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AUSSORTIERT: KIND 351

Zum Inhalt:

Der Roman „Aussortiert: Kind 351 “ beschreibt nach einer wahren Begebenheit die Geschichte eines Mannes, der seine Kindheit und Jugend in einem katholischen Kinderheim verbracht hat und nun – als Erwachsener – von dieser Vergangenheit eingeholt wird. Der Roman erzählt einen Teil unbekannter deutscher Geschichte – verbunden mit einem emotionalen Beziehungsdrama.

Die Autorin:

Anke Gebert studierte u. a. am „Deutschen Institut für Literatur“ in Leipzig. Sie arbeitete in verschiedenen Berufen, bevor sie in Hamburg an der Master School Film ein Drehbuch-Studium absolvierte.

Seit einigen Jahren ist sie freie Autorin von Romanen, erzählenden Sachbüchern und Drehbüchern und gibt Seminare für fiktives und autobiografisches Schreiben. Für ihre Arbeiten erhielt sie diverse Preise.

www.ankegebert.de

In Erinnerung an Bernd K. Und in Hochachtung gegenüber all denen, die sich wie er zur Wehr setzen.

„Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich.“

Friedrich Nietzsche

Vorwort

Die Geschichte in diesem Buch handelt von wahren Begebenheiten.

Mitte der neunzehnhundertneunziger Jahre begegnete ich Bernd K. Er war ca. 1960 als Kleinkind in ein katholisches Heim eingewiesen worden und wuchs dort bis Mitte der siebziger Jahre auf. Danach holte er eine Schulausbildung nach, fing an, als Handwerker zu arbeiten und gründete eine Familie.

In all den Jahren bis zu unserer Begegnung sprach er niemals über seine Kindheit und Jugend im Heim, er verheimlichte nicht nur das, was er dort erlebte, sondern nach Möglichkeit auch, dass er jemals in einem Heim, geschweige denn in einer katholischen Erziehungsanstalt gewesen war.

Wie viele der Menschen, die in solchen Einrichtungen zu Opfern wurden, brach er sein Schweigen erst, als er fast vierzig Jahre alt war. Ich war die erste Person, der er seine Geschichte anvertraute. Zu einer Zeit also, als in der Öffentlichkeit noch nichts über die Zustände in vielen dieser Heime, die es in Deutschland bis in die neunzehnhundertsiebziger Jahre gab, bekannt war oder noch niemand etwas darüber wissen wollte. Es sollte noch Jahre dauern, bis sich das änderte.

Tief beeindruckt von der Geschichte, die mir Bernd K., der damals tatsächlich für seine Mutter, die er nie kennengelernt und die ihn dem katholischen Kinderheim überlassen hatte, finanziell aufkommen sollte (und sich dagegen verwehrte), schrieb ich seine Geschichte auf. Zunächst als Drehbuch nach wahren Begebenheiten, denn ich fand, dass Bernds Schicksal an die Öffentlichkeit müsste, und aus dem Gespräch mit ihm war eindeutig hervorgegangen, dass Bernd kein Einzelopfer war, sondern die Zustände in den katholischen Kinderheimen bis vor ca. vierzig Jahren offenbar an der Tagesordnung waren.

Für mein Drehbuch, in dem ich, wie auch in diesem Roman, die Namen geändert habe, gewann ich zwar einige Preise, aber verfilmen wollte den Stoff niemand. Er war den Entscheidungsträgern zu düster, zu unglaubwürdig – nach dem Motto: So etwas kann es in Deutschland doch nicht gegeben haben.

Doch! Hat es!

Als schließlich vor etwa zwanzig Jahren sehr viele Opfer kirchlicher Einrichtungen ihr Schweigen brachen, dauerte es wiederum eine Weile, bis sich Behörden und Medien irgendwann endlich des Themas annahmen. Doch dann war es endlich so weit, dass die Schicksale betroffener Menschen ernstgenommen wurden. Unfassbar, wie viele Menschen bis heute unter den Folgen ihrer Kindheit in kirchlicher Obhut leiden. Unglaublich, dass es so lange brauchte, bis man ihnen Gehör verlieh und ihnen glaubte.

