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Ausgerechnet Paul

1. KAPITEL

Die oberste der fünf rosa Hutschachteln unters Kinn geklemmt, die Arme fest um die vier anderen, blickte Mira auf das Schild über dem alten Backsteintor. FILMGELÄNDE BABELSBERG TOR 7 stand dort in großen Lettern. Heute hatte sie den Parkplatz ohne Umwege gefunden. Beim ersten Mal war sie natürlich vor einer Schranke neben einem leeren Wachhäuschen gelandet und hatte zwanzig Minuten lang versucht, mit dem Handy jemanden herbeizuklingeln, der sie auf das Filmgelände ließ. Fast vermisste Mira das Gefühl von Hektik, das sie sonst empfand, wenn sie ihre neuen Hutkreationen vorstellte.

Sie ließ den Blick über die Firmenschilder an der rechten Torseite gleiten. Dort hing ein Stück Papier, das in einer Plastikfolie steckte. Ein dicker roter Pfeil wies nach links. Dahinter stand in krakeliger Schrift: Sophienbad. Immer links abbiegen, hatte der Wachmann ihr das letzte Mal gesagt.

Doch obwohl sie immer links abgebogen war, wusste sie schon hinter der zweiten Studiohalle nicht mehr weiter. Auf der einen Seite standen Kulissen, die aussahen, als hätte man ein schottisches Schloss mit einer bayerischen Alm gekreuzt. Mira schüttelte unwillkürlich den Kopf, und ihre aufgestapelte Pyramide aus Hutschachteln wackelte bedenklich in ihren Armen. Dabei hatte sie bei Mrs. Cory in London gelernt, wie man selbst mit einer Größe von eins sechsundfünfzig zehn Schachteln gleichzeitig sicher über die Regent Street bugsierte. Your daily workout, darling, hatte Mrs. Cory immer gesagt.

Glück gehabt, in der nächsten Halle schob gerade jemand einen Springbrunnen mit einem Gabelstapler durch ein offenes Tor. Von dieser Seite war sie noch nie hereingekommen. Doch das konnte nur die Ausstattung für die erste Staffel der Serie Sophienbad – die Society-Klinik sein.

Plötzlich packte Mira wieder die Aufregung, die sie immer beschlich, wenn sie sich dem Set näherte. Sie, Mira Zimm, arbeitete für das Fernsehen! Ohne den Auftrag für das Filmstudio hätte sie ihren neuen Laden nie anmieten können. Zwei Tage und zwei Nächte hatte sie praktisch durchgearbeitet und fünf Hüte zur Auswahl geschaffen. Groß, klein, bunt, einfarbig, damit einer auf jeden Fall genommen wurde.

In der Mitte der Halle wurden gerade mehrere Stellwände aufgebaut. Eine Massagebank stand auf einer durch grün-weißen Kachelboden markierten Fläche, daneben befand sich ein Rollwagen aus Alu, auf dem bunte Glasfläschchen und ein Stapel grüner Handtücher lagen. Mira hatte keine Ahnung, was in der nächsten Episode passieren würde. Für die Filmleute war alles, was mit dem Sophienbad zusammenhing, immer top secret. Aber irgendwo musste sie jetzt die Schachteln loswerden, sonst würden ihr auch Mrs. Corys Tricks nicht mehr helfen.

