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Aus vollem Herzen

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Raus ins Leben
  8. Teil I: Perspektivenwechsel
    1. Die »Demutsgesten« des Pferdes
    2. Der neue Weg der Pferdeflüsterin
    3. Die Geschichte von No-Name
    4. Mit No-Name im Longierzirkel
    5. Wir beobachten uns gegenseitig
    6. Ein neuer Dialog
    7. Ist Pferdeflüstern wirklich gewaltfrei?
    8. Sprich zu mir, No-Name!
    9. Gesten übersetzen, Dialog herstellen
    10. Von der Beobachtung zur Wissenschaft, vom Wort zum Bild
    11. Aus der Perspektive des Pferdes denken
    12. Lernpsychologie bei Pferden
    13. Auf der Schwelle zu einer neuen Trainingsmethode
    14. Ein Traumpartner für meine wissenschaftlichen Studien
    15. Lernen aus der Vergangenheit
    16. Die Geburtsstunde von EBEC
    17. Freispringen
    18. Wie kommunizieren Pferde, wie kommunizieren Menschen?
    19. Gefühle kontrollieren unser Handeln
    20. Das ewige Thema Verladen – es geht ganz einfach
    21. Wie Pferde sehen
    22. Zwischen zwei Welten
  9. Bildstrecke I
  10. Teil II: Amerika zum Zweiten
    1. Kalifornien, ich komme!
    2. Die neue Rolle des Pferdetrainers: Weg vom Leittier, hin zum Lehrer
    3. Cottage for rent
    4. Optimale Lernbedingungen schaffen, Aggression ausschalten, eine Sprache finden, die Pferd und Mensch versteht
    5. Team und Pferde am Start
    6. Eine menschliche Herausforderung
    7. Die Magie des Verstehens
    8. Meeresrauschen am Windansea Beach
    9. Meine neue Nachbarschaft
    10. Training mit aggressiven Mustangs
    11. Schockverliebt
    12. Das schönste Weihnachten meines Lebens
    13. Do you want to marry me?
  11. Bildstrecke II
  12. Teil III: Die Geschichte von Roy
    1. Kopfschmerzen
    2. Lausbub
    3. Der Anruf
    4. In Roys Flip-Flops laufen
    5. Alles wird sich ändern
    6. Die erste OP
    7. Lost in America
    8. Wir sind dann mal wech – oder auch nicht
    9. Sterben im Airstream?
    10. The best is yet to come – Das Beste kommt erst noch
    11. Stickfigure Ranch und AKA Bootcamp 2016
    12. Der erste epileptische Anfall
    13. Roy kommt zurück in meine Welt
    14. Waffen im Haus
    15. Ich setze Roy Grenzen
    16. Sprechen, ohne zu verstehen
    17. Das haben wir noch nie probiert, also geht es sicher gut
    18. Stay in the moment
    19. Alles richtig gemacht, honey
    20. Tun, wonach das Herz ruft
  13. Danksagung

Über dieses Buch

Ihr ganzes Leben hat Andrea Kutsch damit verbracht, Pferde besser zu verstehen und Methoden zu entwickeln, wie dieses Verständnis im Training genutzt werden kann. Als sie in ihre neue Heimat Kalifornien zieht, spielt der Zufall ihr in die Hände: Ihr Nachbar ist Hirnforscher, ermutigt sie, wissenschaftliche Studien zur Wahrnehmung von Pferden zu veranlassen – und sie entwickelt eine neue, pferdezentrische Methode, die gleichermaßen mit Wissen und Empathie arbeitet. Die Methode wird begeistert angenommen, Andrea Kutsch feiert Erfolge. Als jedoch kurz darauf ihr Mann an einem bösartigen Hirntumor erkrankt, wird ihr klar, dass die entscheidende Lektion erst noch bevorsteht …

Über die Autorin

Andrea Kutsch wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren. Sie war Dressur- und Springreiterin, Polo-Spielerin und Profi-Windsurferin von Weltrang. Sie lernte Kommunikation bei der Werbeagentur »Springer & Jacoby« und baute ein eigenes Marktforschungsinstitut auf. Heute ist Andrea Kutsch die einzige von Monty Roberts legitimierte Ausbilderin und Problempferdetrainerin in Deutschland in seinem Namen. Im September 2006 hat die von ihr gegründete »Andrea Kutsch Akademie« ihren Lehrbetrieb aufgenommen und bietet einen dreijährigen Studiengang der Pferdekommunikationswissenschaften an. Andrea Kutsch lebt und arbeitet in der Nähe von Berlin.

Andrea Kutsch

AUS
VOLLEM
HERZEN

Wie ich erst die Pferde verstand
und dann das Leben

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

Raus ins Leben

Eine Szenerie wie im Film: Hier in Kalifornien hat man überall das Gefühl, man wäre im Film. Und manchmal ist das ja auch so. Hier, auf der Ranch meines Nachbarn Tom, werden öfter mal Filme gedreht. Und wenn die Schauspieler am Set sich ausruhen wollen, sitzen sie hier, lassen den Blick über die Wasseroberfläche des angelegten Sees schweifen und beruhigen Augen, Körper, Seele. Es ist ein ruhiger, friedlicher Ort. Wenn die Ruhe des Anblicks dann auf den ganzen Körper übergeht, können die Schauspieler aufstehen, sich umdrehen und sich in den hinter ihnen stehenden Airstream zurückziehen, einen Vintage Trailer, wie es ihn so in Deutschland kaum geben wird, aber hier in den USA genießt er Kultstatus: eine silbrige Hülle, ein Versprechen von Sicherheit und Komfort. Innen bietet er allen Komfort, den man sich wünschen kann, ein gemütliches Bett, ein gutes Bad – man könnte hierdrin leben. Er – oder vielmehr sie – heißt Linda. Ich habe sie mit meinem Mann Roy gekauft. Wir wollten darin eine Abenteuertour quer durch die USA machen. Wir hatten unsere Mietverträge gekündigt und wollten einfach los. Linda sollte unser Zuhause sein. Dann kam alles ganz anders. Noch heute sitze ich mit Tom und seiner Frau ab und zu hier. Dann schauen wir auf den Sonnenuntergang, trinken ein Glas Wein und denken an die wilde Zeit, die hinter uns liegt. Denn wie gesagt, alles kam ganz anders. Anders, aber gut.

