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Auge um Auge

Auge um Auge

Mit dem Serienmörder 12 Stunden lang in einem Raum und die Angehörigen der Opfer haben freie Hand

von Paul Gant

„Hast du das Fleisch endlich fertig gewürzt?“ Ungeduldig ruft Steven nach seiner Frau, die unter Hochdruck in der Küche steht und arbeitet.

„Noch nicht ganz Schatz, ich bin gleich fertig.“ Mary weiß, dass Steven nach einem für ihn genialen Grillablaufplan arbeitet. Dieser Grillablaufplan ist unbedingt einzuhalten.

„Beeil dich, der Grill hat bald seine optimale Temperatur erreicht.“

„Ich mache ja schon, du kannst ja schon mal die Teller nach draußen bringen.“ Das bringt Mary etwas Zeit.

„Kein Problem!“ Steven steht auf und geht ins Haus zu den Tellern. Er kennt seine Mary. Sie ist, was das Grillen angeht, eine Ohne-Regeln-Grillerin, was heißen soll, dass sie zwischendurch noch mal mit ihrer Mutter oder Freundin telefoniert, etwas aufräumt und saubermacht. Es könnte jemand durchaus unerwartet zu Besuch kommen.

Was soll dieser dann von Mary denken, wenn nicht alles tip-top ist. Demnach macht es Steven auch nichts aus, den Grill auf Temperatur zu bringen und die diversen Utensilien nach draußen zu bringen.

„Wo sind denn die Getränke?“

„In der Kühlbox Schatz, in der Kühlbox sind die Getränke“ Steven schaut sich um. Die Kühlbox stand die ganze Zeit neben ihm.

„Ah, ja, ich sehe sie.“ Er öffnet die Kühlbox und holt zwei Flaschen Bier heraus.

Endlich kommt Mary mit dem Grillfleisch auf die Terrasse.

„So das Fleisch ist fertig, hier, Schatz, das kannst du schon auf den Grill legen.“

Steven kann es kaum erwarten. Blitzschnell liegen die ersten Fleischstücke auf dem Grill.

„Das wurde auch langsam Zeit. Man habe ich einen Hunger“

„Komm lass uns erst einmal anstoßen“. Mary gießt kühles Bier in zwei Gläser.

„Ja, auf den schönen Abend“.

Gerade als beiden anstoßen wollen, dreht Mary sich nach allen Seiten um.

„Hast du dem neuen Nachbarn schon Bescheid gesagt, ob er auch rüberkommen kann?“ Jetzt schaut sich auch Steven kurz um.

„Nee, der hat seit heute Morgen Damenbesuch. Lass nur! Beim nächsten Mal …! Der Sommer ist ja noch lang“.

„Du hast recht, auf den schönen Abend, mein Schatz!“

Steven und Mary stoßen auf den bevorstehenden Abend an.

In diesem Viertel wohnen viele Marys und Stevens. Diese beiden sind etwa um die dreißig Jahre alt, verheiratet und berufstätig. Kinder? Keine. Also gibt es auch keinen Krach draußen oder im Haus - nicht morgens, mittags oder abends. Überall herrscht eine entspannte Atmosphäre. Alle erholen sich und freuen sich auf das Wochenende.

Das Wetter macht mit, und draußen ist es zu dieser Jahreszeit ohnehin am schönsten. Wie sie, treffen sich ebenfalls die ganzen Marys und Stevens, plaudern, lassen die vergangene Woche Revue passieren.

Und der neue Nachbar? Ein junger Mann, Anfang dreißig, gutaussehend. Immer höflich, immer zuvorkommend – so jedenfalls der erste Eindruck. Und heute, naja, heute hat der neue Nachbar eben Damenbesuch. Nicht, dass die anderen ihn beobachten! Nein, nein! Es ist ganz einfach aufgefallen. Die Vorhänge sind geschlossen, die Fensterläden zu, die Jalousien heruntergelassen worden. Der neue Nachbar passt nun mal in diese Gegend. Nichts kann nach außen dringen.

Kein noch so alltägliches Geräusch, wie das Öffnen einer Weinflasche, das Anstoßen von Gläsern, das Klappern von Geschirr - und schon gar nicht das Knarren und Quietschen eines Bettes. Nichts ist zu hören, was schon verwunderlich ist. Denn wenn so eine attraktive Frau auf so einen anziehenden Mann trifft, da muss doch etwas zu hören sein. Die feierabendliche Balkon- und Terrassen-Gemeinde nimmt keine Notiz davon. In einer so großen Stadt mit vielen Stadtteilen und Wohnvierteln auch kein Wunder.

Das ist einer von diversen Nachteilen, wenn man in einer großen Stadt lebt. Doch hätte Neugierde der Nachbarn der attraktiven Besucherin das Leben gerettet? Nein, wo denken sie hin? Dazu ist ER einfach zu schlau. ER der neue Nachbar.

„Ich habe dir gesagt, keine lackierten Fingernägel. Wenn ich eins hasse, wenn man mich nicht für voll nimmt.“ Äußerst rabiat zerrt ER an seiner neuen Freundin herum und zieht sie zu sich hin. Ängstlich schaut sie ihn an.

„Was hast du vor?“

„Wer nicht hören will, muss fühlen.“

„Nein, bitte nicht! Bitte nicht!“

Mit roher Gewalt hält ER der noch jungen Frau den Arm fest. Blitzschnell holt er eine verchromte Flachzange unter dem Bett hervor, reißt ihr zielsicher alle Fingernägel aus den Fingerspitzen heraus. Sie schreit. Sie kann nicht mehr aufhören zu schreien.