„Vorsicht, Kabel!“

„Oops.“ Mira hob das linke Bein und balancierte vorsichtig auf dem rechten, dann lugte sie über die Hutschachteln nach vorne. Ein Blick aus grauen Augen traf sie. Strahlende Augen, über die ein paar freche dunkle Strähnen fielen. Der Hutschachtel-Turm wackelte, und Mira schob schnell den rechten Arm höher, damit die oberste Schachtel nicht ins Rutschen geriet. Drei Schritte vor ihr hielt ein wahnsinnig gut aussehender Mann ein schweres Kabel in der Hand, das er offenbar bis eben über den Boden geschleift hatte. Jetzt gerade zog der Mann jedoch nicht mehr, sondern starrte sie an. Mira hatte das ungute Gefühl, dass ihr britischer Minirock durch die Tragerei hochgerutscht war. Sie blinzelte in Richtung des wirklich atemberaubenden Kabelmannes. So halb vorgebeugt, wie er stand, traten starke, braun gebrannte Armmuskeln unter dem T-Shirt hervor. Mira versuchte, das Logo auf dem Shirt zu entziffern, doch der wohlgeformte Oberkörper, der von dem Stoff nur knapp verhüllt wurde, lenkte sie zu sehr ab. Dann traf sie wieder ein Blick aus diesen grauen Augen. Mira hätte geschworen, dass die Haare des Mannes genauso dunkelbraun wie ihre waren. Nur nicht so lang. Sein Nacken war ausrasiert, aber vorn tanzten ihm lange Strähnen über das Gesicht mit der geraden Nase. Ein bunter Lichtfleck spiegelte sich auf seinem Ohr. Mira wollte sich umdrehen und der Ursache der Spiegelung auf den Grund gehen, nur faszinierte sie das Ohr zu sehr. Sie spürte den Impuls, an der perfekten Rundung zu knabbern. Und hatte gleichzeitig die Vision, dass auf diesem Kopf eine Robin-Hood-Mütze mit einer langen grünen Feder sitzen müsste.

Dann deutete der Mann mit einem Nicken auf ihren Fuß. Mira stellte ihn vorsichtig wieder hin. Kein Kabel. „Wo geht es denn hier zu den Garderoben? Ich meine, der Garderobe von Svenja?“

Der Mann sagte kein Wort, sondern musterte sie nur aus diesen grauen Augen.

„Svenja Angerholt. Der Star vom Sophienbad.“

Mit einer Bewegung, die Mira nur als hochgradig sexy bezeichnen konnte, ließ der Typ das Kabel zu Boden fallen und bot ihr mit einer stummen Geste an, die Schachteln zu tragen.

„Lieber nicht.“ Sonst fielen ihr noch die Schachteln in den Sägestaub von den Aufbauarbeiten.

Allerdings drehte der schöne Mann jetzt nur langsam den Kopf. Irgendwie war er ein bisschen begriffsstutzig.

„Wo ist denn nun die Garderobe?“

Er trat einen Schritt auf sie zu. Seine Schultern waren noch breiter, als sie gedacht hatte, jetzt wo er sich richtig aufrichtete. Ein bisschen musste Mira nach Luft schnappen. Wow!

„Da.“ Er streckte den rechten Arm aus und wies zu einer Tür, die halb hinter einer Blue Screen verborgen war. Ein paar Streifen Staub zeichneten sich auf seinen sehnigen Unterarmen ab. Mira strahlte ihn an und überlegte, ob er wohl einmal mit ihr Kaffee trinken gehen würde. Da fiel ihr Blick auf das Ende des Arms.

Ein rosa-grün-gelb geflochtenes Freundschaftsbändchen schmückte das kräftige Handgelenk. Die Farben waren verblasst, die Fäden leicht fransig, die Haut darunter heller, als ob die Sonne sie nie erreicht hätte. Goodness, diese Dinger gab es tatsächlich noch.

Mira setzte sich in Bewegung, einen halben Blick auf den Boden geheftet, einen halben auf den Mann, der sich immer noch nicht rührte.

Solche Bändchen hatte sie früher auch geflochten, aber da war sie fünfzehn gewesen und hatte in einem langweiligen Vorort von Berlin gehockt. Mira verdrängte Erinnerungen an Lagerfeuerromantik und die blonden Locken von … Der Hutturm geriet ins Wanken. Nein, sie hatte sich geschworen, diesen Namen endgültig aus ihrem Leben zu streichen.

Graue Augen hin oder her, so ein Typ trug so ein Bändchen nur, wenn er es von seiner Freundin aufgedrängt bekommen hatte. Und die Mädchen, die solche Dinger flochten, standen auf Outdoor-Typen, Zelten und Blasen an den Füßen nach stundenlangen Wanderungen im Regen. Mira zuckte mit den Schultern und wandte sich um. Schade um den Körper und diese süße Strähnen, aber ein Naturbursche war nichts für sie.

Es zischte. Vor ihr öffnete sich automatisch eine Tür. Sie blickte in einen Flur mit Aluboden, der von bläulichem Neonlicht erleuchtet war. Das sah schon eher nach Filmproduktion aus. Aber wo war denn nun die Garderobe?

