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Aufruhr der Gefühle

1. KAPITEL

Emma war noch immer vollkommen vor den Kopf gestoßen. Wollte Marie ihr wirklich die Freundschaft kündigen? Dabei hatte sie ihr doch schon ein ums andere Mal erklärt, warum sie ihr verschwiegen hatte, was geschehen war: Dass Nils eine Nacht mit seiner Exfrau Sonja verbracht hatte. Emma war bereit gewesen, Nils eine Chance zu geben, seinen Fehltritt selbst zu beichten.

„Du bist zu Recht enttäuscht von ihm“, sagte sie nun zu ihrer Freundin.

„Ja, und von dir“, konterte Marie brüsk. „Du hast unsere Freundschaft mit Füßen getreten!“ Da war im Augenblick nichts zu machen. Hilflos zog Emma sich zurück.

Das alles wäre nicht passiert wenn Xaver einfach die Klappe gehalten hätte, ärgerte sich Emma. Warum hatte er sich nur einmischen und alles ausplaudern müssen?! Und Nils hatte sein Versprechen auch nicht gehalten – dabei wollte er Marie die Wahrheit über sich und Sonja selbst sagen. Konnte man sich denn auf niemanden mehr verlassen?

Nils kassierte allerdings gerade die Quittung für sein Fehlverhalten: Denn Marie war schon in den Fitnessraum gestürmt und hatte ihm klar gemacht, dass sie Bescheid wusste.

„Du bist das Letzte!“, zischte sie, und die Tränen standen ihr dabei in den Augen. „Ich hätte von Anfang an auf mein Bauchgefühl hören sollen, dann hätte ich niemals etwas mit einem Mistkerl wie dir angefangen!“

„Marie, ich liebe dich …“, beteuerte er kläglich. Aber sie schenkte seinen Worten keinen Glauben. Zwischen ihnen war es aus. Und zwar endgültig.

„Dieser Typ ist wirklich keine einzige deiner Tränen wert.“ Xaver hatte die weinende Marie im Personalraum entdeckt und tröstete sie nun. Und – wenn er ehrlich war – gefiel es ihm sogar ganz gut, dass Marie und ihr Freund sich getrennt hatten.

„Wieso bin ich nur auf ihn reingefallen?“, schluchzte sie.

„Sei froh, dass du jetzt weißt, woran du bist“, meinte Xaver. „Vielleicht hätte er sonst noch monatelang ein Doppelleben mit seiner Ex geführt.“

„Aber er hat dieser Frau doch den Laufpass gegeben!“ Das hatte Sonja ihr gegenüber jedenfalls behauptet!

Xaver hielt Marie noch immer im Arm, als Emma hereinkam.

„Bitte, verzeih mir …“, begann Emma leise. „Ich stehe nicht auf Nils’ Seite.“

„Auf meiner aber auch nicht!“, klagte Marie.

„Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe, aber …“ Marie ließ sie nicht ausreden.

„Tut mir leid“, für mich sieht das einfach nur nach Verrat aus!“

„Aber wir sind doch Freundinnen!“ Emma konnte sich einfach nicht damit abfinden. „Lass unsere Freundschaft doch nicht einfach so kaputtgehen!“

„Lügner zähle ich nicht zu meinen Freunden.“ Damit ging Marie hinaus.

„Xaver, sag du doch mal was dazu“, bat Emma unglücklich.

„Gib ihr einfach einen Moment“, riet er. „Marie muss erst mal ein bisschen runterkommen.“ Und dann eilte er seiner Exfreundin hinterher.

Sylvia bedankte sich bei Herbert Sponheim dafür, dass er sich so viel Mühe mit ihr machte. Der Ausflug, den sie gemeinsam auf die Almwiese unternommen hatten, war schön gewesen. Nur leider hatte sie sich auch dort an nichts erinnern können, was Herbert ihr aus ihrer Vergangenheit als Barbara von Heidenberg erzählt hatte.

Werner hingegen war wenig begeistert davon, dass Sylvia nun Zeit verbrachte mit dem Mann, mit dem sie in ihrem früheren Leben einen Sohn bekommen hatte. Der Senior wollte ja auch gar nicht, dass die Frau, die er liebte, sich daran erinnerte, wer sie einmal gewesen war: Barbara von Heidenberg. Ein Monster, das versucht hatte, ihn zu töten.

„Aber Sylvia ist im Grunde doch nur eine Erfindung“, hielt sie seinen Einwänden entgegen. „Es gibt sie eigentlich gar nicht.“ Und sie wollte doch so gerne wissen, wer sie einmal gewesen war. Zumal sie inzwischen herausgefunden hatte, dass Barbara nicht nur böse gewesen war. „Herbert hat davon geschwärmt, was für ein herzlicher Mensch sie gewesen ist. Er ist sich sicher, dass damals nichts Böses in ihr war. Er hat sie ja geliebt.“

„Ich doch auch“, gab Werner erregt zurück. „Bis mir klar wurde, dass ihre Seele schwarz ist wie Pech.“ Seine Verachtung ging Sylvia durch Mark und Bein.

