren Cousin fort. Gleichzeitig kam sie weiter nach vorn und stellte sich neben Carrie an die blühende Absperrung. In Flemington, wo der „Melbourne Cup“ ausgetragen wurde, dienten die berühmten Rosenrabatten als Absperrung. In Jimboorie waren es Lilienhecken, die verschwenderisch blaue und weiße Blüten trugen.

„Trotzdem versteht er es, mit einem Pferd umzugehen“, meinte Carrie trocken.

„Na und? Das kann jeder Viehtreiber, und mehr ist er nie gewesen. Sein Vater passte noch zu uns, aber er ist früh gestorben. Wahrscheinlich hat er sich bei seiner Frau zu Tode gelangweilt. Sie war ein richtiges kleines Flittchen, die mit ihrem Sohn herumzog und halb Queensland unsicher machte. Inzwischen ist sie ebenfalls tot … Alkohol, Drogen, was weiß ich. Keiner von der Familie wollte mit ihr verkehren. Schon bei der Hochzeit wurde sie gemieden. Mum sagt, damals sei Clay schon unterwegs gewesen.“

Typisch Julia Cunningham, dachte Carrie, die sich nie entscheiden konnte, ob sie Julia oder ihre Tochter Natasha weniger mochte. Beide waren echte Snobs, die schamlos über ihre Mitmenschen herzogen.

„Ist es dann nicht merkwürdig, dass dein Großonkel Angus sich an Clay erinnert und ihm ‚Jimboorie Station‘ vermacht hat?“, fragte sie etwas schadenfroh.

Natasha brach in höhnisches Gelächter aus. „Ein schönes Vermächtnis, wenn du mich fragst! Das Wohnhaus kann jeden Tag einstürzen.“

„Ich habe das alte Haus immer geliebt“, erwiderte Carrie in sehnsüchtigem Ton. „Als Kind kam es mir wie ein Palast vor.“

„Früher, als die Cunninghams zu den führenden Familien gehörten, mag es ganz ansehnlich gewesen sein“, räumte Natasha großzügig ein. „Mein Großvater hätte die Ranch bestimmt nicht so verkommen lassen. Er hätte sich den neuen Gegebenheiten auf dem Weltmarkt angepasst, wie es dann mein Vater getan hat. Aber sein Bruder Angus war ein unfähiger Trottel und ließ den traditionsreichen Wohnsitz der Cunninghams einfach verfallen. Er hätte ‚Jimboorie‘ niemals erben dürfen, genauso wenig wie James … oder Clay, wie er sich heute nennt. James Claybourne Cunningham. Claybourne war der Mädchenname seiner Mutter. Ist das zu glauben? Ziemlich hochtrabend für … so eine.“

„Ich empfinde es als nette Geste von Clay“, widersprach Carrie. „An deine Seite der Familie kann er kaum angenehme Erinnerungen haben.“ Das war die Untertreibung des Jahrhunderts!

Natasha rümpfte die Nase. „So wenig wie wir an ihn, aber die Familienfehde reicht viel weiter zurück. Mein Großvater und Großonkel Angus hassten sich bis aufs Blut. Im Outback hießen sie nur die ‚feindlichen Brüder‘.“

„Ja, leider.“ Carrie kannte die traurige Familiengeschichte der Cunninghams. „Sieh nur!“ Sie zog ihren Hut tiefer in die Stirn, um ihre Augen besser vor der gleißenden Sonne zu schützen. „Ich glaube, das Rennen beginnt gleich.“

„Na endlich.“ Natasha sah Carrie mit ihren blauen Augen spöttisch an. „Ich habe auf Scott gesetzt.“

„Ich auch.“ Carrie spielte sichtbar mit dem zweikarätigen Brillantring, den Scott ihr zur Verlobung geschenkt hatte. Natasha war eine von Scotts ältesten Verehrerinnen, und eine Cunningham bekam immer das, was sie wollte. Nur bei Scott Harper hatte sie sich verrechnet. Scott liebte Carrie und hatte sich damit die Sympathien der Cunninghams gründlich verscherzt. Glücklicherweise war Carrie inzwischen in der Lage, mit Natashas Anspielungen und Sticheleien richtig umzugehen.

