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Aus dem Feuer geboren

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Linda Howard

Aus dem Feuer geboren

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Justine Kapeller

1. KAPITEL

Sonntag

Dante Raintree stand mit verschränkten Armen da und beobachtete die Frau auf dem Bildschirm. Das Bild war schwarz-weiß, so konnte man die Details besser erkennen; Farben lenkten nur ab. Er konzentrierte sich auf ihre Hände, beobachtete jede ihrer Bewegungen. Was ihm am meisten auffiel, war allerdings, wie ungewöhnlich ruhig sie dasaß. Sie rutschte nicht auf ihrem Stuhl hin und her, sie spielte nicht mit den Chips, sah nicht die anderen Spieler an. Sie warf einen kurzen Blick auf ihre erste Karte und fasste sie danach nicht mehr an. Dass sie eine weitere Karte wollte, signalisierte sie, indem sie mit dem Fingernagel auf den Tisch klopfte. Aber nur, weil sie den anderen Spielern keine Beachtung zu schenken schien, war sie keineswegs so harmlos, wie sie wirkte.

„Wie heißt sie?“, fragte er.

„Lorna Clay“, antwortete der Kopf seiner Sicherheitsleute, Al Rayburn.

„Ist das ihr richtiger Name?“

„Sie ist vollkommen sauber.“

Wenn Al sie nicht schon überprüft hätte, wäre Dante enttäuscht gewesen. Er bezahlte schließlich eine Menge Geld, damit Al effizient und gründlich arbeitete.

„Erst habe ich gedacht, sie zählt“, sagte Al. „Aber dafür ist sie nicht aufmerksam genug.“

„Sie ist aufmerksamer, als du glaubst“, murmelte Dante. „Man sieht es ihr nur nicht an.“ Ein Kartenzähler musste sich an jede gespielte Karte erinnern. Eigentlich galt es als unmöglich, Karten zu zählen, bei der großen Anzahl an Decks, die in einem Kasino verwendet wurden, aber trotzdem wollte kein Kasino einen Kartenzähler an seinen Tischen haben. Nichtsdestotrotz gab es diese seltenen Individuen, die sich ihre Gewinnchancen sogar bei mehreren Kartendecks ausrechnen konnten.

„Das habe ich auch gedacht“, sagte Al, „aber sehen Sie sich das an. Jemand, den sie kennt, kommt zu ihr, redet mit ihr, sie dreht sich um und unterhält sich mit ihm, bekommt überhaupt nicht mit, wie die Leute links von ihr spielen – und dreht sich nicht einmal um, als sie wieder an der Reihe ist, sie klopft nur mit dem Finger auf den Tisch. Und hol mich der Teufel, wenn sie nicht gewinnt. Da. Schon wieder!“

Dante sah sich die Aufnahme an, spulte sie zurück, sah sie noch einmal an. Dann ein drittes Mal. Es musste irgendetwas geben, was er übersah, aber er entdeckte nicht ein einziges verräterisches Zeichen.

„Wenn sie betrügt“, sagte Al mit einem Anflug von Respekt, „dann ist sie die Beste, die ich je gesehen habe.“

„Was sagt dein Bauch?“ Dante vertraute seinem Sicherheitschef. Al arbeitete seit dreißig Jahren im Kasinogeschäft, und einige Leute schworen darauf, dass er einen Betrüger erkannte, sobald er zur Tür hereinkam. Wenn Al glaubte, dass sie betrog, dann würde Dante etwas dagegen unternehmen – und sie würden sich diese Aufnahme nicht gemeinsam ansehen, wenn Al diesen Verdacht nicht hätte.

Al kratze sich am Kinn und dachte nach. Er war ein großer, breit gebauter Mann, aber er war alles andere als träge. Schließlich sagte er: „Wenn sie nicht betrügt, ist sie der glücklichste Mensch, der auf Erden wandelt. Sie gewinnt. Woche für Woche gewinnt sie. Nie große Summen, aber ich habe die Zahlen überprüft, und sie erleichtert uns jede Woche um etwa fünf Riesen. Verdammt, Boss, wenn sie das Kasino verlässt, steckt sie einen Dollar in einen Spielautomaten und ist um fünfzig reicher. Es ist nie die gleiche Maschine. Ich habe sie beobachten lassen, ich habe sie beschatten lassen, ich habe sogar überprüft, ob sich gleichzeitig mit ihr immer die gleichen Gesichter auf den Bändern finden lassen, aber ich kann keinen gemeinsamen Nenner finden.“

„Ist sie gerade hier?“

„Sie ist vor etwa einer halben Stunde gekommen. Spielt Blackjack, wie immer.“

„Wer ist ihr Geber?“

„Cindy.“

Cindy Josephson war Dantes beste Kartengeberin, und sie erkannte einen Betrüger fast ebenso gut wie Al. Sie arbeitete bei ihm, seit er das Inferno eröffnet hatte, und er vertraute darauf, dass sie ein ehrliches Spiel leitete. „Bring die Frau in mein Büro“, entschied Dante sich schnell, „und mach keine Szene.“

„Geht klar“, sagte Al, drehte sich auf der Stelle um und verließ das Sicherheitszentrum, wo Wände voller Bildschirme jede einzelne Ecke des Kasinos überwachten.

