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Aus der Dunkelkammer des Bösen

Mark Benecke & Lydia Benecke

Aus der Dunkelkammer
des Bösen

Neue Berichte vom bekanntesten
Kriminalbiologen der Welt

Inhalt

  1. Einleitung
  2. Kapitel 1 – Hitlers Zähne
  3. Kapitel 2 – In Kopf und Knast bei Getriebenen
  4. Kapitel 3 – Sherlock Holmes reloaded: Auf der Suche nach der psychischen Störung
  5. Kapitel 4 – Pädophilie
  6. Kapitel 5 – Das »Heranzüchten« einer Ehefrau – wie aus Kindesmissbrauch Gefangenschaft wird
  7. Kapitel 6 – Was geht vor in Vergewaltigern und Sexualmördern
  8. Kapitel 7 – Mord im Dachstuhl
  9. Kapitel 8 – Mord unter Nachbarn
  10. Kapitel 9 – Nekrophilie: Lust an Leichen
  11. Kapitel 10 – Übersinnliche Ermittlungen
  12. Kapitel 11 – Zum Schluss: Mord, Lust und Mordlust
  13. Danksagung
  14. Literaturhinweise und Quellen
  15. Register
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Unseren Klienten – egal, ob PolizistInnen, Knackis oder Angehörige eines toten Kindes – gewidmet. Viele von ihnen haben bei der Fallbearbeitung mehr geleistet, als es ihnen irgendjemand jemals zugetraut hätte.
Das ist eindrucksvoll und hält auch uns bei der Stange.

Einleitung

Argh, wie man sich doch irren kann. Nachdem die kleine Trilogie aus den Büchern Mordspuren (kniffelige Fälle und Serienmord, oft aus Sicht der Täter), Mordmethoden (spannende Ermittlungen, meist aus Sicht der Ermittler) und So arbeitet die moderne Kriminalbiologie (biologische Spuren am Tatort) erschienen waren, teilte ich dem Verlag mit, dass ich beim besten Willen keine neuen Themen mehr im Angebot hätte. Auch das Vorschicken der bezaubernden Lektorinnen, eine leckere Dinner-Einladung sowie ein fantastisches Fläschchen Apfelschnaps konnten das nicht ändern.

Das wäre es also gewesen – wenn nicht kurz darauf meine Frau Lydia einen gigantischen Berg Papier vor sich aufgestapelt hätte. Den Inhalt kannte ich: Es war die Akte des Serientäters Luis Alfredo Garavito, der in Kolumbien über dreihundert Jungen zu Tode gefoltert hat. Im Alltag überaus sanft, ja geradezu weichlich, ist mir der in seinen Taten so brutale Mann bis heute vor allem deshalb gut in Erinnerung, weil er bei meinen Besuchen immer die Kaffeetassen vertauschte. Ich kriegte seine, er meine. Immer. Begründung: Sein Kaffee könnte ja vergiftet sein.

Dass ich stürbe, hätte ihm die Gefängnisverwaltung tatsächlich einen Giftcocktail zugedacht, war ihm wurscht. So lernte ich jemanden kennen, der die Gefühle anderer einfach nicht versteht – nicht einmal dann, wenn er sich damit mörderisch unbeliebt macht. Dazu passte auch Garavitos Abschiedsgeschenk an mich: Eine Bibel mit der Widmung: »Gott versteht mich, die Menschen nicht.« Damit hat er vielleicht sogar recht, dachte ich.