Drei Rennen hatten an diesem Nachmittag schon stattgefunden, und alle Zuschauer warteten gespannt auf die letzte Entscheidung. Ein handgreiflicher Zwischenfall an der gut besuchten Bar wurde von Jimboories einzigem Polizisten fachmännisch geschlichtet, dann richtete sich die Aufmerksamkeit wieder auf Scott und seinen Rotfuchs „Sassafras“. Scott war der Favorit des letzten Rennens und trat gegen zwei Mitglieder seines Poloteams an, die beide als ausgezeichnete Reiter galten.

Niemand hatte damit gerechnet, dass mit Clay ein weiterer ernst zu nehmender Konkurrent an den Start gehen würde. Inzwischen konnte jeder sehen, wie gut Clay im Sattel saß und wie souverän er „Lightning Boys“ Zügel führte. Natürlich kannte man auch seine traurige Geschichte. Mehr noch … man wusste, dass Clay Cunningham zurückgekommen war, um sich hier im Outback eine Frau zu suchen! Die Information stammte von Vince Dougherty, Jimboories führendem Gastwirt. Wie Vince behauptete, hatte er sie Clay schon nach dem zweiten Bier entlockt.

Natürlich war Clay nicht der einzige Junggeselle in der Gegend. Das raue, harte Outback galt immer noch als eine Welt der Männer, wo geeignete weibliche Partnerinnen als Seltenheit zählten. Soweit Carrie beobachten konnte, waren alle hübschen und heiratswilligen Mädchen aus der Umgebung zum „Jimboorie Cup“ erschienen. Jede meinte, die geeignete Frau für den Neuankömmling zu sein, und sprach ihren Nebenbuhlerinnen diese Fähigkeit ab. Vielleicht war es ein Fehler von Clay gewesen, sich Vince Dougherty anzuvertrauen. Wenn die Wogen des Festes später höher schlugen, konnte er gut zum Spielball der interessierten Weiblichkeit werden.

Obwohl Scott Carries Favorit war, ließ sie Clay nicht aus den Augen. Er war der geborene Reiter, und der schwarze Wallach passte zu ihm. Carrie war selbst eine gute Reiterin. Sie hatte schon verschiedene Ausscheidungskämpfe gewonnen und hätte auch heute wieder eine Trophäe nach Hause gebracht, wenn ihre Mutter ihr nicht von der Teilnahme abgeraten hätte. Carrie sollte dem heutigen Sieger den „Jimboorie Cup“ überreichen, und als Präsidentin des Frauenkomitees hielt Alicia McNevin auf Form und Anstand. Wenn später die Aufnahmen für eine namhafte Frauenzeitschrift gemacht wurden, sollte ihre Tochter so frisch und strahlend wie nur möglich erscheinen. Das schloss eine vorherige Teilnahme an den Wettkämpfen aus.

Einige Minuten nach drei Uhr wurde es plötzlich still auf dem weiten Gelände. Alle warteten darauf, dass der Reiter der grauen Stute „Daisy“ die weiße Fahne senken und damit das Startzeichen geben würde. Carrie fing an, die Sekunden zu zählen.

„Es geht los!“, rief sie wenig später und sprang vor Aufregung auf, während um sie her Rufe der Begeisterung erschallten. Fieberhafte Spannung hatte die Zuschauer erfasst.

Das Feld bestand aus zehn Reitern. Anfangs hielten sie sich dicht zusammen, bis einige versuchten, die Führung zu übernehmen. Zwei fielen sofort zurück, sodass sich bald eine lang gezogene Reiterkette gebildet hatte.

An der Wendemarke, die bewusst in unzugängliches Gelände verlegt worden war, blieben noch einmal drei Reiter zurück, sodass jetzt fünf um die Führung kämpften. Die Szene erinnerte mehr an die wilde Jagd in einem Wildwestfilm als an ein sportliches Ereignis auf einem gepflegten städtischen Parcours.

