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Aufregende Tage in den Everglades

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1. KAPITEL

Melanie Annabelle Brooks stand am Fenster des Flughafens von Tallahassee und betrachtete den kleinen Privatjet, der auf der Piste stand. Es war noch früh am Morgen, aber die Hitze lag schon flimmernd über dem Rollfeld – für einen Julitag in Florida nichts Ungewöhnliches.

Melanie gehörte zu den jungen Frauen, die überall Aufmerksamkeit erregen, aber in diesem nüchternen Warteraum wirkte sie wie eine seltene tropische Blume auf dem grauen Beton eines Parkplatzes.

Ihr langes goldblondes Haar wurde von einem Mittelscheitel geteilt und fiel in weichen Wellen auf die Schultern. Ihre feinen Gesichtszüge verrieten die angeborene Vornehmheit, die in der längst untergegangenen Südstaatenaristokratie einmal so viel bedeutet hatte. Auch wenn Melanie so ruhig dastand wie jetzt, umgab sie die Eleganz und natürliche Würde, die nur ein Leben in Wohlstand und Ansehen verleiht.

Hätte jemand hinter Melanies scheinbar so gelassene Fassade blicken können, hinter die sorgfältig anerzogene Zurückhaltung, die sie stets bewahrte, hätte er vielleicht einen Anflug von Trauer in ihren blauen Augen entdeckt, eine vage Sehnsucht, die aus der Vergangenheit zu stammen schien.

Niemand achtet auf den anderen, dachte Melanie, und das ist mit ein Grund dafür, dass man sich auf dieser Welt so einsam fühlt.

Sie lächelte, als ihr klar wurde, welche trübe Wendung ihre Gedanken genommen hatten, und zuckte leicht mit den Schultern, als ließe sich ihre Niedergeschlagenheit so einfach abschütteln. Heute war nicht der richtige Tag, um sich schwermütigen Grübeleien hinzugeben. Heute begann ein Abenteuer für sie, wie sie es noch nie erlebt hatte, und das genügte, um alles positiv zu sehen.

Melanie hatte sich für diesen Tag noch sorgfältiger angezogen als sonst. Sie wollte kühl und geschäftsmäßig wirken, was ihr mit dem exquisit geschnittenen weißen Leinenkostüm auch gelang. Zusammen mit den hochhackigen weißen Sandaletten betonte es ihre langen schlanken Beine, um die sie jede Frau beneidet hätte. Die kleine Tasche, die sie in der Hand hielt, war ebenfalls weiß und aus weichem Nappaleder gefertigt.

Sie sah schon so lange auf das Flugzeug, dass es vor ihren Augen zu verschwimmen begann. Stattdessen tauchte ihr Spiegelbild undeutlich in der Fensterscheibe auf. Melanies Gesicht wurde meist makellos schön genannt, aber sie fragte sich manchmal, ob es nicht eher leer und nichts sagend wirkte. In dem hellen Sonnenlicht sah sie jedenfalls geisterhaft blass aus.

Seit einiger Zeit fühlte sie sich manchmal auch wie ein Geist, wie das Abbild eines Menschen, der nicht wirklich lebt oder noch nicht ganz erwacht ist. Doch meist unterdrückte sie diese Empfindungen, sobald sie ihr bewusst wurden. Das Leben hatte es ungewöhnlich gut mit ihr gemeint, und es wäre mehr als undankbar gewesen, sich zu beklagen.

Melanie schloss für einen Moment die Augen und überlegte, welche Vorzüge sie bisher genossen hatte. Zugegeben, ihre Mutter war gestorben, ehe Melanie ein Jahr alt war, aber nach diesem frühen Unglück hatten sich die vierundzwanzig Jahre ihres Lebens sorglos und glücklich aneinander gereiht – wie im Märchen.

Sie war in den Wohlstand und die ehrwürdigen Traditionen einer alten Südstaatenfamilie hineingeboren worden und auf einer Plantage in Georgia aufgewachsen, verwöhnt von einem liebevollen Vater und einer Schar treu sorgender Diener. Und im letzten Monat – Melanie hatte sich beinahe gewundert, dass das Glück noch mehr für sie bereithielt – hatte sich Beauregard Parker mit ihr verlobt, ein brillanter Kongressabgeordneter des Staates Florida, der über ein Jahr beharrlich um sie geworben hatte.

