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Aus dem Alltag gehebelt

2020 Ralph Ronneberger

Umschlag: Ralph Ronneberger

Korrektorat: Christine Skrowny

Verlag & Druck: tredition GmbH,

Halenreie 40 - 44 22359 Hamburg

ISBN

Paperback

978-3-347-03565-2

Hardcover

978-3-347-03566-9

e-Book 978

3-347-03567-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Ein Hüpfball namens Zusu-pulka-maja

Willi und die Vampirette

Der glückliche Thomas

Des Schicksals Advokaten

Ein letztes Rendezvous

Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf

Hackfresse

König Ziegenpeter und sein Narr

Pani Lore

Die Oster-Überraschung

Begegnung am Kreuzmast

Das ist der Frühling

Voilá – mein Mondkalb

Ein Hüpfball namens Zusu-pulka-maja

Irgendwo im Ost-Erzgebirge im Sommer 1996

Donar, der zottelbärtige Gewittergott, schien in dieser schwül-warmen Spätsommernacht ausgesprochen stinkig zu sein. Mit drohendem Grollen hatte er seinen eisernen Wagen hierher gelenkt, um ihn genau über einem beschaulichen ostsächsischen Urlauberdörfchen zum Stehen zu bringen.

Aufgebracht durch etwas, von dem nur die Götter wissen, drosch er mit seinem gigantischen Hammer gegen das Himmelgewölbe, ehe er die Blitze gleich bündelweise aus dem Wolkenköcher riss, um sie als grelle Pfeile in das enge Tal zu schleudern. Jeden Einschlag quittierte er mit einem grimmigen Lächeln und ließ nebenher den Hammer so rasant kreisen, dass die einzelnen Schläge zu einem rollenden Donnern verschmolzen.

Etwas abseits vom Dorf, dicht an den Hang geklebt, stand eine kleine Pension. Sie war von knorrigen Eichen umgeben, deren sturmgebeutelte Kronen sich im Rhythmus des Windes in Richtung Gebäude neigten, als wollten sie die Blitze bitten, sie zu verschonen und sich dafür an dem regennassen Ziegeldach schadlos zu halten.

Das Haus schien mitten in dem Getöse vor sich hin zu dösen. Doch plötzlich irrten flackernde Lichtpunkte über die bis dahin dunklen Fensterscheiben. Die Pensionsgäste, zum Teil aus den Betten hochfahrend, hatten feststellen müssen, dass der Strom ausgefallen war.

Ein vollständig angezogener Mann stürzte mit einem brennenden Feuerzeug auf den Flur der ersten Etage und jammerte lauthals, er habe noch zu arbeiten.

Zwei junge Mädchen kamen hinzu und maulten, weil sie nicht fernsehen konnten, und ein älteres Ehepaar war ganz verzweifelt, da es stets bei gedämpftem Licht zu schlafen pflegte.

Mittendrin stand die dralle Wirtin mit aufgelösten Haaren, hastig übergeworfenem Morgenmantel und fuchtelte mit einer riesigen Stabtaschenlampe umher.

„Ist das ganze Dorf ohne Strom oder hat es nur die Sicherungen hier im Haus rausgehauen?“, wollte der Nachtarbeiter wissen.

Frau Wirtin zuckte hilflos mit den runden Schultern.

„Na, wollen Sie nicht nachschauen?“, wurde der Mann ungeduldig. Von den Umstehenden erntete er heftiges Kopfnicken.

Da blitzte es grell auf, die kleine Gruppe fuhr kollektiv zusammen. Bei dem unmittelbar darauf folgenden Kracher, machte sich instinktiv jeder so klein wie möglich. Der Fußboden bebte. Die jungen Mädchen schrien auf. Die ältere Dame verkrampfte die Finger im Schlafanzug ihres Gatten. Die Wirtin stand zitternd gegen die Wand gelehnt und vergaß glatt, ihren klaffenden Morgenrock zu schließen.

„Das hadd ganz in dor Nähe neingehaun!“, flüsterte sie, und nachdem sie sich ein wenig vom Schreck erholt hatte, setzte sie halblaut hinzu: „Nee, jetzt bring mich geene zähn Fährde an dän Lischdgasd’n. Nich ums Vorrecken!“

Wie, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, fuhr man erneut vom Blitz geblendet zurück. Obwohl der folgende Einschlag etwas entfernter lag, glaubte die Chefin des Hauses genügend Grund zu besitzen, die erste Etage zu verlassen, um sich in ihrer Erdgeschosswohnung zu verbarrikadieren. Den Anderen blieb ob dieser schändlichen Kapitulation der Pensionsherrin nichts weiter übrig, als sich schimpfend auf die Zimmer zurückzuziehen.

„Na, vielleicht hört es ja bald wieder auf“, seufzte die ältere Dame.

Ihre Hoffnung wurde von ihrem Gatten brutal im Keim erstickt, indem er meinte: „Das Gewitter hängt im Tal fest. Das kann noch Stunden dauern.“

Da erneut: ratsch-bumm!

Der gewaltige Donnerschlag setzte den Punkt unter seine Aussage.

Es rumste so gewaltig, dass davon nun auch der Gast von Nummer „Sieben“ aufwachte und merkte, was um ihn vorging. Sein verzögertes Erwachen, lag in der Tatsache begründet, dass er bis spät abends im Restaurant gesessen und sich erst vor wenigen Stunden reichlich alkoholisiert ins Bett gelegt hatte.

Der junge Mann, der auf den wohlklingenden Namen Luthgar Quellmalz hörte, arbeitete als Vertreter für biologische KleinKläranlagen. Das verdammte ihn dazu, sich ausschließlich in solch abgeschiedenen Gegenden herumzutreiben, weil dort die zentralen Abwassernetze die Hausbesitzer noch nicht überall erreicht hatten. Ein Wettlauf mit der Zeit, der Herrn Quellmalz auf Trab hielt. Aber gestern hatte er im Nachbarort gleich drei Abschlüsse unter Dach und Fach bringen können – Anlass genug, um ein wenig mit sich selbst zu feiern!

„Wow, da geht, ja was ab!“, staunte Luthgar und verfolgte mit nervösem Augenzwinkern, wie die Blitze ganz in der Nähe ihr Ziel fanden. Mit der Linken suchte er den Schalter für die Nachttischbeleuchtung. Nach eingehender Tapeten-Befühlung erreichte er die Taste und betätigte sie. Doch es blieb dunkel.

„Auch das noch“, seufzte er und fühlte Nervosität aufkommen, so wie sie jeden zivilisierten Menschen befällt, wenn das Stromnetz sich verweigert.

Er richtete den Blick an die Decke, und ihm war gar nicht wohl bei der Vorstellung, dass ihn nur eine dünne Schicht aus Gipskarton, Dämmwolle, Schalbrettern und Dachziegeln von dem Inferno trennte. Falls es hier ins Dach einschlug, dann …

Er mochte den Gedanken nicht zu Ende denken, aber seine Fantasie reichte aus, um sich bereits als verkohlte Leiche in dem schwelenden Doppelbett liegen zu sehen. Bei jedem Blitz zuckte er nervös zusammen und unterbrach jedes Mal das Stoßgebet, das er flüsternd gen Himmel schickte.

Ob er damit den alten Donar erreichte und gar etwas Mitleid in ihm auslöste, oder ob der Gewittergott einfach nur eine Pause einlegen wollte, mochte für Luthgar Quellmalz sekundär sein. Nach einer knappen Stunde ängstlichen Lauschens quittierte er mit Erleichterung das Nachlassen des Gewitters. Als der vorläufig letzte Donner im Tal verrollt war, wurde es betäubend still. Es dauerte einen Moment, bis ihm das Rauschen des Regens ins Bewusstsein drang. Luthgar atmete tief durch, schickte einen dankbaren Seufzer gegen die Zimmerdecke und schloss die Augen. Bereits im sanften Hinüberdämmern begriffen, vernahm er plötzlich ein Geräusch, das ihn erneut in Unruhe versetzte.

Er verschob das Einschlafen und horchte. Ein feines Knistern nur – aber deutlich genug, um sich über das monotone Regenrauschen zu legen. Und es kam – da bestand kein Zweifel – von rechts, also von der Seite des Doppelbettes, die mangels Begleitperson ungenutzt blieb.

Verwundert drehte Luthgar den Kopf in diese Richtung und hob den Oberkörper an. Im gleichen Augenblick durchzuckte ihn ein Schreck, der ihn in halb aufgerichteter Position verharren ließ. Und nun machte er die Erfahrung, dass sich im Moment des Grauens tatsächlich die Nackenhaare aufzurichten vermögen.

Mit aufgerissenen Augen starrte er auf die große Kugel, die auf dem Kopfkissen des Nachbarbettes lag und die das Knistern verursachte. Doch damit nicht genug. Von dem Gebilde ging ein schwaches Leuchten aus. Die Oberfläche schien mit tausend winzigen Pünktchen bestreut, die in ständigem Wechsel kurz aufglühten, um gleich darauf wieder zu erlöschen. Daraus resultierte der Eindruck, als sei die Kugel in unzählige mikroskopisch kleine Blitze gehüllt.

Was war das?

Luthgar spürte ein so noch nie erlebtes Entsetzen und fühlte, wie es unter seiner Kopfhaut furchtbar zu kribbeln begann. Doch da durchschoss ihn die Erkenntnis, die der Furcht zwar zusätzlich Nahrung gab, ihn aber aus der Erstarrung riss. Ein Kugelblitz!

‚Raus hier!’, war sein einziger Gedanke.

