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David Lopez

Aus der Deckung

Roman

Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller

Hoffmann und Campe

Pablo

Eine Schwade schlägt mir entgegen. Als ich die Tür öffne, sehe ich einen dicken braunen Schleier unter der Decke hängen und darin eingetaucht sie alle. Ixe stört es nicht, wenn man bei ihm raucht, Hauptsache, keine Kippen. Ich schaue zu ihm rüber, kann ihn kaum erkennen. Er schwebt im Dunst. Zu dir kommt man gern, sage ich. Ohne abzuwarten, ob ich etwas hinzufügen will, stellt er mir die übliche Frage. Willst du einen drehen? Klar.

Er hat das Zimmer nie umgeräumt. Ich lasse mich also auf dem kleinen, unbequemen Hocker am Couchtisch nieder, meinem Stammplatz. Ixe sitzt an seinem Schreibtisch links von der Tür, neben seinem Bett, das stets so ordentlich gemacht ist, dass man meinen könnte, er schlafe nie darin. Dabei geht er nicht oft raus. Er wartet, dass man zu ihm kommt. Er wohnt am Ortsausgang, dahinter liegt eine Wiese, dann der Wald. Es ist ruhig. Dieses Häuschen nennt er seinen Bau. Er hätte einen guten Höhlenmenschen abgegeben, sagt er oft.

Sieht nicht gut aus, dein Auge, meint Poto hinten im Zimmer zu mir. Er mischt schon die Karten. Ich antworte erst mal nicht, denke nur, dass ich diesen Deckenstrahler nicht mag, sein kaltes Licht, dann stöhne ich, Leute, ihr wart selbst da, ihr habt es gesehen, mehr gibt es nicht zu sagen. Ist nicht um viel gegangen, meint er, und ich erwidere, es sei kein Spiel. Sie sollten mal lieber halblang machen mit den Aufmunterungen, fügt Sucré hinzu, der sich neben Poto gesetzt hat.

Bei Ixe läuft immer Musik. Poto stört das nicht, er verbringt seine Zeit damit, die Rhymes der Sänger zu zerpflücken, die wir hören. Er bittet Ixe, das Lied noch einmal abzuspielen, wegen eines mehrsilbigen Rhymes, den er gehört haben will. Hört mal hin, Jungs, habt ihr’s gecheckt, den Rhyme auf a-i-eu, nein, antworte ich, hab nicht aufgepasst. Sucré nickt, während Ixe, über seinen Schreibtisch gebeugt, nichts sagt. Er macht sich daran, eine Platte zu teilen. Sie liegt auf einem Tranchierbrett, das Metzgermesser daneben. Brauchst du ein Piece, Jonas?, fragt er mich. Okay, sage ich, gib mir ’n Fünfundzwanziger, wie immer. Ich muss brüllen, damit er mich versteht. Jeder hat seine eigene Technik, um ein Stück von dieser Größe zu schneiden. Die besonders Vorsichtigen erhitzen die Klinge. Ein anderer Kumpel, der Untel heißt und mit Shit dealt, steckt die Platte glatt in die Mikrowelle. Ixe nimmt den Föhn.

Zigarettenpapier, Shit, eine Kippe. Das legt Ixe mir auf den Tisch, weil es ihm zu lange dauert, bis ich in die Gänge komme. 1-a-Stoff, wirft er mir zu, man braucht nicht viel. Das sagt er immer, er kennt mich. Ich will nicht so schnell ausgeknockt werden. Ich schiele mit meinem geschwollenen Auge zu ihm hinüber, er hat rote Augen, ist nicht mehr ganz frisch. Als ich ihm das sage, lacht er, während er gleichzeitig seine Augenringe reibt. Jetzt ist mir klar, warum ich nicht so viel reintun soll.

Also, spielen wir jetzt, oder was? Poto ist heiß darauf. Warte, ich dreh noch, und lass mich vorher mal dran ziehen, damit ich fit werde. He, Ixe, stell die Musik leiser, mir brummt der Schädel. Poto kündigt an, er werde mich beim Kartenspiel abziehen, und plötzlich höre ich eigenartigerweise seine Stimme sehr deutlich. Ich lache, während ich mit der Zigarette auf meinen Daumennagel klopfe. Dadurch klopfe ich meinen Marokk gut fest, jenes Stück der Kippe, das als Filter dienen soll. So ist es milder, angenehmer zu rauchen als mit einem Filtertip, der gar nichts filtert, denn er ist ja nur ein Stück gerollter Karton. Als ich jünger war, hielt ich Marokkraucher für Weicheier. Es war mir unbegreiflich, dass man da etwas mildern wollte. Heute ist es kein Fest mehr. Vom Filtertip zum Marokk umzusteigen heißt, ein wenig reifer zu werden.

Was ist das für ein Stoff?, frage ich Ixe. Harziger Schwarzer, wie du ihn magst, antwortet er. Oha, sage ich, und dann ziehe ich ihn kurz durch eine kleine Flamme, bevor ich ihn unter meine Nase halte. Der Stoff duftet gut. Normalerweise zerbröselt man den Shit, erwärmt und zerreibt ihn. Mit diesem geht das nicht, er ist zu klebrig. Darum knete ich ihn zu einer Kugel, die ich mit der Spitze eines herumliegenden Bleistifts aufspieße und ins Feuer halte. Wenn er gut ist, brodelt er. Das Ganze dauert drei Sekunden. Mit Tabak vermischt schmilzt der Shit, legt sich auf jeden Krümel, Tabak und Shit verbinden sich. Als würde beim Mischen eines Kartenspiels der Stapel zu einer einzigen Karte werden. Der Shit zwischen den Fingern ist geschmeidig. Er riecht gut. Poto meint, es sei nicht gut, den Stoff so anzusengen, weil die Verbrennung den Wirkstoff freisetze. Das gilt auch für Ixe und seine bescheuerte Föhnerei, fügt er hinzu. Pass auf, erwidere ich, gleich verpasst er dir eine, und er blafft zurück, er würde gleich mir eine verpassen, wenn ich mich nicht beeilte. Poto ist immer ungeduldig. Aufgedreht. Heute Abend schimpft er nicht so viel, es geht.

