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Außerhalb

Donnerstag, 20.11.

Julie glaubte, den kalten Novembernebel durch das Fenster sickern zu sehen. Graufingrig suchte er sich seinen Weg durch Ritzen und Spalten und überzog ihren Körper mit Schaudern. Den Rücken an das Kopfende des Kinderbettes gelehnt, wickelte Julie die Wolldecke enger um sich. Ihr kleiner Bruder murmelte im Schlaf. Sein unruhiger Körper drängte sich dicht an sie. Julie spürte Florians Wärme durch den rauweichen Baumwollstoff wie eine ungreifbare Erinnerung. Sie schloss die Augen und atmete den Geruch von Piratenshampoo und Abenteuerträumen.

Julie schreckte auf, als sie die Haustür schlagen hörte. Ihre Mutter war nach Hause gekommen. Während Julie die Decke zurückschlug, um nach unten zu gehen, fuhr ein Kältezittern durch ihre Glieder. Bevor sie ihrer Mutter begegnete, musste sie noch einen Blick auf den Brief werfen.

Julie spürte Charlottes weich getragene Botschaft in ihrer Hosentasche. Ihre blau gefrorenen Finger zogen das Papier zwischen den Jeansfalten hervor. An den Knickstellen war das Schreiben bereits mürbe geworden. Papier war nicht dafür geschaffen, so sehr beansprucht zu werden. Aber Julie brauchte diesen Brief. Denn ihre Gedanken lösten Bilder aus Buchstaben und trugen sie zurück in eine Welt, die sie verloren hatte. Es war eine harte Welt, voller Extreme, und doch durchzog die Hoffnung sie wie das Licht.

›Liebe Julie‹, las sie die Worte, die längst in ihrem Gedächtnis nisteten, ›wenn man einen Moment lang inne- und die Welt anhält, spürt man, wie atemlos die Zeit außerhalb der Klinik verrinnt. Die Außendinge nehmen so viel mehr Raum ein und sie scheinen die Tage voranzutreiben. Manchmal, wenn ich an die letzten Wochen denke, kann ich kaum glauben, was alles geschehen ist. Vor nicht allzu langer Zeit war ich noch Abiturientin, dann Patientin in einer Klinik und nun bin ich Medizinstudentin und wohne in einem Studentenwohnheim. Anfangs war ich an der Uni genauso überfordert wie während der ersten Kliniktage. Ich habe mich in den Gebäuden verlaufen und konnte den Gesichtern kaum Namen zuordnen. Aber mittlerweile beginne ich, mich hier wohlzufühlen. Rebecca sehe ich sehr oft und das ist gut. So fühlt sich nicht alles fremd an. Wie geht es dir? Ich denke so oft an dich! Charlotte‹.

Julie sah Charlotte vor sich, eingetaucht in das Gegenlicht des Sommers, in die Umrisse von Menschen, die ihre Freunde gewesen waren. Die Klinikwelt zog in raschen Bildern an ihr vorbei. Lautlos erzählten sie von Nähe und Herausforderung, von Mut und Verzweiflung, von Dauer und Verlust. Julie flüsterte die letzten Worte des Briefes. Sie wünschte sich, auf den Buchstaben reisen zu können. Zurück in die Welt, aus der der Brief gekommen war und die viel zu schnell unter einem Aufflackern von Unwirklichkeit gestorben war.

»Maja?« Belustigte Augen hinter runden Brillengläsern erschienen in Majas Blickfeld.

Sie schüttelte mit einem Stirnrunzeln den Kopf. Die zäh in ihre Gedanken tropfenden Bilder verwandelten das verstörend fremde Gesicht langsam in ein vertrautes. Neben ihr saß Wiebke, ihre neue Uni-Bekannte. Heute Nachmittag waren sie gemeinsam im Kolloquium gewesen. Und dann waren sie – Maja blickte sich um – ins Foyer gegangen.

Maja blinzelte Wiebke an und rang sich ein Lächeln ab. »Tut mir leid, dass ich nicht zugehört habe!« Sie fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, als könnte sie damit die beunruhigende Ahnungslosigkeit fortwischen. Die letzten Stunden lagen im Dunkel einer nicht vorhandenen Erinnerung. »Ich glaube, ich kann mich nicht mehr konzentrieren.«

»Es ist ja auch schon spät.« Wiebke deutete in die schwarze Nacht vor den Fenstern und klappte ihr Notebook zu. »Ich hätte dich nicht mehr mit meiner Masterarbeit nerven sollen!«

»Du nervst nicht«, widersprach Maja schnell, »wirklich nicht!«

Sie lächelte gegen die Erschöpfung an. »Aber vielleicht sollten wir ...« Ihr Blick wanderte über die zahllosen Blätter, die über den Tisch verteilt lagen. Majas Handschrift war mal wieder ins Unleserliche gekippt. »... wann anders weiterreden?«

»Kein Problem!« Wiebke lächelte und schlang sich den Schal um den Hals. »Soll ich dich auf dem Roller mitnehmen?«

Maja schüttelte matt den Kopf. »Ich muss noch einkaufen.«

Sie begann, die Zettel einzusammeln, warf Wiebke einen unsicheren Blick zu und schwenkte dann den Papierstapel in der Hand. »Brauchst du etwas davon?«

»Von deinen Songs? Ich glaube nicht, dass du die hergeben willst!« Wiebkes Augenbrauen zogen sich skeptisch zusammen. »Bist du sicher, dass du okay bist? Soll ich dich wirklich nicht mitnehmen?«

»Nein«, Maja versuchte ein beruhigendes Lächeln, »alles in Ordnung!«

Songs. Sie fragte sich, seit wann sie in der Uni Songs aufschrieb, und hoffte, dass Wiebke sie nicht zu seltsam fand. Schon allein deshalb widerstand Maja dem Impuls, sich die Blätter genauer anzuschauen. Es sollte wenigstens so aussehen, als wüsste sie, was sie in der Uni tat. Aber wie, um sie vollends zu verwirren, sprang nun in ihrem Inneren eine Tonspur an.

You may cover the tracks‹, sang eine weiche, melodische Stimme, ›and act like yourself ...‹

»Also gut«, Wiebke lächelte Maja an, »dann bis morgen!«

Maja lächelte zurück. »Ja, dann bis morgen!«

... but who will uncover the songs and stop cheating oneself?‹

Während Wiebke die schwere Feuerschutztür aufstemmte und im Gang verschwand, verstaute Maja die Papiere in ihrer Tasche. Erleichtert stellte sie fest, dass sich der Gesang in ein Summen verwandelte. Ihre Gedanken tasteten ihr Gedächtnis nach den morgigen Terminen ab und hofften hilflos auf die Zuverlässigkeit der Kalenderfunktion ihres Smartphones. Sie vergrub das Gesicht in den Händen. Die Ellenbogen auf den weißen Uni-Tisch gestützt, versuchte sie, die Orientierung zurückzugewinnen.

Seit sie umgezogen war, hatte das Chaos in ihrem Leben neue, bizarre und beängstigende Formen angenommen. Und die aufdringlichen, gesprochenen und gesungenen Sätze, die durch ihren Kopf zogen, als hätten sie ein Eigenleben, waren nur ein Teil davon.

Dabei war Maja glücklich, hier zu sein. Die Uni mit ihren alten, hohen Gebäuden und Stuckdecken gefiel ihr. Die Angebote des Pädagogik-Studiengangs waren ausgezeichnet und Rebecca wohnte im Nachbarviertel. Mit einem verirrten Lächeln dachte Maja an Rebeccas fragiles, um so viel gepiercte Härte bemühtes Gesicht. Die wenigen gemeinsamen Klinikwochen hatten sie verbunden wie ein halbes Leben. Und dennoch brachen große Brocken Zeit aus Majas Leben, hinterließen schwarze Löcher in ihrem Gedächtnis und unerwartete Spuren in der Realität.

