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Ausländer

Paul Dowswell

Ausländer

Übersetzung aus dem Englischen
von Katharina Förs und Bernhard Jendricke, Kollektiv Druck-Reif

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Ruth und Ilse, die entkamen,
und auch für Hannah

Kapitel eins

Warschau
2. August 1941

Piotr Bruck zitterte vor Kälte, während er mit etwa zwanzig anderen nackten Jungen in dem langen, zugigen Korridor wartete. Er hatte seine Kleider zu einem Bündel zusammengeknüllt, das er gegen seine Brust presste, um sich ein wenig Wärme zu verschaffen. Es war ein bewölkter Spätsommertag, und seit dem Morgengrauen regnete es. Piotr sah, dass der Junge vor ihm Gänsehaut auf seinen knochigen Schultern hatte. Der Junge zitterte ebenfalls, vielleicht vor Kälte, vielleicht auch vor Angst. Zwei Männer in gestärkten weißen Kitteln saßen vor der Warteschlange an einem Tisch. Sie untersuchten die Jungen der Reihe nach flüchtig mit seltsam aussehenden Instrumenten. Manche Jungen wurden in ein Zimmer links vom Tisch geschickt, andere wurden barsch in den Raum zur Rechten verwiesen.

Piotr und die anderen Jungen hatten strikte Anweisung erhalten, nicht zu sprechen und sich nicht umzusehen. Daher konzentrierte er sich zwanghaft darauf, starr geradeaus zu blicken. Piotr war so von Angst erfüllt, dass ihm sein eigener Körper fast fremd vorkam. Jede seiner Bewegungen erschien ihm unnatürlich und gezwungen. Ganz und gar real war nur der Druck in seiner Blase, den er kaum mehr aushielt. Piotr wusste, dass es keinen Sinn hatte, um Erlaubnis zum Austreten zu bitten. Als die Soldaten ins Waisenhaus gestürmt waren, um die Jungen aus den Betten auf einen bereits wartenden Lastwagen zu scheuchen, hatte er gefragt, ob er auf die Toilette gehen dürfe. Zur Antwort bekam er eine Ohrfeige, weil er unaufgefordert gesprochen hatte.

Zwei Wochen zuvor waren die Soldaten zum ersten Mal ins Waisenhaus gekommen. Und danach noch mehrmals. Manchmal nahmen sie Jungen mit, manchmal Mädchen. Einige der Jungen in Piotrs überfülltem Schlafsaal waren froh gewesen, dass andere abgeholt wurden. »Mehr Essen für uns und auch mehr Platz – also, worüber beschwert ihr euch?«, meinte einer. Nur wenige der Kinder kamen zurück. Diejenigen, die überhaupt darüber sprechen wollten, was geschehen war, murmelten etwas davon, dass sie fotografiert und gemessen worden seien.

Jetzt, da Piotr vorne im Korridor stand, sah er sich mehreren Soldaten in schwarzer Uniform gegenüber. Uniformen mit Abzeichen auf den Kragen, die an Blitze erinnerten. Einige Soldaten hatten Hunde – grimmige Schäferhunde, die unablässig an ihren Leinen zerrten. Piotr war schon früher solchen Männern begegnet. Sie hatten während der Kämpfe sein Dorf heimgesucht. Er hatte aus nächster Nähe erlebt, wozu sie fähig waren.

Und da war noch ein weiterer Mann, der sie beobachtete. Er trug dasselbe, einem doppelten Blitz ähnelnde Abzeichen wie die Soldaten, aber bei ihm prangte es auffällig groß auf der Brusttasche seines weißen Kittels. Er stand nicht weit von Piotr entfernt, hochgewachsen und gebieterisch, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, und beaufsichtigte dieses rätselhafte Treiben. Als er sich umdrehte, sah Piotr, dass er eine kurze lederne Reitgerte in der Hand hielt. Sein dunkles Haar war strähnig, doch wie bei den Deutschen üblich seitlich gute sieben oder acht Zentimeter über den Ohren abrasiert.

Der Mann betrachtete die Jungen durch seine schwarz geränderte Brille. Während sein Blick die Reihe entlangwanderte, nickte er oder schüttelte den Kopf. Die meisten Jungen, fiel Piotr auf, waren blond wie er selbst, nur ein paar hatten dunkleres Haar.

Der Mann hatte die selbstsichere Ausstrahlung eines Arztes, erinnerte Piotr aber trotzdem viel eher an einen Bauern, der seine Schweine begutachtet und überlegt, welches auf dem Dorfmarkt den besten Preis erzielen könnte. Als der Mann bemerkte, dass Piotr ihn ansah, stieß er zwischen den schmalen Lippen einen Laut der Verärgerung hervor und gab ihm mit einer energischen Bewegung des Zeigefingers zu verstehen, dass er nach vorne blicken sollte.

Jetzt war Piotr nur noch drei Stationen vom Tisch entfernt und konnte Bruchstücke der Unterhaltung zwischen den beiden Männern dort aufschnappen. »Warum hat man den hierhergebracht?« Und dann, lauter, zu dem Jungen vor ihm: »Nach rechts, aber dalli, bevor du meinen Stiefel in den Arsch kriegst.«

Piotr bewegte sich langsam vorwärts. Nun sah er, dass der Raum rechts in einen weiteren Korridor und zu einer offen stehenden Tür führte, durch die man ins Freie kam. Kein Wunder, dass es so zog. Draußen stand ein mit einer Plane abgedeckter Wagen, unter der Piotr finster dreinblickende junge Gesichter und Wachen mit Bajonetten an ihren Gewehren erspähte. Da erhielt er einen harten Schlag auf seinen Hinterkopf. »Augen nach vorn!«, brüllte ein Soldat. Piotr hatte solche Angst, dass er glaubte, sich gleich in die Hose zu pinkeln.

Auf dem Tisch stand ein großer kastenförmiger Aktenordner. Darauf stand mit einer Schablone in dicken schwarzen Buchstaben geschrieben:

RASSE- UND SIEDLUNGSHAUPTAMT

Piotr hatte jetzt die Spitze der Warteschlange erreicht und betete inständig, nicht in das Zimmer rechts geschickt zu werden. Einer der Männer in den gestärkten weißen Kitteln sah ihn gleichgültig an. Dann lächelte er und wandte sich an seinen Kollegen, der zu einem merkwürdig aussehenden Instrument griff. Es erinnerte Piotr an eine ganz dünne Zange. Auf dem Tisch lagen mehrere solcher Geräte. Es waren bedrohlich aussehende medizinische Instrumente, aber ihr Zweck war nicht, Körperöffnungen oder chirurgische Schnitte zu dehnen oder offen zu halten. Bei diesem Modell handelte es sich um eine Zange, in deren Schenkel aus poliertem Stahl Zentimeterskalen eingestanzt waren.

