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Außer mir

Über die Autorin

Andrea Zapla wurde 1963 im fränkischen Erlangen geboren. Sie studierte Rechtswissenschaften, Romanistik und Amerikanistik. Zehn Jahre lang lebte sie als »Expatriate« in China, Südostasien und Südeuropa, seit 2009 lebt und arbeitet Andrea Zapla als freischaffende Autorin und Journalistin im Raum Frankfurt. Sie ist verheiratet und hat einen pensionierten Hund.

 

Es greift nach mir ich wehr mich nicht

Springt mir mit Krallen ins Gesicht

Es beißt sich fest es schmerzt mich sehr

Ich spring im Zimmer hin und her

Oh weh die Flamme fässt das Kleid

Die Jacke brennt es leuchtet weit

Es brennt die Hand es brennt das Haar

Ich brenn am ganzen Leib sogar

Immer wenn ich einsam bin

Zieht es mich zum Feuer hin

Warum ist die Sonne rund

Warum werd ich nicht gesund -

Das Feuer liebt mich

Hilf mir

RAMMSTEIN, aus dem Album »Rosenrot«

INHALT

Ein Wort vorweg

ERSTER TEIL

Im Bauch des gelben Drachen

ZWEITER TEIL

Zurück in die Zukunft

DRITTER TEIL

Eine neue Ära?

Nachwort zur Neuauflage

Alternative Leseliste

Nachwort

 

Ich möchte mich ganz herzlich bei meiner Entdeckerin und Agentin Frau Erika Stegmann bedanken.

Ein großer Dank für ihren unermüdlichen Einsatz für dieses Buch geht an Susanne Haffner, meine Lektorin von der Verlagsgruppe Lübbe.

Ein dickes Lob gebührt Frau Sibylle Auer, die mit mir jeden Stein umgedreht hat.

Ein großes Dankeschön geht an Herrn Dr. Jiri Bernatik und seine Praxis, die nichts erschüttern kann, und die den Patienten nicht im Dunkeln tappen lassen.

… und einen ganz besonderen Dank verdient Frau Ursula Moussa-Aepiam, meine Frequenzerhalterin.

 

Gewidmet allen Menschen mit neurologischen oder immunologischen Erkrankungen

Ganz besonders für Johann Konrad Kammerer (1915-2000)

EIN WORT VORWEG

Das vorliegende Buch beruht auf Tatsachen, alles, was darin geschildert wird, ist wahr, und ich habe es im Lauf des Jahres 2004 selbst erlebt. Natürlich habe ich – wie es so schön heißt – Namen, Orte und Details zum Schutz der Rechte sämtlicher Personen verändert. Schließlich wollte ich niemandem zu nahe treten, der sich nicht selbst dazu entschlossen hat. Dieses Buch zu schreiben bedeutet für mich viel: einen Abschluss für einen langsamen Prozess der Annäherung an meine Krankheit, Multiple Sklerose, zu finden. Eine Auseinandersetzung mit mir selbst herbeizuführen, dabei zurückzublicken auf mein Leben und nach Ursachen zu forschen, warum ausgerechnet ich betroffen bin? Vor allem aber möchte ich all denen helfen, die auch unter einer autoimmunologischen Erkrankung leiden, deren Symptome unerklärt bleiben, die sich nicht ernst genommen fühlen von einem System aus Medizinern, die nur zu gern auf »seelische Unausgeglichenheit« setzen, wenn sie buchstäblich mit ihrem Latein am Ende sind. Ich möchte sie ermutigen, auf ihre innere Stimme zu hören, sich selbst zuzuhören, wenn das Gefühl auftaucht, dass sie »außer sich« geraten sind.

»Außer mir« ist mein erstes Buch, und ein persönlicheres wird es niemals geben können. Und dennoch habe ich es nicht fertiggebracht, über mich selbst unter meinem Namen zu schreiben. Im Buch bin ich Claudia Valesa, ich betrachte es als mein erzählerisches Mittel, zu dem ich greifen musste, um meine Zeilen zu Papier zu bringen.

 

ERSTER TEIL

Im Bauch des gelben Drachen

Drache

Sonntag, 15. August

Der Asphalt kocht, und mein Gehirn unter der schwarzen Baseballmütze ebenso.

Es hat mindestens vierzig Grad im Schatten, aber Hardy und ich treten unverdrossen in die Pedale unserer Mountainbikes und strampeln, den Blick stur nach vorn gerichtet, durch die chinesische Provinz. Hardy hat mich abgehängt, wie so oft in den letzten Monaten. Neuerdings kann ich einfach nicht mehr mit ihm mithalten, aber aufgeben kommt auch nicht in Frage. Wir haben schließlich schon weitaus härtere Etappen hinter uns gebracht, wie zum Beispiel die schweißtreibenden Radtouren durch den tropischen Hexenkessel Thailands.

Beim Verlassen unserer Haustür im Königreich Thailand standen wir damals jedes Mal vor zwei Alternativen: Nach links ging es zum Jomtien Beach und in die City. Wandte man sich nach rechts, fand man sich bald im Dschungel wieder, und wir radelten häufig vergnügt an zahmen Elefantentrupps vorbei, durch unwegsames Gelände bergauf, bergab, respektlos quer über mondäne Golfplätze, bescheiden und ehrfürchtig durch Tempelanlagen, weiter entlang endloser, glühend heißer Reihen von Ananasfeldern und durch zahllose freundliche, noch urwüchsige Dörfer im Umkreis Pattayas, das fünf Jahre lang unsere Heimat war.

»Hallo Ausländer, wo fährst du denn hin? Bist du blöd? Hast du kein Auto?«, riefen die Thais uns oft verständnislos, aber lachend hinterher.

Damals, Anfang des neuen Jahrtausends, war ich noch fit wie ein Paar Turnschuh, nahm sogar erfolgreich an Straßenrennen teil. Was war denn jetzt bloß los mit mir?

»Mensch, Claudia, du bist echt eine Pfeife. Eine verfluchte Memme bist du geworden, schäm dich! Kaum über vierzig, schon geht’s bergab!«, schimpfe ich jetzt laut mit mir selbst, hefte mich fluchend an Hardys Hinterrad und gebe unter größten Anstrengungen nochmals Gas. Ich ziehe keuchend an einer Bäuerin vorbei, die auf dem Gepäckträger ihres altersschwachen Drahtesels bedächtig eine Ladung Wassermelonen balanciert, für die ein westliches Pendant normalerweise einen Kombi mit großem Laderaum benötigen würde. Sie winkt mir kopfschüttelnd und gänzlich zahnlos, aber wohlwollend lächelnd zu. Ich winke hechelnd zurück. Endlich bin auf gleicher Höhe mit meinem Mann und krächze das Wort »Pause!« heraus.

Hardy grinst und sagt: »Claudia, Schatz, du warst auch schon mal besser in Schuss. Es sind doch erst zwanzig Kilometer!«

Wir versuchen, samstags und sonntags jeweils fünfzig Kilometer Rad zu fahren, zur sportlichen Ertüchtigung, um Kalorien zu verbrennen und um die Zeit in China totzuschlagen. Normalerweise machen wir frühestens nach fünfundzwanzig Kilometern Pause und stärken uns dann mit einem mitgebrachten Picknick für den ebenso langen Rückweg. Dummerweise finden wir auf unserer heutigen Tour überhaupt keine landschaftlich schöne Route, keinerlei lohnenswerten Pitstop. Wir fahren entlang bedrückend langweiliger, staubiger Landstraßen voll heulendem Verkehr. Hunderte von Lastwagen stoßen im Vorbeifahren schmetternd ins Horn und pusten uns voll mit Straßendreck, so dass unsere schweißbedeckte Haut bald von einer dichten Staubschicht überzogen ist. Ich sehe verkrustet und grau aus und fühle mich entsprechend.

Wir sind im weiteren Radius um Song Jiang unterwegs, unserer so genannten Kreisstadt. Das Dorf Xin Qiao, dem unsere kleine, fast ausschließlich von Deutschen bewohnte Villensiedlung zugeordnet ist, gehört zu diesem Distrikt. Das »Dorf« hat ungefähr eine Viertelmillion Einwohner, die Kreisstadt vermag ich nicht einmal einzuschätzen. Eine Million, vielleicht auch mehr. Das sind jedoch alles nur Peanuts im Vergleich zu den rund zwanzig Millionen Einwohnern des Molochs Shanghai, der ungefähr fünfunddreißig Kilometer von unserer Haustür entfernt beginnt und täglich weiter auf uns zu metastasiert.

