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Aus Versehen verheiratet?

Barbara Dunlop

Aus Versehen verheiratet?

1. KAPITEL

Was tat ausgerechnet Zach Harper im Flur vor ihrem Apartment? Der große dunkelhaarige Mann mit den stahlgrauen Augen war der Grund, warum Kaitlin Saville ihre Habseligkeiten packte. Seinetwegen gab sie ihre schöne Wohnung mit Mietpreisbindung auf und verließ New York.

Sie öffnete die Tür, verschränkte die Arme vor ihrem rauchblauen Fan-T-Shirt mit dem Logo der New York Mets und sah Zach an. Sie konnte nur hoffen, dass ihm ihre verweinten Augen nicht auffielen.

„Wir haben ein Problem“, stellte er nüchtern fest.

In der linken Hand hielt er eine Aktentasche aus schwarzem Leder. Zu seinem Maßanzug trug er ein makellos weißes Hemd. Seine rote Krawatte war aus edelster Seide – und die Manschettenknöpfe aus purem Gold. Wie immer war sein Haar säuberlich geschnitten, Wangen und Kinn frisch rasiert. Die Schuhe glänzten wie stundenlang poliert.

Wir haben gar nichts“, stellte Kaitlin klar und bewegte die Zehen in den kuscheligen Socken, die sie unter ihren ausgefransten Jeans trug. Ich bin nur bequem angezogen, sagte sie sich. Schließlich hat eine Frau in den eigenen vier Wänden das Recht, sich zu entspannen. Und außerdem … Was tut er überhaupt hier?

Sie versuchte, ihm die Tür vor der Nase zuzumachen, aber er schob schnell den Unterarm dazwischen.

Unwillkürlich fiel ihr in diesem Moment seine Hand auf: Sie wirkte kräftig, gepflegt und gebräunt. Ringe trug er nicht, dafür eine sündhaft teure Uhr von Cartier. „Das ist kein Scherz, Kaitlin.“

„Ich lache ja auch gar nicht.“ Was interessierten sie seine zweifellos nicht besonders zahlreichen Probleme? Dieser überhebliche Zach Harper war nicht nur für ihre Entlassung verantwortlich, sondern auch dafür, dass kein anderes Architekturbüro in New York City sie einstellen würde.

„Kann ich reinkommen?“, fragte er.

„Nein.“ Er mochte der Chef von Harper Transportation und wer weiß welch anderer Firmen in Manhattan sein. Aber ihre Wohnung würde er nicht zu Gesicht bekommen – schon gar nicht ihre Spitzenunterwäschen-Sammlung unter dem Fenster.

Er biss die Zähne zusammen. „Es geht um etwas Persönliches“, stieß er hervor und wies auf die Aktenmappe.

„Um etwas Persönliches? Was soll das heißen? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir Freunde wären.“

Eher Feinde. Wie sollte es auch anders sein, wenn ein Mensch das Leben des anderen zerstört hatte? Ob Zach Harper erfolgreich war, unverschämt gut aussah und traumhaft tanzte – er hatte die Chance verspielt …

Er straffte die Schultern und sah sich im langen Korridor des fünfzig Jahre alten Hauses um. Trotz des schummrigen Lichts ließ sich unschwer erkennen, dass der gemusterte Teppichboden schon bessere Tage gesehen hatte. In diesem Teil des vierten Stocks befanden sich zehn Wohnungen. Kaitlins Apartment lag am Ende, direkt neben der Tür zur Feuertreppe.

„Auch gut“, sagte er. „Dann klären wir es eben hier.“

Nein, das werden wir nicht, dachte Kaitlin. Gar nichts tun wir. Nie wieder, weder hier noch sonst wo …

„Erinnerst du dich noch an die Nacht in Las Vegas?“

Kaitlin blieb fast das Herz stehen. Nie würde sie die Party vor drei Monaten vergessen! Sie hatte im legendären „Bellagio“ stattgefunden, einem der größten Hotels der Welt. Vor etwa fünfhundert Topkunden und Geschäftsfreunden von Harper Transportation waren Sänger, Tänzer und Akrobaten aufgetreten – und ein fulminanter Elvisdarsteller, der Zach und Kaitlin während der Show überredet hatte, bei einer Scheinhochzeit mitzumachen.

