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Aus tiefster Nacht

Zu diesem Buch

Dr. Michael Cayle will nur das Beste für seine Frau und junge Tochter. Daher zieht er mit seiner Familie aus Manhattan in die kleine Stadt Ashborough in New England, um dort eine Privatpraxis zu eröffnen. Die neue Stadt wirkt anfangs sehr idyllisch und friedlich. Doch Ashborough birgt seltsame Geheimnisse. Viele Einwohner wirken merkwürdig nervös, und einige sprechen hinter vorgehaltener Hand von Legenden, die kein geistig Gesunder je glauben würde. Doch als Michael etwas in den Wäldern entdeckt, durchnässt von Blut, bleibt ihm keine Wahl. Er muss die Legenden weit ernster nehmen, als er wollte, erst recht, als er herausfindet, was sich hinter den goldenen Augen verbirgt, die ihn aus tiefster Dunkelheit anstarren.

Prolog

Ein dunkler Keller.

Schweres Atmen.

Das körnige Schlurfen von Füßen auf einem Betonboden. Unruhige Finger klopfen auf die raue Oberfläche eines Tisches. Der eindringliche Geruch von feuchten, modrigen Gegenständen.

Irgendwo oben schlägt eine Uhr. Ein verirrter Luftzug weht über die Flamme einer einsamen Kerze. Eine Hand bewegt sich auf einen kleinen, auf dem Tisch liegenden Kassettenrekorder zu. Ein zögerlicher Finger streckt sich der Aufnahmetaste entgegen. Und drückt zu.

Zehn Sekunden tiefer, angestrengter Atemgeräusche, dann eine Stimme.

»Bitte gestatten Sie mir, mit der Äußerung zu beginnen, dass sich die unglaubliche Geschichte, die ich gleich aufzeichnen werde, meiner Meinung nach nur in Form einer mündlichen Schilderung angemessen wiedergeben lässt. Obwohl ich die Ereignisse, die sich hier in der Harlan Road 17 zutrugen – meinem Zuhause, wenn man es so nennen will –, auch handschriftlich festgehalten habe. Allerdings kann ich dieses Anwesen, obwohl ich nach wie vor hier wohne, kaum wirklich als Zuhause bezeichnen. Doch wie dem auch sei, ich finde, dass die unfassbaren Begebenheiten mit meiner Stimme auf den Bändern, wie sie Sie gerade hören, geschildert werden müssen.

Falls Sie als argloser Entdecker beschließen, sich die Kassetten bis zum Ende anzuhören, stehen Ihnen angesichts der komplexen Geschichte, die ich zu erzählen habe, vermutlich mehrere Stunden an Tonmaterial bevor. Ich werde daher die Seiten jeder Kassette entsprechend der Reihenfolge nummerieren, in der sie abgespielt werden sollten. Natürlich wird das Band, das Sie in diesem Augenblick hören, als ›Nummer eins‹ gekennzeichnet. Ich werde es außerdem mit dem Vermerk ›Als Erstes abspielen‹ versehen. Doch ich gehe davon aus, dass Sie das bereits festgestellt haben. Die andere Seite erhält die Nummer zwei, und nachfolgende Bänder werde ich auf gleiche Weise in aufsteigender Reihenfolge beschriften, so, wie sie aufgezeichnet werden und abzuspielen sind. Natürlich haben Sie diese schlichte Logik zweifellos längst durchschaut – immerhin war die Menschheit schon vor Jahren in der Lage, die aufwendigen Hieroglyphen an den Wänden der Pyramiden zu entschlüsseln, daher zweifle ich nicht daran, dass Sie sich die Bänder in der richtigen Reihenfolge anhören werden. Jedenfalls ist es mir ein dringliches Anliegen, kein Detail meiner Erlebnisse hier in der Harlan Road 17 auszulassen. Damit möchte ich nicht nur meine Notlage in vollem Umfang erläutern, sondern auch demonstrieren, dass ich bei klarem Verstand bin, damit Sie diese Aufzeichnungen nicht als das Geschwätz eines Mannes abtun, der hoffnungslos dem Wahnsinn anheimgefallen ist. Ich bin ein geistig gesunder Mensch, und die Geschichte, die ich gleich erzählen werde, ist nichts Geringeres als die absolute Wahrheit. Ich sage das nur einmal, da ich keinen Grund sehe, mich in dem Bemühen zu wiederholen, Sie, lieber Zuhörer, von der Wahrheit der scheinbar unplausiblen Angelegenheit zu überzeugen, falls Sie mir nicht beim ersten Mal Glauben schenken wollen. Ich, Dr. Michael Cayle, habe alles, was ich in weiterer Folge schildern werde, wahrhaftig erlebt, während ich in diesem Haus in der Harlan Road 17 wohnte. Damit beende ich jegliches Plädoyer für meine geistige Gesundheit.

Hinzufügen muss ich jedoch, dass ich mit dem Verschwinden meiner Frau Christine und meiner Tochter Jessica in keiner Weise etwas zu tun hatte. Obwohl ich weiß, was mit ihnen geschehen ist, besitze ich im Augenblick keine Kenntnis davon, wo genau sie sich befinden. Ebenso wenig bin ich in der Lage, sie zurückzuholen. Allerdings kann ich Ihnen versichern, dass mein Kampf noch längst nicht beendet ist. Es gibt noch so viel, was ich tun muss, und … und …

Aber vermutlich greife ich gerade zu weit vor. Um es noch einmal zu betonen: Meine Absicht besteht darin, jeden Moment meiner Geschichte – meines Leids – auf diese Tonbänder zu bannen. Nicht nur, um zu versuchen, Sie dazu zu bringen, mir zu glauben, sondern auch, um mich an jede verdammte Folter zu erinnern, die ich bisher durchmachen musste. Ich habe das Gefühl, dass ich dadurch auf ein kleines Erfahrungsjuwel stoßen könnte, das mir vielleicht in der Zukunft – was immer ich noch an Zukunft erleben mag – helfen kann. Die Schlacht, die ich schlage, ist noch nicht vorbei.

Ich schätze, es ist langsam an der Zeit, die Ereignisse der letzten sechs Monate zu schildern, denn wenn ich mich noch länger davor drücke, halten Sie das Band vielleicht an, bevor ich etwas Interessantes gesagt habe. Und das Gekritzel, das ich hinterließ, mutet bestimmt wie die Ergüsse eines Wahnsinnigen an, der in einer entlegenen Anstalt weggesperrt werden sollte, nicht wie die Niederschrift der Erfahrungen eines Mannes, der lediglich versuchte, seine Familie zu beschützen.

Ich bitte Sie also, lieber Zuhörer, sehen Sie über Ihre Skepsis hinweg, lauschen Sie diesen Tonbändern und schenken Sie mir Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit …«

TEIL EINS

Goldene Augen in der Dunkelheit

1

Hätte mir vor zwei Jahren jemand eine Million Dollar dafür geboten, Manhattan gegen ein Eigenheim auf dem Land einzutauschen, hätte ich demjenigen geantwortet, das wohl eher die Mets und die Yankees in der Subway Series aufeinandertreffen würden. Ach was, selbst einen Monat vor meinem Umzug hätte ich mich noch geweigert, meine große Wohnung in der Stadt für ein Holzrahmenhaus in einer abgelegenen Gegend aufzugeben, in der es mehr Kühe als Menschen gab und in der der nächste Nachbar einen Kilometer entfernt hinter sonstiger Fauna und Bäumen lebte.

Natürlich sind die Mets und die Yankees in der Subway Series aufeinandergetroffen, und ich lernte an dem Tag, als ich in das idyllische Städtchen Ashborough in New Hampshire zog, auch meinen nächsten Nachbarn kennen, Phillip Deighton, der einen knappen Kilometer entfernt wohnte.

Der Mann war zum Retter unseres Familienhaustiers Jimmy Page geworden, eines reinrassigen Cockerspaniels, der am Tag unseres Einzugs in das im Kolonialstil errichtete Haus mit vier Schlaf- und drei Badezimmern aus dem Minivan gesprungen und im Wald verschwunden war. Eigentlich war Page Jessicas Hund, ein Geschenk von meiner Frau zu ihrem vierten Geburtstag im vergangenen Jahr, aber wir hatten das Fellknäuel alle ziemlich liebgewonnen.

Das Schicksal schien beim Finden dieses Eigenheims eine Rolle gespielt zu haben. In Anbetracht des Umstands, dass mein Verlangen, eine alteingesessene Praxis zu kaufen, nie allzu ausgeprägt geworden war, hatte es sich wirklich unheimlich einfach gestaltet. Es war mir praktisch in den Schoß gefallen, nur wenige Tage, nachdem ich meiner überaus erleichterten Frau Christine zögerlich recht gegeben hatte, dass es für Jessica das Beste war, in die Vororte zu übersiedeln. Wenige Tage danach teilte ich Dr. Scully mit, dass ich aus seinem Team von Internisten in Manhattan ausscheiden würde. Von Lou Scully, der mir die Stelle nach Abschluss meiner Assistenzzeit am Columbia Presbyterian Medical Center angeboten hatte, war ich immer wie ein kleiner Bruder behandelt worden. Und als ich ihm erklärte, dass ich mir ein Haus in den Vororten wünschte – Zum Wohle Jessicas, wie ich hinzufügte, du weißt ja, wie die Schulen hier in der Stadt sind –, da nickte er und konnte gut verstehen, dass ich mir nicht jeden Tag die Fahrt mit der Long Island Railroad oder der Metro North antun wollte, um nach Manhattan zu gelangen. Außerdem wusste er, dass ein Neubeginn eine drastische Veränderung der Lebensumstände bedeuten würde.

