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Ausgerechnet mit dem Chef?

1. KAPITEL

Ausgerechnet hier hatte Gina Grady als Allerletztes arbeiten wollen.

Aber was tat man nicht alles, wenn man verzweifelt war und keine andere Wahl hatte! Und nicht zuletzt war sie es ihrem Stolz schuldig, dass sie diese Gelegenheit ergriff. Sie brauchte diesen Job. Und sie musste unbedingt in Los Angeles bleiben.

Gina wurde in ein leeres Büro geführt. „Mr. Beaumont kommt sofort“, sagte Mrs. Danner von der Personalabteilung. Sie nickte Gina noch einmal kurz zu und ging wieder.

Gina trat an das große Fenster. Das Büro lag im zwölften Stock, und der Blick über Santa Monica war atemberaubend. Hoffentlich lief das Bewerbungsgespräch gut. Aber eigentlich musste sie sich deswegen keine Sorgen machen. Schließlich war Sam Beaumont früher ein sehr guter Freund und immer sehr nett zu ihr gewesen. Trotzdem hatte es einigen Mut erfordert, sein Jobangebot anzunehmen. Denn schon bei dem Namen Beaumont zitterten ihr die Knie, als wäre das alles erst gestern gewesen. Und doch war Sam immer ganz anders gewesen als sein jüngerer Bruder William, dem sie hoffentlich nie wieder begegnen würde.

Der Pazifik erstreckte sich weit bis zum Horizont, weiße Schaumkronen tanzten auf dem Wasser. Dieser Anblick jagte Gina immer noch eine Höllenangst ein, und entschlossen verdrängte sie den Gedanken an William. Es war schon schwer genug, die Angst vor dem Wasser unter Kontrolle zu bekommen, denn sie wollte und musste einen ruhigen selbstsicheren Eindruck machen.

Ihre zahlreichen Gläubiger kümmerte es wenig, dass Gina am Misserfolg ihrer Firma nicht schuld war. Sie war von einem Hochstapler hereingelegt worden, den sie für einen vertrauenswürdigen Partner gehalten hatte. Aber so hatte ihre Firma GiGi Designs nicht die geringste Chance gehabt, sich auf dem Markt durchzusetzen. Immer hatte sie davon geträumt, ihr eigenes Unternehmen zu haben, aber nun war dieser Traum in null Komma nichts zerstört worden. Dabei hatte sie so hart dafür gearbeitet.

Doch davon ließ Gina sich nicht entmutigen. Sie war entschlossen, ihre Modemarke wieder aufzubauen, auch wenn sie noch einmal ganz von vorn anfangen musste.

Aber zuerst musste sie ihre Schulden zurückzahlen.

Gina strich sich ein paar lose Strähnen zurück, die sich aus dem Knoten lösten, in den sie ihr langes dunkles Haar zusammengefasst hatte. Sorgfältig glättete sie den schmalen Rock des taillierten Kostüms und setzte sich dann vor den großen Schreibtisch aus massiver Eiche. Die elegante schwarze Tasche von Gucci behielt sie auf dem Schoß.

Tief atmete sie durch und schloss die Augen, um ihre Nerven zu beruhigen. Doch als sie sie wieder aufschlug, durchfuhr es sie siedend heiß. Hatte sie sich etwa verlesen? Aber vor ihr auf dem Namensschild aus glänzendem Messing stand es tatsächlich groß und deutlich.

William Beaumont. Vorstandsvorsitzender.

„Oh, nein!“ Sie sprang auf, das Herz klopfte ihr wie verrückt. Auf keinen Fall durfte sie William hier begegnen, und für ihn arbeiten konnte sie schon gar nicht. So weit konnte sie sich nun doch nicht erniedrigen, egal wie sehr sie den Job auch brauchte. Sie hing sich die Tasche über die Schulter und wandte sich zur Tür.

