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Ausgewichtelt

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17

Über die Autorin

Paula Havaste (geb. 1962) ist promovierte Philosophin, die Managerin der Programmentwicklung im Finnish Science Centre und Mutter von drei Kindern. Sie hat bereits drei historische Romane veröffentlicht und Kinderliteratur erforscht, übersetzt, herausgegeben und besprochen. AUSGEWICHTELT ist ihr erstes Weihnachtsbuch.

Kapitel 1

Als der Weihnachtsmann in seiner neu gebauten Hütte dem Korvatunturi nahe am Polarkreis aufwachte, freute er sich über das helle Licht, das durch das kleine Fenster fiel. Die rauen Dielenbretter kitzelten ihn an den Fußsohlen, als er barfuß zur Tür ging und sie aufstieß. Herrlich! Kalte Frostluft und einige schimmernde Schneeflocken wehten herein. Der Hof, der Wald und der Fjell waren endlich weiß. Die ganze letzte Woche hatte er den Schnee herbeigesehnt.

Der Weihnachtsmann lauschte auf die Stille ringsum und rieb gedankenverloren den Zauberstein, einen Polarlichtstein, den er um den Hals trug. Der Stein fühlte sich warm und leicht an, haargenau so, wie sich auch der Weihnachtsmann fühlte. Der Neuschnee strahlte tiefen Frieden aus, und der Weihnachtsmann verspürte beim Anblick der lappländischen Landschaft zugleich Einsamkeit und eine Art feierliches Glück. Wie schön war es doch, in einem selbst gebauten neuen Haus zu erwachen.

Er reckte sich wohlig.

»Pju! Bist du der Weihnachtsmann?«, hörte er plötzlich eine hohe Stimme fragen.

Erschrocken sprang der Weihnachtsmann in seine Hütte zurück. Direkt vor seiner Nase war mit einem Mal ein spitzer schwarzer Schnabel aufgetaucht. Ein fingerlanger grauer Vogel hatte sich vor ihm an die Traufe gekrallt.

»Man sagt, hier haust einer, der sich Weihnachtsmann nennt.«

Der Weihnachtsmann sah sich das wippende kleine Wesen, das da vor ihm hing, genauer an. Flanken, Bauch und Flügel waren grau, den einzigen Schmuck bildete ein schwarz glänzender Fleck auf dem Kopf. Bei dem Vögelchen handelte es sich also um eine ungewöhnlich kleine und zerzauste Sumpfmeise.

»Das bist bestimmt du, auch wenn man mir gesagt hat, der Weihnachtsmann sei nicht mundfaul. Aber ansonsten stimmt die Beschreibung: weißer Bart und dicker Bauch«, ließ es nun vernehmen.

Der Weihnachtsmann zog empört den Bauch ein. Jaja, er war ein bisschen mollig, das ja, aber doch nicht dick!

»Ja, ich bin der Weihnachtsmann. Und wie heißt du, kleine Sumpfmeise?«

»Du kannst mich Kyksi nennen«, sagte der zauselige Vogel und legte den Kopf schräg.

Der Weihnachtsmann gab sich alle Mühe, nicht zu grinsen. Kyksi? Da hatte der kleine Vogel sich ja einen prächtigen Namen zugelegt.

»Guten Tag, Kyksi. Wohnst du hier im Wald?«

»Jetzt nicht mehr. Ich dachte mir, ich ziehe auf deinen Hof und helfe dir, verstehst du? Man kann nie wissen, ob du mich nicht bald für eine Heldentat brauchst.«

Das amüsierte den Weihnachtsmann. Helden von der Größe dieses Vögelchens wurden selten gebraucht, aber, nun gut, warum sollte das Federbällchen sich nicht für großartig halten? Er lachte freundlich und strich der Sumpfmeise mit dem Zeigefinger über die Halsfedern. Der Vogel hüpfte gleich von der Traufe auf den Arm des Weihnachtsmannes und flatterte mit den Flügeln. Offenbar hatte er Schwierigkeiten, sich zu putzen, denn die Schwanzfedern standen in alle Richtungen ab.