Dann berichtete er mir von Dr. Neil Farris, einem betagten Arzt aus New England, der vierzig Jahre lang eine Praxis in einer Ortschaft namens Ashborough in New Hampshire unterhalten hatte. Es war allerdings auch eine Ortschaft, die bedeutend weiter von New York entfernt lag, als ich mir ein neues Zuhause eigentlich vorgestellt hatte. Der Mann war ein guter Freund von Lou gewesen und auf tragische Weise ums Leben gekommen, das Opfer eines Hundeangriffs.

Dr. Farris war ein begeisterter Hobbysportler gewesen. Er hatte das gelebt, was er anderen predigte, und war selbst im Alter von siebzig noch jeden Morgen fünf Kilometer joggen gewesen. Gerade in der Woche vor unserem Gespräch war er einen Kilometer von seinem Haus entfernt einem streunenden Hund über den Weg gelaufen, der eine ausgeprägte Vorliebe für sein Fußgelenk zeigte und sich so lange darin verbiss, bis Farris sich nicht mehr zu rühren vermochte. Es hatte mindestens eine Stunde gedauert, bis er von jemandem entdeckt worden war, und bis dahin hatte er eine große Menge Blut verloren. Wie es für amerikanische Kleinstädte typisch ist, verkörperte er den einzigen Arzt im Ort, daher musste er ins nächstgelegene Krankenhaus nach Ellenville gebracht werden, zwanzig Kilometer entfernt. Noch auf dem Weg dorthin war er verstorben.

Neil Farris’ Witwe traf danach umgehend die Entscheidung, Haus und Praxis zu verkaufen. Anscheinend besaßen sie ein weiteres Haus in Manchester. Mir wurde gesagt, ihre Kinder besuchten dort die Universität, und sie wollte näher bei ihnen wohnen. Der Verkauf des Hauses sollte sie finanziell absichern. Und wenn du mich fragst, Michael, hatte Scully zu mir gesagt, ist es geschenkt. Du wirst nie wieder eine komplette Praxis und ein so elegantes Haus für einen solchen Spottpreis finden.

Natürlich hatte ich nicht die Absicht, allzu weit vom kulturellen Angebot Manhattans wegzuziehen. Ich hatte dort fünfzehn Jahre lang gelebt, Christine beim Besuch des Metropolitan Museum of Art kennengelernt und Jessica in einem wunderschönen Apartment in der Upper East Side großgezogen. Abgesehen von den Schulen, die mich nicht wirklich begeistern konnten, bot New York City schon eine gewaltige Menge an Vorzügen. Auch lagen Long Island oder Connecticut nah genug für die Wochenendausflüge, die wir so sehr genossen und wichtig für Jessicas Entwicklung erachteten.

Und dann das.

Du darfst dir das wirklich nicht durch die Lappen gehen lassen, redete Lou auf mich ein. Und die Schule genießt einen sehr guten Ruf. Ich habe sie für dich überprüfen lassen, fügte er noch hinzu und reichte mir einen Ordner mit Unterlagen. Lächelnd dankte ich ihm, und danach glich meine Gedankenwelt plötzlich einem Whirlpool.

Am nächsten Tag nahm ich Verbindung mit der Witwe Farris auf und fuhr am Samstag mit Christine und Jessica im Schlepptau hinaus. Wir trafen kurz nach Mittag ein. Der Ort erwies sich wirklich als wunderschön. Dennoch brach Christine, die ihr Leben lang in Manhattan gewohnt hatte, in Tränen aus, vermutlich angesichts der Vorstellung, ihr derzeitiges Leben hinter sich zu lassen. Und Page bellte dermaßen wild und unbändig, dass wir ihn im Auto lassen mussten. Ich ging sowieso davon aus, dass Emily Farris aus gutem Grund nicht allzu gut auf die Anwesenheit eines Hundes reagieren würde.

Das Treffen mit Emily Farris verlief nicht so belastend wie erwartet. Wir hatten beide den innigen Wunsch, den Verkauf über die Bühne zu bringen, daher gab es im Hinblick auf die Einzelheiten kaum Haarspaltereien. Innerhalb weniger Stunden hatten wir uns auf die Bedingungen geeinigt, und ich fuhr am nächsten Tag mit meiner Familie und dem Wissen nach Manhattan zurück, dass ich in zwei Wochen der nächste Gemeindearzt von Ashborough sein würde.

Ungeachtet des Stresses und der Anspannung, die plötzlich über uns hereinbrachen, bemühte ich mich, die positiven Aspekte im Blick zu behalten. Es würde keine Sorgen mehr darüber geben, Stammpatienten zu halten, und es wäre sehr angenehm, nicht mehr mit Kollegen konkurrieren zu müssen. Allerdings würde es auch im Umkreis von hundertvierzig Kilometern keine größere Stadt geben. Ich sah unsägliche Langeweile voraus, schob diese Bedenken jedoch vorläufig von mir. Am wichtigsten war, dass ich weiterhin für Christine und Jessica sorgen könnte und dass Jessica die Schulbildung erhalten würde, die wir uns für sie wünschten.

Bei unserer nächsten Ankunft sah der Ort anders aus. Ausgelutscht und missbraucht, wie ein Spukhaus, ging es mir durch den Kopf. Ich schüttelte die deprimierenden Gedanken ab und sprang wie ein Mann aus dem Minivan, dem gerade ein neues Leben geschenkt worden war. Das entsprach meiner Art, mit der Tatsache umzugehen, dass wir alle erschöpft und mit den Nerven am Ende waren. Jimmy Page hatte hinten in seinem Käfig wie verrückt gekläfft, Jessica während der gesamten Fahrt über Bauchschmerzen geklagt, und Christine weinte mir entschieden zu viel für jemanden, der diesen Umzug aus New York überhaupt erst angezettelt hatte.

Natürlich täuschte ich meinen Enthusiasmus nur vor und hatte selbst größte Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Genau genommen wollte ich ja nicht wirklich hier draußen mitten im Nirgendwo leben. Sicher, ich hatte der Stadt entfliehen wollen. Allerdings hatte mir ein Haus in den Vororten vorgeschwebt, in einer Gegend, wo ich nicht gleich ins Auto steigen musste, wenn ich mir mal vom Nachbarn eine Tasse Milch borgen musste. Einen Moment lang geriet ich in Versuchung, den Vorschlag zu unterbreiten, wir sollten den Verkauf rückgängig machen und zurück nach Manhattan fahren, wo das Apartment, in dem wir gelebt hatten, vielleicht noch verfügbar sein würde. Ich spielte sogar mit dem Gedanken, den nervtötend kläffenden Page zurückzulassen.

Aber die Familie folgte mir, und Pages überschwängliche Freude darüber, aus seinem Käfig gelassen zu werden, ließ ihn wie einen Pfeil in den Wald neben dem Haus schießen.

Das Haus. Der Ort, an dem wir von nun an bis in eine ungeahnte Zukunft wohnen würden. Der Ort, an dem bis vor drei Wochen sein letzter Besitzer unscheinbar gelebt hatte, wo er geduscht und gekackt, geschlafen, gegessen und gearbeitet hatte, all die persönlichen Dinge getan hatte, von denen niemand außer ihm, seiner Frau und den Wänden ringsum sie etwas wussten. Dieser Mann, der sein Haus sicher nicht in der Absicht verlassen hatte, von einem Hund totgebissen zu werden. Unwillkürlich kam mir der morbide Gedanke in den Sinn, ob das Haus vielleicht Gefühle besaß und ichfragte mich, ob es sich bereitwillig damit abfinden würde, dass sein langjähriges Innenleben gegen eine neue, unvertraute Persönlichkeit ausgetauscht wurde. Neue Möbel, neue Menschen. Wäre ich ein Haus, so dachte ich mir, wäre ich nicht allzu begeistert von der Vorstellung. Das müsste sich anfühlen, als bekäme man sämtliche Organe transplantiert, obwohl die alten noch tadellos funktionierten.

Ungeachtet all dessen war es wirklich ein schönes Anwesen. Ein altes Kolonialhaus mit Mittelgang und vier Zimmern einschließlich einer Wohnküche unten und vier Schlafzimmern oben. Dazu kamen drei Badezimmer – zwei oben, eines unten –, und schon hatte man ein wahnsinnig schickes Eigenheim. Nicht zu vergessen natürlich das Arbeitszimmer und die hinten an das Haus anschließende Arztpraxis.

Alles in allem ein regelrechter Palast!

