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Aus purer Liebe?

Prolog

 

Im Hauptfach hatte Sheikh Dharr ibn Halim zwar Wirtschaftswissenschaften studiert, aber auch in der Kunst der Verführung hatte er sich erstaunliche Fähigkeiten angeeignet. Er war ein hinreißender Liebhaber, der es verstand, die geheimen Leidenschaften einer Frau im Dunkel der Nacht zu wecken und ihre entflammte Lust im Licht des Tages noch zu steigern.

Doch in diesem Jahr hatte er auch den verheerenden Schmerz, den die Liebe mit sich bringen konnte, erfahren und eine bittere Lektion fürs Leben gelernt.

Dharr versuchte, den Trubel draußen vor seiner Wohnung, die er sich mit zwei anderen Studenten in Harvard teilte, auszublenden. Er hatte keinen Spaß an der Examensfeier, denn mit dem Studienabschluss ging auch seine Zeit in den USA zu Ende. Er würde in seinem Heimatland bald Verantwortung übernehmen müssen.

Schon morgen musste er alles hier, einschließlich seiner besten Freunde Prinz Marcel DeLoria, Spross einer europäischen Königsfamilie, und Mitchell Warner, Sohn eines bekannten amerikanischen Senators, hinter sich lassen. Durch ihren Zusammenhalt war es ihnen gelungen, die meiste Zeit unerkannt und unbehelligt von den Medien in Harvard zu studieren und das Leben zu genießen.

Obwohl sie einander fast alles anvertrauten, hatte Dharr ein Geheimnis vor seinen Freunden. Er würde auch jetzt nicht darüber sprechen. Er konnte sich nicht einmal vorstellen, dass er es jemals fertig bringen würde, überhaupt darüber zu reden. Eben dieses Geheimnis beschäftigte ihn nun wieder. Er hatte sich in eine Frau verliebt, die seine Liebe nicht ernsthaft erwiderte.

Voller Melancholie saß Dharr in seinem Lieblingssessel, während Marc in seiner bevorzugten Sofaecke hockte und Mitch wie immer auf dem Boden ihres gemeinsamen Wohnzimmers saß, als habe er eine Aversion gegen jegliches Mobiliar.

Mitch nahm die Champagnerflasche vom Sofatischchen und schenkte allen nach. "Auf unser Examen haben wir schon angestoßen", sagte er. "Ich schlage vor, dass wir jetzt auf ein langes Junggesellendasein trinken."

Dharr hob sein Glas. "Darauf trinke ich ganz besonders gern."

"Lasst uns eine Wette abschließen!" rief Marc und erhob ebenfalls sein Glas.

Dharr und Mitch blickten ihn mit großen Augen an. "Was für eine Wette?"

"Wir sind uns doch einig, dass wir alle drei möglichst lange, wenn nicht sogar für immer, Junggesellen bleiben wollen. Damit wir unseren guten Vorsatz auch einhalten, sollten wir wetten, dass keiner von uns verheiratet ist, wenn wir uns in zehn Jahren erneut treffen."

Dharr überlegte kurz. Ihm war zwar bewusst, dass es für ihn nicht leicht werden würde, sich daran zu halten, er fand die Idee dennoch gut. Wenn er seinem Vater zuliebe schon heiraten musste, wollte er es zumindest so lange wie möglich hinauszögern. Er hatte allerdings noch eine Frage: "Und wenn einer von uns die Wette verliert?"

"Dann muss derjenige sich von seinem wertvollsten Besitz trennen."

Mitch verzog sein Gesicht. "Ich müsste also meinen Hengst hergeben? Das würde mir verdammt schwer fallen."

Lächelnd betrachtete Dharr das Bild über dem Sofa, die Darstellung eines Frauenakts. Nachdem seine Geliebte ihn verlassen hatte, war das wertvolle Gemälde jetzt sein größter Schatz. "Bei mir wäre es wohl der Modigliani. Ich muss zugeben, dass mir die nackte Schöne sehr fehlen würde."

"Das ist ja gerade der springende Punkt, meine Herren. Es wäre keine richtige Wette, wenn es nur um belanglose Dinge ginge", erklärte Marc.