„Dann hat sie wahrscheinlich nach ihrer Zeit mit Herbert etwas erlebt, das sie verändert haben muss“, glaubte sie. „Wahrscheinlich hat der Verlust ihres Kindes Barbara zu der Person gemacht, die du kennengelernt hast.“

„Ach was!“, schnaubte der Senior. „Ich vermute eher, dass Herbert Sponheim die Vergangenheit verklärt. Die Jugendliebe sieht man immer etwas nostalgisch.“ Seine Worte kränkten sie. Warum konnte er sie nicht einfach ihren Weg gehen lassen?

Auch André fand es nicht verkehrt, dass Sylvia sich ihrer Vergangenheit stellen wollte. Und Herbert Sponheim konnte doch nun wirklich ein Schlüssel dazu sein.

„Wenn Sylvia sich an Barbara erinnert, führt das doch nicht zwangsläufig dazu, dass sie deshalb auch wieder so wird“, versuchte er, seinen Bruder zu beruhigen.

„Ja, aber …“ Der Senior zögerte. „Ich habe mich damals geweigert, die Entführung von Felix zu decken“, erzählte er dann. „Barbara fühlte sich verraten und wollte mich deswegen umbringen.“

„Bei aller Liebe …“ André warf ihm einen mitleidigen Blick zu. „Ich verstehe ja, was dich beschäftigt. Aber ein bisschen paranoid ist das schon.“

Sylvia war durch Werners Einwände verwirrter, als sie zugeben sollte. Zunächst beschloss sie, zurück in den Fürstenhof zu ziehen – Ben brachte ihre Sachen in eines der Gästezimmer.

„Vielleicht hat Werner recht, und ich suche tatsächlich nach etwas, das es gar nicht gibt“, sagte sie nachdenklich zu ihrem Sohn.

„Du suchst nach deinen Erinnerungen“, entgegnete Ben verstimmt. „Was ist daran falsch?“

„Die Frage ist doch eher, was ich mir von diesen Erinnerungen verspreche“, gab sie zurück. „Ein anderes Leben? Und wenn ja – will ich das denn überhaupt?“

„Kann es sein, dass dieser Mann es immer wieder schafft, dich zu verunsichern?!“, stöhnte Ben.

„Ich kann meine Gefühle für Werner nicht einfach abstellen“, verteidigte sie sich, doch er wollte davon nichts hören. Es war wirklich deprimierend, dass nicht einmal der Ausflug mit seinem Vater ihrem Gedächtnis auf die Sprünge geholfen hatte. „Sag mal …“ Sylvia musterte ihn plötzlich eindringlich. „Wünschst du dir vielleicht, dass dein Vater und ich unsere alte Liebe wiederentdecken?“

„Unsinn!“, protestierte Ben, wirkte aber ein wenig ertappt. „Ich will doch nur, dass es dir gut geht!“

Herbert war inzwischen einigermaßen hoffnungslos: Er glaubte nicht mehr daran, dass Sylvia sich an früher erinnern würde. Ben hatte sich da in eine fixe Idee verrannt.

„Ich versuche nur, ihr zu helfen!“, beharrte sein Sohn.

„Ich weiß“, seufzte Herbert. „Aber das ist alles nicht so einfach. Es kommt so viel aus der Vergangenheit hoch.“ Jetzt sprach er über sich. Auch für ihn war es nicht leicht, wieder mit seiner großen Liebe konfrontiert zu sein. Aber Ben nahm ihn weiterhin in die Pflicht. Sein Vater war es ihm einfach schuldig, zu bleiben.

„Ohne dein jahrelanges Schweigen hätte ich nämlich viel früher erfahren, dass Sylvia meine leibliche Mutter ist“, stellte Ben bitter fest. „Als sie sich noch daran erinnern konnte, dass sie einen Sohn zur Welt gebracht hat.“ Und er hatte auch schon einen neuen Einfall, wie sie Sylvias Gedächtnis weiter auf die Sprünge helfen konnten.

Evelyn war mehr als erleichtert – es hatte sich in der Datenbank noch ein anderer Knochenmarkspender für Viktoria gefunden. Also würde sie Simon aus der Sache raushalten können. Und dann brauchte ihr Sohn auch gar nicht zu wissen, dass er als Spender überhaupt infrage kam.