Pferde haben mich ein Leben lang fasziniert. Schon als kleines Kind begann ich zu reiten. Der Grund waren unsere Nachbarn in Bad Homburg: Auf einem Grundstück in unmittelbarer Nähe hatten sie drei Isländer stehen, diese kleinen, robusten Pferde mit fünf Gangarten. Regelmäßig kletterte ich über den Zaun und verbrachte unbeschwerte Stunden mit ihnen.

Schon damals durchströmte mich jedes Mal ein unglaubliches Glücksgefühl, wenn ich den Pferden beim Grasen zuhörte und zuschaute. Angst vor diesen großen Tieren war mir fremd. Ich hatte sie immer als hilflose, ängstliche Fluchttiere wahrgenommen und wusste, ohne dass mir das jemand gesagt hätte, instinktiv, dass sie niemals böse sein wollten und dass sie, wenn sie dem Menschen Schwierigkeiten bereiteten oder in Aufregung gerieten, niemals schuld waren. Es konnte für mich nur daran liegen, dass sie etwas nicht verstanden hatten oder ihnen etwas Unbekanntes begegnet war.

Mein erstes eigenes Pony hieß Dominik. Es durfte zu den drei Isländern auf die Weide, aber Dominik und die anderen Pferde verstanden sich nicht. Es kam zu blutigen Auseinandersetzungen innerhalb des festen Herdenverbands, in den Dominik integriert werden sollte. Die Isländer bissen und traten ihn, und Dominik war nur noch auf der Flucht. Er kam nicht mehr zur Ruhe. Wir mussten umziehen in einen anderen Stall. Und als er sich auch dort nicht integrieren ließ, musste er verkauft werden. Es half kein Weinen, Bitten und Betteln meinerseits – Dominik musste weg. Heute weiß ich, wo die Schwierigkeiten höchstwahrscheinlich herkamen. Doch meine Eltern waren vollkommen ahnungslos in Bezug auf Pferde und ich war noch viel zu klein und unerfahren, um eine Lösung zu finden. Noch heute leide ich, wenn ich an diese schwierige Zeit zurückdenke, und daran, dass ich mein Pony nicht vor dem Verkauf retten konnte. Ich spürte zwar, dass sein Verhalten nicht sein Fehler war, und war mir sicher, dass es nur daran lag, dass wir Menschen etwas nicht verstanden. Er konnte sich uns nicht mitteilen und wir konnten ihn nicht verstehen. Es gab damals kein Wissen darüber, wie Pferde kommunizieren. Doch mir war schon damals klar, dass es einen Weg geben musste. Und von diesem Gedanken ließ ich mich von nun an nicht mehr abbringen.

Immer wieder suchte und fand ich als Heranwachsende Wege, Pferde anderer zu reiten, zu pflegen, mein ganzes Glück lag buchstäblich auf dem Rücken der Pferde. Doch je älter ich wurde, desto professioneller wurde das reiterliche Umfeld und desto mehr Gewalt rund um Pferde erfuhr ich. Bald gehörten Peitschen, Klatschen, Bahnpeitschen, Sporen, scharfe Reitgebisse, Ausbinder, Schlaufzügel, Steiggebisse, Hengstketten, Nasenbremsen und allerlei anderes zu meinem täglichen Handwerkszeug. Auch wenn mein Herz jedes Mal blutete, wenn es zu Konfliktsituationen zwischen Pferd und Mensch kam, so war ich auch von der Meinung geprägt, dass die professionellen Bereiter und Reiter, deren Pferde ich reiten durfte, besser Bescheid wussten als ich und dass ihre Methoden sicherlich richtig waren. Statt sie zu hinterfragen, zweifelte ich immer wieder an mir selbst und dachte, dass ich vielleicht etwas nicht verstand und nicht sehen konnte, was andere konnten. Ich litt mit, wenn sie litten, und suchte nach Möglichkeiten, mit ihnen zu kommunizieren. Aber mit diesem Gedanken war ich allein in der damaligen Pferdewelt.

Viele Jahre später, nachdem ich diverse reiterliche Sportarten praktiziert hatte – von Springen, Dressur, Vielseitigkeit, Jagdreiten bis hin zum Polospielen –, traf ich in Kalifornien auf den amerikanischen Pferdeflüsterer Monty Roberts, bei dem ich ein Seminar belegte. Monty Roberts praktizierte eine Technik, die er als »Join Up« bezeichnete und bei der Pferde nicht mehr über die Anwendung der üblichen Zwangswerkzeuge bestraft wurden, wenn sie sich nicht richtig verhielten. Stattdessen lehrte Monty, dass man Pferde so behandelte, als sei man selbst ein Pferd. Man wendete also Bestrafungskonsequenzen an, die man bei Pferden untereinander beobachten konnte.

Ich war fasziniert. Es schien mir zwar immer ein wenig befremdlich, dass ich »Pferd spielen«, also die Position eines Pferdes einnehmen sollte, wenn ich doch gar kein Pferd war. Aber trotz alledem war ich begeistert, dass es nun für viele Probleme mit Pferden eine kommunikativere Lösung gab, sog alles auf wie ein Schwamm und machte nun endlich mein Hobby zum Beruf. Ich wurde zu Montys Meisterschülerin, gemeinsam mit ihm bereisten wir die Welt und wir führten auf der ganzen Welt in großen Shows unsere Künste rund um die Arbeit mit Problempferden vor. So wurde ich zur »Pferdeflüsterin«. Ich hatte eine eigene Fernsehserie, schrieb ein Buch über meine Arbeit1, und die Menschen waren begeistert von meinen »magischen« Fähigkeiten. Ich konnte wilde, steigende Pferde schnell besänftigen, buckelnde Pferde wieder reitbar machen und Pferde, die beim Anblick eines Pferdeanhängers in Panik gerieten, im Handumdrehen beruhigen, sodass sie anschließend anstandslos den Pferdeanhänger betraten.2

Es waren tolle, aufregende Zeiten. Aber Ecken und Kanten hatte das System dennoch. Es entging mir nicht, dass ich zwar nun mit Pferden unglaublich viele Probleme gewaltfrei lösen konnte, aber langanhaltend waren die Lösungen meist nicht. Ging ein Pferd, das ich öffentlich trainierte, anschließend brav in den Anhänger, hatte es doch oft hinterher mit den Besitzern wieder Probleme. Manche Pferde, die ich in meinem Trainingsstall in Hamburg trainierte, wurden dort zwar wieder reitbar, aber später schrieben mir Besitzer häufig, dass es zu Hause erneut zu Schwierigkeiten gekommen war.