»Weißt du, Weihnachtsmann, irgendwann vollbringe ich eine so unglaubliche Heldentat, dass sich sogar das Polarlicht vor mir verneigt. Aber heute noch nicht und auch nicht nächste Woche, denn es gilt, zuerst Kraft und Mut zu sammeln. Deshalb brauche ich viel Futter und gute Pflege.«

»Oho! Du willst also ein Freund des Polarlichts werden. Fressen Helden wie du eigentlich viel?«

»Natürlich, ich brauche fünfzehn Körner am Tag – und die ersten jetzt sofort. Zieh dir schnell die Schuhe an und komm!«

Der Weihnachtsmann schlüpfte auf kalten Füßen in die Hütte, um sich anzuziehen. In den mit weichem Heu gefüllten Rentierlederstiefeln, deren Spitzen nach oben gebogen waren, wurden seine Füße rasch wieder warm. Einen Pullover, eine Rentierpelzjacke, einen Hut aus Rentierleder und Fausthandschuhe, dann war der Weihnachtsmann fertig.

»Gute Ausrüstung«, lobte Kyksi, legte den Kopf schräg und beobachtete den Weihnachtsmann, der zum Speicher ging, aus der Getreidekiste fünfzehn Körner abzählte und sie dem Vögelchen anbot.

»Du glaubst doch wohl nicht, dass ich die so fresse!«, empörte sich Kyksi.

»Ach! Soll ich dir Brei kochen?«

»Vögel mögen keinen Brei. Du musst die Körner zerquetschen, sonst sind sie zu hart zum Schlucken. Aber vorsichtig, damit sie nicht zu Mehl werden, sondern zu platten, leckeren Graupen.«

Der Weihnachtsmann zerdrückte die Körner behutsam zwischen zwei Steinen und bot sie erneut der Sumpfmeise an, die jedes Korn einzeln aufpickte und in ihrem schmalen schwarzen Schnabel verkostete.

»Mmh, ein guter Jahrgang. Vollmundig, süffig und reich im Geschmack, rauchiges Bouquet. Und dieses ist saftig und angenehm würzig, mit überraschend viel Nachgeschmack.«

Nachdem die Meise alle fünfzehn Körner verspeist hatte, begannen ihr die Augen zuzufallen.

»Danke, Weihnachtsmann, jetzt bin ich satt. Ich werde mich wohl unter die Traufe setzen und ein Nickerchen machen.«

Mit kugelrundem Bäuchlein flatterte sie in ihre neue Behausung, legte einen Flügel über den Kopf und schlief zufrieden ein.

Der Weihnachtsmann schmunzelte und blickte sich auf seinem Anwesen um. Was er sah, gefiel ihm: eine neue Hütte mit einem hübschen Fenster und einem Schornstein, ein guter Speicher mit einer Getreidekiste, ein zweiter Speicher gleich daneben und eine alte Sauna am Ufer. Hier ließ es sich gut ausruhen.

Und Ruhe brauchte er, denn Weihnachten lag erst einige Wochen zurück. Die zaubermächtige Weihnachtsnacht raubte ihm immer für lange Zeit die Kraft, doch die Erschöpfung wurde tausendfach aufgewogen durch das Gefühl, das ihn überwältigte, wenn der Zauber durch seine Adern rauschte. Dieser Zauber eroberte ihn nur einmal im Jahr, immer nur für eine Nacht. Den Rest des Jahres verbrachte er damit, auf die nächste magische Nacht zu warten.

Der Weihnachtsmann seufzte. Er musste noch lange warten. Da war es besser, im Heute zu leben und zu genießen, was ihn umgab.