„Sei still, du Fotze! du hast dir das selbst zuzuschreiben.“ Normalerweise würde ER auch die andere Hand dementsprechend bearbeiten, so sein Plan. Doch das Geschreie ging im jetzt schon auf die Nerven. Er beendet das Szenario mit einem kräftigen Hieb mit der Axt … in ihren Kopf. Die Axt lag griffbereit neben der verchromten Zange. Man könnte meinen, wie zufällig. Das Schreien verstummt sofort. Leblos sackt der Körper der Frau nach hinten, auf das mit Plastikfolie ausgelegte Bett. So war ER. ER hat nichts dem Zufall überlassen.

Für IHN war das nur eine kleine Fingerübung, ein Test, ein kleiner Snack, den er sich zwei bis dreimal im Monat gegönnt hatte. Auch, und das war ihm sehr wichtig, zur Übung. So notierte er alles, was er für verbesserungswürdig hielt. Das Schreien der Opfer war immer das größte Problem. Dann das viele Blut. Bei dieser jungen Frau löste ER das Problem zum ersten Mal mit einer Folie. Er stellte fest: Das funktioniert einwandfrei und man kann dann die Weiber sofort einpacken und weg damit.

In einem Zeitraum von zehn Monaten arbeitete ER sich so immer mehr an ältere Frauen heran. Waren seine ersten Opfer gerade mal 16 Jahre alt, wurden mit der Zeit die wahllos ausgesuchten Frauen immer älter. ER tat dies nicht ohne Grund, sich langsam an seine Zielgruppe heran zu tasten. Schließlich hatte er ja zwei Ziele. Und um diese Ziele zu erreichen, mussten schon einige Testpersonen herhalten, wie ER sich das immer wieder einredete. Egal wo er zuletzt gewohnt hatte und auch da, wo er jetzt gerade wohnt. In seinem Umfeld hatte nie jemand etwas bemerkt. War und ist er doch ein smarter, attraktiver junger Mann. Ein Blickfang für das weibliche Geschlecht, egal welchen Alters. Alle weiblichen Probanden mussten für ihn nur eine Voraussetzung erfüllen. Sie mussten geschlechtsreif sein.

Denn ER war und ist nicht homosexuell und auch nicht pädophil. Nein, ER war und ist heterosexuell. ER liebte es … davor … Sex mit den Opfern zu haben. In Rage kam ER, wenn seine Opfer gewisse Ähnlichkeiten mit einer ihm nahestanden Person hatte. Und das war nicht schwer, gerade in der heutigen Zeit. ER wurde einfach nicht bemerkt, beziehungsweise, man traute ihm solchen Grausamkeiten einfach nicht zu. Da auch keine Leichen gefunden wurden von all seinen Test-Opfern, kam auch kein Verdacht auf. ER konnte mit nichts in Verbindung gebracht werden. Zwar galten alle diese Opfer irgendwann mal als vermisst; aber keine Leiche, keine Opfer und dementsprechend auch kein Mörder.

An dieser Stelle wird es Zeit, dass ich Ihnen von dem jungen Jack erzähle. Den Namen Jack habe ich erfunden. Der Grund ist nicht, weil ich diese Person besonders schützen möchte. Nein, ich will einfach nicht, dass der eigentliche Name sich so einprägt, wie sich Namen von Massenmördern so einprägen. Deshalb der Name Jack. Im Übrigen ist Jack erst 10 Jahre alt und lebt bei seiner Mutter. An dieser Tatsache ist erst einmal nichts einzuwenden. Jedoch sind die Voraussetzungen für Jack alles andere als günstig, um eine normale Kindheit zu genießen.

Als der kleine Jack gerade mal acht oder neun Jahre alt war, machte sich sein Vater ganz schnell aus dem Staub. Ohne vorher, nicht zu vergessen, seine Mutter fast tot zu schlagen. Verprügelt, ja regelrecht zusammengeschlagen hat Jack sein Vater seine Mutter regelmäßig. Das Einzige, was sich an dieser Tatsache änderte, waren die Abstände, die immer kürzer wurden. Und das war für den kleinen Jack der Anfang vom Ende. Seine Mutter benutze Jack als Blitzableiter, quasi der, den sie für alles verantwortlich machen konnte. Zu dem sah Jack seinem Erzeuger auch noch so ähnlich, fast wie aus dem Gesicht geschnitten.

Jetzt können Sie sich vorstellen, was der kleine Jack so alles erleben musste. Wobei das Wort erleben, was Sie bestimmt mit positiven Ereignissen assoziieren, beim kleinen Jack in den allermeisten Fällen eine ganz andere Bedeutung hatte. Ich kann Ihnen sagen, Sie können sich nicht vorstellen, was der kleine Jack so alles über sich ergehen lassen musste, wie zum Beispiel: Das tagelange Einsperren in einem Schrank, selbstverständlich ohne Essen. Die regelmäßigen Prügel, die in unregelmäßigen Abständen, je nach Lust und Laune der Mutter, in Misshandlungen ausarteten. Das waren in den Augen der Mutter Strafen oder Exempel, wie sie es immer als Rechtfertigung angab. Das Grausame daran ist, dass Kinder sich daran gewöhnen, die Situation als normal ansehen und für sich seine eigenen Schlüsse daraus ziehen. Das war beim kleinen Jack nicht anders. Dadurch unterschied sich Jack nicht von anderen Kindern, die Gleiches durchgemacht haben.

Durch diese harten Strafmaßnahmen konnte der kleine Jack selbstverständlich auch keine sozialen Kontakte aufbauen. Keine Kontakte zu Jungs in seinem Alter. Das war für den kleinen Jack das Schlimmste, dass er keine Freunde haben durfte. Kontakt nach Außen wurde mit aller Härte bestraft. Und Jack sehnte sich nach einem Freund, einem mit dem man mal

Blödsinn machen kann, Fußball spielen zum Beispiel, einfach mal Spaß haben. Was man als Junge in dem Alter halt ebenso macht. Diese Sehnsucht wurde in den Jahren zu einer krankhaften Phobie. Jack war bereit für eine Freundschaft alles zu tun … wirklich alles.