„Willst du schon wieder davonlaufen, Gina?“

Fast wäre sie mit William Beaumont zusammengestoßen, der in diesem Augenblick die Tür öffnete und Gina mit seinen dunkelgrünen Augen amüsiert ansah. Er blieb mitten in dem Türrahmen stehen und neigte leicht den Kopf, während er sie lächelnd betrachtete. „Darin bist du ja Meisterin.“

Gina hielt den Kopf hoch und bemühte sich, gelassen zu erscheinen, auch wenn es in ihr drunter und drüber ging. Wie hatte sie nur so naiv sein können zu glauben, dass William nichts mit der Firma Triple B zu tun hatte!

Sie musterte ihn und musste zugeben, dass er sehr gut aussah, irgendwie männlicher und reifer und sogar noch besser als vor neun Jahren, als sie ihn fluchtartig verlassen hatte. Die schwarze Hose und das weiße Hemd mit den aufgekrempelten Ärmeln unterstrichen seine natürliche Bräune, dazu das intensive Grün der Augen, das immer ein wenig blasser schien, wenn er sie ansah. Daran erinnerte sie sich so genau, als sei es gestern gewesen, auch an das unbeschreibliche Gefühl, wenn er sie an seinen muskulösen Körper drückte.

„Entschuldige, das wusste ich nicht. Ich hätte nicht kommen sollen“, stieß sie schließlich leise hervor.

„Wieso? Du hast dich doch um diese Stellung beworben, oder nicht?“

„Ja, aber ich dachte, dass Sam jetzt euer Familienunternehmen führt.“

„Dann hast du nicht damit gerechnet, mich hier vorzufinden?“

Sie schüttelte den Kopf. Nein, auf diesen Gedanken war sie wirklich nicht gekommen. Denn sie wusste, wie sehr William die Firma immer gehasst hatte, die seinem Vater mehr zu bedeuten schien als seine beiden Söhne. Triple B ging für Blake Beaumont über allem. Als sie William damals in El Paso kennen gelernt hatte, konnte sie gut verstehen, dass er von der Firma und auch von seinem Vater nichts wissen wollte. Deswegen hätte sie auch nie gedacht, dass William wieder für das Unternehmen arbeiten könnte. „Nein, allerdings nicht. Das Ganze ist ein Versehen.“

Gina sah, wie er ein Lächeln unterdrückte. Dann ging er um den Schreibtisch herum, nahm ihre Bewerbungsunterlagen und las in aller Ruhe. „Ich führe das Unternehmen jetzt hier von der Westküste aus“, sagte er ohne hochzusehen. „Mein Vater ist tot, und Sam hat wieder geheiratet und ist nach Texas gezogen.“ Dann hob er den Kopf und sah sie an. „Hast du denn angenommen, ich würde den Rest meines Lebens auf Onkel Lees Ranch verbringen oder mir vielleicht ein kleines Grundstück in El Paso kaufen?“

„Ehrlich gesagt habe ich mir darüber gar keine Gedanken gemacht.“ Und das war die reine Wahrheit. Denn sie hatte zwar viel an William gedacht in den letzten Jahren, hatte von ihm geträumt und sich überlegt, wie sein Leben jetzt wohl aussehen mochte. Aber womit er sein Geld verdiente, war ihr eigentlich immer ziemlich gleichgültig gewesen.

Als sie damals den Sommer bei den Buckleys in El Paso verbracht hatte, war ihr William zum ersten Mal begegnet. Mit Sarah Buckley hatte sie im College ein Zimmer geteilt und war in den Sommerferien mit ihr nach Hause gefahren, weil Ginas Eltern bei einem Bootsunglück ums Leben gekommen waren. Auch Gina war auf dem Boot gewesen und nur ganz knapp dem Tod entkommen. Sarah hatte sich um die Beerdigung gekümmert und ihre Freundin fest in die Arme genommen, als die beiden Särge hinabgelassen wurden. Danach hatte sie Gina, die nicht wusste wohin, mit zu ihren Eltern nach El Paso genommen.