Das Ding konnte jederzeit explodieren und dann …

Er wusste um die Gefährlichkeit einer solch seltenen Naturerscheinung. Seine Großmutter hatte ihm von einem Fall erzählt, wo ein Kugelblitz in eine Bäckerei eingedrungen war und den Backofen komplett zerfetzt hatte.

Noch lag das Teufelsding still.

‚Raus hier!’, befahl er sich erneut, und die für den Selbsterhaltungstrieb zuständigen Gehirnregionen nahmen ihre Arbeit auf.

Bettdecke weg, aufspringen, das halbe Bett umrunden – schon war der Weg zur Tür frei. Ängstlich die Feuerkugel im Auge behaltend, tastete er sich vorwärts. Ließ das Leuchten nach?

Egal. Nur weg von diesem Ding!

Die letzten Meter wollte er in zwei, drei Sprüngen zurücklegen, übersah aber in der Dunkelheit den kleinen Beistelltisch, der nun zum Bein-Stell-Tisch wurde. Krachend ging Luthgar zu Boden. Vor Schmerz und Schreck schrie er auf und rieb sich im Liegen das linke Knie.

Jedoch die Angst vor der Höllenkugel riss ihn hoch. Noch halb in der Hocke tastete er nach der Tür, doch ehe er sie gefunden hatte, rammte ihn ein neuer Schock beide Fäuste in die Magengrube und ließ ihn kraftlos zu Boden rutschen.

Der Kugelblitz hatte gesprochen.

Luthgar hatte zwar nichts verstanden, aber die Stimme kam eindeutig von dem kugelbestückten Kopfkissen. In seinen Ohren rauschte es, der Kopf dröhnte und einen Moment lang war ihm, als würde sich der Raum um ihn drehen.

„Ich glaube, ich werde verrückt“, flüsterte er und krallte seine Finger in den Teppich, dass die Kuppen schmerzten. „Eine Halluzination! Was ist los mit mir? Ich …“

„Nicht solchen Lärm. Ich brauche Ruhe!“, tönte es jetzt deutlich und in barschem Tonfall von der unbenutzten Ehebetthälfte. Eine Frauenstimme!

Weiß der Kuckuck warum, aber das beruhigte ihn ein wenig. Langsam schob er sich an der Wand nach oben, und als er dann – zwar immer noch mit butterweichen Kniekehlen – endlich aufrecht stand, wagte er einen Blick hinüber zur Kugel. Kein Leuchten mehr. Doch der jetzt dunkle Riesenball hob sich deutlich vom hellen Kopfkissen ab.

„Entweder bin ich am Verblöden oder leide tatsächlich an Sinnestäuschungen“, sagte er laut.

Er fühlte sich wie damals, wenn er als Kind, allein auf den finsteren Dachboden geschickt wurde. Da hatte er vor Angst auch immer lautstark vor sich hin gebrabbelt.

„Weder noch!“, kam es prompt zurück.

Kein erneutes Erschrecken. Im Gegenteil. Luthgar fühlte sich ruhiger werden. Plötzlich war ihm klar geworden, dass man ihn hier so richtig verscheißern wollte. Aber wer? Und warum ihn? Hier kannte ihn doch niemand.

„Wer bist du?“, fragte er in den Raum hinein und versuchte seiner Stimme einen möglichst forschen Klang zu verleihen.

„Siehst du mich denn nicht?“

„Ich sehe nur etwas Rundes, das aussieht wie ein Hüpfball.“

Er hörte ein schepperndes Lachen. Es klang, als käme es aus einem leistungsschwachen Lautsprecher. Und dann die Worte: „Der … wie nanntest du das? Hüpfball – das bin ich.“

„Ah ja“, sagte Luthgar nur.

Das Spielchen war ihm plötzlich zu blöd. Irgendjemand hatte ihn erschrecken wollen, mochte nun seinen Spaß gehabt haben, und jetzt reichte es. Dieser, mit Mikrofon und Kopfhörer ausgestattete Jemand, der vermutlich grinsend im Nebenzimmer saß, sollte sich einen anderen Dussel suchen. Wieder tastete er nach der Tür.

„Bleib!“, kam es scharf vom Kopfkissen.

Seine Hand rutschte von der Klinke.

„Ich weiß nicht, was ein Hüpfball ist. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um einen toten Gegenstand. Doch sieh mich an – ich lebe!“

„Kann nichts erkennen“, murmelte Luthgar.

„Entschuldigung. Ich vergaß eure lichtschwachen Augen.“

In der Ballstimme schwang so etwas wie ein Anflug von Mitgefühl. Dieser Ton wandelte sich beinahe ins Mütterliche, als sie ihn aufforderte, näher zu treten. Luthgar machte ein paar zögernde Schritte auf das Bett zu.

‚Ich muss bekloppt sein’, dachte er, doch die Neugier erwies sich mit einem Mal stärker als die Angst. Er stand jetzt direkt neben dem Kopfende des Bettes, wagte es aber nicht, sich noch weiter zu nähern oder gar die Hand nach der Kugel auszustrecken.

„Setz dich!“

Obwohl in seinem Hinterkopf ein Martinshorn gellte, kam er der Aufforderung nach und ließ sich am äußersten Rand der Bettkante nieder. Da fühlte er etwas über sein Gesicht streichen und fuhr zurück.

„Ruhig. Keine Angst. Ich tu dir nichts“, vernahm er die Stimme ganz nah.

Wieder wurde sein Antlitz berührt.

„Oh!“, hörte er plötzlich. Dem folgte ein Murmeln, das er nicht verstand.

„Was hast du gesagt?“

„Ich rechne“, sagte Frau Kugel. Und dann: „Knapp zweihundertzehn Grad über dem absoluten Nullpunkt! Fürs Erste könnte das reichen.“

„Wofür?“, fragte Luthgar, erhielt aber keine Antwort. Stattdessen vernahm er ein lautes Schmatzen.

„Krieg die Arme nicht raus. Alles klamm!“, hörte er sie maulen.

Luthgar hatte seine Angst weitgehend überwunden, denn von der Kugeldame schien keine unmittelbare Gefahr auszugehen.

Jetzt, wo er direkt neben ihr saß, bemerkte er, wie die Oberfläche schwach pulsierte, als würde das Gebilde atmen. Berühren mochte er das Ding nicht. Aber er fasste sich ein Herz und fragte leicht stotternd: „Wer … wer bist du? Was bist du?“

Ein hohles Kichern war die Antwort, und dann folgte etwas, das wie ein Räuspern klang.

„Ich heiße Zusu-pulka-maja, bin im ersten Drittel meines Erwachsenendaseins und darf beruflich durch das Weltall düsen, um fremde Zivilisationen zu studieren.“

Luthgar schnitt wohl die dümmste Grimasse seines Lebens. Es dauerte einen Moment, bis er begriff, was gemeint war.

Wahnsinn!

In seinem Nachbarbett lag ein Alien, und er saß friedlich daneben, als sei dies das Selbstverständlichste der Welt. Das nannte man vermutlich eine Begegnung der vierten Art, glaubte er sich zu erinnern.

„Aber wieso bist du eine Kugel?“, fragte er, während vor seinem geistigen Auge eine ganze Horde grüner, echsenähnlicher Monster zur Parade aufmarschierte. Von durch das Weltall schwebenden Kugelwesen hatte er nie gehört oder gelesen.

„Weil ich friere.“

„Häh?“

„Wäre ich ein Würfel, besäße ich im Verhältnis zu meinem Volumen die dreifache Oberfläche. Somit würde ich noch mehr Körperwärme an die Umgebung verlieren.“

Jetzt klang die Stimme oberlehrerhaft, aber die Erklärung leuchtete ein. Simple Geometrie – achte Klasse, doch Luthgar staunte.

„Du kannst deine Körperform verändern und den äußeren Bedingungen anpassen?“

„Natürlich!“, hörte er es ächzen. „Bin gerade dabei, meine normale Gestalt …“

Es gab ein lautes Plopp, unter dem Luthgar zusammenzuckte. Im gleichen Augenblick fühlte er sich an den Oberarmen gepackt. Zwei kräftige Hände zerrten ihn aus der sitzenden in eine halb liegende Position und pressten ihn an die Kugel, die allerdings schon keine mehr war. Vielmehr besaß er jetzt direkten Kontakt zu einem zwar runden, aber gleichzeitig länglichen Etwas. Aus der Riesentomate war eine Riesengurke geworden.

„Ah – das tut gut“, vernahm er die mittlerweile schon vertraute Stimme.

Es folgte ein zufriedenes Grunzen, während Luthgar eine Gänsehaut bekam. Die Schwarte dieses Weltraum-Monsters fühlte sich nicht nur an wie glibberiges, warziges Silikon, sie war außerdem noch saukalt.

Sosehr er sich auch gegen diese unfreiwillige Umarmung zu wehren begann, das Ding hielt ihn fest im Griff. Er wollte aufschreien vor Angst, vor Ekel oder was auch immer – mehr als ein dürftiges Stöhnen bekam er nicht heraus. Zu allem Übel schnürte ihm dieses Monster allmählich die Luft ab.

In diesem Moment leuchtete die Nachttischlampe auf. Es gab wieder Strom.

„Danke, jetzt brauche ich dich nicht mehr.“

Mit diesen Worten lockerte sich der Griff, dann fielen die Pranken des Monstrums auf das Laken.

Luthgar, der sich bis dato unbewusst gegen die ihn haltenden Hände gestemmt hatte, fuhr mit dem Körper nach hinten und krachte vom Bett. Vielleicht hatte auch der Anblick, der sich ihm jetzt bot, zusätzlich dazu beigetragen.

