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Aus gutem Holz

Vorwort

Die dem 100-jährigen Bestehen der Zehnder Holz und Bau AG gewidmete Unternehmens- und Familiengeschichte steht im eigentlichen Sinne für das ganze traditionsreiche Schweizer Gewerbe. Handwerk – angesiedelt in Dorfschaften und Städten – die unbestrittene Stütze für die Wirtschaft unseres Landes.

«Handwerk hat goldenen Boden!» Nicht zu verleugnen – so gibt es hundertfach ähnliche Geschichten in unserem Land. Diejenige von Zehnder Holz und Bau AG ist eine davon – ein Dank sozusagen an all die mutigen und schaffigen Männer und Frauen, die ihrem Handwerk treu bleiben und treu geblieben sind. Und eine Ermutigung an unsere junge Generation mit ‘Herz und Hand’ etwas anzupacken.

Im Vordergrund eines jeden Unternehmen stehen die Mitarbeitenden – angefangen vom Inhaber über die Fachkräfte, den Lernenden, bis hin zu den Hilfskräften. Und so hat der Autor diesem Buch mit der Beschreibung von Personen – ihren Wegen und Berufungen – Leben eingehaucht.

‘Aus gutem Holz’ ist nicht nur eine Unternehmensgeschichte – nein, eine ganze Abfolge von spannenden Lebensgeschichten sind in diesem Buch zu finden. Also – viel Spass beim Lesen!

Es gibt nur zwei Arten zu leben.

Entweder so, als wäre nichts ein Wunder

oder so, als wäre alles ein Wunder

Albert Einstein

Inhaltsverzeichnis

Jubiläum

Iberg

Krieg und andere Unruhen

Marksteine

Sturm und Drang

Neue Zeit

Es gibt viel zu tun

Freude und Trauer – nah beisammen

Trigonit und Elementbau

Markus und Gaby

Wie der Meister, so das Werk

Das Glück des Tüchtigen

Mutig voran

Jubiläum

Heute ist Donnerstag, der 23. Mai 2019 – ein lauschiger Frühsommerabend, und es schaut ganz danach aus, als wollte dieser Wonnemonat seinem Ruf doch noch gerecht werden. Denn die vergangenen Tage waren alles andere als wonnig – Regen noch und noch – und die Medien berichteten von Überschwemmungen und Dauereinsätzen der Feuerwehr – besonders im Norden von Deutschland.

Markus und Gaby Zehnder sind Inhaber der Firma Zehnder Holz und Bau AG, einem mittelständischen in Hegi beheimateten Gewerbebetriebes. Sie sitzen gemütlich im Wohnzimmer und geniessen die herrliche Aussicht bis hinauf zum Schauenberg, der bereits in die Abenddämmerung getaucht, nur noch als Silhouette zu erkennen ist.

Hegi ist einer der östlich liegenden Vororte von Winterthur. Ihren Wohnsitz haben die beiden in Elsau, der anschliessenden Gemeinde im Eulachtal. Ein schmuckes von Markus und seinen Männern gebautes Holzhaus, etwa drei Kilometer vom Unternehmen entfernt.

Vor ihnen auf dem Wohnzimmertisch funkelt der Rotwein in den Gläsern, sie nehmen beide einen Schluck – eine liebgewonnene Gewohnheit nach einem arbeitsreichen Tag.

Gaby ist von zierlicher Gestalt, auffallend sind ihre ausdrucksvollen grünblauen Augen, die feingezeichnete, stets Freundlichkeit ausstrahlende Mundpartie und der wuschelige, braune Kurzhaarschnitt. In ein paar Tagen wird sie ihren 54. Geburtstag feiern, ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern und als Geschäftsleitungsmitglied zuständig für die Finanzen und Administration. Gaby und Markus sind stolz auf ihren Nachwuchs: Anna, geboren am 7. Januar 1993, gelernte Hochbauzeichnerin, dann Studium zur Ergotherapeutin, zurzeit tätig bei der Brühlgutstiftung Winterthur und Lukas, geboren am 2. Juli 1995, gelernter Koch, tätig bei mehreren Gourmetrestaurants und zurzeit im «le Meurice», in Paris bei Alain Ducasse.

Gaby, eine Vollblutunternehmerin? Ich weiss es nicht, fragt sie selbst. Ich glaube eher, dass Gaby ihrem Wesen nach mütterliches verkörpert, also nicht nur Mutter von einer Tochter und einem Sohn, nein, auch ‘Mutter der Zehnder Holz und Bau AG’.

Ja, richtig – gerade vor einigen Tagen hatte Gaby wieder Mal einen ihrer ‘Notfalleinsätze’. Einer der Lernenden – ich nenne ihn Tim – war schon zwei Tage der Arbeit ferngeblieben. «Keine Ahnung, was da los ist», meinte Sandra Läderach, die Personalverantwortliche. «Ich rufe mal an», sagte Gaby und erfuhr von Tims Mutter, dass sie auch nicht wisse, was er habe. «Richten Sie ihm bitte aus, dass er heute Nachmittag um zwei Uhr vorbeikommen soll. Ich möchte mit ihm sprechen», bestimmte Gaby kurzentschlossen.

