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Aufregende Leidenschaft

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Anne Stuart

Aufregende Leidenschaft

Roman

Übersetzung aus dem Amerikanischen von

Patrick Hansen

1. KAPITEL

Sally Gallimard MacArthur war in ihrem Leben schon an schäbigeren, schmierigeren, schmutzigeren Orten gewesen, aber nicht sehr oft. Dieses heruntergekommene Bürogebäude im schlimmsten Teil des Tenderloin District von San Francisco hätte schon vor Jahren abgerissen werden sollen. Die grün gestrichenen Korridore waren voller Müll, die Büros schienen an Einzimmerfirmen für Spielzeuge und Gummiartikel vermietet zu sein, und das leise Rascheln, das von oben kam, musste von kleinen Nagetierpfoten stammen. Die Fenster waren so verdreckt, dass die hässliche City-Straße nicht zu sehen war, und das gesamte Haus roch nach Schmutz, Schweiß und Verzweiflung.

Sally liebte es.

Selbst um elf Uhr an einem heißen Septembervormittag war es dunkel und modrig. Die Korridore waren menschenleer … ihre üblichen Bewohner waren vermutlich blinzelnd ans Tageslicht geschlichen. Es dauerte länger als erwartet, bis sie das Büro im zweiten Stock fand, doch die Mühe lohnte sich. Es war perfekt.

Die Milchglasscheibe war zerbrochen, und der Spalt ging mitten durch den aufgemalten Namen. James Diamond, Privatdetektiv. Erfreut atmete Sally auf. Sam Spade selbst hätte sich hier zu Hause gefühlt. Zum ersten Mal seit Tagen, vielleicht Wochen, ließ das Glück sie nicht im Stich. Es war richtig gewesen, sich auf ihren Instinkt zu verlassen. Sie klopfte energisch, drehte den Türknauf und betrat das Büro.

„Was kann ich für Sie tun?“ Der Mann, der aus dem hinteren Raum kam, war genau das, worauf sie gehofft hatte: unrasiert, sein dunkles Haar hatte einen Friseurbesuch dringend nötig, sein Anzug war zerknittert, als hätte er darin geschlafen, und seine Miene war mürrisch und unfreundlich. Sein Gesicht war unter den Bartstoppeln etwas zu attraktiv, sein Körper etwas zu hochgewachsen und schlank, aber Sally war bereit, über diese Schwächen hinwegzusehen. Dies war ihr heruntergekommener Privatdetektiv, ein Typ à la Raymond Chandler. Dies war ihr Retter.

„Sind Sie von der Steuerfahndung? Der Telefongesellschaft? Pacific Gas?“, fragte Diamond und musterte sie von Kopf bis Fuß, während er sich eine Zigarette ansteckte.

„Ich bin eine Klientin.“

„Ach ja?“ Er klang nicht vielversprechend. „Nun, ich besorge keine Drogen für verwöhnte Millionärstöchter. Und ich mache auch keine Erpressungen. Für eine Scheidungssache sehen Sie viel zu fröhlich aus – und für abartigen Sex zu sauber. Da bleibt so gut wie nichts übrig.“

„Ich möchte, dass Sie meine Schwester finden.“

Er bewegte sich nicht. „Ihre Schwester steht auf Drogen und abartigen Sex?“, fragte er schließlich.

„Nicht, dass ich wüsste.“

„Wo ist dann das Problem?“

„Meinen Sie, wir könnten hineingehen und uns setzen?“, fragte sie und holte rasch Luft, bevor eine weitere Rauchschwade sie einhüllte. „Ich denke besser, wenn ich sitze.“

„Ich denke besser, wenn ich stehe.“

„Meinen Sie nicht, Sie sollten sich ein wenig um meinen Auftrag bemühen, anstatt mich zu verscheuchen?“

„Nein“, erwiderte James Diamond und ging an ihr vorbei in sein Büro. Sie folgte ihm, bevor er ihr die Tür vor der Nase zumachen konnte, und die schlechte, abgestandene Luft in dem Raum ließ sie schlucken. Er roch nach Zigaretten und Whisky. Das war zwar genau das, was sie wollte, aber es machte das Atmen nicht gerade leichter.

„Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich ein Fenster öffne?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie an eine der mit Schmutz überzogenen Scheiben und zog am Griff. Zugestrichen konnte das Fenster nicht sein – eine frische Farbschicht hatten diese Fenster seit dem Koreakrieg nicht mehr bekommen, aber das Ding war so widerspenstig wie der Mann, den sie engagieren wollte.

„Es macht mir etwas aus“, sagte er. Dann ließ er sich auf den Stuhl hinter dem unaufgeräumten Schreibtisch fallen, kippte ihn nach hinten und legte die Füße auf einen Stapel Papiere. Was sie sah, gefiel ihr nicht. Er trug Sportschuhe. Sam Spade hätte nie Sportschuhe getragen.

Sally zerrte noch einmal am Griff. Das Fenster ruckte nach oben, und das Glas zersplitterte. „Oh“, sagte sie.

Diamond rührte sich nicht. „Warum verschwinden Sie nicht, bevor Sie mein Büro demolieren?“

„Das würde ich allein gar nicht schaffen“, sagte sie und sah sich um. Es gab noch einen weiteren Stuhl, der antik aussah. Genauer gesagt, er sah alt aus, wie vom Trödler, obwohl er offenbar aus einer der Missionen stammte. James Diamond war der Typ, der das Stück auf der Stelle verkaufen würde, wenn er wüsste, wie wertvoll es war.

Das Ledersofa war auch nicht mehr das jüngste und hatte seinem Besitzer offensichtlich mehr als einmal als Schlaflager gedient. Sally fragte sich kurz, ob er es auch zu anderen, dynamischeren Zwecken benutzt hatte. Nein, freizügige Sexualität war in dieser Fantasie nicht vorgesehen. Der hart gesottene Detektiv war keiner, der Klientinnen auf die Bürocouch warf. Auch wenn er sündhaft schöne blaue Augen hatte.

„Rauchen Sie immer so viel?“, fragte Sally unverblümt und setzte sich neben seinen Füßen auf den Schreibtisch, wobei die Hälfte der Papiere auf dem Fußboden landete. „Kein Wunder, dass Ihre Stimme wie Schotter klingt und das Büro wie Giftmüll riecht. Wenn Sie so weitermachen, werden Sie jung sterben.“

Er starrte sie an, als könnte er ihre Unverfrorenheit gar nicht fassen. Den Gesichtsausdruck hatte sie oft genug gesehen – und ließ sich davon nicht bremsen. „Zu spät“, sagte er. „Das junge Sterben habe ich um mindestens fünf Jahre verpasst. Sie dagegen könnten es noch schaffen, wenn Sie mir nicht bald erzählen, was Sie wollen.“

Sie ließ ihre langen Beine hin und her baumeln. Sie hatte wundervolle Beine – lang und wohlgeformt, und sie trug einen Rock, der sie zur Geltung brachte. Privatdetektive ließen sich normalerweise von Frauenbeinen faszinieren, aber Diamond wirkte völlig uninteressiert. Vielleicht hätte sie oben noch einen oder zwei Knöpfe öffnen sollen.

„Warum wollen Sie mich nicht als Klientin?“, fragte Sally.

Er seufzte genüsslich, ließ den Stuhl noch weiter nach hinten kippen und musterte sie mit diesen sündigen Augen. „Sie bedeuten Ärger, Lady. Von Ihren nagelneuen Schuhen bis zur teuren Nobelfrisur sind Sie die Art von Klientin, von der ich mich lieber fernhalte.“

Sie sah sich vielsagend um. „Offensichtlich. Ich zahle sehr gut.“

„Und ich habe Skrupel. Maßstäbe. Ich weiß, so etwas mag Ihnen fremd sein, aber ich breche für niemanden das Gesetz.“

„Wovon leben Sie?“

Er zögerte, aber es war klar, dass sie seinen alten Schreibtisch nicht freiwillig räumen würde. Und wenn er sie loswerden wollte, würde er sie schon durch das Fenster werfen müssen, das sie bereits beschädigt hatte. „Scheidungen“, sagte er schließlich.