Auch Dante ging hinaus und in sein Büro. Sein Gesicht zeigte keinerlei Regung. Normalerweise würde er es Al überlassen, sich um einen Betrüger zu kümmern, aber er war neugierig. Wie stellte sie es an? Es gab eine Menge schlechter Betrüger, einige gute, und manchmal kam einer daher, der Geschichte machte: Der Betrüger, den man nicht erwischen konnte, auch wenn alle ihn beobachteten und die Kamera auf ihn gerichtet war – oder in diesem Fall auf sie.

Es war natürlich möglich, dass man einfach Glück hatte – zumindest das, was die meisten Menschen darunter verstanden. Das Schicksal konnte aus einem ewigen Verlierer einen Gewinner machen, und im Grunde lebten Kasinos ja von genau dieser Hoffnung. Aber das Glück selbst war alles andere als gewöhnlich, und er wusste, dass das, was viele dafür hielten, nicht selten etwas ganz anderes war: Betrug. Und dann gab es noch diese andere Art von Glück – jene nämlich, die ihm selbst hold war. Sie hing nicht vom Schicksal ab, sondern von dem, was er war; sie war eine angeborene Kraft und nicht eine von Fortunas Launen. Doch diese Kraft war selten, und die Chancen standen gut, dass die Frau, die er beobachtete, nur eine sehr gute Betrügerin war.

Ihre Fähigkeit ermöglichte ihr einen hohen Lebensstandard, dachte er bei sich, und rechnete nach. Fünf Riesen die Woche machten zweihundertsechzigtausend Dollar im Jahr, und das nur aus seinem Kasino. Wahrscheinlich besuchte sie alle, und achtete darauf, nicht zu viel zu gewinnen, damit sie nicht auffiel.

Er fragte sich, wie lange sie ihm schon ihre Besuche abstattete, wie lange sie schon ein wenig hier, ein wenig da gewann, ehe sie Al aufgefallen war.

Die Vorhänge vor der verglasten Außenwand seines Büros waren immer noch offen. Auf den ersten Blick wirkte es, also würde man einen überdachten Balkon betreten. Die Doppelglasfenster zeigten nach Westen, sodass er die Sonnenuntergänge betrachten konnte. Die Sonne stand schon tief am violett und gold getönten Himmel. Zu Hause in den Bergen zeigten die meisten Fenster nach Osten, in Richtung Sonnenaufgang. Irgendwie war es ihm ein Bedürfnis, die Sonne sowohl zu begrüßen als auch zu verabschieden. Ihr Licht hatte ihn schon immer angezogen, vielleicht, weil das Feuer sein Element war.

Er überprüfte seine innere Uhr: Noch vier Minuten bis Sonnenuntergang. Er wusste genau, wann die Sonne hinter den Bergen verschwinden würde. Er besaß keinen Wecker. Er brauchte keinen. Er war so fein auf den Stand der Sonne eingestimmt, dass er nur in sich selbst hineinhorchen musste, um die genaue Zeit zu wissen. Er war einer der Menschen, die sich nur vornehmen mussten, zu einer bestimmten Zeit aufzuwachen, und es dann auch taten. Diese besondere Gabe hatte nichts damit zu tun, dass er ein Raintree war, also musste er sie nicht verbergen; viele andere Menschen teilten diese Fähigkeit mit ihm.

Andere seiner Talente hingegen verlangten es, gründlich verborgen zu werden. Die langen Sommertage verliehen ihm ein fast sinnliches Hochgefühl, er konnte die Energie, die in ihm brummte, dicht unter seiner Haut spüren. Er musste in dieser Zeit besonders aufpassen, dass sich Kerzen in seiner Nähe nicht einfach entzündeten, oder dass er mit nur einem Blick in einen Busch, der trocken wie Zunder war, ein Lauffeuer verursachte. Er liebte Reno; er wollte es nicht abbrennen. Nur fühlte er sich so verdammt am Leben, wenn das Sonnenlicht auf ihn hinabströmte, dass er die Energie durch sich hindurchfließen lassen wollte, statt sie in sich zu verwahren.

So musste sich sein Bruder Gideon fühlen, wenn er Blitze anzog und sich ihre heiße Kraft durch seine Muskeln und seine Adern ausbreitete. Das hatten sie gemeinsam, diese Verbindung mit den Naturgewalten. Alle Mitglieder des weit verzweigten Raintree-Clans hatten eine Gabe, eine besondere Fähigkeit, aber nur Mitglieder der königlichen Familie konnten die Energien der Erde einfangen und kontrollieren.

Dante war nicht nur Mitglied der königlichen Familie, er war der Dranir, der Führer der gesamten Sippe. „Dranir“ war ihre Bezeichnung für „König“. Dante war der älteste Sohn des letzten Dranirs, aber die Position wäre ihm aberkannt worden, wenn er nicht auch dessen Macht geerbt hätte.