Das soll nicht heißen, dass Jack Homosexuell war. Seine Sehnsucht nach einem Freund hatte nichts Sexuelles. Es ging ihm nur um die Freundschaft, mehr nicht. Mit zunehmendem Alter entwickelte sich auch ein Interesse an dem weiblichen Geschlecht, allerdings mit immensen Schwierigkeiten. Jack fühlte sich schon zu dem weiblichen Geschlecht hingezogen, hatte aber seine Schwierigkeiten mit dem direkten Umgang mit den jungen Damen. Viel zu oft erinnerten sie Jack, durch ihr Verhalten, an seine Mutter. Rigoros wurde von seiner Mutter alles im Keim erstickt. An keiner Geburtstagfeier durfte Jack teilnehmen, geschweige selbst seinen Geburtstag feiern. Ich glaube der kleine Jack wusste gar nicht wann er Geburtstag hatte. Er wusste nur, andere hatten einen Geburtstag und feierten diesen.

Die Jahre vergingen. Jack konnte trotz allem eine höhere Schule besuchen. Sie werden sich jetzt sicher fragen, wie geht das. Ganz einfach. Seine Mutter war eine Meisterin im Kaschieren von Schrammen und Macken. Musste sie doch selbst ständig die täglichen Angriffe ihres Ehemannes ertragen. Die ständigen Beulen und Blutergüsse konnte sie geschickt verstecken. Und genau diese Fähigkeiten der Tarnung hat sie dann ohne Probleme auf den kleinen Jack übertragen können. So musste der kleine Jack einen Mix aus physischer und psychischer Gewalt über sich ergehen lassen. Das obligatorische Fernbleiben der Sportstunden war das einzige, wo Jack hätte auffallen können. Ja, man hätte da vielleicht etwas merken müssen. Aber nein. Der kleine Jack war ein schlaues Kind und entsprach eben nicht dem Klischee, dass Kinder aus asozialen Verhältnissen auch immer dumm sein müssen. Es wurde einfach ignoriert, nicht so beachtet. Den Jack hatte ja gute bis sehr gute Schulnoten, was ja durchweg als positiv zu sehen ist. Warum dann wegen der Sportstunde Theater machen.

Trotz der hervorragenden schulischen Leistungen hatte seine Mutter die Schule als notwendiges Übel angesehen. Was man ihr ja auch nicht verdenken konnte. Gar nicht auszudenken, wenn das Martyrium, was der kleine Jack ertragen musste, herausgekommen wäre. Man hätte ihr das Kind weggenommen. Genau das wollte sie nicht. An wem hätte sie sonst ihren Frust auslassen können. Hinzu kam, dass Jack ihre Hilfe, was die Schule anging, nicht gebraucht hatte. Sie konnte Jack nicht helfen, da ihr Intellekt nicht annähernd an den von Jack herankam. Sie war ihm nur körperlich überlegen. Was sich mit den Jahren dann aber änderte.

Jack machte Abitur, studierte Psychologie und Politikwissenschaften in einem wahnwitzigen Tempo. Seit dem Abitur ließ der Einfluss seiner Mutter nach. Mittlerweile war Jack seiner Mutter auch körperlich überlegen. Was nicht heißen soll, dass er die Gewaltausbrüche seiner Mutter gekontert hat. Nein, sie ließen von selbst nach. Zuletzt sei noch zu erwähnen, dass seine Mutter plötzlich verschwand, als Jack 25 Jahre alt war. Bis heute gibt es kein Lebenszeichen von ihr und ihrer Leiche. Wenn es denn eine gibt, wurde sie bis heute auch nicht gefunden.

Ich überspringe jetzt ein paar Jahre und Jack heißt auch jetzt nicht mehr Jack. Ab jetzt nenne ich ihn nur noch „ER“, „IHN“ oder „der Angeklagte“. Im Nachfolgenden werden Sie das auch sofort verstehen. Und eine Frage sollten Sie sich stellen. Endschuldigt das Verhalten von IHM, was ER in seiner Kindheit ertragen musste? Und stellen Sie sich jetzt vor, so einer mit diesem aufgestauten Hass, so einer läuft jetzt frei herum, so einer treibt jetzt sein Unwesen. Er trifft sich jetzt gerade in diesem Augenblick mit Ihrer Tochter, mit Ihrer Frau, mit Ihrer Nachbarin. Irgendwo da draußen, vielleicht in Ihrer Nachbarschaft, wird gerade einer Tochter durch IHM das Leben genommen. Oder einer verheiratenden Frau, die gerade ein wenig un-glücklich ist. Solche Damen stehen ganz oben auf seiner Beuteliste. Glauben Sie mir, so etwas kann passieren, so, wie es in dieser Stadt passiert ist.

Es wurde Nacht in der Stadt und die Rushhour neigte sich, wie immer um diese Zeit, dem Ende. Die Letzten fuhren zur Arbeit und die Letzten kamen von der Arbeit. Die ersten Kneipen, Restaurants und Bars öffneten. Das Nightlife erwachte ganz langsam. Der Berufsverkehr wurde deutlich weniger und die Nachtschwärmer übernahmen jetzt das Ruder. Das ist für alle eine bekannte, schöne und angenehme Stimmung, die viele mögen, auf die sich viele freuen.