„Ziemlich mies.“

„Hey, man kann davon leben. Und jetzt erzählen Sie mir, was Sie wollen, und ich schicke Sie zu jemanden, der Ihnen helfen kann.“

„Wie kommen Sie darauf, dass Sie mir nicht helfen können?“ Sie schaukelte mit den Beinen und registrierte zufrieden, dass sein Blick ihnen folgte.

„Instinkt. Wenn man so alt wird wie ich, lernt man, wem man vertrauen kann.“

„Ach ja, Ihr fortgeschrittenes Alter. Das ist jetzt das zweite Mal, dass Sie es erwähnen. Sie sind achtunddreißig Jahre alt. Ich glaube kaum, dass Sie das fürs Altersheim qualifiziert.“

Diesmal war sie zu weit gegangen. Er ließ den Stuhl nach vorn kippen, und seine bisher passive Miene wurde geradezu bedrohlich. Sally fragte sich erstmals, ob sie die Situation wirklich im Griff hatte.

„Woher wissen Sie, dass ich achtunddreißig bin?“, fragte Diamond.

„Einfach. Als ich beschloss, Sie zu engagieren, habe ich Sie überprüfen lassen.“

Er setzte sich verblüfft zurück. „Sie haben mich überprüfen lassen? Warum zum Teufel, heuern Sie Privatdetektive an, um einen Privatdetektiv ausforschen zu lassen?“

„Ich habe Sie nicht ausforschen lassen. Ich habe lediglich bei der Lizenzierungsbehörde nachgefragt, ob Sie seriös sind.“

Er schien ihr zu glauben. Jedenfalls nannte er sie nicht sofort eine Lügnerin. „Und wieso widerfährt mir die Ehre, von Ihnen ausgewählt zu werden? Ich mache keine Werbung an Bussen oder Parkbänken.“

„Aber Sie stehen in den Gelben Seiten.“

Er sah sie an. „Die Gelben Seiten“, wiederholte er. „Allein in denen der Bay Area stehen über zweihundert Privatdetektive. Warum ich?“

„Ist das nicht offensichtlich?“, gab sie fröhlich zurück.

„Für mich nicht.“

„Ihr Name. Er klingt wie der eines Privatdetektivs.“ Sie lächelte. „Als ich ihn sah, wusste ich, Sie sind genau der Richtige für den Job. Ich meine, warum sollte ich jemanden wie Edwin Brunce oder Liebowitz, Inc., anheuern, wenn es jemanden namens James Diamond gibt?“

Er schüttelte den Kopf. „Ärger“, murmelte er und drückte die Zigarette aus, ohne sich die Nächste anzustecken. „Einfach nur Ärger. Warum erzählen Sie mir nicht von Ihrer Schwester, damit ich Sie ein für alle Mal loswerde?“

„Das wird nicht so einfach.“ Sie schwang sich vom Schreibtisch. Er hatte ihre Beine lange genug bewundert. Der Rest von ihr war eigentlich nicht sein Stil. Ein hart gesottener Privatdetektiv wie Diamond wusste eine Porzellanhaut, seidig schwarzes Haar, strahlend blaue Augen und eine wohl gerundete Figur sicher nicht zu schätzen. Wahrscheinlich stand er eher auf schlanke Frauen mit platinblondem Haar. „Wie ich schon sagte, Sie sollen meine Schwester finden.“

„Und was ist Ihrer Schwester passiert, und warum kann die Polizei Ihnen nicht helfen, und was zum Teufel tun Sie da?“

„Ich koche Kaffee“, erwiderte sie unbeschwert, obwohl sie nicht recht wusste, wie man mit einem Elektrokessel umging. „Und bei der Polizei war ich nicht.“