Zu der lockeren Stimmung der Party hatte das gut gepasst. Außerdem hatte Kaitlin zuvor einige Cocktails mit Cranberry getrunken, weshalb ihr das Ganze noch amüsanter erschienen war. Im Nachhinein ließ es sich jedoch kaum anders als demütigend bezeichnen.

„An das Blatt, das wir unterschrieben haben?“, fragte Zach weiter.

„Keine Ahnung, was du meinst“, log Kaitlin. Dabei war ihr erst an diesem Morgen die Scheinheiratsurkunde in die Hände gefallen. Sie steckte in dem dünnen Fotoalbum in der untersten Schublade der Kommode zwischen den Jeans. Eigentlich dumm, dass sie das Erinnerungsstück aufgehoben hatte. Aber damals waren ein paar Tage vergangen, bis sie nicht mehr an den Abend an Zachs Seite hatte denken müssen. Die wenigen glücklichen Momente mit ihm waren ihr damals irgendwie … zauberhaft erschienen.

Lächerlich, dachte Kaitlin jetzt. Schon in der darauffolgenden Woche hat er alles infrage gestellt, was mir wichtig ist.

„Das Dokument ist gültig.“

Kaitlin runzelte die Stirn. „Was soll das heißen?“

„Wir sind verheiratet.“

Kaitlin schwieg einen Moment. Zach würde über so etwas keine Witze machen. Und wie sie später erfahren hatte, war diese Nacht auch für ihn etwas Besonderes gewesen. „Ist das dein Ernst?“, fragte sie schließlich.

Er nickte und sah sie mit seinen stahlgrauen Augen an.

Sie beide ein Ehepaar? Das konnte nicht sein. Es war doch nur eine Inszenierung gewesen, nur ein Spaß …

„Unser Elvis ist ein echter Standesbeamter des Bundesstaates Nevada“, sagte Zach.

„Aber wir hatten etwas getrunken …“, wandte Kaitlin ein.

„Er hat uns echte Urkunden ausgestellt.“

„Woher willst du das wissen?“ Kaitlins Gedanken rasten.

„Meine Anwälte haben es mir gesagt.“ Über ihre Schulter sah er in ihr Apartment. „Kann ich vielleicht doch hereinkommen?“

Kaitlin dachte an die Krimis und Frauenzeitschriften auf dem Sofa und an die Kreditkartenabrechnungen auf dem Couchtisch, die ihr Kaufverhalten im letzten Monat schonungslos enthüllten. Außerdem lag noch eine halb leere Packung Donuts von „Sugar Bob’s“ auf der Anrichte. Und dann waren da eben auch noch die sexy Dessous unter dem Fenster …

Wenn er aber tatsächlich recht hatte, konnte sie kaum zur Tagesordnung übergehen.

Sie atmete tief durch. Was kümmerte sie, was er über sie dachte? Dann erfuhr er eben, dass sie eine Schwäche für die Süßwaren von „Sugar Bob’s“ hatte. Und wenn schon? In ein paar Tagen würde Zach Harper in ihrem Leben keine Rolle mehr spielen. Sie würde alles hier hinter sich lassen und in einer anderen Stadt, vielleicht in Chicago oder Los Angeles, ganz neu beginnen.

Bei dem Gedanken zog sich ihr plötzlich der Magen zusammen. Sie hasste das Gefühl, entwurzelt zu sein. Hinter ihr lagen schon zu viele Neuanfänge, denn sie war ohne Eltern aufgewachsen. Seit der Studienzeit war sie ihrem kleinen Apartment treu geblieben. Es bedeutete für sie ihr einziges Zuhause …

„Kaitlin?“

Sie schluckte ihre Traurigkeit hinunter. „Klar“, sagte sie möglichst fest. „Komm doch herein.“

Nachdem sie die Tür geschlossen hatte, sah Zach sich in dem Durcheinander der Koffer und Kisten um. Setzen konnte er sich nirgends, aber er würde ja auch nicht lange bleiben.

Obwohl sich Kaitlin fast krampfhaft bemühte, nicht zu ihren Dessous zu schauen, sah sie unwillkürlich gerade dorthin. Zach folgte ihrem Blick und betrachtete einen violetten Body aus Seide, den ihr ihre Freundin Lindsay zu Weihnachten geschenkt hatte.