Manchmal kam es ihr so vor, als wäre ihr ganzes Leben vorherbestimmt, so genau vorgezeichnet wie ihre Zugfahrt von Creek County in Georgia nach Tallahassee in Florida. Man stieg an einem Ende ein und am anderen wieder aus, und irgendjemand kümmerte sich darum, wie oft der Zug unterwegs hielt und wie lange der Aufenthalt jeweils dauerte.

Ihre Verlobung mit Beau, dem passendsten Ehemann, den es für sie geben konnte, war ein solcher Aufenthalt gewesen. Man erwartete einfach von ihr, dass sie seine Werbung annahm, so wie man erwartet hatte, dass sie die richtigen Schulen besuchte und sich in der Öffentlichkeit richtig benahm. Alles lief glatt und reibungslos ab, und vielleicht lag es daran, dass sie sich manchmal ohnmächtig und hilflos fühlte, als reiste sie nur im Zug ihres Lebens mit, ohne irgendetwas beeinflussen oder ändern zu können.

Hör auf, Melanie, ermahnte sie sich. Beau ist ein wunderbarer Mann, jede Frau in den Südstaaten würde alles dafür geben, an deiner Stelle zu sein. Außerdem wirst du bald heiraten, und dann werden Kinder kommen. Sind Kinder nicht am besten geeignet, deinem Leben einen Sinn zu geben? Dieses vage Gefühl zu vertreiben, dass dir etwas fehlt?

Melanie schüttelte den Kopf. Vielleicht fehlt mir nichts als ein bisschen Abwechslung, dachte sie, ein Ziel, etwas Sinnvolles, das ich tun kann. Vielleicht ist diese Reise genau das, worauf ich gewartet habe.

Sie konzentrierte sich wieder auf das Flugzeug, das draußen wartete. Ja, sie war stolz, dass Beau all seine Mitarbeiter übergangen und sie – Melanie Brooks – gebeten hatte, ihn auf dieser Informationsreise zu vertreten. Wenn es bloß nicht so drückend heiß gewesen wäre! Melanie zog ein hauchdünnes Spitzentaschentuch hervor und betupfte sich Gesicht und Hals.

Ein Mann trat neben sie – groß, elegant und mit äußerster Sorgfalt gekleidet, als verträte er ein renommiertes Modemagazin. Melanie fühlte sich durch seine Nähe plötzlich eingeengt, als wäre sie in eine Falle geraten.

„Unangenehm schwül heute, nicht wahr, Darling?“, fragte Beau dicht an ihrem Ohr. Er sprach leise und etwas schleppend, in der typischen Melodie des Südens.

Sie drehte sich zu ihm um, mit dem leisen Lächeln, das ihr fast schon zur Gewohnheit geworden war. „Eine Südstaatenlady spürt die Hitze nicht. Hast du das vergessen?“

„Nicht bei einer Lady, die so vollendet in diese Rolle passt“, versicherte Beau. Es war ihm anzuhören, wie stolz Melanie ihn machte, obwohl er gleichzeitig ungeduldig zur Tür sah, denn er erwartete die Vertreter der Presse, die er bestellt hatte. „Hast du heute Morgen die Gesellschaftsspalte gelesen? Darin bezeichnet man die Verlobte von Beauregard Parker als ‚eine Blüte der Anmut und Weiblichkeit, wie sie für die Südstaaten typisch ist‘.“

Melanie vernahm das altmodische Kompliment mit gemischten Gefühlen. Sie verdiente es nicht, und es gehörte in eine längst vergangene Zeit. Damals waren die Frauen in tief ausgeschnittenen Kleidern mit weiten Reifröcken über kühle Marmorböden und schattige Parkwege geschwebt – Frauen wie ihre eigene Vorfahrin, deren betont unschuldige und dennoch verführerische Ausstrahlung noch auf dem alten Porträt zu erkennen war, das in Melanies Schlafzimmer hing.