Zunächst dachte ich, dass die Leute eben nicht gut zugeschaut hatten. Würden sie es genauso machen wie ich, dann hätten sie auch keine Probleme. Bei mir funktionierte es ja. Aber war das wirklich die Lösung?

Ich probierte es aus. Manchmal muss man Dinge tun, um zu sehen, ob sie funktionieren. Ich gründete die Andrea Kutsch Akademie (AKA) in Bad Saarow und entwickelte ein Lehrprogramm mit aufeinander aufbauenden Seminaren. Es wurde ein voller Erfolg. Menschen wollten das Pferdeflüstern, so wie ich es konnte, erlernen und strömten aus allen Teilen Europas an meine Akademie. Ich trainierte Pferde, zeigte meine Künste in öffentlichen Vorführungen und half Menschen dabei, ihre eigenen Problempferde zu trainieren. Doch warum eigentlich Problempferde trainieren? Es musste doch möglich sein, dass Problempferde gar nicht mehr entstehen! Woher kamen all diese Probleme? Ja, ich konnte nun aggressive Pferde vor dem Schlachthof retten, weil ich sie umtrainieren konnte. Aber war das nicht der falsche Ansatz? Das Fohlen wird doch nicht als Problempferd geboren! Irgendetwas musste falsch laufen zwischen Mensch und Pferd, während das Pferd heranwuchs.

Der entscheidende Wendepunkt für mich war ein Gespräch mit einer Verhaltensforscherin für Pferde, die mich nach einer Vorstellung ansprach: »Frau Kutsch, Sie definieren das Lecken und Kauen des Pferdes, wenn Sie es im Longierzirkel in den Kreis schicken, als eine Demutsgeste. Ich würde jedoch gerne über eine Beobachtung mit Ihnen sprechen, die wir bei wissenschaftlichen Studien zur Offenstallhaltung gemacht haben. Uns ist nämlich aufgefallen, dass Pferde nahezu nie lecken und kauen, wenn sie in ihrem eigenen sozialen pferdischen Umfeld sind. Wenn überhaupt, dann nur nach stressvollen Auseinandersetzungen um einen Schlaf- oder Futterplatz. Denken Sie nicht, dass es sich hier um eine Geste handeln könnte, die aus Stress resultiert?«

Außerdem wies sie mich darauf hin, dass es Studien gebe, die nachwiesen, dass Pferde Stresshormone ausschütteten, wenn man sie zur Strafe im Kreis herum schickte. Aber das bedeutete ja, dass das Pferdeflüstern in letzter Konsequenz gar nicht als »gewaltfrei« bezeichnet werden konnte.

Das alles machte mich sehr nachdenklich. Unter Pferdemenschen gibt es schon immer sehr unterschiedliche Ansichten darüber, wie der »richtige« Umgang mit Pferden zu sein hat. Diese Diskussionen werden zudem häufig sehr emotional geführt. Manche Pferdefreunde, die mir begegneten und die von mir den gewaltfreien Umgang mit Pferden erlernen wollten, verhielten sich laut, forsch, gar aggressiv im Umgang mit Menschen. Wie ging das einher? Gewaltfrei mit Pferden, aber nicht mit Menschen? Faszinierend an den Aussagen der Verhaltensforscherin fand ich, dass endlich eine neutrale Fachdiskussion möglich wurde, wenn es tatsächlich wissenschaftliche Studien gab.

An dieser Stelle setzt dieses Buch ein.

Im Jahr 2006 begann ich systematisch zu forschen und Thesen aufzustellen, die ich in wissenschaftlich basierten Studien auf ihre Belastbarkeit prüfte. Was immer sich bei diesen Studien bestätigte, floss in die Seminarinhalte in der Andrea Kutsch Akademie ein. 2009 war die staatliche Anerkennung einer Fachhochschule abgeschlossen. Ich hatte einen Bachelor- und einen Masterstudiengang zur staatlichen Akkreditierung geführt und übergab diesen in die Hände der Investoren und Experten, die ich damals zusammenbrachte.

Nun endlich konnte ich mich, mit vielen Studienerkenntnissen in der Tasche, auf meinen eigenen Weg machen. Mein Ziel war es, eine wissenschaftlich basierte Trainingsmethode für Pferde zu entwickeln, die ich »Evidence Based Equine Communication«, kurz EBEC, nannte.

Raus ins Leben, denn vor mir lag noch viel Arbeit.

Teil I:
Perspektivenwechsel

Zitternd stand dieses kleine braune Pferd auf der anderen Seite der Weide. Es war offensichtlich, dass es versuchte, die größtmögliche Distanz zwischen sich und mich, den Menschen, zu legen. Es hatte Angst. Wahrscheinlich hatte es zu viele schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht – Menschen, die es gescheucht hatten oder versucht hatten, es zu überwältigen, zu vergewaltigen. Es erinnerte mich an mein Pony Dominik. Das Pony, das mein Herz niemals verlassen hatte und dem aus der Pferdeperspektive so viel Unrecht getan wurde. Ein Zufall? Ja, ein Zu-Fall. No-Name fiel mir zu. Und er sollte zu einem meiner Schlüsselpferde werden.

Wie denkt ein Pferd bloß? Was mag wohl in seinem Kopf herumgehen, jetzt wo es mich hier sieht, dieses Wesen auf zwei Beinen? Kann ein Pferd überhaupt in Wörtern und Begriffen denken wie wir Menschen?

Ich atme ganz ruhig und bleibe einfach nur stehen, und er lässt mich keine Sekunde aus den Augen. Ich setze mich auf den Zaun und bleibe einfach nur da. Nein, No-Name kann ich nichts vormachen. Dieser kleine verängstigte Hengst weiß, dass hier wieder einmal etwas vonstatten geht, das ihm bereits mehrfach große Angst bereitet hat.

Seine Muskeln sind angespannt, er bleibt trotz großer Distanz in allerhöchster Alarmbereitschaft. Sein Fell ist schweißnass. Der Kopf ist nach oben gerichtet, ein Huf ist angewinkelt. Er ist bereit zur Flucht oder zum Tritt und das, obwohl ich bestimmt hundert Meter von ihm entfernt bin.

Wieder ein Problempferd. In diesem Moment schwöre ich mir und No-Name: Das muss ein Ende haben. Ich werde einen Weg finden, mit ihm zu kommunizieren, damit er keine Angst mehr vor mir haben muss. Ich weiß nur noch nicht wie.