Trotz der guten Nachricht war Viktoria verhalten. Freds Tod lag ihr schwer auf der Seele, und die Aussicht auf die nächste schlimme Chemotherapie machte sie ebenfalls fertig. Und nur weil es einen Spender gab, hieß das noch lange nicht, dass ihr Körper dessen Knochenmark auch annehmen würde.

„Du darfst hoffen, Viktoria!“, insistierte Simon eindringlich. „Und es würde dir auch guttun!“

Abends lag Emma traurig auf ihrem Bett. In der Stube saßen sicher Marie und Xaver zusammen. Und sie traute sich einfach nicht, runterzugehen. Das war wirklich vollkommen bescheuert! Aber vielleicht hatte Xaver recht gehabt, und es war für Marie vorhin wirklich zu viel gewesen. Emma würde ihre Freundin noch ein bisschen in Ruhe lassen. Aber morgen würde sie einen neuen Annäherungsversuch starten. Hoffentlich war Marie dann nicht mehr so abweisend.

Und um die Zeit bis dahin wenigstens zu nutzen, setzte Emma sich an die Nähmaschine und begann mit einem neuen Dirndl. Rosalie saß ihr ohnehin im Nacken. Ihrer Schwester wäre es am liebsten, Emma würde den Job am Fürstenhof eher heute als morgen kündigen, um sich ausschließlich ihren Entwürfen zu widmen. Aber für Emma kam das nicht infrage.

Doch am nächsten Morgen war die Stimmung am Frühstückstisch eisig. Alfons begriff überhaupt nicht, was los war. Er war eigentlich bester Dinge, weil sein Rücken nicht mehr wehtat und er endlich wieder seiner geliebten Arbeit an der Rezeption nachgehen konnte. Xaver war inzwischen zum Nachtportier befördert worden. Und nun sprachen Marie und Emma nur noch in der dritten Person übereinander.

„Hast du letzte Nacht auch so schlecht geschlafen?“, fragte Marie ihn. „Ich habe nämlich wegen dieses blöden Nähmaschinengeratters kein Auge zubekommen.“ Emmas Miene verfinsterte sich. „Könnte man mit Emma nicht vereinbaren, dass sie in Zukunft im Keller näht?“

„Warum fragst du sie das nicht direkt?“, erwiderte Alfons perplex.

„Ich finde jedenfalls, dass unser Haus keine Werkstatt ist und dass man nachts seine Ruhe haben muss“, fuhr Marie unbeirrt fort. Nun konnte sich auch Emma nicht mehr zurückhalten.

„Ist es nicht seltsam, wie gut Maries Ohren auf einmal sind?“, giftete sie. „Dabei ist sie so gut wie taub, wenn sich ihr Freunde erklären wollen.“

„Herrgott!“ Alfons platzte nun endgültig der Kragen. „Nun redet doch bitte miteinander! Das macht mich ganz närrisch!“

„Papa, es tut mir leid“, erwiderte Marie. „Aber außer dir ist hier niemand, mit dem ich reden möchte.“ Sie stand auf. „Ich muss los, bis später.“ Ohne Emma eines Blickes zu würdigen, verließ sie die Stube.

„Können Sie mich bitte aufklären, was hier los ist?“ Emma nickte traurig. Und erzählte Herrn Sonnbichler dann, was sich zugetragen hatte.

„Was für eine Sauerei!“, ereiferte sich Alfons, nachdem ihm alles berichtet worden war. Wie hatte Nils Heinemann seine Tochter so schrecklich behandeln können?! „Der hat sich einfach mit seiner Exfrau vergnügt? Und ihr danach den Laufpass gegeben?“ Er verstand das alles nicht. Emma ging es nicht anders.

„Arme Marie“, seufzte sie. „Sie hat Nils so geliebt.“

„Und sich in ihm geirrt“, stellte Herr Sonnbichler fest.

„Ich hätte ihr nicht verschweigen dürfen, dass Nils sie betrogen hat“, warf Emma sich nun selbst vor. Freundschaftlich legte Alfons ihr die Hand auf den Arm.

„Sie waren leider zur falschen Zeit am falschen Ort“, meinte er. „Daraus kann Marie Ihnen keinen Strick drehen. Jeder, der Sie ein bisschen kennt, Emma, der weiß doch, dass Sie eine ehrliche Haut sind.“ Es tat ihr so gut, das zu hören. „Und wer weiß – möglicherweise wäre es ohne Ihre zufällige Beobachtung gar nicht herausgekommen?“, gab er nun zu bedenken.