Maja sah aus dem Fenster. Draußen erwartete sie das Winterdunkel. Eine unbestimmte Angst kroch ihr die Kehle hinauf. Sie musste los, es würde nur später werden und die allabendliche Angst größer. Rasch sammelte sie die Dinge ein, die noch auf dem Tisch lagen, und machte sich auf den Weg.

Als Julie leise in die Küche trat, stand ihre Mutter neben dem Herd. Eine Hand bewegte den Teebeutel im Glas langsam auf und ab. Julie betrachtete Thereses abwesenden Ausdruck, in dem sich Jugend abzeichnete. Besonders, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, verlor Thereses Gesicht die Jahre und Julie bekam das Gefühl, einer Mutter gegenüberzustehen, die nie erwachsen geworden war. Vielleicht, überlegte Julie, hinterließ die Zeit keine Spuren, wenn man selbst keine große Rolle darin spielte.

Therese hob den Kopf und ein trauriges, azurblaues Lächeln streifte Julie. »Hallo Große.«

»Hallo Mama«, erwiderte Julie leise.

In der Armeslänge zwischen ihnen schien sich eine kaum fassbare Ferne zu verdichten. Einen Augenblick lang wünschte Julie sich nichts Anderes, als dass ihre Mutter sie noch einmal wie Florian in den Arm nehmen und versprechen würde, dass alles gut werden würde.

Julies Finger berührten Charlottes Brief.

›Warum trägst du den Brief immer mit dir rum?‹, hatte ihr kleiner Bruder gefragt.

Und sie hatte ihm zugeflüstert, dass Briefe Schätze sein konnten, ganz besondere Schätze.

Denn sie konnten alles sein. Geheimnisträger und Erinnerungsmaler, Fluchtdichter, Lichtzeichner und Wärmebewahrer ...

Der Teebeutel im dampfenden Becher hob und senkte sich langsam in einem einsamen Rhythmus.

Schließlich drehte sich Therese zu Julie um. »Wie war der Nachmittag?«

Julie lehnte sich an den Türrahmen. »Opa Kurt und Florian haben versucht, ein paar Sachen im Garten zu vergraben.«

Julies vokabeldurchzogener Blick wanderte über die Terrassentür, als sie plötzlich bemerkte, dass Kurt und Florian draußen waren. Sie ließ ihre Vokabelliste auf den Tisch fallen und öffnete die Tür.

»Hey ihr zwei! Was macht ihr denn da?«

Florian strahlte sie mit schlammverkrusteten Händen an. »Wir vergraben einen Piratenschatz!«

Julie beeilte sich, in die feuchte Kälte hinauszukommen. »Und was vergrabt ihr da?«

»Briefe!«, erklärte Florian. »Und Mamas Schmuck.«

Julie klaubte einige erdverschmierte Umschläge, zwei Ringe und eine Kette aus dem Beet, dann nahm sie Kurt den Rest des Schatzes ab.

»Wir suchen etwas Anderes, was ihr vergraben könnt, okay? Diese Schätze braucht Mama noch.«

»Nein!«, widersprach Kurt heftig. Seine Augen rasten über Julie hinweg. »Wir müssen«, er deutete erregt auf das Loch in der Erde, »alles muss in Sicherheit gebracht werden!«

In Kurts rehbraunen Augen glaubte Julie das furchtgetriebene Kind zu sehen, das vor mehr als siebzig Jahren einen Krieg überlebt hatte.

»Da drinnen«, sagte sie und deutete auf das Haus, »gibt es ganz sichere Verstecke!«

Nur für Kurt gab es keine Zuflucht vor den Schatten einer längst vergangenen Zeit.

Julie sog an ihrer Unterlippe. »Aber ich habe alle Sachen retten können.«

Therese nickte ausdruckslos ins Leere. Wahrscheinlich war die Bedeutung der Worte wie so oft ungehört irgendwo in Thereses Innerem ertrunken.

Es würden keine weiteren Fragen folgen. Julie schlang die Arme um ihren Brustkorb.

»Wie war es in der ›Villa‹?«

Ihre Mutter hob die Teetasse und blies vorsichtig darüber.

»Das war heute die friedlichste Kunststunde seit Langem. Es gab nur einmal Streit und das ohne Handgreiflichkeiten.«

Ein schwaches Lächeln erreichte Julie. »Morgen Abend bin ich da, dann bringe ich Kurt und Florian ins Bett.«

Julie nickte. Manchmal glaubte sie, dass ihre Mutter mit den Malkursen im Kinderheim wieder und wieder versuchte, einen Teil von sich selbst zu retten. Die heimatlose, künstlerisch begabte Sozialwaise, die sie einst gewesen war.

Julie löste sich vom Türrahmen. Die Vokabelliste musste noch einmal wiederholt werden.

»Ich gehe nach oben. Morgen schreiben wir Englisch, ich muss noch lernen.«

»Gut.« Ihre Mutter nickte leicht. »Dann bis morgen früh.«

»Hey!« Elias’ weiche Stimme hüllte Maja auch durch das Telefon wärmend ein.

Sie seufzte dankbar, während sie ihre Schuhe von den Füßen kickte. »Wie schön, dich zu hören!«

Maja ließ sich auf den Teppichboden nieder und öffnete den Kaninchenkäfig. Mikado und Memory sprangen heraus und eroberten hoppelnd das Zimmer.

Elias lachte leise. »War der Tag so schlimm?«

»Anstrengend«, bekannte Maja. Memory stupste ihre Hand an und Maja fuhr sacht über seine schwarze Stirn. »Wie war es bei dir?«

»Ganz okay.« Maja glaubte, Elias’ Schulterzucken zu sehen. »Die Teambesprechung war zum Sterben langweilig. Aber danach habe ich angefangen, mit den Kindern die neue Holzhütte anzustreichen.« Elias’ Stimme bekam wieder einen leuchtenden Klang. »Du hättest sehen sollen, wie stolz und wie begeistert sie waren!«

Maja musste lächeln. Es fiel ihr ganz leicht, sich Elias inmitten der Kinder vorzustellen. Ein pinselschwingender, schlaksiger Mittzwanziger zwischen farbbeklecksten Grundschülern. Es war schwer zu sagen, wer in ihrem Bild glücklicher wirkte – die Kinder oder Elias.

»Ich wünschte«, brach es aus Maja heraus, »ich hätte als Kind einen Erzieher wie dich gehabt.«

Ihre Finger erstarrten einen Moment in der Luft, als hätten Majas Worte sie erschreckt, dann strichen sie über Mikados weiches Fell. Elias’ ruhiger, gleichmäßiger Atem klang in ihrem Ohr.

»Du hast mich jetzt«, sagte er leise und seine Worte umarmten sie gefahrlos.

»Ja, das stimmt.« Maja lächelte und angelte nach ihrem Tabakpäckchen. Mit einer hellroten Haarsträhne strich sie die Vergangenheit zurück. »Und das ist mehr, als ich zu hoffen gewagt habe.«

Freitag, 21.11.

»Ich will Honig!«, rief Florian, während er auf seinen Stuhl kletterte. »Honig, Honig, Honig!«

»Gleich.« Julie schnitt das Marmeladenbrot andächtig in schmale Streifen. »Das ist für dich, Kurt.«

Nacheinander legte Julie die Häppchen auf das Frühstücksbrett ihres Großvaters. »Das ist Brombeere, deine Lieblingsmarmelade.«

Kurts Blick wanderte über die Tischplatte und Julie wischte die Marmeladenspuren an Daumen und Zeigefinger mit der Serviette ab.

»Jetzt will ich Honig!«, wiederholte Florian und hüpfte auf seinem Stuhl auf und ab.