Und tatsächlich, Tim machte sich auf die Socken und erschien pünktlich in dem Besprechungsraum neben den Büros. «Guten Tag, Tim», begrüsste Gaby ihn lächelnd, «Willst du einen Kaffee?» «Ja… gerne…, nein, lieber … ein Glas Wasser, Frau Zehnder.» «Hoppla, das tönt aber kläglich», dachte sich Gaby, «so kenne ich unseren Tim ja gar nicht.» «Also los, nun sag schon …, gibt’s Probleme mit der Arbeit?», fuhr Gaby fort. «Nein, nein, mit der Lehre läuft alles super, aber…» Tims Stimme klang schon etwas fester, doch dieses Zögern liess Gaby aufhorchen. «Wenn’s nicht die Arbeit ist, dann kann es nur noch Eines sein.» Sie nahm einen Schluck von ihrem Tee und hakte nach: «Nun sag schon, wo drückt dich der Schuh?» «Die Claudia …, dieses …, dieses Miststück», knorzte er mühsam hervor und seufzte erbärmlich. Dann strich er sich mit der rechten Hand über die Augen und liess die geballte Faust auf die Tischplatte krachen. «Verdammte Scheisse», entfuhr es ihm mit einem erneuten Seufzer. «Alarmstufe 1 – hab ich’s mir doch gedacht», ging es Gaby durch den Kopf, und nach einem weiteren Schluck aus ihrer Tasse äusserte sie sich: «So, so, die Claudia. Nun, erzähl schon.» Tim setzte sein Glas an die Lippen und beugte sich vor. «Am letzten Samstag waren wir im ‘Zimmer 31’», begann er klagend, «und da hat sie mir gesagt, dass es mit uns zu Ende sei. Sie habe einen anderen kennengelernt, einen, der bei der Bank arbeite. Und ich, ich bin doch nur ein armseliger Zimmermannslehrling.» «Halt, halt, Tim! Was heisst da armselig? In einem Jahr bist du ein ausgelernter Zimmermann, das steht jetzt schon fest. Und überhaupt, wie lange kennst du diese Claudia schon?» «Zwei Monate», antwortete Tim mit verkniffenen Lippen. «Aber Frau Zehnder, glauben Sie wirklich, dass ich die Lehrabschlussprüfung schaffe?» «Klar doch, lieber Tim – so, wie du dich anstellst. Und wegen Claudia…, was hast du gesagt, seit zwei Monaten kennt ihr euch? Wenn du mich fragst, ich finde es gut, dass sie reinen Tisch gemacht hat. Das hätte nie was Festes werden können. Liebeskummer lohnt sich nicht, mein Lieber. Sei getrost, die Richtige wartet bestimmt schon auf dich.» Tim leerte sein Glas und stellte es mit einem flüchtigen Lächeln auf den Tisch. «Sie haben Recht, Frau Zehnder. Werde auf die Zähne beissen und zurück an meinen Arbeitsplatz gehen.» «Genauso, hab doch gewusst, dass du dich nicht kleinkriegen lässt. Also, auf geht’s.»

Ja, Gaby Zehnder hätte noch Einiges in dieser Hinsicht zu berichten, doch nicht nur in Sachen ‘Liebesleid und -schmerz’. Bei den Mitarbeitenden – zurzeit sind es fünfzig, darunter sieben Lernende – gibt es immer Mal wieder Lebensumstände, die Trost, Ermutigung oder ein ‘unter die Arme greifen’ nötig machen. Sandra Läderach bespricht besonders happige Fälle jeweils mit Gaby und dann entscheiden sie über die nächsten Schritte. Sollen sie sich zu zweit mit dem Betreffenden (oder auch mit den Betreffenden) zusammensetzen, oder nimmt Gaby das Heft selbst in die Hand. Wenn’s um die Not eines Lernenden geht, ist das meistens Gabys Sache, da gibt’s nichts zu deuteln. Die Auszubildenden liegen ihr, aber auch Markus, ganz besonders am Herzen. Zurzeit sieben junge Burschen in Ausbildung zum Zimmermann EFZ. Ja bei dieser anvertrauten kleinen Schar kann Gaby, neben all dem Papierkram, ihr mütterliches Wesen so richtig ausleben. Und wenn’s was zum Trösten gibt, hört sie immer Mal die etwas scherzhafte aber liebevolle Bemerkung aus dem Mund ihres Mannes: «Ja, ja, die Gaby, unsere Glucke mit ihren Küken.»

Nun zu Markus! Stämmig mit markanten Gesichtszügen – diplomierter Holzbau-Meister, Geschäftsführer und Präsident des Verwaltungsrats, hat vor Kurzem seinen 60. Geburtstag gefeiert und ist der nach Strich und Faden umsichtige Patron des Unternehmens. Übrigens: Holzbau-Meister mit höherer Fachprüfung führen in der Regel einen eigenen Holzbaubetrieb, oder bekleiden eine leitende Position in einem grösseren Unternehmen. Sie holen Aufträge ein, beraten Architekten und Bauherren. Sie verfügen über die fachlichen Kenntnisse, um die technische und kaufmännische Leitung einer Unternehmung zu gewährleisten. Markus Zehnder verkörpert dies Alles mit Leib und Seele. «Holz ist sein Leben», könnte man sagen.

Dieser Rohstoff, in der Stille ausgedehnter Wälder gewachsen, zur rechten Zeit gefällt, zu Balken und Brettern gesägt und behauen, und dann wieder in Hausfassaden, Firstgebälk und Täferungen Gestalt annehmend – ein Schöpfergeschenk, tüchtigen Handwerkern anvertraut.

Ja, genau. Tüchtigkeit ist die Grundlage für gutes Gelingen. Wie schon gesagt, die Zehnder Holz und Bau AG beschäftigt aktuell fünfzig Mitarbeitende: Holzbautechniker und Schreinertechniker als Projektleiter, Zimmerleute, Schreiner und eben die sieben Lernende. Nicht zu vergessen, die den Büroalltag bewältigenden drei Frauen, die guten Seelen des Betriebs.

