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Aus meinen und aus deinen Augen

Aus meinen und
aus deinen Augen

Frauen haben es nicht leicht.
Männer aber auch nicht.

Von Bella Karlson

Vorwort

Für jedes Verhalten gibt es einen guten Grund. Jedenfalls aus Sicht der handelnden Person. Dieser muss nicht unbedingt bewusst sein, zeigt sich jedoch unter Umständen immer wieder in verschiedenen Lebenssituationen und Facetten. Das wäre eigentlich kein Problem, denn schließlich hat jeder das Recht darauf, so zu leben und ein solches Verhalten an den Tag zu legen, wie er oder sie es für richtig hält. Die Realität zeigt jedoch, dass die Interaktion mit anderen Menschen leider immer wieder Probleme mit sich bringt und nicht selten mit Enttäuschungen, Verletzungen und Verwirrungen einhergeht, denn den meisten Menschen fällt es schwer, mit dem Verhalten anderer adäquat umzugehen. Vielleicht, weil sie deren Beweggründe nicht kennen, Erwartungen hegen, oder eigene Ziele verfolgen, die mit denen der anderen Person nicht vereinbar sind.

Das Buch zeigt die Lebensgeschichten und damit auch die Beweggründe und Gedanken verschiedener Personen auf. Diese sind manchmal komisch, zuweilen aber auch traurig, oder regen zum Nachdenken an. Tauchen Sie ein in die Geschichten von drei Frauen und drei Männern, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, in Wahrheit jedoch ein einziges Ziel verfolgen: Den für sie richtigen Weg zu finden und glücklich zu werden.

Wie dieser Weg wahrgenommen wird, welche Gefühle, Gedanken und Wünsche dabei entstehen, oder eine Rolle spielen, hängt nicht zuletzt davon ab, aus welchen Augen man diesen betrachtet. Das Buch betrachtet Lebenswege aus verschiedenen Perspektiven. Es kann die Augen öffnen. Wofür, muss jeder selbst entscheiden.

 

Zur Person

Die Autorin Bella Karlson, Jahrgang 1977, wurde in einer deutschen Kleinstadt geboren und wuchs unter anderem Namen auf dem Land mit zwei Schwestern auf. Der Wunsch, Biologie zu studieren, keimte bereits als Kind in ihr auf. Diesen erfüllte sie sich nach dem Abitur ebenso wie den immerwährenden Drang, die Welt zu sehen und dabei die Menschen und ihre mannigfaltigen Verhaltensweisen zu beobachten. Die Idee, ihre dabei gewonnenen Eindrücke in einem Buch festzuhalten, kam ihr eher spontan.

1.Kapitel: Merle

Die Stufen der Holztreppe knarrten laut unter Merles Füßen als sie gut gelaunt, manchmal sogar leicht hüpfend, die Treppe in dem dunklen und etwas muffig riechenden Hausflur hinab lief. Abends achtete sie immer darauf, die Stufen nur am äußeren Rand zu betreten, weil diese dann weniger laute Geräusche verursachten und die anderen Hausbewohner somit nicht in ihrer Nachtruhe gestört wurden. Tagsüber waren ihr das Knarren und Ächzen dagegen egal. Sie fand es sogar schön, weil es sie daran erinnerte, dass sie in einem Haus lebte, das eine lange Geschichte hinter sich hatte. Die Stufen waren vor allem in der Mitte stark ausgetreten, ein Zeichen dafür, dass sie schon lange ihren Dienst taten.

Viele Menschen waren in all den Jahren in dem Mehrfamilienhaus zu Hause gewesen, das aus dem letzten Jahrhundert stammte. Sie hatten dort ihr Leben gelebt, Erfahrungen gemacht und ihre Spuren hinterlassen. Sie waren immer wieder ein- und ausgezogen und hatten somit dafür gesorgt, dass das Leben in dem Haus niemals zum Stillstand kam.

Der Gedanke gefiel Merle ebenso wie die Tatsache, dass auch sie mittlerweile Teil der Geschichte war, welche das Haus geschrieben hatte. Das Geräusch der Treppe gehörte ebenso wie der Geruch des Treppenhauses einfach dazu. Dieser hatte sich im Laufe der Zeit entwickelt und war zu einer Art Erkennungsmerkmal geworden.

Merle fühlte sich immer gleich zu Hause, wenn sie ihn wahrnahm, obwohl er für manche Menschen vielleicht unangenehm war. Sie lächelte innerlich, als sie an der Haustür ankam.

Merle öffnete die Tür und machte sich auf den Weg. Es war ein sonniger und freundlicher Tag im April.

Sie hatte sich aus ihrem gemütlichen zu Hause aufgemacht, um ein paar Lebensmittel für das Wochenende einzukaufen, und lief nun die Allee hinab, die sie auf direktem Weg in das Zentrum ihrer Heimatstadt führen würde.

Die Bäume standen immer noch im winterlichen Kleid, nackt und reglos, allerdings schon in Erwartungshaltung, was das nahende Frühjahr ihnen bringen würde. Sie warteten nur auf den Startschuss, der ihre Energie aus dem Stamm in die Äste schießen ließ. Auf das Signal, das die Sonne mit ihrem Licht jedes Jahr gab und damit den ewigen Kreislauf des Lebens wieder in Schwung brachte.

Den Kreislauf des Rückzugs und Erneuerns, des Sterbens und Lebens, des Abgebens und Erschaffens. Auch wenn es von außen betrachtet manchmal wie eine Art Verschwendung anmutete, was die Pflanzen in jedem Herbst vollführten, so hatte das regelmäßige Abwerfen des Laubes doch seinen Sinn. Es ermöglichte dem Baum, seine Energie für das kommende Frühjahr aufzusparen, zu konservieren und sich damit das Überleben im nächsten Jahr zu sichern.

So war es seit Millionen Jahren und das Prinzip wiederholte sich immer wieder. Eine der Erfolgsstrategien, welche die Natur geschrieben und die sich durchgesetzt hatten im harten Überlebenskampf. An diesem jährlich wiederkehrenden Zyklus gab es nichts zu rütteln. Warum sollte man auch etwas verändern, das sich bewährt hatte?

Wie wäre es wohl, wenn sich auch die Menschen jeden Herbst zurückziehen und nach ein paar Monaten der Ruhe von vorne anfangen, die Uhren quasi zurückstellen könnten? Jedes Jahr die Chance auf einen Neuanfang mit veränderter Lebensweise und neuen Gestaltungselementen. Wäre das erstrebenswert?

Merle verweilte kurz bei dem Gedanken und schlenderte dabei weiter die Allee hinunter. Unter einer großen Platane blieb sie kurz stehen und lauschte. Einige der Knospen platzen gerade auf und verursachten ein leises, aber deutlich hörbares Knacken und Knistern. Es hörte sich fast wie ein Flüstern an, fand sie. Was würde der Baum ihr wohl zuflüstern, wenn sie ihn verstand? Würde er ihr sagen, wie sehr er sich auf den Frühling und den Neubeginn freute? Auf die neuen Chancen, die ihm der Frühling und das neue Jahr bot. Oder wären es eher Klagen, die er von sich gab?

Schließlich war es eine ziemliche Kraftanstrengung, jedes Jahr tonnenschwere Blätter, Blüten und Früchte zu produzieren, nur um sie nach ein paar Monaten der Fülle wieder loszuwerden und in den ewigen Kreislauf des Ökosystems zu entlassen. Da hatten es die Bäume in den tropischen Gebieten doch besser, denn aufgrund fehlender Jahreszeiten entfielen diese beschwerlichen Schritte für sie, dachte Merle. Jedenfalls teilweise. Vielleicht war es aber auch angenehm, die Last der Vergangenheit einmal loszulassen und die Leichtigkeit des Neuen zu genießen. Für die Bäume, aber auch für die Menschen.

Schließlich sorgte der Ballast, den man aus der Vergangenheit mit sich schleppte, meistens nur für Probleme und hinderte daran, das Neue positiv und unvoreingenommen anzugehen. So gesehen konnte auch der Mensch durchaus von den Pflanzen lernen. Merle hielt erneut inne als sie einen Vogel erblickte, der mit Zweigen beladen auf einem der Äste umher hüpfte und sich alsbald davon machte. Freute er sich auf den Frühling und die Tätigkeiten, die für ihn damit verbunden waren? Hatte er etwa Freude am Nestbau, der Werbung um ein Weibchen, den Kämpfen mit Rivalen, oder der Verteidigung seines Reviers?

Das alles gehörte für den Vogel natürlich jedes Jahr zu seinem Leben dazu, er machte sich keine Gedanken darüber. Aber würde er daran wohl gerne etwas ändern, wenn er es denn könnte?

Schließlich waren diese Tätigkeiten doch alle sehr beschwerlich und zuweilen sogar gefährlich. Neben den klimatischen Bedingungen führten vor allem die Kämpfe mit den Artgenossen sowie eine ungünstige Auswahl des Nistplatzes immer wieder zu Verlusten innerhalb einer Tierart. Andererseits sorgten die Nachkommen aber auch dafür, dass eine Art weiterhin Bestand hatte und das Wissen zahlreicher Vogelgenerationen weitergegeben wurde.

Das rechtfertigte wohl die Mühe. Schließlich hatte sich das alles in Jahrmillionen entwickelt und so sollte es auch bleiben. Würde der Vogel an diesen uralten Gesetzen tatsächlich etwas ändern wollen, wenn er könnte? Und wenn ja, was würde er wohl gerne anders machen?

Während sie ihren Gedanken nachhing, schlenderte Merle weiter. Der Mensch war doch ein seltsames Lebewesen, dachte sie. Anders als Pflanzen und Tiere hatte er sich in Jahrmillionen aus dem Kreislauf der jahreszeitlichen Entwicklung gelöst und bewegte sich stattdessen in eigenen Bahnen. Er unterlag durch sein fortschrittliches Leben schon lange nicht mehr dem regelmäßigen Rhythmus der Natur mit ihren manchmal harten Bedingungen und kreierte stattdessen seine eigenen Regeln. Wenigstens dachte er das. Aber brachte ihn das auch weiter? Machte ihn dieses Verhalten glücklicher, oder erfolgreicher in seinem Tun als den Baum und den Vogel?

Ihre Erfahrungen aus der Vergangenheit hatten Merle daran zweifeln lassen. Immer wieder.

Wahrscheinlich wollten deshalb weder der Baum noch der Vogel an den Gesetzmäßigkeiten etwas ändern, weil sie wussten, dass sie richtig und sinnvoll waren. Ihr Instinkt sagte ihnen das. Die Natur gab den Lebewesen bestimmte Regeln vor.

An diese musste sich jeder halten, wenn er überleben und erfolgreich sein wollte. Das war schon immer so und würde auch in Zukunft so sein, denn über Naturgesetze konnte sich niemand erheben. Sie waren eine Konstante, die schon Millionen von Jahren überdauert hatte, auch ohne das Zutun des Menschen. Das war doch irgendwie eine beruhigende Tatsache, dachte Merle.

Als Merle den Supermarkt betrat, herrschte dort reges Treiben. Offensichtlich hatten viele die gleiche Idee wie sie gehabt und kümmerten sich vor dem Wochenende noch um ihr leibliches Wohlergehen.

Einkaufen, für sich sorgen, wahlweise auch für andere und leckere Mahlzeiten zubereiten, die nicht nur den Hunger stillten, sondern auch noch gut schmeckten, das war etwas Elementares. In der Wahl der Nahrungsmittel unterschieden sich die Menschen mittlerweile allerdings deutlich von vielen anderen Lebewesen dieser Welt. Gerade in den letzten Jahren hatten sich verschiedenste Ernährungsweisen herausgebildet, die meistens auch einiges über den Menschen dahinter aussagten.

Während Ernährung für eine Gruppe von Personen immer noch lediglich die Aufnahme von Nahrungsmitteln bedeutete, machten andere eine Art Wissenschaft oder sogar Ersatzreligion daraus, über die sie sich gerne definierten und von anderen abzuheben versuchten. Dementsprechend maßen sie der regelmäßigen Energiezufuhr ihres Körpers auch eine große Aufmerksamkeit zu und waren gewillt, auch andere an ihrer Philosophie teilhaben zu lassen.

Einige sahen sich sogar in der Pflicht, ihre Mitmenschen von ihrer Art der Ernährung zu überzeugen und damit auf den für sie richtigen Weg zu bringen. Fleisch oder Fisch, vegetarische oder sogar vegane Kost?

Diese und viele andere Entscheidungen das Essen betreffend stellten mittlerweile Klassifizierungsmöglichkeiten dar, um den Einzelnen innerhalb der Gesellschaft einer bestimmten Gruppe oder Schicht zuzuordnen. Auch eine Art der Selektion, dachte Merle. Das wäre sicher spannend zu erforschen, wie sich die Ernährung auf die allgemeine Entwicklung der Menschheit in den nächsten Jahrhunderten auswirken und welche Unterarten, sozialen Strukturen und Verhaltensweisen sie hervorbringen würde.

Vielleicht entwickelten sich auf diese Weise im Laufe der Zeit sogar neue Arten, mit spezifischen Charaktereigenschaften und äußeren Merkmalen.

Die ureigenste Kraft der Natur sorgte schließlich dafür, dass sich immer wieder neue Kreaturen mit anderen Überlebensstrategien entwickelten und im Ökosystem etablierten. Davon könnte doch auch der Mensch profitieren, denn auch er hatte sich schließlich im Laufe der Evolution zu dem entwickelt, was er war. Warum sollte diese Entwicklung bereits abgeschlossen sein?

Schließlich war das Streben nach Neuem etwas, das den Menschen antrieb und weiterbrachte. Beruhigend, dachte Merle, dass in dieser hektischen Welt, in der man sich scheinbar nur noch an einigen wenigen Regelungen orientieren konnte, doch noch eine Konstante existierte, die Orientierung und Stabilität verhieß. Die ureigenste Kraft der Evolution und natürlichen Selektion funktionierte selbst beim zivilisierten Menschen. Vielleicht spielten dabei auch die Ernährungsgewohnheiten eine entscheidende Rolle.

Merle hielt dies aufgrund ihrer Erfahrungen durchaus für möglich, konnte sich aber ebenso vorstellen, dass andere Faktoren eine deutlich größere Rolle spielten.

Das Leben ging weiter. Es war stark genug, um sich primär weder an Ernährungsweisen, noch an modernen Formen gesellschaftlichen Lebens zu orientieren. Es ging lediglich um Entwicklung und um das fortwährende Existieren des Stärkeren. Das war durchaus beruhigend.