Das Grundstück der Buckleys grenzte an die Ranch von Williams Onkel, und so hatten die vier jungen Leute Sarah, William, Gina und Sam viel Zeit miteinander verbracht – ja, sie waren so gut wie unzertrennlich gewesen. Diese Freundschaft wurde für Gina geradezu überlebenswichtig, und allmählich kam sie mit dem schrecklichen Verlust zurecht. Bis eines Tages ihre Welt aufs Neue zusammenbrach.

Und nun saß William ihr gegenüber. Er lehnte sich zurück und musterte sie sehr genau. Unter seinem Blick fühlte sie sich unbehaglich und ihm ausgeliefert, aber sie schaffte es einfach nicht, sich diesen unergründlich grünen Augen zu entziehen.

„So, du hast also nicht an mich gedacht?“, fragte er mit einem spöttischen Lächeln. „Kann ich mir vorstellen, mein Vater hat schon dafür gesorgt, oder?“ Er wies auf den Besucherstuhl. „Setz dich doch. Wir sollten uns jetzt über dich und den Job unterhalten.“

Gina blieb stehen. „Nein, ich glaube nicht, dass das sinnvoll ist, William.“

„Wieso? Ich dachte, du brauchst einen Job?“

„Das stimmt.“ Sie wich seinem Blick nicht aus. „Aber nicht diesen.“

Er überflog noch einmal ihre Unterlagen. „Du bist mehr als qualifiziert für die Stelle.“

Da ihre Beine sie kaum noch trugen, setzte Gina sich doch schnell hin.

„Du hast deinen Master in Betriebswirtschaft. Und dann hast du dein eigenes Modeunternehmen gegründet. Hat mein Vater das finanziert?“

Er fragte das so nebenbei, dass Gina sich die Frage noch einmal im Kopf wiederholen musste, weil sie nicht sicher war, ihn richtig verstanden zu haben. Er glaubte also tatsächlich, dass sie sich von seinem Vater hatte bestechen lassen, William zu verlassen, Er glaubte es, weil sie es nie abgestritten hatte. Sie hatte ihn absichtlich in dem Glauben gelassen, dass sie das Geld genommen und deshalb El Paso verlassen hatte, obwohl es vollkommen anders gewesen war.

Sie hatte William aus einem ganz anderen Grund verlassen, aber wenn er die Sache mit der Bestechung für buchstäblich bare Münze hielt, würde er sie wenigstens in Ruhe lassen.

Denn was er ihr angetan hatte, hatte sie in tiefe Verzweiflung gestürzt. Und den mächtigen Patriarchen Blake Beaumont hasste sie aus tiefster Seele.

Aber davon abgesehen hatte sie einen wunderbaren Sommer bei den Buckleys verlebt. Nur die Nacht, in der William und sie sich geliebt hatten, hätte sie am liebsten ungeschehen gemacht, auch wenn die süßen Erinnerungen daran sie immer noch verfolgten.

Sie hängte sich die Tasche über die Schulter und stand wieder auf. „Tut mir leid, dass ich deine Zeit umsonst in Anspruch genommen habe“, sagte sie leise.

Auch William erhob sich und ließ sie dabei nicht aus den Augen. „Davon kann gar keine Rede sein. Du hast den Job.“

Gina riss überrascht die dunkelbraunen Augen auf, und wieder ging William durch den Kopf, dass er nie eine schönere Frau gesehen hatte. In den vergangenen neun Jahren war sie nur noch hübscher geworden, und er ärgerte sich, dass sie immer noch eine solche Wirkung auf ihn hatte. Er brauchte nur in diese großen Augen zu blicken, von ihrem verführerischen Körper gar nicht zu reden, und schon schlug sein Herz schneller. Immer wieder musste er sich sagen, wie sehr sie ihn damals verletzt hatte, um nicht wieder auf sie hereinzufallen. Damals, als er ihr erster Liebhaber wurde, hatte er geglaubt, dass sie nun für immer zu ihm gehörte.