An der Seite des Hauses gab es einen getrennten Eingang, durch den meine künftigen Patienten ein kleines Wartezimmer betreten würden. Auf einer Seite des Vorraums befand sich ein Untersuchungszimmer, in dem zu dem Zeitpunkt, als ich es mir angesehen hatte, noch Dr. Farris’ Ausrüstung gestanden hatte. Gemäß der Abmachung, die ich mit der Witwe ausgehandelt hatte, sollte dem auch nach wie vor so sein. Auf der anderen Seite grenzte direkt an die Rückseite des Hauses ein Arbeitszimmer, ein prunkvoller Raum mit Fenstern vom Boden bis zur Decke, einem Kamin und Bücherregalen, die nahezu jeden Quadratzentimeter der Wände einnahmen. Der wahrgewordene Traum eines Arztes. Ich stellte mir vor, wie ich darin nach dem Abendessen meinen Gedanken nachhing, durch das Fenster auf die dunklen Weiten der Wälder hinter dem Grundstück hinausblickte und Glühwürmchen beobachtete.

Der Garten hinter dem Haus bestach durch einen herrlichen Rasen, der selbst jetzt im Mai schon ein gesundes, sattes Grün aufwies. Mitten darin stand ein großes Vogelbad aus Beton und weiter hinten, am Rand der Wälder ein mit einem Vorhängeschloss versperrter Schuppen, der mir bis dahin gar nicht aufgefallen war. Die Wälder selbst erstreckten sich, so weit das Auge reichte, und wie mir von Emily Farris mitgeteilt worden war, hatte nie eine offizielle Abgrenzung zwischen dem Grundstück und dem Land in Staatsbesitz stattgefunden. Das Schlimmste, was mir passieren konnte, wäre wohl, dass irgendein Bauträger auf die Idee käme, hier ein Einkaufszentrum oder einen Parkplatz zu errichten. Doch die Chancen dafür erachtete ich für geringer als ein Aufeinandertreffen in der Subway Series von … Äh, nun ja … Sagen wir einfach, ich wäre definitiv jegliche Wette gegen den Plan eingegangen, irgendwelche Bauprojekte in meinem Hinterhof zu errichten. Angesichts der Einwohnerzahl der Ortschaft lohnte sich so etwas schlichtweg nicht.

Nach dem wir aus dem Minivan ausgestiegen waren, bedachte ich Christine mit einem zärtlichen Blick. Sie wischte sich gerade mit einem Taschentuch Tränen aus dem Gesicht. »Tja … wir sind da.«

Ich verspürte eine leichte Anspannung und ein Zittern in den Beinen. Es heißt, ein Haus zu kaufen, gehört zu den stressigsten Dingen, die ein Mensch im Leben tun kann, gleich nach dem Heiraten und der Geburt eines Kinds. Sowohl die Hochzeit als auch das Vaterwerden hatte ich tadellos überstanden, aber vor unserem neuen Zuhause mitten im Nirgendwo in New Hampshire zu stehen, fühlte sich aus irgendeinem Grund beängstigender an, als Jessicas Geburt mitzuerleben. Christine schien in jenem Augenblick genauso zu empfinden.

Sie kam zu mir und umarmte mich. Ich spürte, wie ihre feuchten Wangen gegen meine Schulter drückten. »Ich bin noch nie so glücklich gewesen«, behauptete sie.

Natürlich log sie damit, dennoch war ich verdammt glücklich, dass sie es sagte. Es bedeutete, dass sie bereit war, diese drastische Veränderung unserer Lebensumstände zu akzeptieren, was mir eine gewaltige Last von den Schultern nahm. Dass ich mich selbst unglücklich fühlte, betrachtete ich als persönliches Problem, das ich ohne Weiteres bewältigen konnte – ich konnte lernen, wieder glücklich zu sein. Aber mit Christines Traurigkeit umgehen zu müssen, wäre etwas völlig anderes gewesen. Sie konnte in ihrer Emotionalität so verdammt hartnäckig sein. Wenn sie beschlossen hätte, den Pfad der fortwährenden Unzufriedenheit einzuschlagen, wäre ich im Arsch gewesen. Für immer. Es hätte keine Veränderung, keine Umkehr gegeben. Wenn es um ihre Emotionen ging, glich sie einem Fels.

Sie ließ den Blick über die Vorderseite des Hauses wandern, von der Eingangstür über die leeren Fenster zu dem Gehweg, der neben der Auffahrt hinaufführte. Dabei konnte ich praktisch hören, wie die Rädchen in ihrem Verstand klickten, während sie Gartengestaltungsideen für den Bereich unter dem Erkerfenster wälzte und wahrscheinlich um die hundert weitere Verschönerungsprojekte durchging.

In der Ferne hörte ich Page bellen, und zum ersten Mal fragte ich mich, ob er den Weg zurück wohl finden würde.

Jessica gesellte sich zu uns und ergriff Christines Hand. »Mami, mir geht’s gar nicht gut«, sagte sie kläglich.

Diesen Satz hatte ich während der Fahrt gefühlte tausendmal gehört. Wie üblich schenkte Christine den Beschwerden unserer Tochter mehr Aufmerksamkeit als ich.

»Was ist denn, Schätzchen?«, fragte Christine, bückte sich und fuhr mit der Hand durch Jessicas blonde Löckchen.

»Ich hab Bauchweh. Ich will nach Hause.«

Christine warf mir einen besorgten Blick zu. Sie hatte Bedenken wegen Jessica. Ich persönlich ging davon aus, dass ein fünf Jahre altes Mädchen bloß ein, zwei Wochen brauchen würde, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. In einem Monat würde sie Manhattan völlig vergessen haben. Im Gegensatz zu mir.

Ich ging zu meiner Tochter und kniete mich neben sie. Auf dieser Höhe klang das Gezwitscher der Vögel sehr laut. Ich musste zugeben, dass ich es als angenehme Abwechslung gegenüber dem endlosen Sirenengeheul in den Straßen der Großstadt empfand.

»Liebes, das hier ist unser neues Zuhause.« Ich deutete auf das Gebäude.

Sie musterte es kurz, dann meinte sie verhalten: »Coole Sache.«

Ich warf Christine einen fragenden Blick zu, bevor wir alle, Jessica eingeschlossen, in Gelächter ausbrachen. Meine Frau und ich hatten keine Ahnung, wo sie den Spruch aufgeschnappt haben mochte, aber wir fanden ihn allemal besser als Heilige Scheiße oder Ich scheiß mich an; Ausdrücke, wie sie sich Jessica zweifellos in der Vorschule in Manhattan angeeignet hätte. Deshalb waren wir hier herausgezogen. Und mit Coole Sache konnte ich bestens leben.

Ich schlang die Arme um Christine und Jessica, und wir alle drückten uns gegenseitig.

Der perfekte Start in ein neues gemeinsames Leben.

2

Der Moment hätte ewig andauern sollen, dachte ich mir später, denn danach ging es eigentlich nur noch bergab.

Doch ich löste mich aus der Familienumarmung, um die Hausschlüssel aus der Jackentasche zu kramen. Kaum hatte sich mein Finger durch den Ring des Schlüsselbunds geschoben, übergab sich Jessica auf mich.

Christine stieß meinen Namen aus, dann folgte: »Oh Jess, Liebes …« Sie richtete sich auf, um Jessica Freiraum zu geben, die erneut erbrach. Diesmal auf den Gehweg. In Wirklichkeit allerdings schien Christine mir eher froh darüber, nicht in die Schusslinie geraten zu sein. Sie wich zunächst auch noch einen guten Meter zurück, um nicht bespritzt zu werden. Ich hingegen stand nur völlig verdattert da und ließ den Blick zwischen meiner plötzlich reihernden Tochter und der Schweinerei hin und her wandern, die das Hosenbein meiner Jeans hinuntertropfte.

Als das Würgen nachließ, schwoll ihr Weinen zu einem intensiven Geheul an. Sie klang völlig verängstigt, als hätte sie gerade ein Vogelbaby oder so ausgekotzt.

»Jessica …«, setzte ich an und wusste nicht recht, was ich gegen das Erbrochene auf meinem Bein unternehmen sollte. »Ist schon gut, du brauchst keine Angst zu haben. Dein Bauch ist ein bisschen krank. Das ist alles.«

»Aber mein Bauch!«, kreischte sie, und ihre geröteten, nassen Augen quollen aus den Höhlen wie zwei Kirschtomaten.

Einen Moment lang fühlte ich mich mit der Situation völlig überfordert. Ich wollte nur aus meiner Hose raus. Die Hausschlüssel hielt ich nach wie vor in der Hand, nur half mir das nichts, denn der Umzugswagen mit unseren Sachen war noch nicht eingetroffen, und ich hatte lediglich eine Sporttasche mit den wichtigsten Dingen für den Abend dabei.

»Steh nicht bloß rum, Michael«, forderte Christine mich auf. »Tu etwas.« Für Christine besaß ich als Arzt die Macht, jede Situation zu entschärfen, ob es sich nun tatsächlich um eine medizinische Angelegenheit handelte oder nicht.

»Was schlägst du vor?« Verärgerung stieg in mir auf, und mir ging wieder flüchtig durch den Kopf, zurück nach New York abzuhauen. Diesmal aber allein.