»Ist dir eigentlich aufgefallen«, fragte mich Lydia nun, »dass es da einige interessante Tests in der Akte gibt? Du musst sie beim letzten Besuch in Kolumbien durchgeführt haben.«

Nein, das wusste ich nicht mehr. Stattdessen erinnerte ich mich, damals stundenlang vor dem Gefängnis in der glühenden Sonne gesessen und mir dabei meine Füße komplett verbrannt zu haben. Verflucht seien alle Sandalen dieser Welt! Schuld an meinem Fußrückenbrand war eigentlich die Übersetzerin. Sie hatte die Tests morgens mit in den Knast genommen, denn ausgerechnet an diesem Tag musste sie alleine zu unserem Täter: Es war Frauentag, das heißt, nur Frauen durften ins Gefängnis. Ich hatte sie noch angefleht, sich nicht von Garavito umgarnen zu lassen. Acht Stunden und gefühlte zwanzig Flaschen Limo später kam sie wieder. »Er hat so interessant erzählt«, meldete sie fröhlich, »warum hätte ich früher gehen sollen?«

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Die Bildertests hatte ich recht zufällig herausgesucht, weil ich mir einfach nicht erklären konnte, warum der von Grund auf nette Mann Dinge getan hatte, die bereits mit einem Mindestmaß an Einsicht dazu führen müssten, dass man sich – anstatt die Taten zu begehen – entweder einweisen lässt oder von einer Brücke springt. Was war in Garavitos Gehirn so anders, dass er Kindern lebend den Kopf abschnitt, während er andere, gefesselte Kinder dabei zusehen ließ? Wie schaffte er es, sogar im Gefängnis unerkannt zu bleiben und von dort unter falschem Namen beinahe wieder freigelassen zu werden? Wie hatte er das Gericht dazu gebracht, eine Höchststrafe von nur fünfundzwanzig bis vierzig Jahren auszusprechen, wenn selbst der aufgeklärteste Mensch eine lebenslange Sicherheitsverwahrung fordern müsste? Und warum war der örtliche Priester davon überzeugt, dass sein Schäfchen Garavito durch die Taufe zu einem besseren Menschen wurde?

Zwar habe ich auch Psychologie im Nebenfach studiert, aber als herzenstief der Biologie verschriebener Student interessierte mich nicht so sehr die Software des Menschen als dessen harte Verdrahtung mit Nerven- und Sinneszellen. Den Beweggründen eines Serienmörders lässt sich so aber nicht auf die Spur kommen.

Kurz gesagt, der Fall Garavito steckte damals fest. Ich wusste nur absolut nicht, wo. Weil ich im Denken sehr schlicht, im Rumprobieren aber umso größer bin, hatte ich daher einfach den Stapel Tests eingepackt, bei dem die Aufgaben aus simplen Bildern bestehen (siehe Abb. unten). Ich dachte, das würde eventuell die Kommunikation mit Garavito erleichtern. Leider fiel auf das für den Besuch festgelegte Datum der erwähnte Frauentag. Die Auswertung des Tests hatte ich danach offenbar aufgrund meines von Limo erweichten Hirns und der durchaus nagenden Sorge um die beim Besuch des Serientäters verschollene Übersetzerin aus den Augen verloren.

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»Das ist ja lustig«, sagte Lydia mit ihrem Stirnrunzeln, das aus einer ganz anderen Welt kommt. »Hast du dir wirklich nie Gedanken darüber gemacht, dass Psychologen solche Täter begutachten und beschreiben? Und dass dafür dieselben Regeln gelten, die auch ein Naturwissenschaftler anwendet: Vorhersagbarkeit und Nachprüfbarkeit?«

Nein, hatte ich nicht. Wer Sperma, Blut, Drogen und Insekten einsammelt und ordentlich beschriftet, macht sich eben keine Gedanken um vermurkste Lebensläufe. Das sollte sich ändern.

Wir durchforsteten fortan Zeitungen, Artikel und meine eigenen Fälle nach den »missing links«, also den seelischen Beschreibungen der Täter. Das machte so viel Spaß, dass ich sogar einige meiner Vorträge entsprechend umbaute. Ergebnis war, dass wir ganz neue Nachfragen aus dem Publikum erhielten – von Opfern, Tätern, Angehörigen und Informanten. Es war überwältigend. Die Vorgänge, wie sie in der modernen forensischen Seelenkunde erforscht werden, waren großteils unbekannt. Nicht nur mir, sondern auch den meisten Zuschauern.

