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Ausgerechnet Mr. Darcy

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Liebe Leserinnen und Leser,

danke, dass Sie sich für Ausgerechnet Mr. Darcy entschieden haben, meinen Debütroman für MIRA Taschenbuch. Schon ein Jahr bevor ich das erste Wort zu Papier gebracht habe, hatte ich vor, dieses Buch zu schreiben. Doch ich hatte so viele andere Projekte auf dem Tisch und war mir außerdem nicht sicher, ob Sie wirklich eine Geschichte über Mr. Darcy lesen wollen, die in der verrückten Welt der Hundeausstellungen spielt.

Doch die Idee ließ mich nicht los. Ich ertappte mich dabei, von Unterhaltungen zwischen Darcy und Elizabeth zu träumen. Das passierte so oft, dass ich schließlich gar nicht anders konnte, als dieses Buch zu schreiben. Und ich hatte so viel Spaß dabei! Ich hoffe, das spürt man. Und ich hoffe, dass Sie beim Lesen genauso viel Freude empfinden wie ich beim Entwickeln der Geschichte.

Eine der angenehmsten Herausforderungen beim Schreiben einer aktuellen Liebesgeschichte, die auf einem Klassiker beruht, ist herauszufinden, wo man Wörter, Ausdrücke und Situationen aus dem Original einfließen lassen kann. Solche kleinen Juwelen aus Stolz und Vorurteil finden sich durchgehend verstreut in Ausgerechnet Mr. Darcy. Und für die Fans der BBC-Verfilmung habe ich noch einen ganz besonderen Moment eingebaut.

Dieses Buch ist das erste in einer Serie von Nacherzählungen klassischer Liebesgeschichten. Das nächste Abenteuer handelt von der berühmtesten Julia der Geschichte.

Viel Spaß beim Lesen!

Ihre Teri Wilson

Für Mr.-Darcy-Fans in aller Welt.

Und mit besonderem Dank an meine Familie,

Elizabeth Winick Rubinstein, die Superagentin,

Rachel Burkot, Tara Parsons und Susan Swinwood

von Harlequin,

meine Schreibkollegen Beckie Ugolini, Meg Benjamin

und Rachel Brimble,

Sue Baxter und die Baxter Borders Bliss und Finn

und die berühmte Jane Austen,

der ich zu großer Dankbarkeit verpflichtet bin.

1. KAPITEL

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass eine alleinstehende Frau kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag unbedingt nach einem Ehemann Ausschau halten muss. Miss Elizabeth Scott, neunundzwanzig Jahre und dreihundertvierundsechzig Tage alt, bildete da keine Ausnahme. Doch trotz des Drucks seitens ihrer Mutter war Elizabeth sehr zufrieden mit ihrem Status als Single. In den letzten Wochen vermutlich noch mehr als je zuvor. Die ungewollte Aufmerksamkeit eines sehr mächtigen, sehr verheirateten Mannes auf sich zu ziehen, der ein Nein als Antwort nicht akzeptierte, hatte sie die bedingungslose Liebe ihres Hundes auf ganz neue Art zu schätzen gelehrt.

Hunde waren treu.

Hunde entließen keine Menschen.

Hunde verstanden das Wort Nein.

Weshalb die Vorstellung, das Wochenende ihres Geburtstages auf einer Hundeausstellung in der Nähe des Jersey Turnpike zu verbringen, ihr wie ein Geschenk des Himmels vorkam. Gab es eine bessere Möglichkeit, zu vergessen, dass ihr Leben quasi auseinanderfiel, als sich zwei angenehme Tage lang damit zu vergnügen, ihren Cavalier King Charles Spaniel zur Perfektion zu kämmen und eine Handvoll schimmernder Seidenschleifen zu gewinnen?

Nein.

In Elizabeths Augen war es das perfekte Wochenende. Selbst ohne Schleifen. Sie lächelte Bliss an, die sie mit großen, glänzenden Augen vom Trimmtisch anschaute. Dann stellte Bliss sich auf die Hinterbeine, reckte den Hals und schleckte Elizabeth einmal zärtlich über die Wange. Elizabeth liebte den Hund beinahe zu sehr. Okay, wenn man ihrer Schwester Jenna glaubte, auf jeden Fall zu sehr.

„Weißt du, woran mich das erinnert?“ Jenna nickte in Bliss’ Richtung und grinste. „An den großen Barbiekopf, den du mit neun zu Weihnachten bekommen hast. Weißt du noch? Er hatte Haare, die man auf Lockenwickler drehten konnte, und diesen kitschigen blauen Lidschatten.“

„Natürlich erinnere ich mich noch daran.“ Elizabeth besprühte Bliss’ Ohren mit Volumenspray. „LuLu.“

„Oh, guter Gott! Ich hatte ganz vergessen, dass du ihr einen Namen gegeben hattest.“ Jenna trank einen großen Schluck von ihrem Kaffee und schüttelte den Kopf. „Wer tauft schon seine Barbie um?“

„Ich.“ Elizabeth warf dem Latte macchiato ihrer Schwester einen sehnsüchtigen Blick zu. Starbucks war genau das sündige Vergnügen, das sich arbeitslose Lehrerinnen – selbst wenn sie nur vorübergehend arbeitslos waren, so wie sie – nicht leisten konnten. Ebenso wie die Teilnahmegebühr für Hundeausstellungen, wo sie schon dabei war. Deshalb hatte sie vor, bei dieser groß abzuräumen.

„Mal ehrlich, es ist eigentlich das Gleiche. Das Kämmen, das Föhnen.“ Jenna nahm eine Effilierschere hoch und schaute sie sich von allen Seiten an, bis Elizabeth sie ihr wieder wegnahm. Diese Schere hatte sie zwei ganze Tagessätze ihres Einkommens gekostet.

Damals, als sie noch eine Arbeit hatte.

Du hast immer noch einen Job. Du bist nur für eine Woche suspendiert. Denk einfach, es ist Urlaub – okay, ein erzwungener Urlaub, den du dir überhaupt nicht leisten kannst.

Elizabeth atmete tief ein, schwang die Schere über Bliss’ Kopf und schnitt ein paar überstehende Strähnchen weichen Hundefells ab. Dann trat sie einen Schritt zurück und betrachtete ihr Werk. „Perfekt.“

Bliss japste zustimmend, und Jenna verdrehte die Augen. „Du hättest Friseurin werden sollen, Schwesterherz, anstatt Lehrerin. Ich fürchte, du hast dich für den falschen Beruf entschieden.

Kaum hatten die Worte ihren Mund verlassen, biss sie sich auf die Lippen. „Tut mir leid. Schlechte Wortwahl.“

Elizabeth zwang sich zu einem Lächeln. „Vergiss es.“

Jenna schaute sie verdrossen an. Zumindest hoffte Elizabeth, dass es sich um Verdruss und nicht um Mitleid handelte. „Ich bin eine Idiotin. Achte gar nicht auf mich. Du bist eine tolle Lehrerin. Die beste. Diese ganze Beurlaubung ist doch nur vorübergehend. Ehe du dich versiehst, hast du deinen Job wieder. Ich bin eine Idiotin und dieser Grant Markham ist ein dummer Hund.“

„Sag das nicht.“ Elizabeth zog sich den Frisierumhang über den Kopf und strich ihr Kleid mit den Händen glatt. „Das ist eine Beleidigung für jeden Hund.“

„Stimmt.“ Jenna zuckte ein wenig zusammen. „Lass es mich wiedergutmachen. Wie wäre es, wenn ich dir einen Latte ausgebe, Geburtstagskind?“

Elizabeth streifte Bliss die Showleine über. Wenn Jenna jetzt zu Starbucks ginge, würde sie Bliss’ Auftritt im Ring verpassen. Was ihr nicht wirklich etwas ausmachen würde. Sie interessierte sich nicht sonderlich für Hundeausstellungen. Elizabeth wusste, dass sie nur mitgekommen war, weil sie nicht wollte, dass ihre Schwester das Geburtstagswochenende alleine verbrachte. Ihr zu erklären, dass sie nicht alleine war – immerhin hatte sie Bliss –, hatte Jennas Entschlossenheit nur verstärkt.

Süße Jenna. Stets die beschützende ältere Schwester.

„Das wäre toll.“ Elizabeth klemmte sich Bliss unter den Arm. „Mit Zimt und Halbfettmilch.“

„Ich bestelle ihn mit Sahne. Schließlich ist heute dein Geburtstag. Da sollst du es dir mal richtig gut gehen lassen.“ Jenna schlang sich die Handtasche über die Schulter und verschwand grinsend zwischen den Campingstühlen und Klapptischen im Ausstellerbereich.

Elizabeth drückte Bliss an sich. „Nur du und ich, mein Mädchen. Bist du bereit? It’s showtime!“

Der Hallenbereich, in dem die verschiedenen Showringe aufgebaut waren, flirrte nur so vor nervöser Energie. Bliss war Elizabeths erster Showhund und mit neun Monaten beinahe noch ein Welpe. In ihrer Unerfahrenheit standen sie einander in nichts nach, und Schmetterlinge im Bauch gehörten noch zu ihrem Leben. Normalerweise wirkten die anderen Vorführer immer so, als fiele ihnen dieser Teil spielend leicht, doch heute hatten sie sich zu kleinen Grüppchen versammelt und schauten mit großen Augen sorgenvoll vor sich hin.

