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Aufrecht, mutig und bescheiden

Luise Wegscheider – geboren während der Berliner Blockade 1949 – ist eine Verwandte von Hildegard Wegscheider. Die Autorin lebt nach 40 Jahren Tätigkeit als Studienrätin im Ruhestand in ihrer Heimatstadt.

Unter dem Pseudonym „Vera Wendt“ veröffentlichte sie zwei Romane: „Ilona – verführt zur Stasi-Agentin in Bonn“ (2015) und „Nicht nur am Leben bleiben“ (2020).

Luise Wegscheider

Aufrecht, mutig und bescheiden

Hildegard Wegscheider - Kämpferin für Frauenrechte und Bildung

Inhalt

Vorwort

Bebel im Pfarrhaus

Endlich studieren!

Preußens erste Abiturientin

Fräulein Doktor

Berlin - Lehren und heiraten

Schule und Sittlichkeit

Agitation

Scheidung und Neuanfang

Oberlehrerin in Bonn

1918 - Ende und Anfang

Landtagsmandat – Versailles

Neue Aufgaben, Inflation

Schule gestalten

Silberhochzeit

Noch ein Tod, Preußenschlag

1933

Überleben in der Diktatur

Die große Dunkelheit

Nach dem Krieg

Epilog

Vorwort

Mit Hildegard Wegscheider verbinden mich der Nachname, die Familienzugehörigkeit und der Beruf. Sie war die erste Frau meines Großvaters Dr. Max Wegscheider. Dieser heiratete nach der Scheidung (1906) meine Großmutter Martha. Die Kinder aus beiden Ehen machten mit ihrem Vater regelmäßig Urlaub an der Ostsee und betrachteten sich Zeit ihres Lebens als zusammengehörig. Das Wort „Halbbruder“ kam nicht vor. Diesen Familiensinn gaben sie weiter an unsere Generation.

„Öhmi“ starb, als ich vier Jahre alt war. Eigene Erinnerungen an sie habe ich nicht. Im Elternhaus wurde herzlich und anerkennend über sie gesprochen. Zwischen ihr und meiner Mutter gab es offenbar in der Nachkriegszeit, als der Vater noch in Gefangenschaft war, ein enges Verhältnis. Ihr Sohn war für meinen Bruder und mich unser Onkel Klaus. Er kam nach Öhmis Tod selten nach West-Berlin, weil er die Fahrt über die Interzonenstrecken meiden wollte. Wir besuchten ihn gelegentlich in Merxhausen, einem hessischen Dorf, wo er ein psychiatrisches Krankenhaus leitete. Er und seine Familie gehörten zum Verwandtenkreis, zu dem unser Vater regen Kontakt pflegte.

Auf die Idee, über Öhmis Leben zu schreiben, kam ich bei den Vorarbeiten zu meinem letzten Buch, das sich an den Briefen meiner Eltern orientierte. Mit Hildegard war nicht viel Korrespondenz vorhanden, vermutlich wurde eher telefoniert. Doch die Nachrufe und Zeitungsartikel fand ich spannend. Ihr Buch „Weite Welt im engen Spiegel“, das posthum 1953 im Arani-Verlag erschien, umfasst 84 Seiten in kleinem Format. Es wurde von der Journalistin Susanne Suhr zusammengestellt. Die einzelnen Kapitel erschienen ursprünglich als Fortsetzung in der Tageszeitung „Telegraf“, damals eine beliebte Form der Veröffentlichung. Die Kapitel folgen dem Lebenslauf bis zum 75. Geburtstag 1946.

Das Buch wurde jahrelang an die Abiturientinnen der nach ihr benannten Schule in Berlin-Grunewald verteilt, jedoch später nicht mehr nachgedruckt. Der Verlag stellte nach mehrmaligem Besitzerwechsel seine Aktivitäten ein, sodass das Büchlein nur noch antiquarisch zu erhalten ist. Für heutige Schüler dürfte es nicht so einfach zu lesen sein. Die historischen Zusammenhänge sind ihnen nicht mehr so präsent wie den Menschen vor 70 Jahren und viele der erwähnten Personen können sie nicht mehr einordnen. Ich nahm es deshalb als Leitfaden und versuchte, historische Zusammenhänge deutlich zu machen und Hildegards Persönlichkeit zu betonen.