„Warum nicht?“

„Es ist eine Familiensache. Meine Schwester … genauer gesagt, Lucy ist meine Halbschwester. Meine Mutter hat drei Ehemänner verschlissen, und leider war Lucys Vater der Einzige ohne Geld. Jedenfalls hat Lucy sich mit einem unsympathischen Typen eingelassen und ist mit etwas verschwunden, das sie nicht hätte mitnehmen dürfen. Ich muss sie zurückholen, den Gegenstand zurückstellen, bevor sein Fehlen bemerkt wird, und ihren Freund loswerden. Eigentlich ist alles ganz einfach.“

Er starrte sie an, mit widerwilliger Faszination. „Einfach“, murmelte er. „Ich soll diesen Freund umbringen?“

Sie lächelte. „Das kommt für Sie wohl nicht infrage, was? Es würde die meisten Probleme lösen.“

„Es kommt nicht infrage.“

Sie füllte klumpigen Pulverkaffee in zwei Wegwerfbecher. „Habe ich auch nicht erwartet. Wir werden uns etwas anderes ausdenken müssen.“ Sally goss kochendes Wasser ein, stellte den Kessel zurück und reichte Diamond einen der Becher. „Trinken Sie Ihren Kaffee, und ich erzähle Ihnen Einzelheiten über meine Schwester.“

Er starrte auf das klumpige Pulver, das wie Nuggets auf dem heißen Wasser trieb. „Ich brauche Milch und Zucker.“

„Machen Sie sich nicht lächerlich. Ein Mann wie Sie trinkt ihn schwarz“, sagte sie und ließ sich auf das altersschwache Sofa fallen. Trotz der tiefen Kuhle in der Mitte war es überraschend bequem.

„Ein Mann wie ich trinkt ihn mit Milch und Zucker.“

Sie erwiderte nichts. Sie hatte nachgesehen. Im Zuckertopf krabbelten Ameisen. Der Kaffeeweißer war ein einziger Klumpen. „Lucy ist seit fünf Tagen verschwunden. Ich schätze, uns bleiben noch weitere fünf Tage, bis die Bombe platzt.“

„Was passiert in fünf Tagen?“

„Mein Vater kehrt aus Asien zurück, stellt fest, dass seine geliebte Chinafigur fehlt, und rastet aus. Er ist ein strenger Mann. Ihm ist egal, ob meine Schwester die Schuldige ist. Ihm wäre es auch egal, wenn ich die Schuldige wäre. Er hat einen biblischen Sinn für Gerechtigkeit, und Lucy würde hinter Gittern landen. Lucy würde das Gefängnis nicht überleben.“

„Sie würden sich wundern, wie viele Menschen es überleben“, entgegnete Diamond und nippte an seinem schwarzen Kaffee.

„Lucy nicht. Sie ist anders als ich. Sie ist flatterhaft, unpraktisch, etwas dumm.“

„Anders als Sie“, murmelte er trocken. „Ich wette, sie redet auch zu viel.“

Sally nickte. „Unaufhörlich. Eigentlich wundert es mich, dass Vinnie es mit ihr aushält. Ich habe ihn immer verrückt gemacht und …“ Ihr Mundwerk war mal wieder mit ihr durchgegangen.

„Sie waren mal mit dem unsympathischen Typen Ihrer Schwester liiert?“

Sally überlegte, ob sie lügen sollte, ließ es aber bleiben. „Ich war mit ihm verlobt. Bis ich feststellte, dass er mehr an der Sammlung meines Vaters als an mir interessiert war. Ich habe ihm einen Tritt gegeben. Und dann hatte Lucy plötzlich Sterne in den Augen, und die Figur war verschwunden. Kurz darauf waren auch Lucy und Vinnie verschwunden. Vater ist auf dem Weg nach Hause, und ich muss etwas unternehmen.“

„In fünf Tagen“, sagte Diamond nachdenklich. „Ich nehme an, Sie haben keine Idee, wohin die beiden sind?“

Sie setzte sich auf. „Natürlich habe ich eine. Ich erwarte nichts Unmögliches. Ich habe eine ziemlich genaue Idee, wohin sie sind, ich weiß bloß nicht, wie ich den Ort finde.“