„Du erlaubst?“, fragte Kaitlin wütend und klappte die Deckel des Kartons zu.

„Natürlich.“

Klang er leicht belustigt? Na klasse, dachte sie, jetzt lacht er auch noch über mich!

In diesem Moment sprangen die Deckel des ziemlichen vollgepackten Kartons wieder auf, und Kaitlin spürte, dass sie rot wurde.

Hinter Zach lag die Packung Donuts von „Sugar Bob’s“. Wie deutlich zu sehen war, fehlten bereits drei Stück, die Kaitlin schon um neun Uhr morgens verspeist hatte.

Sicher hatte Zach, dessen durchtrainierter Körper kein Gramm Fett zu viel aufwies, nur Obst, Vollkornprodukte und hochwertige Proteine gefrühstückt, mit vielleicht einem Vitamindrink … Womöglich hatte sein persönlicher Küchenchef die Lebensmittel, die bestimmt aus Frankreich oder Australien stammten, eigens für ihn zusammengestellt …

Er legte die Aktentasche auf einen Stapel DVDs und ließ die Verschlüsse aufspringen. „Meine Anwälte haben die Scheidungsunterlagen vorbereitet.“

„Brauchen wir denn Anwälte?“, fragte Kaitlin, die sich noch nicht an die Vorstellung gewöhnt hatte, verheiratet zu sein.

Mit Zach.

Sie zwang sich, ihre Gedanken zu beherrschen, die angesichts dieser Tatsache in wer weiß wie viele Richtungen abzuschweifen drohten.

Bei all seinem Reichtum, seiner Bildung und seinem blendenden Aussehen – Zach war kalt, berechnend und gefährlich. Eine Frau, die ernsthaft einen Mann wie ihn heiratete, konnte nicht ganz bei Sinnen sein.

Er klappte die Tasche auf. „Unter diesen Umständen sind Anwälte ein notwendiges Übel.“

Über dieses Klischee hatte sich Kaitlin schon oft geärgert. Ihre beste Freundin Lindsay war alles andere als ein Übel … Wie würde sie wohl auf diese Neuigkeit reagieren? Geschockt sicher, vielleicht auch besorgt? Oder belustigt?

Die Situation war völlig unwirklich!

Kaitlin strich sich eine Strähne ihres rotbraunen Haares hinters Ohr und spielte nervös mit dem Jadeohrring. „Offensichtlich wird manches aus der Traumwelt von Las Vegas doch Wirklichkeit“, versuchte sie zu scherzen.

Einer seiner Wangenmuskeln zuckte.

Immerhin habe ich diesen Zach Harper zumindest etwas aus dem Gleichgewicht gebracht, schoss es ihr durch den Kopf.

„Ich wäre dir dankbar, wenn du ernst bleiben würdest“, sagte er.

Trotz ihrer Unsicherheit lachte sie. „Na hör mal! Wir wurden von Elvis getraut.“

In seinen grauen Augen blitzte etwas wie Ärger auf.

„Komm schon, Zach. Du musst zugeben …“

Er nahm einen Hanfpapierumschlag aus der Tasche. „Kaitlin, unterschreib einfach!“

Sie scherzte weiter. „Soll das heißen, aus der Hochzeitsreise wird nichts?“

Einen Moment hielt er den Atem an und betrachtete ihre Lippen – da plötzlich erinnerte sie sich …

Hatten sie sich in Las Vegas tatsächlich geküsst? In letzter Zeit hatte sie ihn immer wieder vor sich gesehen, seinen sinnlichen Mund, hatte seine Nähe zu spüren geglaubt, seinen Geruch und Geschmack wahrgenommen, als wäre er bei ihr. Sie hatte seinen Arm um ihre Taille gespürt, ihren Körper an seinen gedrückt …

Bisher hatte sie sich für diese seltsamen Träume gescholten, aber jetzt fragte sie sich … „Zach, haben wir uns …“

Er räusperte sich. „Versuchen wir, beim Thema zu bleiben.“

„Natürlich.“ Sie nickte und verdrängte das Traumbild. Selbst wenn sie ihn nur ein einziges Mal geküsst hatte, war es der größte Fehler ihres Lebens gewesen. Inzwischen empfand sie nichts als Abscheu für Zach und konnte es kaum erwarten, ihn loszuwerden.

