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Ausgebrannt

Über das Buch

Die Menschheit vor ihrer größten Herausforderung: Das Ende des Erdölzeitalters steht bevor! Als in Saudi-Arabien das größte Ölfeld der Welt versiegt, kommt es weltweit zu Unruhen. Bahnt sich tatsächlich das Ende unserer Zivilisation an? Nur Markus Westermann glaubt an ein Wunder. Er glaubt eine Methode zu kennen, wie man noch Öl finden kann. Viel Öl. Doch der Schein trügt …

Über den Autor

Andreas Eschbach, 1959 in Ulm geboren, studierte Luft- und Raumfahrttechnik und arbeitete zunächst als Softwareentwickler. Als Stipendiat der Arno-Schmidt-Stiftung "für schriftstellerisch hochbegabten Nachwuchs" schrieb er seinen ersten Roman DIE HAARTEPPICHKNÜPFER. Bekannt wurde er durch den Thriller DAS JESUS-VIDEO. Mit EINE BILLION DOLLAR (2001) stieg er endgültig in die Riege der deutschen Top-Autoren auf. Es folgten u.a. Bestseller wie AUSGEBRANNT (2007), HERR ALLER DINGE (2010), TODESENGEL (2013) und DER JESUS-DEAL (2014). Andreas Eschbach lebt heute als freier Schriftsteller in der Bretagne.

Weitere Infos zum Autor unter www.andreaseschbach.com

Andreas Eschbach

Titel

Thriller

BASTEI ENTERTAINMENT

VORBEMERKUNG

Alle in diesem Buch genannten Zahlen über Ölfunde, Ölbestände, Reserven und Ölförderungen entstammen offiziellen Veröffentlichungen, vorwiegend dem »Oil & Gas Journal«, dem »BP Statistical Review of World Energy« und Studien des »United States Geological Survey (USGS)«.

Die »Society of Petroleum Engineers« gibt es wirklich. Es ist eine weltweite Organisation von 65000 Mitgliedern aus allen Bereichen der Ölindustrie mit Sitz in Richardson, Texas.

Das Energiebevorratungsgesetz und die entsprechenden Einrichtungen existieren so, wie sie in diesem Buch beschrieben werden.

Dass die OPEC seit 1982 keine Angaben über die in einzelnen Ölfeldern geförderten Mengen mehr veröffentlicht hat, ist wahr.

Auch entspricht es den Tatsachen, dass in Österreich Erdöl gefunden wurde und gefördert wird.

PROLOG

Selbst mit dem letzten Tropfen Benzin kann man noch beschleunigen. Allerdings ahnte Markus Westermann nicht, dass er im Begriff war, genau das zu tun. Er befand sich auf dem Highway 80, kurz nach der Brücke über den Susquehanna, und alles, was er wollte, war, diesen Truck mit Anhänger zu überholen, der nervtötend konstant siebenundvierzig Meilen pro Stunde fuhr.

Also zog er rüber auf die linke Spur. Es regnete. Und er hatte sein Mobiltelefon am Ohr.

»Halt, halt, hören Sie!«, rief er. »Nicht auflegen. Glauben Sie mir, Mister Taggard wartet auf meinen Anruf.«

»Möglich«, sagte die Frauenstimme am anderen Ende der Verbindung. »Bloß ist er, wie gesagt, heute nicht im Hause.«

Die Scheibenwischer fochten gegen die Gischt, die die mächtigen Reifen des Trucks aufwirbelten. Markus’ Blick fiel auf die Tachonadel. Langsam, mahnte er sich. Fünfundfünzig Meilen pro Stunde waren erlaubt. Die Polizei suchte ihn. Es war absolut unnötig, durch zu schnelles Fahren aufzufallen.

»Hören Sie«, sagte er, »ich weiß, dass Sie in Wirklichkeit keine Handelsgesellschaft für amerikanisches Obst und Gemüse sind. Mister Taggard ist auch kein Sales Manager. Aber unter Garantie hat er ein Telefon in der Tasche –«

»Seine Mobilnummer ist vertraulich und –«

»Ja, ja, natürlich. Bitte, Ma’am. Ich wette, in seiner Adressdatei steht mein Name. Und ein Eintrag, irgendetwas wie ›Jederzeit durchstellen‹.«

Der Truck schien endlos. Beschleunigte der etwa, damit er nicht an ihm vorbeikam? Wieso das denn? Markus drückte das Gaspedal tiefer. »Schauen Sie noch einmal nach. Bitte. Es ist wirklich, wirklich wichtig.«

Sie murmelte etwas, dann hörte er das Klappern einer Tastatur. Immerhin. Im Rückspiegel sah er einen Verrückten, der auf der linken Spur angerast kam und schon von weitem aufblendete. Markus Westermann gab Gas.

Doch der Wagen reagierte nicht. Kein Druck der Lehne gegen seinen Rücken. Kein Zug, nicht einmal, als er das Gaspedal bis zum Boden durchtrat. Und der Wagen klang auch irgendwie nicht, wie er hätte klingen sollen …!

Mit jähem Schrecken begriff Markus, dass er nur noch die Reifen hörte, wie sie über den nassen Asphalt rollten, aber keinen Motor mehr.

»Mister Westman?«, drang es aus dem Hörer. »Ich verbinde Sie jetzt mit Mister Taggard.«

»Ich rufe zurück.« Markus ließ das Telefon auf den Beifahrersitz fallen, griff hastig nach dem Zündschlüssel, drehte, hörte den Anlasser. Doch der Motor kam nicht.

Die Tankuhr. Heilige Scheiße! Er hatte immer gewusst, dass sie kaputt war, dass sie anzeigte, was sie wollte. Elektronischer Müll eben. Aber sie hatte halb voll angezeigt, halb voll, verdammt noch mal! Sie konnte doch nicht halb voll anzeigen und dann …

Hatte er den Tagesmeilenzähler auf null gestellt, das letzte Mal, als er getankt hatte?

Nein. Scheiße! Es war schlicht und einfach kein Benzin mehr im Tank.

Genialer Moment. Der Truck neben ihm, weißglänzend, endlos lang und groß wie ein Gebirge, fuhr so ungerührt weiter, wie der Mond seine Bahn am Himmel zieht. Klar, der Fahrer ahnte nicht einmal, dass etwas nicht stimmte. Wie auch?

Und der Wagen hinten nervte, kam näher, ein dicker roter Geländewagen mit einer ganzen Batterie Scheinwerfern auf dem Kuhfänger. Und mit denen konnte sein Fahrer umgehen, echt klasse.

»Mark?«, kam es aus dem Telefon. »Sind Sie das?«

Echt genial.

»Yes, shit!«, schrie Markus und bremste. Er hätte noch eine Menge mehr zu sagen gehabt, zum Beispiel, dass er gerade in einer echt beschissenen Situation steckte und alle Hände voll zu tun hatte, aber nicht um alles in der Welt wollte ihm jetzt einfallen, wie man das auf Englisch formulierte.

Bremsen! Er umklammerte das Lenkrad, dass es wehtat. Keine Panik, sagte er sich. So, wie man es eben tut, wenn man gerade in Panik gerät. Er musste nur langsamer werden, hinter dem Truck wieder einscheren, mit dem letzten Schwung an den Straßenrand rollen und anhalten. Kein Problem, die Bremse funktionierte schließlich noch.

»Mark? Was ist? Ich höre Sie, wo sind Sie?«

Doch ein Problem. Der Truck donnerte davon, aber irgendwie hatte Markus so viel Schwung eingebüßt, dass er schon fast stand. Vor lauter Schreck hatte er zu stark gebremst, war es das?

Und der Trottel hinter ihm schien bloß seine Lichthupe bedienen zu können, nicht aber die Bremsen.

Markus schlug auf das Lenkrad ein, hämmerte mit der Faust dagegen, schrie »Shit, shit, shit!« und schaukelte mit dem Oberkörper vor und zurück, als könne man ein Fahrzeug auch auf diese Weise vom Fleck bewegen.

»Mark? Was ist los?«

Der Idiot in dem roten Geländewagen würde ja wohl endlich bremsen, oder? Himmel, ja, jetzt fiel es ihm wieder ein! Es gab einen Trick für solche Situationen, wie war denn das noch mal … genau, mit dem Anlasser! Den Anlasser betätigen und dann die Kupplung kommen lassen. Markus fasste nach dem Zündschlüssel.

In diesem Augenblick rammte ihn etwas mit einer Wucht, die mörderischer war als alles, was er je erlebt hatte. Die Welt zerfiel in wirbelnde Bewegungen, in Schmerzen, in eine Kakophonie aus kreischendem, brechendem Metall. Vage begriff er, dass er sich zusammen mit seinem Auto überschlug, dann war da nur noch Schwärze.

Die beiden Minarette der Großen Moschee wiesen zum Himmel, ihr Schatten fiel kurz. Wie mahnende Finger, dachte der alte Mann.

Sie standen am Fenster und blickten hinab auf den weiträumigen Vorhof, wo ein Mann auf dem Boden kniete, mit verbundenen Augen, die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Er atmete panisch. Sogar von hier oben konnte man das sehen.

Das Freitagsgebet war vorüber. Die Gläubigen verließen die Große Moschee nach und nach und gingen wieder ihrer Wege. Bis auf die, die blieben, um der Hinrichtung beizuwohnen.

Es waren mehr als sonst. Man schien zu ahnen, dass heute kein gewöhnlicher Mörder oder Vergewaltiger geköpft wurde.

»Ich wollte, sie würden ihre Kinder nicht zusehen lassen«, murmelte der greise Prinz. »Das ist nichts für Kinder.«

Der Mann neben ihm, der Polizeichef von Riyadh, strich sich hüstelnd den Bart. »Es gibt Gelehrte, die anderer Ansicht sind.«

»Sie reden von Al-Schammari, nehme ich an. Al-Schammari ist ein alter Mann.«

»Er sagt, das Grauen einer Hinrichtung zu erleben kann Kinder davon abhalten, später selber zu Verbrechern zu werden.« Es war offensichtlich, dass der Polizeichef diese Ansicht teilte.

»Mag sein. Aber ich bezweifle es.«

»Scheikh!«, entfuhr es dem anderen. »Dieser Mann hat mit Drogen gehandelt! Ihr werdet doch kein Mitleid mit ihm empfinden?«

Einen Moment lang hatte Prinz Abu Jabr Faruq Ibn Abdulaziz Al-Saud das unbestimmte Gefühl, dass der Polizeichef ihn belog. Was natürlich undenkbar war.

Er schüttelte unwillig den Kopf. »Ich sorge mich um die Seelen der Kinder, das ist alles. Die Kinder sind unsere Zukunft.«

Unten auf dem Platz trat der Scharfrichter hinter den Delinquenten. Er trug Riemen, die kreuzförmig über der Brust gegürtet waren. Die Klinge seines Schwertes gleißte im Sonnenlicht.

»Woher stammt er, sagten Sie? Aus Zypern?«

»Ja«, sagte der Polizeichef düster. »Ein Zypriote. War Student an der König Fahd Akademie. Lange genug im Land, um Gottes Gesetze zu kennen.«

Ein Hieb mit dem Schwert, fast schneller als das Auge, dann kippte der Leib des Verurteilten vornüber, während sein Kopf davonrollte, bis ihn eine Betonwand aufhielt. Ein kollektives Aufstöhnen war zu hören. Blut sprudelte aus dem Halsansatz und versickerte im Sand, einige Augenblicke lang, bis das Herz zu schlagen aufhörte.

Das Jet Rock im Central Terminal des Flughafens La Guardia hatte große Fenster aus braunem Glas zur Straße hin. Es roch nach Frittierfett und Zwiebeln, und an der Kasse herrschte Andrang. Niemand beachtete die beiden ungleichen Männer, die nebeneinander auf Barhockern an der Fenstertheke saßen, jeder ein Tablett mit einem Cheeseburger-Menü vor sich.

Einer von ihnen, ein hagerer, braun gebrannter Mann um die fünfzig, vertilgte seinen Hamburger und redete dabei mit verhaltener Stimme und Schmerz im Blick. Das, was er sagte, wurde von belangloser Musik überlagert, unterbrochen von Durchsagen und Last Calls, und war schon am nächsten Tisch nicht mehr zu verstehen.

Der andere ließ sein Tablett unberührt, hörte nur zu. Er sah aus wie ein ehemaliger Football-Profi. Nur der Priesterkragen, der unter seinem Parka hervorlugte, passte nicht dazu.

»Dieses Versteckspiel kann nicht lange gut gehen«, sagte er, als der andere schließlich schwieg.

»Natürlich nicht. Es ist reine Verzweiflung.«

»Wie lange? Was denken Sie?«

Der Hagere griff nach der Papierserviette, wischte sich den Mund und die Finger ab. »Zwei Wochen. Höchstens. Eher weniger.«

»Das heißt, der Moment, auf den wir uns vorbereitet haben, ist da.« Der Breitschultrige nickte. »Es war gut, dass Sie mich angerufen haben. Auch wenn es verdammt früh am Morgen war.«

»Es ging nicht anders.«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen.«

»Ich habe nicht erwartet, Sie zu treffen. Ich wusste nicht, dass Sie gerade in New York waren.«

»Das Wirken Gottes, mein Sohn. Der letzte Termin meiner Vortragsreise.«

Der Hagere suchte nach Worten. »Reverend … Ehrlich gesagt, habe ich es damals nicht glauben wollen. Aber Sie hatten Recht.« Er zog einen Briefumschlag aus der Manteltasche. »Das ist meine Kündigung. Ich werde sie mit nach Washington nehmen und dort einwerfen. Und dann packen. Ich will heute Abend noch weg.«

»Wir erwarten Sie.«

»Deswegen wollte ich Sie sprechen. Es ist ein Risiko, mich aufzunehmen. Das muss Ihnen klar sein.«

»Man wird nicht mehr dazu kommen, ernsthaft nach Ihnen zu suchen«, sagte der Mann, den der andere Reverend genannt hatte. »Nicht, wenn das Ende der Welt bevorsteht.«

TEIL EINS

Kapitel 1

Vergangenheit

New York! Es war wie die Ankunft in einer anderen Welt, einer Welt, die heller strahlte, größer war und von weitaus mehr Energie erfüllt als das düstere, enge, müde Europa, aus dem Markus kam.

Er erwachte, als ihn jemand sanft am Arm rüttelte und mehrmals sagte: »Markus! Wir sind da!«

Er fuhr hoch, sah grelles Tageslicht durch das Fenster neben sich fluten, sah hinab auf glitzerndes blaues Wasser und erahnte die Silhouette einer Stadt, einer unglaublichen Stadt am Horizont. New York. »Noch nicht ganz«, entfuhr es ihm schlaftrunken.

Im nächsten Moment stieg ein Glücksgefühl in ihm hoch, dass er laut jubeln hätte können. »Aber so gut wie!«, rief er und grinste seinen Sitznachbarn an. Es war der Italiener in ihrem Team, ein sympathischer magerer Mann in seinem Alter, der Englisch mit einem lustigen Akzent, aber fließend sprach.

Die Stewardess teilte schmale grüne Zettel aus. Es waren Formulare für die Einreise, auf denen man mit seiner Unterschrift versichern musste, keine Drogen zu schmuggeln, den Präsidenten nicht ermorden zu wollen und so weiter. Lauter Dinge, die kein Mensch freiwillig zugeben würde, erst recht nicht, wenn er etwas davon tatsächlich im Sinn hätte.

Markus war kaum fertig damit, überall »Nein« anzukreuzen, als das Flugzeug zu einer Landung ansetzte, die so sanft war wie ein heißes Messer, das durch Butter gleitet. Bleiche, durchnächtigte Gesichter ringsum, als sich alles zum Aussteigen bereitmachte. Markus dagegen fühlte sich ausgeschlafen und voller Elan; in der Tat hatte er so gut geschlafen wie schon lange nicht mehr.

Sie verließen die Maschine durch eine Fluggastbrücke, die ihre besten Tage weit hinter sich hatte, mit Wänden, die an den Nähten rosteten, und Bodenbelägen, die bis aufs Metall durchgelaufen waren. War das wichtig? Immerhin waren solche Einrichtungen auf dem JFK bereits üblich gewesen, als man sonst überall auf der Welt noch bei Wind und Wetter übers Rollfeld hatte stapfen müssen.

An einem Gelenk der Brücke stand eine Tür offen. Ein intensiver Geruch nach Benzin drang herein (Kerosin, korrigierte Markus sich in Gedanken), der näselnde Lärm von Triebwerken im Leerlauf – und eine durchdringende, überwältigende Hitze! Nach der Nacht in der kühlen, künstlich riechenden Luft an Bord des Flugzeugs war es, als schlüge ihm in diesem Moment der Atem des Landes entgegen, das zu erobern er ausgezogen war. Und siehe da, es war der Feueratem eines Drachen!

Dann standen sie in Schlangenlinien vor der Einreisekontrolle und sahen zu, wie Bewaffnete in Uniform mit Metalldetektoren hantierten. Es ging langsam voran, geradezu quälend zäh. Man musste aufhören, auf die Uhr zu sehen. Die Kabinen aus Stahl und Glas kamen näher, Schritt um Schritt. Irgendwann würde es so weit sein, das war unausweichlich. War es wichtig, zu wissen, wann?

In diesen Minuten oder Stunden geschah es. In einem magischen Moment fiel Markus’ Blick auf den weinroten Pass in seinen Händen, auf den schmalen grünen Zettel, der darin steckte, und auf die erste gedruckte Zeile darauf.

UNITED STATES OF AMERICA

Der Anblick durchzuckte ihn wie ein elektrischer Schlag. Einen Augenblick lang war ihm, als lägen alle Geheimnisse und Rätsel der Welt enthüllt vor ihm und als bestünde eines dieser Geheimnisse darin, dass es keine kraftvollere, keine machtvollere Anordnung von Buchstaben gab als diese. Dann bewegte sich der Rücken vor ihm einen Schritt weiter, es galt, die Lücke zu schließen, und der magische Moment war vorüber.

Aber die Worte standen immer noch auf dem Papier, und sie hörten nicht auf zu leuchten.

Am Hauptausgang widersetzten sich vier Männer in Livree der Menschenbrandung, Schilder mit der Aufschrift »Lakeside and Rowe« in die Höhe reckend. Es galt zu warten, bis alle die Kontrollen passiert hatten und das Team vollzählig war. Auf einem Parkplatz in der Nähe warteten vier schwarze, lang gestreckte Limousinen, und jemand witzelte, ohne wirklich daran zu glauben, dass man sie damit wohl in die Stadt fahren würde. Die Männer in Livree hörten es, verzogen keine Miene dabei, aber genauso kam es. Das Team bestand aus sechzehn Leuten; es ging genau auf.

Es war wie im Film. Sie fuhren auf die graue Skyline am Horizont zu, überquerten eine Brücke und rauschten endlich nach Manhattan hinein, durch Häuserschluchten, Mann, die wirklich so hoch waren, wie er sie sich immer vorgestellt hatte, vorbei an grimmig rennenden Menschen in sämtlichen Hautfarben, die der Planet zu bieten hatte. Überall Fahrräder und die gelben Taxis, die er aus tausend Filmen kannte. Und Busse. Und ein silbrig glänzender, unwirklicher Dunst über allem, Abgase vielleicht oder schlicht Dampf, der im Sonnenlicht leuchtete, das unerwartet hell und heiß und intensiv war. New York, Himmel noch mal, er hatte es geschafft! Er war hier, wo er hingehörte: in der Hauptstadt der Welt, im Zentrum aller Dinge, da, wo der Puls der menschlichen Zivilisation schlug.

Die Wolkenkratzer wurden höher, die Straßen schmaler: Upper Manhattan. Der Firmensitz, ein grauer, kantiger Bau aus der Gründerzeit, wirkte in echt kleiner als auf den Bildern in den Prospekten. Aber es gab eine eigene Auffahrt, die Limousinen hielten unter einem gediegenen Stoffdach, und man öffnete ihnen die Türen.

In Sachen Show hatten die Amis einfach was los. Wenn es um Auftritt und genau berechnete Wirkung ging, machte ihnen keiner was vor.

Man geleitete sie nach oben, auf eine Art, dass sie sich wie hoch geschätzte Staatsgäste fühlten. Oben vor dem Aufzug begrüßte sie Irving Young, der Leiter Human Ressources höchstpersönlich. Einige der Chefs der diversen Regionen und Märkte standen dabei, und durch offen stehende Türen erhaschte Markus einen Blick in die Büros: traumhaft. Würde er überhaupt arbeiten können vor so einem Panorama? Die Skyline Manhattans, ein Fluss, der in der Sonne glänzte wie Quecksilber … Er konnte es kaum erwarten.