Eine gespenstische Stille hatte sich über Ring fünf gelegt. Selbst die Hunde hatten aufgehört zu bellen.

Elizabeth drückte Bliss enger an sich und gesellte sich zu einer kleinen Gruppe Aussteller, die aufgeregt miteinander flüsterten. „Was ist los?“

„Einer der Richter wurde ausgetauscht.“ Eine rundgesichtige Frau mit einer Flut von blonden Locken wickelte sich die dreifarbige Showleine ihres Cavaliers so fest um die Finger, dass diese ganz weiß wurden.

„Ein ausgetauschter Richter?“ Elizabeths Blick glitt zum Ring, doch der war noch leer.

„Ja. Ein Richter, der zu Besuch ist und von dem wir noch nie gehört haben.“

Eine andere Ausstellerin nickte und murmelte hinter vorgehaltener Hand: „Gerüchte besagen, er kommt aus England.“

Elizabeth konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Warum flüsterten sie? Der Richter, wer auch immer er war, befand sich nicht einmal in der Nähe. Zum ersten Mal war sie erleichtert, die Neue zu sein. Sie war mit den Richtern noch nicht vertraut genug, um sich darum zu scheren, ob einer ausgetauscht worden war oder nicht.

Schlichte Neugierde zog sie zu der großen weißen Pinnwand, die neben dem Tisch des Ringstewards gleich am Eingang des Rings stand. Nachdem sie Bliss abgesetzt hatte, ließ sie ihren Blick nach oben gleiten, wo der Name des geplanten Richters mit einem dicken schwarzen Balken durchgestrichen worden war. Direkt daneben stand in schlichter Blockschrift der Name seines Ersatzmannes.

Mr. Donovan Darcy.

Elizabeth hob eine Augenbraue.

Donovan Darcy. Was für ein Name ist das denn?

Ein reicher, so wie er klang.

Installateure und Automechaniker nannten ihre Kinder nicht Donovan. Elizabeth hatte lange genug an einer der renommiertesten Privatschulen Manhattans gearbeitet, um das eine oder andere über Blaublüter zu lernen. Daher wusste sie, dass jemand mit dem Namen Donovan Darcy garantiert keinen Schmutz unter seinen Fingernägeln hatte.

Sie verzog angewidert das Gesicht. Grant Markham hatte sorgfältig manikürte Hände, doch das machte ihn nicht weniger schmuddelig.

„Donovan Darcy“, flüsterte eine Stimme mit britischem Akzent an ihrer Schulter. „Was haben wir doch für ein Glück.“

Elizabeth drehte sich um und sah, dass die Stimme einer älteren Frau gehörte, die zu ihrem Tweedrock eine passende Jacke trug. Anstelle eines Hundes an der Leine schob sie einen Stapel von vier Flugboxen auf Rädern vor sich her. Zerzauste Terriergesichter schauten hinter den Gittertüren hervor. Das Lächeln der Frau, das bis zu ihren Augen reichte, verriet Elizabeth, dass die Frau ihren Kommentar ernst meinte.

Sie erwiderte das Lächeln. „Glück? Wieso?“

„Er ist selber Züchter. Seine Hunde sind legendär. Haben Sie noch nie von den Chadwicke Kennels gehört? Das große Landgut in Derbyshire?“ Sie wartete gar nicht erst auf eine Antwort, sondern schüttelte den Kopf und schnalzte ein paar Mal mit der Zunge, bevor sie weitersprach. „Was denke ich mir nur? Natürlich haben Sie noch nichts davon gehört. Ich vergesse immer, dass wir hier ja in Amerika sind.“

Elizabeth lachte laut. „Das vergessen Sie?“

„Ja.“ Sie winkte in Richtung eines rotgesichtigen Mannes, der an einem Trimmtisch eine ganze Reihe Armbänder sortierte. „Die Firma meines Mannes hat letztes Jahr expandiert. Seit vierzehn Monaten fliegen wir jetzt zwischen unserer Heimat und Amerika hin und her. Ich fürchte, das zeigt langsam Wirkung. Manchmal vergesse ich, wo ich gerade bin.“

„Ich bin nicht gerne die Überbringerin schlechter Nachrichten, aber im Moment befinden Sie sich in New Jersey.“ Sie streckte ihr die Hand hin. „Ich bin Elizabeth.“

„Sue. Sue Barrow.“ Sie nickte zu ihrem Ehemann, der immer noch am Tisch stand und schnaufend und keuchend mit einer Handvoll Gummibändern kämpfte. „Und das ist mein lieber Alan. Armer Kerl. Er ist kein großer Freund von Hundeausstellungen.“

Elizabeth nickte verständnisvoll. Alan wirkte ungefähr so begeistert darüber, hier zu sein, wie Jenna vor ihrer Flucht zu Starbucks.

Sie ließ ihren Blick zurück zum Anschlag an der Tafel gleiten. „Also, was wollten Sie gerade über den geheimnisvollen Mr. Darcy sagen?“

„Ach ja.“ Eine leichte Röte überzog Sues Wangen. „Er ist wundervoll. Sein Zwinger hat eine ausgezeichnete Blutlinie.“

Aus irgendeinem Grund bezweifelte Elizabeth, dass der rosige Schimmer auf Sues Gesicht etwas mit dieser Zuchtlinie zu tun hatte. „Was für Hunde züchtet er denn? Terrier?“

Die Röte vertiefte sich. Sue fächelte sich mit dem Showkatalog etwas Luft zu. „Da ist er.“

Ein hochgewachsener Gentleman mit kerzengeradem Rücken schritt an ihnen vorbei in den Ring. Seine Ausstrahlung ließ Elizabeths Herz flattern und ihre Finger sich fester um Bliss’ Leine schließen. Sie sagte sich, dass es sich nur um das typische Lampenfieber vor der Show handelte. Bliss schaute sie mit gerunzelter Stirn an. Selbst der Hund schien zu wissen, dass Elizabeth sich etwas vormachte.

Mr. Darcy sah gut aus. Er sah sogar auf eine Art gut aus, die zu schwitzigen Handflächen und Atembeschwerden führte. Offensichtlich waren seine Hunde nicht die einzigen Gewinner in der Genlotterie.

Elizabeth versuchte, einen tiefen, beruhigenden Atemzug zu nehmen und nicht in diese eindringlichen dunklen Augen oder auf seine breiten Schultern zu schauen, die durch das maßgeschneiderte Jackett perfekt betont wurden. Es war nicht einfach. Alles an diesem Mann war faszinierend. Ja, nobel. Was sie, wenn sie darüber nachdachte, eigentlich abstoßen müsste. Immerhin hatte sie recht gehabt. Mr. Darcy war eindeutig wohlhabend. Was für ein Mensch jettete um die halbe Welt, nur um auf einer Hundeshow zu richten?

Guter Gott. Er war reich, beeindruckend und ausreichend gut aussehend, um ihr Herzrhythmusstörungen zu verursachen. Sue, die immer noch neben ihr stand, fächelte sich frenetisch Luft zu.

Das Leben war nicht fair.

Diese Lektion hatte Elizabeth schon vor langer Zeit gelernt. Und nur für den Fall, dass sie sie vergessen hatte, diente der Vorfall mit Markham als schmerzvolle Erinnerung.

„Sie sind dran“, flüsterte Sue.

Der Kommentar drang kaum zu Elizabeth durch. Sie blinzelte. Schon wieder hatte sie Mr. Darcy angestarrt. Und dabei anscheinend halluziniert, denn er schien zurückzustarren. Ihr Atem verließ mit einem Rauschen ihre Lungen. So direkt auf sie gerichtet war die Intensität seines Blicks beinahe lähmend, auch wenn er nur in ihrer Vorstellung stattfand.

„Elizabeth“, zischte Sue. „Sie sind dran.“

Die ältere Frau gab ihr einen kleinen Schubs, und Elizabeth stolperte vorwärts. Bliss fiepte auf, als Elizabeth über sie stolperte und direkt gegen Mr. Darcys eindrucksvolle Brust prallte. Wie es aussah, hatte er sie nicht nur angeschaut, sondern auch ein paar Schritte auf sie zugemacht.

Entsetzt sprang Elizabeth zurück. „Tut mir leid, Euer Ehren. Ich meine, Sir … äh, Mr. Darcy.“ Zu gedemütigt, um ihm in die Augen zu sehen, richtete sie ihre Worte an seine Krawatte. Die war königsblau, offensichtlich aus Seide und hatte vermutlich mehr gekostet als Elizabeths gesamtes Outfit inklusive der Schuhe.