Welchen Anspruch die Menschen an ihr Essen hatten, das sie täglich konsumierten, das sah man schon daran, was in den Einkaufskörben der jeweiligen Person lag bzw. mit welchem Gefäß sie durch die Gänge des Kaufhauses liefen und in welcher Weise sie die Lebensmittel einzupacken pflegten. Das war Merle schon häufiger beim Einkaufen aufgefallen. Da gab es zum Beispiel den praktischen Typ, der seinen Einkaufswagen zielsicher durch die Gänge navigierte, den Einkaufszettel stets in der Hand, oder wenigstens griffbereit, und der sich von seiner Überzeugung, aber auch von seiner Zielsetzung nicht abbringen ließ. Beeindruckend, dachte Merle. Solche Leute kauften sicherlich niemals etwas, das sie nicht brauchten und waren wohl auch sonst in ihrem Leben immer organisiert und konnten alles genauestens planen.

Das schaffte sicher wenig Raum für Konflikte, aber auch wenig Raum für Neues und Spontaneität. Ob das für sie selbst wohl auch eine angenehme Art wäre zu leben? Wohl eher nicht.

Sonst würde sie ja so leben und das schon seit Langem. Denn irgendwie suchte man sich das Leben, das man leben wollte, doch selbst aus, dachte Merle. Dann passte es zu einem. Jedenfalls für eine bestimmte Zeit und Phase.

Merle bog in den Nachbargang ein. Der Gang mit den Nudeln, die sie so liebte und die sie leider schon mehrmals bei den letzten Einkäufen vergessen hatte. Dort erblickte sie den zweiten Typ, den man beim Einkaufen beobachten konnte: den spontanen Gefühlstyp. Anders als der praktische Typ hatte dieser niemals einen Einkaufszettel dabei, sondern ließ sich von seiner Intuition und davon leiten, auf was er gerade Lust hatte oder dringend zu seiner Bedürfnisbefriedigung benötigte und das kaufte er dann auch.

Äußerlich war der spontane Gefühlstyp eher leger gekleidet, oft jedoch gutaussehend und mit einem freundlichen Gesichtsausdruck. Auch auf den Einkäufer im Nudelgang traf dies zu. Neben seiner Optik zeichnete den spontanen Typ auch die Tatsache aus, dass er eigentlich nie auf den Einkauf vorbereitet schien und deshalb alle Produkte, die er kaufen wollte, entweder in den Händen hielt, oder auf den Armen balancierte.

Manchmal konnte man auch beobachten, dass der spontane Typ die Waren in einer Pappschachtel stapelte, die er aus irgendeinem Regal gezogen hatte. Zu dieser Art zu leben gehörte neben einer großen Portion Kreativität und Spontaneität auch Selbstsicherheit und Lebensfreude. Sonst würde es wohl nicht gelingen, so beschwingt durch die Gänge zu laufen, sich die Welt mit ihren Möglichkeiten zu betrachten und trotzdem das Lebenswichtige bei sich zu behalten. Bewundernswert, diese Spontaneität und Leichtigkeit, dachte Merle. Davon besäße sie eigentlich gerne mehr, oder wenigstens in manchen Momenten. Das hätte ihr in der Vergangenheit auch sicher viel Ärger erspart.

Gerade in Sachen Partnerwahl wäre ihr diese Eigenschaft sicherlich zu Gute gekommen. Und Selbstbewusstsein, das wäre auch hilfreich gewesen. Als sie vor dem Nudelregal stand und ihren Gedanken so nachhing, erinnerte sich Merle an eine Szene aus ihrer Schulzeit. Sie war immer ein sehr ängstliches und angepasstes Kind gewesen. Aus gutem Hause, mit konservativen Eltern, die ihr Vorbild, aber auch mahnende Moralstifter gewesen waren.

Anstand und Gehorsam waren ihr anerzogen worden, weil ein Mädchen nun mal so zu sein hatte und damit war sie ja auch immer gut zurechtgekommen, hatte wenig Probleme gehabt. Schulisch jedenfalls. Auf der anderen Seite war dies aber auch der Grund dafür gewesen, dass sie für andere ein gefundenes Fressen war. Ihre Unsicherheit, das fehlende Selbstbewusstsein und der moralisch erhobene Zeigefinger der Eltern in ihrem Hinterkopf hatten dazu geführt, dass sie im Laufe der Zeit immer öfter ausgenutzt wurde und andere sie zu ihren Zwecken missbrauchten. Besonders mit Jungs in ihrem Alter hatte sie schon in der Grundschule schlechte Erfahrungen gemacht.

Da sie ein kluges Mädchen war, das schon damals ein Gespür für ihr soziales Umfeld und die darin vorherrschenden Strukturen hatte, konnte sie schnell einordnen, dass sie von den Jungs profitierte, wenn sie das tat, was diese wollten.

Das Spektrum der Gefälligkeiten reichte dabei von kleinen, unauffälligen Hilfestellungen bei Klassenarbeiten, über mit Wurst belegten Pausenbrötchen oder Schokoriegeln, bis hin zu lebenswichtigen Aussagen bei der Klassenlehrerin, wenn es darum ging, den Jungs ein Alibi zu verschaffen und zu beteuern, dass sie nicht in der Toilette geraucht hatten.

Als Gegenleistung konnte sich Merle sicher sein, dass sie vor den älteren Jungs beschützt würde. Jedenfalls glaubte sie das. Sie wollte es glauben, weil das die Abmachung war und man sich im Leben nun mal an die Regeln halten musste. So wurde sie erzogen. Das war ihre innerste Überzeugung.

Außerdem gab ihr dieser Gedanke Sicherheit. Und Sicherheit war ein Gefühl, das sie gerne empfinden wollte. Eben dieser Sicherheit wurde sie jedoch leider immer wieder beraubt, ob sie wollte oder nicht. Weder ihre Erziehung noch die moralische Gesinnung konnte daran etwas ändern.

Merle erinnerte sich an eine für sie sehr bedrohliche Situation. Sie war damals in der Grundschule und wurde auf dem Nachhauseweg massiv von einem Schüler ihrer Schule bedroht. Markus war drei Jahre älter, viel stärker als sie und kam aus ärmlichen Verhältnissen. Er wollte damals Geld von ihr und bedrängte sie. An das ungute Gefühl erinnerte sich Merle nun wieder ganz deutlich. Gedankenverloren biss sie sich auf die Unterlippe. Die Situation damals war sehr beängstigend für sie gewesen. An der Ecke der Schulstraße war eine kleine Buswartehalle.

Merle ging auf ihrem Schulweg jeden Tag zweimal hier vorbei. An diesem Tag war Merle jedoch gerade darin vertieft, den Wegrand nach interessanten Lebewesen abzusuchen. Das machte sie häufig, um sich die Zeit auf dem Heimweg zu vertreiben. Außerdem interessierte sie sich sehr für die Lebewesen um sie herum und beobachtete sie gerne. Das machte sie allerdings nur, wenn sie nicht zusammen mit ihren Schulkameraden nach Hause ging. Diese fanden das Betrachten von Käfern und besonderen Pflanzen am Wegrand nämlich albern und mädchenhaft und Merle wollte doch nicht langweilig oder kindisch auf die Jungs wirken.

An diesem Tag ging sie allein nach Hause und war schon mehrmals stehen geblieben. Zunächst, weil sie einen sehr schön schillernden Käfer beobachtet hatte, der gerade einen Grashalm hochkrabbelte. In der Sonne glänzten seine Flügel wie flüssiges Gold.

Einen solchen Käfer hatte Merle schon öfter auf dem Weg gesehen. Zu Hause hatte sie dann versucht den Käfer zu malen und deshalb verschiedene Farbe in ihrem Farbkasten gemischt.

Das war nicht einfach und genau dieselbe Farbe schaffte Merle auch nicht, aber wenn man die Goldfarbe mit etwas Gelb und zwei verschiedenen Grüntönen mischte, kam das Ergebnis der Originalfarbe des Käfers relativ nahe. Ein paar Meter weiter war Merle erneut stehen geblieben, weil sie eine Raupe beobachtete, wie sie ihren beschwerlichen Weg entlang des Straßenrandes bewältigte.

Merle fand diese Tiere, oder besser gesagt, das Entwicklungsstadium des Tieres, beeindruckend. Sie liebte es, den Raupen bei ihrer rhythmischen und perfekten Bewegung der Beine zuzusehen. Das erforderte ein großes Maß an Koordination. Auch wenn es recht langsam ging, so krabbelten diese Tiere doch mit einer einzigartigen Anmut und Gleichmäßigkeit.

Das gefiel Merle. Die Haare an ihrem Körper erinnerten an das Fell eines Hundes oder einer Katze, was die Raupe zusätzlich sympathisch machte. Merle wusste, dass man die Haare nicht anfassen durfte, weil sie allergische Reaktionen auslösen konnten. Das hatte sie immer bedacht, die Tiere aber schon häufig beobachtet und dabei ihre Bewegungen eingehend studiert. So auch an diesem Tag.

Später, als sie weiter ging, dachte Merle über eines ihrer Lieblingsbücher nach, dass sie und ihre Freunde im Kindergarten immer vorgelesen bekamen.

Dabei ging es um eine kleine Raupe, die immer mehr fraß, bis sie sich schließlich verpuppte und daraus ein wunderschöner Schmetterling wurde. Das war ein schönes Buch. Merle kannte es fast auswendig, so oft hatte sie es gehört.

„Hast du Geld dabei?“ Eine Stimme durchbrach Merles Gedanken. Als sie aufblickte, erkannte sie Markus.

Obwohl er drei Jahre älter war als sie, besuchte Markus nur die nächsthöhere Klasse, weil er im Unterricht nicht richtig mitkam und deshalb schon mehrmals ganze Schuljahre wiederholen musste. Merle schaute ihn ein wenig erschrocken und erstaunt an. „Hast du Geld dabei?“, wiederholte Markus. Er kam auf sie zu und hielt sie sofort am Arm fest. Dann sagte er noch mal: „Hast du Geld dabei?“

Dabei schüttelte er sie leicht. Merle traute nicht, ihn anzusehen. Auch wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Noch nicht einmal bewegen konnte sie sich nach dem Schreck. Durch den festen Griff an ihrem Arm merkte Merle aber sofort, dass Markus es ernst meinte. Außerdem nahm sie sofort den für Markus so typischen Geruch wahr als er so dicht neben ihr stand.

Es war eine Mischung aus Essensgerüchen, nassem Hundefell und ungewaschener Kleidung. Frau Becker aus der Nachbarschaft hatte erzählt, dass Markus´ Mutter nicht regelmäßig putzte und es auch sonst an der nötigen Sorgfalt und Ordnung im Haushalt fehlen ließe. Deshalb würden er und seine Geschwister auch immer so verwahrlost aussehen und so unangenehm riechen, meinte sie.

„Eine Frau ist nun mal für Ordnung und Sauberkeit im Haushalt zuständig“, sagte Frau Becker „und wenn sie nicht dafür sorgt, herrschen zu Hause solche Zustände. Aber das ist ja kein Wunder.

Ihr Haus ist so verwahrlost und ungeordnet wie ihr ganzes Leben.“

Merle kannte den Geruch, weil sie schon häufig nah neben Markus sitzen oder stehen musste. Sie mochte diesen Geruch nicht, empfand ihn aber auch nicht wirklich als unangenehm.

In diesem Moment kam er ihr jedoch wie ein beißender Gestank vor. Es war, als würde sie durch Markus´ Gerüche ohnmächtig, so bedrohlich wirkten sie in dieser Situation. „Gib mir dein Taschengeld“, zischte Markus, nun ziemlich unfreundlich und harsch. „Du hast bestimmt wieder viel dabei.“ Merle blieb fast die Luft weg.

Allerdings war nicht Markus´ Geruch der Grund dafür, sondern der Schreck, der sie aufgrund von Markus´ Auftreten durchfahren hatte.

Sie fühlte den Griff seiner Hand an ihrem Oberarm. Er war nicht sehr fest und tat nicht weh, aber auf Merle wirkte er wie ein Schraubstock, aus dem sie sich niemals hätte befreien können, selbst wenn sie alle ihre Kraft aufgewandt hätte. Merle verharrte in einer Art Schockstarre und hoffte, dass Markus bald von ihr ablassen würde. Sie traute sich kaum zu atmen und starrte auf den Boden um ihn nicht direkt ansehen zu müssen. „Na los!“, fauchte Markus und zog sie dabei in die kleine Buswartehalle. Vielleicht tat er dies, um nicht bei seinem Tun beobachtet zu werden, oder wenigstens, um neugierigen Blicken vorzubeugen. Er zog Merle noch enger an sich heran. Der Geruch wurde für Merle unerträglich.

Nach einer gefühlten Ewigkeit fasste sie sich ein Herz und brachte stotternd hervor: „Tut mir leid, ich habe mein ganzes Geld ausgegeben.“ Markus schaute sie verdutzt an. Auch Merle hatte es mittlerweile gewagt, ihn kurz anzusehen, blickte aber gleich danach wieder unsicher zur Seite.

In ihren Augenwinkeln konnte Merle trotz ihrer abgewandten Kopfhaltung das Wesentliche der Szenerie noch erkennen. Für einige Sekunden veränderte sich nichts an Markus´ Position und er sagte auch nichts.

Merle bekam Angst, weil sie dachte, er würde sie nun noch fester anfassen, oder sogar schlagen, weil sie das gesagt hatte, aber das geschah nicht. Stattdessen fasste Markus sie an beiden Schultern an und drehte sie zu sich. Er grinste hämisch. Es war ein Grinsen, das Überlegenheit ausstrahlte und es ließ Merle einen Schauder über den Rücken laufen.

„Macht doch nichts. Dann gibst du mir halt nächstes Mal was. Ich kann warten.“ Mit diesen Worten ließ er sie los. Markus starrte Merle durchdringend und fordernd an, während er ergänzte: „Das sagst du niemandem. Ansonsten passiert was. Ich kann warten. Irgendwann hast du bestimmt was dabei.“ Dann ging er und ließ ein verschrecktes kleines Mädchen in dem Wartehäuschen zurück.

Dass Markus damals kein Geld von Merle bekam, lag nur daran, dass sie keines dabei hatte, weil sie an dem Tag alles am Schulkiosk für Schokoriegel und Milch ausgegeben hatte. Der Schaden war also gering. Der Äußerliche jedenfalls.

Innerlich hatte diese Situation sie allerdings nur noch ängstlicher und unsicherer gemacht. Markus war also doch erfolgreich mit seinem Vorgehen gewesen. Er hatte sie eingeschüchtert und damit schwach und angreifbar gemacht.

Vielleicht war dies auch der Grund dafür, dass sie im Laufe ihres Lebens so wenig Leichtigkeit und Spontaneität entwickeln konnte? Merle hielt kurz inne. Mit starrem Blick betrachtete sie den Fußboden des Supermarktes.

An manchen Stellen hatten die Fliesen kleine Risse und an einigen fehlten auch die Ecken. Das nahm Merle in diesem Moment wahr, wenn es auch nichts mit der Situation damals zu tun hatte und leider auch nichts mehr am Geschehenen ändern konnte. Markus´ Worte hatten sich an diesem Tag in Merles Gedächtnis eingebrannt und sie tatsächlich dazu gebracht, mit niemandem über das Geschehene zu sprechen. Bis heute.