Und so herrscht an der Rümikerstrasse 42 in Hegi, dem Standort des Unternehmens, emsige Betriebsamkeit. In den Produktionshallen gibt es grosszügige Arbeitsplätze. Hier wird gesägt, gefräst, gebohrt und geschraubt, dass es eine wahre Freude ist, zuzusehen. Eine Augenweide pur, aber nicht nur, nein, überall weht einem der unvergleichliche Duft von Holz um die Nase. Im ersten Obergeschoss des mit einer blauen Fassade angebauten Bürotrakts, befindet sich ein geräumiger Aufenthaltsraum, der von den Mitarbeitenden rege benutzt wird, sei es, um sein Znüni Brot zu geniessen, Kaffee zu trinken oder einfach ein bisschen zu plaudern. Markus und Gaby nehmen sich immer eine halbe Stunde Zeit, um die Pause zusammen mit den Leuten zu verbringen, und das von Markus jeden Morgen zubereitete Muesli zu geniessen. Ja, ihr habt richtig gelesen: Markus ist auch in dieser Beziehung ein Meister, und es gibt einige unter den Mitarbeitenden, die von ihrem Schinkenbrot auf eben besagtes Muesli umgestellt haben. Das gehört einfach dazu, denn die Zehnder Holz und Bau AG ist schlicht und einfach eine grosse Familie.

Zurück in Elsau, im Heim von Markus und Gaby. Markus nippt an seinem Glas und lehnt sich zurück. Gaby sitzt neben ihm am Tisch und lächelt. «Einfach schön, hier», sagt sie. «Und schau, dort über dem Schauenberg, wie der Mond aufgeht.» «Ja, prächtig», antwortet er. Ein letzter Sonnenstrahl stiehlt sich ins Wohnzimmer und malt goldene Punkte auf die Tischplatte. «Verrückt, wie die Zeit vergeht», fährt Markus fort, «schon bald wieder Ende Mai und Arbeit in Hülle und Fülle, und immer dieser Termindruck.» «Nur nicht jammern, mein Lieber», beschwichtigt Gaby. «Das solltest du dich ja längstens gewohnt sein. Du weisst ja, wie’s auf dem Bau zugeht. Und übrigens, nichts wird so heiss gegessen, wie’s gekocht wurde. Schliesslich sollten wir dankbar sein, dass es so gut läuft. Erinnere dich daran, wir hatten auch schon andere Zeiten.» «Du hast Recht, entschuldige …, aber du kennst mich doch, Qualität und Termine einhalten, sind meine grössten Gebote.» «Ja, ja, ich kenne dich», erwidert Gaby mit spitzbübisch anmutendem Lächeln. «Und wenn du Mal eines deiner Gebote nicht halten kannst, dann bist du jeweils förmlich am Boden zerstört.» «Hm …, eigentlich nicht. Es beschäftigt mich einfach. Einen Bauherrn zu vertrösten, ist halt so gar nicht mein Ding.»

Gaby schenkt noch etwas Rotwein nach, nippt an ihrem Glas und räuspert sich nach einer kleinen Pause. «Habe übrigens heute Morgen ein riesiges Kompliment von einem Kunden erhalten.» «Kompliment …?» «Ja, er hat mir zum Jubiläum unserer Firma gratuliert und war ganz begeistert von der Holzpendeluhr, die wir an der Messe in der Eulachhalle ausgestellt haben.» «Das freut mich. Wurde auch schon einige Male darauf angesprochen. Aber erinnerst du dich noch, das war schon eine knifflige Sache. Ist mir heute noch ein Rätsel, wie die Mitarbeiter darauf kamen, so etwas Kompliziertes und Aussergewöhnliches auszuwählen.» «Also mich erstaunt das keineswegs. Zu einem Hundertjahrjubiläum gehört doch einfach etwas Aussergewöhnliches. Und es war doch spannend mitzuverfolgen, wie dieses Kunstwerk entstand.» «Sicher! Zum Glück hatten wir Unterstützung von diesem Eberhard Reinstadler, diesem Holzuhrenbauer aus Sulden. Und Mathias Rohner und Adrian Kundert haben uns gezeigt, was aus Holz alles gebaut werden kann.» «Das kann ich nur unterstreichen. Trotzdem, einige hitzige Diskussionen zwischen den beiden, habe ich im Aufenthaltsraum mitbekommen, und es wurde mir schnell klar, dass dieses Projekt doch einiges an Kopfzerbrechen bereitet.» «Ja, ja, die beiden bewegten sich an den Grenzen ihrer Kunst», pflichtet Markus schmunzelnd bei. «Angefangen hat’s ja schon bei der Auswahl der Hölzer, und der eigentliche Knackpunkt war die Einstellung der Uhr. Das hat den Beteiligten sicher einige schlaflose Nächte bereitet. Aber ich kenne meine Männer, die lassen sich nicht so einfach ins Bockshorn jagen. Und schliesslich funktionierte dieses Vorzeigestück aufs Beste.» «Auf jeden Fall hat diese Holzpendeluhr mächtig Eindruck gemacht. Für mich ist sie das wahre Glanzstück unserer hundertjährigen Firmengeschichte. Bin sehr stolz.» «Ich glaube, das können wir Alle sein. Aber nicht nur das. Wir können auch dankbar sein, dass uns so etwas gelungen ist. Und es gibt noch etwas, auf das wir mit grosser Dankbarkeit zurückblicken können. Ich meine den Wendepunkt vor zwölf Jahren, als du und ich den Bereich ‘Holz und Bau’ in eigener Regie übernahmen, und Hansjörg und Ingrid den Holzhandel und die Planungs- und Generalbautätigkeit in eigener Hand weiterführten.» «Ja, ja, ich erinnere mich noch gut», sinniert Gaby. «Am Anfang war das schon noch eine echte Zitterpartie. Aber heute weiss ich, es war die richtige Entscheidung für alle Beteiligten.» «Das unterstreiche ich in jeder Hinsicht», bekräftigt Markus mit einer ausholenden Armbewegung. «Doch weisst du, was mir schon aufgefallen ist? Weil die beiden Betriebe ihren Standort in unmittelbarer Nachbarschaft haben und beide den Namen Zehnder tragen, meinen die meisten Leute, dass wir zusammengehören.» «Wenn’s weiter nichts ist», bemerkt Gaby und macht sich daran, das Geschirr abzuräumen, «lassen wir sie ruhig im Glauben, denn ein Stück weit haben sie ja auch Recht. Wir sind zwar zwei eigenständige Unternehmen, doch wir haben ein gutes Miteinander.»