„Vielleicht wäre aber auch alles anders gekommen, wenn ich Marie sofort reinen Wein eingeschenkt hätte“, überlegte sie. Aber sie hatte Nils nun einmal die Chance geben wollen, dass er seiner Freundin selbst die Wahrheit sagte. „Ich weiß einfach nicht, wie es jetzt weitergehen soll“, gestand Emma traurig. „Ich hatte gehofft, dass Xaver Marie alles erklärt. Aber so abweisend, wie sie eben war, hat er das wohl nicht getan …“

„Marie ist jetzt nur durcheinander“, glaubte Herr Sonnbichler. „Und sie hat das Blut ihrer Mutter. Sie wissen ja, wie dickköpfig Hildegard manchmal sein kann.“ Emma musste lächeln – oh ja, das wusste sie. „Aber Gott sei Dank haben diese beiden Frauen auch das Herz am rechten Fleck. Marie wird schon noch kapieren, dass Sie Ihnen unrecht getan hat.“

Ein wenig getröstet machte Emma sich kurz darauf auf den Weg zur Arbeit.

Herr Sonnbichler lief – kaum dass er den Fürstenhof erreicht hatte – Nils Heinemann über den Weg. Und ließ den Fitnesstrainer spüren, was er von ihm hielt.

„Es ist alles ein furchtbares Missverständnis“, beteuerte Nils. „Und ich werde das mit Marie wieder geradebiegen.“

„Sie haben schon genug Unheil angerichtet!“, herrschte Alfons ihn an. „Lassen Sie meine Tochter in Ruhe, sonst kriegen Sie es mit mir zu tun!“ Wie ein begossener Pudel stand Nils da. Aber Alfons konnte im Augenblick kein Mitleid für ihn aufbringen. Überhaupt – die ganze Sache zerrte wirklich an seinen Nerven. Es wurde Zeit, dass Hildegard aus Lübeck zurückkam!

Emma versuchte zur gleichen Zeit noch einmal ihr Glück bei Xaver. Und er versprach ihr, bei Marie ein gutes Wort für sie einzulegen. Aber sein Versprechen klang halbherzig. Emma spürte, dass da etwas nicht stimmte, und langsam begriff sie auch, worum es eigentlich ging. Vermutlich hatte Xaver Marie mit Absicht gesagt, was er von ihr über Nils und Sonja erfahren hatte.

„Kann es sein, dass du zufällig ein Auge auf Marie geworfen hast?“, fragte Emma geradeheraus. Xaver verzog das Gesicht. „Dann wäre das doch jetzt eine günstige Gelegenheit, ihr wieder näherzukommen.“ Er bestritt diese Unterstellung nach Kräften. Aber Emma ahnte, dass sie ins Schwarze getroffen hatte. Xaver hatte sich wieder in Marie verliebt …

Simon gab sich weiterhin Mühe, Viktoria aufzuheitern. Heute brachte er ihr mit dem Frühstück ein Geschenk: zwei Flugtickets nach Australien!

„Ich dachte an den nächsten Herbst“, erklärte er eifrig. „Wenn du wieder gesund bist und fliegen kannst.“ Sie wirkte sehr verunsichert. „Du hast doch immer von Australien geschwärmt …“

„Ja. Aber ich weiß doch gar nicht, was im Herbst sein wird …“ Ihre Stimme klang belegt.

„Aber ich!“, beharrte er.

„Simon, ich …“ Sie stockte. „Ich kann froh sein, wenn ich den nächsten Frühling erlebe.“

„Halt! Stopp!“ So durfte sie nicht einmal denken. Doch sosehr er auch auf sie einredete, sie wollte sein Geschenk nicht annehmen. Er sollte sich eine andere Reisebegleitung suchen, meinte sie nur. Und ahnte gar nicht, wie weh sie ihm damit tat. Er liebte sie doch! Und er dachte gar nicht daran, sich so schnell geschlagen zu geben. Ihren Protest ignorierend breitete er die Australienkarte, die er ihr ebenfalls mitgebracht hatte, auf dem Fußboden aus und zeigte ihr mit dem Finger die Reiseroute, die er sich ausgedacht hatte.

„Bitte, lass es gut sein“, seufzte sie.

„Du musst nach vorne schauen“, verlangte er. „Das Leben geht weiter!“ Sie schwieg. „Oder gibt es noch einen Grund, warum du nicht nach Australien willst?“ Sie senkte den Blick. Und er begriff: Sie wollte nicht mit ihm fahren! „Vielleicht bist du zu Recht misstrauisch“, sagte er leise. „Aber ich schwöre dir – meine Gefühle für dich sind echt.“

„Das ist mir alles viel zu kompliziert“, erklärte sie unglücklich.

„Vertrau mir!“, bat er. „Gib uns noch eine Chance! Ich glaube fest daran, dass du wieder gesund wirst.“

„Und wenn nicht?“, flüsterte sie.

„Das macht keinen Unterschied“, antwortete er ernst. „Ich möchte mit dir einen gemeinsamen Weg gehen, egal wohin der führt.“

„Du weißt nicht, wovon du redest!“ Sie war sichtlich aufgewühlt.