Die Krawatte hob und senkte sich unter einem gereizten Seufzer. „Cavalier King Charles Spaniel Nummer acht?“

„Ja, das sind wir.“

„Der Steward ruft Sie schon seit geschlagenen zwei Minuten auf. Hält Sie etwas Bestimmtes davon ab, den Ring zu betreten?“

Ihr exquisiter Körperbau? „Nein. Tut mir leid. Ich war ein wenig … abgelenkt.“

„Würden Sie dann jetzt die Güte haben, den Ring zu betreten, oder benötigen Sie eine geprägte Einladung?“ Seine weiche Stimme und die Schönheit seines britischen Akzents halfen wenig, den Sarkasmus seiner Worte zu mildern.

Sobald sie den ersten Schock überwunden hatte, war Elizabeth beinahe froh über seine Unhöflichkeit. Wenigstens war er jetzt nicht länger perfekt. Sondern einfach nur ein Mann, so wie jeder andere.

Sie straffte die Schultern und reckte das Kinn. Und selbst dann musste sie ihren Kopf ein wenig in den Nacken legen, um ihm in die Augen schauen zu können. Eine vergebliche Anstrengung, da er direkt durch sie hindurchzuschauen schien.

„Das wird nicht nötig sein“, flüsterte sie.

„Dann in Himmels Namen …“ Er winkte sie mit einer leichten Verbeugung in den mit einem weißen Gitter abgetrennten Ring.

Elizabeths Wangen brannten. Seitdem sie angefangen hatte, Bliss auszustellen, hatte sie einige Richter kennengelernt. Und alle waren nett gewesen. Oder zumindest höflich. Mit drei Schritten seiner langen Beine hatte Mr. Darcy den halben Ring durchquert. Selbst aus der Ferne konnte Elizabeth die eisigen Wellen spüren, die ihm aus jeder Pore zu strömen schienen.

Was hat er für ein Problem?

Sie konnte es sich nur so erklären, dass sich Mr. Darcy im Gegensatz zu Sue nur allzu bewusst war, sich in New Jersey zu befinden und nicht auf seinem luxuriösen Landsitz in England. Und diese Tatsache schien ihn nicht sonderlich zu erfreuen.

„Nummer acht?“ Von seinem Platz in der Mitte des Rings sprach Mr. Darcy sie an. Dabei wippte er ungeduldig mit dem Fuß. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht … das heißt, wenn Sie nicht zu abgelenkt sind, würden Sie dann jetzt bitte Ihren Hund um den Ring führen?“

Elizabeth war nicht sicher, was im nächsten Moment passierte, außer dass für sie das Maß jetzt endgültig voll war. Nach allem, was sie durchgemacht hatte, ertrug sie es einfach nicht mehr, die gleiche Luft wie ein weiterer arroganter, reicher Mann zu atmen. Selbst wenn er besser aussah, als für einen Menschen gut war.

Die Worte flogen aus ihrem Mund, als hätten sie ein Eigenleben. „Ich habe auch einen Namen, wissen Sie?“

Sofort verstummten alle Gespräche unter den Zuschauern.

Mr. Darcy verschränkte die Arme, wobei seine goldenen Manschettenknöpfe diskret hervorblitzten. „Wie bitte?“

„Ich habe einen Namen.“ Elizabeths Stimme zitterte mehr, als ihr lieb war. Sie räusperte sich. „Und der lautet nicht Nummer acht.“

Mr. Darcy hob die Augenbrauen. „Klären Sie mich gerne auf.“

„Ich heiße Elizabeth. Elizabeth Scott.“

Elektrische Spannung lag in der Luft, Funken sprühten, wurden von dem weißen Gitterzaun zurückgeworfen und trennten sie beide von allen anderen. Die Einzige, die nichts von dem, was vor sich ging, zu merken schien, war Bliss. Sie riss das Maul zu einem herzhaften Gähnen auf und rollte sich vor Elizabeths Füßen zu einem Ball zusammen.

Elizabeth tippte den Hund leicht mit der Spitze ihrer Ballerinas an. „Bliss, aufstehen, Schätzchen.“

Der Spaniel erhob sich und schaute mit großen runden Augen zwischen ihrem Frauchen und dem Richter hin und her.

„Nun dann“, sagte Mr. Darcy ungerührt. „Miss Scott, bitte führen Sie Ihren Hund einmal um den Ring und stellen ihn dann auf den Tisch.“

Elizabeth nahm das Ende von Bliss’ Leine in ihre linke Hand, die schweißnass war, genau wie ihr Hals und die kleine Kuhle zwischen ihren Brüsten. Sie hoffte nur, dass niemand außer ihr dies bemerken würde.

„Komm, Bliss. Auf geht’s.“ Sie versuchte, so viel Enthusiasmus wie möglich in ihre Stimme zu legen.

Es war nicht die anmutigste Runde, die Bliss je absolviert hatte, aber das konnte Elizabeth dem Hund kaum vorwerfen. Sie lobte und lockte sie und machte sich zum Affen, um den Spaniel dazu zu bringen, sich ein kleines bisschen fröhlicher zu bewegen. Es fühlte sich an wie die längste Runde in der Geschichte der Hundeausstellungen.

Als sie endlich vorbei war und sie den Tisch erreicht hatten, schaute Bliss mit ihrer faltigen Stirn sie so sorgenvoll aus großen Augen an, dass Elizabeth nicht anders konnte, als ihr einen kleinen Kuss auf den Kopf zu geben, während sie sie auf den Tisch hob.

Nach Elizabeths Erfahrung – so gering sie auch war – ließen die meisten Richter dem Vorführer immer etwas Zeit, um den Hund auf dem Tisch so hinzustellen, dass seine Schönheit am besten zur Geltung kam. Dann gab es andere Richter, die ungeduldig neben dem Tisch standen und schüchternere Hunde mit ihrer nervösen Energie in zitternde Nervenbündel verwandelten, die vor Angst den Schwanz zwischen die Beine klemmten. Aus offensichtlichen Gründen erwartete Elizabeth von Donovan Darcy, in die zweite Kategorie zu fallen. Und so war sie mehr als nur ein wenig überrascht, als er einen Schritt zurücktrat und sie aus sicherer Entfernung beobachtete.

Mit zitternden Händen hob Elizabeth nacheinander Bliss’ Pfoten an und platzierte sie in gleichmäßigem Abstand zueinander. Dann strich sie das Fell auf ihrem Rücken glatt, um die Aufmerksamkeit auf ihre perfekte Oberlinie zu lenken. Dabei spürte sie die ganze Zeit Mr. Darcys Blick, der sich wie ein glühend heißes Eisen in ihren Rücken zu brennen schien.

Trotz ihrer verzweifelten Gebete weigerten sich ihre Finger, stillzuhalten, als er sich näherte. Elizabeth richtete den Blick auf den Hund. Sie wollte das selbstzufriedene Grinsen nicht sehen, das ganz sicher auf Mr. Darcys Gesicht erscheinen würde, sobald er erkannte, dass er es geschafft hatte, sie nervös zu machen.

Er hielt Bliss seine offene, nach oben gedrehte Hand hin, damit sie daran schnüffeln konnte. Die Hündin wedelte vor Entzücken mit ihrem gesamten Hinterteil. Elizabeth wünschte, sie würde ein wenig mehr Selbstachtung zeigen.

„Miss Scott?“

Nun musste sie ihn anschauen. „Ja?“

„Könnten Sie mir bitte das Gebiss Ihres Hundes zeigen?“ Er schenkte ihr ein kühles Lächeln, das zwei kleine Grübchen neben seinen wohlgeformten Lippen zum Vorschein brachte.

Scham flutete durch ihre Adern, als Elizabeth erkannte, dass in diesem Moment auch sie mit dem Schwanz wedeln würde, wenn sie denn einen hätte. „Natürlich.“

Sie zog Bliss’ Lefzen zurück, um ihre Zähne zu entblößen. Mr. Darcy schaute sie genau an und nickte dann kurz. Evelyn nahm wieder die Leine in die Hand. Erneut war sie von der Sanftheit überrascht, mit der er Bliss übers Fell strich und ihren Widerrist, die Rippenform und die Hüftstellung untersuchte.

Dann trat er zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Das Lächeln und die begleitenden Grübchen verschwanden. „Miss Scott?“

„Ja?“ Elizabeth schluckte. Sie wünschte sich, er würde aufhören, ihren Namen auf diese Weise zu sagen. Es fing an, ihr auf die Nerven zu gehen. Andererseits hatte sie ja darum gebeten.

„Nehmen Sie bitte Ihren Hund herunter und bringen Sie ihn zurück.“

Sie hob Bliss vom Tisch und stellte sie auf den Teppichboden. Als sie sich wieder aufrichtete, merkte sie – einen Tick zu spät –, dass der V-Ausschnitt ihres himbeerfarbenen Wickelkleides aus Seide aufklaffte, wenn sie sich vornüberbeugte. Entsetzt von dem Gedanken, dass sie dem sehr korrekten und reizbaren Mr. Darcy solch tiefe Einblicke gewährt hatte, flatterte ihre Hand zu ihrem Hals. Nach einem Seitenblick auf den Richter wünschte sie sich, der Erdboden würde sich auftun und sie im Ganzen verschlingen, denn seine braunen Augen funkelten amüsiert.

Guter Gott. Hört das denn niemals auf?