»Da müssen wir wohl nicht lange überlegen«, sagte der Mann zu seinem Kollegen. »Er ist ja dem Jungen auf dem Plakat der Hitlerjugend wie aus dem Gesicht geschnitten.«

Sie setzten die Zange beidseits an seine Ohren und vermaßen rasch seinen Kopf. Der Mann signalisierte Piotr lächelnd, er solle in das Zimmer links gehen, was dieser ohne Zögern tat. Dort warteten, angezogen, bereits andere Jungen. Als sich seine Angst löste, kam er sich dumm vor, wie er so dastand, nackt und seine Kleider an sich gepresst. Es gab hier keine Soldaten, nur zwei Krankenschwestern, die eine beleibt und mütterlich, die andere jung und zierlich. Piotr lief vor Scham rot an. Er entdeckte eine Tür mit der Aufschrift Herren und stürzte hinein.

Nachdem der schmerzhafte Druck in seiner Blase aufgehört hatte, war Piotr vor Erleichterung ganz schwindelig. Sie hatten ihn nicht in das Zimmer rechts und zu dem Wagen mit der Plane geschickt. Er war hier bei den Krankenschwestern. Es gab einen Tisch mit Keksen, Bechern und einem Wasserkrug darauf. Piotr fand eine Stelle am Fenster, wo er sich anziehen konnte. Als er ins Waisenhaus gekommen war, hatte er nur die Kleider besessen, die er am Leib trug; diese zweite Garnitur hatte man ihm mitgegeben. Manchmal fragte er sich, wem der schmuddelige Pullover wohl gehört hatte, und hoffte, dass sein früherer Träger nur aus ihm herausgewachsen, nicht aber gestorben war.

Piotr musterte die anderen Jungen in der Runde. Ein paar kannte er, doch es war keiner dabei, den er als Freund bezeichnet hätte.

Draußen auf dem Gang hörte er Holz über den gewienerten Boden schaben. Der Tisch wurde weggeräumt, die Selektion war zu Ende. Die zuletzt hereingekommenen Jungen zogen sich rasch an, als die ältere Krankenschwester in die Hände klatschte, damit alle ihr Beachtung schenkten.

»Kinder«, sagte sie in stockendem Polnisch und mit schnarrendem deutschen Akzent. »Hier sehr wichtige Herren mit euch reden wollen. Wer von euch sprechen Deutsch?«

Niemand meldete sich.

»Kommt schon«, sprach sie lächelnd weiter. »Nicht schüchtern sein.«

Piotr hatte das Gefühl, dass ihm diese Frau nichts Böses wollte. Er trat vor und antwortete ihr in fließendem Deutsch.

»Na, du bist ein kluger Junge«, erwiderte sie auf Deutsch und legte ihm ihren molligen Arm um die Schulter. »Wo hast du denn so gut Deutsch gelernt?«

»Durch meine Eltern, Schwester«, sagte Piotr. »Sie sprechen beide …« An der Stelle brach er ab, und als er schließlich fortfuhr, zitterte seine Stimme. »Sie haben beide Deutsch gesprochen.«

Die Krankenschwester umarmte ihn noch fester, während er mit den Tränen kämpfte. Im Waisenhaus hatte ihn niemals jemand so freundlich behandelt.

»Nun, wie heißt du denn, mein Junge?«, fragte sie. Unter Schluchzern stammelte er seinen Namen.

»Nimm dich zusammen, kleiner Piotr«, flüsterte sie auf Deutsch. »Der Doktor ist kein sehr geduldiger Zeitgenosse.«

Der große dunkelhaarige Mann, den Piotr bereits zuvor gesehen hatte, betrat den Raum. Er ging auf die Krankenschwester zu und wollte wissen, welcher der Jungen Deutsch spreche. »Lassen Sie mir noch einen Moment Zeit«, entgegnete sie. Dann wandte sie sich wieder an Piotr und sagte sanft: »Jetzt trockne dir die Augen. Ich möchte, dass du den anderen Kindern übersetzt, was der Doktor sagt.«

Sie kniff ihm in die Wange, worauf Piotr nervös nach vorn trat und wartete, dass der Mann zu sprechen anfing.

Er sprach laut, in kurzen, deutlichen Sätzen, zwischen denen er Pausen einlegte, damit Piotr übersetzen konnte.

»Mein Name ist Doktor Fischer … Ich muss euch etwas sehr Wichtiges sagen … Ihr seid als Kandidaten ausgewählt worden … für die Ehre, in die deutsche Volksgemeinschaft zurückgeholt zu werden … Ihr werdet weiteren Untersuchungen unterzogen werden … um euren Rassewert festzustellen … und ob ihr einer solchen Ehre würdig seid … Einige von euch werden scheitern und zu ihrem Volk zurückgeschickt werden.«

Er legte eine Pause ein und maß sie mit dem Blick eines strengen Schulmeisters.

»Diejenigen von euch, die als Volksdeutsche anerkannt werden – die deutschen Blutes sind –, wird man ins Vaterland bringen … und dort ein gutes deutsches Zuhause und gute deutsche Familien für sie finden.«

Piotr war ein bisschen aufgeregt, die anderen Jungen rissen jedoch bei den Worten des Mannes vor Entsetzen die Augen immer weiter auf. Niemand sagte etwas. Doktor Fischer machte auf dem Absatz kehrt und marschierte hinaus. Kaum war er draußen, brach ein Tumult los. Weinen mischte sich mit wütenden Schreien. Im Nu stand der Doktor wieder in der Tür und schlug mit seiner Reitgerte gegen den Rahmen. Hinter ihm bauten sich zwei Soldaten auf.

»Wie könnt ihr es wagen, so undankbar zu sein! Ihr werdet tun, was meine Leute von euch fordern!«, brüllte er, worauf der Lärm schlagartig verebbte. »Und ihr werdet nicht zu denjenigen gehören wollen, die zurückbleiben.«

Piotr schrie diese letzten Sätze auf Polnisch. Er war zu sehr darauf konzentriert, diesen Wortschwall zu übersetzen, um zu merken, dass ein Junge zornentbrannt auf ihn losging. Die Faust des Jungen traf ihn so hart an der Schläfe, dass Piotr zu Boden ging. »Verräter«, zischte er ihn an, während er von einem der Soldaten hinausgezerrt wurde.

Kapitel zwei

Piotr und die anderen Jungen wurden in einen luftigen, makellos sauberen Schlafsaal im selben Gebäude geführt. Man gab ihnen Handtuch und Seife, und sie durften in einem Raum mit einer Reihe Badewannen und großen Fenstern mit Milchglasscheiben ein heißes Bad nehmen. Inmitten dieses Wasserdampfs fühlte sich Piotr plötzlich wie in seinem eigenen Elend gefangen. Die Stelle am Kopf, wo ihn der Hieb getroffen hatte, pochte, und er spürte die Beule, aber wenigstens war die Haut nicht aufgeplatzt. War es richtig gewesen, sich freiwillig zum Übersetzen zu melden? Ja doch, die anderen Kinder mussten schließlich wissen, was der Doktor sagte, und das Polnisch der alten Krankenschwester reichte nicht aus, um es ihnen verständlich zu machen.

