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Aus Reiner Notwehr

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

“So ist’s richtig … ja, prima.” Kate Madison nickte zustimmend, als die etwas unsichere Assistenzärztin versuchte, den zerschundenen und blutverschmierten Patienten zu intubieren. “Okay. Umfassen Sie sein Kinn mit der linken Hand, Betsy – schauen Sie her, so. Und nun halten Sie ihn etwas schräg – passen Sie auf, dass Sie den Rachenraum nicht verletzen. So, genau! Sehen Sie! Schon ist er drin!”

“Ich hab’s geschafft!” Die Assistenzärztin stieß einen Seufzer aus, wandte sich dann um und schaute Kate forschend an, als könne sie in deren Gesicht einen Hinweis finden. “Und nun?”

“Sagen Sie’s mir, Betsy.”

“Er muss zur Computertomographie.”

“Richtig.” Der Patient – sechzehn Jahre alt, männlich – hatte sich schwerste Kopfverletzungen zugezogen, als er durch die Frontscheibe eines Autos geschleudert worden war. Seit man ihn zehn Minuten zuvor in die Notaufnahme eingeliefert hatte, befand er sich in einer Art Dämmerzustand, und Phasen von Wachsein und Bewusstlosigkeit wechselten sich ab.

“Aber erst muss sein Zustand stabil sein, ehe wir ihn hochschicken, oder?”

“Ja.” Kate gab einem anderen Assistenzarzt ein Zeichen. “Felix, übernehmen Sie hier mal bitte?”

Sie wandte sich ab, seufzte erschöpft, streifte sich die Einweghandschuhe von den Händen und warf sie auf dem Weg zum Aufenthaltsraum in einen Abfallbehälter. Nicht nur dass den ganzen Abend keine Zeit für eine Tasse Kaffee gewesen war: Seit ihrem Dienstantritt um sieben Uhr früh hatte sie außer einem Schokoriegel noch nichts gegessen.

Der Freitagabend war in der Notaufnahme eines jeden Krankenhauses nervenaufreibend, und das St. Luke Hospital machte da keine Ausnahme. Obwohl es in Boston strenge Waffenkontrollbestimmungen gab, hatten sie und ihr Ärzteteam bereits zwei Patienten mit Schussverletzungen behandelt. Wie Schüsse aus einer Schnellfeuerwaffe folgten dann dicht nacheinander ein vierzehnjähriger Junge, der vom Rottweiler seines Nachbarn angefallen worden war, eine zweiundvierzigjährige Diabetikerin im Zuckerkoma, ein paar Junkies mit einer Überdosis Crack, eine Prostituierte, die von einem impotenten Freier verprügelt worden war, und drei College-Studenten, die man bewusstlos im Park aufgefunden hatte – mit einem Alkoholspiegel, der um das Dreifache über dem gesetzlich zulässigen Limit lag. Gerade wartete ein Team auf die Einlieferung eines Unfallopfers per Rettungshubschrauber – komplizierte Knochenfrakturen unterhalb des Knies, Schnittverletzungen im Gesicht und Schädeltrauma, Kehlkopfquetschung. Geschätzte Ankunft: in sechs Minuten. Bisher war keiner der Patienten gestorben, aber das konnte sich mit dem Verkehrsunfall ändern. Da Felix sich um den Sechzehnjährigen kümmerte, konnte sie sich vielleicht eine Tasse Kaffee genehmigen und kurz die Toilette aufsuchen.

Der Kaffee war stark, schwarz und viel zu süß, aber er ließ Adrenalin in ihren allmählich nachlassenden Organismus einströmen, dazu Säure und leere Kalorien. Sie riss eine Packung Salzbrezel auf – nicht, weil sie besonders hungrig gewesen wäre, sondern weil in letzter Zeit ihr Magen rebelliert hatte, da ihre Ernährung überwiegend aus Koffein und Fast-Food-Mahlzeiten bestand. Sie aß lediglich eine, warf den Rest in den Müll und nahm sich vor, wieder etwas Anständiges zu kochen, wenn sie nach Hause kam. Aber Gott allein wusste, wann das sein würde, obgleich sie bereits eine Vierzehn-Stunden-Schicht hinter sich hatte.

Kate blickte auf ihre Armbanduhr und überlegte kurz, ob sie ihren Anrufbeantworter abfragen sollte. Maureen Reynolds, ihre Rechtsberaterin, hatte bereits vier Wochen lang versucht, sich mit Roberts Anwalt zu treffen. Kate war jetzt seit sechs Monaten geschieden, und noch immer hatte sie den Scheck mit der Abfindung aus dem Verkauf ihres gemeinsamen Hauses nicht bekommen. Sie musste außerdem wissen, ob ihre Mutter angerufen hatte. Vor dem Verlassen der Wohnung am Morgen hatte sie zwei Mal versucht, sie zu erreichen, und tags zuvor ebenfalls mehrmals, ohne Erfolg. Ihre Mutter weigerte sich, einen Anrufbeantworter anzuschaffen. Warum sie sich solch einer nützlichen Errungenschaft widersetzte, war Kate ein Rätsel. Allerdings waren ihr viele Dinge ein Rätsel, die ihre Mutter betrafen.

Als sie den Aufenthaltsraum verließ, wurde ihr Blick von hektischer Betriebsamkeit angezogen, die am Eingang zur Notaufnahme herrschte. Pulsierende rote Lichtblitze huschten zuckend über die Wände, als sich ein Rettungsfahrzeug dem Aufnahmetor des St. Luke Hospital näherte.

“Dr. Madison, bitte nach Eins. Dr. Madison, bitte nach Eins.”

Oh, Mist. Kate senkte den Kopf und massierte sich den Nasenrücken. Dann verdrängte sie ihre innere Unruhe und begab sich zur Schwesternstation.

“Was gibt’s, Ricky?”

Ricky Hall steuerte alle Aufrufe für die Notaufnahme mittels einer komplizierten Telefonanlage in der Rezeption. Mit ihren sinnlichen Augen, ihrer cremefarbenen Haut und ihrer Mähne wilder dunkler Locken schien Ricky eher geeignet, exklusive Kosmetika zu verkaufen, aber niemals hatte Kate sie auch nur mit der Wimper zucken sehen angesichts der schlimmen Fälle, die in die Unfallchirurgie eingeliefert wurden. “Tut mir leid, Dr. Madison, ich weiß, Sie haben heute Abend aber auch keine Minute Ruhe, nur …”

“Schon okay. Ich werd’s überleben.”

“Ehekrach. Mann lebt von Frau getrennt, verprügelt sie. Mehrfache Quetschungen, Nasenbluten, ausgerenkte Schulter. Das Übliche.”

Das Übliche. Kate fasste sich an den Magen. “Jake ist draußen wegen des Verkehrsunfalls, nicht wahr?”

“Ja, Doktor. Muss jeden Augenblick mit dem Rettungshubschrauber eintreffen.”

“Okay, ich übernehme das hier. Schauen Sie mal, ob Sie Eric auftreiben können; er soll Jake assistieren. Das Schädeltrauma sieht nicht gut aus.”

“Wird gemacht.”

Kate schlüpfte rasch in die Damentoilette. Nachdem Sie die Kabine verlassen hatte, wusch sie sich die Hände und verbrachte dann fünfzehn Sekunden damit, ihr Spiegelbild anzustarren. Diese Geschichten von Frauen, die von brutalen Männern tyrannisiert und fast bis zur Unkenntlichkeit verprügelt wurden, gingen ihr schrecklich an die Nieren. Es erstaunte sie, dass sie immer noch nicht gelernt hatte, sich gegen bestimmte Dinge zu wappnen, die ihr Beruf mit sich brachte. Als Ärztin würde sie immer wieder mit misshandelten Frauen konfrontiert werden; in der Unfallchirurgie landeten sie geradezu, als kämen sie durch eine Drehtür. Sie holte tief Luft und begab sich zur Aufnahme.

“Kelly Mareno hat Bereitschaft, falls Sie sie brauchen sollten”, sagte Ricky, als Kate ankam.

“Ist der Verkehrsunfall von Jake schon da?”, wollte Kate wissen.

Ricky machte eine bejahende Kopfbewegung in Richtung auf eine gerade besetzte Behandlungskabine, wo ein Team aus Ärzten und Krankenschwestern dabei war, einen blutenden Mann zu versorgen. “In 6A hat Dr. Grissom alles unter Kontrolle.”

“Gut.” Kate betrat die Kabine und schaute einen Moment zu. Jake Grissom untersuchte gerade den Schädelbereich, mit dem der Patient gegen die Frontscheibe geschleudert war. Er agierte mit sorgfältigen und methodischen Bewegungen, unbeeindruckt von der Aufgeregtheit der anderen, und Kate ging weiter.

Der Personalausschuss stand vor der Entscheidung, wer von ihnen beiden die ausgeschriebene Oberarztstelle erhalten sollte. Kate hatte sich seelisch auf die Beförderung eingestellt, als das Gremium in der vorigen Woche zusammengekommen war, doch die Entscheidung war vertagt worden. Erst in einem weiteren Monat würde eine neue Sitzung anberaumt werden. Die Warterei an sich war schon schwierig genug. Noch schwieriger war es, die Entscheidung mit stoischem Gleichmut hinzunehmen. Kate wollte den Posten dringender als Jake, der ihre alles verzehrende Hingabe an ihren Beruf nicht teilte. Er konnte den Stachel der Ablehnung eher verschmerzen als sie. Und für sie bedeutete die Beförderung mehr als nur eine Sprosse auf der Leiter nach oben; seit ihr Privatleben ein Scherbenhaufen war, lebte sie nur noch für ihre Karriere.

“Alles in Ordnung, Doktor?”

Kate zwang sich zu einem Lächeln. “Ja, alles okay.” Sie warf einen Blick auf die Wanduhr über Rickys Kopf. “Es war eine lange Nacht.”

“Wem sagen Sie das.”

Beide fuhren herum, als die Doppeltür aufflog und zwei Rettungssanitäter eine fahrbare Krankentrage hereinschoben. Pete Renfroe, ein erfahrener Spezialist für Unfallverletzungen, hastete neben ihr her und hielt den Behälter mit der IV-Lösung. Sein Kollege manövrierte die Trage, auf der eine Patientin lag. Ihr bleiches Gesicht war auf groteske Weise verunstaltet durch eine hässliche Beule auf der rechten Wange, ein zugeschwollenes Auge und eine aufgequollene Lippe, aus der Blut sickerte. Eine verängstigt aussehende Frau folgte und hielt ein kleines Mädchen an der Hand. Kate vermutete, dass es sich um eine Verwandte oder Nachbarin handelte. Das Gesicht des Mädchens war blass und ausdruckslos. Die Sohlen seiner kleinen Turnschuhe quietschten leise auf den blanken Bodenfliesen, während es in einer Hast mitgezerrt wurde, der seine kurzen Beinchen nicht gewachsen waren.