"Und was ist für dich am wertvollsten?" wollte Mitch wissen.

"Mein Sportwagen, die Corvette."

"Du würdest dich wirklich von deinem geliebten Flitzer trennen?" fragte Mitch ungläubig.

"Natürlich nicht, denn ich werde die Wette nicht verlieren."

"Ich auch nicht", warf Dharr ein. "Zehn Jahre will ich mir mindestens Zeit lassen, bis ich einen Erben zeuge." Insgeheim hoffte er, dass er dann über seinen Liebeskummer hinweg sein würde und eine andere heiraten könnte. Wenn nicht aus Liebe, dann zumindest aus Pflichtbewusstsein.

"Ich habe überhaupt kein Problem damit, denn ich habe sowieso nicht vor, jemals zu heiraten", bekannte Mitch.

Wieder hob Dharr sein Glas. "Dann gilt die Wette also?"

Mitch stieß mit ihm an. "Na klar."

Marc kam ohne zu zögern dazu. "Die Wette gilt."

Dharr war noch immer nachdenklich. Er wusste, dass ihm die Gesellschaft seiner Freunde und der Spaß, den sie miteinander hatten, sehr fehlen würden. Aber er akzeptierte die verantwortungsvolle Rolle, die er zukünftig übernehmen musste. Das Schicksal hatte es so gewollt. Er würde einmal das Erbe seines Vaters antreten und ihm auf den Thron von Azzril folgen.

Und wenn es sich so ergeben sollte, würde er auch den Ehevertrag, der schon vor Jahren geschlossen worden war, erfüllen. Er hätte dann wenigstens die Gewissheit, dass die für ihn ausgewählte Frau aus seinem Kulturkreis kam. Sie würde Verständnis für seine Pflichten als König haben und ihm als Königin zur Seite stehen, wenn er einmal sein Heimatland Azzril regieren würde.

Ihr Name war Raina Kahlil. Wenn er schon nicht die Frau heiraten konnte, die er liebte, dann war es sicher eine gute Lösung, Raina zu heiraten, weil er sie von klein auf kannte und wusste, dass sie zu ihm passte.

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Kapitel

 

Zehn Jahre später

 

Sie war ganz anders, als Dharr ibn Halim sie in Erinnerung hatte.

Er saß auf der Veranda ihres kalifornischen Strandhäuschens. Mit der rechten Hand schirmte er seine Augen gegen die Nachmittagssonne ab, während er Raina Kahlil verstohlen beobachtete. Ihm wurde erst jetzt richtig klar, wie sehr sie sich verändert hatte. Aus dem aufgeschossenen Mädchen mit den unordentlichen Zöpfen war eine Frau geworden, die zumindest äußerlich nichts mit dem wilden Kind von einst zu tun hatte.

Mit anmutigen fließenden Bewegungen schritt sie den Strand entlang. Ihre langen Beine waren noch genauso schlank wie früher, nur perfekter geformt. Ihr goldbraunes Haar trug sie offen. Es fiel ihr wie ein wehender Umhang über die Schultern bis zur Taille, ließ jedoch hier und da ein Stückchen sanft gebräunte Haut durchschimmern.

Dharr hatte den Eindruck, dass Raina ihn noch nicht entdeckt hatte, denn sie besah sich interessiert die Muschel in ihrer Hand, während sie auf das Haus zukam. So blieb ihm Zeit, ihre erstaunliche Verwandlung zu begutachten.

Sie trug silberne Ohrringe und eine türkisfarbene Halskette, die mit der Farbe ihres Bikinis harmonierte. Mit den vollen Brüsten und der schmalen Taille wirkte sie aufregend weiblich. Dharrs Blick fiel auf ihren Bauchnabel, den ein Silberring mit einem Halbmond schmückte. Ihre sanft geschwungenen Hüften machten ihm einmal mehr bewusst, dass Raina zu einer sehr attraktiven Frau herangewachsen war.