Dieses angenehme Treiben wurde plötzlich durch gellende Polizeisirenen unterbrochen. Polizeisirenen in einer Großstadt sind nichts Ungewöhnliches. Aber das war schon eine ganze Armada von Polizeiwagen und Einsatzwagen, mit Spezialteams, das volle Programm. Die Wagenkolonne hielt von allen Seiten an einem normalen, mehrstöckigen Wohnhaus, in einer belebten Straße an. Das ganze Haus war innerhalb von Sekunden mit Polizeifahrzeugen um-zingelt. Alles stürmte aus den Einsatzfahrzeugen mit einem immensen Tempo. Alles ging wahnsinnig schnell. Ziel war die dritte Etage. Da soll er wohnen: ER, den man über mehr als zwei Jahre überall gesucht hat. ER, der verantwortlich für fünf entdeckte, bestialische Morde war. ER, der die ganze Stadt im Atem gehalten hat. ER soll nun endlich gefasst werden. Blitzschnell, ohne Fehler und vor allem leise, ja fast lautlos, stand die Polizei in der dritten Etage vor seiner Tür.

„Das muss es sein“, flüstern sich die Polizisten zu. Dann ging es Blitzschnell.

„Aufmachen Polizei! Sofort aufmachen, Polizei!“ Ohne lange auf eine Antwort zu warten wurde die Tür zu seiner Wohnung eingetreten und das Polizeikommando stürmte die Wohnung.

„Stehen bleiben, hinlegen, sofort hinlegen!“ Alle Polizisten schreien auf IHN ein. Ohne Gegenwehr lässt ER sich festnehmen. Im ersten Augenblick könnte man meinen, er hatte auf sie gewartet. Oder auch nicht. Dazu geäußert hat ER sich bis heute nie.

„Auf den Bauch, sofort hinlegen, auf den Bauch!“ Blitzschnell wurde ER überwältigt. ER hatte keine Chance.

„Die Hände auf den Rücken, los, die Hände auf den Rücken!“ Dann der erleichterte Funk-spruch an den Einsatzleiter, an die Zentrale:

„Wir haben ihn, wir haben ihn!“ Schnell haben die Polizisten die Wohnung gesichert und fangen an, alles genau zu durchsuchen. Und das war für einige Polizisten ein Schock fürs Leben. So etwas hatten sie noch nie in ihrer langen Laufbahn als Polizisten gesehen.

„Oh Gott, was ist denn hier passiert.“

„Chef schnell, kommen Sie, schnell!“

Hauptkommissar Adam betritt den Tatort. Selbst so ein routinierter Kriminalbeamter ging ein Schauder über den Rücken. So etwas hat er in 30 Jahren Berufsleben noch nicht gesehen. Hauptkommissar Adam versucht cool zu bleiben, was ihm sehr schwerfällt.

„Lesen sie dem Schwein seine Rechte vor. Normalerweise dürfte der gar keine Rechte mehr haben.“ Ein eindeutiger Befehl vom Chef an seine Mitarbeiter, der auch sofort umgesetzt wurde. Und eine eindeutige Meinung vom Chef. Dafür war und ist Hauptkommissar Adam bekannt.

Und dann wurden auch schon die ersten Entdeckungen am Tatort gemacht.

„Das gibt’s doch gar nicht, was für eine Schweinerei.“

„Ich glaub ich muss kotzen.“ Der eine oder andere musste sich jetzt wirklich übergeben.

„Oh mein Gott, so was habe ich ja noch nie gesehen!“

„Von der ist nichts mehr übrig!“ Hauptkommissar Adam behält den Überblick, wenigsten einer, obwohl es ihm auch sehr schwerfällt, ruhig zu bleiben.

„Die Spurensicherung kann hochkommen, los sichern Sie den Tatort und schafft mir endlich dieses Schwein aus den Augen!“ Der Angeklagte lässt sich widerstandslos abführen. Völlig ohne Regung, als ob ihm das überhaupt nichts anginge. Ich kann Ihnen sagen, den Polizisten bot sich ein Anblick, den der eine oder andere so schnell nicht vergessen wird, wenn man überhaupt das Gesehene jemals vergessen kann.

Dieses unscheinbare Appartement, zwei Zimmer mit Küche, Bad und einem kleinen Balkon, wurde von IHM zu einem Horrorappartement umfunktioniert. ER muss hier gewütet haben wie eine Bestie, das ist unvorstellbar. Das Bad diente als Entsorgungsstation für Körperflüssigkeiten aller Art, das war unschwer zu erkennen. Die Küche, ja man mag gar nicht daran denken, was ER in der Küche so veranstaltet hat. Essen gekocht für sich selbst hat ER wohl nicht, was eindeutig auf die große Menge an Verpackung von Bestellgerichten hinweist. In einem Zimmer hat er geschlafen, das war einigermaßen sauber und auch normal eingerichtet. Ich würde sagen altersgerecht eingerichtet, also mit Bett, Schrank, TV, alles in ruhigen Farben. Anhand dieses Zimmers käme keiner auf die Idee, dass hier ein Mörder wohnen würde.

Aber ein Zimmer, das zweite Zimmer, das sticht heraus. Das ist besonders hergerichtet, ist pikobello sauber. In dem Zimmer riecht es auch sehr angenehm, man fühlt sich auf dem ersten Blick sehr wohl. Ein großes Sofa, gepflegte Blumen, eine Musikanlage mit ruhiger Musik, Bücher und so weiter. Dazu ein Getränkewagen wie man ihn noch aus den Siebzigern kennt. Ein völliger Kontrast zu den anderen Räumen. Es muss so eine Art Trophäen Zimmer von IHM gewesen sein.

Kommissar Adam schaute sich um. Sein erster Blick ging gleich zur Wand. An der Wand hingen fünf kleine Bilderrahmen. Auf dem ersten Blick sah das Ganze aus wie eine Schmetterlingssammlung.