Den Abgang legte sie in solcher Hast zurück, dass die arme Bliss kaum eine Chance hatte, mit ihr Schritt zu halten. Elizabeth war es inzwischen egal, welche Farbe die Schleife hätte, die sie mit nach Hause nehmen würden. Sie wollte die ganze Sache nur endlich hinter sich bringen.

Dieses Wochenende hatte eine Zeit ohne Sorgen sein sollen, eine Zeit, den Zweifeln zu entkommen, die sie nachts wachhielten, während eine zufriedene Bliss sanft in ihrer Armbeuge schnarchte. Heute war ihr Geburtstag, um Himmels willen. Und zwar ihr dreißigster. Wie hatten es ihre Probleme geschafft, ihr nach New Jersey zu folgen?

Als sie den Ring erneut in Richtung von Mr. Darcy durchquerte, bildete sich ein Kloß in ihrer Kehle. Rebellische Tränen brannten hinter ihren Augen und drohten, überzuquellen und ihre Demütigung so vollkommen zu machen.

Sie brachte Bliss ungefähr eine Armlänge von ihm entfernt zum Stehen und wartete auf ein Zeichen, den Ring verlassen zu dürfen. Er musterte sie mit einer leicht erhobenen Augenbraue auf eine Art, die Elizabeth sich fragen ließ, ob er den Hund oder sie in Augenschein nahm.

„Miss Scott.“

Wieder ihr Name. Der Kloß in ihrem Hals hinderte sie am Sprechen, also nickte sie nur.

„Schöner Ausdruck. Außergewöhnlich hübsche Augen.“ Er runzelte die Stirn und sie erwartete, dass sich eine neue Fuhre Spott über seine Lippen ergießen würde. „Das mit den Sommersprossen ist allerdings ein wenig schade.“

Verblüfft flatterte Elizabeths Hand an ihre Wange, wo eine Träne ihre Fingerspitze befeuchtete. Sie hatte nicht einmal gemerkt, dass sie angefangen hatte zu weinen.

2. KAPITEL

Donovan Darcy sah entsetzt, wie die Unterlippe der reizenden, jedoch ganz eindeutig fragilen Ausstellerin anfing zu zittern. Er hatte dieses Zittern zuvor schon bemerkt und erkannte in ihm ein Vorzeichen von etwas, das ihn noch mehr entsetzte – weibliche Tränen.

Er hätte die rätselhafte Miss Scott gar nicht als jemanden eingeschätzt, der schnell weinte. Unvorhersehbar – ja. Unglaublich attraktiv – auf jeden Fall.

Aber Tränen?

Donovan war kein Mann, der gerne wettete, aber wäre er es, hätte er dagegen gewettet. Mit ihrem Ich habe auch einen Namen-Ausbruch hatte diese Frau ihn umgehauen. Und jetzt stand sie vor ihm mit einer Träne – einer echten Träne –, die ihr über die Wange lief.

Er wartete auf die übliche Verachtung, die sich in solchen Situationen in seinem Magen breitmachte. Oder zumindest auf Gleichgültigkeit. Seiner Erfahrung nach dienten weibliche Tränen weit häufiger als Waffen denn als Ausdruck echter Gefühle. Das war zumindest bei Helena Robson bei jedem der halben Dutzend Male der Fall gewesen, in denen er sich geweigert hatte, sie in sein Bett zu lassen. Den Beweis hatte sie gleich beim ersten Mal geliefert, als sein aufrichtiger Versuch, sie zu trösten, mit einer Ohrfeige und der Unterstellung geendet hatte, er müsse schwul sein. Er hatte seine Lektion gelernt. Von da an hatte seine Antwort jedes Mal, wenn sie versucht hatte, eine der Feiern auf seinem Landsitz in ein romantisches Tête-à-Tête zu verwandeln, aus einem kurzen Nein bestanden, gefolgt vom energischen Zuschlagen der Tür zu seinem Schlafzimmer.

Selbst seine Tante Constance, die selbstbewussteste Frau, die er kannte, hatte schon die eine oder andere manipulative Träne vergossen.

So kaltherzig es auch klang, Donovan war immun gegen Tränen. Weshalb er vollkommen überrascht war über das plötzliche dringende Bedürfnis, Miss Scotts Träne mit dem Daumen fortzuwischen.

Er ballte die Fäuste für den Fall, dass er den Kopf verlieren und die Hände nach ihr ausstrecken würde. „Miss Scott, weinen Sie etwa?“

„Nein.“ Sie blinzelte ein paar Mal heftig, aber nicht schnell genug, um zu verhindern, dass weitere Tränen überliefen.

Donovan verschränkte die Arme, obwohl es ihn juckte, diese stattdessen um Miss Scotts schmale Schultern zu legen. Es war, als gehörten seine Arme einem vollkommen anderen Mann. „Miss Scott, ich erkenne Tränen, wenn ich sie sehe. Ich bitte Sie, sich zu fassen. Hier sind überall Leute.“

„Ist mir egal.“ Sie hob das Kinn – das allerdings immer noch zitterte.

Donovan riss seinen Blick von diesem Zittern los, bevor es ihn ins Verderben stürzte, und stieß einen frustrierten Seufzer aus.

Was in drei Teufels Namen hatte ihn davon überzeugt, dass es eine gute Idee wäre, den langen Weg nach Amerika anzutreten, um hier auf einer Hundeausstellung zu richten? In England hatte er weiß Gott genug vor der Brust. Die Vormundschaft für seine Schwester, die Familienstiftung, die er gemeinsam mit seiner Tante Constance leitete – das alles ließ ihm kaum Zeit zum Nachdenken. Ganz zu schweigen davon, dass sein Lieblingshund, sein ganzer Stolz und seine Freude, jeden Tag werfen konnte. Die arme Figgy platzte förmlich aus allen Nähten, und die Sorge um sie brachte ihn beinahe um den Verstand.

Donovan atmete tief durch und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Miss Scott. Erst jetzt fielen ihm die feinen Sommersprossen auf ihrer Nase auf, die genau die Farbe von frischem Zimt hatten. Ein wenig zu spät erkannte er, was er getan hatte. Miss Scott glaubte offensichtlich, seine Kritik hätte sich auf ihren Teint und nicht auf ihren Hund bezogen.

Er ließ seinen Blick einen Moment auf ihrer Porzellanhaut ruhen. Die Sommersprossen unterstrichen ihren Charme, schenkten ihr das köstliche Aussehen eines mit Zucker und Gewürzen bestäubten Gebäckstücks.

Reiß dich zusammen. Sie ist eine Frau, kein Dessert.

Donovan bewegte sich so langsam, wie man sich einem panischen Polopferd näherte, und trat einen Schritt auf sie zu. „Miss Scott …“

Der vorsichtige Ansatz nützte nichts. Sie schniefte – sogar recht laut – und verdrehte dann die Augen. „Um Himmels willen, würden Sie endlich aufhören, alle naselang Miss Scott zu sagen?“

Er hob kapitulierend die Hände. „Sie heißen doch aber Miss Scott, oder nicht?“

Ein weiteres Schniefen. „Ja. Aber bei Ihnen klingt das so formell. Das schüchtert mich ein.“

Er sah sie fragend an. „Sollen wir dann zu Nummer acht zurückkehren?“

Das war als Witz gemeint, aber die wütende Röte, die Miss Scott in ihr liebliches Gesicht stieg und drohte, die köstlichen kleinen Sommersprossen auszulöschen, verriet ihm, dass sein Humor sein Ziel verfehlt hatte.

Ganz eindeutig musste er jetzt etwas tun. Irgendwie hatte er in weniger als zehn Minuten die Kontrolle über seinen Ring verloren.

„Miss Scott, als ich meine Enttäuschung über die Sommersprossen äußerte – da wussten Sie doch, dass ich mich auf Ihren Hund bezog?“ Er zeigte auf ihre kleine Hündin.

Sie schaute Bliss ebenfalls an und furchte verwirrt die Stirn. Dann strich sie sich mit einer federleichten Berührung über ihren Wangenknochen. „Oh. Natürlich wusste ich das.“

Ja, sicher. Donovan konnte nicht widerstehen, ein wenig mit ihr zu spielen. „Ja, natürlich taten Sie das.“

„Hören Sie, können Sie uns nicht einfach unsere Schleife geben und uns gehen lassen?“ Ihre Stimme hatte überhaupt nichts Spielerisches an sich.

Donovan straffte die Schultern. „Miss Scott“, fing er an.

Ihre Augen blitzten auf und wechselten ihre Farbe innerhalb eines Wimpernschlags von warmem Braun zu feurigem Kupfer.

„Miss Scott“, wiederholte er mit übertriebener Betonung. Sie war es vielleicht leid, ihn ihren Namen sagen zu hören, aber er würde nicht anfangen, sie wieder Nummer acht zu nennen. „Sie wissen schon, dass ich der Richter bin und Sie die Ausstellerin sind?“

Sie nickte beinahe unmerklich. „Ja.“

Ja.

Sie klingt wie eine Braut.