Es versprach ein schöner Tag zu werden. Der nasse Schnee, der in der Nacht gefallen war, bedeckte die Bäume und Büsche mit einer dicken schweren Schicht, die im winterlichen Licht der aufgehenden Sonne schimmerte. Da der Schnee bereits kniehoch lag, hätte der Weihnachtsmann sich die langen Holzskier an die Schuhe binden können. Auf Skiern war es leicht, von Fjell zu Fjell zu gleiten, und über die Eisdecke auf Bächen und Seen gelangte man auch mühelos in die Wälder und Moore. Andererseits lag noch so wenig Schnee, dass man nicht unbedingt Skier brauchte. Bald würde die Schneedecke höher werden, und dann hatte man lange genug Gelegenheit zum Skilaufen. Deshalb beschloss der Weihnachtsmann, noch einmal zu Fuß loszuziehen.

Der Schnee war so frisch, dass die Tiere des Waldes noch keine Spuren hinterlassen hatten. Der Weihnachtsmann stapfte aus purem Vergnügen kreuz und quer durch den Wald und hinterließ dabei lustige runde Fußabdrücke. Er ging über einen gefrorenen Sumpf auf den Fjell zu. Unterwegs grüßte er zwei in der Ferne vorbeilaufende Waldrene, reichte einem Buntspecht den Fichtenzapfen, der ihm aus dem Schnabel gerutscht war, und schlichtete den Streit der Birkhähne, die sich im Kiefernwald zankten. Nachdem er den Sumpf überquert hatte, wollte er sich zu einer kurzen Rast unter eine kleine Kiefer setzen. Er streifte die Fäustlinge ab, legte sie als wärmende Sitzunterlage im Schnee zurecht und zog die Ärmel über die Finger. Dann setzte er sich hin, schloss die Augen, lehnte sich an den Baum und genoss den sanften Frostwind, der ihm über das Gesicht strich.

Plötzlich klatschte ihm ein Klumpen Schnee aufs Gesicht, der ihm am Hals entlang geradewegs in den Pullover rutschte. Der Weihnachtsmann schrie auf.

Auf einem Ast direkt über ihm kicherte ein Unglückshäher so heftig, dass das weiße Büschel oberhalb seines Schnabels zitterte. Dann flog er zur nächsten Kiefer, sauste zwischen den verschneiten Ästen hin und her und pickte mit seinem spitzen Schnabel zwischen den Kiefernnadeln allerlei Delikatessen auf. Der Weihnachtsmann wischte sich den Schnee vom Gesicht.

»He, Unglückshäher, du hast mir gerade ein Schneebad verpasst. Hättest du wohl Zeit, mir zu erzählen, was es Neues gibt?«

Der Vogel hielt inne und schluckte die Leckerbissen hinunter, die er im Schnabel gesammelt hatte.

»Na ja, das lässt sich einrichten. Du hast dich lange nicht im Wald blicken lassen, weil du so eifrig gebaut hast. Ist dein Haus jetzt fertig?«

»Letzte Nacht habe ich zum ersten Mal darin geschlafen. Es war aber auch eine Mordsarbeit. Zuerst habe ich im Sommer die Rundbalken hingeschleppt und an beiden Enden Kerben eingeschnitten. Als ich sie dann in die Einschnitte eingepasst habe, wurde aus den Balken eine dichte Wand. Die Ritzen habe ich dann noch mit Moos zugestopft und das Dach mit einer dicken Schicht von Platten aus Birkenrinde abgedeckt, damit das Haus dicht und warm wird.«

»Dort wohnt es sich bestimmt gut. Ich habe auch eine Neuigkeit: Du hast wohl schon von Sampo Lappalainen gehört?«

»Du meinst den, der sich zum Berg des bösen Staalo gewagt und ihm sein bestes Zauber-Rentier weggenommen hat?«