Es ist mir ein Anliegen, die unfassbare Geschichte von Bernd K. festzuhalten und zu verbreiten. Auch deshalb, weil er mir als ein Mensch begegnete, der versuchte, sich aus all dem Schrecklichen, dass ihm als Kind und Jugendlichem widerfuhr, zu retten, der niemals haderte und der sich gegen Ungerechtigkeit wehrte. Ob im Kinderheim oder später vor Gericht, um nicht für seine Mutter bezahlen zu müssen, die ihm zu keiner Zeit im Leben eine Mutter war.

Ich widme diesen Roman Bernd K. und allen Menschen, die sich so wie er zur Wehr setzen, all den Menschen, die versuchen, die Kraft aufzubringen, niemals aufzugeben. Und außerdem denen, die wie Bernd trotz allem niemals die Fähigkeit zu lieben verlieren. So wie Bernd, der seine Familie über alles liebte.

Dieses Buch handelt also von wahren Begebenheiten. Es ist jedoch ein Roman. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Anke Gebert, Hamburg 2019

„… Da rief eine feine Stimme aus der Stube heraus:Knupper, knupper, kneischen, wer knuppert an meinem Häuschen?’ Die Kinder antworteten: ‚Der Wind, der Wind, das himmlische Kind’… Da ging auf einmal die Tür auf, und eine steinalte Frau, die sich auf Krücken stützte, kam herausgeschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, dass sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten. Die Alte aber wackelte mit dem Kopfe und sprach: ‚Ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher gebracht? Kommt nur herein, bleibt bei mir, es geschieht euch kein Leid.’ … Da packte sie Hänsel mit ihrer dürren Hand und trug ihn in einen kleinen Stall und sperrte ihn mit einer Gittertür ein. Er mochte schreien, wie er wollte, es half ihm nichts …“

Zitat aus „Hänsel und Gretel“ der Brüder Grimm.

1995

In dieser Stunde fühlt er sich, als wäre dieser Malsaal sein Saal. Seit mehr als zwanzig Jahren arbeitet er hier, war morgens gekommen und abends gegangen, so wie die anderen Kollegen auch. Dann eines Tages, als man ihn gebeten hatte, nach Feierabend noch eines der Bühnenbilder fertigzustellen, hatte er dieses unbeschreibliche Gefühl erlebt: Wie es ist, wenn er, wenn nur er, in diesem großen Raum arbeitet. Wie es wäre, wenn er nicht einer unter den vielen anderen wäre. Den größten Genuss bereitet ihm die Stille, die im Malsaal herrscht, wenn er hier allein ist. Und so richtete Frank sich so häufig wie möglich diese Stunden nach Feierabend ein. Dazu hatte er sich nach und nach durch seine Arbeit unentbehrlich gemacht. Er weiß, dass es ihn bei seinen Kollegen nicht unbedingt beliebt macht, dass er häufig freiwillig Überstunden leistet. Überstunden, die eigentlich keiner von ihm verlangen kann, weil sie ihm nicht bezahlt werden und Frank sie in der Regel auch nicht abbummelt. Sein Chef, der Intendant des Opernhauses, weiß Franks freiwillige Dienste inzwischen sehr zu schätzen. Wenn es in der Bühnenbildabteilung etwas Wichtiges zu tun gibt, dann wendet er sich an ihn – an Frank Wolff.

Heute ist es wieder so gewesen. Die Arbeiten an der Bühnendekoration für „Hänsel und Gretel“ waren in Verzug geraten. Um sicherzustellen, dass sie bis zur Premiere fertig werden würde, hat Frank sich sofort bereit erklärt, länger zu arbeiten. Dass Frank dies auch tut, um sich selbst einen Gefallen zu tun, ahnt niemand.