Er sah einen rotbraunen, länglichen Klumpen, dessen schrundige Oberfläche – oder war das etwa Haut? – aussah, als wäre sie von Rost zerfressen. Aus dem oberen Bereich dieses Rumpfes ragten zwei dicke, dicht bewarzte Arme heraus, die in knochigen Händen endeten. Unten dagegen gab es zwei spindeldürre und extrem kurze Beinchen, die nicht einmal Füße besaßen. Aber das Abscheulichste war wohl der Kopf, der mit einem menschlichen Haupt einzig die Größe gemein hatte.

Aus dem erdbraunen und von unzähligen Runzeln durchzogenen Gesicht starrten ihn zwei orangefarbene, lidlose Augen an, zwischen denen eine dreiröhrige Nase herauswuchs, die sich wiederum ein ganzes Stück über die wulstige Oberlippe schob. Das zahnlose Maul war weit geöffnet, und die gelbgrün gesprenkelte Zunge spielte ständig über eine Stelle, wo eigentlich eine Unterlippe hätte sein müssen.

Luthgar fuhr noch weiter zurück.

„Gib zu, du findest mich scheußlich“, kam es aus dem unbezahnten Riesenloch.

Luthgar schluckte eine ehrliche Antwort hinunter und legte weitere zwanzig Zentimeter zwischen sich und das Bett.

„Zusum-pilki-malko mag mich auch nicht. Er findet Zusy-pikinalli viel hübscher als mich“, kam es ein wenig traurig zurück. „Sie ist wohl auch tatsächlich schöner als ich.“

„Das kann nicht sein“, sagte Luthgar und grinste mutig.

„Doch! Sie hat einen perlmuttfarbenen Unterleib und ihr Kelch ist wesentlich …“

„Was für ein Kelch?“

Er hatte die Frage noch nicht ganz ausgesprochen, da glaubte er schon zu wissen, was sie meinte. Aus Furcht, sie könnte ihm dieses garantiert unappetitliche Ding ungeniert präsentieren, warf er hastig ein „Ich verstehe!“ hinterher.

„Die beiden wollten unter sich sein“, fuhr sie fort. Und aufgebracht fügte sie hinzu: „Aber ist das ein Grund, mich bei diesem Sauwetter aus dem Raum-Transporter zu schmeißen und mich hier allein zurück zu lassen? Nur weil sie ungestört … Du weißt, was ich meine?“

Klar konnte er sich denken, was sie meinte, doch er mochte es sich nicht vorstellen müssen und nickte daher heftig.

Um von dem Thema abzulenken und somit gar nicht erst mit den garantiert ekligen Einzelheiten konfrontiert zu werden, fragte er sie, wann ihre Gefährten sie wieder abzuholen gedächten.

„In drei Titaks“, antwortete sie.

Über Luthgars Kopf kreisten die berühmten Fragezeichen.

„Das sind … Warte – ich muss rechnen – vierundvierzig Jahre, fünf Monate, vier Tage und …“

„Waaas? Das ist ja die Hälfte eines Menschenlebens“, unterbrach er sie entsetzt.

Menschenleben – ja. Für mich sind das nicht ganz zwei Tausendstel meiner Lebenserwartung. Von daher kein Problem. Ich frage mich nur, wie ich diese Zeit allein sinnvoll ausfüllen soll. Ich fürchte, du musst mich …“

„Da lebt ihr mehr fünfhundertmal länger als wir?“

Luthgar wollte sich diese unglaubliche Dimension vorstellen, und war er am Rechnen.

„Was für mich ein Jahr ist, das wäre dann …“ Es folgte eine Pause. „… für dich nicht mal ein Tag. Wahnsinn!“

Das grottenhässliche Wesen mit dem klangvollen Namen Zusupulka-maja seufzte ein wenig und ließ ihre großen Augen rollen, ehe sie sagte: „Ja, ihr seid schon bedauernswerte Kreaturen. Nie habt ihr in euerm kurzen Leben genug Zeit für die wichtigen und vor allem schönen Dinge. Und zum tiefen Nachdenken wohl auch nicht, sonst würdet ihr nicht so kopflos von einem Problem in das andere schlittern. Aber ich finde das irgendwie spannend.“

„Iss nun mal so“, knurrte Luthgar in einem Anflug von Neid.

Er, der gut aussehende, junge Mann hatte eventuell noch vierzig bis fünfzig Jahre vor sich. Und diese abstoßende Kreatur durfte fast dreihundertmal so lange existieren.

‚Im Universum geht es verdammt ungerecht zu’, dachte er.

„Wo kommst du eigentlich her?“, wollte er dann wissen. „Gelandet sind wir in der Nähe des Äquators, in einer Gegend, die ihr Afrika nennt. Wir haben dort einige Zeit …“

„Nein, ich wollte wissen, wo ihr zuhause seid.“

„Ach so. Unser Heimatplanet heißt Onku-tat-sanym, was frei übersetzt ‚Unsere Schöne Heimat‘ bedeutet.“

„Ist das sehr weit von hier?“

„Nö, gleich um die Ecke. Keine dreißig Lichtjahre von eurem Sonnensystem entfernt.“

Sie verzog ihr Gesicht zu einer gräulichen Grimasse, die wohl ein Grinsen andeuten sollte. Dabei bemerkte Luthgar, dass ihr eine Unterlippe von der Größe eines Partywürstchens gewachsen war. Dort, wo beim Menschen die Ohren angebracht sind, gab es jetzt zwei schneckenförmige Auswüchse, aus denen jeweils ein dünnes weißes Kabel kroch. Oder handelte es sich hierbei um Fühler? Die Dinger verharrten einen Moment lang senkrecht in der Luft, ehe sie sich blitzartig verlängerten, nach vorn schnellten und sich mit den Spitzen an Luthgars Schläfen fest pappten.

„Nur eine kleine Kontrolle“, murmelte diese Zusu-pulkSoundso, und er fühlte ein leichtes Kribbeln an den Stellen, wo die Kabel- beziehungsweise Fühlerenden ihn berührten.

Sie ließ ein Seufzen vernehmen, das wohl so etwas wie Besorgnis ausdrücken sollte.

„Blutdruck erhöht, Puls beschleunigt, Atmung flach, Alkohol im Blut, Verspannung der Rückenmuskulatur, üble Blähungen, mangelhafte Durchblutung des Begattungsklöppels … da ist fraglos eine Behandlung fällig.“

Die Kabel lösten sich und suchten sich ihren Weg, hin zur Steckdose gleich neben dem Nachttisch.

„Oh – das tut gut“, hauchte sie glückselig. „Ich tanke Energie und du schläfst dich gesund“, setzte sie hinzu.

Ihr abstoßender Kopf schob sich über den Bettrand. Die dicken Lippen formten sich zu einem Trichter. Daraus schoss plötzlich ein warmer Luftstrom hervor. Im Nu war Luthgar in eine feine Aerosolwolke gehüllt. Der fremdartige Duft hatte etwas Angenehmes und machte ihn schläfrig.

„Ich wünsche einen erquickenden Schlaf“, hörte er sie noch glucksen.

Dann kippten seine Sinne weg, und er sank in eine barmherzige Ohnmacht.

* * * * * * *

Als Luthgar am darauf folgenden Morgen erwachte, wagte er zunächst gar nicht, die Augen zu öffnen. Zu tief wirkte der Albtraum noch in ihm nach. Er kämpfte sich durch den Nebel irrealer Eindrücke, deren Reste seinen Denkapparat lähmten, und es gelang ihm, zumindest die Ohren auf die Wirklichkeit zu richten.

Nichts, als das Rauschen des immer noch anhaltenden Regens. Eine ganze Weile verharrte er so. Erst als er im Haus eine Tür knallen und Geschirr klappern hörte, schob er zögernd die Augenlider nach oben. Sein Blick fiel auf das Fenster. Hinter der regenbetropften Scheibe registrierte er das sattgrüne Laub der alten Eiche. Darüber spannte sich ein trostlos grauer Himmel.

Er fragte sich, wie spät es sein mochte, hob den linken Arm und brachte das mit der Uhr geschmückte Handgelenk auf Augenhöhe.

„Halb neun“, murmelte er. „Geht ja noch.“

Immer noch von Bruchstücken dieses irren Traumes beherrscht, verharrte er einen Moment, ehe er den Kopf nach rechts drehte, um einen Blick auf das Nachbarbett zu riskierten. Ungewollt entfuhr ihm ein Seufzer der Erleichterung. Das Bett war leer und machte obendrein einen völlig unberührten Eindruck.

„Junge – du kannst einen Scheiß zusammenträumen. Das kommt davon, wenn man abends alles Mögliche durcheinander säuft“, sprach er halblaut vor sich hin und spürte, wie er den Kopf allmählich frei bekam.

Die verschwommenen Erinnerungen an das kugelige TraumMonster zerfaserten. Stattdessen meldete sich ein nicht zu ignorierendes Hungergefühl, das ihn letztlich aus dem Bett trieb.

Das argwöhnisch befürchtete Pochen im Kopf blieb aus. Kein Kater! Im Gegenteil! So frisch und ausgeruht hatte er sich in seinem gestressten Vertreterdasein schon lange nicht mehr gefühlt. Die kalte Dusche tat ein Übriges, und als er sich nach dem Zähneputzen im Spiegel betrachtete, schmetterte er seinem freundlich lächelnden Gegenüber ein „Wow, siehst du gut aus!“ entgegen.

Erst, als er sich ausgiebig mit Körperspray eindieselte, kam ihm wieder so ein Traumfetzen in den Sinn. Doch das vermochte ihn nicht mehr zu irritieren. Radio an, die Melodie mitgepfiffen, in frische Klamotten geschmissen und das Köfferchen gepackt – das war ein Akt von wenigen Minuten.