Gideon stand an zweiter Stelle. Wenn Dante etwas zustoßen sollte, oder er kinderlos starb, würde Gideon Dranir werden – eine Möglichkeit, die seinem Bruder überhaupt nicht gefiel, was auch den Fruchtbarkeitszauber auf Dantes Schreibtisch erklärte. Er war gerade am Morgen mit der Post gekommen. Gideon schickte sie ihm regelmäßig, nur teilweise als Scherz. Tatsächlich setzte er alles daran, dass Dante einen Nachkommen zeugte und er damit die Chancen erhöhte, selbst niemals diese Stellung zu erben. Immer, wenn es ihnen gelang, sich zu treffen, musste Dante sorgfältig jede Ecke, jeden Winkel und jede Falte seiner Kleidung durchsuchen, um sicherzugehen, dass Gideon nicht einen seiner cleveren kleinen Zauber versteckt hatte.

Gideon wurde, wie Dante feststellte, immer besser darin, diese Zauber zu fertigen. Übung machte schließlich den Meister, und wirklich, er hatte eine Menge dieser Zauber hergestellt in den letzten Jahren. Sie waren jetzt nicht nur mächtiger, er benutzte auch eine andere Herangehensweise. Einige von ihnen waren offensichtlich kleine silberne Schmuckstücke, die dazu gedacht waren, sie um den Hals zu tragen wie ein Amulett – nicht, dass Dante der Typ für Amulette wäre. Andere waren winzig, unauffällig, wie der, den Gideon in die Visitenkarte eingebettet hatte, die er geschickt hatte, weil er wusste, dass Dante sie höchstwahrscheinlich in die Tasche stecken würde. Er hatte nur nicht damit gerechnet, dass die Kraft des Zaubers selbst ihn verraten würde. Dante hatte die Magie gespürt, auch wenn es ihm alles andere als leicht gefallen war, ihre Quelle zu finden.

Hinter ihm ertönte das für Al typische Klopfen an der Tür. Das Vorzimmer war leer, Dantes Sekretärin war schon vor Stunden nach Hause gegangen. „Herein“, sagte er, wendete sich aber nicht vom Sonnenuntergang ab.

Die Tür öffnete sich, und Al sagte: „Mr. Raintree, das ist Lorna Clay.“

Dante drehte sich um und sah, seine Sinne alle geschärft, die Frau an. Das Erste, was ihm auffiel, war die leuchtende Farbe ihrer Haare – ein tiefes, dunkles Rot, das aus einer Vielzahl von Farbtönen, von Kupfer bis Burgunder, bestand. Das warme, bernsteingoldene Licht tanzte auf den schimmernden Strähnen, und er spürte das scharfe Ziehen reiner Lust in seinen Eingeweiden. Ihr Haar zu betrachten war, als würde er ins Feuer sehen, und er zeigte die gleiche Reaktion darauf.

Das Zweite, was ihm auffiel, war, dass die Frau vor Wut schäumte.

2. KAPITEL

Dann geschahen mehrere Dinge kurz nacheinander, vielleicht sogar gleichzeitig. Dantes Sinne waren zum Bersten geschärft. Der Funke der Begierde prallte auf das Feuer, das ihm im Blut lag. Explosionen der Sinne schossen seine Nervenbahnen entlang, zu schnell, um sie kontrollieren zu können. Auf der anderen Seite des Raumes entzündeten sich alle Kerzen, die einzelnen Flammen größer und heller, als sie sein sollten. Und auf seinem Schreibtisch begann Gideons verdammter kleiner Fruchtbarkeitszauber zu vibrieren, als wäre ein Schalter umgelegt worden.

Was in aller Welt …?

Er hatte nicht die Zeit, alles, was um ihn herum geschah, in seine Einzelteile zu zerlegen und zu analysieren; er musste sich selbst in den Griff bekommen, und zwar schnell, sonst würde bald der ganze Raum in Flammen stehen. So einen beschämenden Kontrollverlust hatte er nicht mehr erlebt, seit er in die Pubertät gekommen war und seine aufwallenden Hormone alles durcheinandergebracht hatten.

Gnadenlos begann er, der aufbrausenden Kraft seinen Willen aufzuzwingen. Es war nicht leicht; auch wenn er ganz unbewegt dastand, fühlte er sich im Geiste, als würde er einen großen, schlecht gelaunten Bullen reiten. Es lag in der Natur der Energie, frei sein zu wollen, und sie leistete erbitterten Widerstand gegen jeden Versuch, sie zu zähmen und zurück in seine geistigen Mauern zu verweisen. Normalerweise war seine Kontrolle außerordentlich gut. Schließlich reichte es nicht aus, Macht zu besitzen, um Dranir zu werden, man musste sie kontrollieren können. Kontrollverlust führte zu Zerstörung – und schließlich auch dazu, entdeckt zu werden. Die Raintree verdankten ihr Überleben über die Jahrhunderte zu großen Teilen ihrer Fähigkeit, sich den normalen Menschen anpassen zu können, also konnte man mit diesem Thema nicht leichtfertig umgehen.