Ich bin da, wo ich hingehöre!, schoss ihm durch den Kopf. Unmöglich, zuzuhören, was Young alles erzählte, zumal er es in ausgesprochen langweiligem Ton tat.

Endlich ging es weiter, eine Treppe hoch, in einen Empfangsraum, in dem Sekt und Häppchen bereitstanden. An den Wänden hingen Illustrationen aus dem letzten Geschäftsbericht. Ein Pult stand bereit. Es war also mit weiteren Reden zu rechnen.

Zu Markus’ Überraschung erschien kurz darauf der greise Simon Rowe, der letzte aus der Gründergeneration, hoch in den Neunzigern, aber immer noch Aufsichtsratsvorsitzender. Er ließ es sich nicht nehmen, jedem von ihnen die Hand zu schütteln. Man erzählte, er käme morgens so früh ins Büro, dass er den Nachtportier verabschieden konnte. Die Arbeit hielte ihn am Leben, pflegte er zu erklären. Wenn diese Erklärung in den Medien auftauchte, fehlte selten der Hinweis darauf, dass sich Rowes Partner Eric W. Lakeside dereinst im zarten Alter von 57 Jahren ins Privatleben zurückgezogen hatte, um Golf zu spielen, Rosen zu züchten, mit seiner Segeljacht vor Florida zu kreuzen und mit 63 zu sterben.

Rowe dagegen, der die ersten Module des Softwaresystems, mit dem sie die Finanzwelt beglückten, höchstpersönlich geschrieben hatte, in COBOL seinerzeit, lebte noch. Mit ergreifender Mühe erklomm er die kaum knöchelhohe Plattform, auf der das Pult stand. Oben blinzelte er in die Runde, faltete dann ein Blatt Papier auseinander, das aussah, als trage er es seit Jahrzehnten mit sich herum, und hielt eine Ansprache, die im Wesentlichen betonte, wie glücklich sie sich schätzen konnten, für die beste Firma der Welt zu arbeiten. Das Pathos war ein wenig dick aufgetragen, typisch amerikanisch eben – Markus sah, wie der Franzose in ihrem Team die Nase rümpfte –, aber die Geste als solche beeindruckte.

Als alle dachten, er sei fertig – eine verzeihliche Annahme, da er das Manuskript seiner Rede betulich zusammengefaltet und wieder in seinem Sakko verstaut hatte –, beugte sich der alte Mann über das Mikrofon und sagte: »Denken Sie daran, meine Damen und Herren – Geld regiert die Welt. Das stimmt heute mehr denn je. Die Finanzinstitute, die Banken, Investmentfonds und so weiter – unsere Kunden, mit einem Wort – halten eine unvergleichliche Macht in Händen. Es ist nicht die Macht der Gewehrläufe, es ist eine unblutige, subtile, aber um so wirkungsvollere Macht. Macht aber heißt auch: Verantwortung. Die Entscheidungen, die unsere Kunden treffen, beeinflussen das Leben von Millionen von Menschen. Viele dieser Entscheidungen beruhen auf Daten, die unsere Software liefert. Die Verantwortung dafür, dass diese Daten so genau und so wahrheitsgemäß wie nur irgend menschenmöglich sind – die liegt bei uns. Und was Ihr Projekt angeht, bei Ihnen. Seien Sie sich dessen bitte stets bewusst.« Er nickte mit seinem weitgehend kahlen, nur noch von wenigen weißen Haaren umflorten Schädel. »Ich danke Ihnen.«

Der Seniorchef ging unter Beifall ab. Danach zerfiel die Stimmung von Empfang und Ankunft rasch. Halbleere Sektgläser wurden zurück auf die Tische gestellt, die belegten Brötchen, Käsespieße und Fleischbällchen hörten auf, lecker auszusehen, und schließlich hielt Markus es nicht länger aus. Geradeheraus fragte er, welches ihre Büros sein würden.

»Oh«, sagte Young, ein Mann mit lavendelblauen Augen und einem Lächeln, das wie angeschraubt wirkte, »nicht hier.«

Die Entwicklungsabteilung, erfuhr Markus zu seiner maßlosen Enttäuschung, befand sich nicht mehr im Lakeside and Rowe Building, sondern im Gebäude des technischen Service USA-Ost draußen in Pennsylvania, in einem Ort mit dem unwahrscheinlichen Namen Paradise Valley. Seit einem halben Jahr. Aus Kostengründen. Aber es sei schön dort, die Entwickler alle vollauf glücklich. Pocono Mountains, ein Traum. Und nur hundert Meilen von New York entfernt.

»Hundert Meilen?«, hörte Markus sich wiederholen.

»Ungefähr«, nickte der Leiter der Human Ressources. »Können auch ein paar mehr sein.«

So ging es mit dem Aufzug wieder hinunter. Tatsächlich: Fast neben jedem Knopf prangte das Namensschild einer anderen Firma. Das war Markus auf der Fahrt hinauf entgangen. Lakeside and Rowe residierten nur noch in den obersten beiden Etagen.

Als sie unten ins Freie traten, waren die Limousinen fort; stattdessen stand ein grauer Bus in der Auffahrt. Ein paar schwarze Bedienstete in blauen Overalls luden gerade ihre Koffer ein.

»Die Mieten in New York sind sowieso unbezahlbar«, meinte der Italiener beim Einsteigen. Silvio hieß er, Silvio Damiano. Man merkte, dass er versuchte, sich seine Enttäuschung schönzureden. »Ich habe gehört, dass manche für eine Einzimmerwohnung mit Klo auf dem Flur so viel Miete bezahlen, wie eine Vierzimmerwohnung in Rom kostet. In Rom!«

»Ja«, nickte Markus grimmig. »Aber das würden sie nicht machen, wenn sie es nicht geil fänden, in New York zu leben.«

Silvio ließ sich in einen freien Doppelsitz fallen und schien nichts dagegen zu haben, dass Markus sich neben ihn setzte.

»Paradise Valley«, sagte der magere Italiener. »Klingt wie: ›Ende der Welt‹.«

Das Projekt bestand schlicht und einfach darin, LR-8, das neue Softwaresystem, das Ende des Jahres auf dem Markt eingeführt werden sollte, zu lokalisieren.

Lokalisierung bedeutete, alle Programme so anzupassen, dass sie in dem jeweiligen Land einsetzbar waren. Das hieß zum Beispiel, dass in sämtlichen Eingabemasken, Menüs und Ausgabereports die entsprechenden deutschen, italienischen, französischen und so weiter Begriffe eingefügt werden mussten. Es war zu prüfen, dass die richtigen Datumsformate und Zahlendarstellungen verwendet wurden. Benutzerhandbücher und Hilfefunktionen waren zu übersetzen, Schulungsunterlagen zu erstellen und dergleichen mehr. Vor allem aber ging es darum, die Software an die jeweiligen gesetzlichen Vorschriften anzupassen. Da in der Version 8 zahlreiche neue Module hinzukamen, war das der größte Teil der Aufgabe. Hierzu würden sie regelmäßig mit Juristen und Steuerfachleuten zu Hause kommunizieren, deren Auskünfte in Änderungswünsche umsetzen, mit den eigentlichen Entwicklern besprechen und schließlich das, was diese daraus machten, überprüfen. Alle Änderungen mussten in die jeweiligen Handbücher einfließen und selbstredend auch in die allgemeine Dokumentation.

Die Lokalisierung eines Programms war eine verantwortungsvolle und aufwändige Arbeit, deren Qualität die Absatzchancen im jeweiligen Markt maßgeblich bestimmte. Es gehörte zu den Gepflogenheiten der Firma Lakeside and Rowe, Inc., mit dieser Aufgabe grundsätzlich keine Programmierer zu betrauen, sondern ausschließlich Mitarbeiter aus dem Vertrieb, die die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden kannten.

Sechs Monate war für dieses Projekt eher knapp bemessen. Sie würden schuften müssen wie die Geisteskranken, um fertig zu sein, wenn es Zeit war, wieder nach Hause zu fliegen. Dass Lokalisierungen so arbeitsintensiv abliefen, war sattsam bekannt. Trotzdem war der Job begehrt: Da man dadurch automatisch zum unumstrittenen Fachmann für die jeweilige Sprachversion wurde, verlief die persönliche Karriere hinterher für gewöhnlich steil bergauf.

Markus Westermann allerdings hatte andere Pläne. Er war im Land seiner Träume angelangt, und er hatte nicht vor, es wieder zu verlassen. Nicht nach Ablauf der sechs Monate, und erst recht nicht, um nach Deutschland zurückzukehren.

Gegenwart

Er kam zu sich, sah Licht, hörte Stimmen, versank wieder im köstlichen Dunkel. Doch schließlich war es so weit, dass er die Augen aufstemmen und sich umsehen konnte. Verwirrt registrierte er, dass er in einem weißen Krankenhausbett lag und dass es nach Desinfektionsmitteln roch. Dann fiel ihm wieder ein, warum und was geschehen war. Er spürte keine Schmerzen.

Er hob die Hände. Sie waren okay. Einer der Unterarme war verbunden; ein durchsichtiger Schlauch verschwand zwischen den Lagen Mull. Er betastete behutsam sein Gesicht. Verbände, Pflaster. Wahrscheinlich sah er schlimm aus. Aber wie es schien, war noch alles an ihm dran. Glück im Unglück.

Eine Schwester kam herein, lächelnd, schweigsam, kontrollierte den Stand der Flüssigkeit in einem durchsichtigen Beutel, der über ihm hing. Er fragte sie mühsam, wie lange er schon hier sei, und sie erwiderte mit russisch oder polnisch angehauchtem Akzent: »Sorry. I don’t speak English.«

Er sah sie an, verstand nicht. Irgendetwas war falsch.

Sie hatte ein kleines blaues Schild auf der Brust. Auf dem stand Schwester Malgorzata.

Schwester.

Er räusperte sich, versuchte es auf Deutsch: »Wie lange bin ich schon hier?«

Sie lächelte entschuldigend. »Weiß nicht. Bin erste Woche auf Station.«

»Welchen Tag haben wir heute?«

»Mittwoch«, erklärte die schlanke Frau in Weiß und entschwand wieder.

Er sah umher, suchte nach Anhaltspunkten. Das zweite Bett im Zimmer stand leer. Vor dem Fenster bewegte sich ein magerer Baum im Wind. Seine Blätter waren braun verfärbt, einige fielen ab, während Markus zusah und mühsam begriff.

Herbst. Es war Herbst. Nicht nur, dass er zurück in Deutschland war, seit dem Unfall musste auch schrecklich viel Zeit vergangen sein.

Kapitel 2

Vergangenheit

Der Makler schien es darauf abgesehen zu haben, sie keinen Augenblick lang miteinander allein zu lassen, während er ihnen das Haus zeigte. Er pries es an, als hätte es das nötig, bis sein Telefon klingelte; ein wichtiges Gespräch, wie es aussah. So hatten sie endlich doch einen Moment für sich.

»Das Haus ist irre«, raunte Werner. »Und zu dem Preis! Wir wären bescheuert, wenn wir das nicht nehmen.«

Dorothea war schwindlig. Rührte das von dem überwältigenden Panoramablick her, den man von der Terrasse aus hatte? Oder war es die Aussicht, dass sich ihre Träume vom eigenen Heim nun so plötzlich und so spektakulär erfüllen würden?

»Warum verkauft jemand so ein Haus? Das würde ich wirklich gern wissen.«

»Das fragen wir ihn einfach.« Werner grinste übers ganze Gesicht. »Mit Schwimmbad – Mann, oh Mann! Ich wäre nicht mal auf die Idee gekommen, mir so was zu wünschen. Und hier kriegen wir es quasi als Dreingabe! Schau dir das an – allein das Wohnzimmer. Mit Kamin. Die Galerie. Die Zimmer oben, das Erdgeschoss, der Keller … und das Riesengrundstück … Selbst ohne Schwimmbad wäre der Preis dafür absolut okay.«

»Hast du nicht das Gefühl, dass an der Sache ein Haken sein muss?« Dorothea konnte nicht anders als zu zweifeln. Wenn etwas zu gut aussah, um wahr zu sein, dann war es das meistens auch nicht. Zumindest ihrer Erfahrung nach.

Werner glühte vor Begeisterung. »Der einzige Haken, den ich sehe, ist der, dass wir nie wieder Lust haben werden zu verreisen, wenn wir erst einmal hier wohnen.« Er rieb sich das Kinn. »Abgesehen davon ist es ja nicht billig. Ohne deine Erbschaft bräuchten wir gar nicht anfangen zu rechnen.«

Die Erbschaft, ja. Dorothea spürte einen Stich. Vielleicht war er das, der Haken. Der kleine Schmerz, der bei allem Schönen dabei sein musste wie der Dorn an einer Rose.

Aber das Haus war ein Traum. Es stand direkt über einem Felshang am äußersten nordöstlichen Trauf der Schwäbischen Alb, und von der großen Terrasse ging der Blick über eine schier endlose, sanft gewellte Tiefebene, über Wälder, Bauernhöfe und Siedlungen, über mäandernde Flussufer und Bäche und Fischteiche. Unter der Terrasse lag die Schwimmhalle, die genau den gleichen Ausblick bot. Das Haus selbst war großzügig, elegant und geschmackvoll gebaut, bot Platz für mindestens vier Kinder, für Werners Hobbyraum … Es hatte einfach alles, was ein Herz nur begehren konnte. Gut, es lag ziemlich einsam und abseits, aber das hier war keine Gegend, in der schlimme Dinge passierten. Werner würde es ein bisschen weiter in die Firma haben, als sie sich vorgestellt hatten. Doch das war es wert.

»Der Vorbesitzer«, erklärte der Makler, nachdem er wieder zu ihnen gestoßen war und Werner ihn gefragt hatte, »hat über unsere Agentur ein schönes Anwesen gefunden, eine Art Landsitz – einen historischen Gutshof, sehr exklusive Gelegenheit.« Er lächelte, offenbar erfüllt von professioneller Genugtuung. »Er scheint sich damit eine Art Jugendtraum zu erfüllen.«

Dorothea war erleichtert, das zu hören. Sie hätte kein gutes Gefühl bei der Sache gehabt, wenn eine Pleite der Grund für den Verkauf gewesen wäre.

Werner sagte: »Schön für ihn.« Er meinte natürlich, ›schön für uns‹, das war ihm anzusehen.

Dorothea hatte sich in ihren kühnsten Träumen nie vorgestellt, einmal so zu wohnen. Selbst Filmstars und Millionäre mussten blass vor Neid werden, wenn sie dieses Haus sahen. Und ihnen wurde es angeboten! Sie brauchten nur ja zu sagen! Und das bloß, weil Werner im selben Geländewagen-Club war wie der Besitzer der Immobilienagentur, der Chef dieses Mannes hier.

Der zog gerade ein kariertes Blatt mit Notizen aus seiner überquellenden Mappe. »Der Vorbesitzer hat ein paar Punkte notiert, auf die wir Interessenten aufmerksam machen sollen. Nachteile des Hauses, gewissermaßen«, fügte er hinzu, in einem Tonfall, als sei ihm der Gedanke fremd, Objekte, die seine Agentur anbot, könnten so etwas wie Nachteile aufweisen. »Das war ihm sehr wichtig.«

Dorothea holte tief Luft. »Anständig von ihm«, meinte sie.

Der Makler lächelte schmerzlich. »Ja. Der Vorbesitzer ist ein sehr korrekter Mann.« Er konsultierte die Liste. Lang schien sie nicht zu sein, zum Glück. »Also, am allerwichtigsten ist, dass Sie sich darüber im Klaren sein müssen, dass dieses Haus aufwändig zu heizen ist. Es ist in den sechziger Jahren gebaut worden. Die Wärmedämmung entspricht nicht dem, was heute üblich ist. Dazu die vielen großen Räume, die hohen Decken und so weiter … Rechnen Sie damit, dass Sie doppelt so viel Öl brauchen werden wie in einem normalen Haus dieser Größe.«

Werner nickte gefasst. »Wegen des Schwimmbads.«

»Ja, und wegen der exponierten Lage. Im Winter haben Sie hier kalte Nordwinde, die zweihundert Kilometer Anlauf nehmen, ehe sie auf das Haus treffen. Das kostet.«

Werner und Dorothea wechselten einen Blick. Diesen Luxus, sagte dieser Blick, würden sie sich leisten. Werner hatte einen guten, sicheren Job, und er war erst vor kurzem befördert worden.

»Gut, und weiter?«, wollte Werner wissen.

»Sie müssen damit rechnen, dass Sie zwei Autos brauchen, wenn Sie hier wohnen. Der nächste Supermarkt ist in Duffendorf, das sind fast zwanzig Kilometer.« Er wedelte mit dem Zettel. »Das ist übrigens nicht ganz richtig; im Dorf unten gibt es einen kleinen Laden. Nicht sehr groß und auch nicht billig, aber wenn einem mal die Butter ausgeht oder man rasch drei Eier braucht, das kriegen Sie da jederzeit.«

»Kein Problem. Wir haben zwei Autos.« Wobei eins davon Werners Geländewagen war, sein Augapfel gewissermaßen. Und das andere der Firmenwagen. Eines der beiden Fahrzeuge würde er ihr überlassen müssen, und sie würde sich daran gewöhnen müssen, wieder selber zu fahren.

Aber gut. Man gewöhnt sich an alles, wenn es sein muss.

»Der Schulbus fährt ebenfalls nur unten vom Dorf aus. Die Haltestelle ist vor dem Rathaus.«

Dorothea nickte. Ihr Sohn ging in die vierte Klasse, da war das natürlich wichtig. Und sie würden es nicht bei einem Kind belassen. Nicht mit einem so großen Haus. »Das werden wir schon irgendwie schaffen.« Sie sah Werner an, auf einmal erfüllt von der Sorge, er könnte es sich anders überlegen. »Irene und Ruth müssen ihre Kinder auch jeden Morgen zur Schule oder zur Haltestelle bringen, und die wohnen in Stuttgart.«

Werner nickte. »Was noch?«

»Das war alles«, sagte der Makler erleichtert.

Paradise Valley sah genau so aus, wie der Name klang: ein über verträumt aussehende, dicht bewaldete Täler des beginnenden Appalachengebirges verteilter Ort, in dem man ohne eigenes Auto verraten und verkauft war. Das Lokalisierungsteam wurde in einem direkt an der Bundesstraße 940 gelegenen Hotel einquartiert. Wer nicht im Hotelrestaurant essen wollte, hatte als Alternative den wenig Vertrauen einflößenden Burger-Stand an der Tankstelle auf der anderen Seite der Straße. Ansonsten waren ringsum Wald und Wiese, jedes Zimmer hatte Kabelfernsehen mit hundert Kanälen, und der Bus würde sie morgens abholen und abends zurückbringen.

Wie sich herausstellte, war das eine Fahrt von etlichen Meilen, die jeden Morgen ausgiebig Gelegenheit bot, die großen Villen und weitläufigen Anwesen der Einheimischen zu bewundern, die überall in der Landschaft verstreut lagen. Außerdem schnitten ihnen Kinder, die auf den Schulbus warteten, beim Vorbeifahren wüste Grimassen oder warfen ihnen kleine Steine hinterher.

»Das machen sie, weil wir New Yorker Nummernschilder haben«, sagte der Fahrer, als erkläre das alles.

Das Entwicklungszentrum befand sich in einem modernen zweistöckigen Bau in den Firmenfarben, der hauptsächlich den technischen Service beherbergte, jene Abteilung also, die die Software bei Kunden installierte, Updates durchführte und die man anrief, wenn Probleme auftraten. Die Anhöhe, auf der das Gebäude stand, bot eine Aussicht, für die sich auch eine exklusive Kurklinik nicht geschämt hätte, und allein der Grund und Boden des Parkplatzes darum herum hätte in New York mehr gekostet als ganz Paradise Valley.

Der Eindruck von Großzügigkeit verflog, sobald man das Gebäude betrat. Die Gänge waren schmal und dunkel und rochen muffig. Das Büro im ersten Stock, in dem man sie unterbrachte, sah wahrhaftig genau so aus wie in amerikanischen Filmen: Für jeden gab es eine von Stellwänden umzäunte Box, in der ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein Aktenschrank und ein Computer standen und die gerade so groß war, dass man mit ausgestreckten Armen jeden Punkt darin erreichte. Bis auf den Computer wackelte schon alles, dabei war das Gebäude keine zwei Jahre alt. Das Ganze sah verdammt noch mal nach Käfighaltung von Angestellten aus.