„Merkwürdig“ dachte er sich. Die Farben der sogenannten Schmetterlinge sahen schon etwas komisch aus. Als ob ER die Schmetterlinge selbst angemalt hätte.

Doch dann ging Hauptkommissar Adam näher heran und schaute genauer hin. Langsam kann er den kleinen Bilderrahmen immer näher. Und als er alles genau sehen konnte, ging es ihm kalt den Rücken herunter. So mancher hätte das vorher eingenommene Abendessen nicht länger in seinem Magen halten können. Zum Glück hatte Hauptkommissar Adam sich im Griff, was ihm allerdings sehr schwer viel.

Ich möchte nicht weiter, und vor allem nicht genauer auf die vermeintliche Schmetterlingssammlung eingehen. Aber so viel sei gesagt. Wer eine gesunde Einstellung zur Sexualität hat, der weiß, dass der weibliche Intimbereich mit dem dazugehörigen weiblichen Geschlechtsteil auf den ersten Blick wie ein Schmetterling aussehen könnte. Je nach Fantasie des Betrachters selbstverständlich. Was er mit den bestens konservierten, abgeschnitten Brüsten, Haare mit der dazu gehörigen Kopfhaut, komplett lackierten ganzen Fuß- und Fingernägel, Ohren und Nasen mit Piercings alles gemacht hat, überlasse ich Ihrer Fantasie. Ich habe es ja eben schon erwähnt … es muss sein Trophäenzimmer gewesen sein.

Jetzt nahm alles seinen routinierten Gang. ER wurde erkennungsdienstlich erfasst, verhört und nochmals verhört; und Psychiater, wo man nur hinsah. Jeder von ihnen hatte zwar eine andere Grundmeinung, doch in einem Punkt, da waren sich alle einig. ER wusste genau was er tat. ER hatte alle Taten mit Berechnung vorbereitet und auch ausgeführt.

Und ER sagte kein Wort. Alles, was ER von sich gab, war ein Nicken, ein Schütteln mit dem Kopf und ein verachtendes Grinsen, mehr nicht. Der einzige, mit dem ER ein paar Sätze gesprochen hatte, war sein Pflichtverteidiger. Diesem armen Kerl sah man an, dass er überhaupt keine Lust hatte, diesen Fall zu übernehmen. Denn was sollte er machen, den Angeklagten für unschuldig erklären, für unzurechnungsfähig. Das wäre dem Anwalt vor Gericht komplett um die Ohren geflogen. Aus diesem Grund begnügte sich der Anwalt mit dem Nötigsten. Was man halt für eine Pflichtverteidigung vorbringen musste. Nicht mehr und nicht weniger.

ER hätte auch einen, oder sogar gleich mehrere Top-Anwälte haben können. Denn selbstverständlich gaben sich auch diverse Anwälte die Klinke in die Hand. Einen solchen Fall, mit so einer Medienpräsenz, so einen Fall übernimmt man auch mal ohne Geld. Das kommt dann später, das Geld. Nicht von IHM, nein. Von den ganzen Gerichtsfällen die man dann danach bekommt.

Aber, ER lehnte ab. Für die Angehörigen, den Zuschauern im Gerichtssaal, dem allgemeinen Betrachter wäre das auch nichts Besonderes gewesen. Das sieht man doch fast immer bei groß angelegten Prozessen, wo dann der oder die Angeklagten mit einer ganzen Anwaltsmannschaft auflaufen. Da fragt Mann und Frau sich doch zurecht, woher haben diese Verbrecher das ganze Geld? Während sich die Opfer kaum die ganzen Kopien leisten können, die bei so einem Prozess immer anfallen. Geschweige einen vernünftigen Anwalt. Denn der will in der Regel vorab sein Geld haben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Von dem Tag der Verhaftung bis hin zur Gerichtsverhandlung vergingen vier Monate. Die Gerichtsverhandlung dauerte 15 Verhandlungstage. Nur 15 Tage? Mehr nicht? Ja, mehr nicht.

Denn das lag vor allem an dem zuständigen Richter Alfred Greenwood und dem Staatsanwalt Francis A. Riddick.

Von Seiten der Verteidigung kam nicht viel und was, sollte da auch kommen. Was für Gegenbeweise sollte die Verteidigung denn vorbringen?

Oder womöglich die vorhandenen Beweise für unwahr oder ungültig erklären lassen?

Genauer auf die Verhandlungstage einzugehen, das ist jetzt nicht nötig und auch nicht so wichtig. Man kennt das ja. Viel bla bla, mehr nicht. Und geredet hat ER so oder so nicht. Es reichte mal gerade um seine Identität festzustellen, mehr nicht.

Und dann, endlich, kam der Tag, der entscheidende Tag. Der Tag des Schuldspruches, der Tag der Abrechnung.

Der Morgen beginnt mit einem schönen Sonnenaufgang über der Stadt. So langsam erwacht die Stadt. Die Straßen füllen sich, die ersten Geschäfte öffnen, die allmorgendliche Rushhour beginnt wieder auf das Neue. Doch irgendwie ist dieser Morgen nicht wie jeder andere Morgen davor. Die Menschen, die sonst, ohne sich anzusehen, aneinander vorbeigehen, geschweige ein paar Worte miteinander wechseln, beachten sich auf einmal. Ja sie reden sogar miteinander.

Der Tag des Urteils ist gekommen. Heute, am sechszehnten Verhandlungstag erwarten alle das Plädoyer vom Staatsanwalt Francis A. Riddick und den Urteilsspruch vom Vorsitzenden Richter Alfred Greenwood.