Iberg

Die Geburt eines Menschen ist etwas Einzigartiges, und dies trotz der schier unzählig winzigen Geschöpfe, die Tag für Tag das Licht der Welt erblicken. Die einen sprechen von einem Geheimnis – von einem göttlichen Geschenk gar, andere erklären im Brustton der Überzeugung, dass Geburt, oder besser gesagt Fortpflanzung nichts mehr als ein biologischer Vorgang sei. Ja, von Geheimnis könne schon gar nicht die Rede sein, denn von der Befruchtung einer weiblichen Eizelle über die Zygote bis hin zum fertigen Menschlein, sei die Wissenschaft über jedes Detail informiert, und daraus jedes Mal eine Geheimniskrämerei zu machen, sei nun einfach nicht am Platze.

Sei, es wie es sei. Doch eines weiss ich mit Bestimmtheit: Als Konrad Zehnder im Jahre 1874, als zweiter Sprössling der Bauernfamilie Konrad und Barbara Zehnder in Iberg zur Welt kam, waren Schwangerschaft und Geburt im Denken und Erleben der Menschen noch weitgehend Gottgegeben. Nicht umsonst nannte man das Gedeihen von neuem Leben im Mutterleib ‘in guter Hoffnung sein’, und das sagt eigentlich schon alles, man hoffte auf Gott, dass alles gut gehen werde. Damals gab’s noch keine Ultraschall-Untersuchung, und offenbar, ob es ein Knabe oder Mädchen ist, wurde es erst, wenn das kleine strampelnde Wesen in den Händen der Hebamme lag.

Und so begab es sich auch bei Zehnders in Iberg, dieser kleinen beschaulichen Aussenwacht südlich von Winterthur. Der kleine Konrad wurde von der Hebamme mit geübtem Griff beider Hände aufgehoben, bekam einen Klaps auf den Hintern, begann zu schreien, wurde dann gewaschen und gewickelt, der Mutter in die Arme und dann in die bereitstehende Wiege gelegt. Doch kein Mensch konnte an diesem Tag ahnen, geschweige denn noch wissen, dass dieser Konrad einmal Gründer der im Jahr 2019 hundertjährig gewordenen Zehnder Holz und Bau AG werden würde. Also doch: Menschwerdung, aufwachsen, das Leben gestalten und etwas erschaffen, ist und bleibt ein Stück weit ein Geheimnis. Daran haben auch die grossen Aufklärer der Menschheit: wie Voltaire, David Hume und Immanuel Kant nur wenig ändern können. Menschenwissen ist Stückwerk, eingebunden in Raum und Zeit. Und der Versuch, diese Grenzen zu übersteigen, gehört oftmals nur ins Reich der Fantasie.

Konrad, der Zweitälteste, wuchs zusammen mit seinen drei Geschwistern Anna, Elise und Jakob auf. Das kleine Bauerngehöft am Rande der Weilers Iberg war sein Zuhause. In der winzigen Mansarde unter der einen Dachschräge und über dem Wohnzimmer mit dem grossen Kachelofen, befand sich seine Schlafstatt. Ein Refugium ganz für Konrad allein, bis neun Jahre später ein zweites Bett für seinen Bruder Jakob in den Raum gestellt wurde.

Die Familie Zehnder war zum grössten Teil Selbstversorger. Im Stall standen zwei Milchkühe, und manchmal – in einem Holzverschlag an der Wand – tummelte sich auch ein Kälbchen, das bis zum Verkauf an den Metzger aufgezogen wurde. Zwischen Kuhstall und Remise befand sich die Boxe von Cornelius, dem Ardenner Kaltblut, der für die schwere Arbeit auf Hof und Feld zuständig war. Ein gutmütiger Brauner mit weisslicher Mähne und buschigem Behang über den Hufen. Konrads Zuneigung zu diesem Arbeitstier war sprichwörtlich. Beinahe täglich umhegte er ihn mit Striegel und Bürste, mistete die Boxe aus, streute frisches Stroh, streichelte liebevoll über die sich wie Samt anfühlenden Nüstern und reichte ihm einen halben Apfel. Aber weiss der Kuckuck, warum der Name dieses Pferds Cornelius lautete. Auf Deutsch bedeutet dies ja ‘Horn’ oder sogar ‘der Gehörnte’, und das ist wirklich schwer nachvollziehbar für mich.Vater Zehnder erwarb ihn von einem Kyburger-Bauer unter diesem Namen, doch Konrad Junior nannte ihn einfach Corny, das passt besser zu ihm, meinte er. Doch halt – ich habe noch weiter recherchiert: Da gab’s Mal einen Schutzpatron für das Vieh mit Namen Cornelius; vielleicht sollte dies die Bestimmung von ihm sein.

Zum Hof gehörte schliesslich auch ein Hühnerhof mit emsig pickendem und gackerndem Federvieh und einem stolzen Hahn. Eine Katzenfamilie durfte natürlich nicht fehlen, die immer, wenn gemolken wurde, wie auf Kommando sich vor der Stalltür versammelte und darauf wartete, dass der Bauer die zwei dort stehenden Schälchen mit frischer Milch füllte. Und da war auch Bläss, der Appenzellerhund, der Wachhabende, doch schon ein bisschen in die Jahre gekommen, und meistens halt ein Schläfchen vor seiner Hütte neben dem Stall haltend.