Die Recherche gestaltete sich aus mehreren Gründen schwierig. Einer von Hildegards Charakterzügen war die ausgeprägte Bescheidenheit. So hielt sie es nicht für nötig, über das Sonntagsfrühstück, das für viele Menschen in der Nazi-Zeit hilfreich und rettend war, zu schreiben. Noch dazu fielen wesentliche Teile der Korrespondenz und der Akten Bombenangriffen zum Opfer oder gingen im Chaos der Nachkriegszeit verloren.

Ein unerwartetes Hindernis kam durch die Pandemie hinzu. Bibliotheken und Archive stellten einen Teil ihrer Aktivitäten ein, die Kommunikation beschränkte sich auf das digital Mögliche. Dabei erwies es sich als großer Vorteil, wenn Bestände bereits digitalisiert waren, wie z. B. die Ausgaben des „Vorwärts“ bis 1933.

Hildegard Wegscheider hatte ein ereignisreiches Leben mit einer sehr großen Zahl von Kontakten. Der Versuch, es in Gänze darzustellen, würde scheitern. So gilt es sich zu beschränken. Die einzelnen Kapitel stellen nur Ausschnitte dar, eine Art „Lebensbilder“.

Alle Szenen und Gespräche sind fiktiv. Wörtliche Zitate aus Hildegards Buch erscheinen kursiv. Bei anderen Zitaten werden die Quellen im Text oder in Fußnoten genannt. Sie sind durch eine andere Schrifttype gekennzeichnet.

Dankbar bin ich für die Unterstützung durch Familie, Freunde und Bekannte, allen voran mein Cousin Jens Wegscheider, der heute 85jährig in den USA lebt. Er ist ein Enkel von Hildegard, vermutlich der letzte Zeitzeuge, der sie noch persönlich gekannt hat.

Das Verdienst meiner Schreibgruppe, bestehend aus Leiterin Heidi von Plato, Susanne Rüster und Gisela Witte-Bauer, war es, konstruktive Kritik zu üben und die richtigen Fragen zu stellen. Unsere Zusammenarbeit hat sich schon zwanzig Jahre bewährt – danke!

Für wesentliche Hilfe und kompetente Kritik danke ich meinem Grafiker Christopher Wehnl, Sabine Brünig und Karsten Schulze. Wichtige Hinweise erhielt ich von Dr. Heike Christina Mätzing und Hilde Schramm. Die Friedrich-Ebert-Stiftung half mit Unterlagen aus ihrem Archiv.

Hildegard Wegscheider erschien fast vergessen. Doch zu ihrem 150. Geburtstag, dem 2. September 2021, wird eine Briefmarke herausgegeben.

Bebel im Pfarrhaus

Das Schlafzimmer der Eltern war kein Ort, den Hildegard aufzusuchen pflegte. Es roch dort anders als in den anderen Zimmern des Pfarrhauses, trockener, reinlicher. Die Ordnung, die im ganzen Haus herrschte, schien hier besonders ausgeprägt. Außer den beiden schlichten, dunklen Holzbetten und den Nachttischen gab es eine Wand mit Schränken, alles nüchtern und schmucklos, wie es sich für die Familie eines protestantischen Geistlichen gehörte. Dennoch schien dort die Aura des Besonderen zu herrschen, die Hildegard und ihre beiden jüngeren Schwestern als einschüchternd empfanden. Sie betraten das Zimmer nicht ohne Anlass.

Der 2. September war ein besonderes Datum, hatten doch 1870 die vereinigten deutschen Truppen das französische Kaiserreich in der Schlacht von Sedan besiegt. Hildegard war ein Jahr später zur Welt gekommen und beging ihren Geburtstag immer an einem populären Feiertag. Eine ihrer Patentanten hatte den Eltern damals ernsthaft vorgeschlagen, ihre Erstgeborene „Sedania“ zu nennen. Die Eltern fanden einen solchen Gedanken absurd. Schon von ihrer christlichen Einstellung her wäre die Namensgebung nach einer Schlacht nicht infrage gekommen.

Im August 1888 suchte Hildegard ein blaues Band für einen neuen Rock, den sie für ihren 17. Geburtstag in zwei Wochen nähen wollte. Seit die Nähmaschine Einzug ins Haus gehalten hatte, machte Nähen Hildegard mehr Spaß, obwohl das Treten des gusseisernen Pedals alle ihre Kräfte erforderte. Schon seit Jahren trug sie lange Röcke, deren Stoffbahnen mühsam zu bewältigen waren. Die kurzen Kleider, die nur bis über das Knie reichten, waren Mädchen vorbehalten.