Dante hatte sein ganzes Leben lang trainiert, die Macht und die Energien, die in ihm tobten, unter Kontrolle zu bringen. Und auch wenn er wusste, dass die Zeit vor der Sommersonnenwende immer schwierig war, war er an so einen hohen Grad der Schwierigkeit nicht gewöhnt. Mit grimmiger Entschlossenheit konzentrierte er sich, zog seine Energie zurück, verschloss sie in sich, zwang den Naturgewalten seinen Willen auf. Er hätte die Kerzen löschen können, aber mit noch größerer Willenskraft ließ er sie brennen. Er würde sonst nur noch mehr Aufmerksamkeit auf sie lenken, als das Entzünden es sowieso schon getan hatte.

Das Einzige, was sich noch seiner Kontrolle entzog, war dieser verfluchte Fruchtbarkeitszauber auf seinem Schreibtisch, der immer noch summte und vibrierte und wahrscheinlich kurz davor war zu blinken. Auch wenn er wusste, dass Al und Miss Clay die Energie, die von dem Ding ausging, nicht spüren konnten, brauchte es doch seine ganze Willenskraft, um es nicht anzusehen. Gideon hatte sich diesmal wirklich selbst übertroffen. Dante versprach sich wütend, zu warten, bis er seinen Bruder das nächste Mal traf. Wenn Gideon die Sache amüsant fand, dann würden sie ja sehen, wie sehr es ihn amüsierte, wenn er die Seiten umkehrte. Gideon war nicht der Einzige, der Fruchtbarkeitszauber herstellen konnte.

Nachdem er alle Lauffeuer unter seine Kontrolle gebracht hatte, wendete er seine Aufmerksamkeit wieder seinem Gast zu.

Lorna versuchte noch einmal, ihren Arm aus dem Griff des Gorillas zu befreien, aber er packte gerade fest genug zu, um sie zu halten, ohne allzu stark zuzudrücken. Während ein kleiner Teil von ihr es zu schätzen wusste, dass er ihr nicht unnötig Schmerzen bereiten wollte, war der größte Teil von ihr einfach nur so wütend. Wütend und, ja, auch verängstigt – so sehr, dass sie ihn anspringen und mit aller Kraft kratzen, treten und beißen wollte, um sich zu befreien.

Ihr Überlebensinstinkt überrollte sie mit voller Wucht. Ihre Haare stellten sich auf. Der Mann, der so unbewegt und ruhig vor dem riesigen Fenster stand, war eine viel größere Bedrohung für sie als der Gorilla.

Ihre Kehle krampfte sich zusammen, als würde sich eine Faust aus Angst um ihren Hals schließen. Sie konnte nicht sagen, was an ihm sie so in Alarmbereitschaft versetzte, aber sie hatte sich bisher nur ein einziges Mal so gefühlt, in einer abgelegenen Gasse in Chicago. Sie war daran gewöhnt, auf sich selbst aufzupassen, und die Gasse diente ihr normalerweise als Abkürzung zu ihrer Wohnung – besser gesagt, zu dem kleinen, heruntergekommenen Zimmer in einem verfallenen Gebäude. Aber eines Nachts, als sie gerade hier eingebogen war, hatten sich ihre Haare aufgestellt und sie hatte, starr vor Schreck, keinen Schritt mehr machen können. Sie konnte nichts Verdächtiges sehen, nichts hören – aber sie konnte sich nicht vorwärts bewegen. Ihr Herz hatte so stark in ihrer Brust geschlagen, dass sie kaum atmen konnte, und ihr war auf einmal schlecht vor Angst geworden. Langsam hatte sie sich aus der Gasse zurückgezogen und war die Straße hinuntergeflüchtet, um den langen Nachhauseweg zu nehmen.

Am nächsten Morgen hatte man die Leiche einer Prostituierten in der Gasse gefunden, brutal vergewaltigt und verstümmelt. Lorna wusste, dass sie das hätte sein können, wenn ihre plötzliche, haarsträubende Panik sie nicht gewarnt hätte.

Jetzt war es genau so wie damals, als würde ihr Sinn für Gefahr mit voller Wucht ihren Körper rammen. Der Mann, der vor ihr stand – wer auch immer er sein mochte –, war eine Bedrohung für sie. Sie zweifelte daran, dass er sie ermorden oder verstümmeln würde, aber es gab genügend andere Gefahren, andere Wege, sie zu zerstören.

Ihr war, als müsste sie ersticken. Ihr Hals war wie zugeschnürt. Kleine, stecknadelkopfgroße Punkte flimmerten vor ihren Augen, und sie nahm mit stummer Panik wahr, dass sie kurz davor war, in Ohnmacht zu fallen. Doch das durfte nicht passieren. Wenn sie das tat, wäre sie vollkommen hilflos.

„Miss Clay“, sagte er mit ruhiger, samtweicher Stimme, als würde er ihre Panik nicht bemerken. „Bitte setzen Sie sich.“

Diese nüchterne Kombination aus Einladung und Befehl hatte den segensreichen Effekt, dass sie aus ihrer Erstarrung erwachte. Irgendwie gelang es ihr, einzuatmen, ohne dabei zu keuchen, einmal, dann noch einmal. Ihr würde nichts geschehen. Sie musste keine Angst haben. Ja, es war eine etwas alarmierende Situation, und wahrscheinlich würde sie nicht ins Inferno zurückkommen, um zu spielen, aber sie hatte keine Gesetze oder Kasinoregeln gebrochen. Sie war in Sicherheit.