Bald sah es so aus, als würde die Entscheidung zwischen Scott Harper, seinen Polokameraden und Jack Butler fallen. Jack war Aufseher auf „Victory Downs“, der Ranch der McNevins. Eine Pferdelänge hinter ihm folgte Clay, dessen schwarzer Wallach sich gut hielt. Carrie konnte beobachten, dass er sich vorbeugte und dem Pferd etwas ins Ohr sagte, um es zu äußerster Anstrengung anzuspornen.

„Sieh nur!“, rief sie Natasha zu, als „Lightning Boy“ tatsächlich aufholte und an Jacks Pferd vorbeizog. „Hättest du das für möglich gehalten?“

Jetzt machten nur noch drei Reiter Clay den Sieg streitig. Alle bemühten sich gewaltig, das Letzte aus ihren Pferden herauszuholen, aber Carries Instinkt sagte ihr, dass Clay nicht mehr zu schlagen sei. Sogar Natasha verharrte in atemloser Spannung. Die Möglichkeit, dass „Golden Boy Harper“, wie der beliebte Mannschaftskapitän des Poloteams überall genannt wurde, verlieren könnte, war beiden Frauen bisher nicht in den Sinn gekommen.

„Es sieht aus, als würde dein Cousin gewinnen“, meinte Carrie mit ungläubigem Kopfschütteln. „Was ist los mit dir, Scott? Kannst du nicht mehr aus deinem Pferd herausholen?“

Die Frage war nicht ernsthaft gestellt, denn im Grunde hielt Carrie Scott nur für einen mäßigen Reiter. Mochte er ein noch so guter Polospieler sein – ein Pferd zu aufopfernder Hingabe zu bewegen, die letzten Energien aus ihm herauszulocken, war ihm nicht gegeben. Scott konnte befehlen, aber nicht verführen.

„Das kann nicht wahr sein!“, schimpfte Natasha und drohte vor Wut mit den Fäusten.

„Es ist aber wahr.“ Carrie hatte sich bereits darauf eingestellt, dass Clay ihren Verlobten schlagen würde.

Sie sah, dass Scott seine Peitschte einsetzte, während Clay es mehr mit Einfühlungsvermögen und Taktik versuchte. Das zahlte sich aus. „Lightning Boy“ verringerte den Abstand immer mehr und hielt sich jetzt dicht hinter „Sassafras“.

„So ein Mist!“, schrie Natasha, und es sah aus, als würde sie vor Ärger platzen.

Carrie hatte eher ein schlechtes Gewissen. Anstatt Scott die Daumen zu halten, verfolgte sie Clays Bravourleistung mit wachsender Bewunderung. Er war Scott als Reiter unbedingt überlegen, und sein schwarzer Hengst besaß Kraftreserven, die Scotts Rotfuchs fehlten.

Carrie fühlte sich hin und her gerissen. Sie schwankte zwischen Enttäuschung über Scott und Bewunderung für Clays herausragende Leistung. Dieser Mann besaß Klasse – genauso wie sein Pferd. Die beiden mussten einfach gewinnen und als Erste durchs Ziel gehen. Nach der üblen Behandlung, die Clay in Jimboorie widerfahren war, gönnte sie ihm den Sieg. Er war ein Kämpfer, und das gefiel ihr.

Sekunden später lag „Lightning Boy“ in Führung und donnerte mit zwei Längen Vorsprung als Erster durchs Ziel.

Ungeheurer Tumult erhob sich.

„Bravo!“, rief Carrie und klatschte jubelnd Beifall. In ihrer Begeisterung vergaß sie, dass sie neben Natasha stand, die wenig Sympathie für den Sieger gezeigt hatte. „Ob er Polo spielt? Dann wäre er ein unglaublicher Gewinn für unsere Mannschaft.“

„Natürlich spielt er nicht Polo“, zischte Natasha ihr zu. „Arme Schlucker spielen nicht Polo. Wo bleibt übrigens deine Loyalität? Scott ist dein Verlobter, und du applaudierst einem Fremden.“

„Einem Einheimischen“, verbesserte Carrie sie. „Er ist schon in ‚Jimboorie House‘ eingezogen.“

„Vorläufig.“ Natasha ließ ihrer Enttäuschung und ihrem Ärger freien Lauf. „Es kommt ganz darauf an, wie sich die Leute zu ihm stellen. Mein Vater hat ziemlich großen Einfluss.“