Wut machte sich in ihm breit. Er hatte sich nie ganz und gar »polnisch« gefühlt, und seine Eltern waren in Polen nie das Gefühl losgeworden, Außenseiter zu sein. Diese Deutschen mit ihrem groben Auftreten und ihren gelegentlichen furchtbaren Gewaltausbrüchen schüchterten ihn ein. Aber vielleicht hatten sie recht, ihn »zurückzuholen«. Das war bestimmt besser, als wieder in das schreckliche Waisenhaus gesteckt zu werden.

Piotrs Stimmung verschlechterte sich noch mehr, als zu seiner Beschämung die Krankenschwestern zurückkamen und ihm eine streng riechende chemische Lösung ins Haar massierten. »Das ist gegen Kopfläuse«, sagte die Ältere, als Piotr sie fragte. »Ihr aus dem Waisenhaus seid alle davon befallen.«

Nach dem Bad erhielten sie saubere Kleidung, warme Milch und Brot, danach durften sie auf den Betten im Schlafsaal ausruhen. Seine neue Hose war ihm zu kurz, aber zumindest roch sie nicht so schimmlig-muffig wie seine alten Sachen.

Auch Bücher und Zeitschriften lagen für sie bereit, die meisten allerdings in deutscher Sprache. Piotr las in der Wehrmachtszeitschrift Signal. Einige der Artikel handelten von den deutschen Soldaten in Frankreich und Holland, sie schilderten, wie die Landser in den Cafés auf der Champs-Elysées speisten oder mit einheimischen Mädchen tanzen gingen. Aber in den meisten wurden die Erfolge der Wehrmacht in Sowjetrussland hymnisch gefeiert. Einige der Jungen wollten wissen, was in den Artikeln stand. Inzwischen verübelten sie es ihm nicht mehr, dass er Deutsch konnte.

Zu Mittag wurden alle wieder zusammengerufen. In stockendem Polnisch verkündete die beleibte Krankenschwester, dass jeder weitere Angriff gegen Piotr hart bestraft würde. »Ich weiß, ihr Angst hattet …«, sagte sie. »Aber kein Junge, KEIN Junge darf schlagen diesen Jungen Piotr, der Deutsch und Polnisch sprechen.« Drohend hielt sie einen langen Bambusstock hoch und fuchtelte damit herum. Zwar machte sie einen so gutmütigen Eindruck, dass man ihre Drohung nicht recht ernst nehmen konnte, aber sie tat ihr Bestes, um Piotr zu schützen. »Habt verstanden?«

Piotr hoffte, dass die anderen ihre Worte beherzigen würden. Außer den beiden Schwestern war jetzt nur noch ein einziger Soldat zu ihrer Beaufsichtigung da.

Den übrigen Tag warteten die Jungen im Schlafsaal; nacheinander wurden sie einzeln herausgerufen, kamen aber dieses Mal nach einer halben Stunde wieder zurück, die meisten jedenfalls. Als der Erste wieder erschien, sahen ihn alle erwartungsvoll an. »Noch mal alles vermessen«, sagte er mit einem verwunderten Achselzucken.

Während der Wartezeit erhielten sie warmes Essen – Eintopf mit Kartoffeln und Brotpudding mit Mohnsamen. Das Essen war gut, ein Festschmaus verglichen mit den dünnen Suppen und dem altbackenen Brot im Waisenhaus. Piotr fühlte sich allmählich wohler, und seine Stimmung hellte sich ein wenig auf.

Doch nicht alle Kinder hatten sich beruhigt. Der Junge neben Piotr wiegte sich, die Knie mit den Armen umschlungen, hin und her. Piotr setzte sich an sein Bettende. »Ich glaube, wir brauchen uns keine Sorgen zu machen«, sagte er. »Ist es nicht gut, dass wir nicht die ganze Zeit Kohldampf schieben müssen?«

»Mir egal, ob sie uns Gołąbki und Piroggen mit goldenen Löffeln essen lassen«, erwiderte der Junge. »Ich will nicht nach Deutschland. Nicht zu diesen Nazi-zboks …«

Genau in diesem Moment erschien die junge Schwester in der Tür und rief Piotrs Namen. Sie führte ihn in ein kleines Büro nicht weit vom Schlafsaal. Ihre Hand ruhte leicht auf seiner Schulter. In dem Zimmer wartete der Mann in dem weißen Kittel, der gescherzt hatte, Piotr ähnle dem Jungen auf dem Plakat der Hitlerjugend. Er lächelte Piotr an und bat ihn, sich zu setzen. Auf Deutsch erklärte er ihm, dass für eine wissenschaftliche Untersuchung sein äußeres Erscheinungsbild erfasst werden solle. Er brauche keine Angst zu haben, es sei nichts Schlimmes.

Auf einmal wurde der Mann von einer herrischen Stimme nach draußen gerufen, sodass Piotr, nun allein gelassen, das Zimmer in Augenschein nehmen konnte. Auf einem Tisch lagen die seltsamen zangenartigen Instrumente, die er schon kannte, und weitere merkwürdige Dinge. Eines war eine Art langes Federkästchen, das sich an einer der Schmalseiten öffnen ließ und zwanzig künstliche Augäpfel verschiedener Farbschattierungen enthielt. Sie sahen so echt aus, dass Piotr erschauderte.

Eine weitere lange dünne Blechschachtel enthielt Haarbüschel, nebeneinander angeordnet und von eins bis dreißig durchnummeriert, von Hellblond bis Schwarz. Im Unterschied zu den Augäpfeln waren die Haare echt, und Piotr versuchte sich die Köpfe vorzustellen, von denen sie stammten. Das hellste Büschel muss einem Finnen gehört haben, dachte er – niemand, den er kannte, war derart weißblond. Er überlegte, ob das schwarze Haar von einem Juden stammen könnte – einige seiner jüdischen Freunde hier in Polen hatten sehr dunkles Haar. Auf dem Aufkleber auf dem Deckel stand in schwarzer Frakturschrift:

Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik

An eine der Wände war ein weißes Tuch geheftet, davor stand ein sonderbarer Stuhl mit einer metallenen Nackenstütze und drei gleichmäßig abgestuften Erhöhungen auf der Sitzfläche. Während Piotr noch überlegte, wozu sie dienen könnten, kam der Mann wieder herein.

Er entschuldigte sich für die Unterbrechung – Piotr war überrascht über seine Höflichkeit. Die Deutschen, die er in Wyszków, seinem Dorf, erlebt hatte, waren den Einwohnern mit unverhohlener Verachtung begegnet. Nicht, dass die Brucks als Polen gegolten hätten. Sie waren kurz nach der Invasion als Volksdeutsche »neu eingestuft« worden. Aber die deutschen Soldaten sprachen mit den Einheimischen auf der Straße stets, als hätten sie es mit Hunden oder Vieh vom Bauernhof zu tun.