„Aber Sie lassen mich Ihre Idee wissen?“

„Noch besser. Ich begleite Sie.“

„Nein, das tun Sie nicht. Wenn ich diesen Job übernehme, erledige ich ihn allein.“

„Machen Sie sich nicht lächerlich. Sie würden Lucy nie dazu bringen, nach Hause zu kommen und sich der Gnade Vaters auszuliefern. Sie werden genug mit Vinnie zu tun haben. Habe ich erwähnt, dass Vinnie Beziehungen hat?“

„Was für Beziehungen?“

„Organisiertes Verbrechen. Das ist ein weiterer Grund, weswegen ich Sie ausgesucht habe. Sie waren einmal bei der Polizei. Sie müssen mit Tausenden von Gangstern fertig geworden sein.“

„Tausenden“, stimmte Diamond leise zu.

„Also wissen Sie genau, wie Sie ihn loswerden können, auch ohne ihn umzubringen. Ich überrede Lucy, nach Hause zu kommen, und alles wird absolut wundervoll.“

„Bis auf eins.“ Er holte eine zerknüllte Zigarettenschachtel heraus, steckte sich eine an und blies den Rauch in Sallys Richtung.

Sie hüstelte bedeutungsvoll. „Und das wäre?“

„Ich übernehme den Fall nicht.“

Sie starrte ihn verblüfft an. Diese Sache war weit schwieriger, als sie erwartet hatte. Humphrey Bogart lehnte keine Fälle ab, schon gar nicht, wenn Lauren Bacall ihre langen Beine von seinem Schreibtisch baumeln ließ. Natürlich war Sally keine Lauren Bacall. Und James Diamond zu jung und selbst unter den Stoppeln zu gut aussehend, um der große Bogey zu sein. Aber er war ein Anfang. Wenn er doch bloß nicht so verdammt widerspenstig wäre!

„Warum nicht?“, fragte sie.

Er zögerte nicht. Er war nicht der Typ, der zögerte. „Weil Sie mich anlügen.“

„Das tue ich nicht …“, begann sie erregt.

„Dann erzählen Sie mir nicht die ganze Wahrheit. Und ich laufe nicht mit verbundenen Augen herum, Lady. Ich weiß, wann jemand etwas verschweigt. Wie heißen Sie übrigens?“

„Wie ich heiße?“ Ihr Verstand lief auf Hochtouren. Sie hatte gehofft, von ihm eine Zusage zu bekommen, ohne in all die unschönen Details gehen zu müssen. Wenn er den Fall wirklich nicht übernehmen würde, und danach sah es aus, wäre es besser, wenn er ihren Namen nicht kannte.

„Ihr Name, Lady“, sagte er und stand auf. Für Sam Spade oder Philip Marlowe war er zu groß, aber er sah in dem zerknitterten Anzug und mit dem unrasierten, viel zu attraktiven Gesicht schäbig genug aus.

„Bridget O’Shaugnessy“, erwiderte sie, blieb aber auf der Couch sitzen. Wenn er sie loswerden wollte, musste er sie schon hinauswerfen. „Ich bin Kostenanalystin bei Wells Fargo.“ Sie hatte keine Ahnung, was das war, aber es klang beeindruckend.

James Diamond hatte den Schreibtisch umrundet und kam bedrohlich auf sie zu. „Bridget O’Shaughnessy, ja? Welche Filiale von Wells Fargo?“

Sally blinzelte. „Die in der Innenstadt“, antwortete sie.

Er griff nach unten, packte ihre Hand und riss sie hoch. „Sicher, Lady. Aber mein Name ist James Diamond, nicht Sam Spade, und ich glaube Ihnen kein Wort. Und jetzt nehmen Sie Ihren hübschen Nobelhintern …“ Er schob sie zur Tür. „Und verschwinden Sie, bevor ich echt unangenehm werde.“

Sie wehrte sich, so gut sie konnte, aber er war kräftig, und keine ritterlichen Skrupel hinderten ihn daran, ungebetene Besucherinnen loszuwerden. „Aber was wird aus meiner Schwester?“, fragte sie.