Zu dieser Stunde ist nun niemand mehr im Raum. Keiner der Kollegen würde hereinplatzen und etwas von Frank wollen. Er ist endlich allein und muss keine Rolle mehr spielen. Er muss nicht so tun, als wäre er mit seinen Kollegen verbündet, nur weil er einer von ihnen ist. Er muss nicht mehr vor seinem Malsaalchef auf der Hut sein, nur weil dieser der Abteilungsleiter ist. Wenn Frank bei der Arbeit innehält, ist es im Raum so still, dass es in seinen Ohren zu rauschen beginnt. Er könnte sich einreden, dass er Herrscher über diesen Saal ist. Er bräuchte nur die Tür zum Flur zu öffnen, dann könnte er zurück in einen sehr lebendigen Opernbetrieb treten. In den meisten Abteilungen wird jetzt, am Abend, gearbeitet, weil die laufende Vorstellung vorbereitet und, wie man es nennt, gefahren werden muss. Die Kollegen vom Malsaal gehören zu den wenigen, die normale Dienstzeiten mit regelmäßigen Feierabenden und freien Wochenenden haben.

Franks Knie schmerzt. Das wievielte Knusperhaus ist es eigentlich, das er malt, fragt er sich. Wie viele „Hänsel und Gretel“-Inszenierungen hat er an diesem Haus schon miterlebt? Von der ganz klassischen, als wären die Kulissen den altmodischen Illustrationen des Brüder Grimm-Märchens abgeschaut worden, bis zur heutigen, wieder einmal einer modernen, in der im Märchenwald auch graue Mülltonnen stehen, weil Bühnenbildner und Regisseure das so wollen. Frank hat längst aufgehört, sich darüber zu mokieren, inzwischen amüsiert er sich eher über die Opernmacher, die offenbar nicht wissen, dass es das alles bereits in den achtziger Jahren schon mehr als einmal gegeben hat. Ihm sind die Inszenierungen, die vermutlich auch im Sinne des Komponisten Engelbert Humperdincks wären, die liebsten. Frank hat sehr viele verschiedene Opernaufführungen an seinem Haus erlebt, doch „Hänsel und Gretel“ ist die Oper, die ihm am meisten bedeutet. „Hänsel und Gretel“ ist das Märchen, mit dem er am meisten verbindet. Das ist jedoch eine andere Geschichte, eine, an die er sich geschworen hat nie mehr zu denken. Für die vielen Kinder, die zur Weihnachtszeit in die Oper kommen, sollte „Hänsel und Gretel“ etwas Besonderes sein. Deshalb gestaltet Frank heimlich ein paar Teile des Bühnenbildes um. Ein paar Kleinigkeiten, die das Ganze liebevoller wirken lassen. In eine Lebkuchenplatte des Hauses malt er winzige lustige Tiere hinein, in eine andere eine kleine Familie an einem Tisch. Der Bühnenbildner wird keine dieser Verbesserungen bemerken oder sie sich selbst auf die Fahne schreiben, ist Frank überzeugt.

Seit beinahe einer Stunde hockt Frank in derselben Stellung auf einem Knie. Dem Knie, das schon seit Jahren demoliert ist. Frank weiß, dass er es eigentlich schonen sollte. Sein Rücken schmerzt ebenfalls stark. Keiner seiner Kollegen weiß, dass Frank Wolff zu vierzig Prozent schwerbeschädigt ist. Frank würde es am liebsten selbst nicht wissen. Langsam und unter Stöhnen richtet er sich auf, sieht auf die Uhr und denkt, dass es Zeit wäre, nach Hause zu gehen. Er taucht den Pinsel in einen Wassereimer. Als er sich umwendet, bemerkt er, dass der Intendant der Oper in der Tür des Malsaals steht. Frank fragt sich erschrocken, wie lange sein Chef wohl dort schon verweilt und ihn beobachtet. Klaus Böhm kommt lächelnd auf ihn zu. „Wenn wir dich nicht hätten!“ Frank überlegt angestrengt, wie sehr er sich in den letzten Minuten hatte gehen lassen und ob man ihm dabei seine Schmerzen im Knie und im Rücken angemerkt haben könnte.