Wieder lächelte der Mann. Aus seiner Ledermappe zog er ein gedrucktes Formular und füllte es penibel aus. Name, Alter, familiärer Hintergrund – all die üblichen Fragen. Dann stufte er anhand der Haarproben und Glasaugen Piotrs blondes Haar, die Augenbrauen und blauen Augen ein und ordnete sie einer Kategorie zu. Anschließend bat er Piotr, sich in die Mitte des Stuhls zu setzen und den Nacken fest an die kalte metallene Stütze zu lehnen. Das war sehr unbequem, da der hölzerne Keil in der Mitte sich in die Furche seiner Hinterbacken presste.

»Das machen wir, damit du für das Foto ganz aufrecht sitzt«, erklärte der Mann lachend, »und dich nicht in den Stuhl lümmelst wie ein fauler Pole.«

Piotr fand das nicht lustig, aber zumindest war der Mann freundlich.

Der Mann spähte in den Sucher und fotografierte Piotrs Gesicht von vorn und von beiden Seiten. Das grelle Blitzlicht blendete ihn einen Moment. Dann bat ihn der Mann, noch einmal die Kleider abzulegen. Piotr zog sich flink aus und erschrak, als er sich für drei weitere Aufnahmen erneut vor die Kamera stellen musste.

»Du brauchst ein bisschen mehr Fleisch auf den Rippen«, sagte der Mann. »Sie haben dir nicht genug zu essen gegeben, diese Polacken. Füttern zu viel Judenpack durch. Guten deutschen Jungen eine angemessene Ernährung vorzuenthalten! Das werden wir abstellen.«

Piotr zog sich wieder an. Er fühlte sich zittrig und durcheinander. Wurde erwartet, dass er etwas erwiderte? Es war wohl das Beste, den Mund zu halten. In ein weiteres Formular begann der Mann die Ergebnisse seiner ausführlichen Vermessung von Piotrs Schädel, der Länge und Größe seines Mundes, der Ohren und der Nase einzutragen. Von einigen Merkmalen wie den Ohren, den Nasenlöchern und Augenlidern fertigte er Zeichnungen an und kommentierte alles mit zustimmendem Gemurmel und ein- oder zweimal sogar mit laut geäußerter Anerkennung. Besonders erfreut schien er über das Ergebnis der Messung des Abstands zwischen Piotrs Stirn und Hinterkopf zu sein.

»Gib mir mal deine Hände«, sagte er und öffnete eine Blechschachtel mit einem tintengetränkten Kissen. Die Abdrücke von Handinnenflächen und Fingern wurden auf gesonderten Formularen festgehalten.

Anschließend ließ der Mann Piotr wieder auf dem normalen Stuhl Platz nehmen, um mit sämtlichen Formularen in der Hand erneut den Raum zu verlassen. Kurz darauf kam er in Begleitung von Doktor Fischer zurück.

Dieses Mal lächelte der Doktor ihn an. Es war ein frostiges Lächeln mit kalten Augen, aber Piotr vermutete, dass er einfach nur versuchte, nett zu sein.

»Du, mein Freund«, sagte der Doktor auf Deutsch, »bist ein Prachtexemplar nordischer Jugend. Erzähl mir von deinen Eltern. Erzähl mir, wie es dazu kam, dass du hier draußen bei den Polacken lebst.«

»Mein Vater ist … war … aus Preußen«, sagte Piotr nervös. Er wollte nicht über seine Eltern reden. Es war noch zu frisch und tat zu weh. Außerdem wusste er nicht, ob das, was er sagte, ihn in Schwierigkeiten bringen würde.

»Seine Familie, das waren immer schon Bauern dort in der Gegend gewesen«, fuhr er fort. »Der Vater meiner Mutter stammte aus Bayern und hat ein polnisches Mädchen geheiratet.«

Der Mann zuckte kaum merklich zusammen, doch deutlich genug, um sein Missfallen zu verraten. Piotr überlegte, ob er seine Geschichte womöglich zu ausführlich erzählte. Aber Doktor Fischer hörte aufmerksam zu und machte sich auf einem Vordruck Notizen. »Gut, gut«, sagte er. »Erzähl mir alles, was du weißt.«

»Meine Mutter wurde in Polen geboren, aber die Familie zog während des Großen Kriegs nach Deutschland zurück. Meine Mutter stammt auch aus einer Bauernfamilie. Ihre beiden Brüder wurden im Krieg getötet, und als ihre Eltern starben, erbte sie den Bauernhof. Mein Vater, nein, eigentlich meine beiden Eltern, wollten im Grunde gar nicht nach Polen. Sie waren beide in Deutschland aufgewachsen, aber der Bauernhof war groß, mit einem riesigen Gutshaus. Also zogen sie dorthin. Ich wurde ungefähr ein Jahr nach ihrem Umzug dorthin geboren.«

»Und was um alles in der Welt ist passiert, dass du im Waisenhaus gelandet bist?«, fragte der Doktor. »Bist du denn nicht als Volksdeutscher registriert?«

»Das waren wir«, sagte Piotr. »Als die Soldaten kamen, war ihnen durch die Art, wie meine Eltern sprachen, sofort klar, dass sie Deutsche waren und keine Polen. Wir wurden auf der Stelle in die ›Deutsche Volksliste‹ eingetragen.« In Piotr regte sich wieder die Empörung. »Das habe ich auch den Leuten im Waisenhaus gesagt und gefragt, wer sich um den Bauernhof kümmern würde, doch sie haben mir nicht zugehört.«

»Ja«, sagte der Doktor, und seine Miene verfinsterte sich. »Ich werde mir diesen erbärmlichen Heimleiter vorknöpfen. Bestimmt ist deine Eintragung verloren gegangen. Wir haben in den letzten beiden Jahren zwei Millionen Polen deutscher Abstammung bearbeitet. Es wundert mich nicht, dass du durch das Raster gefallen bist. Erzähl mir jetzt, was mit deinem Vater und deiner Mutter geschehen ist.« Er klang langsam verärgert.

»Meine Eltern kamen in der Nacht der sowjetischen Invasion ums Leben. Sie waren Freunde besuchen gegangen. Es war das erste Mal, dass sie beschlossen hatten, auszugehen und mich allein zu Hause zu lassen. Mein Vater sagte: ›Du bist jetzt dreizehn, Piotr. Wir vertrauen dir. Außerdem hast du ja Solveig‹ – das ist unsere Colliehündin –, ›die auf dich aufpasst.‹«

Piotr merkte, dass der Doktor aufgehört hatte, sich Notizen zu machen, und ihn ungeduldig anstarrte. Natürlich – das waren überflüssige Informationen. Piotr kürzte seine Geschichte ab. »Sie sind nicht zurückgekommen. Und eine Woche später wurde ich ins Waisenhaus von Warschau gebracht.«

Der Doktor kam sofort zur Sache.

»Einige der Soldaten wollen dich hier als Übersetzer behalten, aber ich denke, du hast etwas Besseres verdient. Ich werde empfehlen, dass wir dich ins Reich zurückbringen und eine gute deutsche Familie für dich suchen, die gern einen guten deutschen Sohn adoptieren will. Ich kenne eine und werde umgehend mit ihr Kontakt aufnehmen.«

»Und was passiert mit dem Bauernhof?«, fragte Piotr.