Zumindest, was die unterste Ebene anbelangte. Schon bei der nächsten Stufe in der Firmenhierarchie sahen die Büros deutlich besser aus. Der Leiter des Lokalisierungsprojekts hieß John Murray, ein Schwarzer mit schmalen, langgliedrigen Händen, der niemals lächelte. Sein Büro hatte eine Tür, die er hinter sich zumachen konnte und auch zumachte, ein großes Fenster, von dem aus man über die beeindruckenden Wälder blickte, und eine solide Einrichtung.

So ein Büro, beschloss Markus, war das nächste Etappenziel.

Am nächsten Tag begann die Arbeit. Markus nahm sich als Erstes die Eingabeformulare vor. Am Morgen fand er bereits Ausdrucke sämtlicher Masken vor, und es war geradezu ein Spaziergang, sie einzudeutschen. An einigen Stellen würde der Platz auf dem Bildschirm ein bisschen eng werden, aber das war das Problem der Entwickler, nicht seines. Am frühen Nachmittag hatte Markus alle Masken und die Hälfte aller Reports durch und fing an, sich zu fragen, was er die ganzen sechs Monate eigentlich tun sollte.

Die Antwort darauf bekam er, als er am nächsten Morgen das erste Mal mit Europa telefonierte, und zwar mit einer Wiener Steuerkanzlei, mit der die Firma einen Kooperationsvertrag hatte. Um acht Uhr morgens in Paradise Valley war es vierzehn Uhr in Wien, und sein Gesprächspartner, ein Dr. Beißwenger, erklärte ihm gleich zu Beginn, dass er pünktlich um sechzehn Uhr dreißig aufzuhören gewohnt sei.

»So lange werden wir ja wohl nicht brauchen«, meinte Markus verdutzt.

Das entlockte dem Mann am anderen Ende der Leitung ein herablassendes Lachen. »Junger Freund, wir werden noch sehr viel länger miteinander zu tun haben, als Sie sich gerade in Ihren schlimmsten Träumen vorstellen, glauben Sie mir.«

»Wie das denn?«, fragte Markus arglos.

Eine halbe Stunde später dämmerte ihm, dass er das besser nicht gefragt hätte.

Eines der neuen Softwaremodule, das Lakeside and Rowe mitsamt der Firma, die es entwickelt hatte, aufgekauft hatten, diente dazu, die Kontobewegungen von Bankkunden zu analysieren und daraus Profile zu erstellen, die Aussagen über den künftigen Liquiditätsverlauf, das Konsumverhalten sowie die Investitionsneigung eines Kunden erlaubten. Diese Analysen sollten dazu dienen, Finanzprodukte gezielter denjenigen anbieten zu können, die sich mit der größten Wahrscheinlichkeit dafür interessierten, und das Ganze basierte auf einem patentierten neuen Analyseverfahren, das irgendwie mit neuronalen Netzwerken zu tun hatte. Markus hatte mehrere Artikel darüber gelesen und es irgendwann aufgegeben, die Hintergründe verstehen zu wollen.

In den USA, einem Land, das so etwas wie ein Bankgeheimnis nicht kannte, war der Einsatz eines solchen Tools kein Problem. Anders in Europa. Dr. Beißwenger hielt ihm einen fast zweistündigen Vortrag über die Grundzüge und die in diesem Fall wesentlichen Feinheiten des österreichischen Bankenrechts, natürlich nicht ohne auf die darüber hinaus zu berücksichtigenden Vorschriften der EU-Kommission hinzuweisen. Markus tat hinterher der Arm weh von den vielen Notizen, die er in fliegender Eile mitgeschrieben hatte; einen kompletten Block voll.

Und das war nur Österreich. Deutschland und die Schweiz standen ihm erst noch bevor.

»Wer berät Sie denn zum deutschen Steuerrecht?«, wollte Beißwenger wissen.

Markus massierte sein Handgelenk. »Ein Professor Müller von der Universität Köln. Aber der ist erst Anfang Juni aus dem Urlaub zurück.«

»Er kann sich ruhig Zeit lassen. Passen Sie auf, junger Mann, am besten machen wir es so: Sie nehmen Ihre Texte, übersetzen ein Stück, schicken’s mir per Mail, und dann sprechen wir darüber. Was halten Sie davon? Ist günstig, dass Sie in Amerika sitzen, da haben Sie den Nachmittag zum Arbeiten, und ich hab den Vormittag, um mir Ihre Sachen anzuschauen. Besser geht’s gar nicht.«

»Okay«, meinte Markus matt. »Machen wir es so.«

»Dann bis morgen. Grüß Sie Gott.«

Auf diese Weise kam ein Rhythmus in Gang. Nachmittags übersetzte Markus, so viel er bewältigte, und schickte das Resultat am Abend per Mail nach Wien. Am nächsten Morgen besprachen sie telefonisch, was daran nicht so bleiben konnte, was darauf hinauslief, dass Dr. Beißwenger ihm jeweils eine lange Liste von Punkten diktierte, die er mit dem Entwicklerteam würde besprechen müssen.

Markus fragte sich längst nicht mehr, was er die nächsten sechs Monate lang tun würde. Er fragte sich, wie um alles in der Welt die Zeit ausreichen sollte.

Andere hatten es da wesentlich einfacher. Der Schwede im Team etwa las jeden Morgen erst ausgiebig Zeitung oder hielt in aller Gemütsruhe ein Schwätzchen mit dem Dänen. Der Slowene schien nicht einmal zu verstehen, was an Bankvorschriften und Steuergesetzen schwierig sein konnte.

Markus passte den Franzosen ab, Jean-Marc irgendwie, der sich alle paar Stunden in der Küche einen Kaffee bereitete, der diesen Namen auch verdiente, und schlug ihm vor, in Sachen Schweiz zusammenzuarbeiten.

»Bien sûr«, nickte der mit müdem Augenaufschlag. »Aber ich werde noch eine Weile mit Belgien beschäftigt sein.« Er schien genau denselben Kampf zu kämpfen.

Abends saßen sie im Hotel fest. Der Bus setzte sie nach der Arbeit dort ab, meistens gegen halb sieben, und danach war kein Fortkommen mehr. An der Tankstelle parkten um diese Zeit schon jede Menge monströser Trucks, und deren Fahrer, zum größten Teil Typen, die auf junge europäische IT-Vertriebsleute nur Furcht einflößend wirken konnten, hielten den Burger-Stand besetzt. Es gab keine Linienbusse, zumindest keine, die diese Straße entlangfuhren, und auch keine Taxis. Es lohne sowieso nicht, meinte die Wirtin, die jeden Tag ein gleich bleibend strahlendes Lächeln trug, es gebe in Paradise Valley nichts, das die Bezeichnung Stadtzentrum verdiene. Ein Kino? Das letzte habe zwei Jahre zuvor zugemacht, dort sprängen jetzt die Ratten über die Sitze. Und was sie denn im Kino wollten, auf den Zimmern gäbe es gute Fernseher mit extra großen Bildschirmen und Anschluss an das Pay-TV-System. Zahlte alles die Firma.

Also blieb man im Hotel, ganz einfach. Um acht Uhr wurde das Abendessen serviert: entweder Burger mit Salaten, Mexikanisch oder Chinesisch. Anschließend konnte man hinten in der Bar im Texas-Stil an vier Tischen Billard spielen, bis einem die Quarter ausgingen, oder einfach beisammensitzen, trinken und reden. Manche verzogen sich früh auf ihr Zimmer, Jean-Marc beispielsweise. Er hatte erzählt, er habe Balzacs »Menschliche Komödie« auf seinem eBook dabei und fest vor, sie bis zum Rückflug gelesen zu haben, sämtliche einundneunzig Bände.

Markus blieb bei denen, die einfach nur redeten. Meist ging es um die Arbeit. Da sie fast alle denselben Hintergrund hatten, fanden sich mühelos gemeinsame Themen, und die Unterschiede der nationalen Mentalitäten ergaben Stoff für viele lustige Anekdoten. Doch, das war schon alles interessant.

Aber, das war Mark klar, es würde nicht ein halbes Jahr lang interessant bleiben.

Mit anderen Worten: Er musste hier weg.

Eines Morgens fand er ein Formular auf seinem Schreibtisch vor, auf dem groß und fett »URGENT« stand. Es stammte von der Büroverwaltung, und es ging um nichts Dramatischeres als darum, jeden von ihnen für die Zeit seines Aufenthaltes mit Visitenkarten auszustatten. In einfachen, anscheinend auf das geistige Fassungsvermögen von Vollidioten geeichten Sätzen wurde er gebeten, seinen Namen, seine Durchwahlnummer, E-Mail-Adresse und eventuelle Mobilfunknummer in die dafür vorgesehenen Kästchen einzutragen und das Ganze – urgent! – um 10 a.m. bereitzulegen. Ein Bürobote würde dann alle Formulare einsammeln.

Markus zog einen Kugelschreiber aus der Schublade. In dem Moment, in dem er zum Schreiben ansetzte, kam ihm die Idee. Albern, kindisch, aber unwiderstehlich.

In das Feld »First Name« schrieb er: MARK.

In das Feld »Last Name« schrieb er: WESTMAN.

In das Feld »Middle Initial« schrieb er: S.

Er sprach das Ganze leise vor sich hin. »Mark S. Westman.« Klang das nicht schon richtig, geradezu wunderbar amerikanisch? Fiel man nicht wie von selbst in ein breites Kaugummi-Englisch, wenn man diesen Namen nur las?

Kindsköpfisch. Wahrscheinlich bekam er das Formular spätestens morgen früh wieder auf den Tisch mit der Bitte um Korrektur. Egal. Er füllte auch noch den Rest aus – nicht allzu ordentlich, damit er sich notfalls auf ein Versehen herausreden konnte –, legte das Blatt in den Ausgangskorb und machte sich an die Arbeit.

Der Bürobote, ein pickliger, ungewaschen riechender Jüngling, kam erst um elf. Und erst als er durch war, vermochte sich Markus wieder auf die Feinheiten von Jahresabschlussbescheinigungen für Kapitalmarktkonten zu konzentrieren.

Doch am nächsten Morgen lag nicht das Formular auf seinem Tisch, sondern ein Stapel von hundert Visitenkarten für MARK S. WESTMAN, Mitarbeiter von Lakeside and Rowe, Inc., New York, N.Y., U.S.A., zusammen mit einem Ansteckclip, in dem man eine der Karten auf der Brust spazieren tragen konnte.

Es mochte albern sein, es kam ihm trotzdem vor wie ein gutes Omen. Ja, schienen ihm die schmalen weißen Kärtchen zuzuzwinkern. Nun bist du angekommen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Kaum jemand bemerkte den Fehler. Jean-Marc sprach ihn darauf an und meinte, er solle reklamieren. »Uns werden sie auch keine Fehler durchgehen lassen.«

Markus winkte ab. »Ach, was sind schon Namen? Schall und Rauch.« Den Ball flach halten, sagte er sich. Und natürlich glaubte er nicht im Mindesten, dass Namen Schall und Rauch waren. Namen waren magische Worte. Jeder, der mit Kunden zu tun hatte, wusste das.

Als sie sich Ende der Woche zum ersten Mal mit den Entwicklern trafen, stellte er sich von vornherein als »Mark« vor, was jeder am Tisch akzeptierte, ohne mit der Wimper zu zucken. Dann diskutierten sie bis zum Einbruch der Dämmerung die notwendigen Änderungen. Das Ganze ging nüchtern vor sich, zielbewusst, auf eine wunderbare Art pragmatisch. Am Abend war Markus regelrecht high. So also wurde in dieser Nation gearbeitet, die Menschen zum Mond geschickt hatte!

Der eigentliche Sieg aber war, dass auch die anderen aus dem Lokalisierungsteam anfingen, ihn »Mark« zu nennen. Die Magie funktionierte. Und sie würde Wunder wirken, davon war er überzeugt.

Gegenwart

Er schreckte hoch, als jemand ins Zimmer kam. Eine Ärztin. Schlank, aber mit grauen Schläfen. Merkwürdig. Sie trug ein Stethoskop in der Brusttasche und eine dünnrandige Brille mit auffallend kleinen Gläsern auf der Nase. Ohne ihn anzusehen, trat sie ans Fußende des Bettes und nahm eine dicke, in grünen Karton gebundene Akte aus einem Ablagefach, das auf der anderen Seite des Fußteils befestigt zu sein schien.

Sie las. Lange. Blätterte immer wieder um, laut, mit einem Rascheln, das in den Ohren und im Kopf dröhnte.

Bin ich überhaupt da?, fragte er sich. Er fing an, es zu bezweifeln.

Doch dann sah ihn die Ärztin unvermittelt an und sagte: »Wir mussten Sie in einem künstlichen Koma halten. Deswegen fühlen Sie sich noch etwas seltsam.«

Er erwiderte den Blick, schluckte, nickte.

»Es war nötig, um alle Gifte aus Ihrem Körper zu spülen. Ich werde Ihnen das alles irgendwann genauer erklären, heute ist nicht der Zeitpunkt dazu. Sie brauchen sich auf jeden Fall keine Sorgen zu machen, Sie sind auf dem Weg der Besserung.«

Gut. Das war gut. Er hatte sich das gedacht, hatte auch das entsprechende Gefühl, aber es war gut, es einmal ausgesprochen zu hören.

Die Ärztin klappte die grüne Akte zu, trat näher, sah ihm forschend ins Gesicht. »Herr Pohl? Verstehen Sie mich?«

Pohl? Wieso Pohl? Er hieß doch nicht Pohl. Das war eine Verwechslung.

Doch, jetzt konnte er es lesen. Auf der Vorderseite der Mappe stand in dicken, großen schwarzen Buchstaben MATTHIAS POHL.

Und er hätte schwören können, dass sein Name Mark war. Mark S. Westman. Oder so ähnlich.

So konnte man sich täuschen.

»Ja«, brachte er heraus. »Ich verstehe Sie.«

»Gut. Wie gesagt, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Morgen wird es Ihnen schon viel, viel besser gehen. Wir werden dann auch gleich mit dem Aufbautraining anfangen.«

»Okay.«

»Fein.« Die Ärztin wandte sich ab, steckte die Akte zurück an ihren Platz und ging. Die Tür klappte zu, und ohrenbetäubende Stille trat ein.

Kapitel 3

Vergangenheit

Der Vorbesitzer des Hauses hieß Achim Anstätter und war ein kräftiger, braun gebrannter Mann, der mit wiegendem Schritt ging, schwielige Hände hatte und in kurzen, knappen Sätzen sprach. Seine Frau und eine seiner Töchter waren mit ihm gekommen. Vier Kinder hätten sie insgesamt, erzählte die Frau, zwei Jungs und zwei Mädchen, immer schön abwechselnd. Das Mädchen in den hautengen Reithosen war die älteste Tochter. Sie trug die Haare zu einem kecken Pferdeschwanz gebunden, und der Gesichtsausdruck, den sie zur Schau stellte, zeugte von frisch ausgebrochener Pubertät.

Anstätter erklärte, was zum Betrieb des Schwimmbads an Technik erforderlich war. »Das hier ist der Filter«, sagte er und deutete auf einen blauen Zylinder von der Größe eines Wäschekorbs. »Sie schalten hier ab, dann legen Sie diesen Hebel um. So, sehen Sie? Nun schalten Sie wieder ein.« Er zeigte auf ein Schauglas. »Hier, sehen Sie, wie braunes Wasser hochkommt? Da wird der Filter rückgespült. Einmal pro Woche müssen Sie das machen, das reicht. Fünf Minuten, höchstens zehn. Bis das Wasser klar kommt.«

»Man darf nicht vergessen, wieder auszuschalten, nicht wahr?«, warf der Makler ein, der ihnen keinen Schritt von der Seite wich. Vermutlich wollte er verhindern, dass sie heimlich Nebenabsprachen trafen, die sich negativ auf seine Provision auswirkten.

»Genau«, nickte Anstätter ernst. »Sonst pumpen Sie das halbe Becken leer, ehe Sie es sich versehen. Und Wasser ist teuer.«

Werner war in seinem Element. Dorothea überließ es ihm nur zu gerne, sich mit all den Hebeln, Schiebern, Knöpfen und Schalttafeln vertraut zu machen; schließlich war er der Ingenieur im Haus. Sie tat, als höre sie interessiert zu, aber in Wirklichkeit beobachtete sie die Frau und ihre Tochter.

Die Frau wirkte traurig. Wahrscheinlich fiel es ihr schwer, sich von diesem schönen Haus zu trennen. Doch das alleine war es nicht, sagte sich Dorothea nach dem dritten raschen Seitenblick. Da lag noch etwas unter der Trauer. Angst. Das war der Blick von jemandem, der nicht wusste, wie es weitergehen sollte.

Dorothea erhaschte Werners Blick, hob bedeutungsvoll die Augenbrauen, und oh Wunder, Werner erinnerte sich tatsächlich an das Gespräch, das sie auf der Herfahrt geführt hatten. Er räusperte sich, rieb verlegen die Hände und fragte endlich: »Ähm, mal eine ganz andere Frage, Herr Anstätter, die mich in dem Zusammenhang beschäftigt …«

»Ja?« Der Mann sah ihn an, mit hellwachen, aber eigenartig unsteten Augen.

»Warum verkaufen Sie dieses Haus eigentlich?«

Der Makler musste auf einmal hingebungsvoll husten. Anstätter sah beiseite, musterte rasch seine Frau und seine Tochter und erwiderte dann mit einem dünnen, freudlosen Lächeln: »Sie haben von Herrn Oswald vielleicht gehört, dass wir einen Bauernhof gekauft haben. Ein schönes, altes Gut; ganz wunderbare Anlage. So ein Gut, wissen Sie, Herr … ähm …?«

»Utz«, sagte Werner.

»Herr Utz. Entschuldigen Sie, mein Gedächtnis für Namen ist legendär schlecht. Jedenfalls, ich habe schon immer von so einem Gut geträumt, von Kindesbeinen an. Und jetzt ist es so weit. Wir haben zwei Ponys. Die Kinder können reiten, sind überhaupt in der Natur … Das ist wichtig, verstehen Sie? Die Nähe zur Natur.«

»Verstehe.« Werner nickte mit zufriedenem Lächeln. Auch der Makler lächelte; bei ihm sah es eher nach Erleichterung aus.

Doch in den Augen der Frau stand Schmerz. Ihr Mann mied ihren Blick, sah stattdessen auf die Uhr und meinte: »Es tut mir Leid, wenn ich ein wenig zur Eile drängen muss, aber wir haben noch einen Termin.«

»Er verheimlicht etwas«, erklärte Dorothea auf der Rückfahrt nach Stuttgart.