Der unsinnige Gedanke überfiel Donovan vollkommen unerwartet. Er schimpfte sich innerlich aus, was sich in einem gereizten Unterton widerspiegelte, den er gar nicht beabsichtigt hatte. „Und als Richter habe ich das Recht, Ihrem Hund eine Schleife vorzuenthalten. Oder Sie sogar, wenn ich mich dafür entscheide, ganz von diesem Wettbewerb auszuschließen.“

Sie kniff die Augen zusammen und warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Ihre schmalen Finger krampften sich um die Leine. Donovan fühlte sich an eine Löwenmutter erinnert, die ihr Junges bewachte.

Eine unerwartete Welle der Zuneigung erfasste ihn. Miss Scott liebte ihren Hund. Das war ein Zustand, mit dem er sich nur zu gut identifizieren konnte.

Er sagte nichts. Nachdem er einen Moment lang ihren Blick festgehalten hatte, schaute er sich erneut ihren Cavalier Spaniel an. Der kleine Hund blinzelte ihn aus großen, ausdrucksvollen Augen an. Sie war eine wirklich schöne Hündin, ein Eindruck, der sich bei der zweiten Sichtung noch verstärkte. Trotz der Sommersprossen.

Donovan drehte sich um und ging zum Richtertisch, um einen offiziellen Eintrag ins Richtbuch zu tätigen. Er spürte Miss Scotts Anwesenheit hinter sich und ließ seinen Blick über die ordentlich aufgereihten Schleifen gleiten, die dort zu seiner freien Verfügung lagen. Er wählte eine aus königsblauem, weichem Satin aus und reichte sie ihr.

Ein kleines Lächeln umspielte ihre rosigen Lippen.

Endlich.

Donovan zwang sich, seinen Blick von ihren Lippen zu lösen. Er räusperte sich. „Wir sehen uns dann später bei der Wahl zur besten Hündin der Klasse.“ Er konnte es nicht lassen, ein „Miss Scott“ anzufügen.

„Danke.“ Die Wärme kehrte in ihre Augen zurück, die nun wieder die Farbe von warmer Schokolade annahmen. „Mr. Darcy.“

Sie lächelte erneut, und Donovan spürte alle Sorgen von sich abfallen. Zum ersten Mal, seitdem er in Heathrow ins Flugzeug gestiegen war, schienen der Stress und Ärger aus der Heimat genauso weit weg zu sein, wie sie es in Meilen gemessen tatsächlich waren. Ein freundlicher Blick von Miss Scott in Verbindung mit dem Klang seines Namens, der über ihre süßen Honiglippen glitt, war Balsam für seine beladene Seele.

„Entschuldigen Sie, dass ich frage …“ Sue begrüßte Elizabeth mit einem schüchternen Lächeln, als diese den Ring verließ. „Aber was zum Teufel war das?“

Elizabeth versuchte, lässig mit den Schultern zu zucken. Was nicht einfach war, wenn die Augen aller Umstehenden auf einen gerichtet waren. Die anderen Aussteller starrten sie mit offenem Mund an. Am liebsten wollte sie sich unter dem knallblauen Teppich verkriechen, so wie Bliss bei Gewitter unter der Bettdecke. „Was meinen Sie?“

„Was ich meine? Fragen Sie das ernsthaft? Nach dem, was gerade passiert ist?“ Sue zeigte auf Mr. Darcy, der die nächste Hundegruppe in den Ring bat.

Elizabeth hatte keine Ahnung, ob er sie beobachtete oder nicht. Sie traute sich nicht, in seine Richtung zu schauen. Also sah sie stattdessen Sue an. Die ältere Frau musterte sie mit einer seltsamen Mischung aus Neugierde und Mitgefühl. Es war ihr nicht entgangen, dass die anderen Aussteller sich von ihr fernhielten, als hätte sie die Pocken oder Ähnliches. Nur Sue Barrow blieb an ihrer Seite.

In dem Moment beschloss Elizabeth, dass sie Sue mochte. Sogar sehr gerne mochte.

„War es schlimm?“ Ihr Magen zog sich zusammen und verriet ihr damit, ja, der Vorfall im Ring war tatsächlich so schlimm gewesen, wie sie befürchtet hatte.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich es generell als schlimm bezeichnen würde.“ Sue verzog das Gesicht. „Obwohl es zwischendurch so aussah, als würden Sie Mr. Darcy gleich ohrfeigen.“

Wie könnte sie sich jemals wieder auf einer anderen Hundeausstellung blicken lassen? „Oh mein Gott. Was habe ich getan? Ich kann nicht glauben, dass er mich nach all dem, was ich gesagt habe, nicht vom Wettbewerb ausgeschlossen hat.“

„Vermutlich weil es außerdem so aussah, als hätten Sie gerne, dass er Sie küsst.“

„Sie leiden unter Halluzinationen.“

Sue drohte ihr mit dem Zeigefinger. „Mir machen Sie nichts vor. Ich bin schon ein paar Jahre hier, meine Liebe. Sie wussten nicht, ob Sie den Mann ohrfeigen oder bis zur Besinnungslosigkeit küssen sollen.“

„Ha. So weit kommt es noch. In einer Million Jahren nicht.“ Ihr schoss eine Zeile aus dem Kurs für englische Literatur am College durch den Kopf. Die Dame, wie mich dünkt, gelobt zu viel. Shakespeare. Was für ein Schlauberger.

„Okay, dann eine Ohrfeige.“ Sue nickte resolut, doch ihre Augen funkelten hinter den Gläsern ihrer Brille. „Ich persönlich hätte mich ja für den Kuss entschieden, aber jede, wie sie mag.“

„Wen hast du vor zu küssen?“ Alan, Sues Ehemann, gesellte sich zu ihnen. Offensichtlich hatte er seinen Krieg mit den Gummibändern aufgegeben. Mindestens ein halbes Dutzend hing, zu einem spaghettiähnlichen Knäuel verknotet, an seinem Handgelenk.

„Nur dich, Liebster.“ Sue tätschelte zärtlich seine Wange. „Nur dich.“

Diese natürliche Art, ihre Zuneigung auszudrücken, entlockte Elizabeth ein Lächeln. Es war eine willkommene Abwechslung zu der Ohrfeige-oder-Kuss-Debatte. Sie streckte ihre Hand aus und stellte sich Alan vor. „Hallo. Ich bin Elizabeth.“

„Freut mich, Elizabeth.“ Genau wie seine Frau hatte er einen ganz entzückenden englischen Akzent.

Einen kurzen Moment ließ Elizabeth ihre Gedanken zu Mr. Darcys Art zu sprechen wandern. Der Klang, als er das erste Mal ihren Namen gesagt hatte … Miss Scott. So poetisch. Lyrisch. Ja, beinahe verführerisch.

Dann hatte er alles ruiniert, indem er ihn wieder und wieder gesagt hatte, bis sie ihn mit Bliss’ Führleine hätte erwürgen können.

„Elizabeth?“ Sue wedelte mit ihrer Hand vor Elizabeths Gesicht. „Hallooo?“

Sie riss sich zusammen. „Ja?“

„Sind wir wieder ein wenig abgelenkt?“ Sue tauschte einen wissenden Blick mit Alan. „Ohne Zweifel denken Sie an Mr. Darcy. Was war es diesmal? Kuss oder Ohrfeige?“

„Erwürgen“, gab Elizabeth zurück.

Alan lachte.

„Tja, da kommt Ihre Chance. Sie sind wieder dran.“ Sue legte einen Arm um Elizabeths Schultern und führte sie an dem weißen Gatter entlang zum Eingang des Rings.

Irgendwie widerstand Elizabeth dem Drang, sich auf der Stelle umzudrehen und zurück nach Manhattan zu laufen. Vielleicht war es der Gedanke an die Umzugskartons, die dort nur darauf warteten, mit ihren persönlichen Habseligkeiten gefüllt zu werden, der ihr die Kraft gab, auf Mr. Darcys Territorium zurückzukehren.

Sie stellte sich in einer Reihe mit den Gewinnern der anderen Klassen auf. Da Bliss beinahe noch ein Welpe war, hätte sie schon unter jedem anderen Richter kaum eine Chance gehabt, die Wahl zur besten Hündin der Show zu gewinnen. Doch angesichts Mr. Darcys offensichtlicher Vorurteile gegen Sommersprossen wusste Elizabeth, dass sie sich überhaupt keine Hoffnungen machen konnte. Direkt neben ihrer kleinen schwarzen Nase hatte Bliss ein paar kastanienfarbene Flecken, die Elizabeth immer ganz besonders bezaubernd gefunden hatte. Natürlich war sie nicht ganz unvoreingenommen, schließlich hatte sie selber ein paar Sommersprossen auf den Wangenknochen.

Sie verzog ein wenig das Gesicht und tat so, als wären sie nicht da. Sie wusste, Mr. Darcy richtete über Bliss’ Aussehen, nicht über ihres. Dieses peinliche Missverständnis hatte er ja bereits aufgeklärt.

Aber irgendetwas an der Art, wie er sie ansah, machte sie nervös. Jedes Mal, wenn er seinen durchdringenden Blick auf sie richtete, war sie froh, dass sie sich noch an ihren Namen erinnern konnte.