Carrie runzelte die Stirn. „Willst du damit andeuten, dass ihr vorhabt, Clay das Leben noch schwerer zu machen?“

„Darauf kannst du Gift nehmen.“ Natashas Blick wurde hart. „Clay wäre verrückt, wenn er hierbleiben wollte. Der alte Angus hat ihm die Ranch nur vererbt, um uns zu ärgern.“

„Das mag stimmen oder nicht … Clay sucht eine Frau, und das kann nur bedeuten, dass er bleiben will.“ Es war Carrie nicht entgangen, dass die Zuschauer mit dem Beifall gezögert hatten, aber inzwischen erntete Clay den Applaus, den er verdiente. Im Gegensatz zu Natashas rachsüchtiger Familie war die Gemeinde offenbar bereit, dem Neuankömmling eine Chance zu geben. „Hörst du den Jubel? Niemand hat mit dem Sieg deines Cousins gerechnet, und doch ist er der klare Gewinner.“

„Warten wir ab, was Scott dazu sagt“, meinte Natasha verächtlich. „Vielleicht ging es nicht mit rechten Dingen zu.“

„So ein Unsinn“, ereiferte sich Carrie. „Ich weiß, dass Scott nicht gern verliert, aber er hat trotzdem Sportsgeist.“ Das sagte sie mehr aus Hoffnung als Überzeugung, denn Scott hasste es, zu verlieren. Nicht nur beim Sport.

„Ich werde ihm sagen, wie begeistert du Clays Sieg aufgenommen hast“, erklärte Natasha und wandte sich ab.

„Davon bin ich überzeugt!“, rief Carrie ihr nach. Seit sie sich vor zwei Monaten mit Scott verlobt hatte, war ihr Verhältnis zu Natasha auf den Tiefpunkt gesunken. Carrie vermutete, dass sie ihr sogar am liebsten beide Augen ausgestochen hätte!

2. KAPITEL

Carrie stand vor einer schwierigen Situation. Ihre Mutter hatte klugerweise darauf verzichtet, den Siegerpokal persönlich zu überreichen, und diese Aufgabe ihrer Tochter überlassen. Sie hatte fest damit gerechnet, dass Scott Harper der Gewinner sein und den begehrten Preis aus den Händen seiner Verlobten entgegennehmen würde. Welch ein Triumph vor der versammelten Outback-Elite!

Doch nun war ein anderer der Sieger – Clay Cunningham, der neue Besitzer der ehrwürdigen „Jimboorie Station“. Das Wohnhaus war zwar abrissreif, und der Ranchbetrieb war praktisch zum Erliegen gekommen, aber deswegen konnte man die Preisübergabe nicht einfach ausfallen lassen. Carrie musste das Podium betreten, Clay den Silberpokal überreichen und sich dabei von allen Seiten fotografieren lassen.

Einige dieser Aufnahmen würden auch im „Jimboorie Bulletin“ erscheinen, für das sie seit dem Abschluss ihres Publizistikstudiums tätig war. Gründer und Herausgeber der beliebten Lokalzeitung war Pat Kennedy, der früher für den „Sydney Morning Herald“ gearbeitet hatte und wegen seines schweren Bronchialasthmas ins Outback gezogen war, wo die reine, frische Luft sein Leiden linderte.

Carrie arbeitete zwei Tage in der Woche für das „Jimboorie Bulletin“, das nicht etwa ein Käseblatt, sondern eine ernst zu nehmende Zeitung war, in der über alle wichtigen politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Ereignisse berichtet wurde. Die übrige Zeit widmete sie der Familienranch „Victory Downs“. Erst kürzlich hatte sie von ihrer Mutter die gesamte Buchführung übernommen.

Carrie arbeitete gern für das „Bulletin“, und sie liebte und verehrte Pat. Er war der gütigste und weiseste Mann, den sie kannte. Zu ihrem Vater hatte sie ein weit kühleres Verhältnis. In materieller Hinsicht war er ihr nichts schuldig geblieben, aber eine emotionelle Bindung gab es nicht. Einem Sohn hätte sich ihr Vater vielleicht mehr zugewandt, aber das Schicksal hatte ihm „nur“ eine Tochter geschenkt.