Nach zwei weiteren schweißtreibenden Kilometern finden wir dann immerhin eine Art öffentlichen Park mit einem künstlichen See und einer hoch aufsteigenden Wasserfontäne in der Mitte, an dessen Ufer wir uns schließlich niederlassen. Ich beiße herzhaft in mein Baguette, schlürfe Cola, als wäre es ein Jungbrunnen, und genieße dankbar stöhnend die Kalorienaufnahme, eine einfache Freude nach der Tortur der letzten anderthalb Stunden.

Hardy ist gar nicht so sehr an Essen und Trinken interessiert und schraubt irgendetwas an seinem Fahrrad herum. Ich sitze zwar gesättigt, aber letztendlich unzufrieden im Gras und betrachte abschätzend den menschenleeren, makellos gepflegten Park und die zahllosen Reihen von nagelneuen und noch unbewohnten Apartmenthochhäusern in der näheren Umgebung. Die sollen sich bald füllen, Shanghais unaufhaltsames Wachstum in die Außenbezirke ist propagiertes Programm. Wenigstens sind wir diesmal nicht in einem der weitläufigen Industriegebiete um Song Jiang gelandet, die, wenn man sich einmal darin verfangen hat, einen so leicht nicht mehr freigeben. Um Irrfahrten zu vermeiden, hat Hardy sich ein Mini-GPS-Gerät aus den USA kommen lassen, mit dem er jetzt spielt, glücklich wie ein kleiner Junge. Nach Hause finden wir immer, das ist nicht das Problem. Wenn ich nur schon dort wäre …

Hardy lässt sich neben mich auf die mitgebrachte Bastmatte fallen. Aber anstatt sich zu entspannen, schlägt er beschwingt etwas Entsetzliches vor: »Schatz, ruh dich noch ein bisschen aus, und dann lass uns auf dem Rückweg einen kleinen Umweg fahren. Das ist eine viel schönere Strecke, und wir kriegen unsere fünfzig Kilometer voll, vielleicht sogar etwas mehr. Dann haben wir uns später auch das Abendessen verdient.«

Ich plädiere entschlossen gegen weitere, kräftezehrende Kalorienverbrennung und für den kürzeren und hässlichen Nachhauseweg. Hardy ist leicht verstimmt, sieht aber ein, dass mit mir kein Staat mehr zu machen ist, und wir brechen auf. Er fährt wie ein junger Gott, und ich versuche gar nicht mehr, zu ihm aufzuschließen. Er wartet auch nicht auf mich. Wahrscheinlich ist er jetzt ein bisschen eingeschnappt, weil ich mich nicht zu seinem gut gemeinten Vorschlag aufraffen konnte. Er denkt manchmal, dass ich mich neuerdings sportlich gesehen zu sehr hängen lasse. Was soll’s? Ich will eigentlich nur, dass dieser Rückweg ein Ende nimmt. Die heutige Fahrt ist sowieso schon eine Tour de Force für mich. Vielleicht sollte ich Hardy einfach mal ehrlich sagen, dass ich nicht mehr so viel Power habe. Ich will aber mit ihm mithalten können. Er ist acht Jahre älter als ich, wo bleibt mein Jugendbonus?

*

»Endlich daheim!«, frohlocke ich.

Aufatmend betreten wir das wunderbar kalte Haus, und sogar Hardy stöhnt erleichtert auf. Meine Poren jubilieren, mein gar gekochtes Gehirn registriert Erlösung und schaltet augenblicklich auf Cool down. Die Klimaanlage läuft in den Sommermonaten pausenlos, um das Haus auf angenehme vierundzwanzig Grad herunterzukühlen. Umgekehrt läuft im Winter die Zentralheizung ebenso pausenlos, denn Shanghai hat lange, kalte Winter und tropisch heiße Sommer. Zwei Monate im Jahr ist das Wetter richtig schön. Das sind der Oktober und der April.

Unsere vier Hunde verkünden dem sonst leeren Haus lautstark unsere Rückkehr, umtänzeln uns und verlangen aufdringlich ihre Nachmittagskekse. Zu sechst stolpern wir in die Küche. Gar nicht so einfach, die ganze Truppe auf einmal durch die Küchentür zu quetschen! Hardy stürmt zuerst an den Kühlschrank, ich an die Hundekeksdose. Mit der eis gekühlten Bierflasche in der Hand steht er dann am Küchenfenster und schaut in den von der Hitze gebeugten Garten.

»Wir müssen später dringend gießen«, befindet er und klingt mäßig begeistert. Ich reiße mich auch nicht darum, noch mal nach draußen zu gehen.

Die Hunde haben sich nach Größe geordnet im Halbkreis um mich herum aufgestellt. Porthos, das gedrungene Alphamännchen, das nach deutschen Maßstäben mühelos das Täterprofil »Kampfhund« erfüllt, wartet zu meiner Linken. Thelma, ein rothaariges, elfenhaftes und schreckhaftes Geschöpf, steht neben ihm, gefolgt von Louise, ihrer eigenen, völlig andersgearteten Tochter, nämlich einer Rottweilerin im Kleinformat, und last, but not hast, unser Baby Paciencia. Das »Baby« ist bereits im fortgeschrittenen Hundealter, hat aber in seinem langen Leben niemals etwas von seinem entwaffnenden Kindchenschema eingebüßt. Selbst ausgewachsene Männer gehen vor ihr in die Knie und beginnen dummes Zeug zu reden.

Ich verabreiche eine befriedigende Menge an Keksen und schleppe mich dann hoch in mein Badezimmer. Oben angekommen, mache ich augenblicklich eine Kehrtwendung und torkele die Stufen wieder nach unten in die Küche: Ich plane einen längeren, entspannenden Wellness-Aufenthalt im Bad und habe vergessen, etwas zu trinken mit hinaufzunehmen. Mein Kehlkopf signalisiert, dass ich kurz vorm Verdursten bin. Besser ausgerüstet, ziehe ich mich einen Moment später die Treppe ein zweites Mal hoch.

»Wir sollten das nächste Mal versuchen, etwas Ebenerdiges anzumieten«, beklage ich mich lautstark, aber bei niemand Bestimmtem. Selbst die Treppe ist mir schon zu viel, komisch.

Beschweren kann ich mich eigentlich wirklich nicht. Hardys Arbeitgeber, ein multinationaler Weltkonzern, sorgt sehr gut für seine Mitarbeiter und mietet feudale Objekte zur Unterbringung derselben in Shanghai und allen anderen Firmenstandorten an. Wir haben schon in einigen dieser Städte gelebt. Meistens sind es Orte, an denen andere Leute Urlaub machen.

Hardy ist bereits einen Arbeitsgang weiter als ich und steht in seinem Badezimmer fröhlich pfeifend unter der Dusche. An meinem Bestimmungsort angekommen, reiße ich mir endlich die patschnassen, engen Radfahrerklamotten vom Leib. Die Mütze hingegen muss ich fast operativ entfernen, da sie mit vielen Haarnadeln festgepinnt ist, damit sie mir nicht bei Gegenwind davonfliegt. Dann betrachte ich mich nackt, wie Gott mich schuf, im Spiegel. Eine Einundvierzigjährige schaut mich mit belämmerten Augen ungläubig an.

Meine feinen blonden Haare liegen eng angeklatscht, fast helmartig am Kopf. Das Gesicht ist ein aufgedunsener roter Ballon. Ein unschönes Stadium, aber das wird vorübergehen. Mein Körper, zwar athletisch und idealgewichtig dank eines anspruchsvollen Fitnessprogramms, ist hingegen dauerhaft grotesk verfärbt.

Ich sehe einen braunen Hals und ein ebensolches Dekollete, einen rotbraun verbrannten Nacken, einen sonst weißen Oberkörper und Rücken, braune Arme, weiße Hände, ein weißes Becken, weiße Oberschenkel, dann, nach einer scharfen Abgrenzung an der oberen Schenkelhälfte, braune Beine, gefolgt von weißen Füßen. Als hätte ein wahnsinniger, moderner Dr. Frankenstein ein Mischwesen zwischen Schneewittchen und Beyoncé Knowles erschaffen. Fairerweise hätte er mir wenigstens Beyoncés Haarfülle mitgeben können …

Auch wenn es im Moment nicht ganz nachvollziehbar ist, findet mich Hardy nach fünfzehn Jahren Partnerschaft offenbar immer noch schön. Zumindest sagt er das, und die Beweislage spricht durchaus für seine Aussage. An wirklich guten Tagen gelingt es mir mit entsprechender Aufmachung immer noch, den Verkehr in unserem Dorf Xin Qiao fast zum Erliegen zu bringen.

Im Moment pfeife ich allerdings auf jegliches Schönheitsideal, es gelüstet mich lediglich nach einer ausgiebigen, erst sehr heißen, dann sehr kalten Dusche, gefolgt von einer Huldigung meiner diversen Cremetiegel. Nach Beendigung dieser Rituale ist Ruhe angesagt, der Dresscode für den Rest des Tages lautet »hundefreundlicher Schlabberlook«. Hauptsache bequem.