„Eine Blüte der Anmut und Weiblichkeit?“, wiederholte sie skeptisch. „Das gibt es nicht mehr, Beau.“

„So ein Unsinn! Sieh dich doch selbst an.“ Beau ließ die Tür vorübergehend außer Acht und deutete auf ihr gemeinsames Spiegelbild im Fenster. „Oder besser noch … sieh uns beide an. Ich weiß wirklich nicht, wer schöner ist.“

Melanie unterdrückte ihr Kichern gerade noch rechtzeitig. In der Öffentlichkeit zu kichern, galt als äußerst unfein – besonders bei der Verlobten von Floridas bekanntestem jungen Abgeordneten. Man durfte leise und etwas schüchtern lachen, und man durfte lächeln – oh ja, man musste sogar lächeln –, aber Kichern war nicht erlaubt. Dabei schätzte sie bei Beau immer noch am meisten, dass er sie zum Lachen bringen konnte. Zu lautem herzlichen Lachen.

„Darüber kann man nur einer Meinung sein, Beau.“ Melanie verbarg ihre Ironie hinter einem schmachtenden Ton, der an ein sehnsüchtiges Lied erinnerte. „Du bist bei weitem schöner.“

Sie bemerkte das stolze Lächeln, das über sein Gesicht glitt, und fragte sich wieder, ob er wegen seiner politischen Ansichten oder wegen seines hollywoodreifen Lächelns in das Parlament von Florida gewählt worden war. Dass er blendend aussah, sprach ihm niemand ab. Er war groß und bewegte sich mit der Sicherheit der alten Südstaatengentlemen. Sein dunkles Haar war weich gelockt, und die warmen braunen Augen begannen zu strahlen, wenn er seinen Charme einsetzte. Allerdings wusste Melanie bis heute nicht, wann dieser Charme echt war und wann er nur einem bestimmten Zweck diente.

„Dafür besitzt du wahren Liebreiz, Mellie“, flüsterte er nah an ihrem Ohr. „Jeder Mann, der dich sieht, beneidet mich …“ Jemand rief von hinten Beaus Namen, und er drehte sich hastig um, als könnte er etwas Wichtiges versäumen. „Entschuldige mich, Darling. Ich bin gleich wieder da.“

Melanie nickte geistesabwesend und sah weiter auf ihr Spiegelbild. Die Gestalt, die sie verschwommen wahrnahm, war nicht nur sie selbst. Es war auch die Frau, die sie seit ihrer Kindheit vergötterte und deren Bild über ihrem Bett hing. Sie lächelte, als sie an den Tag vor fast zwanzig Jahren dachte, an dem sie das alte Gemälde auf dem Dachboden gefunden hatte.

Es war kurz nach ihrem fünften Geburtstag gewesen, an einem trüben Wochenende mit endlosem Regen. Melanie war sich in dem großen Herrenhaus ziemlich verloren vorgekommen und hatte sich auf den dämmerigen Dachboden geflüchtet, wo es warm und anheimelnd war und wo die Erinnerungen an frühere Generationen lagerten. Die sorgfältig verpackten Kostbarkeiten längst verstorbener Vorfahren gaben ihr das Gefühl, nicht allein zu sein.

In einem staubigen Winkel, hinter mehreren übereinandergestapelten Kartons, hatte sie das Bild entdeckt und sofort wie einen neuerworbenen Schatz zu ihrem Vater hinuntergebracht.

„Du lieber Gott“, hatte er gemurmelt und versonnen gelächelt. „Ich wusste gar nicht, dass dieses Bild dort oben war. Weißt du, wer diese Frau ist, Schatz? Meine Ururgroßmutter, nach der wir dich benannt haben.“

„Ich trage den Namen dieser schönen Lady?“, hatte Melanie ungläubig gefragt.

„Gewiss, und du hast auch ihr Aussehen geerbt.“ Melanies Vater hatte das Bild gegen die Wand gelehnt und aus einiger Entfernung kopfschüttelnd betrachtet. „Man erzählt sich, sie sei so etwas wie ein schwarzes Schaf in der Familie gewesen. Ihr eigener Mann hat ihren Namen aus der Familienbibel gestrichen – warum, das habe ich nie erfahren.“

„Was ist ein schwarzes Schaf, Daddy?“

Ihr Vater hatte wehmütig geseufzt und sie auf den Arm genommen. „Nichts Böses, Schatz … nur jemand, der ein bisschen anders ist.“

„Werde ich auch ein schwarzes Schaf sein?“

„Oh nein!“ Er hatte gelacht und sie zärtlich angesehen. „Du wirst eine vollendete Südstaatenlady, Mellie, genau wie deine Mutter.“

Doch die Entwicklung hatte ihm nicht recht gegeben. Je älter Melanie wurde, desto weniger glich sie den verblassenden Fotografien ihrer Mutter, die eine stille, sanfte, ergebene Frau gewesen war. Sie glich der ersten Melanie Annabelle Brooks – dem schwarzen Schaf der Familie.