„Warte mal!“

Paul blickte der dunkelhaarigen Erscheinung nach, die mit ihrem Schachtelturm in den Gang zu den Garderoben verschwinden wollte. Langsam drehte sich die Frau um, wobei sie die schlanken Beine unter dem kurzen blauen Karorock wie eine Tänzerin bewegte. Egal, wer sie war, er musste etwas zu ihr sagen.

„Stell dich mal vor die Wand da.“

Mein Gott, sie musste ihn für einen Idioten halten. Paul hörte den scharfen Befehlston in seiner Stimme. Dass ihm in solchen Situationen nie etwas Gutes einfiel! Und dabei standen die Scheinwerfer für die Lichtprobe noch nicht einmal alle. Neugierig blickte sie ihn an. Dieses zierliche Gesicht, diese schlanke Figur, oder zumindest das, was man hinter den Schachteln davon erkennen konnte – ihm wurde ganz flau im Magen. Wer war sie? Und was war in diesen seltsamen Schachteln?

„Wo soll ich mich hinstellen?“ Mit einer schnellen Bewegung bugsierte sie die Schachteln auf den Boden. Paul blinzelte kurz. Wie hatte sie das nun wieder gemacht? Der pyramidenförmige Turm hatte kaum gewackelt, dabei war er fast genauso hoch wie sie selbst.

„Äh, natürlich nur, wenn Sie … ja, wenn du kurz Zeit …“ Doch da war sie schon mit schnellen Schritten vor die Blue Screen gelaufen. Sie trug flache schwarze Schuhe, die mit einem schmalen Riemen geschlossen waren. Er mochte einfache Schuhe an Frauen. Und er hasste Stöckelschuhe, vor allem knallrote.

„So?“, fragte sie und grinste ihn an.

„Also, ja, das ist gut.“ Die Scheinwerfer! Wo hatte Bastian das Augenlicht wieder hingestellt? Drüben bei den Kulissen für das Set „Schlafzimmer Caren“ standen die großen Scheinwerfer. Hastig holte Paul sie heran. Heute wurde im „Massageraum“ gedreht, da sollte das Licht weich und intim sein. Oben im Gestänge hingen die Scheinwerfer noch auf der falschen Seite. Gut, die zuerst. Er stellte das Kantenlicht hinter das Set und schob die Leiter darunter.

„Welche Szene wird denn heute gedreht?“, fragte die Erscheinung im Minirock und stellte sich neben die Massagebank. „Wird Svenja heute massiert?“ Sie lächelte zu ihm hoch, und beinah wäre er dabei von der Leiter gefallen.

„Hm, also, nee, ich glaube, der andere … also, der Mann … der Schauspieler …“

„Ja, ja, ich weiß schon, Tobias, der Chefarzt, der sie anbetet.“

Den Tobias spielte der Felix Scholl, genau. Fast hätte Paul die Hand von der Leiter genommen, um sich auf die Stirn zu schlagen, und sicher wäre er dann heruntergefallen und genau vor den Füßen dieser schönen Frau gelandet. Ins Sophienbad hätte so etwas wunderbar gepasst, nur dass Felix, dieser aufgeblasene Angeber, so eine Szene nie spielen würde. Paul brummte vor sich hin, während er die Scheinwerfer ausrichtete. Immer wieder blickte er hinunter zu der Dunkelhaarigen, die sich die Requisiten anschaute. Einmal trafen sich ihre Blicke, und sie winkte ihm mit einer schmalen Hand. Für einen Moment hatte Paul das Gefühl, dass es ihr ganz egal wäre, ob er die Leiter hinunterfiel oder ordentlich hinunterkletterte, wenn er nur endlich hinunter zu ihr kommen würde. Er musste sich am Gestänge festhalten und tief Luft holen, bevor er weitermachen konnte.

„Leuchtest du die Szene schon ein?“, rief da eine bemüht lässige Jungenstimme vom Eingang der Halle.

Bastian! Sein Kabelträger-Praktikant hatte ihm gerade noch gefehlt. Schnell drehte Paul den letzten Spot zurecht und kletterte hinunter.

