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Auftrag: Mord! - Silvana

Titel:

Auftrag: Mord! – Silvana

(aus der Reihe “Auftrag: Mord!“)

von Thomas Herzberg

 

Text Copyright © 2014 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 1.0

 

Lektorat/Korrektorat: Michael Lohmann - worttaten.de

 

Die komplette Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig. Sämtliche Äußerungen, insbesondere in Teilen der wörtlichen Rede, dienen lediglich der glaubhaften und realistischen Darstellung des Geschehens. Ich verurteile jegliche Art von politischem oder sonstigem Extremismus, der Gewalt verherrlicht, zu selbiger auffordert oder auch nur dazu ermuntert!

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Inhalt:

Während Martin Seibler längst seinen wohlverdienten Ruhestand genießt, ist es an Silvana Nowak, einen international operierenden Kinder-Händler-Ring zu zerschlagen. Schon nach den ersten Morden wird klar, dass dieser Auftrag sie an Grenzen führen wird, von denen sie vorher nicht einmal wusste. Ihre Gegner sind mit allen Wassern gewaschen und bereit, Silvana notfalls auch mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen. Am Ende zeigt sich, dass die Verstrickungen viel weiter reichen, als anfänglich vermutet. Der Showdown in Kroatien endet dann in einer regelrechten Katastrophe ...


Prolog

Schwer bepackt betrat Silvana Nowak den Schuhladen am Ende der Maximilianstraße, dem Juwel der Münchener Einkaufsmeilen. Ein Blick auf die zahlreichen Papiertüten und glänzenden Taschen in ihren Händen verriet, dass sie zuvor bereits ein kleines Vermögen in anderen Boutiquen gelassen hatte.

Es ging auf Feierabend, der Laden war menschenleer. Also trat Silvana noch ein Stück vor und legte nun stöhnend ihre Einkäufe auf dem blankpolierten Verkaufstresen ab, unter dessen Glasplatte zahllose Accessoires zum spontanen Kauf lockten. Keines davon, das war schon auf den ersten Blick zu erkennen, kostete weniger als hundert Euro.

»Wie kann ich Ihnen helfen?«, erkundigte sich die Frau hinter der Kasse, deren Freundlichkeit mehr als aufgesetzt wirkte.

Silvana musterte sie einen Moment lag. Ohne näher hinzusehen, aus ein paar Metern Entfernung, hätte jeder diese schlanke, hochgewachsene, elegant gekleidete Frau auf Anfang vierzig geschätzt. Unimittelbar vor ihr jedoch waren sämtliche Falten deutlich zu erkennen, welche sie am Morgen mit einer beachtlichen Schicht Camouflage zu überdecken versucht hatte. Krähenfüße, die fast bis zu den Ohren reichten und die tiefen Furchen am Hals verrieten, dass sich diese Frau bereits rasant den mittleren Fünfzigern näherte.

Silvana griff in eine ihrer Taschen und zog ein Paar zierliche Sandalen heraus, deren Absätze gute zwölf Zentimeter maßen. Sie stellte die Schuhe auf den Tresen und legte mit pikiertem Gesicht den Kassenbon daneben. »Die hab ich letzte Woche gekauft – nicht bei Ihnen, da war eine Jüngere ... blond, glaube ich.«

Für einen kurzen Moment fiel die Fassade aus aufgesetzter Freundlichkeit und künstlichem Lächeln. Das Gesicht der Frau verzog sich für eine Sekunde, in der jede einzelne Falte wie durch eine Lupe hindurch erkennbar war. »Mir gehört das Geschäft! Sie hatten das Vergnügen mit meiner Angestellten, sie ist am Vormittag für die Kunden da.« Der beleidigte Unterton in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Ebenso unausgesprochene Worte, wie »verschwinde« oder »kauf doch woanders«, schwangen zwischen den Zeilen mit.