Beau trat wieder neben sie.

„Also, Mellie, wir sind fast so weit. Freust du dich auf die kleine Reise?“

„Oh ja, sehr.“ Diesmal lächelte Melanie nicht mechanisch, sondern ehrlich. „Und ich danke dir für das Vertrauen, das du mir entgegenbringst. Es bedeutet mir viel.“

Beau schmunzelte. „Du brauchst keine große Sache daraus zu machen, Darling. Ich schicke dich ja nicht nach New York, um mit den Vereinten Nationen über den Weltfrieden zu verhandeln. Du unternimmst nur eine kleine Goodwill-Reise, wie sie Politiker gern ihren Ehefrauen überlassen. Und da du bald die Frau eines Politikers sein wirst, dachte ich, dies würde eine gute Übung für dich sein.“

Melanie fühlte sich ernüchtert. „Das klingt, als wäre mein Auftrag völlig unbedeutend.“

„Aber Mellie!“ Beau drehte sie sanft zu sich herum und sah sie gekränkt an. „Natürlich ist die Sache nicht unwichtig. Hätte ich sonst den Jet für dich gechartert oder die Presse herbestellt?“

Er sagte das so treuherzig, dass Melanie kaum ernst bleiben konnte. „Du würdest die Presse rufen, um den Wetterbericht bekannt zu geben, Beau Parker“, neckte sie ihn, „wenn du damit durchkommen würdest. Du bist nun mal ein eingefleischter Politiker, und ich warne dich, mir etwas anderes vorzumachen.“

Beau fühlte sich ertappt und lächelte entwaffnend. „Ich gebe mich geschlagen, Mellie, aber deine Mission hat es trotzdem in sich, und ich baue auf dein diplomatisches Geschick. Vergiss das ja nicht. Benjamin Cage ist jemand, mit dem man in diesem Staat rechnen muss. Wenn er sich zu einer Einladung herablässt, wird jeder Politiker, der seinen Job nicht verlieren will, darauf reagieren und mindestens einen Vertreter zu ihm schicken.“

Melanie seufzte. Im Grunde interessierte sie sich nicht für Politik und alles, was damit zusammenhing. Es verwirrte und ermüdete sie, und ganz gesellschaftsfähig fand sie es auch nicht. „Sag mir eins, Beau“, meinte sie, „findest du es richtig, dass ein einzelner kleiner Geschäftsmann solche Macht ausübt?“

„Cage ist ein großer Geschäftsmann, Darling“, verbesserte er sie, „und ein äußerst wichtiger dazu. Das halbe Land deckt seinen Bedarf an frischem Orangensaft aus seinen Plantagen. Seit er gehört hat, dass die Regierung von Florida die finanziellen Mittel zur Unterstützung der Everglades kürzen will, ist er dazu übergegangen, jede Flasche und jeden Karton mit dem Aufdruck ‚Rettet die Everglades!‘ zu versehen. Sollten wir seine Einladung ignorieren und uns nicht persönlich an Ort und Stelle umsehen, könnte er auf die Idee kommen, seinen Einfluss und seine Reklamemöglichkeiten gegen die Regierung einzusetzen. Verstehst du das?“

Melanie verzog das Gesicht. Für Beau war das alles höhere Diplomatie, aber sie selbst hätte Benjamin Cages Vorgehen einfach Erpressung genannt. „Glaubst du, dass er sich noch an andere Kongressabgeordnete gewandt hat?“, fragte sie.

Beau zuckte die Schultern. „Es ist mir nicht gelungen, das herauszufinden, aber vermutlich bist du die Einzige, die seiner Einladung folgt. Er wird dich sicher mit großem Aufwand durch seine Everglades führen.“

„Seine Everglades?“

„Wenn man ihn sprechen hört, könnte man auf den Gedanken kommen, dass sie ihm gehören.“

Benjamin Cage gefiel Melanie immer weniger. Die Everglades bestanden aus Millionen Hektar von Schilfflächen und düsteren, sumpfigen Mangrovewäldern und nahmen fast den ganzen südlichen Teil Floridas ein. Wer ein so riesiges Gebiet als seinen Privatbesitz betrachtete, musste unglaublich arrogant und daher unsympathisch sein. „Ich werde diesen Mr. Cage nicht mögen“, erklärte sie nachdrücklich.