»Zieh die Hose aus. Und dann hol deiner Tochter Pepto-Bismol aus dem Erste-Hilfe-Kasten.«

Jessica wurde immer dann zu meiner Tochter, wenn die Dinge sich unangenehm entwickelten. So wie in diesem Augenblick. »Und wo soll ich mich umziehen? Ich schleppe das Erbrochene weder ins Haus noch ins Auto.«

»Michael … hier ist kilometerweit keine Menschenseele. Wir sind mitten im Nirgendwo, schon vergessen? Zieh sie einfach aus.«

Ich wollte schon mit ihr diskutieren, doch dann beutelten Jessica noch einmal Magenkrämpfe – und drei gewaltige Schwalle schossen aus ihr hervor. Als sie damit fertig war, rannen unstillbare Tränen aus ihren Augen. Linkisch stakste ich zum Auto und trat mir die Schuhe und Socken von den Füßen. Der Erste-Hilfe-Kasten befand sich im Handschuhfach. Vom Rücksitz griff ich mir ein Handtuch, mit dem ich versuchte, einen Teil des Erbrochenen von meiner Hose zu wischen. Dabei wurde mir allerdings bloß selber schlecht. Ich beschloss, dass es vielleicht doch besser wäre, das Ding einfach auszuziehen, also tat ich es. Nur in Boxershorts ging ich zurück zu Christine und Jessica. Dabei kam ich mir wie eine Schlange vor, die sich gerade gehäutet hatte; verwundbar und anfällig für Kälte.

Christine hatte Jessica hochgehoben. Sie klopfte ihr leicht auf den Rücken und versuchte, sie in ihrer Hysterie zu beruhigen.

»Sie ist krank, Michael. Sie hat erhöhte Temperatur.«

»Sag mir lieber etwas, das ich noch nicht weiß.«

»Na ja … hast du schon gewusst, dass du barfuß ohne Hose vor deinem neuen Haus stehst und rein gar nichts tust?« Ihre Züge wirkten steif und waren weit entfernt davon, ein Grinsen aufblitzen zu lassen. Sie hatte offensichtlich nicht vor, die Situation durch eine lustige Bemerkung zu entschärfen. Vielmehr war sie sauer. Am liebsten hätte ich aufgeschrien und wäre ins Haus gerannt, um von dem Chaos draußen wegzukommen.

Und dann schrie ich tatsächlich, wenngleich nicht wegen Christine. Durch meine Sohle schoss ein jäher, fürchterlicher Schmerz. Es fühlte sich an, als wäre mir der Fuß ohne Narkose amputiert worden. Unwillkürlich sank ich auf ein Knie, um nachzusehen, und warf den Erste-Hilfe-Kasten schnaubend von mir.

»Was ist, Michael?«, rief Christine und stellte Jessica ins Gras. Durch die stechenden Schmerzen in meiner Fußsohle hörte ich, wie Jessicas Weinen wieder anschwoll, als hätte jemand ihren Panikknopf gedrückt. Fuchtelnd wollte sie sich erst an Christine, dann an mir festklammern. Sie suchte nach Hilfe, doch ich hatte keine andere Wahl, als sie sachte von mir zu stoßen, da ich meinen Fuß untersuchen musste. Es war wohl nicht sachte genug gewesen, denn natürlich plumpste sie mitten hinein in die Pfütze ihres Erbrochenen. Was für ein zusätzliches Anschwellen der Schreie sorgte, sowohl seitens meiner Tochter als auch von meiner Frau.

Allerdings konnte ich ihnen in jenem Moment keine Beachtung schenken. Als ich meinen Fuß herumdrehte, erwartete mich ein grausiger Anblick. Ein rostiger Nagel hatte sich mitten durch meine Sohle gebohrt. Das Ende ragte wie ein schiefer alter Zaunpfosten daraus hervor. Rings um die Eintrittsstelle hatte sich schon eine zornig-rote Schwellung der Größe einer Vierteldollarmünze gebildet. Blut quoll daraus hervor. Ich schrie auf – vor Schmerzen, Angst, Schock.

Blut und Kotze!, schoss es mir wirr durch den Kopf.

Christine besaß die Frechheit, mich dafür zu tadeln, dass ich Jessica gestoßen hatte, und während ich weiter schrie, hob ich meinen Fuß an und hielt ihn ihr zu meiner Verteidigung praktisch ins Gesicht. Wofür ich einen ziemlich angewiderten Blick erntete. Sie krümmte sich von mir fort und wandte sich ab.

»Sie haben wohl gerade alle Hände voll zu tun, was?«, fragte eine tiefe Stimme hinter mir. Dann hörte ich ein Bellen. Jimmy Page.

Ich drehte mich um und erblickte ein paar Meter entfernt einen etwa fünfzigjährigen Mann. Er trug eine abgewetzte Wrangler-Jeans und ein kariertes Hemd. Unter dem offenen Kragen quoll üppige, graue Brustbehaarung hervor. Er hatte blasse Haut und kaute auf einem Ende einer halbgerauchten, aber erloschenen Zigarre herum. In den Armen hielt er Jimmy Page wie ein Baby mit dem Bauch nach oben. Die Zunge des Hunds baumelte wie eine rote Schleife aus dem Maul.

»Die Gerüchteküche besagt, dass Sie der neue Arzt sind. Sieht so aus, als wären Sie selbst Ihr erster Patient.«

Ich verzog unter Schmerzen das Gesicht. »Ja, könnte man wohl so sagen«, erwiderte ich und fragte mich, was er wohl wirklich von mir halten mochte, wenn man bedachte, dass er mich in meiner Unterhose vor sich sah.

»Hab Ihren Hund gefunden«, sagte er, dann kniete er sich hin und ließ Jimmy Page auf den Boden. Der Hund wieselte sofort zu Jessicas Erbrochenem und schnupperte daran.

Ich schaute zu dem Mann auf, rang mir ein Lächeln ab und sagte: »Danke.«

Geht doch nichts über einen guten ersten Eindruck, ging mir dabei durch den Kopf.

3

Der Mann steckte seine von Speichel aufgeweichte Zigarre in die Brusttasche seines Hemds und schilderte mir, wie er auf seiner Veranda gesessen hatte, als Page angetrabt war, um an seinen Füßen zu schnüffeln. Nach ein paar Streicheleinheiten und einer Scheibe Truthahnbraten als Leckerli hatte er den Cockerspaniel zurück nach Hause gebracht. »Da er neu in der Gegend ist, dachte ich, er könnte Schwierigkeiten haben, sich zurechtzufinden.« Dann fügte er hinzu: »Ist aber ein ziemlich aufgeweckter Bursche.«

Während Christine unsere Tochter neben dem Minivan umzog, zupfte ich den Nagel mit einer wohlüberlegten Handbewegung aus meiner Sohle. Dabei schrie ich einmal kurz auf, denn ich hatte zwar schon reichlich Nägel und Nadeln aus Füßen und Händen von Patienten entfernt, aber noch nie selbst solche Schmerzen erlebt, die weit oberhalb dessen lagen, was ich befürchtet hatte. Dann war es erstaunlicherweise vorbei. Oder zumindest verschwanden die schlimmsten Schmerzen. Zurück blieb ein dumpfes Pochen. Ich behandelte die Wunde mit einem Antiseptikum, bedeckte sie mit Verbandsmull und wusste bereits, dass es sich die nächste Woche lang ziemlich mühselig gestalten würde, mich im Haus zu bewegen. Nicht besonders vorteilhaft, zumal wir eine Menge Arbeit damit haben würden, alle Sachen auszupacken und einzuräumen.

»Ich frage mich, wie der Nagel auf Ihren Rasen gekommen ist«, meinte der Mann. Er bedachte mich mit einem launigen Lächeln, dann streckte er mir die Hand hin, in die ich gerne einschlug. »Phillip Deighton, zu Ihren Diensten«, stellte er sich vor und half mir auf die Beine.

»Michael Cayle, und ja, ich bin der neue Arzt.«

»Mami, wer ist der Mann?«, hörte ich Jessica fragen. Christine brachte sie zum Schweigen, als sie vom Auto zurückkehrten, dann stellte sie sich lächelnd vor.

»Unserer Tochter geht es heute nicht so gut«, erklärte sie Phillip. »Sie hatte ein kleines Missgeschick.« Page umkreiste jeden der Anwesenden und kehrte dabei fallweise zu Jessicas Erbrochenem zurück, um es zu untersuchen.

Deighton zog seine Zigarre wieder hervor und steckte sie sich zwischen die feuchten Lippen, entzündete sie aber nicht. »Freut mich, Sie kennenzulernen«, sagte er. Dann kniete er sich zu Jessica auf Augenhöhe. »Und wie heißt du, junge Dame?« Jessica blieb stumm. Ich drängte sie, höflich zu sein und sich vorzustellen. Schließlich murmelte sie leise ihren Namen, bevor sie ihr Gesicht abwandte und gegen Christines Oberschenkel drückte.

»Willkommen in Ashborough.« Phillip richtete sich wieder auf und entbot uns ein überaus herzliches Lächeln. Dann wurde mir klar, dass er eigentlich so grinste, weil ich in der Unterhose vor ihm stand.

»Äh … ja, wie Sie sehen, hatten wir einen kleinen Unfall. Entschuldigen Sie die unschöne Szene.« Ich ersparte es mir, auch noch auf die Stelle des Gehwegs hinzuweisen.