»Wer? Dieser Anstätter?« Werner sah sie voller Erstaunen an. »Was sollte er uns verheimlichen?«

»Das weiß ich nicht. Aber hast du seine Augen gesehen? Keine zwei Sekunden Blickkontakt am Stück. Der Mann hat ein schlechtes Gewissen. Ich wüsste nur gern, weshalb.«

Werner gab Gas, überholte den dahinzuckelnden Lastwagen einer Supermarkt-Kette. »Das darf man nicht überbewerten. Bei uns in der Nachbarabteilung ist auch so einer. Doktor der Physik, rasend intelligent und so weiter, aber er sieht dir nie in die Augen. Völlig irritierend. Und man gewöhnt sich nur schwer daran.«

»Das hier war kein Doktor der Physik. Das war jemand, der mit den Händen arbeitet.«

»Ja, okay. Stimmt, der Makler hat irgendwann am Telefon so was gesagt. Dieser Anstätter muss so einer sein, der immer viel auf Montage im Ausland ist. Oder gewesen ist; er hat anscheinend vor kurzem damit aufgehört. Wahrscheinlich ist er deswegen so braun. Baustellen unter südlicher Sonne, das prägt.«

»Ich glaube, seine Frau ist dagegen, das Haus zu verkaufen.«

Werner grinste. »Das hab sogar ich bemerkt. Dieser Anstätter ist ein Macho, wenn du mich fragst. Setzt vier Kinder in die Welt, und dann hört die ganze Familie auf sein Kommando. Und wenn er seinen Jugendtraum verwirklichen will, darf auch keiner aufmucken.«

»Fahr nicht so schnell.«

»Ich fahr doch nicht schnell«, erwiderte Werner, nahm aber den Fuß vom Gas. »Die Tochter war auch ziemlich stinkig. Und von wegen Nähe zur Natur! Als ob das Haus da im Stadtzentrum läge. Ich meine, mehr Nähe zur Natur gibt’s doch kaum, oder?«

Sie näherten sich der Tankstelle am Ortseingang von Duffendorf, hinter der man abbiegen musste, wenn man zur Autobahn wollte – vertrackte Stelle; hier hatten sie sich schon zweimal verfahren. Dorothea schüttelte den Kopf. »Ich habe das Gefühl, er hat uns irgendetwas Wichtiges verschwiegen und deswegen ein schlechtes Gewissen.«

Nun wurde sogar Werner nachdenklich, der sie manchmal mit seiner Unbekümmertheit rasend machte. »Meinst du?«, fragte er. »Aber was könnte das sein?«

»Keine Ahnung.«

»Irgendein Schaden am Haus? Aber das ist von einem Gutachter geprüft worden; in solchen Dingen würde Volker mich nicht bescheißen. Ich meine, er hätte mir gesagt, wenn irgendeine teure Reparatur anstünde oder eine neue Norm käme, der das Haus nicht entspricht. Weißt du, was er mir gestanden hat? Volker, der Schuft? Dass er den Anstätters am Anfang zugeredet hat, dass sie mehr verlangen könnten für das Haus; dass der Preis quasi am unteren Ende der Skala für so ein Objekt läge. Hat dabei natürlich an seine Provision gedacht, klar, und er hat den Mund gehalten, sobald er wusste, dass wir uns interessieren … Aber Anstätter wollte nicht weiter rauf mit dem Preis.«

»Und? Findest du das normal?«

Werner gab einen seiner abgrundtiefen Seufzer von sich. »Eher nicht.«

»Also. Sag ich doch. Irgendwas stimmt da nicht.«

Werner schwieg. Lenkte. Schaltete. »Meinst du, wir sollten es lieber doch nicht nehmen?«, fragte er schließlich.

Es ging in Schleifen den Albtrauf hinab, ein Blick wie im Märchen. Die Autobahn glitzerte in der Ferne wie ein Band aus Silber.

Es war fast so schön wie der Blick von der Terrasse des Hauses, das sie haben konnten, wenn sie wollten.

Samstags wurde nicht von ihnen erwartet, dass sie arbeiteten. Aus den Gesprächen der regulären Mitarbeiter hatte Markus jedoch herausgehört, dass die meisten zumindest den Samstagvormittag in der Firma verbrachten. Sonntags dagegen herrschte ausdrückliches Arbeitsverbot: Niemand sollte daran gehindert werden, in die Kirche zu gehen.

Nach dem Frühstück am Samstagmorgen ging Markus über die Straße zur Tankstelle und sprach so lange Leute an, bis ihn jemand in dichter besiedelte Bereiche von Paradise Valley mitnahm. Da, wo einmal so etwas wie das Zentrum der Stadt gewesen sein mochte, standen eine Menge Läden leer, und selbst die »Zu vermieten«-Schilder in den Schaufenstern waren vom Staub langer Jahre bedeckt. Die Western Union-Filiale, deren Adresse Markus aus dem alten Telefonbuch im Hotel hatte, existierte jedoch noch, und auch das Geld, das er von Deutschland transferiert hatte, ließ sich anstandslos abheben. Er fühlte sich reich und bedroht zugleich, als er mit einem dicken Bündel Dollarnoten in der Tasche wieder auf die Straße trat, den Platz überquerte und eine Filiale der First Atlantic Bank betrat. Er eröffnete ein Konto und zahlte einen Teil des Geldes darauf ein. Mit dem Rest machte er sich auf die Suche nach einem Gebrauchtwagenhändler.

Er fand endlich einen, mit eher überschaubarer Auswahl zwar, aber da ihm schon die Füße wehtaten, betrat er das Gelände. Die Wagen glänzten frisch gewaschen, und nachdem Markus eine Weile zwischen ihnen umhergewandert war, bequemte sich der Händler aus seinem Büro, von dem aus er ihn bis dahin kaugummikauend beobachtet hatte.

»Sie suchen was Fahrbares, nehme ich an?«, fragte er. Er war untersetzt, noch fünf Zentimeter kleiner als Markus, trug ein grauenhaftes Hawaii-Hemd und einen Schnauzbart, der auch einem Walross gestanden hätte.

Markus nickte. »Exakt. Und flott aussehen darf es auch.« Er deutete auf die rasant metallic-blaue Corvette, vor der er stand. »Was soll die hier zum Beispiel kosten?«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Kann ich Ihnen nicht empfehlen. Ist Schrott. Nett lackiert, zugegeben, aber die Stoßdämpfer sind im Eimer, die Sitze durchgevögelt, und der Motor stöhnt auch schon.« Er zuckte mit den Schultern. »Aber was will ich machen? Es ist eine Corvette, hey! Da kann ich unmöglich weniger als 2000 Dollar verlangen; alles andere wäre eine Beleidigung.«

»Verstehe.« Eigenartige Verkaufsmethoden hatte der Mann. »Welchen Wagen können Sie mir denn empfehlen?«

»Puh!« Der Händler sah sich mit ratlosem Gesichtsausdruck um. »Wenn Sie mich so fragen … eigentlich keinen.« Er deutete auf ein martialisches Monstrum von einem Auto, das wie ein Militärfahrzeug in ziviler Lackierung aussah. »Diese Hummer-Imitation da drüben, beispielsweise. Stabil wie ein Panzer, klar, aber säuft wie ein Loch. Und hässlich! Sagen Sie selber, wer will so ein Teil in pissgelb?« Er seufzte. »Aber es ist einfach geil, das Ding zu fahren. Muss ich zugeben. Damit hat der Typ mich rumgekriegt, von dem ich’s habe. Scheiße – von drinnen sieht man von der Farbe fast nichts. Das war der Trick.«

Markus musste unwillkürlich grinsen. Der Mann fing an, ihm zu gefallen. Er brachte das Kunststück fertig, seine Wagen auf eine Art schlechtzureden, dass einen schier unwiderstehliche Lust befiel, sie zu kaufen. Hier konnte er als Vertriebsmensch noch was lernen.

»Ich hatte an etwas Sportlicheres gedacht«, sagte er.

Der Mann blies seinen Kaugummi auf, bis er platzte. »Was meinen Sie mit sportlich? Ein Auto, das man schieben muss? Hab ich da.«

»Es würde mir reichen, wenn es einfach nur schnittig aussieht. So was zum Beispiel.« Er deutete auf einen hellroten Ford Mustang mit Stoffverdeck. Es musste sich um das Revival-Modell handeln, mit dem man wenig erfolgreich an die glorreiche Vergangenheit des Bautyps anzuknüpfen versucht hatte.

»Ach so. Die Art von Sport meinen Sie. Okay, ich geb zu, mit der Mühle kriegen Sie wahrscheinlich mehr Bräute rum als mit jedem anderen Schrotthaufen, der hier steht. Hat ’nem Kerl gehört, der die Frauen von Scranton bis Allentown beglückt hat – legendär. Bis ihn doch eine vor den Altar gezerrt hat, und die hat drauf bestanden, dass er den Wagen verkauft … Aber ich muss Ihnen sagen, damit halsen Sie sich Probleme auf.« Er tippte mit dem Fuß gegen eines der Räder. »Die Reifen – platt wie Radiergummi. Ich werd niemanden mit dieser Karre von meinem Hof fahren lassen, der mir nicht auf die Bibel schwört, dass er als Erstes neue Reifen kauft. Der Motor geht. Säuft Sie eben arm, ganz egal, was der Sprit kostet. Das muss es Ihnen wert sein. Die Tankanzeige können Sie übrigens vergessen; die zeigt an, was sie will, den Stand des Mondes oder den Wasserpegel vor Miami oder was weiß ich, jedenfalls nichts, was Sie interessiert. Aber wie das heute überall ist, eine Reparatur kostet das Doppelte von dem, was die Mühle noch wert ist. Was sonst? Okay, sämtliche Getränkehalter, die im Weg sind, wenn man im Wagen ’ne Nummer schiebt, sind natürlich auch längst abgebrochen. Das Fenster auf der Beifahrerseite lässt sich nicht mehr runterkurbeln, was scheiße aussieht, wenn Sie mit offenem Verdeck fahren wollen. Na ja, und schauen Sie sich’s an – der Lack ist total verkratzt. Wahrscheinlich von eifersüchtigen Ehemännern. Oder der Typ hat ’ne Art Strichliste geführt, he he. Auf jeden Fall rostet Ihnen die Kiste unterm Hintern weg, das kann ich Ihnen versprechen.«

Markus lächelte gewinnend. »Sie könnten mir ja im Preis ein bisschen entgegenkommen.«

Der Mann lächelte haifischartig zurück. »Junger Mann, so was mach ich grundsätzlich nicht.«

»Nicht einmal ausnahmsweise?«

»Dann wär’s ja kein Grundsatz.« Er wälzte den Kaugummi in seinem Mund umständlich von einer Backe in die andere. »Außerdem rat ich Ihnen sowieso nicht, den Wagen zu kaufen. Er ist Schrott. Wissen Sie, woran die Welt heutzutage krankt? Dass einem keiner mehr die Wahrheit sagt. Ich mach da nicht mehr mit, hab ich beschlossen. Ich sag Ihnen, was los ist, ganz einfach. Wenn Sie bei mir eine Schrottkarre kaufen, dann sollen Sie wissen, dass es ’ne Schrottkarre ist. Ich will nicht die Verantwortung tragen.«

»Ah ja?« Markus wusste nicht, was er sagen sollte. Diese Art von Verkaufsgespräch war in den Seminaren, die er besucht hatte, nie vorgekommen.

Aber er brauchte ein Auto. Und der Mustang war kein schlechter Anfang, trotz aller Mängel.

Der Mann sah ihn von der Seite an und seufzte abgrundtief. »Ich seh’s Ihnen an. Sie wollen den Wagen, stimmt’s?«

»Ja«, nickte Mark.

»Also gut. Kommen Sie, machen wir den Vertrag, ehe mich das schlechte Gewissen überwältigt.«

Am nächsten Tag unternahm Markus mit seinem neuen Wagen gleich einen Ausflug nach New York. Jean-Marc, den er zuerst ansprach, zeigte wenig Interesse – »New York? Freiwillig?« –, worauf er Silvio fragte, der begeistert mitkam.

Auf der Fahrt fanden sie heraus, dass sie beide USA-Fans waren, seit sie denken konnten. »Meine Mutter hatte den Reader’s Digest abonniert«, erzählte Silvio, »und ich war immer der Erste in der Familie, der ihn gelesen hat. Kennst du die Zeitschrift? Ich glaube, die gibt es auch in Deutsch.«

»Ich glaube, die gibt es in fast jeder Sprache.«

Sie erzählten einander von ihren USA-Reisen. Silvio war schon als Kind mehrmals in den Staaten gewesen, bei einem Onkel in Boston, der nicht mehr lebte. Vor Beginn seiner Ausbildung war er schließlich einmal quer durch das ganze Land getrampt, was vier Wochen lang gedauert hatte. »Seither nehme ich jedes Jahr an der Green-Card-Lotterie teil«, erzählte er. »Vergebens natürlich.«

»Ich seit meinem zwanzigsten«, gestand Markus. Damals war er von seiner ersten USA-Reise zurückgekommen – Kalifornien und Arizona! – und dem Land verfallen gewesen. »Ich habe manchmal das Gefühl, das ist Schwindel. Ich kenne jedenfalls niemanden, der auf die Weise je tatsächlich eine Green Card bekommen hat.«

Silvio schüttelte auf sehr italienisch wirkende Art den Kopf. »Es ist einfach schwierig. Sie haben ihre Regeln und halten sie strikt ein.«

»Ihre Regeln?« Markus lachte auf, nicht zuletzt, weil er sah, dass die Tankanzeige behauptete, der Tank fülle sich stetig, je länger sie fuhren. »Kann sein, aber dann kennen sie sie selber nicht. Die auf dem Konsulat haben jedenfalls praktisch bis zum Tag vor dem Abflug mit meinem Visum herumgezickt.«

Sie erreichten die Stadt. Kurz vor der Newark Bay stellten sie den Wagen in einem sündhaft teuren Parkhaus ab und ließen sich von der Metro durch dunkle Tunnel voller Graffiti nach Manhattan hineinbefördern. Ein kraftvoller Aufzug trug sie aufs Empire State Building hinauf, und dann standen sie oben auf der Aussichtsplattform, unter einem Himmel, der aussah wie eine Glocke aus blauem Glas, und schauten über die unendlichen Häusermeere, bis ihnen die Augen vom Wind tränten.

Danach wanderten sie am Grunde von Wolkenkratzerschluchten, in denen es nach süßem Gebäck roch, aßen »Pretzels« vom Stand und schlenderten durch den Central Park, der hell und sonnig und unschuldig dalag, bevölkert nur von Joggern, Müttern mit Kindern und anderen Spaziergängern.

Während sie an einem Teich standen und die Enten darin mit den Resten der Pretzel fütterten, erläuterte Silvio seinen Plan: Er würde sich eine heiratswillige Amerikanerin suchen. »Amerikanerinnen gefallen mir«, beteuerte er. »Weißt du, dieser Typ Frau, bei dem alles ein bisschen größer ist – die Augen, der Mund, das Lachen …«

»Die Titten«, nickte Markus.

Silvio grinste. »Du weißt, wovon ich rede.«

»Ist das nicht ein bisschen … oberflächlich?«, fragte Markus und musterte die Hochhäuser, die in der Ferne hinter den Büschen und Bäumen wie ein Wall aufragten. »Oder geht es dir nur um die Staatsbürgerschaft, und anschließend lässt du dich scheiden?«

»Hör mal, ich bin katholisch. Nein! Ich suche ganz ernsthaft die Frau fürs Leben«, beteuerte Silvio. »Und wenn sie Amerikanerin ist, warum nicht? Ich meine, was ist daran falsch? Es gibt über hundert Millionen Amerikanerinnen, da kann doch gut eine dabei sein, die zu mir passt, oder?«

»Ja, klar. Ist völlig okay. Ich sag nichts dagegen.«

Bei einem richtig italienischen Cappuccino in Little Italy gestand Silvio, dass er sogar schon jemand im Auge hatte. »Die Kleine in dem Büro neben der Pförtnerloge, die könnte genau mein Typ sein. Ich meine, klar, ich müsste sie erst mal ein bisschen kennen lernen. Aber jedenfalls ist sie mir aufgefallen.«

Markus überlegte. »Die Blonde? Die neulich diese neongrüne Bluse anhatte?«

»Genau. Kathy Blane heißt sie, das habe ich schon rausgekriegt. Sie macht die Reisekostenabrechnungen.«

»Pech. Wenig wahrscheinlich, dass man uns auf Reisen schicken wird, während wir hier sind«, meinte Markus, genüsslich den Cappuccino schlürfend. Er lehnte den Kopf zurück, schloss die Augen und überließ sich einen Moment dem aus tausenderlei Quellen gespeisten, niemals verstummenden, übermenschlichen Dröhnen der Stadt.

»Ja«, gab Silvio zu. »Das ist wenig wahrscheinlich.«

Sie beschlossen, in New York auch zu Abend zu essen, und einigten sich mühelos auf Spaghetti, die es im Hotel nie gab. Silvio übernahm es, das Restaurant auszuwählen, und bewies dabei ein gutes Händchen. Der Wirt schimpfte auf die Regierung, die Steuern und die Polizei und servierte ihnen am Schluss zwei große Ramazotti auf Kosten des Hauses. Und dann noch mal zwei, weil sie ihm so sympathisch waren.

»Ich muss noch fahren«, wollte Markus abwehren, aber das ließen die beiden Italiener nicht gelten.

Es war gemütlich. In den Straßen sank die Dämmerung herab, sie saßen und redeten, und irgendwann konnte Markus nicht anders, als auch seinen Traum zu offenbaren: »Ich werde eines Tages meine eigene Firma haben. Hier in Amerika. Das ist ganz eigenartig, aber ich trage da so etwas wie ein Bild in mir. Ich sehe einen Turm, rund wie ein Zylinder, ringsum mit Glas verkleidet. Er ragt zum Himmel auf, und ich kann sehen, wie die aufgehende Sonne sich in ihm spiegelt. Und darauf steht Westman Tower, in großen schwarzen Buchstaben … Du wirst vielleicht lachen, aber ich sehe das so deutlich vor mir, als könnte ich mich an die Zukunft erinnern.«

Silvio lachte überhaupt nicht, er machte große Augen. »Und was soll das für ein Turm sein?«

»Na, was wohl? Die Zentrale meines multinationalen Konzerns, will ich doch schwer hoffen«, sagte Markus.

Silvio zögerte mit einer Antwort, so, wie man es tut, wenn man fürchtet, etwas sagen zu müssen, das dem anderen nicht gefallen wird. »Wenn das dein Ziel ist«, meinte er schließlich, »dann bist du aber bei Lakeside and Rowe völlig falsch. Ich meine, egal wie du da Karriere machst, der Laden wird dir nie gehören. Du müsstest dich selbstständig machen, mit einer genialen neuen Idee. In der berühmten Garage. Wie Hewlett und Packard. Oder Steven Jobs. Oder Bill Gates.«

Markus schüttelte lächelnd den Kopf. Der Ramazotti stimmte ihn milde. »Falsche Fährte. Erstens: Eine geniale neue Idee ist völlig überflüssig. Ideen gibt es wie Sand am Meer. Und der, der eine neue Idee hat, wird sowieso nie reich damit. Zweitens: Die Ochsentour ist in meinem Plan nicht vorgesehen. Nichts von wegen in der Garage anfangen und mühsam expandieren. Was ich vorhabe, ist, eine Firma fix und fertig zu kaufen.«

»Wie willst du das denn machen?«

»Eine Firma mit Potenzial ausfindig machen«, sagte Markus einfach, »und übernehmen. Mit OPM natürlich.«

»OPM?«

»Other people’s money. Risikokapital. Alles, was ich tun muss, ist, die Kapitalgeber davon zu überzeugen, dass ich die Firma besser führen werde als die Gründer.« Und das sollte kein Problem werden. Im Studium hatte er seinen Professor für Volkswirtschaft so lange bequatscht, bis der ihm für eine Prüfung, die er mit Pauken und Trompeten versiebt hatte, ein »Gut« bescheinigte. Professor Oswald. Wenn er den um den Finger wickeln konnte, würde er jeden auf diesem Planeten um den Finger wickeln.

»So eine Firma musst du aber erst mal finden.« Silvios Gesicht war ein Bild absoluter Skepsis.

Markus grinste. »Wo ist das Problem? Wenn wir bei Lakeside and Rowe arbeiten, sind wir in der besten denkbaren Position dafür.« Er musste langsam aufhören zu reden. Er plauderte alles aus, seinen ganzen schönen Plan. »Hast du dir mal die neuen Analyseprogramme angeschaut? Das Datamining-Modul? Das ist der Hammer. Das ist ein Röntgengerät für Unternehmen.« Genug. Er würde ihm nicht auch noch auf die Nase binden, wie er es machen wollte. Dabei lag es auf der Hand. Er musste in den technischen Service wechseln. Technischer Service, das hieß Installation der Software, und Installation hieß, Testläufe zu machen. Auf welcher Datenbasis? Natürlich mit den bisherigen Kundendateien der betreffenden Bank oder Investmentgesellschaft. Mit anderen Worten, wenn er sich nicht dumm anstellte, konnte er aus jeder Firma, in der er das Update zum Laufen brachte, mit einem Dossier der vielversprechendsten Kandidaten für sein Vorhaben heimgehen.

Aber Silvio hatte gar nicht richtig zugehört. Der Ramazotti schien ihn eher streitlustig zu machen. »Ich glaube das sowieso nicht«, erklärte er. »Es gibt durchaus Leute, die was erfinden und steinreich werden.«

Markus beugte sich über den Tisch, sah ihn an. »Ja? Kennst du so jemanden?«

»Liest man immer wieder«, erwiderte Silvio.