„Gehen Sie die Gelben Seiten wieder durch. Vielleicht finden Sie ja einen Philip Marlowe.“ Und damit schob er sie auf den Korridor und knallte die Tür hinter ihr zu.

Sally stand da und hörte, wie abgeschlossen wurde. Am liebsten hätte sie mit der Tasche die ohnehin kaputte Rauchglastür zertrümmert. Sie hatte das erste Scharmützel verloren, zweifelte jedoch nicht daran, dass sie ihn noch herumbekommen würde. Die Leute widerstanden ihr höchst selten, wenn sie sich etwas vorgenommen hatte. Und bei James Diamond hatte sie das. Sie hoffte nur, dass sie ihn rechtzeitig überzeugen würde.

2. KAPITEL

James Michael Diamond war alles, was ein Privatdetektiv sein sollte. Aufgewachsen in einer turbulenten irischen Familie in Boston, hatte er ein Stipendium für die Universität von Berkeley bekommen und war an der Westküste geblieben. Nach dem Studium war er zur Polizei gegangen, doch seine Ideale hatten der Realität nicht lange standgehalten. In den 70ern waren Berkeley-Absolventen bei der Polizei nicht sehr willkommen, und sein loses Mundwerk hatte ihm so manche Tracht Prügel eingebracht.

Fünfzehn Jahre im Dienst waren mehr als genug gewesen. Jedenfalls genug, um ihn so verdammt zynisch zu machen, dass er nicht einmal dem Papst vertraut hätte. Genug, um ihn so ausgebrannt zu machen, dass die Frage nicht lautete, ob er explodieren würde, sondern wann. Nachdem Kaz gestorben war, überlegte er, ob er weiterstudieren solle, um die Welt zu retten und eine Menge Geld zu verdienen. Oder ob er sich als Privatdetektiv niederlassen und noch tiefer in den Sündenpfuhl geraten sollte, an dessen Ufer er Monat für Monat herumgewatet war.

Die Welt war es nicht wert, gerettet zu werden, und die Dinge, die man mit Geld kaufen konnte, interessierten ihn nicht. Aber eins konnte er: Die Wahrheit hinter Lügen herausfinden. Und warum sollte er ein solches Naturtalent verschwenden? Er war für niemanden mehr verantwortlich. Seine Frau hatte sich sieben Jahre zuvor mit dem gemeinsamen Sparbuch abgesetzt und war längst wieder verheiratet.

Das mit Kaz war eine andere Sache. Sie waren jahrelang Partner gewesen, und mit Kaz war auch ein Stück von James gestorben. Wäre er doch erschossen worden! Dann hätten Marge und die Kinder wenigstens mehr Geld bekommen. Und James’ Leben hätte einen Sinn gehabt. Er hätte einen Mörder jagen und zur Strecke bringen können.

Doch sein bester Freund hatte eine Streptokokken-Infektion erwischt. Keine drei Tage, und er war daran gestorben. Und James hatte nichts anderes tun können, als in eine Flasche zu kriechen und sich dort zu verstecken.

Als er wieder herauskroch, fühlte James sich um Jahrzehnte gealtert, und die schäbige Hubbard Street kam ihm vor wie ein Zuhause. Er bekam die Trinkerei wieder unter Kontrolle, bis auf die eine oder andere durchzechte Nacht. Er rauchte zwar noch wie ein Schlot, aber es gab niemanden, der sich darüber hätte beschweren können.

Bis auf die Yuppie-Type vorhin. Solchen Leuten traute er nicht. Die Leute suchten sich nur dann jemanden aus diesem Teil der Stadt, wenn sie etwas Unsauberes erledigen lassen wollten. Aber dieser Bridget war durchaus abzunehmen, dass sie seinen Namen aus den Gelben Seiten hatte. Er hätte nicht geglaubt, dass heutzutage noch jemand Dashiell Hammett oder Raymond Chandler las.