Sie griff nach dem Umschlag. „Wenn die Trauung nur fünf Minuten gedauert hat, warum sollten wir die Scheidung länger hinauszögern?“

„Freut mich, dass du das auch so siehst.“ Er nickte und nahm einen goldenen Füller und ein Scheckheft aus der Innentasche seines Jacketts. „Selbstverständlich entschädige ich dich für alle Unannehmlichkeiten. Ist eine Million okay?“

Kaitlin blinzelte verwirrt. „Eine Million was?“

„Dollar natürlich“, sagte er ungeduldig. „Kein Grund für falsche Zurückhaltung, Kaitlin. Wir wissen beide, dass mir das eine Menge wert ist.“

Kaitlin blieb fast der Mund offen stehen. War Zach verrückt geworden?

Er wartete.

Oder war er verzweifelt?

Kaitlin überlegte. Er und sie waren Mann und Frau, zumindest auf dem Papier. Offensichtlich stellte das für ihn ein Problem dar – und Probleme, sofern er überhaupt welche hatte, löste ein Mann wie er sicherlich mit Geld.

Lächelnd bewegte sie den Umschlag hin und her. Sie wollte Zachs Geld nicht, aber welche Frau an ihrer Stelle hätte sich nicht über eine kleine … Entschädigung gefreut? Ein paar Wochen würde sie sicher noch hier in New York leben, und die Scheidung eilte ja nicht. Dieses eine Mal würde Zach Harper auf etwas warten müssen, was er dringend wollte.

Sie atmete tief ein. Was wohl Lindsay an meiner Stelle tun würde?

Dann wusste sie, was sie zu tun hatte. In gespielter Unschuld zog sie eine Augenbraue hoch. „Gilt in New York nicht das Prinzip der Gütergemeinschaft?“

Zach sah sie überrascht an, dann wurde sein Gesichtsausdruck hart. Er war wütend. Der Arme!

„Ich kann mich nicht erinnern, einen Ehevertrag mit Verzichtserklärung unterschrieben zu haben“, fügte sie hinzu.

„Du willst mehr Geld“, stieß er hervor.

Viel wichtiger fand sie ihre Karriere, die er ihr zunichtegemacht hatte. „Du hast meine Entlassung zu verantworten, wenn ich dich erinnern darf“, sagte sie und spürte Wut in sich aufsteigen.

„Ich habe nur einen Auftrag zurückgezogen“, widersprach er.

„Dir war klar, dass das zu meinen Lasten gehen würde. Wer in New York City soll mich jetzt noch einstellen?“

„Mir haben deine Entwürfe eben nicht gefallen“, sagte er schulterzuckend.

„Ich wollte dem Haus aus den Dreißigerjahren in die Neuzeit helfen.“ Um das Firmengebäude von Harper Transportation hatte sich in den letzten fünf Jahrzehnten offenbar kaum jemand gekümmert.

„Sieh es, wie du willst. Ich bin an deiner Entlassung schuld, und hiermit entschuldige ich mich bei dir dafür. Also … wie viel?“

In Wahrheit bedauerte er kein bisschen, was er ihr angetan hatte. Es interessierte ihn nicht die Bohne, wie es ihr ging. Wie es aussah, war sie ihm völlig gleichgültig. Dass er ihren Namen noch wusste, lag nur an dieser zufälligen Hochzeit. Kaitlin richtete sich in ihrem Fan-T-Shirt kerzengerade auf. „Nenn mir einen vernünftigen Grund, warum ich es dir so leicht machen soll.“

„Weil dir diese Ehe ebenso wenig gefällt wie mir.“

Das stimmte allerdings. Schon bei dem Gedanken, Zach Harpers Frau zu sein, bekam sie eine Gänsehaut. Und zwar vor Abscheu, da war sie sich ganz sicher. Wäre es nicht ausgerechnet um ihn gegangen, hätte sie das Gefühl für eine Art Erregung gehalten.