Phillip streckte beide Hände vor sich. »Da gibt’s nichts, wofür Sie sich entschuldigen müssten … Wir haben alle mal ’nen schlechten Tag, und Sie drei sind wahrscheinlich wegen des Umzugs ein bisschen durcheinander, würde ich sagen.«

»Ja. Ist ein ziemlich verheißungsvoller Anfang gewesen.«

Deighton lächelte zwar nach wie vor, wandte sich jedoch Christine zu. Vermutlich fühlte er sich durch meinen leicht bekleideten Zustand allmählich unbehaglich. »Sie sind herzlich eingeladen, vorläufig mit zu mir zu kommen, zumindest so lange, bis Ihre Sachen eintreffen. Dann kann ich Ihnen meine Frau vorstellen. Sie kann’s kaum erwarten, Sie kennenzulernen. Bin sicher, sie wird automatisch eine Ihrer Stammpatientinnen werden. In Dr. Farris’ Akten finden Sie jedenfalls einiges über sie. Und Michael, während Sie bei mir sind, können Sie die Wunde anständig säubern. Wahrscheinlich werden Sie sich eine Tetanusspritze setzen wollen, oder?«

Ich schaute zu Christine hinüber, die mir halb zunickte, halb mit den Schultern zuckte. An sich hätten wir gern das Haus und das Grundstück erkundet, aber ohne Möbel hatten wir keinerlei Sitzgelegenheiten, und die Wasserversorgung war auch noch nicht angestellt. Außerdem wollte ich das gastliche Angebot unseres neuen Nachbarn trotz des ungünstigen Zeitpunkts nicht ausschlagen.

»Wir machen Ihnen auch etwas zu essen. Wahrscheinlich sind Sie inzwischen alle hungrig.« Er legte die Hände auf die Knie, bückte sich und lächelte Jessica an. »Rosy hat einen besonderen Eistee mit Honig, der dafür sorgt, dass es deinem Bauch gleich wieder bessergeht. Würde dir das gefallen?«

Jessica nickte und lächelte zaghaft zurück.

Nun, ich war tatsächlich hungrig. Christine vermutlich auch, und im Auto lag lediglich eine Tüte Chips. Zuvor hatten wir darüber gesprochen, in den Ort zu fahren, um ein Lokal zu suchen, aber anscheinend hatten wir nunmehr andere Pläne. »Klar, ein kleiner Imbiss wäre toll. Danke.« Ich humpelte zum Auto, kramte meine für den Abend gedachte Reservehose hervor und zog sie an. Christine gab Jess inzwischen das Pepto-Bismol, und unser Mädchen trank es nur allzu gern direkt aus der Flasche.

Wir alle stiegen in den Minivan – Phillip und sein neuer Freund Jimmy Page nahmen auf dem Rücksitz Platz, Christine mit Jessica auf dem Schoß vorne auf dem Beifahrersitz. Als wir zu Phillip Deightons Haus losfuhren, schaute ich seitlich an unserem Eigenheim vorbei und erblickte nichts als Wald.

Unwillkürlich fragte ich mich, wie weit sich die Bäume wohl erstrecken mochten.

4

Die Straße verlief ziemlich gewunden – aus keinem ersichtlichen Grund, wie ich fand, zumal Deightons Haus genauso nach Osten wies wie meines. Das bezaubernde, im Kolonialstil errichtete Gebäude tauchte nach einer bewaldeten Kurve auf. Unterwegs hatten wir durchgehend Bäume auf der linken und offenes Weideland auf der rechten Seite passiert, jeweils unterbrochen von vereinzelten Häusern, von denen jedes eine Veranda besaß. Außerdem besaß jedes Grundstück hinten seinen eigenen Waldabschnitt, der zu einer einladenden, entspannenden Anmutung beitrug.

Als ich auf die lange Schottereinfahrt bog, fragte ich mich, weshalb der vorherige Arzt von Ashborough seine Praxis nicht in der Ortsmitte eingerichtet hatte, wo das erhöhte Verkehrsaufkommen für viele Patienten gesorgt hätte. Vielleicht hatte es Tradition, ein Gefühl von Abgeschiedenheit zu bewahren und einen Sicherheitsabstand zur Gesellschaft einzuhalten, um eine Atmosphäre von Ruhe und Beschaulichkeit bieten zu können. Wahrscheinlich hielt man es schon seit dem achtzehnten Jahrhundert so, als diese Häuser errichtet worden waren.

Wie heute würde es auch damals nur einen Arzt im Ort gegeben haben, der in einem Haus am bewaldeten Rand der Gemeinde gewohnt hatte, wo man sich hinbegeben musste, wenn man ein Gebrechen behandelt haben wollte. Ich fragte mich – ein wenig bestürzt, wie ich hinzufügen möchte –, ob die früheren Ärzte Hausbesuche gemacht hatten und ob man das auch von mir erwarten würde. Mache ich etwa gerade einen Hausbesuch? Ist das vielleicht so etwas wie eine Ablenkungstaktik von Phillip Deighton? Ich versuchte mir zu sagen, dass solche Bauchgefühle bloß eine Nebenerscheinung von Müdigkeit und Anspannung waren, doch aus irgendeinem Grund gelang mir das nicht.

Bei der Gelegenheit kann ich Ihnen gleich meine Frau vorstellen. Sie kann’s kaum erwarten, Sie kennenzulernen, Mr. Cayle. Bin sicher, sie wird eine Ihrer Stammpatientinnen werden …

»Tja … da sind wir. Trautes Heim«, verkündete Deighton. »Seit siebenundzwanzig Jahren. Könnte mir nicht vorstellen, an einen völlig anderen Ort zu ziehen, so wie Sie es gerade tun.« Er stieg aus dem Auto, und sofort hüpfte Page freudig bellend um seine Beine. Jessica vollzog eine erstaunliche Verwandlung von krank zu aufgekratzt und hetzte übermütig hinter dem Hund her.

»Sachte, Jess«, mahnte Christine, »wir wollen hier keine Unfälle erleben.«

Soweit ich es auf den ersten Blick beurteilen konnte, ähnelte das Haus stark dem meinen – ein recht großes Gebäude im Kolonialstil New Englands mit einem Schindeldach aus dunklem Holz und weißer Verkleidung. Die Zufahrt verlief wie eine Ader durch einen weitläufigen Rasen. Wie die Zufahrt erwies sich auch der Gehweg zum Haus als ungepflastert. Am Ende des Gehwegs führten vier Holzstufen zu einer grau bemalten Veranda hinauf, die sich um das gesamte Haus erstreckte. Das milde Frühlingswetter hatte die Azaleen entlang der Veranda bewogen, frühzeitig zu erblühen. Ihr Duft hing angenehm in der Luft. Einige Hummeln erfreuten sich an ihnen und brummten ihre Arietten. Das Haus machte definitiv einen bewohnteren Eindruck als meines. Auf dem Rasen hatte man eine Wetterfahne aufgestellt, von der Traufe hing eine Kuhglocke, die Eingangstür zierten Maishülsen; das Musterbeispiel eines Kleinstadtanwesens in New England. Phillip führte uns alle hinein, dann dirigierte er mich in die Richtung der Treppe.

»Das Badezimmer ist oben am Kopf der Stufen links«, erklärte er mir überschwänglich.

Ich hatte meinen Erste-Hilfe-Koffer mitgenommen. Mit etwas Belustigung wurde mir klar, dass ich ihn noch nie zuvor für eine Tetanusspritze verwenden musste. Einen Moment lang sorgte ich mich darüber, ob sich überhaupt Spritzen darin befinden würden, da ich ihn schon lange nicht mehr durchgesehen hatte. Aber mein gutes Gewissen beruhigte mich. Die Nadeln würden so sicher in dem Koffer sein, wie sich in meinem Fuß pochend eine Infektion anbahnte.

»Danke«, sagte ich. Abwesend lächelte ich Christine zu, dann schaute ich zu Jessica, die gerade Page mit einer Scheibe Mortadella fütterte, die Phillip aus dem Kühlschrank geholt hatte. Ich trat den Weg die Treppe hinauf an und hörte, wie Christine unsere Gründe für den Wegzug aus Manhattan zu schildern begann. Bis ich damit fertig wäre, die Wunde zu säubern und mir die Spritze zu setzen, würde die ganze Geschichte vermutlich bereits erzählt sein, und wir könnten den beschaulichen Rückweg zur Harlan Road 17 antreten. Trautes Heim, wie Deighton gesagt hatte.

Die Stufen knarrten unter mir, und oben bog ich nach links, wie Phillip mich angewiesen hatte. Etwa zweieinhalb Meter entfernt befand sich am Ende eines tapezierten Flurs eine offene Tür. Den Gang zierte über die gesamte Länge in Hüfthöhe eine Scheuerleiste mit Blumenmuster. Ein leicht abgestandener Geruch hing in der Luft, der von Mottenkugeln ausgehen mochte. Es konnte sich aber auch um etwas anderes handeln. Etwas Altes. Wie ein üppig behaarter Kopf, der seit einem Monat nicht mehr gewaschen worden war.

Ich blieb stehen, sah mich einen Moment lang um und erblickte zwei weitere Türen auf der gegenüberliegenden Seite der Treppe sowie eine geradeaus in der Wand, die entlang des Absatzes verlief. Vermutlich Schlafzimmer. Mit einem Schulterzucken drehte ich mich wieder um, ergriff den Türknauf und betrat den Raum vor mir. Als Erstes sah ich auf die Armbanduhr – ein Uhr nachmittags. Vermutlich war es eine instinktive Ablenkungstaktik meinerseits, um meinen Verstand von der Erkenntnis abzulenken, dass ich falsch abgebogen war. Allerdings hielt die Wirkung nur eine Sekunde lang an.