Gesalbt und duftend, die paar nassen Haare in einem strengen Wet Look fixiert und lässig gekleidet, mache ich mich auf die Suche nach Hardy. Ich hadere immer noch mit meinem heutigen Leistungstief und möchte ihm sagen, dass ich für das kommende Wochenende jegliche Herausforderung anzunehmen gewillt bin. Mit guten Vorsätzen schwebe ich nach unten ins Erdgeschoss und suche nach dem Etappensieger. Die Hunde sitzen teils auf den Sofas, teils auf Teppichen und Hundekissen verteilt im Wohnzimmer herum und erwarten weitere Anweisungen von mir. Lediglich Louise, mein persönlicher Bodyguard, ist mir seit meiner Ankunft keine Sekunde von der Seite gewichen. Ich frage die drei anderen Hunde nach unser aller Ernährer Verbleib, bekomme aber keine schlüssige Antwort. Wir verteilen uns schließlich im Haus auf der Suche nach Hardy.

Ich durchsuche das weitläufige Erdgeschoss und gehe sogar in den heißen, durstigen Garten hinaus. Schließlich entdecke ich, dass Hardy mit dem Wagen weg sein muss. Er ist sicherlich zur Massage ins »Dorf« gefahren. Wahrscheinlich hat er mir dieses Vorhaben auch durch die geschlossene Badezimmertür hindurch verkündet, als ich selbstvergessen unter der Dusche stand. Ich habe es wohl nicht gehört, und Louise anscheinend auch nicht.

Den Garten vertröste ich gedanklich auf später, viel später, denn ich habe wirklich keine Lust, schon wieder zu schwitzen. Dann durchforste ich den Kühlschrank, um zu sehen, was er fürs Abendessen hergibt. Wir könnten etwas auf den Grill legen und dazu Salat und gebratenen Knoblauchreis essen. In Vorfreude fische ich zwei Flaschen australischen Rotwein aus dem Weinregal und fange an, Grünzeug zu waschen, zu schälen und zu schneiden. Ich werkele gerne in meiner Küche und fühle mich jetzt auch wieder wohl in meiner Haut. Alle Systeme laufen normal, denke ich.

Aus dem Unterbewusstsein erreicht mich jedoch eine ebenso ungebetene wie gegenteilige Meldung, die besagt: »Freu dich nicht zu früh, das dicke Ende kommt schon noch.«

Ich kenne die Urheberin der Meldung nur zu gut, schätze sie sonst sehr, versuche sie heute aber auszublenden und gehe weiter meinen gewohnten Tätigkeiten in der Küche nach.

›Was willst du denn heute von mir?‹, denke ich verärgert und spreche bewusst laut: »Vergiss es, alles Quatsch, alles ist normal.«

Wie ein Mantra singe ich das mehrfach vor mich hin und genieße die einfachen, vertrauten Handgriffe, aus denen in kurzer Zeit dann ein schmackhaftes Abendessen und ein schön gedeckter Tisch resultieren werden. Schon vorab wähle ich die passenden CDs zur Untermalung und beschließe, heute ausnahmsweise die Kristall-Rotweingläser zu nehmen. Sie stammen noch aus Thailand, wie so viele unserer Einrichtungsgegenstände und Utensilien. Ich halte sie in Ehren, anders als die Erinnerung an die lange Zeit in Pattaya, auf die ich stets mit gemischten Gefühlen zurückblicke.

*

Hardy kommt schließlich glücklich und entspannt von der Massage zurück und freut sich über das Grillvorhaben. Wir grillen draußen und essen drinnen, das ist der Plan. Es herrschen nämlich immer noch stolze sechsunddreißig Grad.

Mit entschlossener Miene trage ich mein Plädoyer in eigener Sache vor: »Sorry wegen heute. Nächste Woche machen wir die fünfzig Kilometer wieder voll, ich werd’s schon packen. Ich hatte heute irgendwie einen Durchhänger.«

Hardy grinst und entgegnet: »Ach, Schatz, das macht doch nichts, so wichtig ist das doch alles nicht. Ich hab gar nicht mehr dran gedacht! Vergiss es.«

Ich bin erleichtert. Hardy scheint wieder richtig gut gelaunt zu sein, und der Abend wird bestimmt nett ausklingen. Die erste Flasche Wein versiegt noch vor dem Hauptgang, die zweite schafft es gerade mühsam, den Hauptgang mitzuerleben. Von einer dritten sehen wir dann doch lieber ab, im Hinblick auf mögliche Spätwirkungen am folgenden Montagmorgen. Es ist mir auch lieber so, denn unsere Gespräche scheinen in letzter Zeit, mit zunehmendem Alkoholkonsum, immer in eine bedrohliche Ecke abzudriften. Das leidige Thema »Standort China« ist eine solche Ecke.

Hardys Firma arbeitet, wie alle anderen ausländischen Industriebetriebe, mit der chinesischen Regierung zusammen in einem Joint Venture in China. Die Chinesen kontrollieren natürlich einen großen Anteil an der Firma und machen es den Ausländern auf freundliche Art unmöglich, in gewohnter mitbestimmender Art zu arbeiten. Die Mühlen des totalitären Staates mahlen zwar im Hintergrund, dafür aber gründlich und sehr langsam. Hardys Ding ist das eigentlich nicht, denn welcher Spitzenmann sitzt schon gern auf der Ersatzbank? Das ist so, als hätte man Oliver Kahn auf die Reservistenliste gesetzt. Undenkbar!

Nachdem unser Einsatz in Thailand 2003 zu Ende gegangen war, war ich es, die sich für Shanghai einsetzte, denn interessante, verantwortungsvolle Jobs, wie Hardy sie macht, nämlich Anlagenbau an neuen Standorten, sind dünn gesät. Trotzdem wollte er nicht unbedingt nach China. Viele internationale Großinvestoren meinen, im »neuen« Kommunismus und in einem Dritte-Welt-Land wie China könne man heute noch richtig groß absahnen, und wollen nicht wahrhaben, dass sie es eigentlich sind, die gezielt gesteuert werden. Die Schaltstellen der Macht und des Fortschritts liegen im Osten des Landes, mehrere Flugstunden von den miserablen Verhältnissen in den entlegenen Provinzen entfernt, wo der Großteil der Milliardenbevölkerung nach wie vor in Armut und Unkenntnis lebt.

Hardy tendierte vielmehr dazu, erst mal nach Deutschland zurückzukehren, an den Rhein, ins Mutterschiff der deutschen Organisation. Ein Entschluss, der mir aus einer Vielzahl von Gründen richtige Angst machte. Heute Abend jedoch gibt es keine Standort-Grundsatzdiskussion, und wir bringen den Tag friedfertig, gesättigt und angenehm müde zu Ende.

Ich räume oberflächlich auf, schalte die Spülmaschine an und erkläre meine persönliche Jobbeschreibung damit für erfüllt. Um das große Saubermachen wird sich morgen früh das Hausmädchen kümmern.

Die Hunde folgen uns nach oben in den Schlafbereich. Die Damen klettern die Treppe unterschiedlich schnell hinauf. Paciencia und Thelma, ihrem Alter angemessen, langsam und mehr oder weniger elegant. Louise rast hoch, drei Stufen auf einmal nehmend, um oben die ordnungsgemäße Aufteilung der Hundeschlafkissen zu überwachen. Porthos ersteigt die Treppe bedächtig, fast mit päpstlicher Würde. Sein Pontifikat währt auch schon entsprechend lange. Man verteilt sich: Hardy erst ins Bad, dann mit einer Zeitschrift ins Bett, die Hunde auf ihre Schlummerkissen. Lediglich Louise folgt mir unaufgefordert wie ein langer schwarzer Schatten ins Bad und lässt sich auf meinen Badezimmerläufer plumpsen. Sie ist ebenso unattraktiv wie sie mir bedingungslos treu ergeben ist, und es amüsiert mich immer wieder, wie sehr sie sich für mich einsetzt.

Ich ziehe mich aus, mache eine erfrischende »Unterbodenwäsche« mit meinem aus Thailand mitgeführten Klobrausekopf. Ein ebenso hygienisches wie simples Utensil, das den Chinesen eher fremd ist. Als ich mich abtrockne und mir gerade mein Nacht-T-Shirt überstreifen will, habe ich jedoch mit einem Mal das Gefühl, meinen Stringtanga immer noch zu tragen. Etwas dümmlich blicke ich an mir herunter. Kein Tanga, da ist eindeutig nichts. Ich bin splitternackt. Ich fühle aber ganz deutlich ein Druckgefühl zwischen den Pobacken.