Er beschloss, den Job zu nehmen, wenn er bis fünf Uhr nicht herausgefunden hatte, wer und was diese sogenannte Bridget O’Shaugnessy war. Um Viertel nach sieben lenkte er seinen klapprigen VW-Käfer über das Anwesen der MacArthurs und fluchte vor sich hin.

Sally machte mit ihrem Alfa Romeo eine Gewaltbremsung vor der imposanten Villa ihres Vaters, rannte hinein, streifte sich in der marmornen Eingangshalle die Schuhe ab und raste in gewohnt halsbrecherischem Tempo in die Küche.

Jenkins saß am Tisch, ohne die Butler-Jacke, mit aufgekrempelten Ärmeln, und polierte das Silber. Er sah nicht auf. Er arbeitete lange genug für die MacArthurs, um zu wissen, dass nur Sally wie ein Wirbelwind durch die ehrwürdigen Gemäuer stürmte.

„Schon etwas gehört?“, fragte sie atemlos.

„Nichts, Miss. Haben Sie etwas erwartet?“ Jenkins konzentrierte sich auf die Kaffeekanne, aber Sally ließ sich nicht täuschen. Er war ebenso besorgt wie sie. Jenkins und Sally hatten sich um Lucy gekümmert, seit ihre Mutter sie bei einer ihrer alljährlichen Weltreisen in San Francisco deponiert und nicht wieder abgeholt hatte.

„Man sollte die Hoffnung nie aufgeben.“ Sally setzte sich zu Jenkins, schnappte sich ein Poliertuch und griff nach dem silbernen Sahnekännchen. „Mit James Diamond ist es nicht sehr gut gelaufen.“

„Ich habe ohnehin nicht verstanden, warum Sie ausgerechnet ihn engagieren wollten. Wären wir mit Blackheart, Inc. oder einer der großen Detekteien nicht besser bedient?“

„Die größeren Detekteien würden Vater informieren, das wissen Sie. Außerdem weiß ich, dass James Diamond der Richtige für uns ist. Sie hätten sein Büro sehen sollen, Jenkins. Wie etwa aus einem Film der 30er. Und er passt hinein. Fast jedenfalls. Er müsste nur etwas älter sein. Und keine Sportschuhe tragen.“

„Wenn er den Fall nicht übernimmt, spielt das keine Rolle mehr, nehme ich an. Wen wollen Sie jetzt fragen?“

„Er übernimmt den Fall, Jenkins. Ich habe ihn nur noch nicht dazu überreden können“, sagte Sally.

Jenkins sah von der Kaffeekanne hoch. Seine Miene war ernst. „Wir haben nicht viel Zeit, Miss.“

„Ich weiß, Jenkins, ich weiß. Ich muss nur noch meinen nächsten Angriff auf den missmutigen Mr Diamond planen.“ Sie stellte das Sahnekännchen hin und griff nach dem Zuckertopf.

„Ich wünschte, ich hätte Ihre Zuversicht.“

Sally grinste. „Ehrlich gesagt, ich auch.“

Jenkins wandte den Kopf, als die Alarmanlage einen elektronischen Piepton von sich gab. Seufzend stand er auf, um sich die Hände zu waschen. Jemand ist gerade aufs Anwesen gefahren.“

Sally sprang auf. „Ich sehe nach, wer es ist.“

„Ihr Vater hat nicht ohne Grund ein Vermögen für diese Alarmanlage ausgegeben, Miss Sally. Seien Sie nicht so unvorsichtig, die Tür zu öffnen, ohne vorher auf den Monitor zu schauen.“

Sie grinste. „Ich verspreche es.“ Sie eilte in die Halle. Das Haus steckte voller Alarmanlagen und Überwachungskameras. Jenkins würden jeden Besucher im Auge behalten können. Nur in ihrem Bad und Schlafzimmer nicht. Und es gab niemanden, den sie mit nach oben in ihr Schlafzimmer nehmen würde. Schon gar nicht James Diamond.