»Genau den. Sampo hat sich hier niedergelassen. Er ist gleich nach Weihnachten mit seinen Rentieren hergezogen. Erinnerst du dich an die verlassene Hütte am Bergbach, nördlich von hier?«

»Dahin ist dieser Sampo gezogen? Hat er das Zauber-Ren mitgebracht? Es war doch ein Rentierbock, oder?«

»Ja, ein Bock, und mit ihm sind drei Rentierkühe gekommen, von denen jede ein Zauberkalb trägt. Die Jungen kommen im Frühjahr zur Welt. Sampo hat erzählt, dass die Flanken der Kühe in sternklaren Nächten in den Farben des Polarlichts leuchten. Deshalb sind zauberkräftige Renkälber zu erwarten.«

»Das ist ja erstaunlich. Was können Zauber-Rentiere denn Besonderes?«

»Das habe ich nicht ganz verstanden. Irgendwie sollen sie schneller laufen als gewöhnliche Rentiere. Mehr weiß ich nicht. Aber hör mal, Weihnachtsmann, der Staalo soll wahnsinnig wütend sein.«

»Na, hoffentlich lässt er uns in Ruhe. Ich werde gleich mal zu Sampo gehen und ihm guten Tag sagen.«

»Ja, tu das, Sampo ist ein netter Nachbar. Aber jetzt kann ich nicht mehr länger plaudern. Meine Freunde sind schon wer weiß wohin geflogen. Ich sehe mal nach, ob sie im Weidengebüsch sind. Mach’s gut!«

Der Vogel legte den Kopf schräg, lauschte auf das Gekicher der Unglückshäher, das von der anderen Seite des Waldes herüberschallte, und flog auf, um nachzusehen, was seine Freunde trieben.

Der Weihnachtsmann erhob sich von seinem Rastplatz, zog die Fäustlinge an und stapfte weiter durch den Schnee. Sein Rücken wurde schweißfeucht, und sein Atem dampfte in der frostigen Luft. Der nasse Schneebehang auf den Bäumen drückte die Zweige hinunter, sogar die stolzen Kiefernzweige neigten sich dem Boden zu. Hinter dem Fjell war eine weite weiße Ebene zu sehen, die im Sommer von grünem Dickicht und bunten Flechten gefärbt wurde, die auf den grauen Steinen wuchsen. Nun war all das von Schnee bedeckt. Weiter hinten zeichneten sich ein niedriges Birkenwäldchen und ein Weidengebüsch ab. Der Weihnachtsmann wusste, dass die Weiden einen klaren Bergbach säumten, der selbst im strengsten Winter nie ganz zufror. Er ging ans Ufer, schöpfte mit der Hand kaltes Wasser aus dem Bach, blies darüber und trank durstig. Der Bach wand sich durch eine Talsenke, und dann wurde hinter einem Hügel eine fröhlich zum Himmel aufsteigende Rauchwolke sichtbar. Es duftete herrlich nach Fischragout. Offenbar kochte der neue Nachbar gerade.

Ein stummelschwänziger Rentierhund bemerkte die Ankunft des Weihnachtsmannes als Erster und stob fröhlich kläffend auf ihn zu.

»Wau, wau! Besuch! Du bist sicher der Mann, der auf dem Fjell Korvatunturi wohnt und die Sprache der Tiere versteht. Grüß dich, Fremder!«

»Ich grüße dich auch, Ringelschwanz! Ich bin der Weihnachtsmann. Und wer bist du?«

»Man nennt mich Seippu, und da kommt Sampo. Ich bin hier der Wächter, Sampo kümmert sich um die Rentiere.«

Ein junger Lappe trat lächelnd aus dem Haus, in fröhliche Farben gekleidet und mit einer bunten Mütze auf dem Kopf. Er nahm die Hand des Gastes in beide Hände und begrüßte ihn erfreut.