Wieder flammten die Lichtpunkte auf. Was …? Verwirrt drehte sie ihren Kopf und starrte zwei riesige Altarkerzen an, jede von ihnen fast einen Meter hoch, eine auf dem Boden und die andere auf einem weißen Marmorbrocken, der als Ofen diente. Flammen tanzten an den Dochten der Kerzen.

Kerzen. Sie war gar nicht kurz davor gewesen, in Ohnmacht zu fallen. Die flimmernden Punkte vor ihren Augen waren Kerzenflammen gewesen. Sie hatte sie nicht bemerkt, als sie in den Raum geschleift wurde, aber das war wohl verständlich.

Die Flammen tanzten und wiegten sich hin und her, als stünden sie in einem Luftzug. Auch das war verständlich. Es war Sommer in Reno, und die Klimaanlage lief mit Sicherheit auf höchster Stufe. Lorna trug immer lange Ärmel, wenn sie in ein Kasino ging, sonst wurde es ihr einfach zu kalt.

Sie zuckte zusammen, als sie bemerkte, dass sie nur die Kerzen anstarrte, ohne sich zu bewegen, und auf die Einladung, sich zu setzen, gar nicht reagiert hatte. Sie zwang sich, ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Mann am Fenster zu richten, und versuchte sich zu erinnern, wie der Gorilla ihn genannt hatte.

„Wer sind Sie?“, fragte sie scharf. Noch einmal versuchte sie, ihren Arm zu befreien, aber der Gorilla seufzte nur und hielt sie weiter fest. „Lassen Sie mich los!“

„Ist schon gut“, sagte der Mann und klang dabei leicht amüsiert. „Danke, dass du sie hergebracht hast.“

Der Gorilla gab sie augenblicklich frei. „Ich bin in der Sicherheitszentrale“, sagte er, bevor er leise das Büro verließ.

Ob es sich lohnen würde zu fliehen? Lorna dachte darüber nach, blieb aber stehen. Sie wollte nicht weglaufen. Das Kasino hatte ihren Namen und eine Beschreibung von ihr, und wenn sie floh, würde man sie auf die Schwarze Liste setzen – nicht nur im Inferno, sondern in jedem Kasino in Nevada.

„Ich bin Dante Raintree“, sagte der Mann und wartete dann einen Herzschlag lang, ob sie auf seinen Namen reagierte. Doch er sagte ihr nichts, und sie hob fragend die Augenbrauen. „Mir gehört das Inferno.“

Mist! Ein Besitzer hatte eine Menge Einfluss bei der Spielkommission. Sie musste jetzt sehr vorsichtig sein, aber sie hatte einen Vorteil. Er konnte nicht beweisen, dass sie betrog, denn es war einfach eine Tatsache, dass sie es nicht tat.

„Dante. Inferno. Verstehe“, antwortete sie mit einem Anflug von Na und? in der Stimme. Er war wahrscheinlich so reich, dass er glaubte, man müsse vor Ehrfurcht erstarren – aber wenn er sie erstarren lassen wollte, musste er schon etwas anderes auf Lager haben als das. Sie wusste Geld zu schätzen wie jeder andere, es machte das Leben auf jeden Fall einfacher. Jetzt, wo sie ein kleines finanzielles Polster hatte, schlief sie viel besser. Es war eine erstaunliche Erleichterung, zu wissen, woher ihre nächste Mahlzeit kam und wann sie sie bekommen würde. Gleichzeitig verachtete sie Menschen, die glaubten, ihr Reichtum würde sie zu Sonderbehandlungen berechtigen.

Nicht nur das, sein Name war auch lächerlich. Vielleicht war sein Nachname ja wirklich Raintree, aber den Vornamen hatte er wahrscheinlich der Dramatik wegen gewählt und weil es zu seinem Kasino passte. Sicher hieß er in Wirklichkeit Fred oder Melvin.

„Bitte setzen Sie sich“, wiederholte er, und deutete auf das cremeweiße Ledersofa auf ihrer Rechten. Ein Couchtisch aus Jade stand zwischen dem Sofa und zwei gemütlich aussehenden Sesseln. Sie versuchte, den Tisch nicht anzustarren, als sie in einem der Sessel Platz nahm, der genauso gemütlich war, wie er aussah. Sicherlich hatte der Tisch nur die gleiche Farbe wie Jade, und war nicht wirklich aus dem Stein gemacht, aber er sah echt aus. Wahrscheinlich war es nur Glas. Aber selbst wenn, war er ein ausgezeichnetes Stück Handwerkskunst.