„Ich habe keine Angst, aber was ist mit dir? Nehmen wir uns einfach an die Hand und genießen die Zeit, die wir haben?“ Er sah ihr in die Augen. Und tatsächlich – nach einer halben Ewigkeit ergriff sie seine Hand.

„Simon …“, hauchte sie. Und bevor sie noch mehr sagen konnte, verschloss er ihr die Lippen mit einem innigen Kuss.

Werner hatte eine entsetzliche Nacht verbracht und tauchte nun völlig zerschlagen in der Küche auf.

„Ich habe von Barbara geträumt“, gestand er seinem besorgten Bruder. „Sie wollte mich umbringen.“

„Das kann so nicht weitergehen!“, erwiderte André energisch. „Du musst endlich eine Entscheidung treffen.“

„Aber genau das ist das Problem“, seufzte Werner und schenkte sich einen Kaffee ein. „Ich erkenne mich doch selbst kaum wieder, so unentschlossen. Ich wäge immer wieder das Für und Wider ab, aber jedes Mal komme ich zu einem anderen Schluss.“

„Das ist kein Wunder“, fand André. „Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es sich anfühlt, wenn das Leben von Angst bestimmt ist. Als ich in der DDR inhaftiert war, wusste ich manchmal nicht mehr, wer ich bin. Es war der reine Horror.“ Werner wollte diese Geschichte eigentlich lieber nicht noch einmal hören, aber sein Bruder ließ sich nicht bremsen. „Ich war nur noch ein Schatten meiner selbst“, fuhr er fort. „Bis ich endlich diesen Fluchtplan fasste … Und plötzlich war alle Angst wie weggeblasen.“

„Du warst damals unfreiwillig eingesperrt“, gab der Senior zu bedenken. „Ich habe mir das alles aber selbst eingebrockt.“

„Ich hatte ein Ziel und habe daran geglaubt“, hielt André dagegen.

„Deine Flucht ist schiefgegangen“, wandte Werner ein.

„Es geht nicht um das Ergebnis.“ André war sich seiner Sache offenbar sehr sicher. „Manchmal muss man eine Entscheidung treffen, egal welche. Einfach nur, damit man weiterkommt!“ Sein Bruder war sichtlich nachdenklich geworden.

„Für mich gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten“, murmelte er.

„Du könntest Sylvia nahelegen, den Fürstenhof zu verlassen“, meinte André. „Und damit würdest du auch Barbara in die Wüste schicken.“

„Ich wäre endlich diese verfluchten Albträume los“, nickte der Senior. „Und hätte meine Ruhe.“

„Oder du kämpfst um Sylvia! Weil du nämlich weißt, dass du sie liebst und mit ihr dein Leben teilen willst!“ Es war offensichtlich, welche Lösung André für die richtigere hielt. Und seine eindringlichen Worte taten Werner gut.

Mit einer Flasche Champagner machte er sich auf den Weg zu Sylvias Hotelzimmer. Er wollte sie überraschen, doch leider war sie nicht da. Kaum hatte er sich aufs Bett gesetzt, um auf sie zu warten, klingelte es aus einem kleinen Koffer, der unausgepackt am Boden stand. Darin lag offenbar ihr Handy. Er zögerte, ging dann aber zu dem Koffer und öffnete ihn. Und als er sah, was er neben Sylvias Mobiltelefon noch enthielt, wurde er leichenblass. Sie hatte alle Zeitungsausschnitte gesammelt, die jemals über Barbara erschienen waren. Über all ihre Taten. Es war ein ganzes Archiv des Schreckens! Todesangst stieg in ihm auf.

2. KAPITEL

Sylvia saß derweil ahnungslos mit Herbert zusammen, der ihr auf Bens Geheiß ein Album mit Familienfotos mitgebracht hatte. Dankbar blätterte sie es durch. Es bedeutete ihr viel, all die Bilder ihres Sohnes zu sehen – Bens Einschulung, das erste Fahrrad … All das, was sie in seinem Leben nicht mitbekommen hatte.

Ein Foto zeigte ihn als ganz kleines Baby.

„Das habe ich gemacht, kurz nachdem du ihn mir gebracht hast“, erläuterte Herbert. Erst dann bemerkte er, dass ihr Tränen übers Gesicht liefen. „Was ist denn?“, fragte er erschrocken. „Erinnerst du dich?“ Sie schüttelte den Kopf.