„Miss Scott.“

Oh Gott. Geht das schon wieder los.

Eines war mal sicher. Solange Mr. Darcy ihren Namen ständig wiederholte, würde sie ihn auf keinen Fall vergessen können.

Sie wappnete sich, löste den Blick von Bliss und schaute ihm direkt in die Augen. „Mr. Darcy.“

Er lächelte, als sie seinen Namen sagte. So nervtötend sie ihn bislang gefunden hatte, nie hätte sie gedacht, dass er noch attraktiver werden könnte. Doch dieses Lächeln verlieh dem Wort atemberaubend eine ganz neue Bedeutung.

Sie schluckte und sagte ein kleines Dankgebet, dass er ihre Gedanken nicht lesen konnte.

Sie hätte erwartet, dass er mit langen Schritten ans andere Ende des Rings gehen würde, um die Hunde als Gruppe zu betrachten.

Doch das tat er nicht. Er blieb genau da, wo er war – was nervenaufreibend nah war. „Schön, Sie wiederzusehen.“

Seine Stimme überraschte sie – zum einen, weil sie nicht damit gerechnet hatte, angesprochen zu werden, und zum anderen wegen der Ernsthaftigkeit, die darin lag. Richter wandten sich nur selten direkt an einzelne Aussteller, und ganz sicher nicht mit Themen, die nichts mit der Show zu tun hatten. Ein Teil von ihr fragte sich, ob er sich über sie lustig machte. Ihr vorheriger Auftritt in diesem Ring konnte kaum als nett bezeichnet werden. Aber seine arrogante Haltung war irgendwie verschwunden, was sie in tiefe Verwirrung stürzte.

Könnte der echte Mr. Darcy bitte herauskommen?

„Äh, danke.“ Sie hielt ihre Antwort kurz. Auf den Punkt.

Was sollte sie auch sagen? Ich freue mich auch, Sie wiederzusehen, Mr. Darcy. Das letzte Mal war so ein Vergnügen. Ich könnte gar nicht sagen, welchen Augenblick ich am meisten genossen habe. Könnte es der sein, als ich Ihnen aus Versehen einen tiefen Einblick in mein Dekolleté gewährt habe? Oder vielleicht, als Sie meinen Hund beleidigten? Oder als ich anfing zu weinen? Ja, das ist es! Definitiv ein Moment, den man in Erinnerung behalten möchte.

Er schaute sie an, als warte er darauf, dass sie noch mehr sagte. Nachdem sie das nicht tat, zogen graue Sturmwolken in seinen Augen auf, und er drehte sich von ihr weg.

Die Ausstellerin neben Elizabeth stöhnte unterdrückt. „Vielen Dank auch.“

Aus reiner Neugierde schaute Elizabeth die Frau an – und stellte fest, dass diese sie böse anfunkelte. „Wie bitte?“

„Ich sagte, vielen Dank auch“, zischte sie, ohne die Lippen zu bewegen. „Dafür, den Richter in eine solche Scheißlaune versetzt zu haben. Ich weiß nicht, warum er Sie nicht ausgeschlossen hat oder überhaupt noch mit Ihnen spricht.“

„Zu Ihrer Information, ich bin nicht für seine Laune verantwortlich.“ Elizabeth warf Bliss einen um Unterstützung heischenden Blick zu. Ein Nicken wäre nett gewesen. Oder ein lautes Knurren?

Nichts.

Die Frau verdrehte die Augen. „Wir haben alle gesehen, wie Sie sich aufgeführt haben“, murmelte sie, wieder ohne die Lippen zu bewegen.

Elizabeth fragte sich, ob sie vielleicht Bauchrednerin war. Nein, vermutlich nicht. Wie könnte jemand, der mit Puppen arbeitete, so zickig sein?

Elizabeth wollte gerade erklären, dass Mr. Darcy vermutlich schon mit schlechter Laune auf die Welt gekommen war, doch glücklicherweise fiel ihr Blick auf ihn, bevor sie den Mund öffnete. Sofort drehte sie der Frau den Rücken zu und konzentrierte sich einzig auf Bliss.

Ich werde das hier nicht vermasseln. Ich werde keine Szene machen. Ich werde dem Richter keine ungebührlichen Einblicke gewähren. Und ganz sicher werde ich nicht weinen.

Sie atmete tief durch. Sie musste die Prozedur nur hinter sich bringen und darauf warten, dass die Sieger ihre Schleifen übergeben bekämen. Bliss hatte keine Chance. Also war der einzige Sieg, den sie heute davontragen könnte, gemeinsam mit Bliss den Ring ohne einen weiteren peinlichen Vorfall zu verlassen.

Mr. Darcy machte eine kreisende Bewegung mit seiner rechten Hand, und alle führten ihre Hunde gehorsam im Kreis um den Ring. Die Ausstellerin ganz vorne in der Reihe blieb stehen, als sie den Ring einmal umrundet hatte. Offensichtlich erwartete sie, dass Mr. Darcy jetzt jeden Hund einzeln einmal diagonal durch den Ring laufen sehen wollte, wie es üblich war.

Doch stattdessen wies er auf den zweiten Hund in der Reihe, ein sehr hübsches schwarz- und lohfarbiges Mädchen. „Das ist unsere Gewinnerin.“

Seine Ankündigung wurde mit einem freudigen Quietschen der Siegerin und ihrer Familie, die sich außen am Rand versammelt hatte, aufgenommen. Elizabeth verspürte trotz allem einen kleinen eifersüchtigen Stich. Einmal zu sehen, wie ein Richter so auf Bliss zeigte, würde ihr sehr helfen, all das zu vergessen, was zu Hause los war. Es könnte sogar den gemeinen Grant Markham zu einer fernen Erinnerung verblassen lassen.

Bevor sie sich selber gut zureden oder gar ihre Enttäuschung ersticken konnte, deutete Mr. Darcy noch einmal mit seinem eleganten Finger auf einen Hund. Und dieses Mal war der Hund Bliss. „Und das ist unser Reserve-Sieger.“

Elizabeth schaute Bliss in der Erwartung an, einen fremden Hund am Ende der Leine vorzufinden – als hätte sie heimlich den Platz mit einem anderen Cavalier Spaniel getauscht. Einem Cavalier mit einer cremeweißen, sommersprossenlosen Schnauze. Doch zu ihrer Überraschung saß da immer noch ihr eigener Hund neben ihren Füßen.

Bliss erhob sich auf die Hinterbeine und scharrte mit ihren winzigen befederten Pfoten in der Luft, ein Ausdruck ihrer Freude über diese Auszeichnung. Bei dem Anblick bekam Elizabeth einen Kloß im Hals, und ihr wurde klar, dass sie ihren Schwur, nicht zu weinen, vermutlich gleich brechen würde.

Sie nahm Bliss auf den Arm und ging auf Mr. Darcy zu, um ihre Schleife abzuholen. Irgendwo hinter ihm sah sie Sue Barrow auf und ab springen und wie wild in die Hände klatschen, doch es war mehr eine verschwommene, traumähnliche Vision. Sie konzentrierte sich ganz auf eine einzige Sache – Mr. Darcys eindringlicher Blick, der sie unaufhaltsam anzog. Der Sturm in seinen Augen hatte sich verzogen, sie schimmerten wie polierter Bernstein und zogen sie so in ihren Bann, dass sie alles um sich herum vergaß.

„Miss Scott.“ Er schaute sie fragend an. „Das sind dieses Mal hoffentlich Freudentränen?“

„Ja. Ja, ganz sicher.“ Sie nickte und schluckte um den Kloß in ihrer Kehle herum.

Auf einmal sehnte sie sich danach, es noch einmal zu hören … ihren Namen, auf diese charmante Weise ausgesprochen. Miss Scott. Wie hatte sie dessen nur je müde werden können? Das war wie Poesie.

Er reichte ihr die Seidenschleife. Die linke Hälfte war weiß, die rechte violett, und in goldenen Buchstaben stand „Reserve-Sieger“ darauf.

Sie strich vorsichtig mit den Daumen über die Wörter. Erfahrene Ausstellungsteilnehmer hätten so eine Schleife vielleicht mit einem Hauch Enttäuschung entgegengenommen. Immerhin war „Reserve-Sieger“ nur die hochgestochene Bezeichnung für die Zweitplatzierte. Und der Reserve-Hund sammelte keinerlei Championpunkte.

Doch es war die höchste Ehre, die Bliss je erhalten hatte. Und obwohl sie ihr von Mr. Darcy verliehen worden war, hätte Elizabeth nicht glücklicher sein können. Oder vielleicht gerade, weil sie von ihm kam?

„Danke“, hauchte sie und zog ganz sanft an der Schleife.

Er weigerte sich jedoch spielerisch, sie loszulassen, bis er ihr schließlich mit seinen Augen aus flüssigem Gold zuzwinkerte. „Gern geschehen, Miss Scott.“

Elizabeth schnappte sich die Schleife und schwebte aus dem Ring, auf die grinsenden Gesichter von Sue und Alan Barrow und Jenna zu, die gerade von ihrem Ausflug zu Starbucks zurückgekehrt war und sie mit zwei großen Pappbechern in den Händen erwartete. Sie konnte den Eindruck einfach nicht abschütteln, dass ausgerechnet Mr. Darcy soeben mit ihr geflirtet hatte.