Francis A. Riddick. So lange wie ich denken kann ist er hier der Oberstaatsanwalt in der Stadt. Ein knorriger, älterer Herr, der nichts dem Zufall überlässt.

Auch wenn dieser Fall als doch sehr eindeutig einzuschätzen ist, sind es genau die vermeintlichen einfachen Fälle, die hinterher verlorengehen. Und zwar nicht, weil vom Angeklagten die Unschuld erwiesen wird. Nein, es sind die Verfahrensfehler, auf die jeder Verteidiger hofft, der einen Mandanten hat, der zu 100 Prozent schuldig ist und der Mandant aus seiner Schuld keinen Hehl macht. Genau deshalb hat Staatsanwalt Riddick ein ganzes Team an diesem Fall angesetzt. Herr Riddick wollte einfach auf Nummer sichergehen. Das benötigte zusätzliche Budget, was man dazu braucht, wurde ohne Probleme bewilligt. Welcher Finanzsenator einer Stadt möchte Schuld an einem Freispruch haben, der dann wegen Verfahrensfehler ausgesprochen wird und muss.

Sein vermeintlicher Kontrahent im Gerichtssaal war und ist Richter Alfred Greenwood. Beide, Staatsanwalt Francis A. Riddick und Richter Greenwood sind im gleichen Jahr geboren. Greenwood gilt als eine Institution am Gericht. Hält im ganzen Land Vorträge, ist Gastdozent an vielen Universitäten im ganzen Land. Im Gerichtsaal entgeht ihm nichts und manchmal würde er gerne eine strengere Gesetzgebung bevorzugen.

Und jeder neue Anwalt muss sich bei ihm erst einmal beweisen. Nicht mit einer großen Klappe im Gerichtssaal, nein, mit einer guten Vorbereitung und guten Argumenten für seine Mandanten. Erst dann hat man bei Richter Greenwood gute Chancen, gehört zu werden.

Letzteres hat in diesem Fall auch der Pflichtverteidiger wohl nicht erwartet. Aus diesem Grund erspare ich mir eine Vorstellung des Pflichtverteidigers. Zum einen, weil er bei allen Verhandlungstagen nicht besonders auffiel und weil ich, da bin ich ganz ehrlich, auch seinen Namen gar nicht weiß.

Schnell bildet sich vor dem Gerichtsgebäude ein fast unübersehbarer Menschenauflauf, der schon fast Volksfestcharakter hat. Wobei, und davon gehe ich aus, keiner in der Stimmung ist, hier etwas zu feiern.

Die Spannung nimmt von Minute zu Minute zu, kommt aus dem Gerichtsgebäude gekrochen. Man hat das Gefühl, dass man sie richtig spüren kann, ja sogar nach ihr greifen kann.

Die vielen TV-Teams vor Ort versuchen jede Kleinigkeit, jede Reaktion in Bild und Ton festzuhalten. Gerade wird Hauptkommissar Adam von einer TV-Journalistin interviewt. Beide sind von Passanten umzingelt, das Gedränge ist groß, sehr groß.

„Sie haben den gefährlichsten Serientäter in diesem Land gefasst, was erwarten Sie von diesem Gericht.“

„Für mich ist die Sache klar! Es kann nur ein Urteil geben und das ist der Tod!“

„Sie haben Ihre Aussage gemacht, Hauptkommissar Adam. Warum haben Sie den Gerichtssaal vorzeitig verlassen?“

„Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen, das arrogante Lächeln dieser Bestie zu sehen.“

Hauptkommissar Louis Adam ist gerade raus. So kennt man ihn. Das ist zwar gerade sein erstes TV-Interview gewesen, aber er kommt mit seinen einen Meter neunzig sehr imposant herüber.

Wenn Luis Adam so etwas von sich gib, dann, weil ihm dieser Fall sehr naheging und noch immer geht. Er war es ja, der den Angeklagten förmlich gejagt hatte. Monatelang im

Dauereinsatz. Wenig Schlaf und das ständige Abchecken von Hinweisen, die sich in der Regel dann noch als Luftblasen entpuppten.

Anders dagegen einen Monat vor der Verhaftung. Da ging zum ersten Mal ein richtiger echter Hinweis ein. Mit Hochdruck wurde dem nachgegangen und schließlich kurze Zeit später konnte Vollzug gemeldet werden.

Seine Sorge ist unbegründet. Mit Richter Greenwood und Staatsanwalt von Riddick sind die Richtigen an der richtigen Stelle.

Die Menschenansammlung vor dem Gerichtsgebäude wird immer größer und langsam unruhiger. Was man auch verstehen kann. Viel zu lange hat es gedauert, bis man endlich IHN gefasst hat. Dann dieser unsäglich lange Prozess, der gefühlt mehrere Jahre gedauert hat. Obwohl es nur 15 Verhandlungstage lang gewesen sind.

Dieses alte Gebäude, noch aus den Dreißigern des letzten Jahrhunderts, das von seinem Aussehen her immer noch so eine Art Gerechtigkeit versprüht. Mit einer großen Treppe vor dem Gebäude, alte dicke Pfeiler im Eingangsbereich und hohen Räumen. Dieses Ehrwürdige Haus stand schon lange nicht mehr, wie jetzt, im Mittelpunkt.

Das oberste Gericht ist hier untergebracht, ebenso wie die oberste Polizeibehörde und dem Bereich, wo die Angeklagten, die in Untersuchungshaft sind, untergebracht werden.

Die ganze Verhandlung hätte auch im Sportstadion der Stadt verhandelt werden können und wäre bestimmt immer ausverkauft gewesen. Aber durch die heutige Technik, SMS und so weiter, können alle die, die keinen Platz im Gerichtssaal bekommen haben, trotzdem alles LIVE mitverfolgen.