Zu groß war damals ihre Angst vor den Konsequenzen, die sich daraus ergeben konnten. Und später hatte sie die Situation verdrängt, oder als unwichtige Lappalie abgetan. Rückblickend betrachtet war das jedoch keine gute Strategie gewesen. Markus hatte in der Situation trotz seines Misserfolges in Sachen Taschengeld wohl gemerkt, dass Merle unsicher und nicht willens war, sich zu wehren.

Deshalb hatte er in den nächsten Wochen noch zweimal versucht, Geld von Merle zu bekommen. Und einmal gab sie ihm aus Angst sogar ein paar Münzen, die sie in ihrer Tasche trug.

Das hatte ihn erst einmal befriedigt, allerdings in seinem Tun auch wieder bestätigt. Merle hatte die Münzen heimlich aus dem Geldbeutel ihrer Mutter genommen und in ihre Hosentasche gesteckt. Absichtlich, als Sicherheit, weil sie ja damit rechnete, von Markus wieder überrascht zu werden. Den Diebstahl der Münzen fand sie zwar nicht richtig, konnte ihn aber dennoch vor sich vertreten. Schließlich ließ ihr Peiniger Merle keine andere Wahl und ihrer Mutter wollte und konnte sie sich in der Situation nicht anvertrauen. Interessanterweise kamen Merle Markus´ Attacken bei jedem Mal weniger schlimm vor.

Es trat eine Art Gewöhnungseffekt ein. Merle hatte zwar Angst, konnte aber mit jedem Mal besser damit umgehen, weil sie wusste, was auf sie zukam. Das beruhigte sie und gab ihr in dem Moment etwas Sicherheit. Wenn sie sich schon ihrem Schicksal fügen musste, dann wollte sie wenigstens vorbereitet sein und sei es, dass diese Vorbereitung darin bestand, immer ein paar Münzen in der Hosentasche zu haben.

Letzten Endes hatte Merle aufgrund ihrer Unsicherheit und Unfähigkeit sich durchzusetzen ein paar Münzen an einen ein paar Jahre älteren Mitschüler verloren. Das war doch kein Problem.

Allerdings war dies rückblickend der kleinste Schaden, den Markus in Merles Leben angerichtet hatte.

In den Wochen nach Markus´ Angriffen war Merle noch ängstlicher als zuvor. Auch zog sie sich immer mehr in sich und ihre Welt zurück. Immer häufiger fand sie es sicherer, die Tiere zu beobachten, die sich ihr am Wegesrand zeigten, statt sich mit ihren Mitschülern und Freunden zu beschäftigen. Dadurch war sie weniger angreifbar und bot ihrer Außenwelt weniger Angriffspunkte. Außerdem musste sie das Erlebte zunächst verarbeiten und ihre Rückschlüsse daraus ziehen, ehe sie sich wieder ihren Freunden und anderen Menschen zuwenden konnte. Dabei kam ihr die eigene Persönlichkeit zugute. Merle war ein eher ruhiges Mädchen. Spielend konnte sie sich stundenlang allein beschäftigen.

Dabei träumte sie sich in Welten, die sich vor allem durch Sicherheit und hohe ethische Ansprüche der Menschen auszeichneten, die dort lebten und mit Merle in Kontakt traten.

Das gab ihr Kraft und Zuversicht. Nur leider entsprach diese Welt nicht der Realität und sorgte mit dafür, dass die realen Menschen in Merles Umfeld, sie verstärkt als ein etwas eigenbrötlerisches Mädchen wahrnahmen, das leicht zu verunsichern, und angreifbar war.

In vielerlei Hinsicht. In der Folge hatte Merle immer wieder mit den Anfeindungen einiger Jugendlicher zu kämpfen, die sich einen Spaß daraus machten, Merle zu verunglimpfen.

Das war leicht, denn sie wehrte sich ja nicht dagegen. Gerade in der Gruppe probierten sich die Jugendlichen nur zu gerne an Merle aus.

Sie war ein willkommenes und geeignetes Medium für andere, um sich stark und überlegen zu fühlen. Eine Erfahrung, die viele junge Menschen im Laufe ihrer Entwicklung brauchten. Sie ärgerten und verspotteten sie und machten dadurch für alle klar, wie wenig attraktiv Merle war, während sie sich selbst in ein deutlich besseres Licht rückten. Diese Entwicklung war mit Sicherheit nicht nur durch Merles Erfahrungen mit Markus in der Bushaltestelle ausgelöst worden, aber sie hatten ihren Beitrag dazu geleistet, dass sich Merle zu einem Mädchen mit wenig Selbstbewusstsein entwickelte. Die Folgen davon bekam sie leider regelmäßig zu spüren.

Sie erinnerte sich an eine Situation im Schwimmbad. Es war an einem sehr heißen Tag im Juli. Merle war mit ein paar Schulkameradinnen im Freibad. Eine davon hatte Geburtstag und deshalb dazu eingeladen. Die Mädchen genossen den Tag zusammen, erzählten über ihre Hobbys, spielten Spiele und vergnügten sich im Wasser.

Als ein paar Jungs aus der Nachbarklasse kamen und sich in geringem Abstand zu ihnen auf der Liegewiese niederließen, stellten einige der Mädchen schnell Kontakt mit ihnen her.

Ein paar Jungs nutzten die Gelegenheit, um den Mädchen ihre neuesten elektronischen Geräte vorzuführen und sich ihnen dadurch überlegen zu zeigen, aber auch um sie ein wenig zu necken.

Das war lustig und aufregend gewesen. Schließlich hatte Merle zu dieser Zeit nur wenig Erfahrung mit dem anderen Geschlecht und genoss es deshalb, erste Kontakte zu knüpfen sowie die Verhaltensweisen der Heranwachsenden zu studieren.

Davon erhoffte sie sich neue Erkenntnisse, die es ihr in der Folge leichter machten, mit den Jungs umzugehen und ihnen besser gerecht zu werden.

Das war nämlich gar nicht so einfach, weil Mädchen sich grundsätzlich anders verhielten als ihre männlichen Kollegen und scheinbar auch eine andere Sprache sprachen, die Jungs leider ihrerseits nicht verstanden. Das wusste sie schon damals. An dem Nachmittag im Schwimmbad konnte Merle viel lernen.

Sie genoss es, dem fremden Geschlecht so lange so nah zu sein. Erst am nächsten Tag stellte sich jedoch heraus, dass einer der Jungs Merle in einer eher unvorteilhaften Pose fotografiert hatte und das Foto nun in der Schule kursierte, sodass sie innerhalb kürzester Zeit zum Gespött aller geworden war. Merle war sehr verletzt. Auch Markus hatte das Bild gesehen und nutzte dies, um Merle erneut zu seinen Zwecken zu missbrauchen. Einmal hatte er sie in einem unbeobachteten Moment sogar in die Schultoilette gezogen und versucht, ihr unter den Pullover zu fassen.

Das war ihm zwar nur zum Teil gelungen, hatte Merle aber zutiefst verletzt und das Vertrauen in Jungs gänzlich zerstört.

Merle erinnerte sich an die Situation in der Toilette. Ihr wurde augenblicklich ganz übel. Ein Schauer lief ihr über den Rücken.

Natürlich war ihr Körper in der Grundschule nicht annähernd der einer Frau gewesen. Weder die körperlichen noch die geistigen Eigenschaften glichen der einer Erwachsenen.

Markus war also sicherlich enttäuscht gewesen über das, was er unter dem Pullover vorfand, oder eben nicht. Darum ging es in dem Moment aber nicht. Es war ein Übergriff. Markus wollte sie zu seinen Zwecken missbrauchen und tat es auch. Das war Merle noch lange im Gedächtnis geblieben.

Sogar in ihren Träumen hatte sie die Situation immer wieder erlebt und sich dadurch damit auseinanderzusetzen versucht. Das war ihr jedoch offensichtlich nicht gelungen, denn noch heute, als erwachsene Frau, erinnerte sich Merle lebhaft an alles. Vor allem an den Geruch, der in dieser Situation körperlicher Nähe wieder von Markus ausging und der Merle sehr unangenehm war. In den nächsten Tagen drohte Markus immer wieder, dass er das wieder täte, wenn sie etwas ihren Eltern, den Lehrern, oder auch ihren Freunden verraten würde. Aus Angst hielt sie sich an das, was Markus forderte. Rückblickend betrachtet war dies natürlich nicht gerade eine angemessene Reaktion gewesen.

Das war Merle mittlerweile bewusst. Aber damals war sie nun einmal ein kleines Mädchen, das mit der Situation überfordert war und keine Mittel gegen einen Gegner wie Markus vorzuweisen hatte.

Merle starrte ungläubig und nachdenklich das Nudelregal an, vor dem sie stand. Mit mehr Leichtigkeit und Selbstbewusstsein wäre sie sicherlich dazu in der Lage gewesen, die damalige Situation besser zu managen und selbstbewusster aufzutreten. Auch als kleines Mädchen. Sie hätte sich sicher zur Wehr gesetzt, oder ihre Freunde darüber informiert und sie gebeten, ihr zu helfen.

Wobei ihr mittlerweile klar war, dass diese ihr sicher keine Hilfe gewesen wären. Wie auch? Schließlich waren auch ihre Freunde damals noch Kinder und deshalb ebenso wie sie nicht in der Lage, sich gegen jemanden wie Markus zu wehren. Das war Merle heute bewusst. Dennoch hatte sie ihre Freunde in der Vergangenheit mit dafür verantwortlich gemacht, dass ihr Selbstbewusstsein lange Zeit so wenig ausgeprägt war. Das war einfacher als die Schuld bei sich allein zu suchen.

Wenn man in dieser Situation überhaupt von etwas wie Schuld sprechen konnte. Darüber hinaus war Merle rückblickend auch klar geworden, dass sie sich in ihrem Leben häufig Illusionen hingegeben hatte.

In ihren Träumen und Gedanken hatte sie sich immer wieder vorgestellt, dass sie Teil einer Gruppe starker Jugendlicher war, die stets füreinander einstanden und sie regelmäßig aus diversen Situationen retteten, die für sie allein zu gefährlich und nicht zu bewältigen gewesen wären. Ihre Träume waren zwar nicht real, jedoch so kraftvoll und intensiv gewesen, dass sie daraus ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein gezogen hatte.

In der Folge war sie immer ganz gut und sicher durch ihr Leben gekommen. Ihre Visionen waren zu einem Baustein ihrer Lebensstrategie geworden.

Neben ihren imaginären Aufpassern hatte sich die Heranwachsende Merle noch diverse andere Strategien zugelegt, die ihr vermeintlichen Schutz vor den Gefahren der sie umgebenden Welt boten. So kleidete sie sich bis weit nach der Pubertät auffallend burschikos, immer in gedeckten Farben und oftmals eher altmodisch. Das hielt interessierte Blicke von Männern fern und gab ihr die Möglichkeit, sich unbemerkt von anderen zu entwickeln und ihren Stil zu finden.

Heute, im Alter von 33 Jahren, war sie dagegen stets betont weiblich gekleidet und gefiel sich in der Rolle auch sehr gut. Ihre Kurven und äußeren Reize vermochte Merle geschickt einzusetzen. Sie hatte Spaß daran, damit zu spielen und die Reaktionen der Männer zu beobachten.

Schließlich war sie nun eine erwachsene Frau, die wusste, dass von Männern in der Regel keine Gefahr ausging und dass man sich deshalb auch nicht vor ihnen schützen oder verstecken musste. Auch das Schminken hatte sie sich im Laufe der Zeit angeeignet. Sie beherrschte es zwar nicht perfekt, aber doch solide.

Vor einigen Jahren hatte sie sich nach einer gescheiterten Beziehung sogar einmal von einer Kosmetikerin professionell schminken und beraten lassen, sodass sie mittlerweile ziemlich genau wusste, wo ihre optischen Stärken lagen und wie man diese betonte. Von ihren Augen mochte sie eher die obere Partie. Diese betonte sie in der Regel auch. Mit einem Eyeliner oder mit Lidschatten, den sie in diversen Farben in ihrem Spiegelschrank zu Hause aufbewahrte, konnte sie das tiefe Blau ihrer Augen noch besser hervorbringen. Auch vermochte die Farbe einen interessanten Kontrast mit ihren blonden Haaren zu kreieren. Je nach Farbe der Augenlider ergaben sich so immer neue Looks, die sie meist passend zu ihrer Kleidung wählte.

Das gefiel ihr und erweckte den Eindruck, dass sie eine Frau mit Geschmack, Ausstrahlung und voller Kreativität sei, fand sie. Die Farben auf dem Lid ließen ihre Augen zudem größer aussehen. Das mochten die meisten Männer an ihr und Merle fand das auch schön an sich. Sie wirkte dann fast wie eine der Frauen aus den Zeitschriften. Jedenfalls, wenn man nur diesen Teil ihres Gesichtes betrachtete. Sie strahlte quasi mit den Augen.

So hatte sie das einmal in einer Werbung gelesen und fand, dass das ganz gut passte. Das untere Lid fand Merle dagegen wenig betonungswürdig. Besonders, wenn sie zu wenig geschlafen hatte, war die untere Augenpartie oft von dunklen Schatten umgeben und wirkte ohnehin immer etwas angeschwollen.

Das wollte sie nicht noch hervorheben, weil es sie alt und angestrengt aussehen ließ.

Ihren Mund fand sie zwar schön und durchaus wert, diesen zu betonen, doch tat sie es in der Regel nicht. Sie mochte einfach den klebrigen Lippenstift nicht, der immer an Gläsern und Zähnen hing, oder sich im Laufe des Tages bzw. abends als ständiger geschmacklicher Begleiter in ihrem Mund aufhielt. Manchmal verteilte er sich auch auf den Lippen eines Partners, wenn man diesen innig küsste und das mochten weder Merle noch der jeweilige Mann.

Jedenfalls hatten ihr das die Männer zurückgemeldet, mit denen sie sich so eng verbunden fühlte, dass es zwischen ihnen zu innigen Küssen gekommen war. Warum war eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen, einen Lippenstift zu erfinden, der nicht klebte? Damit würde sich sicher viel Geld verdienen lassen, weil viele Menschen so dachten und empfanden wie Merle.

Der Kassierer lächelte Merle freundlich an, als er ihr das Wechselgeld gab und wünschte ihr zum Abschied einen angenehmen Tag, was sie ihrerseits ebenso mit einem Lächeln und „Danke, ebenso“ erwiderte. Auch auf dem Nachhauseweg blieb das Lächeln in Merles Gesicht. Sie freute sich über die frühlingshaft erwachende Natur und die damit verbundenen Gerüche und Geräusche. Das Leben ging weiter, bahnte sich mit seiner unvergleichbaren Kraft und Dynamik seinen Weg. Es war stark, zielgerichtet und schön.