Julie nahm eine weitere Scheibe Brot aus dem Korb. Butter und Honig. Ihr Magen schmerzte bei dem Gedanken an Nahrung. Während sie das Brot bestrich, erinnerten sich ihre Geschmacksnerven an das milde, sahnige Aroma von Butter auf frischem, duftendem Brot. Sie glaubte, den knusprigen Rand zwischen ihren Zähnen brechen zu spüren, und fühlte die Süße des Blütenhonigs über ihre Zunge gleiten. Julie musste schlucken. Sie wusste, dass nur der Hunger ihr diese Vorstellungsgewalt überantwortete. Mit einem letzten, liebevollen Messerstrich verabschiedete sich Julie von Florians Frühstück.

Die Küchentür öffnete sich und Julie hörte die Schritte ihrer Mutter auf dem Weg zur Kaffeemaschine. Glas klapperte auf Metall, dann wurde die heiße, schwarzaromatische Flüssigkeit in einen Porzellanbecher gegossen. Kaffeeduft zog bitterölig in Julies Nase und kündigte Thereses Ankunft am Esstisch an.

Julie schwenkte eine Milchpfütze in ihrer Tasse. Es würde so aussehen, als hätte sie etwas davon getrunken.

»Opa!« Florian lachte glucksend und kippelte dabei gefährlich mit seinem Kakaobecher. »Guck mal Julie, was Opa macht!«

Julie fuhr auf. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Kurt die zweite Salamischeibe in seinem Tee versenkte. Rasch nahm sie seine Tasse an sich. Der fragende Blick ihres Großvaters folgte ihr.

»Tee schmeckt nicht mit Wurst«, erklärte Julie.

Unwillkürlich fragte sie sich, ob Kurt die Flüssigkeit in der Tasse für Suppe gehalten hatte. Für eine dünne Kriegsbrühe, die er mit Salami hatte schmackhafter machen wollen.

»Wenn du möchtest«, bot Julie an, »kann ich dir aber ein Wurstbrot machen.«

»Ich übernehme das.« Therese war im Türrahmen erschienen.

In ihren Augen stand die gleiche matte Traurigkeit wie am Abend zuvor. Wahrscheinlich, dachte Julie, waren Thereses Nächte genauso schlaflos und gedankenschwer wie ihre. Julie schenkte ihrer Mutter ein blasses Lächeln.

Therese nahm ihrer Tochter Kurts Tasse ab. »Geh du zur Schule, du bist sowieso schon spät dran.«

Maja lauschte angespannt dem Tuten des Telefons. Der Kugelschreiber wanderte zwischen ihren nervösen Fingern auf und ab. Dann sprang ein Anrufbeantworter an.

»Guten Tag! Sie sind mit der psychiatrisch-psychotherapeutischen Praxis von Dr. Reiner Gräbert verbunden. Im Augenblick kann ich Ihren Anruf leider nicht entgegennehmen. Wenn Sie Ihren Namen und Ihre Telefonnummer hinterlassen, rufe ich Sie baldmöglichst zurück!«

Maja stotterte ihren Namen auf die Mailbox und verstummte. Ihre Angst vor Ärzten und Therapeuten wurde unvermittelt so groß, dass sich Maja nicht mehr an ihre eigene Handynummer erinnern konnte. Für den Bruchteil einer Sekunde wurde es dunkel, als schlüge in ihrem Gehirn ein Buch zu und sie selbst wäre zwischen den Seiten gefangen. Dann sah Maja ihren Taschenkalender vor sich liegen und hörte ihre Stimme die letzten Ziffern ihrer Nummer ablesen.

Majas Finger zitterten, als sie den Anrufbeantworter durch Auflegen abwürgte. Es war ein kaum spürbares Zeitloch gewesen. Aber sie hatte ihn wahrgenommen, den erinnerungsleeren Spalt zwischen ihrem Verstummen und der wie fremd und doch durch ihre Stimmbänder ausgesprochenen Telefonnummer. Noch eine Weile jagte ihr Herz panikgetrieben, dann schlug es zögernd langsamer und fiel schließlich in einen ruhigeren Rhythmus. Sie hatte das Telefonat überstanden.

Majas Erleichterung war vielfältig. Sie war erleichtert, dass das Telefonat vorbei war. Dass sie niemanden erreicht hatte, mit dem sie hätte sprechen müssen. Und paradoxerweise gleichzeitig, dass sie jemanden erreicht hatte, der zurückrufen würde.

Majas Furcht vor Psychiatern hatte in diesen Minuten ein neues Maximum erreicht. Und trotzdem hoffte sie verzweifelt, dass Dr. Gräbert bald antwortete. Es ließ sich einfach nicht länger ignorieren, dass sie Hilfe brauchte, wenn sie nicht völlig durchdrehen wollte.

Schon während der Klinikzeit hatten sich ihre Symptome drastisch verschärft. Anfangs hatte sie immer noch in den studentischen Funktionsmodus zurückgefunden. Aber in den letzten, herbstlichen Therapiewochen war davon nicht mehr viel übrig gewesen. Gebeutelt von Flashbacks, inneren Stimmen und Blackouts war sie schließlich entlassen worden. Und dann hatte die Großstadt begonnen, ihre eigenen Ansprüche an Maja zu stellen. Mit jeder Anfrage an ihre Fähigkeit, sich zu orientieren und den Überblick zu behalten, schien sie einen Teil davon zu verlieren. Die meiste Zeit fühlte Maja sich total konfus, überflutet, oder einfach gar nicht anwesend.

In der Abschlussvisite hatte Dr. Albert keinerlei Zweifel an der Notwendigkeit gelassen, dass Maja weiterhin eine Therapie brauchte. Der Arzt hatte ihr eindringlich erklärt, dass sie zur Stabilisierung unbedingt ambulante Hilfen in Anspruch nehmen müsse.

Aber wie schwierig es war, diese Hilfen zu finden, erfuhr sie erst jetzt.

Maja hatte die ganze Stadt nach Therapeuten durchforstet und jeder einzelne Anruf hatte sie so viel Kraft und Mut gekostet, dass sie danach Stunden gebraucht hatte, um wieder bei sich anzukommen. Erreicht hatte sie nichts. Es schien keinen einzigen freien Therapieplatz in dieser Stadt zu geben. Dr. Gräbert war der letzte Name auf ihrer Liste gewesen.

Maja stützte ihren Kopf in die Hände und wartete, bis auch das letzte Zittern verschwand. Dann nahm sie ihr Smartphone und rief Rebecca an. Rebecca, die stets alles nahm, was da war, egal was es war, oder ob sie wusste, was es war.

»Maja?« Rebeccas Stimme klang rau und unbenutzt. »Ist was passiert?«

»Hast du noch geschlafen?« Maja hörte ihr eigenes Erschrecken. Sie hatte wieder nicht auf die Uhrzeit geachtet. Ein gravierender Fehler, wenn die Zeit nicht linear verlief und zudem Löcher aufwies.

»Nein.« Maja konnte Rebeccas Feuerzeug schnappen hören. »Ich bin nur noch nicht ganz wach. War keine schöne Nacht.«

»Tut mir leid«, murmelte Maja zerknirscht.

»Schon okay.« Rebecca stieß hörbar Zigarettenrauch aus. Maja stellte sich vor, wie die blauen Fäden über dem WG-Balkon in die Luft stiegen. Ihr Verlangen nach einer Zigarette vermischte sich mit dem Wunsch, Rebecca zu sehen. In deren Gegenwart, das schien ihre Sehnsucht zu versprechen, würde sich der innere Aufruhr beruhigen. Wenigstens für eine Weile.

»Hast du heute Zeit?«

»Für dich immer.« Rebecca zog an ihrer Zigarette. »Wann?«

Maja stieß einen Stapel Bücher um, als sie fahrig nach ihren Unterlagen vom letzten Freitag suchte.

»Ich muss um elf in die Uni«, stellte sie fest. »Wie wäre es um eins in der Mensa?«

»Okay.«

Maja hörte den leeren Blumentopf klappern, in den Rebecca die Zigarettenasche fallen ließ.