Pete spulte Hinweise für Kate herunter, seine Augen weiter auf die Patientin gerichtet. “Weiblich, Alter zweiunddreißig. Gestauchte Rippen, die Lungen sind in Ordnung, glaube ich. Ich habe ihre Schulter wieder eingerenkt, aber sie verursacht ihr noch Schmerzen. Blutdruck einhundert zu siebzig. War ein paar Minuten ohne Bewusstsein, sagt ihre Schwester, jetzt ist sie jedoch stabil. Im Einsatzwagen hat sie ein bisschen geredet. Macht sich Sorgen um ihre Kleine.”

Aber nicht so viel Sorgen, dass sie ihr Kind einem gewalttätigen Umfeld entziehen würde. Kate verdrängte den Gedanken und berührte die Patientin am Arm. “Wie heißen Sie, Miss?”

“Charlene”, murmelte sie. “Charlene Miller.”

Kate schob das Hemd der Frau beiseite und tastete vorsichtig den zerschundenen Brustkorb ab. Sie stöhnte, und ihre Augen flackerten.

Pete machte eine Kopfbewegung. “Die da hinten mit dem Kind ist ihre Schwester.”

“Gehört die Kleine zur Patientin?”

“Ja.” Kate trat beiseite, damit Pete und sein Kollege die verletzte Frau in eine leere Kabine rollen konnten. Zwei Schwestern halfen ihnen dabei, sie auf ein Krankenhausbett zu legen, dann hängten sie den Tropf auf.

“So, Dr. Madison, alles Weitere ist Ihre Sache.” Pete beugte sich über die Patientin und berührte sie an der Schulter. “Sie sind in guten Händen, Charlene.” Er sprach bewusst aufmunternd, um sie zu beruhigen.

“Wird sie wieder gesund? Sie ist meine Schwester.” Besorgt wandte die Frau mit dem Kind ihren Blick von Charlene Miller ab und schaute Kate an.

“Wir tun unser Bestes”, erwiderte Kate und zog das Betttuch zurecht, damit das Kind die blauen Flecken und Blutergüsse nicht sah. “Ich muss Sie bitten, draußen zu warten”, fügte sie hinzu, während sie die Infusionskanüle am Handrücken der Patientin inspizierte. Dann schaute sie Kelly Mareno an.

“Blutdruck noch stabil?”

“Hm … fallend. Neunzig zu fünfundsechzig.”

Die Schwester der Verletzten ignorierte die Anweisung, die Kabine zu verlassen. “Das war ihr Ex, der hat sie so zugerichtet. Wie oft habe ich ihr gesagt, sie soll ihn nicht mehr in die Wohnung lassen, aber sie tut’s ja doch!”

Kate hörte ihr kaum zu, da der fallende Blutdruck ihre volle Aufmerksamkeit beanspruchte. Normalerweise wurden Angehörige vom Notaufnahmepersonal hinausbegleitet.

“Mögliche innere Blutungen”, murmelte sie und streifte das Laken weiter nach unten, um den Unterleib der Patientin untersuchen zu können. Frische Spuren von Misshandlungen über alten, kaum verheilten. Charlene Millers Schwester gab einen Schreckenslaut von sich. Kate wurde ärgerlich. “Kann nicht mal jemand der Dame hier zeigen, wo sie warten soll?”

Pete, der noch dabei war, Utensilien der Rettungssanitäter einzusammeln, fasste die Frau am Ellbogen. “Kommen Sie, Miss. Lassen Sie Dr. Madison in Ruhe arbeiten.”

“Man sollte meinen, sie würde mal darauf Rücksicht nehmen, wie Lindy unter all dem leidet”, klagte die Frau. “Ich begreife nicht, dass sie das mitmacht!” Sie entfernte sich ein paar Schritte und blieb wieder stehen. “Das Kind wächst auf und glaubt, dass es ganz normal ist, wenn man eine Frau so behandelt. Schauen Sie sich die Kleine doch an! Sie hat so viel Gewalttätigkeit zwischen Charlene und Vinny mitgekriegt, dass sie total verstört ist.”

“Mein Baby …” Die Patientin ließ ein schwaches Murmeln vernehmen.

“Ihre Schwester kümmert sich um Ihre Kleine”, sagte Kate. “Es geht ihr gut.”

“Nein, nein … Baby …” Sie fasste sich an den Unterleib.

“Sind Sie schwanger?”, fragte Kate scharf, als kleine Tränen aus Charlenes Augenwinkeln traten. “Charlene? Sind Sie schwanger?”

“Bitte … will nicht … verlieren …”

Kate riss das Laken mit einem Ruck bis unterhalb der Oberschenkel der Frau.

“Verdammt!”

“O je”, murmelte Kelly.

“Du lieber Gott!” Charlenes Schwester starrte auf den hellroten Blutfleck, der sich auf der Unterlage ausbreitete. “Ich glaub’s einfach nicht, dass du dich wieder von Vinny hast schwängern lassen, Charly!”

“Bringt die Frau hier raus”, murmelte Kate, während sie vorsichtig nach dem Fötus fühlte. Als sie ihre Hand zurückzog, strömte frisches Blut auf die Unterlage. Sie wandte sich an die Krankenschwester mit der Krankenakte. “Celie, sehen Sie zu, dass Sie Dr. Steinberg auf dem Piepser erreichen.” Marv Steinberg war der Gynäkologe vom Dienst.

Pete gab sich alle Mühe, Charlene Millers Schwester hinauszudrängen, doch sie verrenkte sich fast den Hals, um einen letzten Blick in die Kabine zu erhaschen. Eine Hand hatte sie auf den Mund gepresst; die andere hielt das Mädchen fest an ihrer Seite. “Sie hat mir doch gesagt, dass sie sich nicht mehr so von ihm behandeln lässt!”

Zum Glück erschien Ricky, sprach der Frau gut zu, legte ihr den Arm um die Taille und schob sie mit sanfter Gewalt Richtung Besucherzimmer. Dem kleinen Mädchen lächelte sie dabei aufmunternd zu.

Das Stethoskop auf den Bauch der Patientin gedrückt, schaute Kate ihnen nach, und dabei fiel ihr das Mädchen noch einmal auf. Irgendetwas war mit der Kleinen … Wie sie so verloren hinter ihrer Tante hertrottete, guckte sie ein letztes Mal über die Schulter und sah Kate mit großen, dunklen, viel zu ernsten Augen an. Dann wanderte ihr Blick hinüber zu ihrer Mutter. Keine Furcht, keine Neugierde, keine Erwartung; einfach … nichts. Dunkel regte sich eine Erinnerung tief in Kates Seele – ein Bild, welches jäh aufblitzte und dann ebenso schnell verblasste. Sie wehrte sich heftig dagegen. Diese merkwürdigen Aussetzer in ihrer Konzentration waren in jüngster Zeit immer häufiger vorgekommen. Sie schloss und öffnete die Augen ein paar Mal, um ihre Aufmerksamkeit wieder dem blutunterlaufenen Körper unter ihren Händen zuzuwenden, und versuchte festzustellen, ob der Herzschlag des Fötus zu hören war.

“Wie ist ihr Blutdruck jetzt, Kelly?”

Kelly schüttelte verneinend den Kopf. Eine andere Krankenschwester stellte die Verbindung zu dem Monitor her, und Charlenes Herzschlag wurde als grüne Linie auf dem Bildschirm sichtbar, schwach und unregelmäßig.

“Sie ist nahe am Schock!”, warnte Kelly.

“Oberschwester, holen Sie Dr. Steinberg!”, rief Kate. “Ich muss sie intubieren.” Sie entdeckte Jean Sharpe, die leitende Nachtschwester, und forderte ein Reanimationsteam an sowie einige Herzspezialisten auf Abruf, für alle Fälle. Jean Sharpes kurzes Kopfnicken zeigte, dass sie die Anweisung vorausgesehen hatte.

Kate bewegte sich wieder zum Kopfende des Untersuchungstisches und führte vorsichtig den Tubus ein, durch welchen, wenn nötig, Charlene Miller beatmet werden würde. Als Ursache für den Blutdruckabfall konnte eine Blutung durch den abgestoßenen Fötus infrage kommen, aber sie war nicht davon überzeugt, dass dies der Fall war, denn dafür war die Blutung nicht stark genug. Kate vermutete eher, dass Charlenes Herz einen gefährlichen Stoß abbekommen hatte, als sie verprügelt worden war, und dies konnte eine perikardiale Tamponade verursachen – ein Blutpfropfen zwischen dem Herzmuskel und dem ihn umgebenden Herzkranz. Und wenn das Herz nicht voll arbeitete, führte dies zu einem sich verschlimmernden Schockzustand. Aber es waren auch innere Blutungen an anderen Stellen denkbar. Hier handelte es sich um einen jener schicksalhaften Fälle, bei denen sich ein Arzt ebenso sehr von seinem Gefühl leiten lassen musste wie von Erfahrung und Technologie.

Kate beobachtete die Patientin mit wachsender Sorge, und plötzlich gab Kelly einen leisen Alarmlaut von sich. Sie legte das Stethoskop beiseite und fühlte nach der Halsschlagader der Frau. “Nichts mehr, Doktor. Sie stirbt uns!”

Rasch forderte Kate Epinephrin, denn bei den Brustverletzungen der Patientin konnte Herzmassage zu einer Rippenfraktur und zu einem perforierten Lungenflügel führen. Die leitende Nachtschwester drückte ihr das Medikament mit geübter Bewegung in die griffbereite Hand und schaute zu, wie sie es verabreichte. Danach waren alle Augen wieder gespannt auf den Bildschirm gerichtet. Noch immer nichts.

“Wo bleibt das Reanimationsteam?”, rief Kate aus.

“Kommt”, erwiderte Jean Sharpe.

Bewegung auf dem Korridor zeigte an, dass das Kardiologenteam im Anmarsch war. Während es sich einsatzbereit machte, stellte Kate fest, dass Charlenes Pupillen lichtstarr waren. Erneut überkam sie eine Welle von Besorgnis, und diese machte die Last der Verantwortung noch schwerer, die auf ihr ruhte, während ihr Team mit aller Kraft auf ein Ziel hin arbeitete: ein Menschenleben zu retten.