»Ich wollte Ihnen nicht auf Ihren hübschen Seidenschal treten«, erwiderte Silvana und bemühte sich dabei um ein möglichst freundliches Lächeln. »Die junge Frau hat mich sehr gut bedient, aber ...«, jetzt hob sie eine der Sandalen hoch und bog dessen Absatz nach hinten, »... der hier ist mir schon am zweiten Tag abgebrochen.«

Die Frau nahm den Schuh entgegen, wobei sie ein Gesicht machte, als ob es sich dabei um einen Tausendfüßler oder eine warzige Kröte handelte. »Mit diesem Hersteller hatten wir noch nie Probleme«, krähte sie dann, noch bevor sie sich den Schaden überhaupt richtig angesehen hatte. »Es kann nur an falscher Benutzung liegen, das ist eindeutig«, fügte sie hinzu und stellte das Corpus Delicti hämisch grinsend auf den Tresen zurück.

»Falsche Benutzung?«, wiederholte Silvana mit hochgezogenen Brauen. »Wie kann man denn Schuhe falsch benutzen?«

Die Frau ließ sich nicht zu einer Antwort hinreißen, sondern zuckte nur mit den Schultern. Jetzt verfinsterte sich ihr Gesicht noch ein weiteres Mal. »Ich kann sie gerne einschicken, aber ich weiß schon ganz genau, wie die Antwort aussehen wird.« Sie schaute auf die Uhr und danach wieder genervt auf Silvana, deren Beharrlichkeit sie verrückt zu machen schien.

»Ich mache Ihnen einen Vorschlag«, begann Silvana, immer noch lächelnd. »Gleich ist Feierabend, also suche ich mir ein paar neue Schuhe aus – der Preis ist mir egal – und Sie verrechnen dann dieses Paar damit«, sie deutete auf die Sandalen.

»Zwei!«, war die knappe Reaktion auf dieses Angebot.

»Okay! Zeigen Sie mir zwei Paare, und wenn sie mir gefallen, dann kauf ich beide. Einverstanden?«

Die Antwort der Frau bestand daraus, dass sie nun hinter ihren Festungsmauern hervorschlurfte und sich wenig später bereits lustlos zwischen die Regale schob.

»Die hier könnten etwas für Sie sein«, sagte sie, ohne dass auch nur ein Funken von Begeisterung ihre Stimme füllte. »Und die ...!«

Silvana nahm die beiden Paare und beäugte sie wohlwollend. »Schön! – was ist mit den Roten, da ganz unten? Oder sind die rosa?« Sie deutete auf ein Paar Pumps, für die sich die Frau nun sehr tief bücken musste.

»Die gehen nicht besonders gut, aber wenn sie Ihnen gef...«

Der Eispickel bahnte sich seinen Weg durch die Nackenmuskulatur, drang zuerst ins Stammhirn ein, um seine Reise durch das Kleinhirn und den Temporallappen fortzusetzen. Die Frau sackte in die Knie, das Gesicht zu einer hässlichen Grimasse verzerrt. Am Ende stieß sie mit dem Kopf gegen eines der Regale, bevor sie endgültig zur Seite umfiel. Direkt vor ihre Nase lagen die roten Pumps, welche Silvana in diesem Moment doch nicht mehr so gut gefielen. Der Absatz war zu flach und an der Spitze irgendwie nicht schmal genug. Sie schüttelte entschlossen den Kopf und reinigte jetzt mit einem Taschentuch den Eispickel, um danach alles eilig in dem mitgebrachten Plastikbeutel verschwinden zu lassen. Die heruntergepurzelten Schuhe schob sie achtlos beiseite, während sie der Frau mit routinierten Griffen Uhr und Schmuck vom Körper riss. Sogar das dünne vergoldete Namenschild steckte sie ein, auf ihr der Name ihres Opfers entgegenstrahlte: Dorothea Schenk.