Lorna hatte nicht viel Erfahrung mit Luxusartikeln, aber sie besaß eine Art sechsten Sinn für ihre Umgebung. Sie begann, sich von den Dingen um sie herum überwältigt zu fühlen. Nein, nicht überwältigt, das war das falsche Wort. Sie versuchte, das Fremde, Unbekannte, das in der Luft lag, zu benennen, doch es gelang ihr nicht. Mit Sicherheit aber spürte sie den Hauch von Gefahr, dessen sie sich schon so bewusst geworden war, als sie den Raum betreten hatte.

Als Dante Raintree näher auf sie zukam, merkte sie, dass alles, was sie spürte, von ihm ausging. Sie hatte recht gehabt, er war es. Er war die Gefahr.

Er bewegte sich mit träger Eleganz, aber es war nichts Langsames oder Faules an ihm. Er war ein großer Mann, etwa zwanzig Zentimeter größer als ihre eigenen 1,65 m, und auch wenn seine erstklassig geschneiderte Kleidung ihn schlank aussehen ließ, gab es doch keinen Schneider, der in der Lage war, die Muskelmassen unter dem Stoff ganz zu verbergen. Er war kein Gepard, er war ein Tiger.

Ihr fiel auf, dass sie es bisher vermieden hatte, ihm direkt ins Gesicht zu sehen, als würde ihr das einen gewissen Schutz bieten. Doch sie wusste es besser. Unwissen war nie eine gute Verteidigung, und Lorna hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass es nichts nützte, den Kopf in den Sand zu stecken und auf das Beste zu hoffen.

Er setzte sich ihr gegenüber hin, und nachdem sie sich innerlich noch einmal gewappnet hatte, sah sie ihm direkt in die Augen.

Ihr stockte der Atem.

Sie hatte das entfernte, schwindelerregende Gefühl zu fallen; sie konnte sich gerade noch dazu zwingen, sich nicht an den Lehnen des Sessels aufzustützen, um sich aufrecht zu halten.

Sein Haar war schwarz. Seine Augen waren grün. Gewöhnliche Farben, aber an ihm war nichts gewöhnlich. Sein Haar war glatt und glänzend und fiel bis auf seine Schultern. Sie mochte lange Haare bei Männern nicht, aber seine sahen weich aus, und sie wollte ihre Hände darin vergraben. Diesen Gedanken schob sie schnell zur Seite, und schon war sie in seinem Blick gefangen. Seine Augen waren nicht einfach grün, sie waren grün, so grün, dass ihr erster Gedanke war, dass er Kontaktlinsen trug. Eine so tiefe, satte Farbe, so rein, konnte nicht echt sein. Es waren nur sehr realistische Kontaktlinsen, mit kleinen Schlieren darin, wie bei echten Augen. Sie hatte Anzeigen für solche Linsen in Zeitschriften gesehen. Allerdings – als die Kerzen aufflackerten und seine Pupillen sich zusammenzogen, schien sich die Iris zu vergrößern. Konnten Kontaktlinsen das auch?

Er trug keine Kontaktlinsen. Instinktiv wusste sie, dass alles was sie sah, echt war, von den glänzenden Haaren bis zur intensiven Augenfarbe.

Er zog sie in seinen Bann. Eine Macht, die sie nicht verstehen konnte, zog an ihr, so fest, dass sie es fast körperlich spüren konnte. Die Flammen der Kerzen tanzten wild, heller, jetzt, da die Sonne untergegangen war und das Dämmerlicht vor dem Fenster immer dunkler wurde. Die Kerzen waren die einzige Lichtquelle im jetzt dunklen Büro, sie schickten Schatten über die harten Winkel seines Gesichts, und doch schienen seine Augen intensiver zu glühen, als sie es noch vor einem Moment getan hatten.

Sie hatten kein Wort gesagt, seit er sich gesetzt hatte, und doch fühlte sie sich, als müsste sie um ihren Willen kämpfen, um ihre Kraft, um ihr unabhängiges Leben. Tief in ihr begann Panik aufzuflackern wie ein Kerzenlicht, tanzte und sprang umher. Er weiß es, dachte sie und spannte sich an, um zu rennen. Vergiss die Kasinos, vergiss die nette Stange Geld, vergiss alles, außer, zu überleben. Lauf!

Ihr Körper gehorchte ihr nicht. Sie saß weiter da, wie erstarrt … hypnotisiert.

„Wie machen Sie es?“, fragte er schließlich, seine Stimme immer noch ruhig und unbekümmert, als würde er die Wogen und Wirbel der Macht, die um sie herum schlugen, nicht bemerken.

Noch einmal schien seine Stimme durch ihre innere Aufregung zu brechen und sie in die Wirklichkeit zurückzuholen. Verwirrt starrte sie ihn an. Er glaubte, sie machte diese ganzen komischen Dinge?

„Ich mache gar nichts“, stieß sie hervor. „Ich dachte, Sie sind das.“

Sie konnte sich irren, denn in dem flackernden Kerzenlicht war es schwer, einen Gesichtsausdruck richtig zu deuten, und doch sah er leicht erstaunt aus.

„Betrügen“, verdeutlichte er seine Frage. „Wie machen Sie es? Wie beklauen Sie mich?“

3. KAPITEL

Vielleicht wusste er es nicht.