Eine Welle warmer Dankbarkeit überrollte sie. Auch wenn Rebecca selbst in der ständigen Gefahr schwebte, die Balance am Abgrund zu verlieren, war sie doch Majas greifbarste Verbindung zu wackeliger Stabilität.

»Eines muss man der Klinik lassen«, verkündete Rebecca, während sie eine lasche Pommes zwischen den Fingern drehte, »das Essen dort war auf jeden Fall besser als in der Mensa.«

Maja lachte und rührte in ihrer Tomatensuppe. Rebecca wieder gegenüberzusitzen, tat gut. Wenn sie die Mittelmäßigkeit des Essens ausblendete und sich an Rebeccas silbrig-ernstem Gesicht festhielt, schwappte die lärmende Unruhe der Mensa über sie hinweg.

»Aber«, stellte sie fest, »wir sitzen wieder neben einem Salatbüffet.«

Als am Nebentisch scheppernd Besteck zu Boden fiel, ergänzte sie: »Außerdem ist um uns herum die Hölle los.«

»Yeah«, grinste Rebecca. »Die Hölle ist echt überall.«

Sie tunkte ihre Pommes in Majas Suppe und leckte das Rot ab. »Also, was machen wir heute?«

Das diabolische Blitzen in Rebeccas Augen verhieß manischen Aktionismus am Rande eines destruktiven Absturzes. Maja beunruhigte der apokalyptische Schimmer.

»War keine schöne Nacht.«

Sie fragte sich, wohin die Dunkelheit Rebecca dieses Mal entführt, welche Bilder sie Rebecca ins Hirn gezeichnet hatte. Skizzenhafte Erinnerungen an ehemals erlebte Gewalt, oder aus der Vergangenheit geborene Albträume?

Maja spürte, dass die Vorzeit immer noch ihre Arme ausstreckte, nach ihr, nach Rebecca, nach der Gegenwart. Wenn sie sich jetzt nicht verankerten, im Hier und Jetzt, würden sie mitgerissen werden von etwas, das keine von ihnen steuern konnte.

»Ich«, begann Maja zögernd, »habe heute einen Therapeuten angerufen.«

»Gut.« Rebecca nickte und pustete sich eine ihrer kinnlangen Locken aus den Augen. »Hast du jemanden erreicht?«

»Nur den Anrufbeantworter.« Maja legte den Löffel beiseite. »Aber ich durfte meine Nummer hinterlassen. Die meisten teilen schon in der Ansage mit, dass sie keine freien Plätze haben.«

Die Neonröhre über ihnen flimmerte. Maja betrachtete ihre Freundin beim Wühlen nach Zigaretten. »Was ist eigentlich mit dir? Du hattest auch mal eine Therapeutin.«

»Vor der Klinik, ja.« Rebecca fingerte eine Zigarette aus der Schachtel. Über ihnen erstarb das Licht mit einem letzten Aufblitzen. »Ich habe keine Stunden mehr.«

Maja beobachtete, wie Rebecca das Piercing um ihre schmale Unterlippe in den Mund zog.

»Es ist alles ausgeschöpft. Die Kasse zahlt nicht mehr. Wir haben mehrere Gutachter durch.«

Majas Blick suchte Rebeccas dunkle Augen vergeblich.

Kein Therapeut würde je zugeben, dass etwas hoffnungslos war. Aber manchmal gab es keine Antworten. Manchmal entwickelten sich keine Lösungen. Manchmal zeigten sich keine Auswege.

Rebeccas Leben war durchzogen von Irrsinn und Zerstörung. Aber niemand hatte einen Anspruch auf Hoffnung. Ein Bildergewitter sprengte Maja die Umrisse eines fremden Mannes vor Augen, dann verloren sich die Gestaltsplitter im Nichts.

»Kommst du noch mit in die WG?«, fragte Rebecca. »Auf einen Espresso zum Nachtisch?«

Maja nickte. Wie betäubt suchte sie nach einem Sinn zwischen den verlorenen Bildscherben.

»Dann komm!« Rebecca stand auf. »Du siehst aus, als solltest du raus aus der Hölle!«

Der Dreiklang der Schulglocke ertönte zum letzten Mal, dann sammelte der Englischlehrer die Klausuren ein. Eine dreistündige Anspannung löste sich in Lärm auf. Stühlerücken, Papiergeraschel und einzelne Stimmen vereinten sich zu einem dröhnenden Gewirr. Julie legte ihren Kopf auf die Tischplatte. Sie spürte, wie Konzentration und Furcht aus ihr herausströmten und sie in kraftloser Schummrigkeit zurückließen. Aus nächster Nähe betrachtet, wirkte die zerlesene Ausgabe von Macbeth monströs, wie der Versuch, diesen Fels aus Buchseiten mit Markierungen und Notizen bezwingbar zu machen.

»Julie?«

Julie fuhr hoch. Schwindel schlug sie mit schwarzen Flecken. Durch das Schwanken der Welt hindurch erkannte sie die Konturen ihres Englischlehrers.

»Geht es Ihnen gut?«, erkundigte er sich, während er das letzte der zuvor abgegebenen Handys auf ihren Tisch legte. »Sie sehen sehr blass aus.«

Unter Julies angestrengtem Blick schärften sich die Züge des Pädagogen.

»Nein«, stotterte sie. »Ich meine, ja«. Hilflos hangelte sie nach Worthülsen. »Mir geht es gut.«

Die Gegenwart des Lehrers machte sie nervös und seine Aufmerksamkeit war das Letzte, was sie wollte. Es war schlimm genug, dass jeder sie als Tochter des Mannes kannte, der die naturwissenschaftlichen Räume der Schule neu ausgestattet hatte. Julie selbst wollte nicht auffallen. Fahrig begann sie, die Stifte einzusammeln, um den Anschein von Unbefangenheit bemüht.

»Gehen Sie ein bisschen an die frische Luft.« Der Lehrer deutete mit seinen Büchern zum Fenster. »Und essen Sie etwas.«

Julie nickte, ohne ihn anzusehen. Essen. Ihre hohlen Magenwände schienen sich selbst zu verschlingen. In schmerzhaften Wellen katapultierten sie Übelkeit durch ihren Körper.

Der Kursleiter schwenkte mit einem letzten Blick herum. »Ein schönes Wochenende!«, rief er den versprengten Resten der Klasse zu. »Bis Montag!«

Julie wusste, dass ihr Englischlehrer nichts weiter sagen würde. Offiziell wusste in der Schule niemand von ihrer Essstörung. Sie war während der Sommerferien in der Klinik gewesen und für die letzten zwei Wochen hatten ihre Eltern sie beim Rektor entschuldigt. Benedikts Großzügigkeit hatte eine Wirkung wie Schweigegeld.

Langsam packte Julie ihre Sachen zusammen. Kalter Schweiß lag klebrig über den Händen, die das Buch und die übrig gebliebenen Klausurbögen in ihren Rucksack gleiten ließen. Als sie mit bebenden Fingern den Reißverschluss zuziehen wollte, nahm ihr verschwommener Blick ein kleines, weißes Quadrat auf dem Rucksackboden wahr. Julie zog es langsam hervor. Das Traubenzuckerplättchen war angeschlagen, pudrig haftete das süße Pulver an der verschmutzten Folie.

»23 Kalorien. Ungefähr.«

Die Erinnerung an einen sonnendurchfluteten Klinikgang wischte das Klassenzimmer fort. Julie sah Charlottes noch unbekanntes, von Verzweiflung und Angst gezeichnetes Gesicht. Und sie hörte ihre eigene, ermutigende Stimme.

»Traubenzucker ist echt okay.«

Julie wog den Traubenzucker in der Hand. Dann zog sie langsam die Folie ab.