»Hast du Geschwister? Irgendwelche Verwandte?«

»Ich habe mütterlicherseits Cousinen und Tanten und Onkel, aber die sind alle in Deutschland«, sagte Piotr.

»Kennst du sie gut?«

»Nein. Es gab einen schrecklichen Familienstreit, als meine Mutter den Hof erbte. Die übrige Familie hat danach nicht mehr mit ihr gesprochen. Ich habe keinen von ihnen je kennengelernt.«

»Wir werden festlegen müssen, wer für den Hof verantwortlich ist, bis du volljährig bist«, sagte der Doktor. »Dann, wenn du alt genug bist, wirst du den Besitz übernehmen.«

Piotr war entgeistert. Das alles war zu unbegreiflich, um es auf einmal verdauen zu können. Gestern noch war er in einem armseligen Waisenhaus halb verhungert und hatte in einem Schlafsaal mit achtzig Betten geschlafen. Und jetzt bot man ihm ein völlig neues Leben an. Piotr mochte zwar die Art des Doktors nicht, aber es schmeichelte ihm, dass er etwas Besonderes sein sollte. Vielleicht konnte er sich ja doch mit einem Leben in Deutschland anfreunden. Plötzlich konnte er seine Abreise kaum mehr erwarten.

Mehrere Wochen war Piotr der Vorzeigeschüler des Sammelzentrums. Er wusste von Anfang an, dass er dort nicht lange bleiben würde. Die übrigen Jungen würden sich einer langwierigen Prozedur der »Germanisierung« unterziehen, die deutsche Sprache lernen und sich das Slawische austreiben lassen müssen. Piotr hatte dies nicht nötig.

Seit dem Morgen ihrer Selektion war es den Jungen verboten, Polnisch zu sprechen, und einige erhielten vor den Augen aller anderen mit einem Gürtel Schläge auf den Hintern, weil sie weiterhin in ihrer Muttersprache geredet hatten. Es würden schwere Monate für sie werden.

»Polnisch ist eine Sprache, die nur für Sklaven taugt«, hatte Doktor Fischer am Ende jenes ersten Tages verkündet. »Ihr seid deutscher Abstammung und werdet von der Volksgemeinschaft zurückgeholt, also werdet ihr ausschließlich Deutsch sprechen.«

Die Kinder wurden gemäß ihren Vorkenntnissen in Klassen eingeteilt. Eifrige studentische Freiwillige, die mit dem Zug frisch aus Berlin eingetroffen waren, begannen damit, ihnen Deutsch beizubringen. Nur Piotrs Deutsch befand man für so gut, dass er keinen weiteren Unterricht benötigte.

Während die anderen Deutschunterricht hatten, durfte er im Schlafsaal bleiben oder in den Garten gehen, um zu lesen. Fasziniert von der Zeitschrift Signal las er, dass die Wehrmacht das 1939 von den Sowjets eingenommene Ostpolen erobert und jetzt die Ukraine besetzt hatte. Inzwischen war sie bereits auf halbem Weg nach Moskau. Die Zeitschrift zeigte Fotos von jubelnden Bauern, die Kreuze und Ikonen hochhielten, um die lächelnden Soldaten willkommen zu heißen, die durch ihre Dörfer marschierten.

Wenn die anderen Kinder aus dem Unterricht zurückkamen, versammelten sich die Jüngeren um Piotr, um ihm ihre neu gelernten Wörter vorzutragen. »Eins, zwei, drei … vier … fünf«, plapperten sie, und Piotr korrigierte ihre Aussprache.

Der Junge, der ihn am ersten Tag geschlagen hatte, Feliks, war nur zwei Wochen da gewesen. Nicht bereit, sich mit seinem Schicksal abzufinden, war er zweimal weggelaufen, von den Soldaten jedoch wieder eingefangen und vor aller Augen verprügelt worden. »Einige von euch sind wie wilde Hunde, die sich nicht zähmen lassen wollen«, verkündete Doktor Fischer nach Feliks’ zweitem Fluchtversuch. »Einige von euch verdienen die Ehre der deutschen Staatsangehörigkeit nicht. Feliks Janiczek ist ins Waisenhaus zurückgebracht worden.«

Piotr hatte Feliks nicht gemocht, dennoch tat es ihm leid für ihn. Im Waisenhaus gab es so wenig zu essen. Bestimmt würden alle Kinder dort verhungern. Piotr hielt Feliks für einen unverbesserlichen Dummkopf. Man hatte ihm eine Chance geboten, und er hatte sie ausgeschlagen. Polen war am Ende. Deutschland war die Zukunft.

Tags darauf wurde Piotr zu Doktor Fischer gerufen, der ihm mitteilte, dass auch er bald abreisen würde. »Wir holen dich heim ins Reich. In Klosterheide gibt es ein Zentrum für Jungen wie dich. Die Familie, die ich für dich ausgesucht habe, lebt in Berlin, im Zentrum des Geschehens«, sagte er. »Ich bin gewillt, dich persönlich zu empfehlen. Ich vertraue darauf, dass du mich nicht enttäuschen wirst.«

Kapitel drei

Zwischen Warschau und Klosterheide
24. August 1941

Piotr lehnte die Stirn gegen das Zugfenster und sah zu, wie die flachen Felder der Nordeuropäischen Tiefebene an ihm vorbeizogen. Er war müde. Gelegentlich fielen ihm die Augen zu und sein Kopf sackte nach unten, sodass er abrupt aus dem Halbschlaf fuhr.

Als das Glas von seinem Atem beschlug, wischte er die Feuchtigkeit mit dem Ärmel seines neuen Pullovers weg.

Seine Begleiterin auf dieser Reise war Fräulein Spreckels, die hübsche junge Krankenschwester aus dem Sammelzentrum. Sie tadelte ihn sofort. »Das ist kein Wischtuch, Piotr. Du musst lernen, auf deine Kleidung besser Acht zu geben.«

Am Ende des Tages, hatte das Fräulein ihm erklärt, würden sie in Klosterheide sein. Wenn alles gut ginge, wäre er in ein oder zwei Wochen in einem neuen Zuhause, einem wirklichen Zuhause.

Auf dem Gleis gegenüber donnerte ein Zug voller Soldaten Richtung Osten vorbei. Vor die Lokomotive war ein Tiefladewaggon gespannt, auf dem Luftabwehrgeschütze montiert waren. In den Passagierwagen und durch die offenen Türen der Güterwaggons konnte Piotr Soldaten sehen, die schliefen, tranken oder Karten spielten. Einige sangen, und während sie vorbeisausten, konnte er über das Rattern der Räder und das Fauchen der Dampfmaschinen hinweg beinah ihre Stimmen hören. Offenbar waren sie bester Laune.

Beim Anblick der Geschütze vorn am Zug fragte sich Piotr bange, ob vielleicht auch sie selbst aus der Luft angegriffen würden. Er hatte davon gehört, welche Schäden ein Sturzkampfbomber in einem Dorf anrichten konnte, und er wusste, dass ein Zug einem angreifenden Flugzeug schutzlos ausgeliefert wäre.