»Was zum Teufel geht da vor?«, frage ich laut und verrenke mich vor dem Spiegel wie ein Yogi, um zu sehen, ob es da etwas zu sehen gibt. Der weiße Po leuchtet auf wie der Spiegel eines Rehs, sieht ansonsten aber völlig normal aus. Dennoch scheint sich das Gefühl zu verstärken. Es fühlt sich an, als würde ein großes Korn zwischen meinen Pobacken klemmen.

»Ein Gerstenkorn am Arsch, das kann ja wohl nicht wahr sein!«, sage ich zu Louise.

Die legt kritisch den Kopf schief. Ich greife mir einen Handspiegel und gehe darüber in die Hocke. Die Hündin betrachtet meine Unternehmungen interessiert, robbt bäuchlings auf ihrer Matte ein Stück näher und blickt mich schließlich zweifelnd an. Auch in dieser Haltung sehe ich nicht mehr als zuvor. Schließlich rufe ich Hardy zu Hilfe. Er klettert sofort aus dem Bett, als er den unsicheren Ton in meiner Stimme hört, und stellt sich hinter mich. Ich beuge mich nach vorn über meinen Schminktisch, und wir grinsen uns im Spiegel an. In Anbetracht der Ernsthaftigkeit unseres Tuns lassen wir den durchaus interessanten Gedanken jedoch fallen, und Hardy studiert meinen Allerwertesten.

»Ich sehe nichts, da ist nichts«, verkündet er schließlich.

Er versetzt mir noch einen freundlichen Klaps auf den Po, dann folge ich ihm zögerlich ins Bett. Vergeblich versuche ich, das drückende, dumme Gefühl zu ignorieren. Geht aber nicht. Eine meiner inneren Stimmen – an dieser Stelle sei erwähnt, dass ich eigentlich zwei habe, und dies ist zweifellos die schlauere von beiden – versucht mir wieder eine Botschaft zu schicken, wie schon am Nachmittag in der Küche.

»Dein Leben, so wie du es kennst, ist heute zu Ende gegangen, meine Liebe«, prophezeit sie mir ungerührt. Ich versuche, diese wirklich gruselige Nachricht zu ignorieren, aber ich schlafe mit ihr ein, wie mit einem schlechten Geschmack auf der Zunge.

Dienstag, 17. August

Es ist Dienstag, und am Dienstag habe ich immer Chinesisch-Unterricht in Hongqiao, einem lebhaften Geschäftsviertel Shanghais. Meine Hausaufgabe habe ich ausnahmsweise einmal nicht auf den letzten Drücker fertiggestellt. Sie ist umfangreich geworden, sehr viel umfangreicher, als es Miss Grace Zhang, meine persönliche Lehrerin, wode lao shi, verlangt hat. Sie fordert nicht nur viel Einsatz, sondern fordert mich auch immer wieder persönlich heraus.

Grace ist gut zehn Jahre jünger als ich, aber es gibt keinen Zweifel daran, wer die Autorität innehat. Sie weiß genau, wo meine Schwachstellen liegen, und sie lässt nicht locker, bis sie mich dazu bringt, den Mund aufzumachen und tatsächlich Chinesisch zu sprechen. Im »passiven« Sprachgebrauch bin ich super, nach rund zwei Monaten Training mit ihr an der »Mandarin4U«-Akademie. Passiv heißt, dass Grace Fragen auf Chinesisch stellt und ich stur wie ein Esel auf Englisch antworte. Wenn ihr das zu dumm wird, schweigt sie einfach und schaut mich unverwandt lächelnd, aber auch züchtigend an. Ich könnte sie mir gut als Domina in der entsprechenden Verpackung vorstellen.

Diese langen Schweigeminuten werden mir dann doch irgendwann unbehaglich, und ich eröffne notgedrungen einen Satz mit der Standardfloskel wo juede, »ich bin der Meinung, dass«. Dann reihe ich eine mehr oder weniger passende Reihenfolge der circa dreihundert Wörter Chinesisch aneinander, die ich tatsächlich behalten habe, und bilde einen halbwegs intelligenten Satz. Der Esel spricht, und Grace freut sich mit ihm. Wenn das Eis einmal gebrochen ist – und wir müssen es jedes Mal aufs Neue durchbrechen -, plappere ich munter drauflos, teils Schwachsinn, teils Sinnvolles, und versuche, einen unverfänglichen Kurs durch den Urwald meines beschränkten Wortschatzes beizubehalten. Früher oder später stoßen wir aber auf Ungereimtheiten und fehlendes Vokabular, das Grace dann zu meiner endlos langen Liste neuer Wörter hinzufügt. Diese Liste, mein Vokabelordner, enthält inzwischen sicherlich zweitausend Wörter. Den meisten davon verweigert mein Gehirn eigensinnig Zutritt zu meiner Gedächtnisfestplatte. Manche kommen nach zähen Verhandlungen mit meinem Gedächtnis-Türsteher dann doch hinein und setzen sich erleichtert aufatmend fest.

Die heutige Hausaufgabe ist mir nicht leichtgefallen. Das seltsame pickende Gefühl zwischen den Pobacken stört mich seit Sonntagabend gewaltig, und ich hoffe, dass es bald wieder von selbst verschwindet. Hardy und ich sind schließlich zu dem Schluss gekommen, dass diese empfindliche Körperregion durch das Radfahren wohl etwas irritiert wurde. Wir pudern zwar regelmäßig vor jeder Tour unsere Allerwertesten und andere Weichteile großzügig ein, aber manchmal kommt es doch zu kleinen Hautreizungen, die oft tagelang anhalten. Meine merkwürdige Irritation ist nach wie vor mit bloßem Auge nicht zu erkennen, aber das hält sie nicht davon ab, sich ungünstig auf mein Wohlbefinden auszuwirken. Meine Konzentration auf die Hausaufgabe hat gestern ebenfalls darunter gelitten, aber ich habe mich schließlich am Thema festgebissen, Spaß daran gehabt und versucht, das dumme Gefühl zu verdrängen. Das hört schon wieder auf, dachte ich überzeugt.

Die Hausaufgabe ist auf vier handgeschriebene DIN-A4-Seiten angeschwollen. Grace hat eigentlich nur zwei Seiten verlangt, aber wenn ich in Fahrt komme, hält mich fast nichts auf. Ich habe eine Inhaltsangabe des Films I, Robot, mit Will Smith in der Hauptrolle, angefertigt. Nach acht Wochen Schule schreibe ich Pinyin, die offizielle Umschrift des Mandarin in lateinische Buchstaben, nahezu fehlerfrei, und es verschafft mir eine gewisse Befriedigung, mein oft zögerliches Sprechen durch flüssiges Schreiben wettzumachen.

Hardy und ich kaufen jeden Monat die neuesten Filme auf DVD, in China erscheinen sie meistens ja schon vor dem offiziellen Kinostart. Man könnte es natürlich Piraterie nennen, aber um konsequent zu sein, müsste man dann schon beim Kauf einer elektrischen Zahnbürste darauf achten, ob es sich um Original oder Fälschung handelt. I, Robot haben wir am Samstag gesehen, und da ich Will Smith mag, hat mir auch der ganze Film gefallen. Ich weiß, dass Grace ebenfalls auf ihn steht, daher habe ich diesen Film bewusst ausgewählt. Manche Wörter weiß ich natürlich nicht, ich setze sie dann notgedrungen auf Englisch ein. Später, während ich die Hausaufgabe vorlese, wird mir Grace die chinesischen Begriffe angeben, und ich werde sie der endlosen Vokabelliste hinzufügen.

Wode lao shi weckt ungeahnte Talente in mir, und ich schreibe begeistert jede Woche Filmkritiken für sie. Manchmal kauft sie sich dann selbst die besprochene DVD, wenn meine Inhaltsangabe sie überzeugt hat. Heute habe ich wieder zahlreiche Wörter auf Englisch einfügen müssen, aber das macht nichts. Fünfundachtzig Prozent meiner Arbeit sind in Pinyin, das ist ein guter Schnitt.

*

Ehe unser Fahrer, Mr Zhang (ja, auch er heißt Zhang, ein überaus häufiger Name in China), mich um 12.15 Uhr abholt für den rund dreiviertelstündigen Trip in die Stadt, schlürfe ich noch einen letzten Cappuccino über dem Vokabelordner und versuche es mit einer Art Last-Minute-Einprägung der Wörter der letzten Stunde. Aber es will jetzt nichts mehr in den Kopf. Ich glotze die dicht beschriebenen Seiten an und rutsche von einer Pobacke auf die andere. Es muss aussehen, als würde ich versuchen, ein Ei zu legen. Ich frage mich, ob es wohl albern wäre, wegen dieses Phänomens einen Arzt aufzusuchen.