Carrie hatte früh lernen müssen, mit dieser Enttäuschung ihres Vaters zu leben. Er vermisste den männlichen Erben schmerzlich und hatte ihr schon früh mitgeteilt, dass nicht sie, sondern ihr Cousin Alex, der Sohn seines jüngeren Bruders Andrew, „Victory Downs“ erben würde. Dabei war Onkel Andrew kein Landwirt, sondern Anwalt in Melbourne. Alex stammte also nicht aus einer Landwirts-, sondern aus einer Juristenfamilie. Er studierte zurzeit noch, mehr oder weniger ohne Ziel, denn er wusste, dass er einmal eine blühende Ranch erben würde. Carries Mutter hatte zäh für die Rechte ihrer Tochter gekämpft, aber Bruce McNevin war hart geblieben. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Alicia einen Kampf verloren.

„Du weißt ja, wie Männer sind!“, hatte sie Carrie wütend erklärt. „Sie glauben, dass Frauen keine Führungsqualitäten besitzen. Wie ungerecht das ist! Du bist auf der Ranch groß geworden, und dein Vater bildet sich ein, dass ein verwöhnter Bengel aus Melbourne sie besser führen kann als du.“

„Das ist nicht der einzige Grund, Mum“, hatte Carrie erwidert. Sie litt seit Langem darunter, dass sie ihr rechtmäßiges Erbe verlieren sollte. „Dad möchte verhindern, dass die Ranch in fremde Hände übergeht. Wenn Söhne erben, tragen sie den Namen weiter. Töchter heiraten, und damit geht die Familientradition verloren. Die Vorstellung, ‚Victory Downs‘ könnte nicht von einem McNevin geführt werden, ist ihm unerträglich. Er misstraut Frauen überhaupt. Wie kommt das bloß? Onkel Andrew denkt in dieser Hinsicht ganz anders.“

„Dein Vater hat nicht gelernt nachzugeben“, hatte Alicia ausweichend geantwortet und, wie so oft, das Thema gewechselt.

Carrie hatte sich inzwischen damit abgefunden, derartig unterschätzt zu werden, aber als Kind und heranwachsendes Mädchen hatte sie sehr darunter gelitten. Trotzdem wäre es ihr nie in den Sinn gekommen, ihren Vater zu kritisieren oder sogar zu verurteilen. Auf seine Weise sorgte er gut für sie, obwohl er weder ihr noch ihrer Mutter übertriebenen Luxus gestattete. Das überließ man in Jimboorie gern Julia Cunningham, die dafür bekannt war, dass sie in Sydney oder Melbourne ihr Geld verprasste und auch zu Hause nicht mit Luxus sparte.

Carrie erschrak, denn sie bemerkte plötzlich, dass ihr von allen Seiten lebhaft zugewinkt wurde. Sie hatte sich in nutzlosen Betrachtungen verloren und darüber die Gegenwart vergessen. Hastig konzentrierte sie sich wieder auf ihre Aufgabe.

Die meisten jüngeren Frauen waren in schicker Sportgarderobe am Rennplatz erschienen, nur Carrie sah auf Wunsch ihrer Mutter so aus, als wäre sie zu einer Gartenparty im Government House von Sydney eingeladen. Am auffälligsten war der große helle Hut mit weicher, blumenbestickter Krempe. Dazu trug sie ein sonnengelbes, dezent bedrucktes Seidenkleid, das Alicia bei ihrem Lieblingsdesigner in Sydney bestellt hatte, und hohe gelbe Riemchensandaletten. Das lange goldblonde Haar hatte sie zurückgenommen und in einem Nackenknoten zusammengefasst – auch dies ein Einfall ihrer Mutter.

„Ich möchte, dass du wirklich … wirklich gut aussiehst“, hatte Alicia gesagt, selbst eine klassische Schönheit, der man ihre fünfundvierzig Jahre nicht ansah. „Der Hut ist einfach ein Muss. Er schützt deine zarte Haut vor der Sonne und verleiht dir gleichzeitig den notwendigen Schick. Vergiss nie, dass man in diesen Breiten besonders gut auf seine Haut achten muss.

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