»Herzlich willkommen, Weihnachtsmann. Schön, dich kennenzulernen, wir sind ja Nachbarn. Darf ich dir Fischragout anbieten? Es ist gerade fertig geworden.«

Der Weihnachtsmann nahm dankend an; er freute sich, mit dem netten Sampo tafeln zu dürfen. Der Fisch war so unerhört lecker, dass der Weihnachtsmann ordentlich zulangte.

»Fein, dass es dir schmeckt. Nimm ruhig noch mehr. Ich habe die Hechtstücke mit Engelwurzstielen, Drachenwurz und ein paar getrockneten Steinpilzen gekocht.«

Seippu betrachtete das Gemüse misstrauisch, doch unter Sampos strengem Blick fraß auch er seine Portion auf. Dem kichernden Meisenschwarm, der auf die Türschwelle gehüpft war, warf Sampo ein Hechtstück zu, das die Vögel geschwind zerpflückten, bevor sie wieder davonflogen.

»Ich muss sie ab und zu füttern«, erklärte Sampo leicht verlegen. »Sie berichten mir vom Staalo und seinen Absichten. Ich bin ständig auf der Hut, denn als ich ihm das Zauber-Ren weggenommen habe, hat er sich mit einem Donnerwetter von seinem Berg auf mich gestürzt. Ich konnte ihm gerade noch entkommen. Seither sinnt er auf Rache und schickt mir seine Trolle auf den Hals.«

»Richten sie schlimmen Schaden an?«

»Die kleinen Trolle streuen nur in der Sauna die Asche aus und ziehen Seippu am Schwanz, wenn er vor dem Haus seinen Mittagsschlaf hält. Aber die großen Trolle haben mir den vollen Kochtopf ausgeschüttet und die Fischnetze zerrissen. Das ist schon schlimmer. Und wenn du das Brot bloß einen Moment auf dem Tisch liegen lässt, schnappen sie es, und sie rennen so schnell, dass du sie beim besten Willen nicht zu fassen bekommst.«

Der Weihnachtsmann musste lachen, als er sich vorstellte, wie Sampo hinter den Trollen herlief, die ihm eine lange Nase machten.

»Du scheinst nicht gerade ein Freund der Trolle zu sein. Aber sag mal, Sampo, wie ist Staalos Zauber-Ren eigentlich?«

»Das ist ein feiner Rentierbock, einen schöneren kann es gar nicht geben. Aber wild ist er und stürmisch. Er lässt sich von keinem anfassen außer von mir, und auch ich muss vorsichtig sein. Ich will ihn zu nichts zwingen. Soll er ruhig auf den Fjells herumlaufen, wie es ihm gefällt. Vielleicht möchte er eines Tages Zugrentier werden, aber die Entscheidung muss er selbst treffen.«

»Offenbar bist du dem Zauber-Ren ein anderer Herr, als es der Staalo war?«

»Ich glaube ja, denn das Zauber-Ren war sehr erschöpft, als wir hier ankamen. Die ersten Wochen hat es nur geschlafen und sich ausgeruht, und es will sich immer noch nicht vor den Lappenschlitten spannen lassen. Es kommt mir vor, als wäre es über irgendetwas sehr erbost; ich weiß nur nicht, worüber. Aber hör mal, Weihnachtsmann, bleib doch hier und geh mit mir in die Sauna, dann haben wir Zeit, uns besser kennenzulernen. Ich habe so viele spannende Geschichten über dich gehört. Und morgen, wenn ein neuer Tag anbricht, kann ich dir meine Rentiere zeigen. Da du die Tiersprache sprichst, könntest du vielleicht das Zauber-Ren fragen, was ihm fehlt.«