„Davon bin ich überzeugt, Darling. Du und Mr. Cage … das sind gesellschaftliche Gegensätze, die sich nicht vereinbaren lassen. Soviel ich weiß, hat er sich mühsam nach oben gekämpft und verachtet alle, die das nicht nötig hatten.“

Melanie rümpfte die Nase. Sie kannte soziale Vorurteile und fand sie dumm und überflüssig. Es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, jemanden abzulehnen, weil er entweder ein reiches oder ein armes Elternhaus gehabt hatte. Wenn man Menschen beurteilen wollte, musste man fragen, was sie aus sich und ihrem Leben gemacht hatten.

„Cage ist außerdem ein Einzelgänger“, fuhr Beau fort. „Er hat keine Familie und pflegt keine Geselligkeit. Anscheinend interessiert ihn niemand und nichts als dieser endlose Sumpf, und wer etwas dagegen sagt, trifft auf taube Ohren. Wenn es nach ihm ginge, würde er jeden Dollar, der durch Steuern in die Staatskasse fließt, dafür ausgeben. Wahrscheinlich hofft er, dass ein persönlicher Besuch die Politiker davon überzeugt, dass die Everglades im nächsten Jahr nicht weniger, sondern mehr Geld brauchen.“

Melanie nickte ernst. Sie wollte Beau zeigen, dass sie sich ihrer Verantwortung voll bewusst war. „Ich werde mir seine Argumente genau anhören“, versprach sie, „und sorgfältig Notizen machen. Wenn ich zurückkomme, hast du dann alle Informationen, die du brauchst, um dir eine fundierte Meinung zu bilden.“

Beau sah kurz zur Tür, ehe er mit verschmitztem Lächeln meinte: „Oh Darling, ich habe meine Entscheidung längst getroffen. Meine Parteifreunde halten es für ziemlich sinnlos, Geld in einen Sumpf zu stecken, und ich bin ehrlich gesagt derselben Ansicht.“

Damit hatte Melanie nicht gerechnet. „Du weißt schon, wie die ganze Sache ausgeht?“, fragte sie überrascht.

Beau nickte, er war mit seinen Gedanken bereits woanders.

„Aber warum schickst du mich dann dorthin? Ich meine, wenn alles schon feststeht?“

„Weil Mr. Cage das nicht weiß und auch nicht wissen soll.“ Leichte Ungeduld klang aus Beaus Stimme. „Er soll den Eindruck gewinnen, dass wir uns erst entscheiden, wenn wir das Problem von allen Seiten betrachtet haben.“

„Aber Beau, betrügt ihr ihn damit nicht irgendwie?“

„Was für ein hartes Wort, Darling. Die Politik ist nun mal so, und du solltest dir darüber nicht deinen hübschen Kopf zerbrechen. Deine Aufgabe besteht nur darin, hinunterzufliegen, ein interessiertes Gesicht zu machen, wenn Cage dich herumführt, und nötigenfalls deinen Charme einzusetzen, damit er nicht zu verzweifelt ist, wenn die Entscheidung gegen ihn ausfällt.“

Melanie war so schockiert, dass sie Beau nur stumm ansehen konnte. Der ganze Auftrag war eine Farce, ein abgekartetes Spiel. Ihre Enttäuschung war groß, aber sie wagte jetzt nicht, darüber nachzudenken. „Also darum hast du mich ausgesucht und alle deine Mitarbeiter übergangen“, sagte sie endlich. „Weil ich charmanter bin als ein kurzsichtiger Bürotyp mit Brille und dunklem Anzug.“

Die Wendung des Gesprächs gefiel Beau nicht, aber er wurde von einer Antwort befreit, denn hinter ihnen entstand plötzlich ein kleiner Tumult.

„Die Presse“, seufzte er erleichtert. „Endlich. Sei nicht böse, Mellie, aber ich fürchte, wir müssen unsere Diskussion auf später verschieben.“ Er drückte ihr beruhigend die Hand und wandte sich mit strahlendem Lächeln den Reportern zu. Was in Melanie vorging, hatte keine Bedeutung mehr für ihn.