„Nützt ja nichts. Unser Bühnenbild muss doch fertig werden, Chef“, sagt er und nimmt den Pinsel wieder aus dem Eimer heraus, um seine Arbeit fortzusetzen, so als hätte er nichts anderes vorgehabt. Der Intendant kommt näher und besieht sich ein paar der Elemente der Bühnendekoration.

„Gut, wirklich gut! Wenn wir Leute wie dich nicht hätten … Heutzutage macht doch normalerweise keiner mehr einen Handschlag zu viel. Du kannst dir nicht vorstellen, mit welchen Typen ich mich gerade beim Ausbau meines Ferienhauses herumschlagen muss. Einer wie du, einer, der richtig anpacken kann, ist leider nicht dabei.“

„Wenn Sie wollen, könnte ich ja mal zu Ihrem Haus rausfahren und ein bisschen mit anfassen“, schlägt Frank vor, ohne seinen Chef anzuschauen.

„Ich habe nicht gewagt, dich zu fragen. Könntest du vielleicht schon am Wochenende?“, freut Klaus Böhm sich.

Frank schüttelt den Kopf.

„Am Wochenende? Nein, da …“

„Du bekommst selbstverständlich eine Mark pro Stunde mehr als die anderen Pfuscher. Die Wände in meinem Haus sollen mit Spachteltechnik bearbeitet werden. Du könntest denen mal zeigen, wie man das richtig macht. Zehn Mark pro Stunde, okay?“

„Zwölf Mark“, entgegnet Frank.

Böhm reicht ihm die Hand.

„Elf.“

„Okay, Chef.“

Beide Männer lächeln sich an. Der Intendant wirft sich ein Ende seines langen, roten Wollschals über die Schulter und greift sich beim Hinausgehen einen noch verschlossenen Eimer Farbe. Frank sieht ihm nach. Als er endlich wieder allein im Malsaal ist, reibt er sich das schmerzende Knie.

*

In seinem Wohnhaus stehen ein paar Nachbarn vor der Fahrstuhltür und unterhalten sich erbost darüber, dass sich erneut ein Sprayer mit undefinierbaren schwarzen Schriftzeichen an der Wand verewigt hat, und dass der Fahrstuhl wieder einmal außer Betrieb ist. Doch auch wenn er funktioniert, steigt Frank die Treppen in den sechsten Stock, in dem seine Neubauwohnung liegt, grundsätzlich zu Fuß hinauf. Er hält es in diesem engen, geschlossenen Fahrstuhlkasten einfach nicht gut aus. Das weiß jedoch niemand, jeder glaubt, Frank nähme die Treppen, um körperlich fit zu bleiben. Ein Nachbar, den er nur oberflächlich vom „Guten Tag“-Sagen kennt, ruft ihm hinterher, wie gut es für ihn wäre, dass Frank sich nie an den Luxus des Fahrstuhlfahrens gewöhnt hätte, und dass endlich mal jemand etwas gegen diese verdammten Sprayer unternehmen müsste. Frank nimmt jeweils zwei Stufen auf einmal. Es interessierte ihn noch nie, wie es im Hausflur oder gar vor dem Haus aussieht. Ihm ist nur wichtig, was sich hinter seiner eigenen Wohnungstür abspielt. Das Einzige, was für ihn wirklich zählt, ist sein Zuhause, ist seine Familie. Leise schließt er auf, um seine Frau und seinen Sohn zu überraschen. Einen Moment lang genießt er das Gefühl von Glück, als er sein Reich betritt, das ihn von dem heruntergekommenen Treppenhaus und den uninteressanten Nachbarn trennt. Das ihn von der Welt da draußen trennt. Keiner der Mitbewohner des Neubaublocks war jemals in Frank Wolffs Wohnung und hatte somit keine Gelegenheit, die großen Materialcollagen anzusehen, die die Wände in Flur und Wohnzimmer schmücken. Frank fertigt sie nach Feierabend an, wenn er mal nicht irgendwelchen Nebenjobs nachgeht, durch die er versucht, seiner Familie sämtliche materiellen Bedürfnisse zu erfüllen. Den Wolffs soll es an nichts fehlen. Er kauft seiner Frau jedes neue Haushaltsgerät. Und sein Sohn soll seinen Schulfreunden in Spielsachen in nichts nachstehen.