Könnte ich ihm Worte in den Mund legen, dann sähe das vielleicht so aus: »Wer ist das? Ein zweibeiniges Lebewesen, ich kann es nicht genau erkennen. Es ist zu weit weg, ich sehe es nur verschwommen. Aber hier ist ein Zaun, ich komme nicht weiter weg. Hat es etwas in der Hand? Womöglich wieder eines dieser Seile, mit dem sie mich schon mehrfach versucht haben zu fesseln? Oder ist es womöglich dieses Ding, aus dem diese gemeinen Nadeln kommen? Das letzte Mal ist so eine in meinem Fleisch stecken geblieben und abgebrochen, weil ich solche Angst hatte. Es hat schrecklich weh getan. Was wollen diese Wesen von mir, was kann ich nur tun? O je, jetzt schleicht es sich an, ist das ein Raubtier?«

Nein, so können Pferde nicht denken. No-Name weiß nur eins: Er ist in Gefahr, denn er ist allein auf der Weide. Er hat keine Herde um sich. Entgeht ihm eine winzige Geste von mir, die eines seiner Herdenmitglieder sonst hätte sehen können, dann ist das sein Ende. Es steckt in der Genetik eines Pferdes, dass es auf der Hut sein muss, wenn es allein ist. Das ist eine angeborene, keine gelernte Eigenschaft.

No-Name hat Erfahrungen gemacht, und er weiß, dass er in Gefahr ist, denn die Gefahr ist hier. Ich bin die Gefahr.

Als ich da auf dem Zaun sitze und ihn beobachte und mir all das durch den Kopf gehen lasse, sehe ich plötzlich, dass No-Name leckt und kaut.

Die »Demutsgesten« des Pferdes

Lecken und Kauen gilt als eine der wichtigsten Demutsgesten des Pferdes. Das Pferd sieht aus, als habe es die Mundwinkel zunächst stark angespannt, dann entspannt, die Zunge wird sichtbar, es simuliert ein Lecken und Kauen, als habe es Nahrung im Maul. Dabei läuft ihm Speichel aus dem Maul. Ob im Longierzirkel oder beim Verladen, wenn in der Trainingseinheit eine Pause eingelegt wird und das Pferd leckt und kaut, heißt es: »Es denkt darüber nach.«

Mich interessierte, ob die Geste des Leckens und Kauens tatsächlich mit Stress zu tun hatte. Sollte dies der Fall sein, hätte dies Konsequenzen für die tägliche Arbeit mit Pferden: Wegschicken als negative Konsequenz für negatives Verhalten wäre als Stressauslöser erkannt und hätte keinen Platz mehr in einem gewaltfreien Pferdetraining. Die Methode des Pferdeflüsterns wäre überholt.

Außerdem wollte ich wissen, ob es notwendig war, ein Pferd im Kreis herum zu schicken, um die Geste des Leckens und Kauens hervorzurufen, und ob es mir dann besser folgte.

Ich machte also einige Tests mit anderen Pferden dazu, indem ich sie im Longierzirkel durch eine Fluchtdistanz von vierhundert bis sechshundert Metern schickte, so wie ich es bei Monty Roberts gelernt hatte, und beobachtete, wann genau es zu den Demutsgesten, also zum Lecken und Kauen sowie dem Absenken des Kopfes, kam.

Drittens wollte ich wissen, was genau die Gesten auslöste. Ich schickte alle möglichen und sehr unterschiedlichen Pferde im Kreis herum – langsame, schnelle, sensible, robuste –, während Mitarbeiter aus meinem Team genau notierten, wann welche Gesten sichtbar wurden. Vielleicht gab es Gesten, die dem Lecken und Kauen »vorgeschaltet« waren, sodass man es frühzeitig unterbinden konnte.

War das gewünschte Trainingsergebnis des Folgens zwangsläufig an die Demutsgesten gebunden, oder konnte ich es auch anders hervorrufen? Lag hier vielleicht schon die Antwort auf meine Frage, warum die Lehrerfolge oftmals nicht nachhaltig waren?

Durch die Testergebnisse geriet mein ganzes System ins Wanken. Ich probierte, den festgelegten Ablauf des Pferdeflüsterns zu verändern. Dieser sah grundsätzlich folgendermaßen aus: Das Pferd in den Longierzirkel bringen, wenn es nicht bei mir bleibt, als negative Konsequenz für dieses Verhalten von mir wegschicken, indem ich meine Schulter frontal auf das Pferd richte und ihm direkt in die Augen schaue, und zwar so lange, bis es vier Gesten zeigt: Das innere Ohr des Pferdes richtet sich auf mich, der Zirkel wird verkleinert, das Lecken und Kauen und Senken des Kopfes tritt ein. Waren die Gesten komplett gezeigt, veränderte ich meine Gestik: Ich wandte die Augen ab und stellte meine Schulter seitlich zum Pferd anstatt frontal. Durch diese veränderte Gestik lud ich das Pferd ein, zu mir zu kommen, anstatt weiter wegzulaufen. Es schenkte mir sein Vertrauen – so jedenfalls die Interpretation aus der Perspektive des Pferdeflüsterers. Das Pferd war nun demütig und gefügig, ich konnte es trainieren.

Aber handelte es sich wirklich um Vertrauen, was hier aufgebaut wurde? Ich wurde unsicher. Wie definiert man überhaupt Vertrauen? Konnte es sein, dass wir beim Pferdeflüstern Worte und Definitionen menschlichen Verhaltens auf das Pferd übertrugen? Konnten Pferde einem Menschen überhaupt »vertrauen« und wenn ja, war dieses Vertrauen messbar?

Meine wissenschaftliche Neugierde war geweckt.

Der neue Weg der Pferdeflüsterin

Beim »Pferdeflüstern« liegt der Hauptfokus darauf, Zwangswerkzeuge – also Peitschen, Sporen, Schlaufzügel, Nasenbremsen etc. – durch Kommunikationskompetenz – also durch das Wegschicken des Pferdes im Longierzirkel – zu ersetzen. Das Ziel ist es, Konsequenzen für ein Verhalten des Pferdes anzuwenden, die es verstehen kann.