Ein paar Schritte weiter öffnete sie bereits die Kasse und verfrachtete nun auch deren Inhalt in die Tüte. Selbst den größten Teil der Münzen warf sie hinein. Am Ende lagen nur noch die Centstücke in der Schublade – ein trauriger Anblick.

Perfekt! Ein klassischer Raubmord, wie es ihn, so oder so ähnlich, an jedem dritten Tag in Deutschland gab. Auf einen Auftragsmord, geschweige denn die Hintergründe eines solchen, ließ nichts schließen.

Wenig später zog Silvana die Ladentür hinter sich ins Schloss, um kurz darauf bereits in einer Gruppe von Passanten zu verschwinden. Nummer eins war erledigt! Weitere sollten folgen – insgesamt acht Männer und Frauen. Danach, das war mit Abstand am interessantesten, wäre auch noch ein üppiger Bonus fällig, der für die nächsten fünf Jahre reichen könnte ...

1


Nachdem Silvana wahllos zwischen mehreren Bussen und U-Bahnen gewechselt hatte, erreichte sie endlich das Parkhaus, in dem sie ihr kleines Cabrio geparkt hatte. Vor fast eineinhalb Jahren hatte sie sich schweren Herzens von ihrem Mercedes – einem wahren Schlachtschiff – getrennt, und war auf diesen Kleinwagen umgestiegen. Bei dieser Größe gelang es ihr wenigstens von Zeit zu Zeit, im chronisch überfüllten München einen bezahlbaren Parkplatz zu finden. Eilig verstaute sie ihre Einkäufe im winzigen Kofferraum und warf ihre Handtasche achtlos auf den Beifahrersitz neben sich. Dorothea Schenks Uhr purzelte heraus und wirkte in diesem Moment wie ein Überbleibsel, das stumm nach dem Warum fragte.

Ein Grund? ... eine Rechtfertigung?, schoss es Silvana durch den Kopf.

Waren allein Arroganz und Hochmut ein ausreichender Grund dafür, ein Leben unwiederbringlich auszulöschen? Wohl kaum! Aber reichte es vielleicht aus, dass Dorothea Schenk eines der federführenden Mitglieder einer Organisation war, die mit Kindern und Jugendlichen aus Osteuropa und Afrika in großem Stile handelte. War es Grund genug, dass im Hinterzimmer der edlen Boutique jede zweite Woche eine Art Fleischbeschau stattfand, an deren Ende weinende und zitternde Kinder den Besitzer wechselten? Oder bedurfte es möglicherweise noch weiterer abartiger Details? Etwa dass Dorothea Schenks Ehemann selbst zu den regelmäßigen Kunden dieser Organisation gehörte und seine widerwärtigen Spiele mit diesen wehrlosen Kreaturen deutschlandweit ihresgleichen suchen mussten.

»Das reicht«, flüsterte Silvana, nickte zufrieden und startete den Motor.

Nur ein paar Minuten später öffnete sich vor ihr bereits das Tor zu der Tiefgarage, in der ihr Wagen, auf Stellplatz 69, endlich sein Zuhause fand.

Mit schweren Beinen stöckelte sie Richtung Aufzug, der sie rasant ins achte Stockwerk beförderte. Dieses teilte sie sich mit einem Makler, der, trotz seiner gerade mal dreißig Lenze die er zählte, eine Art Shootingstar der Immobilienbranche war. In der einen Woche besichtigte er ein Einkaufszentrum in Mailand, um schon in der nächsten über ein Hotel auf Mallorca mit interessierten Kunden zu verhandeln. Wenn er, was selten genug vorkam, mal ein paar Tage zuhause war, klingelte es manchmal an Silvanas Tür. Dann tranken sie eine Flasche Wein zusammen, oft gleich noch eine, und später – Alkohol und Koks sorgten mittlerweile für die richtige Stimmung – landeten sie meistens im Bett.