Dann noch ein prüfender und aus langer Gewohnheit zum Automatismus gereifter Blick durch das Zimmer. Alles Okay. Nichts vergessen. Heute Abend würde er in keinem Hotelbett schlafen. Es war Freitag, und ein hoffentlich etwas sonnigeres Wochenende stand bevor. Hatte der Regen nicht schon nachgelassen? Nein. Zu früh gefreut.

Auf dem Weg zum ein wenig abseits liegenden Parkplatz trieb ihm ein kühler Wind dicke Tropfen ins Gesicht. Unzähligen Pfützen ausweichend, patschte er geduckt bis zu seinem Auto.

Rasch verstaute er sein Gepäck im Heckraum des Kombis und machte sich dann fröstelnd auf den Weg zum Restaurant.

Als er das Haus wieder betrat, fühlte er sein frisches Oberhemd klatschnass auf den Schultern kleben. Doch er hielt sich damit nicht auf, sondern steuerte auf den Frühstücksraum zu.

Gleich neben dem Eingang, befand sich die winzige Rezeption, hinter der die Wirtin thronte. Sie hatte ihren Riesenbusen auf dem Tresen abgelegt und starrte mit unverhohlener Neugier auf die wenigen Frühstücksgäste. Ihr Gesichtsausdruck besaß etwas Lauerndes.

Als Luthgar ihr einen Guten Morgen wünschte, wandte sie nur kurz den Kopf in seine Richtung, nuschelte ein flüchtiges „Morsch’n“ und nahm sofort ihre Beobachtung wieder auf.

„Kann ich die Rechnung haben?“, fragte er höflich.

„Nu!“

Dieses „Nu“ darf im Ostsächsischen sehr vielfältig interpretiert werden. Er fasste es als Zustimmung auf und nestelte seine ECKarte aus dem Portemonnaie.

„Se miss’n bar bezahl’n. Mei Gardenläser iss fudsch.“

Luthgar nickte, und Frau Wirtin begann, umständlich das Rechnungsformular mit der Hand auszufüllen. Seit dem Stromausfall sei die komplette Elektronik im Eimer, erklärte sie. Zwischendurch ging ihr Blick immer wieder zu der kitschigen Kuckucksuhr, die über der Eingangstür hing.

„Wo die bloß bleim“, seufzte sie.

„Wer?“, fragte Luthgar, während er die Geldscheine über den Tresen schob.

„Na – de Bullezei!“

„Polizei? Ist etwas passiert?“

Die Wirtin nickte heftig.

„Guggen se ma gans unoffällisch dord nieber“, flüsterte sie. „Die Schwarze da, die iss doch nich saubor. Die iss garandiert heimlisch ibber de Gränze gegomm. Ledzde Nachd. Gewohnd hadd die hier nisch. Die iss vorhin hier offgegreizt und hadd’sch eefach undor de Frieschdigsgäsde gemischd. Gans scheen dreisde. Un wie die aussiehd …“

Luthgar folgte ihren Augen und gewahrte eine junge Frau, die sich äußerlich tatsächlichen von den anderen Gästen abhob und deren Anblick ihm einen Schnaufer der Bewunderung entlockte.

Eine schwarze Schönheit! Das schmal geschnittene Gesicht mit der hohen Stirn, der winzigen Stupsnase und den leicht hervorstehenden Wangenknochen besaß die Farbe und die Reinheit von Edelbitter-Schokolade. Obwohl von den langen Wimpern dezent verdeckt, bildeten die hellen Augäpfel einen Kontrast, der zum Hinschauen verführte.

Als sie kurz aufblickte und er die tiefschwarzen Pupillen auf sich gerichtet sah, fühlte er sich ertappt und hatte nur noch damit zu tun, seine Rechnung säuberlich zu falten und im Portemonnaie zu verstauen. Lediglich aus den Augenwinkeln wagte er, sie zu beobachten.

Mit der einen Hand strich sie sich einen der dünnen und bis auf die Schulter reichenden Zöpfe aus dem Gesicht, während sie mit der anderen ihr Brötchen zum Mund führte. Die vollen Lippen öffneten sich, und kurz blitzten die perlweißen Zahnreihen auf. Noch nie hatte Luthgar jemanden mit so viel Anmut in ein Brötchen beißen sehen.

Auf die anderen Gäste schien sie ebenfalls eine eigenartige Faszination auszuüben. Der ältere Herr, der scheinbar lustlos an einer Scheibe Vollkornbrot mümmelte, sah immer wieder verstohlen zu der Schönen hin. Auch der Mann mit dem wichtigtuerisch vor sich aufgebauten Laptop linste unentwegt über den Deckel. Selbst die beiden jungen Mädchen, die schwatzend am Fenster saßen, musterten die schwarze Schönheit mit Blicken, die ihren Neid verrieten.

„Wie gammor nur so rumloofen. Das fälld doch off!“, hörte Luthgar die Wirtin knurren.

„Wie bitte?“

„Na die Glamodd’n. Un nich ma Latsch’n had se an.“

Da mochte die gute Frau wohl Recht haben. Die Kleidung wirkte wahrlich reichlich exotisch. Um den Oberkörper hatte sie ein weißes, schmuckloses und an den Rändern leicht ausgefranstes Tuch geschlungen, das auf dem Rücken verknotet war und auffallend an eine Tischdecke erinnerte. Dazu trug sie eine Art Wickelrock, der bis über die Knie reichte und ein paar reizvoll modellierte Waden frei ließ. Ihre Füße präsentierten sich tatsächlich nackt. Und das bei dem Wetter!

„Und Sie glauben, die junge Frau ist heute Nacht heimlich über die tschechische Grenze gekommen?“

„Nu“, sagte die Wirtin und verwies darauf, dass Solches in dieser Gegend häufig passiere. „Aber nich bei mir! Schließlich iss das hier geene Abschdeische fier Illegale. Gann doch mei Haus nich in schlächd’n Ruf bring.“

Luthgar rang sich ein Nicken ab, wollte etwas erwidern, aber da wurde die Haustür aufgerissen und zwei Uniformierte stürmten herein. Sie versuchten sich kurz zu orientieren und kamen dann geradewegs auf den Tresen zu.

„Hamm Sie uns angerufen?“, fragte der eine, während der Andere mit einem Rundumblick den Gastraum observierte.

„Gud, dass se da sinn. Dord hind’n sidzd’se.“

Die Wirtin wies mit ausgestrecktem Arm hinüber zu der Schönen.

Im Frühstücksraum war man aufmerksam geworden und hob erstaunt die Köpfe. Auch die angeblich illegal eingewanderte Frau hatte flüchtig aufgeschaut, sich aber dann ungerührt daran gemacht, ein weiteres Brötchen zu schmieren. Da waren die Polizisten jedoch schon bei ihr, machten kurz Männchen und verlangten von ihr, sich auszuweisen.

Die Frau schien leider nicht zu verstehen, was man von ihr wollte. Sie richtete den Oberkörper auf und lächelte die Uniformierten an, während sich in ihrem Gesicht eine naive Ratlosigkeit breitzumachen begann. Sie schob den Teller zurück, allerdings ohne ihr Messer aus der Hand zu legen.

„Das Messer dun se ma weglesch’n. Ham se geheerd!?“

Als die Frau nicht reagierte, trat einer der Polizisten einen Schritt vor, entriss ihr das honigbeschmierte Frühstücksmesser und legte es auf einen freien Nachbartisch.

Während er sich mit einem Taschentuch die klebrigen Hände zu reinigen suchte, sagte der andere: „So, nu zeischen se ma ihre Babiere. Oder hammse geene?“

Die Angesprochene schaute jetzt ziemlich hilflos. Das unterstrich sie, indem sie die Arme halb anhob und ratlos wieder sinken ließ.

„Dun se misch ieberhaubd vorschdehn? Isch meene – spräsch’n se deidsch?“

Erneut ein verwirrtes Schulterzucken der Schönen.

Der Polizist holte tief Luft. Dann blickte er zu seinem Kollegen, der gerade dabei war sein Taschentuch umständlich zu verstauen. Er trat heran, beugte sich zu der Exotin herab und sagte: „Du … nicht … verstehen … deutsche … Sprache?“

Da entspannte sich ihr Gesicht, und mit einem bezaubernden Lächeln antwortete sie: „Selbstverständlich verstehe ich Deutsch. Ich wusste nur nicht, dass auch Sie sich dieser Sprache bedienen …“

Der Rest ging im Gelächter der Umsitzenden unter. Auch Luthgar hätte sich vor Lachen wegschmeißen können. Die sächselnden Ordnungshüter bekamen rote Gesichter, ob vor Wut oder Scham – das wussten nur sie allein.

„Also Bürgerin. Können Sie sich ausweisen?“, sagte der Honigbeschmierte betont streng, und man spürte, welche Mühe er aufbringen musste, um seinen fiesen Dialekt zu unterdrücken. „Ansonsten müssten wir Sie zur Klärung des Sachverhalts off de Wache middnähm.“

Die Angesprochene blickte die Ordnungshüter irritiert an und schien zu überlegen.

„Na, was denn nun? Hahm’se Babiere oder nich?“

„Nicht hier. Die sind auf meinem Zimmer.“

Doch da schrie die Wirtin dazwischen: „Die hat gar gee Zimmor! Die Nääschorin hab’sch heide frieh das erschte Mal gesähn. Die lüüchd wie gedruggd, und wenn …oh Godd!“

Luthgar hörte es klirren. Frau Wirtin war zurückgewichen, und zwar mit solcher Wucht, dass ihr breites Kreuz das Regal mit den Weingläsern tuschierte.

„Oh Godd!“, stöhnte sie erneut, was Luthgar zu der Besorgnis heuchelnden Frage veranlasste, ob sie verletzt sei.