Sie war viel zu gut erzogen und schon zu lange darauf vorbereitet, die Frau des Kongressabgeordneten Beauregard Parker zu werden, um vor den Reportern und Fotografen, die sie Sekunden später umringten, eine Szene zu machen. Sie ließ sich hin und her schieben, lächelte, wenn es gewünscht wurde, und fragte sich vergeblich, warum Beau das alles so wichtig nahm.

Nach genau zehn Minuten, in denen er alle Fragen beantwortet und sich von seiner fotogensten Seite gezeigt hatte, hob er wie entschuldigend beide Hände. „Ich fürchte, meine Damen und Herren, das muss Ihnen für heute genügen.“

„Wie wäre es mit einem abschließenden Kuss für die Titelseite, Mr. Parker?“, rief ein Reporter.

„Ich hoffe, Sie denken dabei an das bezaubernde Geschöpf neben mir und nicht an sich selbst“, entgegnete Beau schlagfertig und erntete allgemeines Gelächter. „Dann komme ich Ihrem Wunsch natürlich gern nach.“

Melanie musste einen der unbeholfenen, leidenschaftslosen Küsse erdulden, die sie schon von ähnlichen Presseauftritten her kannte und die ihr abscheulich und verlogen vorkamen. In Augenblicken wie diesen fühlte sie sich ganz als Beaus Marionette und kaum noch als die Frau, die er angeblich über alles liebte.

„Ich hätte dich gern anders geküsst“, raunte Beau ihr zu, als hätte er ihre innere Ablehnung gespürt. „Aber das wäre nichts für die Öffentlichkeit gewesen.“

Melanie hatte alles still über sich ergehen lassen. Es stimmte, er hatte sie eben für die Presse geküsst, aber die Küsse, die sie privat tauschten, waren kaum feuriger. Beau atmete nur schwerer, wenn sie allein waren, mehr nicht.

Sie lehnte sich in seinen Armen zurück und strahlte ihn an. Die Fotografen machten eine letzte Aufnahme von dem verliebten Paar, die einen Tag später auf der Titelseite der Tallahassee News erschien. Der Redakteur hatte sie dem Kuss vorgezogen.

2. KAPITEL

Eine knappe Stunde später setzte der kleine Jet auf einer privaten Landebahn nahe der Golfküste auf – nur wenige Meilen nördlich der Everglades. Melanie hatte die Ankunft ungeduldig erwartet, denn es war ihr unbehaglich, als einziger Passagier in einem Flugzeug zu sitzen. Sie stand bereits an der Tür, als die schmale Metalltreppe ausgefahren wurde, und eilte aufatmend ins Freie.

Der Flugplatz bestand aus wenig mehr als einem einstöckigen Backsteingebäude und einem niedrigen Tower. Die wenigen Wellblechhangars hätten ebenso gut Scheunen sein können. Melanie hatte die gläserne Doppeltür, die in das Gebäude führte, fast erreicht, als sie von einer tiefen Stimme gerufen wurde.

„He, Sie!“

Melanie drehte sich um und blinzelte in das Sonnenlicht, das von einem der Metallhangars reflektiert wurde. Es dauerte eine Weile, bis sie sich an die gleißende Helligkeit gewöhnt hatte und den Mann erkannte, der etwas entfernt an einem Jeep lehnte.

„Wo ist der Kongressabgeordnete?“, rief er ihr zu.

Melanie runzelte die Stirn. Ob das der Chauffeur war, der sie zum Hotel bringen sollte? In diesem schrottreifen Vehikel? Sogar aus der Entfernung waren der verbeulte Kühler und die schlammbespritzten Kotflügel zu erkennen. „Sprechen Sie mit mir?“, fragte sie mit normaler Lautstärke. Es fiel ihr nicht ein, wie eine Marktfrau über den Platz zu schreien.

Es überraschte sie, dass der Mann ihre Frage gehört und sogar verstanden hatte. Er gab seine lässige Haltung auf und kam mit großen Schritten auf sie zu. Im ersten Moment hätte man ihn fast für einen Soldaten halten können, so korrekt und abgezirkelt wirkten Gang und Haltung, aber dazu passte seine Kleidung nicht. Der Mann trug eine schwere Drillichhose, die lässig in kniehohen Stiefeln steckte, und dazu ein schlammfarbenes ärmelloses T-Shirt, das die kräftigen Schultern erkennen ließ.