Ich mische lange. Brauche immer eine Ewigkeit für einen Joint. Einen schludrig gedrehten Joint finde ich vulgär. Als würde man guten Wein aus einem Wasserglas trinken. Ich werde häufig darauf angesprochen und antworte immer dasselbe, ihr seid Ferkel, ihr habt vor nichts Respekt. Poto mischt die Spielkarten seit fünf Minuten so intensiv, dass es mich nicht wundern würde, wenn sie wieder nach Farben geordnet wären. Er kündigt an, eine 8 zu ziehen, und dreht die erste Karte auf dem Stapel um. Es ist ein Karokönig. Ixe kündigt eine Dame an, es ist eine 2. Sucré spielt nicht. Ich sage König und decke den Pikkönig auf. Das ist ein Zeichen, sage ich, heute zeig ich’s euch.

Ich habe das Papier angefeuchtet, den Joint gerollt. Ich klopfe ihn auf meinem Daumennagel fest. Poto beobachtet mich aufmerksam, er muss immer lachen, weil ich so viel Sorgfalt darauf verwende. Ich halte den Spliff in der linken Hand, nehme mit der rechten mein Feuerzeug und halte es beim Anzünden nach unten, damit die Flamme an der Metallummantelung des Zündsteins hochlodert. Dadurch wird das Metall heiß. Anschließend lege ich den Joint drauf, das erhitzt den Marokk. Der darin enthaltene Tabak wird weich, und wenn er wieder erkaltet, bildet er mit dem Shit ein homogenes Amalgam, sodass der Joint nicht krümelt und keine Brösel auf den Lippen oder der Zunge kleben bleiben. Dann nehme ich ihn in den Mund, zünde ihn an, nehme einen ersten Zug und richte mich auf meinem Hocker auf. Ich habe eine Fackel gedreht. Dichter weißer Rauch. Habemus papam. Sucré hebt fragend das Kinn. Jungs, ich bin so weit.

Ich habe nicht auf Ixe gehört. Habe zu viel reingepackt. Den zweiten Zug behalte ich in der Lunge und atme nicht aus. Das Zwerchfell ist gespannt, wenn ich zu schnell loslasse, bekomme ich einen Hustenanfall. Das kenne ich schon. Verziehe das Gesicht. Unglaublich, was du für eine Fresse ziehst, meint Ixe, Schnauze, antworte ich mit gepresster Stimme, denn ich kann kaum noch die Luft anhalten. Husten fördert die Wirkung von Cannabis, die kleinen Äderchen in der Kehle öffnen sich, und dann schießt es direkt ins Gehirn. Als würde man beim Gang über den roten Teppich durch die Hintertür eintreten.

Ich schlage vor, mit dem Spiel zu beginnen, denn langsam reicht es mir. Dann los, meint Sucré, recht hat er, und Poto meckert, ja, geht’s noch, wir warten schon die ganze Zeit auf dich, aber Ixe teilt mit, dass Miskine gleich kommt, also warten wir auf ihn. Ach so, er kommt auch? Ihr seid vielleicht anstrengend, sagt Poto, nachdem er die Karten ausgelegt hat. Eine 4! Nein, es war eine 8. Für mich eine 7. Die 7! Hast du ein Glück, sagt er.

Ich streiche mit der Hand über mein Gesicht. Überall Beulen. Die reinste Buckelpiste. Mein geschwollenes Lid wölbt sich über das linke Auge, ich kann damit fast nichts mehr sehen. Seine Rechte habe ich nie in den Griff bekommen. Und meine Linke war immer unten, in Höhe der Schulter. Kein Wunder. Im Auto haben wir kaum ein Wort gewechselt, aber ich erinnere mich, dass Sucré mir vorschlug, Eis daraufzulegen. Ich habe erst einmal abgewimmelt. Mit Eis auf dem Auge kann ich nicht Karten spielen. Ich will aber, dass jetzt ausgeteilt wird, jetzt sofort, dass wir spielen, die Klappe halten, rauchen.

Los, machen wir eine Partie zum Aufwärmen. Poto ist voll dabei, kurz entschlossen nimmt er Ixe das Kartenspiel aus der Hand und beginnt zu mischen wie ein Croupier, nur nicht so geschickt, wir ziehen ihn damit gern auf, deshalb teilt er gleich aus. Zur Feier nehme ich einen starken Zug. Sucré dreht sich gerade einen, bei der nächsten Partie sei er dabei, sagt er. Vier verdeckte Karten liegen vor uns, zwei unten, zwei oben. Poto legt den Kartenstoß in die Mitte des Tisches, ich schiebe ihn ein wenig zur Seite, damit wir Platz zum Spielen haben. Ixe meint, ich hätte zu viel in den Spliff gepackt, was für eine Nervensäge.

Wir schauen uns die Karten zuunterst an, nicht die, die oben liegen. 2-7. Nicht schlecht. 2-7, muss ich mir merken. 2-7. Ixe hat gegeben und sitzt rechts von mir, also beginne ich. Ich ziehe eine 7 vom Stapel. Wenn ich sie für mein Spiel gebrauchen kann, muss ich dafür eine von meinen Karten ablegen. Ich lege sie auf die andere 7, und die, die darüberlag, drehe ich um und lege sie in die Mitte. Scheiße, ein Ass. Jetzt ist Poto dran, der sie schnell nimmt und sie gegen eine seiner Karten tauscht, oben links. Das darf ich nicht aus dem Auge verlieren, wenn ich Gelegenheit zu einem Tausch habe. Gut, jetzt habe ich 2-7-7, 2-7-7. Schieb mal den Joint rüber, ich muss mir meine Karten merken. Ixe nimmt mit der Rechten eine Karte vom Stapel, während er mir mit der Linken den Joint reicht. Er scheint zufrieden mit seinem Spiel, aber er blufft gern, man muss sich vor ihm in Acht nehmen. Ich bin dran. Eine Dame. Eine Dame ist zehn Punkte wert, das ist Scheiße, deshalb werfe ich sie stöhnend in die Mitte. 2-7-7. Poto bestückt sein Spiel bei jeder Runde, er kennt jetzt seine vier Karten. Links oben hat er noch immer sein Ass. 2-7-7. Ich bin dran, hoffentlich kriege ich was Passendes aus dem Stapel. Eine 7. Nicht schlecht. Ich reihe sie oben links in mein Spiel ein und lege die 2 ab, die ich bisher dort hatte. Poto ist zufrieden, super abgelegt, meint er, gut, dass ich mich neben dich gesetzt hab, und als ich ihm sage, er solle die Klappe halten, nennt er mich einen verdammten Arschficker. Er hat für die 2 einen 10er abgeworfen, und Ixe nimmt diese zehn Punkte, also bereitet er irgendwas vor, man nimmt keinen 10er, wenn man nicht mindestens einen auf der Hand hat. Wenn ich eine gute Karte ziehe, kann ich sie abschmieren lassen. Ich bin dran. Ich ziehe ein Ass. Ich kann meine Aufregung kaum zügeln, ich werfe meine drei 7er ab und lege im gleichen Zug das Ass neben meine 2. Beide schauen mich an, als hofften sie, dass ich nicht Pablo rufe. Pablo.