Doch das schien sie gar nicht zu registrieren. Ihr stier gewordener Blick blieb unverwandt auf die Stelle gerichtet, wo die Polizisten gerade dabei gewesen waren, die dunkelhäutige Unbekannte in ihre Mitte zu nehmen.

Auch Luthgar schaute jetzt wieder in diese Richtung und zuckte ungewollt zusammen. Die Köpfe der wackeren Ordnungshüter waren von einem feinen Nebel umhüllt, der den beiden nicht zu bekommen schien. Sie schwankten einen Moment lang wie zwei sturzbesoffene Zechkumpane und fuchtelten dabei wild mit den Armen. Während es dem einen noch gelang, seinen Hintern auf einem Stuhl zu drapieren, knickten dem anderen bereits die Knie ein. Dann ging er poltern zu Boden. Im gleichen Augenblick kippte auch sein Kollege vom Stuhl.

Doch wo war die junge Frau?

Lediglich aus den Augenwinkeln hatte Luthgar wahrgenommen, wie sie – an ihm vorbei – blitzartig in den Hausflur gehuscht war. Die Haustür knallte ins Schloss, dann war es einen Augenblick lang totenstill.

Nur das entsetzte Flüstern der Wirtin war zu vernehmen. „Die hadd die Beeden umgebrachd.“ Und in der von ihr gewohnten Lautstärke setzte sie hinzu: „Midd Giffd haddse geblas’n. Ich habb’s genau gesähn. Där Näbel gahm bei der aus dor Gusche. Das iss ne Häxe!“

Der ältere Mann fing sich als Erster und stand auf. Seine angstgebeutelte Frau wollte ihn zurückhalten, aber er schüttelte ihre Hand ab und ging langsam auf die Polizisten zu. Der Nebel hatte sich inzwischen verzogen.

„Där Qualm gam direkt aus dor Gusche“, beeilte sich die Wirtin, zu wiederholen.

„So ein Quatsch!“, sagte der Geschniegelte und gab seine Deckung hinter dem Laptop auf. „Die Frau hatte eine Spraydose in der Hand.“

„Pfefferspray? Nicht möglich! Das hat eine ganz andere Wirkung“, meldete sich eines der jungen Mädchen. Schon denkbar, dass sie sich damit auskannte.

Inzwischen stand der alte Mann vor den Polizisten und ging ächzend in die Hocke. Doch dessen hätte es nicht mehr bedurft. Die beiden hoben bereits die Köpfe und fingen an, sich zu betasten. Nachdem sie sich von ihrer körperlichen Unversehrtheit überzeugt hatten, rappelten sie sich langsam auf.

„So ä raffiniertes Aas!“, schnaufte der eine. „Wo isse?“

„Ich habe sie drüben im Wald verschwinden sehen!“, behauptete die Pfefferspray-Expertin und wies mit dem ausgestreckten Arm zum Fenster.

„Los! Die greif mor uns!“

Luthgar staunte, wie schnell die soeben noch Ohnmächtigen wieder fit zu sein schienen. Während der eine bereits aus dem Haus eilte, hielt der andere sein Sprechfunkgerät vor die Lippen und forderte im Gehen Verstärkung an.

„Jetzt brauch’sch erscht ma enn Schnabbs“, ächzte die Wirtin. „Wolln se och een?“

Damit meinte sie Luthgar, doch der schüttelte den Kopf und beteuerte, dass ihm ein starker Kaffee lieber sei.

„Außerdem muss ich fahren“, setzte er hinzu, ehe er sich an einen freien Tisch begab und ein halblautes „Guten Morgen“ in die Runde warf.

Niemand antwortete. Die Gäste hatten sich nämlich inzwischen am Tisch des älteren Ehepaares versammelt und versuchten, indem sie alle durcheinanderredeten, so etwas wie eine Erklärung für den Vorfall zu finden.

Luthgar zwang sich zur Ruhe. Trotzdem zitterten ihm beim Einschenken des Kaffees die Hände. Träume verkrümeln sich für gewöhnlich rasch aus dem Gedächtnis. Doch Luthgar vermochte sich an den seinen aus der vergangenen Nacht noch immer fast minutiös zu erinnern. Und das Letzte, was er in diesem Traum wahrgenommen hatte, war ein wulstiges, zu einem Trichter geformtes Lippenpaar, aus dem ein feiner Nebel gequollen war. Die Ähnlichkeit mit der Situation, die er soeben verfolgen durfte, drängte sich ungewollt auf.

Traum?

Luthgars Unterbewusstsein hatte längst damit begonnen, das Geschehen der vergangenen Nacht aus dem Reich der Träume zu verbannen. Auch sein Verstand kam nicht umhin, endlich zu akzeptieren, dass das, was er zu träumen geglaubt hatte, blanke Realität gewesen sein musste.

Trotz heißem Kaffee und molliger Raumtemperatur begann es, Luthgar zu frösteln. Das verstärkte sich noch, als er sich fragte, welche Verbindung zwischen der schönen Schwarzen und dem ekligen Weltraummonster bestehen könnte. Zumindest schienen sie beide über ähnliche Fähigkeiten zu verfügen. Oder war es gar …?

Er erschrak so sehr, dass er den Gedanken nicht zu Ende zu denken wagte. Eine unbestimmte Angst griff nach ihm, hielt ihn fest und löste einen dumpfen Druck im Magen aus. Nur mit äußerster Überwindung gelang es ihm, ein halbes Brötchen herunter zu würgen – und das auch nur, weil er mit reichlich Kaffee nachspülte.

Und dann beherrschte ihn nur noch ein Gedanke: ‚Ich muss schleunigst von hier verschwinden.‘

Er schob den Teller zur Seite, erhob sich und visierte den Ausgang an. Im Bemühen, möglichst locker und unauffällig den Raum zu durchqueren, geriet er ins Stolpern und musste sich an einer Tischkante festhalten.

„Iss Ihnen nich guud?“, hörte er die Wirtin fragen.

„Nein, nein – alles in Ordnung.“

Ihm gelang sogar ein Lächeln.

„Wollse schonn gehn? Isch gloobe, da verbassense was. Hier iss beschdimmd glei Äggdschn!“

„Geht leider nicht. Wichtiger Kundentermin!“, log Luthgar und wunderte sich, dass er seine Stimme so gut unter Kontrolle hatte.

Draußen regnete es noch immer. Diesmal machte er sich nicht die Mühe, den vielen Pfützen auszuweichen, sondern patschte auf kürzestem Wege zu seinem Auto. Er warf sich auf den Fahrersitz und startete den Motor. Das unangenehme Kratzen beim Einlegen des Rückwärtsganges mahnte ihn, Ruhe zu bewahren.

Endlich rollte er vom Parkplatz.

Als er die schmale Zufahrtsstraße erreicht hatte, riskierte er einen Blick in den Rückspiegel und sah die beiden Polizisten über den Hof zur Pension rennen. Eine dritte Person war nicht dabei.

Luthgar atmete tief durch und gab seinem Auto die Sporen. Je weiter er sich von dem Gasthof entfernte, umso ruhiger fühlte er sich werden.

Schon hatte er den Wald hinter sich gelassen und befand sich auf einer Ortsverbindungsstraße. Er wollte gerade das Radio einschalten, als er die Straßensperre gewahrte. Verkehrskontrolle! Auch das noch! Oder hing das gar mit dem Vorfall in der Pension zusammen?

„Gudden Daach, Haubdwachdmeester Neustad. Ihre Fahrzeuschbabiere und den Fiererschein bidde!“, sagte ein im Polizeidienst ergrauter Grünrock.

„Und schalten Sie den Motor ab!“, fauchte sein jüngerer Kollege.

Luthgar tat wie ihm geheißen und reichte dem Alten die Dokumente. Der hielt sie sich eine Weile prüfend dicht vor die Augen und gab sie an seinen Kollegen weiter. Dieser ging damit zu dem abseits parkenden Streifenwagen.

„Un nu schdeischen se ma aus“, verlangte Neustadt.

Auch hier gehorchte Luthgar wortlos.

„Machen se ma de Heggglabbe off.“

„Die ist offen“, sagte Luthgar.

Der Polizist nickte und ging zum Heck des Fahrzeuges. Sein Kopf verschwand im Laderaum. Luthgar blieb seitlich von ihm stehen. Plötzlich hörte er den Alten lachen.

„Na gugge. So e butzsches Ding hadd meine Frau och dorheeme. Die meend, das wäre gud fors Kreize.“

Luthgar trat näher und … hörte auf zu atmen.

In der rechten Ecke, zwischen Wand und Koffer geklemmt, lag der tomatenrote Hüpfball. In Luthgars Ohren begann es zu rauschen. Wie aus weiter Ferne vernahm er Neustadts Stimme.

„Se genn zumach’n – iss in Ordnung.

Der Angesprochene knallte in einem Anfall von Panik die Heckklappe herunter und … ja, was denn nun? Fliehen?

Er lehnte sich gegen das Auto und versuchte seinen Puls runterzubringen. Wenn der andere Polizist, der inzwischen zurückgekehrt war und ihm die Papiere überreichte, verlangte, die Kugel auch einmal sehen oder gar anfassen zu wollen? Sollte er den Ordnungshütern wirklich klarzumachen versuchen, dass der vermeintliche Hüpfball in Wahrheit ein weiblicher Alien sei? Das Gefängnis würde ihm erspart bleiben, aber in der Klapse landete er mit Sicherheit.

Als er den immer noch arglosen Bullenblick auf sich gerichtet sah, nahm er sich zusammen und rang sich ein Grinsen ab, das freundlich sein sollte. Doch sie lächelten nicht zurück, sondern machten sich gegenseitig auf einen Kleintransporter aufmerksam, der sich mit gedrosseltem Tempo der Kontrollstelle näherte.