“Darf ich mal!” Neal Winston, Neffe eines der bekanntesten Herzchirurgen in Boston, zwängte sich durch die um das Bett stehenden Personen hindurch an die Patientin heran und presste aus einer Tube ein Gel auf zwei Stellen oberhalb ihrer Brüste.

“Vorsicht!”, fuhr Kate ihn an. “Sie hat möglicherweise Rippenfrakturen und eine Herzprellung!”

Er verdrehte die Augen. “Was bedeutet, dass für sie Feierabend ist, wenn wir sie nicht hochkatapultieren. Und im Übrigen, wie sie aussieht, ist ihr wohl eine etwas rauere Gangart nicht fremd.”

Kate verkniff sich eine heftige Antwort. Sie hatte im Allgemeinen nichts dagegen, wenn die Assistenzärzte ihre Witzeleien und Sprüche von sich gaben, aber mittlerweile hatte sie Bruchstücke von Charlenes Leben mitbekommen – ihr Töchterchen, die Geschichte ihrer Misshandlungen, ihre hysterische Schwester.

“Fertig!”

Die Paddel des Elektroschockgeräts verursachten ein scharfes Knacken und Charlenes Körper zuckte hoch, als werfe ein Kind eine Stoffpuppe in die Luft.

Alles blickte gebannt auf den Monitor. Nichts.

“Noch mal! Fertig!”

Ein zweiter brutaler Stromstoß. Dann begann die grüne Linie auf dem Bildschirm zu flattern, ruckelte noch etwas und ging in eine schwache, ungleichmäßige Bewegung über. Kate stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

Zehn Minuten später streifte sie sich die Einweghandschuhe von den Händen, warf sie in den Abfalleimer und begab sich in den Besucherraum, in dem Charlenes Schwester warten sollte. Bis auf das Kind war das Zimmer verwaist.

Das Mädchen kauerte mit untergezogenen Beinen und schlaff herabhängenden Ärmchen auf einem Stuhl und starrte aus weit aufgerissenen blauen Augen, die viel zu groß waren für sein Gesichtchen, vor sich hin. Was war an der Kleinen nur Besonderes? Als Kate auf sie zuging, ertönte in ihrem Kopf ganz plötzlich ein tiefes Summen, welches sich nach und nach zu einem wahnwitzigen Dröhnen steigerte und alle übrigen Sinne betäubte. Grellweiße Lichter zuckten, Bildfetzen, Filmausschnitten gleich, tauchten auf, verschwanden wieder, zu rasch, zu unzusammenhängend, um einen Sinn zu ergeben. Wasser, stetig steigendes Wasser, Feuer, Schreie – großer Gott, was ging hier vor? Ein tiefer, düsterer Abgrund tat sich zu ihren Füßen auf. Angst schnürte ihr die Kehle zu. Von Schwindel erfasst und nahezu ohnmächtig, streckte Kate Halt suchend die Hände aus, und sie ergriffen die Kante des Stuhls neben der kleinen Lindy Miller.

Der Stuhl fühlte sich beruhigend solide an. Kate war sich der Gegenwart des Kindes bewusst und bemühte sich verzweifelt, ihren Panikanfall zu überwinden. Keuchend wartete sie ab, bis der Tumult in ihrem Inneren verebbte, versuchte, sich Techniken zu vergegenwärtigen, die sie Patienten bei Angstzuständen empfohlen hatte. Einatmen … ausatmen … ein … aus …

“Stirbt meine Mami?”

Sie hörte die Frage des Kindes wie durch ein Schallrohr. Mit beiden Händen fuhr sie sich über das Gesicht, atmete tief durch und sah das Mädchen an.

“Muss meine Mami sterben? Ich will das wissen!”

“Alles in Ordnung, Dr. Madison?”

Kate schaute auf und erblickte Jean Sharpe, die sie eingehend musterte. Kate umklammerte ihr Stethoskop, und das vertraute Gefühl des Gerätes brachte sie wieder ins Gleichgewicht. “Ja. Danke, Jean.”

“Na dann …” Der scharfe Blick der Krankenschwester drückte vagen Zweifel aus.

Kate nahm auf ihrem Stuhl eine gerade Haltung ein. “Wollten Sie etwas von mir?”

“Nein.” Jean warf dem Kind einen missbilligenden Blick zu, ihre Lippen ein schmaler Strich. “Wo ist denn die Tante?”

“Weiß ich nicht genau. Aber ich bleibe eine Weile hier bei Lindy sitzen.”

Jean zögerte, nickte dann und entfernte sich schließlich.

“Wo ist deine Tante denn, Lindy?”

“Auf die Toilette gegangen.” Lindy sah Kate mit ernstem Gesicht an. “Dieses Mal hat er ihr ganz böse wehgetan, stimmt’s?”

Dieses Mal? Empörung stieg in Kate auf und verdrängte fast die immer noch spürbare Wirkung ihrer sonderbaren Panikattacke. “Sie ist sehr krank, aber wir sind ja hier und helfen ihr, Lindy.”

Lindy verharrte eine Weile stumm, dann fragte sie: “Und wer bist du?”

Kate streckte ihre Hand aus, aber das Kind machte keinerlei Anstalten, sie zu ergreifen. “Ich bin Dr. Madison.”

“Muss sie jetzt sterben?”

“Sie ist oben bei einem anderen Doktor. Und man macht dort all die Sachen mit ihr, die Krankenschwestern und Ärzte tun müssen, wenn sie Menschen helfen wollen. So wie deiner Mama.”

Einen Moment lang widerstrebte es Kate, dass das Mädchen sie so freimütig ausfragte. Sie konnte spüren, dass Lindy das Gesagte verarbeitete, dass sie das doppeldeutige Gerede der Erwachsenen gleichsam durch ein Sieb von zahllosen leeren Versprechen filterte. Wie viel sinnlose, brutale Gewalt würde dieses Kind noch mit ansehen müssen? Schon jetzt hatte man es seiner Unschuld beraubt.

Lindys Tante eilte mit besorgtem Gesicht auf Kate zu. “Doktor, wird Charlene wieder richtig gesund?”

“Sie muss durchhalten. Sie …”

“Dr. Madison, bitte nach Eins. Dr. Madison!”

Irritiert schaute Kate zum Schwesternzimmer hinüber, von wo Ricky ihr ein Zeichen gab. “Tut mir leid, Miss …?”

“McNeil. Gloria McNeil.”

“Ihre Schwester ist nach oben verlegt worden”, sagte Kate. Sie war bereits an der Tür. “Sie liegt jetzt in der kardiologischen Abteilung auf der ersten Etage. Man …”

“Kardiologische Abteilung? Aber das hieße ja, sie hätte einen Herzinfarkt! Sie hat doch nicht etwa einen Herzinfarkt gehabt?”

“Etwas war mit ihrem Herzen, Miss McNeil, und Gott sei Dank waren unsere Herzspezialisten rechtzeitig zur Stelle.”

“Etwas mit dem Herzen? Was soll das heißen?”

“Ich bin keine Herzspezialistin, aber in der Kardiologie wird man es Ihnen erklären. Ihr Zustand ist ernst, Miss McNeil. Also, für die nächsten Stunden würde ich Ihnen raten, in der Nähe zu bleiben.”

“Gütiger Himmel! Jetzt hat er sie umgebracht!”

“Noch nicht.”

“Dr. Madison, bitte nach Eins. Dr. Madison!” Rickys Stimme hallte eindringlich über die Lautsprecheranlage.

“Entschuldigen Sie mich”, sagte Kate, berührte die Frau an der Hand und trat einen Schritt zurück. “Ich muss wirklich los.”

Immer noch mitgenommen von ihrem merkwürdigen Angstanfall, hastete Kate über den Flur. Sie hätte gern einen Augenblick für sich gehabt, um sich sammeln zu können, aber Rettungssanitäter schoben bereits einen Patienten in die Behandlungskabine, die Charlene Miller gerade frei gemacht hatte. Ein Blick auf die Trage genügte und Kate sah, dass es keine Zeit zu verlieren gab; es war ein kleiner Junge.

“Den hat’s böse erwischt, Dr. Madison.”

Kate seufzte. Peter Wilkins, ebenfalls einer der Spitzenleute bei den Sanitätern, lag mit seiner Beurteilung selten daneben. Sie hob den blutdurchtränkten Verband an, und ein jäher Adrenalinstoß durchfuhr sie beim Anblick des sauberen Einschussloches oberhalb der Brustwarze. Mit jedem Pulsschlag quoll Blut aus der Wunde.

“Da findet ein Zwölfjähriger die Pistole seines Vaters und muss erst mal seinen Freunden zeigen, wie sie funktioniert”, sagte Peter. “Blutdruck fünfunddreißig zu zwanzig, schwacher Puls, Schock. Im Fahrzeug habe ich ihn intubiert. Ich schaue mal nach seinem Vater. Wenn der sich nicht einkriegt, ist er Ihr nächster Patient.”

“Hätte er wahrlich verdient”, murmelte Kelly Mareno und streifte dem Jungen die Druckmanschette über den dünnen Arm. Neben ihr schloss Celie Franks mit ernstem Gesicht ihn gerade an den Monitor an. Kaum war die Verbindung hergestellt, flachte die grüne Linie ab, und bei dem gefürchteten monotonen Geräusch blieb allen in der Notaufnahme vor Schreck fast das Herz stehen.

“Reanimieren!”, rief Kate. Ihre Hände fuhren verzweifelt über den schmalen, blutbeschmierten Brustkorb hin zum Rücken und versuchten, die Stelle zu ertasten, wo das Geschoss ausgetreten war. Sie schloss die Augen, als ihre Finger auf die Wunde stießen, groß, furchtbar zerfetzt, tödlich.

“Elektroschock kommt!” Jean Sharp hatte wieder geahnt, was Kate brauchen würde, und wie immer richtig reagiert.

Kates Hände erforschten die Austrittswunde und ihre Finger berührten zerfetztes Gewebe, zerrissene Blutgefäße, Knochensplitter.

“Wo ist das Projektil?”, fragte Kelly. Besorgnis lag in ihren über der Schutzmaske sichtbaren Augen.

“Hat ihn glatt durchschlagen”, entgegnete Celie, und ihre großen braunen Augen schauten ernst und traurig. Erst zwei Monate zuvor war ihr Enkel bei einer Schießerei aus einem vorbeifahrenden Auto ums Leben gekommen.

“Glatt nicht”, murmelte Kate, “aber durchschlagen schon.”