Im grossen Garten vor dem Haus wuchsen Kohl, Zwiebeln, Karotten und Lauch. In Reih und Glied standen daneben einige Johannisbeersträucher und darüber entlang des Gartenzauns rankten Brombeeren. Doch Mutter Barbaras ganzer Stolz waren die mit grosser Sorgfalt gehegten zwei Blumenbeete. Mit der Schneeschmelze im März streckten da schon die Schneeglöckchen und Primeln ihre Blütenköpfe ans Licht, dann folgten die Osterglocken und Tulpen, und im Herbst konnte man die Farbenvielfalt der Astern bestaunen. Nicht selten bewunderten Sonntagsspaziergänger diese Pracht und hielten mit Barbara jeweils einen kurzen Schwatz. Über den Abhang in Richtung Kollbrunn erstreckte sich ein ansehnlicher Kartoffelacker und daneben wuchsen einige Reihen Runkelrüben. Bis hinauf zum ‘Sessel’, diesem heute noch beliebten Aussichtspunkt von Iberg, gab’s einen kleinen Obstgarten; Apfelbäume mit Berner Rosen, Goldparmänen und Sauergrauich, und einen prächtigen Birnbaum mit ‘Kaiser Alexander’.

Ja, bei Zehnders war dafür gesorgt, dass jeden Tag etwas auf den Tisch kam. Zu hungern brauchte niemand. Und jedes Jahr kurz vor der Adventszeit wurde das übers Jahr gemästete Schwein geschlachtet. Dann hingen Speckseiten und Dauerwürste in der Rauchkammer des Kamins, und weitere Fleischstücke wurden gesalzen und in grossen Steinguttöpfen eingemacht.

So gingen die Jahre ins Land. Doch eines habe ich noch nachzutragen: Im Geburtsjahr von Konrad, also 1874, erhielt unser Land eine Totalrevision der Bundesverfassung. Darin wurden einige Neuerungen, unter anderem das Referendumsrecht – ein wichtiger Aspekt der direkten Demokratie – verankert.

Konrad ging gerne zur Schule, zuerst nur einige Schritte entfernt in die Primarklassen im Schulhaus von Iberg, und dann, eine gute halbe Stunde zu Fuss, in die Sekundarschule von Seen, dem südlich gelegenen Vorort von Winterthur. Seine Lieblingsfächer waren Naturkunde, Geschichte und Geografie. Was es da nicht alles zu entdecken gab! Stets lag ein Buch aus der Schulbibliothek auf seinem Nachttisch, mit Geschichten über die grossen Weltentdecker David Livingston, James Cooke und Vasco da Gama, um nur Einige zu nennen. Ja, Konrad wollte Forscher werden, wollte hinaus in die weite Welt, bestaunen und erforschen, was der Schöpfer in seiner unermesslichen Vielfalt so alles auf diesem Erdenrund geschaffen hat.Ein Bubentraum? Ja schon ein Stück weit, doch in Konrads kleiner Welt gab’s einige sogenannte weisse Flecken, wo er seinen Forscherdrang ausleben konnte. In seiner Freizeit war er oft in dem Waldstück anzutreffen, das sich in Richtung Eidberg erstreckt. Dort strich er stundenlang zwischen den himmelwärts strebenden Fichten umher, lauschte auf das emsige Klopfen des Spechts und das Gurren der Wildtauben, schlüpfte neugierig und mutig durch den dornenberankten Jungwuchs, entdeckte da die Kuhle einer Rehgeiss und dort einen Fuchsbau und nahm sich Zeit, alles fein säuberlich aufzuschreiben, was seinen Augen und Ohren begegnet war. So, wie ein richtiger Forscher.

In seinem Notizheft steckte immer eine durchgepauste A4-Seite, auf der das Waldstück, versehen mit einem Koordinatennetz, aufgezeichnet war. Dort trug er das Datum und was und wo er auf seinem Streifzug alles entdeckt hatte ein. In seiner Nachttischschublade lag ein ganzes Bündel solcher Aufzeichnungen, und an manchen Abenden, wenn die Zehnder-Schar am Wohnzimmertisch versammelt war, holte er seine neuesten Aufzeichnungen hervor und referierte ausführlich über seine Entdeckungen. Mutter, Anna und Elise klapperten dazu mit ihren Strickzeugen, Vater tat so, als würde ihn das Ganze brennend interessieren, und Jakob, der Dreikäsehoch, bestürmte ihn mit Fragen noch und noch. Doch immer Mal wieder, weil der kleine Jakob ihn darum bettelte, musste er über sein bestandenes Abenteuer im Herbst letzten Jahres berichten: Es war an einem nebligen schulfreien Mittwochnachmittag. Konrad, in der 2. Sekundarklasse und inzwischen 14-jährig, half den Eltern bis gegen sechszehn Uhr bei der Ernte im Runkelrübenfeld. «Ich geh noch in den Wald», verkündigte er dann. «Aber Konrad, was willst du dort?», gab seine Mutter zu bedenken, «bei diesem Wetter, es gibt bestimmt noch Regen und dunkel wird’s auch schon bald.» «Ich bleibe nicht lange, Mutter», antwortete er mit breitem Grinsen. Zurück im Haus stieg er in seine Stiefel, zog seine Windjacke über, steckte das Notizheft ein und stapfte los.