Vielleicht, dachte Merle, war es genau diese Kraft, die uns Menschen am Leben hielt und uns immer weiter machen oder zu dem werden ließ, was wir waren. Das war ein beruhigender Gedanke, weil es bedeutete, dass es immer weiter ging, weil diese Kraft durch nichts und niemanden und auch durch keine menschlichen Taten aufzuhalten war.

Auch nicht durch schlimme Erfahrungen. Damit war Merle in ihrer Vergangenheit ebenso konfrontiert worden wie mit den schönen Momenten und den Menschen, die es gut mit ihr meinten. Aber darauf kam es nicht an. Vielleicht waren die Taten weder gut noch schlecht und nur die individuelle Bewertung einer Person machten sie dazu. In diesem Fall wäre es wohl das Beste, wenn man die belastende Situation nicht unnötig lange negativ bewertete und gedanklich mit sich trug, sondern dem jeweiligen Täter möglichst schnell sein Tun nachsah. Das machte es zwar weder ungeschehen, noch änderte es etwas daran, dass sich der andere Fehlverhalten hatte, aber es half auch nichts, wenn man sich mit etwas quälte, das nicht rückgängig zu machen und längst vorbei war. Je länger sie darüber nachdachte, umso plausibler erschien Merle dieser Gedanke. Allerdings wusste sie auch, wie schwer es sicherlich war, diese Erkenntnis immer zu beherzigen.

Zu Hause angekommen packte Merle ihre Einkäufe aus und verstaute sie in den dafür vorgesehenen Fächern ihrer Küche, sowie im Kühlschrank.

Frank würde heute erst gegen 18 Uhr nach Hause kommen. Er hatte sich dazu bereit erklärt, ein paar Stunden mehr zu arbeiten, um seine Fehlzeiten auszugleichen, die er in naher Zukunft durch seine Weiterbildung verursachen würde. Das hatte Merle auch schon öfter gemacht. Ihr Arbeitgeber hatte nichts dagegen. Allerdings bestand er darauf, dass sie Ende des Jahres alle ihre Überstunden ausgeglichen hatte.

Das war für Merle kein Problem, sogar angenehm, weil sie dadurch öfter mal einen Kurzurlaub machen, oder sich zu Hause ein paar Tage Erholung von ihrem stressigen Alltag gönnen konnte. Diese flexible Gestaltung ihrer Arbeitszeit war eine Freiheit, die sie sehr schätzte und darüber hinweg tröstete, dass sie ihre Arbeit manchmal doch sehr anstrengte.

Merle hatte Biologie studiert und anschließend promoviert. Ihre Dissertation, das heißt, ihre Doktorarbeit, hatte sie über sogenannte „Zeigerpflanzen an Fließgewässern“ geschrieben und mit „Magna cum laude“ abgeschnitten. Das bedeutet, dass ihre Leistung mit besonderer Anerkennung gewürdigt wurde. Ihre Eltern waren deshalb sehr stolz auf sie gewesen, hatten es aber auch immer sehr schade gefunden, dass sie nicht mit der Bestnote „Summa cum laude“ abgeschnitten hatte.

So war das immer gewesen. Ihre Eltern, beide Ärzte, waren ihr in Sachen Berufswahl und Promotion immer Vorbild und Unterstützer gewesen.

Andererseits hatten sie ihr aber auch schon von Kindesbeinen an klar gemacht, dass sie von ihrer Tochter Leistung erwarteten und diese auch eingefordert. Das hatte Merle in manchen Phasen ihres Lebens viel Kraft gekostet und sie manchmal auch etwas verbissen wirken lassen.

Mittlerweile hatte sie sich von diesem Leistungsdenken etwas distanziert. Sie arbeitete als Dozentin an der Universität und unterrichtete schwerpunktmäßig Botanik. Die Arbeit mit den Studenten machte ihr Spaß, brachten sie doch immer wieder neue Sichtweisen und Aspekte in ihr Leben. Im Gegenzug bemühte sich Merle immer darum, die jungen Menschen bestmöglich auszubilden und auf ihre Prüfungen vorzubereiten. Dafür, aber auch für ihr Wissen und ihre Menschlichkeit, wurde sie geschätzt. Merle war beliebt. Auch, wenn sie manchmal kaum älter als ihre Studenten selbst war und hin und wieder für deren Misserfolge und Nichtbestehen sorgte.

Das nahm ihr aber niemand übel. Schließlich gehörte das Beurteilen zu ihrem Beruf und war nicht etwa Teil ihrer Persönlichkeit. Am Ende des Semesters wurde sie häufig zu Partys eingeladen und es hatten sich in der Vergangenheit hin und wieder sogar persönliche Freundschaften mit Studenten ergeben. Darauf war Merle ein wenig stolz, denn das konnten nicht viele Dozenten von sich behaupten. Und Stolz war etwas, das sie sich im Laufe ihres Lebens erst erarbeiten musste.

Durch ihre Erziehung hatte sie davon jedenfalls nicht gerade viel erworben und es hatte lange gedauert bis sie sich selbst Anerkennung zollen, sich die eigenen Erfolge voll und ganz zugestehen konnte. Heute hatte sie an Reife dazu gewonnen. Sie wusste, was sie in der Vergangenheit für ihre Arbeit und Ausbildung investiert hatte und war mit sich und ihrer Leistung zufrieden. Das reichte und passte zu ihr. Diese Einstellung gab Merle das nötige Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, nicht nur für ihren Job.

Es wäre schön gewesen, wenn sie diese Lockerheit in Bezug auf ihre Person und ihr Leben schon früher gehabt hätte, dachte Merle. Das hätte ihr sicherlich viel Ärger und etliche Tränen erspart. Aber so war es nun einmal im Leben. Es war ein schier endloser Prozess von Wachsen und Entwicklung. Dem Ergebnis ging leider immer ein langer, mühevoller Weg des Reifens voran, bei dem nicht immer alles glatt lief. Vielmehr kam es regelmäßig zu Rückschlägen und schmerzenden Prozessen der Verwandlung. So war es von der Natur vorgesehen und gerade dies machte das Ergebnis am Ende wohl so perfekt.

Als folgte alles einem geheimen, vorbestimmten Plan, der keine Abkürzungen oder Umwege duldete. Jedenfalls keine, die man selbst vorgab. Vor allem in Sachen Männer war Merle ihr fehlendes Selbstvertrauen immer wieder zum Verhängnis geworden, hatte ihr Stunden voller Trauer und Selbstzweifel beschert.

Doch dieser Prozess hatte sie letztendlich zu dem gemacht, was sie war. Sie hatte ebenso eine Metamorphose durchlaufen, wie es in der Natur tausendfach und ständig passierte. Und das Ergebnis konnte sich schließlich sehen lassen.

Sie hatte einen tollen Partner, den sie liebte und der sie ebenso schätzte und achtete. Das wäre sicher nicht ohne die Mühen zuvor möglich gewesen, davon war sie überzeugt. Das konnte sie aber erst rückblickend so sehen. Es war ja auch alles gut gegangen. Merle setzte sich auf ihr Sofa. Sie wirkte nachdenklich. Woher kamen auf einmal diese Erinnerungen? So plötzlich, scheinbar aus dem Nichts. Nach den schlechten Erfahrungen mit Markus und den Jungs in der Grundschule hatte sich Merle eine ganze Weile aus dem Ränkespiel der Geschlechter zurückgezogen. Nicht bewusst, das hatte sich einfach so ergeben.

Sie war lange Zeit in einer Art Ruhestadium verharrt und hatte sich lieber die Versuche ihrer Mitschüler von außen und mit einigem Abstand betrachtet, die ständig versuchten, geeignete Liebespartner zu finden und dadurch im Sozialgefüge der Klasse oder Gesellschaft einen besseren, da höher gestellten Platz zu ergattern. Die einen hatten dabei mehr, die anderen weniger Erfolg. Aber darum ging es offenbar nicht. Vielmehr kam es wohl auf das Spiel selbst an, das man gewinnen, aber auch verlieren konnte.

Merle erinnerte sich an ein Ereignis, das deutlich zum Ausdruck brachte, wie dicht Sieg und Niederlage im Leben manchmal beieinanderlagen. Es konnte beflügeln, aber auch gnadenlos und brutal sein. Hendrik, einer der besten Schüler in Merles Klasse, war schon längere Zeit ohne Freundin gewesen. Das ärgerte ihn, denn er sah erstens gut aus, war zudem klug und hatte schon länger ein Auge auf Sandra geworfen. Die war die beste Leichtathletin der Schule und deshalb mit zahlreichen Urkunden und Ehren dekoriert. Außerdem war sie sehr hübsch und bei allen Jungs entsprechend beliebt. All das reizte Hendrik und er fand, dass sie beide ein schönes Paar abgeben würden.

Außerdem stand Ende der 9. Klasse der Abschlussball der Tanzschule an und da wäre es doch peinlich gewesen, wenn Hendrik dort jemanden zugeteilt bekommen müsste, weil er im Vorfeld keine geeignete Partnerin finden und sie von sich als Tanzpartner überzeugen konnte. Diese Blöße würde er sich auf keinen Fall geben. Hendrik hatte schon auf etlichen Partys versucht, Sandras Aufmerksamkeit für sich zu wecken, war lange Zeit aber nur wenig erfolgreich damit gewesen.

Daher beschloss er nach einer Weile, eine Stufe weiter und noch mehr auf Angriff zu gehen. Die Tanzschule schien ihm ein geeignetes Pflaster für seine Balz zu sein. Hendrik war zwar nur ein durchschnittlicher Tänzer, konnte aber durch einige Übung schnell Fortschritte erzielen.

Deshalb investierte er jede freie Minute, um die Schritte, die sie gelernt hatten, zu perfektionieren und versuchte zudem zu Hause die Tänze einzuüben, die in naher Zukunft im Unterricht durchgenommen wurden. So war er seinen tanzbegabten Konkurrenten voraus.

Seine Cousine Babette bot ihm dabei ihre Hilfe an. Sie war einige Jahre älter und hatte zudem in ihrer Jugend mehrmals erfolgreich an Tanzwettbewerben teilgenommen, was sie zu einer perfekten Trainerin machte. Eine Frau ohne Allüren und fundierten Kenntnissen, das war das Beste, was einem jungen Mann passieren konnte, fand Hendrik. Durch sein regelmäßiges Training würde er mit seinem Wissen und scheinbaren Talent glänzen können. So etwas beeindruckte die Frauen, davon war er überzeugt. Hendriks Plan war nahezu perfekt, fand er. Tagelang übte er Schritte und Drehungen vor dem Spiegel, immer zu verschiedenen Musiktiteln und mit einer immer neuen Mimik, die dazu passte.

Hendrik bemerkte stolz, dass sich seine Haltung schon nach wenigen Wochen deutlich verbessert hatte. In einer der nächsten Stunden wollte er sein Gelerntes dann auch anwenden und Sandra von sich und seinem Können überzeugen. Und tatsächlich, es kam dazu, dass er mit Sandra tanzen durfte. Die Tanzlehrerin hatte schon nach wenigen Stunden bemerkt, wie harmonisch sich Hendrik bewegte und fand, dass er deshalb der ideale Partner für Sandra wäre.

Diese Tatsache war nicht nur ein großes Lob, sondern steigerte auch Hendriks Selbstbewusstsein enorm. Sein Plan war aufgegangen.

Da Sandra eine gute Sportlerin war, die regelmäßig ihren Körper trainierte, verfügte sie über ausreichend Körpergefühl. Die verschiedenen Schrittfolgen bereiteten ihr keine großen Probleme. Es gelang ihr problemlos, ihre Gliedmaßen rhythmisch und im Takt der Musik koordiniert zu bewegen. Hendrik fügte sich in dieses harmonische Bild perfekt ein. Die beiden waren ein wirklich hübsch anzuschauendes Paar und durften in den folgenden Stunden häufig miteinander tanzen. Viele Jugendliche nahmen das im Tanzkurs zur Kenntnis. Manche mit Bewunderung in den Augen, andere aber auch mit Blicken der Missgunst.

Das hing davon ab, wie geschickt sie selbst und wie groß ihr eigenes Selbstbewusstsein und Geltungsbedürfnis war. Hendrik hatte das Gefühl, dass Sandra das Tanzen mit ihm genoss. Er war am Ziel. Jedenfalls dachte er das. Um anderen zu zeigen, wie der Tanz auszusehen hatte, aber auch um zu verdeutlichen, welch gute Arbeit die Tanzschule mit ihrer Ausbildung leistete, bat die Tanzlehrerin in einer der letzten Stunden vor dem Abschlussball Hendrik, die gelernten Tanzschritte mit Sandra noch einmal vorzuführen.

Der Bitte kam er natürlich gerne nach. Hendrik fühlte sich überlegen und sicher als er mit Sandra die Tanzfläche betrat. Darauf hatte er so lange hingearbeitet.

Nun war er für alle seine Mühen belohnt worden. Er lächelte und ging innerlich noch einmal die Schritte durch, mit denen er die anderen Kursteilnehmer gleich beeindrucken würde. Versunken in seinen Gedanken übersah Hendrik die kleine Pfütze auf dem Parkett, die durch ein verschüttetes Getränk dort entstanden war. Er rutschte aus und stürzte unter den Augen aller Kursteilnehmer wenig ästhetisch zu Boden. Sandra, die er an der Hand hielt, zog er mit sich.

Hendrik lag bäuchlings auf der Tanzfläche, die Beine unter seiner Partnerin vergraben. Seine Hose war durch den Sturz deutlich nach unten gerutscht. Wahrscheinlich hatte sich Sandra reflexartig an ihm festgehalten und dadurch seine Kleidung an Stellen des Körpers verschoben, wo sie eigentlich nicht hingehörte. In der Folge konnten alle Kursteilnehmer Hendriks Unterhose deutlich erkennen.

Es waren Shorts mit kleinen lachenden Mickymäusen darauf. Für einen Moment war es mucksmäuschenstill im Raum.

Noch nicht einmal die Musik war zu hören, weil die Lehrerin noch damit beschäftigt war, einen geeigneten Titel für die Tanzdarbietung zu suchen. Hendrik blieb reglos liegen. Wenn er sich nicht bewegte, merkte bestimmt niemand etwas, dachte er verzweifelt. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor bis er sich von Sandra und deren Beinen befreit hatte und umdrehen konnte. Er blickte in zahlreiche, weit aufgerissene Augen.

Das laute Gelächter der Gruppe folgte erst nach wenigen Sekunden. Als Hendrik seine Hose hochzog, glaubte er, auch die Mickymäuse auf seiner Unterwäsche lachen zu hören.