Sie hatte vergessen, ihre Mutter nach dem Band zu fragen, als diese das Haus verließ, um sich um die Mühseligen und Beladenen der Gemeinde zu kümmern. Aber sie wusste, dass in einem der Schränke eine Schachtel mit Bändern verschiedener Farben aufbewahrt wurde, und glaubte sich zu erinnern, dass man ein Jahr vorher von einem alten blauen Rock eines abgetrennt hatte.

Sie betrat das Schlafzimmer, fand auch sofort die Schachtel und das Band. Als sie sich umdrehte, um das Zimmer zu verlassen, fiel ihr Blick auf den Nachttisch ihrer Mutter und ein Buch: „August Bebel: Die Frau und der Sozialismus“. Hildegard wusste, dass der Autor Reichstagsabgeordneter und Vorsitzender der verbotenen Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands war. Für Reichskanzler Bismarck war alles, was nur entfernt nach Sozialismus klang, Teufelszeug und Hochverrat. Deshalb hatte er 1878 die Sozialistengesetze erlassen, die jegliche Aktivitäten sozialistischer Parteien im Deutschen Reich unter Strafe stellten. Die Partei agierte dennoch im Geheimen oder vom Ausland aus. Bebel blieb als persönlich gewählter Abgeordneter Mitglied des Reichstags.

Hildegard trat neugierig an den Nachttisch heran, voller Erstaunen darüber, dieses Buch, dessen Ruhm selbst in ihre schlesische Kleinstadt Liegnitz gedrungen war, an dieser Stelle zu finden. Seit seinem Erscheinen 1879 war es wie alle sozialdemokratischen Schriften offiziell verboten, wurde aber trotzdem in der Schweiz gedruckt und heimlich viel gelesen.

Hildegards Eltern waren erklärte Gegner Bismarcks, was ihre Kontakte in der Kleinstadt einschränkte, denn die Liegnitzer Gesellschaft zerfiel in zwei Teile. Die Beamten der Regierung und die Offiziere des Regiments fühlten sich als Elite, waren sehr konservativ und verehrten Bismarck. Alles, was er sagte, galt als Zeichen höchster Weisheit, was er tat, als Ausdruck entschlossener Tatkraft. Das war in Preußen die Mehrheitsmeinung. Auf der anderen Seite standen die „Liberalen“, wie man sie nannte, die Herren vom Gericht, die Oberlehrer der beiden Gymnasien und einige Geschäftsleute. Sie verstanden sich als Opposition und hatten eine kritische Einstellung gegenüber der Obrigkeit. Die beiden Gruppen hatten wenig Kontakt miteinander. Noch nicht einmal die Kinder gingen gemeinsam zur Schule. Doch liberal hieß nicht sozialdemokratisch oder gar kommunistisch. Dass ihre Mutter sich mit sozialistischem Gedankengut beschäftigte, überraschte Hildegard.

Nun schrieb man das Jahr 1888, der alte Kaiser Wilhelm I war gestorben und man hatte von seinem Nachfolger Friedrich III eine Lockerung der Zensurvorschriften erwartet. Aber der neue Kaiser starb nach nur 99 Tagen und es folgte sein Sohn Wilhelm II, jung, schneidig und konservativ, doch nicht unbedingt ein Freund des alten Bismarck. Es war nicht unmöglich, dass sozialistische Schriften legalisiert werden würden.

Das Buch wog schwer in Hildegards Händen. Es war ein umfangreiches Werk von mehreren Hundert Seiten. Sie setzte sich im Schneidersitz auf den Boden und öffnete es. Schon das Inhaltsverzeichnis weckte ihr Interesse: Von der „Frau in der Vergangenheit“ ging es über die „Frau in der Gegenwart“ zu „Staat und Gesellschaft“ und schließlich zur „Sozialisierung der Gesellschaft“. Hildegard blätterte weiter. Die Gelegenheit war günstig, die Schwestern besuchten eine Freundin, der Vater arbeitete in seiner Studierstube an der nächsten Predigt und die Mutter würde wohl nicht so bald nach Hause kommen. Die ihr aufgetragenen Hausarbeiten hatte Hildegard schon sorgfältig erledigt, denn sie wusste, dass ihre Mutter diese streng zu kontrollieren pflegte. Zumindest für die Einleitung würde die Zeit wohl reichen.