Seine Offenheit war auf eine verdrehte Art erleichternd. Wenigstens hatte sie es jetzt mit etwas zu tun, das sie verstand. Sie ignorierte die merkwürdigen Strömungen um sie herum, das fast körperlich spürbare Gefühl, dass sie … irgendetwas … umgab, hob ihr Kinn, kniff ihre Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, und erwiderte seinen festen Blick. „Ich betrüge nicht!“ Das stimmte – jedenfalls zu weiten Teilen.

„Natürlich tun Sie das. Niemand hat so viel Glück wie Sie, wenn er nicht – Entschuldigung, wenn sie nicht – betrügt.“ Seine Augen funkelten jetzt, aber wenn es nach ihr ging, war dieses Funkeln um einiges besser als das seltsame Leuchten. Augen sollten sowieso nicht leuchten. Was stimmte nicht mit ihr? Hatte ihr jemand Drogen in ihren Drink getan, während sie in eine andere Richtung gesehen hatte? Sie trank nie Alkohol, während sie spielte, sondern hielt sich an Kaffee und Limonade, aber ihr letzter Becher Kaffee hatte bitter geschmeckt. Als sie ihn getrunken hatte, hatte sie geglaubt, nur Pech gehabt und den letzten Rest aus der Kanne erwischt zu haben, aber jetzt fragte sie sich, ob er nicht pharmazeutisch verlängert worden war.

„Ich wiederhole. Ich betrüge nicht.“ Lorna spuckte ein Wort nach dem anderen mit fest zusammengebissenen Zähnen aus.

„Sie kommen schon eine ganze Weile hierher. Jede Woche spazieren Sie hier mit fünf Riesen wieder raus. Das ist locker eine Viertelmillion im Jahr – und das nur aus meinem Kasino. Wie vielen anderen statten Sie auch Ihre Besuche ab?“ Sein kühler Blick betrachtete sie von Kopf bis Fuß, als würde er sich fragen, warum sie sich nicht besser kleidete, mit dem ganzen Geld.

Lorna fühlte, wie ihr Gesicht heiß wurde, und das machte sie wütend. Sie war schon lange Zeit nicht mehr beschämt gewesen. Scham war ein Luxus, den sie sich nicht leisten konnte, aber jetzt wand sie sich unter seinem prüfenden Blick. Okay, sie war nicht die am besten angezogene Frau der Welt, aber sie war ordentlich und gepflegt, und darauf kam es schließlich an. Was machte es schon, dass sie die Hose und die kurzärmelige Bluse bei Wal-Mart gekauft hatte? Sie konnte sich einfach nicht dazu bringen, hundert Dollar für Schuhe auszugeben, wenn das Paar für zwölf ihr genauso gut passte. Für die achtundachtzig Dollar Unterschied konnte man sich eine Menge zu essen kaufen.

„Ich fragte, wie viele andere Kasinos Sie jede Woche besuchen?“

„Was ich tue, geht Sie gar nichts an.“ Sie starrte ihn an, dankbar für ihre Wut und die Energie, die sie ihr gab. Das war viel besser, als verletzt zu sein. Sie würde sich vom Urteil dieses Mannes nicht verletzen lassen. Ihre Kleidung war vielleicht billig, aber sie war nicht abgetragen, und Lorna weigerte sich, sich zu schämen.

„Im Gegenteil. Ich habe Sie erwischt. Deshalb muss ich dafür sorgen, dass Al alle anderen Sicherheitschefs warnt.“

„Sie haben mich bei überhaupt nichts erwischt!“ Dessen war sie sich ganz sicher, denn sie hatte nichts getan, wobei man sie erwischen konnte.

„Sie haben Glück, dass ich es bin, der die Verantwortung trägt“, fuhr er fort, als hätte sie kein Wort gesagt. „Es gibt einige Leute in Reno, die Betrügen für ein Verbrechen halten, das schwer bestraft werden muss.“

Ihr Herz kam für einen Moment aus dem Takt. Er hatte recht, und das wusste sie. Auf der Straße wurde geflüstert, Geschichten von Menschen, die versucht hatten, ihrem Glück ein wenig nachzuhelfen – und die entweder spurlos verschwunden waren oder schon Zimmertemperatur angenommen hatten, als man sie fand. Sie hatte nicht die wohltuende Unwissenheit, die es gebraucht hätte, um zu denken, dass er einfach übertrieb, denn sie hatte in einer Welt gelebt, in der solche Dinge wirklich passierten. Sie kannte diese Welt, kannte die Menschen, die in ihr lebten. Sie hatte darauf geachtet, so unsichtbar wie möglich zu bleiben, hatte sich nie darauf eingelassen, die Bonuskarten zu benutzen, die es den Kasinos ermöglichten, zu sehen, wer gewann und wer nicht, aber irgendetwas hatte sie trotzdem falsch gemacht, denn durch irgendetwas hatte sie Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ihre Unschuld würde gewissen Leuten gar nichts bedeuten; ein Wort an die falsche Person, und sie war tot.

Wollte er ihr zu verstehen geben, dass er nicht vorhatte, sie auszuliefern, dass die Sache eine interne Angelegenheit des Inferno bleiben würde?