Draußen hupte ein dicker Wagen ausdauernd, weil er nicht an einem Lieferwagen vorbeikam. Auf den Gehsteigen drängten sich die Menschen. Die echt italienische Hintergrundmusik lief zum dritten Mal. Markus lehnte sich wieder zurück. »Mein Vater war so jemand«, sagte er, obwohl er nie vorgehabt hatte, jemandem ein Wort davon zu erzählen. »Ein Erfinder. Hat jeden Tag in der Werkstatt verbracht, getüftelt, sich um nichts und niemanden gekümmert. Meine ganze Kindheit hindurch haben wir von dem Geld gelebt, das meine Mutter nebenher verdient hat. Und das hat er oft auch noch für irgendwelche Geräte ausgegeben oder für Chemikalien, Rohrleitungen und solches Zeug.«

»Ach so«, sagte Silvio leise. »Entschuldige.«

»Er hat nie was verdient«, fuhr Markus fort. »Erst am Ende seines Lebens hat er endlich was erfunden, das uns reich gemacht hat. Aber eben erst am Ende seines Lebens; er hat nichts mehr davon gehabt.«

Silvio seufzte betrübt. »Was für eine traurige Geschichte.« Er zögerte. »Und was … Ich meine, was hat er erfunden?«

Markus starrte ins Leere, geplagt von Erinnerungen, die er vergessen geglaubt hatte. »Das ist das Seltsame daran«, sagte er. »Das wissen wir nicht.«

»Bitte?«

»Er hat seine Erfindung an eine Firma verkauft und ist kurz darauf bei einem Autounfall ums Leben gekommen. In seinem Labor fand man keinerlei Unterlagen, nichts. Aber auf dem Konto waren zwei Millionen Euro.«

Er schob das Likörglas beiseite, sah aus dem Fenster, sah sein Gegenüber an. Silvio erwiderte den Blick und schien zu verstehen, dass er nicht weiter darüber reden wollte.

Auf der Rückfahrt erzählte Silvio wieder von seiner Flamme. »Ich glaube, sie ist nicht verheiratet. Jedenfalls trägt sie keinen Ring. Es holt sie auch niemand ab oder so, und in dem Bilderrahmen auf ihrem Schreibtisch ist bloß ein Bild von einem Hund.«

»Du hast sie ja regelrecht ausspioniert«, staunte Markus.

»Na ja«, meinte Silvio verlegen. »Ich meine … Ich weiß auch nicht.«

Markus musterte ihn mit einem kurzen Seitenblick. »Du musst sie ansprechen. Den Papagallo in dir wecken. Je eher du rausfindest, ob sie auf so was steht, desto besser.«

»Und wenn sie nicht darauf steht?«

»Ihr Pech. Dann weißt du, dass du weitersuchen musst. Wie du schon gesagt hast: Es gibt hundert Millionen Amerikanerinnen.«

Am Montagmorgen im Bus sagte Silvio: »Heute sprech ich sie an.« Als sie abends zurückfuhren, seufzte er: »Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Normalerweise bin ich nicht so schüchtern.«

»Dann muss etwas anders sein als sonst«, meinte Markus.

Silvio sah verträumt aus dem Fenster. »Weißt du, sie hat wunderschöne Augen. Das ist mir heute so richtig aufgefallen.«

»Ah ja? Ich glaube, ich ahne, was anders ist als sonst.«

»Morgen«, erklärte Silvio. »Morgen packe ich es.«

Am Dienstagmorgen verdrückte er sich, als sie das Gebäude betraten. Wenig später kam er an Markus’ Schreibtisch, übers ganze Gesicht strahlend.

»Ich hab’s getan! Ich hab’s so eingerichtet, dass ich ihr wie zufällig im Flur begegne, und dann habe ich ihr ein Kompliment gemacht.«

Markus musste grinsen. »Und? Wie hat sie reagiert?«

»Ich weiß nicht«, meinte Silvio schulterzuckend. »Sie war ein bisschen irritiert, glaube ich. Komisch eigentlich; ich hätte gewettet, sie kann sich gar nicht retten vor Verehrern.«

»Sei doch froh, wenn es nicht so ist.«

Silvio nickte strahlend, trommelte mit beiden Händen einen kleinen Wirbel auf der Tischkante und meinte dann: »Okay. Zurück an die Arbeit. Obwohl ich nicht weiß, ob ich heute irgendwas zu Stande bringe.«

Zwei Stunden später bekam Markus mit, dass sich ein bulliger Mann in einer grauen Uniform, den er noch nie im Haus gesehen hatte, zu Silvio Damiano durchfragte. Mister Murray wolle ihn sprechen, sagte er. Und nein, er brauche keine Projektunterlagen mitzunehmen.

Eine halbe Stunde später kehrten die beiden zurück, Silvio kreidebleich und mit einem von Entsetzen gezeichneten Gesicht, der Mann in der grauen Uniform einen Schritt hinter ihm, als habe er den Auftrag, den Italiener aufzufangen, sollte er in Ohnmacht fallen.

»Um Himmels willen, was ist los?«, fragte Markus, fest davon überzeugt, dass jemand gestorben sein musste, der Silvio sehr nahe gestanden hatte.

»Sexuelle Belästigung«, stieß Silvio hervor.

»Was?«

»Sie hat sich beschwert. Murray sagt, ich hätte sie sexuell belästigt. Mit einem Kompliment! Ich versteh das nicht.«

Markus sah, wie das Gesicht des Mannes in der grauen Uniform unverkennbare Züge von Ungeduld annahm. »Und jetzt?«, fragte er, auf einmal erfüllt von der Vorahnung, dass das noch nicht das Schlimmste war.

»Ich bin draußen«, fuhr Silvio tonlos fort. »Ich soll meinen Schreibtisch aufräumen, meine Sachen im Hotel packen, und dann fährt der da mich zum Flughafen. Die Maschine nach Rom heute Abend ist schon gebucht.«

Markus war, als schnüre ihm etwas die Kehle zu. »Ist nicht wahr.«

»Mister Damiano«, ließ sich der Mann in der Uniform vernehmen. Sicherheitsdienst stand auf dem Abzeichen am Ärmel, das sah Markus erst jetzt. »Ich muss Sie bitten, sich nicht länger aufzuhalten.«

Silvio nickte, warf Markus einen letzten Blick zu. »Ich hoffe bloß, das ist wirklich nur ein böser Traum.«

Sie versammelten sich alle am Fenster und sahen zu, wie Silvio unten auf dem Parkplatz in den Wagen stieg, der so grau war wie die Uniform der Sicherheitsleute. Nun waren es schon zwei, die ihn begleiteten. Er trug einen Karton in Händen, der beinahe leer war. Manche winkten ihm zu, aber Silvio bemerkte es nicht, sah nicht einmal nach oben. Die Türen schlossen sich, der Auspuff würgte eine dicke Abgaswolke heraus, dann rollte der Wagen davon.

Gegenwart

Die Schwester weckte ihn. Diesmal brachte sie kein Frühstück, sondern bestand darauf, dass er sich aufsetzte. Dann, als er sich endlich mit viel Mühe aufgerichtet hatte, wollte sie, dass er ganz aufstand und mit ihr zum Waschbecken ging.

»Warum denn?«, wehrte er sich.

»Sie müssen sich waschen. Und rasieren.«

»Warum?«

»Sie bekommen Besuch.«

Er blinzelte. »Besuch?«

Sein Gehirn fühlte sich an, als sei es in Styropor eingepackt und als klebe irgendwo ein Hinweis: »Zur Inbetriebnahme Schalter umlegen.«

Also gut. Er stand auf, schaffte es auf erschreckend wackligen Beinen zum Waschtisch. Die Schwester stützte ihn, was zweifellos gut war. In dem Gesicht im Spiegel erkannte er sich nur mit Mühe. Ein ungepflegter Bart verunzierte die untere Hälfte davon, und eine breite Narbe, die über dem Ohr begann und sich über eine Augenbraue bis auf die Stirn fortsetzte, die obere.

Ach ja, richtig. Der Unfall. Die Bilder waren noch da.

»Nicht gerade das, was man als Schwarm aller Mädchen bezeichnen würde, was?«, murmelte er seinem Spiegelbild zu.

Die Krankenschwester schob ihm einen eigenartig geformten Stuhl unter; eine Art Barhocker mit Sicherheitsgurt. »Das wird man später wegmachen«, versprach sie. »Das ist nicht so schlimm, wie es aussieht. Kommen Sie, hier, waschen Sie sich.« Sie drehte das Wasser auf und reichte ihm einen Waschlappen und ein Stück Seife.

Er nahm beides und wunderte sich darüber, wie ermüdend das alles war. Er hätte sich auf der Stelle wieder hinlegen und noch ein halbes Jahr schlafen können.

Kapitel 4

Vergangenheit

Die Einweihungsparty war ein voller Erfolg. Sie hatten auf die Einladungen ein Foto gedruckt, das die Aussicht von der Terrasse zeigte – soweit ein Foto das überhaupt vermochte –, und alle, alle waren sie gekommen. Das war nicht einmal zu ihrer Hochzeit geglückt.

»Mensch, warum habt ihr denn keine Pool-Party gemacht?«, rief Hannes, einer von Werners Freunden aus der Studienzeit, als sie bei der obligatorischen Hausbegehung durch die Schwimmhalle kamen. »Das wäre doch was gewesen!«

Seine Frau, eine kleine Rothaarige, stieß ihn in die Seite. »Du musst gerade reden mit deinem Bauch.«

»Was heißt Bauch? Das ist alles Wohlstand und gute Küche …«

Werner winkte lässig ab. »Die Pool-Party gibt’s das nächste Mal. Wir wollten uns die eine oder andere Steigerungsmöglichkeit vorbehalten, damit ihr auch mal wiederkommt, trotz der Entfernung.«

Nur Dorothea sah ihm an, dass er fast platzte vor Stolz.

Julian verkraftete den Umzug besser, als Dorothea befürchtet hatte. Vielleicht spielte dabei eine Rolle, dass er mit dem eigenen Schwimmbad auf Anhieb so etwas wie ein Star in seiner neuen Klasse war. Praktisch jeden Tag brachte er Schulkameraden zum Baden mit; obwohl Dorothea ihre Bestände an Handtüchern vor dem Umzug verdoppelt hatte, würde sie nicht darum herum kommen, noch einmal aufzustocken. Auch ein halbes Dutzend Bademäntel für Kinder würde nicht schaden.

Zumindest konnte man sagen, dass das Schwimmbad gut genutzt wurde. Werner schwamm inzwischen eisern jeden Morgen seine Bahnen, während sie Julian zur Bushaltestelle fuhr. Dafür musste er das Frühstück fertig haben, bis sie zurück war.

»Man fühlt sich ganz anders«, erklärte Werner jedem, der es hören wollte oder auch nicht. »Fast wie im Urlaub. Selbst wenn man den Tag im Büro zubringt.«

Doch im Lauf der Zeit zeigte sich, dass das Haus am Berg, so wunderschön es war, auch seine Nachteile hatte.

Wirklich beunruhigend war die Sache mit der Heizung. Die Warnung des Vorbesitzers hatte sich als nur zu berechtigt erwiesen. Ja, Dorothea hegte inzwischen sogar den Verdacht, es könnten in Wahrheit die Rechnungen für Heizöl gewesen sein, die die Familie Anstätter dazu bewogen hatten, das Haus zu verkaufen.

Der Tank fasste dreitausend Liter. Das war viel, wenn man ihn auffüllen ließ und nachher sah, was es kostete, aber wenig angesichts des Verbrauchs, den die Heizung an den Tag legte. In der ersten Schlechtwetterperiode, die sie erlebten, sank die Nadel der Tankuhr so schnell, dass man beinahe zusehen konnte – und das im April! Wie es im Winter werden würde, wagten sie sich noch nicht vorzustellen.

Werner war eine Zeit lang überzeugt, der Tank müsse ein Loch haben. Ein Spezialist, den er schließlich kommen ließ, maß nach und kam zu dem Schluss, dass er keines hatte.

»Was können wir denn dann machen?«, fragte Werner. »Das Haus isolieren?«

»Mal sehen«, sagte der Spezialist und untersuchte gleich noch die Wände, die Fenster und den Dachstuhl. Was er vorschlug, lief praktisch darauf hinaus, das Haus neu zu bauen: die Außenmauern mit zwölf Zentimeter dicker Isolation versehen, alle Fenster austauschen, das Dach abdecken, neu isolieren und neu decken, im Inneren einige Zwischenwände einziehen und im Wohnzimmer die Decke niedriger hängen.

»Wie kann man so bauen?«, regte Werner sich auf.

»Das Haus ist in den Sechzigern gebaut worden. Damals hat Öl weniger gekostet als Wasser.«

Zumindest, meinte Werner danach, brauchten sie einen größeren Öltank. Wenn der Tank groß genug für den Jahresbedarf des Hauses war, würde ihnen das erlauben, Öl dann zu kaufen, wenn es am günstigsten war. Er besorgte Prospekte von modernen Tankmonstern, die im Garten vergraben wurden, und machte sich im Internet schlau. Wobei es noch ein, zwei Jahre dauern würde, bis ihr Kontostand eine solche Maßnahme erlaubte.

Allerdings wurde das Heizöl gerade billiger, und es hieß, es solle noch billiger werden. Womöglich würde sich ein Umbau bald gar nicht mehr lohnen.

Der zweite große Nachteil des Hauses war identisch mit einem seiner größten Vorzüge, seiner Abgeschiedenheit nämlich. Natürlich, die Ruhe war himmlisch. Aber zum ersten Mal im Leben fühlte sich Dorothea isoliert, abgeschnitten vom Rest der Welt. Weder Rundfunk und Fernsehen änderten daran etwas, auch Internet und E-Mail nicht. Einzig das Telefon bot Erleichterung. Ihre Telefonrechnungen waren bald dreimal so hoch wie früher. Werner erkundigte sich wegen der Flatrate-Anschlüsse, für die überall geworben wurde, aber es hieß immer: Geht technisch nicht, das Haus ist zu abgelegen.

Bis dahin hatte Dorothea ihr gesamtes Leben in der Stadt verbracht. Ihr Elternhaus hatte in Bad Cannstatt gestanden, ein muffiges, altmodisches Gebäude direkt an einer stark befahrenen Straße. Als Kind hatte sie nachts Laster gezählt, wenn sie nicht einschlafen konnte. Als Werner um ihre Hand anhielt, stellte sie zur Bedingung, dass sie eines Tages aufs Land ziehen würden, in ein eigenes Haus im Grünen.

Weil es nicht anders ging, waren sie zuerst doch nur in eine Mietwohnung gezogen. Die war zwar ruhiger, aber in einem Haus mit drei Parteien gelegen, umringt von anderen, ähnlichen Häusern. Die Nachbarn schauten ihnen auf den Balkon, man hörte, was nebenan im Fernseher lief, und jede Woche ärgerte man sich, weil die Mülleimer so schnell voll waren und niemand es gewesen sein wollte.

Im Dorf Kontakt zu bekommen war schwieriger als erwartet. Viele der Frauen gingen arbeiten, andere waren schlicht nicht an Kontakten interessiert. Die meisten Leute, die im Ort wohnten, ohne hier geboren zu sein, hatten Freunde und Bekannte anderswo, in anderen, ähnlich abgeschiedenen Dörfern im Grünen. Wenn sie jemanden treffen oder etwas unternehmen wollten, setzten sie sich ins Auto und fuhren fort. In einem vierzig Kilometer entfernt gelegenen Squash-Club Mitglied zu sein, während der örtliche Sportverein sich mangels Mitgliedern auflöste, war nichts Ungewöhnliches.

Der einzig engere Kontakt ergab sich mit Frau Birnbauer, die den kleinen Laden führte. Ausgerechnet. Denn als Dorothea das erste Mal dort etwas kaufte – ein Päckchen Salz –, war ihr die Alte schweigsam und grantig vorgekommen und nicht wie jemand, mit dem man auch nur übers Wetter reden konnte.

Doch in den Wochen darauf ergab es sich immer wieder, dass Dorothea eine Kleinigkeit brauchte, weil sie das Einkaufen auf Vorrat noch nicht so ganz beherrschte. Mal fehlte ein Salat, mal Kaffeesahne, dann ein paar Äpfel für einen Kuchen. Irgendwann kam ihr zu Bewusstsein, dass sie es genoss, in diesem kleinen Laden einzukaufen. Und zwar gerade, weil er klein war. Die Regale waren alt und eng, aber übersichtlich. Dorothea stand nicht wie im großen Supermarkt vor fünfzehn Metern Nudeln aller Sorten, Marken und Arten, sondern musste sich nur überlegen, ob sie Spätzle oder Spiralnudeln wollte, Makkaroni oder Spagetti. Keine zweiundvierzig verschiedenen Sorten Senf, nur scharfer und mittelscharfer. Und einfach nur Salz, keine zwei Dutzend Packungsgrößen, -farben und -varianten.

Die Sachen waren zwar alle ein paar Cent teurer, aber immer von guter Qualität. Und es tat den Nerven gut, hier einzukaufen. Einmal die Runde, und man hatte im Grunde alles, was man brauchte.

Die alte Frau lächelte, als Dorothea ihr das eines Tages einfach sagte. »Ich tu von allem zwei Sorten her – die billigste für die, die sparen müssen, und die beste für die anderen. Mehr Auswahl braucht kein Mensch.«

Von da an redeten sie immer mehr miteinander. Schließlich fragte die Frau, ob sie die sei, die jetzt im Haus am Berg wohne. »Ja«, nickte Dorothea und erfuhr daraufhin die Geschichte ihres Hauses.

Errichtet worden war es in den Zwanzigern, als Ausflugslokal, das damals recht bekannt und beliebt gewesen war. Nach dem Krieg stand es lange leer; zwei Versuche, an die Tradition anzuknüpfen, scheiterten. Mitte der Sechziger kaufte ein berühmter und sehr wohlhabender Architekt das Haus und ließ es radikal umbauen. Vom ursprünglichen Gebäude blieben praktisch nur der Gewölbekeller und ein paar tragende Wände übrig, alles andere wurde neu gestaltet. »Die Frau Anstätter war seine Tochter«, erklärte die Alte. »Sie hat das Haus geerbt. Aber da war sie schon zwanzig; aufgewachsen ist sie nicht hier.«

»Mich hat gewundert, dass sie es verkaufen«, gab Dorothea zu.

Die greise Frau Birnbauer hatte genickt. »Ja, seltsam. Es hat geheißen, sie hätten das Geld gebraucht. Aber ihr Mann war Ingenieur, hat gut verdient, sehr gut. Und sie haben ja wieder so ein Anwesen gekauft, sagt man. Also warum?« Sie hatte angefangen, die Dosen im Regal zurechtzurücken. »Sehr seltsam, wirklich.«

Früher war Werner abends fortgegangen, um sich mit Freunden zu treffen. Das tat er nicht mehr, stattdessen lud er sie ein. Anfangs glaubte Dorothea, er tue es ihretwegen, aber als sie sah, wie er diese Abende genoss und wie stolz er war, wenn er »einen auf Schlossherr machen« konnte, wie er es nannte, gab sie diesen Verdacht auf. Werner war wesentlich geselliger als sie; sie freute sich für ihn, dass es ihm gelang, die Kontakte am Leben zu erhalten, an denen ihm viel lag, und darüber hinaus neue zu knüpfen. Immerhin lernte sie auf diese Weise ein paar seiner Kollegen kennen.

So war es bald eine liebe Gewohnheit, dass Werner sich ab und zu morgens räusperte und sagte: »Übrigens, wenn du nichts dagegen hast, ich würde da gerne jemanden einladen …«

Auf diese Weise lernte sie Siegmund Müller und seine Frau Margit kennen, nachdem Siegmund und Werner in irgendeinem Arbeitskreis miteinander ins Gespräch gekommen waren.

Die beiden waren sichtlich beeindruckt von dem Haus, von der Lage, der Aussicht und vor allem von der Ruhe. »Mein Gott, ist das ruhig hier«, erklärte Siegmund mehrmals. »Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt aushalten könnte, so viel Ruhe.«

Julian kam, gab jedem der beiden artig die Hand und verschwand wieder.

»Wir arbeiten mit Bestechung«, erklärte Werner grinsend. »Er kriegt die große Packung Fischstäbchen ganz für sich alleine. Mit Mayo.«

Siegmund nickte. »Fast wie bei uns im Vertrieb.«

Sie aßen an dem schön gedeckten Esstisch direkt am Fenster, mit Blick auf die schier endlose Ebene, die die untergehende Sonne in ein märchenhaftes Licht tauchte.

»Wie ein Blick ins Auenland«, meinte Margit ergriffen.

»Was für ein Land?«, fragte ihr Mann.