„Mrs Zach Harper.“ Sie tat so, als würde sie nachdenken, während sie die Kartons und Kisten betrachtete. „Hast du nicht ein großes Penthouse in der Fifth Avenue?“

Zach spielte mit seinem Füller. „Treib es nicht auf die Spitze. Du willst doch nicht, dass ich dich bloßstelle, oder?“

Kaitlin lächelte. Wie wollte er das anstellen? „Na los“, forderte sie ihn heraus. „Versuch’s doch!“

Als er einen Schritt auf sie zumachte, spürte Kaitlin ärgerlicherweise ein Kribbeln in der Magengegend.

Wortlos standen sie da und fixierten einander.

„Lass doch die Papiere einfach da“, lenkte sie gespielt großzügig ein. „Meine Anwältin wird sie nächste Woche durchsehen.“

„Zwei Millionen.“

„Nächste Woche“, wiederholte sie, ohne sich die Bestürzung über diese hohe Summe anmerken zu lassen. „Etwas Geduld bitte, Zachary.“

„Du weißt doch gar nicht, was du da tust, Katie.“

„Ich wahre nur meine Interessen“, erklärte sie. Was durchaus der Wahrheit entsprach. Denn wer wusste schon, was seine Juristen sich tatsächlich ausgedacht hatten?

Wieder schwiegen sie. Auf der Straße unter ihnen dröhnte der Verkehr.

„Ich traue dir nicht, Zach“, sagte Kaitlin ehrlich.

Betont langsam steckte er Füller und Scheckheft wieder ein. Er schloss die Aktentasche und strich die Ärmel seines Jacketts glatt.

Kurz darauf fiel die Tür hinter ihm laut ins Schloss.

Zach ließ sich auf den Beifahrersitz des schwarzen Porsche Carrera gleiten, der vor Kaitlins Apartment in Yorkville parkte, einem ehemals hauptsächlich von deutschstämmigen Einwanderern bewohnten New Yorker Stadtteil.

„Hat sie unterschrieben?“, fragte Dylan Gilby und ließ den Motor an.

Zach legte den Sicherheitsgurt an. „Nein.“

Normalerweise verhandelte er sehr geschickt. Aber irgendwie brachte Kaitlin ihn aus dem Rhythmus … Es war ein Riesenfehler gewesen, zu ihr zu gehen.

Als so stur hatte er sie gar nicht in Erinnerung. Wobei … so gut kannte er sie auch wieder nicht. Vor der Party, als sie noch an den Renovierungsentwürfen gearbeitet hatte, waren sie sich ein paar Mal begegnet.

Sie war ihm als intelligent, gewissenhaft, humorvoll und hübsch aufgefallen.

Hübsch war sie in der Tat, das musste Zach auch nach diesem Gespräch zugeben. In Las Vegas war sie topgestylt zur Party gekommen und hatte in dem großen Ballsaal alle anderen Frauen in den Schatten gestellt. Und selbst in Jeans und T-Shirt, wie an diesem Tag, war sie atemberaubend schön.

Kein Wunder, dass er Elvis’ Frage mit Ja beantwortet hatte! In dem Moment hatte er es genau so gemeint.

„Hast du ihr Geld geboten?“, wollte Dylan wissen.

„Klar.“ Ohne unfair zu sein, wollte Zach das Problem so schnell wie möglich aus der Welt schaffen. Für gewöhnlich ließ sich das mit Geld am besten erreichen.

„Keine Chance?“, fragte Dylan.

„Sie redet erst mit ihrer Anwältin.“ Zach fluchte leise. Es war schlecht gelaufen, und er hatte die Chance vermasselt, die ganze Sache auf nette Art zu beenden. Und schuld daran war nur er selbst …

Dylan blinkte, sah in den Rückspiegel und ordnete sich in den lebhaften Verkehr ein. „Wie es aussieht, sitzt du aber ziemlich in der Klemme.“

„Danke für deine Einfühlsamkeit!“, stieß Zach hervor. Dylan war sein Freund, aber jetzt stand die Zukunft von Harper Transportation auf dem Spiel – und da verstand er keinen Spaß.

„Bitte! Wozu hat man schließlich Freunde?“, scherzte Dylan weiter.

„Um feinen Single Malt Whisky zu besorgen?“ Einen Drink konnte Zach jetzt dringender brauchen als jemals zuvor.