Das letzte Mal, als Dharr ibn Halim seine ihm versprochene Braut gesehen hatte, war sie ein pubertierender Teenager gewesen und hatte sich mit einem gleichaltrigen Jungen gerauft, der es gewagt hatte, sie herauszufordern. Dharr fragte sich lächelnd, ob sie ähnlich reagieren würde, wenn sie erfuhr, dass er gekommen war, um sie zurück nach Azzril zu begleiten, denn seine Briefe hatte sie nicht beantwortet.

Sein erster Eindruck war, dass sie immer noch das gleiche unbändige Temperament hatte, und als sie ihn jetzt entdeckte und ihm einen vernichtenden Blick zuwarf, fühlte Dharr sich bestätigt.

Er war auf ihren Widerstand vorbereitet und hatte sich überlegt, wie er sie dazu überreden konnte, ihm in die Heimat zu folgen. Nicht vorbereitet war er allerdings darauf, dass er sie ungemein sexy fand und sich spontan vorstellte, ihre Wildheit im Bett zu zähmen.

Als Realist wollte er es jedoch bei der Fantasie belassen. Längst hatte er sich entschieden, dass er keinen Wert auf den Ehevertrag legte, schon weil Raina ihre orientalische Kultur verleugnete. Außerdem respektierte er sie und vor allem ihren Vater so sehr, dass er gebührenden Abstand zu ihr halten würde, auch wenn sie für ihn als Mann eine Verlockung bedeutete.

Langsam kam Raina die Treppe zur Veranda herauf. Ihr Blick signalisierte, dass sie keineswegs glücklich war, Dharr zu sehen. Sie wirkte überrascht.

Nachdem sie die Muschel achtlos in den Sand geworfen hatte, stellte sie sich vor ihn hin, die Hände in den Hüften gestemmt. "Sehe ich recht? Das ist ja tatsächlich Dharr ibn Halim höchspersönlich. Bist du gekommen, um mich aufzuziehen, so wie früher?"

Ihm fiel auf, dass sie überhaupt keinen Akzent mehr hatte, sondern wie eine waschechte Amerikanerin sprach, noch dazu mit einem sarkastischen Unterton. "Ich freue mich, dich wiederzusehen, Raina."

"Sag mir erst einmal, weshalb du hier bist."

"Brauche ich denn einen Grund, um dich zu besuchen?"

"Das denke ich schon. Nach all der Zeit. Wie lange ist es her? Fünfzehn Jahre?"

"Zwölf, um genau zu sein. Ich studierte schon in Harvard und kam in den Ferien nach Hause. Es war in dem Sommer, bevor du mit deiner Mutter aus Azzril weggegangen bist. Dein Vater hatte dich mit in den Palast gebracht, und du hast dich damals mit dem Sohn des Kochs geprügelt."

"Und du bist wie immer dazwischengegangen." Raina lächelte, aber nur für einen Moment. "Das ist lange her. Denkst du nicht, dass ich deshalb das Recht habe, misstrauisch zu sein, wenn du so plötzlich hier auftauchst?"

"Ich versichere dir, dass ich in guter Absicht komme." Dharr sagte es, obwohl seine Gedanken im Augenblick wenig ehrenhaft waren.

Aber ein Mann muss schon blind sein, um nicht von ihren Reizen beeindruckt zu sein, ging es ihm durch den Kopf.

Raina strich mit den Handflächen über ihre nackten Arme. "Lass uns das Gespräch drinnen fortsetzen, mir ist ein bisschen kühl."

Das hätte sie mir gar nicht sagen müssen, dachte Dharr, als sein Blick ihre Brüste streifte. Im Gegensatz zu ihr war ihm ausgesprochen warm. Er trat zur Seite. "Bitte, nach dir."

"Gut, dass du nicht Ladies first gesagt hast."

Wie Dharr vermutet hatte, benahm Raina sich immer noch rebellisch, aber zumindest lächelte sie. "Ich würde mich doch niemals so irren, Raina", gab er schlagfertig zurück.

"Okay." Raina warf einen Blick aus dem Fenster und bemerkte den schlichten weißen Mittelklassewagen, der am Straßenrand geparkt war. "Nanu, keine schwarze Limousine mit Chauffeur und Bodyguards?"