Als er den Waldrand erreichte, begann es tatsächlich zu Nieseln. «Mutter hatte also Recht», ging es ihm durch den Kopf, «aber ein echter Forscher lässt sich nicht so leicht vergraulen», ermunterte er sich und schlüpfte zwischen den Sträuchern, die den schmalen Pfad umwucherten, hindurch, hinein in seine Entdeckerwelt, gespannt und neugierig, was ihm wohl heute alles begegnen würde. Von den Tannästen tropfte es ohne Unterlass und ein Rauschen liess ihn erkennen, dass es nun richtig zu regnen begonnen hatte. Aber sonst war es still, es schien ihm, als schlafe der Wald mit allen seinen Bewohnern. Etwa fünfzig Schritte vor ihm breitete sich ein Dickicht mit allerlei Gesträuch und mannshohem Farn aus. Darüber schwebten Nebelschleier – gespenstisch schier – und tauchten alles in ein diffuses Licht. Konrad blieb stehen, eine leichte Beklommenheit erfasste ihn für Sekunden, doch dann siegte sein Forscherdrang. Entschlossen umfasste er seinen knorrigen Stock, den er immer mit sich trug, mit festem Griff und stapfte los. Vorsichtig bog er die triefenden Farne zur Seite und drang, rechts und links von Dornenranken bedrängt, in das Dickicht ein. Dann – wie aus heiterem Himmel – war das Chaos da! Ein Grunzen ertönte, ein Quietschen, Laub wirbelte auf, Zweige knackten, und nur fünf Schritte vor ihm, ergriff ein Rudel Wildschweine die Flucht. Zuerst vor Schreck beinahe gelähmt, dann aber völlig gefasst, suchte Konrad Deckung und verfolgte fasziniert, wie sich die zwei oder drei Bachen mit ihren halbwüchsigen Frischlingen auf und davon machten. Doch der Höhepunkt dieses Abenteuers und nochmal ein paar Schrecksekunden traten ein, als sich ein schwarzborstiges Ungeheuer aus dem flüchtenden Rudel löste, sich zu ihm umdrehte, seinen Rüssel mit den furchterregenden Hauern anhob, ihn anstarrte und ein drohendes Grunzen von sich gab. Konrads Herz pochte wie wild, doch er tat das einzig Richtige, verharrte regungslos in seiner Deckung und sah dann mit Erleichterung, wie dieser schwarze Ritter schnüffelnd seinen riesigen Kopf schüttelte, sich wieder umdrehte, und davontrottete, seinem Rudel, seinen Schutzbefohlenen, nach.

Jugendzeit, wie schnell sie doch vergeht,

ausgefüllt mit Lernen, Streben – Bubenstreichen.

Gleicht einem Blatt, das flugs vom Baume weht,

und stellt geheimnisvoll des Lebens Weichen.

Frühjahr 1889 – kurz vor Ostern ist Konrads letzter Schultag. Vorbei das ‘Schulbankdrücken’, das Zeugnis nicht gerade hervorragend, aber immerhin: kein ungenügend. Doch was will man von diesem strammen sommersprossigen Burschen anderes erwarten, von Konrad, den es doch von Kindsbeinen an immer hinaus in die freie Natur zog, der von theoretischem Wissen nicht so viel hält und immer danach strebt, was Hand und Fuss hat.

«Und, was willst du werden?», fragt Vater nach dem Abendessen, während er Konrads Zeugnis mit Stirnrunzeln studiert. «Forscher …», kommt es kurz und bündig aus Konrads Mund. Mutter schüttelt den Kopf und Elise kichert hinter vorgehaltener Hand. «Forscher …, Forscher …», brummt Vater und zieht heftig an seinem Stumpen. «Wie stellst du dir das vor?» «Hm …, weiss noch nicht …, aber vielleicht fahre ich einfach mal los.» «Was sind das für Flausen, Konrad», fährt Vater fort und neigt seinen Kopf zu ihm hin. «Der Trachsel im Ohrbühl, wo ich ja manchmal aushelfe, hat eine Lehrstelle als Zimmermann …, ich glaube, das wäre was für dich.» «Zimmermann …?», erwidert Konrad erstaunt – im tiefsten Innern weiss er doch, dass das mit dem Forscher doch nur ein Traum ist. «Meinst du, der würde mich nehmen?» «Sicher, hab schon mit ihm gesprochen, und morgen Nachmittag werden wir ihm einen Besuch abstatten.» Um es kurz zu machen: die Sache war schnell unter Dach und Fach. Konrad hielt schon drei Tage später seinen Lehrvertrag in der Hand. In einer Woche ist sein erster Lehrlingstag in der Zimmerei Trachsel.

Und dann ist es soweit. Frühmorgens macht sich Konrad zu Fuss auf den Weg zu seinem künftigen Arbeitsplatz. «Eine gute Dreiviertelstunde musst du schon rechnen», sagt Vater auf den Stall zusteuernd. «Ich komme dann am Nachmittag auch noch vorbei.» Mutter steht in der Tür und winkt. «Also, mach’s gut, Konrad», ruft sie und Elise hakt nach: «Hast du den Znüni?» «Ja, ja, hier im Rucksack», ruft er zurück und marschiert los.

Es ist noch recht frisch. Am östlichen Horizont zeigt sich der flammende Saum der aufgehenden Sonne über den Tannenwipfeln, rechts und links des Wiesenpfads in Richtung Weierhöhe, glitzert der Tau, und die Apfelbäume unten in der Ebene heissen ihn in ihrem prächtigem Blütenschmuck willkommen. Konrad liebt diese Morgenstunden, die Ruhe, die noch herrscht – das Erwachen des neuen Tages – unterstrichen von einem Hahnenschrei aus der Ferne. Doch ein wenig aufgeregt ist er schon. «Was da wohl alles auf mich zukommt», sinniert er. «Herr Trachsel scheint ja ganz umgänglich zu sein. Aber als Lehrmeister …» Sein Weg führt eingangs Seen am Hof von Brönnimanns vorbei. Dort begegnet er Heidi, seiner ehemaligen Mitschülerin, die gerade dabei ist, sich mit dem Zweiradkarren und den gefüllten Milchkannen zur Käserei aufzumachen. «Hoi Koni», ruft sie fröhlich, «so bist du unterwegs zum Trachsel?» «Ja, warum weisst du das?» Konrad macht einen Schritt auf sie zu und mustert sie neugierig. Heidi ist ein hübsches Mädchen, rundes gebräuntes Gesicht gespickt mit neckischen Sommersprossen, hellblauen Augen und dicken strohblonden Zöpfen. «Dein Vater hat’s uns letzte Woche berichtet», antwortet sie lächelnd, «er macht ja auf dem Heimweg immer mal einen Halt bei uns.» «Ach so. Ja, heute ist mein erster Tag als Zimmermannslehrling beim Trachsel», sagt Konrad nicht ohne Stolz. «So, so, der Forscher wird also Zimmermann», neckt ihn Heidi. «Willst du einen Schluck Milch?» Ohne abzuwarten, lockert sie den Deckel einer Kanne, taucht das Schöpfmass ein und reicht es Konrad. Bauer Brönnimann erscheint in der offenen Stalltür. «Heidi, was soll das? Bist du immer noch da? Hopp, hopp, mach dich auf den Weg.» Dann entdeckt er Konrad und hebt seine rechte Hand. «Ach so, der Zehnder Junior. Grüss dich Konrad, so, bist du unterwegs zum Trachsel?» «Scheint ja ein wichtiges Ereignis zu sein, mein Lehrlingsbeginn, alle Welt weiss davon», denkt Konrad schmunzelnd.