Irgendwie kann ich mich nicht konzentrieren. Also lasse ich die Vokabelgeschichte sein, klappe den Ordner zu und gehe mit meinem Hofstaat noch mal in die Küche. Ich habe bereits meine Ausgehuniform an: hohe Sandaletten, eine auf der Hüfte sitzende Jeans, ein leicht durchsichtiges, aber dezentes Top, etwas Schmuck. Mit hochgesteckten Haaren und ein wenig Make-up fühle ich mich gut und kann der Hitze draußen entgegentreten.

Die Gefolgschaft bekommt noch einen Abschieds-Schmacko und einen Klaps, ich bekomme noch ein Glas Saft, ehe ich den Lippenstift auftrage. Ich will das Haus stets in perfektem Zustand verlassen, drunter mache ich es nicht. Da müsste schon ein absoluter Notfall eintreten, und den hatte ich noch nicht. Ausnahmen bilden natürlich unsere Outdoor-Aktivitäten, bei denen eher eine rustikale Garderobe, Käppi und Sportschuhe angesagt sind. Aber ein bisschen Lippenstift geht trotzdem immer.

Als ich nochmals das Treppenhaus in Richtung Bad erklimme, merke ich, dass meine Füße irgendwie vibrieren. Im Bad angekommen, kicke ich die High Heels von mir und gehe barfuß umher. Das Vibrieren hat aufgehört, ich seufze und denke, dass ich mir das nur eingebildet habe. Auf meinem ausladenden Schminktisch finde ich den passenden Lippenstift zum Outfit und trage ihn präzise und lustvoll auf. Ich genieße die Verwandlung, die dieser Vorgang stets hervorruft. Er verleiht meinem Gesicht eine unverwechselbare Note. Selbstvertrauen, Ausdruck, Frische und eine Spur von Glamour.

Dann ziehe ich die Schuhe wieder an und verlasse schließlich mit meiner Schultasche das Haus. Mr Zhang reißt mir den Schlag unserer Limousine auf, und los geht’s auf den Highway Richtung Shanghai. Widerwillig hole ich noch einmal das Vokabelungetüm aus dem Ranzen und versuche dem Türsteher in meinem Kopf zu suggerieren, dass er wenigstens ein paar neuen Wörtern Einlass in das Allerheiligste gewähren möge. Vergebens. Er will nicht oder macht Mittagspause, oder was auch immer.

Wieder habe ich die Schuhe abgestreift und bewege die Füße hin und her. Etwas stimmt tatsächlich nicht mit meinen Fußsohlen. Sie fühlen sich pelzig an, ein bisschen wie eingeschlafen. Ich drehe die Füße und spreize die Zehen ab, bis sie lautstark knacken. Mr Zhang beobachtet mich neugierig im Rückspiegel, ist aber zu zurückhaltend, um zu fragen, ob mit mir alles in Ordnung sei. Ich grinse ihn lediglich fröhlich an. Alles klar, signalisiert das, und wir setzen die Fahrt in angenehmer Schweigsamkeit fort. Im Gegensatz zu den peinlichen Schweigeminuten im Unterricht bei Grace ist das Schweigen zwischen Mr Zhang und mir ganz entspannt. Wir kommen auch ohne große Worte gut klar miteinander.

*

Pünktlich kurz vor 13 Uhr treffe ich in der Akademie ein. Mit Mr Zhang verabrede ich mich für 16 Uhr in der Tiefgarage des gegenüberliegenden »Carrefour«, der zu der auch in Asien stark expandierenden französischen Supermarktkette gehört. Nach dem zweistündigen Unterricht werde ich dort unsere Vorräte für zu Hause noch ein wenig aufstocken.

Ungefähr vier verschiedene, fröhliche ni haos schallen mir entgegen, als ich durch die Glastüre der Schule trete. Ich gehe ebenso freundlich und lautstark zurückgrüßend am Sekretariat vorbei zu meinem Unterrichtsraum. Grace ist noch in der Küche und kommt mit zwei Tassen grünen Tees für uns beide pünktlich um 13 Uhr zur Tür herein.

»Hallo Claudia, wie geht es dir? Was hast du denn so am Wochenende gemacht?«, fragt sie mich auf Chinesisch.

Damit habe ich gerechnet und habe bereits im Auto die entsprechende Antwort einigermaßen verständlich vorbereitet.

»Heute es mir nicht so gut gehen. Mein Ehemann und ich viel Fahrrad gefahren letztes Wochenende. Letztes Wochenende das Wetter sehr heiß sein und mein Körper nicht so gut fühlen.«

Mir ist klar, dass ich wie ein zurückgebliebener Meister Yoda spreche, aber das macht nichts. Grace ist von meiner Sprachgewalt begeistert und ermuntert mich mit heftigem Nicken fortzufahren.

»Nun einen kleinen Schmerz ich habe und ich bin der Meinung, dass vielleicht diese Woche ich einen Arzt sehen.«

Grace entgegnet: »Vielleicht solltest du einfach mal eine Pause machen. Wenn ich so viel Rad fahren würde wie du, wäre ich schon tot.«

Jetzt trumpfe ich mit einem »Ja, ich bin auch der Meinung, Sport ist Mord!« auf.

Grace kreischt vor Lachen und sagt: »Das habe ich ja noch nie gehört. Sagt man das so in Deutschland?«

Ich suche fieberhaft nach einer Antwort und einige mich mit dem Türsteher auf »Ja, deutsche Menschen sehr oft sagen diese Worte, ein Scherz es ist!«

Grace gluckst: »Das ist kein Scherz! Ich bin der Meinung, die Deutschen liegen vollkommen richtig!«.

Nun brülle ich vor Lachen.

Währenddessen winde ich meine Füße um die Stuhlbeine und versuche meine Fußsohlen zu spüren. Sie sind vollkommen eingeschlafen. Ich versuche mein aufkeimendes Entsetzen zu unterdrücken, aber Grace merkt, dass etwas nicht stimmt, und fragt freundlich: »Tut dir etwas weh? Du sitzt so unruhig auf deinem Stuhl!«

Ich krame tief in der Gedächtnisfestplatte und fördere Kenntnisse aus einer älteren Schulstunde zutage: »Heute Morgen meine Füße plötzlich schlafen tun. Niemals meine Füße tun zuvor, ich ein bisschen Angst nun.«

Grace runzelt die Stirn und wickelt nachdenklich eine Strähne ihres circa einen Meter langen, ebenholzfarbenen Haares zu einer soliden Rolle um den Zeigefinger.

»Ich bin der Meinung, dass das nichts Schlimmes sein kann. Du siehst sehr gesund aus, Claudia, vielleicht solltest du wirklich eine kleine Trainingspause einlegen?«

Den letzten Teil habe ich nicht ganz verstanden, und Grace erklärt mir den Gebrauch des Verbs »sollen« und das Wort für »Training«. Wir vertiefen uns in Grammatik und vergessen für einen Moment meine Füße.

Ich fülle meinen Notizblock mit einer Flut neuer Informationen und lamentiere innerlich über die stetig wachsende Vokabelliste und die umfangreichen grammatikalischen Neuheiten. Endlich aber hören wir damit auf, und ich darf die Hausaufgabe vorlesen.

Grace macht es sich erwartungsvoll in ihrem Stuhl bequem, und eigentlich verlangt der Moment nach einer Tüte Popcorn. Ich nehme Grace mit in eine nahe Zukunft, in der allzeit hilfsbereite Roboter einen festen Bestandteil innerhalb der menschlichen Gesellschaft bilden. Wie so oft endet diese anfangs so beschauliche und freundliche Utopie in Chaos und Gewalt. Mit meinen oft hanebüchenen Wortkonstruktionen und eher kindlichen Ausdrücken beschwöre ich offenbar dennoch eine bedrohliche Zukunftsvision herauf. Während meines Vortrags nickt Grace oftmals anerkennend und lässt mich erst ausreden, ehe sie mich auf diverse Fehler und Ungereimtheiten aufmerksam macht. Danach lobt sie mich aber ausgiebig, denn Kinder brauchen das.

»Das hast du wieder sehr schön gemacht, Claudia. Den Film hole ich mir bestimmt auch nach Hause.« Sie schiebt unser Arbeitsmaterial auf dem Schreibtisch ein bisschen herum. »Und, sah er wieder gut aus?«, fragt sie beiläufig.

»Wer denn?«, ärgere ich sie fast arglos.

»Na, wer schon? Will Smith natürlich!«, erwidert sie ungeduldig.

»Ja, ja, na klar!«, sage ich auf Chinesisch. »Echt geil!«, füge ich auf Deutsch hinzu.

Lao shi Zhang spricht ein ganz klein wenig Deutsch, und ihr Interesse ist geweckt. Die nächste Viertelstunde darf ich dann damit zubringen, die Bedeutung von »echt geil« ins Chinesische zu übersetzen. Es ist schon ein hartes Brot, aber meine Lehrerin lobt meinen Beitrag.