"Das ist ein Leihwagen, und Bodyguards brauche ich hier nicht." Dharr zwinkerte ihr zu. "Es sei denn, du willst mich rauswerfen."

"Das hängt davon ab, was du von mir willst." Als sie an ihm vorbeiging, nahm er ihren Duft nach Meer, Sonne und Zitrusfrüchten wahr.

Raina deutete auf einen hohen Hocker an der Theke, die die kleine Küche vom Wohnraum trennte. "Setz dich. Ich habe nicht viel Platz, aber ich fühle mich hier wohl."

Ein bescheidenes Zuhause, wunderte sich Dharr, als er die wenigen Möbel betrachtete. Er nahm Platz und erwartete, dass sie sich neben ihn setzte.

Stattdessen erklärte sie: "Ich werde mich umziehen gehen. In der Zwischenzeit kannst du mir erzählen, warum du gekommen bist."

Sie verschwand in einen Raum, der schräg gegenüber der Küchentheke lag. Als Dharr in diese Richtung schaute, konnte er Raina durch die offen stehende Tür in einem Spiegel sehen. Natürlich wusste er, dass er wegschauen sollte, doch er brachte es nicht fertig.

"Hast du denn kein Schlafzimmer?" rief er ihr zu und beobachtete, wie sie die im Nacken geknoteten Träger ihres Bikinis öffnete.

"Das hier ist mein Schlafzimmer."

Jetzt streifte sie das Bikinioberteil ab, und die Raumaufteilung interessierte Dharr absolut nicht mehr. Er war hingerissen vom Anblick ihrer bildschönen Brüste mit den rosigen Knospen und stellte sich vor, wie gut sie sich in seinen Hände anfühlen würden.

"Jetzt musst du mir erzählen, was mir die Ehre deines Besuchs verschafft", hörte er Raina sagen, während sie ihr Bikinihöschen auszog.

Dharr war enttäuscht, dass er nur ein kleines Stückchen ihres Oberschenkels zu sehen bekam, weil eine Kommode die Sicht verdeckte. Dennoch konnte er vor Aufregung kaum einen klaren Gedanken fassen.

Er räusperte sich. "Wenn du meine Briefe gelesen hättest, wüsstest du, weshalb ich gekommen bin."

"Was für Briefe?"

Raina zog ein korallenrotes T-Shirt an, und Dharr beobachtete fasziniert, wie der seidige Stoff über ihre Kurven glitt. Dabei stellte er sich vor, mit seiner Hand über Rainas Haar, ihren Rücken und ihre Brüste zu streichen. Er würde ganz bestimmt nicht an ihrer Taille aufhören.

"Dharr, was für Briefe?" wiederholte Raina und zog sich jetzt einen winzigen Slip über. Dharr konnte erkennen, dass er aus schwarzer Spitze bestand.

Unruhig rutschte er auf seinem Hocker hin und her. "Ich habe dir kürzlich zwei Briefe geschrieben. Hast du sie denn nicht bekommen?"

Nachdem sie sich eine weit geschnittene Hose über die schlanken Hüften gezogen hatte, kam Raina zurück ins Wohnzimmer. "Ich habe keinen einzigen Brief von dir bekommen. Hast du sie an diese Adresse hier geschickt?"

"Ich weiß nicht. Das hat mein Sekretär erledigt."

Raina band ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen. "Ich bin erst vor kurzem bei meiner Mutter ausgezogen. Vielleicht hat sie die Briefe erhalten."

"Mag sein."

Sie beugte sich über die Theke und schaute Dharr aus ihren klaren bernsteinfarbenen Augen herausfordernd an. "Natürlich könnte ich sie anrufen und danach fragen, aber da du schon mal hier bist, sag mir doch einfach, was in diesen Briefen steht."

Das waren keine guten Nachrichten. Dharr überlegte, wie er es ihr schonend beibringen konnte. Er stand auf und sah sich in dem kleinen Wohnzimmer um. Vor einem Gemälde auf einer Staffelei blieb er stehen. Es zeigte das Profil eines Mädchens, das inmitten einer Wüstenlandschaft stand. Es wirkte seltsam verloren in den endlosen Sanddünen.