Diesen Ansatz wollte ich unbedingt weiterverfolgen, die Arbeit im Longierzirkel ist sehr effizient, weil man nah genug am Pferd ist. Das Pferd kann sich dennoch frei und unkontrolliert bewegen, sodass es Gesten und Signale vermitteln kann, die ich als Trainerin aufnehmen und interpretieren kann. Aber die Sache mit dem Wegschicken und den Gesten war einfach noch nicht rund. Die Vermutung, dass messbarer Stress hervorgerufen wurde, verstärkte sich mehr und mehr. Funktionierte die Kommunikation beim Pferdeflüstern überhaupt? Nach dem Motto: »Ich suche nach Erklärungen für das Verhalten des Pferdes und interpretiere es nach bestem Wissen und Gewissen – allerdings immer aus der Sicht des Menschen.«

Vielleicht konnten wir noch weiter gehen in der Kommunikation mit Pferden. Vielleicht konnte man Schmerz aus dem Training von Pferden komplett heraushalten. Vielleicht konnte man Stress und Angst erfassen und reduzieren. Ich wollte versuchen, all das zu verändern. Aber wo anfangen und wo würde die Reise hingehen?

Die Geschichte von No-Name

No-Name war durch den Hilferuf des ersten Vorsitzenden einer Tierhilfe-Organisation zu mir gekommen. Der hatte mich angeschrieben:

»Vor ca. 4 Monaten wurde auf einer Weide bei Visselhövede ein Pferd entdeckt, das eine große Wunde am rechten Vorderlauf hat. Angeblich hat es sich bei einem Ausbruchversuch verletzt. Der Eigentümer unternahm nichts, um das Tier ärztlich versorgen zu lassen. Nicht nur weil er nicht wollte, sondern auch weil er das Pferd nicht annähernd anfassen konnte. Der Besitzer hatte eine Reihe von Pferdeprofis und Pferdeflüsterern um Hilfe gebeten, aber No-Name wurde mit jedem Versuch schlechter als besser. Es gab keine Chance das Pferd anzufassen oder als Mensch auch nur annähernd in seine Nähe zu kommen. Das eingeschaltete Veterinäramt hat nach Besichtigung eine Ordnungsverfügung erlassen. In der Folge wurden mehrere Versuche von Tierärzten gemacht, auch mit Betäubungsgewehr, um das Tier einzufangen oder zu behandeln. Alles ohne Erfolg, heute ist die Fluchtdistanz zwischen 40 und 60 Meter. D.h. alle Versuche dem Tier zu helfen sind fehlgeschlagen. Helfen Sie uns bitte.«

Ja, natürlich würde ich helfen! Das war ein Fall für mich, Andrea Kutsch, die Pferdeflüsterin. Eigentlich sollte No-Name ein schöner Ego-Trip werden und mich und den Erfolg meiner Methoden beeindruckend bestätigen. Aber es sollte anders kommen.

Ich fuhr also nach Visselhövede, einem kleinen Ort in Niedersachsen, um mir das arme Tier anzuschauen. Gemeinsam mit dem Kreisveterinär kam ich vor Ort an. Die Öffentlichkeit war mittlerweile auf das Tier aufmerksam geworden und setzte das Amt mehr und mehr unter Druck. Man solle nun endlich aktiv werden, etwas tun und diesem niedlichen, armen, misshandelten Pferd helfen.

No-Name stand auf einer abgegrasten Weide. Die Futtertröge waren dreckig, die Zäune kaputt. Regnete es, stand er knietief im Matsch. Niemand traute sich mehr auf diese Weide. Er hatte mehrere Menschen angegriffen, wenn Reparaturarbeiten vorgenommen werden sollten, und bekam als Futter Heu über den Zaun geworfen, damit er niemanden angriff. Er hatte keinen Unterstand als Schutz vor Sonne oder Regen. Wie sollte man etwas an diesen Zuständen ändern, es war lebensgefährlich, sich dem Tier zu nähern. Er war schnell wie der Blitz auf seinen Hufen unterwegs und wusste sich zu verteidigen. Er musste viele schlimme Erlebnisse gehabt haben und in seinen instinktiven Verteidigungsritualen lange Zeit erfolgreich gewesen sein. Er rief blitzschnell Abwehrmechanismen ab, die auch ich lange nicht an einem Pferd gesehen hatte: Er attackierte einen blitzschnell mit offenem Maul und angelegten Ohren, um zu beißen und zu schlagen. Er nutzte also seine natürlichen Waffen zur Verteidigung.

Eine professionelle Trainingsumgebung musste her: eine stabile Umzäunung, sicherer Boden sowie ein Dach über dem Kopf. Wir beschlossen, No-Name in die Andrea Kutsch Akademie zu bringen: Dafür musste er jedoch erst mal dazu gebracht werden, in einen Pferdeanhänger zu gehen. Das sollte eigentlich kein Problem sein, ich hatte in den zurückliegenden Jahren Tausende solcher Pferde verladen. Aber man konnte No-Name nicht anfassen, er geriet sofort in Panik, wenn man ihm die Fluchtmöglichkeiten abschnitt. Ich wusste, dass wir keine Chance haben würden, ihn einfach so in einen Zwei-Pferde-Anhänger zu bugsieren. Wenn er in Panik geriet, könnte er selbst einen solch breiten Anhänger ins Wanken bringen und mitten auf der Autobahn umschmeißen. Dies und womöglich noch traumatischere Erlebnisse wollte ich uns allen unbedingt ersparen.

Also holte ich mir ein professionelles Transportunternehmen hinzu. Sie haben große LKWs, die sicherer sind als ein bloßer Pferdeanhänger. In einem Anhänger konnte No-Name versuchen, die Türen aufzutreten, oder gar über die Laderampe versuchen herauszuspringen. Ich wollte das Verletzungsrisiko für das Pferd bestmöglich ausschließen.

Mit vereinten Kräften trieben wir No-Name auf den LKW, und mir zog es das Herz zusammen. Ich konnte 1:1 die Panik spüren, die das Pferd spürte. Wie schon so oft zuvor wünschte ich mir, irgendwann keine Problempferde mehr zu bekommen. Es musste doch eine Methode geben, mit der sich das Problemverhalten von Pferden ausschließen und vermeiden ließ! Dann würden Menschen keine Problempferde mehr produzieren und trainieren müssen, sondern ihnen im Training all das beibringen, was sie zum Leben brauchten und ohne Angst bewerkstelligen könnten.

Diese ganze Verladeaktion ging mir sehr nahe. Der arme No-Name musste wahrscheinlich Todesängste durchstehen und ich hielt mit ihm vor innerer Anspannung die Luft an. Ich versprach ihm innerlich, dass ich alles versuchen würde, um ihm seine Ängste zu nehmen, und dass dies hier sein letztes traumatisches Erlebnis sein sollte.