Zusammen mit Heidi macht er sich auf den Weiterweg. Sie plaudert in einem fort, berichtet von all den Dingen, die heute noch zu erledigen sind, und kurz bevor sie Richtung Käserei abbiegt, bleibt sie nochmals stehen, strahlt übers ganze Gesicht und verkündet: «Nur, dass du’s weisst – in zwei Wochen werde ich für ein halbes Jahr ins Welschland gehen, nach Yverdon zu einer Verwandten meiner Mutter.» «So», sagt Konrad. Er weiss nicht so recht, was es mit dieser Nachricht auf sich hat. Heidi ist ja wirklich ein hübsches Mädchen, hat immer was zu erzählen und ihr Lächeln könnte den höchsten Gipfelfirn zu Schmelzen bringen. Wiederholt kommt ihm der Gedanke, dass sie vielleicht ein Auge auf ihn geworfen haben könnte. «Das muss ich unbedingt noch herausfinden», geht’s ihm durch den Kopf. «Wir könnten ja Morgen oder Übermorgen mal einen Spaziergang machen, was hältst du davon?», sagt er so ganz beiläufig. «Ja gerne», kommt die Antwort postwendend, «Sagen wir Übermorgen um halb acht. Holst du mich ab?» «Abgemacht, ich freu mich.» Im Weitergehen schmunzelt Konrad vor sich hin. Und Heidi? Keiner bemerkt’s, und doch, es scheint, als könnte man ihr vor Freude hüpfendes Herz sehen. Mit beschwingten Schritten schiebt sie den Milchkarren das letzte Stück zur Käserei und schmachtet vor sich hin. Dieser Konrad ist halt schon ein flotter Bursche. Und wie der heute ausstaffiert ist in seinen schwarzen Cordhosen, dem kurzärmeligen Wams mit den Perlmuttknöpfen über dem weissen Baumwollhemd, und dem breitrandigen Schlapphut, wo seine braunen Locken neckisch hervorlugen. Ja, da gibt’s nichts zu deuteln: Heidi hat nicht erst heute, nein schon seit Längerem, ein Auge auf ihn geworfen.

Um viertel nach Sieben betritt Konrad das Areal der Zimmerei Trachsel. Ein behäbiges Wohnhaus mit dunkler, fast schwärzlicher Holzfassade und auf halber Höhe ein durchgehender Balkon mit schnörkeliger hölzerner Verkleidung. An den unteren und oberen Fensterleisten hängen Blumenkisten mit Geranien, die bald ihre volle Blütenpracht entfalten werden. Dicht neben dem Wohnhaus steht ein langgezogener scheunenähnlicher Bau; der vordere Teil aufgrund seiner dunklen Fassade schon älter, mit einem grossen zweiflügeligen Tor, darüber das Holzschild mit dem Namenszug «Zimmerei Trachsel». Links und rechts davon die ins erste Morgenlicht blinzenden Fensterreihen. Aber das ist noch nicht Alles: in der Verlängerung steht der erst vor Kurzem erstellte Anbau mit seiner noch hellen Holzfassade. Vor dem Wohnhaus und der Werkstatt gibt’s einen grossen bekiesten Vorplatz mit einer Einfahrt von der Ohrbühlstrasse. Und dort, vor dem grossen Tor, stehen vier Männer in ihren Arbeitskleidern: augenfällig abgetragene schwarze Baumwollhosen, weisse Hemden und breitrandige schwarze Filzhüte. Sie mustern Konrad mit neugierigen Blicken, und einer von ihnen macht einen Schritt auf ihn zu und reicht ihm seine Rechte. «Grüss Gott, ich bin der Hans Jakob», sagt er mit breitem Lächeln, «und du bist wohl der Konrad, der Zehnder Junior. Sei willkommen!» Die anderen drei nicken und geben Konrad nacheinander die Hand zum Gruss. Da öffnet sich die Tür zum Wohnhaus und Meister Trachsel tritt ins Freie. Eine imposante Erscheinung, um seine breiten Schultern spannt sich das ebenfalls weisse, aber frisch gestärkte Baumwollhemd. Er trägt schwarze breitstössige Cordhosen und seine Oberlippe ist umwuchert von einem grausträhnigen Schnauz. «Guten Morgen», ruft er in die Runde und wendet sich Konrad zu. «Bist auch schon da, Konrad, hättest ja erst um acht kommen müssen. Aber es ist auch gut so.» Er schliesst das grosse zweiflügelige Tor auf und betritt mit seinen Männern die Werkstatt. Konrad folgt ihnen und beobachtet, wie die Vier ihre Werkzeuge holen und an die Arbeit gehen. Meister Trachsel tritt zu ihm her und klopft ihm auf die Schulter. «So, nun zu dir, Konrad», sagt er, mustert ihn eine ganze Weile und fährt dann mit breitem Grinsen fort: «Siehst schon ganz aus wie ein Zimmermann. Aber dazu braucht’s jetzt noch ein paar Jährchen.» «Meine Mutter hat mir dieses Gewand geschneidert», antwortet Konrad nicht ohne Stolz. «Ja, ja, die Barbara ist eine ganz Tüchtige. Aber so kannst du nicht arbeiten. Schau, dort hinten in der Ecke bei den beiden Tischen, hängen ein paar Arbeitshosen, such dir eine aus, und dann kommst du wieder, damit ich dir alles zeigen kann.» Meister Trachsel nimmt sich viel Zeit, zeigt und erklärt Konrad alles, was da an Maschinen und Werkzeug vorhanden ist. Neben zwei grossen Fräsen mit langer, auf Rollen fahrender Zufuhrbank, eine Hobelmaschine und eine Menge Zimmermannswerkzeuge: Äxte, Hämmer, Beitel, Spiralbohrer, und was da so alles dazugehört. Ja, vieles ist noch echtes Handwerk; das Behauen oder Schlichten eines Balkens beispielsweise mit gezielten Axtstreichen, das Anbringen von Kerben und Nuten mit Beitel und Hammer, und das Kürzen mit der von Hand sauber geführten Abbundsäge.