Schon die ersten Seiten enthielten Revolutionäres. Nicht nur, dass Bebel die Gleichberechtigung der Frauen in allen Bereichen forderte, insbesondere was den Zugang zu Berufen und die zivilrechtliche Gleichstellung betraf. Sein Ziel war vielmehr eine Gesellschaftsordnung, deren Grundlage die Befreiung aller Menschen von Abhängigkeiten jeder Art sein sollte, was sowohl die Lösung der „sozialen Frage“ als auch die der „Frauenfrage“ zur Folge haben würde. Ein wahrhaft kühnes Buch!

Hildegard wäre nie auf die Idee gekommen, dass ihre Mutter so etwas las. Dabei wurde im Hause viel gelesen und vor Allem vorgelesen. Abends saßen die Frauen bei ihren Handarbeiten und der Vater las vor, Bücher über das Leben Jesu, über geschichtliche Themen, über Philosophen wie Descartes, Spinoza und Kant. Sie erinnerte sich, dass auch der vor über 10 Jahren verstorbene britische Philosoph John Stuart Mill Thema war, der neben sozialen Reformen ebenfalls die Gleichbehandlung von Mann und Frau und sogar das Wahlrecht für Frauen gefordert hatte. Schon diese Vorstellung kam ihr wie eine philosophische Utopie vor, doch blieb sie im Rahmen der bisherigen Staats- und Gesellschaftsordnung. Bebel dachte weit darüber hinaus.

Hildegard hörte die Stimmen ihrer Schwestern. Schnell legte sie das Buch auf den Nachttisch zurück. Es war ihr klar, dass sie es heimlich lesen musste und mit niemanden darüber reden durfte. Jetzt nur das blaue Band nicht vergessen und hinaus!

In den nächsten Wochen ging sie immer wieder, wenn die Gelegenheit günstig war, ins Schlafzimmer ihrer Eltern, um zu lesen. Die Heimlichkeit ihres Tuns verursachte ihr immer wieder Gewissensbisse, aber die Attraktivität dieses Buches war zu groß. Und sobald sie angefangen hatte zu lesen, war die Neugier da, der Wunsch, möglichst viel aufzunehmen, bis sie Mutter oder Schwestern kommen hörte.

Unter Auslassung der historischen Kapitel traute sie sich an „Die Frau in der Gegenwart“ und deren erstes Unterkapitel „Die Frau als Geschlechtswesen“. Bebel propagierte darin einen „geordneten Geschlechtsverkehr“ als natürliches Recht eines jeden menschlichen Wesens, egal ob Mann oder Frau. Hildegard hatte nur diffuse Vorstellungen von diesem Thema und so blieb ihr manches unklar. Sie hoffte auf die folgenden Kapitel, in denen es um „Die moderne Ehe“, „Zerrüttung der Familie“ und „Die Ehe als Versorgungsanstalt“ ging.

Schon aus den Titeln ging hervor, dass Bebel die Institution der Ehe kritisch sah. Sie wurde, meinte er, selten aus Liebe, sondern aus Gründen der Versorgung oder des gesellschaftlichen Status geschlossen, was er als Heuchelei bewertete. Das Ansteigen der Scheidungszahlen sah er als Beweis dafür an. Hildegard wusste zwar, dass es die Möglichkeit der Scheidung seit der Einführung der Zivilehe 1875 gab, doch kannte sie keine Geschiedenen oder Paare, die daran dachten. Der Gedanke, dass ihre Eltern getrennt voneinander leben könnten, erschien ihr grotesk. Sie hatte ihre Mutter auch nie als Abhängige oder gar Sklavin ihres Mannes erlebt. Eher erschien es ihr umgekehrt, dass der Vater, dem der Alltag fremd war, der sich jedoch viel mit seinem Gott besprach, ohne den praktischen Sinn und die wirtschaftliche Vernunft seiner Frau verloren gewesen wäre. Nein, Bebels pessimistische Sicht der Ehe kam in ihrem Umfeld nicht vor.