„Ich hänge nur das Massage-Set. Sie, äh, also die Frau da kam grad vorbei, und ich dachte, sie ist ein gutes Lichtdouble, da brauchen wir nicht auf die Diva zu warten.“ Paul wand sich innerlich. Besonders eindrucksvoll klang das ja nun wieder nicht. Aber als er hinter das Lichtpult trat, lächelte ihn die Dunkelhaarige freundlich an. Vielleicht hatte er doch das Richtige gesagt.

„Was soll ich jetzt machen?“, fragte sie.

„Beweg dich einfach ganz natürlich. Lauf herum, stell dich vor die Wand mit dem Fenster, und dann leg dich auf die Bank. Svenja wird nachher natürlich viel weniger anhaben“, sagte Bastian.

Sie lachte in der Kulisse, setzte sich auf die Bank und schlug betont langsam die Beine übereinander. „Hättest du wohl gern“, erwiderte sie mit einem Grinsen.

Paul drehte sich zu dem Jungen um. Da saß er, auf dem breiten Regiestuhl, von wo aus der Regisseur Mogengruber die Anweisungen gab, wenn er sich denn einmal am Set blicken ließ. „Halt die Klappe, Bastian“, brummte Paul.

Sie schaute zu ihm herüber und setzte sich aufrecht. Ihre tolle Figur kam unter dem eng anliegenden T-Shirt voll zur Geltung. Paul wurde abwechselnd heiß und kalt. Licht, Licht, er war der Beleuchter. Er zwang sich, die unbeleuchtete Kulisse vollkommen neutral zu mustern. Die Aufhellung runter, das Führungslicht direkt auf die Massagebank, auf der diese wunderschöne Frau saß. Gut, das war gut. Paul lächelte. Na denn, Spot an.

Mira hätte nie gedacht, dass Studioscheinwerfer so grell sein könnten. Sie blinzelte in Richtung Lichtpult.

„Den Kopf ein kleines bisschen höher.“

Die Stimme war angenehm dunkel und männlich, nicht so hektisch wie die des blonden Jungen, der sie vom Regiestuhl aus beobachtete. Die Stimme des Kabelmannes kletterte tiefer in ihren Körper und brachte die Schmetterlinge durcheinander, die dort schon viel zu lange Winterschlaf hielten. Mira blinzelte ins Licht. Von dem Beleuchter hinter dem Pult sah sie nur einen vagen Schatten, der kaum erahnen ließ, wie gut der dazugehörige Mann aussah. Mira mochte es, wenn Männer in den Hüften nicht allzu schmal waren. Ihre Fingerspitzen kribbelten, als sie an die runde, feste Hinterseite des Kabelmannes dachte. So wie der dort oben zwischen den Stangen herumgeturnt war, war er super durchtrainiert. Kein Ansatz von Bierbauch, aber auch keine aufgeblasenen Muskeln wie die Typen aus den Bodybuilding-Studios.

„Steh auf und geh drei Schritte nach links.“

Mira erhob sich von der Massagebank und machte drei vorsichtige Schritte. Sie blinzelte in dem hellen Licht, als sie versuchte, mehr von dem Kabelmann zu erkennen.

„Nicht blinzeln“, sagte die dunkle Stimme. Er klang vollkommen ruhig. „Schau auf einen Punkt innerhalb des Sets, nicht in die Scheinwerfer.“

Mira zwang sich, den Stopfen einer der Glasflaschen auf dem Tischchen zu fixieren.

„Gut so, das ist sehr schön.“ Ein weiches Licht ging an und glitt über ihr Gesicht.

„Jetzt dreh dich zu mir.“

Langsam wandte Mira sich um. Diesmal blendete das Licht sie nicht, aber sie konnte nur einen Schatten hinter dem Pult erkennen, wo kleine rote und gelbe Lichtpunkte brannten. Wie Autolichter sah das aus, wenn man von sehr weit weg eine Straße am Horizont ahnte.