Es war zwanglos, ohne spätere Verpflichtungen oder nervige Fragen wie: »was machst du morgen?« oder »wann sehen wir uns wieder?« So wie es war, war es gut. Und keiner von beiden zeigte ernstzunehmende Ambitionen, an dieser spontanen Zwanglosigkeit etwas ändern zu wollen.

Silvana warf ihre Einkäufe auf ihr schneeweißes Ledersofa und streifte sich die Highheels von den Füßen. Manchmal, wenn die alljährliche Steuererklärung fällig wurde, überlegte sie ernsthaft, ob sie die Kosten für ihre extravaganten Utensilien steuermindernd geltend machen könne, verwarf diese Gedanken jedoch regelmäßig wieder. In ihrer Branche hatte man lukrative Tarn-Jobs, die einen luxuriösen Lebensstil als obligatorisch voraussetzten. Manch einer war erfolgreicher Künstler, ein anderer Wertpapier-Spekulant. Sie selbst fungierte offiziell als Unternehmensberaterin in Sachen Prozess-Optimierung. Das passte sogar, denn sie hatte nach ihrem BWL-Studium tatsächlich ein paar Monate in einer solchen Funktion gearbeitet, bevor sie dann ihr Hobby endgültig zum Beruf gemacht hatte.

Ihren kometenhafter Aufstieg im Profi-Killer-Gewerbe hatte sie in erster Linie zwei Umständen zu verdanken: ihrer Skrupellosigkeit und ihrem unbedingten Erfolgswillen. Dieses Geschäft basierte auf Empfehlungen, die man langfristig nur dann bekam, wenn man Aufträge erfolgreich ausführte und danach niemand lästige Fragen stellte. Mit einem Eintrag im Branchenbuch oder Annoncen in der Tageszeitung konnte man wohl kaum dafür werben, dass man die schmutzige Arbeit anderer erledigte, was in der Regel mit mindestens einer Leiche endete.

Angefangen hatte alles mit einem Zufall – wie sonst?

Silvana studierte noch, und da sie schon damals einen sehr extravaganten Lebensstil pflegte, wirkte sich dieser erheblich auf den offenen Saldo bei ihrer Bank aus. Da half es auch nicht den Filialleiter zu bezirzen, denn dieser war ganz offensichtlich stockschwul.

Als ihr dann eine Freundin von einem Escort-Service erzählte, bei dem man sich die Kunden sogar weitestgehend aussuchen konnte, gab es für Silvana keinen Grund zu zögern. Von da an traf sie sich fast jedes Wochenende mit irgendeinem oberflächlichen Geldsack, der am Ende, im Hotelzimmer angekommen, ohnehin nur eine erbärmliche Drei-Minuten-Show hinlegte. Schnelles Geld für leichte Arbeit!

Ein halbes Jahr später sprach sie in einer Hotellobby ein seltsamer Kerl an, den ihr fraglos attraktives Aussehen nicht zu beeindrucken schien.

»Lust auf `n schnellen Job?«, hatte er sie gefragt und ihr im gleichen Moment ein ganzes Bündel 500-Euroscheine entgegengehalten, die Silvana sofort in ihrer kleinen Handtasche verschwinden ließ.

»Worum geht es?«, fragte sie, während sich ihre Gedanken bereits mit einem Kleid beschäftigten, dass sie vor ein paar Tagen in einer Edel-Boutique gesehen hatte – für das sie fast alles getan hätte. Außerdem erinnerte sie sich an die letzten Schreiben ihrer Bank, deren Ton von Mal zu Mal rüder wurde.