Als hätte Marcel gespürt, dass sein Vater nach Hause gekommen ist, reißt er die Tür seines Kinderzimmers auf.

„Papa!“

Frank denkt, dass Augenblicke wie diese diejenigen sind, für die es sich lohnt zu leben, für die es sich lohnt, sehr viel zu arbeiten. Eilig nimmt er ein Päckchen aus der Tasche und hält es hinter seinen Rücken.

„Ich habe eine Überraschung für dich! Rate mal, in welcher Hand?“

Marcel zeigt freudig auf die linke Hand seines Vaters. Falsch. Franks Frau Anne erscheint in der Küchentür und schüttelt vorwurfsvoll den Kopf, als Marcel ein kleines Paket Legosteine aus dem Geschenkpapier wickelt, zum Dank seinen Vater umarmt und wieder im Kinderzimmer verschwindet.

„Musste das sein?“, fragt Anne.

Frank geht auf sie zu und küsst sie lächelnd auf die Wange.

„Ja, das musste sein. Und das hier auch …“

Er zieht aus seiner Jackentasche ein weiteres winziges Päckchen und reicht es seiner Frau. Sie legt es wortlos auf der Anrichte ab und kehrt in die Küche zurück.

„Du – mit deinen Geschenken. Die ganze Bude quillt schon über. Es ist doch nicht Weihnachten!“

Frank geht seiner Frau nach.

„Bei uns soll jeden Tag Weihnachten sein! Dafür schufte ich jeden Tag. Damit wir es schön haben. Jeden Tag Weihnachten – verstehst du?“

Anne deckt den Küchentisch fürs Abendessen. Ohne dass er es selbst wahrnimmt, korrigiert Frank ihre Tätigkeiten. Er richtet Teller und Bestecke gerader, als seine Frau es tat. Danach holt er das kleine Geschenkpäckchen und legt es neben das Gedeck seiner Frau.

„Stell dir vor, mein Oberchef hat mich gefragt, ob ich ihm beim Ausbau seines Ferienhauses helfen würde. Der hat dort offenbar nur lauter Kanaillen beschäftigt, die herumpfuschen.“

Trotzig legt Anne ein Messer, das Frank soeben gerade gerückt hatte, wieder schief hin.

„Das bedeutet, du wirst am Wochenende mal wieder nicht zu Hause sein?“

„Was soll ich denn machen? Der Böhm, der ist doch vor mir fast auf den Knien gerutscht. Da konnte ich ihm meine Hilfe doch nicht abschlagen. Und das Geld, das können wir auch gut gebrauchen.“

Frank geht auf seine Frau zu, um sie zu küssen, doch sie entzieht sich seiner Annäherung.

„Ich möchte auch wieder arbeiten gehen. Etwas dazu verdienen“, sagt sie.

„Du weißt genau, dass du das nicht brauchst!“, entgegnet Frank. „Ich versorge dich. Und den Kleinen. Oder mache ich dir das etwa nicht gut genug?“

„Falls du es noch nicht bemerkt haben solltest: Der Kleine ist schon lange nicht mehr klein. Und ich, ich halte es den ganzen Tag lang in der Wohnung nicht mehr aus. Ich muss raus!“, wird Anne laut.

„Ich will das nicht! Ich will, dass du da bist und für unser Zuhause sorgst“, widerspricht Frank.