„Das ist toll“, kam es leise aus der Dunkelheit, und Mira hatte für einen kurzen Moment das Gefühl, dass die Stimme des Kabelmannes zitterte. Sie schaute zu ihm hinüber, und die dunkle Gestalt bewegte sich schnell … wie ein Gentleman-Verbrecher über den Dächern von Nizza, dem sie in einem schwarzen Catsuit auf der Spur war und von Dach zu Dach bis zu den Juwelen der Maharani verfolgte …

„Okay!“, sagte die Stimme laut und knapp. Das Licht erlosch. Mira war für einen Moment wie blind. Dann ging die Hallenbeleuchtung an, und sie kniff die Augen zusammen.

„Danke. Das war echt gut.“ Der Kabelmann grinste sie an, und die Schmetterlinge in Miras Bauch schlugen Purzelbäume. Im nächsten Moment machte er sich konzentriert an dem Monitor zu schaffen. Mira starrte auf seine Hände, und da sah sie es wieder, das rosa-grün-gelbe Freundschaftsbändchen. Es war eine Warnung, sie sollte auf ihre innere Stimme hören. Diese Dinger hatten ihr noch nie Glück gebracht. Der Beleuchter schien sie nicht mehr zu beachten. Na gut, sie musste jetzt sowieso dringend die Hüte zu Svenja bringen.

Paul schaute vom Kontrollmonitor hoch und beobachtete, wie die Unbekannte vom Set ging. Sie war wirklich wunderschön, so elegant und doch natürlich. Er hatte noch nie so eine Frau näher kennengelernt. Aber was hieß schon kennengelernt? Er hatte keine Ahnung, wer sie war und ob er sie wiedersehen würde. Rasch trat er um das Pult herum.

„Hast du vielleicht gesehen, wo ich die oberste Schachtel hingestellt habe?“, fragte sie ihn, als er näher kam. Sie stand vor dem Turm und schien sehr besorgt.

„Du … hm, du hast sie alle hier hingestellt.“

„Ich hab eine genommen“, kam da Bastians Stimme vom anderen Ende der Halle. „Zum Draufsitzen, der Stuhl war so unbequem.“ Er winkte in Richtung des Regiestuhls, und jetzt sah Paul, dass daneben eine zerknautschte rosa Schachtel stand.

„Nein!“ Die Frau stürzte auf die Schachtel zu. „Das sind speziell angefertigte Hüte!“

Sie klang so entsetzt, dass Paul sie am liebsten auf der Stelle in die Arme genommen hätte. „Du machst Hüte?“

Sie nickte und öffnete vorsichtig die eingedellte Schachtel. Paul sah einen grünen Stoff mit roten Seidenbändern daraus hervorblitzen.

„Vielleicht kannst du ja noch was retten.“ Etwas anderes fiel ihm nicht ein, als er auf das zerdrückte Etwas starrte, in dem er nie im Leben eine Kopfbedeckung erkannt hätte. Doch sie nahm die Kreation mit geschickten Fingern aus der Schachtel, formte und zog und hielt schließlich einen Hut in den Händen, der offensichtlich einmal über drei scharfe grünsamtene Spitzen verfügt hatte.

„Ein venezianischer Dreispitz. Nach einem Originalmodell aus dem achtzehnten Jahrhundert.“ Der Stolz war ihrer Stimme anzuhören. Dann sagte sie traurig: „Unrettbar, den krieg ich nicht mehr hin.“

Paul fuhr über den Stoff, der sich weich und gleichzeitig rau anfühlte. Fast hätte er der Frau über den Arm gestrichen, aber das traute er sich nicht. „Bastian! Du Idiot.“ Paul wollte sich umdrehen, doch im selben Moment bewegte sich auch die Frau, und sie stießen so ungeschickt aneinander, dass ihr der wertvolle Hut aus der Hand fiel. Paul bückte sich sofort, um ihn wieder aufzuheben, doch sie hielt ihn mit einem scharfen „Das mach ich schon! Bleibt mal lieber bei euren Kabeln“ zurück. Vorsichtig fasste sie den Hut bei der Krempe und legte ihn in die Hutschachtel.

„Soll ich dir noch tragen helfen?“

Sie schüttelte den Kopf, seufzte und marschierte zu ihrem Turm. Dort stellte sie die Hutschachtel ab, nahm die gesamte Pyramide wieder mit einer so schnellen Bewegung auf, dass Paul nicht erkennen konnte, wie sie es gemacht hatte. Dann verschwand sie im Gang zur Garderobe. Paul wollte ihr noch einmal „Danke“ nachrufen, aber da war sie schon weg. Die automatische Tür ächzte, dann zischte es, und die beiden Flügel glitten lautlos wieder zu. Und er hatte sie noch nicht einmal nach ihrem Namen gefragt.