„Angenähme Weiderfahrd“, nuschelte Neustadt über die Schulter, was Luthgar veranlasste, sich blitzartig hinter das Steuer zu klemmen.

Auch nachdem er die Straßensperre passiert hatte, wollte sich keine Erleichterung einstellen. Noch immer schlug ihm das Herz bis zum Hals, und er besaß Mühe, sich auf das Fahren zu konzentrieren.

Nach einigen Kilometern erreichte er eine stark befahrene Bundesstraße. Luthgar gab Gas und jagte den Wagen über den nassen Asphalt. Es wirkte wie eine Flucht, aber es war keine, denn er wusste diese Alien-Kugel in seinem Kofferraum. Nun war ihm endgültig klar, dass er in der vergangenen Nacht nicht geträumt hatte, und er begann zu ahnen, dass er dieses Monster in absehbarer Zeit wohl nicht mehr loswerden würde. Wie hatte sie gesagt? Drei Titaks – vierundvierzig Jahre!!!

Da vernahm er auch schon die bekannt kratzige Stimme.

„Ich friere – ich will nach vorn!“ Und als er nicht gleich reagierte: „Halt an!“

Luthgar gehorchte, setzte den Blinker und ließ den Wagen auf dem Randstreifen ausrollen.

„Hol mich hier raus!“, herrschte es aus dem Kofferraum.

„Ja doch!“

Er stieg aus, lief zur Beifahrerseite und öffnete die Tür. Dann erst ging er nach hinten und schaute einen Moment lang nervös auf die vorbeirauschenden Fahrzeuge, die ihn pausenlos mit kalter Gischt überschütteten.

„Als er die Heckklappe anhob, schlug ihm ein nörgeliges „Na endlich!“ entgegen.

Luthgar blickte noch einmal sichernd um sich, ehe er sich in den Kofferraum hinein beugte. Widerwillig griff er mit beiden Händen nach der jetzt wieder pulsierenden Kugel, rollte sie ein wenig in Richtung Ladekante, aber das war es auch schon.

Unmöglich, das schwere Ding von über sechzig Zentimetern Durchmesser anzuheben. Obendrein fanden seine Hände an der sich leicht ölig anfühlenden Oberfläche kaum Halt.

„Lumpige fünfundfünfzig Kilogramm Masse. Erschreckend, wie schwach die Menschen-Männchen sind“, höhnte die Kugel.

Luthgar war drauf und dran, beleidigt zu sein. Sein aufkommender Ehrgeiz verlieh ihm Kräfte, mit denen es ihm gelang, das BallMonster einige Zentimeter anzuheben. Doch er vermochte es nicht zu halten und ließ es unsanft auf den Boden des Kofferraumes zurück knallen. Zu einem zweiten Versuch kam es nicht.

„Lass sein!“, zischte sie unfreundlich. „Ich mache das schon. Du musst nur deine Hände an mir lassen, damit es so aussieht, als würdest du mich tragen.“

Luthgar hörte ein schwaches Brummen, und gleich darauf schwebte die Kugel namens Zusu-pulka-maja aus dem Kofferraum.

„Los! Bugsiere mich nach vorn. Beeil dich! Meine Energievorräte sind wieder einmal fast erschöpft.“

Er fasste zu und dirigierte den schwebenden Hüpfball bis auf den Beifahrersitz.

„Tür zu!“

Dieser Aufforderung hätte es nicht bedurft. Luthgar hastete um das Fahrzeug und stieg ein. Er brauchte eine Weile, bis seine nervösen Hände das Gurtschloss fanden. Beim Einfädeln in den fließenden Verkehr mahnte ihn ein lang gezogenes Hupen zu mehr Aufmerksamkeit.

Nachdem er sich einigermaßen im Griff zu haben glaube, riskierte er einen scheuen Seitenblick auf seinen unheimlichen Fahrgast.

„Wie kommst du in mein Auto?“, fragte er.

„Erzähle ich dir später“, ächzte Zusu-pulka-maja und fummelte ihre dünnen Fühler in die Steckdose des Zigarettenanzünders.

Kurz darauf ging von ihr wieder dieses schmatzende Geräusch aus, das Luthgar aus der vergangenen Nacht kannte. Die Metamorphose zum widerwärtigen Monster hatte begonnen.

„Weißt du eigentlich, in was für eine beschissene Lage du mich da …“

„Keine Sorge, man wird mich von einem Menschen nicht unterscheiden können.“ Und ehe Luthgar antworten konnte, setzte sie hinzu: „Nun halt die Klappe und konzentriere dich aufs Fahren.“

Er gehorchte. Das tat auch not, denn der Verkehr wurde immer dichter. Zwei vor ihm bergauf kriechende Lkws verlangten seine ganze Aufmerksamkeit. Erst, als er sie nach endlos langen Minuten überholt hatte, wagte er wieder zu seiner Beifahrerin zu schielen.

Was er da sah, ließ ihn fast das Lenkrad verreißen. Neben ihm saß, mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen, die schwarze Schönheit aus dem Frühstücksraum der Pension. Diesmal allerdings völlig nackt.

Es brauchte mindestens hundert Herzschläge, bis er diesen Anblick ansatzweise verdaut, alle aufkommenden Emotionen ausreichend unterdrückt und die Sprache wiedergefunden hatte.

„Bist du wahnsinnig!“, zischte er. „Jetzt erscheinst du wieder als die auffällig schwarze Person, nach der man fieberhaft sucht!“

„Ich habe dir doch erzählt, dass wir bisher nur in Afrika geforscht haben. Nur von den Menschen, die dort leben, weiß ich, wie sie genau aussehen und wie sie beschaffen sind. Einzige Ausnahme bist du. Aber es schüttelt mich bei dem Gedanken, mich in ein Menschen-Männchen wie dich verwandeln zu müssen.“

„Danke“, knurrte Luthgar beleidigt und vergaß einen Moment lang seine innere Panik.

Nach einer Pause fügte er hinzu: „Kannst du nicht wenigstens die Hautfarbe wechseln? Als Dunkelhäutige, bist du doch viel …“

„Man mag hier keine Schwarzen, stimmt’s?“

„Doch schon. Aber in deinem Fall … Die Polizei fahndet nach einer Schwarzafrikanerin. Verstehst du?“

„Ich kann mich nicht so ohne weiteres in eine Frau verwandeln, wie sie dir wahrscheinlich vorschwebt. Du hast doch keine Ahnung, wie viel Zeit es braucht, um ein geeignetes Frauen-Modell zu finden, es in allen Lebenslagen zu beobachten und ausgiebig zu scannen. Danach folgt ein langer komplizierter Rechenprozess, bis in mir ein naturgetreues Abbild entsteht, in das ich mich transformieren kann.“

Luthgar schwieg. Von dem, was sie sagte, hatte er keine Ahnung, aber er war bereit, ihren Ausführungen Glauben zu schenken.

„Und was soll nun werden?“ Das klang sehr hilflos.

„Wird man auch in deiner Wohnung nach mir suchen?“

„Häh?!“

Um ein Haar hätte er schon wieder das Lenkrad verrissen. „Ich soll eine Nackte …“

„Ich habe doch nichts anzuziehen“, kam es prompt zurück.

Es besaß schon einiges an ungewollter Komik, ausgerechnet diesen typisch weiblichen Standardsatz aus dem Mund einer Außerirdischen zu vernehmen. Selbst der darin versteckte Vorwurf fehlte nicht. Und prompt schob sie noch nach: „Für die notwendige Garderobe wirst du sorgen.“

Luthgar hatte gar nicht richtig zugehört. Er war viel zu sehr mit der Vorstellung beschäftigt, dass diese Zusu-polka-mia oder so ähnlich bei ihm einziehen wollte.

„Du willst bei mir wohnen?“

„Spricht etwas dagegen? Es ist doch ohnehin nur vorübergehend.“

„Na gut“, seufzte er.

Eine Weile herrschte Schweigen. Luthgars Gedanken spielten verrückt. Einerseits versuchte er sich vorzustellen, was da alles auf ihn zukam, und das ließ ihn panisch werden. Dann wieder wollte er sich einzureden: „Das ist alles nur ein böser Traum. Gleich wache ich auf.“ Doch der Albtraum ging weiter.

Inzwischen hatte man eine Kleinstadt erreicht, und der Regen hatte aufgehört.

„Duck dich wenigsten ab!“, befahl Luthgar, als ihnen der erste Stopp an einer Ampel drohte.

Sie rutschte gehorsam im Sitz nach unten.

„Kaufst du mir jetzt endlich was zum Anziehen?“

„Ja doch.“

Am Ortsausgang entdeckte er ein Einkaufs-Center, wo neben dem üblichen Supermarkt auch ein Gebäude stand, an dessen Fassade die drei großen Buchstaben AWG prangten.

Alles Wird Gut‘, dachte Luthgar. Während er diesen Satz verinnerlichte, fuhr er bis ans äußerste Ende des Parkplatzes, wo kaum Autos standen. Noch bevor er einparkte, vernahm er das charakteristische Schmatzen an seiner Seite. Zusu-pulka-maja war dabei, sich wieder in eine Kugel zu verwandeln.

„Ich kann ja nicht nackt im Auto sitzen bleiben, während du die Einkäufe erledigst.“

Das leuchtete ein.