„Ich muss heute noch fliegen“, sagte Dylan. „Und du behältst lieber einen klaren Kopf.“

Zach legte den Ellbogen auf die Armlehne und ging im Geiste das Gespräch mit Kaitlin noch mal durch. Was hatte er nur falsch gemacht? „Vielleicht hätte ich ihr mehr Geld anbieten sollen?“, sagte er mehr zu sich als zu Dylan. „Fünf Millionen! Wer kann dazu schon Nein sagen?“

„Du hättest ihr die Wahrheit sagen können.“

„Bist du verrückt?“, fragte Zach entsetzt. „Ich soll ihr sagen, dass sie das gesamte Vermögen meiner Großmutter geerbt hat? Willst du mich ruinieren?“

„Genau das hat sie aber“, beharrte Dylan.

Zach spürte förmlich, wie sein Blutdruck stieg. Was für ein Albtraum! Und von allen Menschen sollte sein bester Freund Dylan das Ungeheuerliche dieser Situation eigentlich am besten verstehen.

„Ich habe keine Ahnung, welche Papiere bei dieser Las-Vegas-Hochzeit ausgestellt worden sind“, sagte Zach leise. „Kaitlin Saville ist nicht meine Frau. Ihr steht nicht die Hälfte von Harper Transportation zu. Eher sterbe ich, bevor ich …“

„Ihre Anwältin wird anderer Ansicht sein“, wandte Dylan ein.

„Wenn ihre Anwältin halbwegs bei Verstand ist, wird sie ihr raten, die zwei Millionen anzunehmen und aus meinem Leben zu verschwinden.“ Das konnte er allerdings nur hoffen …

Ja, Kaitlin und er waren verheiratet, daran gab es nichts zu deuteln. Aber es handelte sich dabei nicht um die Art von Ehe, an die seine Großmutter bei der Abfassung ihres Testaments gedacht hatte. Ganz gewiss hatte sie keine Fremde zu ihrer Erbin machen wollen.

Ob in New York das Prinzip der Gütergemeinschaft galt, wusste er nicht. Aber selbst wenn – Kaitlin und er hatten weder zusammengelebt noch je etwas miteinander gehabt. Ihnen war ja nicht einmal bewusst gewesen, dass sie überhaupt verheiratet waren. Schlichtweg undenkbar, dass ihr die Hälfte der Firma gehören sollte!

„Hast du schon mal daran gedacht, die Ehe für nichtig erklären zu lassen?“, fragte Dylan.

Zach nickte. Darüber hatte er mit seinen Anwälten bereits gesprochen. Sie hatten ihm keine großen Hoffnungen gemacht. „Wir haben zwar nicht miteinander geschlafen, aber Kaitlin könnte ja das Gegenteil behaupten.“

„Glaubst du, sie würde lügen?“

„Woher soll ich das wissen? Ich habe gedacht, dass sie die zwei Millionen annimmt.“ Zach sah sich um. Gerade erreichten sie einen Eingang des Central Park im Herzen Manhattans. „Wir kommen nicht zufällig bei McDougal’s vorbei?“

„Du wirst dich nicht um drei Uhr nachmittags betrinken“, sagte Dylan kopfschüttelnd und wich einem Taxi aus.

„Du bist nicht mein Kindermädchen.“

„Was du brauchst, ist ein Plan, kein Drink.“

An einer roten Ampel bremste Dylan. Auf der ausgesprochen belebten Kreuzung hupten zwei Taxifahrer und beschimpften sich gestenreich. Eine große Menge Fußgänger bahnte sich ihren Weg durch die stehenden Autos.

„Sie glaubt, dass ich an ihrer Entlassung schuld bin“, gestand Zach seinem Freund.

„Und? Stimmt das?“

„Nein.“

Dylan sah ihn skeptisch an. „Sie wird sich das kaum nur einreden. Da steckt doch was dahinter.“

Zach seufzte. „Also gut. Ich habe Hutton Quinn den Auftrag zur Renovierung des Firmengebäudes entzogen, weil mir die Entwürfe nicht zugesagt haben.“

„Und daraufhin wurde Kaitlin Saville entlassen“, sagte Dylan und nickte.