Anders war es mit ihrer eigenen Erziehung. Sie stellte fest, dass die Beschreibung als „Produkt der hilflosen bürgerlichen Erziehungsarbeit an jungen Mädchen“, die für den Heiratsmarkt vorbereitet wurden, allenfalls nebenbei eine Ausbildung machten, auch auf sie selbst zutraf, allerdings nur teilweise. Ihre Eltern hatten immer sehr viel Wert auf Bildung und Lernen gelegt, und dieses Ziel bei ihr noch mehr als bei ihren Schwestern mit großer Strenge durchgesetzt. Der Satz: „Du bist sehr begabt, Du musst die Beste in der Klasse sein“ hing drohend über ihrer Schulzeit. Als sie dagegen protestierte und einmal keine Höchstleistungen erreichte, bekam sie am Heiligen Abend keine Geschenke und wurde noch dazu ermahnt, die feierliche Stimmung der anderen nicht zu stören. Am nächsten Tag folgte dann für sie eine großzügige Bescherung. Dennoch blieb das Gefühl, sich die Liebe zumindest der Mutter immer wieder durch gute Leistungen verdienen zu müssen.

Die Eltern scheuten keine Mühen und keine Ausgaben für Bildung und Ausbildung der drei Töchter. Jahre später als Erwachsene würde sie sich fragen, wie sie das finanziell geschafft hatten. Nach der Schule war sie ein Jahr lang in zwei Mädchenpensionaten in Lausanne gewesen, in denen sie sich unwohl fühlte. Im ersten sollte sie durch tägliche Gebete auf den Knien zu extremen Religionsvorstellungen „bekehrt“ werden, was im Gegensatz zur Heilsgewissheit ihres Vaters stand. Sie hatte gelernt, dass die Hölle durch Christus besiegt war und es keinen Grund zur Furcht davor gab. Auch der Hunger, der sie dort ständig quälte, erschien ihr wenig christlich. Das zweite Pensionat war weltlich geprägt, doch wurde ständig am Benehmen herumgemäkelt. Für ihre Französischkenntnisse hatte der Aufenthalt aber viel gebracht und sie hatte die Bergwelt der Schweiz kennen und lieben gelernt.

Seit ihrer Rückkehr waren die häuslichen Arbeiten dran: Nähen, Kochen, Wäsche besorgen, außerdem die höhere Bildung: Gesang-, Klavier- und Malstunden. Tanzen mussten sie und ihre Schwestern natürlich auch lernen, um am geselligen Leben der Kleinstadt mit gegenseitigen Einladungen teilhaben zu können. Das machte Hildegard bei Weitem mehr Spaß und brachte Kontakte zum anderen Geschlecht. In ihrem Leben hatte es bisher nur den Vater als Repräsentanten der Männlichkeit gegeben. Drei kleine Brüder waren als Kleinkinder gestorben, in den Schulen wurde streng nach Geschlechtern getrennt, allenfalls die jungen Kandidaten der Theologie brachten männliche Energie ins Haus. Hildegard hielt jeden studierten Mann für eine Quelle der Weisheit und verwickelte ihn in Gespräche über philosophische und andere Themen. Dieses intellektuelle Interesse erschwerte es ihr oft, bei Gesellschaften einen Tischherrn oder Tanzpartner zu finden.

Hinzu kam, dass sie sich nicht als besonders attraktiv empfand. Mit ihrem dünnen Haar waren die Frisuren der aktuellen Mode schwer herzustellen, weil der Haarknoten, der oben auf dem Kopf thronte, wegen mangelnder Stabilität dazu neigte, sich aufzulösen. Ihre Figur erschien ihr zu schlank und die Gesichtszüge zu streng. Solche Gedanken waren im Pfarrhaus kein Thema, denn es kam auf die inneren Qualitäten eines Menschen an. Aber Hildegard dachte, dass sie mit ihren Altersgenossinnen nicht konkurrieren konnte, was das Äußere betraf.

Die Erziehung von Mädchen beruhte meistens auf dem typischen bürgerlichen Bildungskanon, einer Ausbildung für die Ehefrau und Mutter, die gerade so viel Bildung besaß, dass sie auf Gesellschaften repräsentieren konnte und den Ehemann nicht allzu sehr langweilte. Hildegard wusste, dass das zu wenig für sie war. Ihr Geist brauchte Nahrung, neue Gedanken, Aufgaben. Wenn sie als Junge geboren worden wäre, hätte sie Abitur machen und ein Studium anstreben können, aber all das war Frauen verwehrt. Intellektuelle Interessen galten als eher hinderlich für den Heiratsmarkt.