Während er quer über den Parkplatz zu dem Kaufhaus mit den drei großen Buchstaben hastete, fiel ihm ein, dass er ja gar nicht wusste, welche Konfektionsgröße die richtige sein könnte. Er tippte auf „M“ oder doch lieber „L“? Er entschied sich für Letztere und stürmte durch den Eingang. Kurzer Stopp, kurze Orientierung, dann ab an die Ständer. Nahezu wahllos griff er zu. Ein giftgrünes T-Shirt, eine weiße Regenjacke, dunkelblaue Jeans, ein Paar Sandalen (wahrscheinlich zu groß) und eine Dreierpackung rosaroter Slips – und raus war er wieder. Am Auto angekommen, warf er die Tüten auf den Rücksitz.

Als er gleich darauf den Motor startete, fragte sie: „Fahren wir jetzt zu uns nach Hause?“

Luthgar schluckte. „Zu uns“, hatte sie gesagt.

„Ist es noch weit?“, tönte es aus der Kugel, als man die Bundesstraße wieder erreicht hatte.

„Noch knapp zwei Stunden“, sagte er.

„So lange halte ich es nicht mehr aus. Zur Kugel gepresst kann ich immer nur eine kurze Zeit zubringen. Dann brauchen die inneren Organe wieder ihre Bewegungsfreiheit.“

„Heißt das, du willst jetzt deine wahre Gestalt annehmen?“ Voller Entsetzen dachte Luthgar an das grottenhässliche Monster, das in der vergangenen Nacht im Nachbarbett gelegen hatte.

„Nein. Das ist nicht nötig.“

„Na, Gott sei Dank.“

Als sie ein längeres Waldstück durchfuhren, bog Luthgar von der Straße ab und nahm einen holprigen Forstweg. Erst als er sich sicher sein konnte, dass sie tief genug in den Wald eingedrungen waren, hielt er an. Da war die Rückverwandlung von Zusu-pulkamaja längst im Gange. Wenig später saß sie wieder als die bildschöne Frau neben ihm. Nur kurz vermochten seine bewundernden Blicke auf ihr verweilen, denn sie stieg aus, nahm die Tüten von der Rückbank und beäugte deren Inhalt. Mit skeptischer Miene schlüpfte sie in einen der rosaroten Slips.

„Die Farbe ist ja grässlich. Und lauter Falten schlägt das Ding auch. Komm – guck dir das an!“

Nun verließ auch er den Wagen und trat hinter sie. An ihrem Po warf das viel zu große Stück tatsächlich Falten.

„Sieht doch keiner“, murmelte Luthgar und sah zu, wie sie sich in die Jeans zwängte.

„Passt doch wie angegossen“, behauptete er, und als sie sich das T-Shirt überzog, wiederholte sich sein Urteil.

„Meinst du?“, fragte sie skeptisch.

Noch ehe er antworten konnte, wurstelte sie in den Tüten herum und fragte dann sichtlich entsetzt, ob das alles sei, was er für sie gekauft habe.

„Natürlich!“, gab er trotzig zurück. „Ist ja schließlich nur für eine kurze Zeit.“

Sie wandte sich ihm zu und ein fröhliches Grinsen überzog ihr Gesicht.

„Stimmt! Drei Titaks!“

Ein Schlag mit einem Knüppel hätte ihn nicht heftiger treffen können. Er merkte, wie ihm die Beine wegzuknicken drohten. Schwer atmend gelang es ihm gerade noch, sich an einen Baum zu lehnen.

Vierundvierzig Jahre! Diese zwei Worte dröhnten durch seinen Schädel – ließen ein Denken nicht zu. Er schloss die Augen. Vierundvierzig Jahre, mein ganzes restliches Leben – das kann nicht sein – wach auf – wach endlich auf!

Als er die Lider hob, sah er sie unmittelbar vor sich stehen. Ihre Züge besaßen plötzlich etwas wohltuend Weiches, als sie flüsterte: „Bin ich wirklich so ein abscheuliches Wesen, welches du nicht ertragen kannst? Wirke ich so abstoßend auf dich?“

„Nein!“, entfuhr es ihm spontan. Er machte eine Pause, um sich zu sammeln. „Nein, natürlich nicht, aber …“

„Dann lass doch dieses „aber“ einfach weg“, sagte sie mit plötzlich so berührend sanfter Stimme.

Er sah sie an und wurde instinktiv von ihrem bezaubernden Lächeln eingenommen. Was war diese Frau schön. Er spürte, wie die Bilder aus der vergangenen Nacht verschwammen. Vor ihm stand nicht diese Zusu-pulka-maja, sondern ein zauberhaftes Geschöpf, das ihn sogar zu mögen schien.

Als hätte sie seine Gedanken erraten, raunte sie: „Nenn mich einfach Maja. Die Andere, deren Namen du dir ohnehin nicht merken kannst, gibt es nicht mehr – zumindest so lange nicht, wie du bei mir bist.“

Verwirrt schloss Luthgar erneut die Augen und fühlte plötzlich, wie sich ihre Hände in seinem Nacken verschränkten. Weich legte sich ihre Wange gegen die Seine.

„Auch mein Kelch wird dir gefallen“, flüsterte sie mit einer Stimme, die erotischer kaum hätte sein können.

Willi und die Vampirette

Südbrandenburg im Sommer 1995

Wie eine Bleiglocke spannte sich der grau gefleckte Himmel über das ausgedörrte Land. Die sengende Hitze des Tages war einer drückenden Schwüle gewichen. Von Nordwesten her begannen sich Gewitterwolken als Vorboten eines Unwetters aufzutürmen.

Das ehemalige Herrenhaus, ein uralter Kasten, dessen bröcklige Fassade schon wesentlich bessere Tage gesehen hatte, schien sich noch tiefer in den verwilderten Park zu ducken. Es war, als wolle es Schutz suchen zwischen den mächtigen Bäumen, deren dicht belaubtes Astwerk sich reglos in den immer dunkler werdenden Himmel reckte. Das sanfte Rauschen der Blätter war verstummt, und auch die Vögel hatten ihr sorgloses Gezwitscher eingestellt. In Erwartung des hereinbrechenden Gewitters hielt die Natur den Atem an.

In dieser Stille gab es nur ein einziges und daher umso aufdringlicheres Geräusch. Es handelte sich dabei um das auf- und abschwellende Brummen eines Ungeheuers, das schon seit Tagen unten im Schlossteich sein Unwesen trieb. Die Beine tief im morastigen Grund vergraben, stand es bis zum Bauch im Wasser, wühlte mit seinem vielgelenkigen Arm rastlos in der schwarzen Tunke und förderte mit seiner gewaltigen Stahlhand tonnenweise faulig stinkenden Schlamm zutage. Mit rascher Drehung des Oberkörpers schleuderte es die Pampe gute zwanzig Schritt weit in Richtung Ufer. Dort, wo sie wieder in der blasig aufschäumenden Brühe versank, war allmählich eine lang gezogene Schlammbank entstanden.

Plötzlich verharrte das Ungetüm einen Moment, drückte dann seinen kräftigen Arm in den Grund, stützte sich darauf ab, richtete sich schräg auf und hob die Vorderläufe aus dem Wasser. Aufbrüllend schob es sich einige Meter vorwärts, ehe es sich wieder zurück klatschen ließ und die mächtigen Tatzen erneut in der Teichsohle verkrallte. Der Arm hob sich, fuhr nach vorn, senkte sich ab. Abstützen, Vorderfüße heben, ein Stück vorwärtskriechen, absetzen.

Diesen Vorgang ständig wiederholend, arbeitete sich das Ungetüm vorwärts, überwand sogar die von ihm aufgeworfene Schlammbank und kam erst zur Ruhe, als es das Ufer des Teiches erreicht hatte. Das Dröhnen erstarb. Nur noch ein feines Summen ging von dem jetzt erstarrt scheinendem Monster aus.

Willi Platzke lauschte einen Moment, ehe er die Hände von den Joysticks nahm. Er wischte mit dem nackten Unterarm über die schweißige Stirn und fischte mit seinen Riesenpranken in der Hemdtasche nach der zerknautschten Zigarettenschachtel. Nach dem ersten Zug lehnte er sich auf seinem Sessel zurück und blickte aus dem Kabinenfenster zum Himmel hinauf.

‚Lange wird der erste Blitz nicht mehr auf sich warten lassen‘, dachte er.

Noch immer regte sich kein Lüftchen. Er schaute hinüber zum Herrenhaus, wo der grellrote Audi und der schwarze Range Rover vor dem halb verrotteten Portal standen.

„Die haben ja eine Ausdauer“, brummte Willi und blickte auf seine Armbanduhr.

Noch zwei Stunden bis zum Feierabend. Sein heutiges Tagespensum würde er allerdings schon eher geschafft haben. Der noch zu entschlammende Teich-Abschnitt war keine dreißig Meter lang und kaum fünf Meter breit. Morgen würde er die Schlammbank umsetzen und die Pampe am Ufer ablagern. Hoffentlich spielte das Wetter mit. Ergiebiger Regen war jetzt das Letzte, was er gebrauchen konnte. Der Schlamm musste schließlich erst abtrocknen, bevor man ihn entsorgen konnte.

Willi schielte erneut misstrauisch zum Himmel. Als er wieder zum Herrenhaus spähte, bemerkte er drei Männer, die auf den abgetretenen Steinstufen der Freitreppe standen und sich zu verabschieden schienen.

Wenig später rollte der Audi den Hauptweg entlang der Landstraße zu. Der Range Rover folgte ihm nur ein Stück, dann bog er ab und nahm den holprigen Weg, der um den Teich herum führte. Willi sah der Protzkarre mürrisch entgegen und runzelte die breite Stirn, als das Fahrzeug auf seiner Höhe hielt.

Doktor Bullig, ein kaum mittelgroßer, aber stämmiger Mann, kletterte aus dem Gefährt, baute sich am Ufer auf, sah zu dem Baggerfahrer hinüber und winkte kurz. Eigentlich war es kein Winken, sondern eher ein Zeichen, das keinerlei Widerspruch duldete.