Ich befand mich nicht im Badezimmer. Vielmehr stand ich gerade im Elternschlafzimmer, unmittelbar vor Mrs. Deighton.

Zum Glück lag sie im Bett und schlief, gestützt von zwei Kissen. Der Kopf hielt sie in einem eigenartigen Winkel zur Seite geneigt auf ihrer linken Schulter ruhend. Meine Handflächen begannen zu schwitzen, dennoch ließ ich den Erste-Hilfe-Koffer nicht fallen. Ich umklammerte ihn fester, als mein Herz in der Brust auf Trab beschleunigte und Magensäure die Speiseröhre hochkletterte und drohte, meiner Kehle einen Besuch abzustatten. Irgendwie war ich am Kopf der Treppe falsch abgebogen – oder der gewitzte Phillip Deighton hatte Ashboroughs neuen Arzt vorsätzlich ins Schlafzimmer seiner ersten Patientin geschickt.

Das steht dir bevor, Nachbar. Nur eine kleine Warnung, der Fairness halber.

Mrs. Deighton rührte sich. Es handelte sich um ein unwillkürliches Wackeln des Kopfes, auf das rasch ein Prusten durch die Nebenhöhlen folgte, das ihre von den zerknitterten Laken verhüllten Arme jäh zucken ließ. Mein Herz legte einen Gang zu und verfiel in einen Galopp. Für einige angespannte Sekunden schien sich der Raum um mich zu drehen. Meine Füße verharrten wie festzementiert auf dem Boden, und ich hielt den Atem an – vermeintlich in dem Versuch, die schlafende Frau nicht zu wecken, doch tief in meinem wild pochenden Herzen wusste ich, dass gänzlich überraschende Angst der wahre Grund war.

Ich kramte in meinem Ärzteverstand nach einer Diagnose und schloss fast sofort auf Krebs, jenes schicksalschwere Leiden, das jeden neunzehnten Amerikaner heimsucht und die Wurzel vieler unheilbarer, unerklärlicher medizinischer Rätsel ist. Die Anzeichen waren unübersehbar. Ein beträchtlicher Teil des Unterkiefers war amputiert worden, meiner Ansicht nach eher unfachmännisch. Das Resultat sah primitiv und unnötig zerklüftet aus. Allerdings war ich weder Chirurg, noch kannte ich Einzelheiten betreffs den Schweregrad des Problems, daher konnte ich nicht wissen, welche Möglichkeiten es zum Zeitpunkt der Operation sonst noch gegeben hätte. Jetzt konnte ich nur sagen, dass augenscheinlich irgendwann ein bösartiger Tumor in ihrem Kieferknochen geschwelt hatte, der von niemandem bemerkt worden war, anscheinend nicht einmal von Mrs. Deighton selbst, bis er sich derart ausgebreitet hatte, dass es zu spät gewesen war, um ihren Unterkiefer noch zu retten. Also hatte man ihn zusammen mit einem ordentlichen Teil der Wange amputiert. Geblieben war ein klaffendes Loch, das den Blick auf eine nasse Schwärze im Inneren freigab, die eigentlich nie jemand sehen müssen sollte. Ich kann Ihnen versichern, ich habe schon reichlich offene Wunden in Augenschein nehmen müssen, aber dieses Baby war ein echtes Prachtexemplar.

Nennen Sie mich ruhig töricht, aber ich trat einen Schritt näher und ließ den Blick neugierig über die grausige Entstellung wandern. Ich konnte nicht anders, als auf das praktisch knochenlose Gesicht zu starren, in das Loch, das sich in der runzligen Haut öffnete. Auf verrückte, geradezu lächerliche Weise hatte ich den Eindruck, die Schale eines angefaulten, ganz unten in einem vergessenen Obstkorb entdeckten Apfels zu betrachten. Der Arzt in mir wollte die Entstellung studieren. Nein, angaffen. Herrgott, ich kam mir wie ein Kind im Freakzelt eines Wanderzirkusses vor. Was stimmte bloß nicht mit mir?

Ich drehte mich um, löste mich vom Anblick der Frau. Stattdessen wandte ich mich einem an der Wand hängenden Foto zu, das einen jüngeren Phillip, eine unversehrte Rosy und ein vielleicht fünfzehnjähriges Mädchen zwischen ihnen zeigte. Ihre Tochter, vermutete ich. Im Schlafzimmer gab es eine offene Tür, durch die ich in das Badezimmer hinüber schlich. Ich fand den Lichtschalter und drückte darauf. Grelle, gelbliche Helligkeit flutete den Raum und wurde von den Keramikkacheln reflektiert, die sich bis zur weiß verputzten Decke hinauf erstreckten. Das Pochen in meinem Fuß wurde allmählich schlimmer, und das Gefühl der kühlen Luft, als ich den provisorischen Verband hastig entfernte, bescherte mir eine Gänsehaut. Ich zog den Duschvorhang beiseite und ließ lauwarmes Wasser in eine auf Stahlfüßen stehende Wanne rinnen. Kaum war sie zu einem Viertel gefüllt, tauchte ich den Fuß ins Wasser. Zuerst brannte es, aber schon bald konnte ich eine deutliche Linderung der Schmerzen verzeichnen.

Während ich dort stand, bemühte ich mich, an die Möbelpacker zu denken, die wahrscheinlich gerade Kartons auf meinem Rasen stapelten, und daran, dass ich dringend zurück zu unserem Haus musste, um ihnen zu sagen, wohin all die Sachen gehörten. Allerdings fiel es mir schwer, mich auf den Einzug zu konzentrieren; der Anblick der Frau im Nebenraum blieb mir erhalten. Er suchte mich heim, ließ mich vor Abscheu schaudern.

Ich fühlte mich so angewidert, als hätte das ekelhafte Fell einer toten Wasserratte meine Fußgelenke gestreift. Und diese Frau würde wirklich eine Stammpatientin von mir werden? Lieber Gott im Himmel, es fiel mir schon schwer genug, nur ihren Anblick geistig zu verdauen. Wie um alles in der Welt sollte ich sie erst untersuchen? Vermutlich hatte mich nur die so unverhoffte Konfrontation mit ihrem Anblick dermaßen aus der Bahn geworfen. Ich redete mir ein, dass sich meine Professionalität durchsetzen würde, sobald ich mich in meine Rolle als der neue, angesehene Internist von Ashborough eingefunden hätte. Hoffte ich jedenfalls.

Nach fünf Minuten entfernte ich den Fuß aus dem Wasser. Als ich ihn untersuchte, konnte ich mühelos den Beginn einer einsetzenden Infektion in Form eines rötlichen Rings um die Wunde erkennen. In wenigen Stunden würde sich Eiter ansammeln – der Nektar der Fäulnis. Oh Freude.

Zeit für eine Impfung.

Das ist einer der Vorzüge des Daseins als Arzt. Man kann sich selbst – oder Angehörigen – Medikamente verabreichen oder verschreiben, ohne mehrere Stunden für einen Arztbesuch aufwenden zu müssen, um ein Rezept zu bekommen, mit dem man anschließend zur Apotheke muss. Innerhalb einer Minute hatte ich die Nadel ausgepackt und auf der Spritze angebracht, den Impfstoff aufgezogen und ihn mir in den Oberschenkel injiziert. Bis zum heutigen Tag zucke ich immer noch bei dem jähen, von einer Nadel verursachten Schmerz zusammen, so kurz er auch anhalten mag. Ich hoffte, ich würde von da an eine Weile verschont bleiben. Zwei jähe Stiche an einem Tag waren mehr, als dieser spezielle Arzt zu verkraften vermochte.

Ich beugte mich vor und schloss den Erste-Hilfe-Koffer.

Dabei sah ich, wie sich etwas bewegte.

Aus dem Augenwinkel nahm ich einen länglichen, schrägen Schatten an der Kachelwand wahr, der an den Kopf eines Meeresungeheuers erinnerte. Erschrocken zuckte ich zurück. Der Duschvorhang rauschte und ich hielt mich daran fest, um nicht in die Wanne zu fallen. Drei Kunststoffringe lösten sich mit ploppenden Lauten von der Duschstange und landeten klappernd auf dem Boden, der Rest hielt lange genug durch, dass ich das Gleichgewicht zurückerlangte. Allerdings hatte der Lärm die Stille zerbrochen und schien mehr als ausreichend zu sein, um Mrs. Deighton zu wecken. Es sei denn natürlich, das war der Schatten der unansehnlichen Frau gewesen, die aus dem Schlaf erwacht war und sich mittlerweile sicherlich aus dem Bett erhoben hatte, um den merkwürdigen Geräuschen in ihrem Badezimmer auf den Grund zu gehen. Ich fragte mich, was ihr wohl durch den Kopf gehen würde, wenn sie einen fremden Mann vorfände, der sich barfuß an ihrem Duschvorhang festklammerte. Es würde ihr einen Mordschrecken einjagen.

Daher hielt ich es für besser, sie vorzuwarnen.

Ich trat auf die Tür zu und scheute zugleich davor zurück. Ich richtete den Blick erst auf den unsteten Schatten, dann auf die offene, ins Schlafzimmer führende Tür.