»Dein Kunde«, der seltsame Mann deutete auf den Anzugträger vor der Rezeption, mit dem Silvana jeden Moment auf eines der Zimmer entschwinden würde, »wenn er schläft, dann drückst du ihm Luft in eine Vene.« Er reichte ihr eine kleine Spritze. »Ich erwarte, dass der Kerl morgen früh nicht mehr aufsteht, sonst lass ich mir `was für dich einfallen.«


Nach zwei Nümmerchen war der Mann neben ihr erschöpft eingeschlafen. Silvana hatte noch eine ganze Weile an die Decke geschaut und danach lange seinen Hals betrachtet, an dem sich die Adern in regelmäßigen Abständen wölbten. Einen kleinen Piks und eine kurze Daumenbewegung später, was es passiert. Nur eine Minute verging dann, bis Silvana hektisch ihre Sachen in ihre Tasche stopfte und nur ein paar Augenblicke darauf bereits vor der Tür des Hotels angekommen war. Den Rest der Nacht hatte sie fürchterlich geweint, bis keine Tränen mehr übrig waren.

Einige Wochen später saß sie in einer Bar und ließ sich von irgendwelchen notgeilen Kerlen die Cocktails spendieren. Plötzlich trat wieder dieser seltsame Mann an ihre Seite und sprach von einem lukrativen schnellen Job – ähnlich wie der letzte, nur besser bezahlt.

Sie hatte kurz gezögert, danach aber das dicke Bündel eilig eingesteckt.

Warum nicht? Letztes Mal war es doch auch ganz schnell gegangen. Außerdem war die Handtasche für über dreitausend Euro viel zu hübsch, um sie einfach zu vergessen.


Heute, viele Jahre später, konnte sie es sich sogar erlauben, wählerisch zu sein, und nicht jedem erstbesten Angebot hinterherzuhecheln, das womöglich nur mit einem lächerlichen Trinkgeld entlohnt wurde.

Fünfhunderttausend Euro hatte sie für den aktuellen Auftrag als Vorschuss erhalten. Für jeden ausgeführten Mord gab es weitere hunderttausend obendrauf. Am Ende dann, wenn alle acht potenziellen Ziele ihr Leben ausgehaucht hätten, würde eine weitere halbe Million fällig – ein üppiger Bonus, der ganz besonderen Reiz ausübte.


Bevor Silvana sich in die Küche aufmachte, klappte sie den Deckel ihres Laptops hoch. Ihr Mailprogramm empfing sie mit sanftem Signalton, der darauf hinwies, dass sich zwölf ungelesene Nachrichten in ihrem Postfach befanden. Eilig fuhr sie mit dem Mauszeiger über die Umschläge, um die Betreffzeilen zu checken:

»Ihre Ware ist unterwegs ...«

»Ihre Bestellung ist auf dem Versandweg ...«

»Ihre neue Tasche wurde an den Paketdienst übergeben und trifft schon morgen bei Ihnen ein ...«

Zufrieden lächelnd klappte sie den Deckel wieder zu. Als sie vor der Kaffeemaschine ankam, rief sie sich die Ermahnungen ihrer Mutter ins Gedächtnis, mit denen sie sich – selbst als junge Frau noch – ständig konfrontiert sah.

»Du und deine Kaufsucht«, hatte sie Silvana oft genug angemosert.

»Wohin willst du denn mit den ganzen Paketen«, hatte auch ihr Vater sie permanent genervt, wenn er es war, der dem Kurierfahrer die Tür öffnen musste.

Probleme, also das, was man im herkömmlichen Sinne als solche bezeichnete, hatte Silvana nicht. Aber die Geschichte mit dem Shoppen, insbesondere seitdem sämtliche Waren vierundzwanzig Stunden am Tag im Internet verfügbar waren, entwickelte sich langsam zu einer wirklichen Belastung. Sie schaute auf den Berg von Paketen, Schachteln und Versandboxen, der sich neben ihrem Schreibtisch auftürmte. Die meisten davon hatte sie bis jetzt nicht einmal geöffnet.

Warum auch?

Sie brauchte die fünfzigste Uhr nicht. Auch die elfte Sonnenbrille oder die vermutlich zweihundertste Handtasche wäre nicht unbedingt erforderlich gewesen ...

Aber warum nicht? Wie sollte sie sich sonst für das belohnen, was sie täglich zu durchleiden hatte? Sie gönnte sich eben gelegentlich ein paar Kleinigkeiten, die ihr das ansonsten so triste Dasein versüßten. Das war ihr gutes Recht!