Die weiß gestrichene Wohnungstür schwang auf, als Andrea zwei Einkaufstüten in den WG-Wohnflur wuchtete. Maja hatte sich Rebeccas Mitbewohnerin früher immer anders vorgestellt, mehr wie Rebecca.

»Hallo ihr zwei!«, begrüßte Andrea die beiden auf dem Flursofa und stellte Rebeccas Musik leiser.

»He!«, beschwerte sich Rebecca. »Das ist mein Lieblingslied!«

Andrea hob eine der Tüten auf den Esstisch. »Wenn du in zehn Jahren noch Lieblingslieder haben willst, solltest du dein Gehör schonen!«

Maja musste schmunzeln. Rebeccas Freundin war frei von jeder Exzentrik. Kein Metall akzentuierte ihr von weichem, hellbraunem Haar umgebenes Gesicht und ihre Kleider waren niemals schwarz. Andrea hatte nichts von Rebeccas bedingungslos veräußerter Extremität, aber Maja hatte sofort verstanden, was Andrea zu einer ganz besonderen Freundin machte. Sie war einer der wenigen Menschen, die unerschütterlich und trotzdem berührbar waren.

»Charlotte«, wandte sich Andrea an Rebecca, »kommt auch jeden Moment. Ich habe sie an der Haltestelle getroffen.«

»Jetzt schon?« Rebeccas Freude verschluckte den Moment der Frustration.

»Ja.« Andrea packte ihre Einkäufe auf den Tisch. »Sie hat gesagt, dass eine Vorlesung ausgefallen ist.«

Das strahlende Leuchten, das nun in Rebeccas Augen lag, hatte nichts Diabolisches mehr an sich. Maja spürte, wie es ein Lächeln in ihr aufstöberte. Wenn es im Augenblick jemanden gab, der den Teufel aus Rebeccas Leben vertreiben konnte, dann war es Charlotte.

Es klingelte und Rebecca flitzte zur Tür.

Maja blinzelte desorientiert in das fremde Dunkel. Die nächtlichen Schemen zeichneten das Zimmer undeutlich nach. Sie war noch immer im WG-Flur. Jemand hatte ihr eine Decke gegeben und offenbar war sie auf dem Sofa eingeschlafen. Verworren fragte sie sich, wie spät es wohl war. Als sie sich aufrichtete, um nach ihrem Handy zu suchen, schwang eine Tür leise auf. Maja sah eine schwarze Gestalt in den Flur schlüpfen.

»Hey«, hörte sie Rebecca flüstern, »du bist ja wach!«

»Ja«, murmelte Maja. Ein Blick auf das Display verriet ihr, dass es kurz nach zwei war. Aber warum war sie noch hier? Majas Gedanken versuchten, den Widerhall der Ereignisse zu fassen. Vage erkannte sie das Gefühl bedeutungsloser Benommenheit. Tranquilizer. Ganz offensichtlich hatte sie Medikamente genommen. Aber den Grund dafür schien sie mit der Tablette versenkt zu haben.

Rebeccas Silhouette kam zu ihr herüber. Nachtschatten brachen ihre Gesichtszüge, trotzdem spürte Maja den vertrauten, dunkel fragenden Blick. Unzusammenhängende Worte stockten in ihrer Kehle. Der Blackout in ihrem Kopf war düsterer als die Nacht.

Rebecca ging vor Maja in die Hocke. Schwarze, spangenlose Locken verfingen sich in ihren Wimpern. Maja glaubte, Rebecca noch nie so verletzbar gesehen zu haben. Das verwaschene Shirt umspielte einen Körper, der in seiner Blöße nur noch fragiler wirkte. Alle Härte verschwand im Geruch nach Schlaf, Charlotte und Liebe. Rebecca hatte ihre eigene Unterwelt – und es war gut, wenn sie diese gerade nicht spürte.

»Was«, fragte Maja und schmeckte die Angst vor der Antwort, »ist geschehen?«

Rebecca ließ sich im Schneidersitz vor dem Sofa nieder. »Du bist in irgendeinen Flashback gerutscht, als Charlottes Handy geklingelt hat.«

»Warum?« Maja hörte das Wort stimmlos kippen.

»Das weiß ich nicht.« Rebecca versuchte, Majas Blick zu halten. Und als ein Zucken durch Majas Körper lief, flochten sich Rebeccas Finger in ihre. »Es war wie damals in der Klinik, als dein Vater gekommen ist.«

Maja nickte. Zerrüttete Bildfragmente wirbelten durch ihren Geist.

Bewegungsdurchwirkte Dunkelheit, zu Schatten verschmolzene Gestalten, die angedeutete Linie eines Profils unter schwarzem Stoff.

»Du bist dissoziiert und warst nicht ansprechbar.« Rebeccas Daumen strichen über Majas Handfläche. »Aber es ist vorbei. Du bist hier und alles ist gut.«

Rebeccas Worte tasteten in Majas Kopf nach Bestätigung. Es war kaum vorstellbar, dass alles gut war. Aber es war vorbei und sie war hier.

Rebecca deutete auf ein Glas Wasser neben dem Sofa. »Ich habe dir was von meinen Notfallmedis gegeben.«

»Danke.« Maja schluckte trocken. »Rebecca, ich erinnere mich nicht!«

Rebecca schüttelte langsam den Kopf. »Das ist nicht schlimm.«

Ihre dunklen Augen boten Maja die einzige Gewissheit an, die Rebecca zu verschenken hatte: ihre eigene, persönliche Wahrheit.

Maja versuchte, die Beklemmung abzustreifen, die wie ein nasser, schwarzer Stoff über ihr lag. Sie spürte, dass die Welt in ihr, die sie nie kennenlernen wollte, nach ihr ausholte. Ihre Unterwelt sickerte durch jedes Zeitloch und durch jeden Blackout. Manchmal sang sie auch noch.

»Sollen wir noch eine rauchen?« Rebecca stand auf.

Maja nickte. Sie schlang die Decke enger um die Schultern und folgte Rebecca auf den baufälligen Balkon hinaus. Nebeneinander stehend betrachteten sie die im Mondlicht treibenden Wolken. Maja spürte den doppelten Boden, auf dem sie stand. Sie fühlte die Finsternis im Untergrund und die Brüchigkeit ihres Bodens.

»Weißt du«, Rebecca lehnte an der Wand, »die Zeitreisen, die Erinnerungslücken, das alles macht Angst. Aber die Welt darunter«, sie sah Maja an, »hat es die ganze Zeit schon gegeben.« Kälterauch trug Rebeccas Worte zum Himmel. »Eines Tages wird sie dir keine Angst mehr machen. Und der Untergrund wird dein Grund sein!«

Maja sah das angedeutete Lächeln auf Rebeccas filigranem Gesicht. Und sie wusste, dass die Nacht neben ihrer Freundin immer heller sein würde, wie finster sie auch sein mochte.

Samstag, 22.11.

Julie starrte mit leerem Blick auf den Computerbildschirm in Benedikts Büro. Winterdunkelheit stand noch undurchdringlich vor dem Fenster. Sie war übermüdet und doch konnte sie nicht mehr schlafen. Wie so oft hatte die Nacht Gedankengeister geschaffen. Geister, die Julie geweckt und gebannt, besetzt und verwirrt hatten. Nacht für Nacht nährten sie sich von Julies Einsamkeit, von ihrer Überforderung und ihrer Furcht. Nun sah Julie auf ihren Mailaccount und wünschte, sie könnte wenigstens schreiben. An Charlotte, an Bine, an jemanden außerhalb.

Aber es war, als gäbe es keine Botschaft, die es von hier nach dort schaffen konnte. Julies Worte schienen schon im Entstehen von den Wänden absorbiert zu werden. Als gäbe es weder Julie noch Bine oder Charlotte. Als wäre da nichts, was gesagt werden konnte.