Das Reanimationsteam stürmte geradezu in die Kabine. Es war wieder Neil Winston, der sich aber dieses Mal seine Sprüche sparte. Mit versteinertem Gesicht nahm er neben dem Kopf des Jungen Aufstellung. Kate zog ihre Hand weg und legte die Austrittswunde oben an der linken Seite frei. Über ihnen quäkte der Alarmton des Monitors.

“Hat keinen Sinn, Kate”, sagte Neal leise. “Nichts mehr zu machen, Exitus.”

“Nein!” Sie griff selbst nach den Paddeln, und in diesem Augenblick erschien Jake Grissom. “Jake, hilf mir; schau dir das hier bitte an.” Während der Monitor über ihnen weiter schrillte, hob sie den Jungen leicht an und ließ Jake die Wunde sehen. Er untersuchte sie mit seiner sprichwörtlichen Ruhe, erkannte anschließend die lichtstarren Pupillen des Jungen und schüttelte den Kopf. “Lass ihn, Kate. Er ist tot.”

“Nein!” Sie hielt die Paddel, doch ihre Hände zitterten so sehr, dass sie die Elektroschocks nicht ansetzen konnte. “Nein, Jake. Er ist doch noch so jung. Er ist doch …” Dann fiel ihr auf, dass das Team, das um den Behandlungstisch herumstand, sie merkwürdig anschaute.

“So eine Verletzung überlebt keiner, Kate. Die Kugel ist voll durch Rippen und Lungen geknallt und hat noch das Herz gestreift.”

“Ein Wunder, dass er den Transport überstanden hat”, sagte jemand leise.

Alles schwieg.

Neal nahm Kate die Paddel aus der Hand. “Wunder gibt es doch nicht immer wieder”, sagte er und verstaute die Ausrüstung im Schubwagen. “Vor zehn Minuten ist uns Charlene Miller in der Kardiologie verstorben.”

Kate lehnte den Kaffee ab, den jemand ihr anbot, als sie ein paar Minuten später aus der Damentoilette kam. Sie fühlte sich mitgenommen und furchtbar niedergeschlagen, und sie wusste, ihr Magen war völlig verkrampft und würde das Koffein zurückweisen. Sicher sah sie schrecklich aus. Entsetzlich, dass der kleine Junge gestorben war! Und dass sie es zudem noch dem Vater mitteilen musste! Mein Gott, würde das nie enden?

Sie presste die Hände auf den Leib und setzte sich im Ärztezimmer an einen Tisch. Ihre Mutter! Sie musste sie unbedingt noch einmal anrufen, und wenn sie sie dieses Mal wieder nicht ans Telefon bekommen würde, blieb ihr noch die Möglichkeit, es bei Leo Castille zu versuchen. Leo wusste Bescheid, und falls nicht, würde sie ihn kurz rüberschicken, damit er nachsah.

Mit zitternden Fingern tippte sie die Telefonnummer ein und ließ es sechs Mal läuten. Als Victoria Madison endlich abnahm, entrang sich Kate ein Seufzer der Erleichterung.

“Hallo, Mutter, hier ist Kate.”

“Kate! Das ist ja eine Überraschung! Warte mal eben … Meine Güte, ich bin beim Lesen eingenickt, das Buch war so langweilig, da bin ich wohl eingeduselt für ein …”

“Ich weiß, es ist schon spät, aber …”

“Oh, ich bin gern lange auf, wie du weißt. Wie geht’s dir?”

“Eigentlich rufe ich an, um dich das zu fragen, Mutter.” Kate hielt ihre Augen geschlossen und bemühte sich, das Beben in ihrer Stimme unter Kontrolle zu bekommen. Aber immer wieder tauchte Charlene Millers Bild auf. “Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?”

“Was soll die Frage denn, Kate?” Victorias Stimme wurde eine Spur energischer und nahm ihren üblichen direkten und schnörkellosen Tonfall an. “Natürlich geht’s mir gut! Warum sollte es nicht?”

“Amber hat mir vor einigen Tagen eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Sie sagte, dass du in letzter Zeit schlecht ausgesehen hättest.”

Victoria war hörbar eingeschnappt. “Ich weiß nicht, was in Amber gefahren ist, dich so zu beunruhigen!”

“Vielleicht hat sie gemeint, dass ich mich nicht genügend um dich kümmere. Und da hat sie ja auch recht. Ich hätte längst schon mal zu dir nach Louisiana kommen sollen, Mutter. Ich habe nur …”

“Von Boston sind es fünfzehnhundert Meilen, Kate”, unterbrach Victoria sie ungeduldig. “Und ganz nebenbei, mich braucht niemand zu verhätscheln. Du weißt genau, wie ich das verabscheue!”

“Und ob ich das weiß.” Ihre Mutter war sehr stolz auf ihre Unabhängigkeit. Sie wohnte allein, und zwar gern. Sie brauchte Kate nicht und hielt damit nicht hinter dem Berg. “Ich glaube, wenn du mal verhätschelt werden möchtest, wird Leo das mit dem größten Vergnügen tun.”

“Na, mit dem Verhätscheln weiß ich nicht recht, aber jedenfalls nörgelt und quengelt er oft so herum, dass ich ihn manchmal am liebsten auf eine lange Kreuzfahrt schicken möchte.”

“Wahrscheinlich wäre er einverstanden, wenn du ihn begleiten würdest.”

“Das ist aber ein absurder Vorschlag, Kate!”

“War doch nur Spaß, Mutter.” Kate massierte müde ihre Stirn. Seit Jahren schon bestanden ihre Mutter und Leo darauf, dass es sich bei ihrer Beziehung ausschließlich um Freundschaft handelte, auch wenn Amber und Kate sich schon seit ihrer Schulzeit ausgemalt hatten, dass sie Schwestern werden würden, wenn Victoria und Leo eines Tages heirateten. “Aber apropos, worüber nörgelt und quengelt Leo denn?”

“Ach, über das Übliche.” Victorias Ton wurde abweisend. “Du weißt doch, wie er ist.”

Kate vernahm ein Rascheln und das verräterische Klicken eines Feuerzeugs, danach hörte sie den leisen Lufthauch, als Zigarettenqualm ausgestoßen wurde. “Rauchst du etwa wieder, Mutter?”

“Ich hab’s so gut wie aufgegeben.” Victoria brummte unwirsch. “Müssen wir unsere Zeit verschwenden und über so etwas reden, Kate? Du hast mit deiner Arbeit so viel zu tun, wir kommen kaum dazu, uns zu unterhalten. Also wenn du mich schon einmal anrufst, wäre es mir lieb, wenn wir uns nicht über Themen in die Haare kriegen würden, bei denen wir ohnehin nicht übereinstimmen. Wie über das Rauchen beispielsweise. Lieber Himmel, alle Welt macht sich sowieso verrückt genug damit!”

“Nicht ohne Grund, Mutter”, erwiderte Kate und schloss die Augen. In einer Hinsicht war sie mit ihrer Mutter einer Meinung: Sie wünschte, ihre Unterhaltungen würden sich einfacher gestalten, liebevoller, wärmer, nicht so belastet durch unterschwellige Gereiztheiten und andere emotionale Empfindlichkeiten, deren Gründe sie schon immer verblüfft und bedrückt hatten.

“Was genau hat Amber denn gesagt?”, wollte Victoria jetzt wissen.

“Nur, dass du schlecht ausgesehen hättest.” Zwischen ihren Augen hatte ein scharfer Schmerz eingesetzt. “Du würdest es mir doch sagen, wenn irgendetwas nicht in Ordnung wäre, nicht wahr, Mutter? Ich könnte bis New Orleans fliegen und dann innerhalb von ein paar Stunden in Bayou Blanc sein. Du brauchst es nur zu sagen.”

“Jetzt überreagierst du aber ganz schön, Kate. Ich finde, du solltest zunächst dein eigenes Leben in den Griff bekommen, und dann können wir über meines reden. Man sagt ja, eine Scheidung sei die Krise im Leben, die das schlimmste Trauma hinterlasse, und deine war schließlich erst vor sechs Monaten.”

Kate wandte sich um und registrierte hektische Betriebsamkeit am Eingang zur Notaufnahme, wodurch ihr der Rest der Standpauke entging, die ihre Mutter ihr hielt. Als zwei Rettungssanitäter den Patienten an ihr vorbeischoben, bedeutete Betsy Kate mit einer Geste, ihnen zu folgen.

“Kate? Kate!”

“Entschuldige, Mutter, aber es ist gerade jemand eingeliefert worden. Ich bin am nächsten dran, also wird man ihn wohl mir zuweisen. Was wolltest du sagen?”

“Du liebe Güte, Mädchen! Wie kannst du es in Betracht ziehen, mich zu besuchen, wenn es schon so schwierig ist, mit dir nur ein paar Minuten am Telefon zu sprechen?”

“Mutter, ich habe Dienst. Ich versuche schon seit Tagen, dich von zu Hause aus anzurufen, aber du bist ja nicht zu erreichen.”

“Kate, ich habe auch Angelegenheiten zu erledigen, muss auch mal irgendwohin fahren, genau wie du.”

“Warst du verreist?”

“Ach, mal hier, mal da. Man muss ja mal raus, weißt du?”

“Dr. Madison, bitte nach Eins. Dr. Madison!”

“Hörst du, das ist mein Aufruf, Mutter. Es tut mir leid, aber ich muss los. Ich rufe morgen Vormittag an. Wenn ich ein paar Stunden geschlafen habe, ja?”

“Wie steht’s mit deiner Beförderung?”

“Ist noch in der Schwebe. Nimm’s mir nicht übel, Mutter, ich muss wirklich …”

“Ach, mach doch, was du willst, Kate!” Ein Klicken in der Leitung, dann Stille. Kate schaute verdutzt auf den Hörer. Ihre Mutter hatte aufgelegt.

“Haben Sie den Aufruf nicht gehört, Dr. Madison?”

Kate legte den Hörer zurück und drehte sich um, um Jean Sharpe zu zeigen, dass sie verstanden hatte. “Danke, Jean”, sagte sie trocken.

Jean Sharpe hatte ihre Frage ganz offensichtlich sowohl als Spitze als auch als Tadel gemeint. Die Frau galt als ausgesprochene Pedantin, was die Abläufe im Krankenhaus betraf, und sie erwartete stets, dass man neu zugewiesene Ärzte im Praktikum gleich zu Anfang über den Stellenwert des Pflegepersonals belehren müsse – in Kates Fall völlig überflüssig, denn sie hatte schon immer enormen Respekt vor der Leistung der Schwestern und Pfleger gehabt. Möglicherweise spürte Jean Sharpe jetzt, dass sie in diesem Moment wohl bei Kate etwas zu weit gegangen war.