Die Situation war Merle nun wieder ganz präsent. Hendrik hatte ihr damals schon etwas leidgetan, seine Blamage andererseits aber auch ein bisschen verdient. Er verhielt sich Merle gegenüber nämlich häufig richtig gemein und überheblich, weil sie manchmal in Mathe nicht alles so schnell verstand wie er. Hochmut kam eben vor dem Fall. Im wahrsten Sinn des Wortes. Das machte dieses Beispiel deutlich. War Merle etwa auch hochmütig gewesen? Oder warum war sie damals wohl so tief gefallen? Nicht beim Tanzen und auch bei keiner anderen Sportart.

Aber gefallen war sie und hart gelandet. Auf dem Boden der Tatsachen. Das hatte sie sehr verletzt und daran hatte sie noch Monate später zu knabbern gehabt. Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Sie kannte Oskar aus der Schule. Er war ein Jahr älter als sie und hatte deshalb die Schule bereits ein Jahr vor ihr verlassen.

Nach dem Zivildienst wollte er ein Musikstudium beginnen, das hatte Merle noch mitbekommen. Danach hatte sie nichts mehr von ihm gehört und ihn auch mehrere Jahre nicht mehr gesehen. Schon in der Schule fand Merle Oskar attraktiv und dachte, das beruhe auf Gegenseitigkeit.

Zu deutlich und eindeutig waren doch seine Blicke, wenn sie durch das Foyer der Schule lief. Und auch sonst, wenn sie sich auf Veranstaltungen trafen, waren sie da, diese Blicke, die sagten, ich finde dich gut, oder wenigstens interessant. Dieses Gefühl, dass sie ein Mann attraktiv und begehrenswert fand, war ein Gefühl, das Merle sehr gefiel und dass sie in der Zeit der Pubertät und des Heranwachsens lange vermisst hatte. Es war ein Gefühl der Wärme und Geborgenheit, des Annehmens und Ankommens bei einem Menschen, bei einem Mann.

Oskars Blicke aus seinen strahlend blauen Augen gefielen Merle. Sie vermittelten Anerkennung und das verlieh ihr wiederum eine innere Stärke. Jedenfalls glaubte sie das. Lange Zeit hatte Merle Oskars Blicke gesehen, aber nie etwas unternommen. Schließlich wollte sie sich nicht vor ihm blamieren und außerdem war Balzgehabe, das Bemühen um einen Partner, doch Aufgabe der Männer, fand sie.

Das war ein Gesetz der Natur, einer der Motoren, der die Evolution am Laufen gehalten und so erfolgreich hatte sein lassen. Er sollte sich ruhig mal ein wenig anstrengen, wenn er sie haben wollte, das stand für Merle fest. So waren einige Monate, sogar Jahre ins Land gegangen. Immer wieder Blicke von beiden, mal ein scheues Lächeln ihrerseits dazu, aber sonst nichts. Beide hatten sich auf ihr schulisches Weiterkommen konzentriert, jeder auf seine Weise und jeder für sich.

Dann war irgendwann der Tag da, an dem Oskar Abitur machte und die Schule verließ. Merle empfand bereits diese Tatsache als eine Art Niederlage, hatte sie doch die Chance vertan, den Mann ihres Lebens für sich zu gewinnen. Wenn sie nicht so eitel und konservativ gewesen wäre, hätte sie sich über die Konventionen hinweg gesetzt und ihn selbst angesprochen. Dann wäre bestimmt alles gut geworden. Jedenfalls dachte sie das damals.

Hinzu gesellten sich Zweifel. War sie ihm etwa doch nicht attraktiv genug? Oder war sie nicht gut genug in der Schule, oder in Sachen Musik? Schließlich war Oskar schon damals ein ganz passabler Geigenspieler gewesen.

Egal, welche Gründe es gegeben haben mochte, die Ursache lag bei Merle selbst, davon war sie irgendwann überzeugt. Und nun war er weg und damit der Traum vom Traummann ausgeträumt. Sie war damals zwar noch nicht einmal zwanzig Jahre alt, wusste aber bereits, dass es in Zukunft schwer würde, einen Mann zu finden, der so gut zu ihr passte wie Oskar. Tagelang saß Merle deshalb in ihrem Zimmer und weinte. Immer nur abends und nicht zu sehr, oder zu laut, weil niemand etwas merken sollte. Die Schmach war schon groß genug, da musste man nicht noch andere daran teilhaben lassen. Außerdem hätten ihre Eltern ohnehin kein Verständnis dafür gehabt. Besonders für ihren Vater gab es nur die Schule. Darauf sollte sich Merle konzentrieren und sich auch nicht wagen, vor ihrem Abschluss einen Jungen mit nach Hause zu bringen.

So hatte er es immer gesagt. Das hatte sich in Merles Gedächtnis eingebrannt und daran hatte sie sich gehalten. Selbst, wenn sie sich eigentlich etwas anderes gewünscht hätte. Schließlich wollte sie ihren Vater doch nicht enttäuschen. Selbstbestätigung hatte sich Merle regelmäßig selbst verschafft. Schließlich war sie immer gut in der Schule und wurde dafür entsprechend entlohnt, manchmal sogar gelobt. Aber die Bestätigung, die einem Mädchen oder einer jungen Frau ein Mann geben kann, danach sehnte sich Merle sehr. Jahrelang hatte sie sich das gewünscht, aber leider während ihrer Schulzeit nicht bekommen.

Nachdem Oskar die Schule verlassen hatte, war es in Merles Leben erst einmal ruhig geworden, was die Männer anging.

Das gab ihr die Zeit, über gewisse Dinge noch einmal nachzudenken und das eine oder andere Verhalten ihrerseits ausgiebig zu reflektieren. Und gerade zu dem Zeitpunkt als sie mit allem abgeschlossen hatte, sie sich in ihr Studium eingearbeitet und schon einige Lorbeeren erworben hatte, trat Oskar doch wieder in ihr Leben. Ganz plötzlich und ohne Vorwarnung. Es war an einem Samstagabend. Merle war mit ihren Freundinnen im Kino. Eigentlich interessierte sie der Film gar nicht. Eine typische Liebesschnulze, bei dem man schon nach den ersten fünf Minuten Handlung und Ende voraussagen konnte, solche Filme langweilen Merle, eher als dass sie sich dafür interessierte.

Trotzdem hatte sie zugesagt, weil ihr das immer noch lieber war als allein zu Hause zu sitzen.

Außerdem wollten sie danach noch in der neuen Kneipe an der Ecke etwas trinken gehen. Merle war damals Anfang 20. Nach dem Abitur wollte sie eigentlich ein Tiermedizinstudium beginnen, hatte dies aber bald wieder verworfen, weil sie erstens aufgrund der großen Bewerberzahl mindestens vier Wartesemester hätte überbrücken müssen und zweitens die Aussichten auf einen adäquaten Arbeitsplatz nach dem Studium doch eher schlecht waren.

Das wollte sie lieber nicht riskieren. Zumal Tiermedizin nach ihrem damaligen Informationsstand ein sehr aufwendiges und anspruchsvolles Studium war. Das hätte sie zwar sicherlich bewältigen können, aber der Preis erschien ihr doch zu hoch zu sein, da sie nicht damit rechnen konnte, nach Abschluss des Studiums einen annehmbaren Arbeitsplatz zu bekommen. Nach kurzer Überlegung hatte sie daher beschlossen, Diplombiologie statt Tiermedizin zu studieren, und merkte schnell, dass dies die richtige Entscheidung gewesen war.

Schnell hatte sie sich an die Arbeitsweise gewöhnt, die wichtigsten Scheine auf Anhieb bestanden, obwohl sich viele andere mit den Klausuren schwertaten und auch schnell Freunde unter ihren Kommilitonen gefunden. Das bestärkte sie in ihrer Entscheidung.

Zudem erfüllten die Studieninhalte doch sehr ihre Erwartungen und machten ihr mit jedem Semester mehr deutlich, wie groß ihr Interesse für die Biologie schon immer gewesen war.

Die Kinovorstellung war sehr gut besucht. Der Film lief zwar schon seit zwei Wochen, aber immer noch gab es offensichtlich viele Menschen, die ihn noch nicht gesehen und großes Interesse daran hatten. Merle betrat gemeinsam mit ihren Freundinnen Steffi und Frauke das Foyer. Dort war es sehr warm, sodass alle erst einmal die Jacken auszogen, um nicht zu stark ins Schwitzen zu geraten. Sie reihten sich in die Schlange an der Kasse ein und beschlossen, sich neben den Karten noch etwas zu trinken zu kaufen. Da sie sehr zeitig im Kino gewesen waren, konnten sich die drei Freundinnen noch eine Weile im Foyer aufhalten und damit die Zeit verbringen, sich gegenseitig die Neuigkeiten der vergangenen Woche zu berichten.

Außerdem fanden sie es immer wieder lustig, sich die Leute zu betrachten und über besondere Typen zu schmunzeln oder den Attraktivitätsgrad der sie umgebenden Männer zu erörtern. Tatsächlich fanden sich auch an diesem Abend wieder einige Kandidaten, welche den Ansprüchen der kritischen Damen optisch durchaus entsprachen. Glücklicherweise fanden alle drei Freundinnen einen anderen Typ Mann interessant, sodass sie sich niemals Konkurrenz in Sachen Männer machen würden.

Außerdem bedeutete diese Tatsache, dass ihnen die Gesprächsthemen nie ausgingen, weil die jeweilige Auswahl immer wieder dazu führte, dass die Freundinnen die Vorzüge und vermeintlichen Fehler der Herren diskutierten, was nicht selten für vergnügliche Abende der Freundinnen und auch oft für viel Gelächter sorgte. An diesem Abend weckte besonders ein Kinobesucher das Interesse der Freundinnen, weil er durch sein Aussehen auffiel. Bekleidet mit viel zu kurzen braunen Cordhosen, grünem Hemd mit Blumenmuster und Trenchcoat stand er neben einem Betonpfeiler und las in einem abgegriffenen Buch, dessen Titel leider keine der Freundinnen aus der Entfernung entziffern konnte. „Wer geht denn bitte ins Kino, um ein Buch zu lesen?“, frage Steffi kopfschüttelnd. „Das ist ja so, als ginge man ins Café und brächte seinen Tee selbst mit, weil das Angebot auf der Karte einen nicht anspricht.“

„Das ist bestimmt so ein Muttersöhnchen, der zwar sehr gebildet und offensichtlich belesen ist, dafür aber keine Freunde hat. So ein armer Kerl. Dem täte eine Frau auch mal gut“, erwiderte Frauke.

Merle stimmte beiden zu und wollte gerade die Geschichte von ihrem Cousin erzählen, der bis zu seinem 16. Geburtstag auch ausschließlich Cordhosen getragen hatte, als ein Gesicht in ihr Blickfeld geriet, das sie sofort innehalten ließ.

Das war doch Oskar! Der Typ, wegen dem sie in der Schulzeit so viele Tränen vergossen und dem sie lange nachgetrauert hatte. Sollte das Schicksal ihr tatsächlich eine neue Chance gewähren und ihn noch mal in ihr Leben treten lassen? Ausgerechnet im Kino, in einem Schnulzenfilm, den sie nicht einmal hatte sehen wollen.

Sofort schossen ihr tausende Gedanken durch den Kopf, tauchten vor ihrem inneren Auge wieder Bilder auf, die sie schon lange verdrängt hatte. Die sie eigentlich auch nicht mehr sehen, oder in Erinnerung rufen wollte. Während Steffi und Frauke noch damit beschäftigt waren, die optischen charakterlichen Merkmale des Cordhosenträgers zu erörtern, konnte Merle den Blick nicht von Oskar nehmen. Immer wieder wurde ihr die Sicht auf ihn durch andere Kinogäste versperrt, aber dennoch gelang es ihr, ihn zu beobachten und mit Blicken durch das großzügige Foyer des Kinos zu verfolgen. Offensichtlich war er in Begleitung eines Mannes in ähnlichem Alter hier, der deutlich kleiner als er und untersetzt war. Merle kannte seine Begleitung nicht, er kam ihr auch nicht bekannt vor. Sie unterhielten sich angeregt und hatten sichtlich Freude an ihrem Gespräch, denn immer wieder lachte einer der beiden, während sie langsam Richtung Kasse gingen.

„Was meinst du, Merle?“, fragte Frauke. Merle schaute ihre Freundin erstaunt und etwas erschrocken an.

„Entschuldige, hast du was gesagt? Ich war gerade abgelenkt“, entschuldigte sie sich bei ihren Freundinnen.

„Dort vorne an der Kasse steht Oskar.“

„Der aus deiner Schulzeit?“, fragte Steffi verdutzt.

„Den würde ich ja gerne einmal sehen. Muss ja ein interessanter Typ sein. Welcher ist es denn?“

„Der da vorne, neben dem kleinen Mann mit der schwarzen Hose“, antwortete Merle. „Aber schaut bitte nicht so auffällig hin, ich will nicht, dass er mich auch sieht.“

„Warum denn nicht? Du hast ihm doch nichts getan“, entgegnete Frauke energisch.

Alle drei Frauen starrten nun Richtung Kasse und beobachteten die beiden Männer dabei, wie sie sich Kinokarten kauften und nebenbei Bier und Nüsse orderten.

„Wie lange hast du ihn nicht gesehen?“, wollte Frauke schließlich wissen.

„Etwas über drei Jahre. Aber jetzt kommt es mir vor, als wäre unsere letzte Begegnung erst gestern gewesen“, antwortete Merle nachdenklich.

Die beiden Männer hatten ihre Bestellung beendet und gingen nun, mit Bier und Nüssen beladen, in Richtung des Kinoeinganges. Es dauerte noch einige Minuten bis die Vorstellung begann und so blieben sie ein paar Meter davorstehen und setzten ihre Konversation fort.

„Geh mal hin und sag ihm Guten Tag“, forderte Steffi.

„Auf keinen Fall! Das ist doch blöd und peinlich. Außerdem kennt der mich bestimmt gar nicht mehr.“

Der Unterton in Merles Stimme war harsch und zeigte, wie ernst sie meinte, was sie sagte.

„Ich würde das machen“, meinte auch Frauke. „Da ist doch nichts dabei.“

„Außerdem hast du doch immer bedauert, dass du ihn nie angesprochen hast. Vielleicht ist das jetzt die Gelegenheit, die du immer haben wolltest!“

Merle wurde mit einem Mal ganz warm. Noch wärmer als es ohnehin schon in dem Raum war. Vielleicht hatte Frauke recht. Was sprach eigentlich dagegen? Es war ja kein Verbrechen, jemandem „Guten Abend“ zu sagen. Und wer weiß, vielleicht war das wirklich eine Art Wink des Schicksals und sollte so sein.