Deshalb haben wir einige der spannendsten Fälle hier aufgeschrieben. Die psychologischen Teile des Buches stammen von Lydia, das Übrige von mir. Dass der Stil dabei ein wenig wechselt, ist gewollt. Genau so reden wir mit den Klienten – jeder ein bisschen anders und mit verschiedenen Schwerpunkten und Sichtweisen, aber dennoch als Team, das hinterher alles zu einem hoffentlich stimmigen Gesamtbild zusammenfügt. Deswegen haben wir auch kleine Zusatztexte eingebaut, in denen Sie neben Gesprächen mit einigen unserer Informanten auch am Wegesrand unserer Forschungen liegende Blüten und Kräuter finden.

Dieses Buch war übrigens eine Höllenarbeit, für die wir vieles hintenanstellten. Bücher scheiben ist keine romantische Tändelei für nette Abendstunden … erst recht nicht, wenn es um vermurkste Verbrechen und noch vermurkstere Verbrecher geht. Es hatte aber zwei hübsche Vorteile. Erstens ärgere ich mich nicht mehr über Taten, die meiner Meinung nach eigentlich nie hätten passieren dürfen, denn in den meisten Fällen habe ich jetzt verstanden, warum es so kam, wie es kam. Schön war diese Einsicht nicht. Aber, wie der Kölner sagt: »Et is, wie et is.« Zudem: Was man versteht, lässt sich vielleicht auch ändern. Das gilt auch für Erkeimendes in der Dunkelkammer des Bösen.

Zweitens geht unsere kriminalistische Buchserie nun also doch mit einem neuen Blickwinkel weiter, den Sie so garantiert nirgendwo aufbereitet finden. Wir schließen Türen auf, von denen selbst ich nichts geahnt hätte, wenn mich meine Frau nicht zu psychologischen Kongressen und schmutzigen Gerichtsverhandlungen geschleppt sowie allerhand neue Forschungsarbeiten ausgegraben hätte, die Sigmund Freud prähistorisch aussehen lassen.

Außerdem muss ich unserem stets neugierigen Publikum bei öffentlichen Veranstaltungen danken. Ihre Nachfragen sind es, die uns immer wieder darüber nachdenken lassen, ob ein Fall wirklich so abgelaufen sein kann, wie es »alle« meinen. Ergebnis davon ist beispielsweise der Baukasten für Straftäterseelen, den Lydia Ihnen hier vorstellt.

So entstand eine Sammlung von Kriminalfällen, die wir nicht nur spannend finden, sondern die teils nicht nur das Leben der Betroffenen, sondern auch das unsere verändert haben. Wer sich eher für technische Einzelheiten der Fälle interessiert, surft einfach die kostenlose und werbefreie Webseite »benecke.com« an, wo auch Spezialartikel ohne Registrierung und Schnickschnack gratis aufrufbar sind. Muss aber nicht sein – Sie halten ja das deutlich unterhaltsamere Buch in Händen.

Also: Viel Spaß beim Lesen.

Mark Benecke

Köln, im Mai 2011

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Es war unglaublich kalt. So kalt, dass mir zum ersten Mal im Leben der Schädelknochen einzufrieren drohte, mir die Ohren fast abfielen und ich mir nichts dringender herbeisehnte als eine winddichte Mütze mit möglichst großen Schlappohren. Egal, wie doof die aussehen würde.

Wir standen am Roten Platz, am Hintereingang des Kreml. Ein sehr netter, aber etwas zauseliger Mann in hellblauer Polyesterfluffjacke – von unserem »Fixer« (von engl. »to fix«: etwas richten) zweifellos großzügig bestochen – begrüßte uns und führte uns in die Kellerräume. Ich staunte: Alles, wirklich jede Ecke und jeder Winkel, stand voller Lenin-Nippes. Große und kleine Büsten – teils verhüllt, damit der Staub der Zeit sie nicht zerfressen möge, teils aber auch wie soeben erst aufgestellt – duckten sich in gedeckten Farben unter endlose Regalreihen und Kellerdecken (siehe Abb. unten).