“Patient in kritischem Zustand in 4A”, sagte sie bissig. “Dr. Grissom hat in 6A mit einem Oberschenkel-Trümmerbruch und Tachykardie zu tun. Ich hoffe, Sie haben sich von ihrer … emotionalen Reaktion auf die Schusswunde erholt, 4A ist nämlich ein Herzinfarkt.”

“Sind Sie da ganz sicher?”

“So sicher, wie man nur sein kann mit dreißig Jahren Erfahrung”, gab Jean Sharpe zur Antwort und rümpfte die Nase.

“Dann sehen Sie zu, dass der Blutgerinnsel-Zertrümmerer einsatzbereit ist”, befahl Kate knapp, machte auf dem Absatz kehrt und ging in Richtung Unfallchirurgie.

“Ich brauche von Ihnen keine Belehrung, wie ich meine Arbeit zu verrichten habe, Dr. Madison.”

Kate vermied es wohlweislich, sich in eine Auseinandersetzung hineinziehen zu lassen, und entfernte sich kopfschüttelnd. Jean Sharpe hatte mit ihrer scharfen Beobachtungsgabe ihren angeschlagenen seelischen Zustand in dieser Nacht sehr wohl mitbekommen, und sie würde nicht zögern, sie bis zum Äußersten zu reizen. Kate wusste, dass es nach Ansicht der Schwester höchst unprofessionell und absolut unentschuldbar gewesen war, als sie ihre Trauer beim Tod des kleinen Jungen so offen gezeigt hatte. Sie wollte sich lieber nicht vorstellen, was diese Frau wohl gedacht hätte, wenn sie vor ein paar Minuten Augenzeuge ihrer unerklärlichen Panikattacke in Gegenwart der kleinen Lindy geworden wäre.

In Kabine 4A zog Kate den Vorhang beiseite. Es würde sicher noch Stunden dauern, bevor sie Dienstschluss hatte und versuchen konnte, diese infernalische Schicht hinter sich zu lassen. Anstatt sie zu beruhigen, hatte das Telefongespräch die Sorge um den Zustand ihrer Mutter noch verstärkt. Mit Sicherheit stimmte da etwas nicht. Sie würde wohl nach Louisiana reisen müssen. Und zwar bald.

Zerschlagen rieb sie sich das Gesicht; sie war sich nicht ganz im Klaren darüber, was sie eigentlich von Victoria wollte, außer ihre Stimme zu hören und sicher zu sein, dass mit ihr alles in Ordnung war. Stattdessen fühlte sie sich nun bedrückter und unruhiger denn je. Und Emotionen dieser Art waren in einer Notaufnahme fehl am Platze.

Ein Blick auf den Patienten genügte, und Kate spürte, wie ihr Entsetzen schlagartig zurückkehrte, wie der Stress, der sich über Stunden aufgestaut hatte, nun mit voller Wucht auf ihre Psyche durchschlug. Es war ein Mann mittleren Alters, gedrungen, mit einem ausgeprägten und für Herzpatienten typischen Bauch. Bereits an den Monitor angeschlossen, saß er kerzengerade und atmete schwer.

“Doc, ich habe ‘nen Herzinfarkt”, sagte er mit vor Schmerz grauem Gesicht.

“Wir haben ihm Morphium gegeben”, meldete Kelly. “Sein EKG zeigt Unregelmäßigkeiten an, aber einen Herzinfarkt bestätigt es nicht.”

“Ich hab aber einen, verdammt noch Mal! Das sind solche Schmerzen, das kann nur ein Herzinfarkt sein. Ich halte das nicht mehr lange aus!”

“Haben wir seine Blutwerte?” Kate setzte behutsam das Stethoskop an.

“Ja, aber es sind noch keine Enzyme im Blut”, erwiderte Kelly.

“Ach, zum Teufel mit Enzymen und Blut!”, stöhnte der Patient. “Ich sterbe hier noch! Nun tun Sie doch endlich was!”

“Immer mit der Ruhe, Mr. …” Kate schaute auf den Plastikstreifen am Handgelenk des Mannes. “Mr. Carmello. Wenn Sie einen Herzinfarkt haben, dann ist das Schlimmste, was sie tun können, wenn Sie jetzt in Panik geraten. Wir brauchen ein …”

“Nehmen Sie doch diesen Gerinnsellöser, damit Schluss ist mit diesen Schmerzen”, jammerte Carmello. “Ich habe davon gelesen. Wieso benutzen Sie das Ding denn nicht? Mein Gott, sind das Schmerzen!”

Kate schaute Kelly an und nickte. “Geben Sie ihm noch drei Einheiten Morphium, und ich werde mal hören …” Ihre Stimme verlor sich, als sie konzentriert Carmellos rasenden Herzschlag abhörte.

“Sein Blutdruck fällt ab, Doktor.”

Kate nickte. “Weiß die Kardiologie Bescheid?”

Jean Sharpe schaute kühl und missbilligend drein. “Ich habe Dr. Lincoln ausrufen lassen, aber er hat sich noch nicht gemeldet.”

Die Sharpe kann es sich leisten, kühl zu sein, dachte Kate. Sie blickte erst auf den Monitor, dann auf ihr Team, das sich um Carmello gruppiert hatte. Die Verantwortung für den Patienten ruhte allein auf ihren Schultern.

Erneut wallte Unruhe in ihr auf. Sie war sich ganz und gar nicht sicher, dass Carmello ein Fall für die Kardiologie war. Viele Männer befürchteten schon einen Herzinfarkt, wenn sie nur Probleme mit der Verdauung hatten. Wenn es so war, dann wäre es fatal, Streptokinase zu geben. Wenn es sich allerdings in der Tat um einen Infarkt der Herzkranzgefäße handelte, dann würden die vom beschädigten Herzmuskel ausgeschütteten Enzyme in seinen Blutwerten dies anzeigen. Das war die einzige Möglichkeit, völlige Sicherheit zu bekommen.

“Ich brauche dieses Gerinnselzeug”, wiederholte Carmello. Er hatte sich auf die Trage zurückfallen lassen und war in Schweiß gebadet. “Ich hab ‘ne gute Krankenversicherung.”

“Darum geht es nicht, Mr. Carmello. Bewahren Sie nur die Ruhe …”

“Auf Dr. Lincoln können wir nicht warten”, sagte Kelly leise und eindringlich und sah Kate an.

“Ich kann ihm aber auch keine Streptokinase geben”, gab Kate heftig zurück. “Jedenfalls noch nicht.” Rasch warf sie einen Blick auf die Herzkurve auf dem Bildschirm. Die Linie verlief sprunghaft und unregelmäßig, gefährlich unregelmäßig. Sie sog hörbar die Luft ein, als sie sich in einen geraden Strich verwandelte.

“Er kollabiert!”, sagte Kelly.

“Reanimation!”, schrie Kate, und ihr Team ging sogleich routinemäßig zu Werke, Abläufe, die immer wieder drillmäßig eingeübt worden waren. Die Augen immer noch auf den Monitor geheftet, verlangte sie mit einer Handbewegung nach einer Spritze, mit der sie ein Medikament direkt ins Herz injizieren konnte. Für Streptokinase war es zu spät; Joseph Carmellos Herz war vollständig blockiert.

“Immer noch keiner aus der Kardiologie, Doktor”, sagte Celie, die kurz auf den Flur hinausgeschaut hatte.

“Ich habe sie aufgerufen”, meldete sich Jean Sharpe. “Drei Mal. Offensichtlich haben sie oben auch viel zu tun.”

Das Team arbeitete präzise und behände, jeder Handgriff saß, alles war perfekt aufeinander abgestimmt, und in Sekundenschnelle wurde Kate die geforderte Ampulle in die Hand gedrückt. Doch das Herz schlug ihr bis zum Halse, ihre Finger zitterten vor Panik. Zum dritten Mal in dieser Nacht trug sie die Verantwortung für einen Patienten, der ihr unter den Händen sterben konnte.

“Was gibt es denn hier so Dringendes?”

Kate fuhr erleichtert herum. “Dr. Lincoln! Gott sei Dank, dass Sie da sind! Wir haben einen akuten Myokardialinfarkt.”

Ward Lincoln, hochgewachsen, schlank und selbstsicher bis zur Arroganz, blickte Kate scharf an. “Haben Sie den Gerinnselauflöser gegeben?”

“Nein, ich …”

Er zwängte sich seitlich an ihr vorbei und starrte auf das aschgraue Gesicht des Patienten. “Ja, Menschenskinder, warum denn nicht?”

“Er hatte keine Enzyme in den Blutwerten. Ihm Streptokinase zu verabreichen, ohne …”

“Ach, du großer Gott!” Er machte Kelly ein Zeichen. “Haben Sie ihn wenigstens fertig?”

Kate sah fassungslos zu. Joseph Carmellos Herz hatte ausgesetzt, das Medikament war doch nutzlos! “Aber Dr. Lincoln …”

“Es reicht, Dr. Madison”, fauchte er streng. “Und nun lassen Sie mich in Ruhe, wenn ich diesen Mann noch retten soll.”

Benommen machte Kate einen Schritt zurück. Ihr Team zögerte für einen Sekundenbruchteil, reagierte dann aber rasch auf Dr. Lincolns knappe, bestimmte Anweisungen. Der Kardiologe bellte seine Instruktionen, alle erfüllten wie selbstverständlich ihre Aufgaben. Über ihnen jedoch tönte immer noch furchterregend und unerbittlich der elektronische Alarm.

Sieben Minuten später brach Ward Lincoln, nachdem er Kate einen vernichtenden Blick zugeworfen hatte, seine Bemühungen ab, und jegliche Aktivität kam zum Erliegen. Während er seine Einweghandschuhe abstreifte und sie mit einer frustrierten, zornigen Bewegung in einen Abfallbehälter schleuderte, stand das Team in betretenem Schweigen da. Die düsteren Gesichter verrieten auf schreckliche Weise, dass der Versuch, das Leben von Joseph Carmello zu retten, vergebens gewesen war. Alle wandten den Blick ab; jeder vermied es, Kate anzusehen.

2. KAPITEL

Kate blieb vor dem Dienstzimmer von Dr. Charles Winslow stehen und stellte sich mental auf ein wahrscheinlich unangenehmes Gespräch ein. Sie ging davon aus, dass sie herbestellt worden war, um dem Leiter der Krankenhausverwaltung über das Ableben von Joseph Carmello am Freitagabend Bericht zu erstatten, und dieser Bericht würde dann wohl an den Verwaltungsrat geleitet werden. Für alle Fälle hatte sie ihn in einem großen Briefumschlag bei sich.