Mir schwillt die Brust vor Stolz. Der Unterricht macht mir eigentlich viel Spaß, und Lob von meiner kritischen Lehrerin geht mir runter wie Öl. Ohne mir dessen bewusst zu sein, tappe ich währenddessen unentwegt mit beiden Füßen auf dem Linoleum herum. Aber da ist überhaupt kein Gefühl. Es klingt wie Morsezeichen.

Grace hat es auch bemerkt und sagt auf Englisch, um mich zu schonen: »Vielleicht machen wir heute ausnahmsweise ein bisschen früher Schluss? Ich sehe doch, dass du dich nicht wohlfühlst.«

Einerseits würde ich gerne noch ein bisschen weitermachen, andererseits bin ich mittlerweile so unruhig, dass ich wirklich kaum noch stillsitzen kann. Grace entlässt mich also in die Freiheit. Eine große Hausaufgabe bekomme ich dienstags nie aufgebrummt, die Zeit bis zur nächsten Doppelstunde am Donnerstag ist zu kurz für geistige Höhenflüge. Das Wiederholen der neuen Vokabeln ist schon genug. Grace wünscht mir zum Abschied noch gute Besserung auf Englisch. Hätte sie es auf Chinesisch getan, hätte ich es wohl nicht verstanden und wir hätten gleich noch einen Satz neuer Vokabeln für den kommenden Donnerstag gehabt.

*

Ich verlasse das Gebäude und mache mich daran, die hektische Yanan Lu, eine der Hauptverkehrsadern Shanghais, zu überqueren. Lediglich fünfzig Meter trennen mich vom Eingang zum »Carrefour«. Diese fünfzig Meter können in Shanghai über Leben und Tod entscheiden. Ich stehe in einem Pulk von anderen todesmutigen Fußgängern, die diese Herausforderung weniger zögerlich als ich in Angriff nehmen. Als sich eine Lücke im Verkehrsfluss auftut, stürzt die Gruppe los. Ich stürze mit ihnen. Gemeinsam sind wir stark. Verbissen weichen wir Mopeds, Fahrrädern und anderem Kleingetier aus. Wichtig ist es, die größeren, rücksichtslos heranpreschenden Geschosse rechtzeitig zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Wir rennen, beziehungsweise die anderen rennen. Ich renne wahrscheinlich auch, bekomme dazu aber keine entsprechende Rückmeldung von meinen Füßen. Wohlbehalten treffen die Gruppe, meine Füße und ich am anderen Ufer ein. Wir trennen uns grußlos. Die Zweckgemeinschaft ist beendet. Meine Füße und ich entschwinden Richtung »Carrefour«, und ich genieße die wohltuende Kühle, die mich beim Betreten des klimatisierten Supermarkts gnädig einhüllt.

»Mandarin4U« spart, wie viele andere Firmen und öffentliche Gebäude in den Sommermonaten, an der teuren Energie. Daher ist es mir in der Schule immer etwas zu warm, und mir steht bei meiner Arbeit mit Grace meistens sowieso schon der Schweiß auf der Stirn. Die ungefähr sechs »Carrefours« in Shanghai machen aber offenbar genügend Umsatz, um ihre Kunden kühl zu halten.

Mechanisch arbeite ich meine Einkaufsliste ab. In Gedanken bin ich ein Stockwerk tiefer bei meinen Füßen. Über sie hätte ich beinahe das unsichtbare Gerstenkorn vergessen, das ich im bekleideten Zustand nicht so stark spüre. Ob die beiden Sachen irgendwie zusammenhängen? Langsam zweifle ich an meinem Verstand. Ich wühle in meinem Schulranzen nach meinem Handy und rufe Mr Zhang an, um ihm mitzuteilen, dass ich früher fertig geworden bin.

Er erwartet mich an den Kassen. Wie immer hat er aus den ungefähr fünfzig betriebsamen Kassen die schnellste herausgesucht und winkt mir lebhaft zu. Ich navigiere zielstrebig auf ihn zu. Ungefragt hilft er mir, die Lebens- und Haushaltsmittel aufs Band zu packen. Wir sind ein gutes Team. Die Kassiererin tütet alle Waren geschickt ein, Mr Zhang nimmt ihr die Beutel ab und verstaut sie wieder im Einkaufswagen. Ich darf aber selbst bezahlen und folge dann Mr Zhang zur Tiefgarage. Dort herrschen ungefähr fünfzig feuchtheiße Grad, und wir beeilen uns, dieser Waschküche zu entfliehen. Die verderblichen Sachen kommen nach vorn in eine Kühlbox ins kalte Auto, alles andere darf im Kofferraum braten.

Als wir nach der Ausfahrt wieder das Tageslicht erblicken, wähle ich die Rufnummer des »Medi Center«-Krankenhauses. »Medi Center« ist eines von zahlreichen international geführten Krankenhäusern in Shanghai, das viele ausländische Firmen ihren Mitarbeitern als Anlaufstelle für jedwedes Gesundheitsproblem empfehlen. Ich war schon ein paar Mal dort für Routineuntersuchungen beim Gynäkologen und war ganz zufrieden. Jetzt frage ich nach Frau Kessler, einer Deutschen, die dort als Koordinatorin zwischen ausländischem Patienten und chinesischem Personal fungiert. Frau Kessler steht wohl gerade neben der Telefonistin, denn sie kommt gleich an den Apparat. Wir mögen uns, und sie freut sich, von mir zu hören. Ich schildere ihr kurz meine seltsamen Phänomene, und sie hört auf, sich zu freuen. Wir beide mutmaßen kurz, was der Grund meiner skurrilen Symptome sein könnte.

»Ich habe Angst, dass es Durchblutungsstörungen sein könnten«, erkläre ich. »Ich nehme ja die Pille und bin nicht mehr ganz jung. Blutgerinnsel, Schlaganfall, Thrombosen, mir fällt nur schreckliches Zeug dazu ein!«

»Nein, so schlimm wird es schon nicht sein«, meint Frau Kessler. »Sie fühlen sich offenbar ja sonst ganz normal. Aber einen Termin mit unserem praktischen Arzt sollten Sie für morgen schon vereinbaren. Dr. Ballhaus, auch ein deutscher Kollege, praktiziert seit Kurzem bei uns. Ein netter Mann, mit dem können Sie dann in Ruhe über alles reden.«

»Fein,« antworte ich und mache für Mittwoch Vormittag einen Termin bei Dr. Ballhaus aus. Nach diesem Anruf fühle ich mich fast schon geheilt. Geheilt wovon eigentlich?

*

Zu Hause lädt Mr Zhang meine umfangreichen Einkäufe in der Garage ab. Meine Haushaltshilfe, Mrs Ling, ist auch noch da und kümmert sich um den Transfer der Güter aus der Garage in die Küche. Ich hingegen kümmere mich um den Hofstaat. Die Viererbande bellt und heult erregt und vermittelt mir den Eindruck einer unmittelbar bevorstehenden Hungerkatastrophe. Die Hunde sprechen in ihrem Idiom, und ich antworte in diesem Fall auf Deutsch. Allerdings kommt es manchmal unmittelbar nach dem Chinesisch-Unterricht zu einer komplexen babylonischen Sprachverwirrung zwischen Mandarin, Deutsch und Englisch.

»Ihr habt heute Morgen doch schon leckere Hähnchenbrust mit Reis gehabt«, teile ich meinem Volk gebieterisch mit. »Ihr bekommt besseres Essen als ein hoher Prozentsatz der Weltbevölkerung! Könnt ihr euch eigentlich vorstellen, wie viele Menschen an Hunger gestorben sind, seit ich zur Tür hereingekommen bin?«

Die Menge berät sich kurz, dann fühlt sich Porthos, als Ältester, zum Sprachrohr berufen und stößt ein zweifelndes, kehliges Raunen aus, das in einem hohen Fiepton seinen Ausklang findet. Ich sehe ein, dass in dieser gut bestückten Küche und in diesen Hundeköpfen, die ich über alles liebe, globale Hungersnöte einfach keine Rolle spielen, und fische eine dicke Hundewurst aus einer der zahlreichen »Carrefour«-Tüten. Die Euphorie kennt keine Grenzen. Ich schneide die Wurst flink in kleine Stückchen, und wir nehmen die altbekannte Fütterungsformation ein.

Nach dieser Happy Hour begebe ich mich auf meinen nicht vorhandenen Füßen in mein Büro. Nach meinem Badezimmer ist mein Büro mein liebster Aufenthaltsort. Hardy und ich haben jeweils ein vollständig ausgerüstetes Arbeitszimmer mit eigenem Computer, Drucker, Soundsystemen und DSL-Anschluss. Meines befindet sich im Erdgeschoss, so dass ich dem Hundegeschehen näher sein kann. Seines ist im ersten Stock, so dass er dem Hundegeschehen besser entgehen kann.