Aber sie hatte ihn und die Stadt verlassen, ohne sich auch nur von ihm zu verabschieden. Offenbar hatte sie erreicht, was sie wollte. Sein Vater, der sich überall einmischte, hatte ihr viel Geld zugesteckt, das sie ohne Scham angenommen hatte. Doch wenn es ihr nur um das Geld gegangen wäre, dann hätte sie ebenso gut abwarten können. Denn er war schon lange nicht mehr Rancharbeiter bei seinem Onkel, sondern hatte inzwischen mehr Geld auf der Bank, als er jemals ausgeben konnte. Doch nun war es zu spät. Dass sie sich damals so schändlich hatte bestechen lassen, hatte er immer noch nicht verwunden.

Gina strich sich über den Rock und nahm die Schultern zurück, sodass sich unter der engen Kostümjacke die vollen Brüste abzeichneten. William betrachtete sie ungeniert. Ihre Brust hob und senkte sich in schnellen Atemzügen, als habe sie Schwierigkeiten, ihr Temperament zu zügeln, das sie ihrer italienisch-irischen Abstammung verdankte.

Ihre Haut hatte eine natürliche Tönung, die Lippen waren voll und rosig, und wieder musste William daran denken, wie er ihr zum ersten Mal begegnet war. Es war in Tante Dotties Küche gewesen, in die Gina ungestüm hineingeplatzt war, in der Hand frisches italienisches Brot und eine würzig duftende Pastasoße.

Im Handumdrehen hatte sie ihm den Kopf verdreht.

„Das kann ich nicht annehmen. Aber trotzdem vielen Dank.“

William fuhr aus seinen Träumereien hoch. War das ihr Ernst? Die Worte hatten eher zögernd geklungen, als sei sie kurz in Versuchung gewesen, das Angebot doch zu akzeptieren. Verdammt, er brauchte sie nur anzusehen und schon wusste er, dass er sie nicht einfach so gehen lassen konnte. Erst mussten sie zu einem Abschluss bringen, was sie vor neun Jahren angefangen hatten.

„Zusätzlich zu dem Gehalt zahlen wir noch eine ordentliche Extravergütung“, sagte er und bemerkte mit Genugtuung, wie sie überrascht die Augenbrauen hob. „Ich bin in der Klemme. Meine Assistentin ist plötzlich schwanger geworden. Ihr ist dauernd schlecht, und so hat sie sich krankschreiben lassen müssen. Und alle anderen fähigen Leute sind bereits voll ausgelastet.“

„Wie hoch ist die Extravergütung?“

William wusste, er hatte ihr Interesse geweckt. Geld war wohl das Einzige, was sie wirklich umstimmen konnte. Eigentlich schade. Aber wieso wunderte er sich eigentlich darüber? Er hatte doch gewusst, zu welchem Typ Frau sie gehörte, hatte es bitter lernen müssen, als er damals vor neun Jahren auf sie hereingefallen war. „Tausend Dollar pro Woche, und wenn das Projekt abgeschlossen ist, noch mal ein Bonus von zehntausend Dollar. Aber über eins musst du dir im Klaren sein, Gina. Du wirst viel arbeiten und abends oft länger bleiben müssen. Was meinst du?“

Er konnte geradezu sehen, wie ihr Gehirn arbeitete. Wahrscheinlich rechnete sie sich in Gedanken alles durch. Offenbar brauchte sie wirklich sehr dringend einen Job. Dadurch war William in der besseren Position, das war ihm durchaus klar. Sie war offensichtlich sehr versucht, sein Angebot anzunehmen.

Er setzte sich wieder an den Schreibtisch und ging die Papiere durch, die sich auf der Platte stapelten. Da waren auch die Unterlagen für das Projekt auf der Insel Catalina, die Los Angeles vorgelagert war. Es würde noch viele Stunden an Arbeit kosten, bis er ein Angebot machen konnte. Catalina war das größte Projekt, das Triple B bisher angepackt hatte.

Ginas Anwesenheit war er sich dabei ständig bewusst, schon wegen ihres unverwechselbaren exotischen Parfüms. Sein gesunder Menschenverstand sagte ihm, er solle sie gehen lassen. Er würde sich nur in Schwierigkeiten bringen, wenn er eng mit der einzigen Frau zusammenarbeitete, die ihn mit einem einzigen Blick aus ihren dunklen Augen um den Verstand bringen konnte. Schon jetzt hatte er Schwierigkeiten, seine Erregung zu verbergen.