Nach einer guten Stunde ist Konrads erste Lektion vorbei. «Bis zum Z’nüni schaust du jetzt den Männern zu», sagt Trachsel, «und dann fährst du mit dem Hans Jakob in die Sägerei nach Hegi. Dort holt ihr die bestellten Bretter ab. Nach meiner Einschätzung sind das mindestens drei Fuhren. Ich bin heute den ganzen Tag auf der Baustelle in Riketwil. Dort errichten wir eine grosse Scheune für Bauer Eggmann.» Mit diesen Worten verlässt Meister Trachsel die Werkhalle, besteigt draussen den mit einem Haflinger bespannten Leiterwagen, auf dessen Ladefläche allerlei Werkzeug liegt, und fährt mit zwei Männern los. Konrad tut, wie ihm geheissen wurde. Aufmerksam schaut er den Männern bei der Arbeit zu, stellt manchmal auch eine Frage, nickt eifrig zu den Antworten, obwohl: die meisten Erklärungen sind ihm noch fremd; all diese Fachbegriffe …, aber das wird schon noch werden. Zwei Stunden vergehen wie im Fluge. Er setzt sich an den Tisch zu den zwei Dagebliebenen, beisst in sein Schinkenbrot und nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche. Einer der beiden ist der bereits erwähnte Hans Jakob. Der setzt die vor ihm stehende Bierflasche an und nach einem hörbaren Rülpser steht er auf und sagt: «In fünf Minuten geht’s los in die Sägerei. Ich warte draussen.» Hans Jakob ist von stämmiger etwas untersetzter Statur. Sein Gesicht mit der auffallend breiten Nase ist rötlich gefärbt, wie die struppigen kurzgeschnittenen Haare. Konrad beeilt sich, verschlingt den Rest seines Brots, nimmt nochmals einen tüchtigen Schluck und begibt sich ebenfalls nach draussen. Auf dem Vorplatz steht ein langer Brückenwagen, bespannt mit zwei Gäulen, und Hans Jakob befindet sich, die Zügel in den Händen, bereits auf dem Führersitz. Konrad schwingt sich zu ihm empor, und los geht’s holpernd auf der Strasse Richtung Hegi.

Nach einigen Minuten kommen sie in der Sägerei Reismühle an und werden vom Sägemeister Kübler erwartet. «Hallo Hans Jakob», ruft er, «dort drüben die drei Stapel sind die eurigen.» Dann beginnt für Konrad und seinen Gefährten das Beladen der Bretter; eine Ochserei, wie’s im Buche steht.

Von der Kirche St. Arborgast in Oberwinterthur, erschallt das Mittagsgeläut, als die beiden mit der letzten Fuhre eintreffen. «Diese Hitze», stöhnt Hans Jakob und wischt sich mit seinem rotgemusterten Taschentuch den Schweiss von der Stirn. «Wie im Hochsommer, dabei haben wir doch erst Mitte Mai. Komm, Konrad, jetzt gehen wir erst essen, abladen tun wir nachher.» Mit diesen Worten macht er sich daran, auszuspannen, Konrad hilft ihm dabei, und gemeinsam führen sie die Pferde in den Stall im Neubau zu den gefüllten Krippen.

Essenszeit! Konrad und Hans Jakob machen es sich am Tisch in der hinteren Ecke der Werkstatt gemütlich. Hans Jakob holt einen Kanten Schwarzbrot, einen Cervelat und eine Flasche Bier aus seinem Rucksack. Konrad schält ein dickes Schinkenbrot aus dem Pergamentpapier und stellt eine Flasche Apfelmost vor sich auf den Tisch. Schweigsam essen sie. Sie sind allein, der Meister und die anderen sind oben in Riketwil auf der Baustelle. In der Halle ist es angenehm kühl. Nach dem letzten Bissen von Wurst und Brot und einem tüchtigen Schluck aus der Flasche, lehnt sich Hans Jakob zurück an die Wand und macht ein Nickerchen. Und Konrad? Er geniesst ganz einfach diese Ruhepause. In seinen Oberarmen spürt er ein Zerren, massiert und knetet die schmerzhaften Stellen mit den Händen und lächelt vor sich hin. «Das also ist nun meine Welt», sinniert er, «ich werde Zimmermann, vor mir liegt sozusagen ein ‘hölzernes Leben’», wer hätte das gedacht. Und Übermorgen werde ich mit Heidi einen Spaziergang machen’. Er schliesst die Augen und döst ebenfalls ein bisschen vor sich hin.

Nach einer geraumen Weile öffnet sich das Tor der Halle.

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