Noch bevor sie die Tür öffnete, ohne vorher auf den kleinen Bildschirm zu sehen, wusste Sally, dass es Diamond war. Sie postierte sich im Eingang und beobachtete mit leicht gerunzelter Stirn, wie sein klappriger VW vor dem Haus hielt.

Er entfaltete seine lange Gestalt aus dem kleinen Wagen und kam die breiten Marmorstufen herauf. „Sie scheinen nicht überrascht zu sein, mich zu sehen“, sagte er mit seiner tiefen Stimme, die sich ungemein sexy anhörte.

„Sie sind Privatdetektiv. Wenn Sie meine schlichte Tarnung nicht durchschaut und mich nicht gefunden hätten, wären Sie es nicht wert, von mir engagiert zu werden.“

„Schlicht ist die richtige Bezeichnung. Glauben Sie etwa, ich hätte ‚Die Spur des Falken‘ nie gelesen?“

Sie ließ den Blick an ihm hinabwandern. Er trug dieselben Sachen wie vorhin – einen dunklen, zerknitterten Anzug, eine locker sitzende, extravagante Krawatte und die verdammten Sportschuhe. Noch immer kein Hut, aber nicht schlecht. „Sie haben ‚Die Spur des Falken‘ gesehen“, bestätigte sie. „Sonst wären sie nicht so dicht dran.“

„An was?“

„An dem klassischen hart gesottenen Privatdetektiv“, sagte sie. „Ich habe es Ihnen schon erklärt: Genau deshalb habe ich Sie engagiert. Ich wünschte nur, ich wüsste, welchen Wagen Sie fahren sollten. Der Käfer passt einfach nicht.“

„Sie haben mich nicht engagiert, ich habe den Fall noch nicht übernommen. Und was haben Sie gegen meinen Wagen? Ich fahre den, den ich mir leisten kann, und das ist eben ein 1974er Superkäfer mit wegrostendem Boden.“

„Natürlich habe ich Sie engagiert“, sagte Sally mit gelassener Selbstsicherheit. „Warum hätten Sie sonst herkommen sollen? Vor fünfzig Jahren wäre ein schwarzer Packard ideal gewesen, aber heute …“

„Nein, wäre er nicht. Der Packard war ein Luxuswagen. Kein Privatdetektiv, der etwas auf sich hielt, hätte einen gefahren. Philip Marlowe fuhr einen Chrysler.“

Sie vergaß den Mund zu schließen. „Diamond, ich liebe Sie“, sagte sie und ging auf ihn zu. Jeder Mann, der Philip Marlowe versteht …

Er hob abwehrend den Arm. „Bleiben Sie auf Distanz, Miss MacArthur. Ich bin nicht hergekommen, um Ihre abartigen Sexualträume zu erfüllen.“

Die Worte stoppten sie wirkungsvoller als der Arm. Lauren Bacall hätte Humphrey Bogart eine Ohrfeige verpasst, aber Bogey hätte sie erwidert. Und James Diamond auch. Sally beschränkte sich auf einen eisigen Blick. „Meine Träume sind weder abartig noch sexuell. Wenn überhaupt, dann neige ich zur Romantik, aber Sie sind nicht hier, um mein Bett zu füllen. Sie sind hier, um meine Schwester zu finden.“

„Falsch. Ich bin hier, um Ihnen zu sagen, dass ich den Job noch immer nicht übernehme.“

Ihre Verärgerung legte sich schlagartig. Die Situation machte ihr Spaß. Sally lehnte sich an den Türrahmen, legte ein langes Bein über das andere. Sie sah, wie sein Blick kurz nach unten zuckte, dann nach oben über ihre Schulter. Also war er doch nicht so immun, wie sie gedacht hatte. Es gab durchaus noch Hoffnung.

„Gibt es einen besonderen Grund, weswegen Sie den weiten Weg hierher gemacht haben, nur um mir das mitzuteilen? Sie hatten den Job doch schon so gut wie abgelehnt, als Sie mich aus Ihrem Büro warfen. Dachten Sie, ich hätte es nicht kapiert?“

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