Warum sollte er das tun? Nur zwei plausible Gründe fielen ihr ein. Einer war das alte Spiel: Sei ein bisschen nett zu mir, Kleine, und ich sag niemandem, was ich weiß. Der andere war, dass er sie zwar verdächtigte, zu betrügen, aber keine Beweise hatte, und alles was er vorhatte, war, sie zu einem Geständnis zu bewegen oder ihr wenigstens Hausverbot im Inferno zu erteilen. Wenn sein Grund der erste war, war er ein Ekel, und sie wusste, wie sie mit denen umgehen konnte. Wenn sein Grund der zweite war, na ja, dann war er ein netter Kerl.

Und das wäre dann einfach sein Pech.

Er sah sie sich an, sah sie sich richtig an, seine ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, jede kleinste Gefühlsregung in ihrem Gesicht zu bemerken. Lorna kämpfte dagegen an, sich unter seinem Blick zu winden, aber im Mittelpunkt so konzentrierter Aufmerksamkeit zu stehen, ließ sie sich sehr unwohl fühlen. Sie bevorzugte es, in der Masse unterzugehen, im Hintergrund zu bleiben; Anonymität bedeutete Sicherheit.

„Entspannen Sie sich. Ich werde Sie nicht dazu erpressen, mit mir ins Bett zu gehen – nicht, dass ich kein Interesse hätte“, sagte er, „aber ich brauche keinen Zwang, um jemanden in mein Bett zu bekommen, wenn ich es will.“

Sie zuckte fast zusammen. Entweder hatte er ihre Gedanken gelesen oder sie hatte keine Kontrolle mehr über ihren Gesichtsausdruck. Sie wusste, dass sie immer die Kontrolle behielt; zu lange hatte ihr Leben davon abgehangen, auf der Hut zu sein, und die Verteidigungsmechanismen dieses Lebens hatten sich tief in ihr Verhalten eingegraben. Er hatte ihre Gedanken gelesen. Oh, nein, er hatte ihre Gedanken gelesen!

Panik begann, ihre Sinne zu vernebeln; dann verschwand sie so schnell, wie sie gekommen war, wurde verdrängt von dem deutlichen Bild von ihr und ihm. Für einen verwirrenden Moment fühlte sie sich, als würde sie neben ihrem Körper stehen, die zwei im Bett zusammen beobachten – nackt, die Körper schweißüberzogen vor Anstrengung, aneinandergepresst. Sein muskulöser Körper lag über ihrem, drückte sie in die zerwühlten Bettlaken. Ihre Arme und Beine, blass gegen seine olivfarbene Haut, waren um ihn geschlungen. Sie roch Sex und Haut, fühlte seine Hitze und sein Gewicht auf ihr, als er sich mit ihr vereinigte, hörte ihre eigenen schnellen Atemzüge, als sie sich seinen langsamen, kontrollierten Bewegungen anpasste. Sie war kurz vor dem Höhepunkt, und er auch, seine Bewegungen wurden härter, schneller …

Sie zwang sich mit Gewalt, das Szenario zu verlassen, denn plötzlich war sie sich furchtbar sicher, dass sie sich sonst vollkommen lächerlich machen würde, indem sie selber, direkt vor ihm, zum Höhepunkt kam. Sie konnte sich kaum in der Gegenwart halten, der Lockruf der Wonne, auch wenn sie nur eingebildet war, war so stark, dass sie zurück wollte, sich in dem Traum, oder der Wahnvorstellung, oder was auch immer es war, verlieren.

Irgendetwas stimmte nicht. Sie hatte keine Kontrolle über sich, war stattdessen den merkwürdigen Strömungen der Macht, die den ganzen Raum durchflossen, ausgeliefert. Und sie konnte sich auch auf nichts lange genug konzentrieren, um es zu untersuchen, gerade wenn sie glaubte, den Boden unter den Füßen wiedergefunden zu haben, wurde sie wieder in eine andere Richtung gestoßen, und noch ein wildes, ungezähmtes Gefühl kam an die Oberfläche.

Er sprach noch einmal und schien nichts zu bemerken außer seinen eigenen Gedanken. Wie konnte er nicht fühlen, was vor sich ging? Bildete sie sich das alles nur ein? Sie umklammerte die Lehnen des Sessels und fragte sich, ob sie vielleicht so etwas wie einen Nervenzusammenbruch hatte.

„Sie sehen Dinge voraus. Sie sind präkognitiv.“ Er legte den Kopf zur Seite, als würde er ein interessantes biologisches Muster betrachten, und ein kleines Lächeln verzog seine Lippen. „Sie sind auch hypersensitiv, und ein klein wenig Telekinese ist auch dabei. Interessant.“

„Sind Sie verrückt?“, entfuhr es ihr. Sie war angsterfüllt, und es fiel ihr immer noch schwer, sich zu konzentrieren. Interessant? Er stand entweder kurz davor, ihr Leben zu ruinieren, oder sie wurde verrückt, und er nannte das interessant?

„Das glaube ich nicht.

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