„Ich fühle mich so leer“, flüsterte sie mühsam. „Ich kann mich zwar nicht an die Vergangenheit erinnern, aber mir kommt es gerade so vor, als hätte ich ein falsches Leben gelebt.“ Sie war vor Traurigkeit der Verzweifelung nahe. „Wieso habe ich mich nie um meinen Sohn gekümmert? Warum wollte ich nicht miterleben, wie Ben aufwächst?!“ Herbert rang mit sich. Sein schlechtes Gewissen war ihm deutlich anzumerken. Dass Barbara damals jung, allein und mittellos gewesen war – das war nicht der alleinige Grund dafür gewesen, dass sie sich nie um Ben gekümmert hatte.

„Es war nicht allein deine Schuld“, gestand er ihr schließlich. „Du wolltest den Jungen treffen, aber wir hatten einen Deal: Magdalena hatte sich bereit erklärt, Ben als ihren Sohn großzuziehen. Aber sie hatte eine Bedingung. Ben sollte niemals von seiner leiblichen Mutter erfahren. Ich habe ihr versprechen müssen, dass du deinen Sohn nie wiedersiehst.“ Sylvia war so erschüttert, dass sie überhaupt kein Wort herausbrachte.

Als sie kurz darauf Werner in ihrem Zimmer vorfand und entdeckte, dass er den Koffer mit den Zeitungsausschnitten geöffnet hatte, reagierte sie empört und erschrocken.

„Du erklärst mir jetzt, was das hier für eine kranke Sammlung ist“, verlangte der Senior. „Gestern hast du mir noch erzählt, dass du Barbaras gute Seiten kennenlernen willst. Aber das ist an Grausamkeit kaum zu überbieten.“ Er deutete auf die Zeitungsausschnitte. „Reizen dich diese Bösartigkeiten?“

„Die Artikel erzählen von dem Menschen, der ich einmal war“, verteidigte Sylvia sich hilflos. „Ich habe versucht, mich zu erinnern.“

„Mir kommt das eher wie eine perfide Trophäensammlung vor“, konterte er.

„Glaubst du etwa, dass ich dir die ganze Zeit etwas vorspiele?“ Diese Vorstellung brachte sie zur Verzweiflung.

„Wenn ich ehrlich bin …“ Er zögerte. „Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll.“ Mehr hätte er sie gar nicht verletzen können.

„Ich habe im Moment mein Leben kaum noch im Griff“, flüsterte sie kaum hörbar. „Wenn ich Barbara wäre …“

„Du bist es, und du bist es nicht“, erwiderte er erschöpft. „Und ich würde gerne einfach nur Sylvia in dir sehen.“

„Warum tust du es dann nicht?“, klagte sie. „Mal suchst du meine Nähe, mal gehst du wieder auf Distanz. Kannst du verstehen, dass mich das fertigmacht?“ Natürlich konnte er das verstehen. An ihm ging das alles ja auch nicht spurlos vorbei. Und er hatte extra Champagner besorgt. Weil er Sylvia und sich eine zweite Chance hatte geben wollen. „Und wie lange würde das funktionieren?“, fragte sie bitter. „Einen Tag? Zwei?“

„Ich sehne mich nach dir!“, brach es da aus ihm heraus. Jetzt wusste sie nicht mehr, was sie glauben sollte. Alles drehte sich im Kreis.

„Wir müssen es zu einem Ende bringen“, meinte sie schließlich.

„Ich hatte immer das Gefühl, wir haben noch gar nicht richtig angefangen“, hielt er dagegen.

„Dann zeig mir, dass du das willst. Dass du mich willst. Wenn du mich liebst – dann heirate mich!“ Werner schluckte. Was hatte sie da eben gesagt?

„Das ist doch nicht dein Ernst!“ Doch, es war ihr Ernst.

„Ich liebe dich …“, stammelte sie. „Und … Ja, es gibt diese … unsere gemeinsame Vergangenheit. Ich kann sie nicht verleugnen. Selbst wenn ich es wollte. Aber ich kann mich nicht einmal erinnern … Und ich kann es auch nicht ungeschehen machen.“ Voller Liebe blickte sie ihn an. „Wir leben jetzt. Heute. Und wenn du mich liebst, so, wie du immer sagst … Warum kannst du mich dann nicht heiraten?“

„Weil wir es noch sind“, murmelte er. Sie hatte ihn nicht verstanden, aber er wiederholte den Satz nicht noch einmal. Sie konnte sein Verhalten gar nicht anders deuten, als dass er sie zurückwies. Verletzt bat sie ihn zu gehen.