„Was soll ich denn sagen? Ich kenne ihn doch gar nicht richtig.“

„Guten Abend Oskar wäre ein guter Anfang“, meinte Steffi mit einem Lächeln. „Dann siehst du ja, wie er reagiert und kannst entscheiden, was du sonst noch sagst.“

„Und das wäre? Was machst du denn hier scheidet ja wohl aus.“

„Wie wäre es mit der Frage, in welchen Film er geht. Das bricht das Eis und schafft vielleicht eine Grundlage für das weitere Gespräch“, schlug Frauke vor. „Ich würde das machen. Das ist eine gute Gelegenheit.“

Gelegenheit wofür, dachte Merle. Wollte sie das? Wollte sie tatsächlich diese alte Geschichte wieder aufwärmen und sich alles wieder ins Gedächtnis rufen? All die Trauer und Wut, die schlechten Gedanken und Selbstzweifel. Warum das alles, wenn es doch abgeschlossen war?

Das brachte doch nur Ärger und rief wieder alte, längst vergessene Gedanken, Bilder und Verletzungen hervor, die sie schon lange erfolgreich in eine hintere Ecke ihres Gedächtnisses verbannt hatte. Andererseits hatten ihre Freundinnen aber durchaus recht mit ihrer Meinung. Es war kein Verbrechen jemandem einen guten Abend zu wünschen, auch wenn es der Mann war, der einem einmal das Herz gebrochen hatte. Außerdem war es vielleicht wirklich eine Gelegenheit mit etwas abzuschließen, das Merle so lange beschäftigt und das mehr Fragen als Antworten zurückgelassen hatte.

„In Ordnung, ich gehe mal hin.“ Merle atmete tief durch und schloss kurz die Augen um sich ihrer Kraft bewusst zu werden, aber auch, um sich selbst Mut zu machen.

„Finde ich gut“, meinte Steffi. „Wir warten hier und beobachten. Wenn es unangenehm wird, kommen wir und retten dich.“

Das machte Merle ein wenig Mut, aber auch wieder Angst. Es half alles nichts. Sie musste das tun. Sonst würde sie wieder bereuen, untätig geblieben zu sein. Außerdem war sie ja nicht allein. Das beruhigte sie. Auf die Mädels konnte man sich verlassen.

Das hatten sie in der Vergangenheit in den unterschiedlichsten Situationen schon häufig bewiesen.

„Na, dann mal los.“ Merle ging zuerst zögerlich, dann aber mit entschlossenem Schritt auf die beiden Männer zu, den Blick immer auf Oskar gerichtet. „Guten Abend.“ Der Tonfall in Merles Stimme war kräftig und bestimmt, aber durchaus freundlich. Das war schon einmal geschafft, dachte sie erleichtert. Als Oskar sich umdrehte, huschte ein kleines Lächeln über Merles Gesicht.

„Guten Abend“, erwiderte Oskar. Er schaute sie erstaunt und etwas fragend an.

„Ist ja ganz schön voll hier heute Abend.“ Etwas anderes war Merle in dem Moment nicht eingefallen. Nach einem kurzen Moment der Panik fand sie diesen Satz aber gar nicht so schlecht für den Einstieg. Sie blickte Oskar erwartungsvoll an. Dieser sagte aber zuerst einmal nichts.

Nur seine Wangen erröteten ein wenig, während seine Augen immer wieder für kurze Zeit den Blick von ihr lösten und hektisch in den Raum hinter ihm oder zu seiner Begleitung blickten, weil sie hofften, dort mehr Sicherheit zu finden.

„Wir kennen uns von früher. Du warst auf derselben Schule“, versuchte Merle das Eis zu brechen.

„Ach ja, du bist mir doch gleich so bekannt vorgekommen.“ Nun errötete Oskar noch mehr, lächelte aber freundlich. „Gehst du auch in den Actionfilm?“

„Nein, meine Freundinnen und ich stehen eher auf Liebesfilme. So ist das bei uns Frauen nun mal.“ Wieder huschte ein Lächeln über Oskars Gesicht. Das Eis war gebrochen. Merle hüpfte innerlich, so freute sie sich über ihren Erfolg, aber auch über den Mut, den sie gehabt hatte und der tatsächlich belohnt worden war.

„Schön, dann wünsche ich euch viel Spaß dabei. Mein Kollege und ich werden uns mit Sicherheit an den vielen Schlägereien und den Verfolgungsfahrten erfreuen“, gab Oskar selbstbewusst zurück, dieses Mal mit einem Lachen. „Vielleicht sehen wir uns ja nach dem Film noch. Das würde mich freuen.“

„Ja, bestimmt. Sie enden ja zur selben Zeit. Dann können wir uns ja noch etwas unterhalten“, entgegnete Merle, ebenfalls mit einem Lächeln. Dieses Mal war es ein herzliches Lächeln und ihre Augen strahlten dabei die Freude aus, welche sie innerlich empfand.

„Das fände ich schön. Allerdings muss ich nach dem Film recht schnell gehen. Gib mir doch lieber deine Telefonnummer. Dann machen wir für nächste Woche ein Treffen aus“, schlug Oskar vor. „Oder wohnst du nicht mehr hier?“

„Doch, sicher. Das können wir gerne so machen. War auf jeden Fall schön, dich getroffen zu haben.“

„Das kann ich nur genauso auch zurückgeben“, antwortete Oskar höflich. Schnell schrieb Merle ihre Telefonnummer auf einen Zettel, den sie aus ihrer Tasche mit samt einem Stift gekramt hatte und gab ihn Oskar mit einem freundlichen Augenzwinkern.

„Na dann, bis nächste Woche. Und viel Spaß im Kino!“

„Danke, dir auch. Ich freue mich!“

Als Merle zu Steffi und Frauke zurückkam, musste sie natürlich zuerst ausführlich Bericht erstatten, was sie auch gerne tat. Sie freuten sich, dass ihre Freundin so erfolgreich gewesen war, aber auch, dass sie es waren, die Merle zur Kontaktaufnahme ermutigt hatten. Als Merle im Kino saß, ging ihr immer wieder das Gespräch mit Oskar durch den Kopf. Seine strahlend blauen Augen fand sie immer noch so toll wie früher. So viel stand fest. Von dem Film bekam sie kaum etwas mit. Das war allerdings auch nicht weiter schlimm, weil Handlung und Ende bekanntlich schon nach fünf Minuten für den Betrachter ersichtlich waren.

Einzig ein paar humoristische Szenen ließen sie hin und wieder aufhorchen und machten den Film zu einem unerwartet kurzweiligen Zeitvertreib an diesem Samstagabend. Aber dieser war ja schon durch das Zusammentreffen mit Oskar zu einem gelungenen Abend geworden. Daran konnte auch ein Film nichts ändern, egal wie schlecht und seicht er auch sein mochte.

Die Zeit in der Kneipe nutzten die drei Freundinnen natürlich ausschließlich dazu, den Abend revue passieren zu lassen. Sie resümierten jede Szene mehrmals, jede Geste und alle Worte Oskars, um deren Inhalt und Aussage hinter den Zeilen besser deuten zu können. Das alles ließ nur einen Schluss zu: Oskar war an Merle interessiert. Das gefiel ihnen und sie waren auf das nächste Treffen Merles schon jetzt gespannt.

Schon nach wenigen Tagen hatte Merle die erhoffte Nachricht auf ihrem Telefon. Oskar schlug vor, sich am nächsten Wochenende samstags zum Abendessen zu treffen und danach noch tanzen zu gehen. Das fand Merle gut und sie sagte auch gleich zu. Eigentlich war sie kein Typ, der häufig in Diskotheken ging, aber das machte in dem Fall ja nichts. Schließlich heiligte der Zweck die Mittel.

Am Samstagabend stand Merle vor ihrem geöffneten Kleiderschrank und blickte ratlos auf die darin befindlichen Klamotten. Was sollte man zu einer solchen Verabredung nur anziehen? Was war für ein Abendessen, gleichzeitig aber auch für einen Tanzabend in der Disco geeignet?

In welchem Outfit würde sie sich wohlfühlen, aber auch so gut aussehen, dass sie Oskar Interesse signalisierte, ohne billig zu wirken? Ein Kleid schied in ihrer Wahl schnell aus. Das wäre zu aufreizend für das erste Treffen und hieße zudem, dass sie dazu mehr oder weniger hohe Schuhe tragen müsste.

Darin würde sie schon nach wenigen Stunden ihre Füße vor Schmerzen nicht mehr spüren und könnte sich dann nicht mehr voll und ganz auf Oskar und den Abend konzentrieren. Ähnliches galt für einen Rock. Merle entschied sich daher für eine enge Jeans, kombiniert mit einer Bluse, die ihrer Figur schmeichelte. Dazu konnte sie ihre Lieblingsschuhe tragen. Das waren halbhohe Pumps, die trotz ihrer Form sehr bequem waren und in denen sie deshalb, wenn es sein musste, viele Stunden problemlos stehen und laufen konnte. Sie war mit ihrer Wahl zufrieden. Auch bei der Körperpflege und Schminke wählte sie eine eher unauffällige, aber attraktive Kombination aus Farbe und Duft, der zwar ihre Vorzüge unterstrich, aber nicht zu aufdringlich wirkte. Beim abschließenden kritischen Blick in den Spiegel war Merle mit dem Ergebnis ihres Stylings sehr zufrieden. Sie atmete noch einmal tief durch, dann zog sie die Haustür hinter sich zu und machte sich auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt.

Oskar war pünktlich, sie auch. Sie begrüßten sich freundlich und nahmen gleich an dem reservierten Tisch Platz. Zu Merles Freude war Oskar äußerst ansprechend mit einer schwarzen Jeans und einem hübschen Hemd bekleidet, das ihm sehr gut stand.

Es brachte seine blauen Augen noch mehr zum Strahlen, fand sie.

Seine dunklen, etwas krausen Haare, hatte er mit einem Haargel so fixiert, dass sie sich harmonisch an seinen wohlgeformten Kopf anschmiegten. Das sah lässig und gleichzeitig gepflegt aus. Merle mochte diesen Look. Er wirkte sportlich, aber auch elegant und passte zu den Erwartungen, die wohl beide an dieses Treffen hatten.

An diesem Abend unterhielten sich Merle und Oskar sehr gut. Er erzählte ihr, dass er ein Musikstudium begonnen hatte, das ihm große Freude bereitete. Er hatte Talent. Sogar das bei seinen Kommilitonen eher verhasste Üben machte ihm Spaß. Dazu musste er sich weder zwingen noch immer wieder daran erinnern. Beste Voraussetzungen also, um ein erfolgreicher Musiker zu werden.

Merle berichtete von ihrem Biologiestudium und dass sie dabei ähnliche Gefühle und bislang nur gute Erfahrungen gemacht hatte. Der Abend verging wie im Flug. Merle genoss Oskars Gegenwart und fand viel Interessantes in seinen Erzählungen. Sollte das ihr Traummann sein? Sah er so aus? Sie konnte es sich auf jeden Fall gut vorstellen. So schloss sich der Kreis. Nun gab alles einen Sinn. Selbst die vielen Tränen, die sie vor einigen Jahren geweint hatte, waren nicht umsonst gewesen. Ihr kam der Gedanke, dass dies alles vorherbestimmt gewesen war, dass das Leben einem großen, festgelegten Plan folgte, den es unablässig verfolgte und der es immer ans Ziel brachte.

So lief es in der Evolution, aber auch im realen Leben. Das war beruhigend zu wissen. Sie hatten sich lange in dem Restaurant Unterhalten und dabei gar nicht gemerkt, dass es schon nach Mitternacht war. Da beide ziemlich müde waren, beschlossen sie, das Tanzen auf einen anderen Tag zu verschieben. Bei der Verabschiedung drückte Oskar Merle einen Moment lang fest an sich und gab ihr anschließend rechts und links ein Küsschen auf die Wange. Merle schwebte im siebten Himmel.

Das war ein richtig toller Abend gewesen. Der Beste, den sie bislang erlebt und besser als sie es sich im Vorfeld erträumt hatte. Gleich morgen würde sie Steffi und Frauke alles erzählen, so viel stand fest.

An diesem Abend ging Merle glücklich zu Bett und schlief mit einem Lächeln auf dem Gesicht ein.

In der nächsten Woche traf Merle Oskar noch zweimal. Häufiger war es nicht möglich gewesen, weil beide an der Uni so viel zu tun hatten. Sie waren gemeinsam im Kino und einmal trafen sie sich zum Essen und gingen anschließend zusammen spazieren. Merle genoss die gemeinsame Zeit mit Oskar. Das fühlte sich richtig an. Danach hatte sie sich schon lange gesehnt und nun war es tatsächlich Realität geworden. Was für ein Glück sie doch hatte, so einen tollen Mann getroffen zu haben. Seine Augen waren einfach der Wahnsinn!

Merle schwärmte immer mehr für ihn und er gefiel ihr mit jedem Treffen besser. Außerdem fand sie ständig neue, interessante Aspekte, die ihr auffielen und die Oskar noch attraktiver, manchmal auch geheimnisvoller machten. Steffi und Frauke berichtete sie natürlich darüber, wie ihre Treffen verlaufen waren und wie sich Oskar dabei verhalten hatte. Die beiden freuten sich sehr, dass es Merle so gut ging und die Beziehung mit Oskar immer besser lief. Außerdem waren sie natürlich auch ein wenig stolz auf sich selbst, weil sie sich als die heimlichen Kupplerinnen sahen.

Ohne ihren Zuspruch wäre Merle schließlich niemals auf Oskar im Kino zugegangen und dann wäre alles andere auch nie passiert. Das war ein gutes Gefühl, ihre Freundin unterstützt und ihrem Glück auf die Sprünge geholfen zu haben. Bei einem ihrer Treffen berichtete Merle davon, wie sie sich von Oskar am Abend ihres ersten Dates verabschiedet hatte und dass er dabei so innig nach Körperkontakt zu ihr gesucht hatte. Die beiden Freundinnen hörten sich Merles Ausführungen aufmerksam an.

Dann fragte Steffi: „Wie hat er dich denn an sich gedrückt? War es herzlich oder nur freundschaftlich?“

„Was meinst du damit?“ Merle wusste mit der Frage ihrer Freundin nichts anzufangen.