„Ich muss verrückt sein, aber ich nehme an“, sagte Gina leise.

William hob den Kopf und nickte befriedigt. Doch im selben Augenblick ärgerte ihn, wie sehr er sich über ihre Zusage freute. „Ich erwarte von meinen Angestellten hundertprozentigen Einsatz. Wenn du damit einverstanden bist, hast du die Stellung.“

Sie runzelte kurz die Stirn. „Kein Problem, ein voller Einsatz ist für mich selbstverständlich.“

William musste wieder an die Nacht in der Scheune seines Onkels denken. Damals hatte sie tatsächlich „vollen Einsatz“ gezeigt, hatte sich ihm leidenschaftlich hingegeben. Erst hinterher war ihm klar geworden, dass er in eine Falle getappt war.

Dieses Mal würde er besser aufpassen.

„Ich hole dich dann später am Nachmittag ab. Zieh dir was Bequemes an, denn wir arbeiten bei mir zu Hause, und es kann später werden.“

Gina erinnerte sich genau an seine Worte. War sie denn von allen guten Geistern verlassen gewesen, als sie diesen Job annahm? Aber die Extravergütung war einfach zu verführerisch. Ihre Gläubiger wurden langsam ungeduldig, und mit dem Geld konnte sie sie erst einmal ruhigstellen.

Sie hatte sich bereits dreimal umgezogen und entschied sich schließlich für eine weiße Hose und ein rosa Top mit passendem Pullover. Das war bequem und trotzdem angemessen für eine Frau, die einen neuen Job bei einem alten Liebhaber antrat.

Gina konnte es immer noch kaum glauben, dass sie nach all den Jahren ausgerechnet mit William Beaumont zusammenarbeiten würde. Er war wütend auf sie, das sprühte nur so aus seinen Augen, wenn er sie ansah – da mochte er sich noch so sehr bemühen, es mit seinem Beaumont’schen Charme zu überspielen.

Gina griff nach ihrer Aktentasche. William hatte ihr Unterlagen mitgegeben, über die sie später sprechen wollten. Noch einmal sah sie sich in dem kleinen Häuschen um. Der kleine Wohnraum, das Schlafzimmer, die winzige Küche und das Bad reichten ihr völlig. Aber William hätte daran sofort sehen können, wie dringend sie den Job brauchte.

Denn sie hatte ihren Lebensstil total ändern müssen, nachdem Mike Bailey sie betrogen hatte. Sie hatte geglaubt, dass sie beide die gleichen Vorstellungen von der Zukunft der Firma hatten und die gleichen Träume träumten, und hatte sich deshalb mit Mike zusammengetan. Der Tag der Eröffnung von GiGi Designs war der glücklichste Tag in Ginas Leben gewesen. Der Tag, an dem sie herausfand, dass Mike mitsamt allem Geld und ihren Entwürfen abgehauen war, gehörte zu den schlimmsten ihres Lebens, nur vergleichbar mit dem Tag, an dem sie El Paso verlassen hatte.

Gina seufzte leise und verließ ihr kleines Häuschen. Sie wollte lieber draußen auf William warten. Kurz darauf bog bereits ein schwarzes Cabriolet um die Ecke. Während William ausstieg und auf sie zukam, musterte er sie von oben bis unten. Ob ihm gefiel, was sie angezogen hatte? Sie hatte die Sachen zwar nicht selbst entworfen, aber auf gute Kleidung legte sie allergrößten Wert.

Dann wurde die Haustür hinter ihr zugeschlagen, und Gina wandte sich um. Es war Marcus, ihr Vermieter.

„Hallo, Gina. Gehst du aus?“ Marcus zog die Stirn in Falten, als William näher kam. Gina musste lachen. Marcus musste Anfang fünfzig sein, sah gut aus und schien einen Narren an ihr gefressen zu haben.