Julie starrte noch einige Zeit auf den Bildschirm, dann fuhr sie den Computer herunter.

Sie fragte sich, ob es anders wäre, wenn Benedikt ihr einen eigenen Computer schenken würde, ein Tablet, ein Smartphone, irgendeinen eigenen Weg in die Welt.

›Du kannst doch‹, hatte Benedikt mit einer Stimme verkündet, die alle Reichtümer der Erde verschenkte, ›meinen Computer benutzen. Er ist nagelneu, er ist schnell, er hat Speicherplatz ohne Ende. Und die meiste Zeit brauche ich ihn nicht!‹

Natürlich hatte er recht. Aber trotzdem war es, als ließen die großen Mengen an Gigabytes und Gigahertz’ nicht den geringsten Platz für sie.

Das leise klickende Einrasten der Wohnungstür versank noch in Majas Träumen, jenen graufleckigen, ruhelosen Bildern, die das Ende der Nacht verkündeten. Doch dann schlug etwas dumpf auf den Boden auf und zersprengte Majas Schlaf. Aus weit aufgerissenen Augen sah sie Charlotte mit einer Brötchentüte in der Tür stehen.

»Entschuldigung«, sagte Charlotte bestürzt. »Ich wollte dich nicht erschrecken! Mir sind die Schuhe aus der Hand gerutscht!«

Langsam wich die Luft aus Majas Lungen und ihre in die Decke gekrallten Finger entspannten sich. »Schon gut.« Sie rappelte sich auf dem Sofa auf und versuchte zu lächeln. »Alles okay.«

Charlotte musterte sie zweifelnd. Maja wusste, dass Charlotte die Panik in ihrem Blick gesehen hatte. Charlotte war mit Rebecca zusammen. Sie kannte jede einzelne Nuance grenzenloser Angst.

Verlegenheit strich über Majas Bewusstsein, als ihr klar wurde, dass Charlotte sich genau wie Rebecca an ihren dissoziativen Absturz erinnern konnte, während ihr selbst nur der schale Geschmack überkommener Vergangenheit geblieben war.

Charlotte hatte sich der Garderobe zugewandt und hängte ihren Mantel auf.

In letzter Zeit erschien Maja Rebeccas Freundin so viel größer, als sie sie in Erinnerung hatte. Der geschmeidige Körper schien aufrechter, und wenn er auch noch untergewichtig war, schien doch die Zerbrechlichkeit verschwunden.

Rebecca trat aus der Küchentür. Ihr Strahlen wehte patchouliegefärbt durch den Raum.

»Guten Morgen, Maja!«, rief sie fröhlich. »Gleich gibt es Frühstück.«

Sie nahm Charlottes Brötchentüte entgegen, küsste ihre Freundin und verschwand wieder in der Küche.

Charlotte wandte sich Maja zu. »Geht es dir gut?«, erkundigte sie sich.

»Ja.« Maja zwang ihren ausweichenden Blick in Richtung Charlotte. »Es fühlt sich nur – ein bisschen schräg an.«

Charlotte nickte und ihre Augen leuchteten ernst. »Aber für uns nicht.« Sie sah in Richtung Küche und blickte dann wieder Maja an. »Für uns ist es nicht schräg.«

Maja nickte. Sie wusste, dass Charlotte sagen wollte, dass es nicht zu schräg war. Nicht zu schräg, um es nicht auszuhalten. Nicht zu schräg, um einfach weiterzumachen. Nicht zu schräg, um mit ihr befreundet zu sein.

»Danke«, sagte Maja leise.

»Ich hab dir Handtücher ins Bad gelegt.« Maja sah über Charlottes makellose Züge ein Lächeln fliegen. »Wenn du duschen möchtest.«

Maja faltete die Beine auf dem Küchenstuhl und goss Milch in ihren Kaffee. Heißes Duschwasser hatte weitere Reste der Nacht aus ihrem Kopf und mehr Gegenwart in ihre Glieder gespült. Unter ihrem Handtuchturban duftete Rebeccas Shampoo unbeirrbar vertraut auf Majas fremdem Haar.

»Wir planen gerade das nächste Wochenende«, verkündete Rebecca mit vorfreudig blitzenden Augen.

In Majas Kopf überschlugen sich die Daten. »Fritzis Geburtstag«, stellte sie dann mit einem Grinsen fest. Der Kaffee tat gut. Es hatte etwas Beruhigendes, den warmen Becher in den Händen zu halten, und das Koffein schien ihre Gedanken zu ordnen.

»Genau!« Rebecca zerfledderte ein Croissant und steckte sich einzelne Brösel in den Mund. »Andrea leiht uns ihr Auto. Also können wir alle zusammen hinfahren, dort schlafen und dann wieder zurückfahren!«

»Klingt gut.« Maja lehnte sich dankbar zurück. Sie würde nicht allein mit dem Zug fahren müssen. Das war gut. Züge machten irgendetwas Seltsames in ihrem Kopf. Das Desaster ihrer letzten Zugreise überflutete Maja in raschen Bildern.

Ein sich kreischend und schleichend fortbewegender Nahverkehrszug, namenlose Dörfer und verlorene Bahnhöfe, ein außerplanmäßiger Halt. Dann eine Übelkeitsattacke, unter der erst ein verlassenes Haus durch ihr Blickfeld gerauscht war, dann die Gleise und zuletzt die beschmierten Wände des Zuges, bevor sie mit dem Kopf auf den Polstern und mit dem restlichen Körper auf dem harten, bierverklebten Boden aufgeschlagen war. Bei der nächsten Station hatte sie sich aus dem Zug geschleppt und Elias mit zittrigen Fingern eine Nachricht geschickt. Irgendwann, sie wusste nicht wann, war Elias mit seinem Auto gekommen, um sie abzuholen. Danach hatte sie jede Zugfahrt vermieden.

Maja drückte ihre Hände an die Schläfen und versuchte, sich in die WG zurückzukonzentrieren.

»Dann«, bemühte sie die Worte hervor, »sind alle Klinikleute wieder zusammen, oder?«

»Ja.« Charlotte nickte und fuhr mit einer zerstreuten Handbewegung durch ihr lichtblondes Haar. Es war kürzer als im Sommer, kaum mehr als schulterlang. Dann ergänzte sie leise: »Ich hoffe, Bine schafft es, Julie mitzubringen.«

Maja stellte fest, dass sie Julies Namen schon länger nicht mehr gehört hatte. Dabei sah sie Charlotte regelmäßig. »Hast du«, fragte sie Rebeccas Freundin, »in letzter Zeit von Julie gehört?«

Charlotte beantwortete Majas Frage mit einer hilflosen Bewegung zwischen Schulterzucken und Kopfschütteln. »Sie schreibt ganz selten mal eine Nachricht, immer nur kurz. Man weiß eigentlich nie ...«

»... wie es ihr wirklich geht?«

»Genau.« Charlottes gedankenvoller Blick verlor sich zwischen Maja und der Tischplatte und Maja fragte sich, ob sie Julie trotz der Magersucht wiedererkennen würde.

»Ich freu mich so aufs Autofahren!«, verkündete Rebecca mit verklärtem Gesichtsausdruck.

»Dann«, Andrea stellte eine neue Tüte Milch auf den Tisch, »tut es mir leid, dass du nicht fahren wirst!« Sie zog ihren Stuhl zurück und nahm Platz. »Charlotte fährt.«

»Wieso?« Das Entsetzen auf Rebeccas Gesicht wankte zwischen Theatralik und Ernst.

»Lass mich überlegen ...« Andreas Stirn kräuselte sich vor gespielter Anstrengung. »Weil Charlotte diejenige von euch dreien ist, die weder in einem Anfall von Abenteuerlust bei Rot über den Bahnübergang fährt, noch von Paranoia getrieben in den nächsten Graben rast!«

»Ich wusste gar nicht, dass dein Auto dir so wichtig ist,«, schmollte Rebecca.