Der Weihnachtsmann brauchte nicht lange zu überlegen, er nahm die Einladung gerne an. Sampo holte zwei saubere Handtücher und ein kleines Stück Schmierseife aus dem Speicher, und dann gingen sie zur Sauna. Die Hütte sah ganz ähnlich aus wie Sampos Häuschen, war aber fensterlos. In der Dampfstube befand sich ein großer Ofen aus aufgeschichteten Steinen, in dem den ganzen Tag über ein Holzfeuer gelodert hatte. Die Steine hatten die Hitze gespeichert und verströmten nun eine herrliche Wärme in der dunklen Stube. Sampo hatte viele Eimer voll Wasser zum Aufwärmen auf die Bänke gestellt, und wenn man nun Wasser auf den heißen Steinofen goss, stieg zischend Dampf auf. Es fühlte sich herrlich an, wenn der Dampfstoß aufwaberte und einen am Rücken und an den Ohren zwackte.

Nach dem heißen Dampfbad tat es gut, sich abzukühlen. Sampo wälzte sich im Schnee. Den Weihnachtsmann lockte der Schnee nicht, er begoss sich lieber mit warmem Wasser. Danach setzten sich die beiden auf die Bank vor der Sauna und ließen sich die erhitzte Haut vom Frost kühlen.

»Wie schön, dass du mir in der Sauna Gesellschaft leistest, Weihnachtsmann. Seippu kommt nie mit, weil der Dampf ihn in die Schnauze beißt. Aber sag mir doch, hast du noch andere Zauberkräfte außer deiner Fähigkeit, die Sprache der Tiere zu verstehen?«

»Einmal im Jahr, in der Weihnachtsnacht, kann ich an vielen Orten zugleich sein. Dann besuche ich alle Kinder, die auf das Wunder der Weihnacht warten.«

»Das ist ja großartig! Hast du das immer schon getan?«

»Ich kann es nicht genau sagen. Nicht sehr oft, glaube ich, oder vielleicht doch schon sehr lange. Es ist irgendwie so schwierig, nachzurechnen. Wenn das magische Wunder der Weihnacht über mich kommt, verlieren Dinge wie Jahre und Zeit ihre Bedeutung.«

»Was tust du denn mit Hilfe des Zaubers in der Weihnachtsnacht?«

»Ich möchte den Kindern einen Gruß bringen, ihnen Frieden, Glück und Freude wünschen. Oft gebe ich ihnen auch ein kleines Geschenk. Ich bastle das ganze Jahr über kleine geschnitzte Rentiere, Vögelchen aus Holzspänen und Puppen aus Bartflechte, die den Kindern an Weihnachten Freude bereiten.«

Sie saßen still da und genossen die friedliche Stimmung, in die das Saunabad sie versetzt hatte. Der Weihnachtsmann streichelte gedankenverloren den kleinen Stein, der an einer dünnen Kette an seinem Hals hing. Schon bei der bloßen Berührung durchströmte ihn das vertraute Glücksgefühl.

»Was ist das denn?«, fragte Sampo.

»Das ist ein Geschenk zu meiner Geburt. Als ich geboren wurde, kamen mächtige Gäste zu mir, und dieser Stein erinnert mich daran, dass ich unter ihrem Schutz stehe.«

»Wie der Stein funkelt, in ganz besonderen Farben, als trüge er sein eigenes Licht in sich. Ein einzigartiges Geschenk; kein Wunder, dass du es in Ehren hältst. Aber jetzt auf zum nächsten Saunagang!«

Sie setzten sich wieder auf die Schwitzbank, und nun fühlte sich der Dampf in dem dunklen Raum noch weicher an. Zuerst erwärmten sich ihre Glieder, dann trieb ihnen das auf den Ofen zischende Wasser den Schweiß aus den Poren, und schließlich mussten sie erneut nach draußen gehen, um sich abzukühlen. Der Hund Seippu erwartete sie an der Tür und bellte Sampo, der sich wieder im Schnee wälzte, übermütig an. Der ächzte zufrieden, ließ sich auf die Bank vor der Sauna fallen und war im Nu von tanzenden Dampfwolken umhüllt.

Seippu erklärte dem Weihnachtsmann eifrig, wie wichtig es sei, sich zu wälzen.