»Fräulein Spreckels, warum haben wir keine Kanonen zu unserem Schutz?«

Sie lachte. »Wer sollte uns denn angreifen, Piotr? Unsere Jungs haben schon in den ersten Tagen der Invasion den Großteil der sowjetischen Luftwaffe zerstört. Und die Tommys können von England aus nicht so weit fliegen.«

Während der Zug weiterrumpelte, veränderte sich die Landschaft allmählich. Anstatt der verstreuten Bauernhöfe und Felder waren nun Straßen und eng stehende Häuser zu sehen. »Wo sind wir?«, fragte Piotr.

»Im Wartheland!«, antwortete sie stolz. »Du bist jetzt wieder daheim in Deutschland! Das alles ist Land, das wir uns von Polen zurückgeholt haben.«

Als der Zug eine Kurve machte, konnte man die Kirchturmspitzen und hohen Gebäude des Stadtzentrums ausmachen. »Ich kenne diesen Ort«, sagte Piotr. »Ich war schon mal hier. Das ist Łódź.«

Fräulein Spreckels schaute ihn streng an. »Das ist nicht mehr Łódź, Piotr. Es heißt jetzt Litzmannstadt.«

Der Zug hielt kurz am Bahnhof, und sie stieg aus, um von einem fliegenden Händler am Bahnsteig Brot und Schinken zu kaufen. »Du wirst mir doch nicht weglaufen?«, fragte sie, nur halb im Scherz.

»Ich will nach Deutschland«, erwiderte Piotr ernst. »Warum sollte ich denn weglaufen?«

Piotr bemerkte, dass sämtliche Schilder am Bahnhof neu waren, auf Deutsch, mit großen Frakturlettern. Es gab hier nichts mehr, was Polnisch klang. Doch wie jeder Schuljunge wusste, war vor der Invasion Łodź die zweitgrößte Stadt Polens gewesen.

Piotr sah Fräulein Spreckels fröstelnd am Bahnsteig stehen. Ein kalter Frühherbstwind blies von der Ostsee her. Hinter ihr befand sich der Wartesaal, vor dem ein Schild hing:

Zutritt verboten für Polen, Juden und Hunde!

Die Deutschen hatten einen grausamen Sinn für Humor, dachte Piotr. Aber jetzt würde er einer von ihnen werden. Er würde sich daran gewöhnen müssen.

Sein ganzes Leben lang hatte er sich in Polen fehl am Platz gefühlt. Obwohl er dort geboren war und Polnisch wie ein Einheimischer sprach, hatte er Sticheleien auf dem Schulhof erdulden müssen, wo man ihn als »Adolfki« hänselte. Was jetzt geschah, würde ihnen schon noch das Grinsen aus ihren dummen Gesichtern vertreiben. Er fuhr nach Deutschland in ein besseres Leben, sie aber blieben in Polen zurück, als Sklaven in ihrem eigenen Land. Das munterte ihn auf, obwohl er sich immer ein wenig schuldig fühlte, wenn er solche Dinge dachte.

Nach zwanzig Minuten fuhr der Zug weiter. Piotr war nie weiter westlich als Łódź gewesen und daher sehr neugierig auf alles, was er jetzt zu sehen bekommen würde. Als sie das alte Deutschland erreichten – das Gebiet, das schon vor der Invasion von 1939 Deutschland gewesen war –, veränderte sich die Landschaft schlagartig. Die Felder und Bauernhöfe, die vorbeizogen, wirkten gut gepflegt und ordentlich. Dörfer und Städte zeigten keinerlei Kriegsspuren. Hier herrschten Wohlstand und Überfluss.

In Litzmannstadt teilte ihm Fräulein Spreckels mit, dass zwanzig weitere Jungen zugestiegen seien, die in das Lebensborn-Heim nach Klosterheide reisten. »Möchtest du sie kennenlernen?«

Piotr zuckte mit den Achseln. Er war ganz zufrieden damit, aus dem Fenster zu starren. Aber vielleicht langweilte sie sich ja. Sie führte ihn in einen anderen Waggon und stellte sich den Schwestern vor, die mit den Jungen reisten, und den beiden Soldaten, die sie bewachten.

»Guten Tag«, sagte Piotr zu den Jungen. Sie erwiderten seinen Gruß langsam und stockend. Er fühlte sich unbehaglich und verfiel unwillkürlich ins Polnische. »Dzień dobry«, sagte er, »Guten Tag.«

Sofort sprang einer der Soldaten auf und hob die Hand, um ihn zu schlagen. Aber Fräulein Spreckels trat dazwischen und herrschte den Mann an, sich wieder zu setzen. Dann wandte sie sich an Piotr. »Vergiss nicht, dass du kein Polnisch sprechen darfst«, sagte sie scharf.

Piotr lief rot an. Doch dann stieg Zorn in ihm auf. Natürlich mussten sie Deutsch lernen, wenn sie dort leben sollten. Aber was war hier und jetzt falsch daran, mit diesen Jungen Polnisch zu sprechen? Die Frage lag ihm auf der Zunge, aber dann dachte er an das schreckliche Waisenhaus, aus dem er entkommen war, und hielt den Mund.

Gewalt lag in der Luft. Ein paar Jungen sahen verängstigt aus, andere wirkten trotzig. Die Lippen stur zusammengepresst, funkelten sie jeden böse an, damit er es bloß nicht wagte, sie anzusprechen. Aber die meisten Jungen schwiegen wie Piotr, weil sie auf der Hut waren. Jegliche Hoffnung auf eine Unterhaltung verflüchtigte sich wie der Dampf der Lokomotive.

Fräulein Spreckels führte Piotr in ihren eigenen Waggon zurück. Beide waren erleichtert, nicht mehr in der Nähe dieses brutalen Soldaten zu sein. »Du musst vorsichtig sein«, flüsterte sie nachdrücklich. »Ich weiß, du hast dir nichts dabei gedacht, aber du hättest dich und die anderen Jungen in böse Schwierigkeiten bringen können.«

Der Vorfall hatte ihnen die Stimmung verdorben, und so verbrachten sie die nächsten Stunden in unbehaglichem Schweigen.

Kapitel vier

Während der Zug weiterratterte, dachte Piotr über das Land nach, das er hinter sich ließ. In den beiden Jahren vor dem Tod seiner Eltern hatte er miterlebt, wie das Leben für gewöhnliche Polen aussah. Da Piotr und seine Familie nach der Besetzung Polens durch die Wehrmacht als Deutsche eingestuft worden waren, hatte man sie besser behandelt als ihre polnischen Nachbarn. Aus Pan und Pani Bruck waren Herr und Frau Bruck geworden. Sie betrieben weiter ihre Landwirtschaft und wurden für ihre Erzeugnisse bezahlt. Die polnischen Bauern, die sie kannten, waren zusammengetrieben worden … und man hatte sie fortgebracht. Wohin, das wusste niemand. Die Landarbeiter, die geblieben waren, arbeiteten jetzt für die neuen Gutsbesitzer aus Deutschland.