Kacke!, schreit Poto, noch zwei Runden in diesem verfluchten Scheißspiel, und ich hätte dich ausgestochen. Ich lache mich schief über ihre betretenen Gesichter. Wer Pablo sagt, denkt, er sei der mit den wenigsten Punkten im Spiel. Sie müssen noch eine Runde spielen, ich nicht. Poto zieht eine 9, es kotzt ihn an. Ich habe Ass-2, also drei Punkte. Als Ixe mit der Hand nach dem Kartenstoß greift, zittere ich vor Spannung. Er blickt zu mir, wenn ich die richtige Karte ziehe, Jonas, bist du fertig. Er zieht.

Wow! Strahlend nimmt er sein Blatt und tauscht es gegen die Karte vom Stapel. Er hatte vier 10er, der Drecksack. Ich drehe meine Karten um, Ass-2, drei Punkte. Dann ist Poto dran, Ass-2-3-3, neun Punkte. Prima. Und, Ixe, was für eine Karte hast du erwischt? Er dreht die Karte um. Pikkönig. Der Kerl hat eine Null gemacht. Kommt selten vor, und natürlich musste das ausgerechnet jetzt passieren. Poto steht auf und zeigt mit zitterndem Finger auf den Stapel, hätte er den König gezogen, heult er, hätte er ihn gegen seine beiden 3er getauscht und nur drei Punkte gehabt. Hätte, hätte, Fahrradkette, hält Ixe dagegen, hab ich dir doch gesagt, dass ich das Talent gepachtet hab. Du meinst, das Glück, erwidere ich. Mit meinem vermasselten Pablo kassiere ich fünfzig Punkte. Ixe steht auf und holt ein Blatt Papier und einen Bleistift von seinem Schreibtisch, um den Spielstand zu notieren. Ich protestiere, weil es eine Aufwärmpartie sein sollte, so war es ausgemacht, und schon werde ich angeschnauzt, ich sei wohl schwul oder so. Sucré meint, Scheiße, Mann, ist heute echt nicht dein Tag. Poto ist stinkig. Teil aus!, sagt er, als suchte er Zoff mit mir. Dreh lieber einen, gebe ich zurück und lege mein Fünfundzwanziger-Piece auf den Tisch, das noch warm ist vom Föhn.

Ixe verkündet den Spielstand und bringt mich damit auf hundertachtzig: null – neun – fünfzig. Spielen wir zwölf Runden, sage ich. Sieben, beharrt Ixe. Die anderen sind auf seiner Seite. Ich kann noch so sehr drauf pochen, dass wir manchmal fünfunddreißig Runden spielen, nichts zu machen. Sie haben keine Lust zu spielen, bis das Blatt voll ist. Selbst Sucré will heute nicht so spät nach Hause. Na dann, ich hab noch sechs Runden, um zu gewinnen, geizt bloß nicht mit den Pablos, damit ich euch so richtig abzocken kann. Ich nehme die Karten, mische sie sorgfältig und spiele nicht den Croupier.

Miskine ist gekommen. Schulterrempeln, Rückenklopfen. Was geht, Alter, alles fit? Nee, hast du doch gesehen, zum Kotzen. Er geht um mich herum und begrüßt Poto und Sucré. Schulterrempeln, Rückenklopfen. Was geht? Ich setz mich wieder.

Zigarettenpapier, Shit, eine Kippe, das legt er vor mich auf den Couchtisch. Miskine hat etwas von einem Bären. Mit seiner laxen Art wirkt er unbeholfen. Man sieht ihm an, wie träge er ist, schon sich hinzusetzen kostet ihn Anstrengung, ist ihm zu viel. Ixe, das Dope, das du mir letztens besorgt hast, haut dich echt um, ich schwör’s, wenn ich das mittags rauche, ist der Tag gelaufen, ich schlaf um zwei ein und wach um acht wieder auf, ich schwör’s. Er redet laut. Er redet laut, dann hält er inne. Mitleidig wendet er sich zu mir. Verloren, Jonas? Ich deute auf mein rechtes Auge, jep, hast du mich schon mal so zugerichtet gesehen? Er sagt, nee, und ich, eben. Du solltest Eis drauftun, meint Sucré, Ixe gibt Sucré recht, Poto sagt, ja, definitiv, und ich, Quatsch, spielen wir jetzt oder was.

Offenbar hat sich Miskine mit Untel auf ein Bizness eingelassen, das nicht so lief, wie sie es sich erhofft hatten, jetzt braucht er Ixe, damit er ihm aus der Patsche hilft. Ixe ist darüber nicht entzückt. Wenn sie über ihre Deals sprechen, höre ich weg. Nicht nur, dass es mich nicht interessiert, es ist auch besser, nicht zu viel zu wissen, wenn man mit solchen Jungs rumhängt. Dabei sind sie nicht mal große Fische. Ixe tut es für die Familie, die Entourage. Er nutzt die Gelegenheiten, die sich bieten. Ein Typ, der im Hintergrund bleibt. Miskine dagegen hätte gerne mehr Gewicht. Aber er ist ein Maulheld, eine kleine Nummer. Der Großdealer ist Untel. Wir alle kreisen um ihn. Satelliten.