»Sich im Schnee zu wälzen ist eine ausgezeichnete Methode, sein Fell zu pflegen. Ich tue es immer, wenn mein Rücken juckt. Aber sag mal, Weihnachtsmann, woher stammst du eigentlich? Wenn ich ganz genau schnuppere und schnüffle, nehme ich merkwürdige Gerüche an dir wahr. Du hast wohl viel von der Welt gesehen?«

Der Weihnachtsmann überlegte. Es kam ihm vor, als hätte er immer schon gelebt. Aufgrund dessen hatte er seine Zauberkraft überhaupt erst entdeckt, denn ihm war aufgefallen, dass die Jahre ihn nicht älter machten. Die Menschen um ihn herum veränderten sich, doch er selbst blieb immer gleich. Dass er Zauberkräfte besaß, hatte ihn anfangs bestürzt. Traurig hatte er sein Elternhaus verlassen und war lange und weit gewandert, um andere zu finden, die so waren wie er. Erst nach langer Zeit, irgendwo im Süden, begriff er, dass es womöglich einen Grund für sein Anderssein gab. Vielleicht hatte er eine Aufgabe zu erfüllen.

Damals hörte er viele wichtige Geschichten. Eine erzählte vom heiligen Nikolaus, der armen Mädchen half, eine andere vom Sinterklaas, der hübsche kleine Geschenke an brave Kinder verteilte. Überall auf der Welt fanden sich wundersame Gestalten, die gute Werke taten: der tschechische König Wenzel, in Frankreich der alte Père Noël und der Hirte von Les Baux, die Italienerin La Befana, die ein Vergehen sühnte – sie alle und viele andere hatten ihr Leben der Aufgabe gewidmet, die Menschen froh zu machen. Sie brachten braven Kindern Geschenke und schienen dabei glücklich zu sein.

Der Weihnachtsmann erinnerte sich, wie froh er gewesen war, als er erkannt hatte, dass er sein langes Leben für Wohltaten nutzen konnte. Er hatte beschlossen, allen Kindern, die er erreichen konnte, die Botschaft der Freude und der Freundschaft zu bringen, und damit bereits in der nächsten Nacht begonnen. Es war die Weihnachtsnacht gewesen.

An diesem Weihnachten überkam ihn die Zauberkraft zum ersten Mal. Am Himmel leuchtete das Polarlicht auf, das man in den südlichen Gefilden, in denen er sich damals aufhielt, nur selten sieht. Es flammte bis auf die Erde und riss den Weihnachtsmann mit sich. Bevor er wusste, wie ihm geschah, war er von einem Kind zum anderen geeilt, hatte ihnen die Freude und das Wunder der Weihnacht gebracht und ein glückliches Lächeln auf unzählige Kindergesichter gezaubert. Als endlich der Morgen dämmerte, setzte das Polarlicht den völlig erschöpften Weihnachtsmann in Finnisch-Lappland ab, mitten auf einem verschneiten Fjell, der Korvatunturi hieß.

»Ich bin tatsächlich viel gereist«, berichtete der Weihnachtsmann. »In meiner Jugend bin ich im Süden herumgezogen, weit weg von hier, auf der Suche nach meinem Lebenszweck, und ich habe ihn gefunden. Ohne das Wunder der Weihnachtsnacht wäre ich wahrscheinlich ziemlich einsam. Aber wollen wir nicht ins Haus gehen? Man verkühlt sich so leicht, wenn man nach der Sauna zu lange in der Kälte sitzt.«

Sie zogen sich an und gingen durch die Abenddämmerung zurück ins Haus. Sampo bereitete dem Weihnachtsmann ein bequemes Lager auf der Wandbank. Zufrieden streckte sich der Weihnachtsmann darauf aus. Wie schön das Leben doch war: Die Sauna hatte ihn in eine friedliche Stimmung versetzt, er hatte in seinem neuen Nachbarn einen Freund gefunden und sich den Bauch mit leckerer Hechtsuppe vollgeschlagen. Seippu sprang zu ihm, rollte sich am Fußende zusammen und legte den Kopf seufzend auf die Knie des Weihnachtsmannes. Der schmunzelte über das zufriedene Schnaufen des Hundes: Seippu schien den Geruch des Saunadampfes zu genießen, auch wenn er selbst die Dampfstube nicht betreten mochte.