„Ja, aber das ist rein geschäftlich. Ich habe einen neuen Job.“

„Ach so. Na denn, viel Erfolg!“ Marcus winkte kurz und ging zu seinem Wagen.

Als Gina sich wieder umwandte, stand William vor ihr und sah sie durchdringend an. „Lebst du mit dem zusammen?“

Gina schluckte ihren Ärger hinunter. Wie kam er dazu, ihr eine solche Frage zu stellen? Ihr Privatleben ging ihn schließlich rein gar nichts an. Wo er doch sowieso nichts als Verachtung für sie übrig hatte. „Nein. Ich wohne in dem kleinen Gästehaus hinten im Garten.“

William lächelte leicht angespannt. „Wie praktisch.“ Sie gingen zu seinem Auto. Bevor er Gas gab, warf William noch einen Blick auf das Haus. Sie waren schon eine ganze Zeit lang unterwegs, als er plötzlich fragte: „Ist er verheiratet?“

Gina musste innerlich lächeln und lehnte den Kopf behaglich gegen die Kopfstütze. Marcus und Delia führten eine wunderbare Ehe, so ähnlich wie ihre Eltern damals. Diese Art der Zuneigung war selten, und immer wieder stiegen Gina die Tränen in die Augen, wenn sie sich vorstellte, dass die Ehe ihrer Eltern durch einen grausamen Unfall so brutal beendet worden war. „Ja, und zwar sehr glücklich.“

„Und er ist dein Vermieter?“

„Ja, mein Vermieter und ein sehr guter Freund.“

William schaute sie kurz und misstrauisch von der Seite an. Sie sagte nichts, sondern sah betont interessiert aus dem Fenster. Sie fuhren die kalifornische Küstenstraße hinunter, von der rechts die Berge aufstiegen und links sich die unendliche Weite des Meeres erstreckte.

Zehn Minuten später hielten sie vor einem hübschen zweistöckigen Haus nah am Strand von Malibu. Ginas Haar war vom Wind zerzaust, und während sie die losen Strähnen wieder feststeckte, spürte sie Williams brennenden Blick. Dann sprang er aus dem Wagen, kam um die Kühlerhaube herum und öffnete ihr die Beifahrertür.

Gina stieg aus und sah sich um. Der Blick auf das Meer war atemberaubend, besonders jetzt, wo die Sonne sich dem Horizont näherte. „Gehört das alles dir?“

William nahm ihre und seine Aktentasche aus dem Wagen und schaute sie unverwandt an: „Ja, das gehört mir.“ Sie erbebte unter seinem kalten prüfenden Blick, der zu sagen schien: „Es könnte auch dir gehören.“

Aber vielleicht bildete sie sich das nur ein. Warum sollte er immer noch an ihr hängen? Ein Mann wie er, gut aussehend und erfolgreich, hatte sich sicher sehr schnell trösten können. Er war sich seiner Wirkung auf Frauen bewusst und erreichte ganz bestimmt immer das, was er sich vorgenommen hatte. Bei Frauen und im Leben ganz allgemein.

Sie folgte ihm durch die Haustür in die große Eingangshalle. Durch die Fenster konnte man bis auf den Strand sehen, und Gina hatte das Gefühl, die weiße Gischt der Wellen beinahe berühren zu können. „Wenn du willst, kannst du dich gern umsehen“, sagte William. „Ich gehe mal eben nach oben, um zu duschen.“

Er warf die beiden Aktenkoffer auf eine große moosgrüne Couch und verschwand über eine Wendeltreppe nach oben. Sie trat in das Wohnzimmer und konnte nicht widerstehen, die Türen zu der großen Terrasse zu öffnen. Die Aussicht war atemberaubend, aber das war nicht alles. Das Haus schien mit allem Luxus ausgestattet zu sein, den ein reicher Junggeselle wohl zum Leben brauchte. Ein Whirlpool, angrenzend an eine kleine Bar, war auf der einen Seite in die Terrasse eingelassen, auf der anderen Seite befand sich ein großer gemauerter Grill. In der Mitte standen bequeme Terrassenstühle und ein großer Tisch, ideal für die ausschweifenden Partys eines Junggesellen.