Ich nehme mein Piece. Meinen Joint habe ich abbrennen lassen und es nicht einmal gemerkt. Ich frage Ixe, ob er mein Feuerzeug eingesteckt hat, aber er hört mich nicht, denn er ist zu sehr auf Miskine konzentriert, der ihn mit seinen Geschichten volllabert. Poto hat seinen Joint fertig gedreht und zündet ihn an. Und sonst, was gibt’s Neues?, frage ich Poto. Er sagt, nichts Umwerfendes, er findet keinen Job, reißt sich aber auch kein Bein aus bei der Suche. Nach der Reifenfabrik bekommt er noch drei oder vier Monate Stütze, er hat es also nicht eilig, genießt es ein wenig. Und sonst, haste was zum Poppen?, frage ich und bringe Sucré damit zum Lachen, denn die Frage ist nicht von mir, sondern typisch für einen unserer Homies. Poto streicht sich mit der Hand über seinen rasierten Schädel. Tote Hose, ich sitz auf dem Trockenen. Ich habe nicht wirklich mit einer anderen Antwort gerechnet. Was ist denn dein Frauentyp, auf welche stehst du?, frage ich. Auf jede, die hinter einem Schalter steht, antwortet er. Warum das? Weil sie da wenigstens eingeklemmt ist. Ich lache, während ich die Kippe auf meinen Nagel klopfe. Und was ist mit der Kleinen, die du gedatet hast, eine Zeitlang sah man dich gar nicht mehr. Sie ist abgezwitschert, sagt er, sie wollte kein Fuck-Buddy sein, aber du wirst sehen, Jonas, die wird sich noch die Finger nach mir wund reiben, bis sie sich selbst keinen mehr in die Möse stecken kann. Ich lache. Und du, fragt er, hast du was am Laufen? Lassen wir das Thema, seufze ich, darüber schweige ich lieber.

Poto reicht mir seinen Joint, damit ich ihn an Ixe weitergebe, ich nehme einen Zug, verzollen heißt das. Miskine hält mir den Stummel des Joints hin, den er bei seiner Ankunft geraucht hat, um sich einen neuen zu drehen, nein danke, rauch ihn doch selber, ich dreh mir einen.

Ixe schnappt sich den Stapel, mischt die Karten grob und teilt aus. Ich bin mit dem Drehen noch nicht fertig, aber ich beeile mich. Okay, wie war der Stand, fragt Ixe. Null – neun – fünfzig. Ich spiel dann mal mit, sagt Sucré und richtet sich auf, und ich sage, jep! Wir fangen also wieder bei null an, und Poto sagt, Glück gehabt, Alter. Miskine erkundigt sich, was gespielt wird, Pablo, antwortet Ixe. Er sieht mich fragend an, ein schneller Blickwechsel, obwohl es mich nervt, erkläre ich ihm, dass es ein Spiel sei, bei dem man versucht, möglichst wenig Punkte zu machen, dass man zu Beginn nur zwei von seinen vier Karten kennt, dass man eine Karte vom Stapel nimmt, wenn man an der Reihe ist, und wenn man eine 7 zieht, darf man eine Karte seines eigenen Blatts ansehen, mit einer 8 darf man tauschen, jedoch ohne die Karten vorher anzusehen, und mit einer 9 darf man eine Karte vom Blatt eines Mitspielers ansehen, du kannst Paare und Drillinge bilden, sogar Vierlinge, was nur selten vorkommt, nur wenn du Glück hast wie Ixe, und du kannst sie gegen nur eine Karte vom Stapel tauschen, und wenn du glaubst, dass dein Blatt die wenigsten Punkte hat, sagst du Pablo, und die anderen spielen eine Runde weiter, und dann dreht man die Karten um, und wenn du gewonnen hast, bekommst du null Punkte, sonst fünfzig wie ich vorhin. Ach ja, der Pikkönig zählt null, jede Karte zählt nach ihrem Wert bis zehn, die anderen Bildkarten zählen auch zehn. Schau uns zu, dann lernst du es. Zuerst, erwidert er, wolle er endlich seine Tüte drehen, da wir bisher sowieso nur gequatscht hätten.

Ixe steht auf, um das Fenster zu öffnen, während ich das Zigarettenpapier ablecke. Man sieht, wie der Rauch durch den Luftzug in Bewegung kommt, die Richtung ändert, langsam angesaugt wird. Er findet seinen Weg nach draußen. Der Rauch zieht ab, wir machen neuen, der um kein Haar anders ist. Ob es mir ebenso ginge, wenn ich mich von hier ins Leere stürzte? Nichts Neues außer dem Blatt, das man mir soeben gegeben hat. Beim Legen seiner Karten späht Ixe aus den Augenwinkeln nach mir und lächelt verschlagen. Ich spüre, dass er uns wieder aufs Kreuz legen wird. Ich zünde meinen Joint an. Ein Blick in meine Karten: Dame – König. Nur kein Pikkönig.

Siebenundsechzig fünf

Zuerst sagt mir dieser säuerliche, beißende Geruch, wo ich bin. Diese Mischung aus Schweiß und Blut, zu der ich eine Menge beigetragen habe, wird hier von den Wänden aufgesaugt, die von der Freude am Schmerz durchtränkt sind. Ich trete ein, und schon rieche ich es nicht mehr. Ich sehe den Boxring, die Säcke und die Spiegel. Der kleine Victor springt bereits seil. Sucré ist auch gerade eingelaufen, er unterhält sich mit Farid, der sich neben dem Ring die Hände bandagiert. Farid wickelt seine Bandagen nicht auf, bevor er sie anlegt. Ich finde das unpraktisch.

Als ich zu ihnen gehe, um sie zu begrüßen, kommt Monsieur Pierrot aus der Umkleidekabine auf mich zu, du lässt dich jetzt schon hier blicken, wir müssen reden. Ich sage, guten Tag, Monsieur Pierrot, und er mustert mein Gesicht, fragt, geht’s mit dem Auge? Ja, antworte ich, und er sieht mich an, als sorgte er sich nur um mein Hämatom. Ich sei bereit, wieder zu trainieren, füge ich hinzu, und er sagt, darüber entscheide er. Dass ich einwende, es sei schon zwei Wochen her, überzeugt ihn nicht. Klein ist er, der Alte, er muss das Kinn heben, um mir in die Augen zu sehen. Zumal er direkt vor mir steht. Er hat ein zerfurchtes Gesicht, eine platte Nase und hervortretende Augen, und egal wie er guckt, man weiß nie so genau, was in seinem runden Kopf vor sich geht. Jedenfalls zeigt er nie eine Tendenz zur Gelassenheit. Er wirkt ziemlich panisch, als er mich fragt, wie es nun weitergehen soll. Wie, wie soll es nun weitergehen? Entscheiden das nicht Sie? Mit einem Mal spricht er leiser, kommt noch näher, so nah wie möglich, und sagt, Jonas, ich hatte Pläne mit dir, aber du machst mir das Leben nicht leicht. Ich sage nichts. Der Alte bildet seit vierzig Jahren Boxer aus. Schon seit einer Ewigkeit hat er keinen Profi mehr. Seit Paulo, der nur noch ab und zu die Boxhandschuhe überzieht. Das ist zehn Jahre her. Der Alte ist alt geworden. Er macht weiter, denn wenn er aufhört, stirbt er. Wir sehen uns an. Sein Blick ist ernst, was mir Unbehagen bereitet, was willst du eigentlich?, fragt er und klopft mir mit der geschlossenen Faust auf die Brust. Ich weiß, er würde gerne hören, dass ich mich am Riemen reißen werde, dass ich wieder auf das Niveau kommen will, das ich vor einem Jahr hatte, als sich die Gelegenheit bot, ins Profilager zu wechseln. Gerade als ich anfing, mich vom Boxring zu lösen. Er möchte hören, dass ich ernsthaft zurückkomme, dass ich aufhöre, den Kleinverdiener zu spielen. Er wiederholt seine Frage, drängt mich. Was willst du? Das Seil, sage ich schließlich. Ich will seilspringen.