Bevor Anne noch etwas erwidern kann, ruft Frank in Richtung Kinderzimmer:

„Marcel! Abendbrot ist fertig!“

Wütend beginnt Anne, Brot zu schneiden.

Als sie spätabends auf dem Sofa sitzen, öffnet Anne endlich das Geschenkpäckchen und holt eine feingliedrige Goldkette hervor. Sie freut sich nicht wirklich darüber.

„Meine Mutter hat heute angerufen. Eine Stunde lang musste ich mit ihr reden. Es war mal wieder furchtbar.“

Frank legt seiner Frau die Kette um.

„Und was wollte sie?“

„Was weiß ich? Übers Wetter reden. Und mir Vorwürfe machen, weil ich sie zu selten besuche. Die alte Leier: Andere Töchter würden ihre Eltern öfter besuchen – oder einladen. Und über Weihnachten wollte sie auch schon wieder sprechen.“

Frank rückt dichter an seine Frau heran und umfasst ihren Rücken.

„Vielleicht solltest du dich tatsächlich ein bisschen mehr um sie kümmern. Freu dich einfach ein wenig darüber, dass du eine Mutter hast. Und dass sie dich sehen will.“

Anne greift um die neue Kette an ihrem Hals, als wäre sie ihr zu eng.

„Das sagst du doch nur, weil du keine Mutter hast! Nur, weil du Waise bist, muss ich doch meine Mutter nicht kritiklos hinnehmen.“

Sie steht auf und nimmt vom Telefontisch einen Brief. „Heute ist Post für dich gekommen.“

Frank zündet sich eine Zigarette an.

„Was steht denn drin?“

„Das weiß ich doch nicht! Ich mache doch deine Briefe nicht auf. So wie du meine.“

Frank inhaliert und sieht seine Frau an.

„Du kannst all meine Post lesen, ich habe keine Geheimnisse vor dir.“ Er öffnet den Brief und ist verwundert über den Absender.

„Vom Sozialamt?“

Frank überfliegt den Brief.

Sehr geehrter Herr Wolff,

nach unseren Unterlagen ist die beim Einwohneramt Osnabrück gemeldete Bürgerin Frau Ursula Kieckbusch, geborene Wolff, Ihre leibliche Mutter. Frau Kieckbusch bezieht seit dem 1. April 1993 Beihilfen zum Lebensunterhalt …

Nach unseren Informationen sind Sie erwerbstätig und verfügen somit über ein geregeltes Einkommen. Nach dem Bundessozialhilfegesetz sind Sie als Sohn verpflichtet, für Ihre Mutter finanziell aufzukommen. Bitte überweisen Sie die unten aufgeführten Beträge rückwirkend und mit sofortiger Wirkung auf das folgende Konto …

„Und? Was will das Sozialamt in Osnabrück von dir?“, fragt Anne.

Als könne er so das soeben Gelesene dadurch auslöschen, zerreißt Frank den Brief abrupt in viele kleine Teile. Die Schnipsel vermengt er auf dem Couchtisch.

„Nichts will das Sozialamt Osnabrück von mir! Gar nichts. Falsch adressiert. Die meinen einen anderen als mich. Vermutlich gibt’s Frank Wolffs wie Sand am Meer.“

Anne lacht auf.

„Und ich hatte schon Angst, dass du in Osnabrück vielleicht ein Kind haben könntest. Eines, von dem ich nichts weiß.“

Frank schiebt die Papierstücke in seine Hand zusammen und achtet dabei darauf, dass keines liegen bleibt.

„Schwachsinn“, sagt er, wirft die Schnipsel in den Aschenbecher und zündet sie an.

*

In den darauffolgenden Wochen gelingt es Frank beinahe, den Brief zu vergessen. Er glaubt inzwischen fast selbst daran, ihn bloß irrtümlich erhalten zu haben. Bis er nun nach Feierabend am Bett seines Sohnes sitzt.

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