Zach hob abwehrend die Hände. „Dafür kann ich doch nichts.“

Kaitlins Pläne waren ihm zu … modern erschienen – unpassend für das altehrwürdige Gebäude in New York City, das die Menschen seit vielen Jahren mit Harper Transportation in Verbindung brachten. Schon immer hatten die Kunden die Firma als zuverlässig und bodenständig gesehen. Eine so auffällige Neugestaltung hätte dieses Image mehr als infrage gestellt.

„Warum hast du dann ein schlechtes Gewissen?“, fragte Dylan, während er in eine Tiefgarage in der Saint Street einbog.

„Habe ich doch gar nicht!“ So etwas gehörte zum Business, ob es einem gefiel oder nicht. Hätte er etwa diese … seltsamen Pläne akzeptieren sollen, nur weil er einmal mit Kaitlin getanzt, sie in den Armen gehalten und geküsst hatte? Selbst wenn er sich dabei für einen Sekundenbruchteil wie im Paradies gefühlt hatte? Auf Basis solcher Gefühle ließen sich nun mal keine geschäftlichen Entscheidungen treffen.

Dylan hüstelte, während er vor dem Häuschen des Garagenwarts anhielt.

„Was ist?“, fragte Zach.

„Ich kenne diesen Gesichtsausdruck bei dir. Als wir mit fünfzehn Wein aus dem Keller meines Vaters geklaut haben, hast du auch so ausgesehen. Und damals, als dir Rosalyn Myers’ Brüste keine Ruhe gelassen haben, auch.“

Als der Garagenwärter höflich die Wagentür öffnete, stieg Dylan aus und gab ihm die Schlüssel.

Auch Zach stieg aus. „Ich habe Kaitlin Saville nichts gestohlen, und ganz sicher werde ich niemals …“ Er unterbrach sich. Kaitlins Brüste hatten in diesem Gespräch nun wirklich nichts verloren.

„Vielleicht liegt hier das Problem“, sagte Dylan, während sie durch die vollgeparkte Tiefgarage gingen. Als würde es ihm Spaß machen, stellte er fest: „Du hast sie geheiratet. Und miteinander geschlafen habt ihr bisher nicht. Vielleicht bist du in Wahrheit scharf auf sie – nicht wütend.“

„Ich bin wütend, das kannst du mir glauben.“ In Bezug auf Kaitlin wollte er nur eines: sie loswerden. Alles andere stand nicht zur Debatte.

„Auf sie oder auf dich?“

„Auf sie“, sagte Zach. „Wenn sie doch die Scheidungspapiere unterschreiben würde! Hätte doch meine Großmutter bloß nicht dieses Testament …“

„Na, na“, ermahnte Dylan ihn. „Du weißt doch, man soll nichts Schlechtes über Verstorbene sagen.“

Natürlich war Zach nicht auf Grandma Sadie böse. Er verstand nur nicht, warum sie mit diesem Testament das Familienvermögen aufs Spiel gesetzt hatte. „Ich möchte nur wissen, was sie sich dabei gedacht hat.“

„Vielleicht wollte sie, dass deine Frau dir ebenbürtig ist.“

Überrascht fragte Zach: „Hat Grandma etwa mit dir darüber gesprochen?“

„Nein, das nicht. Aber sie dachte immer sehr klar und logisch.“

Das stimmte: Sadie Harper war eine blitzgescheite alte Dame gewesen. Gerade darum wunderte Zach sich so sehr über ihren Letzten Willen. Vor vierzehn Jahren waren seine Eltern bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen, als er gerade zwanzig gewesen war. Seitdem waren Grandma Sadie und er einander erst recht ans Herz gewachsen, bis sie im hohen Alter von einundneunzig Jahren gestorben war – vor einem Monat … Ihr Tod ging Zach noch immer sehr nahe.

Inzwischen hatten sie die Aufzüge des vierziggeschossigen Hauses erreicht. Dylan steckte seine Codekarte für den Hubschrauberlandeplatz in den Aufnahmeschlitz, und sie betraten die Kabine.

„Vielleicht wollte sie ja einen Anreiz schaffen, damit du eine Frau bekommst“, sagte Dylan und grinste. Er lehnte sich gegen das umlaufende Geländer und stützte beide Hände auf. „Mit so viel Geld hast du eine reelle Chance.“

„Dein Vertrauen in mich ist wirklich beachtlich.“

„Ich sage ja nur …“

„…

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