Sampo ging in die Stubenecke, holte hinter einem Vorhang eine große Trommel hervor und schlug mit der Handfläche einen weichen Ton an. Der Weihnachtsmann war schon beinahe eingeschlafen, öffnete aber noch einmal die Augen, um Sampos Instrument zu sehen. Auf einen Rahmen aus gebogenem Holz war schönes helles Leder als Trommelfell gespannt. Auf dem Leder waren viele kleine Zeichnungen zu sehen; der Weihnachtsmann erkannte ein stolzes Ren mit prächtigem Geweih, einen Wolf, einen Schwan und die Sonne. Auch Menschen waren auf das Leder gezeichnet und Sterne am Himmel. Sampo fügte gerade eine neue Gestalt hinzu: einen Mann mit rauschendem Bart. Zeichnet er etwa mich?, überlegte der Weihnachtsmann und schlief ein.

Im Halbschlaf hörte er, wie Sampo sanft die Trommel schlug, sein Spiel immer wieder unterbrach und verblüfft murmelte: »Immer wieder der Weihnachtsmann und das Zauber-Ren. Das ist ein Zeichen für irgendetwas, für etwas ganz Besonderes.«

Dann sank der Weihnachtsmann in einen so tiefen Schlaf, dass er das Trommeln nicht mehr hörte. Er wurde in eine lange zurückliegende Zeit versetzt, in der das Polarlicht ihm ganz nahe gewesen war.

Im Traum erinnerte er sich, wie sich der Kuss des Polarlichts auf seiner Wange angefühlt hatte. In der ersten Nacht nach seiner Geburt hatte sich das Polarlicht tief hinuntergebeugt, bis zur Erde, nur um ihn zu küssen. Es hatte ihm eine Kette umgelegt, mit einem Stein, auf dem die Farben des Polarlichts glühten, und dieser Stein erinnerte ihn immer an das Bündnis. Es war ein glücklicher Moment gewesen. Er erinnerte sich an den Jubel, den er damals verspürt hatte, und an die Kälte. Er war neugeboren und voller Freude über die Lichter am Himmel, über die Schönheit der Welt und über den Frost, der entzückt seine nackte Haut zwickte, als sein Vater ihn auf starken Armen zum Winterhimmel emporhob. »Begrüße die Welt, in die du geboren bist, mein Sohn«, sagte der Vater, und er rief dem Polarlicht und dem Himmel seinen gellenden Gruß zu. Das alles dauerte nur einen flüchtigen Moment, dann trug ihn der Vater rasch zurück in die warme Sauna und legte ihn in die Arme seiner Mutter. So hatte er die Stunde seiner Geburt im Gedächtnis, und seitdem hatte das Polarlicht in jeder klaren Frostnacht zu ihm heruntergespäht und ihn gegrüßt. Manchmal küsste es ihn flüchtig, manchmal knallte es verschmitzt hinter seinem Rücken, manchmal summte es nur hoch oben sein friedvolles Lied aus anderen Himmeln. Dann bebte der Stein an seinem Hals, als wäre er lebendig, und der Weihnachtsmann spürte, dass er etwas ganz Besonderes war. Er wusste, dass das Polarlicht mit keinem anderen so umging wie mit ihm. Nur er konnte die Berührung des Polarlichts spüren und seine hinreißende Stimme hören, und dank des Polarlichts erhielt er in jeder Weihnachtsnacht magische Kraft.

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