In der Umkleide begrüße ich die anderen, die sich gerade fertig machen. Cyril und Virgil. Der Raum ist nicht sehr groß. Zwei mit Kunstleder gepolsterte Bänke links und rechts, darüber Garderobenhaken. Ein einziges Klo. Zwei schäbige Duschen, sodass man manchmal warten muss, bis man an der Reihe ist. Ganz hinten die Sauna, ein Holzkasten, in dem es üblicherweise promiskuitiv zugeht, und dann gegenüber die Umkleide der Mädchen, eine enge Nische, in der sie sich schon zu dritt auf die Füße treten. Zur Wahrung ihrer Privatsphäre hat man sich damit begnügt, das Dreieck mit einem Duschvorhang abzutrennen.

Ich setze mich auf meinen Platz, der so lange für mich frei gehalten wird, bis man sicher ist, dass ich nicht komme. Dort saß ich, als Monsieur Pierrot mir zum ersten Mal die Hände bandagiert hat. An dem Tag habe ich begriffen, dass er gar nicht wütend war, sondern sich nur nicht ausdrücken konnte, ohne genervt zu wirken. Als ich ihn darauf hinwies, hat er es mit einem Lächeln quittiert.

Wir benutzen eine alte Waage mit Laufgewichten an einem waagrechten Steg. Es macht tik-tik-tik, wenn man sie bewegt. Monsieur Pierrot sähe mich gerne im Mittelgewicht, er findet mich zu mager, er hätte gerne, dass ich Muskelmasse zulege. Ich seufze, während ich die Gewichte an der waagrechten Stange verschiebe, und Farid sagt, als er an mir vorbeigeht, kein Wunder, dass Jonas nicht zunimmt bei all den Tüten, die er raucht. Ich vergewissere mich, dass Monsieur Pierrot es nicht gehört hat. Farid stichelt gern, er hat eine große Klappe. Wäre er nicht so witzig, würde ich ihm eine verpassen. Von ihm habe ich meinen Spitznamen, Zweieinhalb Runden. Denn ich habe nie genug Power, um die letzte Runde gut durchzustehen. Die Kämpfe enden immer auf Biegen und Brechen. Wenn ich genügend Punkte gesammelt habe und in Führung liege, geht es, doch wenn es eng wird, kann ich einpacken. Als ich von der Waage steige, sage ich siebenundsechzig fünf, und Farid notiert es im Heft. Du musst fünf Kilo zulegen, sagt der Alte, der mich gehört hat. Ich sage, ich fühle mich mit meinem Gewicht wohl, es ist nicht so anstrengend, und er sagt, nein, dir fehlt Schlagkraft, und ich zucke mit den Schultern. Eigentlich habe ich sowieso nie wirklich die Absicht, richtig zuzuschlagen. Ich bin kein Schlägertyp. Ich kämpfe eher wie ein Fechter. Mit Ausweichmanövern. Zurück und vor. Da ist es ein Vorteil, leicht zu sein. Doch davon will er nichts hören. Seine Idee ist, kräftiger zu werden. Es muss einem gefallen zu leiden.

Ich hole meine Bandagen aus der Tasche, sie sind nicht aufgerollt, so wie ich sie nach meinem Kampf abgewickelt habe. Sie stinken nach Boxkampf. Ich nehme eine und lege das Ende auf meinen Schenkel, damit ich sie glätten und die Falten ausstreichen kann. Zuerst wickle ich sie wieder auf, damit sie nicht auf den Boden hängen, wenn ich die Hand umwickle, denn das ist unpraktisch und macht Falten. Dann schlinge ich sie fest um die Hand. Ich wickle mit der rechten Hand und halte die Bandage in der linken. Um Falten zu vermeiden. Ich wickle und wickle. Die Bandage ist vier Meter lang.

Sucré, der gerade die Umkleide betreten hat, ist schon fast fertig. Er zieht das übliche Gesicht, runzelt die Stirn. Was nicht unbedingt heißt, dass ihn etwas bedrückt. Sucré sieht immer aus, als würde ihn die Sonne blenden. Mit ihm habe ich zum ersten Mal diese Halle betreten. Wir sind zusammen aufgewachsen. Er wirkt beruhigend auf mich, weil er keine Ansprüche hat. Er findet es nicht beschämend, sich mit wenig zufriedenzugeben. Trotz seines Übergewichts ist er sehr beweglich, ein guter Boxer. Er hat vor zwei Jahren mit dem Boxen aufgehört, seit er arbeitet. Ab und zu schaut er vorbei, um in Form zu bleiben, zumal er Fett angesetzt hat. Er schleppt eine ziemliche Wampe mit sich herum. Das hindert ihn nicht daran, sich hier die Fresse polieren zu lassen und Bewunderung für seinen Aufwärtshaken aus der Deckung heraus oder für seine geschmeidige Oberkörperarbeit einzusacken. Er liebt das Boxen noch mehr als ich. Schläge einzustecken stört ihn nicht. Bei jedem Training steigt er in den Ring, während ich mich zuweilen mit einer Verletzung, meiner Erschöpfung oder einem wackelnden Zahn herausrede. Er trägt seine schwarz-grüne Shorts, wie bei jedem Training, dazu eine K-Way-Regenjacke. Ich habe dir doch gesagt, dass es nichts bringt, mit einem K-Way zu trainieren, Sucré. Das bringt mich ins Schwitzen, meint er. Ja, aber dabei verlierst du nur Wasser, und weil du dehydrierst, ist deine Leistung im Keller, kapiert? Pah, das sehen wir im Ring, ob ich dann weniger stark bin. Okay, sage ich, wenn ich dich ausknocke, trägst du zum Training nie mehr K-Way. Er seufzt und lächelt dazu, zieh die Bandagen an, Jonas, und halt die Klappe. Wir lachen. Bin gleich so weit, sage ich.