"Hast du das gemalt?" erkundigte er sich.

"Ja, es ist eine Kindheitserinnerung an Azzril. Ich fühlte mich immer so klein und unbedeutend in der Unendlichkeit der Wüste."

"Das Bild ist sehr gut." Dharr setzte sich wieder auf den Hocker ihr gegenüber. "Verdienst du deinen Lebensunterhalt mit Malerei?"

"Nein, ich unterrichte an einer Privatschule. Ich habe einen Masterabschluss in Kunst und Geschichte." Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust. "Aber sag mir jetzt bitte, was du mir geschrieben hast, Dharr, und warum du hier bist."

"Ich bin auf Wunsch deines Vaters hier."

Misstrauisch schaute Raina ihn an. "Es hat doch wohl nichts mit diesem vorsintflutlichen Ehevertrag zu tun?"

"Nein, absolut nicht. Was mich angeht, so betrachte ich diese Vereinbarung als nichtig."

Sie seufzte. "Ich wünschte, du würdest das auch meinem Vater gegenüber so klipp und klar sagen. Der ist sicher anderer Meinung."

"Du kannst bald selbst mit ihm darüber sprechen."

"Kommt Papa her?"

"Nein, er möchte, dass du umgehend nach Azzril kommst. Er bat mich, dich zu ihm zu bringen."

Jetzt schüttelte Raina unwillig den Kopf. "Dharr, ich bin eine erwachsene Frau. Ich kann hier nicht alles hinwerfen, nur weil mein Vater mich zu sehen wünscht. Das kommt für mich nicht infrage."

"Aber wenn es sein letzter Wunsch ist?"

"Wie soll ich das verstehen?" Raina wurde unsicher.

Dharr widerstrebte es, etwas zu behaupten, wovon er selbst nicht überzeugt war. Idris Kahlil hatte jedoch darauf bestanden, dass er die Lage dramatisierte, damit Raina nach Hause kam. Der Sultan war zwar ernsthaft erkrankt, aber anzudeuten, dass sein Tod bevorstand, war reichlich übertrieben.

"Dein Vater ist wahrscheinlich herzkrank und braucht Bettruhe."

"Aber er hat mich doch noch vor zwei Monaten besucht."

Dharr war ehrlich erstaunt. Es hieß immer, dass der Sultan nur Telefonkontakt zu seiner Tochter hielt. "Er war hier bei dir in Kalifornien?"

"Ja, so wie jedes Jahr, seit ich nicht mehr in Azzril lebe. Glaub mir, das letzte Mal wirkte er überhaupt nicht krank."

"Aber er ist kein junger Mann mehr, Raina."

"Trotzdem kann ich nicht glauben, dass …"

Dharr kam es so vor, als glitzerten Tränen in ihren Augen, und sie tat ihm plötzlich Leid. Um sie zu trösten, nahm er ihre Hand, obwohl er mit Rainas Protest rechnete. Aber sie ließ ihn gewähren. "Du bist sein einziges Kind. Du solltest ihm während seiner Genesung zur Seite stehen."

Ihre Miene hellte sich auf. "Dann wird er also wieder gesund? Gott sei Dank!"

"Die Ärzte sind sich zwar nicht einig, wie schlimm es um ihn steht, aber er schwebt nicht in Lebensgefahr. Seit er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, geht es ihm schon ein bisschen besser."

Raina zog ihre Hand weg. "Er ist nicht im Krankenhaus?"

"Er wurde eingeliefert, nachdem er diese Schmerzen in der Brust hatte. Eigentlich wollten sie ihn noch nicht gehen lassen, aber er bestand darauf."

"Ja, er kann ausgesprochen stur sein, mein Papa."

Die Tochter kommt ganz nach dem Vater, dachte Dharr. "Es wäre wirklich gut, wenn du mitkämst und darauf achten könntest, dass er sich eine Weile schont."

"Ich werde ihn nicht ans Bett ketten können, wenn er selbst nicht vernünftig ist", erwiderte sie skeptisch.