Gina ging bis zu dem hölzernen Geländer vor und schloss kurz die Augen. Sie holte tief Luft. Doch so sehr sie die salzige Meeresbrise genoss, das schäumende Meer und das Bewusstsein, dass William ganz in der Nähe war, war zu viel für ihre Nerven. Die Knie gaben nach, und sie umklammerte schnell das Geländer.

„Ich glaube, das kannst du jetzt gebrauchen“, hörte sie Williams tiefe Stimme hinter sich und fuhr herum. Er reichte ihr ein Glas Weißwein. „Zum Wohl.“

Dankbar nahm sie das Glas und drehte sich dann wieder zum Meer um. „Alles sieht so friedlich aus.“

Er trat neben sie und nahm einen Schluck von seinem Wein. „Das Aussehen kann täuschen.“

Das war auch Gina gerade durch den Kopf gegangen. Sie musste dabei an die verräterische Ruhe des Meeres denken. Doch sie war sicher, William meinte etwas anderes.

Sie machte einen kleinen Schritt zur Seite und betrachtete William Beaumont nachdenklich. Das dunkle Haar, noch nass vom Duschen, hatte er glatt nach hinten gekämmt, kleine Wassertropfen glitzerten auf seiner Haut. Das rötliche Licht der untergehenden Sonne betonte die klare Linie seiner Wangenknochen und die männlich festen Lippen. Er hatte eine gut sitzende Jeans angezogen und ein schwarzes Polohemd, das einen muskulösen Oberkörper und breite Schultern umspannte.

Wie schon vor neun Jahren konnte Gina sich gar nicht sattsehen. Und seither hatte kein anderer Mann mehr diese Wirkung auf sie ausgeübt. Wenn er sie ansah, schlug ihr Herz schneller. Und wenn er näher kam, durchlief sie ein heißes erwartungsvolles Zittern. In diesem Outfit erinnerte er sie wieder an den Mann von damals, an ein sorgloses Sommerleben mit fröhlichen Tagen und heißen Nächten.

Schnell wandte sie sich ab und nahm einen kleinen Schluck Wein. Sie trank sehr selten Alkohol und musste jetzt ihren Verstand unbedingt beisammenhalten. „Mehr sollte ich nicht trinken“, sagte sie, „sonst bin ich zu nichts mehr zu gebrauchen.“ Sie setzte das Glas auf dem Tisch ab und wandte sich William zu. Hoffentlich hatte er den Hinweis bemerkt und ging mit ihr nach drinnen, um endlich mit der Arbeit anzufangen. Sie wollte ihm und sich selbst beweisen, dass sie den Aufgaben gewachsen war, die er ihr stellte. Außerdem musste und wollte sie sich auf die Arbeit konzentrieren, um sich von ihrem sexy Boss abzulenken.

William blieb stehen. Er drehte den Kopf und sah Gina direkt in die Augen. „Tut mir leid“, sagte er, wirkte aber keineswegs verlegen. „Ich kann nicht mit dir arbeiten.“

Ich kann nicht mit dir arbeiten.

Sie zog die feinen dunklen Brauen zusammen und starrte ihn an. Was sollte das? Was für ein Spiel spielte er mit ihr? Schließlich hatte sie sich überwinden müssen, sein Angebot überhaupt anzunehmen. Aber es ging nur darum, möglichst bald wieder auf eigenen Füßen zu stehen. Und jetzt sollte es das schon gewesen sein? „Ich dachte, du hast mich heute angestellt!“, sagte sie wütend.

William stellte das Glas unsanft ab und wandte sich ganz zu ihr um. „Ja, ich habe dich angestellt. Glaubst du denn, ich lasse dich so einfach wieder gehen, ohne dass du mir erklärst, was damals geschehen ist? Vor neun Jahren bist du vor mir davongerannt, und ich muss endlich wissen, warum.“

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