Wie falsch es gewesen war, in dem Fremden einen Soldaten zu vermuten, erwies sich jedoch erst, als er so nah war, dass Melanie sein Gesicht erkennen konnte: Es war das Gesicht eines Mannes, der sich von niemandem etwas befehlen ließ.

Er blieb dicht vor ihr stehen. „Ja, ich spreche mit Ihnen.“ Seine Stimme klang auch bei normaler Lautstärke tief und voll. „Also, wo ist der Kongressabgeordnete? Denn das ist doch seine Maschine, oder?“

Melanie nickte mechanisch und sah den Mann fasziniert an. Er wirkte ungewöhnlich, fremdartig, exotisch – ganz anders als die Männer, mit denen sie es bisher zu tun gehabt hatte.

Das dunkle Haar war aus der Stirn zurückgestrichen und zeigte auch im Sonnenlicht keinen helleren Schimmer, nur ein glänzendes tiefes Schwarz. Das sonnengebräunte Gesicht war bis auf die winzigen Fältchen in den Augenwinkeln glatt und ausdruckslos, es verriet nichts über das Alter oder den Charakter des Mannes, so als hätte er nie etwas gefühlt oder seine Gefühle niemals gezeigt. Die Nase war groß und sehr gerade, die ausgeprägten Wangenknochen und der volle Mund erinnerten an eine Skulptur. Doch die eigentliche Faszination ging von seinen Augen aus – glänzenden tiefschwarzen Augen, die durch Melanie hindurchzublicken schienen. Etwas Wildes, Unbezwingbares umgab diesen Mann, das sie zutiefst erschreckte. Wäre sie nicht so beeindruckt gewesen, hätte sie sich umgedreht und die Flucht ergriffen.

„Nun?“, fragte er noch einmal ungeduldig.

„Nun … was?“, stotterte Melanie verwirrt. „Ich verstehe Sie nicht.“

„Wo ist der Abgeordnete, wenn das sein Flugzeug ist?“

„Oh.“ Melanie fuhr mit der Zungenspitze über ihre trockenen Lippen, von ihrer anerzogenen Überlegenheit war in diesem Moment wenig zu spüren. „Er kommt nicht. Ich bin seine Vertreterin.“

„Sie sind … was?“

„Die Vertreterin des Kongressabgeordneten Parker, wie ich bereits sagte.“

„Ich habe gehört, was Sie gesagt haben – ich kann es nur nicht glauben!“ Er sprach schnell, in dem knappen, präzisen Stil der Nordstaatler, der für Bewohner der Südstaaten immer einen aggressiven Klang hatte. „Parker kommt nicht persönlich? Er hat … Sie geschickt?“

Die Betonung auf dem Wort „Sie“ und die Verachtung, die daraus klang, gaben Melanie endlich die Selbstbeherrschung wieder. Sie richtete sich auf, reckte das Kinn und funkelte den Fremden mit ihren blauen Augen an. „Allerdings … mich“, antwortete sie so hochmütig und von oben herab, wie es nur einer Südstaatlerin möglich war. „Aber darf ich fragen, was Sie das angeht? Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich jetzt hineingehen und meinen Chauffeur suchen …“

„Er steht vor Ihnen“, unterbrach der Mann sie. „Ihr Chauffeur und Benjamin Cage – in einer Person.“

Melanie unterzog ihn noch einmal einer unauffälligen Prüfung. Dieser Mann sollte Benjamin Cage sein? Der gefürchtete Plantagenbesitzer, dessen Einfluss ausreichte, um einen Kongressabgeordneten mobil zu machen? „Unmöglich“, entfuhr es ihr. „Sie können nicht Benjamin Cage sein.“

Seine Miene blieb unbeweglich, nur die schwarzen Augen verengten sich etwas. „Und wer, zum Teufel, sind Sie?“, fuhr er Melanie an.

Sie versuchte, seinem Blick ebenso ausdruckslos zu begegnen, aber da sie erheblich kleiner war und zu ihm aufschauen musste, gelang ihr das nur halb. Außerdem hatte sie Beau versprochen, charmant zu sein – falls dies wirklich Benjamin Cage war.

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