2. KAPITEL

Mira bugsierte ihre Schachteln durch den Flur. Diese Techniker ruinierten ihr einfach die Arbeit einer ganzen Nacht und entschuldigten sich nicht einmal. Da waren ihr die Jungs aus der Kastanienallee doch lieber. Aber wenn sie ehrlich war, erzählten die zwar auf den Afterwork-Partys im „Café Säulenmeer“ herrlich verrückte Geschichten von durchgeknallten Kunden, aber sonst hingen sie auch nur stundenlang in Chatrooms herum und sahen danach aus wie der alte Filz in ihrem Atelier. Tom zum Beispiel. Vor vier Monaten hatte Mira den blonden Typen mit den grünen Augen endgültig aus ihrem Leben entsorgt.

Aber dank des Auftrags fürs Sophienbad würde sie jetzt erst mal ihr Hutatelier in Schwung bringen, da konnte sie keine Kreativitätskrisen wegen eines Beleuchters brauchen, egal wie erotisch diese dunkle Stimme …

Frischer Kaffee. Eindeutig. Mira schnupperte sich in den Gang zu ihrer Linken. Die blitzende Espresso-Maschine auf dem Tisch erkannte sie sofort. Endlich war sie im richtigen Flur gelandet. Eigentlich hätte sie sich denken können, dass Svenjas Garderobe nicht weit entfernt von der Halle sein konnte. Schließlich spielte Svenja Angerholt die Hauptrolle in Sophienbad – Die Society-Klinik.

Svenja hatte schon immer einen sehr exklusiven Geschmack bei ihren Hüten gehabt, und weil sie ein Star war, hatte sie bei der Produktionsfirma durchgesetzt, dass sie auch als Caren im Sophienbad extravagante Hüte tragen würde.

Mira kannte Svenja schon seit ihrer Kindheit, und sie hatte immer gewusst, dass es ihre Freundin einmal weit bringen würde. Svenja hatte den perfekten rosigen Teint, echt weißblondes, samtweiches Haar, opalblaue Augen und dazu eine unverwechselbare, ein klein wenig rauchige Stimme. Dabei hasste Svenja Zigarettenqualm, und warum die Espressomaschine gerade vor ihrer Garderobe stand, war Mira ein Rätsel. Svenja trank beim Dreh grundsätzlich nur Champagner oder stilles Mineralwasser.

Als Teenager hatten sie zusammen in einer Parfümerie am Kurfürstendamm gejobbt, und Svenja war sozusagen Miras erste Kundin geworden. Sie liebten beide die fantasievoll-schrägen Kopfbekleidungen, die Mira schon ihr ganzes Leben lang entwarf und anfertigte. Dann hatte Mira einen der begehrten Ausbildungsplätze als Modistin bei Mrs. Cory in London bekommen, und Svenja war zur Schauspielschule nach München gegangen.

Nach zwei Jahren zurück in Berlin hatte Mira ihre alte Freundin gleich am ersten Tag in einem Club getroffen. Vom ersten Augenblick an war zwischen ihnen alles wieder wie früher gewesen. Ohne Svenjas Fürsprache hätte Mira die Ladenwohnung an der Kastanienallee nie mieten können. Aber welcher Vermieter sagte schon Nein, wenn ihn Svenja Angerholt, das neue Gesicht der Fernsehnation, um einen Gefallen bat. Zumal die gerade das riesige Loft-Apartment im ausgebauten Dachgeschoss angemietet hatte.

Svenja war unkompliziert und blieb nett, auch seit sie als Fernsehschauspielerin mega-erfolgreich geworden war. Sogar Miras Mutter, die nie Serien gucke, wusste genau Bescheid, wo Svenja überall mitspielte. Und über Svenja war Mira dann auch beim Sophienbad, der neuen glamourösen Vorabend-Arztserie, gelandet.