Ich glaube, jetzt hat der Staatsanwalt das Wort. Dann lassen Sie uns doch mal in den Gerichtssaal schauen, der, verständlicherweise, bis auf den letzten Platz gefüllt ist.

Und genau so ist es auch. Für die Zuschauer mussten sogar noch extra ein paar Stuhlreihen aufgebaut werden. Der Angeklagte und sein Verteidiger sitzen, umringt von Sicherheitsbeamten, fast in der Mitte des Gerichtssaales. Links von ihm der Staatsanwalt Francis A. Riddick, vor ihm der Vorsitzende Richter Alfred Greenwood und links von ihm die Geschworenen, 6 Männer und 6 Frauen. Etwas seitlich vom Angeklagten sitzen die fünf Angehörigen der Opfer. Es sind fünf Männer. Wer diese Fünf sind, werde ich ihnen zu einem späteren Zeitpunkt noch vorstellen.

Nachdem der Verteidiger sein Plädoyer gehalten hat, es war kurz und knapp, hat nun der Staatsanwalt das Wort. Staatsanwalt Riddick steht auf und geht langsam und bedacht in die Mitte des Gerichtssaals. Er schaut sich um und wartet ab, bis eine absolute Stille eintritt. Seine Worte sind genau überlegt, er weiß genau, was er sagt und was er vor allem sagen muss, damit die Geschworenen schnell zu einem Urteil kommen. Na, dann wollen wir doch mal genau hinhören, was der Staatsanwalt Francis A. Riddick jetzt zu sagen hat:

„Hohes Gericht, verehrte Geschworene. Sie haben die Ausführungen der Verteidigung gehört.“ Staatsanwalt Riddick deutet auf den Angeklagten.

„Ich will gar nicht näher darauf eingehen, denn ich weiß, verehrte Geschworenen, Sie sind klug und erfahren genug, sich ein eigenes Urteil zu bilden.“ Er macht eine kleine Pause, dann zeigt Staatsanwalt Riddick auf den Angeklagten.

„Vor 15 Verhandlungstagen haben wir angefangen, über diesen Mann zu entscheiden, ob ER noch das Recht hat, weiter zu leben oder nicht! Wir alle haben die Sachverständigen gehört.“ Er hält dabei einige Akten hoch, blättert durch die Akten.

„Sie alle haben die volle Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten bescheinigt und eindeutig bewiesen! Zeugen wurden vernommen, die Tathergänge genauestens analysiert, die Art und Weise, wie der Angeklagte seine fünf Opfer, fünf unschuldige Frauen, mit unvorstellbarer Grausamkeit, hingerichtet hat!“

Eine Unruhe schwappt durch den Gerichtssaal. Richter Greenwood beruhigt das Publikum mit einer kleinen Handbewegung. Und schon ist wieder Ruhe im Saal. Fast alle schauen jetzt auf den Staatsanwalt. Wohl bemerkt … fast alle.

Staatsanwalt Riddick geht mit Ruhe und Bedacht zu dem Tisch, wo diverse Mordwerkzeuge den Geschworenen zur Ansicht präsentiert werden. Zumindest sieht es so aus wie eine Präsentation. Jedes Mordwerkzeug ist genau beschriftet und man kann durch Graphiken eindeutig sehen, für was der Angeklagte diese Mordwerkzeuge eingesetzt hat.

Jetzt steht Staatsanwalt Riddick vor dem besagten Tisch und will den Anschein erwecken, er suche nach einem geeigneten Mordwerkzeug, um sein Schlussplädoyer eine gewisse Intensität zu geben.

Aber man kann ganz klar an der Gestik von Staatsanwalt sehen, dass er den großen verchromten Seitenschneider von Anfang an ausgesucht, ja direkt mit eingeplant hat. Denn dieser Seitenschneider war an allen Verhandlungstagen das Mordwerkzeug, was bei allen im Gerichtssaal den größten Eindruck hinterlassen hat … zusammen mit dem Elektrotauchsieder. Staatsanwalt Riddick stellt sich wieder vor die Geschworenen. Jetzt kommt die Präsentation seiner Trümpfe und er beginnt mit dem Seitenschneider.

Was für ein Werkzeug. Groß, verchromt, wirklich so groß, damit kann man ohne Probleme ein dickes Elektrokabel mühelos durchtrennen. Und wer schon mal versucht hat, ein Elektrokabel durchzuschneiden, weiß, wie schwer das ist.

Staatsanwalt Riddick hält jetzt diesen Seitenschneider nach oben, genau so, als ob er einen Siegerpokal hochhalten würde.

„Hiermit, meine Damen und Herren, verehrte Geschworenen, Herr Vorsitzender. Hiermit hat ER allen fünf Frauen die Schamlippen abgeschnitten!“ Riddick zeigt dabei auf den Angeklagten.

Jetzt geht ein lautes Raunen durch den Gerichtsaal. Einigen Zuschauern läuft es kalt den Rücken herunter, andere stehen kurz davor, ihren Mageninhalt auf etwas unkonventioneller Weise zu entleeren. Die fünf Angehörigen versuchen ihre Emotionen in den Griff zu bekommen. Kennen Sie doch die genauen Umstände der Morde nur zu gut. Und nochmal genauestens aufgeführt? Nein, das muss jetzt nicht sein. Staatsanwalt Riddick hat aber diesen Effekt genau eingeplant, deshalb zelebriert er auch diese Ausführungen.

„Als ER diese schrecklichen Handlungen an den fünf unschuldigen Frauen durchführte, waren alle fünf Frauen bei vollem Bewusstsein!“ Riddick schaut sich um. Wieder wirken seine Ausführungen.