Dieser Pferdetransport war der größte psychische Stress – für alle Beteiligten, nicht nur für das Pferd. Dass hier eine wahre Flut von Stresshormonen freigesetzt wurde, war mehr als offensichtlich. Als wir endlich ankamen, ließ ich den LKW vorsorglich direkt in die Reithalle fahren, sodass No-Name einen weichen und rutschfesten Untergrund vorfand, wenn er den LKW verließ. Zudem hatte ich vorsichtshalber, bevor wir die Türen öffneten, rund um die Verladerampe des LKWs einen Longierzirkel mit siebzehn Meter Durchmesser aus sicheren Gitterelementen gebaut, damit er nicht in Panik über die Reithallenbande springen konnte.

Und es kam, wie ich es geahnt hatte: Als wir endlich in der Reithalle ankamen und die LKW-Türen öffneten, raste No-Name schweißgebadet und mit zitternden Hufen über die Verladerampe in die Reithalle. Ein Wunder, dass er sich dabei nicht alle Beine brach.

Auch für No-Names Weg in den Stall und in seine große Box hatte ich einen Notfallplan entwickelt, denn ich war mir nicht sicher, ob ich ihn überhaupt würde anfassen können. Dafür hatten wir einen breiten Sicherheitsgang aus stabilen Gitterelementen gebaut, durch den er allein, ohne treibende Menschen und seinem Tempo entsprechend, in Richtung Stall gelangen konnte.

Als der kleine No-Name aus dem riesigen LKW sprang, war schnell klar: Er konnte großen Schaden an Menschen, aber auch an sich selbst anrichten. Er war zwar mit 1,45 Meter Stockmaß relativ klein, aber er war von Angst getrieben und hatte bereits gelernt, sich zu schützen. Ich war unfassbar traurig, als er da so im Longierzirkel stand. Ich ließ ihn erst mal zur Ruhe kommen. No-Name zeigte alle Anzeichen von Stress: Er atmete rasch, sein Puls raste, er nickte immer wieder leicht mit dem Kopf oder schlug ihn heftig im Kreis und hob und senkte die Hufe, tänzelte auf der Stelle und schwitzte stark. Selbst ein Laie konnte erkennen, dass dieses Pferd Stress empfand. Ich rührte mich nicht, sondern beobachtete ihn nur. Aufmerksam versuchte ich, Hinweise und Informationen dafür zu bekommen, was wohl in ihm vorging, in der Hoffnung, einen Weg zu ihm zu finden. Ich achtete einfach auf alles, was ich zu sehen bekam.

Ein Pferd in Panik berührt mich immer. Ich fühle förmlich selbst in meinem Körper die Angst, die das Pferd vor mir oder einer Sache, einem Reiz hat. Ein Pferd in Panik löst in mir einen automatischen Schutzmechanismus aus. Ich möchte ihm helfen, und ich möchte es vor weiterem Stress bewahren. Bei manchen Pferden mag es zwar immer noch besser sein, sie unter Einfluss eines akzeptablen Stresslevels zu trainieren, als sie einzuschläfern. Aber in mir wurde der Wunsch nach einer messbaren und noch sanfteren Trainingsmethode auf der Basis von wissenschaftlichen Ergebnissen immer stärker.

Mit No-Name im Longierzirkel

Der LKW war abgefahren und die neugierigen Zuschauer und beteiligten Personen waren verschwunden. No-Name und ich waren allein in der Reithalle. Er stand im Longierzirkel, ich außerhalb, und wir beobachteten uns gegenseitig. Sein Atem ging allmählich ruhiger, und auch ich bewegte mich nur wie in Zeitlupe, um ihn nicht erneut zu erschrecken. Es sind immer magische Momente, wenn ich das erste Mal mit einem Pferd in den Dialog trete, man sich kennenlernt und ich mich langsam herantaste an diese zarten Seelen in diesen großen Körpern, die in ihrer Sensibilität und Emotionalität so sehr unterschätzt werden.

Ganz langsam, mit meiner Longe in der Hand, betrat ich den Longierzirkel. Ich schaute No-Name nicht mal in die Augen, kam einfach langsam etwas näher. In Bruchteilen von Sekunden geriet er in Panik. Zunächst raste er im Kreis. Mein Plan war, dass ich vorging wie immer und wie ich es bei Monty Roberts gelernt hatte: Ich wollte das Pferd in eine arbeitsaufwendige Tätigkeit versetzen und es vorantreiben. Sobald es die ersten Demütigkeitsgesten wie das Verkleinern des Zirkels, das Lecken und Kauen und das Kopfsenken zeigte, wollte ich es verlangsamen, mich passiv abwenden und es als Belohnung zu mir einladen.

So war der Plan. Bis dahin hatte er bei Tausenden und Abertausenden von Pferden funktioniert. Aber bei No-Name war alles anders. Ich spürte, dass er in einer eigenen Welt gefangen war, und dass er nicht mal mehr in der Lage war, das wahrzunehmen, was ich machte. Er warf keinen einzigen Blick in meine Richtung, sondern hatte nur eine Devise: rennen. Ich hatte den Eindruck, als ob er sich lieber zu Tode rennen würde, als auch nur annähernd in Erwägung zu ziehen, mit mir ein Gespräch zu beginnen. Egal, ob ich ihn viel oder wenig vorantrieb, er zeigte keinerlei Demütigkeitsgesten. Selbst an ein ganz sanftes Auswerfen eines ganz kleinen Stückchens meiner Longe war nicht zu denken. Es schepperte nur jedes Mal ohrenbetäubend, wenn er mit seinen Hufen gegen die Gitterelemente des Zirkels schlug, und das versetzte ihn wiederum in noch größere Panik. Schon meine physische Präsenz in der Reithalle war für ihn offenbar ein solcher Stress, dass er meine Anwesenheit nicht ertrug und nur auf Flucht sann.