3. KAPITEL

Elizabeth sah zu, wie Jenna ein Stück Konfetti aus ihrem Weinglas fischte. Schwarzes Konfetti, das zu den schwarzen Luftschlangen und den ach so charmanten schwarzen Ballons passte, die an Elizabeths Stuhl festgebunden waren und der ganzen Welt verkündeten, dass sie nun zum alten Eisen gehörte.

„Erklär’s mir noch mal.“ Jenna begrub das Konfetti in ihrer Serviette. „Was bedeutet Reserve-Sieger doch gleich?“

Sue und Elizabeth tauschten einen verzweifelten Blick. Hatten sie das nicht schon ein paar Mal erklärt, seitdem sie hier in dem Restaurant direkt neben dem Ausstellungsgelände angekommen waren, in dem sie im intimen Kreis Elizabeths Geburtstag feiern wollten? Intim bedeutete in diesem Fall, dass die Gruppe nur aus Elizabeth, Jenna und den Barrows bestand.

Alan schaltete sich ein. „Das ist die Zweitplatzierte.“

Wenigstens hatte er aufgepasst. Elizabeth bezweifelte, dass irgendeiner aus ihrer Familie sich je merken würde, was Reserve bedeutete, egal, wie oft man es ihnen erklärte.

„Ah, wie beim Miss-America-Wettbewerb. Jetzt verstehe ich.“ Jenna nippte an ihrem Wein, wobei sie vermutlich das eine oder andere Papierschnipselchen mittrank. Die Dekoration war ein wenig grobmotorisch ausgefallen. „Also wenn die Siegerin sich als ehemalige Stripperin herausstellt oder es irgendwo im Internet Nacktfotos von ihr gibt, nimmt Bliss ihren Platz ein?“

Alan grinste breit und zeigte auf Jenna. „Du gefällst mir.“

Elizabeth lachte und nahm auch einen Schluck von ihrem Getränk, das Sue für sie bestellt hatte – irgendetwas Britisches namens Pimm’s, was erstaunlich köstlich war. „Wir sollten nicht vergessen, Sue zu gratulieren. Du hattest heute den besten Hund deiner Rasse und hast den Best of Breed gewonnen, oder?“

„Nun ja, wenn wir es genau nehmen, hat einer meiner Hunde den Titel gewonnen. Und das bei Mr. Darcy. Das ist eine große Ehre. Er ist in Großbritannien sehr bekannt. Meine anderen Terrier haben alle ihre jeweilige Klasse gewonnen. Ich weiß nicht, was ich heute ohne deine Hilfe gemacht hätte, Elizabeth. Du bist eine gute Vorführerin. Ich wünschte, du würdest in England leben. Ich könnte innerhalb eines Herzschlags anfangen, mit dir zu arbeiten. Ich kann mich schlecht um vier Ausstellungshunde gleichzeitig kümmern.“

„Wartet mal.“ Jenna machte das Handzeichen für Time-out. „Der Richter heißt Darcy? Und er kommt aus England? Ist das ein Witz?“

„Nein. Er ist ganz real“, erwiderte Elizabeth.

Vielleicht sogar ein bisschen zu real.

„So echt, wie er nur sein kann. Die Engländer machen niemals Witze über Männer, die Darcy heißen.“ Sue schob Alan ihr leeres Glas zu. „Alan, mein Lieber, ich hätte gerne noch einen.“

„Dein Wunsch ist mir Befehl.“ Er schaute Elizabeth und Jenna fragend an. „Dürfen wir den Ladys auch noch nachschenken?“

Zu ihrem großen Verdruss wollten Elizabeths Gedanken bei der Erwähnung von Mr. Darcy sofort zu ihm abschweifen, und sie musste sich wirklich anstrengen, der Unterhaltung weiter zu folgen. „Nein, danke.“

„Ach komm. Trink noch was. Heute ist dein Geburtstag.“ Da sie sich so gut verstanden, waren sie schon auf der Ausstellung übereingekommen, das alberne Sie wegzulassen. Sue hob ihr Glas und prostete den schwarzen Ballons zu – als könnte Elizabeth vergessen, dass sie dreißig geworden war. „Ich gehe mal kurz auf die Toilette.“

Sobald Sue außer Hörweite war, zwinkerte Alan den beiden Schwestern zu. „Man würde nicht glauben, dass ich eine eigene Firma mit fünfzig Mitarbeitern habe, oder? Sie sagt etwas, und ich springe.“

Sue winkte ihnen quer durch den Raum zu und rief: „Was auch immer er euch erzählt, glaubt ihm kein Wort.“

Elizabeth lachte. „Woher wusstest du das?“

Sue eilte an den Tisch zurück. „Ach bitte. Wir sind seit vierzig Jahren verheiratet. Ich weiß sogar vor ihm, was er gerade denkt.“

Jennas Augen wurden feucht. Sie war schon immer eine hoffnungslose Romantikerin gewesen. „Vierzig Jahre. Wow.“

„Wir haben uns kennengelernt, da waren wir zwölf.“ Alan zwinkerte wieder, aber dieses Mal an seine Frau gerichtet. „Und seitdem liebe ich sie.“

Jenna hob ihr Weinglas wie zum Toast auf einer Hochzeit. „Auf das süßeste Pärchen aller Zeiten.“

Elizabeth konnte ihr da nur zustimmen. Und für den Bruchteil einer Sekunde fragte sie sich, ob sie mit ihrer Einstellung zur Ehe vielleicht doch falschlag. Vielleicht gab es da draußen tatsächlich gute Männer, so wie Jenna und ihre Mutter immer behaupteten. Vielleicht gab es dort irgendwo einen Mann, der sie so anschauen würde, wie Alan selbst nach vierzig Jahren noch Sue anschaute. Es konnten doch nicht alle wie Grant Markham sein. Oder?

Als Sue und Alan sich in den Waschraum beziehungsweise an die Bar aufmachten und Jenna auf ihrem Handy ihre SMS abrief, nippte Elizabeth an ihrem Pimm’s und erlaubte sich, an Donovan Darcy zu denken. Nur für eine Minute, beschloss sie. Sie hatte ihr Bestes versucht, ihn zu vergessen, sobald sie die Ausstellungshalle verlassen hatte, aber das war vor den schwarzen Luftballons gewesen.

Und dem Alkohol.

Wie Grant Markham war er definitiv reich. Und mächtig. Diese beiden Eigenschaften allein würden die meisten Frauen in Verzückung versetzen. Elizabeth war jedoch nicht wie die meisten Frauen. Sie wusste aus erster Hand, wie gefährlich eine solche Kombination sein konnte. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, hatte Donovan Darcy bereits bewiesen, dass seine Worte nicht immer so schön waren wie sein Gesicht.

Der Mann war ein Rätsel, zu gleichen Teilen faszinierend und wahnsinnig machend. Sue hatte recht gehabt. Elizabeth hätte ihn gerne geohrfeigt. Dann hatte er eine Hundertachtzig-Grad-Wendung gemacht und Bliss zur Zweitplatzierten gekürt und dabei seinen britischen Charme aufblitzen lassen. Elizabeth fragte sich, ob er eine Ahnung hatte, wie umwerfend anziehend er sein konnte, wenn er nicht so finster dreinschaute.

Oh ja, das weiß er, entschied sie. Er kann das vermutlich nach Lust und Laune an- und abstellen. Vermutlich unterrichtet er das drüben in England an irgendeiner James-Bond-Charmeschule.

Ein wenig aufgewühlt und gerührt zugleich kehrte sie in die Gegenwart zurück und schaute Jenna an. „Danke, Schwesterherz.“

Jenna löste den Blick von ihrem Handy. „Wofür?“

„Dafür, dass du mitgekommen bist.“ Elizabeth lächelte. „Und für diese kleine Party. Es ist einfach perfekt.“ Abgesehen von der morbiden Dekoration, aber ich will ja nicht kleinlich sein.

„Ich schätze, das wirst du zurücknehmen, wenn du …“ Jenna verstummte, und ihre Augen wurden groß, als sie sich auf etwas in der Ferne richteten. „Wer ist das?“

Elizabeth wusste auch ohne sich umzudrehen, dass ihre Schwester gerade niemand anderen als Donovan Darcy erblickt hatte. In Fleisch und Blut. Ihre Wangen wurden heiß vor Scham. Sie fühlte sich, als hätte sie ihn mit ihren Tagträumen heraufbeschworen.

Ein kurzer Blick über ihre Schulter bestätigte es. Ja, da stand er, vorne bei der Empfangsdame. Mit seinem üblichen finsteren Blick.

Elizabeth zog eine genauso finstere Miene, bis er auf einmal in ihre Richtung schaute.

Verdammt.

Er hatte sie dabei ertappt, wie sie ihn anstarrte. Sie versuchte, ihm das Gegenteil weiszumachen – dass sie ihn gar nicht bemerkt hatte. Doch das langsame Grinsen, das sich auf seinem Gesicht ausbreitete, erzählte eine ganz eigene Geschichte. Er hatte es bemerkt. Und es schien ihm zu gefallen.