Ich nehme eine Bandage, lege ein Ende auf den Handballen und halte es mit dem Daumen fest. Ich umwickle die Hand zweimal, dann führe ich die Binde zum Handgelenk, das ich ebenfalls zweimal umwickle. Über den Handteller geht es wieder nach oben, ich umwickle den Daumen, wobei ich ihn nach außen abspreize. Ich höre, wie der Alte im Saal ungeduldig wird, aber das ist nicht mein Problem. Vom Handgelenk aus ziehe ich die Bandage zwischen meinem kleinen Finger und dem Ringfinger hindurch, umwickle einmal die ganze Hand, dann geht es zurück zum Handgelenkansatz, um die Bandage zwischen Ringfinger und Mittelfinger durchzuziehen, und so weiter, immer über Kreuz, um die Mittelhand, das Kahnbein und noch was zu schützen, glaube ich zumindest, aber eigentlich habe ich keine Ahnung und wiederhole nur, was der Alte immer sagt. Nachdem ich die Bandage zwischen Mittelfinger und Zeigefinger durchgeführt habe, umwickle ich nur noch die ganze Hand, und dann fühle ich, dass meine Faust eine kompakte harte Einheit bildet, dass sie nicht mehr eine Ansammlung von Fingern ist, die mit einer Hand verwachsen sind, mit einer Handfläche, unter der sich ein Gelenk befindet, sondern ein einziges und ungeteiltes Ganzes, nichts als eine Faust, bei der man die menschliche Hand nicht mehr ahnt. Nichts gibt mir so sehr das Gefühl, ein Boxer zu sein, wie meine bandagierten Hände.

Der Alte hält es nicht mehr aus, er kommt zeternd in die Umkleide, dabei muss ich nur noch meine Schuhe schnüren. Immer muss man auf mich warten. Ich soll das gemeinsame Aufwärmen und das Muskeltraining leiten. Das ist normalerweise mein Job, aber heute, gerade erst zum Training zurückgekehrt, bin ich nicht darauf vorbereitet. Wortlos gehe ich aus der Umkleide in die Trainingshalle. Sie ist rechteckig. Ganz hinten befindet sich der Boxring. Scheinbar weit entfernt. Der Boden ist aus Beton. Wir hätten gern ein rutschfestes Parkett, aber wenn wir darüber reden, reißen wir nur Witze. Auf dem Beton rutschen wir in unseren Schweißpfützen aus. Die Hallenmitte ist frei, als würde sich zwischen den Boxsäcken eine Lichtung auftun. Insgesamt sind es sechs. Ich gehe an meinem Lieblingssack vorbei, dem schwarzen mit den waagrechten grauen Streifen, und verpasse ihm beiläufig eine rechte Gerade, eine schnelle Klatsche. Lass den Sack, sagt Monsieur Pierrot. Tausend Mal habe ich das schon gehört. Aber es juckt mich, und ich versetze ihm trotzdem einen leichten Schlag. Für meinen Ungehorsam fange ich mir einen Klaps mit der flachen Hand auf den Hinterkopf ein. Ich erinnere Monsieur Pierrot daran, dass beim Boxen Schläge auf den Hinterkopf verboten sind. Das bringt ihn zum Lachen. Verrückt, wie liebevoll er rüberkommt, wenn er die Leute wie ein Stück Scheiße behandelt. Er gibt mir noch einen Klaps, aber ich weiche aus, und wir gehen mit einem Lächeln auseinander, als ich lostrabe, um mit dem Aufwärmen zu beginnen. Alle folgen mir.

Zuerst sind die Arme dran, wir schlagen beim Laufen Geraden, lassen die Schultern kreisen. An den Wänden hängen Spiegel, ich nutze sie für einen Blick hinter mich, um mich zu vergewissern, dass jeder meinen Anweisungen folgt. Der Boxer ist narzisstisch. Er verbringt Stunden vor dem Spiegel, mustert sich auf der Suche nach dem perfekten Bewegungsablauf, der dem Gegner keine Lücke lässt, die es ihm ermöglichen würde, einen Treffer zu setzen. Und je näher er diesem Bewegungsablauf kommt, desto mehr findet er Gefallen daran, an den Bögen, die ein linker Haken, gefolgt von einem Aufwärtshaken, beschreibt, er bewundert den Ausdruck, den diese Bewegung dem Körper gibt, die Schlagkraft, die dadurch freigesetzt wird, die Schönheit dieser fließenden explosiven Gewalt, wenn der endlos wiederholte Bewegungsablauf vollendet ist. Und er betrachtet sich, sieht zu, wie er jene Osmose aus geistiger Ruhe und körperlicher Gewalt erlangt. So gelingt es ihm, den Hass vom Willen zu trennen, dem anderen wehzutun. So wird der Schmerz annehmbar. Und die Niederlage.

Wir bewegen abwechselnd die rechte und die linke Schulter, dann beide zusammen. Monsieur Pierrot steht in der Mitte des Raums, betrachtet uns mit verschränkten Armen. Hier und da ahmt er uns nach, um uns zu zeigen, wie es richtig geht, dann erinnert er sich, dass er mehrere Operationen hinter sich und keine professionellen Boxer mehr unter seiner Obhut hat, und hört auf damit. Monsieur Pierrot ist im letzten Jahr um zehn Jahre gealtert. Vielleicht ist es seine letzte Saison, aber das sagen wir jedes Jahr. Keine Ahnung, was aus dem Boxclub wird, wenn er sich eines Tages zurückziehen muss. Man kann sich kaum vorstellen, dass er eines Tages aufhören könnte.

Wir machen Gleitschritte, fast wie Chassés beim Ballett, bei denen es auch darauf ankommt, den gleichen Abstand zwischen den Beinen beizubehalten. Es ist der Schritt des Boxers. Man muss das Gewicht gut verteilen. Das Gleichgewicht ist wichtig für einen Boxer. Sonst stürzt er.

Fersen an den Po, Knie hoch. Wir traben noch einige Runden, dann beugen wir auf mein Zeichen hin die Knie und springen so hoch, als wollten wir die Decke berühren. Wir wiederholen das ein Dutzend Mal. Eigentlich fordert Monsieur Pierrot uns gern heraus, etwa mit fünfzig Euro für den, der an die Decke kommt, die allerdings sehr hoch ist. Doch seit Virgil es zweimal geschafft hat, lässt er das lieber bleiben. Deshalb versuche ich es erst gar nicht, doch seit Virgil es geschafft hat, ist Monsieur Pierrot noch härter drauf. Ich vermute, Virgil hat die Kröten nie gesehen.