„Na ja, man merkt doch, ob eine Umarmung liebevoll ist, eine zwischen Mann und Frau, voller Nähe und sexueller Anziehung, oder ob das nur eine freundschaftliche Geste ist und ebenso zwischen zwei Frauen, Sportkameraden, oder zwischen Bruder und Schwester vorkommen könnte.“

Merle hielt kurz inne und überlegte eine Weile. „Ich weiß nicht“, sagte sie schließlich zögerlich. „Er hat mich halt an sich gedrückt. Das fand ich sehr angenehm. Was ist denn der Unterschied? Wie kann man eine freundschaftliche von einer Umarmung unterscheiden, die sexuell betont ist? Das ist schon schwierig zu beurteilen, findet ihr nicht? Immerhin sind es beides doch nur Umarmungen und er hat mich dabei ja auch nicht angefasst. Jedenfalls nicht im sexuellen Sinn.“

Frauke zog die Augenbrauen hoch. „Du willst doch nicht sagen, dass du nicht spürst, ob dich jemand als Mann oder als Freund anfasst. Das merkt man doch, wenn ein Mann, was von einem will.“

„Und außerdem“, ergänzte Steffi, „will jeder Mann etwas von einer Frau, wenn er sie dauernd umarmt.“ „Was heißt denn hier dauernd umarmt?“, entgegnete Merle schroff. „Wir verabschieden uns doch nur und dabei umarmen wir uns eben auch. Das machen doch alle so. Da ist doch erst einmal nichts dabei.“

„Klar, aber trotzdem denke ich, dass er was von dir will und das nicht nur freundschaftlich sieht“, meinte Frauke auffallend ruhig. „Am besten achtest du bei eurem nächsten Treffen mal genauer darauf, wie er dich umarmt. Dann merkst du sicher, wenn seine Umarmung liebevoll ist und es würde mich ehrlich gesagt auch nicht wundern, wenn es so wäre.“

„Das ist eine gute Idee. Trotzdem bin ich lieber zuerst mal vorsichtig mit meinen Interpretationen“, sagte Merle nachdenklich. „Ich meine, sicher wäre es schön, wenn das mit mir und Oskar wirklich klappte. Er ist ein toller Mann und wir würden auch gut zueinander passen. Außerdem sieht er mich mal als Frau und gibt mir das Gefühl, dass er mich mag und wahrnimmt. Das tut schon gut, muss ich sagen. Allerdings möchte ich auch nichts überstürzen und das erst einmal beobachten, ehe ich mich in etwas verstricke, aus dem ich dann nicht mehr herauskomme. Immerhin haben wir uns nach dem Kino erst dreimal getroffen und das war doch alles eher unverbindlich.“

„Beobachten. Das ist ja mal eine tolle Idee!“, zischte Steffi ironisch. Dabei rollte sie die Augen und blickte theatralisch zur Decke.

„Das hast du doch nun wirklich lange genug gemacht, meinst du nicht, Merle? Und wohin hat dich das beim letzten Mal gebracht? Nur vom Beobachten kann man keinen Erfolg erzielen, das weißt du doch. Damit bist du schon in der Schule nicht gut gefahren. Nun bist du älter und solltest auch einen Schritt weiter gehen, finde ich. Natürlich solltest du nichts überstürzen, aber traue dir doch mal was zu. Schließlich bist du eine hübsche, intelligente Frau und was du erzählst, deutet schon sehr darauf hin, dass er was von dir will. Also, probiere es doch einfach aus. Beobachte sein Verhalten, dann weißt du, woran du bist.“

Merle wusste, dass ihre Freundinnen recht hatten mit dem, was sie sagten und sie beschloss, Oskar und sein Verhalten beim nächsten Treffen noch genauer unter die Lupe zu nehmen. Das tat sie auch und berichtete Steffi und Frauke gleich am nächsten Tag von ihren Empfindungen und von Oskars Verhalten. „Seine Umarmung war“, sie machte eine kurze Pause, in der sie nach einem geeigneten Wort suchte, „…innig. Und sie war sehr herzlich, von Wärme und Zuneigung geprägt, würde ich sagen. So habe ich es empfunden.“

„Na, siehst du“, jubelte Steffi. „Das habe ich dir doch gleich gesagt. Er mag dich!“

„Und du ihn auch. Deshalb solltet ihr nun mal einen Schritt weiter gehen. Ich würde sogar sagen, dass er in dich verliebt ist. Glaub mir, das war bei Steffen und mir damals auch so“, ergänzte Frauke.

„So redet man auch nicht mit einer Frau, in die man nicht verliebt ist. Das sagt mir mein Bauchgefühl und meine Erfahrung.“

Merle gingen die Worte ihrer Freundinnen immer wieder durch den Kopf. Sie hatten recht. Meistens konnte man von außen besser sehen und interpretieren, was zwischen zwei Menschen passierte, als wenn man selbst Teil der Szenerie war. Das war ihr in der Vergangenheit auch schon oft so gegangen und bei ihren Freundinnen sah sie auch immer genau, wenn sich eine Beziehung zu einem Mann anbahnte. Auch war ihr immer recht schnell klar gewesen, ob derjenige zu ihren Freundinnen passte oder nicht.

So gesehen sollte sie ihren Freundinnen ruhig vertrauen und es wagen. Sie beschloss, beim nächsten Treffen noch mehr auf Oskars Gesten und Hinweise zu achten, um eventuell die richtigen Worte zur richtigen Zeit zu finden und ihre Beziehung dadurch in eine bestimmte Richtung lenken zu können. Am Freitagabend war sie mit Oskar in einem Café verabredet. Merle freute sich auf das Treffen, machte sie sich doch berechtigte Hoffnungen, dass die Beziehung zu Oskar nun weiter voranschritt und sich vertiefen würde. Mit einer herzlichen und innigen Umarmung begrüßte Oskar Merle vor der Tür.

Er zog sie gewohnt eng an sich heran und küsste sie rechts und links auf die Wange. Dabei lächelte er freundlich und sagte leise „schön, dass du da bist“ in ihr Ohr.

Das kannte sie bereits von den vorangegangenen Treffen. Neu war allerdings der Blick, den Oskar ihr mit seinen stahlblauen Augen dabei zuwarf.

Für Merle drückte vor allem dieser die besondere Zuneigung aus, die er in dem Moment für sie empfand. Oder bildete sie sich das etwa ein? Merle war sich unsicher. Im Café setzten sie sich an einen Tisch im hinteren Bereich des Raumes. Dort war die Geräuschkulisse, welche die Gespräche der übrigen Gäste erzeugte, nicht ganz so hoch. Das war angenehm. Vor allem, wenn man sich mit seiner Begleitung unterhalten wollte. Merle erzählte Oskar von ihrer Woche an der Uni. Sie hatte zum ersten Mal seit langer Zeit wieder mit einem Mikroskop gearbeitet und war fasziniert von den scharfen Bildern, welche die Geräte erzeugen konnten und um welche Faktoren sich die Präparate darunter vergrößern ließen. Außerdem hatte Merle viel Neues über Zellen gelernt, was sie verblüfft und fasziniert hatte.

Oskar hörte aufmerksam zu und schaute sie nur an. Seine Augen wanderten zwischen Merles Augen und ihrem Mund hin und her und beobachteten aufmerksam jede ihrer Regungen. Die Augen, mit denen sie ihre Erzählungen unterstrich und den Mund, der die dazu passenden Worte hervorbrachte. Oskar lächelte manchmal und nickte hin und wieder zustimmend, oder auch aufmunternd. Merle erzählte ihm von Zellorganellen.

Diese bzw. deren Namen kannte sie schon aus der Schule und auch später an der Universität hatte sie sich eingehend mit ihnen beschäftigt und insbesondere deren Bedeutung für den Zellstoffwechsel studiert.

Allerdings hatte sie sie noch niemals so deutlich durch das Okular eines Mikroskops gesehen. Natürlich hatte Merle schon in den ersten Semestern häufig Zellen mikroskopiert und wissenschaftliche Zeichnungen davon angefertigt, aber dabei hatten sich ihr nicht annähernd solch differenzierte Bilder offenbart. Selbst die Oberflächen der Membranen konnte sie erkennen, wenn sie eine bestimmte Einstellung wählte.

„Hast du so etwas schon einmal gesehen, Oskar? Obwohl die Membran durchsichtig ist, schillert sie in vielen verschiedenen Farben und offenbart dem Betrachter damit einen einzigartigen Einblick in diesen Mikrokosmos des Lebens. Selbst wenn man nicht gläubig ist, erhält man in diesem Moment eine vage Vorstellung davon, was Schöpfung bedeutet und wie perfekt dabei alles ist. Ich habe noch nie so etwas Faszinierendes gesehen. Weißt du, was ich meine?“

Dieses Mal nickte Oskar nicht zustimmend. Er gab Merle auch keine Antwort. Das irritierte sie und ließ sie kurz innehalten, um Oskars Reaktion noch etwas abzuwarten. Als er jedoch nicht reagierte, wiederholte sie ihre Frage.

„Hast du schon einmal eine Membran unter dem Mikroskop und all die schönen Farben gesehen?“ Oskar war immer noch stumm und schaute Merle nur verträumt an. Da verstand sie plötzlich, was gerade passierte. Oskar hatte sie nicht angelächelt, weil sie solch interessante Geschichten über Einzeller und Organellen zu erzählen hatte. Vielmehr war er beeindruckt von ihr.

Merle deutete den Ausdruck in Oskars Augen als Zuneigung. Oder war das Liebe? Hatten Steffi und Frauke etwa recht gehabt? War Oskar wirklich verliebt in sie? Merle wurde es mit einem Mal ganz heiß. Natürlich, das war tatsächlich der Blick eines Verliebten gewesen. Sie hatte es nur nicht gemerkt, weil sie ganz in ihrem Gespräch verhaftet war.

Deshalb hatte er ihr auch keine Antwort auf ihre Frage gegeben. Wie auch? Bestimmt hatte er ihr gar nicht zugehört und nichts von dem mitbekommen, was sie erzählt hatte. Merle jubelte innerlich vor Freude!

Endlich war sie an dem Punkt angekommen, an dem sie insgeheim schon lange sein wollte. Und das mithilfe eines Gespräches über Zellorganellen. Das war doch sehr erstaunlich. Bei diesem Gedanken musste sie unwillkürlich lachen. Sie sah Oskar mit einem Lachen im Gesicht an.

„Du bist verliebt in mich. Deshalb hast du mir nicht richtig zugehört, stimmt´s?“ Oskar antwortete nicht. Für einen kurzen Moment reagierte er überhaupt nicht, sondern saß nur da und lächelte. Genauso wie in den Minuten zuvor.

Dann verfinsterte sich plötzlich seine Miene. „Wie bitte?“ Mit einem Mal wirkte er sehr ernst und starrte Merle an.

„Du bist verliebt in mich. Das sehe ich an deinen Blicken“, wiederholte sie und strahlte dabei.

Oskar sah Merle wortlos an. Dann blies er ruckartig etwas Luft durch die Nase, schüttelte den Kopf und zog dabei leicht die Schultern hoch. „So ein Quatsch! Nein, auf keinen Fall. Da hast du wohl was falsch verstanden, Merle. Ich habe nur gerade über etwas nachgedacht, als du mich gefragt hast. Deshalb konnte ich dir nicht gleich eine Antwort geben.“ Nun lächelte er wieder und nickte bestätigend.

„Ach so“, entgegnete Merle. Das breite Lächeln verwandelte sich augenblicklich zu einem ernsten Gesichtsausdruck. Ihre Stimme war nun dünn, ohne ihren üblichen Klang und wirkte unsicher. Ihr Herz klopfte auf einmal schnell und heftig.

Sie hatte das Gefühl, dass es durch den Druck, den es erzeugte, jeden Moment ihren Brustkorb zerspringen ließe, oder alle Blutgefäße ihres Körpers zum Platzen bringen würde. Beides geschah nicht. Dafür fühlte sie aber, wie sich ihre Kehle zuschnürte. Sie spürte den typischen Kloß im Hals, der immer vorhanden war, wenn man kurz davorstand, in Tränen auszubrechen.

Dazu kam es zum Glück nicht. Allerdings war dies das einzige Positive, was Merle diesem Abend abgewinnen konnte. Den Rest des Aufenthaltes im Restaurant nahm Merle nur noch vage wahr. Konnte sie sich tatsächlich so geirrt haben?

Das war das Peinlichste, was ihr jemals in ihrem Leben widerfahren war. Wie konnte sie sich nur zu so einem Satz hinreißen lassen?

Wie konnte sie nur so plump einen Mann ansprechen, obwohl sie doch hätte wissen müssen, dass es immer anders war, als man dachte? Nun hatte sie die Quittung für ihr Verhalten bekommen. Nur eines beruhigte sie. Wenigstens hatte sie die Tränen zurückhalten können, obwohl es ihr in dem Moment doch sehr nach Weinen zumute gewesen war. Merle fühlte sich sehr verletzt und auch ein wenig bloßgestellt.

Nachdem ihre Unterhaltung ein so jähes Ende genommen hatte, wollte Merle den Ort ihrer Niederlage schnellstmöglich verlassen. Sie bezahlten und verließen gemeinsam das Café. Oskar hatte sie noch nach Hause begleitet.

Der Weg dorthin war Merle endlos lange erschienen. Eine Unterhaltung war kaum noch möglich und inhaltlich auf das Nötigste reduziert. Vor der Tür verabschiedete sie sich mit einem knappen „gute Nacht“, was er ebenso erwiderte und ging ins Haus, ohne Oskar noch einmal anzusehen. Als sie die Haustür hinter sich geschlossen hatte, liefen ihr bereits die Tränen über die Wangen. Sie ging ins Bad und legte sich anschließend ins Bett.

Die Nacht verbrachte sie hauptsächlich mit Weinen. Wie konnte sie sich nur so in einem Menschen täuschen? Warum hatte sie nur auf ihre Freundinnen gehört und sich von ihnen zu einer solchen Vorgehensweise überreden lassen?

Immer wieder gingen Merle die Bilder und Worte des Abends durch den Kopf. Was hatte sie nur übersehen? Warum hatte sie denn nicht gemerkt, dass alles ganz anders war? Vielleicht, weil sie es so sehen wollte und nur das wahrnahm, was in ihr eigens kreiertes Bild passte. So musste es gewesen sein.

Und wie sollte sie nun weiter machen? Ihren Freundinnen würde sie nichts davon erzählen, das stand für sie fest. Jedenfalls nicht die Wahrheit. Sie hatte versagt. Das war ihr schon peinlich genug und außerdem müsste sie nur hemmungslos weinen und das wollte sie nicht. Merle beschloss, sich einen Tag Bedenkzeit zu nehmen und erst danach Steffi und Frauke zu kontaktieren. Als sie am Samstagmorgen aufstand, erschrak sie beim ersten Blick in den Spiegel. Obwohl ihr bewusst war, dass ihr Anblick nach den Qualen der vergangenen Nacht sicherlich keine Augenweide sein konnte, musste sie mehrmals in den Spiegel schauen, um sicher zu sein, dass es wirklich ihr Gesicht war, das ihr aus demselben entgegenblickte. Sie sah aus wie eine Kreatur aus einem Horrorfilm. Einem schlecht Gemachten wohlgemerkt.

Ihre Augen waren durch die vielen Tränen, die sie in der Nacht geweint hatte, stark gerötet und dass sie umgebende Gewebe auf das Doppelte des eigentlichen Volumens angeschwollen. Auch das Gesicht sah kaum besser aus. Ihre Wangen waren eigentlich immer leicht gerötet. Das fand sie in der Regel nicht schlimm.