»Auenland. Tolkien. Herr der Ringe.«

Er nickte verstehend. »Ich bin kein Bücherleser, wisst ihr?«, sagte er zu Dorothea und Werner.

»Würde dir aber nicht schaden«, meinte Margit. »Zeit genug hättest du, so viel, wie du im Flugzeug sitzt.«

Nach dem Hauptgang kam, wie meistens, das Gespräch auf Berufliches. Siegmund arbeitete in der Abteilung Nahost / Emirate, wo er für die Betreuung »besonderer Kunden« zuständig war.

»Das müsst ihr euch so vorstellen, dass ich ungefähr ein Dutzend Mal nach Abu Dhabi oder Kuwait runterfliegen und einem von diesen Scheichs in den Arsch kriechen muss, bis der endlich unterschreibt«, erklärte er, nahm einen mächtigen Schluck aus dem Weinglas und lehnte sich in einer heftigen Bewegung zurück. »Aber das ist dann auch eine Bestellung, so was kriegen die Sonderkundenbetreuer in den anderen Abteilungen im Leben nie zu sehen. So einer kauft nämlich immer gleich eine ganze Flotte, und natürlich nur die Luxusausführung der Oberklasse. Und lauter Sonderwünsche. Auf manche Ideen muss man erst mal kommen, ich sag’s euch. Goldene Lichtschalter, Armaturenbrett aus edelstem Wurzelholz und so weiter, das ist klar und kein Thema. Aber eine Limousine mit verlängertem Radstand und eingebautem Falkenkäfig im Fond? Die Araber sind verrückt nach Falken, ihr macht euch kein Bild. In der Nähe von Abu Dhabi gibt es sogar eine Klinik, in der ausschließlich Jagdfalken behandelt werden. Oder eine Rückbank, die sich auf Knopfdruck in ein Lotterbett ausfaltet? Solche Sachen. Und Geld spielt keine Rolle. Wir können praktisch berechnen, was wir wollen. Unsere Schamgrenze ist das einzige Limit, und an der üben wir ständig.« Er lachte laut auf.

Dorothea fiel auf, dass sein Knie unentwegt wippte, als könne er nicht einen Moment zur Ruhe kommen. »Ich stelle mir das aber anstrengend vor«, sagte sie, »die ganzen Flüge und so.«

Margit nickte sofort und entschieden. »Er ist manchmal fix und fertig, wenn er endlich wieder zu Hause ist.«

Ihr Mann griff erneut nach dem Weinglas. »Klar ist es Stress, aber du kannst so einen Job nur entweder so machen, wie er gemacht werden muss, oder es lassen. Halb geht nicht.«

»Du könntest es ein bisschen ruhiger angehen. Meine Meinung.«

Siegmund lächelte zu Werner und Dorothea hinüber, aber es wirkte gezwungen. »Margit liest zur Zeit lauter so Bücher … Entschleunigung, Raus aus der Tretmühle und so weiter. Klingt alles ganz nett, und irgendwie ist ja auch was dran, aber die Realität sieht eben so aus, dass du mit den anderen mithalten musst. Du musst den Einsatz bringen, mit voller Energie, sonst ist es blitzschnell aus mit deiner Karriere. Und dann, hmm? Ich meine, an die ganzen Prämien und Sonderzuschläge und so weiter haben wir uns doch schon ganz schön gewöhnt, oder?«

Margit musterte stirnrunzelnd ihr Weinglas. »Ja. Trotzdem. Irgendwie wird alles ständig schneller und schneller. Immer mehr Arbeitslose, und gleichzeitig schuften sich die, die Arbeit haben, halb tot. Da kann doch was nicht stimmen.« Sie warf ihrem Mann einen Seitenblick zu, der von zahllosen Gesprächen dieser Art in den eigenen vier Wänden zeugte. »Der Jüngste bist du außerdem auch nicht mehr.«

Dorothea musste das Gespräch unbedingt in andere Bahnen bringen. Sie stand auf. »Ihr müsst jetzt ganz schnell Entscheidungen treffen. Zum Nachtisch gibt es Apfelstrudel mit Vanilleeis. Das heißt, ich muss von jedem wissen: Schlagsahne dazu oder nicht? Espresso hinterher? Gleich? Gar nicht? Oder was anderes?«

Das brachte sie auf andere Gedanken. Nach einer längeren Diskussion, in der unter anderem auch männliche Bauchumfänge und weibliche Erinnerungen an schlanke Verehrer eine Rolle spielten, wollte niemand Sahne, aber jeder einen Espresso, Siegmund sogar einen doppelten. »Mein Treibstoff«, erklärte er.

Markus war nach dem blitzartigen Abgang Silvios wie vor den Kopf geschlagen. Später konnte er sich nicht mehr daran erinnern, wie er den Rest des Tages verbracht hatte; er kam erst abends wieder zu sich, als er einen Burrito mit Salat in sich hineinstopfte und merkte, dass er überhaupt keinen Hunger hatte.

Dabei hatte der Plan vielversprechend geklungen. Auch Markus hatte an so etwas gedacht. Er war gerade solo gewesen, als er von dem Lokalisierungsprojekt erfahren und sich dafür beworben hatte, und danach hatte er sich nicht mehr mit Frauen verabredet. Er hatte ungebunden sein wollen, wenn er in den USA ankam. Für alle Fälle.

Aber es würde nicht funktionieren. Davon, dass das Verhältnis der Geschlechter in den USA seit etlichen Jahrzehnten das reinste Minenfeld war, hatte er natürlich gehört – aber wie dicht die Minen lagen, hatte er sich nicht vorstellen können.

Dabei hatte er sich so gut vorbereitet. Er hatte die anspruchsvollsten Englischkurse absolviert, die zu finden gewesen waren. Er hatte im Sprachlabor hingebungsvoll daran gefeilt, seinen deutschen Akzent auszumerzen. Er hatte Bücher gelesen und Vorträge über die Umgangsformen in den USA besucht – allerdings nur, was das Geschäftsleben anbelangte. Er wusste, dass Amerikaner mehr Wert auf Pünktlichkeit legten als die meisten Europäer. Dass man tunlichst vermied, über Religion oder Politik zu reden. Dass man lieber zu viel als zu wenig lobte, insbesondere, wenn man noch fachliche Fragen oder gar Kritik anzubringen hatte, egal wie konstruktiv sie aus der Sicht eines Europäers sein mochte. Dass der Dress Code unumstößlich war – aus diesem Grund hatte er, abgesehen von zwei Paar Jeans und ein paar T-Shirts für den Abend, überhaupt nur dunkle Anzüge, helle Hemden und gedeckte Krawatten mitgenommen. Verglichen mit seinen Kollegen stand er jeden Morgen overdressed vor der Hoteltür; insbesondere Jean-Marc in seinem schlabbrigen Intellektuellen-Pullover schien sich insgeheim köstlich zu amüsieren.

»Würde wirklich gerne wissen, was er zu der Frau gesagt hat«, meinte jemand.

Doch das war nicht die Frage, erkannte Markus. Die bloße Tatsache, dass ausgerechnet in dem Land, das mehr und härtere Pornografie produzierte als der Rest der Welt zusammen, ein wie ungeschickt auch immer formuliertes Kompliment Grund für eine fristlose Kündigung sein konnte, sagte genug: nämlich, dass es zu riskant war, darauf zu spekulieren, dass er es besser machen würde als Silvio. Dazu waren die Regeln zu undurchschaubar.

Für einen Plan B gab es wenig Alternativen. Zwar hatte Markus die halbe Million Euro aus dem elterlichen Erbe auf seinem Konto, aber das war nur die Hälfte der Summe, die nötig war, um als Investor die permanente Aufenthaltsgenehmigung in den USA beantragen zu können.

Wenn er also nicht nach Ablauf der Zeit zurückgeschickt werden wollte, blieb ihm nur, zu schaffen, was als unmöglich galt, nämlich: aus einem Lokalisierungsteam heraus eine Karriere in der Muttergesellschaft zu starten.

Markus hatte noch von keinem derartigen Fall gehört. Aber war Amerika nicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Nun würde es sich zeigen.

Es musste jedoch schnell gehen. Er hatte nur sechs Monate Zeit, und davon waren zwei Wochen bereits vergangen.

Er sah in die Runde. Sah Pavel, den gemütlichen Tschechen, einen Witz zum Besten geben. Sah Lourdes, die walkürenhafte Spanierin, so herzhaft lachen, dass ihr gewaltiger Busen wogte. Sah Konstantin, den ruhigen Griechen, schmunzelnd nach dem Salz greifen. Sah Jean-Marc, den durchgeistigten Franzosen, mit dem derben Bengt aus Schweden diskutieren.

Eine tolle Truppe. Lauter Leute, die in Ordnung waren und mit denen man gut auskam.

Er musste sich von ihnen absetzen, so schnell es ging.

Er besorgte sich eine eigene Wohnung. Das war alles andere als einfach, denn eigentlich hatten sie neben der Arbeit keine Zeit. Er machte es so, dass er morgens die Lokalzeitung aus dem Frühstücksraum in sein Zimmer entführte und abends die Telefonnummern der Immobilienmakler herausschrieb, die darin inserierten. Tagsüber nutzte er gelegentliche Pausen, um mithilfe seines deutschen Mobiltelefons, dessen Benutzung in den USA sündhaft teuer war, Termine für den darauf folgenden Samstag auszumachen.

Die erste Wohnung, die er angeboten bekam, glich eher einer Baustelle als etwas, worin man wohnen konnte. Die zweite war eine Art ausgebauter Kleiderschrank. Doch schon das dritte Objekt entpuppte sich als hübsches kleines Holzhäuschen mit zwei Zimmern, Küche, Bad und Veranda, komplett möbliert bis hin zum Fernseher, zum Kühlschrank mit Eiswürfelmaschine und zur Klimaanlage. Sehr gemütlich, sehr amerikanisch. Sogar die typische Klapptür mit Fliegengitter darin war vorhanden. Wie im Film.

»Wie viel?«, fragte Markus.

»Hundert Dollar die Woche«, sagte die Maklerin. »Strom und Wasser extra.«

»Okay.« Verglichen mit dem Quadratmeterpreis des ausgebauten Kleiderschrankes war das geschenkt. »Wo muss ich unterschreiben?«

Natürlich blieb sein Umzug den anderen nicht verborgen, und natürlich stellten sie Fragen.

»Bist du verrückt?«, wollte Leon de Rijk, der Holländer, wissen. »Hier bekommst du jeden Tag das Bett gemacht und das Zimmer gesaugt, und die Firma zahlt alles – und du suchst dir eine eigene Wohnung?«

»Ich brauche das«, behauptete Markus. »Weißt du, das ist seit jeher so bei mir – nach einer Woche im Hotel reicht es mir einfach.«

Marina, die kleine Polin mit den hellbraunen Locken, fragte: »Bist du denn unserer Gesellschaft schon überdrüssig?«

»Nein, Unsinn«, versicherte Markus im überzeugendsten Tonfall, den er zu Stande brachte. »Natürlich komme ich abends trotzdem hierher, wie gehabt. Ist doch klar; was soll ich alleine in dem Haus hocken? Ich will nur in einem Bett schlafen, das ich mir selber machen muss, das ist alles.«

»Es wird den Teamgeist schwächen«, meinte Jean-Marc. Sie saßen wieder einmal zum Thema Schweizer Bankenrecht zusammen. »Ich würde wirklich gern wissen, warum du das tust.«

Markus beugte sich vor. »Ganz im Vertrauen? Eigentlich ist es ein völlig kindischer Grund. Ich will einfach wie ein Amerikaner leben. In amerikanischen Supermärkten einkaufen, amerikanische Lebensmittel in einer amerikanischen Küche zubereiten und so weiter. Sonst wäre das alles kein Abenteuer für mich. Und ich habe bloß ein halbes Jahr Zeit; das ist nicht viel. Das brauchst du übrigens nicht weiterzuerzählen«, fügte er hinzu und war sich sicher, dass Jean-Marc diese Bitte ignorieren würde.

Der Franzose hob tadelnd eine Augenbraue. »Ich persönlich finde dieses Land eine Zumutung. Ich kann es kaum erwarten, dass die sechs Monate vorbei sind. Aber« – er zuckte mit den Schultern – »chacun à son goût

Das nächste Ziel war, sich niemanden unnötig zum Feind zu machen. Das wäre eine schlechte Strategie gewesen. Aber die Zukunft sah nun einmal so aus, dass die anderen aus dem Team, so sympathisch sie sein mochten, nach dem halben Jahr hier in ihre nationalen Vertriebsorganisationen zurückkehrten. Danach würden sie einander im Wesentlichen nur noch E-Mails schreiben, und in denen würde es vorwiegend um die Software gehen. Und alle paar Jahre würde man sich auf irgendeinem Kongress, einem Seminar – oder auf einem Flughafen – über den Weg laufen und sagen: »Weißt du noch?«

Markus hatte nicht vor, Teil dieser Zukunft zu sein.

An den ersten beiden Abenden nach seinem Auszug tauchte er im Hotel bei den anderen auf, als wäre nichts gewesen. Allerdings achtete er sorgfältig darauf, zum richtigen Zeitpunkt aufzutauchen: dann, wenn alle am Tisch saßen. Niemand sollte übersehen können, dass er zwar von außerhalb dazustieß, aber dass er Wert darauf legte, Teil des Teams zu sein. Er machte die Tour um den langen Tisch herum, tätschelte Schultern, riss Witze und versprühte Lebensfreude und Begeisterung, obwohl ihm nach all den Stunden mit dem deutschen Steuerrecht eher danach zu Mute war, unter den Tisch zu sinken und sich in den Schlaf zu weinen. Dann quetschte er sich irgendwo dazwischen und ließ sich ein Gedeck bringen, um den Rest des Abends dabei zu sein wie bisher auch.

Bloß, dass er ein bisschen früher ging. Und die eine oder andere Bemerkung machte, die klarstellte, dass er zu kämpfen hatte. »Sechzig Prozent aller Literatur, die weltweit zum Thema Steuern gedruckt wird, behandelt das deutsche Steuerrecht, ist euch das klar?« war ein Argument, das für betroffene Gesichter sorgte. »Weltweit!«

Die Zahl stimmte sogar. Bloß hatte sie – was er natürlich für sich behielt – für seinen Job nicht die geringste Relevanz.

Am dritten Abend stand wieder ein Gedeck für ihn bereit, deswegen kam er am Abend darauf erst nach dem Abendessen. Er brach ein Billardspiel mittendrin ab und entschuldigte sich: Er müsse ins Bett.

In Wirklichkeit fuhr er danach zu einem der riesenhaften Supermärkte außerhalb der Stadt, die rund um die Uhr offen hatten und wo die Bewohner von Paradise Valley offensichtlich lieber einkauften als in ihrer Innenstadt, und deckte sich mit allem ein, was ihm noch fehlte, um sich von nun an selbst zu versorgen. Abgesehen vielleicht von Kleinflugzeugen und Hochseejachten gab es hier praktisch alles zu kaufen: Lebensmittel und Haushaltsgeräte, Möbel und Computerzubehör, Kleidung und Fernreisen, Versicherungen und Unterhaltungselektronik jeder Art. Selbst wer nachts um ein Uhr das dringende Bedürfnis verspürte, eine Kettensäge, ein Jagdgewehr oder eine Telefonanlage zu erstehen, wurde fündig. Die Einkaufswagen hatten die Ausmaße von Kleinwagen, und sie durch den ganzen Parcours zu schieben ersetzte eine Runde im Fitness-Center. Das gab es dort natürlich auch, und es hatte ebenfalls rund um die Uhr geöffnet. Und die Frauen an den Kassen waren so freundlich, als könnten sie sich zu dieser späten Stunde keinen schöneren Aufenthaltsort vorstellen.

Amerika! Wie er dieses Land liebte, mit seiner unnachgiebigen Entschlossenheit, das Unmögliche möglich zu machen, und mit seiner unerschütterlichen Liebe zum Kolossalen. Er hätte jauchzen mögen, als er seine Kreditkarte zückte.

Seinen Wecker stellte er eine schmerzhafte Stunde früher, um eine Stunde vor dem Lokalisierungsteam in der Firma zu sein. Die Hälfte dieser Stunde verbrachte er damit, dafür zu sorgen, dass er von den anderen, den ständigen Mitarbeitern, bemerkt wurde. Er schüttelte Hände, machte aufmunternde Bemerkungen und grüßte vor allem jeden, dem er begegnete, mit Namen. Die zu erfahren war kein Problem gewesen. Im Intranet war das komplette Organigramm zu finden, mit Fotos neben jedem Namen. Das hatte er sich ausgedruckt und vor dem Schlafengehen Namen zu Gesichtern gebüffelt wie einst englische Vokabeln. Selbstverständlich achtete er darauf, immer seinen Clip mit der Visitenkarte zu tragen, und zwar so, dass sein Gegenüber keine Mühe hatte, sie zu lesen. So dauerte es nicht lange, bis er das erste Mal mit »Hi, Mark!« zurückgegrüßt wurde.

Musik in seinen Ohren.

Einmal noch ging er zum Abendessen mit den anderen. Aber er mischte sich in jede Unterhaltung ein und torpedierte sie alle so lange mit pausenlosem Gerede über fachliche Fragen, bis jemand – Pavel – rief: »Mark, du bist ja besessen von diesem Job!«

Worauf er ihn anstierte und erwiderte: »Ich will ihn erledigen. Das ist alles.«

In der Art, wie ihn die anderen musterten, erkannte er, dass sie sich an ihn als an jemanden erinnern würden, der sich »tierisch reingehängt« hatte, nicht als an jemanden, der ihnen einfach den Rücken gekehrt hatte. Das war alles, was er wollte. Von da an kam er nicht mehr, sondern verbrachte die Abende in der Firma.

Das nämlich ist das Geheimnis, das diejenigen, die pünktlich Feierabend machen, nie erfahren: Abends, wenn die Sekretärinnen, Verwaltungsangestellten und sonstigen niederen Dienstgrade das Gebäude verlassen, verändert sich die Atmosphäre. Ruhe kehrt ein. Diejenigen, die zurückbleiben, sind Verschworene, die wahren Helden, Kämpfer für die Interessen der Firma, die sich im Kampf gegen die Konkurrenz aufreiben. Sie genießen es, endlich unter sich zu sein. Krawatten werden gelockert, Schuhe aufgebunden, Hemdknöpfe geöffnet. Gespräche verlaufen gelöster, die Stimmen klingen tiefer, es wird mehr gelacht. Obwohl draußen die Nacht anbricht, hat man alle Zeit der Welt.

Wenn der Bus mit den anderen vom Team vom Parkplatz rollte, saß Markus noch an seinem Platz. Er arbeitete weiter, aß nebenher ein paar Sandwiches und richtete es so ein, dass seine Mails nach Deutschland, Österreich oder der Schweiz jeweils bis zehn Uhr abends draußen waren. Danach holte er sich eine frische Tasse Kaffee und strich damit durch die Gänge. Wo er eine Tür fand, hinter der es noch hell war, klopfte er an, schaute hinein und sagte etwas wie: »Hi, meine Augen fangen gerade an, viereckig zu werden. Da dachte ich, ich nehme meinen Kaffee und schau mal, was für Irre denn noch so um diese Zeit zu Gange sind. Haben Sie fünf Minuten Zeit? Ich heiße übrigens Mark Westman.« Und schon war er im Gespräch mit jemandem, den er unter normalen Umständen nie kennen gelernt hätte und der meist dankbar für die Ablenkung war.

Es war pure Strategie. Es ging darum, möglichst vielen Leuten aufzufallen. Verbündete zu finden. Innerhalb der Firma ein Netzwerk zu knüpfen. Karriere machte der, der so wirkte, als würde er einmal Karriere machen. Und anders als immer behauptet wird, schätzt kein Unternehmen Mitarbeiter, die sich ihre Arbeit so intelligent einteilen, dass sie sie innerhalb der vereinbarten Bürostunden erledigt bekommen.

Genauso war es Strategie, um halb elf Uhr abends den Kopf in das Büro des allerobersten Chefs der Niederlassung Paradise Valley zu stecken und beiläufig zu fragen, ob er zufällig noch etwas Kaffee übrig habe.

Natürlich wusste Markus, dass der Mann mit dem rosigen Gesicht und den Geheimratsecken, der die Füße auf dem Schreibtisch liegen hatte und in die Lektüre eines Berichts vertieft war, Richard Nolan hieß. Er wusste sogar, dass er verheiratet war und zwei Töchter hatte, von denen die eine noch studierte – Geschichte –, während die andere gerade das erste Enkelkind in Arbeit hatte. Und er wusste, dass ihm der weiße Lincoln mit der roten Lederausstattung gehörte.