„Und was ER mit diesem Tauchsieder gemacht hat, darüber möchte ich nicht noch einmal auch nur ein Wort verlieren, das wissen sie alle noch zu genau!“

„ER!“ Wieder zeigt Staatsanwalt Riddick auf den Angeklagten.

„ER hatte nur ein einziges Ziel, seine Opfer zu quälen und Leben vorsätzlich zu zerstören!“

Staatsanwalt Riddick wartet wieder die Reaktion der Anwesenden ab, dann fährt er fort.

„Ich möchte nicht noch mehr Details aufführen, ich bin mir sicher, verehrte Geschworenen, das kann ich Ihnen und den Zuschauern hier ersparen. Sie alle hier haben sich in den letzten Tagen ein genaues Bild vom Angeklagten machen können.“ Staatsanwalt Riddick macht eine Pause, schaut sich um. Er schaut zum Angeklagten, den Angehörigen, zu den Zuschauern, zu Richter Greenwood … und zum Schluss zu den Geschworenen. Dann spricht er mit ruhiger, ja fast schon väterlicher Stimme zu den Geschworenen.

„Verehrte Geschworenen, ich bitte Sie - Tun Sie ihre Pflicht“.

Staatsanwalt Riddick setzt sich wieder auf seinen Platz. Er weiß genau, sein Plädoyer hat seine Wirkung nicht verfehlt. Seine penible Vorarbeit hat sich zu einhundert Prozent gelohnt.

Dem Angeklagten wurden seine Rechte ordnungsgemäß vorgelesen. Jedes Verhör mit dem Angeklagten geschah immer im Beisein seines Pflichtverteidigers. Jedes Verhör wurde protokoliert und von beiden Seiten unterschrieben. Es wurde kein Druck auf den Angeklagten ausgeübt. Eine fast schon relaxte Stimmung kam auf, wenn ER über seinen Verteidiger Antworten gab. So im Nachhinein eigentlich eine leichte Vernehmung. Kein Stress, nichts.

„Das fällt mir jetzt erst auf“ dachte Staatsanwalt Riddick. Und dass bei den Tatvorwürfen. Da habe ich schon bei deutlich weniger Tätern, mehr Aggression und Abwehr gesehen als in diesem Fall. Vielleicht wollte er sogar gefangen genommen werden? Ach, wer weiß das. Ist jetzt auch egal. Wichtig für mich ist nur eins, nicht der Hauch eines Verfahrensfehlers konnte nur ansatzweise entdeckt werden. Staatsanwalt Riddick ist sich ganz sicher.

Alle im Saal sind noch immer ergriffen von den Ausführungen des Staatsanwalts Francis A. Riddick. Mit Ausnahme vom Angeklagten. ER sitzt da mit verschränken Armen und lauschte den Ausführungen mit einer Gelassenheit, als ob er sagen wollte, das kenne ich doch alles, haben sie nichts Neues für mich. Seine Körperhaltung wirkt immer noch sehr arrogant. Ja schon fast provokant.

„Und verstehen wird mich so oder so keiner. Ich bin einfach zu schlau für alle hier. Ich weiß nur eins, man wird nach Jahren immer wieder auf mich zurückkommen. Dann wird man mit Hochachtung von mir reden. Ich habe allen gezeigt, wie wichtig es ist, ein Zeichen zu setzen, voranzugehen. Leider ist noch keiner hier in der Lage, das zu verstehen. Denn dann würde ich jetzt hier nicht sitzen, sondern weiter Draußen meine Taten vollbringen, zum Wohle aller hier“. Der Angeklagte ist sich keiner Schuld bewusst. Bei der Denkweise, kein Wunder.

Und ich weiß was sie jetzt denken. Der kann nicht ganz richtig im Kopf sein. Aber diesen Schwachsinn glaubt der Angeklagte wirklich, ER ist davon fest überzeugt.

Der Vorsitzende Richter Greenwood schaut in den Saal. Sein Blick geht nach links zum Staatsanwalt und dann nach rechts zu den Geschworenen. Dann richtet er sein Augenmerk direkt zum Angeklagten.

„Angeklagter, sie dürfen sich als Letztes zur Sache äußern, möchten sie das tun? Sie haben jetzt noch mal die Gelegenheit dazu“.

Der Angeklagte bespricht sich kurz mit seinem Verteidiger. Dieses kleine Gespräch dauert nicht lange und erweckt bei allen hier, dem Richter, dem Staatsanwalt, den Geschworenen und den Zuschauern den Eindruck, dass der Angeklagte genau weiß, was kommen wird. Daher hält ER es auch nicht für nötig, irgendetwas zu sagen. Und alle Anwesenden wissen jetzt auch was kommt. Genau das, was immer vom Angeklagten kam … nämlich nichts.

Sein Verteidiger macht das für ihn. Wie an allen 15 Verhandlungstagen davor auch. Der Verteidiger steht auf, schaut sich kurz um. Man kann genau erkennen, dass ihm das ganze hier mehr als peinlich ist. Ja, man könnte sagen, er schämt sich für den Angeklagten, der nicht bereit ist, etwas zur Sache zu sagen. Der Verteidiger will das Ganze jetzt hier schnell beenden und antwortet kurz und knapp.

„Mein Mandant hat dem Gericht nichts zu sagen“.

Reaktion vom Richter, dem Staatsanwalt, den Geschworenen und den Zuschauer nach diesem einen Satz? Wie ich gerade eben schon gesagt habe, keine Reaktion. Ist man doch das Verhalten vom Angeklagten in der Vergangenheit so gewohnt gewesen. Immer wieder den gleichen Satz vom Verteidiger:

„Mein Mandant hat dem Gericht nichts zu sagen“.

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