"Ich bin ziemlich sicher, dass du ihn eher überreden kannst als sonst jemand."

Raina starrte auf die gegenüberliegende Wand. "Bis zu den Sommerferien sind es noch über vier Wochen. Ich muss jemanden finden, der meinen Unterricht übernimmt."

"Meinst du, du schaffst das?"

"Ich denke schon." Sie war in Gedanken bereits dabei, alles zu organisieren. "Packen muss ich natürlich auch noch. Mama sollte ich auch Bescheid geben, damit sie weiß, wo ich bin. Aber das mache ich lieber von Azzril aus. Sonst versucht sie vielleicht, mich zu überreden, nicht zu fliegen."

Dharr strahlte über das ganze Gesicht. "Du kommst also mit?"

"Was bleibt mir anderes übrig?" rief Raina. "Wenn Papa mich braucht, muss ich für ihn da sein."

Er war angenehm überrascht, weil sie so leicht zu überzeugen gewesen war, und sehr erleichtert. "Wir können gleich morgen früh fliegen. Meine Privatmaschine ist jederzeit startklar für den Rückflug."

"Ich würde lieber gleich heute Abend aufbrechen."

Wieder erstaunte Raina ihn. "Meinst du nicht, dass es besser wäre, die Reise ausgeschlafen anzutreten?"

"Ach, es ist doch so ein furchtbar langer Flug, zwanzig Stunden. Ich kann im Flugzeug schlafen, denke ich."

"Natürlich geht das."

Sie nickte lächelnd und rutschte vom Hocker. "Ich werde die Schulleiterin anrufen und dann duschen und mich umziehen. Wenn du was trinken möchtest, schau in den Kühlschrank und bedien dich."

Dharr hätte ihr fast gestanden, wie gern er mit ihr duschen würde, aber er riss sich zusammen und nickte nur. Über Handy unterrichtete er seine Crew darüber, dass er noch am gleichen Abend zurückfliegen wollte, dann sah er sich in Rainas Wohnung um.

Ein unvollendetes Gemälde auf einer Staffelei weckte sein besonderes Interesse. Es zeigte eine spärlich bekleidete Frau mit langen braunen Haaren am Strand, die aufs Meer sah. An ihrer Seite stand ein Mann, der den linken Arm um sie gelegt hatte, während seine rechte Hand auf ihrem Oberschenkel ruhte. Dharr kam es so vor, als ob der Mann mit dieser Geste einen Besitzanspruch geltend machen wollte. Es war Rainas Liebhaber, vermutete er, und zu seinem Erstaunen war er eifersüchtig auf diesen Mann. Aber das würde er für sich behalten. Raina konnte tun und lassen, was sie wollte. Sie war niemandem Rechenschaft schuldig über ihr Liebesleben.

Dharr hatte zwar nicht vor, Raina Kahlil zu heiraten, dennoch stellte er sich vor, wie es wäre, mit ihr zu schlafen. Er fand sie ungemein sexy, und seine Fantasie kannte keine Tabus.

Aber es musste bei der Fantasie bleiben. Ihm war klar, dass ihm eine harte Bewährungsprobe bevorstand, wenn er zwanzig Stunden allein mit der bezaubernden Raina in seinem Jet verbringen würde.

 

Das Flugzeug wirkte wie ein riesiger Vogel aus glänzendem Metall. Raina hatte sich Dharrs Privatjet nicht mit solchen Ausmaßen vorgestellt. Aber eigentlich hätte es sie nicht überraschen sollen, wurde ihr klar. Dharr gab sich niemals mit dem Zweitbesten zufrieden.

Sie selbst hasste das Fliegen. Seit sie in jener Nacht mit ihrer Mutter von Azzril nach Amerika geflogen war, hatte sie nie wieder ein Flugzeug bestiegen. Wenn es nicht um ihren geliebten Vater gegangen wäre, wäre sie auch heute am Boden geblieben.

Sie atmete tief durch und stieg die Gangway hinauf. An Bord wurden sie von einem Steward in Kellnerlivree begrüßt. "Willkommen an Bord, Miss Kahlil. Ich stehe während des Flugs jederzeit zu Ihrer Verfügung."