»Ehrlich gesagt«, erklärte Andrea wie beiläufig, »geht es mir gar nicht so sehr um den Wagen, aber wenn du schon darauf anspielst, er hat immerhin einen Namen ...«

»Ich werde gut mit ihm umgehen«, versprach Charlotte. Ein tiefes Lächeln grub sich in ihre Mundwinkel und Maja musste ebenfalls lächeln.

Sie wusste, dass sie sich glücklich schätzen konnte, dieses Stück Klinik in ihrem Alltag zu haben.

Das Spiel mit Macken und Störungen, die scheinprovokativen Wortwechsel und die Nähe, die alles trug. Für einen Moment fühlte sich Maja vom schützenden Regelwerk dieses anderen Ortes umgeben. Sie zog ein Schälchen heran und füllte es mit Joghurt. Die WG war ein guter Ort, um den Tag zu beginnen.

Mit einem leisen Zischen verteilte sich der cremige Teig auf dem Waffeleisen. Julie atmete den herzförmigen Duft frischgebackener Samstagswaffeln. Immer wieder lösten ihre Fingerkuppen den knusprigen Rand aus dem Eisen und legten das Backwerk auf den bereitstehenden Teller. Wenn eine Waffel riss, offenbarte sich das locker-weiche Innere. Heiß duftend füllte es Julies Lungen mit Geschmack. Sie spürte, wie das anhaltende Backen seine Wirkung tat. Eingetaucht in das Aroma der Waffeln, schwand langsam ihr Hungergefühl. Es war, als füllten die Backzutaten, die sich im Geruch verflüchtigten, ihren Magen.

Das Telefon klingelte, während sie gerade die letzten Teigreste zusammenkratzte. ›Unbekannt‹, verkündete das Display, als Julie nach dem Hörer griff.

»Hallo?« Das Telefon zwischen Schulter und Ohr geklemmt, füllte Julie den restlichen Teig ins Eisen.

»Hallo Julie, hier ist Bine!«

Der Klang der Stimme ließ ihr Herz einen Moment lang schlaglos durch den Körper fallen.

Unwillkürlich sah sie sich nach Mithörern um. Aber Therese war mit Kurt im Obergeschoss und von nebenan drangen Florians Spielgeräusche herüber.

Julie lehnte sich an die Wand und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Hallo Bine«, flüsterte sie.

Bines ferne Gegenwart schien Augustwärme über die absorbierenden Kräfte dieses Hauses zu legen. Es war, als flirrten die Mauern.

Nach einem Augenblick des Schweigens fragte Bine: »Ist alles okay bei dir?«

»Ja«, sagte Julie leise.

Die Wände gaben unzählige unfertige Gedanken frei, vergangene Klinikbilder und nie zu Ende gedachte Fragen. Doch jeder unausgesprochene Satz seit Ende des Sommers schien ihre Stimme mehr mit Stummheit zu belegen.

»Du«, Bine zögerte, »wirst mir vermutlich nicht antworten, wenn ich dich jetzt frag, wie es dir geht, oder?«

Julie schüttelte vorsichtig den Kopf. »Nicht richtig.«

Julie konnte sich nicht mehr erinnern, wann sie zuletzt eine Antwort auf diese Frage gewusst hatte. Wann sie selbst zuletzt in ihren eigenen Sätzen vorgekommen war.

»Na gut«, Bine seufzte, »hör zu: Am Samstag ist Fritzis Geburtstag. Sie feiert bei ihren Eltern und hat uns alle eingeladen. Ich fahre mit dir zusammen hin.«

Das war kein Vorschlag. Es war eine vorweggenommene Tatsache.

Julie erinnerte sich an ihren letzten und einzigen Versuch, Bine wiederzusehen. Es war vor drei Monaten gewesen. Benedikt hatte versprochen, sie mitzunehmen, als eine Tagung in Bines Nähe stattfand. Aber dann hatte er sich kurzfristig durch einen Mitarbeiter vertreten lassen und die Familie mit einem Wochenendausflug überrascht.

»Nächstes Wochenende«, antwortete Julie kaum vernehmlich, »ist Benedikt da.«

Es war das erste Mal seit zwei Wochen, dass ihr Vater nach Hause kam. Zurück zu seiner Familie, die für Benedikt ein unantastbares Heiligtum war. Julie wusste, dass er es als Sakrileg ansehen würde, wenn sie sich den seltenen gemeinsamen Stunden entzog.

»Umso besser«, befand Bine. »Dann kann er sich um Florian kümmern und Zeit mit deinem Opa verbringen.«

Das würde er tun, Julie war sich sicher. Aber er würde auch wollen, dass sie da war.

»Wenn ich schon einmal zu Hause bin, möchte ich auch Zeit mit euch verbringen!«

Diese Stimme ließ jeden Widerstand zerschellen, noch bevor er sich überhaupt formiert hatte.

Julie konnte die Unbeugsamkeit in Benedikts Blick sehen, die erst weichen würde, wenn sie einlenkte.

»Ich weiß nicht, Bine.« Julie schüttelte leise den Kopf.

»Aber ich«, erwiderte Bine. »Julie«, fuhr sie eindringlich fort, »ich glaube, es wäre wirklich, wirklich gut, wenn du dabei wärst!«

Die Stille nach Bines Worten ließ Julie hören, was Bine nicht ausgesprochen hatte. Ihre Freundin wollte nicht nur, dass Julie mitkam, sondern auch, dass sie fortkam von zu Hause.

In Julies konzentriertes Schweigen hinein erklärte Bine:

»Der Plan sieht so aus: Am Samstag hole ich dich mit unserem Wagen ab, wir fahren zu Fritzis Feier und schlafen danach bei mir. Am Sonntag bringe ich dich dann zurück.«

Julie atmete tief durch. Eine sommerlich bebende Hoffnung holte angstvoll nach ihr aus.

Sie wollte sie so gern sehen: Bine, Charlotte, alle aus der Klinik. Und wenn auch nur, um die Erinnerung für eine Nacht näher zu holen.

Zaghaft hörte sie sich selbst sagen: »Ich kann ja mal fragen.«

»Ja, tu das!« Einen Moment lang schwiegen beide, dann sagte Bine leise. »Ich würde mich sehr, sehr freuen, Engelchen!«

Julie spürte, wie die Wände unter ihrem alten Spitznamen erzitterten und gebrochenes Licht freigaben.

»Ich werde es versuchen!«, flüsterte Julie. »Aber ich kann dir noch nichts versprechen.«

»Es reicht, wenn du es versuchst.«

Julie hörte in Bines ruhiger Stimme das Vertrauen in sie und die Ferne zwischen ihnen füllte sich mit Freundschaft.

Sonntag, 23.11.

 

Als Maja mit einem Ruck hochfuhr, tanzten ihre Traumbilder noch immer durch die Dunkelheit. Das Gesicht aus ihrem Albtraum wich auch vor Majas geöffneten Augen nicht.

Sie knipste mit zitternden Fingern ihre Bettlampe an. Das Grauen strömte aus jeder Pore ihres Körpers, ein Licht reichte nicht.

Maja schlug die Decke zurück und eilte auf unsicheren Beinen durch die Wohnung. Hektisch drückte sie jeden Lichtschalter: Deckenlicht, Schreibtischlicht, Flurlicht, Küchenlicht, Badezimmerlicht. Gleichzeitig kam sie sich albern dabei vor, Zimmer zu erleuchten, in denen sie sich gar nicht befand. Aber das Diktat der Angst war mächtiger.

›Alles okay‹, versuchte sie sich zu beruhigen, ›es war nur ein Traum, es ist alles okay!‹

Als nichts davon in ihr ankam, wiederholte sie die Worte halblaut. Doch auch diese Beschwörung sickerte nur zögernd in ihr Bewusstsein.