Ich verspürte einen Stich in meiner Brust: Ich sollte hier mit meinen Künsten ein Pferd vor dem Schlachthof retten. Aber war das wirklich eine Entschuldigung dafür, dass ich es zu seinem eigenen Wohl in eine Situation zwang, die es offensichtlich in Todesangst versetzte? Mit Menschen macht man das ja auch nicht, oder? Wenn jemand Angst vor Schlangen hat und seinen Stress und seine Angst nicht mehr unter Kontrolle hat, dann sperren wir ihn ja auch nicht in eine Box mit zehn Schlangen und sagen: »Solange du in Schweiß ausbrichst, kämpfst und Todesangst hast, bleibt der Deckel zu, und wenn du endlich gelernt hast ruhig zu sein, mache ich ihn auf. Du wirst sehen, dann ist deine Schlangenphobie verschwunden.« Das mag nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten funktionieren. Aber wenn das Angstniveau zu hoch ist und Stresshormone den Körper durchfluten, ist Lernen unmöglich.

Ich beschloss, nicht weiterzumachen, sondern verließ den Longierzirkel und setzte mich vielleicht zehn Meter entfernt auf einen Stuhl. Er war nun zwar mit seinem Verhalten dem Reiz »Mensch« erfolgreich entkommen, das machte es aus Trainingssicht nicht besser, aber das war mir in dem Moment egal.

Als er sich vor mir sicher fühlte und die Individualdistanz groß genug war, kam No-Name sofort zur Ruhe: Er verlangsamte und ließ mich von nun an nicht mehr aus den Augen. Selbst wenn ich nur meinen Arm bewegte, um mich an die Nase zu fassen, erschrak er auf allen vieren, das heißt, er sprang mit allen vier Hufen vor Angst gleichzeitig in die Luft.

Bewegte ich mich, erschrak No-Name so sehr, dass auch ich mich mit erschrak. Ich beschloss, es für heute gut sein zu lassen. Als er sich einigermaßen beruhigt hatte, ließ ich ihn frei durch den Sicherheitsgang in eine große vorbereitete Box laufen, wo er, umringt von anderen Pferden, sich an seine neue Bleibe gewöhnen konnte.

So kam ich keinen Schritt weiter. Nichts, was ich gelernt und bisher mit großem Erfolg angewendet hatte, würde bei No-Name funktionieren, das spürte ich. Ich musste nachdenken und einen Weg finden.

Die ganze Nacht lag ich wach und begann in den folgenden Tagen, immer intensiver Studien zu lesen, die mir im Laufe der letzten Monate von interessierten Wissenschaftlern zu den Demütigkeitsgesten und der Kommunikation im Longierzirkel zugeschickt worden waren. Außerdem las ich Literatur zum Verhalten und der Neurobiologie von Tieren, während ich tagsüber mit anderen Pferden arbeitete, die bei mir im Training waren, und Kurse gab.

Ich studierte erneut das Instinktmodell nach Konrad Lorenz und die Lehre von dem niederländischen Zoologen und Ethologen Nikolaas Tinbergen, der sich mit Schlüsselreizen befasste und bereits vor vielen Jahren Feldstudien betrieben hatte zum Verhalten von Tieren, und hoffte, auf diese Weise Ideen zu sammeln, die ich eventuell auf Pferde wie No-Name übertragen konnte.

Das Treiben im Kreis und das Erzeugen von Demütigkeitsgesten, wie es das damalige Textbuch der Pferdeflüsterer vorschrieb, erschien mir bei diesem angsterfüllten Pferd abwegig, da er ja gar nicht erst in der Lage war, sich vertrauensvoll in dieses Spiel fallen zu lassen. In das Spiel der Kommunikation mit mir. Geschweige denn in das Training, das vor uns lag. Er muss ja noch so viel lernen. Anfassen, ein Halfter tragen, vielleicht eines Tages einen Sattel tragen und durch die Welt geritten werden. All das lag vor ihm. Aber jedes Geräusch versetzte ihn in Angst und Schrecken, und die Gegenwart eines Menschen war für ihn das Allerschlimmste.

Ich beschloss, das Treiben im Kreis im Fall von No-Name nicht weiter auszuprobieren. Ich spürte, dass es noch etwas zu entdecken gab.

Wir beobachten uns gegenseitig

Damals hatten wir begonnen, mit Belohnung und Bestrafung das Training zu gestalten: Tust du, was ich will, belohne ich dich, tust du es nicht, schicke ich dich weg, und das ohne Peitsche und ohne Futter, sondern mit dem Gedanken: Ich bin dein Leittier. Als erster Ansatz war das gut, doch jetzt, Auge in Auge mit No-Name, fragte ich mich, ob das Ganze nicht eher einer menschlichen Perspektive entsprang? Wer konnte denn überprüfen, ob das Pferd das aus seiner Perspektive genauso sah, wie es gedacht war? Denn dann müsste die Methode ja immer und bei allen Pferden funktionieren. Wie definiert ein Pferd überhaupt die Rolle eines »Anführers«? Entspricht das überhaupt der Denkkapazität eines Pferdes? Kann ein Pferd sich die Funktion eines »Anführers in Gestalt eines Menschen« überhaupt vorstellen?

No-Name versetzte ja zudem das Treiben in Panik, auch wenn er zuvor ganz ruhig im Longierzirkel stand. Die Konsequenz, die ich ihm gegenüber anwandte, versetzte ihn also in Unruhe, statt ihn zur Ruhe zu bringen oder gar dazu, zu mir zu kommen und sich von mir anfassen zu lassen. Damit erreichte ich ihn also nicht, obwohl das Wegschicken bei den meisten Pferden funktionierte. Doch womit erreichte ich ihn dann?

Darauf würde mir kein Mensch, kein Fachmann eine Antwort geben können. Nur einer wusste die Antwort: No-Name selbst. Ich musste mich auf eine Reise begeben, bei der er als mein Führer fungieren würde. Mein Plan war, dass ich ihn mit Dingen und Situationen konfrontieren würde, die er jetzt fürchtete, also zum Beispiel ein Halfter, eine Bürste, ein Eimer, der irgendwo herumstand – eben alles, was mir so einfiel mit meinem Menschengehirn, und beobachten, wie er reagieren würde.

Langsam, Schritt für Schritt, bewegten No-Name und ich uns in den nächsten acht Tagen aufeinander zu. Manchmal kamen wir nur millimeterweise voran, manchmal gab es Rückschritte, manchmal ging es auch ein paar Zentimeter nach vorn.

Immerhin konnte ich ihn über die Gewohnheit, also das stetige Wiederholen von Abläufen, einigermaßen rasch dazu bringen, dass er ruhig aus der Box in den Longierzirkel ging. Ich konnte ihn auch darauf konditionieren, dass ich mich mit ihm im Longierzirkel befand. Das konnte ich daran erkennen, dass er immer ruhiger wurde. Er stand nun nicht mehr zitternd und schwitzend da, sondern begann willig und ruhig im Longierzirkel zu stehen, am Sand zu schnuppern oder mich ruhig zu beobachten, ohne Stresssymptome zu zeigen. Aber eine Restspannung lag selbst dabei immer noch in der Luft. Ich musste sekündlich damit rechnen, dass er in Panik verfiel und losrannte.