Das ganze Wochenende hatte sie gegrübelt. Todesfälle wurden stets routinemäßig untersucht, doch es war schwierig vorherzusagen, wie diese delikate Angelegenheit von Ärzten eingeschätzt werden würde, die selbst nicht zugegen gewesen waren. Schlimmstenfalls bekam sie einen schriftlichen Verweis, je nachdem, wie die Stellungnahme von Ward Lincoln ausfiel. Wenn er der Meinung war, sie hätte die Anwendung von Streptokinase nicht verzögern dürfen, und dies dem Verwaltungsrat auch mitteilte, konnte sie die Oberarztstelle in den Wind schreiben.

Immer noch stand sie unter dem Eindruck jener teuflischen Nachtschicht. Nach Carmellos Exitus war sie geradezu in das Ärztezimmer geflüchtet, aber der Schaden war nicht mehr gutzumachen. Der Ausdruck auf den Gesichtern ihrer Teamkollegen – Neugier, Abscheu, Mitleid – erschien ihr wie ein Blatt Tarot-Karten, das ihr Schicksal weissagte.

Sie schnaubte missmutig und fragte sich, was ihre Kollegen in der Notaufnahme wohl sagen würden, wenn sie wüssten, wie oft sie in jüngster Zeit am Ende ihrer Nerven gewesen war. Hoffentlich würden sie es nie erfahren. Dann holte sie tief Luft und klopfte forsch an Dr. Winslows Tür.

Der Leiter der Verwaltung des St. Luke Hospital begrüßte sie stehend, bot ihr dann mit einer Handbewegung den Stuhl vor seinem Schreibtisch an, setzte sich und schaute einige Zeit angestrengt auf einen vor ihm liegenden linierten Block mit ein paar Notizen. Schließlich faltete er die Hände über dem Papier, verschränkte die Finger, schaute auf und sah sie eindringlich an.

“Dr. Madison, ich komme gerade aus einer Besprechung des Verwaltungsrates. Leider waren Sie der Gegenstand unserer Diskussion.”

Sie rang sich ein Lächeln ab. “Ich will hoffen, dass ich nichts Negatives aus dem Wort ‘leider’ ableiten muss”, sagte sie.

“Sie hatten einige persönliche Probleme in letzter Zeit. Soweit mir bekannt ist, sind Sie erst seit Kurzem geschieden.”

“Ja, aber …”

“Tut mir leid, das alles.” Er nickte ernst. “Fünf Jahre in der Unfallchirurgie, auch das hinterlässt Spuren”, sagte er, nahm die Hände zur Seite und blickte auf seine Notizen.

“Es gibt Momente, da wünschte ich, ich wäre Rechnungsprüfer oder so etwas.” Erneut bemühte sie sich, dem Gespräch eine humorvollere Note zu verleihen, aber Winslow schien diesen schwachen Versuch nicht komisch zu finden. Er lächelte nicht einmal. Es wurde ihr unbehaglich zumute. “Das meine ich natürlich nicht ernst.”

Er hob ein Blatt des Schreibblocks, als wolle er etwas überprüfen, und ließ es dann wieder sinken. “Freitagnacht scheint ein solcher Moment gewesen zu sein, wenn der mir vorliegende Bericht den Tatsachen entspricht.”

“Ja, wir haben drei Patienten nacheinander verloren. Es war … kompliziert.” Ohne Zweifel hatte sie sich Freitagnacht unprofessionell verhalten. Weinen und unkontrolliertes Zittern waren unakzeptable Reaktionen in Situationen, wo es um Leben und Tod ging. Der Gedanke daran ließ sie immer noch zusammenzucken.

Winslow betrachtete wieder seine Aufzeichnungen. “Der Junge war bereits bei Einlieferung in kritischem Zustand.”

“Ein sinnloser Zwischenfall mit einer Handfeuerwaffe.”

“Ja, sicher. Tragisch.”

“Es hat mich sehr mitgenommen, dass wir ihn nicht retten konnten”, sagte Kate. Sie hatte den Verdacht, dass Winslow bereits Einzelheiten ihrer emotionalen Reaktion von Jean Sharpe erfahren hatte. Da konnte sie es auch gleich zugeben. “Es ist immer schlimm, wenn ein Kind stirbt. Aber seine Verletzung …”

“Ja. Niemand hätte ihn retten können. Oder die misshandelte Frau. Sinnlos. Absolut sinnlos.” Er löste seine Finger aus der Verschränkung und lehnte sich zurück. “Aber der Grund, warum ich Sie hergebeten habe, ist Joseph Carmello.”

“Sie haben mit Ward Lincoln gesprochen?”

“Ja. Der Verwaltungsrat wollte seinen persönlichen Bericht hören.”

Kate beugte sich vor und reichte ihm das Kuvert mit ihrer Stellungnahme. “Meine Sicht des Vorfalls steht in dem Bericht in diesem Umschlag. Mr. Carmello suchte uns auf mit starken Schmerzen in der Brust. Er …”

“Ja, Dr. Lincolns Stellungnahme und die der diensthabenden Stationsschwester liegen mir vor.”

Kate lehnte sich wieder zurück. Ihr Mut begann zu sinken. “Jean Sharpe.”

Er nahm ihren Umschlag und schob ihn ungeöffnet in einen Aktenordner. “Wie ich höre, machen Sie sich in letzter Zeit Sorgen um Ihre Mutter.” Er rückte seine Brille zurecht und fuhr mit dem Finger über die Zeilen auf seinem Notizblock. “Sie lebt in … Louisiana?”

“Ja. In einem Vorort von New Orleans. Aber woher wissen Sie …?”

“Woher wir wissen, dass es Ihrer Mutter nicht so gut geht? So etwas spricht sich herum, Dr. Madison, wenn Menschen auf engem Raum zusammenarbeiten. Wie ich es sehe, kann man die Notaufnahme mit einer großen Familie vergleichen. Alle haben ihre Pflichten, und wir müssen miteinander kooperieren, damit die Familie glücklich und produktiv beisammenbleibt.”

Von den Unfallspezialisten nahm niemand Winslow ernst. Er hatte eine nicht gerade aufsehenerregende Laufbahn als Internist absolviert und sich auf das Entfernen von Gallenblasen spezialisiert, bis die Endoskopie diese Operationsmethode revolutionierte. Unbeholfen und langsam, wie er war, hatte er nie gelernt, mit einem mikroskopisch kleinen Skalpell umzugehen und die Operation dabei auf einem Videomonitor zu verfolgen. Folglich war er in die Krankenhausverwaltung gegangen. Jonglieren mit Zahlen oder Gewinnkalkulation entsprachen seiner blutleeren Persönlichkeit weit mehr als die Behandlung von Kranken.

“Louisiana”, fuhr er fort und klopfte sacht mit seiner Brille auf den Block. “Wirklich, eine interessante Kultur. Einzigartig. Ich war mal zum Mardi Gras dort.”

“Dr. Winslow, wurde auch die Beförderungsstelle zum Oberarzt in der Unfallchirurgie besprochen?”

“Allerdings.” Er setzte die Brille wieder auf. “Leider hat man beschlossen, Jake Grissom die Position anzubieten.”

“Ach so.”

“Ja, ich weiß, Sie hatten sich Hoffnungen gemacht, Dr. Madison, aber nach Freitagnacht … Nun, wie ich bereits sagte, die Tätigkeit in der Unfallchirurgie fordert zweifellos ihren Tribut.”

“Wollen Sie andeuten, dass Jake Grissom die Stelle bekommt, weil der Personalausschuss mich für zu gefühlsbetont hält?”

Winslow legte die Stirn in Falten und schüttelte den Kopf. “Ich kann mich nicht erinnern, etwas Derartiges gesagt zu haben, Dr. Madison. Andererseits haben die Vorkommnisse von Freitagnacht den Ausschuss zu der Überzeugung gebracht, dass Ihnen eine längere Pause guttun würde.”

“Wie bitte?”

“Wie Sie wissen, müssen Unfallärzte schnell und sicher reagieren können. Stresserscheinungen können sie sich nicht leisten. Nehmen wir beispielsweise den Fall Joseph Carmello.”

“Ja, nehmen wir doch dieses Beispiel, Dr. Winslow.” Kate beugte sich vor und zeigte auf den Umschlag mit ihrem Bericht, wobei sie die Angst im Magen spüren konnte. “Ich glaube, dass meine Handlungsweise in jener Nacht sich als korrekt herausstellen wird. Dr. Lincoln war zwar der Ansicht, ich hätte die Streptokinase zu einem früheren Zeitpunkt verabreichen müssen, doch deutete nichts in Mr. Carmellos Blutwerten darauf hin, dass er in der Tat einen Myokardialinfarkt hatte. Er …”

Winslow unterbrach sie mit einer Handbewegung. “Der Mann war einundvierzig und hatte drei schulpflichtige Kinder. Wegen Ihres Zögerns, Dr. Madison, haben diese Kinder keinen Vater mehr. Seine Frau ist Witwe.”

“Dr. Winslow …” Sie atmete tief durch. “Wie Sie wissen, handelt es sich um ein außerordentlich starkes Medikament, welches lebensbedrohliche Nebenwirkungen haben kann, wenn …”

“Was könnte noch lebensbedrohlicher sein, als das, was Sie zu tun für richtig hielten!”

“Meine Entscheidung war wohlüberlegt.”

“Dr. Lincoln legt großen Wert darauf, genau die gegenteilige Meinung zu vertreten. Ich gebe zu, Ärzte können Meinungsverschiedenheiten haben; in diesem Fall jedoch erwies sich Ihr Entschluss, das Medikament nicht zu verabreichen, als eine bedauerliche Fehlentscheidung. Der Patient verstarb, Dr. Madison.” Seine Erinnerung klang nahezu sanft.

“Zu dieser Entscheidung stehe ich”, sagte Kate fest. “Unter den gegebenen Umständen war das Medikament eine Kontraindikation.”

“Und Sie haben natürlich das Recht …”

“Hat Ward Lincoln behauptet, ich sei verantwortlich für Mr. Carmellos Tod?”

Winslow schien die Sache peinlich zu werden. “Sie wissen genau, Dr. Madison, dass ich zum Stillschweigen verpflichtet bin und Dinge, die besprochen wurden, nicht nach außen tragen darf.”

“Selbst wenn das einen schwarzen Fleck in meiner Personalakte in St. Luke bedeutet?”