„Sylvia identifiziert sich immer mehr mit Barbara“, berichtete Werner kurz darauf seinem Bruder. „Ich war ja von Anfang an misstrauisch … Und ich hatte recht. Ich sage dir: Das war noch nicht alles. Da kommt noch mehr auf uns … auf mich zu. Ein Glück, dass ich nicht mehr mit ihr zusammen bin.“

Zu allem Unglück stand morgen auch noch ein Sektempfang für den Vorstand des Golfverbands ins Haus. Werner hatte so dafür gekämpft, dass das „German Open“, eines der wichtigsten Golfturniere, im Fürstenhof stattfinden würde. Und nun hätte er die ganze Veranstaltung am liebsten abgesagt. Er wusste einfach nicht, woher er die Kraft dafür noch nehmen sollte …

Als Emma in ihrer Mittagspause ins Haus der Sonnbichlers zurückkam, wollte Marie sofort die Stube verlassen. Aber das ließ Emma nicht zu. Marie sollte jetzt verdammt noch mal mit ihr reden.

„Ich bin deine Freundin!“, erklärte sie energisch. „Und ich würde dich niemals hintergehen! Nils hatte versprochen, es dir selbst zu beichten. Ich wollte mich nicht zwischen euch drängen.“ Doch Marie reagierte nicht einmal.

„Es gibt zwischen uns nichts mehr zu retten“, stellte sie nur mit eiskalter Stimme fest. „Und am liebsten wäre es mir, wenn du hier ausziehst!“

Was blieb Emma übrig, als ihre Sachen zu packen? Als sie wieder in die Stube zurückkehrte, saß Marie dort mit Xaver zusammen und würdigte sie keines Blickes. Wortlos schlich Emma sich hinaus.

Maries selbstgerechtes Getue! Als wenn Emma sie betrogen hätte … Als wenn Emma etwas dafür könnte, dass Nils mit seiner Ex ins Bett gegangen war. Was sollte sie denn jetzt tun? Ein Zimmer in der Pension würde sie sich von ihrem kleinen Zimmermädchengehalt kaum leisten können.

Glücklicherweise traf sie Rosalie. Die war gerade auf dem Weg nach München, um dort Sonja zu treffen. Ihre Freundin litt darunter, dass Nils sie nun endgültig abserviert hatte. Als Emma ihrer Schwester von ihrer Notsituation erzählte, holte Rosalie mit einem tiefen Seufzer die Wohnungsschlüssel aus ihrer Handtasche. Für ein oder zwei Nächte würde Emma auf jeden Fall bei Felix und ihr schlafen können.

Hildegard war zurück! Und begrüßte ihren Mann an der Rezeption. Sie war ein paar Tage in Lübeck gewesen: Ihre Schwester hatte sich das Bein gebrochen, und Hildegard war ihr zu Hilfe gekommen. Trotzdem war Käthe noch immer nicht wiederhergestellt. Am liebsten hätte Frau Sonnbichler ihre Schwester zu sich nach Hause geholt. Aber Alfons reagierte mit wenig Begeisterung auf diesen Vorschlag.

„Hallo, Frau Sonnbichler!“ Emma ging gerade durch die Lobby und begrüßte Hildegard freudlos. „Sie sind ja schon wieder zurück.“

„Gerade angekommen“, bestätigte Hildegard, der dann jedoch auffiel, wie unglücklich Emma wirkte. Auf ihre Frage, was denn los sei, erwiderte Emma nur knapp, dass sie bei den Sonnbichlers ausgezogen wäre. Weil Marie das so wollte.

Und nun war es an Alfons, seiner irritierten Frau zu erklären, was in den Tagen ihrer Abwesenheit alles passiert war.

Nachdem Hildegard alles gehört hatte, berief sie zu Hause sofort eine Familienkonferenz ein. Dass Nils Heinemann sich mit seiner Exfrau vergnügt hatte, empörte sie. Und ihr war klar, wie weh ihrer Tochter das alles tat. Aber hatte Marie sich deshalb wirklich mit Emma zerstreiten müssen? Und sie dann auch noch vor die Tür setzen müssen?

„Emma hat mich hintergangen und belogen!“, beharrte Marie.

„Und deshalb jagst du sie aus dem Haus?“, erwiderte Hildegard. „So kenne ich dich gar nicht!“

„So was rutscht einem im Streit schon mal raus“, schaltete sich Alfons beschwichtigend ein. „Marie hat es mit Sicherheit nicht so gemeint.“

„Ich habe es genau so gemeint, wie ich es gesagt habe“, widersprach seine Tochter.

„Du kannst Emma nicht einfach rauswerfen!“, ereiferte sich Hildegard. „Das hier ist ja noch nicht mal dein Haus!“

„Wenn das so ist … Dann gehe ich eben.“ Marie war vollkommen verstockt. Sie würde nicht mehr mit Emma unter einem Dach wohnen, so viel stand fest.

„Kann es sein, dass du sie zum Sündebock für etwas machst, wofür sie gar nichts kann?“, fragte ihre Mutter nun sanfter.

„Ja, genau …“ Genervt verließ Marie den Raum. Sie wusste ja, dass ihre Eltern recht hatten. Aber sie war einfach zu verletzt und zu unglücklich, um über ihren Schatten springen zu können.