Nolan nahm die Füße nicht vom Tisch, sondern nickte nur kurz in die Richtung der Thermoskanne, die auf seinem Kühlschrank stand. »Müsste noch was da sein.«

»Danke.«

Gerade als Markus nachgeschenkt hatte und die Kanne wieder absetzte, fragte Nolan: »So spät noch da? Sie sind doch aus dem Lokalisierungsteam, nicht wahr? Deutschland, glaube ich.«

»Ja. Mein Name ist Mark. Mark Westman.« Markus machte sich an seiner Tasse zu schaffen, um seine Nervosität in den Griff zu bekommen; tat, als müsse er über den Kaffee pusten, ehe er daran nippen konnte. »Mir gefällt die Atmosphäre am Abend. Die Konzentration. Es hilft mir, den Job besser zu erledigen.«

Nolan nickte. »Verstehe. Ja, geht mir genauso.«

In der Art, wie er es sagte, schwang etwas mit von O.K., und jetzt hätte ich gern wieder meine Ruhe, also beließ es Markus für diesmal bei einer knappen Verabschiedung und ging.

Ein paar Tage später begegneten sie sich wieder – in der Toilette, kurz vor Mitternacht. Und nicht ganz so zufällig, wie es Nolan hoffentlich vorkam.

»Na? Immer noch an der Arbeit?«, meinte er, als sie nebeneinander an den Waschbecken standen.

Markus nickte seinem Spiegelbild zu, das genau so aussah, wie es aussehen sollte: blass, müde, mit Schatten unter den Augen. Ein Kämpfer, der für seinen Job alles gab. »Nun ja, Sir«, meinte er. »Tatsächlich hat niemand behauptet, dass es leicht sein würde. Und dass eine Rundreise zu den Sehenswürdigkeiten inbegriffen sein würde, stand auch nirgends.« Er zuckte mit den Schultern. »Was soll’s? Kann man alles nachholen.«

Nolan grinste. Er wirkte auch schon etwas müde. »Wohin würden Sie denn fahren, wenn Sie Zeit hätten?«

»Westküste«, erwiderte Markus wie aus der Pistole geschossen. »Vor allem anderen würde ich nach Kalifornien fahren, nach Los Angeles. Hollywood, Sunset Strip. Und nachsehen, ob das Whiskey-a-Go-Go noch steht.«

Nolan machte eine Bewegung, als zucke er innerlich zusammen. »Das Whiskey-a-Go-Go? Wieso das denn?«

»The Doors, Sir. Ich weiß nicht, ob Ihnen das was sagt. Das war Ende der Sechziger eine berühmte Rockgruppe. Haben ein paar der großartigsten Songs aller Zeiten geschrieben, meiner Meinung nach jedenfalls.« Markus fuhr sich mit den nassen Händen übers Gesicht. »Na ja, und irgendwann will ich auf ihren Spuren wandeln, wie man so sagt. Dort, wo alles anfing.«

Als er wieder aufblickte, sah er, dass Nolan ihn erschüttert musterte.

»The Doors. Ich wusste nicht, dass sie heutzutage immer noch so bekannt sind. Das ist ein Teil meiner Jugend, müssen Sie wissen, der beste davon vielleicht … Sie kommen aus Europa, nicht wahr? Jim Morrison liegt in Paris begraben.« Der Mann, der einmal die Woche mit Simon Rowe zu Mittag aß, winkte ab. »Was rede ich? Das wissen Sie natürlich. Ich wollte immer mal hinpilgern, aber wie das so geht, jedes Mal ist etwas anderes wichtiger. Und meine Frau fürchtet sich vor Reisen ins Ausland …«

»Verstehe«, sagte Markus. Nichts weiter. Jetzt durfte er es nicht zerreden.

»This is the end, beautiful friend«, zitierte Nolan versonnen nickend. »This is the end, my only friend, the end. Of our elaborate plans, the end. Und so weiter. Ja, das waren noch Zeiten. Wahrscheinlich die besten, die es je gegeben hat.«

Markus verließ die Toilette mit dem sicheren Gefühl, dass es sich gelohnt hatte, fast drei Stunden im Gang zu lauern. Und den Aufkleber auf Nolans ansonsten makellosem Auto hatte er auch richtig interpretiert. Noone here gets out alive. Nur dieser Satz. Er hatte ihn in diverse Suchmaschinen eingegeben, und das Internet war in überwältigendem Maß der Auffassung gewesen, dass das eine Zeile aus einem Song von Jim Morrison war. Der Titel hieß »Five to One«, das Album »Waiting for the Sun«. Es gab eine Menge Websites, die in übersichtlicher Form alles bereithielten, was man wissen musste, um als Doors-Fan durchzugehen.

Vielleicht würde er sich sogar irgendwann eine CD der Doors besorgen.

Erst einmal passierte nichts weiter. Die Wochen vergingen. Weiterhin verließ Markus das Haus jeden Morgen vor Sonnenaufgang, um erst spät in der Nacht zurückzukommen; die Sonntage verschlief er meist völlig. So bekam er seine Nachbarn so gut wie nie zu sehen, was diese nicht davon abhielt, ihm immer wieder Zettel in den Briefkasten zu stecken, er möge doch an diesem oder jenem Abend auf ein Barbecue vorbeikommen. Amerikanische Gastfreundschaft. Aber natürlich musste er ablehnen, dafür war keine Zeit.

Er begann, Verbesserungsvorschläge zu machen. Schriftlich, kurz und knapp – es durfte nicht so aussehen, als habe er nichts anderes zu tun – und so positiv wie möglich. Das Papier für die Drucker war in der Nische vor der Teeküche denkbar ungünstig untergebracht: Markus schlug den Schrank im Vorraum vor, der besser zugänglich und weniger im Weg war. Einige Jalousien schlossen nicht, sodass an etlichen Monitoren vor lauter Spiegelungen kaum noch gearbeitet werden konnte, wenn die Sonne schien: Er regte an, sie durch moderne Rollos zu ersetzen. Und so weiter.

Jemand sagte ihm, er sähe blass aus, ob er krank sei? Ein Alarmsignal. Man darf überarbeitet aussehen, aber niemals so, als breche man demnächst zusammen. Noch am selben Abend kaufte sich Markus eine Höhensonne und verbrachte fortan jeden Morgen zwanzig Minuten davor. Kaffee trinken konnte man auch mit nacktem Oberkörper und Schutzbrille. Außerdem möbelte er seine Garderobe auf; die amerikanische Waschmaschine war mit den Klamotten, die er mitgebracht hatte, zu grob umgesprungen. Zumal er praktisch ständig am Wäschewaschen war, weil er inzwischen jede Garnitur nach einem Tag im Büro komplett durchgeschwitzt hatte. Und er machte einen besseren Frisör ausfindig.

Die Zeit verging im Flug. Das Handbuch wuchs, er bekam die ersten Testversionen der deutschen Programmfassung, und Dr. Beißwenger war von seinen Gesprächspartnern der erste, der die Änderungen absegnete. Markus begann, sich zu fragen, ob er nicht alles ein wenig lockerer nehmen und endlich einmal herausfinden sollte, wie die Straße, in der er wohnte, an einem Wochentag bei Tageslicht aussah.

Doch dann kam ein Rundmail des Inhalts, dass das Papier für die Drucker sich künftig an einem anderen Platz befand. Es war der Schrank im Vorraum, den Markus dafür vorgeschlagen hatte. Am nächsten Tag tauchten Handwerker auf und begannen, die nicht mehr schließenden Jalousien gegen neue auszutauschen.

Und, endlich, an einem Freitag gegen halb zehn Uhr vormittags, kam ein Anruf aus Richard Nolans Vorzimmer. Der »Boss« wolle ihn sehen. Sofort. Und nein, er brauche keine Unterlagen mitzubringen.

Vor Nolans Tür atmete Markus noch einmal tief durch. Mit mühsam gespielter Selbstverständlichkeit betrat er das Büro, bestrebt, zugleich emsige Geschäftigkeit wie auch ernste Gesprächsbereitschaft auszustrahlen. Als er sah, dass auch John Murray da war, eine Akte in der Hand, das Gesicht ausdruckslos, wagte er zu hoffen, dass seine Strategie aufgegangen war.

»Mark«, sagte Richard Nolan mit einem Blick auf den Bildschirm seines Notebook-PC, als stünde dort alles über den jungen Mann aus Deutschland verzeichnet, »ich will keine großen Worte machen. Sie sind mir aufgefallen. Sie haben etliche gute Vorschläge gemacht, seit Sie hier sind. Sie haben sich gut in das Team eingefügt und zeigen außergewöhnlichen Einsatz.«

»Das, ähm …« Markus musste schlucken. Nun, da es so weit war, verschlug es ihm doch die Sprache, obwohl er ja die ganze Zeit auf genau diesen Augenblick hingearbeitet hatte. »Das freut mich zu hören. Richard«, fügte er eilig hinzu.

Jetzt fehlt nur die Filmmusik, ging es ihm durch den Kopf, während Nolan fortfuhr: »Ich wollte Sie fragen, Markus, ob Sie es sich vorstellen könnten, nach Abschluss der Lokalisierungsarbeiten in der Zentrale zu bleiben, anstatt nach Europa zurückzukehren. Ich glaube, ich spreche im Namen aller, wenn ich sage, dass wir uns glücklich schätzen würden.«

Gegenwart

Der Besuch entpuppte sich schlicht als sein Bruder Frieder.

»Wie geht’s dir?«, fragte er vom Fußende des Bettes aus, einen seltsam unpassend aussehenden kleinen Blumenstrauß in der Hand.

Markus verzog das Gesicht, was seine Narbe dazu brachte, zu schmerzen. »Keine Ahnung. Es ist mir jedenfalls schon besser gegangen.«

»Du hast Glück im Unglück gehabt. Du könntest auch tot sein.«

»Ich beklage mich ja gar nicht.«

»Ich meine nur.« Frieder ging zum Waschbecken und steckte den Blumenstrauß in eine Vase. »Kannst du dich noch erinnern, was passiert ist?«

»Undeutlich. Aber: Ja. Mein Motor ist ausgegangen. Und jemand ist mir von hinten draufgefahren.« Markus räusperte sich mühsam. »In Amerika. Aufgewacht bin ich aber hier.«

Frieder nickte bedächtig, holte dann einen der beiden Stühle heran und setzte sich. Es war lange her, dass Markus seinen großen Bruder zuletzt gesehen hatte; über ein Jahr. Das Asketische in seinem Erscheinungsbild prägte sich immer weiter aus, je älter er wurde. Nun trug er auch noch das Haar extrem kurz, was ihn wie einen Mönch aussehen ließ. Einen Mönch im Dreiteiler.

»Du warst eine Woche in einer Klinik in Pennsylvania, in Bloomsbury. Dort bist du operiert worden. Dann haben wir dich rübergeholt.« Frieder betrachtete seine Fingernägel.

Markus ließ das auf sich wirken. Das Denken fiel ihm noch schwer; es war, als habe er Sirup im Hirn. »Warum sagen die Ärzte hier ›Herr Pohl‹ zu mir?«

Frieder schürzte die Lippen. »Ich hielt es für besser. Nur der Chefarzt weiß, wer du wirklich bist. Für alle anderen bist du Matthias Pohl.«

»Ich wundere mich, dass das so einfach geht, jemanden unter falschem Namen in einem Krankenhaus unterzubringen.«

»Es war nicht einfach.«

Markus musterte seinen Bruder. Natürlich, Frieder hatte seine Beziehungen spielen lassen, klar. In solchen Dingen war er gut. Und schwer zu durchschauen, schon immer. »Wenn es nicht einfach war«, sagte er, »muss es einen wichtigen Grund gegeben haben, sich trotzdem die Mühe zu machen.«

»Den gab es, aber damit solltest du dich im Moment nicht belasten«, erklärte Frieder mit ausdruckslosem Gesicht. »Lass dir Zeit. Mach deine Gymnastik, ernähr dich gesund, lass dir diese Narbe wegmachen, und so weiter. Und kümmere dich um nichts sonst. Denk die nächsten drei Monate nur an dich und deine Gesundheit. Sieh zu, dass du zu Kräften kommst; alles andere ist im Augenblick völlig unwichtig.«

Markus schloss einen Moment die Augen, atmete die nach Desinfektionsmittel riechende Krankenhausluft ein, sah seinen Bruder wieder an und sagte leise: »So funktioniert das nicht bei mir. Das solltest du wissen.«

Frieder presste für einen winzigen Moment die Lippen zusammen. »Also gut«, sagte er schließlich. »Den ganzen Aufwand treibe ich, damit du erst hier rausgehen musst, wenn du wieder im Vollbesitz deiner Kräfte bist. Du wirst sie nämlich brauchen.«

»Wieso?«

»Weil deine Firma dich verklagt hat. Gnadenlos. Sobald du wieder gesund bist, werden mehr Anwälte an deinen Fersen hängen, als du zählen kannst.«

Kapitel 5

Vergangenheit

Murray rührte sich nicht, als Markus sein Büro betrat. Nicht einen Millimeter. Er sah ihn nur an, sagte: »Nehmen Sie Platz« – aber er deutete nicht einmal auf den Stuhl auf der anderen Seite seines Schreibtisches.

Oh-oh. Irgendwas war faul.

Markus setzte sich bedächtig. »Sir?«

Rascher Check aus den Augenwinkeln. Auf dem Schreibtisch ein großes Bild seiner Familie. Im Vordergrund des Bildes hockte ein wuscheliger Hund von der Sorte, die so viel Haar im Gesicht haben, dass man keine Augen mehr erkennen kann. Murrays Frau war wesentlich hellhäutiger als er – okay, kein Kunststück – und kleiner als zwei der drei Töchter; die älteste sah schon fast erwachsen aus. Murray konnte also nicht mehr ganz so jung sein, wie er wirkte.

Auf dem Aktenschrank hinter Murrays Rücken lag ein Baseball, der so abgewetzt war, dass es sich nur um ein Erinnerungsstück handeln konnte, daneben ein dickes Buch, in schwarzes Leder gebunden. Die Bibel? Bestimmt.

Markus schwante Übles.

Murray zog eine Schublade auf, holte etwas heraus und warf es zielsicher vor Markus hin.

Es war eine Visitenkarte. Markus’ Visitenkarte.

»Ich habe nachgesehen«, sagte Murray. »Sie heißen nicht Mark S. Westman

Markus schluckte. »Stimmt.« Besser, er legte es darauf an, allen Angriffen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

»Wieso steht das dann auf Ihren Visitenkarten?«

Ein bisschen kleinlich, das Ganze, oder? Immerhin hatte er bis jetzt keine einzige dieser Karten verwendet. Und es war gut möglich, dass er am Ende der sechs Monate immer noch alle hundert haben würde.

»Das war … wie soll ich sagen? Eine Art Scherz.« Neulich war ihm doch so ein gutes Argument durch den Kopf geschossen, wie war denn das gewesen …? Ah ja. Genau. »Wissen Sie, Sir, als dieses Formular auf meinem Tisch lag, habe ich mich gewundert. Wirklich. Ich habe mich gefragt, wieso um alles in der Welt es nötig sein sollte, so ein Formular auszufüllen. Ich meine, die Firma kennt alle meine Daten. Nicht bloß das: Wir sind eine Firma, die in der Datenverarbeitung tätig ist. In weltweit führender Position. Ich finde, da sollte so etwas nicht vorkommen.« Das klang gut. Noch besser, als er gedacht hatte. Es klang eigentlich sogar richtig plausibel. »Ich wollte austesten, was passiert«, fügte er mit einem Schulterzucken hinzu. »Es hat mich ein bisschen enttäuscht, dass niemand etwas gemerkt hat, das muss ich zugeben.«

»Aber Sie haben sich nicht beschwert.«

»Nein. So wichtig war es mir nicht«, sagte Markus mit aller Beiläufigkeit, die er aufzubringen im Stande war. Und weil es nicht schaden konnte, fügte er hinzu: »In erster Linie bin ich hier, um den Job zu erledigen, den man mir gegeben hat.«

Murray lehnte sich zurück, legte die Fingerspitzen seiner Hände gegeneinander und sah aus, als ließe er sich das alles gründlich durch den Kopf gehen. Markus wartete, gestattete sich aber schon einmal ein leises Aufatmen.

»Ist Ihnen das siebte Gebot geläufig?«, fragte Murray und erklärte, als er Markus’ Gesicht sah: »Ich rede von der Bibel.« Es klang, als müsse er sich den Zusatz du dummer, heidnischer Europäer verkneifen.

Markus beeilte sich zu nicken. »Ja. Klar. Das siebte Gebot.« Himmel, welches war noch mal das siebte Gebot? Nicht töten war das fünfte, wenn er sich recht erinnerte, Gebot Nummer sechs auf jeden Fall – wie für künftige Eselsbrücken gemacht – das mit dem Ehebruch, also musste das siebte … »Dass man nicht lügen soll.«

»›Du sollst kein falsch Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten‹«, zitierte Murray. Er hatte etwas von einem Prediger, unbedingt. Auch das noch. »So klingt es ein bisschen anders, nicht wahr? Denken Sie nicht, dass es einen Grund gibt, dass es so formuliert ist?«

»Doch. Ja. Wahrscheinlich schon.«

»Denken Sie, es ist ein gutes Gebot? Ein sinnvolles?«

»Zweifellos.«

»Denken Sie, dass es für jeden Bereich des Lebens gilt? Oder denken Sie, das Geschäftsleben ist davon ausgenommen?«

War das Schweiß, der ihm da auf einmal den Rücken hinunterlief? »Nein. Auf keinen Fall. Das kann ich mir nicht vorstellen.«

Murray nickte. »Es geht um Vertrauen. Wenn wir einander nicht vertrauen können, zerfällt das menschliche Zusammenleben. Weil Vertrauen die Basis davon ist. Und Lügen zerstören diese Basis.« Er beugte sich vor, mit den raschen, schnellen Bewegungen eines Sportlers, und nahm die Visitenkarte wieder an sich. »Das, Mister Westermann, ist ein ›falsch Zeugnis‹.«

Markus merkte, wie er unwillkürlich den Kopf einzog. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Bibelunterricht im Chefbüro! »Sir, wie gesagt, es war nicht so gemeint …«

»›An ihren Taten sollt ihr sie erkennen‹, spricht der Herr«, unterbrach ihn Murray. Er verstaute das Corpus Delicti wieder in seinem Schreibtisch. »Ich werde Sie im Auge behalten, Markus, und mir selber ein Urteil bilden. Anhand dessen, was Sie tun.« Er nickte. »Das war es, was ich Ihnen sagen wollte.«

Markus verließ das Büro mit dem Gefühl, soeben einen Feind gewonnen zu haben.

Am nächsten Tag passte ihn, als er gerade vom Klo kam, jemand im Gang ab, den er noch nie gesehen hatte, auch nicht auf dem Organigramm. Es war ein blasser, beleibter, etwas teigig wirkender Mann mit rötlichen Haaren, der ihn mit ausgestrecktem Arm anhielt und fragte: »Bist du Mark aus Deutschland?«

»Ja«, nickte Markus verdutzt. War das jemand vom Hausdienst? Der für die Visitenkarten Zuständige vielleicht?

»Ich bin Keith. Komm mit.«

Es blieb keine Zeit, die Berechtigung zu derlei Befehlen zu hinterfragen, denn Keith wandte sich einfach ab und marschierte los. Wenn Markus wissen wollte, was das alles zu bedeuten hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

Zu seiner Verblüffung ging es direkt ins Allerheiligste, in den Bereich, in dem die Programmierer saßen. An dessen nahezu bombenfest wirkender Zugangstür war Markus auf seinen abendlichen Exkursionen stets gescheitert. Man brauchte eine besondere Ausweiskarte, um sie zu öffnen, und Keith besaß so eine Karte.

Dahinter sah es deutlich anders aus als im Rest des Gebäudes: Jeder Entwickler hatte ein Büro für sich, kaum größer als ein Kleiderschrank zwar und bis in den letzten Winkel mit Computern, Handbüchern und technischem Kram vollgestopft, aber ganz offenbar ein eigenes Reich, das er gestalten durfte, wie er wollte. Ein paar Türen standen offen; in einem Büro war die Decke mit pinkfarbenen Luftballons bedeckt, in einem anderen entstand die vermutlich bedeutendste Sammlung leerer Bierdosen von ganz Pennsylvania, und in einem dritten hockte jemand schlicht und einfach inmitten von Müll – Chipstüten, Burger-Schachteln, leeren Flaschen – und hackte in beeindruckendem Tempo auf seine Tastatur ein.