»Hallo?«, rief ich, halb im Flüsterton.

Keine Erwiderung. Vielleicht war sie obendrein schwerhörig.

Ich rief erneut, diesmal lauter. »Hallo? Mrs. Deighton? Ihr Mann hat gesagt, ich könnte das Badezimmer benützen.«

Ich trat aus dem Raum.

Mrs. Deighton war tatsächlich wach und aufgestanden. Sie stand neben dem einzigen Fenster im Zimmer. Sie trug nur ein Nachthemd und kehrte mir zum Glück den Rücken zu, sodass ich nicht gezwungen war, erneut die Kluft in ihrem Gesicht anzusehen. Ihr Blick war aus dem Fenster gerichtet, der Mund zuckte, als würden winzige Stromstöße hindurchgejagt. Ihr gesamter Körper wogte langsam vor und zurück, als stünde sie unter dem Einfluss mächtiger Geister.

Dann drehte sie sich mit einer ungelenken Bewegung zu mir um. Ihr Blick wirkte einerseits trüb, zugleich jedoch stechend konzentriert. Sie schrie bei meinem Anblick nicht, rührte sich nicht einmal. Es machte auf mich den Eindruck, als hätte sie meine Anwesenheit entweder erwartet oder noch gar nicht wahrgenommen.

Die Reste ihres Unterkiefers bebten leicht. Ich konnte die dunkle, offene Hälfte ihres Gesichts und die lose Haut sehen, die daran baumelte wie der Kehllappen eines Truthahns. Zum ersten Mal in meiner Laufbahn ging mir angesichts eines Patienten der Gedanke durch den Kopf, dass diese Frau vielleicht gar nicht menschlich war, so lachhaft sich das auch anhören mag. Schlagartig fühlte ich mich genauso unzivilisiert wie jene verängstigten Engländer, die den Elefantenmenschen John Joseph Merrick vor über einem Jahrhundert in der schicksalsträchtigen Londoner U-Bahn gestellt hatten.

Unsere Blicke begegneten sich, und das Erste, was mir in den Sinn kam, war, dass sie irgendwie anders wirkten; jeglicher Emotionen beraubt, als hätten sie Schrecken gesehen, die über die schier unerträglichen Unbilden von Krebs noch hinausgingen. Dann sah ich etwas anderes …

Es gab tatsächlich ein zusätzliches Grauen, das schlagartig in meine Welt eindrang, mir den Atem verschlug und einen Adrenalinstoß durch meine ermattenden Muskeln jagte. Ihre rechte Hand … fehlte. Unterhalb des Ellbogens endete der Unterarm auf halbem Weg als unregelmäßige Masse von knotigem Narbengewebe in einem Stumpf. Außerdem fehlte am selben Arm der halbe Bizeps, wodurch ihr Oberarm u-förmig deformiert war. Und das waren nur die Verletzungen, die am deutlichsten ins Auge sprangen. Überall auf der freiliegenden Haut, an den Armen, am Hals, an den Schienbeinen und an den Füßen, zeichneten sich kleine Häufungen weißer Narben ab, einige deutlicher hervorstechend als andere, aber alle besorgniserregend.

Das hatte mit Krebs sicher nichts zu tun. Und man brauchte kein Arzt zu sein, um diesen Schluss zu ziehen. Nein. Diese Frau war von einem wilden Tier angefallen worden. Von wilden Tieren. Mehrzahl.

Ich wollte nur noch weg von ihr. An sich hatte ich dort ohnehin nichts verloren. Ich fragte mich, wieso in Gottes Namen mich Phillip Deighton durch ihr Schlafzimmer geschickt hatte, obwohl es wahrscheinlich irgendwo im Haus auch noch ein anderes Badezimmer gab.

Es muss noch ein anderes Badezimmer geben, Michael. Dein eigenes Haus hat drei davon. He, es ist dir doch vorher schon durch den Kopf gegangen. Der gute, alte Phil Deighton wollte dich vorwarnen, dir einen Vorgeschmack darauf liefern, was dich erwartet, wenn du die Türen deiner Praxis für die Öffentlichkeit öffnest.

Nervös blies ich meinen Atem hinaus. Ich musste irgendetwas sagen, um die erschreckende Stille zu durchbrechen. »Mrs. Deighton? Ich bin Michael Cayle, der neue Arzt, und …«

»Sie können mir nicht helfen«, fiel sie mir ins Wort, doch durch ihre verletzungsbedingte Sprachbeeinträchtigung klang es wie: Iii gönn’ mi nigd ’elf’n. Ein Speichelklumpen löste sich von ihrem Mundloch und troff als langer, baumelnder Faden in Richtung Boden.

Ich trat einen Schritt vor. Die Frau wankte seitwärts und drehte sich wieder dem Fenster zu, stieß dabei mit der Schulter gegen die Scheibe. Sie hob ihre einzige Hand und zog lange, vergilbte Nägel über das Glas, verursachte damit ein durch Mark und Bein gehendes Geräusch.

»Mrs. Deighton …«, setzte ich an und fühlte mich in die Defensive gedrängt. »Ich werde mein Bestes geben und …«

»Die werden auch zu Ihnen kommen. Genau, wie sie es bei mir gemacht haben, wie sie es bei Dr. Farris gemacht haben, wie sie es bei allen anderen in dieser von Gott vergessenen Ortschaft machen werden!« Ihre Stimme klang zunächst noch ziemlich leise, schwoll jedoch mit jedem gelallten Wort an, und gegen Ende ihrer bizarren Äußerung schrie die Frau praktisch.

Meine Atmung hatte sich beschleunigt und explodierte förmlich in Schüben aus meiner Lunge. Ich wollte die Frau beruhigen, sie vielleicht zurück ins Bett schaffen … aber ich konnte mich nicht dazu überwinden, sie zu berühren! Mein gesamter Körper kribbelte vor Abscheu, und ich biss unwillkürlich die Zähne zusammen – wie mir klar wurde, als ich versuchte, einen Aufschrei zu unterdrücken. Ich fürchtete mich vor ihr. Und es lag nicht an der Frau selbst – ich hatte schon ähnliche Verletzungen gesehen, viele davon sogar viel frischer –, sondern an dem Ausdruck in ihren Augen und dem finsteren, bedrohlichen Loch in ihrem Gesicht. Der Anblick trieb mich in den Wahnsinn. Er jagte mir Angst vor dem ein, was ihr widerfahren war, worum es sich auch handeln mochte.

Die werden auch zu Ihnen kommen. Genau, wie sie es bei mir gemacht haben, wie sie es bei Dr. Farris gemacht haben …

Unvermittelt fragte ich: »Ist Dr. Farris nicht von einem Hund angegriffen worden?« Ihre Verletzungen und die Geschichte über Farris brachten mich ins Grübeln.

Von der Frau kam keine Antwort. Sie starrte nur weiter aus dem Fenster und trommelte mit den vergilbten Nägeln klickend gegen die Scheibe.

Natürlich ist er von einem Hund angegriffen worden, ging es mir durch den Kopf. Deshalb bin ich ja hier. Er ist bei einem grauenhaften Unfall auf brutale Weise ums Leben gekommen, und jetzt ziehe ich in sein Haus ein und übernehme seine Praxis. Gott, ich empfand die ganze Situation, die wie Geschenk des Himmels begonnen hatte, als zunehmend morbider. Vielleicht ist Dr. Farris ja sogar der Glücklichere gewesen, dachte ich. Mrs. Deighton scheint ihren Hundeangriff überlebt zu haben und fristet den Rest ihres Lebens gezeichnet von ihren Verletzungen. Schließlich löste ich den Blick von ihr, verließ das Zimmer und atmete tief durch, um mein Schwindelgefühl in den Griff zu bekommen. Mein Fluchtsystem arbeitete auf Hochtouren. Ich musste es irgendwie abstellen.

Im Gang blieb ich stehen und lehnte mich an die Wand, während sich meine Gedanken überschlugen. Wieso um alles in der Welt hatte ich da drin solche verfluchte Angst empfunden? War ich infolge des Stresses vom Umzug derart von der Rolle? Als ich erstmals von den aufsehenerregenden Umständen im Zusammenhang mit Neil Farris’ Tod gehört hatte, war ich erschüttert und ein wenig nervös bei der Vorstellung gewesen, seine geschätzte Position in dieser Gemeinde einzunehmen, in der sich die Bewohner quasi täglich die Hände schüttelten und über den Weg liefen. Nun hatte ich auch noch festgestellt, dass Mrs. Deighton, meine neue Nachbarin, beinahe ein ähnliches Schicksal wie der frühere Arzt erlitten hatte, und das in mir wachsende Unbehagen schien unter das Objektiv eines Mikroskops zu geraten.

Streunen etwa wilde Hunde durch Ashborough?

Ich schüttelte den unangenehmen Gedanken ab, merkte mir jedoch in Gedanken vor, Erkundigungen darüber einzuholen, sobald wir uns eingerichtet hatten. Dann ging ich am Kopf der Treppe vorbei zur ersten Tür auf der anderen Seite, also vom Ende der Stufen aus gesehen nach rechts.

Ein Badezimmer. Voll ausgestattet. Mit Wanne.