„Was will denn dieser Fatzke schon wieder von mir?“, knurrte Willi, schnippte die Kippe aus dem Kabinenfenster und klappte seufzend die Armlehne des Fahrersitzes hoch. Mit verblüffender Behändigkeit schwang er seinen massigen Körper aus der Kabine.

Eine der Vorderpratzen des Schreitbaggers ragte aus dem Wasser und reichte bis zum Ufer. An der Sicherheit, mit der er auf diesem schmalen und obendrein glitschigen „Steg“ entlang balancierte, erkannte man Willis Routine. Mit einem Satz sprang er an Land und kletterte die flache Böschung hinauf.

Der Andere stand unbeweglich. Er hielt die Hände in den Hosentaschen seines dunklen Maßanzuges vergraben und schaute mit gelassener Arroganz auf den Baggerfahrer – diesen nach Schweiß, Diesel und Moder stinkenden Muskelberg, der sich schnaufend vor ihm aufbaute. Die dargebotene Hand wurde geflissentlich übersehen.

Willi kochte nicht nur vor Hitze, sondern auch vor Wut über diese eiskalte Blasiertheit, die ihm so unverhohlen entgegen schlug.

„Was gibt’s?“, knurrte er daher unfreundlich und kratzte an einer schlammverkrusteten Stelle auf seinem Hemd.

Zufall oder Absicht? Der Andere sah sich ebenfalls genötigt, seine Garderobe zu richten. Allerdings bestand dies nur darin, den Krawattenknoten um zwei Millimeter zu verschieben und mit einem knappen Schulterrollen das Jackett richtig zu positionieren. Sein Blick ging an Willi vorbei und schien sich auf der blasigen Wasseroberfläche zu verirren.

„Wann werden Sie fertig sein?“, fragte er mit leiser, kalter Stimme, die aber durchaus zu den merkwürdig starren Zügen des Mannes passte.

„Bald“, sagte der Angesprochene und suchte schon wieder nach den Zigaretten.

„Ich hätte es gern etwas präziser. Wäre das möglich?“, kam es schneidend zurück.

Willi ließ sich mit der Antwort Zeit, brannte den Glimmstängel an und blies den Rauch seinem Gegenüber voll ins Gesicht. Mit Genugtuung registrierte er, wie der feine Pinkel, ein wenig die Fassung verlor und distinguiert den Kopf drehte, während er aus seinen eisgrauen Augen einen wütenden Blick abschoss.

„Iss wegen die Mücken“, erklärte Willi und deutete auf die Zigarette. „Die kleinen Blutsauger sind heute besonders lästig.“

‚Genauso wie die Großen‘, setzte er in Gedanken hinzu und meinte damit diesen feinen Herren namens Doktor Bullig, der sich bei ihm vor einigen Tagen als Mitarbeiter der Treuhandgesellschaft vorgestellt hatte. Er besaß wohl den Auftrag, das heruntergekommene Herrenhaus samt Park und Teich an einen Kaufwilligen zu verhökern.

„Morgen Abend bin ich fertig“, sagte Willi laut und registrierte so etwas, wie Erstaunen im Gesicht seines Gegenübers.

„Den Schlamm lassen wir übers Wochenende abtrocknen. Wenn’s Wetter mitmacht. Dann noch laden und zur Deponie bringen – na ja – schätze mal, Mitte nächster Woche isses vergessen.“

Der Treuhänder nickte unmerklich. Willi schien, als sei der Fatzke mit seinen Gedanken ganz woanders, denn sein Blick hatte sich wieder auf der Wasseroberfläche festgesaugt.

„Seien sie vorsichtig“, hörte Willi Bulligs frostige Stimme. „In den letzten Kriegstagen gab es hier noch heftige Kampfhandlungen. Es kann sein, dass damals Munition in den Teich geworfen wurde.“

„Kampfhandlungen? Fundmunition? Davon höre ich zum ersten Mal.“

„Rufen Sie mich an, sobald Sie etwas Verdächtiges bemerken.“ Und mit Nachdruck setzte er hinzu: „Mich informieren Sie! Nicht etwa die Polizei! Alles Notwendige wird von mir veranlasst.“

„Aber in einem solchen Fall muss ich doch … obwohl ich nicht glaube …“

„Tun Sie, was ich gesagt habe“, zischte es zurück.

Vielleicht waren es Willis erstaunte Augen, die Bullig dazu brachten, deutlicher zu werden.

„Ich möchte nicht, dass bei einem derartigen Fund etwas an die Öffentlichkeit dringt. Wer kauft schon ein munitionsverseuchtes Grundstück. Sie verstehen?“

Willi nahm nachdenklich einen Zug, schien einen Moment zu überlegen und nickte schließlich.

„Die Männer mit dem Audi – das waren wohl Kaufinteressenten? Hätte nicht gedacht, dass man den ollen Katen tatsächlich noch verscheuern kann.“

Doktor Bullig hob den Kopf und richtete seinen Frostblick direkt auf den Baggerfahrer.

„Dass dieser ‚olle Katen‘, wie Sie das Herrenhaus nennen, in einem derart heruntergekommenen Zustand ist, verdanken wir ja wohl solchen Leuten wie Ihnen.“

Willi spürte, wie der Zorn in ihm hoch stieg. Was bildete sich dieser Treuhand-Fuzzi überhaupt ein? Mühsam rang er sich ein scheinheilig freundliches Lächeln ab, als er erklärte, dass dies ein Irrtum sei.

„Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte man die Bude längst abgerissen. Aber ich wurde im Gemeinderat überstimmt, weil man glaubte, eine Jugendherberge daraus machen zu können“, log er und beschwor damit wieder dieses gefährliche Glitzern in Bulligs Augen herauf.

„Denken Sie daran, was ich gesagt habe. Hier ist meine Karte. Die Handy-Nummer steht ganz unten.“

Willi steckte das kleine Stück Karton zu der zerknautschten Zigarettenschachtel.

„Na, dann will ich mal wieder“, sagte er, ließ den unangenehmen Gast einfach stehen und balancierte zur Maschine zurück. Erst als er im Fahrersessel Platz genommen hatte, schaute er noch einmal zum Ufer hinüber. Der Treuhänder stand regungslos. Nur den Kopf bewegte er ein paar Mal langsam hin und her, während er mit leicht geblähten Nasenflügeln die vom Moderduft angereicherte Luft einsog.

Willi startete den Motor und ließ dann den Ausleger samt Schaufel mit aller mit Wucht ins schlammige Wasser klatschen. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie der feine Pinkel angeekelt vor der aufspritzenden Schlammbrühe zurückwich und schleunigst ins Auto kroch. Schon bald war das Gefährt zwischen den Bäumen untergetaucht.

Brüllend setzte sich der Schreitbagger in Bewegung, kletterte über die Schlammbank und warf sich danach bis zum Drehkranz in das aufbrodelnde Wasser. Erneut begann die Räumschaufel, den Schlamm zu heben.

Sanft umfassten Willis riesige Pranken die Joysticks, während die Finger spielerisch über die Tasten glitten und stets im richtigen Moment den richtigen Sensor fanden. Die mit groben Gummistiefeln bewehrten Füße bedienten gefühlvoll die Pedale. Willi und die Maschine waren eins geworden. So gesteuert, wirkten die Bewegungen des klotzigen Schreitbaggers fast grazil.

Plötzlich geriet der Bewegungsablauf ins Stocken. Die stählerne Schaufel war auf der Teichsohle auf Widerstand gestoßen. Willi spürte es sofort. Sehen konnte er nichts. Trotzdem starrte er voller Anspannung nach vorn, während er behutsam den Löffel etwas anhob. Der Widerstand war weg. Langsam ließ er das Gerät ein kleines Stück vorfahren, senkte den Arm erneut ab und ließ ihn vorsichtig über den Grund gleiten. Da! Irgendetwas Schweres lag im Schlamm verborgen. Willi dachte an Bulligs Worte und merkte, wie ihm mulmig wurde.

„Unsinn!“, beruhigte er sich. „Hier hat es nie Kampfhandlungen gegeben. Der Treuhand-Fuzzi spinnt oder wollte sich nur wichtigmachen.“

Obendrein schien der Gegenstand viel größer, als eine Granate zu sein. Eine Fliegerbombe?

‚Willi, jetzt bist du es, der spinnt. Das ist garantiert nur ein Stubben oder ein toter Baumstamm.‘

Behutsam versuchte er, das Ausmaß des unbekannten Objektes mit der Schaufel zu ertasten. Nein – ein Baumstamm konnte es nicht sein. Der wäre länger.

Er bezwang die aufkommende Unruhe, atmete tief durch, fuhr dann entschlossen das Teleskop weiter aus, um mit dem Löffel unter das Hindernis zu kommen. Es gelang. Er spürte sein Herz bis zum Hals klopfen, während er langsam anhob. Der Schweiß rann ihm den Rücken hinunter und staute sich dort, wo der Gürtel seiner Hose den weiteren Abfluss verhinderte. Etwas Dunkles durchbrach die Wasseroberfläche und nahm, derweil sich der Ausleger zentimeterweise hob, allmählich Konturen an.

Eine Kiste! Vom Schlamm überdeckt und vor Nässe triefend, lag sie leicht schwankend auf dem Baggerlöffel. Sie mochte etwa zwei Meter lang und einen knappen Meter breit sein. Langsam begann sie sich zur Seite zu neigen und drohte vom Löffel zu rutschen. Willi senkte den Ausleger etwas ab, die Truhe – oder was immer es auch sein mochte, verschwand wieder im Wasser. Vorsichtig korrigierte er die Lage der Schaufel, die inzwischen den Grund erreicht hatte.

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