Ich kümmere mich um Rechnungen, Überweisungen, Korrespondenz, E-Mails an Freunde und dergleichen. Manchmal schlampe ich ein wenig vor mich hin und vergesse oder verdränge etwas. Es gibt immer irgendwelchen Papierkram, um den ich mich nicht reiße und den ich vor mir herschiebe bis zum Sankt Nimmerleinstag.

Jetzt rufe ich die »Google«-Website auf und beginne Suchbegriffe wie »Taubheitsgefühle« und »Fremdkörpergefühle im Analbereich« einzugeben.

Ein Kosmos unerfreulicher Möglichkeiten tut sich sekundenschnell vor mir auf. Nach kurzem Überfliegen der Treffer bin ich mir nicht sicher, ob ich bereit bin, in diesen Kosmos einzutreten. Die Neugierde aber überwiegt. Ich lese von Ischiasbeschwerden, Diabetes Mellitus, Tumoren, doch dann kommt endlich etwas »Erfreuliches«. Erleichtert studiere ich die Website eines Mountainbike- und Rennradforums. Da wird von zu harten oder falsch eingestellten Sätteln gesprochen, die die verrücktesten Symptome hervorrufen können. Hier ein bisschen zu viel Druck auf den Dammbereich, schwuppdiwupp, schon hat man taube Gliedmaßen. Ich atme geräuschvoll und erleichtert aus. Bis jetzt hatte ich zwar in meiner jahrelangen Radfahrerkarriere niemals irgendwelche Probleme mit meinem Sattel, aber was soll’s. Alles passiert irgendwann zum ersten Mal. Vorübergehend bleibe ich noch fasziniert in einem Sadomaso-Forum hängen, das zum Thema analer Fremdkörper empfohlen wird. Ein Pete fachsimpelt darin mit einem Dave und einer Heidi über die Vorzüge eines rätselhaften Latexspielzeugs, das ich mir nur ungenügend bildlich vorstellen kann.

Ungern reiße ich mich von diesem interessanten Szenario los und wandere leichten Fußes zurück in die Küche. Die Hunde freuen sich über mein Wiedererscheinen und meinen, eine neue Runde Hundekekse sei fällig. Ich vertröste sie auf den folgenden Morgen und sehe zu, dass ich für den Abend rechtzeitig Menschennahrung auf den Tisch bringe.

Meine Füße und auch mein malträtierter Po fühlen sich nach meiner Selbstdiagnose schon wesentlich besser an, und ich bin mir sicher, dass der deutsche Arzt morgen zu einem ähnlichen Schluss gelangen wird. Ich habe einfach eine kleine Sportverletzung. Radprofis haben so etwas wahrscheinlich alle zwei Wochen und scheren sich nicht darum.

*

Hardy ruft aus dem Büro an und verkündet sein baldiges Eintreffen zu Hause. Ich bin in bester Stimmung und verkünde meinerseits die bereits eingeleitete Entstehung eines pikanten Pastagerichts mit Meeresfrüchten. Während ich das Abendessen vorbereite, singe ich lautstark mit der ewig jungen Nena mit, deren Musik in der Küche läuft. Meine Füße summen leise mit, wie es scheint, aber ich kümmere mich nicht weiter darum. Sportverletzung eben, wie die Profis. Das heilt schon aus.

Da der CD-Player in der Küche sehr laut spielt und ich ebenso laut mitgröle, verpassen die Hunde und ich Hardys Ankunft. Wir sind alle überrascht, ihn plötzlich grinsend im Türrahmen stehen zu sehen.

Aufgrund der ungewöhnlich beschwingten Stimmung wählen wir den »Triaden Diner« als Austragungsort für das heutige Abendessen. Der Raum heißt so, weil es selbst einem chinesischen Mafiaboss Spaß machen dürfte, hier zu tafeln. Er ist vollständig mit traditionellen chinesischen Möbeln und asiatischer Kleinkunst ausgestattet, ein großer runder Tisch darf natürlich nicht fehlen.

An dem lassen wir uns jetzt nieder, das etwas profanere, kleinere Alltags-Esszimmer bleibt heute verwaist, obwohl es den Vorteil eines Fernsehgeräts bietet. Aber wir wollen uns ja unterhalten, da bedarf es nur ein bisschen Hintergrundbeschallung durch »Buddha Bar«-Musik.

Wir wickeln jeder eine dampfende Gabel Nudeln auf und genießen den ersten Bissen. Dann stoßen wir mit Rotwein an. Die zweite Flasche ist schon dekantiert und harrt atmend in der Küche ihrer Hinrichtung. Das Leben ist schön, denke ich mir wieder einmal. Ich denke das oft. Hardy ist nicht so glücklich wie ich, das steht außer Frage. Vielleicht ist mein Glück dann nur geborgt? Egal, jetzt wird erst mal genossen.

»Es gibt Neuigkeiten«, erzähle ich. »Morgen früh habe ich einen Termin im Medi Center. Die haben jetzt einen deutschen Allgemeinarzt. Vielleicht weiß der, was mit meinen Füßen und meinem Hintern los ist.«

»Ja, mach das mal«, erwidert Hardy. »Ist schon besser, wenn du das mit einem Arzt besprichst. Im Internet steht so viel dummes Zeug.«

»Das mit dem Sattel ist aber schon einleuchtend, findest du nicht?«

»Du fährst seit Jahren mit dieser Höheneinstellung und auf weichen Gelsätteln. Was soll denn jetzt plötzlich daran verkehrt sein?«, zweifelt Hardy.

»Vielleicht genügt es ja, den Sattel etwas zu verstellen?«

»Dann kommst du entweder nicht mehr mit den Füßen auf den Boden oder du sitzt wie auf einem Kinderfahrrad. Dann bekommst du wirklich eine schlechte Haltung. Ich halte das alles für Quatsch, aber warten wir mal ab, was der Arzt dazu sagt.«

Nach einem weiteren Bissen und einem bedeutungsvollen und etwas abschätzigen »Hmmmm«, das ich von Angelina Jolie gelernt habe, beschließe ich, das Thema zu wechseln, und erzähle von meiner Unterrichtsstunde.

Hardy ist stolz auf mich, und wir stoßen auf meine erfolgreiche Hausaufgabe an. Dann fällt mir die »Sport ist Mord«-Anekdote ein, und ich erzähle sie grinsend und voller Begeisterung.

Hardys Stimme hat einen leicht verärgerten Klang, als er sagt: »Weißt du was? Du musst nicht mit mir Rad fahren, wenn dir das alles zu viel wird oder keinen Spaß mehr macht. Ich kann genauso gut alleine fahren, oder ich frage Rolf, ob er Lust hat, nächstes Wochenende mitzukommen.«

Ich verschlucke mich vor Überraschung fast an einem Schluck Wein. So sollte die Anekdote eigentlich nicht rüberkommen. Die war doch Spaß! O Mann, zum Entertainer bin ich sicherlich nicht geboren.

Rolf taucht vor meinem inneren Auge auf. Wenn er nicht in Shanghai für seine schwäbische Firma Industrieanlagen baut, dann braust er daheim in der Freizeit mit fünfunddreißig Stundenkilometern auf seinem Rennrad über die Schwäbische Alb. Der Mann ist in Höchstform, so wie ich es vor Kurzem noch war. Meine Eifersucht wallt auf.

»Das war doch nur ein Scherz!«, protestiere ich. »Natürlich will ich am Wochenende wieder rausfahren, der Doc morgen wird mich schon richten!«

Ein neues, unverfängliches Gesprächsthema fällt uns beim Essen nicht mehr ein. Irgendwie sehen wir beide urplötzlich müde aus und sind es wohl auch.

Die Stimmung ist abgeflacht, und wir nehmen die zweite Flasche Wein mit rüber ins Wohnzimmer. Wir beschließen, das Unterhaltungsprogramm des restlichen Abends dem DVD-Player zu überlassen, und ich wähle einen Film aus. Es ist Blueberry. Ein irreführender Titel für einen Western. Der Film lenkt uns beide von unseren jeweiligen Sorgen ab, und seine merkwürdige Handlung fesselt uns bis zum Schluss. Ich überlege, ob es mir wohl gelingen wird, diese düstere Geschichte eines Sheriffs, seines indianischen Freundes und ihrer beider Widersacher auf Chinesisch nachzuerzählen.

Während ich unser Geschirr in die Küche räume und eine kleine Vorreinigung für Mrs Ling mache, gehe ich im Geiste bereits Möglichkeiten durch, Blueberry auf das erzählerische Niveau einer Fünfjährigen zu bringen. Diesen Kindergartenentwurf kann ich dann vielleicht einigermaßen ins Chinesische übertragen.