Mit ihrem Kaffeebecher in der einen, und einem abgepackten Sandwich in der anderen Hand, ließ sie sich jetzt auf ihr Sofa fallen, direkt neben die zahllosen Tüten. Mürrisch, fast angeekelt betrachtete sie die diversen Tragetaschen, in denen sich die Beute des heutigen Tages verbarg.

Sie würde etwas ändern – nein – sie musste! Ansonsten blieb ihr nichts anderes übrig, als irgendwo einen Lagerraum anzumieten.

Auszug aus dem Gesprächsprotokoll(1)

Patientin: Silvana Nowak

Therapeutin: Dr. Ilse Schlichtmann

Zeitpunkt: unbekannt


...

»Wann haben diese Probleme angefangen, Silvana?«

»Sie wollen jetzt vermutlich darauf hinaus, dass es mir heute so geht, weil ich als Dreijährige zu wenig Erdbeereis bekommen habe, richtig?«

»So kommen wir nicht weiter. Sie müssen sich schon ein wenig öffnen – mich in Ihre Seele hineinlassen ...«

»Das würde Ihnen so passen! Ich mache hier einen emotionalen Striptease, Sie kassieren zweihundert die Stunde, und am Ende schreiben Sie ein paar Pillen auf – wieder eine geheilt.«

...

»Vielleicht sollten wir mit ihren Aggressionen anfangen. Herausfinden, was Sie so verbittert und hart gemacht hat.«

»Sie müssen mich mal erleben, wenn ich aggressiv bin – das wollen Sie nicht!«

»Silvana! ... Kommen Sie runter. Sie dürfen mich nicht als Gegnerin betrachten, sondern sollten mich als Freundin akzeptieren, sonst macht das hier alles keinen Sinn.«

»Ob das Sinn macht, oder nicht, bestimme ich wohl immer noch selbst. Ansonsten stellen Sie einfach Kaffee und ein paar Kekse hin. Ich leg mich auf Ihr Sofa und starre an die Decke.«

...

»Wie sieht es mit Freunden aus? Haben Sie Freunde, Silvana?«

»Natürlich hab ich Freunde. Einen ganzen Haufen sogar. An manchem Abend weiß ich gar nicht, wo ich zuerst hingehen soll.«

»Aha!«

»Außerdem – wozu braucht man denn Freunde? Für die meisten ist man doch ohnehin nur der seelische Abfalleimer. Wenn es denen gut geht, dann schweigt das Telefon wochenlang. Wenn der Haussegen schief hängt, klingelt es jeden Abend. Das brauch ich nicht!«

...

»Sie widersprechen sich, Silvana, aber für heute ist die Zeit rum. Wir sehen uns nächste Woche ...«

2


»Macht einen auf glückliche Familie, lächelt und haltet eure scheiß Fresse«, zischte die junge Frau auf dem Fahrersitz. Jetzt ließ sie das Seitenfenster hinab und grinste den Zöllner freundlich an.

»Warum wollen Sie nach Deutschland einreisen?«, erkundigte sich der winzige Uniformierte, dessen Augen durch den Wagen kreisten.

»Urlaub«, trällerte die junge Frau heiter. »Mein Mann, die Kinder und ich. Bei unseren Verwandten, die leben in der Nähe von München.«

Der Zöllner nickte mürrisch, warf einen letzten prüfenden Blick auf die Ausweise und reichte sie dann wieder durch das Fenster zurück. »Gute Weiterfahrt«, knurrte er lustlos, was nicht zum Inhalt dieser Worte passen wollte. Als sich wenig später der Schlagbaum erhob, atmeten die junge Frau und ihr Begleiter erleichtert auf.

»Die erste Etappe ist geschafft«, prustete die wasserstoffgefärbte Blondine und schlug sich dabei auf ihren Schenkel.

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