"Danke", murmelte sie nur.

Dharr nickte dem Steward zu. "Wir lassen Sie wissen, wann wir das Dinner einnehmen möchten."

Raina spürte, dass Dharr ihr dicht folgte, und das machte sie noch nervöser. Er hatte sie schon immer nervös gemacht, selbst als sie noch ein kleines Mädchen war. Er war eine sehr beeindruckende Erscheinung, groß und schlank, mit edlen Gesichtszügen und diesen geheimnisvollen dunklen Augen. Besonders die Frauen lagen ihm zu Füßen.

Als sie alt genug gewesen war, um zu verstehen, dass sie als seine Braut auserwählt worden war, hatte er sie noch mehr in seinen Bann gezogen. Allein sein charmantes Lächeln fand sie unwiderstehlich. Sie war jedoch viel zu stolz, um sich das anmerken zu lassen. Auf keinen Fall würde sie sich in ihn verlieben, hatte sie beschlossen. Dafür waren sie viel zu verschieden.

Stets hatte sie das Beispiel ihrer Eltern vor Augen. Sie waren ebenfalls zu unterschiedlich, um eine harmonische Ehe führen zu können. Raina hatte immer sehr darunter gelitten, dass sie so oft stritten. Sie liebte beide abgöttisch, konnte jedoch nicht verhindern, dass sie als einziges Kind zwischen die Fronten geraten war. Beide versuchten, sie auf ihre Seite zu ziehen und ihr ihren Willen aufzuzwingen.

Nur langsam war es ihr gelungen, sich davon frei zu machen. Jetzt tat sie nur noch das, was sie selbst für richtig hielt.

Ihr war jedoch bewusst, dass ihr Vater nach wie vor darauf beharrte, dass sie eines Tages Dharr ibn Halim heiratete, so wie es die Tradition vorsah. Doch sie hatte nicht das geringste Interesse an Dharr als ihren zukünftigen Ehemann.

An diesem Abend an Bord seines Privatjets musste sie sich allerdings eingestehen, dass sie ihn sehr attraktiv und sexy fand. Der Gedanke an einen heißen Flirt mit ihm war verlockend.

Im mittleren Teil der Maschine gab es eine größere Kabine mit je vier Sitzen auf beiden Seiten und zwei große Fernseher. Als Raina eintrat, grüßten sie zwei Männer in dunklen Anzügen. Leibwächter, nahm sie an. Dharr teilte den beiden auf Arabisch mit, dass er und Raina nicht gestört werden wollten, und sofort läuteten bei Raina die Alarmglocken. Sie würde viele Stunden ganz allein mit dem charmanten Dharr sein, den sie auf einmal so sexy fand.

Noch ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, tippte er ihr auf die Schulter. "Lass mich mal vorgehen, ich zeige dir den Weg."

Während Raina ihm folgte, konnte sie Dharr in aller Ruhe betrachten. Sein maßgeschneidertes Hemd ließ einen muskulösen Oberkörper erahnen. Die schwarze Hose saß perfekt und betonte seine schlanken Hüften. Dharr bewegte sich mit einer gewissen königlichen Arroganz, als erwartete er, dass sich jeder vor ihm verneigte. Kein Wunder, dachte Raina, in Azzril ist er der zukünftige Herrscher.

Als sie an eine Wendeltreppe kamen, stieg Dharr rasch die Stufen hinauf. Raina folgte ihm stumm, wobei sie ihn immer noch musterte.

Oben angekommen, öffnete er eine Tür. Das erste, was Raina sah, war ein breites französisches Bett mit einer Tagesdecke aus schwerer champagnerfarbener Seide.

"Das ist ja ein Schlafzimmer." Mehr brachte sie nicht über die Lippen.

Dharr lächelte verhalten, wobei seine perfekten weißen Zähne kurz zu sehen waren. "Ja, es gibt hier ein Bett, dazu Schränke und eine Sitzecke. Diese Großraumkabine dient mir auch als Büro. Wir werden hier auf jeden Fall ungestört sein."

Das ist ja gerade das Problem, ging es Raina durch den Kopf.

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