Hardy ist schon vor mir ins Schlafzimmer gegangen. Ich rufe das Volk zur kollektiven Notdurftverrichtung zusammen, und wir wagen uns ganz kurz hinaus in den noch immer tropisch heißen Garten. Danach ersteigen meine Seilschaft und ich in unterschiedlichem Tempo das Treppenhaus gen Schlafzimmer.

Louise liegt wie immer rasant und unangefochten in Führung und knallt, unfähig, rechtzeitig zu bremsen, mit dem Kopf gegen die Schlafzimmertür, die Hardy wohl versehentlich zugemacht hat. Thelma und Paciencia hoppeln langsam, aber stetig nach oben und erreichen das Ziel ohne Unfälle. Enttäuscht stehen die drei jetzt vor der verschlossenen Tür und kommen nicht weiter. Porthos und ich kommen langsam nach. Die tauben Füße verunsichern mich treppauf doch ein wenig. Ich öffne die Tür und sehe, dass Hardy das Licht schon gelöscht hat. Meine kleine Leselampe hat er aber angelassen, damit ich nicht vollständig im Dunklen tappe.

Ich gehe ins Bad und mache mich bettfein. Das »Korn« hat sich etwas verlagert. Das Gefühl scheint sich nun irgendwie in der Länge auszubreiten. Die Füße schlafen tief und fest, und ich kann sie nicht wecken. Ich habe eine Scheißangst und tappe trotz der glimmenden Leselampe im Dunkeln.

Mittwoch, 18. August

Mr Zhang und ich sind unterwegs in Sachen Mission Impossible. »Impossible« deshalb, weil ich selbstverschuldet zu spät aus dem Haus gekommen bin und wir nun lediglich magere fünfundzwanzig Minuten Zeit haben, um das »Medi Center« im Stadtteil Hongqiao zu erreichen. Mr Zhang gibt entsprechend Gas, und ich lege hinten auf dem Rücksitz die Ohren an.

Wieder einmal habe ich sehr schlecht geschlafen. Das passiert mir in der jüngeren Vergangenheit immer öfter. Man sagt ja, im Alter brauche man weniger Schlaf. Ob ich wohl schon in diesem Stadium bin? Meine Füße schlafen jedenfalls weiter ihren rätselhaften Schönheitsschlaf, nichts kann sie aus ihrem Schlummer erwecken.

Am Morgen wurde ich beim Einseifen unter der Dusche mit weiterem Unheil konfrontiert. Zumindest kurzzeitig hatte es den Anschein, als würde ich auch an einer Stelle zwischen den Brüsten nichts mehr spüren. Zunächst tat ich das als Einbildung ab, aber damit war es noch nicht genug. Gleich darauf bekam ich eine ähnliche Fehlermeldung aus dem Bereich des rechten Ellenbogens.

Schneller als geplant beendete ich den Duschvorgang und entstieg hektisch und missgelaunt der dampfenden Duschkabine.

»Vielleicht habe ich ja ein bisschen zu heiß geduscht?«, fragte ich die allgegenwärtige Louise, die mir eine Antwort schuldig blieb. Dann betrachtete ich mich ausgiebig und kritisch vor dem Spiegel und kam zu dem Schluss, dass mein Körper, von der Tapirzeichnung einmal abgesehen, zumindest äußerlich weiterhin normal aussah. Spukte es hier, oder was?

Nach dem Abtrocknen verschwanden die neuen Taubheitsgefühle, und ich hoffte, dass ich sie mir vielleicht doch nur eingebildet hätte.

Den ganzen Morgen über war ich eher einsilbig, und die Hunde zogen sich aufgrund mangelnden Entertainments zurück. Dann vertrödelte ich etwas zu viel Zeit im Internet, denn ich konnte es mir doch nicht verkneifen, vor der Abfahrt nach Shanghai noch mal nach weiteren Treffern für »Taubheitsgefühle« zu suchen.

Ähnlich wie am Vorabend erhielt ich ein Potpourri von Möglichkeiten. Da wurde mir zum Beispiel erneut eindringlich die diabetische Polyneuropathie angeboten, aber nein, ich erkannte mich nicht wieder, da war ich mir gleich ganz sicher.

Dann erschien ein weiteres Mal ein breit gefächertes Angebot zum Thema Ischias. Auch das legte ich nicht in meinen Warenkorb.

Außerdem stieß ich auf ein so genanntes »Mausarm-Syndrom«, das mich zwar zum Lachen brachte, aber auch nicht zum Kauf reizte.

Schließlich entdeckte ich eine plausiblere Offerte: eine Pudendus-Neuralgie. Hurra! Da wären wir ja wieder beim Thema Sportverletzung angelangt! Den Pudendus, ein Nerv, von dem ich noch nie gehört hatte und der in der Beckenregion sitzt, kann man in seltenen Fällen, zum Beispiel durch unsachgemäßes Sitzen auf einem Drahtesel, zur Weißglut bringen. Ergo: Taubheitsgefühle! Am Pudendus blieb ich kleben, leider vergaß ich darüber die Zeit.

Kurze Zeit später waren wir dann aber doch auf dem Highway Richtung City unterwegs. Ich nickte, eingelullt von den monotonen Fahrgeräuschen, etwas ein und träumte ein paar Minuten lang intensiv. Zu intensiv für meinen Geschmack.

*

Thailand, Anfang April 2003

Plötzlich bin ich wieder in Thailand, Mausi ist noch am Leben. Khun Manop, unser Fahrer, hat unsere ältliche, aber geräumige Firmenlimousine schon für den täglichen Gassiausflug hergerichtet. Ich höre den Wagen auf der Straße in der Hitze vor sich hin rodeln, damit er schön kalt für mich und die fünf Hunde ist. Mit Bastmatten und Plastikplanen schützen wir die Lederpolster vor den erbarmungslosen Hundekrallen und dem Schmutz, der zwangsläufig nach einem Spaziergang durch den Dschungel ins Auto geschleppt wird.

Wir leben in Jomtien Beach, in einem bezaubernden, verspielten Thai-Haus namens Baan Sawangjai. Der Name bedeutet frei übersetzt etwa »Heiteres-Herz-Haus«. Baan Sawangjai bietet uns Menschen allen erdenklichen Komfort, den Hunden allerdings zu wenig Auslauf. Auf die Straße kann ich mit ihnen nicht gehen. Zu viel Verkehr, ungeimpfte Straßenhunde und ärgerliche Farang-Nachbarn, die mir jeden Hundehaufen, den sie finden, in die Schuhe schieben wollen. Farangs, das sind Leute wie Hardy und ich: westliche Ausländer, zu denen auch Australier und Neuseeländer zählen. Farangs sind unermesslich reich und geben ihr Geld auch ungehemmt aus. Das Erste ist meistens ein Märchen, das Zweite trifft leider dennoch fast immer zu.

Die Luft flimmert, und die Straße scheint aus matt glänzendem Öl zu bestehen. Geübt laden Khun Manop und ich die aufgeregten Hunde in den Wagen. Ich sitze mit vieren auf der Rückbank, Mausi hat den Alters- und Gewichtsbonus und darf vorne neben Khun Manop sitzen. Mit »Khun« werden in Thailand eigentlich nur Personen und der Hund seiner Majestät angesprochen. Khun Manop jedoch erweist seiner Beifahrerin gerne aus Spaß Respekt und nennt sie »Khun Mausi«.

Wir machen unsere Gassi-Expedition, mit wenigen Ausnahmen seit rund 1250 Tagen, es ist ein Routineeinsatz. Die Fahrt zu »unserem« See dauert normalerweise maximal fünfzehn Minuten. Wenn auf der Sukhumvit Road, einer Landstraße, die bis nach Bangkok führt, zu dichtes Treiben herrscht, kann aber schon mal mehr daraus werden. Am See angekommen, öffnen wir jedes Mal erleichtert die Türen, und die Hundemeute ergießt sich ekstatisch jubelnd in die Natur.

Lake Land ist ein künstlich angelegter See, auf dem man Wasserski fahren kann. Es gibt eine Schleppanlage, die die Wasserskifahrer auf einer Ellipsenbahn über den See zieht. Wir wollen den meist spärlichen Betrieb nicht stören und halten uns von der Uferböschung fern. Ich trage schwere Wanderstiefel, zwei Paar Socken, eine lange, robuste Jogginghose, ein kleines Top und eine Art Piratenkopftuch, um mein feines Haar vor dem sicheren Verbrennen in der Gluthitze zu bewahren. Obenherum sehe ich also aus wie eine Seeräuberbraut, untenherum eher wie ein Mitglied einer Dschungel-Spezialeinheit auf Patrouille. Lake Land ist gerodeter Dschungel, aber die Schlangenpopulation ist trotzdem sehr dicht.

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