Die Geschäfte waren für die Brucks so gut gelaufen, dass sie sich ein neues Auto leisten konnten. Die Erinnerung daran trieb Piotr die Tränen in die Augen. Sein Vater war auf das Auto mächtig stolz gewesen.

Immer wenn Piotr an seine Eltern dachte, schienen schwarze Wassermassen auf ihn zuzustürzen und ihn mit sich zu reißen. Er stellte sich seinen Vater vor, groß und schweigsam, mit einem Schopf dichten schwarzen Haars. Er war ein abweisender Mensch gewesen, und Piotr hatte ihn ebenso gefürchtet wie geliebt. Aber sie hatten nie Hunger gelitten, und Piotrs Vater war ein geduldiger Lehrmeister gewesen, der ihm beibrachte, wie man Kühe molk, einen störrischen Dieselmotor reparierte und eine Eiche von einer Lärche unterschied.

An seine Mutter hatte Piotr zärtlichere Erinnerungen. Von ihr hatte er weit mehr gelernt als in der Dorfschule. Immer war sie an seinen Geschichten und Einfällen interessiert gewesen. Sie hatten gemeinsam ausgiebige Spaziergänge durch die Felder unternommen und sich dabei stundenlang unterhalten. Wie er war sie groß und blond gewesen. Er kam eindeutig nach seiner Mutter. Das hatte man ihm jedes Mal gesagt, wenn er in den Dorfladen ging.

Wie gebannt von der endlosen Aneinanderreihung von Feldern und Dörfern schweiften Piotrs Gedanken immer weiter ab. Seit ihm bewusst war, dass die Welt jenseits seines Dorfes nicht zu Ende war, hatte es ausgesehen, als laufe alles auf eine Katastrophe zu. Und dann war diese Katastrophe eingetreten.

Den Schatten, den sie vorauswarf, bekam er erstmals zu spüren, als er zehn war. Es war im Spätwinter. Seine Eltern saßen in der Küche vor dem großen Rundfunkempfänger neben dem Herd und lauschten den Nachrichten, die berichteten, dass die Nazis in Österreich einmarschiert seien. Seine Mutter sah besorgt aus. »Er ist jetzt auf dem Kriegspfad«, sagte sie. »Wen wird er sich als Nächstes einverleiben?«

»Wer ist ›er‹?«, fragte Piotr.

»Hitler«, sagte seine Mutter kurz angebunden. »Der deutsche Reichskanzler. Ein böser kleiner Mann. Man muss ihn nur ein paar Worte reden hören, dann weiß man schon, was für ein Hass in ihm steckt.«

Diese Äußerung führte zu einem schrecklichen Streit zwischen seinen Eltern. Sie zankten sich nur selten, und Piotr war darüber so entsetzt, dass er in sein Zimmer flüchtete. Der Streit gipfelte darin, dass sie sich gegenseitig anbrüllten, und Piotr bekam jedes Wort mit. Piotrs Vater schrie, Hitler – den er den Führer nannte – werde Deutschland wieder zu einer großen Nation machen. Seine Mutter, außer sich und in Tränen aufgelöst, erwiderte, die Nazis seien heimtückisch und brutal. »Sieh nur, was sie mit den Juden in ihrem Land machen«, sagte sie. »Sie schlagen sie auf den Straßen zusammen, rufen, niederträchtig wie sie sind, zum Boykott jüdischer Geschäfte auf … und das ist noch längst nicht alles. Sie bringen sie auch kaltblütig um.«

Als das Gebrüll verebbt war, schlich sich Piotr auf den Treppenabsatz hinaus. Er wollte jetzt genau wissen, was sie miteinander redeten. »Die Anhänger des Führers sind manchmal ein wenig übereifrig«, sagte Herr Bruck bedächtig. »Aber die Juden in Deutschland waren zu gierig. Sie haben sich zu viele der besten Arbeitsstellen unter den Nagel gerissen, und am Ende des letzten Kriegs haben sie dem Land den Dolch in den Rücken gestoßen.«

»Axel, du weißt, dass das Unsinn ist«, gab Frau Bruck entrüstet zurück. Sie war ganz aufgebracht. »Du redest daher wie ein Nazi – als gäbe es eine große jüdische Verschwörung, als würden sie alle unter einer Decke stecken!«

Herr Bruck erwiderte nichts. Der Streit war fürs Erste beendet.

Diese Äußerungen über die Juden verwirrten Piotr. Er kannte im Dorf jüdische Kinder. Manche waren seine Spielgefährten, und hätten sie ihm nicht erklärt, dass sie Juden seien, nachdem er gefragt hatte, warum er sie nie in der Kirche sah, hätte er es nie erfahren. Andere, viel ärmere Kinder, die vor Kurzem aus dem Osten gekommen waren, blieben unter sich. Sie trugen lange Schläfenlocken, und die Männer hatten große buschige Bärte und lange dunkle Mäntel. Auf Piotr wirkten sie nicht sehr bedrohlich. Zogen sie wirklich, wie manche Leute behaupteten, bei allem, was geschah, im Hintergrund die Fäden und brachten andere um ihr Geld? Ihm erschienen sie als die ärmsten Menschen, die er je gesehen hatte.

Den Sommer über brachten die Zeitungen und das Radio noch mehr unheilvolle Nachrichten. Die Grenzregionen der Tschechoslowakei waren von den Nazis besetzt worden. Ein halbes Jahr später besetzten sie das ganze Land. »Wir kommen als Nächstes dran«, sagte Frau Bruck.

Piotrs Vater bewahrte Ruhe. An jenem Tag sprachen sie beim Abendessen darüber, welches Schicksal ihrem Land wohl bevorstand. Piotr hörte gespannt zu. Er war es gewohnt, Erwachsenengespräche zu verfolgen, da er als Einzelkind allein mit seinen Eltern aufwuchs. Zwar verstand er nicht alles, was sie sagten, aber er spürte, dass beunruhigende Zeiten heraufzogen.

»Sie werden kommen. Ich weiß, dass sie kommen«, sagte Frau Bruck. Herr Bruck nickte und nahm die Hand seiner Frau.

»Vielleicht ist es ja das Beste, mein Schatz«, sagte er. »Verzeih mir, aber dieses Land ist klein und rückständig, und die Kommunisten versuchen ständig, uns an die Sowjets zu verschachern. Wir wären hier sicherer, wenn die Deutschen uns beschützen würden. Wenn jemand kommen sollte, um uns zu schlucken, ob nun aus dem Osten oder Westen, wäre es mir lieber, es wäre jemand von unserem Schlag. Ich möchte nicht, dass die polnischen Kommunisten mit diesen Verrückten jenseits der Grenze in Russland gemeinsame Sache machen. Wenn die Kommunisten an die Macht kommen, stellen sie Leute wie uns an die Wand und erschießen sie. Jeden, der Land besitzt. Die Bauernhöfe werden verstaatlicht und kollektiviert. Dann verhungert die halbe Bevölkerung. So wie in der Ukraine.«

Dieses Argument leuchtete Frau Bruck halbwegs ein, denn die Russen fürchtete sie noch mehr als die Nazis.