“Darüber müssen wir uns unterhalten.” Er hob den Schreibblock und schlug eine Seite um. “Wenn so etwas passiert, fragen wir uns natürlich, ob es erneut vorkommen könnte. Wir können nicht einfach …”

“Was für ein ’so etwas’?”, rief Kate aus. “Ich habe eine durchdachte Entscheidung auf der Grundlage meiner Erfahrung und anerkannter medizinischer Grundsätze getroffen!”

“Ja, aber Ihre Kompetenz ist von einigen Mitgliedern des Verwaltungsrats angezweifelt worden.”

“Aufgrund einer einzigen abweichenden Meinung von Dr. Lincoln und von einer voreingenommenen Person, die mich seit meinem ersten Tag in St. Luke nicht leiden konnte”, stellte Kate fest.

Winslow sammelte die vor ihm liegenden Utensilien ein. “Zu meinem Bedauern dürfen wir einen Vorfall wie diesen nicht einfach ignorieren, Dr. Madison. Es geht auch immer darum, dass wir vor der Öffentlichkeit bloßgestellt werden könnten. Einen Prozess können wir uns nicht leisten.” Aktenordner, Schreibblock und Kates ungeöffneter Umschlag bildeten mittlerweile einen säuberlich aufgeschichteten Stapel.

Kate presste die Finger im Schoß zusammen. “Wie darf ich das verstehen, Dr. Winslow?”, sagte sie ruhig.

“Ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen, dass der Verwaltungsrat Sie vom Dienst im St. Luke Hospital suspendiert hat.”

Sie starrte ihn an. Freitagnacht hatte sie viel ertragen müssen, aber damit hatte sie nicht gerechnet. “Das ist nicht Ihr Ernst”, flüsterte sie.

“Ich darf Ihnen aber auch mitteilen, dass wir, sobald Sie Ihre … hm … Stresserscheinungen überwunden haben, diese Entscheidung möglicherweise überprüfen.”

“Möglicherweise.”

Auf seinen Lippen erschien ein gezwungenes Lächeln. “Natürlich gibt es keine Garantie. Die kann es in Fällen wie diesem nicht geben. Das werden Sie verstehen.”

“Ich bin entlassen?” Ungläubig schaute sie ihn an.

Er stand auf. Das Gespräch war beendet, und vertan war auch die Chance, über ihre berufliche Zukunft zu sprechen. “Selbstverständlich wünschen der Verwaltungsrat und ich Ihnen viel Erfolg in Ihrer nächsten Anstellung, Dr. Madison. Ganz gleich, wo das sein mag.”

Aber nicht im St. Luke.

“Wenden Sie sich an meine Sekretärin, wenn Sie gehen.” Er schob sich langsam um den Schreibtisch herum. “Sie gibt Ihnen noch Ihren letzten Gehaltsscheck.”

Nachdem Sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, pochte ihr Herz so heftig, dass sie völlig leer im Kopf war. Sie stand da, unfähig, einen Gedanken zu fassen, eine Hand an den Hals gepresst, die andere das vertraute Stethoskop umklammernd – das Symbol ihres Berufsstandes, das Werkzeug, welches aller Welt zeigte, dass sie Kranke heilte.

Vorbei. Charles Winslow hatte für ihre Karriere im St. Luke soeben das Todesurteil verkündet, ganz gleich, wie er es zu verbrämen versuchte. Wo sollte sie hin? Was sollte sie machen? Sie kam sich vor wie ein Kind, das die Geborgenheit und Wärme seiner Mutter suchte, um vor Ängsten und Schrecken geschützt zu sein, für die es keinen Namen gab. Aber ein Kind war sie nicht mehr. Sie war erwachsen. Sie war Ärztin!

Und dann wellte tief, tief in ihrer Brust ein Gefühl auf, und sie musste sich mit aller Macht beherrschen, um nicht vor Empörung gellend zu schreien. Wut, Panik, Trauer, alles kam zusammen, betäubte sie, als sie sich in Richtung Ausgang bewegte, als sie verzweifelt diesem Ort zu entfliehen versuchte, bevor sie noch mehr Schande über sich brachte. Großer Gott! Wenn dies das Aus für ihren Beruf bedeutete, dann war auch ihr Leben zu Ende.

3. KAPITEL

Eine Woche später stand Kate nicht ohne eine gewisse Besorgnis vor Dr. Leo Castilles Haus und läutete. Das letzte Stück ihrer Fahrt von Boston nach Louisiana hatte sie in ziemlicher Eile zurückgelegt, aber je näher sie Bayou Blanc gekommen war, desto mehr hatte sich ihre Stimmung durch die Vorfreude auf zu Hause gebessert. Ihre Mutter hatte nicht gerade begeistert geklungen, als sie ihr den Termin für ihren Besuch mitteilte, aber darüber dachte Kate nicht mehr nach. Dennoch hatte sie erwartet, dass Mutter daheim sein würde, und war deshalb betroffen, als sie das große Haus in der Vermilion Lane verwaist vorfand.

Im Haus rührte sich etwas und sie lächelte in Erwartung des Wiedersehens mit Ambers Vater. Aber Amber Russo öffnete selbst die Tür.

“Kate! Was machst du denn schon hier, chère? Wir haben erwartet, dass du vom Flughafen aus anrufst! Meine Güte, ist das schön, dich zu sehen!” Sie zog Kate ins Haus und nahm sie in die Arme. “Ich kann’s nicht glauben, dass ich zufällig hier bin, wenn du ankommst, Darlin’. Eine Stunde später wäre ich weg gewesen.”

“Hi, Amber.” Lächelnd ergriff Kate die Hände der Freundin. “Überraschung, was?”

“Komm erst mal rein, Katy-did”, befahl Amber. Kate folgte ihr durch das Foyer und den Eingangsbereich in das weiträumige Wohnzimmer mit den hohen, ausladenden Deckenbalken im hinteren Bereich des gemütlichen Landhauses, das im Acadia-Stil der frühen Louisiana-Franzosen erbaut war. Amber dirigierte sie zu einem Barhocker und öffnete den Kühlschrank. “Du möchtest sicher etwas Kaltes. Wir haben eine Bullenhitze draußen, aber das hast du wohl gemerkt, als du aus dem Flieger gestiegen bist, was?”

“Wie geht’s dir, Amber?”

Amber zeigte ein strahlendes Lächeln und nahm einen Krug aus dem Kühlschrank. “Mir geht’s ausgezeichnet. Super, dass du dich zu einem Besuch durchgerungen hast. Viel Zeit hast du uns nicht gelassen. Wie bist du hergekommen? Victoria hat schon nachgeschaut, wann die Flugzeuge ankommen. Hast du einen Mietwagen genommen? Das wäre nicht nötig gewesen, Kate. Du bist immer so unabhängig!”

“Ich habe kein Auto gemietet. Ich habe selbst eins. Und geflogen bin ich auch nicht – ich bin gefahren. Aber da wir gerade von meiner Mutter sprechen: Wo steckt sie eigentlich?”

“Gefahren?” Amber staunte. “Die ganze Strecke von Boston herunter?”

“Ist ‘ne lange Geschichte. Also, weißt du, wo Mutter ist?”

“Na, sie wird bei Dad sein, schätze ich”, sagte Amber mit einer achtlosen Handbewegung. “Irgendwo werden sie wohl stecken. Aber gefahren! Das ist ja ein Ding! Meine Güte, das sind … Augenblick mal … zweitausend Meilen! Was soll das heißen, eine lange Geschichte? Und sag bloß nicht, du musst schon wieder nach Boston zurück, bevor ich eine Begrüßungsfeier auf die Beine stellen kann!”

Kate hob abwehrend beide Hände. “Bitte, bloß keine Partys! Jedenfalls vorerst nicht, einverstanden, Amber? Und im Übrigen, wir haben Zeit genug. Ich habe es nicht besonders eilig mit der Rückreise.”

“Tatsächlich?” Amber hielt beim Eingießen inne. “Wie hast du das denn hingekriegt? Ich dachte immer, ihr Notaufnahmeärzte hättet ständig einen furchtbar hektischen Dienstplan und praktisch keine Freizeit.”

“Sogar wir aus der Notaufnahme müssen ab und zu Pause machen und uns neu organisieren. Ehrlich, als ich an der Ausfahrt zum Cottage vorbeifuhr, fiel mir auf, wie lange wir dort nicht gewesen sind.” Ihre und Ambers Familie besaßen gemeinsam ein kleines Landhaus am Nordufer von Lake Pontchartrain. In ihren Kindertagen hatten sie manches Sommerwochenende und meist die Ferien dort verbracht. Sogar als sie beide verheiratet waren, hatten sie es geschafft, einmal im Jahr ein paar Tage dort zusammen zu sein. Diese schönen Erinnerungen waren Kate eingefallen, als sie auf der Interstate die Abfahrt passiert hatte. “Wie lange ist das her, Amber?” Kate konnte sich nicht erinnern.

Amber verzierte ein Glas Eistee mit einem Minzezweig und schob es Kate über die Theke zu. “Drei Jahre.”

“Meine Güte! Zwei Jahre zu viel, was?”

“Seit ich mit Deke verheiratet bin, fällt es mir nicht leicht, private Termine einzuplanen”, sagte Amber, und ihre Stimme klang anders. “Mit Ethan war das nicht so, den kümmerte es nicht, was ich machte, solange ich ihm nicht mit seinen Bankgeschäften in die Quere kam.”

“Du wusstest genau, was er war, als du ihn geheiratet hast, Amber.”

Amber zog eine Grimasse und träufelte Süßstoff in ihren Tee. “Reich und noch zu haben, das war’s, was ich wusste. Dass er so ein Langweiler war, wusste ich nicht.”

Kate schüttelte lächelnd den Kopf. “Er war zweiundfünfzig, und du warst zweiundzwanzig!”

“Das ist doch keine Entschuldigung! Ethan hat nie eine Ahnung gehabt, was Spaß ist, nicht mal, als er jung war!”

“Dir war doch klar, er ist einer von denen, die erst das Business sehen.”

Amber seufzte. “Ich weiß, ich weiß. Ich war eine ‘Vorzeigefrau’, bevor der Begriff erfunden wurde.” Sie kicherte. “Ich bin nur froh, dass wir keinen Ehevertrag geschlossen haben. Ich war so jung und blöd, ich hätte ihn wahrscheinlich unterschrieben, und nach der Scheidung hätte ich da in die Röhre geschaut und nicht die Hälfte von allem bekommen.” Sie murrte ungeduldig. “Ach, genug von Ethan! Mensch, das ist über fünfzehn Jahre her!”

“Für uns beide ist seitdem eine Menge Wasser den Mississippi hinuntergeflossen, was?”, sagte Kate leise.