5

Phillip hatte die Zigarre gegen eine Pfeife eingetauscht, die er gerade stopfte, als ich wieder unten ankam. Ich fürchtete, jemand könnte gehört haben, wie seine Frau mich angeherrscht hatte, aber anscheinend war ihre Stimme nicht laut genug gewesen, um es bis nach unten zu schaffen. Phillip war gerade damit beschäftigt, das rechteckige Tabakpäckchen zu falten. Als er damit fertig war, legte er es neben die Pfeife auf den Tisch. Offenbar wollte er sich dieses Vergnügen für die Zeit nach unserem Aufbruch aufheben.

»Ja«, sagte er und trank einen Schluck Eistee. »Neil war ein guter Freund. Eine verdammte Schande, was ihm da passiert ist.« Drei halbvolle Gläser mit Tee standen auf dem rot karierten Tischtuch, das den Küchentisch bedeckte. Auf dem Gasherd hinter ihnen befand sich ein durchsichtiger Krug, halb gefüllt mit grünem Tee und Zitronen. Ein Honigglas in Bärenform schmiegte sich daran wie ein Baby, das sich an seine Mutter klammert. Auf dem Tisch lagen Sandwiches. Christine hatte ein halb Gegessenes vor sich, und sogar Jessica knabberte an einem Stück Brot.

Mein Magen machte protestierend auf seinen Hunger aufmerksam, also nahm ich auf dem freien Stuhl Platz und griff mir ein halbes Sandwich mit Truthahnfleisch und Käse. Christine und Phillip unterhielten sich über die örtlichen Annehmlichkeiten, die Ashborough zu bieten hatte, beispielsweise die Geschäfte am Gemeindeplatz und die weitläufigen Rasenflächen im Beaumont Park. Ich schwieg größtenteils, widmete mich meinem Sandwich und fühlte mich mit etwas im Magen nach und nach ein wenig besser. Erstaunlich, welches Ausmaß an Irrationalität schlichter Hunger bei einem Menschen auszulösen vermag. In sattem Zustand empfand ich die Begegnung mit Mrs. Deighton überhaupt nicht mehr als furchterregend. Dennoch begeisterte es mich auch nicht gerade, mich im selben Haus wie sie aufzuhalten – und noch weniger freute ich mich auf künftige Hausbesuche, auch wenn diese vorbereitet und mit einem Termin erfolgen würden.

»Haben Sie Ihren Fuß versorgt, Michael?«, erkundigte sich Deighton.

Ich nickte. »Ich glaube, wir müssen nicht amputieren.«

Deighton brach in Gelächter aus. Christine hatte mich den Spruch schon Dutzende Male abliefern hören, deshalb verdrehte sie stattdessen nur die Augen. Jessica nippte an dem grünen Tee, dessen Farbe auffallend knallig wirkte, und stimmte ein gedehntes, klägliches »Daaaaad!« an. Auch sie fand meine Äußerung nicht lustig. Der Scherz war ohnehin für Phillip bestimmt gewesen.

Mein Nachbar ließ den Blick zunächst auf sein Glas gerichtet, dann schaute er zwischen Jessica und Christine hin und her. Ich hatte gehofft, er würde auch mich ansehen, um herauszufinden, ob ich in seinen Augen ein klein wenig Schuldbewusstsein erkannte, weil er mich am Kopf der Treppe in die falsche Richtung geschickt hatte. Aber er blieb völlig stoisch und fing an, ausführlicher über Neil Farris zu sprechen.

»Die Familie Farris hat hier schon lange gelebt, bevor wir hergezogen sind, und das ist immerhin auch schon siebenundzwanzig Jahre her. Er hat über vierzig Jahre da drüben gewohnt und gearbeitet, und soweit ich weiß, hat er damals den vorherigen Arzt ersetzt, der seine Praxis ebenfalls in der Harlan Road 17 unterhielt. Und auch der muss damals längst etliche Jahre hier gewesen sein. Sie sehen also, das Haus hat eine lange Vorgeschichte von Ärzten, die sich meines Wissens nach über mindestens zwei Generationen zieht. Ich schätze, wenn man noch weiter zurückschaut, würde man vielleicht noch mehr Ärzte dort drüben finden, aber das ist bloß eine Vermutung. Emily Farris war eine anständige Frau und eine enge, liebe Freundin von Rosy. Früher hat sie fast jeden zweiten Tag vorbeigeschaut, um zu sehen, wie es Rosy geht. Unnötig zu erwähnen, dass Rosy durch die so plötzliche und beunruhigende Wende der Dinge ziemlich aufgebracht ist. Als Neil Farris dann im Altersheim im Himmel eincheckte, ist für meine Rosy mit Emily nicht nur eine Nachbarin verloren gegangen, sondern auch ihre einzige Freundin.«

»Ihre Frau …«, setzte ich an.

Zum ersten Mal sah mir Deighton unverwandt in die Augen.

»Rosy … das ist ihr Name?«, hakte ich nach.

»Ja, nach ihrer Großmutter benannt. Die Kurzform von Rosalia.«

Ich nickte, bevor ich fortfuhr. »Sie haben zuvor erwähnt, dass Sie sich darauf freut, mich kennenzulernen.«

»Ja, auf jeden Fall, das tut sie … aber sie schläft gerade.« Dabei bediente er sich eines knappen, beinah anschuldigenden Tonfalls, als wolle er andeuten, ich hätte mich klammheimlich in die Privatsphäre ihres Schlafzimmers geschlichen, um seine Frau aufzustöbern.

Es folgte ein Augenblick unbehaglichen Schweigens, eine Seltenheit, wenn man berücksichtigte, dass sich sowohl Jessica als auch Page im Raum aufhielten. Schließlich sagte ich: »Nun, als ihr neuer Arzt freue ich mich auch darauf, sie kennenzulernen.« Lügner.

Deighton lächelte. Es kam mir ziemlich gezwungen vor. Dann kündigte er an: »Ich muss ihr ihre Medikamente bringen.«

Das war das Stichwort für unseren Rauswurf. Oder unsere Erlösung, je nachdem, wie man es betrachtete. »Und wir müssen zurück zum Haus«, erwiderte ich mit einem Blick zu Christine. »Wahrscheinlich stapeln sich schon überall Kartons, und wir müssen den Umzugsleuten schließlich erklären, wohin die Möbel sollen.«

Mit halb aufgegessenen Sandwiches und halb vollen Gläsern vor uns standen wir auf und bewegten uns um den Tisch herum, so dass wir uns von Phillip verabschieden konnten.

»Es wird Ihnen hier gefallen«, prophezeite Deighton, als er uns zur Tür begleitete. »Wie ich schon sagte, wir leben seit siebenundzwanzig Jahren hier. Ich habe meine Frau in Boston kennengelernt, sie geheiratet und bin ein Jahr später hergezogen. Hab fünfundzwanzig Jahre in der Fabrik auf der anderen Seite der Gemeinde gearbeitet, bevor ich vor drei Jahren vorzeitig in den Ruhestand gegangen bin. Rosy hat jemanden gebraucht, der sich um sie kümmert.« Er zuckte mit den Schultern.

»Und derjenige waren Sie«, ergänzte ich.

»Ja. Was hätte ich sonst tun sollen?«

Jessica und Page befanden sich bereits auf der Veranda, und Christine hielt die Tür für mich auf, als ich sagte: »Sie haben mir gar nicht verraten, was sie eigentlich hat.« An sich empfand ich es immer als unpassend, jemandem eine Frage über ein medizinisches Problem innerhalb der Familie zu stellen, erst recht außerhalb meiner Praxis, aber als ihr künftiger Arzt ging ich davon aus, dass es mir in diesem Fall zustünde.

»Krebs.«

Er log. Ich brauchte ihm nicht einmal in die Augen zu sehen, um es zu wissen.

»Na, wie auch immer, ab jetzt mit Ihnen. Richten Sie sich in aller Ruhe ein. Wir sind eigentlich immer hier und in der Regel abends lange wach. Rosy geht es für gewöhnlich um die Zeit zum Abendessen am besten. Sie können jederzeit gerne vorbeikommen. Wir haben immer kalten Tee im Kühlschrank, und Rosy ist eine fantastische Köchin.« Verspielt zwinkerte er Jessica zu, die mir immer noch ein wenig blass vorkam. »Und falls Page hungrig wird, kann er auch jederzeit gern auf ein Leckerli vorbeischauen.«

»Page ist immer hungrig«, verriet Jessica.

»Das machen wir auf jeden Fall, Phillip«, log ich schon wieder. Der Imbiss hatte uns zwar allen gutgetan, dennoch verspürte ich keinerlei Verlangen, für eine Wiederholung zurückzukehren. Ich hatte immer noch das Gefühl, dass die vorrangige Absicht des Mannes darin bestanden hatte, dass ich Rosy schon mal flüchtig überprüfte, was seine Gastfreundschaft für mich dann doch ein wenig trübte. Wir gingen die Veranda hinunter in Richtung unseres Minivans.

»Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Doktor Cayle«, fügte mein Nachbar hinzu. Aus seinen Augen sprach ein eindringliches Leuchten, das mich glauben ließ, er wüsste haargenau, was mir durch den Kopf ging.

Ich lächelte. »Gleichfalls, Phillip.«

Dann stiegen wir in den Minivan, und als ich losfuhr, beobachtete ich im Innenspiegel, wie sich der Mann plötzlich mit dem ...

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