Vor dem Spiegel an der Wand zur Umkleide bleibe ich stehen und hüpfe auf der Stelle. Ich drehe mich zu den anderen um, sie machen es mir nach. Wir hüpfen so eine gute Minute lang, schütteln die Arme aus, entspannen die Schultern. Und dann beginnt das Schattenboxen. Das bedeutet, gegen die Luft zu boxen, gegen einen imaginären Gegner. In meiner Vorstellung ist er oft nicht besonders groß, denn aufgrund meines Körperbaus sind die Gegner in meiner Gewichtsklasse gewöhnlich kleiner als ich. Wenn der Gegner versucht, in meine Deckung einzudringen, halte ich ihn auf Distanz. Sobald er den geringsten Vorstoß unternimmt, lege ich los. Wenn man seine Reichweite richtig ausnutzt, kann man mit dem Kerl machen, was man will. Ich liebe es, einen Gegner zu zermürben, bis er aus purer Verzweiflung losstürmt. Dann muss er meine Aufwärtshaken einstecken. In dem Moment serviere ich ihm meinen Jab, die mit der Führhand geschlagene Gerade gegen den Kopf. Der Jab ist der wichtigste Schlag, er allein ist Beweis genug, dass Boxen kein Sport von Rowdys ist. Ein Jab ist zu allem nützlich, zur Verteidigung, zur Vorbereitung eines Angriffs, um sich zu schützen, um Raum zu gewinnen, als Finte, um die Deckung zu öffnen, längere Kombinationen aufzubauen, den Rhythmus des Gegners zu stören. Um auszusehen, als boxe man, wenn man mal keine Lust hat. Man kann einen Boxkampf allein mit seinem Jab gewinnen. Ich bin ein Distanzboxer, ich setze auf die lange Distanz und den Konter, deshalb benutze ich den Jab hauptsächlich, um den Gegner zurückzutreiben, ihn daran zu hindern, in seine Kombinationen zu finden. Beim Schattenboxen lege ich mich richtig ins Zeug, es steht mir ja niemand gegenüber. Ich schlage, tänzle, ich dopple, weiche aus, Rückzug, Konter. Ich heize dem Kerl ein. Ich spule alle Schlagfolgen ab. Alles sitzt. Jonas! Links, links, rechts, und kümmere dich nicht um den Rest! Monsieur Pierrot weiß, dass ich mir beim Schattenboxen vorstelle, Typen k.o. zu schlagen, dass ich sie mir einen nach dem anderen und manchmal sogar gleichzeitig vornehme und ihnen den Kopf abreiße. Man sieht es sofort. Seriös ist das nicht. Ein linker Leberhaken, dann mit derselben Faust ein Uppercut hinauf zum Kinn, dann eine rechte Gerade auf den Kiefer und zum Schluss ein linker Haken gegen die Stirn. Der Kerl wird sich sein ganzes Leben an diesen Kampf erinnern. Fehlte nur noch, dass ich die Arme hochreiße, um meinen Sieg zu feiern.

Links, links, rechts. Wenn man eine Gerade schlägt, müssen die Faust und die beiden Schultern eine Linie bilden. Das erfordert eine Drehung des Oberkörpers, die von den Beinen mit einer Drehung auf den Ballen begleitet wird, bei der die Hüfte mitgeht. Beim Schlagen ist der ganze Körper im Einsatz. Um eine Gerade mit dem anderen Arm anzuschließen, muss man die entgegengesetzte Drehung durchführen, und das zieht an den schrägen Bauchmuskeln, wenn man es richtig macht. Die Gerade muss frontal kommen, die Faust sofort an ihren Ausgangspunkt vor dem Gesicht zurückkehren. Wenn sie zur Schulter hin abfällt, lässt man eine Lücke und fängt sich einen Konter ein. Mein Fehler ist, dass ich die Linke zu tief halte. Auch wenn mein Jab dadurch unberechenbarer ist, bleibt eine Lücke für die Rechte. Man muss ein verdammt gutes Auge haben, um sich das Boxen mit offener Deckung erlauben zu können. Darauf setze ich, denn die Hände ständig oben zu halten ermüdet irgendwann. Aber weil Monsieur Pierrot mir zusieht, strenge ich mich an. Mein imaginärer Gegner ist jetzt ein wenig besser. Er teilt aus. Selbstverständlich nicht genug, um überlegen zu sein. Das ist das Gute am Schattenboxen. Man setzt sich gegen jeden Gegner durch.

Ich höre auf zu boxen, tänzle aber weiter auf der Stelle. Die anderen folgen mir und öffnen die Deckung. Ich beginne mit dem Muskeltraining. Es besteht aus einem Set von Dehn- und Streckübungen, die auf der Stelle ausgeführt werden. Dabei werden einzelne Muskelgruppen maximal belastet. Für dieses Trainingsprogramm braucht man nicht mehr Platz als für einen Hula-Hoop-Reifen. Ich übernehme gewissenhaft die Übungen von Monsieur Pierrot, der sie noch vormachen konnte, als ich anfing, und auch wenn wir uns darüber amüsierten, dass sein weniges Haar, das er sich als Strähne über die Stirn kämmte, bei den Pendelbewegungen von einer Schläfe zur anderen schwang und dabei über sein Gesicht wischte, beeindruckte uns schon damals, wie ein Mann in seinem Alter das durchhielt.

Ich atme geräuschvoll aus, um meinen Trainingspartnern vorzumachen, wie sie atmen sollen, und schon rinnen die ersten Schweißtropfen. Auf jede Übungsreihe folgt eine Minute Schattenboxen. Monsieur Pierrot kommt zu mir und fühlt meine Stirn. Ah, langsam kommst du ins Schwitzen. Ja, Monsieur Pierrot. Mein imaginärer Gegner ist wieder berechenbar geworden. Schlechte Deckung, langsam, Schwinger. Er bekommt von mir Konter von allen Seiten. Wenn ich der Ringrichter wäre, würde ich den Kampf beenden. Links, links, rechts, Jonas! Er macht es mir vor und untermalt seine Schläge mit rauen Kehllauten und krächzender Stimme, äh, äh, äh, und ich bemühe mich, ihn nachzuahmen, und er: Siehst du, Jonas, so geht das, in aller Ruhe. Aber Fäuste hoch, Jonas, Fäuste vors Gesicht! Bu-bu-bumm, und dann weichst du aus! Genau! Mach die Schultern breit! Dreh dich um dich selbst! Beweg dich! Zieh den Kopf ein!