Im Sommer 1939 war Piotr geradezu in die Höhe geschossen, in einem halben Jahr wuchs er ganze fünfzehn Zentimeter. Er hatte seine Mutter gebeten, ihm lange Hosen zu kaufen, weil es ihm peinlich war, mit seinen langen dünnen Beinen in kurzen Hosen umherzulaufen. Sie hatte versprochen, ihm eine lange Hose zu nähen, aber niemals Zeit dafür gefunden. Die Nachrichten, die aus der Welt außerhalb ihres Bauernhofs zu ihnen drangen, waren zu beunruhigend gewesen. Alles schien auf eine schreckliche Katastrophe zuzusteuern.

Kapitel fünf

Polen
September 1939

An einem wunderschönen Spätsommermorgen hörten die Brucks von der Kriegserklärung. Die Welt lernte ein neues Wort: Blitzkrieg. Tief im Westen überrannten die Deutschen die polnischen Verteidigungslinien und erreichten in weniger als einer Woche die Außenbezirke von Warschau, wo sie die polnische Hauptstadt in Belagerung nahmen. Die Radioberichte, die Piotr verfolgte, waren erschreckend. Ganze Städte standen in Flammen, und die Landstraßen waren durch fliehende Zivilisten so verstopft, dass die Armee ihre Truppen nicht an die Front transportieren konnte.

Frau Bruck weinte in ihre Schürze, als sie hörte, wie die tapferen polnischen Soldaten bei dem Versuch, gegen deutsche Panzer anzurennen, niedergemetzelt worden waren. Herr Bruck nahm die Nachricht mit versteinerter Miene auf. Es sei schrecklich, sagte er zu den beiden, aber Piotr wusste, dass er es für das Beste hielt.

Noch während der Belagerung Warschaus passierte schließlich das, was sie am meisten gefürchtet hatten: Die Sowjets drangen von Osten nach Polen ein. Die Brucks saßen in der Falle. Denn im Westen herrschte unbeschreibliches Chaos, die Landstraßen waren immer noch verstopft durch Abertausende Flüchtlinge, die mitsamt ihren Pferden und ihrem Vieh unterwegs waren und ihr Hab und Gut in Kinderwagen, Schub- und Gepäckkarren mit sich führten. Autos wären, selbst wenn es Benzin gegeben hätte, völlig nutzlos gewesen. Zudem kursierten schreckliche Geschichten über Flüchtlinge, die offenbar von deutschen Flugzeugen beschossen worden waren.

Als Herr Bruck ins Dorf zum Einkaufen fuhr, wurde er auf der Straße von einigen seiner Nachbarn attackiert. Die Deutschen seien allesamt Mörder, schrien sie ihn an, während sie auf ihn einprügelten. Zum Glück waren es nur zwei, und Herr Bruck war kräftig gebaut. Aber nach diesem Vorfall beschloss er, den Hof nicht mehr zu verlassen, und Piotr wurde verboten, allein ins Dorf zu gehen. Sie lebten von dem, was sie selbst produzierten, und baten Freunde, ihnen die wenigen Dinge zu bringen, die sie darüber hinaus noch brauchten.

Keiner von ihnen schlief nach diesem Vorkommnis mehr ruhig. Immer wenn die Colliehündin Solveig nachts bellte oder ein seltsames Geräusch zu hören war, ging Herr Bruck mit dem Gewehr in der Hand nachsehen.

Das Wetter blieb herrlich sonnig – es gab nicht den üblichen Septemberregen, der die unbefestigten Straßen in Schlammpisten verwandelte. Stattdessen war der Boden hart und ausgetrocknet. »Ideales Wetter für Panzer«, stellte Herr Bruck mit einiger Befriedigung fest. Wäre ihre Welt nicht völlig aus den Angeln geraten, hätten sie diesen Altweibersommer genossen.

Piotr hatte nicht vergessen, was sein Vater im Jahr zuvor darüber gesagt hatte, was passieren würde, wenn die sowjetischen Soldaten kämen. Je nachdem aus welcher Richtung der Wind kam, konnten sie den Geschützdonner des Artilleriefeuers im Osten hören. Die Sowjets rückten näher. Piotrs Furcht war nun so groß, dass er nachts kaum noch schlief und sich tagsüber elend fühlte, weil ihm die Angst wie in einem Albtraum die Brust zuschnürte.

Es kursierten wilde Gerüchte, wonach starke französische Verbände angeblich über die deutsche Westgrenze Richtung Berlin vorstießen. Aber im Radio wurde nichts dergleichen berichtet. Dann hörten die Brucks, dass die polnische Armee vor Warschau Boden gutgemacht habe und die Nazis jetzt auf dem Rückzug seien. Doch wenn dies stimmte, würde das bedeuten, dass es niemanden mehr gäbe, der die Russen aufhalten könnte. Wie das Gerücht über die Franzosen erwies sich jedoch auch dieses als falsch. Die Brucks konnten aufatmen.

Als im Rundfunk verkündet wurde, die Belagerung Warschaus sei beendet und Polen habe kapituliert, herrschte in der Familie große Freude. Außerdem hieß es, der sowjetische Vorstoß sei am Fluss Bug zum Stillstand gekommen, nur zwanzig Kilometer von ihrem Hof entfernt. »Jetzt sind wir sicher«, sagte Herr Bruck und umarmte seine Frau und seinen Sohn. Piotr sah Tränen in seinen Augen. So hatte er seinen Vater noch nie erlebt.

Drei Tage später trafen deutsche Soldaten auf Motorrädern im Dorf ein; auf den Beiwagen waren Maschinengewehre montiert. Danach begannen Leute spurlos zu verschwinden. Das Gefühl von »Sicherheit« erwies sich als trügerisch. Es gab auch entsetzliche Gerüchte über Berge von Leichen in den Wäldern, übersät von Fliegen und madenzerfressen.

Piotr fragte seinen Vater danach, doch der schüttelte nur den Kopf. »Das Geringere von zwei Übeln«, sagte er. »Die Deutschen veranstalten ihr Großreinemachen.« Das war eine Redewendung, die sein Vater – wie Piotr wusste – in einer Sendung des Nazi-Rundfunks aufgeschnappt hatte. »Wenn sie jemanden umgebracht haben, dann wahrscheinlich Kommunisten. Diese Verräter haben kein Mitleid verdient.«

Auch der Schulmeister und der Dorfpfarrer waren plötzlich verschwunden.

»Sie haben sie wahrscheinlich nur zum Verhör mitgenommen«, meinte Herr Bruck. »Um sicherzugehen, dass sie keine Kommunisten sind.«

»Aber was ist mit den jüdischen Jungen im Dorf?«, wollte Piotr wissen. Seine Eltern verstummten. Aber die Mutter begann zu weinen. »Wir wissen nicht, was mit ihnen geschehen ist«, sagte sein Vater leise. »Ich habe gehört, viele der Juden seien zusammengetrieben und nach Warschau gebracht worden.

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