Amber berührte ihre Hand. “Ich hab’s bedauert, als ich zuletzt von deiner Scheidung hörte, Kate. Hat es dir das Herz gebrochen?”

“Ach, eigentlich nicht. Was einiges über meinen Charakter aussagt, aber ich weiß nicht recht, was.”

“Oh, du warst immer so streng mit dir. Und außerdem habe ich Robert nie besonders gemocht. Aua – darf ich das sagen?” Amber zog den Kopf zwischen die Schultern, wie sie es als Kind immer getan hatte, wenn man mit ihr schimpfte.

“Am Ende habe ich ihn selber nicht mehr besonders leiden können.” Kate drehte den Minzezweig und lächelte. “Und was macht Deke so?”

“Reden wir jetzt über ungeliebte Männer? Deke geht’s wie immer. Obwohl er auch seine Fans hat.”

“Aber du magst ihn nicht?”

“Sogar in perfekten Ehen soll es Frauen geben, die manchmal die Nase voll haben.”

“Dazu kann ich nichts sagen; meine Ehe war nicht gerade perfekt.” Kate nahm eine Serviette entgegen. “Mutter hat mir erzählt, dass Dekes Radio-Talkshow ziemlich bekannt sei.”

“Wie ich schon sagte – er hat seine Fans.”

Aber Amber zählte nicht zu ihnen? Kate kannte Deke nicht sehr gut, doch immer war er ihr eine Spur zu großspurig vorgekommen, als dass sie ihn hätte näher kennenlernen wollen. “Mutter hat mir auch erzählt, dass du jetzt groß herauskommst. ‘Amber Lifestyles’ hat tollen Erfolg, und dazu kann man dich noch regelmäßig im TV-Morgenprogramm sehen … und du schreibst eine wöchentliche Kolumne für die Zeitung.” Kate lächelte. “Donnerwetter kann ich da nur sagen! Herzlichen Glückwunsch! Wie steht denn Deke zu diesem Multitalent von Ehefrau?”

“Der sagt nicht viel.” Amber lachte kurz auf und stellte den Krug in den Eisschrank zurück. “Der geht so in seinen eigenen Angelegenheiten auf – ehrlich, ich weiß nicht, wie er über meine denkt.”

“Aber dein phänomenaler Erfolg kann ihm doch nicht verborgen geblieben sein!” Kate legte ihre Hände um das kühle Glas. “Eigentlich ungewöhnlich, gleich zwei Berühmtheiten in einer Familie zu haben. Vielleicht verspürt er ein wenig professionelle Eifersucht.”

“Möglich.” Mit einem Schulterzucken ging Amber zurück zur Hausbar und schüttelte ihr schwarzes Haar. “Dann muss er halt damit fertig werden, denn ich amüsiere mich prächtig!”

“Das ist die richtige Einstellung!” Kate betrachtete die kleinen Dinge, die Leos Küche und Wohnbereich dekorierten. Überall erkannte man Ambers Sinn für das Einzigartige und Niveauvolle. Es hatte einen faden Beigeschmack von Egoismus und Gleichgültigkeit und war nicht gerade schmeichelhaft für Deke, wie er sich den Wünschen seiner Frau gegenüber verhielt. Warum eigentlich konnte er den Ruhm nicht mit ihr teilen?

Kate trank ihren Eistee aus und legte ihre Serviette neben das leere Glas. “Wir sprachen gerade darüber, ob wir mal wieder zum Cottage fahren. Ich würde es liebend gern. Glaubst du, dass du Zeit hast?”

“Bevor wir Pläne schmieden – rede lieber erst mit deiner Mutter.”

“Amber, da stimmt doch etwas nicht, oder? Mutter ist mir ausgewichen, als ich ihr sagte, ich komme nach Hause. Wir haben zwar nicht diese enge Beziehung, wie sie bei manchen Müttern und Töchtern vorkommt, aber früher habe ich immer das Gefühl gehabt, ich sei willkommen, auch wenn sie nicht viele Worte gemacht hat. Was ist mit ihr?”

Amber kam hinter der Hausbar vor und begleitete Kate zur Tür. “Victoria war schon immer etwas schwierig, Kate, und eure Beziehung auch. Du liegst völlig falsch, wenn du glaubst, dass sie dich nicht haben will. Wenn du erst mit ihr gesprochen hast, wirst du’s merken.” An der Tür zog sie ihre Stirn kraus, als Dekes Range Rover in die Hofeinfahrt bog. “Oh, oh! Daddy kommt nach Hause!”

“Dann will ich mal”, sagte Kate und küsste Amber flüchtig auf die Wange. Nach ihrem Gespräch war sie auf Deke nicht sonderlich erpicht. Sie lief die Treppe hinunter. “Grüß Deke von mir. Sag ihm, wir sehen uns später.”

“Okay. Halt, warte! Eins noch”, rief Amber von oben. “Am Wochenende des 6. machen wir das Fais-Do-Do-Festival. Hat deine Mutter es dir erzählt? Essen, Trinken, Jux, Klamauk, Tanz auf den Straßen, chère. Dann bist du doch noch da, oder? Deke und ich sind die Top-Stars.”

Im Rückwärtsgehen musste Kate lächeln. “Kannst du eigentlich immer noch so gut diesen kreolischen Akzent imitieren wie früher, Amber?”

Amber schob kokett ihre Locken seitlich hoch und klimperte mit den Wimpern. “Mein Markenzeichen, chère. Sehe ich nicht aus wie eine Kreolin?”

“Schon, nur weiß ich zufällig, dass deine Vorfahren aus England und Spanien stammen.”

Amber grinste spitzbübisch und legt einen Finger auf die Lippen. “Psst! Verrate das bloß nicht meinem mich anbetenden Publikum! Und verpass nicht das Fais-Do-Do, hörst du? Du willst doch Deke und mich auf der Bühne sehen, oder?”

“Wenn das Mädchen vom Ort heimkommt? Das kann ich doch unmöglich verpassen!” Kate lächelte und winkte zum Abschied. “Danke für die Unterhaltung und den Eistee.”

“Bis dann, Kate.”

In Gedanken versunken schlenderte Kate über Leos Rasen. Sie hatte sich darauf gefreut, das Neueste von Amber zu erfahren, aber nicht erwartet, dass es Eheprobleme gab. Oder hatte sie mehr in Ambers Geplauder hereininterpretiert, als sie sollte? Amber neigte zum Dramatisieren, und das erinnerte Kate an die Andeutungen bezüglich Victoria. Wo steckte sie nur? Sie wollte mit eigenen Augen sehen, dass alles in Ordnung war.

Als sie die schmale Holzbrücke überquerte, die Leo eigenhändig vor Jahren gezimmert hatte, erkannte sie die Umrisse ihres Elternhauses. Aber es gab keine Anzeichen, dass ihre Mutter daheim war. Kates Besorgnis kehrte zurück.

“War das nicht Kate, die da eben über den Rasen geflitzt ist?” Deke Russo nahm seine Sonnenbrille ab und steckte sie in die Brusttasche. “Was ist denn mit der los? Mag sie nur die eine Hälfte des Russo-Teams?”

Amber setzte ein Lächeln auf und trat von der Tür zurück, als ihr Mann hereinkam. “Sie war nicht auf Besuch. Sie suchte Victoria. Du glaubst es nicht, Deke: Sie ist den ganzen Weg von Boston hinunter mit dem Auto gekommen!”

“Allein?”

“Ja, allein. Glaube ich zumindest.” Sie zupfte eine welke Blüte aus einem Strauß Gladiolen in einer hohen Vase im Foyer, rückte die Blumen zurecht, trat etwas zurück und begutachtete das Arrangement. “Sagen wir so: Sie hat nicht erwähnt, dass jemand sie begleitet hat. Und noch etwas errätst du nie: Sie fährt auch nicht gleich wieder zurück!”

“Ach nee!” Er lockert seine Krawatte, knöpfte den obersten Knopf seines Hemdes auf und ging Richtung Hausbar. “Sie plant einen längeren Aufenthalt in Bayou Blanc, nachdem sie zwei Jahre lang nicht einmal übers Wochenende kommen konnte?”

“Ich gebe nur wieder, was sie gesagt hat.”

“Na, wenn’s so ist, gibt’s ja nichts hinzuzufügen, oder?”

Durch das Fenster konnte Amber hinter den Bäumen einen Teil des Daches von Victorias Haus erkennen. “Sie macht sich Sorgen um Victoria.”

“Wird auch Zeit.” Deke griff sich eine Karaffe mit Scotch. “Sie hat Glück gehabt, dass du zur Verfügung standest, wenn Victoria mal Zuwendung brauchte.”

Amber hörte die Abneigung aus seiner Stimme heraus und seufzte. Deke war so besitzergreifend. Manchmal hatte sie das Gefühl, er wäre nur dann zufrieden, wenn es überhaupt niemanden in ihrem Leben gäbe, nicht einmal ihren Vater. Sie stellte sich neben ihn und füllte Eiswürfel in ein Glas.

“Deke, Kate wohnt in Boston, ich dagegen lebe hier in New Orleans, gerade mal fünfundvierzig Minuten von Bayou Blanc entfernt. Und Victorias Haus steht gleich neben Daddys. Da ist es doch selbstverständlich, dass ich nach ihr sehe. Sie war wie eine Mutter zu mir seit meinem sechsten Lebensjahr.”

“Sag ich ja, Amber.” Er zog den Stöpsel aus der Karaffe, roch am Inhalt und goss sich einen ordentlichen Whisky ein. “Du hast immer schon mehr an Victorias Schürzenzipfeln gehangen als Kate selbst.”

Amber schaute zu den Familienfotos auf dem Klavier in der Ecke. Victoria war auf mehreren der Bilder zu sehen. “So nahe bin ich ihr auch wieder nicht, Deke.” Er brummte hinter ihr abfällig. “Und selbst wenn ich es wäre – wie würdest du dich fühlen, wenn du mit sechs Jahren deine Mutter verloren hättest?”

“Ach, du Arme!” Er stupste ihr in gespieltem Mitleid die Faust unters Kinn und begab sich zu einem riesigen Ruhesessel. “Du hattest alles, als du klein warst, Amber: Geld, Familie, ein tolles Haus in der besten Wohngegend. Dein Dad hat dich nach Strich und Faden verwöhnt. Stell dir vor, du wüsstest nicht mal, wer dein Vater ist!”

“Was redest du da, Deke? Dein Vater war Polizist!”

“Das habe ich auch immer geglaubt, aber, weiß der Himmel, Frauen lügen schon mal.”

“Deine eigene Mutter? Jetzt mach aber einen Punkt!”

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