„Hat das jetzt sein müssen?“ Vorwurfsvoll sah Alfons seine Frau an.

„Sie will wie eine Erwachsene behandelt werden, also soll sie sich auch so benehmen“, konterte Hildegard. Alfons fand die Vorstellung, mal wieder nur als Familie zusammenzuwohnen, eigentlich gar nicht so schlecht. „Willst du jetzt auch noch Xaver rauswerfen?“

„Nein, aber …“ Er seufzte. „Du sagst selbst oft genug, dass dir unser Haus langsam wie eine Jugendherberge vorkommt. Und ich hätte, ehrlich gesagt, nichts dagegen, wenn hier mal ein bisschen Ruhe einkehren würde.“

„Und deswegen lassen wir die arme Emma jetzt auf der Straße stehen?!“ Hildegard hatte ja recht – das war einfach nicht in Ordnung.

Rosalie hatte Felix schon darüber informiert, dass Emma ein paar Tage bei ihnen wohnen würde. Natürlich hatte er nichts dagegen. Emma war die Sache trotzdem ausgesprochen unangenehm.

„Ich bleibe bestimmt nicht länger als zwei, drei Tage“, versicherte sie ihm, als sie ihn nachmittags in der Wohnung antraf. „Ich habe morgen frei und mache mich gleich auf die Suche nach einer neuen Bleibe. Und bis ich eine habe, gehe ich euch aus dem Weg und …“

„Emma!“, fiel er ihr ins Wort. „Das ist doch alles kein Problem. Wir haben hier doch nun wirklich genug Platz.“ Dann wollte er wissen, worum es sich bei dem Streit mit Marie denn überhaupt handelte. Aber Emma mochte nicht darüber reden. „Marie wird bald einsehen, dass man eine Freundin wie dich nicht einfach so in die Wüste schickt.“ Doch jetzt plagten ihn andere Sorgen. Werner hatte ihm den Sektempfang für den Vorstand des Golfverbands aufs Auge gedrückt, und er musste dafür noch ein paar Aushilfskellner besorgen.

„Wann ist das denn?“, wollte Emma wissen.

„Morgen Vormittag“, antwortete er. „Wieso?“

„Wie gesagt: Ich habe morgen frei“, erklärte sie. „Soll ich das übernehmen? Ich könnte auch noch jemanden organisieren, der mir hilft.“

„Das wäre toll!“ Die Erleichterung stand Felix ins Gesicht geschrieben. Er hatte einfach nicht gewusst, wie er das neben all seinen anderen Aufgaben auch noch hätte hinkriegen sollen. „Danke.“

„Kein Problem“, meinte sie und lächelte schon wieder. Felix unterstützen zu können – das machte sie immer glücklich. Darüber konnte sie sogar den Ärger mit Marie vergessen.

Telefonisch bat sie Ben, ihr die Nähmaschine von den Sonnbichlers zu holen und in Felix’ und Rosalies Wohnung zu bringen. Natürlich erfüllte Ben ihr diese Bitte. Er fand es unmöglich, was Marie sich geleistet hatte. Und versicherte Emma, dass sie jederzeit auch bei ihm und Simon unterkommen könnte.

„Das ist nett“, lächelte sie. „Aber Felix hat nichts dagegen, dass ich hier bin. Und morgen helfe ich ihm bei einem Sektempfang.“ Wie sehr diese Aussicht sie freute, war nicht zu überhören. Und Ben versetzte Emmas Begeisterung einen Stich. Er konnte sich das selbst nicht erklären. Emma war seine beste Freundin. Und sie war in Felix verliebt, seit sie den Fürstenhof zum ersten Mal betreten hatte. Aber in der letzten Zeit betrachtete Ben sie irgendwie anders. Er fand sie hübsch, attraktiv, lustig. Er hätte gern noch mehr Zeit mit ihr verbracht. Und dass ihre Gedanken immer nur um Felix kreisten, machte ihn – eifersüchtig.

Auch dass Emma sich die Nähmaschine hatte bringen lassen, lag an Felix. Denn jetzt war es endlich so weit: Sie war inzwischen so schlank geworden, dass sie in das Kleid passte, das sie sich damals mit Absicht zu eng genäht hatte. Nur der Saum musste noch fertig gemacht werden, dann würde sie das Kleid morgen beim Sektempfang tragen können.

„Darin siehst du bestimmt super aus“, meinte Ben.

„Glaubst du?“, strahlte sie. Er nickte. Und dann bat sie ihn, noch einen Augenblick zu bleiben – sie wollte das neue Kleid anprobieren.

Sie bat ihn sogar darum, ihr den Reißverschluss auf dem Rücken zu schließen.

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