Schließlich holte sie ihr Notebook und rief Elias’ Porträt auf. Sie wollte ihn nicht mitten in der Nacht anrufen. Zu oft hielt er schon ihre Tagsüber-Katastrophen aus. Aber es beruhigte sie, ihn anzuschauen, sich an seinen dunklen Augen mit den goldenen Sprenkeln festzuhalten.

Maja setzte sich zurück auf das Bett, den Rücken an die Wand gelehnt. Irgendwann, Elias’ Bild in den Händen, löste sich die Erstarrung aus ihren Gliedern.

Aber das Albtraumgesicht hatte sich in ihr Gedächtnis gebrannt. Es war unmöglich, wieder die Augen zu schließen. Im Traum war sie geflohen. Ununterbrochen und vor etwas, dessen Gestalt und Gesicht sie nicht kannte. Überall hatte es gelauert, nirgendwo war es sicher gewesen. Sie war über Straßen gerannt und durch Gassen geflohen. Sie hatte sich in leer stehenden Gebäuden verschanzt und unter Ansammlungen von Müll versteckt. Keine Menschenseele war ihr begegnet. Aber überall war die Stimme zu hören gewesen: »Du kannst uns nicht entkommen! Wir sind im Untergrund! Du gehörst zu uns!« Zuletzt hatte sie ihr Haus gefunden. Sie war die Treppen hinauf in ihr Zimmer gerannt, hatte sich unter der Bettdecke verkrochen. Und dann war die Tür aufgegangen. Ganz langsam und siegesgewiss. Und das verzerrte Gesicht mit dem fiesen Grinsen war im Türrahmen erschienen. Das Gesicht ihres Verfolgers. Ihr eigenes Gesicht.

 

 

Die Nacht spiegelte sich schwarz in den noch unbeleuchteten Fenstern der Häuser. Nur hier und da erinnerte ein Lichtviereck daran, dass es Menschen gab, die nicht schlafen konnten oder durften. Julie gaben sie das tröstliche Gefühl, nicht ganz allein wach sein zu müssen.

Seit einer Stunde schon floh sie auf Sportschuhen über Sand- und Pflasterwege. Julie hatte dem dunklen Wachen seinen Sinn abgetrotzt. Sie hatte ihren Körper der Kälte und dem peinigenden Tempo ausgesetzt, um Gedanken auszuhungern und Kalorien zu verbrennen.

Die Turmuhr schlug fünf, als sie endlich wieder in ihre Straße einbog.

Julies Atem ging unregelmäßig, ihre gefühllosen Beine stolperten starr wie Stöcke über das Pflaster. Der Frost biss unnachgiebig in ihre Glieder, fraß sich über ihre Haut, hinterließ erst Schmerz und dann Taubheit. Gleich war sie da. Sie musste nur noch ein paar Schritte durchhalten. Dann durfte sie ihrem sich schmerzend verzehrenden Körper nachgeben. Nur noch ein paar Schritte.

Julies Gang wurde taumelnd, bevor sie den Gartenweg zu ihrem Haus erreichte, dann fiel sie beinah gegen die Eingangstür. Nun musste sie es nur noch treppauf schaffen.

Sie würde sich unter die Dusche stellen und so lange heißes Wasser auf sich herabprasseln lassen, bis die Wärme ihre Knochen berührte und ihr Körper ihr wieder gehorchte.

Sie drehte mit einiger Mühe den Schlüssel im Schloss. Als die Tür aufschwang, fühlte Julie die unnachgiebige Sehnsucht, anzukommen.

Ihr Vater hatte ein vollkommenes Heim geschaffen, ein Haus voller Schönheit und stilvoll komponierter Gemütlichkeit. Und doch lief Julies Sehnsucht mit jedem Schritt über die Schwelle ins Leere. Es war, als driftete der Boden unter ihrer Sohle weg, als versuchte sie, ihren Fuß auf eine Luftspiegelung zu setzen, auf etwas, das gar nicht da war.

Julie legte den inneren Riegel vor und löste mit bebenden Fingern die Schnürbänder.

Seit sie im August wieder mit dem Laufen angefangen hatte, hatte sie die Schuhe immer hinten im Regal verschwinden lassen. Ein klinikbezogenes Verhalten, ausgeführt in dem Wissen, dass ihr Dr. Haselmann dieses Sportpensum verboten hätte. Julie betrachtete die Schuhe in ihren Händen.

Hier interessierte es niemanden, ob, wann, wie lange oder warum sie lief. Unter einem Kältezittern fielen die Laufschuhe zu Boden. Julie ließ sie einfach liegen.

 

 

Maja drehte sich unschlüssig auf ihrem Schreibtischstuhl hin und her. Den ganzen Vormittag lang hatte sie etwas für die Uni tun wollen. Aber sie hatte es nie länger als einige Minuten am selben Platz ausgehalten. Es hatte sich angefühlt, als hätte die Zeit Sprünge. Manchmal hatte sie geglaubt, an verschiedenen Orten gleichzeitig zu sein. Irgendwie war sie mit der Wahrnehmung nicht hinterhergekommen. Sie war überzeugt gewesen, in der Küche zu sein und befand sich doch schon wieder im Schlafzimmer. Aber nun hatten sich die Zeit und ihre Wahrnehmung wieder beruhigt. Und sie musste dringend anfangen, Ordnung in ihr Uni-Chaos zu bringen.

Maja ließ ihren Blick über den Schreibtisch wandern, der unter Stiften, Blättern und Ordnern verschwand. Seufzend griff sie nach ihrem Collegeblock und öffnete mit der anderen Hand den Kaninchenkäfig. Mikado und Memory hoppelten aus der Umzäunung und umrundeten die Bücher- und Papierstapel in ihrer Wohnung. Die Berge an Uni-Materialien waren im Laufe der Wochen immer höher geworden. Irgendwo dazwischen wartete der Ausgangspunkt für ihre Masterarbeit. Maja wühlte sich durch die Papiere.

›Geschwisterbeziehungen‹, ›Kritische Lebensereignisse‹, ›univariante und multivariante Analysen‹, ›Grounded Theory‹, ›Internationale Schulleistungsstudien‹ ...

Wenn sie wenigstens gewusst hätte, welche Inhalte zu welchen Lehrveranstaltungen gehörten. Oder was sie für ihre mögliche Masterarbeit kopiert hatte.

Als sie nach einem Stoß Papiere auf dem Schreibtisch griff, stieß ihre Hand gegen die Tastatur und der Monitor wurde hell.

›Hey Süße!‹, las Maja eine Nachricht von Fritzi. ›Wollte dich gestern anrufen, aber dein Handy war aus! Bin voll im Partyplanungsstress. Wie ist es bei dir?‹

Maja tippte Fritzi eine rasche Antwort, bevor die Nachricht im Ordnungswahn unterging.

›Mein Handy ist weg! Wahrscheinlich ist es bei Rebecca, ich habe sie nur noch nicht erreicht!‹

Die zersprungene Zeit hatte Maja den Verlust ihres Handys erst spät bemerken lassen. Viel später, als es für einen Gegenstand, den man ständig in den Händen hielt, angemessen gewesen wäre.

Maja versuchte, diesen Gedanken genauso zu ignorieren wie das abwegige Gefühl der Befriedigung, das den Verlust des Smartphones begleitete.

›Ich freu mich auf dich!‹, schloss Maja ihre Nachricht und drückte die Enter-Taste.

Es war gut, dass Rebecca und Charlotte sie mit auf die Party nahmen. So bestand wenigstens nicht die Gefahr, dass sie Fritzis Feier vergaß oder irgendwie den Samstag verpasste.

Zeit war in den letzten Wochen etwas vollkommen Willkürliches geworden. Sie zog Maja verstrickt, verschlungen und eilig mit sich fort, ohne, dass sie hinterher wusste, was in dieser Zeit eigentlich geschehen war.

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