Sie schaute weg, atmete tief durch und versuchte, ihr aufgeregt klopfendes Herz zu beruhigen.

Wenn es je einen Mann gegeben hatte, der das Wort Gefahr verkörperte, dann ihn. Elizabeth würde nachts besser schlafen, wenn er nach England zurückkehrte und zwischen ihnen der weite, unendlich tiefe Ozean läge.

Jenna räusperte sich. „Ich fragte, wer ist das?

„Wer?“ Elizabeth versuchte, etwas Zeit zu schinden, die sie brauchte, um sich zu fassen.

„Du weißt genau, wer.“ Jenna schaute fragend in Mr. Darcys Richtung.

Großartig. Jetzt weiß er, dass wir über ihn reden. Sie wünschte, sie könnte sich ganz kleinmachen und in den winzigen Plastiksarg krabbeln, der auf der Geburtstagstorte mitten auf dem Tisch thronte.

„Ach der.“ Elizabeth bezweifelte, mit ihrer vorgetäuschten Lässigkeit irgendjemandem etwas vormachen zu können, schon gar nicht Jenna. „Das ist der Richter von heute. Unser allseits geschätzter Mr. Darcy.“

Jenna schaute noch anerkennender, wenn das überhaupt möglich war. „Das erklärt, warum er aussieht, als wäre er gerade von einem Polopony gestiegen.“

„Hast du ihn heute Nachmittag auf der Ausstellung nicht gesehen?“

Jenna schüttelte den Kopf. „Nein. Definitiv nicht. Ich habe mir ehrlich gesagt die Hunde angeschaut.“

Das war etwas Neues. „Tja, lass dich von seinem guten Aussehen nicht täuschen. Er ist ein Arschloch.“

„Er sieht aus wie Daniel Craigs jüngerer, heißerer Bruder. Und außerdem hat er gerade Bliss beinahe zur Miss America gekürt. Was für ein großes Arschloch kann er da schon sein?“

Wo sollte sie anfangen? „Du hast ja keine Ahnung.“

„Lass mich raten.“ Jenna stellte ihr Glas etwas zu heftig zurück auf den Tisch. Der Wein schwappte hoch und drohte, auf die weiße, gestärkte Tischdecke zu tropfen. „Er ist reich.“

„Natürlich ist er das.“ Elizabeth zupfte ein Stückchen Konfetti in Form eines Grabsteins von ihrem Schoß und rollte es zwischen ihren Fingern.

Jenna beugte sich vor und schaute sie eindringlich an. „Und das macht ihn automatisch zu einem Arschloch?“

„Es hilft zumindest nicht.“ Elizabeth wand sich. Jenna sah aus, als würde sie ihr gleich die Leviten lesen. Wo blieb Alan mit dem Nachschub? Sie könnte gut einen Schluck Pimm’s gebrauchen – oder Wein, oder irgendetwas mit Alkohol. Und zwar genau jetzt.

„Nicht alle wohlhabenden Männer sind wie Du-weißt-schon-wer. Es gibt auch ein paar nette Reiche auf der Welt.“ Jenna verschränkte die Arme vor der Brust und bedachte sie mit einem Blick, der irgendwo zwischen selbstgefällig und mitfühlend lag.

„Nenn mir einen.“ Elizabeth lehnte sich abwartend zurück, sicher, mit dieser Aufforderung ihre Schwester zum Schweigen gebracht zu haben.

Sie irrte sich.

„Ich nenne dir sogar zwei.“ Jenna Stimme wurde ganz weich. „Alan und Sue.“

Elizabeth schaute zur Bar, an der Alan Barrow sich mit dem Barkeeper unterhielt, ein breites Lächeln im Gesicht. „Alan und Sue?“

„Sicher ist dir aufgefallen, dass sie reich sind. Sie teilen ihre Zeit zwischen London und New York auf. Sie züchtet Rassehunde und stellt sie überall auf der Welt aus. Hast du geglaubt, die beiden wären arm?“

Elizabeth sackte ein wenig in sich zusammen. „Ich habe ehrlich gesagt überhaupt nicht darüber nachgedacht.“

„Tja, vielleicht solltest du das mal tun.“ Jenna streckte ihren Arm aus und drückte Elizabeths Hand. „Und vielleicht solltest du diesen heißen Richter nicht vorschnell als Arschloch verurteilen.“

Elizabeth warf einen verstohlenen Blick in seine Richtung.

Er schien die Karte zu lesen, doch alles an seiner Haltung verriet, dass er sich der Aufmerksamkeit der beiden Schwestern nur zu bewusst war. Das ironische Lächeln, das subtile zufriedene Funkeln in seinen Augen … die lockere Art, mit der er die Beine an den Knöcheln gekreuzt hatte und im Rahmen der Eingangstür lehnte … alles zeugte von dem absichtlichen – und erfolgreichen – Versuch, auf entspannte Weise sexy auszusehen.

Oder vielleicht war er wirklich so sexy, ohne sich groß Mühe geben zu müssen.

Das war zum Verrücktwerden.

Entrüstet drehte Elizabeth sich wieder zu ihrer Schwester um. „Jenna, du siehst in anderen Menschen nie einen Fehler. Aber lass dir versichern, Mr. Darcy hat eine sehr hohe Meinung von sich. Du warst nicht dabei. Du hast nicht gesehen, wie er mich heute im Ring behandelt hat.“

„Tja, hier kommt meine Chance.“ Jenna trank einen etwas größeren Schluck Wein. „Sieh nicht hin, aber er kommt her.“

Elizabeth versteifte sich. „Kommt er nicht.“

„Doch.“ Jenna zählte leise vor sich hin. „In vier, drei, zwei, eins.“

Sie klang wie die Bodenkontrolle der NASA.

Mit jeder Sekunde, die verging, verknotete sich Elizabeths Magen mehr. Houston, wir haben ein Problem …

„Miss Scott.“

Sie öffnete die Augen, und da stand er vor ihr und lächelte sie anmutig an. Anmutig und trotzdem irgendwie sexy.

Sie erwiderte die Begrüßung wesentlich neutraler. „Guten Abend, Mr. Darcy.“

„Sind hier Glückwünsche zum Geburtstag angebracht?“ Er zeigte auf die an ihrem Stuhl befestigten Ballons, die sie schon vollkommen verdrängt hatte, und die Torte mit dem schwarzen Plastiksarg darauf.

Neben ihm wirkte die Dekoration noch schäbiger. Elizabeth wollte sterben. Da das aber nicht möglich war, öffnete sie den Mund, um zu bestätigen, dass ja, sie tatsächlich diejenige war, die nun offiziell ihre besten Jahre hinter sich hatte. Doch bevor sie etwas sagen konnte, gesellte sich eine sehr hübsche, sehr junge Frau zu ihm.

„Zara.“ Mr. Darcy drehte den Kopf und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Als sie ihn dabei beobachtete, wie er seine Freundin begrüßte, fielen Elizabeth zwei Dinge auf. Zum einen, diese Zara-Frau war definitiv noch keine dreißig. Mit ihren schmalen Hüften und der strahlenden Haut sah sie aus, als könnte sie ihre besten Jahre von da aus noch nicht einmal sehen, geschweige denn, dass sie sie schon hinter sich hätte. Und zweitens, wenn er sie anschaute, zeigte Mr. Darcy nichts von der Kälte, die er seit seinem ersten Blick auf Elizabeth ausgestrahlt hatte. Ganz im Gegenteil, er schien sogar nur so vor Wärme und Charme zu pulsieren.

Nun sieh einer an. Mr. Darcy kann auch freundlich.

Elizabeth ertrug es nicht, das mitanzusehen. Aus Gründen, die sie vermutlich selber niemals verstehen würde, verdrehten sich ihre Innereien zu einem Knoten der Eifersucht. Diese intensiven Gefühle verärgerten sie nur noch mehr, denn die ganze Szene war so lächerlich – so klischeehaft –, dass jede Anziehung, die sie Mr. Darcy gegenüber jemals verspürt hatte, sich auf der Stelle in Luft auflösen müsste. Er war reich, gut aussehend, arrogant und offensichtlich der Sugardaddy für dieses junge Mädchen.

Elizabeth funkelte Jenna an und schickte ihr ein stummes „Ich hab’s dir doch gesagt“ mit den Augen. Doch Jenna schien es nicht zu bemerken. Sie war zu sehr damit beschäftigt, Zaras Handtasche zu betrachten. Louis Vuitton, wie es aussah. Elizabeth bezweifelte, dass sie aus einem Lieferwagen in einer nach Fisch riechenden Gasse in Chinatown stammte, wie diejenige, die Jenna sich letztes Jahr bei einem Ausflug in die Stadt gekauft hatte.

Jenna hatte eine Schwäche für Handtaschen. Elizabeth sollte sich wirklich überwinden, ihr die Prada-Tasche zu schenken, die erst kürzlich ihr Eigen geworden war – ein Weihnachtsgeschenk von einem ihrer Schüler.

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