Zum Glück hatte sie äußerst liberale Eltern, die sich nie dafür interessiert hatten, was die Nachbarn dachten. Sie standen jeglichen Bildungsgedanken aufgeschlossen gegenüber, sogar so modernen wie einer Berufsausbildung für ihre Töchter. Beide kamen aus liberal gesinnten Elternhäusern. Der Bruder der Mutter war Kaufmann, wurde später linksliberaler Reichstagsabgeordneter und sogar dessen Präsident.1 Hildegards Mutter, ihre Großmutter und ihre Tante hatten ihr Lehrerinnenexamen gemacht und dadurch eine gewisse Selbständigkeit erlangt. Doch diese Tätigkeit hatten sie mit der Heirat aufgeben müssen, denn verlobte oder verheiratete Lehrerinnen waren undenkbar. Das hieß natürlich nicht, dass die Frauen nicht arbeiteten, denn die ganze Sorge für Kinder und Haushalt hing an ihnen. Ihre Mutter trug trotz ererbter Kurzsichtigkeit durch Weißstickerei zum Familieneinkommen bei, aber das galt nicht als Beruf.

Hildegard setzte ihre Lektüre dieser revolutionären Schrift über mehrere Wochen fort, wobei die immer kürzer werdenden Tage ein zunehmendes Hindernis darstellten. Die Kapitel über „Staat und Gesellschaft“ und die „Sozialisierung der Gesellschaft“ regten sie an, weitere philosophische Schriften aus der Bibliothek des Vaters zu lesen. Schließlich gewannen in ihren Gedanken die Ideen „die Philosophen die Übermacht über die Evangelien“. Der Bebelsche Zukunftsstaat sei mit dem Christentum nicht vereinbar, so dachte sie. Als Konsequenz ging sie „nicht mehr zum Abendmahl und nicht mehr zur Kirche“. Ihr Vater „ertrug das lächelnd. Erfasste es in das Bibelwort:Dem Aufrichtigen lässt der Herr es gelingen.“

Das Buch von Bebel, in weiten Teilen eine Utopie, hatte in ihr etwas ausgelöst. Sie war nicht nur fest überzeugt, sondern sogar begeistert von dem Gedanken, gerade als Frau eine „Aufgabe im Volksleben“ zu haben, also nicht nur im häuslichen Bereich, sondern auch darüber hinaus zu wirken. Der Gedanke war wie eine innere Flamme oder eher noch ein Flämmchen.

Sie hatte schon als Kind Lehrerin werden wollen. Das war für sie nicht nur Beruf, sondern Leidenschaft, und so trat sie 1890 mit 19 Jahren ins Lehrerinnenseminar ein, so wie es schon ihre Mutter, ihre Tante und ihre Großmutter gemacht hatten.

1 Johannes Kaempf, (1842 – 1918), 1903 – 1918 Abgeordneter im Reichstag für Berlin, 1912 – 1918 Reichstagspräsident

Studieren?

Geschafft! Hildegard hatte ihr Lehrerinnenexamen bestanden, eine dreijährige Seminarausbildung, nicht so viel wert wie ein Studium, aber die höchste Stufe der Ausbildung, die Frauen im Deutschen Reich erreichen konnten.

Mittlerweile schrieb man das Jahr 1892, der junge Kaiser Wilhelm II regierte seit drei Jahren und hatte Bismarck 1890 entlassen. Im gleichen Jahr waren die Sozialistengesetze nicht mehr verlängert worden, sodass sozialistische Schriften frei verbreitet werden konnten und es auch wieder möglich war, sich zu versammeln. Das hatten Bebel und andere genutzt, 1891 einen Programmparteitag einzuberufen und der Partei den Namen „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ zu geben. Sie war bei Wahlen zunehmend erfolgreich, obwohl sie für viele Konservative eine Gruppe von „vaterlandslosen Gesellen“ blieb.

Hildegard saß nach der Abschlussfeier des Seminars mit den Eltern bei einer Tasse Tee und betrachtete ihr Zeugnis. Die Noten waren so gut, dass selbst ihre gestrenge Mutter Worte der Anerkennung fand.

„Ich bin sehr stolz auf dich“, sagte sie mit Rührung in der Stimme.