Mit ausgestreckten Armen beginne ich die Scheibenwischer-Übung; dabei gehen die Hände in den Nacken und wieder zurück. Selbst wenn ich nicht in Form bin, schaffe ich sie damit alle. Wenn es bei mir zu brennen anfängt, müssen sie Höllenqualen ausstehen. Noch immer mit ausgebreiteten Armen stoppe ich und lasse die Arme oben. Man muss die Zähne zusammenbeißen. Ich kündige dreißig Sekunden an, für manche macht es das erträglich, andere sehen das Ende nicht. Fünfzehn Sekunden später verkünde ich noch einmal dreißig Sekunden, und Sucré vernichtet mich mit einem Lächeln. Zur Steigerung lasse ich die Hände noch kleine Kreise beschreiben. Farid konzentriert sich, der kleine Victor gibt auf, bevor die Übung zu Ende ist, Cyril ist hochrot, und Virgil tut so, als mache ihm das nichts aus.

Nach einer halben Drehung auf dem vorderen Bein stoße ich mit meiner Ferse gegen Cyrils. Er lächelt mir zu und nutzt die Rempelei, um einige Sekunden Atem zu schöpfen. Cyril ist schon knallrot, aber ich weiß, das ist sein Ding, den Schmerz aushalten. Brauchst du die Place de la Concorde, oder was, fragt er, und ich erwidere grinsend, dass sich diese Art von Kollisionen vermeiden ließe, wenn er nicht so ein Schrank wäre. Cyril ist Maurer. Folglich hat er Maurerhände. Und von diesen Händen möchte ich keinen Treffer kassieren. Er ist Superschwergewichtler, ein Fass von mehr als hundert Litern. Und er gehört zu jenem Typ Boxer, der das wenige, was er kann, sehr gut beherrscht. Er ist ein Jabber und nutzt seine Größe, um uns auf Distanz zu halten. Ich habe den Rhythmus seiner Jabs kapiert, ich kann ihn daher jagen und kontern. Er ist größer und stärker, aber ich bin zu schnell für ihn. Trotzdem, ein Spaziergang ist es nie. Sein Schlag ist ein Hammer, tut richtig weh. Manchmal ziehe ich ihn auf und sage, nur weil er eine Speckschwarte sei, habe er so viel Kraft, und er gibt zurück, ich hätte nur Angst vor ihm, sonst würde ich seine Einladungen zum Kampf nicht so oft ausschlagen. Und das stimmt.

Weiter geht es im Training mit Übungen zur Beweglichkeit des Oberkörpers. Das ist die Voraussetzung für gelungene Ausweichmanöver. Beine gespreizt, die Fersen gegen den Boden gestemmt und die Knie leicht gebeugt, kreisen wir mit dem Kopf und drehen den Oberkörper aus dem Becken heraus. Die Übung wechselt mit einer seitlichen Version, bei der man sich gerade hält und mit der Hand das Knie berührt. Dann steigert man das Tempo. Ich bin gut darin, ich höre erst auf, wenn ich merke, dass die anderen in Schwierigkeiten kommen. Trotzdem würde ich gerne einmal sehen, was passieren würde, wenn man die Übung so lange fortsetzte, bis man vor Schmerz nicht mehr kann. Wenngleich ich hier nicht zu denen gehöre, die besonders wild darauf sind zu leiden. Virgil zum Beispiel ist ein Tier, ein Monster an Ausdauer. Jetzt bin ich an meiner Grenze. Deshalb höre ich mit den Leibesübungen auf, bevor es zu ziehen beginnt.

Ich gehe auf und ab im Trainingsraum und atme tief durch. Mein weißes Achselshirt ist bis zum Zwerchfell grau vom Schweiß. Mein Ziel ist immer, dass kein Quadratzentimeter Stoff trocken bleibt. Manchmal wringen wir zum Scherz unsere Trainingsshirts aus und vergleichen, welches am meisten trieft. Farid kommt zu mir und beugt sich zu meinem Ohr. He, Jonas, ich hab gerade guten Stoff. Ich sage, Alter, ist aber nicht der richtige Zeitpunkt, und er, ’tschuldigung. Drei Sekunden vergehen, dann frage ich, was das für ein Stoff sei, und er meint, ich geb dir nachher ein Piece zum Probieren. Und ich, nur zu.

Farid ist vierundvierzig, sieht aus wie dreiunddreißig und führt sich auf, als wäre er siebzehn. Er schmiedet immer Pläne. Ich habe gehört, er sei zu seiner Zeit ein verdammtes Schlitzohr gewesen. Ich weiß nichts über ihn, aber ich weiß, dass er ein verfickter Linkshänder ist. Linkshänder sind megaanstrengend zu boxen, weil Rechtsausleger. Das verwirrt einen. Sie dagegen sind es gewohnt. In einem Boxclub kommt ein Linkshänder auf zehn Rechtshänder. Wahrscheinlich nervt es sie sogar selbst, wenn sie an einen anderen Linkshänder geraten. Farid ist nicht sehr groß, er boxt in gekrümmter Haltung, die Hände hoch vor dem Gesicht, mit kleinen Schritten. Wenn er angreift, ist es, als käme ein Einsiedlerkrebs aus seiner Muschel. Ich halte ihn auf Distanz, gelingt es mir, macht ihn das kirre. Doch wenn er durchkommt, schlägt er kurz und heftig. Er und ich, wir geben es uns richtig. Es fängt immer harmlos an, beinahe so, als wollten wir uns mit leichten Schlägen auf die Schulter aufwärmen. Er greift nur ab und zu an, deshalb boxe ich geruhsam gegen ihn. Doch er will, dass ich sofort Druck mache. Deshalb kassiert er früher oder später immer einen Treffer. Oft sage ich dann ’tschuldigung, obwohl ich das eigentlich nicht tun sollte. Sich bei einem Boxer für einen Treffer zu entschuldigen ist fast so, als würde man ihm absprechen, einer zu sein. Doch er stört sich nicht daran. Er sagt, der saß. Bei mir muss keiner sorry sagen, wenn er einen Treffer landet. Ich sage nicht, der saß. Ich sage vielmehr, okay, das reicht, jetzt pass mal auf, los, boxe. Einen Treffer zu kassieren tut nicht weh. Nicht so sehr. Mit dem großen Zeh an ein Tischbein zu stoßen, das ist schmerzhaft.

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