Der Name neben der Tür, durch die Markus gelotst wurde, lautete »Keith R. Pepper«. Auf der Tür selbst prangte ein Poster, das in blumenumrankten Buchstaben verkündete: Life as you know it is only a beta version. Would it be the real thing, you would have got a user’s manual.

»Setz dich«, meinte Keith und schloss die Tür hinter ihnen.

Markus sah sich um. Etliche Computer standen herum, allesamt ohne Gehäuse und anscheinend im Umbau begriffen. Die einzige freie Sitzgelegenheit war ein abgeschabter Fernsehsessel, der mit lässig zurückgeklapptem Rückenteil vor dem Schreibtisch stand. Der konnte wohl kaum gemeint sein, oder?

»Ach so«, sagte sein Gastgeber. »Warte.« Er zerrte etwas aus einer Ecke, das sich als das ehemalige Fußteil zum Sessel entpuppte. Um auf dem Boden Platz dafür zu schaffen, schob er mit dem Fuß einen Stapel aus Handbüchern beiseite, auf dem ein rostiger Werkzeugkasten thronte. »Ich bin ein bisschen zu faul, um dauernd aufzuräumen, weißt du?«

»Kein Problem«, sagte Markus und nahm behutsam auf dem Schemel Platz. Das Ding schien zu halten.

Keith warf sich schwungvoll in seinen Sessel. »Du fragst dich sicher, was das soll. Also – ich bin unter anderem zuständig für die deutschen Sprachversionen aller unserer Programme. Sprich, ich bin der Typ, bei dem die Zusatzfunktionen landen, die du dir ausdenkst.«

»Die denke nicht ich mir aus. Die denkt sich das deutsche Finanzministerium aus.«

»Schon klar. Die haben kreative Leute dort, das merke ich immer wieder.« Keith zog die Tastatur vom Schreibtisch auf seinen Schoß und fuhr beiläufig fort: »Ich habe mitgekriegt, dass Murray dich gestern ins Büro zitiert hat. Was wollte er denn?«

Oha! Wenn es etwas gab, vor dem Markus auf der Hut war, dann davor, in irgendwelche Bürointrigen verwickelt zu werden. »Das war eine eher private Geschichte«, sagte er zögernd.

»Wirklich?« Keith hob die Augenbrauen. »Gut. Ich dachte, vielleicht hat er dir eingeheizt. Das macht er meistens. Er guckt sich einen aus dem L-Team aus, aus welchen Gründen auch immer, und nimmt ihn aufs Korn. Kritisiert jedes Komma, das der setzt, und so weiter. Kannst du dir ja vorstellen.«

Ja, das konnte Markus sich vorstellen. »Klingt unangenehm.«

»Jede Wette. Auf jeden Fall, warum ich dich angesprochen habe – mir ist aufgefallen, dass du etwas vergessen hast zu übersetzen, und ich dachte, besser ich sag es dir, ehe du ins offene Messer rennst. Schau es dir an.« Er tippte ein paar Befehle in die Tastatur, und der Startbildschirm des Datamining-Moduls erschien auf dem Schirm.

Dann ging es erst mal nicht weiter. »Hängt das Programm?«, fragte Markus schließlich.

Keith musterte ihn verwundert, dann lachte er auf. »Nein. Das ist das, was du nicht übersetzt hast. Der Splash Screen

»Was gibt es da zu übersetzen?«

»Datamining zum Beispiel.« Keith griff nach einem steinalt aussehenden Wörterbuch und zog einen Notizzettel daraus hervor. »Ich habe nachgeschaut, was es wörtlich übersetzt heißen würde. Datenbergbau«, sagte er auf Deutsch. »Sagt man das so?«

Markus musste grinsen. »Ganz bestimmt nicht. Die Kunden würden uns auslachen. Nein, Datamining ist ein feststehender Begriff; ein Fachausdruck dafür, aus vorhandenen Daten verborgene Zusammenhänge zu erschließen.« Er musterte den Startbildschirm. »Auch alles andere kann so bleiben. Copyright – das ist okay. Version auch. Man könnte höchstens Alle Rechte vorbehalten schreiben anstatt All rights reserved

»Gut, dann schreibe ich das.« Seine Finger huschten über die Tasten, löschten die drei Wörter und schrieben drei neue hin. »Die anderen übersetzen alles. John drüben macht die französische und die spanische Version; da findest du auf dem Startschirm kein englisches Wort mehr. Und die anderen deutschen Module haben auch andere Namen bekommen – das Customer Care Modul zum Beispiel heißt, warte … Kundenbindungsmodul

Markus zuckte mit den Schultern. »Ich weiß. Wobei ich das nicht übersetzt hätte. Oder jedenfalls nicht so.« Er musterte den höchst entspannt dasitzenden Amerikaner. »Du sprichst gut Deutsch.«

»Ein bisschen«, knödelte Keith und fuhr lachend fort: »Gerade so viel, dass es an mir hängen geblieben ist, alles gegenzuprüfen, was mit deutscher Sprache zu tun hat. Den Job werde ich auch nicht mehr los, so lange ich bei Lakeside and Rowe arbeite, glaube ich.« Er hob sein Wörterbuch hoch. »Ein Erbstück. Hat mein Ur-Urgroßvater mit in die Staaten gebracht. Er ist gerade noch rechtzeitig vor dem ersten Weltkrieg aus Deutschland abgehauen.«

Markus nickte. »Dann wundert es mich nicht, dass ein Begriff wie Datamining nicht darin vorkommt.«

Die wenigsten Familien pflegen ihre Geschichte. Man kennt seine lebenden Anverwandten, und damit hat es sich. Sobald die Großeltern sterben, gehen ihre Erinnerungen mit ihnen verloren. In der Regel kennen die Menschen nicht einmal die Namen ihrer ferneren Vorfahren.

So ahnten weder Markus Westermann noch Keith Pepper, dass ihre Ur-Urgroßväter einander gekannt hatten, mehr noch, dass sie gemeinsam an einem atemberaubenden Projekt mitgearbeitet hatten – der Bagdadbahn, jener zweieinhalbtausend Kilometer langen Eisenbahnstrecke, die das Deutsche Reich einst von Berlin aus bis in die Stadt am Tigris führen wollte …

Ferne Vergangenheit
1903

Während er hinter dem jungen Einheimischen herritt, der ihnen als Führer diente, versuchte Friedrich Westermann sich darüber klar zu werden, was ihn aller Voraussicht nach zuerst zu Tode bringen würde: die erbarmungslose Gluthitze, die hier in der nordmesopotamischen Wüste herrschte, oder die giftigen Skorpione, die trotz aller Vorsichtsmaßnahmen jede Nacht irgendwie den Weg in sein Zelt fanden.

Im Augenblick räumte er der Sonne die größeren Chancen ein. Mit mühsam zusammengekniffenen Augen konsultierte er wieder einmal die Karte und den Kompass, wischte sich die Schweißtropfen aus den Augenbrauen und rief dann: »Kif! Kif!« Das war eines der ungefähr zehn Worte Arabisch, die er beherrschte, und der Junge, dessen Vorname Abdul war und dessen Nachname sich niemand merken konnte, tat ihm den Gefallen, es als »Halt!« zu verstehen.

Der Ingenieur stieg vom Pferd, rückte seinen Sonnenhut zurecht und betrachtete den Verlauf des Tigris und die karge Ebene entlang seiner Ufer. Technische Fantasie war gefragt. Man musste im Stande sein, sich vorzustellen, dass hier in einiger Zeit eine Eisenbahnlinie verlaufen würde. Eine Eisenbahnlinie, die dereinst von Berlin bis ins ferne Bagdad führen würde. Seit 1888 wurde daran gebaut, seit fast sieben Jahren war der erste Teil der Strecke über Konstantinopel bis ins anatolische Konya in Betrieb. Wenn einmal alles fertig gestellt sein würde, würde sie zwar nicht so lang sein wie die Transsibirische Linie, an der die Russen seit mehr als zehn Jahren arbeiteten, aber technisch weitaus anspruchsvoller. Es war vor allem das Bewusstsein, an einem derart kühnen Projekt mitzuarbeiten, ja, es zu gestalten, was einen die Strapazen ertragen ließ.

»Genießen Sie schon die Aussicht, die die Passagiere einmal haben werden?«, rief der Vermessungstechniker, mit dem Westermann zusammenarbeitete. Er hieß Hans Pfeffer, ein rotwangiger, beleibter Gemütsathlet aus Köln, der Mosul allen Ernstes für eine »interessante Stadt« hielt.

»Ich warte nur auf Sie.« Westermann wedelte mit der Landkarte. »Diese Karten sind mehr als ungenau, wenn Sie mich fragen. Eigentlich müsste man hier alles neu kartografieren.«

»Eins nach dem anderen«, meinte Pfeffer ungerührt, während er sich vom Pferd hievte. Dann begann er umständlich, seinen Theodoliten vom Sattel loszuschnallen.

Na, das konnte noch dauern. Der Kölner war in Ordnung, aber der Schnellste war er nicht. Westermann schritt auf den Fluss zu, der sich träge vorbeiwälzte. Ein wenig Grün entlang seiner Ränder, aber wie kahl und leblos hier ansonsten alles war! Geröll, Sandflächen, ab und zu ein paar karge Sträucher, angenagt von den Ziegen, die die Einheimischen hier weiden ließen …

Er hielt mitten im Schritt inne, betrachtete argwöhnisch den sandigen Boden, hob dann einen Fuß und besah sich die Schuhsohle.

Oh nein!

Der Eisenbahningenieur ging in die Hocke, fuhr mit den Fingern über die dunkle, schwach glänzende Fläche. Man roch es schon. Er hatte Grabwerkzeuge aller Art in seiner Gepäcktasche, aber er brauchte sie nicht: Selbst mit der bloßen Hand ließ sich das Erdreich leicht aufgraben.

»Sie können Ihre Geräte gleich wieder einpacken«, sagte er zu dem Vermessungstechniker, als er, eine Hand voll Erde in der Hand, zu den Pferden zurückkam. »Wir haben ein Problem.«

Pfeffer hob nur die buschigen Augenbrauen. »Das haben wir doch andauernd.«

Westermann hielt dem anderen das schwarze, schmierige Gemisch unter die Nase. »Riechen Sie mal.«

Der Kölner verzog das Gesicht. »Puh! Was ist das? Nafta?«

»Ja. Auch Steinöl, Erdöl oder griechisch Petroleum genannt. Ich fürchte, das macht die ganze Gegend hier wertlos.« Er wischte den öligen Sand von den Händen und zog ein Taschentuch hervor, um sich notdürftig zu säubern. »Ehe wir mit der Vermessung weitermachen, müssen wir uns über die Bodenbeschaffenheit Gewissheit verschaffen. Wo eine solche Ölsickerstelle ist, sind meist noch mehr, und auf so einem Grund kann man nicht bauen. Jedenfalls keine Eisenbahnstrecke.« Westermann blätterte in seinen Karten, zog die Übersichtskarte hervor. »Ich hoffe bloß, dass wir die Strecke am Ende nicht anders legen müssen.«

Denn Alternativen standen in dieser dünn besiedelten Gegend im Grunde nicht zur Wahl. Die bislang festgelegte Trasse führte über die nordsyrische Ebene, bis sie bei Mosul auf den Tigris stieß, und es war vorgesehen, dem Fluss von da an südwärts zu folgen. Nimrud lag bereits hinter ihnen, die nächste größere Stadt würde Kalaat Shergat sein, gefolgt von Kalaat Jabaar, Tekrit, Samarra und schließlich Bagdad. Mit anderen Worten, sie mussten nun vorrangig genau herausfinden, wie groß das betroffene Gebiet war, und es an die Planungsabteilung der Anatolischen Eisenbahngesellschaft melden. Die würden sich dann Gedanken darüber machen müssen, wie man den Bereich umgehen konnte …

»Wertlos?«, wiederholte Pfeffer. »Da wäre ich mir nicht so sicher. In Amerika und Russland bohrt man regelrecht nach Erdöl. Man gewinnt Kerosin daraus; Sie wissen schon, für die Lampen. Soweit ich weiß, kann man sogar Automobile damit betreiben.«

Westermann ließ die Karten sinken. »Automobile sind Spielzeuge für reiche Leute, weiter nichts.«

»Mag sein, aber das heißt doch trotzdem, dass ein Ölfund einen gewissen Marktwert besitzen könnte, oder?«

Der Eisenbahningenieur sah sinnend ins Leere. »Da haben Sie nicht ganz Unrecht. Gut. Wir werden den heutigen Tag nutzen, um uns einen Überblick über das Ausmaß der Sickerstellen zu verschaffen. Morgen reisen wir dann zurück nach Mosul und kabeln unseren Befund nach Berlin.«

Sie mussten nicht lange auf Antwort warten, doch das Telegramm aus Berlin überraschte sie. Sie mögen sich, hieß es, unverzüglich auf den Weg nach Konstantinopel machen und beim deutschen Botschafter vorstellig werden zwecks weiterer Anweisungen. Seine Hoheit, Sultan Abdul Hamid II., der Herrscher des Osmanischen Reiches, wünsche sie persönlich in der Angelegenheit der Ölfunde zu befragen.

»Was?«, rief Hans Pfeffer entrüstet aus. »Den ganzen Weg zurück, bloß für einen Plausch mit dem obersten Turbanträger?«

»Er trägt einen Fez«, korrigierte Westermann ihn. »Und ab Konya können wir mit der Eisenbahn fahren.«

Dass sie die beschwerliche Reise auf sich nehmen mussten, daran gab es nichts zu rütteln: Die Anweisung war gezeichnet von Karl Helfferich persönlich, dem Chef der Deutschen Bank, der zugleich offizieller Leiter der Anatolischen Eisenbahngesellschaft war.

Doch so schnell kam es nicht zu der Audienz. Nach ihrer Ankunft in Konstantinopel saßen sie Tag um Tag in ihrem Hotel und warteten, dass der Sultan endlich geruhen würde, sie zu empfangen. Statt eines Boten aus dem Palast kam aber jeden Tag nur der deutsche Botschafter, ein schmallippiger, steifer Mann in einem steifen Anzug, den zu tragen bei den herrschenden Temperaturen eine Qual sein musste, und versuchte, sie bei Laune zu halten.

Zu allem Überfluss gab es keinen Tropfen Alkohol, nicht einmal ein Bier. Sie tranken türkischen Kaffee, solange ihre Mägen es aushielten. Eine der Wände der Hotelbar war mit einer großen, wenn auch nicht ganz maßstabsgetreuen Karte bemalt worden, die Europa, den Nahen und Mittleren Osten und ein Stück von Nordafrika darstellte, mit Konstantinopel im Zentrum, und sie zerstreuten sich meist damit, anhand dieser Zeichnung über das Bahnprojekt zu diskutieren. Wenn sie Glück hatten, gab es eine deutsche Zeitung, zwar immer etliche Wochen alt, doch sie lasen sie trotzdem jedes Mal von der ersten bis zur letzten Seite. So erfuhren sie, dass König Alexander von Serbien und seine Familie von aufständischen Offizieren ermordet worden und die Sozialdemokraten aus den Reichstagswahlen in Deutschland als zweitstärkste Fraktion hervorgegangen waren, und auch, dass der Gesundheitszustand des greisen Papstes Leo XIII. sich zusehends verschlechterte. Pfeffer entdeckte mit sichtlichem Triumph eine Meldung, wonach ein amerikanischer Industrieller namens Henry Ford ein Automobil auf den Markt zu bringen gedachte, das weniger als eintausend Dollar kosten sollte.

»Das wird sich trotzdem nie durchsetzen«, prophezeite Friedrich misslaunig. »Was denkt dieser Ford sich? Dass jeder sein eigener Chauffeur und Maschinist sein will? Wo er sich einfach nur in die Eisenbahn zu setzen bräuchte?«

»Mit einem Automobil kann man aber fahren, wann man will und wohin man will«, wandte Pfeffer ein. »Ich könnte mir schon vorstellen, dass viele Leute das schätzen würden.«

»Unsinn. Haben Sie eine Vorstellung, wie viele neue Straßen man dafür bauen müsste? Unvorstellbar. Allein die Kosten!«

Das schien Pfeffer zu überzeugen; jedenfalls gab er Ruhe.

Ein paar Tage darauf betrat ein Mann Mitte dreißig die Hotelbar, mit einem glatten, runden Gesicht, in dem die ungewöhnlich buschigen Augenbrauen auffielen. Er trug einen eleganten, beinahe dandyhaften Anzug, wie er in London der letzte Schrei sein mochte, und erkundigte sich nach den Herren aus Deutschland.

»Mein Name ist Calouste Sarkis Gulbenkian«, erklärte er dann mit angenehmer Verbindlichkeit und schüttelte jedem von ihnen die Hand. »Da ich die Gelegenheit hatte, einige Erfahrungen im Ölgeschäft zu machen, geruhte seine Majestät der Sultan, mich mit dieser Angelegenheit zu beauftragen.«

»Sie sind also Osmane?«, fragte Hans Pfeffer, nach Westermanns Ansicht völlig überflüssigerweise.

Doch Gulbenkian deutete eine Verbeugung an und sagte ernst: »Von Geburt her bin ich Armenier, in der Tat; doch seit letztem Jahr habe ich die Ehre, Untertan Seiner Majestät König Edwards VII. zu sein.«

»Wir sind herbestellt worden, weil der Sultan mit uns reden wollte«, erklärte Friedrich Westermann misstrauisch. »Zumindest hat man uns das gekabelt. Aus Berlin.«

Gulbenkian machte eine entschuldigende Geste. »Der Sultan hat dringendere Probleme, nehme ich an.« Er deutete auf die Sessel aus geflochtenem Holz. »Wollen wir uns nicht setzen? Wir haben, glaube ich, vielerlei zu besprechen.«

»Was für Probleme hat er denn, der Sultan?«, fragte Pfeffer unverblümt, als sie saßen und die nächste Runde Kaffee auf dem Tisch stand.

»Der Aufstand in Mazedonien beispielsweise«, erklärte ihr Besucher. »Auch die wahhabitische Räuberbande, die letztes Jahr Riyadh erobert hat, gibt keine Ruhe. Es sieht aus, als habe dieser Abdulaziz Ibn Saud vor, die Rashid-Dynastie, die treuen Verbündeten der Osmanenherrscher auf der Arabischen Halbinsel, aus dem Land zu jagen. Schwer zu sagen, wohin das noch führen wird.«

Hans Pfeffer strich sich über den Schnurrbart. »Was, bitte, heißt ›wahhabitisch‹?«

»So etwas wie die Puritaner des Islam. Hundertfünfzigprozentige, Sie verstehen? Immerhin, dort unten liegen Mekka und Medina, die wichtigsten Heiligtümer der Muselmanen. So etwas führt leicht zu mancherlei Gefühlsaufwallungen.«

»Sie sind demnach kein Muselmane?«, vergewisserte sich Pfeffer.

Gulbenkian hob abwehrend die Hand. »Wir Armenier sind orthodoxe Christen.«

»Lassen Sie uns endlich zur Sache kommen«, fuhr Friedrich Westermann ungeduldig dazwischen. »Selbstredend werde ich Ihren Namen nach Berlin kabeln müssen; ohne eine Bestätigung Ihrer Legitimation von dort kann ich überhaupt nichts unternehmen. Aber gehen wir einmal davon aus, dass es mit allem, was Sie sagen, seine Richtigkeit hat: Wie sehen dann die nächsten Schritte aus?«

Falls er den Armenier durch seine Geradlinigkeit gekränkt hatte, ließ dieser es sich jedenfalls nicht anmerken. »Die nächsten Schritte«, sagte Gulbenkian ruhig, »sehen so aus, dass wir gemeinsam die fraglichen Ölsickerstellen in Augenschein nehmen. Da es mir vergönnt war, einige Erfahrungen in Baku zu sammeln, hoffe ich dadurch zu einem Urteil zu gelangen, inwieweit sich bei Mosul eine ähnliche Ölgewinnungsstätte errichten lässt. Danach werde ich dem Sultan meine Vorschläge unterbreiten, ob und wie ich dabei behilflich sein kann, das Öl zu fördern und damit zu handeln.«

Westermann winkte ungeduldig ab.

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