„Wir danken Gott für diesen Erfolg“, stimmte der Vater zu.

„Und nun?“ Hildegard blickte die Eltern fragend an.

Sie hätte sich mit ihrem Diplom eine Stelle an einer Schule suchen können und diese sicher auch bekommen, aber sie wollte mehr. Ein Gedanke, der anfangs total unmöglich erschien, hatte sie nicht losgelassen und im Laufe der Zeit war ihr Entschluss gereift: Sie wollte studieren und sie wusste inzwischen, wo das möglich war. Die Schweiz hatte es früh den Universitäten überlassen, Frauen zu akzeptieren, um die Zahl der Studierenden und damit die Summe der Studiengebühren zu erhöhen. An der Universität Zürich mussten Auswärtige, die nicht aus dem Kanton Zürich stammten, zudem kein Reifezeugnis vorlegen, sondern nur ein „Sittenzeugnis“.

Mit den Eltern hatte sie schon einmal darüber gesprochen. Diese waren nicht dagegen gewesen. Alles, was Bildung war, hatte ihre grundsätzliche Zustimmung. Hildegard vermutete außerdem, dass ihre Mutter nicht umsonst Bebel las und Frauenbildung befürwortete, ohne viel darüber zu reden. Doch die Eltern hatten zurückhaltend reagiert. Sie wollten erst das Bestehen des Lehrerinnenexamens abwarten, so sagten sie.

„Was haltet ihr von einem Studium in der Schweiz?“, fragte Hildegard. Sie wollte ihre Sache voranbringen. „Jetzt bin ich 21 und volljährig, habe das Examen und kann mich damit dort ohne Abitur immatrikulieren wie die Schweizerinnen auch. Und es gibt Frauen, die das bereits getan haben.“

„Auch aus dem Deutschen Reich?“, fragte ihr Vater erstaunt.

„Fräulein Tiburtius hat das schon vor zehn Jahren gemacht und praktiziert heute als Ärztin in Berlin. Sie darf sich nur nicht Ärztin nennen, sondern „Dr. med. in Zürich“, weil Frauen in der deutschen Approbationsordnung nicht vorgesehen sind. Aber sie hat sich durchgesetzt.“

„Und ist immer „Fräulein“ geblieben. Ich glaube, dass Männer Schwierigkeiten mit studierten Frauen haben, erst recht mit Doktor-Titel“, entgegnete die Mutter.

„Einen Mann braucht sie nicht, sie ist finanziell unabhängig und muss keine Versorgungsehe eingehen, das ist doch ein Vorteil.“ Hildegard merkte, wie Bebel ihre Gedankengänge beeinflusst hatte.

„Die Ehe hat ja nicht nur finanzielle Aspekte“, meinte die Mutter. „Ich würde dir wünschen, dass du eines Tages einen Mann findest und Kinder bekommst, das ist eine sehr beglückende Erfahrung. Aber mir scheint, du bist noch zu jung dafür und hast im Moment andere Interessen.“

„Die Frage der Finanzen wäre übrigens bei einem Studium problematisch, noch dazu im Ausland“, warf der Vater ein.

„Ich kann ja als Hauslehrerin oder Erzieherin arbeiten, das würde mir sogar Spaß machen“, ging Hildegard auf das Thema ein, froh, dass es schon um konkrete Probleme ging. „Schließlich weiß ich, wie viele Kosten ich euch verursacht habe, gerade mit meinen Aufenthalten in Lausanne.“

„Die finanzielle Herausforderung wäre zweifelsohne groß, aber sie wäre nicht die einzige“, antwortete der Vater. „Deine Mutter und ich nehmen deinen Wunsch sehr ernst, weil wir sicher sind, dass er ehrlich ist und von Herzen kommt. Wir sind grundsätzlich für alles, was den geistigen Horizont erweitert, das weißt du. Aber eine Tochter alleine ohne familiäre oder andere Betreuung so weit weg gehen zu lassen, das ist schon ein großer Schritt, der über unsere eigene Erfahrung weit hinausgeht.“

Der Vater machte eine Pause und sah seine Frau an.

„Wir haben uns überlegt“, ergänzte diese, „dass wir erst mehr wissen wollen, bevor wir zustimmen. Ich werde deshalb nächste Woche nach Berlin fahren, dort habe ich mich mit Fräulein Helene Lange verabredet.“

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