Nun waren sie aber ziemlich rot, während der Rest des Gesichtes blass und fahl aussah. Die Strapazen der Nacht waren offensichtlich nicht spurlos an ihr vorbei gegangen und erinnerten sie nur noch mehr an ihre Blamage. Kein Wunder, dass sich Oskar nicht in mich verliebt hat, dachte Merle. Bei dem Anblick würde sicherlich jeder Mann lieber zu einer anderen laufen. Sie spürte, dass ihr bei diesem Gedanken schon wieder unwillkürlich die Tränen in die Augen schossen. Sie schluckte hart und konzentrierte sich, sodass sich ein erneuter Heulanfall vermeiden ließ. Den Samstag verbrachte Merle damit, etwas Hausarbeit zu erledigen und Liegengebliebenes aufzuarbeiten. Sie benötigte zwar sehr viel Zeit für alles, aber es lenkte sie wenigstens etwas ab und das war das Wichtigste.

Es machte wenig Sinn, sich den ganzen Tag den Kopf über etwas zu zerbrechen, das vorbei war und das man nicht mehr ändern konnte. Nachmittags kochte sie sich einen Kräutertee und setzte sich auf ihr gemütliches Sofa. Was sollte sie denn nun Steffi und Frauke sagen? Belügen wollte sie die beiden eigentlich nicht, aber die Wahrheit über den Abend konnte sie ihnen auch nicht sagen. Besser gesagt wollte sie es nicht, weil es ihr zu peinlich war. Merle dachte immer wieder über die Situation nach und versuchte sich etwas Passendes für ihre Freundinnen zurechtzulegen.

Am Abend, zwei Packungen Kekse später, hatte sie sich schließlich eine Strategie erarbeitet, mit der sie zufrieden war, nichts ahnend, dass trotzdem wieder alles ganz anders kommen würde als gedacht. Sie würde ihren Freundinnen erst einmal nur von dem Gespräch erzählen, dass sie in dem Café waren und sich gut unterhalten hatten. Das entsprach der Wahrheit, wenn es auch nur die Hälfte der Geschichte war. Doch manchmal war es einfach klüger, nicht alles zu offenbaren, das wusste Merle aus Erfahrung. Sogar die Sätze hatte sie schon formuliert, die sie Steffi und Frauke darbieten wollte. Doch dann kam alles anders.

Da die beiden Freundinnen am Sonntag gemeinsam beim Klettern waren, kam ein Treffen frühestens am Montag in Frage. Da hatte Merle aber bis 18 Uhr Vorlesung, weshalb sich das Treffen nochmals verschob. Merle fand das gar nichts schlecht. So konnte etwas Gras über die Sache wachsen und die Gefahr, doch noch in Tränen auszubrechen und die Contenance vor Steffi und Frauke zu verlieren, wurde mit jedem Tag geringer. Nicht, dass sie Steffi und Frauke nicht vertraute.

Bestimmt würden die beiden sie trösten und ihr Bestes geben, dass es ihrer Freundin wieder besser ging.

Das wäre zwar kurzfristig sicherlich angenehm gewesen, stand für Merle aber dennoch nicht zur Debatte.

Auch die Tatsache, dass sie sich wie eine Versagerin vorkam, gab nicht den Ausschlag, dass sie sich so sehr vor einem emotionsgeladenen Treffen scheute. Schließlich war es erlaubt, Fehler zu machen. Das war menschlich und andere, vor allem vertraute Personen, konnten es auch sehen, wenn einen etwas belastete. Vielmehr war es für sie eine schreckliche Vorstellung, vor anderen die Kontrolle zu verlieren.

Das war ein Gefühl, das sie überhaupt nicht mochte. Eigentlich konnte sie keinen Grund dafür nennen. Merle hatte bislang keine schlechten Erfahrungen mit Kontrollverlust gemacht, aber allein die Vorstellung erfüllte sie mit Unbehagen und einem Gefühl des Ekels. Ob es dafür vielleicht einen Grund gab? Aus ihrer Kindheit, oder einer Zeit an die sie sich nicht mehr erinnerte. Möglich war das, aber eine konkrete Ursache konnte sie trotz intensiven Nachdenkens dafür nicht ausmachen. Es spielte auch keine Rolle, denn ändern konnte sie das ohnehin nicht. Merle beschloss, wenigstens an diesen Teil ihrer Vergangenheit keine Gedanken mehr zu verschwenden.

Schließlich kostete sie das nur unnötig viel Kraft und sorgte überdies noch mehr dafür, dass sie sich schlecht und ohnmächtig fühlte. Auch den Sonntag verbrachte Merle in Ruhe und Zurückgezogenheit in ihrer Wohnung. Sie hängte ihren Gedanken nach und erholte sich von den Strapazen der vergangenen Tage.

Kräfte sammeln war nun angesagt, denn in der kommenden Woche standen an der Uni wieder einige Seminare und Kurse auf dem Programm, die anspruchsvoll waren und deshalb ihre volle Aufmerksamkeit verlangten. Wenn sie schon privat nichts Zählbares vorzuweisen hatte, so wollte sie wenigstens beruflich erfolgreich sein.

Diese Vorstellung gab ihr Kraft und ihre innere Stärke zurück. So vergingen die ersten Tage der Woche recht schnell. Merle ging jeden Morgen zur Uni und abends arbeitete sie das Gelernte auf, oder bereitete sich für den nächsten Tag vor. Manchmal ging sie auch zum Sport, denn den körperlichen Ausgleich konnte sie neben ihren anspruchsvollen Denkleistungen, die sie täglich erbringen musste, gut gebrauchen. Donnerstags wurde an der Uni Yoga angeboten. Den Kurs wollte sie schon länger einmal besuchen, hatte es aber bislang aufgrund ihres Arbeitspensums nie geschafft.

Am Dienstag hatte sie aber erfahren, dass eine ihrer Kommilitoninnen auch dort war. Mit ihr verstand sich Merle gut und deshalb hatte sie sich mit ihr dort verabredet. Yoga war so gar nichts für Merle, das wurde ihr schnell bewusst. Die meisten Übungen, selbst die leichten, konnte sie nicht annähernd durchführen. Ihr Körper war dafür einfach nicht gemacht und nicht biegsam genug. Außerdem nervte sie die einschläfernde Stimme der Kursleiterin und deren esoterisches Gehabe. So ein Quatsch! Merle war in Gedanken noch ganz bei den Eindrücken des Yogakurses, als sie nach Hause ging.

Sie überlegte, ob es wohl Menschen gab, deren Anatomie tatsächlich besser geeignet war für Dehnübungen als die von anderen.

Vielleicht konnte man das aber auch lernen und sie musste nur länger dabeibleiben und stetig üben, um besser zu werden. Merle wurde plötzlich aus ihren Gedanken gerissen, weil sie auf einen Ast trat, der laut unter ihrem Fuß knackte. Sie schreckte auf. Ihr Blick fiel auf ein verliebtes Paar, das in einiger Entfernung auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand und sich innig küsste und umarmte. Eigentlich schaute Merle nicht zu, wenn Paare in der Öffentlichkeit so intim miteinander waren und Zärtlichkeiten austauschten, aber dieses Mal verharrte ihr Blick auf den beiden. Als sie näherkam, erkannte sie, was ihr Interesse geweckt hatte.

Es war Oskar. Er stand eng umschlungen an der Straßenecke und liebkoste eine Frau. Merle spürte einen heftigen Stich in der Magengrube. Ihr wurde es schlagartig kalt, während sich ihr Herzschlag merklich beschleunigte, die Frequenz sich deutlich erhöhte. Ihr Verstand befahl ihr, wegzusehen und zügig, aber möglichst unauffällig, den Ort des Geschehens zu verlassen, doch sie konnte nicht. Unaufhörlich starrte sie in Richtung des Paares und da sie in dessen Richtung lief, konnte sie auch mit jedem Schritt besser erkennen, was da vor sich ging. Es gab keinen Zweifel, das war Oskar. Aber wen hielt er da so eng umschlungen? Merle konnte die Frau nicht richtig erkennen, aber irgendwie kam sie ihr doch bekannt vor.

Die Statur und Silhouette der Person erinnerte sie an jemanden, wenn sie auch nicht wusste, an wen. Die Zeit schien für Merle wie in Zeitlupe zu vergehen. Es kam ihr vor wie bei einem Unfall, wenn Menschen hinterher berichteten, dass sie den Baum ganz langsam auf sich zukommen sahen und den Aufprall in hundertfacher Verlangsamung erlebten. Mittlerweile war sie fast auf gleicher Höhe. Sie traute sich kaum noch hinzuschauen. Schließlich wollte sie nicht gesehen werden.

Das hätte ihr gerade noch gefehlt. Sie senkte ihren Blick und drehte die Augen immer wieder in Richtung von Oskar und dessen Begleitung. Und plötzlich wusste sie es. Die Frau war eine ehemalige Schülerin an ihrer Schule. Einige Jahre jünger als Merle und optisch ganz anders als sie. Den Namen konnte sie nicht mehr erinnern. Martina, Mara, Mia? Irgendetwas in der Richtung, dachte Merle. Auch den Nachnamen wusste sie nicht. Aber das war auch egal. Warum sollte sie den kennen? Es war so, wie Merle es beobachtet hatte. Daran änderte auch der Name nichts.

Als Merle zu Hause ankam, zog sie schnell Jacke und Schuhe aus und hängte ihre Yogasachen im Schlafzimmer auf, denn obwohl Yoga eine eher ruhige Sportart war, konnte sie doch recht schweißtreibend sein. Besonders für Anfängerinnen, wie Merle eine war. Sie setzte sich mit einer Cola auf die Couch. Vor ihrem inneren Auge konnte sie das Bild von Oskar und der Frau ganz deutlich sehen. Es war, als wäre es in ihre Netzhaut eingebrannt.

Merle konnte es nicht fassen. War das also der Grund für Oskars Verhalten neulich im Café gewesen?

Hatte er schon die ganze Zeit Interesse an dieser Frau gehabt, sich mit ihr getroffen und gleichzeitig Dates mit Merle vereinbart? Das war doch nicht fair! Weder ihr noch der anderen gegenüber. Vielleicht hatte er auch an dem Abend die ganze Zeit über sie nachgedacht, vielleicht sogar über ein Erlebnis, das er kürzlich mit ihr hatte und war deshalb so abgelenkt und wirkte so verliebt. Sie hatte das fälschlicherweise auf sich bezogen, was in der Situation aber durchaus nachvollziehbar gewesen war.

Wie auch immer, es war nicht fair von ihm. Aber so waren Männer nun einmal. Ihnen ging es nur darum, bei jemandem zu landen. Dabei war das Wie genauso egal wie die Tatsache, ob dabei jemand anderes verletzt wurde oder nicht. Merle liefen die Tränen über die Wangen. War sie etwa auf ewig dazu verdammt, der Fußabstreifer aller Männer zu sein? Das war keine schöne Vorstellung!

Was hatte die andere Frau denn, was besser und attraktiver war? Konnte sie ihn glücklicher machen als Merle? War sie hübscher und klüger als sie? Irgendeinen Grund musste es geben. Merle legte ihre Lieblingsmusik ein. Die Texte waren auf Deutsch und rührten Merle nur noch mehr. Warum ging es in der Musik auch immer nur um Liebe und Partnerschaft? Beim Refrain fing Merle an zu weinen.

Am Samstagabend war Merle mit Steffi und Frauke verabredet. Sie hatte versprochen, ihnen von den Ereignissen der vergangenen Tage ausführlich zu berichten.

Die Freundinnen trafen sich in der neuen Kneipe, in der sie schon neulich nach dem Kino gewesen waren. Frauke verspätete sich an dem Abend etwas und deshalb unterhielten sich Steffi und Merle zunächst darüber, was sie in den vergangenen Tagen an der Uni erlebt hatten.

Das gefiel Steffi eigentlich nicht, denn sie platzte fast vor Neugier, fand sich mit der Entscheidung aber recht schnell ab, weil sie der Meinung war, dass auch Frauke ein Recht auf unverfälschte Neuigkeiten aus erster Hand hatte. Schließlich waren sie Freundinnen und da nahm man schon auch einmal etwas in Kauf, das nicht so angenehm war.

Sonst hätte sich Frauke sicher zurückgesetzt und ausgeschlossen gefühlt und das wollten weder Steffi noch Merle. Außerdem war Frauke nicht schuld daran, dass sie zu spät kam. In der Wohnung über ihr war die Badewanne übergelaufen und sie musste sich zuerst um die Beseitigung des Schadens kümmern, ehe sie weggehen konnte. Jedenfalls so gut ihr das möglich war. Den Rest müsste ohnehin eine Fachfirma erledigen.

„Na, sag schon, wie ist es gelaufen? Was hat er gesagt? Wie hat er reagiert? Hat er dich wieder umarmt, oder habt ihr euch endlich mal geküsst?“ Frauke war ganz aufgeregt und sprudelte regelrecht über vor Fragen, als sie am Tisch Platz nahm.

Merle überlegte kurz und blickte vor sich auf die dunkle Tischplatte. Dadurch steigerte sie die Spannung bei den anderen nur noch mehr, das war ihr bewusst, aber sie wollte nichts Unbedachtes sagen. „Das mit Oskar und mir wird nichts. Er ist nicht mein Typ. Und außerdem hat er eine andere.“ Steffi und Frauke starrten Merle fassungslos an. Steffi stand sogar der Mund offen, so erstaunt war sie. Eine solche Antwort hatten natürlich beide nicht erwartet.

Steffi war die erste, die aus der Schreckstarre erwachte und sagte: „Was, wieso das denn auf einmal? Das hätte ich aber nicht gedacht! Das glaube ich nicht.“

„Das kann doch nicht sein“, ergänzte Frauke. „Die Anzeichen waren doch wohl eindeutig. Das verstehe ich nicht.“ Sie schüttelte den Kopf.

Merle zog die Augenbrauen nach oben und die Mundwinkel gleichzeitig leicht nach unten. „Na ja, so interessant fand ich den nach den weiteren Gesprächen gar nicht mehr. Er ist ein echter Spießer und hängt immer noch total an seiner Mutter, finde ich. Das wurde mir immer mehr bewusst und das hat ihn schlussendlich doch eher langweilig gemacht für mich. Welche Frau steht schon auf Muttersöhnchen? Und außerdem hat er mehr Interesse an einer anderen, die übrigens früher bei uns auf der Schule war. Ich habe ihn gerade neulich mit ihr gesehen. Dann soll er sie haben und dann das mit uns eben nicht sein.“

Merle war stolz auf sich und auch ein bisschen erstaunt. Die Worte waren ihr scheinbar gleichgültig über die Lippen gekommen, ohne das geringste Anzeichen einer Emotion.

Dabei hatte sie im Vorfeld noch nicht einmal überlegt, was sie zu ihren Freundinnen sagen wollte, hatte sich keine vorgefertigten Sätze zurechtgelegt, die es ihr leichter gemacht hätten, dass auszudrücken, was sie wollte.

Frauke und Steffi atmeten gleichzeitig hörbar durch die Nase aus.

Dann meinte Steffi: „So ein Blödmann!

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