Wir beobachteten uns gegenseitig und nahmen gegenseitig Einfluss auf unsere Bewegungen. Dabei wurde mir immer bewusster, dass buchstäblich jede meiner Gesten zählte. Mein Handeln und das, was No-Name daraus übersetzte, hatte ganz offenbar nichts mit dem eigentlichen Wegschicken des Pferdes zu tun, um beispielsweise ein Lecken und Kauen in ihm zu erzeugen.

Eine Beobachtung ließ mich stutzig werden: Wenn ich in den Longierzirkel trat und Pferdeäpfel herausholte, klemmte sich No-Name ans andere Ende des Zirkels und warf dabei fast das Gitter um, um die größtmögliche Entfernung zwischen ihn und mich zu legen. In dem Moment, in dem ich den Longierzirkel wieder verließ, begann er mit dem Lecken und Kauen. Diese beiden Gesten mussten also mit dem vorangegangen Druck zu tun haben und nicht, wie wir bisher angenommen hatten, mit dem Wegschicken, wie ich es immer angenommen und praktiziert hatte. Auch beobachtete ich ein leichtes Absenken des Kopfes, wenn ich einfach nur dastand und mein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, zu ihm hin oder von ihm weg, verlagerte. Dieses leichte Absenken des Kopfes schien wie eine »Vor-Geste« zum Senken des Kopfes oder dem Lecken und Kauen zu sein.

Noch etwas war hochinteressant: Es machte einen Unterschied, ob ich mein Gewicht minimal in seine Richtung verlagerte oder von ihm weg. Schon solch eine winzige Bewegung rief verschiedene Gesten in ihm hervor: Er begann zu lecken und zu kauen, senkte den Kopf und gähnte anschließend. Er zeigte also mit dem Gähnen eine Geste, der ich vorher nicht viel Beachtung geschenkt hatte. Aber da es nun wiederholt auftrat, musste das im Zusammenhang stehen. Ich dachte immer, das Pferd hat viel gearbeitet und nun ist es eben müde. Aber da gab es eindeutig einen Zusammenhang. Ich hatte ein ähnliches Verhalten früher schon bei Feldstudien an wildlebenden Mustangs in Kalifornien erlebt. Aber mit unseren gezüchteten Haustieren in Deutschland konnte man ja meistens direkt in einer Reithalle oder einem Longierzirkel mit der Kommunikation, Ausbildung oder der Arbeit beginnen. Außer eben mit Problempferden, die machten zu und brauchten eine ganz andere Annäherung. Da gab es noch keine verlässliche Methode und vor allem wurden Probleme eindeutig von Menschenhand produziert, was ich verändern wollte. Eine Methode muss immer, bei jedem Vertreter dieser Art oder Spezies funktionieren und Problemverhalten und Missverständnisse vermeiden. Das war das Ziel.

Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass nicht ausreichend zwischen »Kommunikation« und »Konditionierung« im Umgang und bei der Ausbildung von Pferden unterschieden wird. Wann beginnt und endet Kommunikation und wann beginnt und endet Konditionierung? Wann also rufe ich eine lang anhaltende Verhaltensänderung hervor und wann führe ich einen Dialog mit dem Pferd?

Antworten auf all diese grundlegenden Fragen musste ich in No-Name selbst suchen und ich wusste, dass er sie mir geben würde.

Ein neuer Dialog

Zwischen No-Name und mir entstand nun ein vollkommen neuer Dialog. Es war mir bereits des Öfteren passiert, dass ich es schlecht aushalten konnte, wenn ich ein traumatisiertes Pferd von mir wegschickte und anschließend damit belohnt wurde, dass das Pferd mir folgte, denn nicht selten konnte ich Stresssymptome beim Pferd erkennen. Es durfte doch nicht sein, dass das Pferd Stress empfand! Natürlich hatte der Stress auch mit der Vorgeschichte des Pferdes zu tun, und ich wünschte mir oft, ich könnte ihn vermeiden.

No-Name wegzuschicken fühlte sich nicht gut und einfach nicht richtig an, abgesehen davon hatte es ja keinen Erfolg bei ihm. Mit einem einzigen Augenaufschlag konnte ich sofort den Fluchtinstinkt auslösen. Er tat mir entsetzlich leid. Er war so schreckhaft und konnte es fast nirgends aushalten. Was musste er wohl alles erlebt haben, dass er so wenig Vertrauen zu Menschen hatte?

Mir war klar: Wenn ich irgendetwas bei diesem Tier erreichen wollte, wenn ich wollte, dass es ohne Angst von mir lernte, wenn ich wollte, dass es mit mir in einen Dialog eintrat, dann musste ich zuallererst sein Vertrauen gewinnen. Aber wie?

Zunächst versuchte ich, ihn an den Longierzirkel und die Umgebung zu gewöhnen, und tatsächlich, nach und nach lernte er, ruhig in der Box zu stehen, das Umfeld anzunehmen und auch in der Reithalle ruhig zu stehen. Aber das reichte natürlich nicht. Und um weiterzukommen, würden meine gewohnten Methoden nicht funktionieren. Ich benötigte also ein anderes Belohnungs- und Bestrafungssystem als das, das ich sonst anwendete. Es musste vor allem etwas sein, das er annehmen konnte, ohne dass ich ihm Angst bereitete.

Ich spürte, dass ich auf dem richtigen Weg war, aber ich konnte das, wonach ich suchte, nicht greifen. Für das, was ich erreichen wollte – einen echten gewaltfreien Dialog zwischen Tier und Mensch – reichte das Pferdeflüstern nicht aus. Da ich selbst an meine Grenzen kam, fragte ich andere Experten um deren Meinung. Ich wollte wissen, ob man ein Pferd in seinem Herzen erreichen könnte und ob das messbar war? Das konnte mir kein Pferdefachmann beantworten, dafür brauchte ich die Wissenschaft. Ich musste messen, wann bei einem Problempferd Angst und Stress involviert waren. Denn das musste das Maß für den Informationsaustausch zwischen Pferd und Mensch sein.

No-Name hielt mich gut in Schach.

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