Mira klemmte die Schachteln fest unters Kinn, dann warf sie sich mit der linken Hüfte gegen die Tür, an der mit Klebestreifen ein handgeschriebener Zettel mit dem Namen SVENJA befestigt war.

Die Tür flog auf, und Mira stolperte rückwärts in die Garderobe. Sie ruderte, balancierte mit allen Tricks von Mrs. Cory, während Svenja lachend vom Sessel aufsprang. Puder staubte vom Schminklatz, Haarklemmen fielen zu Boden. Vorsichtig nahm sie Mira die obersten beiden Schachteln ab.

„Gleich fünf? Ich kann‘s kaum erwarten, zu sehen, was du wieder fabriziert hast.“

Mira stellte die restlichen Hutschachteln von Miras Kopfkleider auf den Boden und starrte Svenja bewundernd an. Das weiche Haar ihrer Freundin floss geradezu über ihre Schultern, ihre Augen strahlten. Verlegen strich sich Mira durch ihre eigenen, leider völlig unbezähmbaren Haare. „Du siehst super aus.“

Doch Svenja schüttelte nur den Kopf. „Das ist ja gerade das Problem.“

„Das ist ein Problem?“ Mira stellte sich vor den Schminktisch, und Svenja deutete in den großen Spiegel.

„Ich bin sechsundzwanzig, Mira. Und ich soll eine ausgebrannte Managerin spielen, die zweiunddreißig ist. Das Alter ginge ja noch. Aber ich seh einfach nicht fertig genug aus.“

„Das ist die Story? Ich kenn die Serie ja noch gar nicht richtig.“

Svenja nickte. „Caren, die ein riesiges Parfümerie-Imperium leitet, wird in die Promi-Klinik Sophienbad eingeliefert, weil sie total überarbeitet ist. So fängt die Serie an. Und jetzt sei mal ehrlich, Mira: Sehe ich so aus, als leide ich am Burnout-Syndrom?“

„Eher wie frisch erholt aus Ibiza.“ Svenja war erst vor zwei Wochen von der Insel zurückgekommen, wo sie eine heftige Affäre mit einem glutäugigen Spanier gehabt hatte. Mira hatte Fotos gesehen. Das war doch etwas ganz anderes als Tom, der Dauerchatter.

„Terry hat mich schon seit einer Stunde am Wickel.“ Svenja deutete mit einem vielsagenden Blick über die Schulter in Richtung der Waschnische.

Jetzt erst bemerkte Mira die Maskenbildnerin, die betont cool am Waschbecken lehnte und so tat, als wäre ihr gar nicht aufgefallen, dass Mira sie glatt übersehen hatte. Terry McGilles, die rothaarige Irin mit den Sommersprossen, hatte nicht viele Freunde. Mira wich den grünen Augen aus, die sie abschätzig ansahen. Alle im Team wussten, dass Terry rasend gern Schauspielerin geworden wäre. Aber Sommersprossen genügten eben nicht.

„Hi, Mira. Das sind ja tolle rosa Schachteln. Stellst du die mal bitte aus dem Weg? Wir sind noch nicht fertig.“ Terry spitzte die Lippen, als hätte ihr jemand die Lieblingspuppe geklaut. Die Masche vom süßen kleinen Mädel konnte sie sich wirklich schenken. Mira schob die Schachteln unter den Schminktisch, und Svenja setzte sich sofort. Disziplin war ihre große Stärke.

Terry griff in Tiegelchen und zu Tübchen und pinselte und malte in Svenjas Gesicht herum. Nach einer halben Stunde sah Svenja zwar älter aus, aber mehr als eine leichte Müdigkeit zauberten die Schminkkünste Terrys nicht auf den natürlich-frischen Teint.

Als Terry zum x-ten Mal Silbermatt auf ihre Wangen pinseln wollte, hatte Svenja genug. „Das wird doch nichts“, sagte sie und schob Terry weg. Trotz der geschminkten Augenringe wirkte sie, als hätte sie gerade erst ein paar Stunden auf einer ausgelassenen Party verbracht und die Nacht noch vor sich.

Terry sammelte beleidigt ihre Pinsel ein. „Ich hol mir jetzt einen Espresso.“

Kaum war die Garderobentür ins Schloss gefallen, stöhnte Svenja auf.

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